* Das Haus Bourbon ist noch nicht am Ziele seiner glorreichen Laufbahn
Nr. 1, 1. Juni 1848
Neue Rheinische Zeitung.
angelangt. Allerdings ist seine weiße Fahne in der letzten Zeit ziemlich
beschmutzt worden, allerdings ließen die welkenden Lilien ihre Häupter
kläglich genug hängen. Carl Ludwig von Bourbon verschacherte ein Herzogthum und mußte das zweite schimpflich verlassen; Ferdinand von
Bourbon verlor Sicilien und mußte in Neapel der Revolution eine Verfassung bewilligen; Ludwig Philipp, obwohl nur ein Kryptobourbon,
ging dennoch den Weg alles französisch-bourbonischen Fleisches über
den Canal nach England. Aber der neapolitanische Bourbon hat die Ehre
seiner Familie glänzend gerächt.
Die Kammern werden nach Neapel berufen. Der Eröffnungstag soll
zum entscheidenden Kampf gegen die Revolution benutzt werden, Campobasso, einer der Hauptpolizeichefs des berüchtigten Del Carretto, wird
in der Stille von Malta zurückberufen. Die Sbirren, ihre alten Anführer
an der Spitze, durchstreifen zum erstenmal seit langer Zeit die Toledo- 15
straße wieder, bewaffnet und in hellen Haufen; sie entwaffnen die Bürger,
reißen ihnen die Röcke ab, zwingen sie die Schnurrbärte abzuschneiden.
Der 14. Mai, Eröffnungstag der Kammern, kömmt heran. Der König
verlangt, die Kammern sollen sich eidlich verpflichten, an der von ihm
gegebenen Konstitution nichts zu ändern. Sie weigern sich. Die Natio- 20
nalgarde erklärt sich für die Deputirten. Man unterhandelt, der König
gibt nach, die Minister treten ab. Die Deputirten fordern, der König solle
die gemachte Konzession durch eine Ordonnanz proklamiren. Der König
verspricht diese Ordonnanz für den nächsten Tag. In der Nacht rücken
aber sämmtliche in der Umgegend stationirten Truppen nach Neapel hin- 25
ein. Die Nationalgarde merkt, daß sie verrathen ist; sie wirft Barrikaden
auf, und 5–6000 Mann stellen sich dahinter. Aber ihnen gegenüber stehen
20 000 Mann Soldaten, theils Neapolitaner, theils Schweizer, mit 18 Kanonen, zwischen Beiden einstweilen theilnahmslos stehen die 20 000 Lazzaroni Neapels.
Am 15. Morgens noch erklären die Schweizer, sie würden das Volk
nicht angreifen. Aber einer der Polizeiagenten, der sich unter das Volk
gemischt, schießt auf die Soldaten in der Strada de Toledo; sofort zieht
das Fort Sankt-Elmo die rothe Fahne auf – und die Soldaten stürzen bei
diesem Signal auf die Barrikaden los. Eine schauderhafte Metzelei beginnt; die Nationalgarden vertheidigen sich heldenmüthig gegen die vierfache Uebermacht, gegen die Kanonenschüsse der Soldaten; von Morgens 10 bis Mitternacht wird gekämpft; trotz der Uebermacht der
Soldateska hätte das Volk gesiegt, wenn nicht das elende Benehmen des
französischen Admirals Baudin die Lazzaroni bestimmt hätte sich der
Kgl. Partei anzuschließen.
Admiral Baudin lag mit einer ziemlich starken französischen Flotte vor
Neapel. Die einfache, aber rechtzeitige Drohung, Schloß und Forts zu
beschießen, hätte Ferdinand gezwungen nachzugeben. Aber Baudin, ein
alter Diener Ludwig Philipps, gewohnt, an die bisherige, nur geduldete
Existenz der französischen Flotte in den Zeiten der entente cordiale, Baudin hielt sich ruhig und entschied dadurch die schon dem Volk sich zuneigenden Lazzaroni zum Anschluß an die Truppen.
