Italien.
Nr. 101, 13. September 1848
Neue Rheinische Zeitung.
* Die Reaktion in Modena geht lustig ihren Gang. Das österreichische
Militär mißhandelte ein Mitglied der Bürgergarde. Mehrere seiner Genossen kamen ihm zu Hülfe. Auf der anderen Seite eilten eine Menge
Soldaten herbei und es kam zum Blutvergießen. Die Regierung thut, als
mißbillige sie diese Vorfälle; es ist aber nur zu bekannt, daß sie durch ihre
geheimen Agenten dazu aufreizen läßt. Das Ziel ist: Auflösung der Bürgergarde. Die Stimmung des Volks ersieht man daraus, daß jeden Morgen an allen Mauern die Worte angeschrieben stehen: „Nieder mit
Franz V., nieder mit der schlechten Regierung!“ Als am 1. September.
auf dem großen Platze das Dekret wegen der Commune verlesen wurde,
erhob sich bei dem Namen: „Wir Franz V. etc.“ ein solches Pfeifen, Zischen und Grunzen, daß den zahlreich anwesenden Gensdarmen und
Sbirren aller Art sehr unheimlich zu Muth wurde. – Der nach Livorno
gesandte Regierungskommissär Cipriani sieht alle seine Proklamationen
in Stücke gerissen, auch die letzte wegen Schließung sämmtlicher Klubs,
trotzdem daß er sie von Soldaten bewachen ließ. Selbst der Anschlag am
Regierungspallaste, der von 20 Soldaten geschützt war, ist vom Volke
herabgerissen worden. Der Kommissär ließ das Plakat nochmals anheften und größere Militärmacht daneben stellen. Da wurde das Toben des
Volkes so arg, daß er’s für klüger hielt, von seinem Vorhaben abzustehen.
Dies geschah am 2. September. Nach Berichten über Marseille soll am
folgenden Tage ein neuer Ausbruch und ein heftiger Kampf zwischen
Volk und Militär stattgefunden und bei Abgang des Dämpfers der Sieg
noch geschwankt haben.
In Genua dauert die Aufregung fort; die Bürgergarde hatte sich zur
Beschwichtigung des Volkes veranlaßt gesehen, den Priester Ricci, einen
Spion der Camarilla-Polizei – wie das aus den bei Erstürmung des Polizeigebäudes gefundenen Papieren klar geworden – zu verhaften. Ebenso
wurde der Baron von Massa arretirt. Der sardinische General della Marmora und die beiden sardinischen Kommissäre zu Parma und Piacenza
protestiren in der offiziellen Zeitung gegen die auf Befehl des östreichi-
schen Kommandeurs angeheftete Proklamation des Herzogs Karl von
Bourbon, der das Herzogthum für sich in Anspruch nimmt. Der Protest
stützt sich auf den durch allgemeine Abstimmung der Bewohner erfolgten Anschluß an Piemont. Aus Pontremoli wird mitgetheilt, daß Calice,
Monté und Podenzana, die sich nicht an Toskana anschließen mochten,
gleich nach dem Abzuge der Piemontesen sich zu einem kleinen repu- 10
blikanischen Staat formirt haben. In Turin bildet einerseits die Adresse
des „Circolo Nazionale“ an die französische Nationalversammlung, andererseits die bevorstehende Auflösung der Kammern das Tagesgespräch.
Es hieß, die Wahlkollegien würden auf den 20. September zusammentreten und das neue Parlament Anfang Oktober eröffnet werden. – In 15
Palermo und andern Städten Siziliens wirkt Ferdinands Gold; seine erkauften Anhänger und Spione heften Plakate an, worin die Wiedereinsetzung des theuern Ferdinand in seine Rechte verlangt wird. Man hat
einige von diesen Werkzeugen der Reaktion ertappt und auf der Stelle
erschossen. Die ganze Insel ist bereit, wie Ein Mann, ihre Freiheit noch- 20
mals gegen die neapolitanischen Söldlinge mit derselben Energie zu vertheidigen, die bei den Ereignissen in Palermo Anfang dieses Jahres den
Sieg errang.
Nachtrag. Die neueste Nr. der „Gazetta di Genova“ theilt mit, daß der
oben gedachte Kampf in Livorno sehr blutig war: 112 Todte und noch 25
mehr Verwundete. Schließlich geht ein Theil der Soldaten zum Volk über,
der andere zieht sich in die Citadelle zurück. Das Volk stürzt nach; es
belagert die Citadelle. Eine provisorische Regierung ist abermals eingesetzt und wird jetzt nicht so schnell abtreten wie das vorige Mal.