Beilage
** Köln, 19. September, Abends 7 Uhr. Der deutsch-dänische WaffenNr. 107, 20. September 1848.
Neue Rheinische Zeitung.
stillstand hat den Sturm beschworen. Der blutigste Aufstand ist in
Frankfurt losgebrochen; die Ehre Deutschlands, von der Nationalversammlung an ein mit Schimpf und Schande abgedanktes preußisches
Ministerium verrathen, wird von den Arbeitern Frankfurts, Offenbachs
und Hanaus, von den Bauern der Umgegend mit dem Leben vertheidigt.
Noch schwankt der Kampf. Die Soldaten scheinen bis gestern Abend
wenig Fortschritte gemacht zu haben. Artillerie ist in Frankfurt mit Ausnahme der Zeil und allenfalls einiger andern Straßen und Plätze wenig
anzuwenden, Kavallerie fast gar nicht. Von dieser Seite stehen die Chancen günstig für’s Volk. Die Hanauer, aus dem gestürmten Zeughaus bewaffnet, sind zur Hülfe hinzugezogen. Deßgleichen die Bauern aus zahllosen Ortschaften der Umgegend. Das Militär mochte bis gestern Abend
gegen 10 000 Mann, mit wenig Artillerie, stark sein. Der Zuzug von Bauern während der Nacht muß sehr groß, der von Soldaten schon geringer
gewesen sein, die nächste Umgegend war entblößt von Truppen. Die revolutionäre Gesinnung der odenwälder, nassauischen und kurhessischen
Bauern erlaubte keine weitern Absendungen, die Kommunikationen werden unterbrochen sein. Hat sich der Aufstand nur noch heute gehalten,
so steht der ganze Odenwald, Nassau, Kurhessen und Rheinhessen, so
steht zwischen Fulda, Koblenz, Mannheim und Aschaffenburg, die ganze
Bevölkerung unter den Waffen und die Truppen fehlen, den Aufstand zu
unterdrücken. Und wer steht für Mainz, Mannheim, Marburg, Kassel,
Wiesbaden, lauter Städte, in denen der Haß gegen die Soldateska durch
blutige Exzesse der so

ge

n

a

n

n

t

e

n

„Reichstruppen“ auf den höchsten
Grad gestiegen ist? Wer steht für die Bauern am Rhein, die mit Leichtigkeit Truppensendungen zu Wasser verhindern können?
Und dennoch, wir gestehen es, wir haben wenig Hoffnung für den Sieg
der braven Insurgenten. Frankfurt ist eine zu kleine Stadt, die unverhältnißmäßige Stärke der Truppen und die bekannten contrerevolutionären
Sympathien der Frankfurter Spießbürger sind zu überwiegend als daß
wir uns übergroße Hoffnungen machen könnten.
Selbst wenn die Insurgenten unterliegen, so ist noch Nichts entschieden. Die Contrerevolution wird übermüthig werden, wird uns mit Belagerungszustand, Unterdrückung der Preßfreiheit, der Clubs und der
Volksversammlungen einen Augenblick knechten; aber nicht lange und
das Krähen des gallischen Hahns wird die Stunde der Befreiung, die
Stunde der Vergeltung verkünden.
Neue Rheinische Zeitung.
Nr. 108, 21. September 1848
** Köln, 20. Septe

