Friedrich Engels

Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

Geschrieben September 1876 bis Juni 1878.

Veröffentlicht im »Vorwärts« vom 3. Januar 1877 bis 7. Juli 1878.

Die erste Buchausgabe erschien 1878 in Leipzig.

Der vorliegende Text entspricht der letzten (dritten) von Friedrich Engels durchgesehenen und vermehrten Auflage von 1894 (Stuttgart).

Vorworte zu den drei Auflagen

Vorwort von 1878

Vorwort von 1885

Vorwort von 1894

Einleitung

Allgemeines

Was Herr Dühring verspricht

Erster Abschnitt. Philosophie

Einleitung. Apriorismus

Weltschematik

Naturphilosophie. Zeit und Raum

Naturphilosophie. Kosmogonie, Physik, Chemie

Naturphilosophie. Organische Welt

Naturphilosophie. Organische Welt (Schluß)

Moral und Recht. Ewige Wahrheiten

Moral und Recht. Gleichheit

Moral und Recht. Freiheit und Notwendigkeit

Dialektik. Quantität und Qualität

Dialektik. Negation der Negation

Zweiter Abschnitt. Politische Ökonomie

Gegenstand und Methode

Gewaltstheorie

Gewaltstheorie (Fortsetzung)

Gewaltstheorie (Schluß)

Werttheorie

Einfache und zusammengesetzte Arbeit

Kapital und Mehrwert

Kapital und Mehrwert (Schluß)

Naturgesetze der Wirtschaft. Grundrente

Aus der »Kritischen Geschichte«

Dritter Abschnitt. Sozialismus

Geschichtliches

Theoretisches

Produktion

Verteilung

Staat, Familie, Erziehung

Materialien zum »Anti-Dühring«

Aus Engel's Vorarbeiten zum »Anti-Dühring«

Taktik der Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet. 1700 bis 1870

Ergänzungen und Änderungen im Text des »Anti-Dühring«, die Engels für die Broschüre »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zu Wissenschaft« vorgenommen hat

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 2]

1962. »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 5-15.

Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

Vorworte zu den drei Auflagen

Vorwort von 1878

Vorwort von 1885

Vorwort von 1894

## I

Die nachfolgende Arbeit ist keineswegs die Frucht irgendwelches
»innern Dranges«. Im Gegenteil.

Als vor drei Jahren Herr Dühring plötzlich als Adept und gleichzeitig
Reformator des Sozialismus sein Jahrhundert in die Schranken forderte, drangen
Freunde in Deutschland wiederholt auf mich ein mit dem Wunsch, ich möchte
diese neue sozialistische Theorie im Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei,
damals dem »Volksstaat«, kritisch beleuchten. Sie hielten dies für durchaus
nötig, wenn nicht in der noch so jungen und eben erst definitiv geeinten
Partei von neuem Gelegenheit zu sektiererischer Spaltung und Verwirrung gegeben
werden sollte. Sie waren besser imstande als ich, die Verhältnisse in Deutschland
zu beurteilen; ich war also verpflichtet, ihnen zu glauben. Daneben zeigte sich,
daß der Neubekehrte von einem Teil der sozialistischen Presse mit einer
Wärme bewillkommt wurde, die zwar nur dem guten Willen des Herrn Dühring
galt, gleichzeitig aber auch bei diesem Teil der Parteipresse den guten Willen
durchblicken ließ, auf Rechnung eben dieses Dühringschen guten Willens
auch die Dühringsche Doktrin unbesehn mit in den Kauf zu nehmen. Auch fanden
sich Leute, die sich schon anschickten, diese Doktrin in popularisierter Form
unter den Arbeitern zu verbreiten. Und endlich boten Herr Dühring und sein
kleiner Sektenstamm alle Künste der Reklame und der Intrige auf, um den
»Volksstaat« zu entschiedner Stellungnahme zu nötigen gegenüber der
mit so gewaltigen Ansprüchen auftretenden neuen Lehre.

Trotzdem dauerte es ein Jahr, bis ich mich entschließen konnte, mit Vernachlässigung
andrer Arbeiten in diesen sauren Apfel zu beißen. Es war eben ein Apfel,
den man ganz verzehren mußte, sobald man einmal anbiß.

Und er war nicht nur sehr sauer, sondern auch sehr dick. Die neue sozialistische
Theorie trat auf als letzte praktische Frucht eines neuen philosophischen Systems.
Es galt also, sie im Zusammenhang dieses Systems, und damit das System selbst
zu untersuchen; es galt, Herrn Dühring zu folgen auf jenes weitläufige
Gebiet, wo er von allen möglichen Dingen handelt und noch von einigen mehr.
So entstand eine Reihe von Artikeln, die seit Anfang 1877 im Nachfolger des
»Volksstaat«, im Leipziger »Vorwärts« erschien und hier im Zusammenhang
vorliegt.

Es war somit die Beschaffenheit des Gegenstandes selbst, die die Kritik zu
einer Ausführlichkeit zwang, zu der der wissenschaftliche Gehalt dieses
Gegenstandes, also der Dühringschen Schriften, im äußersten
Mißverhältnis steht. Jedoch mögen auch noch zwei andre Umstände
diese Ausführlichkeit entschuldigen. Einerseits gab sie mir die Gelegenheit,
auf den sehr verschiednen hier zu berührenden Gebieten meine Auffassung
von Fragepunkten positiv zu entwickeln, die heute von allgemeinerem wissenschaftlichem
oder praktischem Interesse sind. Es ist dies in jedem einzelnen Kapitel geschehn,
und sowenig diese Schrift den Zweck haben kann, dem »System« des Herrn Dühring
ein andres System entgegenzusetzen, so wird der Leser doch hoffentlich in den
von mir aufgestellten Ansichten den innern Zusammenhang nicht vermissen. Daß
meine Arbeit in dieser Beziehung keine ganz fruchtlose gewesen ist, dafür
habe ich schon jetzt Beweise genug.

Andrerseits ist der »systemschaffende« Herr Dühring keine vereinzelte
Erscheinung in der deutschen Gegenwart. Seit einiger Zeit schießen in
Deutschland die Systeme der Kosmogonie, der Naturphilosophie überhaupt,
der Politik, der Ökonomie usw. über Nacht zu Dutzenden auf wie die
Pilze. Der kleinste Doktor Philosophiae, ja selbst der Studiosus tut nicht mehr
mit unter einem vollständigen »System«. Wie im modernen Staat vorausgesetzt
wird, daß jeder Staatsbürger urteilsreif ist über alle die Fragen,
über die er abzustimmen hat; wie man in der Ökonomie annimmt, daß
jeder Konsument gründlicher Kenner aller der Waren ist, die er zu seinem
Lebensunterhalt einzukaufen in den Fall kommt - so soll es nun auch in der Wissenschaft
gehalten werden. Freiheit der Wissenschaft heißt, daß man über
alles schreibt, was man nicht gelernt hat, und dies für die einzige streng
wissenschaftliche Methode ausgibt. Herr Dühring aber ist einer der bezeichnendsten
Typen dieser vorlauten Pseudowissenschaft, die sich heutzutage in Deutschland
überall in den Vordergrund drängt und alles übertönt mit
ihrem dröhnenden - höhern Blech. Höheres Blech in der Poesie,
in der Philosophie, in der Politik, in der Ökonomie, in der

Geschichtschreibung, höheres Blech auf Katheder und Tribüne, höheres
Blech überall, höheres Blech mit dem Anspruch auf Überlegenheit
und Gedankentiefe im Unterschied von dem simpeln, plattvulgären Blech andrer
Nationen, höheres Blech das charakteristischste und massenhafteste Produkt
der deutschen intellektuellen Industrie, billig aber schlecht, ganz wie andre
deutsche Fabrikate, neben denen es leider in Philadelphia nicht vertreten war.
Sogar der deutsche Sozialismus, namentlich seit dem guten Beispiel des Herrn
Dühring, macht neuerdings recht erklecklich in höherm Blech und produziert
diesen und jenen, der sich mit »Wissenschaft« brüstet, von der er »wirklich
auch nichts gelernt hat«. Es ist dies eine Kinderkrankheit, die die beginnende
Bekehrung des deutschen Studiosus zur Sozialdemokratie anzeigt, und von ihr
unzertrennlich ist, die aber bei der merkwürdig gesunden Natur unsrer Arbeiter
schon überwunden werden wird.

Es war nicht meine Schuld, wenn ich Herrn Dühring auf Gebiete folgen mußte,
auf denen ich mich höchstens mit den Ansprüchen eines Dilettanten
bewegen kann. In solchen Fällen habe ich mich meistens darauf beschränkt,
den falschen oder schiefen Behauptungen meines Gegners die richtigen, unbestrittnen
Tatsachen entgegenzustellen. So in der Juristerei und in manchen Fällen
aus der Naturwissenschaft. In andern handelt es sich um allgemeine Ansichten
aus der theoretischen Naturwissenschaft, also um ein Terrain, wo auch der Naturforscher
von Fach über seine Spezialität hinaus auf benachbarte Gebiete übergreifen
muß - auf Gebiete also, auf denen er, nach Herrn Virchows Eingeständnis,
ebensogut ein »Halbwisser« ist, wie wir andern auch. Dieselbe Nachsicht für
kleine Ungenauigkeiten und Unbehülflichkeiten des Ausdrucks, die man da
gegenseitig ausübt, wird man auch mir hoffentlich zuteil werden lassen.

Bei Schluß dieses Vorworts kommt mir eine von Herrn Dühring verfaßte
Buchhändleranzeige eines neuen »maßgebenden« Werks des Herrn Dühring
zu: »Neue Grundgesetze zur rationellen Physik und Chemie«. Sosehr ich nun auch
der Mangelhaftigkeit meiner physikalischen und chemischen Kenntnisse mir bewußt
bin, so glaube ich doch meinen Herrn Dühring zu kennen, und daher, ohne
die Schrift selbst je gesehn zu haben, voraussagen zu dürfen, daß
die hier aufgestellten Gesetze der Physik und Chemie sich den frühern von
Herrn Dühring entdeckten und in meiner Schrift untersuchten Gesetzen der
Ökonomie, Weltschematik usw., nach Mißverstand oder Gemeinplätzlichkeit
würdig anreihen werden, und daß das von Herrn Dühring konstruierte
Rhigometer oder Instrument zur

Messung sehr niedriger
Temperaturen zum Maßstab dienen wird, nicht für Temperaturen, weder
hohe noch niedrige, sondern einzig und allein für die unwissende Arroganz
des Herrn Dühring.

London, 11. Juni 1878

## II

Daß die vorliegende Schrift in neuer Auflage zu erscheinen hat, kam mir
unerwartet. Der Gegenstand, den sie kritisiert, ist heute schon so gut wie vergessen;
sie selbst hat nicht nur stückweise im Leipziger »Vorwärts« 1877 und
1878 vielen Tausenden von Lesern vorgelegen, sondern ist auch noch im Zusammenhang
und separat in starker Auflage gedruckt worden. Wie kann es da noch jemand interessieren,
was ich vor Jahren über Herrn Dühring zu sagen hatte?

In erster Linie verdanke ich dies wohl dem Umstand, daß diese Schrift,
wie überhaupt fast alle meine damals noch umlaufenden Schriften, gleich
nach Erlaß des Sozialistengesetzes im Deutschen Reich verboten wurde.
Wer nicht in den erblichen Beamtenvorurteilen der Länder der Heiligen Allianz
vernagelt war, für den mußte die Wirkung dieser Maßregel klar
sein: verdoppelter und verdreifachter Absatz der verbotnen Bücher, Bloßlegung
der Ohnmacht der Herren in Berlin, die Verbote erlassen und sie nicht durchführen
können. In der Tat trägt mir die Liebenswürdigkeit der Reichsregierung
mehr neue Auflagen meiner kleinern Schriften ein, als ich verantworten kann;
ich habe nicht die Zeit, den Text nach Gebühr zu revidieren und muß
ihn meist einfach wieder abdrucken lassen.

Dazu kommt aber noch ein andrer Umstand. Das hier kritisierte »System« des
Herrn Dühring verbreitet sich über ein sehr ausgedehntes theoretisches
Gebiet; ich war genötigt, ihm überallhin zu folgen und seinen Auffassungen
die meinigen entgegenzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die
Polemik schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung
der von Marx und mir vertretnen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung,
und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten. Diese unsre Anschauungsweise
hat, seit sie zuerst in Marx'
»Misére
de la philosophie«
und im
»Kommunistischen
Manifest«
vor die Welt trat, ein reichlich zwanzigjähriges Inkubationsstadium
durchgemacht, bis sie seit dem Erscheinen des

»Kapital«

mit wachsender Geschwindigkeit stets weitre Kreise ergriff und jetzt, weit über
die Grenzen Europas hinaus, Beachtung und Anhang findet in allen Ländern,
wo es einerseits Proletarier und andrerseits rücksichtslose wissenschaftliche
Theoretiker gibt. Es scheint also, daß ein Publikum besteht, dessen Interesse
für die Sache groß genug ist, um die jetzt in vielen Beziehungen
gegenstandslose Polemik gegen die Dühringschen Sätze in den Kauf zu
nehmen, den daneben gegebnen positiven Entwicklungen zu Gefallen.

Ich bemerke nebenbei: Da die hier entwickelte Anschauungsweise zum weitaus
größern Teil von Marx begründet und entwickelt worden, und nur
zum geringsten Teil von mir, so verstand es sich unter uns von selbst, daß
diese meine Darstellung nicht ohne seine Kenntnis erfolgte. Ich habe ihm das
ganze Manuskript vor dem Druck vorgelesen, und das zehnte Kapitel des Abschnitts
über Ökonomie (»Aus der 'Kritischen Geschichte'«) ist von Marx geschrieben
und mußte nur, äußerlicher Rücksichten halber, von mir
leider etwas verkürzt werden. Es war eben von jeher unser Brauch, uns in
Spezialfächern gegenseitig auszuhelfen.

Die gegenwärtige neue Auflage ist, mit Ausnahme eines Kapitels, ein unveränderter
Abdruck der vorigen. Einerseits fehlte mir die Zeit zu einer durchgreifenden
Revision, sosehr ich manches in der Darstellung geändert wünschte.
Aber ich habe die Pflicht, die hinterlassenen Manuskripte von Marx für
den Druck fertigzustellen, und dies ist viel wichtiger als alles andre. Dann
aber sträubt sich mein Gewissen gegen jede Änderung. Die Schrift ist
eine Streitschrift, und ich glaube es meinem Gegner schuldig zu sein, da meinerseits
nichts zu bessern, wo er nichts bessern kann. Ich könnte nur das Recht
beanspruchen, auf Herrn Dührings Antwort wieder zu entgegnen. Was aber
Herr Dühring über meinen Angriff geschrieben hat, habe ich nicht gelesen
und werde es nicht ohne besondre Veranlassung lesen; ich bin theoretisch mit
ihm fertig. Im übrigen muß ich ihm gegenüber die Anstandsregeln
des literarischen Kampfes um so mehr aufrechterhalten, als ihm seitdem von der
Berliner Universität schmähliches Unrecht angetan worden ist. Freilich
ist sie dafür gezüchtigt worden. Eine Universität, die sich dazu
hergibt, Herrn Dühring unter den bekannten Umständen die Lehrfreiheit
zu entziehn, darf sich nicht wundern, wenn man ihr unter den ebenfalls bekannten
Umständen Herrn Schweninger aufzwingt.

Das einzige Kapitel, worin ich mir erläuternde Zusätze erlaubt habe,

ist das zweite des dritten Abschnitts: »Theoretisches«.
Hier, wo es sich einzig und allein um die Darstellung eines Kernpunktes der
von mir vertretnen Anschauung handelt, wird sich mein Gegner nicht beklagen
können, wenn ich mich bemühte, populärer zu sprechen und den
Zusammenhang zu ergänzen. Und zwar hatte dies eine äußere Veranlassung.
Ich hatte drei Kapitel der Schrift (das erste der Einleitung und das erste und
zweite des dritten Abschnitts) für meinen Freund Lafargue behufs Übersetzung
ins Französische zu einer selbständigen Broschüre verarbeitet,
und nachdem die französische Ausgabe einer italienischen und polnischen
als Grundlage gedient, eine deutsche Ausgabe besorgt unter dem Titel:
»Die
Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«
. Diese hat
in wenigen Monaten drei Auflagen erlebt und ist auch in russischer und dänischer
Übersetzung erschienen. Zusätze hatte in allen diesen Ausgaben nur
das fragliche Kapitel erhalten, und es wäre pedantisch gewesen, hätte
ich in der neuen Auflage des Originalwerks mich an den ursprünglichen Wortlaut
binden wollen, gegenüber seiner spätern, international gewordnen Gestalt.

Was ich sonst geändert wünschte, bezieht sich hauptsächlich
auf zwei Punkte. Erstens auf die menschliche Urgeschichte, zu der uns Morgan
erst 1877 den Schlüssel lieferte. Da ich aber seitdem in meiner Schrift:

»Der Ursprung der Familie, des Privateigentums
und des Staats«
, Zürich 1884, Gelegenheit hatte, das mir inzwischen
zugänglich gewordne Material zu verarbeiten, genügt der Hinweis auf
diese spätere Arbeit.

Zweitens aber der Teil, der von der theoretischen Naturwissenschaft handelt.
Hier herrscht eine große Unbeholfenheit der Darstellung, und manches ließe
sich heute klarer und bestimmter ausdrücken. Wenn ich mir nicht das Recht
zuschreibe, hier zu bessern, so bin ich eben deswegen verpflichtet, mich statt
dessen hier selbst zu kritisieren.

Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen
Philosophie die bewußte Dialektik in die materialistische Auffassung der
Natur und Geschichte hinübergerettet hatten. Aber zu einer dialektischen
und zugleich materialistischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft
mit der Mathematik und der Naturwissenschaft. Marx war ein gründlicher Mathematiker,
aber die Naturwissenschaften konnten wir nur stückweise, sprungweise, sporadisch
verfolgen. Als ich daher durch Rückzug aus dem kaufmännischen Geschäft
und Umzug nach London die Zeit dazu gewann, machte ich, soweit es mir möglich,
eine vollständige

mathematische und naturwissenschaftliche
»Mauserung«, wie Liebig es nennt, durch, und verwandte den besten Teil von acht
Jahren darauf. Ich war grade mitten in diesem Mauserungsprozeß begriffen,
als ich in den Fall kam, mich mit Herrn Dührings sogenannter Naturphilosophie
zu befassen. Wenn ich also da manchmal den richtigen technischen Ausdruck nicht
finde und mich überhaupt mit ziemlicher Schwerfälligkeit auf dem Gebiet
der theoretischen Naturwissenschaft bewege, so ist das nur zu natürlich.
Andrerseits hat mich aber das Bewußtsein meiner noch nicht überwunden
Unsicherheit vorsichtig gemacht; wirkliche Verstöße gegen die damals
bekannten Tatsachen und unrichtige Darstellung der damals anerkannten Theorien
wird man mir nicht nachweisen können. In dieser Beziehung hat sich nur ein
verkannter großer Mathematiker bei Marx brieflich beklagt, ich hätte
die
frevelhaft an ihrer Ehre angegriffen.

Es handelte sich bei dieser meiner Rekapitulation der Mathematik und der Naturwissenschaften
selbstredend darum, mich auch im einzelnen zu überzeugen - woran im allgemeinen
kein Zweifel für mich war -, daß in der Natur dieselben dialektischen
Bewegungsgesetze im Gewirr der zahllosen Veränderungen sich durchsetzen,
die auch in der Geschichte die scheinbare Zufälligkeit der Ereignisse beherrschen;
dieselben Gesetze, die, ebenfalls in der Entwicklungsgeschichte des menschlichen
Denkens den durchlaufenden Faden bildend, allmählich den denkenden Menschen
zum Bewußtsein kommen; die zuerst von Hegel in umfassender Weise, aber
in mystifizierter Form entwickelt worden, und die aus dieser mystischen Form
herauszuschälen und in ihrer ganzen Einfachheit und Allgemeingültigkeit
klar zur Bewußtheit zu bringen, eine unsrer Bestrebungen war. Es verstand
sich von selbst, daß die alte Naturphilosophie - soviel wirklich Gutes
und soviel fruchtbare Keime sie enthielt
(1)

- uns nicht genügen

konnte. Wie in dieser
Schrift näher entwickelt, fehlte sie, namentlich in der Hegelschen Form,
darin, daß sie der Natur keine Entwicklung in der Zeit zuerkannte, kein
»Nacheinander«, sondern nur ein »Nebeneinander«. Dies war einerseits im Hegelschen
System selbst begründet, das nur dem »Geist« eine geschichtliche Fortentwicklung
zuschrieb, andrerseits aber auch im damaligen Gesamtstand der Naturwissenschaften.
So fiel Hegel hier weit hinter Kant zurück, dessen Nebulartheorie bereits
die Entstehung, und dessen Entdeckung der Hemmung der Erdrotation durch die
Meeresflutwelle auch schon den Untergang des Sonnensystems proklamiert hatte.
Und endlich konnte es sich für mich nicht darum handeln, die dialektischen
Gesetze in die Natur hineinzukonstruieren, sondern sie in ihr aufzufinden und
aus ihr zu entwickeln.

Dies im Zusammenhang und auf jedem einzelnen Gebiet zu tun, ist aber eine Riesenarbeit.
Nicht nur ist das zu beherrschende Gebiet fast unermeßlich, es ist auch
auf diesem gesamten Gebiet die Naturwissenschaft selbst in einem so gewaltsamen
Umwälzungsprozeß begriffen, daß auch derjenige kaum folgen
kann, dem seine ganze freie Zeit hierfür zur Verfügung steht. Seit
dem Tode von Karl Marx ist meine Zeit aber durch dringendere Pflichten mit Beschlag
belegt worden, und da mußte ich meine Arbeit unterbrechen. Ich muß
mich vorderhand mit den in der vorliegenden Schrift gegebnen Andeutungen begnügen
und abwarten, ob sich später einmal Gelegenheit findet, die gewonnenen
Resultate zu sammeln und herauszugeben, vielleicht
zusammen mit den hinterlassenen höchst wichtigen mathematischen Manuskripten
von Marx.

Vielleicht aber macht der Fortschritt der theoretischen Naturwissenschaft meine
Arbeit größtenteils oder ganz überflüssig. Denn die Revolution,
die der theoretischen Naturwissenschaft aufgezwungen wird durch die bloße
Notwendigkeit, die sich massenhaft häufenden, rein empirischen Entdeckungen
zu ordnen, ist der Art, daß sie den dialektischen Charakter der Naturvorgänge
mehr und mehr auch dem widerstrebendsten Empiriker zum Bewußtsein bringen
muß. Die alten starren Gegensätze, die scharfen, unüberschreitbaren
Grenzlinien verschwinden mehr und mehr. Seit der Flüssigmachung auch der
letzten »echten« Gase, seit dem Nachweis, daß ein Körper in einen Zustand
versetzt werden kann, worin tropfbare und Gasform ununterscheidbar sind, haben
die Aggregatzustände den letzten Rest ihres frühern absoluten Charakters
verloren. Mit dem Satz der kinetischen Gastheorie, daß in vollkommnen Gasen
die Quadrate der Geschwindigkeiten, womit die einzelnen Gasmoleküle sich
bewegen, sich bei gleicher Temperatur umgekehrt verhalten wie die Molekulargewichte,
tritt die Wärme auch direkt in die Reihe der unmittelbar als solche meßbaren
Bewegungsformen. Wurde noch vor zehn Jahren das neuentdeckte große Grundgesetz
der Bewegung gefaßt als bloßes Gesetz von der
Erhaltung
der
Energie, als bloßer Ausdruck der Unzerstörbarkeit und Unerschaffbarkeit
der Bewegung, also bloß nach seiner quantitativen Seite, so wird dieser
enge, negative Ausdruck mehr und mehr verdrängt durch den positiven der
Verwandlung

der Energie, worin erst der qualitative Inhalt des Prozesses zu seinem Recht kommt
und worin die letzte Erinnerung an den außerweltlichen Schöpfer ausgelöscht
ist. Daß die Menge der Bewegung (der sogenannten Energie) sich nicht verändert,
wenn sie sich aus kinetischer Energie (sogenannter mechanischer Kraft) in Elektrizität,
Wärme, potentielle Energie der Lage etc. verwandelt und umgekehrt, braucht
jetzt nicht mehr als etwas Neues gepredigt zu werden; es dient als einmal gewonnene
Grundlage der nun viel inhaltsvollern Untersuchung des Verwandlungsprozesses selbst,
des großen Grundprozesses, in dessen Erkenntnis die ganze Erkenntnis der
Natur sich zusammenfaßt. Und seitdem die Biologie mit der Leuchte der Evolutionstheorie
betrieben wird, hat sich auf dem Gebiet der organischen Natur eine starre Grenzlinie
der Klassifikation nach der andern aufgelöst; die fast unklassifizierbaren
Mittelglieder mehren sich täglich, die genauere Untersuchung wirft Organismen
aus einer Klasse in die andre, und fast zu Glaubensartikeln gewordne Unterscheidungsmerkmale
verlieren ihre unbedingte Gültigkeit; wir haben

jetzt eierlegende Säugetiere, und wenn die Nachricht sich bestätigt,
auch Vögel, die auf allen vieren gehn. War schon vor Jahren Virchow genötigt
gewesen, infolge der Entdeckung der Zelle die Einheit des tierischen Individuums
mehr fortschrittlich als naturwissenschaftlich und dialektisch in eine Föderation
von Zellenstaaten aufzulösen, so wird der Begriff der tierischen (also auch
menschlichen) Individualität noch weit verwickelter durch die Entdeckung
der amöbenartig im Körper der höhern Tiere herumkriechenden weißen
Blutzellen. Es sind aber grade die als unversöhnlich und unlösbar vorgestellten
polaren Gegensätze, die gewaltsam fixierten Grenzlinien und Klassenunterschiede,
die der modernen theoretischen Naturwissenschaft ihren beschränkt-metaphysischen
Charakter gegeben haben. Die Erkenntnis, daß diese Gegensätze und Unterschiede
in der Natur zwar vorkommen, aber nur mit relativer Gültigkeit, daß
dagegen jene ihre vorgestellte Starrheit und absolute Gültigkeit erst durch
unsre Reflexion in die Natur hineingetragen ist - diese Erkenntnis macht den Kernpunkt
der dialektischen Auffassung der Natur aus. Man kann zu ihr gelangen, indem man
von den sich häufenden Tatsachen der Naturwissenschaft dazu gezwungen wird;
man gelangt leichter dahin, wenn man dem dialektischen Charakter dieser Tatsachen
das Bewußtsein der Gesetze des dialektischen Denkens entgegenbringt. Jedenfalls
ist die Naturwissenschaft jetzt so weit, daß sie der dialektischen Zusammenfassung
nicht mehr entrinnt. Sie wird sich diesen Prozeß aber erleichtern, wenn
sie nicht vergißt, daß die Resultate, worin sich ihre Erfahrungen
zusammenfassen, Begriffe sind; daß aber die Kunst, mit Begriffen zu operieren,
nicht eingeboren und auch nicht mit dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein
gegeben ist, sondern wirkliches Denken erfordert, welches Denken ebenfalls eine
lange erfahrungsmäßige Geschichte hat, nicht mehr und nicht minder
als die erfahrungsmäßige Naturforschung. Eben dadurch, daß sie
sich die Resultate der dritthalbtausendjährigen Entwicklung der Philosophie
aneignen lernt, wird sie einerseits jede aparte, außer und über ihr
stehende Naturphilosophie los, andrerseits aber auch ihre eigne, aus dem englischen
Empirismus überkommne, bornierte Denkmethode.

London, 23. September 1885

## III

Die nachfolgende Neuauflage ist bis auf einige sehr unbedeutende stilistische
Änderungen ein Wiederabdruck der vorigen. Nur in einem Kapitel,

dem zehnten des zweiten Abschnitts: »Aus der 'Kritischen Geschichte'«, habe
ich mir wesentliche Zusätze erlaubt, und zwar aus folgenden Gründen.

Wie schon in der Vorrede zur zweiten Auflage erwähnt, rührt dies
Kapitel in allem Wesentlichen von Marx her. In seiner ersten, für einen
Journalartikel bestimmten Fassung war ich genötigt, das Marxsche Manuskript
bedeutend zu kürzen, und zwar grade in denjenigen Partien, wo die Kritik
der Dühringschen Aufstellungen mehr zurücktritt gegenüber selbständigen
Entwicklungen aus der Geschichte der Ökonomie. Diese aber machen grade
den Teil des Manuskripts aus, der auch heute noch vom größten und
bleibendsten Interesse ist. Die Ausführungen, worin Marx Leuten wie Petty,
North, Locke, Hume die ihnen gebührende Stelle in der Genesis der klassischen
Ökonomie anweist, halte ich mich für verpflichtet, möglichst
vollständig und wörtlich zu geben; noch mehr aber seine Klarstellung
des »ökonomischen Tableaus« von Quesnay, dieses für die ganze moderne
Ökonomie unlösbar gebliebnen Sphinxrätsels. Was sich dagegen
ausschließlich auf Herrn Dührings Schriften bezog, habe ich, soweit
der Zusammenhang dies erlaubte, weggelassen.

Im übrigen kann ich vollständig zufrieden sein mit der Ausbreitung,
die die in dieser Schrift vertretnen Anschauungen, seit der vorigen Auflage,
im öffentlichen Bewußtsein der Wissenschaft und der Arbeiterklasse
gemacht haben, und zwar in allen zivilisierten Ländern der Welt.

London, 23. Mai 1894

F. Engels

Fußnoten von Friedrich Engels

(1)
Es ist viel leichter, mit dem gedankenlosen
Vulgus à la Karl Vogt über die alte Naturphilosophie herzufallen,
als ihre geschichtliche Bedeutung zu würdigen. Sie enthält viel Unsinn
und Phantasterei, aber nicht mehr als die gleichzeitigen unphilosophischen Theorien
der empirischen Naturforscher, und daß sie auch viel Sinn und Verstand enthält,
fängt man seit der Verbreitung der Entwicklungstheorie an einzusehen. So
hat Haeckel mit vollem Recht die Verdienste von Treviranus und Oken anerkannt.
Oken stellt in seinem Urschleim und Urbläschen dasjenige als Postulat der
Biologie auf, was seitdem als Protoplasma und Zelle wirklich entdeckt worden.
Was speziell Hegel angeht, steht er in vieler Beziehung hoch über seinen
empirischen Zeitgenossen, die alle unerklärten Erscheinungen erklärt
zu haben glaubten, wenn sie ihnen eine Kraft - Schwerkraft, Schwimmkraft, elektrische
Kontaktkraft usw. - unterschoben, oder wo dies nicht ging, einen unbekannten Stoff,
Lichtstoff, Wärmestoff, Elektrizitätsstoff usw. Die imaginären
Stoffe sind jetzt so ziemlich beseitigt, aber der von Hegel bekämpfte Kräfteschwindel
spukt z.B. noch 1869 in Helmholtz' Innsbrucker Rede lustig fort (Helmholtz »Populäre
Vorlesungen«, II. Heft, 1871, Seite 190). Gegenüber der von den Franzosen
des 18. Jahrhunderts überkommnen Vergötterung Newtons, den England mit
Ehren und Reichtum überhäufte, hob Hegel hervor, daß Kepler, den
Deutschland verhungern ließ, der eigentliche Begründer der modernen
Mechanik der Weltkörper, und daß das Newtonsche Gravitationsgesetz
bereits in allen drei Keplerschen Gesetzen, im dritten sogar ausdrücklich
enthalten ist. Was Hegel in seiner »Naturphilosophie«, § 270 und Zusätze
(Hegels Werke, 1842, VII. Band, Seite 98 und 113 bis 115) mit ein paar einfachen
Gleichungen nachweist, findet sich als Resultat der neuesten mathematischen Mechanik
wieder bei Gustav Kirchhof »Vorlesungen über mathematische Physik«, 2. Auflage,
Leipzig 1877, Seite 10, und in wesentlich derselben, von Hegel zuerst entwickelten,
einfachen, mathematischen Form. Naturphilosophen verhalten sich zur bewußt-dialektischen
Naturwissenschaft wie die Utopisten zum modernen Kommunismus.

Pfad: »../me/me20«

Verknüpfte Dateien: »
-1.gif
«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 3]

1962. »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 16-31.

Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

Einleitung

Allgemeines

Was Herr Dühring verspricht

## I. Allgemeines

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das
Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der modernen Gesellschaft herrschenden
Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Lohnarbeitern und Bourgeois,
andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie. Aber seiner theoretischen
Form nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere
Fortführung der von den großen französischen Aufklärern
des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze.
{1}

Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne
Gedankenmaterial, sosehr auch seine Wurzel in den ökonomischen Tatsachen
lag.

Die großen Männer, die in Frankreich die Köpfe für die
kommende Revolution klärten, traten selbst äußerst revolutionär
auf. Sie erkannten keine äußere Autorität an, welcher Art sie
auch sei. Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde
der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte seine Existenz vor dem
Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder auf die Existenz verzichten. Der
denkende Verstand wurde als alleiniger Maßstab an alles angelegt. Es war
die Zeit, wo, wie Hegel sagt, die Welt auf den Kopf gestellt wurde, zuerst in
dem Sinn, daß der menschliche Kopf und die durch sein Denken gefundnen
Sätze den Anspruch

machten, als Grundlage
aller menschlichen Handlung und Vergesellschaftung zu gelten; dann aber später
auch in dem weitern Sinn, daß die Wirklichkeit, die diesen Sätzen
widersprach, in der Tat von oben bis unten umgekehrt wurde. Alle bisherigen
Gesellschafts- und Staatsformen, alle altüberlieferten Vorstellungen wurden
als unvernünftig in die Rumpelkammer geworfen; die Welt hatte sich bisher
lediglich von Vorurteilen leiten lassen; alles Vergangene verdiente nur Mitleid
und Verachtung. Jetzt erst brach das Tageslicht an; von nun an sollte der Aberglaube,
das Unrecht, das Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden
durch die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begründete
Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte.

Wir wissen jetzt, daß dies Reich der Vernunft weiter nichts war, als
das idealisierte Reich der Bourgeoisie; daß die ewige Gerechtigkeit ihre
Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; daß die Gleichheit hinauslief
auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz; daß als eins der wesentlichsten
Menschenrechte proklamiert wurde - das bürgerliche Eigentum; und daß
der Vernunftstaat, der Rousseausche Gesellschaftsvertrag ins Leben trat und
nur ins Leben treten konnte als bürgerliche, demokratische Republik. Sowenig
wie alle ihre Vorgänger, konnten die großen Denker des 18. Jahrhunderts
über die Schranken hinaus, die ihnen ihre eigne Epoche gesetzt hatte.

Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und Bürgertum bestand der allgemeine
Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von reichen Müßiggängern
und arbeitenden Armen. War es doch grade dieser Umstand, der es den Vertretern
der Bourgeoisie möglich machte, sich als Vertreter, nicht einer besondren
Klasse, sondern der ganzen leidenden Menschheit hinzustellen. Noch mehr. Von
ihrem Ursprung an war die Bourgeoisie behaftet mit ihrem Gegensatz: Kapitalisten
können nicht bestehn ohne Lohnarbeiter, und im selben Verhältnis wie
der mittelalterliche Zunftbürger sich zum modernen Bourgeois, im selben
Verhältnis entwickelte sich auch der Zunftgeselle und nichtzünftige
Tagelöhner zum Proletarier. Und wenn auch im ganzen und großen das
Bürgertum beanspruchen durfte, im Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen
der verschiednen arbeitenden Klassen jener Zelt mitzuvertreten, so brachen doch
bei jeder großen bürgerlichen Bewegung selbständige Regungen
derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgängerin
des modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformations- und Bauernkriegszeit
die Thomas Münzersche Richtung; in der großen englischen Revolution
die Levellers; in der großen französischen Revolution Babeuf. Neben
diesen

revolutionären Schilderhebungen einer
noch unfertigen Klasse gingen entsprechende theoretische Manifestationen her;
im 16. und 17. Jahrhundert utopische Schilderungen idealer Gesellschaftszustände,
im 18. schon direkt kommunistische Theorien (Morelly und Mably). Die Forderung
der Gleichheit wurde nicht mehr auf die politischen Rechte beschränkt,
sie sollte sich auch auf die gesellschaftliche Lage der einzelnen erstrecken;
nicht bloß die Klassenprivilegien sollten aufgehoben werden, sondern die
Klassenunterschiede selbst. Ein asketischer, an Sparta anknüpfender Kommunismus
war so die erste Erscheinungsform der neuen Lehre. Dann folgten die drei großen
Utopisten: Saint-Simon, bei dem die bürgerliche Richtung noch neben der
proletarischen eine gewisse Geltung behielt; Fourier, und Owen, der, im Lande
der entwickeltsten kapitalistischen Produktion und unter dem Eindruck der durch
diese erzeugten Gegensätze, seine Vorschläge zur Beseitigung der Klassenunterschiede
in direkter Anknüpfung an den französischen Materialismus systematisch
entwickelte.

Allen dreien ist gemeinsam, daß sie nicht als Vertreter der Interessen
des inzwischen historisch erzeugten Proletariats auftreten. Wie die Aufklärer,
wollen sie nicht eine bestimmte Klasse, sondern die ganze Menschheit befreien.
Wie jene, wollen sie das Reich der Vernunft und der ewigen Gerechtigkeit einführen;
aber ihr Reich ist himmelweit verschieden von dem der Aufklärer. Auch die
nach den Grundsätzen dieser Aufklärer eingerichtete bürgerliche
Welt ist unvernünftig und ungerecht und wandert daher ebensogut in den
Topf des Verwerflichen wie der Feudalismus und alle frühern Gesellschaftszustände.
Daß die wirkliche Vernunft und Gerechtigkeit bisher nicht in der Welt
geherrscht haben, kommt nur daher, daß man sie bisher nicht richtig erkannt
hatte. Es fehlte eben der geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten, und
der die Wahrheit erkannt hat; daß er jetzt aufgetreten, daß die
Wahrheit grade jetzt erkannt worden, ist nicht ein aus dem Zusammenhang der
geschichtlichen Entwicklung mit Notwendigkeit folgendes, unvermeidliches Ereignis,
sondern ein reiner Glücksfall. Er hätte ebensogut 500 Jahre früher
geboren werden können und hätte dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum,
Kämpfe und Leiden erspart.

Diese Anschauungsweise ist wesentlich die aller englischen und französischen
und der ersten deutschen Sozialisten, Weitling einbegriffen. Der Sozialismus
ist der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit, und braucht
nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute
Wahrheit unabhängig von Zeit, Raum und menschlicher, geschichtlicher Entwicklung
ist, so ist es bloßer Zufall, wann

und wo
sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit
wieder bei jedem Schulstifter verschieden; und da bei einem jeden die besondre
Art der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch
seinen subjektiven Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Maß von Kenntnissen
und Denkschulung, so ist in diesem Konflikt absoluter Wahrheiten keine andre
Lösung möglich, als daß sie sich aneinander abschleißen.
Dabei konnte dann nichts andres herauskommen, als eine Art von eklektischem
Durchschnittssozialismus, wie er in der Tat bis heute in den Köpfen der
meisten sozialistischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine, äußerst
mannigfaltige Schattierungen zulassende, Mischung aus den weniger auffälligen
kritischen Auslassungen, ökonomischen Lehrsätzen und gesellschaftlichen
Zukunftsvorstellungen der verschiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich
um so leichter bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom
der Debatte die scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind wie runden
Kieseln im Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte
er erst auf einen realen Boden gestellt werden.

