Marx/Engels an August Bebel,
Wilhelm Liebknecht, Wilhelm Bracke u.a.
in Leipzig
(Zirkularbrief)!507
(Entwurf)

[London, 17./18. September 1879]

Lieber Bebel,

Die Beantwortung Ihres Briefs vom 20.Aug.% hat sich verzögert,
einerseits durch die verlängerte Abwesenheit von Marx!!#!, dann durch
einige Zwischenfälle: erst die Ankunft des Richterschen „Jahrbuchs* 182),
dann die von HJirsch] selbst!!,

Ich muß schließen, daß LiebknJ[echt] Ihnen meinen letzten Brief an ihn
nicht vorgelegt hat, obgleich ich ihm dies gradezu auftrug. Andernfalls
würden Sie mir sicher nicht dieselben Gründe vorgeführt haben, die Liebknecht geltend gemacht und auf die ich in jenem Brief bereits geantwortet!

Gehn wir nun die einzelnen Punkte durch, auf die es hier ankommt.

I. Die Verhandlungen mit C.Hirsch
Liebknecht fragt bei Hirsch an, ob dieser die Redaktion des in Zürich

neuzugründenden Parteiorgans!”?] übernehmen will. Hirsch wünscht Auskunft über die Fundierung des Blatts: welche Fonds zur Verfügung stehn
und wer sie liefert. Ersteres, um zu wissen, ob das Blatt nicht schon nach
ein paar Monaten erlöschen muß. Das andre, um sich zu vergewissern, wer
den Knopf auf dem Beutel und damit die schließliche Herrschaft über die
Haltung des Blatts behält. Liebknechts Antwort an Hirsch: „alles in Ordnung, wirst von Zürich das Weitere erfahren“ (Liebknecht an Hirsch],
28. Juli) kommt nicht an. Von Zürich aber kommt ein Brief Bernsteins an
Hirsch (24. Juli), worin B[ernstein] mitteilt, daß „man mit der Inszenierung
und Beaufsichtigung (des Blattes) uns beauftragt hat“. Es habe eine Besprechung „zwischen Vier[eck] und uns“ stattgefunden, worin man fand,

„daß Ihre Stellung durch die Differenzen, welche Sie als ‚Laternen‘-Mann

mit einzelnen Genossen gehabt, etwas erschwert werden. würde, doch halte
ich dies Bedenken für nicht sehr gewichtig*. Über die Fundierung kein
Wort.

Hirsch antwortet umgehend 26. Juli mit der Frage nach der materiellen
Situation des Blatts. Welche Genossen haben sich zur Deckung des Defizits
verpflichtet? Bis zu welchem Betrag und für wie lange Zeit? - Die Gehaltsfrage des Redakteurs spielt hierbei absolut keine Rolle, Hirsch will lediglich
wissen, ob „die Mittel gesichert sind, das Blatt mindestens ein Jahr lang zu
sichern“.

Bernstein antwortet 31. Juli: Ein etwaiges Defizit wird durch freiwillige
Beiträge gedeckt, deren einige (!) schon gezeichnet sind. Auf Hirschs Be-
'merkungen über die Haltung, die er dem Blatt zu geben denke, worüber
unten, erfolgen mißbilligende Bemerkungen und Vorschriften: „Darauf muß
die Aufsichtskommission um so mehr bestehn, als sie selbst wiederum unter
Kontrolle steht, d.h. verantwortlich ist. Über diese Punkte müßten Sie sich
also mit der Aufsichtskommission verständigen.“ Umgehende, womöglich
telegraphische Antwort erwünscht.

Also statt aller Antwort auf seine berechtigten Fragen erhält Hirsch die
Nachricht, daß er unter einer in Zürich sitzenden Aufsichtskommission redigieren soll, deren Ansichten von den seinigen sehr wesentlich abweichen
und deren Mitglieder ihm nicht einmal genannt werden!

Hirsch, mit vollem Recht entrüstet über diese Behandlung, zieht es vor,
sich mit den Leipzigern zu verständigen. Sein Brief vom 2.Aug. an Liebk[necht] muß Ihnen bekannt sein, da Hfirsch] ausdrücklich Mitteilung an
Sie und Viereck verlangte. Hirsch will sogar sich einer Züricher Aufsichtskommission insoweit unterwerfen, als diese der Redaktion soll schriftliche
Bemerkungen machen und die Entscheidung der Leipziger Kontrolikommission anrufen dürfen.

Liebkn[echt] inzwischen schreibt 28. Juli an Hirsch: „Natürlich ist das
Unternehmen fundiert, da die ganze Partei + (inklusive) Höchberg dahintersteht. Um die Details kümmre ich mich aber nicht.“

Auch der nächste Brief L[iebknecht]s enthält über die Fundierung wie-
.der nichts, dagegen die Versicherung, daß die Züricher Kommission keine
Redaktionskommission sei, sondern nur mit der Verwaltung und dem Finanziellen betraut. Noch am 14. Aug. schreibt Lfiebknecht] dasselbe an
mich und verlangt, wir sollen Hfirsch] zureden, daß er annimmt. Sie selbst
sind noch am 20. Äug. so wenig vom wahren Sachverhalt in Kenntnis ge-
‚setzt, daß Sie mir schreiben: „Er (Höchberg) hat bei der Redaktion des

