* Breslau, 10. Januar. Wenn in dem allerhöchsten Neujahrswunsch das preußische Militär wegen seiner „vollen Disciplin“ und „edlen Mannszucht“ auf's Schmeichelhafteste belobigt worden: so erfüllen wir unsrerseits nur eine Pflicht, indem wir darauf hinweisen, daß sich Civilbeamte mindestens gleichen Ruhm erworben haben. In diesem Fall sind wir sicher, den in folgender Geschichte spielenden Haupthelden — den vor einigen Wochen für Kreuzburg und Umkreis zum königl. preuß. Censor bestallten Ober-Regier. Rath Kieschke unter den Meistbelobten anzutreffen. Das Kieschke'sche Heldenstück nimmt sich in der „A. Od. Ztg.“ folgender Maaßen aus:
„Obgleich ich Ursache genug hätte, wegen einer Handlung, welche Herr Ober-Regierungsrath Kieschke, jetziger Civil-Commissarius während des Belagerungszustandes hiesiger Gegend, in meinem Hause ausgeübt hat, denselben von einer höhern Behörde zur Rechenschaft fordern zu lassen, so unterlasse ich es dennoch aus gewissen Gründen und finde es zweckmäßiger, diese ganze Thatsache der strengsten Wahrheit gemäß zu veröffentlichen:
In Folge eines durch den hiesigen Gutsbesitzer, Herrn v. Paczinsky eingerückten Zeitungsartikels, welcher angeblich Verläumdungen und die Verdächtigung gegen meinen Sohn enthält, als stünde derselbe an der Spitze hiesiger Rebellen, hatte Hr. O. R. R. K. mit mehr als 30 Soldaten und in Begleitung unsers Kreislandraths und Polizeiverwesers am 17. d. Mts. mein Haus überfallen, um, wie ich nach Verlauf der Sache erfahren habe, staatsgefährlichen Schriften nachzuforschen. — Nachdem es meinem Sohne mit leichter Mühe gelungen war, sich von jeglichem Verdachte zu reinigen, und nachdem alle in meinem Hause befindlichen Gemächer und Winkel durchstöbert und alle vorhandenen Schriftstücke genommen waren, ungeachtet nichts Verdächtiges vorgefunden werden konnte, begnügte sich Hr. O. R. R. K. damit noch nicht, sondern stieß drohende und polternde Redensarten gegen meinen Sohn aus. Von unsrer Unschuld überzeugt, trat meine Frau heran, und sagte: „Wenn mein Sohn etwas verschuldet hat, mögen Sie ihn fesseln.“ — Diese wenigen Worte ergrimmten Hrn. O. R. R. K. in so hohem Grade, daß er mein Weib herum warf, sie mit beiden Fäusten in den Rücken stieß, so daß sie über die ganze Stube dahinflog und nur mit Mühe sich auf den Beinen erhalten konnte. — Obgleich wir nur schlichte, einfältige Landleute sind, so wissen wir doch recht gut, daß ein königl. Civilcommissarius während des Belagerungszustandes in seinem Bezirke auch im verdienten Falle sich aller Handgreiflichkeiten enthalten und nöthigenfalls militairische Kräfte dazu verwenden müsse. Daß aber Herr O. R. R. K. auch unschuldige Personen seiner boshaften Willkür unterwirft, darüber zu urtheilen überlasse ich der Oeffentlichkeit. Hr. O. R. R. K. hat es wahrlich nur meiner Ruhe zu verdanken, daß an ihm das Hausrecht, wie es ihm angedroht worden, nicht auch ausgeübt wurde. Sollte vielleicht Hr. O. R. R. K. diese ungeziemende Handlung mit zu großem Eifer in Ausübung der Gesetze entschuldigen wollen, so muß ich dies bezweifeln, denn wie ich Tags nachher erfahren, hat derselbe alle diese Exekution betreffenden Aktenstücke verloren. Ueberhaupt befürchte ich, daß alle Untersuchungen, die Hr. O. R. R. K. auf ähnliche Weise, wie in meinem Hause unternehmen sollte, zu keinem erwünschten Resultate führen dürften und möchte ihm daher den Rath geben, ein ander Mal alle vorgefundenen Schriften in Gegenwart der Zeugen zu versiegeln und dann erst zu verwahren. Bei diesem Ereigniß kann ich nicht umhin, das würdevolle Benehmen unsers Kreislandraths Hrn. Grafen von Monts im Gegensatz zu dem vorhin Erwähnten gebührend anzuerkennen.
Reinersdorf, den 25. December 1848.