Inzwischen war neben und nach der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts
die neuere deutsche Philosophie entstanden und hatte in Hegel ihren Abschluß
gefunden. Ihr größtes Verdienst war die Wiederaufnahme der Dialektik
als der höchsten Form des Denkens. Die alten griechischen Philosophen waren
alle geborne, naturwüchsige Dialektiker, und der universellste Kopf unter
ihnen, Aristoteles, hat auch bereits die wesentlichsten Formen des dialektischen
Denkens untersucht.
{2}
Die neuere
Philosophie dagegen, obwohl auch in ihr die Dialektik glänzende Vertreter
hatte (z.B. Descartes und Spinoza), war besonders durch englischen Einfluß
mehr und mehr in der sog, metaphysischen Denkweise festgefahren, von der auch
die Franzosen des 18. Jahrhunderts, wenigstens in ihren speziell philosophischen
Arbeiten, fast ausschließlich beherrscht wurden. Außerhalb der eigentlichen
Philosophie waren sie ebenfalls imstande, Meisterwerke der Dialektik zu liefern;
wir erinnern nur an »Rameaus Neffen« von Diderot und die »Abhandlung über
den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen« von Rousseau. - Wir geben
hier kurz das Wesentliche beider Denkmethoden an; wir werden noch ausführlicher
darauf zurückzukommen haben.

Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte
oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen,
so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung
von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo
und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht.
Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von
der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen
von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles
fließt
,
ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begriffen. Aber
diese Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes
der Erscheinungen erfaßt, genügt doch nicht, die Einzelheiten zu
erklären, aus denen sich dies Gesamtbild zusammensetzt; und solange wir
dies nicht können, sind wir auch über das Gesamtbild nicht klar. Um
diese Einzelheiten zu erkennen, müssen wir sie aus ihrem natürlichen
oder geschichtlichen Zusammenhang herausnehmen und sie, jede für sich,
nach ihrer Beschaffenheit, ihren besondern Ursachen und Wirkungen etc. untersuchen.
Dies ist zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft und Geschichtsforschung;
Untersuchungszweige, die aus sehr guten Gründen bei den Griechen der klassischen
Zeit einen nur untergeordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das
Material zusammenschleppen mußten. Die Anfänge der exakten Naturforschung
werden erst bei den Griechen der alexandrinischen Periode und später, im
Mittelalter, von den Arabern, weiter entwickelt; eine wirkliche Naturwissenschaft
datiert indes erst von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, und von
da an hat sie mit stets wachsender Geschwindigkeit Fortschritte gemacht. Die
Zerlegung der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen
Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Untersuchung
des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfachen anatomischen
Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die letzten
400 Jahre uns in der Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls
die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer
Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen;
daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesentlich
veränderliche, sondern als feste Bestände, nicht in ihrem Leben, sondern
in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise
aus der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die
spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.

Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die

Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende,
feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung.
Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist ja, ja, nein,
nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding
entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebensowenig zugleich es selbst
und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus;
Ursache und Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise
erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst plausibel, weil
sie diejenige des sogenannten gesunden Menschenverstandes ist. Allein der gesunde
Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet
seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich
in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschauungsweise,
auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie
auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal früher
oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert,
abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie
über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr
Werden und Vergehn, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie
vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Für alltägliche Fälle
wissen wir z.B. und können mit Bestimmtheit sagen, ob ein Tier existiert
oder nicht; bei genauerer Untersuchung finden wir aber, daß dies manchmal
eine höchst verwickelte Sache ist, wie das die Juristen sehr gut wissen,
die sich umsonst abgeplagt haben, eine rationelle Grenze zu entdecken, von der
an die Tötung des Kindes im Mutterleibe Mord ist; und ebenso unmöglich
ist es, den Moment des Todes festzustellen, indem die Physiologie nachweist,
daß der Tod nicht ein einmaliges, augenblickliches Ereignis, sondern ein
sehr langwieriger Vorgang ist. Ebenso ist jedes organische Wesen in jedem Augenblick
dasselbe und nicht dasselbe; in jedem Augenblick verarbeitet es von außen
zugeführte Stoffe und scheidet andre aus, in jedem Augenblick sterben Zellen
seines Körpers ab und bilden sich neue; je nach einer längern oder
kürzern Zeit ist der Stoff dieses Körpers vollständig erneuert,
durch andre Stoffatome ersetzt worden, so daß jedes organisierte Wesen
stets dasselbe und doch ein andres ist. Auch finden wir bei genauerer Betrachtung,
daß die beiden Pole eines Gegensatzes, wie positiv und negativ, ebenso
untrennbar voneinander wie entgegengesetzt sind, und daß sie trotz aller
Gegensätzlichkeit sich gegenseitig durchdringen; ebenso, daß Ursache
und Wirkung Vorstellungen sind, die nur in der Anwendung auf den einzelnen Fall
als solche Gültigkeit haben, daß sie aber, sowie wir den einzelnen
Fall in seinem allgemeinen Zusammenhang

mit dem
Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der Anschauung der
universellen Wechselwirkung, wo Ursachen und Wirkungen fortwährend ihre
Stelle wechseln, das was jetzt oder hier Wirkung, dort oder dann Ursache wird
und umgekehrt.

Alle diese Vorgänge und Denkmethoden passen nicht in den Rahmen des metaphysischen
Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die die Dinge und ihre begrifflichen
Abbilder wesentlich in ihrem Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung,
ihrem Entstehn und Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen,
ebensoviel Bestätigungen ihrer eignen Verfahrungsweise. Die Natur ist die
Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft
nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches,
sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat,
daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch
hergeht. Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch
zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten
Resultate mit der hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt
in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und die Lehrer wie Schüler,
Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.

Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der der Menschheit,
sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den Köpfen der Menschen,
kann also nur auf dialektischem Wege, mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen
des Werdens und Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen
zustande kommen. Und in diesem Sinn trat die neuere deutsche Philosophie auch
sofort auf. Kant eröffnete seine Laufbahn damit, daß er das stabile
Newtonsche Sonnensystem und seine - nachdem der famose erste Anstoß einmal
gegeben - ewige Dauer auflöste in einen geschichtlichen Vorgang: in die
Entstehung der Sonne und aller Planeten aus einer rotierenden Nebelmasse. Dabei
zog er bereits die Folgerung, daß mit dieser Entstehung ebenfalls der
künftige Untergang des Sonnensystems notwendig gegeben sei. Seine Ansicht
wurde ein halbes Jahrhundert später durch Laplace mathematisch begründet,
und noch ein halbes Jahrhundert später wies das Spektroskop die Existenz
solcher glühenden Gasmassen, in verschiednen Stufen der Verdichtung, im
Weltraum nach.

Ihren Abschluß fand diese neuere deutsche Philosophie im Hegelschen System,
worin zum erstenmal - und das ist sein großes Verdienst - die ganze natürliche,
geschichtliche und geistige Welt als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung,
Veränderung, Umbildung und Entwicklung begriffen dargestellt und der Versuch
gemacht wurde, den inneren Zusammenhang

in dieser
Bewegung und Entwicklung nachzuweisen
{3}
.
Von diesem Gesichtspunkt aus erschien die Geschichte der Menschheit nicht mehr
als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalttätigkeiten, die vor dem Richterstuhl
der jetzt gereiften Philosophenvernunft alle gleich verwerflich sind und die man
am besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der Entwicklungsprozeß
der Menschheit selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege
zu verfolgen und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren
Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde.

Daß Hegel diese Aufgabe nicht löste, ist hier gleichgültig.
Sein epochemachendes Verdienst war, sie gestellt zu haben. Es ist eben eine
Aufgabe, die kein einzelner je wird lösen können. Obwohl Hegel - neben
Saint-Simon - der universellste Kopf seiner Zelt war, so war er doch beschränkt
erstens durch den notwendig begrenzten Umfang seiner eignen Kenntnisse und zweitens
durch die ebenfalls nach Umfang und Tiefe begrenzten Kenntnisse und Anschauungen
seiner Epoche. Dazu kam aber noch ein Drittes. Hegel war Idealist, d.h., ihm
galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr oder weniger abstrakten
Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt galten ihm
die Dinge und ihre Entwicklung nur als die verwirklichten Abbilder der irgendwo
schon vor der Welt existierenden »Idee«. Damit war alles auf den Kopf gestellt
und der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umgekehrt. Und so richtig
und genial auch manche Einzelzusammenhänge von Hegel aufgefaßt worden,
so mußte doch aus den angegebnen Gründen auch im Detail vieles geflickt,
gekünstelt, konstruiert, kurz verkehrt ausfallen. Das Hegelsche System
als solches war eine kolossale Fehlgeburt - aber auch die letzte ihrer Art.
Es litt nämlich noch an einem unheilbaren innern Widerspruch: einerseits
hatte es zur wesentlichen Voraussetzung die historische Anschauung, wonach die
menschliche Geschichte ein Entwicklungsprozeß ist, der seiner Natur nach
nicht durch die Entdeckung einer sogenannten absoluten Wahrheit seinen intellektuellen Abschluß finden kann; andrerseits aber behauptet
es, der Inbegriff eben dieser absoluten Wahrheit zu sein. Ein allumfassendes,
ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und
Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens;
was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt,
daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von
Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann.

Die Einsicht in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen Idealismus
führte notwendig zum Materialismus, aber wohlgemerkt, nicht zum bloß
metaphysischen, ausschließlich mechanischen Materialismus des 18. Jahrhunderts.
Gegenüber der naiv-revolutionären, einfachen Verwerfung aller frühern
Geschichte, sieht der moderne Materialismus in der Geschichte den Entwicklungsprozeß
der Menschheit, dessen Bewegungsgesetze zu entdecken seine Aufgabe ist. Gegenüber
der sowohl bei den Franzosen des 18. Jahrhunderts wie bei Hegel herrschenden
Vorstellung von der Natur als eines sich in engen Kreisläufen bewegenden,
sich gleichbleibenden Ganzen mit ewigen Weltkörpern, wie sie Newton, und
unveränderlichen Arten von organischen Wesen, wie sie Linné gelehrt
hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zusammen,
wonach die Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit hat, die Weltkörper
wie die Artungen der Organismen, von denen sie unter günstigen Umständen
bewohnt werden, entstehn und vergehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt
zulässig sind, unendlich großartigere Dimensionen annehmen. In beiden
Fällen ist er wesentlich dialektisch und braucht keine über den andern
Wissenschaften stehende Philosophie mehr. Sobald an jede einzelne Wissenschaft
die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der
Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft
vom Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen
Philosophie dann noch selbständig bestehn bleibt, ist die Lehre vom Denken
und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht
auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.

Während jedoch der Umschwung der Naturanschauung nur in dem Maß
sich vollziehn konnte, als die Forschung den entsprechenden positiven Erkenntnisstoff
lieferte, hatten sich schon viel früher historische Tatsachen geltend gemacht,
die für die Geschichtsauffassung eine entscheidende Wendung herbeiführten.
1831 hatte in Lyon der erste Arbeiteraufstand stattgefunden; 1838 bis 1842 erreichte
die erste nationale Arbeiterbewegung, die der englischen Chartisten, ihren Höhepunkt.
Der Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie
trat in den Vordergrund der Geschichte der fortgeschrittensten Länder Europas,
in demselben Maß, wie sich dort einerseits die große Industrie,
andrerseits die neueroberte politische Herrschaft der Bourgeoisie entwickelte.
Die Lehren der bürgerlichen Ökonomie von der Identität der Interessen
von Kapital und Arbeit, von der allgemeinen Harmonie und dem allgemeinen Volkswohlstand
als Folge der freien Konkurrenz, wurden immer schlagender von den Tatsachen
Lügen gestraft.
{4}
Alle
diese Dinge waren nicht mehr abzuweisen, ebensowenig wie der französische
und englische Sozialismus, der ihr theoretischer, wenn auch höchst unvollkommner
Ausdruck war. Aber die alte idealistische Geschichtsauffassung, die noch nicht
verdrängt war, kannte keine auf materiellen Interessen beruhenden Klassenkämpfe,
überhaupt keine materiellen Interessen; die Produktion wie alle ökonomischen
Verhältnisse kamen in ihr nur so nebenbei, als untergeordnete Elemente
der »Kulturgeschichte« vor.

Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen
Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß alle bisherige Geschichte
die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden
Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse,
mit Einem Wort der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; daß
also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage
bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen
sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines
jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu erklären sind.
Hiermit war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung,
vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden,
um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein
aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Mit dieser materialistischen Geschichtsauffassung war aber der bisherige Sozialismus
ebenso unverträglich wie die Naturauffassung des französischen Materialismus
mit der Dialektik und der neueren Naturwissenschaft. Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende kapitalistische
Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also
auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht verwerfen.
Es handelte sich aber darum, diese kapitalistische Produktionsweise einerseits
in ihrem geschichtlichen Zusammenhang und ihrer Notwendigkeit für einen
bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitt, also auch die Notwendigkeit ihres
Untergangs, darzustellen, andrerseits aber auch ihren innern Charakter zu enthüllen,
der noch immer verborgen war, da die bisherige Kritik sich mehr auf die üblen
Folgen als auf den Gang der Sache selbst geworfen hatte. Dies geschah durch
die Entdeckung des Mehrwerts. Es wurde bewiesen, daß die Aneignung unbezahlter
Arbeit die Grundform der kapitalistischen Produktionsweise und der durch sie
vollzognen Ausbeutung des Arbeiters ist; daß der Kapitalist, selbst wenn
er die Arbeitskraft seines Arbeiters zum vollen Wert kauft, den sie als Ware
auf dem Warenmarkt hat, dennoch mehr Wert aus ihr herausschlägt, als er
für sie bezahlt hat; und daß dieser Mehrwert in letzter Instanz die
Wertsumme bildet, aus der sich die stets wachsende Kapitalmasse in den Händen
der besitzenden Klassen aufhäuft. Der Hergang sowohl der kapitalistischen
Produktion wie der Produktion von Kapital war erklärt.

Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung
und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst
des Mehrwerts, verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft,
die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzelnheiten und
Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.

So etwa standen die Sachen auf dem Gebiete des theoretischen Sozialismus und
der verstorbenen Philosophie, als Herr Eugen Dühring nicht ohne beträchtliches
Gepolter auf die Bühne sprang und eine durch ihn vollzogene, totale Umwälzung
der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus ankündigte.

Sehn wir zu, was Herr Dühring uns verspricht und - was er hält.

## II. Was Herr Dühring verspricht

Herrn Dührings zunächst hierher gehörige Schriften sind sein
»Cursus der Philosophie«, sein »Cursus der National- und Socialökonomie«
und seine »Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus«.
Zunächst interessiert uns vorwiegend das erste Werk.

Gleich auf der ersten Seite kündigt Herr
Dühring sich an als

»denjenigen, der die
Vertretung
dieser Macht« (der Philosophie) »in
seiner Zeit und für die zunächst absehbare Entfaltung derselben
in
Anspruch nimmt
«. |Alle Hervorhebungen in den Zitaten aus den Schriften Dührings
stammen von Engels.|

Er erklärt sich also für den einzig wahren Philosophen der Gegenwart
und »absehbaren« Zukunft. Wer von ihm abweicht, weicht ab von der Wahrheit.
Viele Leute haben, schon vor Herrn Dühring, so etwas von sich selbst gedacht,
aber er ist - außer Richard Wagner - wohl der erste, der es von sich selbst
gelassen ausspricht. Und zwar ist die Wahrheit, um die es sich bei ihm handelt,

»eine endgültige Wahrheit letzter Instanz«.

Die Philosophie des Herrn Dühring ist

»das
natürliche System
oder die
Wirklichkeitsphilosophie

... die Wirklichkeit wird in ihm in einer Weise gedacht, die
jede Anwandlung

zu einer traumhaften und subjektivistisch beschränkten Weltvorstellung

ausschließt
«.

Diese Philosophie ist also so beschaffen, daß sie Herrn Dühring
über die von ihm selbst nicht zu leugnenden Schranken seiner persönlich-subjektiven
Beschränktheit hinaushebt. Es ist dies allerdings nötig, wenn er imstande
sein soll, endgültige Wahrheiten letzter Instanz festzustellen, obwohl
wir bis jetzt noch nicht einsehn, wie dies Wunder sich bewerkstelligen soll.

Dies »natürliche System des an sich für den Geist wertvollen
Wissens« hat, »ohne der Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die Grundgestalten
des Seins
sicher festgestellt
«. von seinem »wirklich kritischen Standpunkt«
aus bietet es »die Elemente einer wirklichen und demgemäß auf die Wirklichkeit
der Natur und des Lebens gerichteten Philosophie, welche keinen bloß scheinbaren
Horizont gelten läßt, sondern
in ihrer mächtig umwälzenden
Bewegung alle Erden und Himmel der äußeren und inneren Natur aufrollt
«;
es ist eine »neue Denkweise«, und ihre Resultate sind »von Grund aus eigentümliche
Ergebnisse und Anschauungen ... systemschaffende Gedanken ... festgestellte Wahrheiten«.
Wir haben in ihr vor uns »eine Arbeit, die ihre Kraft in der konzentrierten Initiative
suchen muß« - was das auch immer heißen möge; eine »
bis an
die Wurzeln reichende
Untersuchung ... eine
wurzelhafte
Wissenschaft
... eine
streng wissenschaftliche
Auffassung von Dingen und Menschen ...
eine
allseitig durchdringende
Gedankenarbeit ... ein
schöpferisches

Entwerfen der vom Gedanken beherrschbaren Voraussetzungen und Folgen ... das
absolut
Fundamentale
«.

Er gibt uns auf ökonomisch-politischem Gebiet nicht nur

»historisch und systematisch umfassende Arbeiten«, von denen die historischen
sich obendrein durch »meine Geschichtszeichnung
großen Stils
« auszeichnen
und welche in der Ökonomie »schöpferische Wendungen« zuwege brachten,

sondern schließt auch mit einem eignen
vollständig ausgearbeiteten sozialistischen Plan für die Zukunftsgesellschaft
ab, der die

»praktische Frucht einer klaren und bis an die
letzten Wurzeln reichenden Theorie«,

und daher ebenso unfehlbar und alleinseligmachend ist wie die Dühringsche
Philosophie; denn

»
nur in demjenigen
sozialistischen Gebilde, welches
ich in meinem

'Cursus der National-und Socialökonomie' gekennzeichnet habe, kann
ein echtes Eigen an die Stelle des bloß scheinbaren und vorläufigen
oder aber gewaltsamen Eigentums treten«. Wonach die Zukunft sich zu richten
hat.

Diese Blumenlese von Lobpreisungen des Herrn Dühring durch Herrn Dühring
ließe sich leicht ums Zehnfache vermehren. Sie dürfte schon jetzt
beim Leser einige Zweifel rege gemacht haben, ob er es wirklich mit einem Philosophen
zu tun habe oder mit - aber wir müssen den Leser bitten, sein Urteil zurückzuhalten,
bis er die besagte Wurzelhaftigkeit wird näher kennengelernt haben. Wir
geben obige Blumenlese auch nur, um zu zeigen, daß wir nicht einen gewöhnlichen
Philosophen und Sozialisten vor uns haben, der seine Gedanken einfach ausspricht
und es der weitern Entwicklung überläßt, über ihren Wert
zu entscheiden, sondern mit einem ganz außergewöhnlichen Wesen, das
nicht weniger unfehlbar zu sein behauptet, als der Papst, und dessen alleinseligmachende
Lehre man einfach anzunehmen hat, wenn man nicht der verwerflichsten Ketzerei
verfallen will. Wir haben es keineswegs mit einer jener Arbeiten zu tun, an
denen alle sozialistischen Literaturen und neuerdings auch die deutsche überreich
sind, Arbeiten, in denen Leute verschiednen Kalibers sich in der aufrichtigsten
Weise von der Welt über Fragen klarzuwerden suchen, zu deren Beantwortung
ihnen das Material vielleicht mehr oder weniger abgeht; Arbeiten, bei denen,
was auch ihre wissenschaftlichen und literarischen Mängel, der sozialistische
gute Wille immer anerkennenswert ist. Im Gegenteil, Herr Dühring bietet
uns Sätze, die er für endgültige Wahrheiten letzter Instanz erklärt,
neben denen jede andre Meinung also von vornherein falsch ist; wie die ausschließliche
Wahrheit, so hat er auch die einzige streng wissenschaftliche Methode der Untersuchung,
neben der alle andern unwissenschaftlich sind. Entweder hat er recht - und dann
stehn wir vor dem größten Genie aller Zeiten, dem ersten übermenschlichen,
weil unfehlbaren Menschen. Oder er hat unrecht, und auch dann, wie unser Urteil
immer ausfallen möge, wäre wohlwollende Rücksichtnahme auf seinen
etwaigen guten Willen immer noch die tödlichste Beleidigung für Herrn
Dühring.

Wenn man im Besitz der endgültigen Wahrheit
letzter Instanz und der einzig strengen Wissenschaftlichkeit ist, so muß
man selbstredend für die übrige irrende und unwissenschaftliche Menschheit
eine ziemliche Verachtung haben. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn
Herr Dühring von seinen Vorgängern mit der äußersten Wegwerfung
spricht, und wenn nur wenige, ausnahmsweise von ihm selbst ernannte große
Männer vor seiner Wurzelhaftigkeit Gnade finden.

Hören wir ihn zuerst über die Philosophen:

»Der jeder besseren Gesinnung bare
Leibniz
, ... dieser beste unter allen
höfisch möglichen Philosophierern.«

Kant wird noch soeben geduldet; aber nach ihm ging alles drunter und drüber:

es kamen die »Wüstheiten und ebenso läppischen als windigen Torheiten
der nächsten Epigonen, also namentlich eines
Fichte
und
Schelling

... ungeheuerliche Zerrbilder unwissender Naturphilosophastrik ... die nachkantischen
Ungeheuerlichkeiten« und »Fieberphantasien«, denen die Krone aufsetzte »ein

Hegel
«. Dieser sprach einen »Hegel-Jargon« und verbreitete die »Hegel-Seuche«
vermittelst seiner »überdies noch in der Form unwissenschaftlichen Manier«
und seiner »Kruditäten«.

Den Naturforschern geht's nicht besser, doch wird nur Darwin namentlich aufgeführt,
und so müssen wir uns auf diesen beschränken:

»Darwinistische Halbpoesie und Metamorphosenfertigkeit mit ihrer grobsinnlichen
Enge der Auffassung und Stumpfheit der Unterscheidungskraft ... Unseres Erachtens
ist der spezifische Darwinismus, wovon natürlich die Lamarckschen Aufstellungen
auszunehmen sind,
ein Stück gegen die Humanität gerichtete Brutalität
.«

Am schlimmsten aber kommen die Sozialisten weg. Mit Ausnahme von allenfalls
Louis Blanc - dem unbedeutendsten von allen - sind sie allzumal Sünder und
mangeln des Ruhms, den sie vor (oder hinter) Herrn Dühring haben sollten.
Und nicht nur der Wahrheit und Wissenschaftlichkeit, nein, auch dem Charakter
nach. Mit Ausnahme von Babeuf und einigen Kommunards von 1871 sind sie allesamt
keine »Männer«. Die drei Utopisten heißen »soziale Alchimisten«. von
ihnen wird Saint-Simon noch insoweit glimpflich behandelt, als ihm bloß
»Überspanntheit« vorgeworfen und mitleidig angedeutet wird, er habe an religiösem
Wahnsinn gelitten. Bei Fourier dagegen reißt Herrn Dühring die Geduld
vollständig. Denn Fourier

»enthüllte alle Elemente des Wahnwitzes ... Ideen, die man sonst
am ehesten in Irrenhäusern aufsucht ... wüsteste Träume ... Erzeugnisse
des Wahnwitzes. ... Der unsäglich alberne Fourier«, dieses »Kinderköpfchen«,
dieser »Idiot« ist dabei nicht einmal ein Sozialist; sein Phalanstère
ist durchaus kein Stück rationeller Sozialismus, sondern »ein nach der
Schablone des gewöhnlichen Verkehrs konstruiertes Mißgebilde«.

und endlich:

»Wem diese Auslassungen« (Fouriers über Newton) » ... nicht genügen,
um sich zu überzeugen, daß in Fouriers Namen und am ganzen Fourierismus
nur die erste Silbe« (fou = verrückt) »etwas Wahres besagt, der dürfte

selbst unter irgendeiner Kategorie von Idioten einzureihen sein
.«

Endlich, Robert Owen

»hatte matte und dürftige Ideen ... sein im Punkte der Moral so rohes
Denken ... einige ins Verschrobene ausgeartete Gemeinplätze ... widersinnige
und rohe Anschauungsweise ... Owens Vorstellungslauf ist kaum wert, daß
man eine ernstere Kritik zur Geltung bringe ... seine Eitelkeit« usw.

Wenn also Herr Dühring die Utopisten nach ihren Namen äußerst
geistreich folgendermaßen kennzeichnet: Saint-Simon - saint (heilig),
Fourier - fou (verrückt), Enfantin - enfant (kindisch), so fehlt nur noch,
daß er hinzusetzt: Owen - o weh! und eine ganz bedeutende Periode der
Geschichte des Sozialismus ist mit vier Worten einfach - verdonnert, und wer
daran zweifelt, der »dürfte selbst unter irgendeine Kategorie von Idioten
einzureihen sein«.

von den Dühringschen Urteilen über die spätern Sozialisten nehmen
wir der Kürze halber nur noch die über Lassalle und Marx heraus:

Lassalle
: »Pedantisch-klaubende Popularisierungsversuche
... überwuchernde Scholastik ... ungeheuerliches Gemisch von allgemeiner
Theorie und kleinlichem Quark ... sinn- und formlose Hegel-Superstition ...
abschreckendes Beispiel ... eigne Beschränktheit ... Wichtigtuerei mit
dem gleichgültigsten Kleinkram ... unser jüdischer Held ... Pamphletschreiber
... ordinär ... innere Haltungslosigkeit der Lebens- und Weltanschauung.«

Marx
: »Beengtheit der Auffassung ... seine Arbeiten und Leistungen
sind an und für sich, d.h. rein theoretisch betrachtet, für unser
Gebiet« (die kritische Geschichte des Sozialismus) »ohne dauernde Bedeutung
und für die allgemeine Geschichte der geistigen Strömung höchstens
als Symptome der Einwirkung eines Zweigs der neueren Sektenscholastik anzuführen
... Ohnmacht der konzentrierenden und ordnenden Fähigkeiten ... Unförmlichkeit
der Gedanken und des Stils, würdelose Allüren der Sprache ... englisierte
Eitelkeit ... Düpierung ... wüste Konzeptionen, die in der Tat nur
Bastarde historischer und logischer Phantastik sind ... trügerische Wendung
... persönliche Eitelkeit ... schnöde Manierchen ... schnoddrig ...
schöngeistige Plätzchen und Mätzchen ... Chinesengelehrsamkeit
... philosophische und wissenschaftliche Rückständigkeit.«

Und so weiter, und so weiter - denn auch dies ist nur eine kleine oberflächliche
Blumenlese aus dem Dühringschen Rosengarten. Wohlverstanden, vorderhand
geht es uns noch gar nichts an, ob diese liebenswürdigen

Schimpfereien, die es Herrn Dühring, bei einiger Bildung, verbieten sollten,
irgend etwas schnöde und schnoddrig zu finden, ebenfalls endgültige
Wahrheiten letzter Instanz sind. Auch werden wir uns - jetzt noch - hüten,
irgendeinen Zweifel an ihrer Wurzelhaftigkeit laut werden zu lassen, da man
uns sonst vielleicht sogar verbieten dürfte, die Kategorie von Idioten
auszusuchen, zu der wir gehören. Wir haben es nur für unsre Schuldigkeit
gehalten, einerseits ein Beispiel davon zu geben, was Herr Dühring

»das Gewählte der rücksichtsvollen und im echten Sinn des Worts bescheidnen
Ausdrucksart«

nennt, und andrerseits festzustellen, daß bei Herrn Dühring die
Verwerflichkeit seiner Vorgänger nicht minder feststeht, als seine eigne
Unfehlbarkeit. Hiernach ersterben wir in tiefster Ehrerbietung vor dem gewaltigsten
Genius aller Zeiten - wenn sich das alles nämlich so verhält.

## Textvarianten

{1}
Im ersten Entwurf der »Einleitung« wird diese
Stelle in folgender Fassung gebracht: »Der
moderne Sozialismus,
sosehr
er auch der Sache nach entstanden ist aus der Anschauung der in der vorgefundenen
Gesellschaft bestehenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen,
Arbeitern und Ausbeutern, erscheint doch in seiner theoretischen Form zunächst
als eine konsequentere, weitergetriebne Fortführung der von den großen
französischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze,
wie denn seine ersten Vertreter. Morelly und Mably, auch zu diesen gehörten.«

{2}
Im ersten Entwurf der »Einleitung« lautet diese
Stelle: »Die alten griechischen Philosophen waren alle geborne, naturwüchsige
Dialektiker, und Aristoteles, der Hegel der alten Welt, hat auch bereits die
wesentlichsten Formen des dialektischen Denkens untersucht.«

{3}
Im ersten Entwurf der »Einleitung« wird die
Hegelsche Philosophie so charakterisiert: »Das Hegelsche System war die letzte,
vollendetste Form der Philosophie, insofern diese als besondre, allen andren
Wissenschaften überlegne besondre Wissenschaft vorgestellt wird. Mit ihm
scheiterte die ganze Philosophie. Was aber blieb, war die dialektische Denkweise
und die Auffassung der natürlichen, geschichtlichen und intellektuellen
Welt als einer sich ohne Ende bewegenden, umbildenden, in stetem Prozeß
von Werden und Vergehen begriffenen. Nicht nur an die Philosophie, an
alle

Wissenschaften war jetzt die Forderung gestellt, die Bewegungsgesetze dieses
steten Umbildungsprozesses auf ihrem besondern Gebiet aufzuweisen. Und dies
war das Erbteil, das die Hegelsche Philosophie ihren Nachfolgern hinterließ.«

{4}
Im ersten Entwurf der »Einleitung« heißt
es weiter: »In Frankreich hatte die Lyoner Insurrektion von 1834 ebenfalls den
Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie proklamiert. Die englischen und
französischen sozialistischen Theorien bekamen historische Bedeutung und
mußten auch in Deutschland Widerhall und Kritik hervorrufen, obwohl dort
die Produktion eben erst anfing, sich aus dem Kleinbetrieb herauszuarbeiten.
Der theoretische Sozialismus, wie er sich jetzt nicht so sehr in Deutschland
als unter Deutschen bildete, hatte also sein ganzes Material zu importieren
...«

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 4]

1962. »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«,
S.
.

Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

Einleitung

## III. Einteilung. Apriorismus

Philosophie ist, nach Herrn Dühring, die Entwicklung
der höchsten Form des Bewußtseins von Welt und Leben und umfaßt
in einem weitern Sinne die
Prinzipien
alles Wissens und Wollens. Wo irgendeine
Reihe von Erkenntnissen oder Antrieben oder eine Gruppe von Existenzformen für
das menschliche Bewußtsein in Frage kommt, müssen die
Prinzipien

dieser Gestalten ein Gegenstand der Philosophie sein. Diese Prinzipien sind die
einfachen oder bis jetzt als einfach vorausgesetzten Bestandteile, aus denen sich
das mannigfaltige Wissen und Wollen zusammensetzen läßt. Ähnlich
wie die chemische Konstitution der Körper kann auch die allgemeine Verfassung
der Dinge auf Grundformen und Grundelemente zurückgeführt werden. Diese
letzten Bestandteile oder Prinzipien gelten, sobald sie einmal gewonnen sind,
nicht bloß für das unmittelbar Bekannte und Zugängliche, sondern
auch für die uns unbekannte und unzugängliche Welt. Die philosophischen
Prinzipien bilden mithin die letzte Ergänzung, deren die Wissenschaften bedürfen,
um zu einem einheitlichen System der Erklärung von Natur und Menschenleben
zu werden. Außer den Grundformen aller Existenz hat die Philosophie nur
zwei eigentliche Gegenstände der Untersuchung, nämlich die Natur und
die Menschenwelt. Hiernach ergeben sich für die Anordnung unsres Stoffs
völlig
ungezwungen
drei Gruppen, nämlich die allgemeine Weltschematik, die Lehre
von den Naturprinzipien und schließlich diejenige vom Menschen. In dieser
Abfolge ist zugleich
eine innere logische Ordnung
enthalten; denn die formalen
Grundsätze, welche für alles Sein gelten, gehn voran, und die gegenständlichen
Gebiete, auf die sie
anzuwenden
sind, folgen in der Abstufung ihrer Unterordnung
nach.

So weit Herr Dühring, und fast ausschließlich wörtlich. Also
um
Prinzipien
handelt es sich bei ihm, um aus dem
Denken
, nicht
aus der äußern Welt, abgeleitete formale Grundsätze, die auf die
Natur und das Reich des Menschen anzuwenden sind, nach denen also Natur und Mensch
sich zu richten haben. Aber woher nimmt das Denken diese Grundsätze? Aus
sich selbst? Nein, denn Herr Dühring sagt selbst: das rein ideelle

Gebiet beschränkt sich auf logische Schemata und mathematische Gebilde (welches
letztere noch dazu falsch ist, wie wir sehn werden). Die logischen Schemata können
sich nur auf
Denkformen
beziehn; hier aber handelt es sich nur um die Formen
des
Seins
, der Außenwelt, und diese Formen kann das Denken niemals
aus sich selbst, sondern eben nur aus der Außenwelt schöpfen und ableiten.
Damit aber kehrt sich das ganze Verhältnis um: die Prinzipien sind nicht
der Ausgangspunkt der Untersuchung, sondern ihr Endergebnis; sie werden nicht
auf Natur und Menschengeschichte angewandt, sondern aus ihnen abstrahiert; nicht
die Natur und das Reich des Menschen richten sich nach den Prinzipien, sondern
die Prinzipien sind nur insoweit richtig, als sie mit Natur und Geschichte stimmen.
Das ist die einzige materialistische Auffassung der Sache, und die entgegenstehende
des Herrn Dühring ist idealistisch, stellt die Sache vollständig auf
den Kopf und konstruiert die wirkliche Welt aus dem Gedanken, aus irgendwo vor
der Welt von Ewigkeit bestehenden Schematen, Schemen oder Kategorien, ganz wie
-
ein Hegel
.

In der Tat. Legen wir die »Enzyklopädie« Hegels mit all ihren Fieberphantasien
neben die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz des Herrn Dühring.
Bei Herrn Dühring haben wir erstens die allgemeine Weltschematik, die bei
Hegel die
Logik
heißt. Dann haben wir bei beiden die Anwendung dieser
Schemata, beziehungsweise logischen Kategorien auf die Natur: Naturphilosophie,
und endlich deren Anwendung auf das Reich des Menschen, was Hegel die Philosophie
des Geistes nennt. Die »innerlich logische Ordnung« der Dühringschen Abfolge
führt uns also »völlig ungezwungen« auf Hegels »Enzyklopädie« zurück,
aus der sie mit einer Treue entnommen ist, die den Ewigen Juden der Hegelschen
Schule, den Professor Michelet in Berlin, zu Tränen rühren wird.

Das kommt davon, wenn man »das Bewußtsein«, »das Denken« ganz naturalistisch
als etwas Gegebnes, von vornherein dem Sein, der Natur Entgegengesetztes, so hinnimmt.
Dann muß man es auch höchst merkwürdig finden, daß Bewußtsein
und Natur, Denken und Sein, Denkgesetze und Naturgesetze so sehr zusammenstimmen.
Fragt man aber weiter, was denn Denken und Bewußtsein sind und woher sie
stammen, so findet man, daß es Produkte des menschlichen Hirns und daß
der Mensch selbst ein Naturprodukt, das sich in und mit seiner Umgebung entwickelt
hat; wobei es sich dann von selbst versteht, daß die Erzeugnisse des menschlichen
Hirns, die in letzter Instanz ja auch Naturprodukte sind, dem übrigen Naturzusammenhang
nicht widersprechen, sondern entsprechen.

Aber Herr Dühring darf sich diese einfache Behandlung der Sache nicht

erlauben. Er denkt nicht nur im Namen der Menschheit
- was doch schon eine ganz hübsche Sache wäre -, sondern im Namen der
bewußten und denkenden Wesen aller Weltkörper:

In der Tat, es wäre »eine Herabwürdigung der Grundgestalten
des Bewußtseins und Wissens, wenn man ihre souveräne Geltung und ihren
unbedingten Anspruch auf Wahrheit durch das Epitheton menschlich ausschließen
oder auch nur verdächtigen wollte«.

Damit also nicht der Verdacht aufkomme, als sei auf irgendeinem andern Weltkörper
zwei mal zwei gleich fünf, darf Herr Dühring das Denken nicht als menschliches
bezeichnen, muß es damit abtrennen von der einzigen wirklichen Grundlage,
auf der es für uns vorkommt, nämlich vom Menschen und der Natur, und
plumpst damit rettungslos in eine Ideologie, die ihn als Epigonen des »Epigonen«
Hegel auftreten macht. Übrigens werden wir Herrn Dühring noch öfters
auf andern Weltkörpern begrüßen.

Es versteht sich von selbst, daß man auf so ideologischer Grundlage keine
materialistische Lehre gründen kann. Wir werden später sehn, daß
Herr Dühring genötigt ist, der Natur mehr als einmal bewußte Handlungsweise
unterzuschieben, also das, was man auf deutsch Gott nennt.

Indes hatte unser Wirklichkeitsphilosoph auch noch andre Beweggründe,
die Grundlage aller Wirklichkeit aus der wirklichen Welt in die Gedankenwelt zu
übertragen. Die Wissenschaft von diesem allgemeinen Weltschematismus, von
diesen formellen Grundsätzen des Seins, ist ja grade die Grundlage von Herrn
Dührings Philosophie. Wenn wir den Weltschematismus nicht aus dem Kopf, sondern
bloß
vermittelst
des Kopfs aus der wirklichen Welt, die Grundsätze
des Seins aus dem, was ist, ableiten, so brauchen wir dazu keine Philosophie,
sondern positive Kenntnisse von der Welt und was in ihr vorgeht; und was dabei
herauskommt, ist ebenfalls keine Philosophie, sondern positive Wissenschaft. Damit
wäre aber Herrn Dührings ganzer Band nichts als verlorne Liebesmüh.

Ferner: wenn keine Philosophie als solche mehr nötig, dann auch kein System,
selbst kein natürliches System der Philosophie mehr. Die Einsicht, daß
die Gesamtheit der Naturvorgänge in einem systematischen Zusammenhang steht,
treibt die Wissenschaft dahin, diesen systematischen Zusammenhang überall
im einzelnen wie im ganzen nachzuweisen. Aber eine entsprechende, erschöpfende,
wissenschaftliche Darstellung dieses Zusammenhangs, die Abfassung eines exakten
Gedankenabbildes des Weltsystems, in dem wir leben, bleibt für uns sowohl
wie für alle Zeiten eine Unmöglichkeit. Würde an irgendeinem Zeitpunkt
der Menschheitsentwicklung ein solches endgültig abschließendes System
der Weltzusammenhänge,

physischer wie geistiger
und geschichtlicher, fertiggebracht, so wäre damit das Reich der menschlichen
Erkenntnis abgeschlossen, und die zukünftige geschichtliche Fortentwicklung
abgeschnitten von dem Augenblick an, wo die Gesellschaft im Einklang mit jenem
System eingerichtet ist - was eine Absurdität, ein reiner Widersinn wäre.
Die Menschen finden sich also vor den Widerspruch gestellt: einerseits das Weltsystem
erschöpfend in seinem Gesamtzusammenhang zu erkennen, und andrerseits, sowohl
ihrer eignen wie der Natur des Weltsystems nach, diese Aufgabe nie vollständig
lösen zu können. Aber dieser Widerspruch liegt nicht nur in der Natur
der beiden Faktoren: Welt und Menschen, sondern er ist auch der Haupthebel des
gesamten intellektuellen Fortschritts und löst sich tagtäglich und fortwährend
in der unendlichen progressiven Entwicklung der Menschheit, ganz wie z.B. mathematische
Aufgaben in einer unendlichen Reihe oder einem Kettenbruch ihre Lösung finden.
Tatsächlich ist und bleibt jedes Gedankenabbild des Weltsystems objektiv
durch die geschichtliche Lage und subjektiv durch die Körper- und Geistesverfassung
seines Urhebers beschränkt. Aber Herr Dühring erklärt von vornherein
seine Denkweise für eine solche, die jede Anwandlung zu einer subjektivistisch
beschränkten Weltvorstellung ausschließt. Wir sahn vorher, er war allgegenwärtig
- auf allen möglichen Weltkörpern. Jetzt sehn wir auch, daß er
allwissend ist. Er hat die letzten Aufgaben der Wissenschaft gelöst und so
die Zukunft aller Wissenschaft mit Brettern zugenagelt.

