Nr. 29, 29. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
* Mit jedem Tage nahm die Heftigkeit, die Erbitterung, die Wuth des
Kampfes zu. Die Bourgeoisie wurde immer fanatisirter gegen die Insurgenten, je weniger ihre Brutalitäten sofort zum Ziele führten, je mehr sie
selbst im Kampf, Nachtwachen und Bivouakiren ermattete, je näher sie
ihrem endlichen Siege rückte.
Die Bourgeoisie erklärte die Arbeiter nicht für gewöhnliche Feinde, die
man besiegt, sondern für Feinde der Gesellschaft, die man vernichtet. Sie
verbreiteten die absurde Behauptung, es sei den, von ihnen selbst mit
Gewalt in den Aufstand hineingejagten Arbeitern nur um Plünderung, 10
Brandstiftung und Mord zu thun, sie seien eine Bande Räuber die man
niederschießen müsse wie die Thiere des Waldes. Und doch hatten die
Insurgenten während 3 Tagen einen großen Theil der Stadt inne und
benahmen sich höchst anständig. Hätten sie dieselben gewaltsamen Mittel angewandt wie die von Cavaignac kommandirten Bourgeois und 15
Bourgeoisknechte, Paris läge in Trümmern, aber sie hätten triumphirt.
Wie barbarisch die Bourgeois in diesem Kampfe verfuhren, geht aus
allen Einzelnheiten hervor. Von den Kartätschen, den Granaten, den
Brandraketen gar nicht zu sprechen, steht es fest, daß auf den meisten
erstürmten Barrikaden kein Quartier gemacht wurde. Die Bourgeois schlu- 20
gen Alles ohne Ausnahme nieder was sie vorfanden. Am 24. Abends
wurden in der Allee des Observatoire über 50 gefangene Insurgenten
ohne alle Prozeßform erschossen. „Es ist ein Vernichtungskrieg“, schreit
ein Korrespondent der Indépendance Belge, die selbst ein Bourgeoisblatt
ist. Auf allen Barrikaden herrschte der Glaube, daß alle Insurgenten ohne 25
Ausnahme niedergemacht würden. Als La Rochejaquelein in der Nationalversammlung davon sprach, daß man etwas thun müsse, um diesem
Glauben entgegenzuwirken, ließen ihn die Bourgeois gar nicht aussprechen, und machten einen solchen Lärm, daß der Präsident sich bedecken
und die Sitzung unterbrechen mußte. Als Hr. Sénard selbst später (siehe unten Sitzung der Versammlung) einige heuchlerische Worte der Milde
und Versöhnung sprechen wollte, entstand derselbe Lärm. Die Bourgeois
wollten von Schonung nichts wissen. Selbst auf die Gefahr hin, einen
Theil ihres Eigenthums durch ein Bombardement zu verlieren, waren sie
entschlossen, ein für alle Mal ein Ende zu machen mit den Feinden der
Ordnung, den Plünderern, Räubern, Brandstiftern und Kommunisten.
Dabei hatten sie nicht einmal den Heldenmuth, den ihre Journale sich
bemühen ihnen zuzuschreiben. Aus der heutigen Sitzung der Nationalversammlung geht hervor, daß beim Ausbruch des Aufstandes die Nationalgarde vor Schrecken betäubt war; aus den Berichten aller Journale
der verschiedensten Farben leuchtet trotz aller pomphaften Phrasen hervor, daß am ersten Tage die Nationalgarde sehr schwach erschien, daß
am zweiten und dritten Cavaignac sie aus den Betten mußte holen und
durch einen Gefreiten und 4 Mann ins Feuer führen lassen. Der fanatische Haß der Bourgeois gegen die aufständischen Arbeiter war nicht im
Stande ihre natürliche Feigheit zu überwinden.
Die Arbeiter dagegen schlugen sich mit einer Tapferkeit ohne Gleichen.