Wahnitz, Tischlermeister.“
Hamburg, 4. Jan. Unter diesem Datum bringt die deutsche Reichszeitung folgende Details über das Durchfallen Karl Heinzen's in seiner Hamburger Kandidatur für das Frankfurter Parlament. Es circulirte in Hamburg „ein Brief Fritz Hecker's, worin dieser sich mit wahrhaft souveräner Verachtung über besagten Heinzen ausspricht.“ Dieser Brief hat ursprünglich in der deutschen New-Yorker Staatszeitung vom 24. August gestanden, Hecker sagt darin von sich, er sei ein Mann, welcher seit zwölf Jahren unablässig für die Rechte des deutschen Volks gekämpft und für seine Ueberzeugung das glänzendste Loos und ein bedeutendes Vermögen freudig zum Opfer gebracht habe. Jetzt

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komme nun dieser Heinzen, so roh, so giftig, so lügenhaft, um ihn zu schmähen, zu verkleinern und zu verdächtigen, während von Nord und Süd, Ost und West Deutschlands und der Schweiz ihm die rührendsten Beweise von Liebe und Achtung zu Theil würden. Und (Hecker's Brief ist datirt Muttenz, 31. Juli 1848.) jene verkleinernde Briefe habe Heinzen in die „New-Yorker Schnellpost“ geschrieben „zu einer Zeit, da dieser Mensch mit mir freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten schien.“ Herr Hecker hebt hervor, daß er nie einem Fürsten gedient habe, während Herr Heinzen „fürstlicher Söldner“ gewesen, und, ein junger, rüstiger, kräftiger Mann, seit Jahren von politischen Almosen lebe. „Für einen gesunden, rüstigen Mann, für einen Mann, der sich für ein Genie ausgiebt, wie Herr Heinzen, wäre es, wenn er wirklich die geistige Größe gewesen wäre, für die er sich ausgeben möchte, nicht schwer geworden, durch eigne Kraft sich zu erhalten, statt um des politischen Glaubens willen Jahre lang Unterstützungen in Anspruch zu nehmen; die Republik ist und soll sein ein Arbeitsstaat, nur Arbeit giebt Ehre.
Wo war denn aber Herr Heinzen in den stürmischen Tagen der deutschen Revolution? Warum ist er nicht auf dem kürzesten Wege nach der Rheinprovinz gereist und hat dorten den Aufstand organisirt und geleitet; warum zog er hinter den Grenzmarken Deutschlands umher, während wir Anderen in Sturm und Schnee, auf steilen Bergpfaden und tiefen Thälern das republikanische Banner trugen, und den Kugeln der Feinde uns aussetzten? Warum eilte der große Dictator nicht auf Sturmesflügeln in's deutsche Land, warum ließ er sich erst in Hüningen sehen, als der unglückliche Ausgang vor Augen lag?“ Freilich war Heinzen schwer von Hecker beleidigt worden; dieser hatte ihm in einem Wortwechsel gesagt, er, Heinzen, sei kein Publicist, es fehle ihm dazu das Genie und das Wissen, und dadurch sei der ungeheure Eigendünkel dieses Mannes auf das Unersetzlichste verletzt worden. Auch Geldgeschichten spielen hinein; mit Heinzen hätten die Flüchtlinge endlich alle Gemeinschaft abgebrochen. Hecker schildert unsern Wahlkandidaten mit folgenden Worten: „Herr Heinzen leidet offenbar an folgenden unheilbaren Krankheiten: an der Idee, welche beschränkten Menschen eigen ist, daß er der größte Mann Europa's und zum Dictator gestempelt sei; an der wenig republikanischen Eigenschaft, aus der Unterstützung Anderer gut leben zu wollen, statt durch Arbeiten sich in die Lage zu setzen, Almosen zurückzuweisen; und endlich durch grenzenlose Hoffahrt und Grobheit überall, wo er hinkommt, Händel anzufangen und gegen Andere, die seiner „Größe“ sich nicht beugen, ihn nicht als den sublimsten Einzigen anerkennen, mit allen Mitteln zu operiren.“ — Diese wenig schmeichelhafte Empfehlung hat Hrn. Heinzen sehr geschadet, um so mehr, da Sachverständige zugeben, daß „Fritz“ nicht allzu dunkel gemalt habe.
Italien. * Bologna, 31. Dez. Die beiden hiesigen Volkscirkel haben durch eine energische Volksadresse den Anschluß des Stadtraths an den jüngsten Protest des Papstes aufs Entschiedenste desavouirt. Die Adresse wurde in einer außerordentlichen Sitzung der Cirkel, unter dem Schutze des durch seine revolutionäre Begeisterung bekannten Bataillons Zambeccari entworfen, mit stürmischem Jubel angenommen und dann unter dem Jauchzen des Volks zum Präsidenten des Stadtraths, Senator Zucchini, getragen, der sich zur Erwägung der Schlußbedingung der Adresse: „Der Stadtrath möge seinen Entschluß widerrufen oder abdanken“ eine 24stündige Bedenkzeit ausbat. In der Zwischenzeit ließ der Prolegat das Dekret der Junta über die Berufung der Constituante bereits affichiren.