Durch diesen Schritt des Neapolitanischen Lumpenproletariats war die
Niederlage der Revolution entschieden. Schweizer-Garde, neapolitanische Linie, Lazzaroni, stürzten vereint über die Barrikadenkämpfer her.
Die Paläste der mit Kartätschen reingefegten Toledostraße krachten unter den Kanonenkugeln der Soldaten zusammen; die wüthende Bande der
Sieger stürzte sich in die Häuser, erstach die Männer, spießte die Kinder,
nothzüchtigte die Weiber, um sie alsdann zu ermorden, plünderte Alles
aus und überlieferte die verwüsteten Wohnungen den Flammen. Die Lazzaroni zeigten sich am habgierigsten, die Schweizer am brutalsten. Nicht
zu beschreiben sind die Niederträchtigkeiten, die Barbareien, die den Sieg
der vierfach stärkeren und wohlbewaffneten Bourbonischen Söldlinge
und der von jeher sanfedistischen Lazzaroni über die fast vernichtete
Nationalgarde Neapels begleiteten.
Endlich ward es selbst dem Admiral Baudin zu arg. Flüchtlinge über
Flüchtlinge kamen auf seine Schiffe und erzählten wie es in der Stadt
herging. Das französische Blut seiner Matrosen gerieth ins Kochen. Da
endlich, als der Sieg des Königs entschieden war, dachte er an Beschießung. Das Blutvergießen wurde allmählig eingestellt; man mordete nicht
mehr in den Straßen, man beschränkte sich auf Raub und Nothzucht;
aber die Gefangenen wurden in die Forts abgeführt und dort ohne Weiteres erschossen. Um Mitternacht war Alles beendigt, die absolute Herrschaft Ferdinands faktisch wiederhergestellt, die Ehre des Hauses Bourbon im italiänischen Blut rein gewaschen.
Das ist die neueste Heldenthat des Hauses Bourbon. Und, wie immer,
sind es die Schweizer die die Sache der Bourbonen gegen das Volk ausfechten. Am 10. August 1792, am 29. Juli 1830, in den neapolitanischen
Kämpfen von 1820, überall finden wir die Enkel Tells und Winkelrieds
als Landsknechte im Solde des Geschlechts, dessen Name in ganz Europa
seit Jahren gleich bedeutend worden ist mit dem der absoluten Monarchie. Jetzt hat das freilich bald ein Ende. Die civilisirteren Kantone haben
nach langem Herumzanken das Verbot der Militair-Kapitulationen 10
durchgesetzt; die stämmigen Söhne der freien Urschweiz werden darauf
verzichten müssen, neapolitanische Frauen mit Füßen zu treten, von dem
Raube empörter Städte zu schwelgen, und im Fall der Niederlage durch
thorwaldsen’sche Löwen verewigt zu werden, wie die Gefallenen des
10. August.
Das Haus Bourbon aber mag einstweilen wieder aufathmen. Die seit
dem 24. Februar wieder eingetretene Reaktion hat nirgend einen so entschiedenen Sieg davon getragen, als in Neapel; und gerade von Neapel
und Sizilien ging die erste der diesjährigen Revolutionen aus. Die revolutionaire Sturmfluth aber, die über das alte Europa hereingebrochen ist, 20
läßt sich nicht durch absolutistische Verschwörungen und Staatsstreiche
abdämmen. Mit der Contrerevolution vom 15. Mai hat Ferdinand von
Bourbon den Grundstein zur italienischen Republik gelegt. Schon steht
Calabrien in Flammen, in Palermo ist eine provisorische Regierung eingesetzt; die Abruzzen werden ebenfalls losbrechen, die Bewohner der 25
sämmtlichen ausgesogenen Provinzen werden auf Neapel ziehen und vereint mit dem Volk der Stadt Rache nehmen an dem königlichen Verräther
und seinen rohen Landsknechten. Und wenn Ferdinand fällt, so hat er
wenigstens die Genugthuung als echter Bourbon gelebt zu haben und
gefallen zu sein.