** Köln, 9. Juni. Wie deutsche Blätter melden, hat Herr Camphausen vor
Nr. 10, 10. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
seinen Vereinbarern am 6. d. sein überströmendes Herz ausgeschüttet. Er
hielt „eine nicht sowohl glänzende als vielmehr dem innersten Herzquell
entströmende Rede, die an Paulus erinnert, wo er sagt: ,Und wenn ich mit
Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so
wäre ich ein tönend Erz!‘ Seine Rede war reich an jener heiligen Bewegung, die wir Liebe nennen – – sie sprach begeisternd zu Begeisterten, der
Beifall wollte nicht enden ... und eine längere Pause war nöthig, um
ihrem ganzen Eindruck sich hinzugeben und ihn in sich aufzunehmen.“
Und wer war der Held dieser herzquellentströmenden, liebevollen Rede? Wer war das Thema, das Hrn. Camphausen so begeisterte, daß er
begeisternd zu Begeisterten sprach? Wer der Aeneas dieser Aeneide vom
6. Juni?
Wer anders als der Prinz von Preußen!
Man lese nach in dem stenographischen Bericht, wie der dichterische
Conseilpräsident die Fahrten des modernen Anchisessohnes schildert;
wie er, als der Tag gekommen,
– wo die heilige Ilios hinsank,
Priamos auch und das Volk des lanzenkundigen Königs,
wie er nach dem Fall des junkerthümlichen Troja nach langen Irrfahrten
zu Wasser und zu Lande endlich an den Strand des modernen Karthago
geschlagen und von der Königin Dido freundschaftlichst empfangen
wurde; wie es ihm besser erging als Aeneas I., indem sich ein Camphausen fand, der Troja möglichst wieder herstellte und den heiligen „Rechtsboden“ wieder entdeckte; wie Camphausen seinen Aeneas endlich zu seinen Penaten heimkehren ließ und wie nun wieder Freude herrscht in
Troja’s Hallen. Alles das und zahllose dichterische Ausschmückungen
muß man lesen, um zu empfinden, was es heißt, wenn ein Begeisternder
zu Begeisterten spricht.
Dies ganze Epos dient übrigens dem Hrn. Camphausen nur zum Vorwand für einen Dithyrambus auf sich selbst und sein eigenes Ministerium. „Ja – ruft er aus – wir haben geglaubt, es entspreche dem Geiste der
konstitutionellen Verfassung, daß wir uns an die Stelle einer hohen Persönlichkeit setzten, daß wir uns als die Persönlichkeiten hinstellten, gegen
die alle Angriffe zu richten seien ... So ist es geschehen. Wir haben uns
als Schild vor die Dynastie gestellt und alle Gefahren und Angriffe auf
uns geleitet!“
Welch’ ein Kompliment für die „hohe Persönlichkeit“, welch’ ein
Kompliment für die „Dynastie“! Ohne Herrn Camphausen und seine 10
sechs Paladine war die Dynastie verloren. Für welch’ eine kräftige, welch’
eine „tief im Volk wurzelnde Dynastie“ muß Herr Camphausen das Haus
Hohenzollern halten, um so zu sprechen! Wahrlich hätte Herr Camphausen weniger „begeisternd zu Begeisterten“ gesprochen, wäre er weniger
„reich an jener heiligen Bewegung gewesen, die wir Liebe nennen“, oder 15
hätte er nur seinen Hansemann sprechen lassen, der sich mit dem „tönenden Erz“ begnügt, es wäre besser gewesen für die Dynastie!
„Allein meine Herren, ich spreche, dies nicht mit herausforderndem
Stolze, sondern mit der Demuth, die aus dem Bewußtsein entspringt, daß
die hohe Aufgabe, die Ihnen und uns gestellt ist, nur gelöst werden kann, 20
wenn der Geist der Milde und Versöhnung sich auch auf diese Versammlung herabsenkt, wenn wir neben Ihrer Gerechtigkeit auch Ihre Nachsicht finde!“
Herr Camphausen hat Recht, Milde und Nachsicht für sich von einer
Versammlung zu erbitten, die der Milde und Nachsicht des Publikums 25
selbst so sehr bedarf!