Paris, 3. April. 2 Uhr. Eben bringt der Eisenbahnzug das Urtheil aus Bourges, das noch drakonischer ausgefallen ist, als man selbst von diesem Mörderhof bezahlter Beamten-Geschwornen erwartete. Barbes und Albert sind zu lebenslänglicher Deportation (!!!), Blanqui zu zehnjährigem Gefängniß (!!!), Sobrier zu siebenjährigem Gefängniß, Raspail (!!!) zu sechsjährigem Gefängniß, Flotte zu fünfjährigem Gefängniß und Quentin ebenfalls zu fünfjährigem Gefängniß verurtheilt worden.
General Courtais, Degré (genannt le pompier), Borme und Villain sind freigesprochen. Ueber Huber, der sich erst vorgestern stellte, ist Separatprozeß eingeleitet. Die übrigen Angeklagten sind in contumaciam verurtheilt. Der Urtheilsspruch erfolgte gestern Abend 11 Uhr. Keiner der Angeklagten verzog auch nur eine Miene bei Anhörung des Urtheils. Raspail sagte: „Es ist in dieser Sache besser, verurtheilt zu werden, als zu verurtheilen.“ Als die Gefangenen aus dem Sitzungssaale geführt wurden, drückten mehrere von ihnen ihren Vertheidigern die Hände. Barbes und Sobrier riefen: Es lebe die demokratisch-sociale Republik! So endigte der große Staatsprozeß des 15. Mai 1848. Um 11 1/2 Uhr verlief sich die Menge; die Säle des mittelalterlichen Finanzjuden Jacques-Coeur wurden geleert; starke Patrouillen durchziehen die Stadt Bourges.
‒ Die Nationalversammlung, mit dem Budget des Ministeriums des Innern beschäftigt, hat auf den Vorschlag Ledru-Rollin's das Gehalt von 50,000 Fr. für den Oberkommandanten der Pariser Bürgerwehr und Divisionskommandanten des Seinedepartements etc. gestrichen! Das ist ein harter Schlag für Changarnier. Man will ihn durch Collekte entschädigen.
Ebenso verwarf die Versammlung einen Antrag Pierre Bonaparte's, 25,000 Fr. zur Errichtung eines Denkmals für Ney auf der Stelle im Luxembourg, wo er erschossen wurde, zu bewilligen.
‒ Abbé Fayet, der bekannte voltairianische Bischof und Volksvertreter von Orleans (Anhänger Cavaignac's), ist gestorben.
‒ Präsident Bonaparte besichtigte heute Vincennes.
‒ Gioberti wird heute mit außerordentlichen Aufträgen aus Turin im Elysée erwartet. Er hat Taschen voll Radetzki'scher Geheimnisse!
‒ Das bonapartistische Morgenblatt „La Liberté“ meldet: Auf außerordentlichem Wege erfahren wir, daß sich die kriegerisch gesinnte zweite Kammer aus Turin nach Genua zurückgezogen und dort die Republik proklamiert habe.
Ein ähnliches Gerücht geht an der Börse.
‒ Abbé Genoude überraschte uns gestern Abend in seiner Gazette de France mit einer Ministerkrisis. Er zeigte an, daß sich das Barrot-Faucher-Kabinet nach der gestrigen Kammerschlappe zurückzöge. Fehlgeschossen! Bonaparte ist durch seine Schuldscheine gezwungen, mit diesem Ministerium die Wahlschlacht durchzumachen.
‒ Das Wahlmanifest der demokratisch-sozialistischen Partei (der Rothen), das alle monarchischen Blätter für diesen Morgen verkündeten, ist heute noch nicht erschienen. Es zirkulirte bereits gestern unter der äußersten Linken und floß aus der Feder Felix Pyat's. Einige Stellen sind noch zu ändern.
‒ Die Wahllisten werden am 10. d. geschlossen.
‒ Nachdem die Nationalversammlung gestern den Hrn. Odilon-Faucher (wie ihn Charivari nennt) so unbarmherzig für gewisse administrative Corruptionen gezüchtigt, wird sie wahrscheinlich heute dem edlen Herrn v. Falloux auf den Leib rücken. Das Unterrichtsbüdget beträgt 20,760,318 Frs. und wird zu nicht minder heftigen Debatten führen.
‒ Der Schluß der gestrigen Sitzung zog sich bis nach 7 Uhr und endigte mit einem Tadelsvotum gegen den Minister Faucher, der sich nun vor der Büdgetkommission wegen administrativer Corruption zu rechtfertigen hat. Das Votum ging mit 363 gegen 350 Stimmen durch. Faucher stellte z. B. alte Beamte Louis Philipp's als Präfekten im Januar an, die bis dahin als erblindet, schwere Pensionen bezogen haben etc.
