Beilage
Italien.
Unter dem Titel: „Italien und Oestreich“ weist das Turiner Journal „La
Concordia“ nach, daß das erhabene Haus Oestreich mit der Herrschaft
über das lombardisch-venetianische Königreich nicht bloß seinem Stolz,
sondern noch einer andern Leidenschaft, dem Geiz, dem unersättlichen 5
Golddurst Genüge leistete. Indem es Lombardei-Venedig als erobertes
Land betrachtete, legte es auf diese Provinzen ein schwereres Joch, als auf
irgend eine der übrigen ... Die Lombardei zahlte jährlich, nach Abzug der Erhebungskosten, 60 Mill., und das Venetianische circa 30 Mill.
östreichische
Lire Steuern; folglich für beide Provinzen jährlich an 100
Mill. Zieht man die 50 Millionen, welche die Verwaltung erforderte, ab:
so bleiben noch eben so viele übrig, die jährlich nach Wien geschafft
wurden. Rechnet man diese baar aus dem Lande genommenen Summen
seit 1815 zusammen, so ergeben sich circa 1650 Millionen, die von den
allergnädigsten östreichischen Kaisern und ihren Partisanen auf Kosten
Lombardei-Venedigs geschluckt worden. Es ist unter den gegenwärtigen
Umständen auch nicht zu übersehen, wie es mit der östreichischen Staatsschuld 1815 und wie es 1847 damit bestellt war. Im Jahre 1815 betrug die
Staatsschuld in runden Zahlen 298 820 000 Gulden (die Interessen =
5 381 000 Florin) und 1847 war die Staatsschuld gestiegen auf 1060
1/2 20
Mill. Florin, für welche die Zinsen 33 1/2 Mill. jährlich betrugen. In 22
Friedensjahren war also die Staatsschuld um 767 Millionen, die Zinsen
dafür um circa 27 Mill. Florin angewachsen. Da die Steuerquellen bereits
überall auf’s Aeußerste benutzt, ja erschöpft sind: so ist der Bankrut
Oestreichs unvermeidlich, und fiele es nicht aus politischen Gründen auseinander, so müßte das Gebäude dieser Monarchie aus finanziellen Ursachen zusammenstürzen. Am allerwenigsten ist aber Lombardei-Venedig geneigt, dieses Gebäude durch Uebernahme von mehreren 100 Mill.

Italien. 10. September 1848
dieser Schuld auf’s Neue zu stützen. Die Italiener sind der Ueberzeugung,
daß sie die metternichsche Zwingherrschaft mit ihrer Censur, ihren Spionen und Sbirren, ihren hohen Steuern und Vexationen aller Art bereits
theuer genug bezahlt haben und daß, wenn von Entschädigung die Rede
sein könnte, diese nur von Oestreich an Italien zu leisten wäre.5
* Die römischen Kammern sind in der That am 26. August plötzlich
vertagt worden, vertagt bis zum 15. November. Die Ueberraschung war
groß. Das Ministerium Fabbri hat ein sehr falsches, und eben deshalb
sehr gewagtes Spiel gespielt. Es hat die Deputirten düpirt, wird aber sehr
bald von der äußersten Partei der Reaktion so düpirt werden, daß ihm die
Augen über-, dem Volke aber aufgehen, daß es von einem Ministerium à la Bozzelli ersetzt, aber auch mit ihm zugleich an den Laternenpfahl gehängt wird, wofern das römische Volk nicht Gnade für Recht
ergehen läßt und die ganze reaktionäre Brut auf einige Monate in der
Engelsburg und später in einer annehmlichen Gegend von Abyssinien
oder dergleichen Gegenden unterbringt. Das Ministerium hat viel Heuchelei, viel Hinterlist und Intriguen zur Erreichung des Zieles anwenden
müssen; es hat das erste Ziel, die Vertagung der Kammern, erreicht; somit aber steht es allem Anschein nach selbst am Ziele.
* Ueber die unerwartete Vertagung der römischen Kammern sagt der
„Contemporaneo“: „Die Deputirtenkammer war jetzt bedeutend im Wege; man mußte sie für einige Zeit nach Hause schicken. Es konnten ja
leicht aus ihrem Schooß Enthüllungen über Dinge hervorgehen, die man
verhüllt wünscht; es konnten in ihr Gesetze und Abstimmungen vorkommen, die der jetzt beabsichtigten Politik nicht entsprechend gewesen wä-25
ren. Deshalb wurde eben die Hofintrigue gesponnen. Allein eine ungeheure Verantwortlichkeit lastet auf den künftigen Ministern und sie sind
entweder Narren oder unverschämt bis zum höchsten Grade, wenn sie
glauben, der öffentlichen Meinung in diesen entscheidenden Augenblicken Trotz bieten zu können.“30
Die Oestreicher haben sich jetzt wenigstens von Bondeno zurückgezogen. Zu Florenz heftige Interpellationen in der Deputirtenkammer wegen Livornos. Guerrazzi verlangt Zurücknahme der den Ministern auf
lügenhafte Berichte hin ertheilten diktatorischen Gewalt. Vergebens.
Statt dessen sind am 30. August
alle politischen Klubs in Florenz geschlossen worden. Zahlreiche Patrouillen durchzogen noch während der
ganzen Nacht die Straßen. Die livorneser Deputation kehrte am 30. August in
ihre Heimath zurück und gab durch öffentlichen Anschlag das
Resultat ihrer Sendung kund. Alle Forderungen der Livornesen sind danach bewilligt, und die Regierung hat außerdem noch andere Verheißun-40
gen gemacht. Dagegen verlangt sie Zurücklieferung der Gewehre, die aus dem
Arsenal und dem Fort weggetragen worden.