Wie die Grundgestalten des Seins, meint Herr Dühring, auch die gesamte
reine Mathematik apriorisch, d.h. ohne Benutzung der Erfahrungen, die uns die
Außenwelt bietet, aus dem Kopf heraus fertigbringen zu können.

In der reinen Mathematik soll sich der Verstand befassen »mit seinen
eignen freien Schöpfungen und Imaginationen«; die Begriffe von Zahl und Figur
sind »ihr zureichendes und von ihr selbst erzeugbares Objekt«, und somit hat sie
eine »von der
besondern
Erfahrung und dem realen Weltinhalt unabhängige
Geltung«.

Daß die reine Mathematik eine von der
besondern
Erfahrung jedes
einzelnen unabhängige Geltung hat, ist allerdings richtig und gilt von allen
festgestellten Tatsachen aller Wissenschaften, ja von allen Tatsachen überhaupt.
Die magnetischen Pole, die Zusammensetzung des Wassers aus Wasserstoff und Sauerstoff,
die Tatsache, daß Hegel tot ist und Herr Dühring lebt, gelten unabhängig
von meiner oder andrer einzelnen Leute Erfahrung, selbst unabhängig von der
des Herrn Dühring, sobald er den Schlaf des Gerechten schläft. Keineswegs
aber befaßt sich in der reinen

Mathematik
der Verstand bloß mit seinen eignen Schöpfungen und Imaginationen.
Die Begriffe von Zahl und Figur sind nirgends anders hergenommen, als aus der
wirklichen Welt. Die zehn Finger, an denen die Menschen zählen, also die
erste arithmetische Operation vollziehn gelernt haben, sind alles andre, nur nicht
eine freie Schöpfung des Verstandes. Zum Zählen gehören nicht nur
zählbare Gegenstände, sondern auch schon die Fähigkeit, bei Betrachtung
dieser Gegenstände von allen ihren übrigen Eigenschaften abzusehn außer
ihrer Zahl - und diese Fähigkeit ist das Ergebnis einer langen geschichtlichen,
erfahrungsmäßigen Entwicklung. Wie der Begriff Zahl, so ist der Begriff
Figur ausschließlich der Außenwelt entlehnt, nicht im Kopf aus dem
reinen Denken entsprungen. Es mußte Dinge geben, die Gestalt hatten und
deren Gestalten man verglich, ehe man auf den Begriff Figur kommen konnte. Die
reine Mathematik hat zum Gegenstand die Raumformen und Quantitätsverhältnisse
der wirklichen Welt, also einen sehr realen Stoff. Daß dieser Stoff in einer
höchst abstrakten Form erscheint, kann seinen Ursprung aus der Außenwelt
nur oberflächlich verdecken. Um diese Formen und Verhältnisse in ihrer
Reinheit untersuchen zu können, muß man sie aber vollständig von
ihrem Inhalt trennen, diesen als gleichgültig beiseite setzen; so erhält
man die Punkte ohne Dimensionen, die Linien ohne Dicke und Breite, die
a

und
b
und
x
und
y
, die Konstanten und die Variablen, und
kommt dann ganz zuletzt erst auf die eignen freien Schöpfungen und Imaginationen
des Verstandes, nämlich die imaginären Größen. Auch die scheinbare
Ableitung mathematischer Größen aus einander beweist nicht ihren apriorischen
Ursprung, sondern nur ihren rationellen Zusammenhang. Ehe man auf die Vorstellung
kam, die
Form
eines Zylinders aus der Drehung eines Rechtecks um eine seiner
Seiten abzuleiten, muß man eine Anzahl wirklicher Rechtecke und Zylinder,
wenn auch in noch so unvollkommner Form, untersucht haben. Wie alle andern Wissenschaften
ist die Mathematik aus den
Bedürfnissen
der Menschen hervorgegangen:
aus der Messung von Land und Gefäßinhalt, aus Zeitrechnung und Mechanik.
Aber wie in allen Gebieten des Denkens werden auf einer gewissen Entwicklungsstufe
die aus der wirklichen Welt abstrahierten Gesetze von der wirklichen Welt getrennt,
ihr als etwas Selbständiges gegenübergestellt, als von außen kommende
Gesetze, wonach die Welt sich zu richten hat. So ist es in Gesellschaft und Staat
hergegangen, so und nicht anders wird die
reine
Mathematik nachher auf
die Welt
angewandt,
obwohl sie eben dieser Welt entlehnt ist und nur einen
Teil ihrer Zusammensetzungsformen darstellt - und grade
nur deswegen
überhaupt
anwendbar ist.

Wie aber Herr Dühring sich einbildet, aus
den mathematischen Axiomen, die

»auch nach der rein logischen Vorstellung einer Begründung weder
fähig noch bedürftig sind«,

ohne irgendwelche erfahrungsmäßige Zutat die ganze reine Mathematik
ableiten und diese dann auf die Welt anwenden zu können, ebenso bildet er
sich ein, zuerst die Grundgestalten des Seins, die einfachen Bestandteile alles
Wissens, die Axiome der Philosophie, aus dem Kopf erzeugen, aus ihnen die ganze
Philosophie oder Weltschematik ableiten und diese seine Verfassung der Natur und
Menschenwelt Allerhöchst oktroyieren zu können. Leider besteht die Natur
gar nicht und die Menschenwelt nur zum allergeringsten Teil aus den Manteuffelschen
Preußen von 1850.

Die mathematischen Axiome sind die Ausdrücke des höchst dürftigen
Gedankeninhalts, den die Mathematik der Logik entlehnen muß. Sie lassen
sich auf zwei zurückführen:

1. Das Ganze ist größer als der Teil. Dieser Satz ist eine reine
Tautologie, da die quantitativ gefaßte Vorstellung: Teil sich von vornherein
in bestimmter Weise auf die Vorstellung: Ganzes bezieht, nämlich so, daß
»Teil« ohne weiteres besagt, daß das quantitative »Ganze« aus mehreren quantitativen
»Teilen« besteht. Indem das sogenannte Axiom dies ausdrücklich konstatiert,
sind wir keinen Schritt weiter. Man kann diese Tautologie sogar gewissermaßen

beweisen
, wenn man sagt: ein Ganzes ist das, was aus mehreren Teilen besteht;
ein Teil ist das, von dem mehrere ein Ganzes ausmachen, folglich ist der Teil
kleiner als das Ganze - wo die Öde der Wiederholung die Öde des Inhalts
noch stärker hervortreten läßt.

2. Wenn zwei Größen einer dritten gleich sind, so sind sie untereinander
gleich. Dieser Satz ist, wie schon Hegel nachgewiesen hat, ein Schluß, für
dessen Richtigkeit die Logik einsteht, der also bewiesen ist, wenn auch außerhalb
der reinen Mathematik. Die übrigen Axiome über Gleichheit und Ungleichheit
sind bloße logische Erweiterungen dieses Schlusses.

Diese magern Sätze locken weder in der Mathematik noch sonstwo einen Hund
vom Ofen. Um weiterzukommen, müssen wir reale Verhältnisse hineinziehn,
Verhältnisse und Raumformen, die von wirklichen Körpern hergenommen
sind. Die Vorstellungen von Linien, Flächen, Winkeln, von Vielecken, Würfeln,
Kugeln usw. sind alle der Wirklichkeit entlehnt, und es gehört ein gut Stück
naiver Ideologie dazu, den Mathematikern zu glauben, die erste Linie sei durch
Bewegung eines Punktes im Raum entstanden, die erste Fläche durch Bewegung
einer Linie, der erste Körper durch

Bewegung
einer Fläche usw. Schon die Sprache rebelliert dagegen. Eine mathematische
Figur von drei Dimensionen heißt ein Körper, corpus solidum, also im
Lateinischen sogar ein handgreiflicher Körper, führt also einen Namen,
der keineswegs der freien Imagination des Verstandes, sondern der handfesten Realität
entlehnt ist.

Aber wozu all diese Weitläufigkeiten? Nachdem Herr Dühring auf Seite
42 und 43 die Unabhängigkeit der reinen Mathematik von der Erfahrungswelt,
ihre Apriorität, ihre Beschäftigung mit den eignen freien Schöpfungen
und Imaginationen des Verstandes, begeistert besungen, sagt er auf Seite 63:

»Es wird nämlich leicht übersehn, daß jene mathematischen
Elemente« (»Zahl, Größe, Zeit, Raum und geometrische Bewegung«) »
nur
ihrer Form nach ideell
sind, ... die
absoluten Größen
sind
daher etwas durchaus
Empirisches
, gleichviel welcher Gattung sie angehören«,
... aber »die mathematischen Schemata sind einer von der Erfahrung
abgesonderten

und dennoch zureichenden Charakteristik fähig«,

welches letztere mehr oder weniger von
jeder
Abstraktion gilt, aber
keineswegs beweist, daß sie nicht aus der Wirklichkeit abstrahiert ist.
In der Weltschematik ist die reine Mathematik aus dem reinen Denken entsprungen
- in der Naturphilosophie ist sie etwas durchaus Empirisches, aus der Außenwelt
Genommenes und dann Abgesondertes. Wem sollen wir nun glauben?

## IV. Weltschematik

»Das allumfassende Sein ist
einzig
. In seiner Selbstgenügsamkeit
hat es nichts neben oder über sich. Ihm ein zweites Sein zugesellen, hieße
es zu dem machen, was es nicht ist, nämlich zu dem Teil oder Bestandstück
eines umfangreicheren Ganzen. Indem wir unsern
einheitlichen
Gedanken gleichsam
als Rahmen ausspannen, kann nichts, was in diese Gedanken
einheit
eingehn
muß, eine Doppelheit an sich behalten. Es kann sich aber dieser Gedankeneinheit
auch nichts entziehn ... Das Wesen alles Denkens besteht in der Vereinigung von
Bewußtseinselementen zu einer Einheit ... Es ist der Einheitspunkt der Zusammenfassung,
wodurch der
unteilbare Weltbegriff
entstanden und das Universum, wie es
schon das Wort besagt, als etwas erkannt wird, worin alles zu einer
Einheit

vereinigt ist.«

Soweit Herr Dühring. Die mathematische Methode:

»Jede Frage ist an einfachen Grundgestalten
axiomatisch
zu entscheiden,
als wenn es sich um einfache ... Grundsätze der Mathematik handelte« -

diese Methode wird hier zuerst angewandt.

»Das allumfassende Sein ist einzig.« Wenn Tautologie
einfache Wiederholung, im Prädikat, dessen, was im Subjekte schon ausgesprochen
worden - wenn das ein Axiom ausmacht, so haben wir hier eins vom reinsten Wasser.
Im Subjekt sagt uns Herr Dühring, daß das Sein alles umfaßt,
und im Prädikat behauptet er unerschrocken, daß alsdann nichts außer
ihm ist. Welch kolossal »systemschaffender Gedanke«!

Systemschaffend in der Tat. Ehe wir sechs Zeilen weiter sind, hat Herr Dühring
die
Einzigkeit
des Seins vermittelst unsres einheitlichen Gedankens in
seine
Einheit
verwandelt. Da das Wesen alles Denkens in der Zusammenfassung
zu einer Einheit besteht, so ist das Sein, sobald es gedacht wird, als einheitliches
gedacht, der Weltbegriff ein unteilbarer, und weil das
gedachte
Sein, der

Weltbegriff
einheitlich ist, so ist das wirkliche Sein, die wirkliche Welt,
ebenfalls eine unteilbare Einheit. Und somit

»haben die Jenseitigkeiten keinen Raum mehr, sobald der Geist einmal
gelernt hat, das Sein in seiner gleichartigen Universalität zu erfassen«.

Das ist ein Feldzug, gegen den Austerlitz und Jena, Königgrätz und
Sedan vollständig verschwinden. In ein paar Sätzen, kaum eine Seite,
nachdem wir das erste Axiom mobil gemacht haben, haben wir bereits alle Jenseitigkeiten,
Gott, die himmlischen Heerscharen, Himmel, Hölle und Fegefeuer samt der Unsterblichkeit
der Seele abgeschafft, beseitigt, vernichtet.

Wie kommen wir von der Einzigkeit des Seins zu seiner Einheit? Indem wir es
uns überhaupt vorstellen. Sowie wir unsern einheitlichen Gedanken als Rahmen
um es ausspannen, wird das einzige Sein in Gedanken ein einheitliches, eine Gedankeneinheit;
denn das Wesen
alles
Denkens besteht in der Vereinigung von Bewußtseinselementen
zu einer Einheit.

Dieser letzte Satz ist einfach falsch. Erstens besteht das Denken ebensosehr
in der Zerlegung von Bewußtseinsgegenständen in ihre Elemente, wie
in der Vereinigung zusammengehöriger Elemente zu einer Einheit. Ohne Analyse
keine Synthese. Zweitens kann das Denken, ohne Böcke zu schießen, nur
diejenigen Bewußtseinselemente zu einer Einheit zusammenfassen, in denen
oder in deren realen Urbildern diese Einheit schon
vorher bestanden
. Wenn
ich eine Schuhbürste unter die Einheit Säugetier zusammenfasse, so bekommt
sie damit noch lange keine Milchdrüsen. Die Einheit des Seins, beziehentlich
die Berechtigung seiner Gedankenauffassung als einer Einheit, ist also grade das,
was zu beweisen war, und wenn Herr Dühring uns versichert, er denke sich
das Sein einheitlich und nicht etwa als Doppelheit, so sagt er uns damit weiter
nichts, als seine unmaßgebliche Meinung.

Wenn wir seinen Gedankengang rein darstellen
wollen, so ist er folgender: Ich fange an mit dem Sein. Also denke ich mir das
Sein. Der Gedanke des Seins ist einheitlich. Denken und Sein müssen aber
zusammenstimmen, sie entsprechen einander, sie »decken sich«. Also ist das Sein
auch in der Wirklichkeit einheitlich. Also gibt's keine »Jenseitigkeiten«. Hätte
Herr Dühring aber so unverhüllt gesprochen, statt uns obige Orakelstelle
zum besten zu geben, so lag die Ideologie klar zutage. Aus der Identität
von Denken und Sein die Realität irgendeines Denkergebnisses beweisen zu
wollen, das war ja grade eine der tollsten Fieberphantasien - eines Hegel.

Den Spiritualisten hätte Herr Dühring, selbst wenn seine ganze Beweisführung
richtig wäre, noch keinen Zollbreit Gebiet abgewonnen. Die Spiritualisten
antworten ihm kurz: die Welt
ist
auch für uns einfach; die Spaltung
in Diesseits und Jenseits existiert nur für unsern spezifisch irdischen,
erbsündlichen Standpunkt; an und für sich, d.h. in Gott, ist das gesamte
Sein ein einiges. Und sie werden Herrn Dühring auf seine beliebten andern
Weltkörper begleiten und ihm einen oder mehrere zeigen, wo kein Sündenfall
stattgefunden, wo also auch kein Gegensatz zwischen Diesseits und Jenseits besteht
und die Einheitlichkeit der Welt Forderung des Glaubens ist.

Das komischste bei der Sache ist, daß Herr Dühring, um die Nichtexistenz
Gottes aus dem Begriff des Seins zu beweisen, den ontologischen Beweis für
das Dasein Gottes anwendet. Dieser lautet: Wenn wir uns Gott denken, so denken
wir ihn uns als den Inbegriff aller Vollkommenheiten. Zum Inbegriff aller Vollkommenheiten
gehört aber vor allem das Dasein, denn ein nicht daseiendes Wesen ist notwendig
unvollkommen. Also müssen wir zu den Vollkommenheiten Gottes auch das Dasein
rechnen. Also muß Gott existieren. - Genauso räsoniert Herr Dühring:
Wenn wir uns das Sein denken, so denken wir es uns als
einen
Begriff. Was
in Einem Begriff zusammengefaßt, das ist einheitlich. Das Sein entspräche
also seinem Begriff nicht, wäre es nicht einheitlich. Folglich muß
es einheitlich sein. Folglich gibt es keinen Gott usw.

Wenn wir vom
Sein
sprechen, und
bloß
vom Sein, so kann
die Einheit nur darin bestehn, daß alle die Gegenstände, um die es
sich handelt -
sind
, existieren. In der Einheit dieses Seins, und in keiner
andern, sind sie zusammengefaßt und der gemeinsame Ausspruch, daß
sie alle
sind
, kann ihnen nicht nur keine weiteren, gemeinsamen oder nicht
gemeinsamen, Eigenschaften geben, sondern schließt alle solche von der Betrachtung
vorläufig aus. Denn sowie wir uns von der einfachen Grundtatsache, daß
allen diesen Dingen das Sein gemeinsam zukommt, auch nur einen Millimeter breit
entfernen, so fangen die
Unterschiede
dieser Dinge an, vor unsern

Blick zu treten - und ob diese Unterschiede darin bestehn, daß die einen
weiß, die andern schwarz, die einen belebt, die andern unbelebt, die einen
etwa diesseitig, die andern etwa jenseitig sind, das können wir nicht daraus
entscheiden, daß ihnen allen gleichmäßig die bloße Existenz
zugeschrieben wird.

Die Einheit der Welt besteht nicht in ihrem Sein, obwohl ihr Sein eine Voraussetzung
ihrer Einheit ist, da sie doch zuerst
sein
muß, ehe sie
eins

sein kann. Das Sein ist ja überhaupt eine offene Frage von der Grenze an,
wo unser Gesichtskreis aufhört. Die wirkliche Einheit der Welt besteht in
ihrer Materialität, und diese ist bewiesen nicht durch ein paar Taschenspielerphrasen,
sondern durch eine lange und langwierige Entwicklung der Philosophie und der Naturwissenschaft.

Weiter im Text. Das
Sein
, wovon Herr Dühring uns unterhält,
ist

»nicht jenes reine Sein, welches sich selbst gleich, aller besondern
Bestimmungen ermangeln soll, und in der Tat nur ein Gegenbild des Gedanken
nichts

oder der Gedankenabwesenheit vertritt«.

Nun werden wir aber sehr bald sehn, daß Herrn Dührings Welt allerdings
mit einem Sein anhebt, welches aller innern Unterscheidung, aller Bewegung und
Veränderung ermangelt und also in der Tat nur ein Gegenbild des Gedankennichts,
also ein wirkliches Nichts ist. Erst aus diesem
Sein-Nichts
entwickelt
sich der gegenwärtige differenzierte, wechselvolle, eine Entwicklung, ein

Werden
darstellende Weltzustand; und erst nachdem wir dies begriffen, kommen
wir dahin, auch unter dieser ewigen Wandlung

»den Begriff des universellen Seins sich selbst gleich festzuhalten«.

Wir haben also jetzt den Begriff des Seins auf einer höhern Stufe, wo
er sowohl Beharrung wie Veränderung, Sein wie Werden in sich begreift. Hier
angekommen, finden wir, daß

»Gattung und Art, überhaupt Allgemeines und Besonderes die einfachsten
Unterscheidungsmittel sind, ohne welche die Verfassung der Dinge nicht begriffen
werden kann«.

Es sind dies aber Unterscheidungsmittel der
Qualität
; und nachdem
diese verhandelt, gehn wir weiter:

»den Gattungen gegenüber steht der Begriff der Größe,
als desjenigen Gleichartigen, in welchem keine Artdifferenzen mehr stattfinden«;

d.h. von der
Qualität
gehn wir über zur
Quantität
,
und diese ist stets
»meßbar«
.

Vergleichen wir nun diese »scharfe Sonderung
der allgemeinen Wirkungsschemata« und ihren »wirklich kritischen Standpunkt« mit
den Kruditäten, Wüstheiten und Fieberphantasien eines Hegel. Wir finden,
daß Hegels Logik anfängt, vom
Sein
- wie Herr Dühring;
daß das Sein sich herausstellt als das
Nichts
, wie bei Herrn Dühring;
daß aus diesem Sein-Nichts übergegangen wird zum
Werden
, dessen
Resultat das Dasein ist, d.h. eine höhere, erfülltere Form des Seins
- ganz wie bei Herrn Dühring. Das Dasein führt zur
Qualität
,
die Qualität zur
Quantität -
ganz wie bei Herrn Dühring.
Und damit kein wesentliches Stück fehle, erzählt uns Herr Dühring
bei einer andern Gelegenheit:

»Aus dem Reich der Empfindungslosigkeit tritt man in das der Empfindung,
trotz aller quantitativen Allmählichkeit, nur mit einem
qualitativen Sprung

ein, von dem wir ... behaupten können, daß er sich unendlich von der
bloßen Gradation einer und derselben Eigenschaft unterscheide.«

Dies ist ganz die Hegelsche Knotenlinie von Maßverhältnissen, wo
bloß quantitative Steigerung oder Abnahme an gewissen bestimmten Knotenpunkten
einen
qualitativen Sprung
verursacht, z.B. bei erwärmtem oder abgekühltem
Wasser, wo der Siedepunkt und der Gefrierpunkt die Knoten sind, an denen der Sprung
in einen neuen Aggregatzustand - unter Normaldruck - sich vollzieht, wo also Quantität
in Qualität umschlägt.

Unsre Untersuchung hat ebenfalls versucht, bis an die Wurzeln zu reichen, und
als die Wurzel der wurzelhaften Dühringschen Grundschemata findet sie - die
»Fieberphantasien« eines Hegel, die Kategorien der Hegelschen »Logik«, erster
Teil, Lehre vom Sein, in streng althegelscher »Abfolge« und mit kaum versuchter
Verschleierung des Plagiats!

Und nicht zufrieden damit, seinem bestverleumdeten Vorgänger dessen ganze
Schematik vom Sein zu entwenden, hat Herr Dühring, nachdem er selbst obiges
Beispiel von sprungweisem Umschlagen der Quantität in die Qualität gegeben,
die Gelassenheit, von Marx zu sagen:

»Wie komisch nimmt sich nicht z.B. die Berufung« (Marx') »auf die Hegelsche

konfuse Nebelvorstellung
aus, daß
die Quantität in die Qualität
umschlage
!«

Konfuse Nebelvorstellung! Wer schlägt hier um, und wer nimmt sich hier
komisch aus, Herr Dühring?

Alle diese schönen Sächelchen sind also nicht nur nicht vorschriftsmäßig
»axiomatisch entschieden«, sondern einfach von außen, d.h. aus Hegels »Logik«
hineingetragen. Und zwar so, daß in dem ganzen Kapitel auch nicht einmal
der Schein eines innern Zusammenhangs figuriert, soweit er nicht auch aus Hegel
entlehnt ist, und daß das Ganze schließlich in ein

inhaltloses Spintisieren über Raum und Zeit, Beharrung und Veränderung
ausläuft.

Vom Sein kommt Hegel zum Wesen, zur Dialektik. Hier handelt er von den Reflexionsbestimmungen,
deren innern
Gegensätzen
und Widersprüchen, wie z.B. positiv
und negativ, kommt dann zur
Kausalität
oder dem Verhältnis von
Ursache und Wirkung, und schließt mit der
Notwendigkeit
. Nicht anders
Herr Dühring. Was Hegel Lehre vom Wesen nennt, übersetzt Herr Dühring
in: logische Eigenschaften des Seins. Diese bestehn aber vor allem im »Antagonismus
von Kräften«, in
Gegensätzen
. Den Widerspruch leugnet Herr Dühring
dagegen radikal; wir werden später auf dies Thema zurückkommen. Dann
geht er über auf die
Kausalität
und von dieser auf die
Notwendigkeit
.
Wenn Herr Dühring also von sich sagt:

»Wir, die wir nicht
aus dem Käfig
philosophieren«,

so meint er wohl, er philosophiere im Käfig, nämlich dem Käfig
des Hegelschen Kategorienschematismus.

## V. Naturphilosophie. Zeit und Raum

Wir kommen jetzt zur
Naturphilosophie
. Hier hat Herr Dühring wieder
alle Ursache, mit seinen Vorgängern unzufrieden zu sein.

Die Naturphilosophie »sank so tief, daß sie zur wüsten, auf
Unwissenheit beruhenden Afterpoesie wurde« und »der prostituierten Philosophasterei
eines Schelling und ähnlicher, im Priestertum des Absoluten kramender und
das Publikum mystifizierender Gesellen anheimgefallen« war. Die Ermüdung
hat uns aus diesen »Mißgestalten« gerettet, aber sie hat bisher nur der
»Haltlosigkeit« Platz gemacht; »und was das größere Publikum betrifft,
so ist für dasselbe bekanntlich der Abtritt eines größern Scharlatans
oft nur die Gelegenheit für einen kleinern, aber geschäftserfahrenen
Nachfolger, die Produktionen jenes unter einem andern Aushängeschild zu wiederholen«.
die Naturforscher selbst verspüren wenig »Lust zu einem Ausflug in das Reich
der weltumspannenden Ideen« und begehn daher lauter »zerfahrene Voreiligkeiten«
auf theoretischem Gebiet.

Hier muß dringend Rettung geschaffen werden, und glücklicherweise
ist Herr Dühring zur Stelle.

Um die nun folgenden Enthüllungen über die Entfaltung der Welt in
der Zeit und ihre Begrenzung im Raum richtig zu würdigen, müssen wir
wieder auf einige Stellen in der »Weltschematik« zurückgreifen.

Dem Sein wird, ebenfalls im Einklang mit Hegel (»Enzyklopädie« § 93),
Unendlichkeit - was Hegel die
schlechte
Unendlichkeit nennt - zugeschrieben
und nun diese Unendlichkeit untersucht.

»die deutlichste Gestalt
einer
widerspruchslos
zu denkenden Unendlichkeit ist die unbeschränkte
Häufung der Zahlen in der Zahlenreihe ... Wie wir zu jeder Zahl noch eine
weitere Einheit hinzufügen können, ohne jemals die Möglichkeit
des Weiterzählens zu erschöpfen, so reiht sich auch an jeglichen Zustand
des Seins ein fernerer an, und in der unbeschränkten Erzeugung dieser Zustände
besteht die Unendlichkeit. Diese
genau gedachte
Unendlichkeit hat daher
auch nur eine einzige Grundform mit einer einzigen Richtung. Wenn es nämlich
auch für unser Denken gleichgültig ist, eine entgegengesetzte Richtung
der Häufungen der Zustände zu entwerfen, so ist doch die rückwärts
fortschreitende Unendlichkeit eben nur ein voreiliges Vorstellungsgebilde. Da
sie nämlich in der Wirklichkeit in
umgekehrter
Richtung durchlaufen
sein müßte, so würde sie bei jedem ihrer Zustände eine unendliche
Zahlenreihe hinter sich haben. Hiermit wäre aber der unzulässige Widerspruch
einer abgezählten unendlichen Zahlenreihe begangen, und so erweist es sich
als widersinnig, noch eine zweite Richtung der Unendlichkeit vorauszusetzen.«

Die erste Folgerung, die aus dieser Auffassung der Unendlichkeit gezogen wird,
ist, daß die Verkettung von Ursachen und Wirkungen in der Welt einmal einen
Anfang gehabt haben muß:

»eine unendliche Zahl von Ursachen, die sich bereits aneinandergereiht
haben soll, ist schon darum undenkbar, weil sie die Unzahl als abgezählt
voraussetzt«.

Also eine
Endursache
erwiesen. Die zweite Folgerung ist

»das Gesetz der bestimmten Anzahl: die Häufung des Identischen
irgendeiner realen Gattung von Selbständigkeiten ist nur als Bildung einer
bestimmten Zahl denkbar«. Nicht nur die vorhandne Zahl der Weltkörper muß
in jedem Zeitpunkt eine an sich bestimmte sein, sondern auch die Gesamtzahl aller
in der Welt existierenden kleinsten selbständigen Teile der Materie. Letztere
Notwendigkeit ist der wahre Grund, warum keine Zusammensetzung ohne Atome gedacht
werden kann. Alle wirkliche Geteiltheit hat stets eine endliche Bestimmtheit und
muß sie haben, wenn nicht der Widerspruch der abgezählten Unzahl eintreten
soll. Nicht nur muß aus demselben Grund die bisherige Anzahl der Umläufe
der Erde um die Sonne eine bestimmte, wenn auch nicht angebbare, sein, sondern
alle periodischen Naturprozesse müssen irgendeinen Anfang gehabt haben, und
alle Differenzenbildung, alle Mannigfaltigkeiten der Natur, die einander folgen,
müssen in einem
sich selbst gleichen Zustand
wurzeln. Dieser kann
ohne Widerspruch von Ewigkeit her existiert haben, aber auch diese Vorstellung
wäre ausgeschlossen, wenn die Zeit an sich selbst aus realen Teilen bestände
und nicht vielmehr bloß durch die ideelle Setzung der Möglichkeiten
von unserm Verstand nach Belieben eingeteilt würde. Mit dem realen und in
sich unterschiednen Zeitinhalt hat es eine andre Bewandtnis; diese wirkliche Erfüllung
der Zeit mit unterscheidbar gearteten Tatsachen und die Existenzformen dieses
Bereichs gehören eben, ihrer Unterschiedenheit wegen, dem Zählbaren
an. Denken wir uns einen Zustand, der ohne Veränderungen ist und in seiner
Sichselbstgleichheit gar keine Unterschiede der Folge darbietet, so

verwandelt sich auch der speziellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des
Seins. Was die Häufung einer leeren Dauer bedeuten soll, ist gar nicht erfindlich.

Soweit Herr Dühring, und er ist nicht wenig erbaut von der Bedeutung dieser
Entdeckungen. Er hofft zunächst, daß man sie »mindestens nicht als
eine geringfügige Wahrheit ansehn« wird; später aber heißt es:

»Man erinnere sich
der höchst einfachen
Wendungen, mit denen

wir
den Unendlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer
bisher ungekannten
Tragweite
verholfen haben ... die durch die gegenwärtige Verschärfung
und Vertiefung so
einfach
gestalteten Elemente der universellen Raum- und
Zeitauffassung.«

Wir
haben verholfen! Gegenwärtige Vertiefung und Verschärfung!
Wer sind wir, und wann spielt unsre Gegenwart? Wer vertieft und verschärft?

»Thesis. Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach
auch in Grenzen eingeschlossen. - Beweis: Denn man nehme an, die Welt habe der
Zeit nach keinen Anfang, so ist bis zu jedem gegebnen Zeitpunkt eine Ewigkeit
abgelaufen, und mithin eine unendliche Reihe aufeinanderfolgender Zustände
der Dinge in der Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit
einer Reihe, daß sie durch sukzessive Synthesis niemals vollendet sein kann.
Also ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein Anfang
der Welt eine notwendige Bedingung ihres Daseins, welches zuerst zu beweisen war.
- in Ansehung des Zweiten nehme man wiederum das Gegenteil an, so wird die Welt
ein unendliches gegebnes Ganzes von zugleich existierenden Dingen sein. Nun können
wir die Größe eines Quantums, welches nicht innerhalb gewisser Grenzen
jeder Anschauung gegeben wird, auf keine Art als nur durch die Synthese der Teile,
und die Totalität eines solchen Quantums nur durch die vollendete Synthese
oder durch wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst denken. Demnach,
um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu denken,
müßte die sukzessive Synthese der Teile einer unendlichen Welt als
vollendet angesehn, d.i. eine unendliche Zeit müßte, in der Durchzählung
aller koexistierenden Dinge, als abgelaufen angesehn werden, welches unmöglich
ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge nicht als ein gegebnes
Ganzes, mithin auch nicht als
zugleich
gegeben angesehn werden. Eine Welt
ist folglich der Ausdehnung im Raum nach nicht unendlich, sondern in ihre Grenzen
eingeschlossen, welches das Zweite« (zu beweisen) »war.«

Diese Sätze sind buchstäblich kopiert aus einem wohlbekannten Buch,
welches im Jahre 1781 zuerst erschien und betitelt ist: »Kritik der reinen Vernunft«,
von
Immanuel Kant,
wo männiglich sie nachlesen kann im ersten Teil,
zweite Abteilung, zweites Buch, zweites Hauptstück, zweiter Abschnitt: Erste
Antinomie der reinen Vernunft. Herrn Dühring gehört hiernach lediglich
der Ruhm, den
Namen
: Gesetz der bestimmten Anzahl, auf einen von Kant ausgesprochenen
Gedanken geklebt und die Entdeckung gemacht zu haben, daß einmal eine Zeit
war, wo es noch keine Zeit gab, wohl aber eine

Welt.
Für alles übrige, also für alles, was in Herrn Dührings Auseinandersetzung
noch einigen Sinn hat, sind »Wir« - Immanuel Kant, und die »Gegenwart« ist nur
fünfundneunzig Jahre alt. Allerdings »höchst einfach«! Merkwürdige
»bisher ungekannte Tragweite«!

Nun stellt aber Kant obige Sätze keineswegs als durch seinen Beweis erledigt
auf. Im Gegenteil; auf der gegenüberstehenden Seite behauptet und beweist
er das Entgegengesetzte: daß die Welt nach der Zeit keinen Anfang und nach
dem Raum kein Ende habe; und darin setzt er grade die Antinomie, den unlösbaren
Widerspruch, daß das eine ebenso beweisbar ist wie das andre. Leute von
geringerm Kaliber wären vielleicht dadurch etwas bedenklich geworden, daß
»ein Kant« hier eine unlösbare Schwierigkeit fand. Nicht so unser kühner
Verfertiger »von Grund aus eigentümlicher Ergebnisse und Anschauungen«: was
ihm von Kants Antinomie dienen kann, schreibt er unverdrossen ab und wirft den
Rest beiseite.

Die Sache selbst löst sich sehr einfach. Ewigkeit in der Zeit, Unendlichkeit
im Raum, besteht schon von vornherein und dem einfachen Wortsinne nach darin,
nach
keiner
Seite hin ein Ende zu haben, weder nach vorn oder nach hinten,
nach oben oder nach unten, nach rechts oder nach links. Diese Unendlichkeit ist
eine ganz andre als die einer unendlichen Reihe, denn diese fängt von vornherein
immer mit Eins, mit einem ersten Gliede an. Die Unanwendbarkeit dieser Reihenvorstellung
auf unsern Gegenstand zeigt sich sofort, wenn wir sie auf den Raum anwenden. Die
unendliche Reihe, ins Räumliche übersetzt, ist die von einem bestimmten
Punkt in bestimmter Richtung ins Unendliche gezogne Linie. Ist damit die Unendlichkeit
des Raums auch nur entfernt ausgedrückt? Im Gegenteil, es gehören allein
sechs von diesem einen Punkt in dreifach entgegengesetzten Richtungen aus gezogene
Linien dazu, um die Dimensionen des Raums zu begreifen; und dieser Dimensionen
hätten wir hiernach sechs. Kant sah dies so gut ein, daß er seine Zahlenreihe
auch nur indirekt, auf einem Umweg, auf die Räumlichkeit der Welt übertrug.
Herr Dühring dagegen zwingt uns zur Annahme von sechs Dimensionen im Raum,
und hat gleich nachher nicht Worte der Entrüstung genug über den mathematischen
Mystizismus von Gauß, der sich nicht mit den gewöhnlichen drei Raumdimensionen
begnügen wollte.

Auf die Zeit angewandt, hat die nach beiden Seiten endlose Linie oder Reihe
von Einheiten einen gewissen bildlichen Sinn. Stellen wir uns aber die Zeit als
eine von
Eins
an gezählte oder von einem bestimmten
Punkt
ausgehende
Linie vor, so sagen wir damit von vornherein, daß die Zeit einen Anfang
hat: wir setzen voraus, was wir grade beweisen sollen. Wir geben

der Unendlichkeit der Zeit einen einseitigen, halben Charakter; aber eine einseitige,
eine halbierte Unendlichkeit ist auch ein Widerspruch in sich, das grade Gegenteil
von einer »widerspruchslos gedachten Unendlichkeit«. Über diesen Widerspruch
kommen wir nur hinaus, wenn wir annehmen, daß die Eins, mit der wir anfangen,
die Reihe zu zählen, der Punkt, von dem aus wir die Linie weitermessen, eine
beliebige Eins in der Reihe, ein beliebiger Punkt in der Linie sind, von denen
es für die Linie oder Reihe gleichgültig ist, wohin wir sie verlegen.

Aber der Widerspruch der »abgezählten unendlichen Zahlenreihe«? Wir werden
imstande sein, ihn näher zu untersuchen, sobald Herr Dühring uns das
Kunststück vorgemacht haben wird,
sie abzuzählen
. Wenn er es
fertiggebracht hat, von minus Unendlich bis Null zu zählen, dann mag er wiederkommen.
Es ist ja klar, daß, wo auch immer er anfängt zu zählen, er eine
unendliche Reihe hinter sich läßt und mit ihr die Aufgabe, die er lösen
soll. Er kehre nur seine eigne unendliche Reihe 1 + 2 + 3 + 4 ... um und versuche,
vom unendlichen Ende wieder nach Eins zu zählen; es ist augenscheinlich der
Versuch eines Menschen, der gar nicht sieht, worum es sich handelt. Noch mehr.
Wenn Herr Dühring behauptet, die unendliche Reihe der verflossenen Zeit sei
abgezählt, so behauptet er damit, daß die Zeit einen Anfang hat; denn
sonst könnte er ja gar nicht anfangen »abzuzählen«. Er schiebt also
wieder als Voraussetzung unter, was er beweisen soll. Die Vorstellung der abgezählten
unendlichen Reihe, mit andern Worten, das weltumspannende Dühringsche Gesetz
der bestimmten Anzahl, ist also eine contradictio in adjecto, enthält einen
Widerspruch in sich selbst, und zwar einen
absurden
Widerspruch.

Es ist klar: die Unendlichkeit, die ein Ende hat, aber keinen Anfang, ist nicht
mehr und nicht weniger unendlich, als die, die einen Anfang hat, aber kein Ende.
Die geringste dialektische Einsicht hätte Herrn Dühring sagen müssen,
daß Anfang und Ende notwendig zusammengehören, wie Nordpol und Südpol,
und daß, wenn man das Ende wegläßt, der Anfang eben das Ende
wird - das
eine
Ende, das die Reihe hat, und umgekehrt. Die ganze Täuschung
wäre unmöglich ohne die mathematische Gewohnheit, mit unendlichen Reihen
zu operieren. Weil man in der Mathematik vom Bestimmten, Endlichen ausgehn muß,
um zum Unbestimmten, Endlosen zu kommen, so müssen alle mathematischen Reihen,
positive oder negative, mit Eins anfangen, sonst kann man nicht damit rechnen.
Das ideelle Bedürfnis des Mathematikers ist aber weit davon entfernt, ein
Zwangsgesetz für die reale Welt zu sein.

Übrigens wird Herr Dühring es nie fertigbringen, sich die wirkliche

Unendlichkeit widerspruchslos zu denken. Die Unendlichkeit

ist
ein Widerspruch und voll von Widersprüchen. Es ist schon ein Widerspruch,
daß eine Unendlichkeit aus lauter Endlichkeiten zusammengesetzt sein soll,
und doch ist dies der Fall. Die Begrenztheit der materiellen Welt führt nicht
weniger zu Widersprüchen als ihre Unbegrenztheit, und jeder Versuch, diese
Widersprüche zu beseitigen, führt, wie wir gesehn haben, zu neuen und
schlimmeren Widersprüchen. Eben
weil
die Unendlichkeit ein Widerspruch
ist, ist sie unendlicher, in Zeit und Raum ohne Ende sich abwickelnder Prozeß.
Die Aufhebung des Widerspruchs wäre das Ende der Unendlichkeit. Das hatte
Hegel schon ganz richtig eingesehn und behandelt daher auch die über diesen
Widerspruch spintisierenden Herren mit verdienter Verachtung.