Blattes nicht mehr Stimme als jeder andre bekannte Parteigenosse.“

Endlich erhält Hirsch einen Brief von Viereck], 11.Aug., worin zugegeben wird, daß „die 3 in Zürich Domizilierten als Redaktionskommission
die Gründung des Blattes in Angriff nehmen und unter Zustimmung der
3 Leipziger einen Redakteur auswählen sollten ... soviel mir erinnerlich,
war in den mitgeteilten Beschlüssen auch ausgesprochen, daß das zu 2 erwähnte (Züricher) Gründungskomitee sowohl die politische wie die finanzielle
Verantwortlichkeit der Partei gegenüber übernehmen sollten... Aus diesem
Sachverhalt scheint sich nun für mich zu ergeben, daß ... ohne Mitwirkung
der 3 in Zürich Domizilierten und von der Partei mit der Begründung Beauftragten an eine Übernahme der Redaktion nicht gedacht werden kann.“

Hier hatte nun Hirsch endlich wenigstens etwas Bestimmtes, wenn auch
nur über die Stellung des Redakteurs zu den Zürichern. Sie sind eine
Redaktionskommission; sie haben auch die politische Verantwortlichkeit;
ohne ihre Mitwirkung kann keine Redaktion übernommen werden. Kurz,
Hirsch wird einfach darauf hingewiesen, sich mit den 3 Leuten in Zürich
zu verständigen, deren Namen ihm noch immer nicht angegeben sind.

Damit aber die Konfusion vollständig werde, schreibt Liebknfecht] eine
Nachschrift unter den Brief Vierecks: „Soeben war Slinger] aus Blerlin]
hier und berichtete: Die Aufsichtskommission in Zürich ist nicht, wie VJiereck] meint, eine Redaktionskommission, sondern wesentlich Verwaltungskommission, die der Partei, d.i. uns gegenüber für das Blatt finanziell verantwortlich ist; natürlich haben die Mitglieder auch das Recht und die
Pflicht, sich mit Dir über die Redaktion zu besprechen (ein Recht und eine
Pflicht, die beiläufig jeder Parteigenosse hat); Dich unter Kuratel zu stellen,
sind sie nicht befugt.“

Die drei Züricher und ein Leipziger Ausschußmitglied - das einzige, das
bei den Verhandlungen zugegen gewesen - bestehn darauf, daß H]irsch]
unter amtlicher Direktion der Züricher stehn soll, ein zweites Leipziger
Mitglied leugnet dies gradezu. Und da soll Hirsch sich entscheiden, ehe
die Herren unter sich einig sind? Daß Hirsch berechtigt war, Kenntnis zu
nehmen von den gefaßten Beschlüssen, die die Bedingungen enthielten,
denen zu unterwerfen ihm zugemutet wurde, daran wurde um so weniger
gedacht, als es den Leipzigern nicht einmal einzufallen schien, selbst von
jenen Beschlüssen authentische Kenntnis zu nehmen. Wie war sonst obiger
Widerspruch möglich?

Wenn die Leipziger nicht einig werden können über die den Zürichern
übertragnen Befugnisse, so sind die Züricher darüber vollständig im klaren.

Schramm an Hirsch, 14.Aug.: „Hätten Sie nun nicht seinerzeit geschrieben, Sie würden im gleichen Falle“ (wie der Kaysersche!!?") „wieder

ebenso vorgehn und damit eine gleiche Schreibweise in Aussicht gestellt,
dann würden wir kein Wort darüber verlieren. So aber müssen wir uns,
dieser Ihrer Erklärung gegenüber, das Recht vorbehalten, über Aufnahme
von Artikeln in das neue Blatt ein entscheidendes Votum abzugeben.“

Der Brief an Bernstein, in dem Hirsch dies gesagt haben soll, ist vom
26. Juli, lange nach der Konferenz in Zürich, auf der die Vollmachten der
3 Züricher festgestellt worden waren. Man schwelgt aber in Zürich schon
so sehr im Gefühl seiner bürokratischen Machtvollkommenheit, daß man
auf diesen späteren Brief Hirschs bereits die neue Befugnis beansprucht,

. über die Aufnahme der Artikel zu entscheiden. Die Redaktionskommission
ist bereits ..eine Zensurkommission.

Erst als Höchberg nach Paris kam, erfuhr Hirsch von ihm die Namen der
Mitglieder der beiden Kommissionen.

Wenn also die Unterhandlungen mit Hirsch sich zerschlugen, woran lag
es?

l. an der hartnäckigen Weigerung sowohl der Leipziger wie der Züricher,
ihm irgend etwas Tatsächliches mitzuteilen über die finanziellen Grundlagen und damit über die Möglichkeit, das Blatt am Leben zu erhalten,
wenn auch nur für ein Jahr. Die gezeichnete Summe hat er erst von mir
hier (nach Ihrer Mitteilung an mich) erfahren. Es war also kaum möglich,
aus den früher gemachten Mitteilungen (die Partei + Hjöchberg]) einen
andern Schluß zu ziehn als den, daß das Blatt entweder schon jetzt vorwiegend von Höchberg fundiert sei oder doch bald ganz von seinen Zuschüssen abhängen werde. Und diese letztere Möglichkeit ist auch jetzt
lange nicht ausgeschlossen. Die Summe von - wenn ich recht lese - 800 Mark
ist genau dieselbe (40 Pfd.St.), die der hiesige Verein?! der „Freiheit“ im
ersten Halbjahr hat zusetzen müssen.

