Du sollst nicht ehebrechen: Über dies Kapitel wäre viel zu sagen in
Beziehung auf die deutschen und andre Fürsten, aber erstens hat der alte
Vehse in seiner Geschichte der deutschen Höfe dies Kapitel hinreichend
ausgearbeitet. Die sämmtlichen 40 und einige Bände enthalten fast nichts als
fürstliche Ehebruchsgeschichten. Und dann fragt sichs, warum soll man
einem Fürsten ein verbotenes Vergnügen übel anrechnen, das sich jeder
Philister ungestraft und ungenirt erlaubt? Wenn es Kaiser gibt die ihren
Frauen die Syphilis angehängt haben (F[ranz] J[oseph] v. Oestr[eich]) so gibt
es Aristokraten, Bourgeois und selbst Kleinbürger genug, die sich gleicher
Heldenthat rühmen können. Und dann haben selbst vor der französischen
Revolution es lange nicht alle Fürsten so toll getrieben wie der alte Markgraf
von Baden Dürlach, der sich an hundertdreißig der schönsten Mädchen
zusammenraubte oder kaufte, sie in seinen Harem auf dem Bleiberg bei
Durlach einsperrte und dort ebenfalls einen Korporal hielt, der bei Widersetzlichkeit und sonstigen Disziplinarvergehen der Schönen ihnen die altbekannten 25 aufzählte.

Aber auch in dieser Beziehung machte der große Hohenzoller
Friedrich] II. eine rühmliche Ausnahme. Ein Mann, sagte er sich, kann die
Ehe brechen nur mit Hülfe einer Frau. Nehme ich also statt der Frau einen
Mann, so breche ich die Ehe nicht.

Verläumdung, schnöde Verläumdung, ruft der brave Preuße. Das hat der
infame gottlose Voltaire gelogen! — Hören wir.

Herr Dr. Anton Friedr.Büsching, „Kgl. preuß. Oberkonsistorialrath,
Direktor des Vereinigten berlinischen und kölnischen Gymnasiums und der
Schulen desselben" ließ 1790 in Hamburg eine Schrift drucken: Zuverlässige Beyträge zu der Regierungs-Geschichte Königs Fr. II von Preußen
etc welches Buch „ehrerbietig meinem gnädigen Herrn und Gönner" dem
Minister Frs. II und Friedrich] W[ilhelm]'s II Grafen Hertzberg gewidmet ist, also doch wohl nur Sachen enthalten dürfte die der Regierung angenehm waren. In einem historischen Anhang dieses Buches  ficht der

Herr Consistorialrath einen Strauß mit dem bekannten hannoverschen Arzt
Dr Zimmermann („Über die Einsamkeit") aus, und sagt da, S.20: „Ich habe
mich (in einer früheren Schrift) so kurz, vorsichtig und behutsam als möglich
ausgedrückt, als ich geschrieben: der König habe durch die Vermeidung des
Umganges mit Frauenzimmern viel sinnliches Vergnügen verloren, sich aber
dasselbe durch den Umgang mit Mannspersonen wieder verschaffet." Nein,
sagt Zimm., „die Ursach seines vertraulichen Umgangs mit gewissen
Mannspersonen" war eine andre — ihm fehlte ein Stück. Und nun läßt sich
der Konsistorialrath von dem Arzt der die Leiche des Königs gereinigt,
feierlich und unter höchlicher Entrüstung bescheinigen, daß in der Thatkein
Stück fehlte und es mit dem Umgang mit Mannspersonen also seine volle
Richtigkeit hat.

Wie früh und wie allgemein dieser Nicht-Ehebruch des Königs seiner Zeit
bekannt war, beweist nicht nur das satirische Gedicht auf ihn, das Choiseul
1759 an Voltaire sandte, und das mit den Worten schließt:

Peux-tu condamner la tendresse,
Toi, qui n'en as connu l'ivresse
Que dans les bras de tes tambours?

Ein früheres Beispiel vom Jahr 1745 lieferte Trenck's Memoiren I p.36.
„Ein Lieutenant von der Fußgarde, der zugleich ein öffentlicher Ganymedes
war, ... griff mich wegen meiner geheimen Liebe mit Stichelreden an. Ich
hieß ihn einen et cetera — wir griffen zum Degen und ich brachte ihm einen
Hieb im Gesichte an. Bei der Kirchenparade am erstfolgenden Sonntage
nach dieser Begebenheit sagte mir der König im Vorbeigehn: Herr, der
Donner und das Wetter wird ihm aufs Herz fahren, nehm Er sich in Acht!"