Gehn wir weiter. Also, die Zeit hat einen Anfang gehabt. Was war vor diesem
Anfang? die in einem sich selbst gleichen, unveränderlichen Zustand befindliche
Welt. Und da in diesem Zustand keine Veränderungen aufeinanderfolgen, so
verwandelt sich auch der speziellere Zeitbegriff in die allgemeinere Idee des

Seins
. Erstens geht es uns hier gar nichts an, welche Begriffe sich im
Kopf des Herrn Dühring verwandeln. Es handelt sich nicht um den
Zeitbegriff
,
sondern um die
wirkliche
Zeit, die Herr Dühring so wohlfeilen Kaufs
keineswegs los wird. Zweitens mag sich der Zeitbegriff noch so sehr in die allgemeinere
Idee des Seins verwandeln, so kommen wir damit keinen Schritt weiter. Denn die
Grundformen alles Seins sind Raum und Zeit, und ein Sein außer der Zeit
ist ein ebenso großer Unsinn, wie ein Sein außerhalb des Raums. Das
Hegelsche »zeitlos vergangne Sein« und das neuschellingsche »unvordenkliche Sein«
sind rationelle Vorstellungen verglichen mit diesem Sein außer der Zeit.
Darum geht Herr Dühring auch sehr behutsam zu Werke: eigentlich ist es wohl
eine Zeit, aber eine solche, die man im Grunde keine Zeit nennen kann: die Zeit
besteht ja nicht an sich selbst aus realen Teilen und wird bloß von unserm
Verstand nach Belieben eingeteilt - nur eine wirkliche Erfüllung der Zeit
mit unterscheidbaren Tatsachen gehört dem Zählbaren an - was die Häufung
einer leeren Dauer bedeuten soll, ist gar nicht erfindlich. Was diese Häufung
bedeuten soll, ist hier ganz gleichgültig; es fragt sich, ob die Welt, in
dem hier vorausgesetzten Zustand, dauert, eine Zeitdauer durchmacht? daß
nichts dabei herauskommt, eine solche inhaltslose Dauer zu messen, ebensowenig
wie dabei, in den leeren Raum zwecklos und ziellos hinauszumessen, das wissen
wir längst, und Hegel nennt ja auch, gerade wegen der Langweiligkeit dieses
Verfahrens, diese Unendlichkeit die
schlechte
. Nach Herrn Dühring
existiert die Zeit nur durch die Veränderung, nicht die Veränderung

in und durch die Zeit. Eben weil die Zeit von der
Veränderung verschieden, unabhängig ist, kann man sie durch die Veränderung
messen, denn zum Messen gehört immer ein von dem zu messenden Verschiednes.
Und die Zeit, in der keine erkennbaren Veränderungen vorgehn, ist weit entfernt
davon,
keine
Zeit zu sein; sie ist vielmehr die
reine
, von keinen
fremden Beimischungen affizierte, also die wahre Zeit, die Zeit
als solche
.
In der Tat, wenn wir den Zeitbegriff in seiner ganzen Reinheit, abgetrennt von
allen fremden und ungehörigen Beimischungen erfassen wollen, so sind wir
genötigt, alle die verschiednen Ereignisse, die neben- und nacheinander in
der Zeit vor sich gehn, als nicht hierhergehörig beiseite zu setzen und uns
somit eine Zeit vorzustellen, in der nichts passiert. Wir haben damit also nicht
den Zeitbegriff in der allgemeinen Idee des Seins untergehn lassen, sondern wir
sind damit erst beim reinen Zeitbegriff angekommen.

Alle diese Widersprüche und Unmöglichkeiten sind aber noch pures
Kinderspiel gegen die Verwirrung, in die Herr Dühring mit seinem sich selbst
gleichen Anfangszustand der Welt gerät. War die Welt einmal in einem Zustand,
in dem absolut keine Veränderung in ihr vorging, wie konnte sie aus diesem
Zustand zur Veränderung übergehn? Das absolut Veränderungslose,
noch dazu, wenn es von Ewigkeit in diesem Zustand war, kann durch sich selbst
unmöglich aus diesem Zustand herauskommen, in den der Bewegung und Veränderung
übergehn. Es muß also von außen her, von außerhalb der
Welt, ein erster Anstoß gekommen sein, der sie in Bewegung setzte. Der »erste
Anstoß« ist aber bekanntlich nur ein andrer Ausdruck für Gott. Der
Gott und das Jenseits, die Herr Dühring in seiner Weltschematik so schön
abgetakelt zu haben vorgab, er bringt sie beide hier, verschärft und vertieft,
selbst wieder in die Naturphilosophie.

Ferner. Herr Dühring sagt:

»Wo die Größe einem beharrlichen Element des Seins zukommt,
wird sie in ihrer Bestimmtheit unverändert bleiben. Dies gilt ... von der
Materie und der mechanischen Kraft.«

Der erste Satz gibt, beiläufig gesagt, ein kostbares Beispiel von der
axiomatisch-tautologischen Grandiloquenz des Herrn Dühring: Wo die Größe
sich nicht verändert, da bleibt sie dieselbe. Also die Menge der mechanischen
Kraft, die einmal in der Welt ist, bleibt ewig dieselbe. Wir sehn davon ab, daß,
soweit dies richtig, in der Philosophie Descartes dies schon vor beinahe dreihundert
Jahren gewußt und gesagt hat, und daß in der Naturwissenschaft die
Lehre von der Erhaltung der Kraft seit zwanzig Jahren allgemein grassiert; daß
Herr Dühring, indem er sie auf die
mechanische

Kraft beschränkt, sie keineswegs verbessert. Wo aber war die mechanische
Kraft zur Zeit des veränderungslosen Zustands ? Auf diese Frage verweigert
uns Herr Dühring hartnäckig jede Antwort.

Wo, Herr Dühring, war damals die sich ewig gleichbleibende mechanische
Kraft, und was trieb sie? Antwort:

»Der Ursprungszustand des Universums, oder deutlicher bezeichnet, eines
veränderungslosen, keine zeitliche Häufung von Veränderungen einschließenden
Seins der Materie, ist eine Frage, die nur derjenige Verstand abweisen kann, der
in der Selbstverstümmlung seiner Zeugungskraft den Gipfel der Weisheit sieht.«

Also: Entweder ihr nehmt meinen veränderungslosen Urzustand unbesehn hin
oder ich, der zeugungsfähige Eugen Dühring, erkläre euch für
geistige Eunuchen. Das mag allerdings manchen abschrecken. Wir, die wir von der
Zeugungskraft des Herrn Dühring schon einige Beispiele gesehn haben, können
uns erlauben, das elegante Schimpfwort vorderhand unerwidert zu lassen und nochmals
zu fragen: Aber, Herr Dühring, wenn's gefällig ist, wie ist das mit
der mechanischen Kraft?

Herr Dühring wird sofort verlegen.

In der Tat, stammelt er, »die absolute Identität jenes anfänglichen
Grenzzustandes liefert an sich selbst kein Übergangsprinzip. Erinnern wir
uns jedoch, daß es mit jedem kleinsten neuen Gliede in der uns wohlbekannten
Daseinskette im Grunde eine gleiche Bewandtnis hat. Wer also in dem vorliegenden
Hauptfall Schwierigkeiten erheben will, mag zusehn, daß er sie sich nicht
bei weniger scheinbaren Gelegenheiten erlasse. Überdies steht die Einschaltungsmöglichkeit
von allmählich graduierten Zwischenzuständen, und mithin die Brücke
der Stetigkeit offen, um rückwärts bis zu dem Erlöschen des Wechselspiels
zu gelangen. Rein begrifflich hilft freilich diese Stetigkeit nicht über
den Hauptgedanken hinweg, aber sie ist uns die Grundform aller Gesetzmäßigkeit
und jedes sonst bekannten Übergangs, so daß wir ein Recht haben, sie
auch als Vermittlung zwischen jenem ersten Gleichgewicht und dessen Störung
zu gebrauchen. Dächten wir uns nun aber das sozusagen (!) regungslose Gleichgewicht
nach Maßgabe der Begriffe, die in unsrer heutigen Mechanik ohne sonderliche
Anstandnahme (!) zugelassen werden, so ließe sich gar nicht angeben, wie
die Materie zu dem Veränderungsspiel gelangt sein könnte.« Außer
der Mechanik der Massen gebe es aber auch noch eine Verwandlung von Massenbewegung
in Bewegung kleinster Teilchen, aber wie diese erfolge, »dafür haben wir
bis jetzt kein allgemeines Prinzip zur Verfügung, und wir dürfen uns
daher nicht wundern, wenn diese Vorgänge ein wenig
ins Dunkle
auslaufen«.

Das ist alles, was Herr Dühring zu sagen hat. Und in der Tat, wir müßten
nicht nur in der Selbstverstümmelung der Zeugungskraft, sondern auch im blinden
Köhlerglauben den Gipfel der Weisheit sehn, wollten wir uns mit diesen wahrhaft
jammervollen faulen Ausflüchten und Redensarten

abspeisen lassen. Aus sich selbst, das gesteht Herr Dühring ein, kann die
absolute Identität nicht zur Veränderung kommen. Aus sich selbst gibt
es kein Mittel, wodurch das absolute Gleichgewicht in Bewegung überzugehn
vermag. Was gibt's denn? Drei falsche faule Wendungen.

Erstens: Es sei ebenso schwer, von jedem kleinsten Gliede in der uns wohlbekannten
Daseinskette zum nächsten den Übergang nachzuweisen. - Herr Dühring
scheint seine Leser für Säuglinge zu halten. Der Nachweis der einzelnen
Übergänge und Zusammenhänge der kleinsten Glieder in der Daseinskelte
macht eben den Inhalt der Naturwissenschaft aus, und wenn es dabei irgendwo hapert,
so denkt niemand, selbst nicht Herr Dühring, daran, die vorgegangne Bewegung
aus Nichts zu erklären, sondern stets nur aus der Übertragung, Verwandlung
oder Fortpflanzung einer vorgängigen Bewegung. Hier aber handelt es sich
eingestandnermaßen darum, die Bewegung aus der Bewegungslosigkeit, also
aus
Nichts
entstehn zu lassen.

Zweitens haben wir die »Brücke der Stetigkeit«. Diese hilft uns freilich
rein begrifflich nicht über die Schwierigkeiten hinweg, aber wir haben doch
ein Recht, sie als Vermittlung zwischen der Bewegungslosigkeit und der Bewegung

zu gebrauchen
. Leider besteht die Stetigkeit der Bewegungslosigkeit dann,
sich
nicht
zu bewegen; wie also damit Bewegung zu erzeugen ist, bleibt
geheimnisvoller als je. Und wenn Herr Dühring seinen Übergang vom Nichts
der Bewegung zur universellen Bewegung noch so sehr in unendlich kleine Teilchen
zerlegt und ihm eine noch so lange Zeitdauer zuschreibt, so sind wir noch keinen
Zehntausendstel Millimeter weiter vom Fleck. Von Nichts können wir nun einmal
ohne Schöpfungsakt nicht zu Etwas kommen, und wäre das Etwas so klein
wie ein mathematisches Differential. Die Brücke der Stetigkeit ist also nicht
einmal eine Eselsbrücke, sie ist nur für Herrn Dühring passierbar.

Drittens. Solange die heutige Mechanik gilt, und diese ist nach Herrn Dühring
einer der wesentlichsten Hebel zur Bildung des Denkens, läßt sich gar
nicht angeben, wie man von der Bewegungslosigkeit zur Bewegung kommt. Aber die
mechanische Wärmetheorie zeigt uns, daß Massenbewegung unter Umständen
in Molekularbewegung umschlägt (obwohl auch hier Bewegung aus andrer Bewegung
hervorgeht, nie aber aus Bewegungslosigkeit), und dies, deutet Herr Dühring
schüchtern an, könnte möglicherweise eine Brücke bieten zwischen
dem streng Statischen (Gleichgewichtlichen) und Dynamischen (sich Bewegenden).
Aber diese Vorgänge laufen »ein wenig ins Dunkle aus«. Und im Dunklen ist
es, wo Herr Dühring uns sitzen läßt.

Dahin sind wir gekommen mit aller Vertiefung
und Verschärfung, daß wir uns stets tiefer in stets verschärften
Blödsinn vertieft haben und endlich anlanden, wo wir notwendig anlanden müssen
- im »Dunkeln«. Das aber geniert Herrn Dühring wenig. Gleich auf der nächsten
Seite hat er die Stirn zu behaupten, er habe

»den Begriff der sich selbst gleichen Beharrung unmittelbar aus dem
Verhalten der Materie
und der mechanischen Kräfte
mit einem realen
Inhalt ausstatten können«.

Und dieser Mann bezeichnet andere Leute als »Scharlatans«!

Zum Glück bleibt uns bei all dieser hülflosen Verirrung und Verwirrung
»im Dunkeln« noch ein Trost, und der ist allerdings herzerhebend:

»die Mathematik der Bewohner andrer Weltkörper kann auf keinen
andern Axiomen beruhen, als die unsrige!«

## VI. Naturphilosophie. Kosmogonie, Physik, Chemie

Im weitern Verlauf kommen wir nun auf die Theorien von der Art und Weise, wie
die jetzige Welt zustande gekommen ist.

Einuniverseller Zerstreuungszustand der Materie sei schon die Ausgangsvorstellung
der ionischen Philosophen gewesen, seit Kant aber besonders habe die Annahme eines
Urnebels eine neue Rolle gespielt, wobei Gravitation und Wärmeausstrahlung
die allmähliche Bildung der einzelnen festen Weltkörper vermittelten.
Die mechanische Wärmetheorie unsrer Zeit gestatte, die Rückschlüsse
auf die frühern Zustände des Universums weit bestimmter zu gestalten.
Bei alledem kann »der gasförmige Zerstreuungszustand nur dann ein Ausgangspunkt
für ernsthafte Ableitungen sein, wenn man das in ihm gegebne mechanische
System zuvor bestimmter zu kennzeichnen vermag. Andernfalls bleibt nicht nur die
Idee in der Tat äußerst nebelhaft, sondern der ursprüngliche Nebel
wird auch wirklich im Fortschritt der Ableitungen immer dichter und undurchdringlicher;
... vorläufig bleibt noch alles im Vagen und Formlosen einer nicht näher
bestimmbaren Diffusionsidee«, und so haben wir »mit diesem Gasuniversum nur eine
höchst luftige Konzeption«.

die Kantische Theorie von der Entstehung aller jetzigen Weltkörper aus
rotierenden Nebelmassen war der größte Fortschritt, den die Astronomie
seit Kopernikus gemacht hatte. Zum ersten Male wurde an der Vorstellung gerüttelt,
als habe die Natur keine Geschichte in der Zeit. Bis dahin galten die Weltkörper
als von Anfang an in stets gleichen Bahnen und Zuständen verharrend; und
wenn auch auf den einzelnen Weltkörpern die organischen Einzelwesen abstarben,
so galten doch die Gattungen und Arten

für
unveränderlich. Die Natur war zwar augenscheinlich in steter Bewegung begriffen,
aber diese Bewegung erschien als die unaufhörliche Wiederholung derselben
Vorgänge. In diese, ganz der metaphysischen Denkweise entsprechende Vorstellung
legte Kant die erste Bresche, und zwar in so wissenschaftlicher Weise, daß
die meisten von ihm gebrauchten Beweisgründe auch heute noch Geltung haben.
Allerdings ist die Kantsche Theorie bis jetzt noch, streng genommen, eine Hypothese.
Aber mehr ist auch das Kopernikanische Weltsystem bis auf den heutigen Tag nicht,
und nach der spektroskopischen, allen Widerspruch zu Boden schlagenden Nachweisung
solcher glühenden Gasmassen am Sternenhimmel hat die wissenschaftliche Opposition
gegen Kants Theorie geschwiegen. Auch Herr Dühring kann seine Weltkonstruktion
nicht ohne ein solches Nebelstadium fertigbringen, rächt sich aber dafür,
indem er verlangt, man soll ihm das in diesem Nebelzustand gegebne mechanische
System zeigen, und indem er, weil man dies nicht kann, den Nebelzustand mit allerhand
geringschätzigen Beiwörtern belegt. Die heutige Wissenschaft kann dies
System leider nicht zur Zufriedenheit des Herrn Dühring kennzeichnen. Ebensowenig
vermag sie auf viele andre Fragen zu antworten. Auf die Frage: warum haben die
Kröten keine Schwänze? kann sie bis jetzt nur antworten: weil sie sie
verloren haben. Wenn man nun aber sich ereifern wollte und sagen, das sei ja alles
im Vagen und Formlosen einer nicht näher bestimmbaren Verlustidee und eine
höchst luftige Konzeption, so kämen wir mit dergleichen Anwendungen
der Moral auf die Naturwissenschaft keinen Schritt weiter. Dergleichen Mißliebigkeiten
und Äußerungen der Verdrießlichkeit kann man immer und überall
anbringen, und eben deswegen sind sie nie und nirgends angebracht. Wer hindert
denn Herrn Dühring, selbst das mechanische System des Urnebels auszufinden?

Zum Glück erfahren wir jetzt, daß die Kantsche Nebelmasse

»weit davon entfernt ist, sich mit einem völlig identischen zustande
des Weltmediums oder, anders ausgedrückt, mit dem sich selbst gleichen Zustand
der Materie zu decken«.

Ein wahres Glück für Kant, der zufrieden sein konnte, von den bestehenden
Weltkörpern zum Nebelball zurückgehn zu können, und der sich noch
nichts träumen ließ von dem sich selbst gleichen Zustand der Materie!
Beiläufig bemerkt, wenn in der heutigen Naturwissenschaft der Kantsche Nebelball
als Urnebel bezeichnet wird, so ist dies selbstredend nur beziehungsweise zu verstehn,
Urnebel ist er, einerseits, als Ursprung der bestehenden Weltkörper und andrerseits
als die frühste Form der Materie, auf die wir bis jetzt zurückgehn können.
Was durchaus nicht ausschließt, sondern vielmehr bedingt, daß die Materie vor dem Urnebel eine unendliche Reihe andrer
Formen durchgemacht habe.

Herr Dühring merkt seinen Vorteil hier. Wo wir, mit der Wissenschaft,
beim einstweiligen Urnebel einstweilen stehnbleiben, hilft ihm seine Wissenschaftswissenschaft
viel weiter zurück zu jenem

»Zustand des Weltmediums, der sich weder als rein statisch im heutigen
Sinne der Vorstellung, noch als dynamisch«

- der sich also überhaupt nicht -

»begreifen läßt. Die Einheit von Materie und mechanischer
Kraft, die wir als Weltmedium bezeichnen, ist eine sozusagen logisch-reale Formel,
um den sich selbst gleichen Zustand der Materie als die Voraussetzung aller zählbaren
Entwicklungsstadien anzuzeigen.«

Wir sind offenbar den sich selbst gleichen Urzustand der Materie noch lange
nicht los. Hier wird er bezeichnet als Einheit von Materie und mechanischer Kraft,
und dies als eine logisch-reale Formel usw. Sobald also die Einheit von Materie
und mechanischer Kraft aufhört, fängt die Bewegung an.

Die logisch-reale Formel ist nichts als ein lahmer Versuch, die Hegelschen
Kategorien des Ansich und Fürsich für die Wirklichkeitsphilosophie nutzbar
zu machen. Im Ansich besteht bei Hegel die ursprüngliche Identität der
in einem Ding, einem Vorgang, einem Begriff verborgenen unentwickelten Gegensätze;
im Fürsich tritt die Unterscheidung und Trennung dieser verborgenen Elemente
ein und ihr Widerstreit beginnt. Wir sollen uns also den regungslosen Urzustand
vorstellen als Einheit von Materie und mechanischer Kraft, und den Übergang
zur Bewegung als Trennung und Entgegensetzung beider. Was wir damit gewonnen haben,
ist nicht der Nachweis der Realität jenes phantastischen Urzustands, sondern
nur dies, daß man ihn unter die Hegelsche Kategorie des Ansich fassen kann,
und sein ebenso phantastisches Aufhören unter die des Fürsich. Hegel
hilf!

die Materie, sagt Herr Dühring, ist der Träger alles Wirklichen;
wonach es keine mechanische Kraft außer der Materie geben kann. Die mechanische
Kraft ist ferner ein Zustand der Materie. Im Urzustand nun, wo nichts passierte,
war die Materie und ihr Zustand, die mechanische Kraft, Eins. Nachher, als etwas
vorzugehn anfing, muß sich also wohl der Zustand von der Materie unterschieden
haben. Also mit solchen mystischen Phrasen und mit der Versicherung, daß
der sich selbst gleiche Zustand weder statisch noch dynamisch, weder im Gleichgewicht
noch in der Bewegung war, sollen wir uns abspeisen lassen. Wir wissen noch immer
nicht, wo die

mechanische Kraft in jenem Zustand
war, und wie wir ohne Anstoß von außen, d.h. ohne Gott, von der absoluten
Bewegungslosigkeit zur Bewegung kommen sollen.

Vor Herrn Dühring sprachen die Materialisten von Materie und Bewegung.
Er reduziert die Bewegung auf die mechanische Kraft als ihre angebliche Grundform
und macht es sich damit unmöglich, den wirklichen Zusammenhang zwischen Materie
und Bewegung zu verstehn, der übrigens auch allen frühern Materialisten
unklar war. Und doch ist die Sache einfach genug.
Die Bewegung ist die Daseinsweise
der Materie.
Nie und nirgends hat es Materie ohne Bewegung gegeben oder kann
es sie geben. Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf
den einzelnen Weltkörpern, Molekularschwingung als Wärme oder als elektrische
oder magnetische Strömung, chemische Zersetzung und Verbindung. organisches
Leben - in einer oder der andern dieser Bewegungsformen oder in mehreren zugleich
befindet sich jedes einzelne Stoffatom der Welt in jedem gegebnen Augenblick.
Alle Ruhe, alles Gleichgewicht ist nur relativ, hat nur Sinn in Beziehung auf
diese oder jene bestimmte Bewegungsform. Ein Körper kann z.B. auf der Erde
im mechanischen Gleichgewicht, mechanisch in Ruhe sich befinden; dies hindert
durchaus nicht, daß er an der Bewegung der Erde wie an der des ganzen Sonnensystems
teilnimmt, ebensowenig wie es seine kleinsten physikalischen Teilchen verhindert,
die durch seine Temperatur bedingten Schwingungen zu vollziehn, oder seine Stoffatome,
einen chemischen Prozeß durchzumachen. Materie ohne Bewegung ist ebenso
undenkbar wie Bewegung ohne Materie. Die Bewegung ist daher ebenso unerschaffbar
und unzerstörbar wie die Materie selbst; was die ältere Philosophie
(Descartes) so ausdrückt, daß die Quantität der in der Welt vorhandnen
Bewegung stets dieselbe sei. Bewegung kann also nicht erzeugt, sie kann nur übertragen
werden. Wenn Bewegung von einem Körper auf einen andern übertragen wird,
so kann man sie, soweit sie sich überträgt, aktiv ist, ansehn als die
Ursache der Bewegung, soweit diese übertragen wird, passiv ist. Diese aktive
Bewegung nennen wir
Kraft,
die passive
Kraftäußerung
.
Es ist hiernach sonnenklar, daß die Kraft ebenso groß ist wie ihre
Äußerung, weil es in beiden ja
dieselbe
Bewegung ist, die sich
vollzieht.

Ein bewegungsloser Zustand der Materie erweist sich hiernach als eine der hohlsten
und abgeschmacktesten Vorstellungen, als eine reine »Fieberphantasie«. Um dahin
zu kommen, muß man das relativ mechanische Gleichgewicht, worin sich ein
Körper auf dieser Erde befinden kann, sich als absolute Ruhe vorstellen und
dann es auf das gesamte Weltall übertragen.

Das wird allerdings erleichtert, wenn man die universelle Bewegung auf die bloße
mechanische Kraft reduziert. Und dann bietet die Beschränkung der Bewegung
auf bloße mechanische Kraft noch den Vorteil, daß man sich eine Kraft
als ruhend, als gebunden, also augenblicklich unwirksam vorstellen kann. Wenn
nämlich die Übertragung einer Bewegung, was sehr oft vorkommt, ein einigermaßen
verwickelter Vorgang ist, zu dem verschiedne Mittelglieder gehören, so kann
man die wirkliche Übertragung auf einen beliebigen Augenblick verschieben,
indem man das letzte Glied in der Kette ausläßt. So z.B., wenn man
eine Flinte ladet und sich den Augenblick vorbehält, wann durch Abziehen
des Drückers die Entladung, die Übertragung der durch Verbrennung des
Pulvers freigesetzten Bewegung sich vollziehn soll. Man kann sich also vorstellen,
während des bewegungslosen, sich selbst gleichen Zustandes sei die Materie
mit Kraft geladen gewesen, und dies scheint Herr Dühring, wenn überhaupt
etwas, unter Einheit von Materie und mechanischer Kraft zu verstehn. Diese Vorstellung
ist widersinnig, weil sie auf das Weltall einen Zustand als absolut überträgt,
der seiner Natur nach relativ ist, und dem also immer nur
ein Teil
der
Materie gleichzeitig unterworfen sein kann. Sehn wir jedoch selbst hiervon ab,
so bleibt immer noch die Schwierigkeit, erstens, wie die Welt dazu kam, geladen
zu werden, da sich heutzutage die Flinten nicht von selbst laden, und zweitens,
wessen Finger dann den Drücker abgezogen hat? Wir mögen uns drehn und
wenden, wie wir wollen, unter Herrn Dührings Leitung kommen wir immer wieder
auf - Gottes Finger.

Von der Astronomie geht unser Wirklichkeitsphilosoph auf die Mechanik und Physik
über und beklagt sich, daß die mechanische Wärmetheorie in einem
Menschenalter seit ihrer Entdeckung nicht wesentlich weiter gefördert worden
sei, als wozu Robert Mayer sie selbst nach und nach gebracht. Außerdem sei
die ganze Sache noch sehr dunkel;

wir müssen »immer wieder erinnern, daß mit den Bewegungszuständen
der Materie auch statische Verhältnisse gegeben sind, und daß diese
letztern an der mechanischen Arbeit kein Maß haben ... wenn wir früher
die Natur als eine große Arbeiterin bezeichnet haben und diesen Ausdruck
jetzt streng nehmen, so müssen wir noch hinzufügen, daß die sich
selbst gleichen Zustände und ruhenden Verhältnisse keine mechanische
Arbeit repräsentieren. Wir vermissen also wiederum die Brücke vom Statischen
zum Dynamischen, und wenn die sogenannte latente Wärme bis jetzt für
die Theorie ein Anstoß geblieben ist, so müssen wir auch hier einen
Mangel anerkennen, der sich am wenigsten in den kosmischen Anwendungen verleugnen
sollte.«

Dies ganze orakelhafte Gerede ist wieder nichts als der Ausfluß des bösen
Gewissens, das sehr wohl fühlt, daß es sich mit seiner Erzeugung der

Bewegung aus der absoluten Bewegungslosigkeit unrettbar
festgeritten hat und sich doch schämt, an den einzigen Retter zu appellieren,
nämlich an den Schöpfer Himmels und der Erden. Wenn sogar in der Mechanik,
die der Wärme eingeschlossen, die Brücke vom Statischen zum Dynamischen,
vom Gleichgewicht zur Bewegung, nicht gefunden werden kann, wie sollte dann Herr
Dühring verpflichtet sein, die Brücke von seinem bewegungslosen Zustand
zur Bewegung zu finden? Und damit wäre er dann glücklich aus der Not.

In der gewöhnlichen Mechanik ist die Brücke vom Statischen zum Dynamischen
- der Anstoß von außen. Wenn ein Stein vom Gewicht eines Zentners
zehn Meter hochgehoben und frei aufgehängt wird, so daß er in einem
sich selbst gleichen Zustand und ruhenden Verhältnis dort hängenbleibt,
so muß man an ein Publikum von Säuglingen appellieren, um behaupten
zu können, daß die jetzige Lage dieses Körpers keine mechanische
Arbeit repräsentiere oder ihr Abstand von seiner frühern Lage an der
mechanischen Arbeit kein Maß habe. Jeder Vorübergehende wird Herrn
Dühring ohne Mühe begreiflich machen, daß der Stein nicht von
selbst da oben an den Strick gekommen ist, und das erste beste Handbuch der Mechanik
kann ihm sagen, daß, wenn er den Stein wieder fallenläßt, dieser
im Fallen ebensoviel mechanisches Werk leistet als nötig war, ihn die zehn
Meter hochzuheben. Selbst die einfachste Tatsache, daß der Stein da oben
hängt, repräsentiert mechanisches Werk, denn wenn er lange genug hängenbleibt,
reißt der Strick, sobald er infolge chemischer Zersetzung nicht mehr stark
genug ist, den Stein zu tragen. Auf solche einfache Grundgestalten, um mit Herrn
Dühring zu reden, lassen sich aber alle mechanischen Vorgänge reduzieren,
und der Ingenieur soll noch geboren werden, der die Brücke vom Statischen
zum Dynamischen nicht finden kann, solange er über hinreichenden Anstoß
verfügt.

Allerdings ist es eine harte Nuß und bittre Pille für unsern Metaphysiker,
daß die Bewegung ihr Maß finden soll in ihrem Gegenteil, in der Ruhe.
Das ist ja ein schreiender Widerspruch, und jeder Wider
spruch
ist, nach
Herrn Dühring, ein Wider
sinn
. Nichtsdestoweniger ist es eine Tatsache,
daß der hängende Stein eine bestimmte, durch sein Gewicht und seine
Entfernung vom Erdboden genau meßbare, in verschiedner Art - z.B. durch
direkten Fall, durch Herabgleiten auf der schiefen Ebene, durch Umdrehung einer
Welle - beliebig verwendbare Menge von mechanischer Bewegung vertritt, und eine
geladne Flinte ebenfalls. Für die dialektische Auffassung bietet die Ausdrückbarkeit
von Bewegung in ihrem Gegenteil, in Ruhe, durchaus keine Schwierigkeit. Für
sie ist der ganze Gegensatz, wie

wir gesehn haben,
nur relativ; absolute Ruhe, unbedingtes Gleichgewicht gibt es nicht. Die einzelne
Bewegung strebt dem Gleichgewicht zu, die Gesamtbewegung hebt das Gleichgewicht
wieder auf. So sind Ruhe und Gleichgewicht, wo sie vorkommen, das Resultat einer
beschränkten Bewegung, und es ist selbstredend, daß diese Bewegung
an ihrem Resultat meßbar, in ihm ausdrückbar, und aus ihm in einer
oder der andern Form wieder herstellbar ist. Mit einer so einfachen Darstellung
der Sache darf aber Herr Dühring sich nicht zufriedengeben. Als guter Metaphysiker
reißt er zwischen Bewegung und Gleichgewicht zuerst eine in der Wirklichkeit
nicht existierende, gähnende Kluft auf, und wundert sich dann, wenn er keine
Brücke über diese selbstfabrizierte Kluft finden kann. Er könnte
ebensogut seine metaphysische Rosinante besteigen und dem Kantschen »Ding an sich«
nachjagen; denn das und nichts andres ist es, was schließlich hinter dieser
unerfindlichen Brücke steckt.

Aber wie steht's mit der mechanischen Wärmetheorie und der gebundnen oder
latenten Wann«, die für diese Theorie »ein Anstoß geblieben« ist?

Wenn man ein Pfund Eis von der Temperatur des Gefrierpunkts und bei Normalluftdruck
durch Wärme in ein Pfund Wasser von derselben Temperatur verwandelt, so verschwindet
eine Wärmemenge, die hinreichend wäre, dasselbe Pfund Wasser von 0 bis
auf 79
4
/
10
Grad des hundertteiligen Thermometers oder um
79
4
/
10
Pfund Wasser um einen Grad zu erwärmen. Wenn
man dies Pfund Wasser auf den Siedepunkt, also auf 100° erhitzt und nun in Dampf
von 100° verwandelt, so verschwindet, bis das letzte Wasser in Dampf verwandelt
ist, eine fast siebenfach größere Wärmemenge, hinreichend, um
die Temperatur von 537
2
/
10
Pfund Wasser um einen Grad zu
erhöhen. Diese verschwundne Wärme nennt man
gebunden
. Verwandelt
sich durch Abkühlung der Dampf wieder in Wasser und das Wasser wieder in
Eis, so wird dieselbe Menge Wärme, die vorher gebunden wurde, wieder
frei
,
d.h. als Wärme fühlbar und meßbar. Dies Freiwerden von Wärme
beim Verdichten des Dampfs und beim Gefrieren des Wassers ist die Ursache, daß
Dampf, wenn er auf 100° abgekühlt, sich erst allmählich in Wasser und
daß eine Wassermasse von der Temperatur des Gefrierpunkts nur sehr langsam
sich in Eis verwandelt. Dies sind die Tatsachen. Die Frage ist nun: was wird aus
der Wärme, während sie gebunden ist?

Die mechanische Wärmetheorie, nach der die Wärme in einer nach Temperatur
und Aggregatzustand größern oder geringern Schwingung der kleinsten
physikalisch tätigen Teilchen (Moleküle) der Körper besteht, einer
Schwingung, die unter Umständen in jede andre Form der Bewegung umschlagen
kann, erklärt die Sache daraus, daß die verschwundne Wärme

Werk verrichtet hat, in Werk umgesetzt worden ist. Beim Schmelzen des Eises ist
der enge feste Zusammenhang der einzelnen Moleküle unter sich aufgehoben
und in lose Aneinanderlegung verwandelt; beim Verdampfen des Wassers auf dem Siedepunkt
ist ein Zustand eingetreten, worin die einzelnen Moleküle gar keinen merklichen
Einfluß aufeinander ausüben und unter der Einwirkung der Wärme
sogar in allen Richtungen auseinanderfliegen. Es ist nun klar, daß die einzelnen
Moleküle eines Körpers im gasförmigen zustande mit einer weit größern
Energie begabt sind als im flüssigen, und im flüssigen wieder mehr als
im festen zustande Die gebundne Wärme ist also nicht verschwunden, sie ist
einfach verwandelt worden und hat die Form der molekularen Spannkraft angenommen.
Sobald die Bedingung aufhört, unter der die einzelnen Moleküle diese
absolute oder relative Freiheit gegeneinander behaupten können, sobald nämlich
die Temperatur unter das Minimum von 100°, beziehungsweise 0° herabgeht, wird
diese Spannkraft losgelassen, die Moleküle drängen sich wieder aneinander
mit derselben Kraft, mit der sie vorher auseinandergerissen; und diese Kraft verschwindet,
aber nur, um als Wärme wiederzuerscheinen, und zwar als genau dieselbe Quantität
Wärme, die vorher gebunden war. Diese Erklärung ist natürlich eine
Hypothese wie die ganze mechanische Wärmetheorie, insofern niemand bis jetzt
ein Molekül, geschweige ein schwingendes, je gesehn hat. Sie ist eben deswegen
sicher voller Mängel wie die ganze noch sehr junge Theorie, aber sie kann
wenigstens den Hergang erklären, ohne irgendwie mit der Unzerstörbarkeit
und Unerschaffbarkeit der Bewegung in Widerstreit zu kommen, und sie weiß
sogar genau von dem Verbleib der Wärme innerhalb ihrer Verwandlung Rechenschaft
zu geben. Die latente oder gebundne Wärme ist also keineswegs ein Anstoß
für die mechanische Wärmetheorie. Im Gegenteil bringt diese Theorie
zum erstenmal eine rationelle Erklärung des Vorgangs fertig, und ein Anstoß
kann höchstens daraus entstehn, daß die Physiker fortfahren, die in
eine andre Form von Molekularenergie verwandelte Wärme mit dem veralteten
und unpassend gewordenen Ausdruck »gebunden« zu bezeichnen.

Also repräsentieren die sich selbst gleichen Zustände und ruhenden
Verhältnisse des festen, tropfbarflüssigen und gasförmigen Aggregatzustandes
allerdings mechanisches Werk, insofern das mechanische Werk das Maß der
Wärme ist. Sowohl die feste Erdkruste wie das Wasser des Ozeans repräsentiert
in seinem jetzigen Aggregatzustand eine ganz bestimmte Quantität frei gewordner
Wärme, der selbstredend ein ebenso bestimmtes Quantum mechanischer Kraft
entspricht. Bei dem Übergang des Gasballs, aus dem die Erde entstanden, in
den tropfbarflüssigen und später in den großenteils festen Aggregatzustand, ist ein bestimmtes Quantum Molekularenergie als
Wärme in den Weltraum ausgestrahlt worden. Die Schwierigkeit, von der Herr
Dühring in geheimnisvoller Weise munkelt, existiert also nicht, und selbst
bei den kosmischen Anwendungen mögen wir zwar auf Mängel und Lücken
stoßen - die unsern unvollkommnen Erkenntnismitteln geschuldet - aber nirgendswo
auf theoretisch unüberwindliche Hindernisse. Die Brücke vom Statischen
zum Dynamischen ist auch hier der Anstoß von außen - Abkühlung
oder Erwärmung, veranlaßt durch andre Körper, die auf den im Gleichgewicht
befindlichen Gegenstand einwirken. Je weiter wir in dieser Dühringschen Naturphilosophie
vordringen, desto unmöglicher erscheinen alle Versuche, die Bewegung aus
der Bewegungslosigkeit zu erklären oder die Brücke zu finden, auf der
das rein Statische, Ruhende
aus sich selbst
zum Dynamischen, zur Bewegung
kommen kann.

Hiermit wären wir dann den sich selbst gleichen Urzustand für einige
Zeit glücklich los. Herr Dühring geht zur Chemie über, und enthüllt
uns bei dieser Gelegenheit drei bis jetzt durch die Wirklichkeitsphilosophie gewonnene
Beharrungsgesetze der Natur, wie folgt:

1. der Größenbestand der allgemeinen Materie, 2. der der
einfachen (chemischen) Elemente und 3. der der mechanischen Kraft sind unveränderlich.

Also: die Unerschaffbarkeit und Unzerstörbarkeit der Materie sowie ihrer
einfachen Bestandteile, soweit sie deren hat, und der Bewegung - diese alten,
weltbekannten Tatsachen, höchst ungenügend ausgedrückt -, das ist
das einzig wirklich Positive, das uns Herr Dühring als Resultat seiner Naturphilosophie
der unorganischen Welt zu bieten imstande ist. Alles Dinge, die wir längst
gewußt. Aber was wir nicht gewußt haben, ist: daß es »Beharrungsgesetze«
und als solche »schematische Eigenschaften des Systems der Dinge« sind. Es geht
uns wieder wie
oben bei Kant
: Herr Dühring nimmt irgendwelche
allbekannte Schnurre, klebt eine Dühringsche Etikette drauf, und nennt das:

»von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen ... systemschaffende
Gedanken ... wurzelhafte Wissenschaft«.

Doch wir brauchen deswegen noch lange nicht zu verzweifeln. Welche Mängel
auch die wurzelhafteste Wissenschaft und die beste Gesellschaftseinrichtung haben
mögen, eins kann Herr Dühring mit Bestimmtheit behaupten:

»Das im Universum vorhandne
Gold muß jederzeit dieselbe Menge gewesen sein und kann sich ebensowenig
wie die allgemeine Materie vermehrt oder vermindert haben.«

Was wir uns aber für dies »vorhandne Gold« kaufen können, das sagt
Herr Dühring leider nicht.

## VII. Naturphilosophie. Organische Welt

»Von der Mechanik in Druck und Stoß bis zur Verknüpfung der
Empfindungen und Gedanken reicht eine einheitliche und einzige Stufenleiter von
Einschaltungen.«

Mit dieser Versicherung erspart es sich Herr Dühring, über die Entstehung
des Lebens etwas weiteres zu sagen, obwohl man von einem Denker, der die Entwicklung
der Welt bis auf den sich selbst gleichen Zustand zurück verfolgt hat, und
der auf den andern Weltkörpern so heimisch ist, wohl erwarten dürfte,
daß er auch hier genau Bescheid wisse. Im übrigen ist jene Versicherung
nur halb richtig, solange sie nicht durch die schon erwähnte
Hegelsche
Knotenlinie
von Maßverhältnissen ergänzt wird. Bei aller Allmählichkeit
bleibt der Übergang von einer Bewegungsform zur andern immer ein Sprung,
eine entscheidende Wendung. So der Übergang von der Mechanik der Weltkörper
zu der der kleineren Massen auf einem einzelnen Weltkörper; ebenso der von
der Mechanik der Massen zu der Mechanik der Moleküle - die Bewegungen umfassend,
die wir in der eigentlich sogenannten Physik untersuchen: Wärme, Licht, Elektrizität,
Magnetismus; ebenso vollzieht sich der Übergang von der Physik der Moleküle
zu der Physik der Atome - der Chemie - wieder durch einen entschiednen Sprung,
und noch mehr ist dies der Fall beim Übergang von gewöhnlicher chemischer
Aktion zum Chemismus des Eiweißes, den wir Leben nennen. Innerhalb der Sphäre
des Lebens werden dann die Sprünge immer seltner und unmerklicher. - Es ist
also wieder Hegel, der Herrn Dühring berichtigen muß.

