Breslau, 17. Juni. Von zwei Mitgliedern des slawischen Kongresses, von denen der Eine Prag Dienstag Mitag 12 Uhr, der Andere Mittwoch früh 5 Uhr verlassen, erfuhren wir folgende Einzelheiten über die letzten Vorfälle, wodurch auch mehrere falsche in der gestrigen Breslauer, und sämmtliche der A. Oesterr. und Wiener Zeitung entnommene Nachrichten widerlegt werden: Der reaktionären Aristokratie, der Bureaukratie und der deutschen Partei war der Slawen-Kongreß längst ein Dorn im Auge, wie auch die in verschiedenen deutschen Blättern über denselben aus Prag eingesandten Artikel beweisen. ‒ Bekanntlich wurde das von den Czechen dem Kongreß vorgelegte Programm abgelehnt; dagegen der von Dr. Libelt ausgearbeitete Plan allgemein angenommen. Nach diesem Plan sollte vor Allem ein Manifest an Europa erlassen werden, worin man seinen Zweck offen darlegen und zeigen wollte, daß der Slawen-Kongreß weder etwas gegen Deutschland beabsichtige, noch sich mit russisch-panslawistischen Plänen abgäbe. Sodann wollte der Kongreß an den Kaiser von Oesterreich eine Adresse erlassen, ihm seinen Zweck vorlegen und um Bestätigung nachsuchen. Zuletzt erst sollte das Resultat der Arbeiten veröffentlicht werden. Die Sitzungen währten in den letzten Tagen bis in die Nacht hinein. Die letzte Sitzung fand Montag Vormittag statt. ‒ In Bezug auf die in der gestrigen Breslauer Zeitung in einem Artikel aus Prag gegen den Dr. Libelt gerichtete Beschuldigung bemerken wir, daß sich die Sache grade umgekehrt verhält. Libelt macht nämlich den Vorschlag, der Kongreß solle an die Magyaren eine Adresse richten, und dieselben auffordern, sich mit den ungarischen Slawen auf friedlichem Wege auseinanderzusetzen, und ihnen dieselben Freiheiten zugestehen, die sie selbst genießen und noch anstrebten. Doch die Illyrier und Serben wollten darauf nicht eingehen, wohl wissend, daß sie, die Südslawen, sowohl als auch die nördlichen ungarischen Slawen, die Slowaken, keine Konzessionen von den Magyaren auf friedlichem Wege erlangen würden, da es hinlänglich bekannt ist, wie die Magyaren seit Jahren an Unterdrückung der slawischen Nationalitäten in Ungarn arbeiteten, für sich allein immer mehr Freiheiten von der österreichischen Regierung zu erpressen suchten, und überhaupt am meisten beigetragen, das österreichische Staatsgebäude zu erschüttern. Auch hat man in Prag sichere Beweise daß 30000 ungarische Dukaten für die letzte Bewegung in Wien bestimmt waren. ‒ In den ersten Tagen dieses Monats fanden sich in Prag immer mehr Wiener Studenten und auch Nationalgardisten ein. Mehrere Czechen machten auf das Treiben dieser Leute aufmerksam, und riethen zu Vorsicht. Man bemerkte auch, daß sich die deutsche Nationalgarde immer mehr von den Czechen zurückziehe. Deshalb wollte man noch einmal versuchen, eine Aussöhnung zwischen Czechen und diesem Theile der Nationalgarde zu Stande zu bringen. Zu diesem Zwecke wurde der Gottesdienst am Montag von den Czechen veranstaltet. ‒ Auch die an einigen Orten aufgepflanzten Kanonen flößten Besorgniß ein, da man keinen triftigen Grund für diese Maßregel finden konnte. ‒ Auf dem am Sonnabende gegebenen Slawenballe waren sowohl der Gubernial-Präsident, Leo Graf Thun, der kommandirende General Fürst Windisch-Grätz und der Erzherzog Ferdinand Karl und andere Mitglieder der Aristokratie zugegen. ‒ Daß die Vorfälle am 12. u. s. f. nicht von der Swornost wie mehrere Zeitungen behaupten, herbeigeführt waren, erhellt auch daraus, daß grade der größte Theil der Stimmführer der Czechen, welche sämmtlich Mitglieder der Swornost sind, in den letzten Tagen Prag verlassen hatten, um als vom Gubernial-Präsident ernannte Wahlkommissäre die Wahl in der Provinz zu leiten. Auch die Arbeiter, vor denen man besorgt war, gaben die Versicherung, sich ruhig zu verhalten, damit der slawische Kongreß seine Sitzungen ungestört beschließen könnte, was auch im Laufe dieser Woche geschehen wäre, wenn nicht in Folge der fatalen Ereignisse vom 12. die Behörde die auswärtigen Mitglieder desselben am 13. gezwungen hätte, Prag zu verlassen, Die Illyrier machten den Vorschlag, den Kongreß in Agram fortzusetzen. ‒ Falsch ist es, daß die Frau Fürstin Windisch-Grätz durch einen Schuß aus dem ihrer Wohnung gegenüberliegenden Gasthause zum Engel getödtet wäre. Der Schuß fiel entweder aus einem benachbarten Hause oder von der Straße aus. Kaum war das Gewehr