Nr. 28, 28. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
Die ganze Nacht war Paris militärisch besetzt. Starke Piketts Truppen
standen auf den Plätzen und auf den Boulevards.
Um vier Uhr Morgens ertönte der Generalmarsch. Ein Offizier und
mehrere Mann Nationalgarde gingen in jedes Haus und holten die Leute
ihrer Kompagnie heraus, die sich nicht freiwillig gestellt hatten.
Um dieselbe Zeit ertönt der Kanonendonner wieder, am heftigsten in
der Gegend der Brücke Saint Michel, dem Verbindungspunkt der Insurgenten des linken Ufers und der Cité. Der General Cavaignac, heute
Morgen mit der Diktatur bekleidet, brennt vor Begierde, sie gegen die 10
Emeute auszuüben. Am vorigen Tage wurde die Artillerie nur ausnahmsweise angewandt, und man schoß meistens nur mit Kartätschen; heute
aber wird an allen Punkten Artillerie nicht nur gegen die Barrikaden
aufgefahren, sondern auch gegen die Häuser; nicht nur mit Kartätschen
wird geschossen, sondern mit Kanonenkugeln, mit Granaten und mit kon- 15
grevischen Raketen.
Im oberen Theile des Faubourg Saint Denis begann Morgens ein heftiger Kampf. Die Insurgenten hatten in der Nähe der Nordbahn ein im
Bau begriffenes Haus und mehrere Barrikaden besetzt. Die erste Legion
der Nationalgarde griff an, ohne jedoch irgend einen Vortheil zu errin- 20
gen. Sie verschoß ihre Munition und hatte an fünfzig Todte und Verwundete. Kaum daß sie ihre Position so lange hielt, bis die Artillerie herankam (gegen 10 Uhr) die das Haus und die Barrikaden in den Grund
schoß. Die Truppen besetzten die Nordbahn wieder. Der Kampf in dieser
ganzen Gegend (Clos Saint Lazare genannt, was die Kölnische Zeitung in 25
den „Hofraum von Saint Lazare“ verwandelt) dauerte indes noch lange
fort und wurde mit großer Erbitterung geführt. „Es ist eine wahre Metzelei“, schreibt der Correspondent eines belgischen Blattes. An den Barrieren Rochechouart und Poissonnière erhoben sich starke Barrikaden;
die Verschanzung an der Allée Lafayette war ebenfalls wieder aufgeworfen und wich erst Nachmittags den Kanonenkugeln.
In den Straßen Saint Martin, Rambuteau und du Grand Chantier
konnten die Barrikaden ebenfalls erst mit Hülfe der Kanonen genommen
werden.
Das Café Cuisinier, gegenüber der Brücke Saint Michel, ist von den
Kanonenkugeln zusammengeschossen worden.
Der Hauptkampf fand aber Nachmittags gegen drei Uhr Statt auf dem
Blumenquai, wo der berühmte Kleiderladen, „zur schönen Gärtnerin“,
von 600 Insurgenten besetzt und in eine Festung verwandelt war. Artillerie und Linieninfanterie greifen an. Ein Winkel der Mauer wird niedergeschmettert. Cavaignac, der hier das Feuer selbst kommandirt, fordert
die Insurgenten auf sich zu ergeben, er werde sie sonst Alle über die
Klinge springen lassen. Die Insurgenten wiesen dies zurück. Die Kanonade beginnt von Neuem, und endlich werden Brandraketen und Granaten hineingeworfen. Das Haus wird total zusammengeschossen, achtzig Insurgenten liegen unter den Trümmern begraben.
Im Faubourg Saint Jacques, in der Gegend des Panthéon, hatten die
Arbeiter sich ebenfalls nach allen Seiten hin verschanzt. Jedes Haus mußte belagert werden wie in Saragossa. Die Anstrengungen des Diktators
Cavaignac, diese Häuser zu stürmen waren so fruchtlos, daß der brutale
algierische Soldat erklärte, er werde sie in Brand stecken lassen, wenn die
Besatzung sich nicht ergebe.
In der Cité schossen Mädchen aus den Fenstern auf die Soldaten und
die Bürgerwehr. Man mußte auch hier die Haubitzen wirken lassen, um
irgend einen Erfolg zu erzielen.
Das elfte Bataillon der Mobilgarde, das sich auf Seite der Insurgenten
schlagen wollte, wurde von den Truppen und der Nationalgarde niedergemacht. So sagt man wenigstens.