Den begrifflichen Übergang zur organischen Welt liefert Herrn Dühring
der Zweckbegriff. Dies ist wieder entlehnt aus Hegel, der in der »Logik« - Lehre
vom Begriff - vermittelst der Teleologie oder Lehre vom Zweck, vom Chemismus zum
Leben übergeht. Wohin wir blicken, stoßen wir bei Herrn Dühring
auf eine Hegelsche »Krudität«, die er ganz ungeniert für seine eigne
wurzelhafte Wissenschaft ausgibt. Es würde zu weit

führen, hier zu untersuchen, inwieweit die Anwendung der Vorstellungen von
Zweck und Mittel auf die organische Welt berechtigt und angebracht ist. Jedenfalls
führt auch die Anwendung des Hegelschen »inneren Zwecks«, d.h. eines Zwecks,
der nicht durch einen absichtlich handelnden Dritten, etwa die Weisheit der Vorsehung,
in die Natur importiert ist, sondern der in der Notwendigkeit der Sache selbst
liegt, bei Leuten, die nicht vollständig philosophisch geschult sind, fortwährend
zur gedankenlosen Unterschiebung bewußter und absichtlicher Handlung. Derselbe
Herr Dühring, der bei der geringsten »spiritistischen« Regung andrer Leute
in ungemessene sittliche Entrüstung gerät, versichert

»mit Bestimmtheit, daß die Triebempfindungen in der Hauptsache
um der Befriedigung willen geschaffen worden sind, die mit ihrem Spiel verbunden
ist«.

Er erzählt uns, die arme Natur

»muß immer wieder von neuem die gegenständliche Welt in Ordnung
halten«, und daneben hat sie noch mehr als eine Angelegenheit zu erledigen, »die
von seiten der Natur mehr Subtilität erforderlich macht, als man gewöhnlich
zugesteht«. Aber die Natur
weiß
nicht nur, warum sie dies und jenes
schafft, sie hat nicht nur Hausmagdsdienste zu verrichten, sie hat nicht nur Subtilität,
was doch schon eine ganz hübsche Vervollkommnung im subjektiven bewußten
Denken ist, sie hat auch einen Willen; denn die Zugabe zu den Trieben, daß
sie nebenbei reale Naturbedingungen: Ernährung, Fortpflanzung usw. erfüllen,
diese Zugabe »dürfen wir nicht als direkt, sondern nur als indirekt
gesollt

ansehen«.

Wir sind hiermit bei einer bewußt denkenden und handelnden Natur angekommen,
stehn also schon auf der »Brücke« zwar nicht vom Statischen zum Dynamischen,
aber doch vom Pantheismus zum Deismus. Oder beliebt es Herrn Dühring etwa,
auch einmal ein wenig »naturphilosophische Halbpoesie« zu treiben?

Unmöglich. Alles was uns unser Wirklichkeitsphilosoph über die organische
Natur zu sagen weiß, beschränkt sich auf den Kampf gegen diese naturphilosophische
Halbpoesie, gegen »die Scharlatanerie mit ihren leichtfertigen Oberflächlichkeiten
und sozusagen wissenschaftlichen Mystifikationen«, gegen die »dichtelnden Züge«
des
Darwinismus
.

Vor allen Dingen wird Darwin vorgeworfen, daß er die Malthussche Bevölkerungstheorie
aus der Ökonomie in die Naturwissenschaft übertrage, daß er in
den Vorstellungen des Tierzüchters befangen sei, daß er mit dem Kampf
ums Dasein unwissenschaftliche Halbpoesie treibe, und daß der ganze Darwinismus,
nach Abzug des von Lamarck Entlehnten, ein Stück gegen die Humanität
gekehrte Brutalität sei.

Darwin hatte von seinen wissenschaftlichen Reisen
die Ansicht nach Hause gebracht, daß die Arten der Pflanzen und Tiere nicht
beständige, sondern sich verändernde sind. Um diesen Gedanken zu Hause
weiter zu verfolgen, bot sich ihm kein besseres Feld als das der Tier- und Pflanzenzüchtung.
Grade hierfür ist England das klassische Land; die Leistungen andrer Länder,
z.B. Deutschlands, können nicht entfernt einen Maßstab abgeben für
das in dieser Beziehung in England Erreichte. Dabei gehören die meisten Erfolge
den letzten hundert Jahren an, so daß die Konstatierung der Tatsachen wenig
Schwierigkeiten macht. Darwin fand nun, daß diese Züchtung künstlich,
an Tieren und Pflanzen derselben Art, Unterschiede hervorgerufen hatte, größer
als diejenigen, die bei allgemein als verschieden anerkannten Arten vorkommen.
Einerseits war also die Veränderlichkeit der Arten bis auf einen gewissen
Grad nachgewiesen, andrerseits die Möglichkeit gemeinschaftlicher Vorfahren
für Organismen, die verschiedne Artcharaktere besaßen. Darwin untersuchte
nun, ob nicht etwa in der Natur sich Ursachen finden, die - ohne die bewußte
Absicht des Züchters - dennoch auf die Dauer an den lebenden Organismen ähnliche
Veränderungen hervorrufen mußten, wie die künstliche Züchtung.
Diese Ursachen fand er in dem Mißverhältnis zwischen der ungeheuren
Zahl der von der Natur geschaffenen Keime und der geringen von wirklich zur Reife
gelangenden Organismen. Da nun aber jeder Keim zur Entwicklung strebt, so entsteht
notwendig ein Kampf ums Dasein, der nicht bloß als direkte, körperliche
Bekämpfung oder Verzehrung, sondern auch als Kampf um Raum und Licht, selbst
bei Pflanzen noch, sich zeigt. Und es ist augenscheinlich, das in diesem Kampfe
diejenigen Individuen am meisten Aussicht haben, zur Reife zu gelangen und sich
fortzupflanzen, die irgendeine, noch so unbedeutende, aber im Kampf ums Dasein
vorteilhafte individuelle Eigentümlichkeit besitzen. Diese individuellen
Eigentümlichkeiten haben demnach die Tendenz, sich zu vererben, und wenn
sie bei mehreren Individuen derselben Art vorkommen, sich durch gehäufte
Vererbung in der einmal angenommenen Richtung zu steigern; während die diese
Eigentümlichkeit nicht besitzenden Individuen im Kampf ums Dasein leichter
erliegen und allmählich verschwinden. Auf diese Weise verändert sich
eine Art durch natürliche Züchtung, durch das Überleben der Geeignetsten.

Gegen diese Darwinsche Theorie sagt nun Herr Dühring, der Ursprung der
Vorstellung vom Kampf ums Dasein sei, wie es Darwin selbst eingestanden habe,
in einer Verallgemeinerung der Ansichten des nationalökonomischen Bevölkerungstheoretikers
Malthus zu suchen und demgemäß auch mit allen denjenigen Schäden
behaftet, die den priesterlich malthusiani-

sehen
Anschauungen über das Bevölkerungsgedränge eigen sind. - Nun fällt
es Darwin gar nicht ein zu sagen, der
Ursprung
der Vorstellung vom Kampf
ums Dasein sei bei Malthus zu suchen. Er sagt nur: seine Theorie vom Kampf ums
Dasein sei die Theorie von Malthus, angewandt auf die ganze tierische und pflanzliche
Welt. Wie groß auch der Bock sein mag, den Darwin geschossen, indem er in
seiner Naivetät die Malthussche Lehre so unbesehn akzeptierte, so sieht doch
jeder auf den ersten Blick, daß man keine Malthus-Brille braucht, um den
Kampf ums Dasein in der Natur wahrzunehmen - den Widerspruch zwischen der zahllosen
Menge von Keimen, die die Natur verschwenderisch erzeugt, und der geringen Anzahl
von ihnen, die überhaupt zur Reife kommen können; einen Widerspruch,
der sich in der Tat größtenteils in einem - stellenweise äußerst
grausamen - Kampf ums Dasein löst. Und wie das Gesetz des Arbeitslohns seine
Geltung behalten hat, auch nachdem die malthusianischen Argumente längst
verschollen sind, auf die Ricardo es stützte -, so kann der Kampf ums Dasein
in der Natur ebenfalls stattfinden, auch ohne irgendeine malthusianische Interpretation.
Übrigens haben die Organismen der Natur ebenfalls ihre Bevölkerungsgesetze,
die so gut wie gar nicht untersucht sind, deren Feststellung aber für die
Theorie von der Entwicklung der Arten von entscheidender Wichtigkeit sein wird.
Und wer hat auch in dieser Richtung den entscheidenden Anstoß gegeben? Niemand
anders als Darwin.

Herr Dühring hütet sich wohl, auf diese positive Seite der Frage
einzugehn. Statt dessen muß der Kampf ums Dasein immer wieder vorhalten.
Von einem Kampf ums Dasein unter bewußtlosen Pflanzen und gemütlichen
Pflanzenfressern könne von vornherein keine Rede sein:

»in genau bestimmtem Sinne ist nun der Kampf ums Dasein innerhalb der
Brutalität insoweit vertreten, als die Ernährung durch Raub und Verzehrung
erfolgt«.

Und nachdem er den Begriff: Kampf ums Dasein, auf diese engen Grenzen reduziert,
kann er über die Brutalität dieses von ihm selbst auf die Brutalität
beschränkten Begriffs seiner vollen Entrüstung freien Lauf lassen. Diese
sittliche Entrüstung trifft aber nur Herrn Dühring selbst, der ja der
alleinige Verfasser des Kampfs ums Dasein in dieser Beschränkung und daher
auch allein dafür verantwortlich ist. Es ist also nicht Darwin, der

»im Gebiet der Bestien die Gesetze und das Verständnis aller Naturaktion
sucht« -

Darwin hatte ja grade die ganze organische Natur mit in den Kampf eingeschlossen
-, sondern ein von Herrn Dühring selbst zurechtgemachter Phantasiepopanz.
Der
Name:
Kampf ums Dasein, kann übrigens dem hochmoralischen Zorn
des Herrn Dühring gern preisgegeben werden. Daß

die
Sache
auch unter Pflanzen existiert, kann ihm jede Wiese, jedes Kornfeld,
jeder Wald beweisen, und nicht um den Namen handelt es sich, ob man das »Kampf
ums Dasein« nennen soll oder »Mangel der Existenzbedingungen und mechanische Wirkungen«,
sondern darum, wie diese Tatsache auf die Erhaltung oder Veränderung der
Arten einwirkt. Darüber verharrt Herr Dühring in einem hartnäckig
sich selbst gleichen Stillschweigen. Es wird also wohl vorläufig bei der
Naturzüchtung sein Bewenden haben.

Aber der Darwinismus »produziert seine Verwandlungen und Differenzen
aus nichts«.

Allerdings sieht Darwin, wo er von der Naturzüchtung handelt, ab von den

Ursachen
, die die Veränderungen in den einzelnen Individuen hervorgerufen
haben, und handelt zunächst von der Art und Weise, in der solche individuelle
Abweichungen nach und nach zu Kennzeichen einer Race, Spielart oder Art werden.
Für Darwin handelt es sich zunächst weniger darum, diese Ursachen zu
finden - die bis jetzt teilweise ganz unbekannt, teilweise nur ganz allgemein
angebbar sind -, als vielmehr eine rationelle Form, in der sich ihre Wirkungen
festsetzen, dauernde Bedeutung erhalten. Daß Darwin dabei seiner Entdeckung
einen übermäßigen Wirkungskreis zuschrieb, sie zum ausschließlichen
Hebel der Artveränderung machte und die Ursachen der wiederholten individuellen
Veränderungen über der Form ihrer Verallgemeinerung vernachlässigte,
ist ein Fehler, den er mit den meisten Leuten gemein hat, die einen wirklichen
Fortschritt machen. Zudem, wenn Darwin seine individuellen Verwandlungen aus nichts
produziert und dabei »die Weisheit des Züchters« ausschließlich anwendet,
so muß hiernach der Züchter seine nicht bloß vorgestellten, sondern
wirklichen Verwandlungen der Tier- und Pflanzenformen ebenfalls aus
nichts

produzieren. Wer aber den Anstoß gegeben hat, zu untersuchen, woraus
denn eigentlich diese Verwandlungen und Differenzen entstehn, ist wieder niemand
anders als Darwin.

Neuerdings ist, namentlich durch Haeckel, die Vorstellung von der Naturzüchtung
erweitert und die Artveränderung gefaßt als Resultat der Wechselwirkung
von Anpassung und Vererbung, wobei dann die Anpassung als die ändernde, die
Vererbung als die erhaltende Seite des Prozesses dargestellt wird. Auch dies ist
Herrn Dühring wieder nicht recht.

»Eigentliche Anpassung an Lebensbedingungen, wie sie durch die Natur
geboten oder entzogen werden, setzt Antriebe und Tätigkeiten voraus, die
sich nach Vorstellungen bestimmen. Andernfalls ist die Anpassung nur ein Schein
und die alsdann

wirkende Kausalität erhebt
sich nicht über die niedern Stufen des Physikalischen, Chemischen und pflanzlich
Physiologischen.«

Es ist wieder der Name, der Herrn Dühring zum Ärgernis dient. Wie
er aber auch den Vorgang bezeichnen möge: die Frage ist hier die, ob durch
solche Vorgänge Veränderungen in den Arten der Organismen hervorgerufen
werden oder nicht? Und Herr Dühring gibt wieder keine Antwort.

»Wenn eine Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf welchem sie
das meiste Licht erhält, so ist diese Wirkung des Reizes nichts als eine
Kombination physikalischer Kräfte und chemischer Agenzien, und wenn man hier
nicht metaphorisch, sondern eigentlich von einer Anpassung reden will, so muß
dies in die Begriffe eine
spiritistische
Verworrenheit bringen.«

So streng gegen andre ist derselbe Mann, der ganz genau weiß, um wessen

Willen
die Natur dies oder jenes tut, der von der
Subtililät

der Natur spricht, ja von ihrem
Willen
! Spiritistische Verworrenheit in
der Tat - aber wo, bei Haeckel oder bei Herrn Dühring?

Und nicht nur spiritistische, sondern auch logische Verworrenheit. Wir sahen,
daß Herr Dühring mit aller Gewalt darauf besteht, den Zweckbegriff
in der Natur geltend zu machen:

»Die Beziehung von Mittel und Zweck setzt keineswegs eine bewußte
Absicht voraus.«

Was ist nun aber die Anpassung ohne bewußte Absicht, ohne Vermittlung
von Vorstellungen, gegen die er so eifert, anders als eine solche unbewußte
Zwecktätigkeit?

Wenn also Laubfrösche und laubfressende Insekten grüne, Wüstentiere
sandgelbe, Polarlandtiere vorwiegend schneeweiße Farbe haben, so haben sie
sich diese sicher nicht absichtlich oder nach irgendwelchen Vorstellungen angeeignet;
im Gegenteil lassen sich die Farben nur aus physikalischen Kräften und chemischen
Agenzien erklären. Und doch ist es unleugbar, daß diese Tiere, durch
jene Farben, dem Mittel, in dem sie leben, zweckmäßig
angepaßt

sind, und zwar so, daß sie ihren Feinden dadurch weit weniger sichtbar geworden.
Ebenso sind die Organe, womit gewisse Pflanzen die sich darauf niedersetzenden
Insekten fangen und verzehren, dieser Tätigkeit angepaßt, und sogar
zweckmäßig angepaßt. Wenn nun Herr Dühring darauf besteht,
daß die Anpassung durch Vorstellungen bewirkt sein muß, so sagt er
nur mit andern Worten, daß die Zwecktätigkeit ebenfalls durch Vorstellungen
vermittelt, bewußt, absichtlich sein muß. Womit wir wieder, wie gewöhnlich
in der Wirklichkeitsphilosophie, beim zwecktätigen Schöpfer, bei Gott
angekommen sind.

»Sonst nannte man eine
solche Auskunft Deismus und hielt nicht viel davon« (sagt Herr Dühring);
»jetzt aber scheint
man
sich auch in dieser Beziehung rückwärtsentwickelt
zu haben.«

Von der Anpassung kommen wir auf die Vererbung. Auch hier ist der Darwinismus,
nach Herrn Dühring, vollständig auf dem Holzwege. Die ganze organische
Welt, behaupte Darwin, soll von einem Urwesen abstammen, sozusagen die Brut eines
einzigen Wesens sein. Die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen
ohne Abstammungsvermittlung sei für Darwin gar nicht vorhanden, und er müsse
daher mit seinen rückwärtsgekehrten Anschauungen sofort am Ende sein,
wo ihm der Faden der Zeugung oder sonstigen Fortpflanzung reißt.

Die Behauptung, Darwin leite alle jetzigen Organismen von Einem Urwesen her,
ist, um uns höflich auszudrücken, eine »eigne freie Schöpfung und
Imagination« des Herrn Dühring. Darwin sagt ausdrücklich auf der vorletzten
Seite der »Origin of Species«, 6. Auflage, er sehe

»alle Wesen nicht als besondre Schöpfungen, sondern als die Nachkommen,
in gerader Linie,
einiger weniger Wesen
« |Hervorhebung von Engels| an.

Und Haeckel geht noch bedeutend weiter und nimmt

»einen ganz selbständigen Stamm für das Pflanzenreich, einen
zweiten für das Tierreich« an und zwischen beiden »eine Anzahl von selbständigen
Protistenstämmen, deren jeder ganz unabhängig von jenen aus einer eignen
archigonen Monerenform sich entwickelt hat« (»Schöpfungsgeschichte« S. 397).

Dieses Urwesen ist von Herrn Dühring nur erfunden worden, um es durch
Parallele mit dem Urjuden Adam möglichst in Verruf zu bringen; wobei ihm
- nämlich Herrn Dühring - das Unglück passiert, daß ihm unbekannt
geblieben, wieso dieser Urjude durch [George] Smiths assyrische Entdeckungen sich
als Ursemit entpuppt; daß die ganze Schöpfungs- und Sündflutgeschichte
der Bibel sich erweist als ein Stück aus dem altheidnischen, den Juden mit
Babyloniern, Chaldäern und Assyrern gemeinsamen religiösen Sagenkreise.

Es ist allerdings ein harter, aber nicht abzuweisender Vorwurf gegen Darwin,
daß er sofort am Ende ist, wo ihm der Faden der Abstammung reißt.
Leider verdient ihn unsre gesamte Naturwissenschaft. Wo ihr der Faden der Abstammung
reißt, ist sie »am Ende«. Sie hat es bisher noch nicht fertiggebracht, organische
Wesen ohne Abstammung zu erzeugen; ja noch nicht einmal einfaches Protoplasma
oder andre Eiweißkörper aus den chemischen Elementen herzustellen.
Sie kann also über den Ursprung des

Lebens
bis jetzt nur soviel mit Bestimmtheit sagen, daß er sich auf chemischem
Wege vollzogen haben muß. Vielleicht aber ist die Wirklichkeitsphilosophie
in der Lage, hier abhelfen zu können, da sie über selbständig nebengeordnete
Naturproduktionen verfügt, die nicht durch Abstammung untereinander vermittelt
sind. Wie können diese entstanden sein? Durch Urzeugung? Aber bis jetzt haben
selbst die verwegensten Vertreter der Urzeugung nichts als Bakterien, Pilzkeime
und andere sehr ursprüngliche Organismen auf diesem Wege zu erzeugen beansprucht
- keine Insekten, Fische, Vögel oder Säugetiere. Wenn nun diese gleichartigen
Naturproduktionen - wohlverstanden organische, von denen ist hier allein die Rede
- nicht durch Abstammung zusammenhängen, so müssen sie oder jeder ihrer
Vorfahren da, »wo der Faden der Abstammung reißt«, durch einen aparten Schöpfungsakt
in die Welt gesetzt sein. Also schon wieder beim Schöpfer und dem, was man
Deismus nennt.

Ferner erklärt Herr Dühring es für eine große Oberflächlichkeit
von Darwin,

»den bloßen Akt geschlechtlicher Komposition von Eigenschaften
zum Fundamentalprinzip der Entstehung dieser Eigenschaften zu machen«.

Dies ist wieder eine freie Schöpfung und Imagination unseres wurzelhaften
Philosophen. Im Gegenteil erklärt Darwin bestimmt: der Ausdruck Naturzüchtung
schließe nur ein die
Erhaltung
von Veränderungen, nicht aber
ihre Erzeugung (S. 63). Diese neue Unterschiebung von Sachen, die Darwin nie gesagt,
dient aber dazu, uns zu folgendem Dühringschen Tiefsinn zu verhelfen:

»Hätte man im innern Schematismus der Zeugung irgendein Prinzip
der selbständigen Veränderung aufgesucht, so würde dieser Gedanke
ganz rationell gewesen sein; denn es ist ein natürlicher Gedanke, das Prinzip
der allgemeinen Genesis mit dem der geschlechtlichen Fortpflanzung zu einer Einheit
zusammenzufassen und die sogenannte Urzeugung aus einem hohem Gesichtspunkt nicht
als absoluten Gegensatz der Reproduktion, sondern eben als eine Produktion anzusehn.«

Und der Mann, der solchen Gallimathias verfassen konnte, geniert sich nicht,
Hegel seinen »Jargon« vorzuwerfen!

doch genug der verdrießlichen, widerspruchsvollen Quengelei und Nörgelei,
mit der Herr Dühring seinem Ärger über den kolossalen Aufschwung
Luft macht, den die Naturwissenschaft dem Anstoß der Darwinschen Theorie
verdankt. Weder Darwin noch seine Anhänger unter den Naturforschern denken
daran, die großen Verdienste Lamarcks irgendwie zu verkleinern; sind sie
es doch grade, die ihn zuerst wieder auf den Schild

gehoben haben. Aber wir dürfen nicht übersehn, daß zu Lamarcks
Zeit die Wissenschaft bei weitem noch nicht über hinreichendes Material verfügte,
um die Frage nach dem Ursprung der Arten anders als antizipierend, sozusagen prophetisch
beantworten zu können. Außer dem enormen Material aus dem Gebiet der
sammelnden wie der anatomischen Botanik und Zoologie, das seitdem angehäuft,
sind aber seit Lamarck zwei ganz neue Wissenschaften entstanden, die hier von
entscheidender Wichtigkeit sind: die Untersuchung der Entwicklung der pflanzlichen
und tierischen Keime (Embryologie) und die der, in den verschiednen Schichten
der Erdoberfläche aufbewahrten, organischen Überreste (Paläontologie).
Es findet sich nämlich eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen
der stufenweisen Entwicklung der organischen Keime zu reifen Organismen und der
Reihenfolge der nacheinander in der Geschichte der Erde auftretenden Pflanzen
und Tiere. Und grade diese Übereinstimmung ist es, die der Entwicklungstheorie
die sicherste Grundlage gegeben hat. Die Entwicklungstheorie selbst ist aber noch
sehr jung, und es ist daher unzweifelhaft, daß die weitere Forschung die
heutigen, auch die streng darwinistischen Vorstellungen von dem Hergang der Artenentwicklung
sehr bedeutend modifizieren wird.

Was hat uns nun die Wirklichkeitsphilosophie über die Entwicklung des
organischen Lebens Positives zu sagen?

»Die ... Abänderlichkeit der Arten ist eine annehmbare Voraussetzung.«
Daneben gilt aber auch »die selbständige Nebenordnung gleichartiger Naturproduktionen,
ohne Abstammungsvermittlung«.

Hiernach sollte man meinen, die ungleichartigen Naturproduktionen, d.h. die
sich ändernden Arten stammten voneinander ab, die gleichartigen aber nicht.
Dies stimmt aber auch nicht ganz; denn auch bei sich ändernden Arten dürfte

»die Vermittlung durch Abstammung im Gegenteil erst ein ganz sekundärer
Akt der Natur sein«.

Also doch Abstammung, aber »zweiter Klasse«. Seien wir froh, daß die
Abstammung, nachdem Herr Dühring ihr soviel Übles und Dunkles nachgesagt,
dennoch endlich durch die Hintertür wieder zugelassen wird. Ebenso geht es
der Naturzüchtung, denn nach all der sittlichen Entrüstung über
den Kampf ums Dasein, vermittelst dessen die Naturzüchtung sich ja vollzieht,
heißt es plötzlich:

»Der tiefere Grund der Beschaffenheit der Gebilde ist mithin in den
Lebensbedingungen und kosmischen Verhältnissen zu suchen, während die
von Darwin betonte Naturzüchtung erst in zweiter Linie in Frage kommen kann.«

Also doch Naturzüchtung, wenn auch zweiter
Klasse; also mit der Naturzüchtung auch Kampf ums Dasein und damit auch priesterlich-malthusianisches
Bevölkerungsgedränge! Das ist alles, im übrigen verweist uns Herr
Dühring auf Lamarck.

Schließlich warnt er uns vor dem Mißbrauch der Worte Metamorphose
und Entwicklung. Metamorphose sei ein unklarer Begriff und der Begriff der Entwicklung
nur soweit zulässig, als sich Entwicklungsgesetze wirklich nachweisen lassen.
Statt beider sollen wir sagen »Komposition«, und dann sei alles gut. Es ist wieder
die alte Geschichte: die Sachen bleiben, wie sie waren, und Herr Dühring
ist ganz zufrieden, sobald wir nur die Namen ändern, wenn wir von der Entwicklung
des Hühnchens im Ei sprechen, so machen wir Konfusion, weil wir die Entwicklungsgesetze
nur mangelhaft nachweisen können. Sprechen wir aber von seiner Komposition,
so wird alles klar. Wir werden also nicht mehr sagen: dies Kind entwickelt sich
prächtig, sondern: es komponiert sich ausgezeichnet, und wir dürfen
Herrn Dühring Glück wünschen, daß er dem Schöpfer des
Nibelungenringes nicht nur in edler Selbstschätzung würdig zur Seite
steht, sondern auch in seiner Eigenschaft als Komponist der Zukunft.

## VIII. Naturphilosophie. Organische Welt (Schluß)

»Man erwäge, ... was zu unserm naturphilosophischen Abschnitt an
positiver Erkenntnis gehöre, um ihn mit allen seinen wissenschaftlichen Voraussetzungen
auszustatten. Ihm liegen zunächst alle wesentlichen Errungenschaften der
Mathematik und alsdann die Hauptfeststellungen des exakten Wissens in Mechanik,
Physik, Chemie, sowie überhaupt die naturwissenschaftlichen Ergebnisse in
Physiologie, Zoologie und in ähnlichen Forschungsgebieten zugrunde.«

So zuversichtlich und entschieden spricht sich Herr Dühring aus über
die mathematische und naturwissenschaftliche Gelehrsamkeit des Herrn Dühring.
Man sieht es dem magern Abschnitt selbst nicht an, und noch weniger seinen noch
dürftigeren Resultaten, welche Wurzelhaftigkeit positiver Erkenntnis dahintersteckt.
Jedenfalls braucht man, um die Dühringschen Orakel über Physik und Chemie
zustande zu bringen, von der Physik nichts zu wissen als die Gleichung, die das
mechanische Äquivalent der Wärme ausdrückt, und von der Chemie
nur dies, daß alle Körper sich einteilen in Elemente und Zusammensetzungen
von Elementen. Wer zudem,

wie Herr Dühring
S. 131, von »gravitierenden Atomen« sprechen kann, beweist nur damit, daß
er über den Unterschied von Atom und Molekül gänzlich »im Dunkeln«
ist. Atome existieren bekanntlich nicht für die Gravitation oder andre mechanische
oder physikalische Bewegungsformen, sondern nur für die chemische Aktion.
Und wenn man gar das Kapitel über die organische Natur liest, so kann man
bei dem leeren, sich widersprechenden, am entscheidenden Punkt orakelhaft sinnlosen
Hin- und Hergerede, und bei der absoluten Nichtigkeit des Schlußergebnisses
schon von vornherein sich der Ansicht nicht erwehren, daß Herr Dühring
hier von Dingen spricht, von denen er merkwürdig wenig weiß. Diese
Ansicht wird zur Gewißheit, wenn man zu seinem Vorschlag kommt, in der Lehre
von dem organischen Wesen (Biologie) fernerhin Komposition zu sagen statt Entwicklung.
Wer so etwas vorschlagen kann, beweist, daß er von der Bildung organischer
Körper nicht die geringste Ahnung hat.

Alle organischen Körper, mit Ausnahme der allerniedrigsten, bestehn aus
Zellen, kleinen, nur durch starke Vergrößerung sichtbaren Eiweißklümpchen
mit einem Zellenkern im Innern. In der Regel entwickelt die Zelle auch eine äußere
Haut, und der Inhalt ist dann mehr oder weniger flüssig. Die niedrigsten
Zellenkörper bestehn aus einer Zelle; die ungeheure Mehrzahl der organischen
Wesen ist vielzellig, ein zusammengehöriger Komplex vieler Zellen, die, bei
niedrigem Organismen noch gleichartig, bei den höhern mehr und mehr verschiedne
Formen, Gruppierungen und Tätigkeiten erhalten. Im menschlichen Körper
z. B. sind Knochen, Muskel, Nerven, Sehnen, Bänder, Knorpel. Haut, kurz,
alle Gewebe aus Zellen entweder zusammengesetzt oder doch entstanden. Aber allen
organischen Zellengebilden, von der Amöbe, die ein einfaches, die meiste
Zeit hautloses Eiweißklümpchen mit einem Zeilenkern im Innern ist,
bis zum Menschen, und von der kleinsten einzelligen Desmidiacee bis zur höchstentwickelten
Pflanze, ist die Art gemeinsam wie die Zellen sich vermehren: durch Spaltung.
Der Zellenkern schnürt sich zuerst in der Mitte ein, die Einschnürung,
die die beiden Kolben des Kerns trennt, wird immer stärker, zuletzt trennen
sie sich und bilden zwei Zellenkerne. Derselbe Vorgang findet an der Zelle selbst
statt, jeder der beiden Kerne wird der Mittelpunkt einer Ansammlung von Zellstoff,
die mit der andern durch eine immer enger werdende Einschnürung zusammenhängt,
bis zuletzt beide sich trennen und als selbständige Zellen fortleben. Durch
solche wiederholte Zellenspaltung wird aus dem Keimbläschen des tierischen
Eies, nach eingetretener Befruchtung, nach und nach das ganze fertige Tier entwickelt,
und ebenso beim

erwachsenen Tier der Ersatz der
verbrauchten Gewebe vollzogen. Einen solchen Vorgang eine Komposition, und seine
Bezeichnung als Entwicklung »eine pure Imagination« zu nennen, dazu gehört
doch sicher jemand, der - so schwer das auch heutzutage anzunehmen ist - von diesem
Vorgang gar nichts weiß; hier wird ja eben nur, und zwar im buchstäblichsten
Sinn entwickelt, komponiert aber ganz und gar nicht!

Über das, was Herr Dühring im allgemeinen unter Leben versteht, werden
wir weiter unten noch etwas zu sagen haben. Im besondern stellt er sich unter
Leben folgendes vor:

»Auch die unorganische Welt ist ein System sich selbst vollziehender
Regungen; aber erst da, wo die eigentliche Gliederung und die Vermittlung der
Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle von einem innern Punkt und nach
einem an ein kleineres Gebilde übertragbaren Keimschema beginnt, darf man
im engeren und strengeren Sinne von eigentlichem Leben zu reden unternehmen.«

Dieser Satz ist im engern und strengern Sinn ein System sich selbst vollziehender
Regungen (was das auch immer für Dinger sein mögen) von Unsinn, selbst
abgesehn von der hülflos verworrenen Grammatik. Wenn das Leben erst anfängt,
wo die eigentliche Gliederung beginnt, dann müssen wir das ganze Haeckelsche
Protistenreich und vielleicht noch viel mehr für tot erklären, je nachdem
der Begriff von Gliederung gefaßt wird. Wenn das Leben erst da beginnt,
wo diese Gliederung durch ein kleineres Keimschema übertragbar ist, so sind
mindestens alle Organismen bis zu den einzeiligen hinauf, und diese eingeschlossen,
nicht lebendig. Ist die Vermittlung der Zirkulation der Stoffe durch besondre
Kanäle das Kennzeichen des Lebens, so müssen wir außer den obigen
noch die ganze Oberklasse der Coelenterata, allenfalls mit Ausnahme der Medusen,
also sämtliche Polypen und andre Pflanzentiere aus der Reihe der lebenden
Wesen ausstreichen. Gilt aber gar die Zirkulation der Stoffe durch besondre Kanäle
von einem innern Punkt für das wesentliche Kennzeichen des Lebens, so müssen
wir alle diejenigen Tiere für tot erklären, die kein Herz, oder auch
die mehrere Herzen haben. Dazu gehören außer den vorerwähnten
noch sämtliche Würmer, Seesterne und Rädertiere (Annuloida und
Annulosa, Huxleys Einteilung), ein Teil der Krustentiere (Krebse) und endlich
sogar ein Wirbeltier, das Lanzettierchen (Amphioxus). Dazu sämtliche Pflanzen.

Indem also Herr Dühring unternimmt, das eigentliche Leben im engern und
strengern Sinne zu kennzeichnen, gibt er vier einander total widersprechende Kennzeichen
des Lebens an, von denen das eine nicht nur das ganze Pflanzenreich, sondern auch
ungefähr das halbe Tierreich zu ewigem

Tode
verdammt. Wahrhaftig, niemand kann sagen, er habe uns angeführt, als er uns

»von Grund aus eigentümliche Ergebnisse und Anschauungen«

versprach!

An einer andern Stelle heißt es:

»auch in der Natur liegt allen Organisationen von der niedrigsten bis
zur höchsten ein einfacher Typus zugrunde«, und dieser Typus ist »schon in
der untergeordnetsten Regung der unvollkommensten Pflanze in seinem allgemeinen
Wesen voll und ganz anzutreffen.«

Diese Behauptung ist wieder »voll und ganz« Unsinn. Der allereinfachste Typus,
der in der ganzen organischen Natur anzutreffen, ist die Zelle; und sie liegt
den höchsten Organisationen allerdings zugrunde. Dagegen finden sich unter
den niedrigsten Organismen eine Menge, die noch tief unter der Zelle stehn - die
Protamöbe, ein einfaches Eiweißklümpchen, ohne irgendwelche Differenzierung,
eine ganze Reihe andrer Monere und sämtliche Schlauchalgen (Siphoneen). Diese
sind sämtlich mit den höhern Organismen nur dadurch verknüpft,
daß ihr wesentlicher Bestandteil Eiweiß ist und sie demnach Eiweißfunktionen
vollziehn, d.h. leben und sterben.

Weiter erzählt uns Herr Dühring:

»Physiologisch ist die Empfindung an das Vorhandensein irgendeines,
wenn auch noch so einfachen Nervenapparates geknüpft. Es ist daher das Charakteristische
aller tierischen Gebilde, der Empfindung, d.h. einer subjektiv bewußten
Auffassung ihrer Zustände fähig zu sein. Die scharfe Grenze zwischen
Pflanze und Tier liegt da, wo der Sprung zur Empfindung vollzogen wird. Diese
Grenze läßt sich so wenig durch die bekannten Übergangsgebilde
verwischen, daß sie vielmehr grade durch diese äußerlich unentschiednen
oder unentscheidbaren Gestaltungen erst recht zum logischen Bedürfnis gemacht
wird.«

Und ferner:

»Dagegen sind die Pflanzen gänzlich und für immer ohne die
leiseste Spur von Empfindung und auch ohne jede Anlage dazu.«

Erstens sagt Hegel, »Naturphilosophie« §351, Zusatz, daß

»die Empfindung die differentia specifica, das absolut Auszeichnende
des Tieres ist«.

Also wieder eine »Krudität« Hegels, die durch einfache Annexion von Seiten
Herrn Dührings in den Adelstand einer endgültigen Wahrheit letzter Instanz
erhoben wird.

Zweitens hören wir hier zum ersten Male
von Übergangsgebilden, äußerlich unentschiednen oder unentscheidbaren
Gestaltungen (schönes Kauderwelsch!) zwischen Pflanze und Tier. Daß
diese Zwischenformen existieren; daß es Organismen gibt, von denen wir platterdings
nicht sagen können, ob sie Pflanzen oder Tiere sind; daß wir also überhaupt
die Grenze zwischen Pflanze und Tier nicht scharf feststellen können - das
macht es für Herrn Dühring grade zum logischen Bedürfnis, ein Unterscheidungsmerkmal
aufzustellen, von dem er im selben Atem zugibt, daß es nicht stichhaltig
ist! Aber wir brauchen gar nicht auf das zweifelhafte Gebiet zwischen Pflanzen
und Tieren zurückzugehen; sind die sensitiven Pflanzen, die bei der leisesten
Berührung ihre Blätter falten oder ihre Blumen schließen, sind
die insektenfressenden Pflanzen ohne die leiseste Spur von Empfindung und auch
ohne jede Anlage dazu? Das kann selbst Herr Dühring nicht ohne »unwissenschaftliche
Halbpoesie« behaupten.

Drittens ist es wieder eine freie Schöpfung und Imagination des Herrn
Dühring, wenn er behauptet, die Empfindung sei psychologisch |muß offenbar
»physiologisch« heißen| an das Vorhandensein irgendeines, wenn auch noch
so einfachen Nervenapparates geknüpft. Nicht nur alle Urtiere, auch noch
die Pflanzentiere, wenigstens ihrer großen Mehrzahl nach, weisen keine Spur
eines Nervenapparates auf. Erst von den Würmern an wird ein solcher regelmäßig
vorgefunden, und Herr Dühring ist der erste, der die Behauptung aufstellt,
jene Tiere hätten keine Empfindung, weil keine Nerven. Die Empfindung ist
nicht notwendig an Nerven geknüpft, wohl aber an gewisse, bisher nicht näher
festgestellte Eiweißkörper.

Übrigens werden die biologischen Kenntnisse des Herrn Dühring hinreichend
charakterisiert durch die Frage, die er sich nicht scheut, Darwin gegenüber
aufzuwerfen:

»Soll sich das Tier aus der Pflanze entwickelt haben?«

So kann nur jemand fragen, der weder von Tieren noch von Pflanzen das geringste
weiß.

Vom Leben im allgemeinen weiß uns Herr Dühring nur zu sagen:

»Der Stoffwechsel, der sich vermittelst einer plastisch bildenden Schematisierung«
(was in aller Welt ist das nur ein Ding?) »vollzieht, bleibt stets ein auszeichnender
Charakter des eigentlichen Lebensprozesses.«

Das ist alles, was wir vom Leben erfahren, wobei wir noch gelegentlich der
»plastisch bildenden Schematisierung« knietief im sinnlosen Kauderwelsch des reinsten
Dühring-Jargons steckenbleiben. Wenn wir also wissen

wollen, was Leben ist, so werden wir uns wohl selbst näher danach umsehn
müssen.

Daß der organische Stoffwechsel die allgemeinste und bezeichnendste Erscheinung
des Lebens, ist seit dreißig Jahren von physiologischen Chemikern und chemischen
Physiologen unzähligemal gesagt und hier von Herrn Dühring einfach in
seine eigne elegante und klare Sprache übersetzt. Aber das Leben als organischen
Stoffwechsel definieren, heißt das Leben definieren als - Leben; denn organischer
Stoffwechsel oder Stoffwechsel mit plastisch bildender Schematisierung ist eben
ein Ausdruck, der selbst wieder der Erklärung durch das Leben bedarf, der
Erklärung durch den Unterschied von Organischem und Unorganischem, d.h. Lebendem
und Nichtlebendem. Mit dieser Erklärung kommen wir also nicht vom Fleck.

