** Köln, 10. Juni. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, die FelNr. 11, 11. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
der grünten, die Bäume blühten, und so weit es Leute gibt die den Dativ
mit dem Akkusativ verwechseln, bereitete man sich vor, den heiligen
Geist der Reaktion auf einen Tag über alle Lande auszugießen.
Der Augenblick ist gut gewählt. In Neapel ist es den Gardelieutenants
und Schweizer Landsknechten gelungen, die junge Freiheit im Blut des
Volks zu ersticken. In Frankreich legt eine Kapitalisten-Versammlung der
Republik den Knebel drakonischer Gesetze an und ernennt zum Kommandanten von Vincennes den General Perrot, der den 23. Februar am
Hôtel Guizot Feuer kommandirte. In England und Irland wirft man 10
Chartisten und Repealers massenweise ins Gefängniß, und sprengt unbewaffnete Meetings durch Dragoner auseinander. In Frankfurt setzt die
Nationalversammlung das vom seligen Bundestag vorgeschlagene und
vom Fünfziger Ausschuß zurückgewiesene Triumvirat jetzt selbst ein. In
Berlin siegt die Rechte Schlag auf Schlag durch Ueberzahl und Trom- 15
meln, und der Prinz von Preußen erklärt durch seinen Einzug in das
„Eigenthum der ganzen Nation“ die Revolution für null und nichtig.
In Rheinhessen konzentriren sich Truppen; rings um Frankfurt herum
lagern die Helden die im Seekreis an den republikanischen Freischaaren
sich ihre Sporen verdienten; Berlin ist cernirt, Breslau ist cernirt, und wie 20
es in der Rheinprovinz aussieht davon werden wir gleich sprechen.
Die Reaktion bereitet einen großen Schlag vor.
Während man sich in Schleswig schlägt, während Rußland drohende
Noten schickt, und dreimalhunderttausend Mann um Warschau zusammenzieht, wird Rheinpreußen mit Truppen überschwemmt, obwohl die 25
Bourgeois der pariser Kammer schon wieder „den Frieden um jeden
Preis“ proklamiren!
In Rheinpreußen, Mainz und Luxemburg stehen (nach der Deutschen
Zeitung) vierzehn ganze Infanterie-Regimenter (das 13., 15.*), 16., 17.,
25., 26., 27., 28., 30., 34., 35., 38., 39., 40.) d.h. ein Drittel der gesammten
preußischen Linien- und Garde-Infanterie (45 Regimenter). Ein Theil davon ist völlig auf Kriegsfuß, und die übrigen durch Einziehung des dritten Theils der Reserven verstärkt. Außerdem drei Ulanen-, zwei Husarenund ein Dragoner-Regiment, wozu noch in kurzer Zeit ein KürassierRegiment erwartet wird. Dazu der größte Theil der 7. und 8. ArtillerieBrigade, von denen wenigstens schon die Hälfte mobil gemacht (d.h. von
19 auf 121 Pferde per Fußbatterie oder von 2 auf 8 bespannte Geschütze
gebracht) worden ist. Für Luxemburg und Mainz ist außerdem eine dritte Kompagnie gebildet worden. Diese Truppen stehen in einem großen
Bogen von Köln und Bonn über Koblenz und Trier nach der französischen und luxemburgischen Gränze. Alle Festungen werden armirt, die
Gräben verpallisadirt, die Glacisbäume, theils ganz, theils in der Schußlinie der Kanonen rasirt.
Und wie sieht es hier in Köln aus?
Die Kölner Forts sind vollständig armirt. Die Bettungen werden gestreckt, die Scharten geschnitten, die Geschütze sind da und werden aufgefahren. Jeden Tag von Morgens 6 bis Abends 6 wird daran gearbeitet.
Die Geschütze sollen sogar Nachts, um alles Geräusch zu vermeiden, mit
umwickelten Rädern aus der Stadt gefahren worden sein.
Die Armirung der Ringmauer hat angefangen am Bayenthurm und ist
schon vorgerückt bis Bastion Nr. 6, d.h. bis zur Hälfte der Umwallung.
Auf Abschnitt I. sind schon 20 Geschütze aufgefahren.
Auf Bastion Nr. 2 (am Severinthor) stehen die Geschütze über dem
Thor. Sie brauchen nur umgedreht zu werden, um die Stadt zu beschießen.
Der beste Beweis, daß diese Bewaffnungen nur scheinbar gegen einen
äußern Feind, in der That aber gegen Köln selbst gerichtet sind, liegt
darin, daß hier die Bäume des Glacis überall stehen geblieben sind. Für
den Fall, daß die Truppen die Stadt verlassen und sich in die Forts werfen
müßten, sind dadurch die Kanonen des Stadtwalls nutzlos gemacht gegen
die Forts, während die Mörser, Haubitzen und Vierundzwanzigpfünder
der Forts keineswegs gehindert sind, Granaten und Bomben über die
Bäume weg in die Stadt zu werfen. Die Entfernung der Forts von der
Ringmauer beträgt nur 1400 Schritt und erlaubt den Forts, Bomben, die
bis zu 4000 Schritt fliegen, in jeden beliebigen Theil der Stadt hineinzuwerfen.
