** Köln, 26. August. Die Berliner Zeitungshalle enthält folgenden ArNr. 87, 27. August 1848
Neue Rheinische Zeitung.
tikel: „Wir hatten neulich Gelegenheit davon zu reden, daß eine Zeit
gekommen ist, in welcher aus den alten Staatenkörpern mehr und mehr
der Geist entweicht, der sie so lange zusammengehalten hat. In Betreff
Oesterreichs möchte wohl Niemand daran zweifeln; aber auch in Preußen
treten von Tage zu Tage immer merklicher Zeichen der Zeit hervor, welche unsere Bemerkung bestätigen und gegen die wir uns nicht blind machen dürfen. Es giebt jetzt nur ein Interesse, welches noch die Provinzen
des Staates an den Staat Preußen zu fesseln vermag, das ist das Interesse
an der Entwicklung freisinniger Staatseinrichtungen, das Interesse an der 10
gemeinsamen Begründung und wechselseitigen Förderung einer neuen
und freien Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das auf dem
Wege des politischen und socialischen Fortschrittes rüstig weiter strebende Schlesien wird sich schwerlich in Preußen wohl fühlen, wenn nicht
Preußen als Staat diesem Interesse vollständig genügt. Von der Provinz 15
Sachsen ist es nur zu bekannt, daß sie dem preußischen Staat stets, seit
dem sie ihm einverleibt worden, im Herzen gegrollt hat. Und was die
Rheinprovinz anbetrifft, so wird es wohl noch in Aller Angedenken sein,
mit welchen Drohungen Deputirte derselben vor dem 18. März hier auftraten und den Umschwung der Dinge beschleunigten. Der Geist der 20
Entfremdung wächst in dieser Provinz. Ein Flugblatt ohne Angabe des
Druckortes und Druckers, welches jetzt viel verbreitet wird, giebt davon
ein neues Zeugniß.“ Das Flugblatt, wovon die Zeitungshalle spricht, wird
allen unsern Lesern bekannt sein. –
Was uns freuen muß, ist die Einsicht, die endlich unter den Berlinern 25
wenigstens Einen Repräsentanten findet: daß Berlin weder für Deutschland noch speziell für das Rheinland ein Paris ist. Berlin beginnt einzusehn, daß es uns nicht regieren, daß es sich nicht die Autorität verschaffen kann, die einer Centralstadt zukommt. Berlin hat seine Inkompetenz
in der halben Märzrevolution, im Zeughaussturm, in der letzten Emeute
zur Genüge bewiesen. Zu der Unentschiedenheit, mit der das Berliner
Volk auftritt, gesellt sich noch der gänzliche Mangel an Capazitäten in
allen Parteien. In der ganzen Bewegung seit dem Februar ist in Berlin
kein Einziger aufgestanden, der im Stande war, seine Partei zu leiten. Der
Geist in dieser Centralstadt des „Geistes“ ist äußerst willig aber eben so
schwach wie das Fleisch. Selbst ihren Hansemann, ihren Camphausen,
ihren Milde mußten sich die Berliner vom Rhein oder von Schlesien holen. Berlin, weit entfernt ein deutsches Paris zu sein, ist nicht einmal ein
preußisches Wien. Es ist keine Hauptstadt, es ist eine „Residenz“.
Es ist immer anerkennenswerth, daß man selbst in Berlin zu der Einsicht kommt, die hier am Rhein längst allgemein verbreitet ist: daß nur
aus dem Zerfall der deutschen so

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Großmächte die deutsche
Einheit hervorgehen kann. Wir haben unsere Ansicht hierüber nie verheimlicht. Wir schwärmen weder für den vergangnen noch für den gegenwärtigen Ruhm Deutschlands, weder für die Freiheitskriege noch für
die „glorreichen Siege der deutschen Waffen“ in der Lombardei und in
Schleswig. Aber wenn je aus Deutschland irgend etwas werden soll, so
muß Deutschland sich konzentriren, es muß nicht nur der Phrase, sondern der That nach, Ein Reich werden. Und dazu ist es vorher allerdings
nöthig, daß es „kein Oesterreich, kein Preußen mehr“ gibt.
„Der Geist“ übrigens, der uns mit Altpreußen „so lange zusammengehalten hat“, war ein sehr handgreiflicher, plumper Geist; es war der
Geist von 15 000 Bajonetten und so und so viel Kanonen. Nicht umsonst
legte man hier am Rhein eine Soldatenkolonie von Wasserpolacken und
Kassuben an. Nicht umsonst steckte man unsre Jugend in die Berliner
Garde. Es geschah nicht um uns mit den übrigen Provinzen zu versöhnen, es geschah um Provinz auf Provinz zu hetzen, um den Nationalhaß
der Deutschen und der Slaven, um den Lokalhaß jedes kleinen deutschen
Provinzchens gegen seine sämmtlichen Nachbarprovinzen im Interesse
der patriarchalisch-feudalen Despotie zu exploitiren. Divide et impera!
In der That, es ist Zeit, daß die fingirte Rolle, die „die Provinzen“, d.h.
die uckermärkische und hinterpommersche Junkerschaft durch ihre
angstschlotternden Adressen den Berlinern übertragen, und die die Berliner eiligst übernommen haben, endlich einmal aufhöre. Berlin ist nicht
und wird nie werden der Sitz der Revolution, die Hauptstadt der Demokratie. Nur die vor Bankerott, Schuldarrest und Laternenpfahl bebende Phantasie der märkischen Ritterschaft konnte ihm diese Rolle
übertragen, nur die kokettirende Eitelkeit des Berliners konnte darin die
Provinzen repräsentirt sehn. Wir erkennen die Märzrevolution an, aber
für das was sie wirklich war, und nicht für mehr. Ihr größter Mangel ist,
daß sie die Berliner nicht revolutionirt hat.
Die Zeitungshalle glaubt, durch freisinnige Institutionen lasse sich der
zerfallende preußische Staatskörper zusammenkitten. Im Gegentheil. Je
freisinniger die Institutionen, desto freier werden sich die heterogenen
Elemente auseinander scheiden, desto mehr wird sich zeigen, wie nothwendiger die Trennung ist, desto mehr wird die Unfähigkeit der Berliner
Politiker aller Parteien an den Tag kommen.
Wir wiederholen. Innerhalb Deutschlands mit den altpreußischen Provinzen zusammenzubleiben, dagegen hat die Rheinprovinz nichts einzu- 10
wenden; aber sie zwingen wollen, ewig innerhalb Preußens, gleichviel ob
eines absolutistischen, eines konstitutionellen oder eines demokratischen
Preußens zu bleiben, das hieße Deutschlands Einheit unmöglich machen,
das hieße vielleicht sogar – wir sprechen die allgemeine Stimmung des
Volks aus, ein großes, schönes Gebiet für Deutschland verloren machen, 15
während man es für Preußen erhalten will.