* Köln, 5. Juni. Berlin besitzt jetzt ebensogut sein Comité de sûreté généNr. 6, 6. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
rale wie Paris im Jahre 1793. Nur mit dem Unterschiede, daß der pariser
Ausschuß revolutionär war und der Berliner reaktionär ist. Nach einer in
Berlin erschienenen Bekanntmachung nämlich haben die „mit Aufrechthaltung der Ruhe“ beauftragten Behörden für nöthig befunden, sich „zu
einem gemeinsamen Zusammenwirken zu vereinigen.“ Sie haben deshalb
einen Sicherheits-Ausschuß ernannt, der in der Oberwallstraße seinen
Sitz aufgeschlagen hat. Diese neue Behörde ist folgendermaßen zusammengesetzt: 1. Präsident: der Direktor im Ministerium des Innern, Puttkammer; 2. der Kommandant und Ex-Befehlshaber der Bürgerwehr,
Aschoff; 3. Polizeipräsident Minutoli; 4. Staatsanwalt Temme; 5. Bürgermeister Naunyn und zwei Stadträthe; 6. der Vorsteher der Stadtverordneten und drei Stadtverordnete; 7. fünf Offiziere und zwei Männer
der Bürgerwehr. Dieser Ausschuß wird „von Allem was die öffentliche
Ruhe verletzt oder zu verletzen droht, Kenntniß nehmen und die Thatsachen einer allseitigen und gründlichen Erwägung unterwerfen. Mit
Umgehung der alten und unzulänglichen Mittel und Formen und mit
Vermeidung unnöthigen Schriftwechsels wird er die geeigneten Schritte
verabreden, und durch die verschiednen Kreise der Verwaltung eine
schleunige und energische Ausführung der nothwendigen Anordnungen
veranlassen. Durch ein solches gemeinsames Zusammenwirken kann nur
Schnelligkeit und Sicherheit, verbunden mit der erforderlichen Vorsicht,
in den unter den heutigen Zeitverhältnissen oft sehr schwierigen Geschäftsgang gebracht werden. Besonders aber wird die Bürgerwehr, welche den Schutz der Stadt auf sich genommen hat, in den Stand gesetzt
werden, den unter ihrem Beirathe gefaßten Beschlüssen der Obrigkeiten auf
Erfordern den gebührenden Nachdruck zu verschaffen. Mit vollem Vertrauen auf die Theilnahme und Mitwirkung aller Bewohner und besonders des ehrenhaften (!) Standes der Handwerker und (!) Arbeiter beginnen die Deputirten, frei von allen Partei-Ansichten und Bestrebungen, ihren mühevollen Beruf und hoffen denselben vorzugsweise auf dem friedfertigen Wege der Vermittlung zur Wohlfahrt Aller zu erfüllen.“
Die ölige, einschmeichelnde, demüthig-bittende Sprache läßt schon ahnen, daß hier ein Centrum für die reaktionäre Thätigkeit gebildet wird,
gegenüber dem revolutionären Volk von Berlin. Die Zusammensetzung
dieses Ausschusses erhebt dies zur Gewißheit. Da ist erstens Herr Puttkammer, derselbe, der sich als Polizeipräsident durch seine Ausweisungen
rühmlichst bekannt machte. Wie unter der büreaukratischen Monarchie: 10
keine hohe Behörde ohne wenigstens einen Puttkammer. Dann Herr
Aschoff, der wegen seiner Korporalsgrobheit und seiner reaktionären Intriguen der Bürgerwehr so verhaßt wurde, daß sie seine Entfernung beschloß. Er hat nun auch seine Stelle niedergelegt. Dann Hr. Minutoli, der
1846 das Vaterland in Posen gerettet, indem er die Verschwörung der 15
Polen entdeckte, und der neulich die Schriftsetzer auszuweisen drohte, als
sie wegen Lohndifferenzen feierten. Dann Repräsentanten zweier äußerst
reaktionär gewordenen Körperschaften des Magistrats und der Stadtverordneten, und endlich, unter den Offizieren der Bürgerwehr, der Hauptreaktionär Major Blesson. Wir hoffen, daß das berliner Volk sich von 20
diesem eigenmächtig konstituirten Reaktions-Ausschusse in keiner Weise
bevormunden lassen wird.
Uebrigens hat der Ausschuß seine reaktionäre Thätigkeit schon begonnen, indem er aufgefordert hat, von der auf gestern (Sonntag) angesagten Volksprozession nach dem Grabe der März-Gefallenen abzuste- 25
hen, weil dies eine Demonstration und Demonstrationen überhaupt vom
Uebel seien.