Stoffwechsel als solcher findet statt auch ohne Leben. Es gibt eine ganze Reihe
von Prozessen in der Chemie, die bei genügender Zufuhr von Rohstoffen ihre
eignen Bedingungen stets wieder erzeugen und zwar so, daß dabei ein bestimmter
Körper Träger des Prozesses ist. So bei der Fabrikation von Schwefelsäure
durch Verbrennung von Schwefel. Es erzeugt sich dabei Schwefeldioxyd, SO
2
,
und indem man Wasserdampf und Salpetersäure zuführt, nimmt das Schwefeldioxyd
Wasserstoff und Sauerstoff auf und verwandelt sich in Schwefelsäure, H
2
SO
4
.
Die Salpetersäure gibt dabei Sauerstoff ab und wird zu Stickoxyd reduziert;
dies Stickoxyd nimmt sogleich wieder aus der Luft neuen Sauerstoff auf und verwandelt
sich in höhere Oxyde des Stickstoffs, aber nur um diesen Sauerstoff sofort
wieder an das Schwefeldioxyd abzugeben und von neuem denselben Prozeß durchzumachen,
so daß theoretisch eine unendlich kleine Menge von Salpetersäure hinreichen
sollte, um eine unbeschränkte Menge von Schwefeldioxyd, Sauerstoff und Wasser
in Schwefelsäure zu verwandeln. - Stoffwechsel findet ferner statt bei dem
Durchtritt von Flüssigkeiten durch tote organische und selbst durch unorganische
Membranen, sowie bei Traubes künstlichen Zellen. Es zeigt sich hier wiederum,
daß wir mit dem Stoffwechsel nicht vom Fleck kommen; denn der eigentümliche
Stoffwechsel, der das Leben erklären soll, bedarf selbst wieder der Erklärung
durch das Leben. Wir müssen es also anders versuchen.

Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper,
und diese Daseinsweise
besteht wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung der chemischen Bestandteile
dieser Körper.

Eiweißkörper ist hier verstanden im Sinn der modernen Chemie, die
unter diesem Namen alle dem gewöhnlichen Eiweiß analog zusammengesetzten Körper, sonst auch Proteinsubstanzen genannt, zusammenfaßt.
Der Name ist ungeschickt, weil das gewöhnliche Eiweiß von allen ihm
verwandten Substanzen die lebloseste, passivste Rolle spielt, indem es neben dem
Eidotter lediglich Nahrungssubstanz für den sich entwickelnden Keim ist.
Solange indes über die chemische Zusammensetzung der Eiweißkörper
noch so wenig bekannt, ist dieser Name immer noch besser, weil allgemeiner, als
alle andern.

Überall, wo wir Leben vorfinden, finden wir es an einen Eiweißkörper
gebunden, und überall, wo wir einen nicht in der Auflösung begriffenen
Eiweißkörper vorfinden, da finden wir ausnahmslos auch Lebenserscheinungen.
Unzweifelhaft ist die Gegenwart auch andrer chemischer Verbindungen in einem lebenden
Körper notwendig, um besondre Differenzierungen dieser Lebenserscheinungen
hervorzurufen; zum nackten Leben sind sie nicht erforderlich, es sei denn soweit
sie als Nahrung eingehn und in Eiweiß verwandelt werden. Die niedrigsten
lebenden Wesen, die wir kennen, sind eben nichts als einfache Eiweißklümpchen,
und sie zeigen schon alle wesentlichen Lebenserscheinungen.

Worin aber bestehn diese überall, bei allen lebenden Wesen gleichmäßig
vorhandnen Lebenserscheinungen? Vor allem darin, daß der Eiweißkörper
aus seiner Umgebung andre geeignete Stoffe in sich aufnimmt, sie sich assimiliert,
während andre, ältere Teile des Körpers sich zersetzen und ausgeschieden
werden. Andre, nicht lebende Körper verändern, zersetzen oder kombinieren
sich auch im Lauf der natürlichen Dinge; aber dabei hören sie auf, das
zu sein, was sie waren. Der Fels, der verwittert, ist kein Fels mehr; das Metall,
das oxydiert, geht in Rost über. Aber was bei toten Körpern Ursache
des Untergangs, das ist beim Eiweiß
Grundbedingung der Existenz
.
Von dem Augenblick an, wo diese ununterbrochene Umsetzung der Bestandteile im
Eiweißkörper, dieser andauernde Wechsel von Ernährung und Ausscheidung
aufhört, von dem Augenblick an hört der Eiweißkörper selbst
auf, zersetzt sich, d.h.
stirbt
. Das Leben, die Daseinsweise des Eiweißkörpers
besteht also vor allem darin, daß er in jedem Augenblick er selbst und zugleich
ein andrer ist; und dies nicht infolge eines Prozesses, dem er von außen
her unterworfen wird, wie dies auch bei toten Körpern der Fall sein kann.
Im Gegenteil, das Leben, der durch Ernährung und Ausscheidung erfolgende
Stoffwechsel ist ein sich selbst vollziehender Prozeß, der seinem Träger,
dem Eiweiß, inhärent, eingeboren ist, ohne den es nicht sein kann.
Und daraus folgt, daß, wenn es der Chemie jemals gelingen sollte, Eiweiß
künstlich herzustellen, dies Eiweiß Lebenserscheinungen zeigen muß,
mögen sie auch noch so schwach sein. Es ist freilich fraglich,

ob die Chemie auch gleichzeitig das richtige Futter für dies Eiweiß
entdecken wird.

Aus dem durch Ernährung und Ausscheidung vermittelten Stoffwechsel als
wesentlicher Funktion des Eiweißes und aus der ihm eignen Plastizität
leiten sich dann alle übrigen einfachsten Faktoren des Lebens ab: Reizbarkeit
- die schon in der Wechselwirkung zwischen dem Eiweiß und seiner Nahrung
eingeschlossen liegt; Kontraktibilität - die sich schon auf sehr niedriger
Stufe bei der Verzehrung des Futters zeigt, Wachstumsmöglichkeit, die auf
niedrigster Stufe die Fortpflanzung durch Teilung einschließt; innere Bewegung,
ohne die weder Verzehrung noch Assimilation der Nahrung möglich ist.

Unsre Definition des Lebens ist natürlich sehr ungenügend, indem
sie, weit entfernt
alle
Lebenserscheinungen einzuschließen, sich
vielmehr auf die allerallgemeinsten und einfachsten beschränken muß.
Alle Definitionen sind wissenschaftlich von geringem Wert. Um wirklich erschöpfend
zu wissen, was das Leben ist, müßten wir alle seine Erscheinungsformen
durchgehn, von der niedrigsten bis zur höchsten. Für den Handgebrauch
sind jedoch solche Definitionen sehr bequem und stellenweise nicht gut zu entbehren;
sie können auch nicht schaden, solange man nur ihre unvermeidlichen Mängel
nicht vergißt.

Doch zurück zu Herrn Dühring. Wenn es ihm im Bereich der irdischen
Biologie einigermaßen schlecht ergeht, so weiß er sich zu trösten,
er flüchtet in seinen Sternenhimmel.

»Es ist nicht erst die besondre Einrichtung eines empfindenden Organs,
sondern schon die ganze objektive Welt, welche auf die Hervorbringung von Lust
und Schmerz angelegt ist. Aus diesem Grunde nehmen wir an, daß der Gegensatz
von Lust und Schmerz, und zwar
genau
in der uns bekannten Weise, ein universeller
sei und
in den verschiednen Welten des Alls
durch wesentlich gleichartige
Gefühle vertreten sein müsse ... Diese Übereinstimmung bedeutet
aber
nicht wenig
; denn sie ist der Schlüssel zu dem
Universum der
Empfindungen
... Uns ist mithin die subjektive kosmische Welt nicht viel fremder
als die objektive. Die Konstitution beider Reiche ist nach einem übereinstimmenden
Typus zu denken, und hiermit haben wir die Anfänge zu einer Bewußtseinslehre,
die eine größere als bloß terrestrische Tragweite hat.«

Was verschlagen ein paar grobe Schnitzer in der irdischen Naturwissenschaft
für den, der den Schlüssel zu dem Universum der Empfindungen in der
Tasche trägt? Allons donc! |Also wohlan!|

## IX. Moral und Recht. Ewige Wahrheiten

Wir enthalten uns, Pröbchen zu geben von
dem Mischmasch von Plattheit und Orakelhaftigkeit, kurz von dem simplen
Kohl
,
den Herr Dühring seinen Lesern fünfzig volle Seiten zu genießen
gibt, als wurzelhafte Wissenschaft von den Elementen des Bewußtseins. Wir
zitieren nur dies:

»Wer nur an der Hand der Sprache zu denken vermag, hat noch nie erfahren,
was
abgesondertes
und
eigentliches
Denken zu bedeuten habe.«

Danach sind die Tiere die abgesondertsten und eigentlichsten Denker, weil ihr
Denken nie durch die zudringliche Einmischung der Sprache getrübt wird. Allerdings
sieht man es den Dühringschen Gedanken und der sie ausdrückenden Sprache
an, wie wenig diese Gedanken für irgendeine Sprache gemacht sind und wie
wenig die deutsche Sprache für diese Gedanken.

Endlich erlöst uns der vierte Abschnitt, der uns, außer jenem zerfließenden
Redebrei, wenigstens hie und da etwas Greifbares über
Moral
und
Recht

bietet. Gleich im Anfang werden wir diesmal zu einer Reise auf die andern Weltkörper
eingeladen:

die Elemente der Moral müssen sich »bei allen außermenschlichen
Wesen, in denen sich ein tätiger Verstand mit der bewußten Ordnung
von triebförmigen Lebensregungen zu befassen hat, in übereinstimmender
Weise ... wiederfinden ... Doch wird unsre Teilnahme für solche Folgerungen
gering bleiben ... Außerdem aber bleibt es immer eine den Gesichtskreis

wohltätig erweiternde
Idee, wenn wir uns vorstellen, daß auf
andern Weltkörpern das Einzel- und das Gemeinleben von einem Schema ausgehen
muß, welches ... nicht vermag, die allgemeine Grundverfassung eines verstandesmäßig
handelnden Lesens aufzuheben oder zu umgehn.«

Wenn hier ausnahmsweise die Gültigkeit der Dühringschen Wahrheiten
auch für alle andern möglichen Welten an die Spitze, statt ans Ende
des betreffenden Kapitels gestellt wird, so hat das seinen zureichenden Grund.
Hat man erst die Gültigkeit der Dühringschen Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen
für alle
Welten
festgestellt, so wird man um so leichter ihre Gültigkeit
auf alle
Zeiten
wohltätig erweitern können. Es handelt sich aber
hier wieder um nichts Geringeres als um endgültige Wahrheit letzter Instanz.

Die moralische Welt hat »so gut wie diejenige des allgemeinen Wissens
... ihre bleibenden Prinzipien und einfachen Elemente«, die moralischen Prinzipien
stehn »über der Geschichte und über den heutigen Unterschieden der Völkerbeschaffenheiten
... Die besondern Wahrheiten, aus denen sich im Lauf der Entwicklung das

vollere moralische Bewußtsein und sozusagen das Gewissen zusammensetzt,
können, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, eine ähnliche
Geltung und Tragweite beanspruchen, wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik.

Echte Wahrheiten sind überhaupt nicht wandelbar
... so daß es
überhaupt eine Torheit ist, die Richtigkeit der Erkenntnis als von der Zeit
und den realen Veränderungen angreifbar vorzustellen.« Daher läßt
uns die Sicherheit strengen Wissens und die Zulänglichkeit der gemeineren
Erkenntnis nicht dazu kommen, im besonnenen zustande an der absoluten Gültigkeit
der Wissensprinzipien zu verzweifeln. »Schon der dauernde Zweifel selbst ist ein
krankhafter Schwächezustand und nichts als der Ausdruck
wüster Verworrenheit,

die bisweilen in dem systematischen Bewußtsein ihrer
Nichtigkeit

den Schein von etwas Haltung aufzutreiben sucht. In den sittlichen Angelegenheiten
klammert sich die Leugnung allgemeiner Prinzipien an die geographischen und geschichtlichen
Mannigfaltigkeiten der Sitten und Grundsätze, und gibt man ihr die unausweichliche
Notwendigkeit des sittlich Schlimmen und Bösen zu, so glaubt sie erst recht
über die Anerkennung der ernsthaften Geltung und tatsächlichen Wirksamkeit
übereinstimmender moralischer Antriebe hinaus zu sein. Diese
aushöhlende
Skepsis,
die sich nicht etwa gegen einzelne falsche Lehren, sondern gegen
die menschliche Fähigkeit zur bewußten Moralität selbst kehrt,
mündet schließlich in ein wirkliches Nichts, ja eigentlich in etwas,
was schlimmer ist als der bloße Nihilismus ... Sie schmeichelt sich, in
ihrem
wirren Chaos
von aufgelösten sittlichen Vorstellungen leichten
Kaufes herrschen und dem grundsatzlosen Belieben alle Tore öffnen zu können.
Sie täuscht sich aber gewaltig: denn die bloße Hinweisung auf die unvermeidlichen
Schicksale des Verstandes in Irrtum und Wahrheit genügt, um schon durch diese
einzige Analogie erkennbar zu machen, wie die naturgesetzliche Fehlbarkeit die
Vollbringung des Zutreffenden nicht auszuschließen braucht.«

Wir haben bis jetzt alle diese pompösen Aussprüche des Herrn Dühring
über endgültige Wahrheiten letzter Instanz, Souveränetät des
Denkens, absolute Sicherheit des Erkennens usw. ruhig hingenommen, weil die Sache
doch erst an dem Punkt zum Austrag gebracht werden konnte, wo wir jetzt angelangt
sind. Bisher genügte die Untersuchung, inwieweit die einzelnen Behauptungen
der Wirklichkeitsphilosophie »souveräne Geltung« und »unbedingten Anspruch
auf Wahrheit« hatten; hier kommen wir vor die Frage, ob und welche Produkte des
menschlichen Erkennens überhaupt souveräne Geltung und unbedingten Anspruch
auf Wahrheit haben können. Wenn ich sage: des
menschlichen
Erkennens,
so sage ich dies nicht etwa in beleidigender Absicht gegen die Bewohner andrer
Weltkörper, die ich nicht die Ehre habe zu kennen, sondern nur weil auch
die Tiere erkennen, aber keineswegs souverän. Der Hund erkennt in seinem
Herrn seinen Gott, wobei dieser Herr der größte Lump sein kann.

Ist das menschliche Denken souverän? Ehe wir ja oder nein antworten,
müssen wir erst untersuchen, was das menschliche Denken ist. Ist es das

Denken eines einzelnen Menschen? Nein. Aber es existiert nur als das Einzeldenken
von vielen Milliarden vergangner, gegenwärtiger und zukünftiger Menschen.
Wenn ich nun sage, daß dies in meiner Vorstellung zusammengefaßte
Denken aller dieser Menschen, die zukünftigen eingeschlossen,
souverän
,
imstande ist, die bestehende Welt zu erkennen, sofern die Menschheit nur lange
genug dauert und soweit nicht in den Erkenntnisorganen und den Erkenntnisgegenständen
diesem Erkennen Schranken gesetzt sind, so sage ich etwas ziemlich Banales und
zudem ziemlich Unfruchtbares. Denn das wertvollste Resultat dürfte dies sein,
uns gegen unsre heutige Erkenntnis äußerst mißtrauisch zu machen,
da wir ja aller Wahrscheinlichkeit nach so ziemlich am Anfang der Menschheitsgeschichte
stehn, und die Generationen, die
uns
berichtigen werden, wohl viel zahlreicher
sein dürften als diejenigen, deren Erkenntnis wir - oft genug mit beträchtlicher
Geringschätzung - zu berichtigen im Falle sind.

Herr Dühring selbst erklärt es für eine Notwendigkeit, daß
das Bewußtsein, also auch das Denken und Erkennen, nur in einer Reihe von
Einzelwesen zur Erscheinung kommen könne. Dem Denken jedes dieser Einzelnen
können wir nur insofern Souveränetät zuschreiben, als wir keine
Macht kennen, die imstande wäre, ihm im gesunden und wachenden Zustand irgendeinen
Gedanken mit Gewalt aufzunötigen. Was aber die souveräne Geltung der
Erkenntnisse jedes Einzeldenkens angeht, so wissen wir alle, daß davon gar
keine Rede sein kann, und daß nach aller bisherigen Erfahrung sie ohne Ausnahme
stets viel mehr Verbesserungsfähiges als Nichtverbesserungsfähiges oder
Richtiges enthalten.

Mit andern Worten: die Souveränetät des Denkens verwirklicht sich
in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis,
welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern;
weder die eine noch die andre kann anders als durch eine unendliche Lebensdauer
der Menschheit vollständig verwirklicht werden.

Wir haben hier wieder denselben Widerspruch, wie
schon oben
,
zwischen dem notwendig als absolut vorgestellten Charakter des menschlichen Denkens,
und seiner Realität in lauter beschränkt denkenden Einzelmenschen, ein
Widerspruch, der sich nur im unendlichen Progreß, in der für uns wenigstens
praktisch endlosen Aufeinanderfolge der Menschengeschlechter lösen kann.
In diesem Sinn ist das menschliche Denken ebensosehr souverän wie nicht souverän
und seine Erkenntnisfähigkeit ebensosehr unbeschränkt wie beschränkt.
Souverän und unbeschränkt der Anlage,

dem Beruf, der Möglichkeit, dem geschichtlichen Endziel nach; nicht souverän
und beschränkt der Einzelausführung und der jedesmaligen Wirklichkeit
nach.

Ebenso verhält es sich mit den ewigen Wahrheiten. Käme die Menschheit
je dahin, daß sie nur noch mit ewigen Wahrheiten, mit Denkresultaten operierte,
die souveräne Geltung und unbedingten Anspruch auf Wahrheit haben, so wäre
sie auf dem Punkt angekommen, wo die Unendlichkeit der intellektuellen Welt nach
Wirklichkeit wie Möglichkeit erschöpft und damit das vielberühmte
Wunder der abgezählten Unzahl vollzogen wäre.

Nun gibt es aber doch Wahrheiten, die so feststehn, daß jeder Zweifel
daran uns als gleichbedeutend mit Verrücktheit erscheint? daß zwei
mal zwei vier ist, daß die drei Winkel eines Dreiecks gleich zwei Rechten
sind, daß Paris in Frankreich liegt, daß ein Mensch ohne Nahrung Hungers
stirbt usw.? Also gibt es doch
ewige
Wahrheiten, endgültige Wahrheiten
letzter Instanz?

allerdings Wir können das ganze Gebiet des Erkennens nach altbekannter
Art in drei große Abschnitte teilen. Der erste umfaßt alle Wissenschaften,
die sich mit der unbelebten Natur beschäftigen und mehr oder minder einer
mathematischen Behandlung fähig sind: Mathematik, Astronomie, Mechanik, Physik,
Chemie. Wenn es jemandem Vergnügen macht, gewaltige Worte auf sehr einfache
Dinge anzuwenden, so kann man sagen, daß
gewisse
Ergebnisse dieser
Wissenschaften ewige Wahrheiten, endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind:
weshalb man diese Wissenschaften auch die
exakten
genannt hat. Aber noch
lange nicht alle Ergebnisse. Mit der Einführung der veränderlichen Größen
und der Ausdehnung ihrer Veränderlichkeit bis ins unendlich Kleine und unendlich
Große hat die sonst so sittenstrenge Mathematik den Sündenfall begangen;
sie hat den Apfel der Erkenntnis gegessen, der ihr die Laufbahn der riesenhaftesten
Erfolge eröffnete, aber auch die der Irrtümer. Der jungfräuliche
Zustand der absoluten Gültigkeit, der unumstößlichen Bewiesenheit
alles Mathematischen war auf ewig dahin; das Reich der Kontroversen brach an,
und wir sind dahin gekommen, daß die meisten Leute differenzieren und integrieren,
nicht weil sie verstehn, was sie tun, sondern aus reinem Glauben, weil es bisher
immer richtig herausgekommen ist. Mit der Astronomie und Mechanik steht es noch
schlimmer, und in Physik und Chemie befindet man sich inmitten der Hypothesen
wie inmitten eines Bienenschwarms. Es ist dies auch gar nicht anders möglich.
In der Physik haben wir es mit der Bewegung von Molekülen, in der Chemie
mit der Bildung von Molekülen aus Atomen zu tun, und wenn nicht die Interferenz
der Lichtwellen eine Fabel

ist, so haben wir absolut
keine Aussicht, jemals diese interessanten Dinger mit unsern Augen zu sehn. Die
endgültigen Wahrheiten letzter Instanz werden da mit der Zeit merkwürdig
selten.

Noch schlimmer sind wir dran in der Geologie, die ihrer Natur nach sich hauptsächlich
mit Vorgängen beschäftigt, bei denen nicht nur nicht wir, sondern überhaupt
kein Mensch dabeigewesen ist. Die Ausbeute an endgültigen Wahrheiten letzter
Instanz ist daher hier mit sehr vieler Mühe verknüpft und dabei äußerst
sparsam.

Die zweite Klasse von Wissenschaften ist die, welche die Erforschung der lebenden
Organismen in sich begreift. Auf diesem Gebiet entwickelt sich eine solche Mannigfaltigkeit
der Wechselbeziehungen und Ursächlichkeiten, daß nicht nur jede gelöste
Frage eine Unzahl neuer Fragen aufwirft, sondern auch jede einzelne Frage meist
nur stückweise, durch eine Reihe von oft Jahrhunderte in Anspruch nehmenden
Forschungen gelöst werden kann; wobei dann das Bedürfnis systematischer
Auffassung der Zusammenhänge stets von neuem dazu nötigt, die endgültigen
Wahrheiten letzter Instanz mit einer überwuchernden Anpflanzung von Hypothesen
zu umgeben. Welche lange Reihe von Mittelstufen von Galen bis Malpighi war nötig,
um eine so einfache Sache wie die Zirkulation des Bluts bei Säugetieren richtig
festzustellen, wie wenig wissen wir von der Entstehung der Blutkörperchen,
und wieviel Mittelglieder fehlen uns heute noch, um z.B. die Erscheinungen einer
Krankheit mit ihren Ursachen in rationellen Zusammenhang zu bringen! Dabei kommen
oft genug Entdeckungen vor wie die der Zelle, die uns zwingen, alle bisher festgestellten
endgültigen Wahrheiten letzter Instanz auf dem Gebiet der Biologie einer
totalen Revision zu unterwerfen und ganze Haufen davon ein für allemal zu
beseitigen. Wer also hier wirklich echte, unwandelbare Wahrheiten aufstellen will,
der wird sich mit Plattheiten begnügen müssen wie: Alle Menschen müssen
sterben, alle weiblichen Säugetiere haben Milchdrüsen usw.; er wird
nicht einmal sagen können, daß die höheren Tiere mit dem Magen
und Darmkanal verdauen und nicht mit dem Kopf, denn die im Kopf zentralisierte
Nerventätigkeit ist zur Verdauung unumgänglich.

Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe
von Wissenschaften, der historischen, die die Lebensbedingungen der Menschen,
die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Rechts- und Staatsformen mit ihrem
idealen Überbau von Philosophie, Religion, Kunst usw. in ihrer geschichtlichen
Folge und ihrem gegenwärtigen Ergebnis untersucht. In der organischen Natur
haben wir es doch wenigstens mit einer Reihenfolge von Hergängen zu tun,
die sich, soweit unsre unmittelbare

Beobachtung
in Frage kommt, innerhalb sehr weiter Grenzen ziemlich regelmäßig wiederholen.
Die Arten der Organismen sind seit Aristoteles im ganzen und großen dieselben
geblieben. In der Geschichte der Gesellschaft dagegen sind die Wiederholungen
der Zustände die Ausnahme, nicht die Regel, sobald wir über die Urzustände
der Menschen, das sogenannte Steinalter, hinausgehn; und wo solche Wiederholungen
vorkommen, da ereignen sie sich nie genau unter denselben Umständen. So das
Vorkommen des ursprünglichen Gemeineigentums am Boden bei allen Kulturvölkern
und die Form seiner Auflösung. Wir sind daher auf dem Gebiet der Menschengeschichte
mit unsrer Wissenschaft noch weit mehr im Rückstand als auf dem der Biologie;
und mehr noch: wenn einmal ausnahmsweise der innere Zusammenhang der gesellschaftlichen
und politischen Daseinsformen eines Zeitabschnitts erkannt wird, so geschieht
es regelmäßig dann, wenn diese Formen sich schon halb überlebt
haben, dem Verfall entgegengehn. Die Erkenntnis ist hier also wesentlich relativ,
indem sie sich beschränkt auf die Einsicht in den Zusammenhang und auf die
Folgen gewisser, nur zu einer gegebnen Zeit und für gegebne Völker bestehenden
und ihrer Natur nach vergänglichen Gesellschafts- und Staatsformen. Wer hier
also auf endgültige Wahrheiten letzter Instanz, auf echte, überhaupt
nicht wandelbare Wahrheiten Jagd macht, der wird wenig heimtragen, es seien denn
Plattheiten und Gemeinplätze der ärgsten Art, z.B. daß die Menschen
im allgemeinen ohne Arbeit nicht leben können, daß sie sich bisher
meist eingeteilt haben in Herrschende und Beherrschte, daß Napoleon am 5.
Mal 1821 gestorben ist usw.

Nun ist es aber merkwürdig, daß gerade auf diesem Gebiet die angeblichen
ewigen Wahrheiten, die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz usw. uns am
häufigsten begegnen. Daß zwei mal zwei vier ist, daß die Vögel
Schnäbel haben, oder derartiges wird nur der für ewige Wahrheiten erklären,
der mit der Absicht umgeht, aus dem Dasein ewiger Wahrheiten überhaupt zu
folgern, daß es auch auf dem Gebiete der Menschengeschichte ewige Wahrheiten
gebe, eine ewige Moral, eine ewige Gerechtigkeit usw., die eine ähnliche
Geltung und Tragweite beanspruchen wie die Einsichten und Anwendungen der Mathematik.
Und dann können wir mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß derselbe Menschenfreund
uns bei erster Gelegenheit erklären wird, alle früheren Fabrikanten
ewiger Wahrheiten seien mehr oder weniger Esel und Scharlatane, seien alle im
Irrtum befangen gewesen, hätten gefehlt; das Vorhandensein
ihres
Irrtums
und
ihrer
Fehlbarkeit aber sei naturgesetzlich und beweise das Dasein der
Wahrheit und des Zutreffenden
bei ihm
, und er, der jetzt erstandne Prophet,
trage die endgültige Wahrheit letzter Instanz,
die ewige Moral, die ewige Gerechtigkeit, fix und fertig im Sack. Das alles ist
schon so hundertmal und tausendmal dagewesen, daß man sich nur wundern muß,
wenn es noch Menschen gibt, leichtgläubig genug, um dies nicht von andern,
nein, von sich selbst zu glauben. Und dennoch erleben wir hier wenigstens noch
einen solchen Propheten, der denn auch ganz in gewohnter Weise in hochmoralischen
Harnisch gerät, wenn andre Leute es ableugnen, daß irgendein einzelner
die endgültige Wahrheit letzter Instanz zu liefern imstande sei. Solche Leugnung,
ja schon der bloße Zweifel ist ein Schwächezustand, wüste Verworrenheit,
Nichtigkeit, aushöhlende Skepsis, schlimmer als der bloße Nihilismus,
wirres Chaos und was dergleichen Liebenswürdigkeiten mehr sind. Wie bei allen
Propheten, wird nicht kritisch-wissenschaftlich untersucht und beurteilt, sondern
ohne weiteres moralisch verdonnert.

Wir hätten oben noch die Wissenschaften erwähnen können, die
die Gesetze des menschlichen Denkens untersuchen, also Logik und Dialektik. Hier
aber sieht es mit den ewigen Wahrheiten nicht besser aus. Die eigentliche Dialektik
erklärt Herr Dühring für reinen Widersinn, und die vielen Bücher,
die über Logik geschrieben worden sind und noch geschrieben werden, beweisen
zur Genüge, daß auch da die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz
viel dünner gesäet sind, als mancher glaubt.

Übrigens brauchen wir uns keineswegs darüber zu erschrecken, daß
die Erkenntnisstufe, auf der wir heute stehn, ebensowenig endgültig ist als
alle vorhergegangenen. Sie umfaßt schon ein ungeheures Material von Einsichten
und erfordert eine sehr große Spezialisierung der Studien für jeden,
der in irgendeinem Fach heimisch werden will. Wer aber den Maßstab echter,
unwandelbarer, endgültiger Wahrheit letzter Instanz an Erkenntnisse legt,
die der Natur der Sache nach entweder für lange Reihen von Generationen relativ
bleiben und stückweise vervollständigt werden müssen, oder gar
an solche, die, wie in Kosmogonie, Geologie, Menschheitsgeschichte schon wegen
der Mangelhaftigkeit des geschichtlichen Materials stets lückenhaft und unvollständig
bleiben werden - der beweist damit nur seine eigne Unwissenheit und Verkehrtheit,
selbst wenn nicht, wie hier, der Anspruch auf persönliche Unfehlbarkeit den
eigentlichen Hintergrund bildet. Wahrheit und Irrtum, wie alle sich in polaren
Gegensätzen bewegenden Denkbestimmungen, haben absolute Gültigkeit eben
nur für ein äußerst beschränktes Gebiet; wie wir das eben
gesehn haben, und wie auch Herr Dühring wissen würde, bei einiger Bekanntschaft
mit den ersten Elementen der Dialektik, die grade von der Unzulänglichkeit
aller polaren Gegensätze handeln. Sobald wir den Gegensatz von Wahrheit und
Irrtum außerhalb

jenes oben bezeichneten engen
Gebiets anwenden, wird er relativ und damit für genaue wissenschaftliche
Ausdrucksweise unbrauchbar; versuchen wir aber, ihn außerhalb jenes Gebiets
als absolut gültig anzuwenden, so kommen wir erst recht in die Brüche;
die beiden Pole des Gegensatzes schlagen in ihr Gegenteil um, Wahrheit wird Irrtum
und Irrtum Wahrheit. Nehmen wir als Beispiel das bekannte Boylesche Gesetz, wonach
bei gleichbleibender Temperatur das Volumen der Gase sich umgekehrt verhält
wie der Druck, dem sie ausgesetzt sind. Regnault fand, daß dies Gesetz für
gewisse Fälle nicht zutraf. Wäre er nun ein Wirklichkeitsphilosoph gewesen,
so war er verpflichtet zu sagen: das Boylesche Gesetz ist wandelbar, also keine
echte Wahrheit, also überhaupt keine Wahrheit, also Irrtum. Damit hätte
er aber einen weit größeren Irrtum begangen, als der im Boyleschen
Gesetz enthaltene war; in einem Sandhaufen von Irrtum wäre sein Körnchen
Wahrheit verschwunden; er hätte also sein ursprünglich richtiges Resultat
zu einem Irrtum verarbeitet, gegen den das Boylesche Gesetz mitsamt dem bißchen
Irrtum, das an ihm klebte, als Wahrheit erschien. Regnault, als wissenschaftlicher
Mann, ließ sich aber auf dergleichen Kindereien nicht ein, sondern untersuchte
weiter und fand, daß das Boylesche Gesetz überhaupt nur annähernd
richtig ist, und besonders seine Gültigkeit verliert bei Gasen, die durch
Druck tropfbarflüssig gemacht werden können, und zwar sobald der Druck
sich dem Punkt nähert, wo die Tropfbarkeit eintritt. Das Boylesche Gesetz
erwies sich also als richtig nur innerhalb bestimmter Grenzen. Ist es aber absolut,
endgültig wahr innerhalb dieser Grenzen? Kein Physiker wird das behaupten.
Er wird sagen, daß es Gültigkeit hat innerhalb gewisser Druck- und
Temperaturgrenzen und für gewisse Gase; und er wird innerhalb dieser noch
enger gesteckten Grenzen die Möglichkeit nicht ausschließen einer noch
engeren Begrenzung oder veränderter Fassung durch künftige Untersuchungen.
(1)

So steht es also um die endgültigen Wahrheiten
letzter Instanz, z.B. in der Physik. Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden
daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum
und Wahrheit, während diese uns überall entgegentreten in Schriften
wie die Wirklichkeitsphilosophie, wo leeres Hin- und Herreden uns als souveränstes
Resultat des souveränen Denkens sich aufdrängen will.

Aber, könnte ein naiver Leser fragen, wo hat denn Herr Dühring ausdrücklich
gesagt, daß der Inhalt seiner Wirklichkeitsphilosophie endgültige Wahrheit
sei, und zwar letzter Instanz? Wo? Nun, zum Beispiel in dem Dithyrambus auf sein
System (S. 13), den wir im
II. Kapitel
teilweise ausgezogen.
Oder wenn er in dem
oben zitierten Satz
sagt: Die moralischen
Wahrheiten, soweit sie bis in ihre letzten Gründe erkannt sind, beanspruchen
eine ähnliche Geltung wie die Einsichten der Mathematik. Und behauptet nicht
Herr Dühring, von seinem wirklich kritischen Standpunkt aus und vermittelst
seiner bis an die Wurzeln reichenden Untersuchung bis zu diesen letzten Gründen,
den Grundschematen, vorgedrungen zu sein, also den moralischen Wahrheiten Endgültigkeit
letzter Instanz verliehen zu haben? Oder aber, wenn Herr Dühring diesen Anspruch
weder für sich noch für seine Zeit stellt, wenn er nur sagen will, daß
irgendeinmal in nebelgrauer Zukunft endgültige Wahrheiten letzter Instanz
festgestellt werden können, wenn er also ungefähr, nur konfuser, dasselbe
sagen will wie die »aushöhlende Skepsis« und »wüste Verworrenheit« -
ja dann, wozu der Lärm, was steht dem Herrn zu Diensten?

Wenn wir schon mit Wahrheit und Irrtum nicht weit vom Fleck kamen, so noch
viel weniger mit Gut und Böse. Dieser Gegensatz bewegt sich ausschließlich
auf moralischem, also auf einem der Menschengeschichte angehörigen Gebiet,
und hier sind die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz grade am dünnsten
gesäet. Von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter haben die Vorstellungen
von Gut und Böse so sehr gewechselt, daß sie einander oft geradezu
widersprachen. - Aber, wird jemand einwerfen, Gut ist doch nicht Böse, und
Böse nicht Gut; wenn Gut und Böse zusammengeworfen werden, so hört
alle Moralität auf, und jeder kann tun und lassen, was er will. - dies ist
auch, aller Orakelhaftigkeit entkleidet, die Meinung des Herrn Dühring. Aber
so einfach erledigt sich die Sache doch nicht. Wenn das so einfach ginge, würde
ja über Gut und Böse gar kein Streit sein, würde jeder wissen,
was Gut und was Böse ist. Wie steht's aber heute? Welche Moral wird uns heute
gepredigt? Da ist zuerst die christlich-feudale,

aus frühern glaubten Zeiten überkommne, die sich wesentlich wieder in
eine katholische und protestantische teilt, wobei wieder Unterabteilungen von
der jesuitisch-katholischen und orthodox-protestantischen bis zur lax-aufgeklärten
Moral nicht fehlen. Daneben figuriert die modern-bürgerliche und neben dieser
wieder die proletarische Zukunftsmoral, so daß Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft allein in den fortgeschrittensten Ländern Europas drei große
Gruppen gleichzeitig und nebeneinander geltender Moraltheorien liefern. Welche
ist nun die wahre? Keine einzige, im Sinn absoluter Endgültigkeit; aber sicher
wird diejenige Moral die meisten, Dauer versprechenden, Elemente besitzen, die
in der Gegenwart die Umwälzung der Gegenwart, die Zukunft, vertritt, also
die proletarische.

Wenn wir nun aber sehn, daß die drei Klassen der modernen Gesellschaft,
die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondre
Moral haben, so können wir daraus nur den Schluß ziehn, daß die
Menschen, bewußt oder unbewußt, ihre sittlichen Anschauungen in letzter
Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage
begründet ist - aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie
produzieren und austauschen.

Aber in den obigen drei Moraltheorien ist doch manches allen dreien gemeinsam
- wäre dies nicht wenigstens ein Stück der ein für allemal feststehenden
Moral? - Jene Moraltheorien vertreten drei verschiedne Stufen derselben geschichtlichen
Entwicklung, haben also einen gemeinsamen geschichtlichen Hintergrund, und schon
deshalb notwendig viel Gemeinsames. Noch mehr. Für gleiche oder annähernd
gleiche ökonomische Entwicklungsstufen müssen die Moraltheorien notwendig
mehr oder weniger übereinstimmen. Von dem Augenblick an, wo das Privateigentum
an beweglichen Sachen sich entwickelt hatte, mußte allen Gesellschaften,
wo dies Privateigentum galt, daß Moralgebot gemeinsam sein: Du sollst nicht
stehlen. Wird dies Gebot dadurch zum ewigen Moralgebot? Keineswegs. In einer Gesellschaft,
wo die Motive zum Stehlen beseitigt sind, wo also auf die Dauer nur noch höchstens
von Geisteskranken gestohlen werden kann, wie würde da der Moralprediger
ausgelacht werden, der feierlich die ewige Wahren proklamieren wollte: Du sollst
nicht stehlen!

Wir weisen demnach eine jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik
als ewiges, endgültiges, fernerhin unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen,
unter dem Vorwand, auch die moralische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die
über der Geschichte und den Völkerverschiedenheiten stehn. Wir behaupten
dagegen, alle bisherige Moraltheorie sei das Erzeugnis, in letzter Instanz, der
jedesmaligen ökonomischen

Gesellschaftslage.
Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war
die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und
die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte
Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und
die Zukunftsinteressen der Unterdrückten. Daß dabei im ganzen und großen
für die Moral sowohl, wie für alle andern Zweige der menschlichen Erkenntnis
ein Fortschritt zustande gekommen ist, daran wird nicht gezweifelt. Aber über
die Klassenmoral sind wir noch nicht hinaus. Eine über den Klassengegensätzen
und über der Erinnerung an sie stehende, wirklich menschliche Moral wird
erst möglich auf einer Gesellschaftsstufe, die den Klassengegensatz nicht
nur überwunden, sondern auch für die Praxis des Lebens vergessen hat.
Und nun ermesse man die Selbstüberheburg des Herrn Dühring, der mitten
aus der alten Klassengesellschaft heraus den Anspruch macht, am Vorabend einer
sozialen Revolution der künftigen, klassenlosen Gesellschaft eine ewige,
von der Zeit und den realen Veränderungen unabhängige Moral aufzuzwingen!
Vorausgesetzt selbst - was uns bis jetzt noch unbekannt -, daß er die Struktur
dieser künftigen Gesellschaft wenigstens in ihren Grundzügen verstehe.

Schließlich noch eine »von Grund aus eigentümliche«, aber darum
nicht weniger »bis an die Wurzeln reichende« Enthüllung: in Beziehung auf
den Ursprung des Bösen

»steht uns die Tatsache, daß der
Typus der Katze
mit der
zugehörigen Falschheit in einer Tierbildung vorhanden ist, mit dem Umstande
auf gleicher Stufe, daß sich eine ähnliche Charaktergestaltung auch
im Menschen vorfindet ... Das Böse ist daher nichts Geheimnisvolles, wenn
man nicht etwa Lust hat, auch in dem Dasein der
Katze
oder überhaupt
des Raubtiers etwas Mystisches zu wittern.«

Das Böse ist - die Katze. Der Teufel hat also keine Hörner und Pferdefuß,
sondern Krallen und grüne Augen. Und Goethe beging einen unverzeihlichen
Fehler, wenn er den Mephistopheles als schwarzen Hund, statt als ditto Katze einführt.
Das Böse ist die Katze! Das ist Moral, nicht nur für alle Welten, sondern
auch - für die Katze!

## X. Moral und Recht, Gleichheit

Wir haben die Methode des Herrn Dühring schon mehrfach kennengelernt.
Sie besteht darin, jede Gruppe von Erkenntnisgegenständen in ihre angeblichen
einfachsten Elemente zu zerlegen, auf diese Elemente ebenso einfache, angeblich
selbstverständliche Axiome anzuwenden, und mit den

so gewonnenen Resultaten weiter zu operieren. Auch eine Frage aus dem Bereich
des gesellschaftlichen Lebens

»ist an einzelnen einfachen Grundgestalten axiomatisch so zu entscheiden,
als wenn es sich um einfache ... Grundgestalten der Mathematik handelte«.

Und so soll die Anwendung der mathematischen Methode auf Geschichte, Moral
und Recht uns auch hier mathematische Gewißheit verschaffen für die
Wahrheit der erlangten Resultate, sie kennzeichnen als echte, unwandelbare Wahrheiten.

