Köln, 2. Juli. Die Völker an einander zu hetzen, das eine zur Unter Nr. 33, 3. Juli 1848
Neue Rheinische Zeitung.
drückung des andern zu benutzen und so für die Fortdauer der absoluten
Herrschermacht zu sorgen: das war die Kunst und das Werk der bisherigen Gewalthaber und ihrer Diplomaten. Deutschland hat sich in dieser
Hinsicht ausgezeichnet. Es hat, um nur die letzten 70 Jahre in’s Auge zu
fassen, seine Landsknechte für englisches Gold den Briten gegen die für
ihre Unabhängigkeit kämpfenden Nordamerikaner überliefert; als die erste französische Revolution losbrach, waren es abermals die Deutschen,
die sich wie eine tolle Meute gegen die Franzosen hetzen ließen, die mit
einem brutalen Manifeste des Herzogs von Braunschweig ganz Paris bis
auf den letzten Stein zu schleifen drohten, die sich mit den ausgewanderten Adligen gegen die neue Ordnung in Frankreich verschworen und sich
dafür von England unter dem Titel von Subsidien, bezahlen ließen. Als
die Holländer während der letzten zwei Jahrhunderte einen einzigen vernünftigen Gedanken faßten, der tollen Wirthschaft des Hauses Oranien
ein Ende und ihr Land zur Republik zu machen, waren es wiederum
Deutsche, die als die Scharfrichter der Freiheit auftraten. Die Schweiz
weiß ebenfalls ein Lied zu singen von deutscher Nachbarschaft und Ungarn wird sich nur langsam von dem Schaden erholen, den ihnen Oestreich, der deutsche Kaiserhof, zugefügt. Ja, bis nach Griechenland hin
entsandte man deutsche Söldnerschaaren, die dem lieben Otto sein
Thrönchen stützen mußten, und bis nach Portugal deutsche Polizisten.
Und die Kongresse nach 1815, Oestreichs Züge nach Neapel, Turin, der
Romagna, Ypsilanti’s Haft, Frankreichs Unterdrückungskrieg gegen
Spanien von Deutschland erzwungen, Don Miguel, Don Carlos von
Deutschland unterstützt – die Reaktion in England mit hannover’schen
Truppen bewaffnet, Belgien durch deutschen Einfluß zerstückelt und
thermidorisirt, im tiefesten Innern von Rußland Deutsche die Hauptstützen des Einen und der kleinen Autokraten – ganz Europa mit Coburgern überschwemmt!
Mit Hülfe deutscher Soldateska Polen beraubt, zerstückelt, Krakau
gemeuchelt. Mit Hülfe deutschen Geldes und Blutes die Lombardei und
Venedig geknechtet und ausgesogen, mittel- oder unmittelbar in ganz
Italien jede Freiheitsbewegung durch Bajonett, Galgen, Kerker und Galeeren erstickt. Das Sündenregister ist viel länger; schlagen wir es zu.
Die Schuld, der mit Deutschlands Hülfe in andern Ländern verübten
Niederträchtigkeiten, fällt nicht allein den Regierungen, sondern zu einem großen Theil dem deutschen Volke selbst zur Last. Ohne seine Ver- 10
blendungen, seinen Sklavensinn, seine Anstelligkeit als Landsknechte
und als „gemüthliche“ Büttel und Werkzeuge der Herren „von Gottes
Gnaden“ wäre der deutsche Name weniger gehaßt, verflucht, verachtet
im Auslande, wären die von Deutschland aus unterdrückten Völker
längst zu einem normalen Zustand freier Entwickelung gelangt. Jetzt, wo 15
die Deutschen das eigene Joch abschütteln, muß sich auch ihre ganze
Politik dem Auslande gegenüber ändern, oder in den Fesseln, womit wir
fremde Völker umketten, nehmen wir unsere eigene junge, fast nur erst
geahnte Freiheit gefangen. Deutschland macht sich in demselben Maß
frei, worin es die Nachbarvölker frei läßt.