2. die wiederholte, seitdem als total unrichtig erwiesene Versicherung
Liebkn[echt]s, die Züricher hätten die Redaktion gar nicht amtlich zu kontrollieren und die daraus erwachsene Komödie der Irrungen;

3. die endlich erlangte Gewißheit, daß die Züricher die Redaktion nicht
nur zu kontrollieren, sondern selbst zu zensieren hätten, und daß ihm,
Hirsch, dabei nur die Rolle des Strohmanns zufalle.

Daß er daraufhin ablehnte, darin können wir ihm nur recht geben. Die
Leipziger Kommission, wie wir hören von HJöch]bfer]g?, ist noch durch 2
nicht am Ort wohnende Mitglieder verstärkt worden, kann also nur dann
rasch einschreiten, wenn die 3 Leipziger einig sind. Dadurch wird der

2 mit Bleistift zugefügt: von Hbg.

wirkliche Schwerpunkt vollends nach Zürich verlegt, und mit den dortigen
würde Hirsch ebensowenig wie irgendein andrer wirklich revolutionär und
proletarisch gesinnter Redakteur auf die Dauer haben arbeiten können.
Darüber später.

II. Die beabsichtigte Haltung des Blattes
Gleich am 24. Juli benachrichtigt Bernstein den Hirsch, die Differenzen,

die er als „Laternen“-Mann mit einzelnen Genossen gehabt, würden seine
Stellung erschweren.

Hirsch antwortet, die Haltung des Blattes werde seines Erachtens im allgemeinen dieselbe sein müssen wie die der „Laterne“, d.h. eine solche, die
in der Schweiz Prozesse vermeidet und in Deutschland nicht unnötig erschreckt. Er fragt, wer jene Genossen seien und fährt fort: „Ich kenne nur
einen, und ich verspreche Ihnen, daß ich diesen im gleichen Fall disziplinwidrigen Benehmens genau wieder so behandeln werde.“

Darauf antwortet Bernstein im Gefühl seiner neuen amtlichen Zensorwürde: „Was nun die Haltung des Blatts betrifft, so ist die Ansicht der Aufsichtskommission allerdings die, daß die ‚Laterne‘ nicht als Vorbild gelten
soll, das Blatt soll unsrer Ansicht nach weniger in politischem Radikalismus
aufgehn, als prinzipiell sozialistisch gehalten sein. Fälle wie die Attacke
gegen Kayser, die von allen Genossen ohne Ausnahme (!) gemißbilligt
wurde, müssen unter allen Umständen vermieden werden.“

Und so weiter, und so weiter. Liebknecht nennt den Angriff gegen
Kayser „einen Bock“, und Schramm hält ihn für so gefährlich, daß er
daraufhin die Zensur über Hirsch verhängt.

Hirsch schreibt nochmals an Höchberg, ein Fall wie der Kaysersche
„kann nicht vorkommen, wenn ein offizielles Parteiorgan existiert, dessen
klare Darlegungen und wohlmeinende Winke ein Abgeordneter nicht so
dreist in den Wind schlagen kann“.

Auch Viereck schreibt, dem neuen Blatt sei „leidenschaftslose Haltung
und tunlichstes Ignorieren aller vorgekommenen Differenzen ... vorgeschrieben“, es solle keine „vergrößerte ‚Laterne‘“ sein, und Bernstein
„könnte man höchstens vorwerfen, daß er zu gemäßigter Richtung ist,
wenn das in einer Zeit, wo wir doch nicht mit voller Flagge segeln können,
ein Vorwurf ist“.

Was ist nun dieser Fall Kayser!120, dies unverzeihliche Verbrechen, das
Hirsch begangen haben soll? Kayser spricht und stimmt im Reichstag, der
einzige unter den sozialdemokratischen Abgeordneten, für Schutzzölle.
Hirsch klagt ihn an, die Parteidisziplin verletzt zu haben, indem Kjayser]

l. für indirekte Steuern stimmt, deren Abschaffung das Parteiprogramm
ausdrücklich verlangt;

2. dem Bismarck Geld bewilligt und damit die erste Grundregel aller
unsrer Parteitaktik verletzt: Dieser Regierung keinen Heller.

In beiden Punkten hat Hirsch unleugbar recht. Und nachdem Kayser
einerseits das Parteiprogramm, auf das ja die Abgeordneten durch Kongreßbeschluß sozusagen vereidigt worden, und andrerseits die unabweisbarste,
allererste Grundregel der Parteitaktik mit Füßen getreten, Bismarck zum.
Dank für das Sozialistengesetz!"°"! Geld votiert, hatte Hirsch ebenfalls, unsrer Ansicht nach, vollkommen recht, so derb auf ihn loszuschlagen, wie er
tat.

. Wir haben nie begreifen können, wieso man sich in Deutschland so gewaltig über diesen Angriff auf Kayser hat erbosen können. Jetzt erzählt mir
Höchberg?, die „Fraktion“ habe Kayser die Erlaubnis zu seinem Auftreten
erteilt, und durch diese Erlaubnis halte man Kayser] für gedeckt.

Wenn sich das so verhält, so ist das doch etwas stark. Zunächst konnte

‚ Hirsch von diesem geheimen Beschluß ebensowenig etwas wissen wie die
übrige Welt.* Sodann wird die Blamage für die Partei, die früher auf
Kayser] allein abgewälzt werden konnte, durch diese Geschichte nur noch
größer, und ebenso das Verdienst Hirschs, offen und vor aller Welt diese
abgeschmackten Redensarten und noch abgeschmacktere Abstimmung
Kaysers bloßgelegt und damit die Parteiehre gerettet zu haben. Oder. ist die
deutsche Sozialdemokratie in der Tat von der parlamentarischen Krankheit
angesteckt und glaubt, mit der Volkswahl werde der heilige Geist über die
Gewählten ausgegossen, die Fraktionssitzungen in unfehlbare Konzilien,
Fraktionsbeschlüsse in unantastbare Dogmen verwandelt?