Es ist dies nur eine andere Wendung der alten beliebten, ideologischen, sonst
auch aprioristisch genannten Methode, die Eigenschaften eines Gegenstandes nicht
aus dem Gegenstand selbst zu erkennen, sondern sie aus dem Begriff des Gegenstandes
beweisend abzuleiten. Erst macht man sich aus dem Gegenstand den Begriff des Gegenstandes;
dann dreht man den Spieß um und mißt den Gegenstand an seinem Abbild,
dem Begriff. Nicht der Begriff soll sich nun nach dem Gegenstand, der Gegenstand
soll sich nach dem Begriff richten. Bei Herrn Dühring tun die einfachsten
Elemente, die letzten Abstraktionen, zu denen er gelangen kann, Dienst für
den Begriff, was an der Sache nichts ändert; diese einfachsten Elemente sind
im besten Fall rein begrifflicher Natur. Die Wirklichkeitsphilosophie erweist
sich also auch hier als pure Ideologie, Ableitung der Wirklichkeit nicht aus sich
selbst, sondern aus der Vorstellung.

Wenn nun ein solcher Ideolog die Moral und das Recht, statt aus den wirklichen
gesellschaftlichen Verhältnissen der ihn umgebenden Menschen, aus dem Begriff
oder den sogenannten einfachsten Elementen »der Gesellschaft« herauskonstruiert,
welches Material liegt dann vor für diesen Aufbau? Offenbar zweierlei: erstens
der dürftige Rest von wirklichem Inhalt, der noch in jenen zugrunde gelegten
Abstraktionen möglicherweise vorhanden ist, und zweitens der Inhalt, den
unser Ideolog aus seinem eignen Bewußtsein wieder hineinträgt. Und
was findet er vor in seinem Bewußtsein? Größtenteils moralische
und rechtliche Anschauungen, die ein mehr oder weniger entsprechender Ausdruck
- positiv oder negativ, bestätigend oder bekämpfend - der gesellschaftlichen
und politischen Verhältnisse sind, unter denen er lebt; ferner vielleicht
Vorstellungen, die der einschlägigen Literatur entlehnt sind: endlich möglicherweise
noch persönliche Schrullen. Unser Ideolog mag sich drehn und wenden, wie
er will, die historische Realität, die er zur Tür hinausgeworfen, kommt
zum Fenster wieder herein, und während er glaubt, eine Sitten- und Rechtslehre
für alle Welten und Zeiten zu entwerfen, verfertigt er in der Tat ein verzerrtes,
weil von seinem

wirklichen Boden losgerissenes,
wie im Hohlspiegel auf den Kopf gestelltes Konterfei der konservativen oder revolutionären
Strömungen seiner Zeit.

Herr Dühring zerlegt also die Gesellschaft in ihre einfachsten Elemente
und findet dabei, daß die einfachste Gesellschaft mindestens aus
zwei

Menschen besteht. Mit diesen zwei Menschen wird nun axiomatisch operiert. Und
da bietet sich ungezwungen das moralische Grundaxiom dar:

»Zwei menschliche Willen sind als solche einander
völlig gleich
,
und der eine kann dem andern zunächst positiv gar nichts zumuten.« Hiermit
ist die »Grundform der moralischen Gerechtigkeit gekennzeichnet«; und ebenfalls
die der juristischen, denn »zur Entwicklung der prinzipiellen Rechtsbegriffe bedürfen
wir nur das gänzlich einfache und elementare Verhältnis von
zwei
Menschen
«.

daß zwei Menschen oder zwei menschliche Willen als solche einander
völlig

gleich sind, ist nicht nur kein Axiom, sondern sogar eine starke Übertreibung.
Zwei Menschen können zunächst, selbst als solche, ungleich sein nach
dem Geschlecht, und diese einfache Tatsache führt uns sofort darauf, daß
die einfachsten Elemente der Gesellschaft - wenn wir für einen Augenblick
auf die Kinderei eingehn - nicht zwei Männer sind, sondern ein Männlein
und ein Weiblein, die eine
Familie
stiften, die einfachste und erste Form
der Vergesellschaftung behufs der Produktion. Aber dies kann Herrn Dühring
keineswegs konvenieren. Denn einerseits müssen die beiden Gesellschaftsstifter
möglichst gleichgemacht werden, und zweitens brachte es selbst Herr Dühring
nicht fertig, aus der Urfamilie die moralische und rechtliche Gleichstellung von
Mann und Weib herauszukonstruieren. Also von zwei Dingen eins: entweder ist das
Dühringsche Gesellschaftsmolekül, aus dessen Vervielfachung sich die
ganze Gesellschaft aufbauen soll, von vornherein auf den Untergang angelegt, da
die beiden Männer unter sich nie ein Kind zustande bringen, oder aber wir
müssen sie uns als zwei Familienhäupter vorstellen. Und in diesem Fall
ist das ganze einfache Grundschema in sein Gegenteil verkehrt; statt der Gleichheit
der Menschen beweist es höchstens die Gleichheit der Familienhäupter,
und da die Weiber nicht gefragt werden, außerdem noch die Unterordnung der
Weiber.

Wir haben hier dem Leser die unangenehme Mitteilung zu machen, daß er
von nun an auf geraume Zeit diese beiden famosen Männer nicht wieder loswerden
wird. Sie spielen auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Verhältnisse eine
ähnliche Rolle, wie bisher die Bewohner anderer Weltkörper, mit denen
wir jetzt hoffentlich fertig sind. Gibt es eine Frage der Ökonomie, der Politik
usw. zu lösen, flugs marschieren die beiden Männer auf und machen die
Sache im Nu »axiomatisch« ab. Ausgezeichnete, schöpferische, systemschaffende
Entdeckung unseres Wirklichkeitsphilosophen: Aber

leider, wenn wir der Wahrheit die Ehre geben wollen, hat er die beiden Männer
nicht entdeckt. Sie sind dem ganzen 18. Jahrhundert gemein. Sie kommen schon vor
in Rousseaus Abhandlung über die Ungleichheit 1754, wo sie beiläufig
das Gegenteil von den Dühringschen Behauptungen axiomatisch beweisen. Sie
spielen eine Hauptrolle bei den politischen Ökonomen von Adam Smith bis Ricardo;
aber hier sind sie wenigstens darin ungleich, daß sie jeder ein verschiednes
Geschäft betreiben - meist der Jäger und der Fischer - und ihre Produkte
gegenseitig austauschen. Auch dienen sie im ganzen 18. Jahrhundert hauptsächlich
als bloßes erläuterndes Beispiel, und Herrn Dührings Originalität
besteht nur darin, daß er diese Beispielsmethode zur Grundmethode aller
Gesellschaftswissenschaft und zum Maßstab aller geschichtlichen Bildungen
erhebt, Leichter kann man sich die »strengwissenschaftliche Auffassung von Dingen
und Menschen« allerdings nicht machen.

Um das Grundaxiom fertigzubringen, daß zwei Menschen und ihre Willen
einander völlig gleich sind und keiner dem andern etwas zu befehlen hat,
dazu können wir noch keineswegs jede beliebigen zwei Männer gebrauchen.
Es müssen zwei Menschen sein, die so sehr von aller Wirklichkeit, von allen
auf der Erde vorkommenden nationalen, ökonomischen, politischen, religiösen
Verhältnissen, von allen geschlechtlichen und persönlichen Eigentümlichkeiten
befreit sind, daß von dem einen wie von dem andern nichts übrigbleibt
als der bloße Begriff: Mensch, und dann sind sie allerdings »völlig
gleich«. Sie sind also zwei vollständige Gespenster, beschworen von demselben
Herrn Dühring, der überall »spiritistische« Regungen wittert und denunziert.
Diese beiden Gespenster müssen natürlich alles tun, was ihr Beschwörer
von ihnen verlangt, und ebendeshalb sind ihre sämtlichen Kunstproduktionen
von der höchsten Gleichgültigkeit für die übrige Welt.

Doch verfolgen wir Herrn Dührings Axiomatik etwas weiter. Die beiden Willen
können der eine dem andern gar nichts positiv zumuten. Tut der eine dies
dennoch und setzt seine Zumutung mit Gewalt durch, so entsteht ein ungerechter
Zustand, und an diesem Grundschema erklärt Herr Dühring die Ungerechtigkeit,
die Vergewaltigung, die Knechtschaft, kurz die ganze bisherige verwerfliche Geschichte.
Nun hat schon Rousseau, in der oben angeführten Schrift, grade vermittelst
der beiden Männer das Gegenteil ebenso axiomatisch nachgewiesen, nämlich
daß von Zweien A den B nicht durch Gewalt knechten kann, sondern nur dadurch,
daß er den B in eine Lage versetzt, worin dieser den A nicht entbehren kann;
was für Herrn Dühring allerdings eine schon viel zu materialistische
Auffassung ist. Fassen wir also dieselbe Sache etwas anders. Zwei Schiffbrüchige
sind auf einer

Insel allein und bilden eine Gesellschaft.
Ihre Willen sind formell völlig gleich, und dies ist von beiden anerkannt.
Aber materiell besteht eine große Ungleichheit. A ist entschlossen und energisch,
B unentschieden, träg und schlapp; A ist aufgeweckt, B ist dumm. Wie lange
dauert's, so nötigt A seinen Willen dem B erst durch Überredung, nachher
gewohnheitsmäßig, aber immer unter der Form der Freiwilligkeit, regelmäßig
auf? Ob die Form der Freiwilligkeit gewahrt oder mit Füßen getreten
wird, Knechtschaft bleibt Knechtschaft. Freiwilliger Eintritt in die Knechtschaft
geht durchs ganze Mittelalter, in Deutschland bis nach dem Dreißigjährigen
Krieg. Als in Preußen nach den Niederlagen von 1806 und 1807 die Hörigkeit
abgeschafft wurde und mit ihr die Verpflichtung der gnädigen Herrn, für
ihre Untertanen in Not, Krankheit und Alter zu sorgen, da petitionierten die Bauern
an den König, man möge sie doch in der Knechtschaft lassen - wer solle
sonst im Elend für sie sorgen? Es ist also das Schema der zwei Männer
auf die Ungleichheit und Knechtschaft ebensosehr »angelegt« wie auf die Gleichheit
und den gegenseitigen Beistand; und da wir sie, bei Strafe des Aussterbens, als
Familienhäupter annehmen müssen, so ist auch schon die erbliche Knechtschaft
darin vorgesehn.

Lassen wir indes alles das für einen Augenblick auf sich beruhn. Nehmen
wir an, Herrn Dührings Axiomatik habe uns überzeugt, und wir schwärmten
für die völlige Gleichberechtigung der beiden Willen, für die »allgemein
menschliche Souveränetät«, für die »Souveränetät des
Individuums« - wahre Prachtkolosse von Worten, gegen die Stirners »Einziger« mit
seinem Eigentum ein Stümper bleibt, obwohl auch er sein bescheidnes Teil
daran beanspruchen dürfte. Also wir sind jetzt alle
völlig gleich

und unabhängig. Alle? Nein, doch nicht alle.

Es gibt auch »zulässige Abhängigkeiten«, aber diese erklären
sich »aus Gründen, die nicht in der Betätigung der beiden Willen als
solcher, sondern in einem dritten Gebiet, also z.B. Kindern gegenüber, in
der Unzulänglichkeit ihrer Selbstbestimmung zu suchen sind«.

in der Tat! Die Gründe der Abhängigkeit sind nicht in der Betätigung
der beiden Willen als solcher zu suchen! Natürlich nicht, denn die Betätigung
des einen Willens wird ja grade verhindert! Sondern in einem dritten Gebiet! Und
was ist dies dritte Gebiet? Die konkrete Bestimmtheit des einen unterdrückten
Willens als eines unzulänglichen! Soweit hat sich unser Wirklichkeitsphilosoph
von der Wirklichkeit entfernt, daß ihm, gegenüber der abstrakten und
inhaltslosen Redensart: Wille, der wirkliche Inhalt, die charakteristische Bestimmtheit
dieses Willens schon als ein »drittes Gebiet« gilt. Wie dem aber auch sei, wir
müssen konstatieren, daß die

Gleichberechtigung
ihre Ausnahme hat. Sie gilt nicht für einen Willen, der mit der Unzulänglichkeit
der Selbstbestimmung behaftet ist.
Rückzug Nr. 1.

Weiter:

»Wo die Bestie und der Mensch in einer Person gemischt sind, da kann
man im Namen einer zweiten, völlig menschlichen Person fragen, ob deren Handlungsweise
dieselbe sein dürfe, als wenn sich sozusagen nur menschliche Personen gegenüber
stehn ... es ist daher unsre Voraussetzung von zwei moralisch ungleichen Personen,
deren eine an dem eigentlichen Bestiencharakter in irgendeinem Sinne teilhat,
die typische Grundgestalt für alle Verhältnisse, welche diesem Unterschiede
gemäß in und zwischen den Menschengruppen ... vorkommen können.«

Und nun möge der Leser selbst die sich an diese verlegenen Ausflüchte
anschließende Jammerdiatribe nachsehn, in der Herr Dühring sich dreht
und windet wie ein Jesuitenpfaff, um kasuistisch festzustellen, wie weit der menschliche
Mensch gegen den bestialischen Menschen einschreiten, wie weit er Mißtrauen,
Kriegslist, scharfe, ja terroristische, ingleichen Täuschungsmittel gegen
ihn anwenden dürfe, ohne selbst der unwandelbaren Moral etwas zu vergeben.

Also auch wenn zwei Personen »moralisch ungleich« sind, hört die Gleichheit
auf. Dann war es aber gar nicht der Mühe wert, die beiden sich völlig
gleichen Männer heraufzubeschwören, denn es gibt gar keine zwei Personen,
die moralisch völlig gleich sind. - Die Ungleichheit soll aber darin bestehn,
daß die eine eine menschliche Person ist und die andre ein Stück Bestie
in sich trägt. Nun liegt es aber schon in der Abstammung des Menschen aus
dem Tierreich, daß der Mensch die Bestie nie völlig los wird, so daß
es sich also immer nur um ein Mehr oder Minder, um einen Unterschied des Grades
der Bestialität resp. Menschlichkeit handeln kann. Eine Einteilung der Menschen
in zwei scharf geschiedne Gruppen, in menschliche und Bestienmenschen, in Gute
und Böse, Schafe und Böcke, kennt außer der Wirklichkeitsphilosophie
nur noch das Christentum, das ganz konsequent auch seinen Weltrichter hat, der
die Scheidung vollzieht. Wer soll aber Weltrichter sein in der Wirklichkeitsphilosophie?
Es wird wohl hergehn müssen wie in der christlichen Praxis, wo die frommen
Schäflein das Amt des Weltrichters gegen ihre weltlichen Bocks-Nächsten
selbst, und mit bekanntem Erfolg, übernehmen. Die Sekte der Wirklichkeitsphilosophen,
wenn sie je zustande kommt, wird in dieser Beziehung den Stillen im Lande sicher
nichts nachgeben. Das kann uns indes gleichgültig sein; was uns interessiert,
ist das Eingeständnis, daß, infolge der moralischen Ungleichheit zwischen
den Menschen, es mit der Gleichheit wieder nichts ist.
Rückzug Nr. 2.

Abermals weiter:

»Handelt der Eine nach Wahrheit und Wissenschaft, der andre aber nach
irgendeinem Aberglauben oder Vorurteil, so ... müssen in der Regel gegenseitige
Störungen eintreten ... Bei einem gewissen Grad von Unfähigkeit, Roheit
oder böser Charaktertendenz wird in allen Fällen ein Zusammenstoß
erfolgen müssen ... Es sind nicht bloß Kinder und Wahnsinnige, denen
gegenüber die
Gewalt
das letzte Mittel ist. Die Artung ganzer Naturgruppen
und Kulturklassen von Menschen kann die
Unterwerfung
ihres durch seine
Verkehrtheit feindlichen Wollens im Sinne der Zurückführung desselben
auf die gemeinschaftlichen Bindemittel zur unausweichlichen Notwendigkeit machen.
Der fremde Wille wird auch hier noch als
gleichberechtigt
erachtet; aber
durch die Verkehrtheit seiner verletzenden und feindlichen Betätigung hat
er eine
Ausgleichung
herausgefordert, und wenn er Gewalt erleidet, so erntet
er nur die Rückwirkung seiner eignen Ungerechtigkeit.«

Also nicht nur moralische, sondern auch geistige Ungleichheit reicht hin, um
die »völlige Gleichheit« der beiden Willen zu beseitigen und eine Moral herzustellen,
nach der alle Schandtaten zivilisierter Raubstaaten gegen zurückgebliebne
Völker, bis herab zu den Scheußlichkeiten der Russen in Turkestan sich
rechtfertigen lassen. Als General Kaufmann im Sommer 1873 den Tatarenstamm der
Jomuden überfallen, ihre Zelte verbrennen, ihre Weiber und Kinder »auf gut
kaukasisch«, wie der Befehl lautete, niedermetzeln ließ, behauptete er auch,
die Unterwerfung des durch seine Verkehrtheit feindlichen Wollens der Jomuden,
im Sinne der Zurückführung desselben auf die gemeinschaftlichen Bindemittel,
sei zur unausweichlichen Notwendigkeit geworden, und die von ihm angewandten Mittel
seien die zweckmäßigsten; wer aber den Zweck wolle, müsse auch
die Mittel wollen. Nur war er nicht so grausam, die Jomuden noch obendrein zu
verhöhnen und zu sagen, dadurch, daß er sie zur Ausgleichung massakriere,
achte er ihren Willen grade als gleichberechtigt. Und wieder sind es in diesem
Konflikt die Auserwählten, die angeblich nach Wahrheit und Wissenschaft Handelnden,
also in letzter Instanz die Wirklichkeitsphilosophen, die zu entscheiden haben,
was Aberglauben, Vorurteil, Roheit, böse Charaktertendenz und wann Gewalt
und Unterwerfung zur Ausgleichung nötig sind. Die Gleichheit ist also jetzt
- die Ausgleichung durch die Gewalt, und der zweite Wille wird vom ersten als
gleichberechtigt anerkannt durch Unterwerfung.
Rückzug Nr. 3
, der
hier schon in schimpfliche Flucht ausartet.

Beiläufig ist die Phrase, der fremde Wille werde grade in der Ausgleichung
durch Gewalt als gleichberechtigt erachtet, nur eine Verdrehung der Hegelschen
Theorie, wonach die Strafe das Recht des Verbrechers ist;

»daß die Strafe als
sein eignes Recht enthaltend angesehn wird, darin wird der Verbrecher als Vernünftiges
geehrt«. (Rechtsphilosophie, § 100, Anmerk.)

Hiermit können wir abbrechen. Es wird überflüssig sein, Herrn
Dühring in die stückweise Zerstörung seiner so axiomatisch aufgestellten
Gleichheit, allgemein menschlichen Souveränetät usw. noch weiter zu
folgen; zu beobachten, wie er zwar die Gesellschaft mit zwei Männern fertigbringt,
aber um den Staat herzustellen, noch einen dritten braucht, weil - um die Sache
kurz zu fassen - ohne diesen dritten keine Majoritätsbeschlüsse gefaßt
werden können, und ohne solche, also auch ohne Herrschaft der Majorität
über die Minorität, kein Staat bestehn kann; und wie er dann allmählich
in das ruhigere Fahrwasser der Konstruktion seines sozialitären Zukunftsstaates
einlenkt, wo wir ihn eines schönen Morgens aufzusuchen die Ehre haben werden.
Wir haben hinlänglich gesehn, daß die völlige Gleichheit der beiden
Willen nur so lange besteht, als diese beiden Willen
nichts wollen
; daß,
sobald sie aufhören, menschliche Willen als solche zu sein, und sich in wirkliche,
individuelle Willen, in die Willen von zwei wirklichen Menschen verwandeln, die
Gleichheit aufhört; daß Kindheit, Wahnsinn, sogenannte Bestienhaftigkeit,
angeblicher Aberglaube, behauptetes Vorurteil, vermutete Unfähigkeit auf
der einen, und eingebildete Menschlichkeit, Einsicht in die Wahrheit und Wissenschaft
auf der andern Seite, daß also jede Differenz in der Qualität der beiden
Willen und in derjenigen der sie begleitenden Intelligenz eine Ungleichheit rechtfertigt,
die sich bis zur Unterwerfung steigern kann; was verlangen wir noch mehr, nachdem
Herr Dühring sein eignes Gleichheitsgebäude so wurzelhaft von Grund
aus zertrümmert hat?

Wenn wir aber auch mit Herrn Dührings flacher und stümperhafter Behandlung
der Gleichheitsvorstellung fertig sind, so sind wir darum noch nicht fertig mit
dieser Vorstellung selbst, wie sie namentlich durch Rousseau eine theoretische,
in und seit der großen Revolution eine praktisch-politische, und auch heute
noch in der sozialistischen Bewegung fast aller Länder eine bedeutende agitatorische
Rolle spielt. Die Feststellung ihres wissenschaftlichen Gehalts wird auch ihren
Wert für die proletarische Agitation bestimmen.

Die Vorstellung, daß alle Menschen als Menschen etwas Gemeinsames haben,
und so weit dies Gemeinsame reicht, auch gleich sind, ist selbstverständlich
uralt. Aber hiervon ganz verschieden ist die moderne Gleichheitsforderung; diese
besteht vielmehr darin, aus jener gemeinschaftlichen Eigenschaft des Menschseins,
jener Gleichheit der Menschen als Menschen, den Anspruch auf gleiche politische
resp. soziale Geltung aller Menschen,

oder doch
wenigstens aller Bürger eines Staats, oder aller Mitglieder einer Gesellschaft
abzuleiten. Bis aus jener ursprünglichen Vorstellung relativer Gleichheit
die Folgerung auf Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft gezogen werden,
bis sogar diese Folgerung als etwas Natürliches, Selbstverständliches
erscheinen konnte, darüber mußten Jahrtausende vergehn und sind Jahrtausende
vergangen. In den ältesten, naturwüchsigen Gemeinwesen konnte von Gleichberechtigung
höchstens unter den Gemeindemitgliedern die Rede sein; Weiber, Sklaven, Fremde
waren von selbst davon ausgeschlossen. Bei den Griechen und Römern galten
die Ungleichheiten der Menschen viel mehr als irgendwelche Gleichheit. Daß
Griechen und Barbaren, Freie und Sklaven, Staatsbürger und Schutzverwandte,
römische Bürger und römische Untertanen (um einen umfassenden Ausdruck
zu gebrauchen) einen Anspruch auf gleiche politische Geltung haben sollten, wäre
den Alten notwendig verrückt vorgekommen. Unter dem römischen Kaisertum
lösten sich alle diese Unterschiede allmählich auf, mit Ausnahme desjenigen
von Freien und Sklaven; es entstand damit, für die Freien wenigstens, jene
Gleichheit der Privatleute, auf deren Grundlage das römische Recht sich entwickelte,
die vollkommenste Ausbildung des auf Privateigentum beruhenden Rechts, die wir
kennen. Aber solange der Gegensatz von Freien und Sklaven bestand, konnte von
rechtlichen Folgerungen aus der allgemein
menschlichen
Gleichheit keine
Rede sein; wir sahen dies noch neuerdings in den Sklavenstaaten der nordamerikanischen
Union.

Das Christentum kannte nur
eine
Gleichheit aller Menschen, die der gleichen
Erbsündhaftigkeit, die ganz seinem Charakter als Religion der Sklaven und
Unterdrückten entsprach. Daneben kannte es höchstens die Gleichheit
der Auserwählten, die aber nur ganz im Anfang betont wurde. Die Spuren der
Gütergemeinschaft, die sich ebenfalls in den Anfängen der neuen Religion
vorfinden, lassen sich vielmehr auf den Zusammenhalt der Verfolgten zurückführen
als auf wirkliche Gleichheitsvorstellungen. Sehr bald machte die Festsetzung des
Gegensatzes von Priester und Laie auch diesem Ansatz von christlicher Gleichheit
ein Ende. - Die Überflutung Westeuropas durch die Germanen beseitigte für
Jahrhunderte alle Gleichheitsvorstellungen durch den allmählichen Aufbau
einer sozialen und politischen Rangordnung von so verwickelter Art, wie sie bisher
noch nicht bestanden hatte; aber gleichzeitig zog sie West- und Mitteleuropa in
die geschichtliche Bewegung, schuf zum erstenmal ein kompaktes Kulturgebiet, und
auf diesem Gebiet zum erstenmal ein System sich gegenseitig beeinflussender und
gegenseitig in Schach haltender, vorwiegend nationaler

Staaten. Damit bereitete sie den Boden vor, auf dem allein in späterer Zeit
von menschlicher Gleichgeltung, von Menschenrechten die Rede sein konnte.

Das feudale Mittelalter entwickelte außerdem in seinem Schoß die
Klasse, die berufen war, in ihrer weitern Ausbildung die Trägerin der modernen
Gleichheitsforderung zu werden: das Bürgertum. Anfangs selbst feudaler Stand,
hatte das Bürgertum die vorwiegend handwerksmäßige Industrie und
den Produktenaustausch innerhalb der feudalen Gesellschaft auf eine verhältnismäßig
hohe Stufe entwickelt, als mit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die
großen Entdeckungen zur See ihm eine neue, umfassendere Laufbahn eröffneten.
Der außereuropäische Handel, bisher nur zwischen Italien und der Levante
betrieben, wurde jetzt bis Amerika und Indien ausgedehnt und überflügelte
bald an Bedeutung sowohl den Austausch der einzelnen europäischen Länder
unter sich, wie den innern Verkehr eines jeden einzelnen Landes. Das amerikanische
Gold und Silber überflutete Europa und drang wie ein zersetzendes Element
in alle Lücken, Risse und Poren der feudalen Gesellschaft. Der handwerksmäßige
Betrieb genügte nicht mehr für den wachsenden Bedarf; in den leitenden
Industrien der fortgeschrittensten Länder wurde er ersetzt durch die Manufaktur.

Diesem gewaltigen Umschwung der ökonomischen Lebensbedingungen der Gesellschaft
folgte indes keineswegs sofort eine entsprechende Änderung ihrer politischen
Gliederung. Die staatliche Ordnung blieb feudal, während die Gesellschaft
mehr und mehr bürgerlich wurde. Der Handel auf großer Stufenleiter,
also namentlich der internationale, und noch mehr der Welthandel, fordert freie,
in ihren Bewegungen ungehemmte Warenbesitzer, die als solche gleichberechtigt
sind, die auf Grundlage eines, wenigstens an jedem einzelnen Ort, für sie
alle gleichen Rechts austauschen. Der Übergang vom Handwerk zur Manufaktur
hat zur Voraussetzung die Existenz einer Anzahl freier Arbeiter - frei einerseits
von Zunftfesseln und andrerseits von den Mitteln, um ihre Arbeitskraft selbst
zu verwerten -, die mit dem Fabrikanten wegen Vermietung ihrer Arbeitskraft kontrahieren
können, also ihm als Kontrahenten gleichberechtigt gegenüberstehn. Und
endlich fand die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller menschlichen Arbeiten,
weil und insofern sie
menschliche
Arbeit überhaupt sind |siehe Karl
Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 74
|, ihren unbewußten aber stärksten Ausdruck im Wertgesetz
der modernen bürgerlichen Ökonomie, wonach der Wert einer Ware gemessen
wird durch die in

ihr enthaltene gesellschaftlich
notwendige Arbeit.
(2)
- Wo aber
die ökonomischen Verhältnisse Freiheit und Gleichberechtigung forderten,
setzte ihnen die politische Ordnung Zunftfesseln und Sonderprivilegien auf jedem
Schritt entgegen. Lokalvorrechte, Differentialzölle, Ausnahmsgesetze aller
Art trafen im Handel nicht nur den Fremden oder Kolonialbewohner, sondern oft
genug auch ganze Kategorien der eignen Staatsangehörigen; zünftige Privilegien
lagerten sich überall und immer von neuem der Entwicklung der Manufaktur
quer über den Weg. Nirgendwo war die Bahn frei und die Chancen für die
bürgerlichen Wettläufer gleich - und doch war dies die erste und immer
dringlichere Forderung.

Die Forderung der Befreiung von feudalen Fesseln und der Herstellung der Rechtsgleichheit
durch Beseitigung der feudalen Ungleichheiten, sobald sie erst durch den ökonomischen
Fortschritt der Gesellschaft auf die Tagesordnung gesetzt war, mußte bald
größere Dimensionen annehmen. Stellte man sie im Interesse der Industrie
und des Handels, so mußte man dieselbe Gleichberechtigung fordern für
die große Menge der Bauern, die in allen Stufen der Knechtschaft, von der
vollen Leibeigenschaft an, den größten Teil ihrer Arbeitszeit unentgeltlich
dem gnädigen Feudalherrn darbringen und außerdem noch zahllose Abgaben
an ihn und den Staat entrichten mußten. Man konnte andrerseits nicht umhin
zu verlangen, daß ebenfalls die feudalen Bevorzugungen, die Steuerfreiheit
des Adels, die politischen Vorrechte der einzelnen Stände aufgehoben würden.
Und da man nicht mehr in einem Weltreich lebte, wie das römische gewesen,
sondern in einem System unabhängiger, miteinander auf gleichem Fuß
verkehrender Staaten von annähernd gleicher Höhe der bürgerlichen
Entwicklung, so verstand es sich von selbst, daß die Forderung einen allgemeinen,
über den einzelnen Staat hinausgreifenden Charakter annahm, daß Freiheit
und Gleichheit proklamiert wurden als
Menschenrechte
. Wobei es für
den spezifisch bürgerlichen Charakter dieser Menschenrechte bezeichnend ist,
daß die amerikanische Verfassung, die erste, welche die Menschenrechte anerkennt,
in demselben Atem die in Amerika bestehende Sklaverei der Farbigen bestätigt:
die Klassenvorrechte werden geächtet, die Racenvorrechte geheiligt.

Bekanntlich wird indes die Bourgeoisie, von dem Augenblick an, wo sie sich
aus dem feudalen Bürgertum entpuppt, wo der mittelalterliche Stand in eine
moderne Klasse übergeht, stets und unvermeidlich begleitet von ihrem

Schatten, dem Proletariat. Und ebenso werden die bürgerlichen Gleichheitsforderungen
begleitet von proletarischen Gleichheitsforderungen. Von dem Augenblick an, wo
die bürgerliche Forderung der Abschaffung der Klassen
vorrechte
gestellt
wird, tritt neben sie die proletarische Forderung der Abschaffung der
Klassen
selbst -
zuerst in religiöser Form, in Anlehnung an das Urchristentum,
später gestützt auf die bürgerlichen Gleichheitstheorien selbst.
Die Proletarier nehmen die Bourgeoisie beim Wort: die Gleichheit soll nicht bloß
scheinbar, nicht bloß auf dem Gebiet des Staats, sie soll auch wirklich,
auch auf dem gesellschaftlichen, ökonomischen Gebiet durchgeführt werden.
Und namentlich seit die französische Bourgeoisie, von der großen Revolution
an, die bürgerliche Gleichheit in den Vordergrund gestellt hat, hat ihr das
französische Proletariat Schlag auf Schlag geantwortet mit der Forderung
sozialer, ökonomischer Gleichheit, ist die Gleichheit der Schlachtruf speziell
des französischen Proletariats geworden.

Die Gleichheitsforderung im Munde des Proletariats hat somit eine doppelte
Bedeutung. Entweder ist sie - und dies ist namentlich in den ersten Anfängen,
z.B. im Bauernkrieg, der Fall - die naturwüchsige Reaktion gegen die schreienden
sozialen Ungleichheiten, gegen den Kontrast von Reichen und Armen, von Herren
und Knechten, von Prassern und Verhungernden; als solche ist sie einfach Ausdruck
des revolutionären Instinkts und findet darin, und auch nur darin, ihre Rechtfertigung.
Oder aber, sie ist entstanden aus der Reaktion gegen die bürgerliche Gleichheitsforderung,
zieht mehr oder weniger richtige, weitergehende Forderungen aus dieser, dient
als Agitationsmittel, um die Arbeiter mit den eignen Behauptungen der Kapitalisten
gegen die Kapitalisten aufzuregen, und in diesem Fall steht und fällt sie
mit der bürgerlichen Gleichheit selbst. In beiden Fällen ist der wirkliche
Inhalt der proletarischen Gleichheitsforderung die Forderung der
Abschaffung
der Klassen
. Jede Gleichheitsforderung, die darüber hinausgeht, verläuft
notwendig ins Absurde. Wir haben Beispiele davon gegeben und werden ihrer noch
genug finden, wenn wir zu den Zukunftsphantasien des Herrn Dühring kommen.

Somit ist die Vorstellung der Gleichheit, sowohl in ihrer bürgerlichen
wie in ihrer proletarischen Form, selbst ein geschichtliches Produkt, zu deren
Hervorbringung bestimmte geschichtliche Verhältnisse notwendig waren, die
selbst wieder eine lange Vorgeschichte voraussetzen. Sie ist also alles, nur keine
ewige Wahrheit. Und wenn sie sich heute für das große Publikum - im
einen oder im andern Sinn - von selbst versteht, wenn sie, wie Marx sagt, »bereits
die Festigkeit eines Volksvorurteils

besitzt«
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 74
| so ist das nicht Wirkung
ihrer axiomatischen Wahrheit, sondern Wirkung der allgemeinen Verbreitung und
der andauernden Zeitgemäßheit der Ideen des achtzehnten Jahrhunderts.
Wenn also Herr Dühring seine berühmten beiden Männer so ohne weiteres
auf dem Boden der Gleichheit kann wirtschaften lassen, so kommt dies daher, daß
dem Volksvorurteil dies ganz natürlich vorkommt. Und in der Tat, Herr Dühring
nennt seine Philosophie die
natürliche
, weil sie von lauter Dingen
ausgeht, die ihm ganz natürlich vorkommen. Warum aber sie ihm natürlich
vorkommen - danach fragt er freilich nicht.

## XI. Moral und Recht. Freiheit und Notwendigkeit

»Für das politische und juristische Gebiet liegen den in diesem
Kursus ausgesprochenen Grundsätzen die
eindringendsten Fachstudien
zugrunde.
Man wird daher ... davon ausgehn müssen, daß es sich hier ... um die
konsequente Darstellung der
Ergebnisse
des juristischen und staatswissenschaftlichen
Gebiets gehandelt hat. Mein ursprüngliches Fachstudium war grade die Jurisprudenz,
und ich habe derselben nicht nur die gewöhnlichen drei Jahre der theoretischen
Universitätsvorbereitung, sondern auch während neuer drei Jahre gerichtlicher
Praxis noch ein fortgesetztes, besonders auf die
Vertiefung
ihres wissenschaftlichen
Gehalts gerichtetes Studium gewidmet ... Auch würde
sicherlich
die
Kritik der Privatrechtsverhältnisse und der entsprechenden juristischen Unzulänglichkeiten
nicht mit
gleicher Zuversicht
haben auftreten können, wenn sie sich
nicht bewußt gewesen wäre, überall die Schwächen des Faches
ebensogut wie dessen stärkere Seiten
zu kennen
.«

Ein Mann, der so von sich selbst zu sprechen berechtigt ist, muß von
vornherein Vertrauen einflößen, besonders gegenüber dem

»einstigen, eingestandnermaßen vernachlässigten Rechtsstudium
des Herrn Marx«.

Wundern muß es uns deshalb, daß die mit solcher Zuversicht auftretende
Kritik der Privatrechtsverhältnisse sich darauf
beschränkt, uns
zu erzählen, daß es

»mit der Wissenschaftlichkeit der Jurisprudenz nicht weit her« ist,
daß das positive bürgerliche Recht das Unrecht ist, indem es das Gewalteigentum
sanktioniert, und daß der »Naturgrund« des Kriminalrechts die
Rache

ist -

eine Behauptung, an der nur die mystische Verkleidung in den »Naturgrund« allenfalls
neu ist. Die staatswissenschaftlichen Ergebnisse beschränken sich auf die
Verhandlungen der bewußten drei Männer, von denen der

eine die andern bisher vergewaltigt, und wobei Herr Dühring alles Ernstes
untersucht, ob es der zweite oder der dritte ist, der die Gewalt und die Knechtschaft
zuerst eingeführt hat.

Verfolgen wir indes die eindringendsten Fachstudien und die durch dreijährige
gerichtliche Praxis vertiefte Wissenschaftlichkeit unsres zuversichtlichen Juristen
etwas weiter.

Von Lassalle erzählt uns Herr Dühring, er sei

»wegen der Veranlassung des Versuchs zum Diebstahl einer Kassette« in
Anklagezustand versetzt worden, »ohne daß jedoch eine gerichtliche Verurteilung
zu verzeichnen gewesen wäre, indem die
damals noch mögliche
sogenannte

Freisprechung von der Instanz
Platz griff ... diese
halbe
Freisprechung«.

Der Prozeß Lassalles, von dem hier die Rede ist, wurde verhandelt im
Sommer 1948 vor den Assisen zu Köln, wo, wie fast in der ganzen Rheinprovinz,
das französische Strafrecht in Kraft war. Nur für politische Vergehen
und Verbrechen war das preußische Landrecht ausnahmsweise eingeführt
gewesen, aber schon im April 1848 wurde diese Ausnahmsbestimmung durch Camphausen
wieder beseitigt. Das französische Recht kennt durchaus nicht die liederliche
preußische Landrechtskategorie einer »Veranlassung« zu einem Verbrechen,
geschweige der Veranlassung des Versuchs eines Verbrechens. Es kennt nur
Anreizung

zum Verbrechen, und diese, um strafbar zu sein, muß geschehn »durch
Geschenke, Versprechungen, Drohungen, Mißbrauch des Ansehns oder der Gewalt,
listige Anstiftungen oder sträfliche Kunstgriffe« (Code pénal, art.
60). Das in das preußische Landrecht vertiefte öffentliche Ministerium
übersah, ganz wie Herr Dühring, den wesentlichen Unterschied zwischen
der scharf bestimmten französischen Vorschrift und der verschwommenen landrechtlichen
Unbestimmtheit, machte Lassalle einen Tendenzprozeß und fiel glänzend
durch. Denn die Behauptung, als kenne der französische Strafprozeß
die preußische landrechtliche Freisprechung von der Instanz, diese
halbe

Freisprechung, kann nur jemand wagen, der auf dem Gebiet des französischen
modernen Rechts ein vollständiger Ignorant ist; dies Recht kennt im Strafprozeß
nur Verurteilung oder Freisprechung, kein Mittelding.

Somit sind wir im Falle sagen zu müssen, daß Herr Dühring
sicherlich nicht mit gleicher Zuversicht diese »Geschichtszeichnung großen
Stils« an Lassalle hätte verüben können, wenn er den Code Napoléon
jemals in der Hand gehabt hätte. Wir müssen also konstatieren, daß
Herrn Dühring das
einzige
modern-bürgerliche, auf den gesellschaftlichen
Errungenschaften der großen französischen Revolution ruhende und sie
ins Juristische

übersetzende Gesetzbuch,
das moderne französische Recht,
gänzlich unbekannt
ist.