Gegen Mittag war die Insurrektion entschieden im Vortheil. Alle Faubourgs, die Vorstädte les Batignolles, Montmartre, la Chapelle und la
Villette, kurz der ganze äußere Rand von Paris, von den Batignolles bis
zur Seine und die größte Hälfte des linken Seineufers war in ihren Händen. Hier hatten sie 13 Kanonen erobert, die sie nicht anwandten. Im
Centrum drangen sie in der Cité und in der untern Gegend der Straße
Saint Martin vor aufs Stadthaus, das durch Massen von Truppen gedeckt
war. Aber dennoch, erklärte Bastide in der Kammer, werde es in einer
Stunde vielleicht von den Insurgenten genommen sein, und in der Betäubung, die diese Nachricht hervorrief, wurde die Diktatur und der Belagerungszustand beschlossen. Kaum damit ausgestattet, griff Cavaignac
zu den äußersten, den rohsten Mitteln, wie sie noch nie in einer civilisirten Stadt angewandt worden sind, wie sie selbst Radetzky in Mailand
anzuwenden zauderte. Das Volk war wieder zu großmüthig. Hätte es auf
die Brandraketen und Haubitzen mit Brennen geantwortet, es wäre am
Abend Sieger gewesen. Aber es dachte nicht daran, gleiche Waffen zu
gebrauchen wie seine Gegner.
Die Munition der Insurgenten bestand meist aus Schießbaumwolle, die
in großen Massen im Faubourg Saint Jacques und im Marais fabrizirt
wurde. Auf dem Platz Maubert war eine Kugelgießerei angelegt.
Die Regierung bekam fortwährend Unterstützung. Die ganze Nacht 10
hindurch kamen Truppen nach Paris; die Nationalgarde von Pontoise,
Rouen, Meulan, Mantes, Amiens, Havre kam an; Truppen von Orléans,
Artillerie und Pioniere kamen von Arras und Douai, ein Regiment kam
von Orléans. Am 24. Morgens kamen 500 000 Patronen und zwölf Stück
Geschütz von Vincennes in die Stadt, die Eisenbahnarbeiter an der Nord- 15
bahn übrigens haben die Schienen zwischen Paris und Saint Denis ausgehoben, damit keine Verstärkungen mehr ankommen.
Diesen vereinigten Kräften und dieser unerhörten Brutalität gelang es
am Nachmittage des 24., die Insurgenten zurückzudrängen.
Mit welcher Wuth sich die Nationalgarde schlug und wie sehr sie wuß- 20
te, daß es in diesem Kampf um ihre Existenz gehe, zeigt sich darin, daß
nicht nur Cavaignac, sondern die Nationalgarde selbst das ganze Viertel
des Panthéon in Brand stecken wollte!
Drei Punkte waren als Hauptquartiere der angreifenden Truppen designirt: Die Porte Saint Denis, wo General Lamoricière kommandirte, 25
das Hôtel de Ville, wo General Duvivier mit 14 Bataillonen stand, und
der Platz der Sorbonne, von wo aus General Damesme das Faubourg
Saint Jacques bekämpfte.
Gegen Mittag wurden die Zugänge des Platzes Maubert genommen
und der Platz selbst cernirt. Um ein Uhr fiel der Platz. Fünfzig Mann 30
Mobilgarde fielen dabei! Um dieselbe Zeit wurde nach heftiger und anhaltender Kanonade das Panthéon genommen oder vielmehr übergeben.
Die fünfzehn hundert Insurgenten, die hier verschanzt waren, kapitulirten – wahrscheinlich in Folge der Drohung des Herrn Cavaignac und der
wuthschnaubenden Bourgeois, das ganze Viertel den Flammen zu über- 35
geben.
Um dieselbe Zeit drangen die „Vertheidiger der Ordnung“ immer weiter vor auf den Boulevards und nahmen die Barrikaden der umliegenden
Straßen. In der Templestraße waren die Arbeiter bis zur Ecke der Straße
de la Corderie zurückgedrängt; in der Straße Boucherat schlug man sich 40
noch, ebenfalls jenseits des Boulevard, im Faubourg du Temple. In der
Straße Saint Martin fielen noch einzelne Flintenschüsse; an der Pointe
Saint Eustache hielt sich noch eine Barrikade.
Abends gegen sieben Uhr wurden dem General Lamoricière zwei Bataillone Nationalgarde von Amiens zugeführt, die er sofort zur Umzingelung der Barrikaden hinter dem Château d’Eau verwandte. Das Faubourg Saint Denis war um diese Zeit ruhig und frei, desgleichen beinahe
das ganze linke Seineufer. Die Insurgenten waren in einem Theile des
Marais und dem Faubourg Saint Antoine cernirt. Diese beiden Viertel
sind indeß durch den Boulevard Beaumarchais und den dahinterliegenden Kanal Saint Martin getrennt, und dieser war frei für das Militär.
Der General Damesme, Kommandant der Mobilgarde, wurde bei der
Barrikade in der Straße de l’Estrapade von einer Kugel in den Schenkel
getroffen. Die Wunde ist nicht gefährlich. Auch die Repräsentanten Bixio
und Dornès sind nicht so gefährlich verwundet, als man anfangs glaubte.
Die Wunde des Generals Bedeau ist ebenfalls leicht.