Immer weniger im Stande ihre Verluste zu ersetzen, immer mehr durch
die Uebermacht zurückgedrängt, ermüdeten sie keinen Augenblick. Vom
25. Morgens an mußten sie schon einsehen, daß die Chancen des Siegs
sich entschieden gegen sie kehrten. Massen auf Massen neuer Truppen
kamen an aus allen Gegenden; die Nationalgarde der Banlieue, die der
entfernteren Städte kam in großen Trupps nach Paris. Die Linientruppen,
die sich schlugen, betrugen am 25. über 40 000 Mann mehr, als die gewöhnliche Garnison; die Mobilgarde kam mit 20– bis 25 000 Mann hinzu; dann die Pariser und auswärtige Nationalgarde. Dazu noch mehrere
Tausend Mann republikanische Garde. Die ganze bewaffnete Macht die
gegen die Insurrektion zu Felde zog, betrug am 25. gewiß an 150– bis
200 000 Mann, die Arbeiter waren höchstens den vierten Theil so stark,
hatten weniger Munition, gar keine militärische Direktion, und keine
brauchbaren Kanonen. Aber sie schlugen sich schweigend und verzweifelt gegen die kolossale Uebermacht. Massen auf Massen rückten heran
auf die Breschen, die das schwere Geschütz in die Barrikaden geschossen;
ohne einen Ruf auszustoßen, empfingen sie die Arbeiter, und kämpften
überall bis auf den letzten Mann, ehe sie eine Barrikade in die Hände der
Bourgeois fallen ließen. Auf dem Montmartre riefen die Insurgenten den
Einwohnern zu: Wir werden entweder in Stücke gehauen oder wir hauen
die Andern in Stücke; wir werden aber nicht weichen und bittet Gott daß
wir siegen, denn sonst brennen wir ganz Montmartre nieder. Diese nicht
einmal erfüllte Drohung gilt natürlich als ein „abscheuliches Projekt“,
während die Granaten und Brandraketen Cavaignacs „geschickte militärische Maßregeln sind denen Jedermann Bewunderung zollt!“
Am 25. Morgens hatten die Insurgenten folgende Positionen inne: Das
Clos Saint Lazare, die Vorstädte St. Antoine und du Temple, den Marais
und das Viertel Saint Antoine.
Das Clos Saint Lazare (das ehemalige Klostergehege) ist eine große
Fläche Landes, theilweise bebaut, theilweise erst mit angefangenen Häusern, projektirten Straßen etc. bedeckt. Der Nordbahnhof liegt gerade in
seiner Mitte. In diesem an unregelmäßig liegenden Gebäuden reichen 10
Viertel, das ausserdem eine Menge Baumaterial umfaßt, hatten die Insurgenten eine gewaltige Festung aufgeworfen. Das im Bau begriffene
Hospital Louis Philippe war ihr Centrum, sie hatten furchtbare Barrikaden aufgeworfen, die von Augenzeugen als ganz uneinnehmbar geschildert werden. Dahinter lag die, von ihnen cernirte und besetzte Ring- 15
mauer der Stadt. Von da gingen ihre Verschanzungen bis in die Rue
Rochechouart oder in die Gegend der Barrieren. Die Barrieren des
Montmartre waren stark vertheidigt, Montmartre war ganz von ihnen
besetzt. Vierzig Kanonen, seit 2 Tagen gegen sie donnernd, hatten sie
noch nicht reduzirt.
Man schoß wieder den ganzen Tag mit 40 Kanonen auf diese Verschanzungen; endlich Abends 6 Uhr, wurden die zwei Barrikaden der
Rue Rochechouart genommen und bald darauf fiel auch das Clos Saint
Lazare.
Auf dem Boulevard du Temple nahm die Mobilgarde Morgens 10 Uhr 25
mehrere Häuser von wo aus die Insurgenten ihre Kugeln in die Reihen
der Angreifer sandten. Die „Vertheidiger der Ordnung“ waren etwa bis
zum Boulevard des Filles du Calvaire vorgerückt. Inzwischen wurden die
Insurgenten im Faubourg du Temple immer höher hinauf getrieben, der
Kanal Saint Martin stellenweise besetzt und von hier, so wie vom Bou- 30
levard aus die breiteren und geraden Straßen mit Artillerie stark beschossen. Der Kampf war ungemein heftig. Die Arbeiter wußten sehr
gut, daß man sie hier im Herzen ihrer Stellung angreife. Sie vertheidigten
sich wie Rasende. Sie nahmen sogar Barrikaden wieder aus denen man
sie schon vertrieben hatte. Aber nach langem Kampfe wurden sie von der 35
Uebermacht der Zahl und der Waffen erdrückt. Eine Barrikade nach der
andern fiel; bei Anbruch der Nacht war nicht nur das Faubourg du
Temple, sondern auch vermittelst des Boulevards und des Kanals die
Zugänge zum Faubourg Saint Antoine und mehrere Barrikaden in diesem Faubourg erobert.