Ein Bock ist allerdings geschossen, nicht aber von Hirsch, sondern von
den Abgeordneten, die den Kayser mit ihrem Beschluß deckten. Und wenn
diejenigen, die vor allem auf Aufrechthaltung der Parteidisziplin zu achten
berufen sind, diese Parteidisziplin selbst durch einen ‚solchen Beschluß so
eklatant brechen, so das ist um so schlimmer. Noch schlimmer aber, wenn
man sich bis zu dem Glauben versteigt, nicht Kayser durch seine Rede und
Abstimmung, und die andern Abgeordneten durch ihren Beschluß hätten

sozialdemokratische Abgeordnete (denn mehr waren schwerlich da) hätten sich verleiten
lassen, dem Klayser] zu erlauben, seine Abgeschmacktheiten vor aller Welt herzusagen und
Bismarck Geld zu bewilligen; so waren sie verpflichtet, die Verantwortlichkeit dafür öffentlich
auf sich zu nehmen und abzuwarten, was Hirsch dann sagen. würde.

die Parteidisziplin verletzt, sondern Hirsch, indem er trotz dieses ihm noch
dazu unbekannten Beschlusses den Kayser angriff.

Es ist übrigens sicher, daß die Partei in der Schutzzollfrage dieselbe unklare und unentschiedne Haltung eingenommen hat wie bisher in fast allen
praktisch gewordenen ökonomischen Fragen, z.B. bei den Reichseisenbahnen’. Das kommt daher, daß die Parteiorgane, namentlich das „Vorwärts“, statt diese Fragen gründlich zu diskutieren, sich mit Vorliebe auf
die Konstruktion der zukünftigen Gesellschaftsordnung gelegt haben. Als
die Schutzzollfrage nach dem Sozialistengesetz plötzlich praktisch wurde,
gingen die Ansichten in den verschiedensten Schattierungen auseinander,
und es war nicht ein einziger am Platz, der zur Bildung eines klaren und
richtigen Urteils die Vorbedingung besaß: Kenntnis der Verhältnisse der
deutschen Industrie und ihrer Stellung auf dem Weltmarkt. Bei den Wählern konnten dann hie und da schutzzöllnerische Strömungen auch nicht
ausbleiben, diese wollte man doch auch berücksichtigen. Der einzige Weg,
aus dieser Verwirrung herauszukommen, indem man die Frage rein politisch auffaßte (wie in der „Laterne“ geschah), wurde nicht entschieden eingeschlagen. So konnte es nicht fehlen, daß die Partei in dieser Debatte zum
erstenmal zaudernd, unsicher und unklar auftrat und schließlich durch und
mit Kayser sich gründlich blamierte.

Der Angriff auf Kayser wird nun zum Anlaß genommen, um Hirsch in
allen Tonarten vorzupredigen, das neue Blatt solle die Exzesse der „Laterne“
keineswegs nachahmen, solle weniger in politischem Radikalismus aufgehn,
als prinzipiell sozialistisch und leidenschaftslos gehalten werden. Und zwar
von Viereck nicht weniger als von Bernstein, der jenem grade deshalb, weil
‚er zu gemäßigt ist, als der rechte Mann erscheint, weil man doch jetzt nicht
mit voller Flagge segeln kann. .

Aber warum geht man denn überhaupt ins Ausland, als um mit voller
Flagge zu segeln? Im Ausland steht dem nichts entgegen. In der Schweiz
existieren die deutschen Preß-, Vereins- und Strafgesetze nicht. Man kann
dort also nicht nur diejenigen Dinge sagen, die man zu Hause schon vor
dem Sozialistengesetz wegen der gewöhnlichen deutschen Gesetze nicht
sagen konnte, man ist auch verpflichtet dazu. Denn hier steht man nicht
bloß vor Deutschland, sondern vor Europa, und hat die Pflicht, soweit die
‚Schweizer Gesetze erlauben, Europa gegenüber die Wege und Ziele der
deutschen Partei unverhohlen darzulegen. Wer sich in der Schweiz an
deutsche Gesetze binden wollte, bewiese eben nur, daß er dieser deutschen

Gesetze würdig ist undin der Tat nichts zu sagen hat, als was in Deutschland
vor dem Ausnahmsgesetz zu sagen erlaubt war. Auch auf die Möglichkeit,
der Redaktion die Rückkehr nach Deutschland temporär abzuschneiden,
darf keine Rücksicht genommen werden. Wer nicht bereit ist, das zu riskieren, gehört nicht auf einen so exponierten Ehrenposten.

Noch mehr. Die deutsche Partei ist mit dem Ausnahmsgesetz in Bann
und Acht getan worden, grade ieil sie die einzige ernsthafte Oppositionspartei in Deutschland war. Wenn sie in einem auswärtigen Organ Bismarck
ihren Dank damit abstattet, daß sie diese Rolle der einzigen ernsthaften
Oppositionspartei aufgibt, daß sie hübsch zahm auftritt, den Fußtritt mit
leidenschaftsloser Haltung hinnimmt, so beweist sie nur, daß sie des Fußtritts wert war. Von allen deutschen Emigrationsblättern, die seit 1830 im
Ausland erschienen, ist die „Laterne“ sicher eins der gemäßigtsten. Wenn
aber die „Laterne“ schon zu frech war - dann kann das neue Organ die
Partei vor den Gesinnungsgenossen der nichtdeutschen Länder nur kompromittieren.