*)Nicht ganz richtig. Das 13. steht theilweise, das 15. ganz in Westphalen, kann aber mit der
Eisenbahn in wenig Stunden hier sein.
Jetzt die Maßregeln, die direkt gegen die Stadt gerichtet sind.
Das Zeughaus, dem Regierungsgebäude gegenüber, wird ausgeräumt.
Die Gewehre werden hübsch emballirt, so daß es nicht auffällt und in die
Forts gebracht.
In Gewehrkisten wird Artilleriemunition in die Stadt gebracht und in
den bombenfesten Kriegsmagazinen längs der Ringmauer deponirt.
Während wir dies schreiben, werden an die Artillerie Gewehre mit Bajonetten ausgetheilt, obwohl es bekannt ist, daß die Artillerie in Preußen
gar nicht darauf einexerzirt ist.
Die Infanterie liegt schon theilweise in den Forts. Ganz Köln weiß, 10
daß ihr vorgestern 5000 scharfe Patronen per Kompagnie ausgetheilt
wurden.
Folgende Dispositionen sind getroffen für den Fall eines Zusammenstoßes mit dem Volk.
Auf das erste Alarmzeichen rückt die 7. (Festungs-) Artillerie-Kom- 15
pagnie aus in die Forts.
Die Batterie Nro. 37 rückt dann ebenfalls vor die Stadt. Diese Batterie
ist schon vollständig „kriegsfeldmäßig“ ausgerüstet.
Die 5. und 8. Artilleriekompagnie bleibt vor der Hand in der Stadt.
Diese Kompagnien haben 20 Schuß in jedem Protzkasten.
Die Husaren kommen von Deutz nach Köln herüber.
Die Infanterie besetzt den Neumarkt, das Hahnenthor und Ehrenthor,
um den Rückzug aller Truppen aus der Stadt zu decken, und wirft sich
alsdann ebenfalls in die Forts.
Dazu bieten die höheren Offiziere Alles auf, um den Truppen einen 25
altpreußischen Haß gegen die neue Ordnung der Dinge beizubringen. Bei
der jetzigen Blüthe der Reaktion ist nichts leichter, als unter dem Vorwande einer Rede gegen die Wühler und Republikaner, die gehässigsten
Angriffe gegen die Revolution und gegen die konstitutionelle Monarchie
an den Mann zu bringen.
Dazu ist Köln nie ruhiger gewesen, als gerade in der letzten Zeit. Außer
einem unbedeutenden Auflauf vor dem Hause des Regierungspräsidenten
und einer Schlägerei auf dem Heumarkt, ist seit vier Wochen nichts vorgefallen, das auch nur die Bürgerwehr irgendwie alarmirt hätte. Alle diese
Maßregeln sind also gänzlich unprovocirt.
Wir wiederholen: Nach diesen sonst ganz unbegreiflichen Maßregeln,
nach den Truppenzusammenziehungen um Berlin und Breslau, die uns
durch Briefe bestätigt sind, nach der Ueberschwemmung der den Reaktionären so verhaßten Rheinprovinz mit Soldaten, können wir nicht daran zweifeln, daß die Reaktion einen allgemeinen großen Coup vorberei- 40
tet.
Der Ausbruch scheint hier in Köln auf den zweiten Pfingsttag festgesetzt zu sein. Das Gerücht wird geflissentlich verbreitet, daß es an diesem
Tage „losgehen“ werde. Man wird sich bemühen, einen kleinen Skandal
hervorzurufen, um dann sofort die Truppen agiren zu lassen, die Stadt
mit Beschießung zu bedrohen, die Bürgerwehr zu entwaffnen, die Hauptwühler einzusperren, kurz, uns nach Mainzer und Trierer Art zu mißhandeln.
Wir warnen die Kölner Arbeiter ernstlich vor dieser Falle, die die Reaktion ihnen stellt. Wir bitten sie dringend, der altpreußischen Partei
nicht den geringsten Vorwand zu geben, um Köln unter den Despotismus
der Kriegsgesetze zu stellen. Wir bitten sie, die beiden Pfingsttage ganz
besonders ruhig vorübergehen zu lassen, und dadurch den Reaktionären
ihren ganzen Plan zu vereiteln.
Geben wir der Reaktion Vorwand, uns anzugreifen, so sind wir verloren, so geht es uns wie den Mainzern. Zwingen wir sie, uns anzugreifen,
und wagt sie den Angriff wirklich, so werden die Kölner Gelegenheit
haben zu beweisen, daß auch sie keinen Augenblick anstehen, für die
Errungenschaften des 18. März Blut und Leben in die Schanze zu schlagen.
Nachschrift. So eben sind folgende Befehle ausgetheilt worden:
Für die beiden Pfingsttage fällt die Parole aus (während sie sonst mit
ganz besonderer Feierlichkeit ausgegeben wurde). Die Truppen bleiben in
den Kasernen konsignirt, wo den Offizieren die Parole mitgetheilt wird.
Die Festungs- und Handwerkskompagnieen der Artillerie, sowie die
Infanterie-Besatzung der Forts, erhalten von heute ab außer der gewöhnlichen Brotverpflegung täglich auf 4 Tage Brot voraus, sodaß sie stets auf
8 Tage verproviantirt sind.
Die Artillerie exerzirt schon heute Abend um 7 Uhr mit Gewehren.