Als ächter Philosoph machte Friedrich Schule. Der König von Schweden, Gustav III, war sein Schwestersohn. Von ihm heißt es in einer von
Schlosser benutzten Handschrift eines schwedischen Grafen: „Sodomie
war bis auf ihn in Schweden unbekannt." (Schlosser, 18 Jhdt. 4. Aufl, III,
s. 1341

 Prinz Heinrich, der Bruder Fr's II scheint nicht minder gelehrig gewesen
zu sein. „Ich habe es erlebt, schreibt Mirabeau, Geheime Geschichte des
Berliner Hofs, deutsche Ausgabe von 1789 II, S.69, daß ein ehemaliger
Bedienter des Prinzen Heinrich, und nachher durch seine Kunst, der
Knabenliebe seines Herrn zu dienen, erst eine Art Günstling, nachher aber
Kanonikus in Magdeburg ward, wo der Prinz Probst ist."

Der Nachfolger Friedrichs, Fr. W.II, genirte sich schon weniger als sein
Onkel. Er nahm mit dem Mann zugleich die Frau in den Kauf. Mirabeau
a.a.O. II, S. 133, sagt: „Rietz (der Kammerdiener des Königs) der Geldschneider, Schalksnarr, und so ein niederträchtiger Kerl ist, daß der König,

als er noch Prinz v. Preußen war, ihnim Bette seiner Frau, die seine Mätresse
war, zum Ganymed brauchte", u. s. w.

Brechen wir hier ab, ohne für jetzt näher zu untersuchen ob nachfolgende
Hohenzollern die Ehe gebrochen oder nicht. Aber wie ungeschickt verfahren
doch unsre nationalliberalen Brauns, Kapps und Consorten! Sie können nicht
Zeter genug schreien über die ehebrecherische Lasterhaftigkeit der kleinen
deutschen Fürsten des 18 Jhdts. Sie können dagegen die Tugend des Hohenzollernstamms nicht genug in den Himmel erheben. Aber die Hauptsache
vergessen sie, die nämlich: daß wenigstens von Einem dieses Stamms, dem

größten, positiv feststeht daß er das Gebotunverbrüchlich gehalten: Du sollst

nicht ehebrechen.

Notabene. Damit Sie die Geschichte mit dem französischen Gedicht richtig
verstehn, hier das Detail: 1759, während des 7jährigen Kriegs,  als
Voltaire bei Genf auf schweizer Gebiet wohnte, erhielt er ein, unterwegs
erbrochnes Paket mit Manuscripten von Fr. II. Darunter eine Ode an die
Franzosen worin L[udwig] XV und die Pompadour angegriffen

Quoi, votre faible monarque
Jouet de la Pompadour,
Flétri par plus d'une marque
Des opprobres de l'amour etc

Nach Berathschlagung mit dem französischen Residenten in Genf schickte
Voltaire, um sich vor Verfolgung zu sichern, diese, Frédéric unterzeichnete
Ode an den französischen Minister des Auswärtigen, Herzog v. Choiseul.
Dieser schickte ihm dann jene Antwortsode zu, in der es hieß:

Jusque-là, censeur moins sauvage

Souffre l'innocent badinage

De la nature et des amours.

Peux-tu condamner la tendresse etc etc wie oben

Citirt bei Voltaire Mon séjour à Berlin, (wohlfeil zu haben in der Bibliothèque
Nationale, rue de Valois 2, Paris: Romans de Voltaire, vol. V. 1876: Histoire
de Jenni etc etc. Mon séjour à Berlin kostet 25 c.)

Wie wenig sich Fr. II aus der hier detaillirt erhobenen Anschuldigung der
Päderastie machte, geht aus folgendem hervor. Der Berliner Buchhändler,
der eine Anzahl Exemplare des Séjour à Berlin erhalten, ließ bei Fr. anfragen
was damit geschehen solle. Dieser antwortete, seinetwegen könne er das
Buch nur verkaufen, es sei ihm ganz recht wenn der Mann ein paar Thaler
damit verdiene (Schlosser, 18 Jhdt.) Dies war 1783, 5 Jahre nach Voltaires

Tod war das Ding erschienen.