Arrivabene – Die Presse – Details über die Übergabe
von Peschiera und über die Insurrektion
Turin, 31. Mai. Der bekannte Nationalökonom Arrivabene aus Mantua,
Nr. 10, 10. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
der sich bisher als politischer Flüchtling in Belgien aufhielt, ist auf seiner
Heimreise hier durchgekommen. Er wird sich der provisorischen Regierung in Mailand zur Verfügung stellen. (Concordia.)
* Die piemontesische Presse bietet jetzt die einschmeichelndsten Redensarten auf, um die Lombarden zum Anschluß an Piemont zu bewegen. Während sie über die Republikaner mit Verdächtigungen und Anklagen aller Art herfällt, wendet sie selbst sämmtliche republikanische
Schlagwörter an um das Königthum Karl Alberts als die beste Republik
hinzustellen. Man höre die Concordia von Turin:
„Die Rechte, deren Garantie ihr verlangt, o Lombarden, fassen sich
zusammen in der nationalen Souveränetät. Aber das Prinzip dieser Souveränetät triumphirt vollständig bei uns. Karl Albert, der Lombardei zu
Hülfe eilend, hat die Souveränetät der Nation stillschweigend und ausdrücklich anerkannt. Unsre Tapfern, die mit den Euren und allen Italiänern unter jenem Großherzigen kämpfen, sie kämpfen für die Fülle derselben Rechte welche Ihr in Anspruch nehmt.
Was fürchtet ihr denn? Ueberlaßt der konstituirenden Versammlung
die Art und Weise der Verwirklichung dieser Rechte. Es gibt keinen Weg
außer diesem um zur Gleichheit und zur Brüderlichkeit, diesen nothwendigen Elementen unsrer Verschmelzung zu gelangen. Die konstituirende
Versammlung muß das Ziel unserer Wünsche sein, unsre Parole, unser
Vereinigungsruf. Ueber sie hinaus ist das Chaos, die Entzweiung, die
Anarchie, das Unheil ...
O Lombarden, glaubt uns! Nur Unsre gränzenlose Sympathie für Euch
läßt uns so sprechen! Das Vertrauen ist jetzt die Grundlage unseres gegenseitigen Zusammenwirkens. Es vertrauen die starken Piemontesen, die
glühenden Ligurer vertrauen; vertraut also auch, o freie Lombarden!
Wenn unsere inneren Feinde das Haupt stolz erhüben, wenn der Moment
käme mißtrauisch und auf unserer Hut zu sein, wir schwören Euch, Brüder, wir würden mit derselben Freimüthigkeit Euch zurufen: Habt kein
Vertrauen! Seid auf Eurer Hut!“
* Mailand. Ueber die Insurrektion vom 29. gibt die Concordia einen
langen Bericht der die Sache halb den Republikanern, halb einer österreichisch-jesuitischen Partei Schuld gibt. Nach diesem Bericht hatte der
Aufstand sehr viel Aehnlichkeit mit dem Pariser vom 15. Mai. Das Volk
war unter dem Vorwande zusammengebracht worden, eine Demonstration für die von Karl Albert vor dem Anschluß zu gebenden Garantien 10
der Volksrechte zu machen. Ein gewisser Urbino stand an der Spitze der
eigentlichen Insurgenten, die mit Knitteln, Stockdegen, Dolchen und Pistolen bewaffnet waren. Man wollte die Regierung zur Unterschrift einer
Abdankungsakte zwingen und sodann eine neue Regierung proklamiren,
bestehend aus Urbino, Cernuschi, Cattaneo, Romani, Angelo, Bressani- 15
ni. Als die Regierung überrumpelt worden, schrie Urbino vom Balkon
herab: Die Regierung hat abgedankt! Aber das Volk schrie: Nein, nein!
Die wenigen Bürgergardisten der Wache suchten nun die Regierung zu
schützen und als die Menge sah, daß man sie weiter treiben wollte als sie
ursprünglich beabsichtigte, verlief sie sich allmählig. Mehrere Aufrührer 20
wurden sofort, andere, worunter Urbino, spät Abends verhaftet. Nach
dreistündigem Tumult war der Platz San Fedele und das dort liegende
Regierungs-Gebäude geräumt, und jetzt erst kamen 10 000 Mann Nationalgarde um der Regierung durch einen Vorbeimarsch ihr Vertrauen zu
bezeigen.
Die Concordia ist übrigens in dieser Angelegenheit parteiisch, doch ist
ihr Bericht von einem, gerade im Regierungspalast wachthabenden Augenzeugen geschrieben. Sie behauptet, hinter der ganzen Sache stecke
Mazzini, der sich aber weislich zurückgehalten habe. Mazzini hat jedoch
in seinem „Libero Italiano“ jede Theilnahme an dem Unternehmen ent- 30
schieden abgeläugnet.