m

b

e

r

. Die Nachrichten aus Frankfurt fangen an,
unsere gestrigen Befürchtungen allmählig zu bestätigen. Es scheint gewiß
zu sein, daß die Insurgenten aus Frankfurt herausgeschlagen sind und
nur noch Sachsenhausen besetzt halten, wo sie stark verschanzt sein sol- 15
len. Frankfurt ist in Belagerungsstand erklärt; wer mit den Waffen in der
Hand oder im Widerstande gegen die „Reichsmacht“ ergriffen wird, soll
vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Die Herren in der Paulskirche sind jetzt also ihren Kollegen in Paris
ebenbürtig; sie können in aller Ruhe und unter der Herrschaft des Be- 20
lagerungsstandes die Grundrechte des deutschen Volkes auf ein „Minimum“ reduziren.
Die Eisenbahn nach Mainz ist an vielen Stellen aufgerissen, und die
Posten treffen zu spät oder gar nicht ein.
Die Artillerie scheint den Kampf in den breiteren Straßen entschieden 25
und dem Militär einen Weg in den Rücken der Barrikadenkämpfer eröffnet zu haben. Der Eifer, womit die Frankfurter Spießbürgerschaft den
Soldaten ihre Häuser öffnete und ihnen damit alle Vortheile des Straßenkampfes in die Hände gab, die Uebermacht der mit den Eisenbahnen
rasch hineingezogenen Truppen gegenüber den langsamen, zu Fuß an- 30
kommenden Zuzügen der Bauern that das Uebrige.
Aber selbst wenn der Kampf in Frankfurt selbst sich nicht wieder
erneuert hat, ist damit der Aufstand keinesweges unterdrückt. Die wüthenden Bauern werden die Waffen nicht so ohne Weiteres niederlegen.
Können sie die National-Versammlung nicht sprengen, so haben sie zu 35
Hause immer noch genug wegzuräumen. Der Sturm, von der Paulskirche
abgeschlagen, kann sich auf sechs bis acht Residenzchen, auf Hunderte
von Rittersitzen vertheilen; der Bauernkrieg von diesem Frühjahre hat
sein Ende so lange noch nicht erreicht, bis er sein Resultat, die Befreiung
der Bauern vom Feudalismus, herbeigeführt haben wird.
Woher der fortwährende Sieg der „Ordnung“ auf allen Punkten Europa’s, woher die Reihe der zahllosen, sich stets wiederholenden Niederlagen der revolutionären Partei, von Neapel, Prag, Paris bis Mailand,
Wien und Frankfurt?
Weil alle Parteien wissen, daß der Kampf, der sich in allen civilisirten
Ländern vorbereitet, ein ganz anderer, ein unendlich bedeutenderer ist
als alle bisherigen Revolutionen; weil es sich in Wien wie in Paris, in
Berlin wie in Frankfurt, in London wie in Mailand um den Sturz der
politischen Herrschaft der Bourgeoisie handelt, um eine Umwälzung, deren nächste Konsequenzen schon alle behäbigen und spekulirenden Bürger mit Entsetzen erfüllen.
Gibt es noch ein revolutionäres Centrum in der Welt, wo nicht von den
Barrikaden der letzten fünf Monate die rothe Fahne, das Kampfeszeichen des verbrüderten europäischen Proletariats, geweht hat?
Auch in Frankfurt ist das Parlament der vereinigten Junker und Bourgeois unter der rothen Fahne bekämpft worden.
Daher, weil die Bourgeoisie direkt in ihrer politischen und indirekt in
ihrer gesellschaftlichen Existenz durch jeden Aufstand bedroht ist, der
jetzt losbricht, daher alle diese Niederlagen. Das meist waffenlose Volk
hat zu kämpfen nicht nur gegen die von der Bourgeoisie übernommene
Macht des organisirten Beamten- und Militärstaats, es hat auch zu
kämpfen gegen die bewaffnete Bourgeoisie selbst. Dem nicht organisirten
und schlecht bewaffneten Volk stehen sämmtliche übrigen Klassen der
Gesellschaft wohlorganisirt und wohlgerüstet gegenüber. Und daher
kommt es, daß bisher das Volk erlegen ist, daß es erliegen wird, bis seine
Gegner, sei es durch Beschäftigung der Truppen im Krieg, sei es durch
eine Spaltung unter sich geschwächt werden, oder bis irgend ein großes
Ereigniß das Volk zu einem verzweifelten Kampfe treibt, und seine Gegner demoralisirt.
Und solch’ ein großes Ereigniß bereitet sich in Frankreich vor. Darum
brauchen wir nicht zu verzweifeln, wenn seit vier Monaten die Kartätschen auf allen Punkten über die Barrikaden gesiegt haben. Im Gegentheil – jeder Sieg unserer Gegner war zugleich eine Niederlage für sie; er
spaltete sie, er verschaffte nicht der siegreichen Partei der Februar- und
März-Conservativen, er verschaffte jedesmal schließlich der Partei die
Herrschaft, die im Februar und März gestürzt wurde. Der Junisieg in
Paris hat nur für den Anfang die Herrschaft der kleinen Bourgeoisie, der
reinen Republikaner hergestellt; noch nicht drei Monate sind verflossen,
und die große Bourgeoisie, die konstitutionelle Partei droht Cavaignac zu
stürzen und die „Reinen“ den „Rothen“ in die Arme zu werfen. So wird’s
auch in Frankfurt gehen: der Sieg wird nicht den biedern Centren, er
wird der Rechten zu Gute kommen; die Bourgeoisie wird den Herren
vom Militär-, Beamten- und Junkerstaat den Vorrang gewähren und bald
genug die bittern Früchte ihres Sieges kosten müssen.
Mögen sie ihr wohl bekommen! Wir inzwischen wollen des Augenblicks warten, wo in Paris die Befreiungsstunde für Europa schlägt.