Erste Tat der deutschen Nationalversammlung
zu Frankfurt
** Köln. Die deutsche Nationalversammlung hat sich endlich erhoben!
Nr. 23, 23. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
Sie hat endlich einen Beschluß von sofortiger praktischer Wirkung gefaßt, sie hat sich in dem östreichisch-italiänischen Krieg ins Mittel gelegt.
Und wie hat sie sich ins Mittel gelegt? Sie hat die Unabhängigkeit
Italiens proklamirt? Sie hat einen Courier nach Wien geschickt, mit dem
Befehl, daß Radetzky und Welden sich sofort hinter den Isonzo zurückziehen sollen? Sie hat eine Beglückwünschungs-Adresse an die mailänder
provisorische Regierung erlassen?
Keineswegs! Sie hat erklärt, daß sie jeden Angriff auf Triest als einen
Kriegsfall ansehen wird.
Das heißt: Die deutsche Nationalversammlung, im herzlichen Einverständniß mit dem Bundestage, erlaubt den Oestreichern, in Italien die
größten Brutalitäten zu begehen, zu plündern, zu morden, Brandraketen
in jede Stadt, in jedes Dorf zu schleudern (siehe unter Italien) und sich
dann sicher auf neutrales deutsches Bundesgebiet zurückzuziehen! Sie
erlaubt den Oestreichern, jeden Augenblick von deutschem Boden aus
die Lombardei mit Kroaten und Panduren zu überschwemmen, aber sie
will den Italiänern verbieten, die geschlagnen Oestreicher in ihre Schlupfwinkel zu verfolgen! Sie erlaubt den Oestreichern, von Triest aus Venedig
und die Mündungen der Piave, der Brenta, des Tagliamento zu blockiren;
aber jede Feindseligkeit gegen Triest wird den Italiänern untersagt!
Die deutsche Nationalversammlung konnte sich nicht feiger benehmen, als sie es durch diesen Beschluß gethan hat. Sie hat nicht den Muth,
den italiänischen Krieg offen zu sanktioniren. Sie hat noch viel weniger
den Muth, der östreichischen Regierung den Krieg zu untersagen. In
dieser Verlegenheit faßt sie – und noch dazu durch Acclamation, um
durch lautes Geschrei ihre geheime Angst zu übertäuben – den Beschluß
wegen Triest, der den Krieg gegen die italiänische Revolution der Form
nach weder billigt noch mißbilligt, der Sache nach aber ihn billigt.
Dieser Beschluß ist eine indirekte, und darum für eine Nation von 40
Millionen, wie die deutsche, doppelt schimpfliche Kriegserklärung an Italien.
Der Beschluß der Frankfurter Versammlung wird einen Sturm der Entrüstung in ganz Italien hervorrufen. Wenn die Italiäner noch etwas Stolz
und Energie aufzuwenden haben, so antworten sie durch ein Bombardement von Triest und durch einen Marsch an den Brenner.
Aber die Frankfurter Versammlung denkt und das französische Volk
lenkt. Venedig hat französische Hülfe angerufen; nach diesem Beschluß
werden die Franzosen wohl bald über die Alpen gehen, und dann dauerts 10
nicht lange, so haben wir sie am Rhein.
Ein Abgeordneter hat der Frankfurter Versammlung vorgeworfen, sie
feiere. Im Gegentheil. Sie hat schon so viel gearbeitet, daß wir einen
Krieg im Norden und einen im Süden haben, und daß ein Krieg im
Westen und einer im Osten unvermeidlich geworden. Wir werden uns in 15
der glücklichen Lage befinden, zu gleicher Zeit den Czar und die französische Republik, die Reaktion und die Revolution zu bekämpfen. Die
Versammlung hat dafür gesorgt, daß russische und französische, dänische
und italiänische Soldaten sich Rendezvous in der Frankfurter Paulskirche geben werden. Und man sagt, die Versammlung feiere?