III. Das Manifest der drei Züricher

Inzwischen ist uns das Höchbergsche „Jahrbuch“ zugekommen und
enthält einen Artikel: „Rückblicke auf die sozialistische Bewegung in
Deutschland“, der, wie Höchberg selbst mir gesagt, verfaßt ist grade von
den drei Mitgliedern der Züricher Kommission, Hier haben wir ihre authentische Kritik der bisherigen Bewegung und damit ihr authentisches Programm für die Haltung des neuen Organs, soweit diese von ihnen abhängt.

Gleich von vornherein heißt es:

„Die Bewegung, welche Lassalle als eine eminent politische ansah, zu
welcher er nicht nur die Arbeiter, sondern alle ehrlichen Demokraten aufrief,
an deren Spitze die unabhängigen Vertreter der Wissenschaft und alle von
wahrer Menschenliebe erfüllten Männer marschieren sollten, verflachte sich
unter dem Präsidium J.B. v. Schweitzers zu einem einseitigen Interessenkampf
der Industriearbeiter.“

Ich untersuche nicht, ob und wieweit dies geschichtlich sich so verhält.
Der spezielle Vorwurf, der Schweitzer hier gemacht wird, besteht darin, daß
Schweitzer den Lassalleanismus, der hier als eine bürgerlich demokratischphilanthropische Bewegung aufgefaßt wird, zu einem einseitigen Interessenkampf der Industriearbeiter verflacht habe, verflacht, indem er* ihren

$ die letzten fünf Zeilen stehen anstelle des folgenden, in der Handschrift gestrichenen
Passus: Schweitzer war ein großer Lump, aber ein sehr talentvoller Kopf. (Sein Verdienst

Charakter als Klassenkampf der Industriearbeiter:gegen die Bourgeoisie
vertiefte. Ferner wird ihm vorgeworfen seine „Zurückweisung der bürgerlichen Demokratie“. Was.denn hat die bürgerliche Demokratie in der sozialdemokratischen Partei zu schaffen? Wenn sie aus „ehrlichen Männern“ besteht, kann sie gar nicht eintreten wollen und wenn sie dennoch eintreten
will, dann doch nur, um zu stänkern.

Die Lassallesche Partei „zog vor, sich in einseitigster Weise als Arbeiterpartei zu gerieren“. Die Herren, die das schreiben, sind selbst Mitglieder
einer Partei, die sich in einseitigster Weise als Arbeiterpartei geriert, sie bekleiden jetzt Amt und Würden in ihr. Es liegt hier eine absolute Unverträglichkeit vor. Meinen sie, was sie schreiben, so müssen sie aus der Partei austreten, mindestens Amt und Würderi niederlegen. Tun sie es nicht, so gestehn sie damit ein, daß sie ihre amtliche Stellung zu benutzen gedenken, um
den proletarischen Charakter der Partei zu bekämpfen. Die Partei also verrät sich selbst, wenn sie sie in Amt und Würden läßt.

Die sozialdemokratische Partei soll also nach Ansicht dieser Herren keine
einseitige Arbeiterpartei sein, sondern eine allseitige Partei „aller von wahrer Menschenliebe erfüllten Männer“. Vor allem soll sie dies beweisen, indem sie die rohen Proletarierleidenschaften ablegt und sich „zur Bildung
eines guten Geschmacks“ und „zur Erlernung des guten Tons“ (S.85) unter
die Leitung von gebildeten philanthropischen Bourgeois stellt. Dann wird
auch das „verlumpte Auftreten“ mancher Führer einem wohlehrbaren
„bürgerlichen Auftreten“ weichen. (Als ob das äußerlich verlumpte Auftreten der hier Gemeinten nicht noch das Geringste wäre, das man ihnen
vorwerfen kann!) Dann auch werden sich „zahlreiche Anhänger aus den
Kreisen der gebildeten und besitzenden Klassen einfinden. Diese aber müssen

bestand grade darin, daß er den ursprünglichen engen Lassalleanismus mit seiner beschränkten Staatshülfe-Panacee durchbrach.> Was er auch aus korrupten Motiven verschuldet hat
und wie sehr er auch zur Erhaltung seiner Herrschaft an der Lassalleschen Panacee von der
Staatshülfe festhielt, so hat er doch das Verdienst, den ursprünglichen engen Lassalleanismus.
durchbrochen, den ökonomischen Gesichtskreis der Partei erweitert und damit ihr späteres
Aufgehn in die deutsche Gesamtparteil?2] vorbereitet zu haben. Der Klassenkampf zwischen
Proletariat und Bourgeoisie, dieser Angelpunkt alles revolutionären Sozialismus, war schon
von Lassalle gepredigt worden. Wenn Schweitzer diesen Punkt noch schärfer betonte, so war
das in der Sache selbst jedenfalls ein Fortschritt, wie sehr er auch sich daraus einen Vorwand
geschmiedet haben mag, seiner Diktatur gefährliche Personen zu verdächtigen. Ganz richtig
ist, daß er den Lassalleanismus zu einem einseitigen Interessenkampf der Industriearbeiter
machte. Aber nur darum einseitig, weil er aus Gründen politischer Korruption von dem
Interessenkampf der Landarbeiter gegen den großen Grundbesitz nichts wissen wollte. Nicht.
das ist es, was ihm hier vorgeworfen wird, die „Verflachung“ besteht darin, daß er

erst gewonnen werden, wenn die ... betriebne Asitation greifbare Erfolge
erreichen soll“. Der deutsche Sozialismus hat „zuviel Wert auf die Gewinnung der Massen gelegt und dabei versäumt, in den sog. oberen Schichten der Gesellschaft energische (!) Propaganda zu machen“. Denn „noch
fehlt es der. Partei an Männern, welche dieselbe im Reichstag zu vertreten
geeignet sind“. Es ist aber „wünschenswert und notwendig, die Mandate
Männern anzuvertrauen, die Gelegenheit und Zeit genug gehabt haben,
sich mit den einschlagenden Materien gründlich vertraut zu machen. Der
einfache Arbeiter und Kleinmeister ... hat dazu nur in seltnen Ausnahmsfällen die nötige Muße.“ Wählt also Bourgeois!

