Extra-Beilage
* Paris, 25. Juni. Die Insurrektion dauert fort. Die Erbitterung, mit der
Nr. 27, 27. Juni 1848.
Neue Rheinische Zeitung.
man sich von beiden Seiten schlägt, ist unbeschreiblich. General Cavaignac wendet die brutalsten Mittel an, um den Aufstand zu unterdrücken.
Er hat unter Anderm auf dem Quai Napoleon das große Kleidermagazin
à la belle Jardinière, wo 80 Insurgenten kämpften, in Trümmer geschossen, was in Paris unerhört ist. Ja er hat in derselben Gegend Brandraketen
auf die von den Insurgenten besetzten Häuser werfen lassen. Die Bourgeoisie zeigt sich in ihrem Todeskampfe unendlich brutaler als die Könige es
je thaten.
Die Bourgeoisie der Provinzen beweist, daß sie weiß, worum es sich 10
handelt. Die Nationalgarde von Amiens, von Rouen, von Havre und
andern Städten ist, theilweise mit Artillerie, angekommen, um „die Sache
der Ordnung“ zu vertheidigen.
Die Insurgenten, vom Journal des Débats auf 30 000 Mann taxirt, sind
in die östlichen Viertel der Stadt zurückgedrängt und von 60–80 000 15
Mann Bourgeoisgarde, Mobilgarde und Linie umzingelt.
Am Sonntag Nachmittag 4 Uhr war noch nichts entschieden. Der Diktator Cavaignac ließ seit zwei Tagen jeden Augenblick der Versammlung
mittheilen, in wenig Stunden werde er Herr des Aufstandes sein, aber er
hat bis jetzt sein Versprechen nicht erfüllt.
Das Ende des Kampfs ist noch nicht abzusehen. Der unmittelbare Sieg
des Volks ist zweifelhaft geworden, aber noch lange nicht verloren. Siegen
momentan die Bourgeois, dann wird der Klassenkampf eine andre,
fürchterliche Gestalt annehmen.
Nationalversammlung. Sitzung vom 25. Juni. (Morgens.) Präsident Sé- 25
nard eröffnet dieselbe um 10 Uhr mit der Erklärung, daß die ihm zugegangenen Berichte befriedigend lauteten. Die Nacht sei ruhig verflossen;
in den Vierteln, wo gestern der Widerstand am heftigsten gewesen, sei die
Ordnung hergestellt. Die Gegenden des linken Seineufers seien vollkommen ruhig geblieben. Die Patrouillen, welche die Gassen St. Jacques und
St. Marceau durchschritten, seien nicht überfallen worden. Die Barrieren
von Fontainebleau, Italie und Enfer seien von Linientruppen und Bürgerwehr besetzt. Eine Deputation angesehener Bürger des 12. Bezirks,
fuhr der Präsident fort, erschien heute früh bei mir, um mir anzuzeigen,
daß zwischen der Bürgerwehr und den Gemeindebehörden dieses Bezirks
(12. Arrondissement) wenig Einklang herrsche und daß sie um Abhülfe
bäten. Im Einverständniß mit dem General Cavaignac habe er die drei
Deputirten Vaulabelle, Fraussard und Deludre sofort dahin geschickt
und diese werden an Ort und Stelle die Bürgerwehr reorganisiren. Bezüglich der größeren Halbseite von Paris auf dem rechten Ufer erklärte
der Präsident, daß General Duvivier mit seinem starken Artilleriepark
und 14 Bataillonen Mobilgarde das Stadthaus besetzt halte und das Lamoricière die Faubourgs, Temple und Saint Antoine, im Schach halte. Es
herrsche Entmuthigung unter den Insurgenten; viele der Gefangenen hätten ausgesagt, daß man sie schrecklich getäuscht habe (Murren). Die
Nachrichten aus den Departements lauten günstig. Die Entrüstung sei
allgemein; alle Welt wolle der Pariser Bürgerschaft zu Hülfe eilen etc. etc.
Schließlich liest der Präsident einen Gesetzentwurf vor, der 3 Millionen
Franken als Almosen unter die 14 Bezirke des Seine-Departements vertheilt, den die Versammlung annimmt.
Die Sitzung bleibt suspendirt bis Mittag.
Um 12 Uhr ladet einer der Quästoren die Deputirten aus Havre und
Yvetot etc. ein, in den Vorhof zu erscheinen, um eine Revue über ihre
heimathlichen Bürgerkorps zu passiren, die in Paris angekommen. Dies
geschieht unter dem Ruf: Es lebe die Republik. Um 1 Uhr stattet der
Präsident der Versammlung neuen Bericht ab. Das linke Seineufer sei
ruhig. Auf der rechten verliere die Insurrektion mit jeder Stunde neues
Terrain. Die Barrikaden in der St. Antoinestraße seien genommen worden. (Bravo.) Arago versichert der Versammlung, daß der Postdienst regelmäßig gehe (die Auswärtigen mögen dies bescheinigen). Flocon erklärt, daß die Stadt 15 000 000 Kilogramm Mehl besitze, also auf einen
Monat proviantirt sei. (Sonderbarer Eindruck.) Er verlangt aber eine
Stundung für die am 23., 24. und 25. Juni fälligen Wechsel. Die Versammlung setzt die Verfallzeit auf den 28. courant fest. Die Sitzung wird
von Neuem aufgehoben.
Die Insurrektion hat noch ein weites Feld inne. Die Linientruppen und
auswärtigen Bürgerwehren umzingeln indessen dieselben nach Cavaignac’s Plan. (Bis vier Uhr Abends.)
Den Schluß der Sitzung der Nationalversammlung vom 24., so wie die
detaillirte Schilderung des Kampfes werden wir morgen geben.