Um neun Uhr war das Faubourg Saint Jacques und das Faubourg
Saint Marceau so gut wie genommen. Der Kampf war ungemein heftig
gewesen. Hier kommandirte jetzt der General Bréa.
Der General Duvivier im Hôtel de Ville hatte weniger Erfolg gehabt.
Doch waren auch hier die Insurgenten zurückgedrängt.
Der General Lamoricière hatte nach heftigem Widerstand die Faubourgs Poissonnière, Saint Denis und Saint Martin bis zu den Barrieren
frei gemacht. Nur im Clos Saint Lazare hielten sich die Arbeiter noch; sie
hatten sich im Hospital Louis Philippe verschanzt.
Dieselbe Nachricht stattete der Präsident der Nationalversammlung
um halb zehn Uhr Abends ab. Er mußte sich indeß mehrere Mal selbst
wiederrufen. Er gab zu daß man sich im Faubourg Saint Martin noch
stark schösse.
Der Stand der Dinge am 24. Abends war also der:
Die Insurgenten behaupteten noch etwa die Hälfte des Terrains, das sie
am Morgen des 23. besetzt hielten. Dies Terrain machte den östlichsten
Theil von Paris aus, die Faubourgs St. Antoine, du Temple, St. Martin
und den Marais. Das Clos St. Lazare und einige Barrikaden am Pflanzengarten bildeten ihre vorgeschobenen Posten.
Der ganze übrige Theil von Paris war in den Händen der Regierung.
Was am meisten auffällt bei diesem verzweifelten Kampfe ist die Wuth,
mit der die „Vertheidiger der Ordnung“ kämpften. Sie, die früher für
jeden Tropfen „Bürgerblut“ so zarte Nerven hatten, die selbst sentimentale Anfälle hatten über den Tod der Munizipalgardisten am 24. Februar,
diese Bourgeois schießen die Arbeiter nieder wie die wilden Thiere. In
den Reihen der Nationalgarde, in der Nationalversammlung kein Wort
von Mitleid, von Versöhnung, keine Sentimentalität irgend einer Art,
wohl aber ein gewaltsam losbrechender Haß, eine kalte Wuth gegen die
empörten Arbeiter. Die Bourgeoisie führt mit klarem Bewußtsein einen
Vernichtungskrieg gegen sie. Ob sie für den Augenblick siegt oder ob sie
gleich unterliegt, die Arbeiter werden eine fürchterliche Rache an ihr
nehmen. Nach einem solchen Kampfe wie dem der drei Junitage ist nur
noch Terrorismus möglich, sei er von der einen oder der andern Partei
ausgeübt.
Wir theilen noch einiges aus einem Briefe eines Kapitäns der republikanischen Garde über die Ereignisse des 23. und 24. mit. „Ich schreibe 10
Ihnen beim Knattern der Musketen, beim Donner der Kanonen. Um 2
Uhr nahmen wir an der Spitze der Notre-Dame-Brücke drei Barrikaden;
später rückten wir nach der Straße St. Martin und durchschritten sie in
ihrer ganzen Länge. Als wir auf den Boulevard kommen, sehen wir, daß
er verlassen und leer ist, wie um 2 Uhr Morgens. Wir steigen das Fau- 15
bourg du Temple hinauf; ehe wir an die Kaserne kommen, machen wir
Halt. Zweihundert Schritt weiter erhebt sich eine formidable Barrikade,
gestützt auf mehrere andere, vertheidigt von etwa 2000 Menschen. Wir
parlamentiren mit ihnen während zweier Stunden. Umsonst. Gegen 6
Uhr rückt endlich die Artillerie heran; da eröffnen die Insurgenten das 20
Feuer zuerst.
Die Kanonen antworteten und bis 9 Uhr zersplitterten Fenster und
Ziegel von dem Donner der Geschütze; es ist ein entsetzliches Feuer. Das
Blut fließt in Strömen, während sich zu gleicher Zeit ein fürchterliches
Gewitter entladet. So weit man sehen kann, ist das Straßenpflaster von 25
Blut geröthet. Meine Leute fallen unter den Kugeln der Insurgenten; sie
vertheidigen sich wie Löwen. Zwanzig Mal stürmen wir, zwanzig Mal
werden wir zurückgeschlagen. Die Zahl der Todten ist immens, die Zahl
der Verwundeten noch viel größer. Um 9 Uhr nahmen wir die Barrikade
mit dem Bajonnette. Heute (24. Juni) um 3 Uhr Morgens sind wir noch 30
immer auf den Beinen. Fortwährend donnert das Geschütz. Das Panthéon ist das Centrum. Ich bin in der Kaserne. Wir bewachen die Gefangenen, die man jeden Augenblick hereinbringt. Es sind viele Verwundete
darunter. Manche erschießt man sogleich. Von 112 meiner Leute habe ich
53 verloren.“