Kurz: die Arbeiterklasse aus sich selbst ist unfähig, sich zu befreien.
Dazu muß sie unter die Leitung „gebildeter und besitzender“ Bourgeois
treten, die allein „Gelegenheit und Zeit haben“, sich mit dem vertraut zu
machen, was den Arbeitern frommt. Und zweitens ist die Bourgeoisie beileibe nicht zu bekämpfen, sondern durch energische Propaganda - zu gewinnen.

Wenn man aber die oberen Schichten der Gesellschaft oder nur ihre
wohlmeinenden Elemente gewinnen will, so darf man sie beileibe nicht er-.
schrecken. Und da glauben die drei Züricher, eine beruhigende Entdeckung
gemacht zu haben:

„Die Partei zeigt grade jetzt unter Pe Druck des Sozialistengesetzes,
daß sie nicht gewillt ist, den Weg der gewaltsamen, blutigen Revolution
zu gehn, sondern entschlossen ist..., den Weg der Gesetzlichkeit, d.h. der
Reform zu beschreiten.“ Also wenn die 5-600 000 sozialdemokratischen
Wähler, 3/0 bis 1/, der gesamten Wählerschaft, dazu zerstreut über .das
ganze weite Land, so vernünftig sind, nicht mit dem Kopf gegen die Wand
zu rennen, und einer gegen zehn eine „blutige Revolution“ zu versuchen,
so beweist das, daß sie sich auch für alle Zukunft verbieten, ein gewaltiges
auswärtiges Ereignis, eine dadurch hervorgerufne plötzliche revolutionäre
Aufwallung, ja einen in daraus entstandner Kollision erfochtnen Sieg des
Volks zu benutzen! Wenn Berlin wieder einmal so ungebildet sein sollte, .
einen 18.März zu machen!!, so müssen die Sozialdemokraten, statt als
„barrikadensüchtige Lumpe“ (S.88) am Kampf teilzunehmen, vielmehr
den „Weg der Gesetzlichkeit beschreiten“, abwiegeln, die Barrikaden wegräumen und nötigenfalls’ mit dem herrlichen Kriegsheer gegen die einseitigen, rohen, ungebildeten Massen marschieren. Oder wenn die Herren
behaupten, das hätten sie nicht so gemeint, was haben sie dann gemeint?

? in der Handschrift: nötigenfalls und.

Es kommt noch besser.

„Je ruhiger, sachlicher, übedegter sie“ (die Partei) ERS in ihrer Kritik
der bestehenden Zustände und in ihren Vorschlägen zur Abänderung derselben auftritt, um so weniger kann der jetzt“ (bei Einführung des Sozia-
“ listengesetzes) „gelungene Schachzug wiederholt werden, mit dem die bewußte Reaktion das Bürgertum durch die Furcht vor dem roten Gespenst
ins Bockshorn gejagt hat.“ (S.88.)

Um der Bourgeoisie die letzte Spur v von Ängst zu beachaen soll ihr.
klar und bündig bewiesen werden, daß das rote Gespenst wirklich nur ein
Gespenst ist, nicht existiert. Was aber ist das Geheimnis des roten Gespensts, wenn nicht die Angst der Bourgeoisie vor dem unausbleiblichen
Kampf auf Tod und Leben zwischen ihr und dem Proletariat? Die Angst
vor der unabwendbaren Entscheidung des modernen Klassenkampfs? Man
schaffe den Klassenkampf ab, und die Bourgeoisie und „alle unabhängigen
Menschen“ werden „sich nicht scheuen, mit den Proletariern Hand in Hand
zu gehn“! Und wer dann geprellt, wären eben die Proletarier.

Möge also die Partei durch de- und wehmütiges Auftreten beweisen,
daß sie die „Ungehörigkeiten und Ausschreitungen“ ein für allemal abgelegt
hat, die den Anlaß zum Sozialistengesetz gaben. Wenn sie freiwillig verspricht, sich nur innerhalb der Schranken des Sozialistengesetzes bewegen
zu wollen, werden Bismarck und die Bourgeois dies dann überflüssige Gesetz
aufzuheben doch wohl die Güte haben!

„Man. verstehe uns wohl“, wir wollen nicht „ein Aufgeben unsrer Partei
und unsres Programms, wir meinen aber, daß wir auf Jahre hinaus genug
zu tun haben, wenn wir unsre ganze Kraft, unsre ganze Energie auf Erreichung ‚gewisser naheliegender? Ziele richten, welche. unter allen Umständen errungen sein müssen, bevor an eine Realisierung der weitergehenden Bestrebungen gedacht werden kann.“ Dann werden auch Bourgeois, Kleinbürger und Arbeiter sich massenweise an.uns anschließen, die
„jetzt durch die weitgehenden Forderungen... abgeschreckt werden“.

