Italien.
* Rom, 1. Juli. In der Kammer dauert die Debatte über den Adreßentwurf fort. Gestern beantragte Ciccognani die Reform sämmtlicher Verwaltungszweige, besonders aber Reform der Justiz. Die Einsetzung eines
Ueberwachungsministeriums, welches auf genaue Beobachtung der Gesetze und der Gerichtsöffentlichkeit zu sehen habe, sei dringend. Außerdem müßten die erschrecklich hohen Gerichtskosten bedeutend erniedrigt werden, damit der Reiche nicht mehr wie bisher den Armen in seiner
Hand habe. Armellini stellt als Unter-Amendement: Abschaffung aller
Ausnahms-Gerichtshöfe und Einführung der Geschwornen, namentlich
in Preßvergehen. Jenes wie dieses wird fast mit Einstimmigkeit angenommen. Farini beantragt Abschaffung der Todesstrafe in politischen Sachen.
Bonaparte erweitert den Antrag dahin, die Todesstrafe überhaupt aufzuheben. Angenommen. Zuletzt wird auch die Aufhebung der Konfiskation
in der Adresse zu erwähnen beschlossen und die Sitzung auf heute vertagt.
Reggio, 24. Juni. Alle Orte der Provinz haben ihre Kontingente an
Mannschaften nach Casalnuovo geschickt. Bis gestern waren dort 4000
Bewaffnete angelangt. Dazu kommen 1000 Sizilianer mit mehreren Stücken schweren Geschützes. An ihrer Spitze befinden sich: Ribotti, Nesci
und Longo. Auf den Höhen von Aspromonte sind abermals 800 Mann,
und in der Ebene von Corono über 1000 Mann aufgestellt. Von Casalnuovo aus richten sich morgen die Truppen in verschiedenen Angriffskolonnen gegen Nunziante, dem blos noch der Weg nach Pizzo offen
bleibt, falls die Kalabresen nicht vorher die jenen Weg beherrschenden
Höhen besetzen. Von hier gingen vorgestern drei neapolitanische Dämpfer in aller Eile nach Pizzo ab, um dem Nunziante, im Fall er geschlagen
wird, zur Flucht behülflich zu sein. Die Telegraphenlinie ist unterbrochen, ebenso jede Kommunikation auf Landwegen. Es ist die Nachricht
angelangt, daß die Insel Procida sich empört hat. Ein Dämpfer mit Truppen ist dahin abgegangen.
* Mailand, 1. Juli. Das Hauptquartier des sardinischen Königs befindet sich jetzt in Roverbello; es scheint, daß Mantua isolirt werden soll.
Fast alle dahin führenden Straßen sind abgesperrt. Das italiänische Heer
soll jetzt 80 000 Mann betragen. In Mantua liegt eine Besatzung von
circa 9000 Mann, davon sind 4000 in den Spitälern.
Turin, 2. Juli. „Das niederträchtige System der alten östreichischen Politik“ – so beginnt ein Artikel in Nr. 155 in „La Concordia“ – „das von
allen Seiten mit dem Schrei der Verwünschung zurückgestoßen worden,
hat sich hinter die Druckerfahne in den finstern Offizinen der ,Augsburger Allgemeinen’ zurückgezogen. Ein schaamloserer Handel mit Wort
und Gewissen ist noch nie getrieben worden. Und Deutschland, so eifersüchtig auf seine Ehre, so stolz auf seine sprichwörtliche Loyalität, sieht
nicht, daß die eine wie die andere durch den infamen in seinem Schooße
und gleichsam in seinem Namen betriebenen Handel aufs ärgste besudelt
sind.
Eine der reichsten Quellen, welche die (in ihren Verläumdungen gegen
Italien) unermüdlichen Spalten der ,Augsburgerin‘ befruchten, ist enthüllt. Die Mailänder Bürger können, wann sie wollen, die Originalabgüsse irgend eines von dem Falsarius Torresani, Ex-Direktor der mailänder Polizei, fabrizirten Artikels in besagtem Blatte lesen. Das Journal
,Der 22. März‘ hat bis jetzt einen Brief jenes Individuums veröffentlicht,
in welchem jene abscheulichen Manöver offen eingestanden werden. Jene
berüchtigten Quellen sind indeß weder vertrocknet, noch haben sie ihre
Richtung verändert. Einer von den Satelitten der alten östreichischen
Polizei schreibt vom Fuße des Brenner Folgendes: ,Unter den vom Admiral Albini für die Blokade von Triest angeführten Motiven u.s. w.‘“
(Man sehe die Stelle in der saubern „Augsburger“ selbst nach; es handelt
sich um die von der Augsburgerin abgedruckte ganz gemeine Verläumdung, als ob die Italiener östreichische Verwundete im Spitale zu Castelfranco ermordet hätten). „La Concordia“ fährt hierauf fort: „Wo lassen
sich infamere Lügen auffinden, als diese von der ,Augsburgerin‘ verbreiteten? Wo einen klareren Beweis von ihrer schwarzen Perfidie aufsuchen?
Dieses erzverkaufte Blatt hat sich höchlich beeilt, die Bekanntmachung
des Generals Welden, in welcher er die Vertilgung der angeblichen Mörder der Verwundeten in Castelfranco schwur, zu veröffentlichen. Es hat
sich aber nicht beeilt, auch die andere Bekanntmachung des nämlichen
Generals mitzutheilen, in welcher er später die ganze Falschheit seiner
Beschuldigung selbst als Verläumdung anerkennen mußte.
Indeß wir wollen uns damit nicht weiter beschäftigen. Wir sind überzeugt, dass Niemand den eigentlichen Zweck der Oestreicher gegenüber
den Italienern besser kennt, als eben die Redakteure der ,Augsburgerin‘
selbst. Denn um die Wahrheit absichtlich so zu verfälschen, wie sie es
thun, muß man zuvor die Wahrheit kennen.“
Neapel, 1. Juli. Heute wurde, es ist beinahe spaßhaft zu sagen, das
neapolitanische Parlament vom Herzog Serra Capriola durch Verlesung
einer königlichen Thronrede eröffnet! Wie man vorausgesehen, hatte Se.
bombardirende Majestät nicht den Muth gehabt, den Pallast zu verlassen
und seine Rede selber zu halten. Diese Thronrede ist wiederum so voll
heuchlerischer Phrasen, so voll glatter Hinterlist, als wir’s bei dem gekrönten Henker und Feigling gewohnt sind. Es finden sich übrigens die
nämlichen Redensarten von Ruhe, Ordnung und Mäßigung, von weisem
Fortschritt etc. darin vor, wie man sie jetzt ebenfalls in Deutschland
wieder dutzendweise zu Ohren und Gesicht bekommt.
Es ist die Nachricht angelangt, daß Nunziante vollständig geschlagen
worden. Die Kalabresen sollen mit den Soldaten schließlich zu einem
wahren Kolbenkampfe gelangt sein. Die Kalabresen haben die ganze
Artillerie erbeutet; 500 Soldaten, die vom Hauptkorps abgeschnitten
worden, retteten sich an Bord des Dämpfers Archimedes.