‒ Das vielbesprochene Primar- und Sekundar-Unterrichtsgesetz wird in gegenwärtiger Kammersession das Licht der Welt erblicken. Hr. Thiers, Cousin und die übrigen Freunde der Gesellschaft Jesu wollen dasselbe erst der nächsten Kammer vorlegen.
‒ Kardinal Giraud ist aus Gaëta zurückgekehrt; dagegen hat der aus Freiburg im Uechtlande geflüchtete Bischof Marilley vom Ministerium Pässe nach Gaëta verlangt, die ihm dasselbe ohne Zweifel ertheilt.
Vom Bischof von Rennes sind neue 20,000 Frs. als Pabststeuer nach Gaëta gewandert.
‒ Buvignier (vom Berge) überreichte gestern der Nationalversammlung fünfzehn Petitonen für Restution der Milliarde.
‒ Gestern sahen wir zwei Legionen von Savoyarden, Piemontesen, Sardiniern und sonstigen Italienern, denen sich ein Häuflein Ex-Mobilgardisten beigesellt hat, nach den Alpen abmarschiren. Unter dem hundertfachen Rufe: Es lebe die französisch und italienische Republik! zogen die beiden Legionen, die Marseillaise singend, ab.
‒ Es scheint gewiß, daß Taschereau dem Thiers den auf letzteren bezüglichen Theil des Ludwig Philippschen Portefeuilles verkaufthai. Man ist diesem Schurkenstreiche auf der Spur.
(Revolution.)
National-Versammlung. Sitzung vom 3. April. Anfang 12 1/2 Uhr. Marrast läßt durch Stimmzettel die Zahl der Anwesenden ermitteln Sie beträgt 530 Glieder.
An der Tagesordnung ist das Büdget des Ministeriums des Innern. Die Debatte rückte gestern Abend bis Kapitel 3.
Kapitel 4 wird ohne Diskussion angenommen.
Kapitel 5 (geheime Polizei-Ausgaben) wird bestritten. Der Ausschuß schlägt eine Ersparniß von 100,000 Franken vor.
Faucher, Minister, hält dieselbe für den Generalpolizeidienst nachtheilig.
Pierre Leroux unterstützt nicht nur die Reduktion, sondern eifert überhaupt fürchterlich gegen die Polizei. Ihr ursprünglicher Zweck, die Bürger zu bewahren, werde gänzlich verfehlt und sie sei nur noch da, um die Bürger zu quälen, Bankette zu stören. (Rechts: daran thut sie sehr wohl!) Das ehrenwerthe Glied benutzt diese Gelegenheit, um die Wuth zu geisseln, mit der Herr Faucher die Clubs des Volkes verfolge. (Zur Abstimmung! zur Abstimmung! von der Rechten.)
Die Ersparniß wird angenommen. (Agitation.)
Kapitel 6 und 7 gehen ohne viel Federlesens durch.
Kapitel 8 (Ausgaben für die Bürgerwehren) erregt großen Skandal. Der Ausschuß schlägt eine Ersparniß von 97,000 Franken vor.
Deludre, unterstützt von Ledru-Rollin, tragen darauf an, das Gehalt von 50,000 Franken für den Oberbefehlshaber der Bürgerwehr des Seine-Departements, General Changarnier, zu streichen Derselbe sei zugleich Deputirter, mithin Cumul vorhanden.
Faucher verspricht, die Regierung werde die ausnahmsweise Militärgewalt Changarnier's ändern, sobald es die Umstände erlauben. (Ah! Ah!)
Degoussée und Cremieux unterstützen die Ersparniß.
Dieselbe wird mit 361 gegen 304 Stimmen Mehr angenommen. (Sensation)
Während der Operation des Stimmens liest Marrast ein Urlaubsgesuch Proudhon's vor. Proudhon verlangt einen einmonatlichen Urlaub, um ein Memoire auszuarbeiten.
Der Urlaub wird bewilligt, aber das Gerücht geht, Proudhon sei nach Belgien geflüchter, um sich einem Handstreich der Reaktion zu entziehen.
Die Büdget-Debatte wird wieder aufgenommen. Die Streichung des Gehalts Changarniers macht solches Aufsehen, daß Listen zur freiwilligen Subscription Behufs Deckung jener 50,000 Fr. circuliren.
Kapitel 18 (Ermunterungsprämien für Literatur und Theater) führt Favre auf die Bühne. Er beklagt sich, daß das Ministerium ruhig zusehe, wie man die republikanische Regierungsform jeden Tag insultire und auf der Bühne lächerlich mache. Gegen den Socialismus nur zu Felde ziehe.
Faucher appellirt an die Meinungs-Freiheit (Ah! Ah! zur Linken) und willigt in die beantragte Ersparniß von 100,000 Fr.
Bei Kapitel 22 wurde die Debatte abgebrochen und somit das Ministerium des Innern noch nicht erledigt.
Die Sitzung wird um 6 Uhr geschlossen.