Das Programm soll nicht aufgegeben, sondern nur aufgeschoben werden -
bis auf unbestimmte Zeit. Man nimmt es an, aber eigentlich nicht für sich
selbst und für seine Lebzeiten, sondern posthum, als Erbstück für Kinder
und Kindeskinder. Inzwischen wendet man seine „ganze Kraft und Energie“
auf allerhand Kleinkram und Herumflickerei an der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, damit es doch aussieht, als geschehe etwas und gleichzeitig
die Bourgeoisie nicht erschreckt. werde. Da lobe ich mir doch den Kommu-

nisten Miquel, der seine unerschütterliche Überzeugung von dem in einigen
hundert Jahren unvermeidlichen Sturz der kapitalistischen Gesellschaft dadurch bewährt, daß er tüchtig drauflosschwindelt, sein Redliches zum Krach
von 18736! beiträgt und damit für den Zusammenbruch der bestehenden
Ordnung wirklich etwas tut.

Ein andres Vergehen gegen den guten Ton waren auch die „übertriebnen Angriffe auf die Gründer“, die ja „nur Kinder der Zeit“ waren; „das
Schimpfen auf Strousberg und dgl: Leute... wäre daher besser unterblieben“. Leider sind alle Menschen „nur Kinder der Zeit“, und wenn dies
hinlänglicher Entschuldigungsgrund, so darf man niemand mehr angreifen,
alle Polemik, aller Kampf unsrerseits hört auf; wir nehmen alle Fußtritte
unsrer Gegner ruhig hin, weil wir, die Weisen, ja wissen, daß jene „nur
Kinder der Zeit“ sind und nicht anders handeln können, als sie tun. Statt
ihnen die Fußtritte mit Zinsen zurückzuzahlen, sollten wir die Armen vielmehr bedauern.

Ebenso hatte die Partetnahme für die Kommune immerhin den Nachteil,
„daß uns sonst zugeneigte Leute zurückgestoßen und überhaupt der Haß
der Bourgeoisie gegen uns vergrößert wurde“. Und ferner ist die Partei „nicht
ganz ohne Schuld an dem Zustandekommen des Oktobergesetzes, denn sie
hat den Haß der Bourgeoisie in unnötiger Weise vermehrt“.

Da haben Sie das Programm der drei Zensoren von Zürich. Es läßt an
Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Am allerwenigsten für uns, da wir
diese sämtlichen Redensarten von 1848 her noch sehr gut kennen. Es sind
die Repräsentanten des Kleinbürgertums, die sich anmelden, voll Angst,
das Proletariat, durch seine revolutionäre Lage gedrängt, möge „zu weit
gehn“. Statt entschiedner politischer Opposition — allgemeine Vermittlung;
statt des Kampfs gegen Regierung und Bourgeoisie - der Versuch, sie zu
gewinnen und zu überreden; statt trotzigen Widerstands gegen Mißhandlungen von oben - demütige Unterwerfung und das Zugeständnis, man
habe die Strafe verdient. Alle historisch notwendigen Konflikte werden umgedeutet in Mißverständnisse und alle Diskussion beendigt mit der Beteuerung: in. der Hauptsache sind wir ja alle einig. Die Leute, die 1848 als
bürgerliche Demokraten auftraten, können sich jetzt ebensogut Sozialdemokraten nennen. Wie jenen die demokratische Republik, so liegt diesen
der Sturz der kapitalistischen Ordnung in unerreichbarer Ferne, hat also
absolut keine Bedeutüng für die politische Praxis der Gegenwart; man kann
vermitteln, kompromisseln, philanthropisieren nach Herzenslust. Ebenso
geht’s mit dem Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Auf
dem Papier erkennt man ihn an, weil man ihn doch nicht mehr wegleugnen

kann, in der Praxis aber wird er vertuscht, verwaschen, abgeschwächt. Die
sozialdemokratische Partei soll keine Arbeiterpartei sein, sie soll nicht den
Haß der Bourgeoisie oder überhaupt jemandes auf sich laden; sie soll vor
allem unter der Bourgeoisie energische Propaganda machen; statt auf weitgehende, die Bourgeois abschreckende und doch in unsrer Generation
unerreichbare Ziele Gewicht zu legen, soll sie lieber ihre ganze Kraft und
Energie auf diejenigen kleinbürgerlichen Flickreformen verwenden, die der
alten Gesellschaftsordnung neue Stützen verleihen und dadurch die endliche Katastrophe vielleicht in einen allmählichen, stückweisen und möglichst friedfertigen Auflösungsprozeß verwandeln könnten. Es sind dieselben
Leute, die unter dem Schein rastloser Geschäftigkeit nicht nur selbst nichts
tun, sondern auch zu hindern suchen, daß überhaupt etwas geschieht als -
schwatzen; dieselben Leute, deren Furcht vor jeder Tat 1848 und 49 die
Bewegung bei jedem Schritt hemmte und endlich zu Fall brachte; dieselben
Leute, die nie Reaktion sehn und dann ganz erstaunt sind, sich endlich in
siner Sackgasse zu finden, wo weder Widerstand noch Flucht möglich ist;
dieselben. Leute, die die Geschichte in ihren engen Spießbürgerhorizont
bannen wollen und über die die Geschichte jedesmal zur Tagesordnung
übergeht.