Am Hôtel de Ville machte General Duvivier langsame aber gleichmäßige Fortschritte. Von den Quais aus kam er den Barrikaden der Rue
Saint Antoine in die Flanken und beschoß zugleich die Insel St. Louis
und die ehemalige Insel Louviers mit schwerem Geschütz. Hier wurde
ebenfalls ein sehr erbitterter Kampf geführt, über den jedoch die Details
mangeln, und von dem man nur weiß, daß um vier Uhr die Mairie des
neunten Arrondissements nebst den umliegenden Straßen genommen,
daß eine Barrikade der Rue Saint Antoine nach der andern erstürmt und
die Brücke Damiette genommen wurde, die den Zugang auf die Ile Saint
Louis bildete. Mit Anbruch der Nacht waren die Insurgenten hier überall
vertrieben und alle Zugänge des Bastillenplatzes befreit.
Damit waren die Insurgenten aus allen Theilen der Stadt geschlagen,
mit Ausnahme des Faubourg Saint Antoine. Dies war ihre stärkste Stellung. Die vielen Zugänge dieses Faubourg, des eigentlichen Heerdes aller
pariser Aufstände, waren mit besonderem Geschick gedeckt. Schräge,
einander gegenseitig deckende Barrikaden, noch verstärkt durch das
Kreuzfeuer der Häuser, boten eine furchtbare Angriffsfronte dar. Ihr
Sturm würde eine unendliche Menge Leben gekostet haben.
Vor diesen Schanzen lagerten sich die Bourgeois, oder vielmehr ihre
Knechte. Die Nationalgarde hatte an diesem Tage wenig gethan. Die
Linie und die Mobilgarde hatten die meiste Arbeit vollzogen; die Nationalgarde besetzte die ruhigen und eroberten Stadttheile.
Am schlechtesten hat sich benommen die republikanische und die Mobilgarde. Die republikanische Garde, neu organisirt und epurirt wie sie
war, schlug sich mit großer Erbitterung gegen die Arbeiter, an denen sie
ihre Sporen als republikanische Munizipalgarde verdiente.
Die Mobilgarde, die zum größten Theil aus dem pariser Lumpenproletariat rekrutirt ist, hat sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens vermittelst guter Zahlung schon sehr in eine prätorianische Garde der jedesmaligen Machthaber verwandelt. Das organisirte Lumpenproletariat hat
dem nichtorganisirten arbeitenden Proletariat seine Schlacht geliefert. Es
hat sich, wie zu erwarten war, der Bourgeoisie zur Verfügung gestellt,
gerade wie die Lazzaroni in Neapel zur Verfügung Ferdinands. Nur die
Abtheilungen der Mobilgarde, die aus wirklichen Arbeitern bestanden,
gingen über.
Aber wie verächtlich erscheint die ganze jetzige Wirthschaft in Paris,
wenn man sieht, wie diese ehemaligen Bettler, Vagabunden, Gauner, Gamins und kleinen Diebe der Mobilgarde, die jeder Bourgeois im März
und April als eine nicht länger zu duldende, spitzbübische, aller Verwerflichkeiten fähige Räuberbande bezeichnete, wenn diese Räuberbande
jetzt gehätschelt, gepriesen, belohnt, dekorirt wird, weil diese „jungen
Helden“, diese „Kinder von Paris“, deren Tapferkeit unvergleichlich ist,
die mit dem brillantesten Muthe die Barrikaden erklettern u.s. w. – weil
diese gedankenlosen Barrikadenkämpfer des Februar jetzt eben so gedankenlos auf das arbeitende Proletariat schießen wie sie früher auf die
Soldaten schossen, weil sie sich zur Niedermetzelung ihrer Brüder haben
bestechen lassen, mit dreißig Sous per Tag! Ehre diesen bestochenen Vagabunden, weil sie um dreißig Sous per Tag den besten, revolutionärsten
Theil der pariser Arbeiter niedergeschossen haben!
Die Tapferkeit, mit der die Arbeiter sich geschlagen haben, ist wahrhaft wunderbar. Dreißig bis vierzigtausend Arbeiter, die sich drei volle 10
Tage halten gegen mehr als achtzig Tausend Mann Soldaten und hunderttausend Mann Nationalgarde, gegen Kartätschen, Granaten und
Brandraketen, gegen die noble Kriegserfahrung von Generälen, die sich
nicht scheuen algierische Mittel anzuwenden! Sie sind erdrückt und großen Theils niedergemetzelt worden. Ihren Todten werden nicht die Ehren 15
erwiesen werden wie den Todten des Juli und des Februar; aber die Geschichte wird ihnen einen ganz andern Platz anweisen, den Opfern der
ersten entscheidenden Feldschlacht des Proletariats.