In der That wird es endlich lichter. Die Lügen und Verdrehungen von
den alten Regierungsorganen gegen Polen und Italien so emsig verbreitet,
die Versuche, einen künstlichern Haß aufzuregen, jene hochtrabenden
Redensarten, um die deutsche Ehre handle es sich, um die deutsche
Macht, – die Kraft dieser Zauberformeln ist gebrochen. Nur wo das 25
materielle Interesse sich verbirgt unter diese patriotischen Arabesken, nur
bei einem Theil der großen Bourgeoisie, die mit diesem offiziellen Patriotismus Geschäfte macht, macht der offizielle Patriotismus noch Geschäfte. Das weiß und benutzt die reaktionäre Partei. Die große Masse des
deutschen Mittelstandes aber und der Arbeiterklasse begreift oder fühlt 30
in der Freiheit der benachbarten Völker die Garantie der eignen Freiheit.
Oestreichs Krieg gegen Italiens Selbstständigkeit, Preußens Krieg gegen
Polens Wiederhergestaltung – sind sie populär oder verrauchen nicht
vielmehr die letzten Illusionen über diese „patriotischen“ Kreuzfahrten?
Doch weder diese Einsicht genügt, noch dies Gefühl. Soll Deutschlands 35
Blut und Geld nicht länger gegen seinen eigenen Vortheil zur Unterdrückung anderer Nationalitäten vergeudet werden: so müssen wir eine
wirkliche Volksregierung erringen, das alte Gebäude muß bis auf seine
Grundmauern weggeräumt werden. Erst dann kann die blutig-feige Politik des alten, des wieder erneuten Systems Platz machen der internatio- 40
nalen Politik der Demokratie. Wie wollt Ihr demokratisch auftreten nach
Außen, so lange die Demokratie im Inland geknebelt ist? Unterdeß muß
dies- und jenseits der Alpen Alles gescheh’n, um das demokratische System auf alle Weise vorzubereiten. Die Italiäner lassen es sich nicht an
Erklärungen fehlen, aus denen ihre freundlichen Gesinnungen gegen
Deutschland hervorleuchten. Wir erinnern hier an das Manifest der provisorischen Regierung zu Mailand an das deutsche Volk und an die vielfachen, in demselben Geiste gehaltenen Artikel der italiänischen Presse.
Wir haben ein neues Zeugniß jener Gesinnungen vor unsern Augen, ein
Privatschreiben des Verwaltungsausschusses der in Florenz erscheinenden
Zeitung „L’Alba“ an die Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung.“ Es
ist vom 20. Juni datirt und lautet unter Anderem: „... Wir danken Euch
herzlich für die Achtung, welche Ihr gegen unser armes Italien hegt. Indem wir Euch aufrichtig versichern, daß die Italiäner sämmtlich wissen,
Wer eigentlich ihre Freiheit antastet und bekämpft, und daß ihr tödtlichster Feind nicht sowohl das mächtige und hochherzige deutsche Volk, als
vielmehr die despotische, ungerechte und grausame Regierung desselben
ist; indem wir Euch versichern, daß jeder wahre Italiäner nach dem Augenblick schmachtet, wo er frei dem deutschen Bruder wird die Hand
reichen können, welcher, wenn einmal seine unverjährbaren Rechte festgestellt sind, sie zu vertheidigen und sie selbst zu achten, wie ihnen bei
allen seinen Brüdern Achtung zu verschaffen wissen wird; indem wir in
die Prinzipien Vertrauen setzen, deren sorgfältige Entwickelung Ihr Euch
zur Aufgabe macht: unterzeichnen wir hochachtungsvoll
Eure ergebenen Freunde und Brüder
(gez.) L. Alinari.“
Die „Alba“ ist eines der wenigen Blätter in Italien, das entschieden
demokratische Prinzipien vertritt.