Was ihren sozialistischen Gehalt angeht, so ist dieser bereits hinreichend
kritisiert im „Manifest“ ", Kapitel: „Der deutsche oder wahre Sozialismus“.
Wo der Klassenkampf als unliebsame „rohe“ Erscheinung auf die Seite
geschoben wird, da bleibt als Basis des Sozialismus nichts als „wahre Menschenliebe“ und leere Redensarten von „Gerechtigkeit“.

Es ist eine im Gang der Entwicklung begründete, unvermeidliche Erscheinung, daß auch Leute aus der bisher herrschenden Klasse sich dem
kämpfenden Proletariat anschließen und ihm Bildungselemente zuführen.
Das haben wir schon im „Manifest“ klar ausgesprochen.!! Es ist aber hierbei
zweierlei zu bemerken:

Erstens müssen diese Leute, um der proletarischen Bewegung zu nutzen,
auch wirkliche Bildungselemente mitbringen. Dies ist aber bei der großen
Mehrzahl der deutschen bürgerlichen Konvertiten nicht der Fall. Weder die
„Zukunft“ noch die „Neue Gesellschaft“ haben irgend etwas gebracht, wodurch die Bewegung um einen Schritt weitergekommen wäre. An wirklichem,. tatsächlichem oder theoretischem Bildungsstoff ist da absoluter
Mangel. Statt dessen Versuche, die sozialistischen, oberflächlich angeeig-

unserer Äusgabe, S.471/472 .

neten Gedanken in Einklang zu bringen mit den verschiedensten theoretischen Standpunkten, die die Herren von der Universität oder sonstwoher
mitgebracht und von denen einer noch verworrener war als der andre, dank
dem Verwesungsprozeß, in dem sich die Reste der deutschen Philosophie
heute befinden. Statt die neue Wissenschaft vorerst selbst gründlich zu
studieren, stutzte sich jeder sie vielmehr nach dem mitgebrachten Standpunkt zurecht, machte sich kurzerhand eine eigne Privatwissenschaft und
trat gleich mit der Prätension auf, sie lehren zu wollen. Daher gibt es unter
diesen Herren ungefähr soviel Standpunkte wie Köpfe; statt in irgend etwas
Klarheit zu bringen, haben sie nur eine arge Konfusion angerichtet - glücklicherweise fast nur unter sich selbst. Solche Bildungselemente, deren erstes
Prinzip ist, zu lehren, was sie nicht gelernt haben, kann die Partei gut entbehren. ; ;

Zweitens. Wenn solche Leute aus andern Klassen sich der proletarischen
Bewegung anschließen, so ist die erste Forderung, daß sie keine Reste von
bürgerlichen, kleinbürgerlichen etc. Vorurteilen mitbringen, sondern sich
die proletarische Anschauungsweise unumwunden aneignen. Jene Herren
aber, wie nachgewiesen, stecken über und über voll bürgerlicher und kleinbürgerlicher Vorstellungen. Ineinemsokleinbürgerlichen Land wie Deutschland haben diese Vorstellungen sicher ihre Berechtigung. Aber nur außerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Wenn die Herren sich als
sozialdemokratische Kleinbürgerpartei konstituieren, so sind sie in ihrem
vollen Recht; man könnte dann mit ihnen verhandeln, je nach Umständen
Kartell schließen etc. Aber in einer Arbeiterpartei sind sie ein fälschendes
Element. Sind Gründe da, sie vorderhand darin zu dulden, so besteht die
Verpflichtung, sie nur zu dulden, ihnen keinen Einfluß auf Parteileitung zu
gestatten, sich bewußt zu bleiben, daß der Bruch mit ihnen nur eine Frage
der Zeit ist. Diese Zeit scheint übrigens gekommen. Wie die Partei die Verfasser dieses Artikels noch länger in ihrer Mitte dulden kann, erscheint uns
unbegreiflich. Gerät aber solchen Leuten gar die Parteileitung mehr oder
weniger in die Hand, so wird die Partei einfach entmannt, und mit der
proletarischen Schneid ist's am End.

Was uns betrifft, so steht uns nach unsrer ganzen Vergangenheit nur ein
Weg offen. Wir haben seit fast 40 Jahren den Klassenkampf als nächste
treibende Macht der Geschichte, und speziell den Klassenkampf zwischen
Bourgeoisie und Proletariat als den großen Hebel der modernen sozialen
Umwälzung hervorgehoben; wir können also unmöglich mit Leuten zusammengehn, die diesen Klassenkampf aus der Bewegung streichen wollen.
Wir haben bei Gründung der Internationalen ausdrücklich den Schlachtruf

formuliert: Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Wir können also nicht zusammengehn mit Leuten, die es
offen aussprechen, daß die Arbeiter zu ungebildet sind, sich selbst zu befreien und erst von oben herab befreit werden müssen durch philanthropische Groß- und Kleinbürger. Wird das neue Parteiorgan eine Haltung
annehmen, die den Gesinnungen jener Herren entspricht, bürgerlich ist und
nicht proletarisch, so bleibt uns nichts übrig, so leid es uns tun würde, als
uns öffentlich dagegen zu erklären und die Solidarität zu lösen, mit der wir
bisher die deutsche Partei dem Ausland gegenüber vertreten haben. Doch
dahin kommt’s hoffentlich nicht.

Dieser Brief ist bestimmt zur Mitteilung an alle 5 Mitglieder der Kommission in Deutschland? sowie an Bracke...

Der Mitteilung an die Züricher steht ebenfalls unsrerseits nichts im

Wege.

22 August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Faser Wilhelm Fritzsche, Bruno Geiser und
Wilhelm Hasenclever