** Köln, 17. Juni. Ein neues posensches Blutbad bereitet sich in Böhmen
Nr. 18, 18. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
vor. Die österreichische Soldateska hat die Möglichkeit eines friedlichen
Zusammenbleibens von Böhmen und Deutschland im czechischen Blute
erstickt.
Der Fürst Windisch-Grätz läßt auf dem Wyschehrad und Hradschin
Kanonen gegen Prag auffahren. Militär wird konzentrirt und ein Handstreich gegen den Slavenkongreß und die Czechen vorbereitet.
Das Volk erfährt diese Rüstungen. Es strömt vor die Wohnung des
Fürsten und verlangt Waffen. Sie werden ihm verweigert. Die Aufregung
steigt, die bewaffneten und unbewaffneten Massen wachsen. Da fällt ein
Schuß, aus einem dem Palast des Kommandanten gegenüberliegenden
Gasthof, und die Fürstin Windisch-Grätz sinkt tödtlich verwundet nieder. Auf der Stelle wird Befehl zum Angriff ertheilt, die Grenadiere rücken vor, das Volk wird zurückgedrängt. Aber überall erheben sich Barrikaden, und halten das Militär auf. Kanonen werden vorgefahren, mit
Kartätschen werden die Barrikaden zerschmettert. Das Blut fließt in
Strömen. Die ganze Nacht vom 12. auf den 13., und noch am 13. wird
gekämpft. Endlich gelingt es den Soldaten, die breiten Straßen zu nehmen und das Volk in die engeren Stadttheile zurückzudrängen wo keine
Artillerie angewandt werden kann.
So weit unsre neuesten Nachrichten. Es wird hinzugefügt, daß viele
Mitglieder des Slavenkongresses unter starker Bedeckung aus der Stadt
gewiesen seien. Hiernach hätte das Militär wenigstens theilweise gesiegt.
Der Aufstand mag endigen wie er will, ein Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Czechen bleibt jetzt die einzige mögliche Lösung.
Die Deutschen haben in ihrer Revolution die Sünden ihrer ganzen Vergangenheit zu büßen. Sie haben sie gebüßt in Italien. Sie haben sich in
Posen abermals den Fluch von ganz Polen aufgeladen. Und jetzt kommt
noch Böhmen dazu.
Die Franzosen haben sich, selbst da wo sie als Feinde kamen, Anerkennung und Sympathien zu erhalten gewußt. Die Deutschen werden
nirgend anerkannt, finden nirgends Sympathien. Selbst wo sie als großherzige Freiheitsapostel auftreten, stößt man sie mit bitterm Hohn zurück.
Und man hat Recht. Eine Nation, die sich in ihrer ganzen Vergangenheit zum Werkzeug der Unterdrückung gegen alle andern Nationen hat
gebrauchen lassen, eine solche Nation muß erst beweisen, daß sie wirklich revolutionirt ist. Sie muß es anders beweisen als durch ein paar halbe
Revolutionen, die kein anderes Resultat haben, als unter andern Gestal- 10
ten die alte Unentschiedenheit, Schwäche und Uneinigkeit fortbestehen
zu lassen; Revolutionen, bei denen ein Radetzky in Mailand, ein Colomb
und Steinäcker in Posen, ein Windisch-Grätz in Prag, ein Hüser in Mainz
bleibt, ganz als ob nichts vorgefallen.
Das revolutionirte Deutschland mußte sich, namentlich in Beziehung 15
auf die Nachbarvölker, von seiner ganzen Vergangenheit lossagen. Es
mußte zugleich mit seiner eigenen Freiheit die Freiheit der Völker proklamiren, die es bisher unterdrückt hatte.
Und was hat das revolutionirte Deutschland gethan? Es hat die alte
Unterdrückung Italiens, Polens und nun auch Böhmens durch die deut- 20
sche Soldateska vollständig ratifizirt. Kaunitz und Metternich sind vollständig gerechtfertigt.
Und da verlangen die Deutschen, die Czechen sollen ihnen vertrauen?
Und man verdenkt den Czechen, daß sie sich nicht an eine Nation
anschließen wollen, die, während sie sich selbst befreit, andere Nationen 25
unterdrückt und mißhandelt?
Man verdenkt es ihnen, daß sie eine Versammlung nicht beschicken
wollen, wie unsere trübselige, mattherzige, vor ihrer eignen Souverainität
zitternde frankfurter „Nationalversammlung“?
Man verdenkt es ihnen, daß sie sich von der impotenten österreichi- 30
schen Regierung lossagen, die in ihrer Rathlosigkeit und Lahmheit nur
dazusein scheint, um das Auseinanderfallen Oesterreichs, nicht zu verhindern oder wenigstens zu organisiren, sondern zu konstatiren? Einer
Regierung, die selbst zu schwach ist, Prag von den Kanonen und Soldaten eines Windischgrätz zu befreien?
Wer aber am meisten zu bedauern ist, das sind die tapfern Czechen
selbst. Mögen sie siegen oder geschlagen werden, ihr Untergang ist gewiß. Durch die vierhundertjährige Unterdrückung von Seiten der Deutschen, die jetzt in dem Prager Straßenkampf fortgesetzt wird, sind sie den
Russen in die Arme gejagt. In dem großen Kampfe zwischen dem Westen 40
und dem Osten Europa’s, der in sehr kurzer Zeit – vielleicht in einigen
Wochen – hereinbrechen wird, stellt ein unglückliches Verhängniß die
Czechen auf die Seite der Russen, auf die Seite des Despotismus gegen
die Revolution. Die Revolution wird siegen, und die Czechen werden die
Ersten sein, die von ihr erdrückt werden.
Die Schuld für diesen Untergang der Czechen tragen wieder die Deutschen. Es sind die Deutschen, die sie an Rußland verrathen haben.