losgeschossen worden, so schrie man, es hätte Jemand aus dem Engel geschossen. Soldaten stürzten in das Gasthaus, doch ein Offizier lief ihnen nach und rief ihnen zu, sie sollten umkehren, da man den Mörder schon ergriffen habe. Eben so fiel in der Nähe der beiden Gasthäuser „zum Stern“ und „zum schwarzen Roß“ ein Schuß. Sogleich stürzten die nicht weit davon stehenden Grenadiere vorwärts, schossen in den Hausflur, in die Stuben durch die Fenster. In seiner Stube fand ein russischer Geistlicher sieben Kugeln. Bei der bald darauf stattgehabten Revision, wo der Major der Nationalgarde, Graf Franz Thun, auf eine etwas brutale Weise in beiden Gasthäusern vergebens nach Waffen spürte, ergab es sich, daß Niemand aus diesen beiden Hotels gefeuert hatte. Sowohl der Wirth, als die deutsche Bedienung erklärte, durch Eidschwur bezeugen zu wollen, daß Niemand aus dem Fenster geschossen habe. Die Gegenpartei suchte nur einen Vorwand um die in diesen beiden Gasthäusern wohnenden Mitglieder des slavischen Kongresses durch irgend eine falsche Beschuldigung bei den Truppen anzuschwärzen. Man scheint es auch hier besonders auf die Polen abgesehen zu haben. So wurden zwei Polen, die Herren Lubomirski und Romanowicz aus Galizien, als sie zu einem andern Polen, dem Dr. Helvel aus Krakau, der im „Engel“ wohnte, sich begaben, von den Soldaten, die auf dem Wege standen, unangefochten durchgelassen; doch kaum waren beide Herren ins Haus eingetreten, so stürzten ihnen die Soldaten nach und führten sie auf die Hauptwache. Der eine dieser Herren, L., wurde von den Soldaten arg mißhandelt. Unter Eskorte wurde L. auf den Bahnhof geführt. Ein deutscher Herr, der in demselben Waggon saß, wie unser Berichterstatter, der am 13. Prag verließ, nahm sich die Freiheit zu behaupten, ein Hauptmann hätte vor dem Gasthof „zum Stern“ zwei daselbst wohnende bewaffnete Polen arretirt, während doch sämmtliche dort wohnende Polen ruhig im Gasthause sich befanden; ferner hätten 60 (!) Polen aus dem Hause des Großhändlers … geschossen u. dgl. Es ist nun einmal eine allgemein angenommene Ansicht, daß den Polen alles Schlimme müsse aufgebürdet werden, daß sie jede Störung der öffentlichen Ruhe herbeiführen und dergleichen Albernheiten mehr. ‒ Ebenso falsch ist die von der A. österreich. Zeit. gegebene Nachricht, daß gleich beim Beginn des Kampfes auf dem Graben das Museum, der Sitz der Swornost, von wo aus man allerhand Möbel zur Errichtung von Barrikaden herab warf, gestürmt wurde. Die Sache verhält sich nicht so. In dem czechischen Nationalmuseum, wo der slawische Congreß seine Sitzungen hielt, und sie eben erst gegen 12 Uhr beendet hatte, schlossen sich etwa 36 Techniker, die mit Hellebarden bewaffnet, gewöhnlich dort die Wache hielten, nachdem sie die anrückenden Grenadiere, die ihre Gewehre geladen hatten, erblickten, und angefangen hatten, eine Barrikarde zu errichten, in dem Museum ein. Die Soldaten schossen in das Museum, um zu parlamentiren, stiegen durchs Fenster ein und kehrten bald zurück mit der Nachricht, daß die Techniker das Museum verlassen wollten, wenn die Soldaten sich entfernen würden. ‒ Der andere Reisende, der Prag am 14. früh 5 Uhr verlassen, brachte die Nachricht mit, daß am 13. Nachmittags der Kampf von neuem begonnen, daß in der Nacht das Volk das Sandthor erstürmte, der Gubernialpräsident Thun seine Entlassung gegeben; auch soll Windischgrätz abgetreten sein. General Auersperg, Graf Franz Thun, Major der Nationalgarde (welcher, um nicht erkannt zu werden, seinen Bart abrasirt hatte), verließen mit der Eisenbahn Prag. Das czechische Landvolk eilte von allen Seiten den Pragern zu Hülfe, hielt den Eisenbahnzug an, um verdächtige Herren zu fassen. Soldaten sind eine sehr große Anzahl geblieben. Als die Grenadiere, denen Ulanen folgten, auf den Roßmarkt zustürmten, wurden sie von einem furchtbaren Steinhagel empfangen und zum Rückzug gezwungen. Die Truppen, welche in Prag stationirt sind, bestehen aus böhmischen Kürassieren, Grenadieren, Infanterie und Artillerie (Czechen und Deutsche gemischt), aus Hohenegg-Infanterie (Polen aus dem Bochniaer- und Sandezer-Kreise) und Ulanen (Polen aus Galizien). ‒ Die Wiener Zeitungen, den Czechen abhold, stellen die Ereignisse von ihrem Parteistandpunkt dar. Wir wollen abwarten, was die Prager, czechischen und deutschen Zeitungen uns über diese Ereignisse berichten werden.