Anderswo, bei der Kritik der nach französischem Muster auf dem ganzen
Kontinent eingeführten, nach Stimmenmehrheit entscheidenden Geschwornengerichte,
werden wir belehrt:

»Ja, man wird sich
sogar
mit dem, übrigens nicht einmal
geschichtlich beispiellosen Gedanken vertraut machen können, daß eine
Verurteilung mit
Widerspruch der Stimmen
in einem vollkommnen Gemeinwesen
zu den unmöglichen Institutionen gehören sollte ... Jedoch muß
diese
ernste
und
tief geistige
Auffassungsart, wie schon oben angedeutet,
für die überlieferten Gebilde darum als unpassend erscheinen, weil sie
für dieselben
zu gut
ist.«

Es ist Herrn Dühring abermals unbekannt, daß die Einstimmigkeit
der Geschwornen nicht nur bei strafrechtlichen Verurteilungen, sondern auch bei
Urteilen in bürgerlichen Prozessen unumgänglich notwendig ist nach dem
englischen gemeinen Recht, d.h. dem ungeschriebnen Gewohnheitsrecht, das seit
unvordenklicher Zeit in Kraft steht, also mindestens seit dem vierzehnten Jahrhundert.
Die ernste und tiefgeistige Auffassungsart, die nach Herrn Dühring für
die heutige Welt
zu gut
ist, hat in England also gesetzliche Geltung gehabt
schon im dunkelsten Mittelalter, und ist von England nach Irland, nach den Vereinigten
Staaten Amerikas und nach allen englischen Kolonien übergeführt worden,
ohne daß die eindringendsten Fachstudien dem Herrn Dühring auch nur
ein Sterbenswörtchen davon verraten hätten! Das Gebiet der Geschwornen-Einstimmigkeit
ist also nicht nur unendlich groß gegenüber dem winzigen Geltungsbereich
des preußischen Landrechts, es ist auch ausgedehnter als alle die Gebiete
zusammengenommen, auf denen die Geschwornen-Mehrheit entscheidet. Nicht nur, daß
Herrn Dühring das einzige moderne, das französische Recht total unbekannt
ist, er ist auch ebenso unwissend in Beziehung auf das einzige germanische Recht,
das sich unabhängig von römischer Autorität bis auf die heutige
Zeit fortentwickelt und auf alle Weltteile ausgebreitet hat - das englische Recht.
Und warum nicht? Denn die englische Art der juristischen Denkweise

»würde doch angesichts der auf deutschem Boden bewerkstelligten
Schulung in den reinen Begriffen der klassischen römischen Juristen nicht
standhalten«,

sagt Herr Dühring, und ferner sagt er:

»was ist die englisch-redende Welt mit ihrer kinderhaften Gemengselsprache
unserer urwüchsigen Sprachgestaltung gegenüber?«

Worauf wir nur mit Spinoza antworten können:
Ignorantia non est argumentum, die Unwissenheit ist kein Beweisgrund.

Wir können hiernach zu keinem andern Schlußergebnis kommen, als
daß Herrn Dührings eindringendste Fachstudien darin bestanden, daß
er drei Jahre theoretisch in das Corpus juris und weitere drei Jahre praktisch
in das edle preußische Landrecht sich vertieft hat. Es ist das sicherlich
auch schon ganz verdienstlich und genügend für einen recht achtungswerten
altpreußischen Kreisrichter oder Advokaten. Wenn man aber eine Rechtsphilosophie
für alle Welten und Zeiten zu verfassen unternimmt, so sollte man doch auch
einigermaßen Bescheid wissen in den Rechtsverhältnissen von Nationen
wie die Franzosen, Engländer und Amerikaner, Nationen, die eine ganz andre
Rolle in der Geschichte gespielt haben als der Winkel von Deutschland, wo das
preußische Landrecht floriert. Doch sehn wir weiter zu.

»Die bunte Mischung von Orts-, Provinzial- und Landesrechten, die sich
in sehr willkürlicher Weise bald als Gewohnheitsrecht, bald als geschriebnes
Gesetz, oft unter Einkleidung der wichtigsten Angelegenheiten in reine Statutarform,
in den verschiedensten Richtungen kreuzen - diese Musterkarte von Unordnung und
Widerspruch, auf welcher die Einzelheiten das Allgemeine, und dann gelegentlich
wiederum die Allgemeinheiten das Besondre hinfällig machen, ist wahrlich
nicht geeignet, ein klares Rechtsbewußtsein bei irgend jemand ... möglich
zu machen.«

Wo aber herrscht dieser verworrene Zustand? Wieder im Geltungsbereich des preußischen
Landrechts, wo neben, über oder unter diesem Landrecht Provinzialrechte,
Ortsstatuten, hier und da auch gemeines Recht und andrer Quark die verschiedensten
relativen Abstufungen von Gültigkeit haben und bei allen praktischen Juristen
jenen Notschrei hervorrufen, den Herr Dühring hier so sympathisch wiederholt.
Er braucht gar nicht sein geliebtes Preußen zu verlassen, er darf nur an
den Rhein kommen, um sich zu überzeugen, daß dort von alledem seit
siebzig Jahren keine Rede mehr ist - von andern zivilisierten Ländern gar
nicht zu reden, wo dergleichen veraltete Zustände längst beseitigt sind.

Ferner:

»in einer weniger schroffen Art tritt die Verschleierung der natürlichen
individuellen Verantwortlichkeit durch die geheimen und hiermit anonymen Kollektivurteile
und Kollektivhandlungen von Kollegien oder sonstigen Behördeneinrichtungen
hervor, die den persönlichen Anteil eines jeden Mitglieds maskieren.«

Und an einer andern Stelle:

»in unserm heutigen zustande wird es als eine
überraschende

und äußerst strenge

Forderung gelten,
wenn man von der Verhüllung und Deckung der Einzelverantwortlichkeit durch
Kollegien nichts wissen will.«

Vielleicht wird es für Herrn Dühring als eine überraschende
Mitteilung gelten, wenn wir ihm sagen, daß im Gebiet des englischen Rechts
jedes Mitglied des Richterkollegiums sein Urteil in öffentlicher Sitzung
einzeln abzugeben und zu begründen hat; daß die Verwaltungskollegien,
soweit sie nicht gewählt sind und öffentlich verhandeln und abstimmen,
eine vorzugs
weise preußische
Einrichtung und in den meisten übrigen
Ländern unbekannt sind, und daß daher seine Forderung für überraschend
und äußerst streng eben nur gelten kann - in
Preußen
.

Ebenso treffen seine Klagen über die Zwangseinmischungen der Religionspraktiken
bei Geburt, Ehe, Tod und Bestattung von allen größern zivilisierten
Ländern nur Preußen, und seit Einführung der Zivilstandsregister
auch dies nicht mehr. Was Herr Dühring nur vermittelst eines »sozialitären«
Zukunftszustandes fertig bringt, hat sogar Bismarck inzwischen durch ein einfaches
Gesetz erledigt. - Nicht anders wird in der »Klage der mangelhaften Ausstattung
der Juristen für ihren Beruf«, eine Klage, die sich auch auf die »Verwaltungsbeamten«
ausdehnen läßt, eine spezifisch preußische Jeremiade angestimmt;
und selbst der bis ins Lächerliche übertriebne Judenhaß, den Herr
Dühring bei jeder Gelegenheit zur Schau trägt, ist eine, wo nicht spezifisch
preußische, so doch spezifisch ostelbische Eigenschaft. Derselbe Wirklichkeitsphilosoph,
der auf alle Vorurteile und Superstitionen souverän herabsieht, steckt selbst
so tief in persönlichen Marotten, daß er das aus der Bigotterie des
Mittelalters überkommne Volksvorurteil gegen die Juden ein auf »Naturgründen«
beruhendes »Natururteil« nennt und sich bis zu der pyramidalen Behauptung versteigt:

»der Sozialismus ist die einzige Macht, welche Bevölkerungszuständen
mit stärkerer jüdischer Untermischung« (Zustände mit jüdischer
Untermischung! welches Naturdeutsch!) »die Spitze bieten kann.«

Genug. Die Großprahlerei mit der juristischen Gelahrtheit hat zum Hintergrund
- im besten Falle - die allerordinärsten Fachkenntnisse eines ganz gewöhnlichen
altpreußischen Juristen. Das juristische und staatswissenschaftliche Gebiet,
dessen Ergebnisse uns Herr Dühring konsequent darstellt, »deckt sich« mit
dem Geltungsbereich des preußischen Landrechts. Außer dem jedem Juristen,
jetzt selbst in England so ziemlich geläufigen römischen Recht, beschränken
sich seine juristischen Kenntnisse einzig und allein auf das preußische
Landrecht, jenes Gesetzbuch des aufgeklärten patriarchalischen Despotismus,
das in einem Deutsch geschrieben ist, als wäre Herr Dühring dort in
die Schule gegangen, und das mit seinen

Moralglossen,
seiner juristischen Unbestimmtheit und Haltlosigkeit, seinen Stockprügeln
als Tortur- und Strafmittel noch ganz der vorrevolutionären Zeit angehört.
Was darüber ist, das ist für Herrn Dühring vom Übel - sowohl
das modern-bürgerliche französische Recht wie das englische Recht mit
seiner ganz eigenartigen Entwicklung und seiner auf dem ganzen Kontinent unbekannten
Sicherung der persönlichen Freiheit. Die Philosophie, welche »keinen bloß

scheinbaren
Horizont gelten läßt, sondern in mächtig umwälzender
Bewegung alle Erden und Himmel der äußern und innern Natur aufrollt«
- sie hat zu ihrem
wirklichen
Horizont - die Grenzen der sechs altpreußischen
Ostprovinzen und allenfalls noch der paar sonstigen Landfetzen, wo das edle Landrecht
gilt; und jenseits dieses Horizonts rollt sie weder Erden noch Himmel, weder äußere
noch innere Natur auf, sondern nur das Gemälde der krassesten Unwissenheit
über das, was in der übrigen Welt vorgeht.

Man kann nicht gut von Moral und Recht handeln, ohne auf die Frage vom sogenannten
freien Willen, von der Zurechnungsfähigkeit des Menschen, von dem Verhältnis
von Notwendigkeit und Freiheit zu kommen. Auch die Wirklichkeitsphilosophie hat
nicht nur eine, sondern sogar zwei Lösungen für diese Frage.

»An die Stelle aller falschen Freiheitstheorien hat man die erfahrungsmäßige
Beschaffenheit des Verhältnisses zu setzen, in welchem sich rationelle Einsicht
auf der einen und triebförmige Bestimmungen auf der andern Seite
gleichsam

zu einer Mittelkraft vereinigen. Die Grundtatsachen dieser Art von Dynamik sind
aus der Beobachtung zu entnehmen, und für die Vorausbemessung des noch nicht
erfolgten Geschehns auch, so
gut es gehen will
, im allgemeinen nach Art
und Größe zu veranschlagen. Hierdurch werden die albernen Einbildungen
über die innere Freiheit, an denen Jahrtausende genagt und gezehrt haben,
nicht nur gründlich weggeräumt, sondern auch durch etwas Positives ersetzt,
was sich für die praktische Einrichtung des Lebens brauchen läßt.«

Danach besteht die Freiheit dann, daß die rationelle Einsicht den Menschen
nach rechts, die irrationellen Triebe ihn nach links zerren, und bei diesem Parallelogramm
der Kräfte die wirkliche Bewegung in der Richtung der Diagonale erfolgt.
Die Freiheit wäre also der Durchschnitt zwischen Einsicht und Trieb, Verstand
und Unverstand, und ihr Grad wäre bei jedem einzelnen erfahrungsmäßig
festzustellen durch eine »persönliche Gleichung«, um einen astronomischen
Ausdruck zu gebrauchen. Aber wenige Seiten später heißt es:

»Wir gründen die moralische Verantwortlichkeit auf die Freiheit,
die uns jedoch weiter nichts bedeutet als die Empfänglichkeit für bewußte
Beweggründe nach Maßgabe des natürlichen
und erworbnen Verstandes. Alle solche Beweggründe wirken trotz der Wahrnehmung
des möglichen Gegensatzes in den Handlungen mit unausweichlicher Naturgesetzmäßigkeit;
aber grade auf diese unumgängliche Nötigung zählen wir, indem wir
die moralischen Hebel ansetzen.«

Diese zweite Bestimmung der Freiheit, die der ersten ganz ungeniert ins Gesicht
schlägt, ist wieder nichts als eine äußerste Verflachung der Hegelschen
Auffassung. Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit
richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit.
»
Blind
ist die Notwendigkeit nur,
insofern dieselbe nicht begriffen
wird
.« Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen
liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit
gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken
zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern
Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des
Menschen selbst regeln - zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in
der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können.
Freiheit des Willens heißt daher nichts andres als die Fähigkeit, mit
Sachkenntnis entscheiden zu können. Je
freier
also das Urteil eines
Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer

Notwendigkeit
wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein; während
die auf Unkenntnis beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiednen und
widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkürlich wählt,
eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande,
den sie grade beherrschen sollte. Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis
der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und
über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der
geschichtlichen Entwicklung. Die ersten, sich vom Tierreich sondernden Menschen
waren in allem Wesentlichen so unfrei wie die Tiere selbst; aber jeder Fortschritt
in der Kultur war ein Schritt zur Freiheit. An der Schwelle der Menschheitsgeschichte
steht die Entdeckung der Verwandlung von mechanischer Bewegung in Wärme:
die Erzeugung des Reibfeuers; am Abschluß der bisherigen Entwicklung steht
die Entdeckung der Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung: die Dampfmaschine.
- Und trotz der riesigen befreienden Umwälzung, die die Dampfmaschine in
der gesellschaftlichen Weit vollzieht - sie ist noch nicht halb vollendet -, ist
es doch unzweifelhaft, daß das Reibfeuer sie an weltbefreiender Wirkung
noch übertrifft. Denn das Reibfeuer gab dem Menschen zum

erstenmal die Herrschaft über eine Naturkraft und trennte ihn damit endgültig
vom Tierreich. Die Dampfmaschine wird nie einen so gewaltigen Sprung in der Menschheitsentwicklung
zustande bringen, sosehr sie uns auch als Repräsentantin aller jener, an
sie sich anlehnenden gewaltigen Produktivkräfte gilt, mit deren Hülfe
allein ein Gesellschaftszustand ermöglicht wird, worin es keine Klassenunterschiede,
keine Sorgen um die individuellen Existenzmittel mehr gibt, und worin von wirklicher
menschlicher Freiheit, von einer Existenz in Harmonie mit den erkannten Naturgesetzen,
zum ersten mal die Rede sein kann. Wie jung aber noch die ganze Menschengeschichte
und wie lächerlich es wäre, unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche
absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen, geht aus der einfachen Tatsache
hervor, daß die ganze bisherige Geschichte sich bezeichnen läßt
als Geschichte des Zeitraums von der praktischen Entdeckung der Verwandlung von
mechanischer Bewegung in Wärme bis zu derjenigen der Verwandlung von Wärme
in mechanische Bewegung.

Bei Herrn Dühring wird die Geschichte freilich anders behandelt. Im allgemeinen
ist sie als Geschichte der Irrtümer, der Unwissenheit und Roheit, der Vergewaltigung
und Knechtung ein die Wirklichkeitsphilosophie anwidernder Gegenstand, im besondern
jedoch teilt sie sich in zwei große Abschnitte, nämlich 1. von dem
sich selbst gleichen Zustand der Materie bis auf die französische Revolution,
und 2. von der französischen Revolution bis auf Herrn Dühring; und dabei
bleibt das 19. Jahrhundert

»noch wesentlich reaktionär, ja es ist es (?) in geistiger Beziehung
noch mehr als das 18.«, wobei es jedoch den Sozialismus in seinem Schoß
trägt, und damit »den Keim einer gewaltigeren Umschaffung als sie von den
Vorläufern und den Heroen der französischen Revolution erdacht (!) wurde«.

Die wirklichkeitsphilosophische Verachtung gegen die bisherige Geschichte rechtfertigt
sich wie folgt:

»Die wenigen Jahrtausende, für welche eine historische Rückerinnerung
durch ursprüngliche Aufzeichnungen vermittelt wird, haben mit ihrer bisherigen
Menschheitsverfassung
nicht viel zu bedeuten
, wenn man an die Reihe der
kommenden Jahrtausende denkt ... Das Menschengeschlecht ist als Ganzes noch sehr
jung, und wenn einst die wissenschaftliche Rückerinnerung mit Zehntausenden
statt mit Tausenden von Jahren zu rechnen hat, wird die geistig unreife Kindheit
unserer Institutionen eine selbstverständliche Voraussetzung über unsre
alsdann als Uraltertum gewürdigte Zeit unbestrittene Geltung haben.«

Ohne uns bei der in der Tat »urwüchsigen Sprachgestaltung« des letzten
Satzes länger aufzuhalten, bemerken wir nur zweierlei: Erstens, daß
dies »Uraltertum« unter allen Umständen ein Geschichtsabschnitt von höchstem Interesse für alle künftigen Generationen
bleiben wird, weil es die Grundlage aller spätern höhern Entwicklung
bildet, weil es die Herausbildung des Menschen aus dem Tierreich zum Ausgangspunkt,
und zum Inhalt die Überwindung von solchen Schwierigkeiten hat, wie sie sich
den zukünftigen assoziierten Menschen nie wieder entgegenstellen werden.
Und zweitens, daß der Abschluß dieses Uraltertums, demgegenüber
die künftigen, nicht mehr durch diese Schwierigkeiten und Hindernisse aufgehaltenen
Geschichtsperioden ganz andre wissenschaftliche, technische und gesellschaftliche
Erfolge versprechen, ein jedenfalls sehr sonderbar gewählter Moment ist,
um diesen kommenden Jahrtausenden Vorschriften zu machen durch endgültige
Wahrheiten letzter Instanz, unwandelbare Wahrheiten und wurzelhafte Konzeptionen,
entdeckt auf Grundlage der geistig unreifen Kindheit unsres so sehr »rückständigen«
und »rückläufigen« Jahrhunderts. Man muß eben der philosophische
Richard Wagner sein - doch ohne Wagners Talent -, um zu übersehn, daß
alle die Herabwürdigungen, die man auf die bisherige Geschichtsentwicklung
wirft, ebenfalls an ihrem angeblich letzten Resultat haften bleiben - an der sogenannten
Wirklichkeitsphilosophie.

Eines der bezeichnendsten Stücke der neuen wurzelhaften Wissenschaft ist
der Abschnitt über Individualisierung und Wertsteigerung des Lebens. Hier
sprudelt und strömt in unaufhaltsamem Quelldrang durch volle drei Kapitel
der orakelhafte Gemeinplatz. Wir müssen uns leider auf ein paar kurze Proben
beschränken.

»Das tiefere Wesen aller Empfindung und mithin aller subjektiven Lebensformen
beruht auf der
Differenz
von Zuständen ... Für das
volle

(!) Leben läßt sich aber auch ohne weiteres (!) dartun, daß es
nicht die beharrliche Lage. Sondern der Übergang von einer Lebenssituation
in die andre ist, wodurch das Lebensgefühl gesteigert und die entscheidenden
Reize entwickelt werden ... Der annähernd sich selbst gleiche,
sozusagen

in Trägheitsbeharrung und
gleichsam
in derselben Gleichgewichtslage
verbleibende Zustand hat, wie er auch beschaffen sein möge, für die
Erprobung des Daseins nicht viel zu bedeuten ... Die Gewöhnung und
sozusagen

Einlebung macht ihn vollends zu etwas Indifferentem und Gleichgültigem, was
sich nicht sonderlich vom Totsein unterscheidet. Höchstens tritt noch als
eine Art negativer Lebensregung die Pein der Langeweile hinzu ... In einem sich
stauenden Leben erlischt für einzelne und Völker alle Leidenschaft und
alles Interesse am Dasein.
Unser Gesetz der Differenz aber ist es, aus welchem
alle diese Erscheinungen erklärlich werden
.«

Es geht über allen Glauben, mit welcher Geschwindigkeit Herr Dühring
seine von Grund aus eigentümlichen Ergebnisse zustande bringt. Eben erst
ist der Gemeinplatz ins Wirklichkeitsphilosophische übersetzt, daß
fortdauernde Reizung desselben Nerven oder Fortdauer
desselben Reizes jeden Nerv und jedes Nervensystem ermüdet, daß also
im normalen Zustand Unterbrechung und Abwechslung der Nervenreize stattfinden
muß - was seit Jahren in jedem Handbuch der Physiologie zu lesen und was
jeder Philister aus eigner Erfahrung weiß -, kaum ist diese uralte Plattheit
in die mysteriöse Form übersetzt worden, daß das tiefere Wesen
aller Empfindung auf der Differenz von Zuständen beruht, so verwandelt sie
sich auch schon in »
Unser
Gesetz der Differenz«. Und dies Gesetz der Differenz
macht »vollkommen erklärlich« eine ganze Reihe von Erscheinungen, welche
wieder nichts sind als Illustrationen und Beispiele von der Annehmlichkeit der
Abwechslung, welche selbst für den allergewöhnlichsten Philisterverstand
durchaus keiner Erklärung bedürfen, und welche durch den Hinweis auf
dies angebliche Gesetz der Differenz nicht um die Breite eines Atoms an Klarheit
gewinnen.

Aber damit ist die Wurzelhaftigkeit »
unsres
Gesetzes der Differenz«
noch lange nicht erschöpft:

»Die Abfolge der Lebensalter und das Eintreten der mit ihnen verbundnen
Veränderungen der Lebensverhältnisse liefern ein recht naheliegendes
Beispiel zur Veranschaulichung
unsres
Differenzprinzips. Kind, Knabe, Jüngling
und Mann erfahren die Starke ihrer jeweiligen Lebensgefühle weniger durch
die bereits fixierten Zustände, in denen sie sich befinden, als durch die
Epochen des Übergangs, von dem einen zum andern.«

Damit nicht genug:

»
Unser
Gesetz der Differenz kann noch eine entlegnere Anwendung
erhalten, indem man die Tatsache in Anschlag bringt, daß die Wiederholung
des bereits Erprobten oder Geleisteten keinen Reiz hat.«

Und nun kann sich der Leser den orakelhaften Kohl selbst hinzudenken, zu dem
Sätze von der Tiefe und Wurzelhaftigkeit der obigen den Anknüpfungspunkt
bieten; und wohl mag Herr Dühring am Schluß seines Buches triumphierend
ausrufen:

»Für die Schätzung und Steigerung des Lebenswerts wurde das
Gesetz der Differenz zugleich theoretisch und praktisch maßgebend!«

Für die Schätzung des geistigen Werts seines Publikums durch Herrn
Dühring ebenfalls: er muß glauben, es bestehe aus lauter Eseln oder
Philistern.

Weiterhin erhalten wir folgende äußerst praktische Lebensregeln:

»Die Mittel, das Gesamtinteresse am Leben rege zu erhalten« (schöne
Aufgabe für Philister und solche, die es werden wollen!) »bestehen darin,
die einzelnen
sozusagen

elementaren Interessen,
aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sich nach den natürlichen Zeitmaßen
entwickeln oder einander ablösen zu lassen. Auch gleichzeitig für denselben
Zustand wird die Stufenfolge in der Ersetzbarkeit der niedern und leichter befriedigten
Reize durch die hohern und anhaltender wirksamen Erregungen dahin zu benutzen
sein, daß die Entstehung von gänzlich interesselosen Lücken vermieden
werde. Übrigens wird es aber darauf ankommen, zu verhüten, daß
die naturgemäß oder sonst im normalen Lauf des gesellschaftlichen Daseins
entstehenden Spannungen in willkürlicher Weise gehäuft, forciert oder,
was die gegenteilige Verkehrtheit ist, schon bei der leisesten Regung befriedigt
und so an der Entwicklung eines genußfähigen Bedürfens verhindert
werden. Die Einhaltung des natürlichen Rhythmus ist hier wie anderwärts
die Vorbedingung der ebenmäßigen und anmutenden Bewegung. Auch darf
man sich nicht die unlösbare Aufgabe stellen, die Reize irgendeiner Situation
über die ihnen von der Natur oder den Verhältnissen zugemeßne
Frist ausdehnen zu wollen« usw.

Der Biedermann, der sich diese feierlichen Philisterorakel einer über
die fadesten Plattheiten spintisierenden Pedanterie zur Regel der »Lebenserprobung«
dienen läßt, wird allerdings nicht über »gänzlich interesselose
Lücken« zu klagen haben. Er wird alle seine Zeit nötig haben zur regelrechten
Vorbereitung und Anordnung der Genüsse, so daß ihm zum Genießen
selbst kein freier Augenblick bleibt.

Erproben sollen wir das Leben, das volle Leben. Nur zweierlei verbietet uns
Herr Dühring:

erstens »die Unsauberkeiten der Einlassung mit dem Tabak«, und zweitens
Getränke und Nahrungsmittel, welche »widerwärtig erregende oder überhaupt
für die feinere Empfindung verwerfliche Eigenschaften haben«.

da nun Herr Dühring in dem Kursus der Ökonomie die Schnapsbrennerei
so dithyrambisch feiert, so kann er unter diesen Getränken unmöglich
den Branntwein verstehn; wir sind also zu dem Schluß gezwungen, daß
sein Verbot sich bloß auf Wein und Bier erstreckt. Er verbiete nun auch
noch das Fleisch, und dann hat er die Wirklichkeitsphilosophie auf dieselbe Höhe
gebracht, auf der weiland Gustav Struve sich mit soviel Erfolg bewegte - auf der
Höhe der puren Kinderei.

Übrigens könnte Herr Dühring doch in Beziehung auf die geistigen
Getränke etwas liberaler sein. Ein Mann, der eingestandnermaßen die
Brücke vom Statischen zum Dynamischen noch immer nicht finden kann, hat doch
sicher alle Ursache, gelind zu urteilen, wenn irgendein armer Teufel einmal zu
tief ins Glas guckt und infolgedessen die Brücke vom Dynamischen zum Statischen
ebenfalls vergebens sucht.

## XII. Dialektik - Quantität und Qualität

»Der erste und wichtigste
Satz über die logischen Grundeigenschaften des Seins bezieht sich auf den
Ausschluß des Widerspruchs. Das Widersprechende ist eine Kategorie, die
nur der Gedankenkombination, aber keiner Wirklichkeit angehören kann. In
den Dingen sind keine Widersprüche, oder, mit andern Worten, der real gesetzte
Widerspruch ist selbst der Gipfelpunkt des Widersinns ... Der Antagonismus von
Kräften, die sich in entgegengesetzter Richtung einander messen, ist sogar
die Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen. Dieser Widerstreit
der Kräfterichtungen der Elemente und der Individuen fällt aber nicht
im entferntesten mit dem Gedanken von Widerspruchsabsurditäten zusammen ...
Hier können wir zufrieden sein, die Nebel, die aus vermeintlichen Mysterien
der Logik aufzusteigen pflegen, durch ein klares Bild von der wirklichen Absurdität
des realen Widerspruchs aufgelöst, und die Nutzlosigkeit des Weihrauchs dargetan
zu haben, welchen man für die der antagonistischen Weltschematik untergeschobne
und recht plump geschnitzte Holzpuppe von Widerspruchsdialektik hier und da verschwendet
hat.«

Dies ist so ziemlich alles, was in dem »Kursus der Philosophie« über Dialektik
gesagt wird. In der »Kritischen Geschichte« dagegen wird die Widerspruchsdialektik,
und mit ihr namentlich Hegel, ganz anders mitgenommen.

»Das Widersprechende ist nämlich nach der Hegelschen Logik oder
vielmehr Logoslehre nicht etwa in dem seiner Natur nach nicht anders als subjektiv
und bewußt vorzustellenden Denken, sondern in den Dingen und Vorgängen
selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen, so daß der
Widersinn nicht eine unmögliche Kombination des Gedankens bleibt, sondern
eine tatsächliche Macht wird. Die Wirklichkeit des Absurden ist der erste
Glaubensartikel der Hegelschen Einheit von Logik und Unlogik ... Je widersprechender,
desto wahrer, oder mit andern Worten: je absurder, desto glaublicher, diese nicht
einmal neu erfundne, sondern der Offenbarungstheologie und der Mystik entlehnte
Maxime ist der nackte Ausdruck des sogenannten dialektischen Prinzips.«

Der Gedankeninhalt der beiden angeführten Stellen faßt sich in dem
Satz zusammen, daß Widerspruch = Widersinn ist, und daher in der wirklichen
Welt nicht vorkommen kann. Dieser Satz mag für Leute von sonst ziemlich gesundem
Menschenverstand dieselbe selbstverständliche Geltung haben wie der, daß
gerade nicht krumm und krumm nicht gerade sein kann. Aber die Differentialrechnung
setzt, ungeachtet aller Proteste des gesunden Menschenverstandes, Gerade und Krumm
unter gewissen Umständen dennoch gleich und erreicht damit Erfolge, die der
auf den Widersinn der Identität von Gerade und Krumm sich steifende gesunde
Menschenverstand nie fertigbringt. Und nach der bedeutenden Rolle, die die sogenannte
Widerspruchsdialektik in der Philosophie von den ältesten Griechen an bis
jetzt gespielt hat, wäre selbst ein stärkerer Gegner als

Herr Dühring verpflichtet gewesen, ihr mit andern Argumenten entgegenzutreten,
als mit einer Behauptung und vielen Schimpfwörtern.

Solange wir die Dinge als ruhende und leblose, jedes für sich, neben-
und nacheinander, betrachten, stoßen wir allerdings auf keine Widersprüche
an ihnen. Wir finden da gewisse Eigenschaften, die teils gemeinsam, teils verschieden,
ja einander widersprechend, aber in diesem Fall auf verschiedne Dinge verteilt
sind und also keinen Widerspruch in sich enthalten. Soweit dies Gebiet der Betrachtung
ausreicht, soweit kommen wir auch mit der gewöhnlichen, metaphysischen Denkweise
aus. Aber ganz anders, sobald wir die Dinge in ihrer Bewegung, ihrer Veränderung,
ihrem Leben, in ihrer wechselseitigen Einwirkung aufeinander betrachten. Da geraten
wir sofort in Widersprüche. Die Bewegung selbst ist ein Widerspruch; sogar
schon die einfache mechanische Ortsbewegung kann sich nur dadurch vollziehn, daß
ein Körper in einem und demselben Zeitmoment an einem Ort und zugleich an
einem andern Ort, an einem und demselben Ort und nicht an ihm ist. Und die fortwährende
Setzung und gleichzeitige Lösung dieses Widerspruchs ist eben die Bewegung.

Hier haben wir also einen Widerspruch, der »in den Dingen und Vorgängen
selbst objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen ist«. Und was sagt
Herr Dühring dazu? Er behauptet,

es gebe überhaupt bis jetzt »in der rationellen Mechanik keine
Brücke zwischen dem streng Statischen und dem Dynamischen«.

Der Leser merkt jetzt endlich, was hinter dieser Lieblingsphrase des Herrn
Dühring steckt; weiter nichts als dies: der metaphysisch denkende Verstand
kann absolut nicht vom Gedanken der Ruhe zu dem der Bewegung kommen, weil ihm
hier obiger Widerspruch den Weg versperrt. Für ihn ist die Bewegung, weil
ein Widerspruch, rein unbegreiflich. Und indem er die Unbegreiflichkeit der Bewegung
behauptet, gibt er selbst die Existenz dieses Widerspruchs wider Willen zu, gibt
also zu, daß es einen in den Dingen und Vorgängen selbst objektiv vorhandnen
Widerspruch gibt, der zudem eine tatsächliche Macht ist.

Wenn schon die einfache mechanische Ortsbewegung einen Widerspruch in sich
enthält, so noch mehr die höhern Bewegungsformen der Materie und ganz
besonders das organische Leben und seine Entwicklung. Wir sahen
oben
,
daß das Leben grade vor allem darin besteht, daß ein Wesen in jedem
Augenblick dasselbe und doch ein andres ist. Das Leben ist also ebenfalls ein
in den Dingen und Vorgängen selbst vorhandner, sich stets

setzender und lösender Widerspruch; und sobald der Widerspruch aufhört,
hört auch das Leben auf, der Tod tritt ein. Ebenso sahen wir |Siehe
S.
35
und
80/81
|, wie auch auf dem Gebiete des Denkens wir
den Widersprüchen nicht entgehn können und wie z.B. der Widerspruch
zwischen dem innerlich unbegrenzten menschlichen Erkenntnisvermögen und seinem
wirklichen Dasein in lauter äußerlich beschränkten und beschränkt
erkennenden Menschen sich löst in der für uns wenigstens praktisch endlosen
Aufeinanderfolge der Geschlechter, im unendlichen Progreß.

Wir erwähnten schon, daß die höhere Mathematik den Widerspruch,
daß Gerade und Krumm unter Umständen dasselbe sein sollen, zu einer
ihrer Hauptgrundlagen hat. Sie bringt den andern Widerspruch fertig, daß
Linien, die sich vor unsern Augen schneiden, dennoch schon fünf bis sechs
Zentimeter von ihrem Schneidepunkt als parallel, als solche gelten sollen, die
sich selbst bei unendlicher Verlängerung nicht schneiden können. Und
dennoch bringt sie mit diesen und mit noch weit stärkern Widersprüchen
nicht nur richtige, sondern auch für die niedere Mathematik ganz unerreichbare
Resultate zustande.

Aber auch schon in diesen letztern wimmelt es von Widersprüchen. Es ist
z.B. ein Widerspruch, daß eine Wurzel von A eine Potenz von A sein soll,
und doch ist
.
Es ist ein Widerspruch, daß eine negative Größe das Quadrat von
etwas sein soll, denn jede negative Größe, mit sich selbst multipliziert,
gibt ein positives Quadrat. Die Quadratwurzel aus Minus Eins ist daher nicht nur
ein Widerspruch, sondern sogar ein absurder Widerspruch, ein wirklicher Widersinn.
Und dennoch ist
ein in vielen Fällen
notwendiges Resultat richtiger mathematischer Operationen; ja, noch mehr, wo wäre
die Mathematik, niedre wie höhere, wenn ihr verboten würde, mit

zu operieren?

Die Mathematik selbst betritt mit der Behandlung der veränderlichen Größen
das dialektische Gebiet, und bezeichnenderweise ist es ein dialektischer Philosoph,
Descartes, der diesen Fortschritt in sie eingeführt hat. Wie die Mathematik
der veränderlichen sich zu der der unveränderlichen Größen
verhält, so verhält sich überhaupt dialektisches Denken zu metaphysischem.
Was durchaus nicht verhindert, daß die große Menge der Mathematiker
die Dialektik nur auf mathematischem Gebiet anerkennt, und daß es genug
unter ihnen gibt, die mit den auf dialektischem Weg gewonnenen Methoden ganz in
der alten, beschränkten, metaphysischen Weise weiteroperieren.

Auf Herrn Dührings Antagonismus von Kräften
und seine antagonistische Weltschematik näher einzugehn, wäre nur dann
möglich, wenn er uns etwas mehr über dies Thema gegeben hätte,
als - die bloße Phrase. Nachdem er dies fertiggebracht, wird uns dieser
Antagonismus weder in der Weltschematik noch in der Naturphilosophie ein einziges
Mal wirkend vorgeführt, das beste Eingeständnis, daß Herr Dühring
mit dieser »Grundform aller Aktionen im Dasein der Welt und ihrer Wesen« absolut
nichts Positives anzufangen weiß. Wenn man in der Tat Hegels »Lehre vom
Wesen« bis auf die Plattheit von in entgegengesetzter Richtung, aber nicht in
Widersprüchen, sich bewegenden Kräften heruntergebracht hat, so tut
man allerdings am besten, jeder Anwendung dieses Gemeinplatzes aus dem Wege zu
gehn.

Den weitern Anhaltspunkt für Herrn Dühring, um seinem antidialektischen
Zorn Luft zu machen, bietet ihm Marx' »Kapital«.

»Mangel an natürlicher und verständlicher Logik, durch welchen
sich die dialektisch-krausen Verschlingungen und Vorstellungsarabesken auszeichnen
... schon auf den bereits vorhandnen Teil muß man das Prinzip anwenden,
daß in einer gewissen Hinsicht und auch überhaupt (!) nach einem bekannten
philosophischen Vorurteil alles in jedem und jedes in allem zu suchen, und daß
dieser Misch- und Mißvorstellung zufolge schließlich alles Eins sei.«

Diese seine Einsicht in das bekannte philosophische Vorurteil befähigt
denn auch Herrn Dühring, mit Sicherheit vorauszusagen, was das »Ende« des
Marxschen ökonomischen Philosophierens, also was der Inhalt der folgenden
Bände des »Kapitals« sein wird, genau sieben Zeilen nachdem er erklärt
hat, es sei

»jedoch wirklich nicht abzusehn, was, menschlich und deutsch geredet,
eigentlich in den zwei« (letzten) »Bänden noch folgen soll«.

Es ist indes nicht das erstemal, daß die Schriften des Herrn Dühring
sich uns erweisen als gehörig zu den »Dingen«, in denen »das Widersprechende
objektiv vorhanden und sozusagen leibhaft anzutreffen« ist. Was ihn durchaus nicht
hindert, siegreich fortzufahren:

»doch die gesunde Logik wird über ihre Karikatur voraussichtlich
triumphieren ... Das Vornehmtun und der dialektische Geheimniskram werden niemanden,
der noch ein wenig gesundes Urteil übrig hat, anreizen, sich mit den Unförmlichkeiten
der Gedanken und des Stils ... einzulassen. Mit dem Absterben der letzten Reste
der dialektischen Torheiten wird dieses Mittel der Düpierung ... seinen trügerischen
Einfluß verlieren, und niemand wird mehr glauben, sich abquälen zu
müssen, um dort hinter eine tiefe Weisheit zu kommen, wo der gesäuberte
Kern der krausen Dinge im besten Fall die Züge gewöhnlicher Theorien,
wo nicht gar von Gemeinplätzen zeigt ... Es ist

ganz unmöglich, die« (Marxschen) »Verschlingungen nach Maßgabe der
Logoslehre wiederzugeben, ohne die gesunde Logik zu prostituieren.« Marx' Methode
bestehe darin, »dialektische Wunder für seine Gläubigen herzurichten«,
und so weiter.

Wir haben es hier noch durchaus nicht mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit
der ökonomischen Resultate der Marxschen Untersuchung zu tun, sondern nur
mit der von Marx angewandten dialektischen Methode. Soviel aber ist sicher: die
meisten Leser des »Kapital« werden erst jetzt durch Herrn Dühring erfahren
haben, was sie eigentlich gelesen. Und unter ihnen auch Herr Dühring selbst,
der im Jahre 1867 (»Ergänzungsblätter« III, Heft 3) noch imstande war,
eine für einen Denker seines Kalibers verhältnismäßig rationelle
Inhaltsangabe des Buches zu machen, ohne genötigt zu sein, die Marxschen
Entwicklungen erst, wie es jetzt für unumgänglich erklärt wird,
ins Dühringsche zu übersetzen. Wenn er schon damals den Schnitzer beging,
die Marxsche Dialektik mit der Hegelschen zu identifizieren, so hatte er doch
nicht ganz die Fähigkeit verloren, zwischen der Methode und den durch sie
erlangten Resultaten zu unterscheiden, und zu begreifen, daß man die letztern
nicht im besondern widerlegt, wenn man die erstere im allgemeinen herunterreißt.

Die überraschendste Mitteilung des Herrn Dühring ist jedenfalls die,
daß für den Marxschen Standpunkt »schließlich alles Eins ist«,
daß für Marx also auch z.B. Kapitalisten und Lohnarbeiter, feudale,
kapitalistische und sozialistische Produktionsweise, »alles Eins ist«, ja am Ende
wohl gar auch Marx und Herr Dühring »alles Eins«. um die Möglichkeit
solcher simplen Narrheit zu erklären, bleibt nur die Annahme, daß das
bloße Wort Dialektik Herrn Dühring in einen Zustand von Unzurechnungsfähigkeit
versetzt, in dem ihm, einer gewissen Miß- und Mischvorstellung zufolge,
schließlich »alles Eins« ist, was er sagt und tut.

Wir haben hier eine Probe von dem, was Herr Dühring

»
meine
Geschichtszeichnung großen Stils« nennt, oder auch
»das summarische Verfahren, welches mit der Gattung und dem Typus abrechnet, und
sich gar nicht dazu herbeiläßt, das, was ein Hume den Gelehrtenpöbel
nannte, in mikrologischen Einzelnheiten mit einer Bloßstellung zu beehren,
dieses Verfahren im höhern und edlern Stile ist allein mit den Interessen
der vollen Wahrheit und mit den Pflichten gegen das zunftfreie Publikum verträglich«.

Die Geschichtszeichnung großen Stils und das summarische Abrechnen mit
der Gattung und dem Typus ist in der Tat sehr bequem für Herrn Dühring,
indem er dabei alle bestimmten Tatsachen als mikrologisch vernachlässigen,
gleich Null setzen kann, und statt zu beweisen, nur allgemeine Redensarten machen,
zu behaupten und einfach zu verdonnern hat. Dabei

hat sie noch den Vorteil, daß sie dem Gegner keine tatsächlichen Anhaltspunkte
darbietet, daß ihm also fast keine andre Möglichkeit der Antwort bleibt,
als ebenfalls im großen Stil und summarisch darauflos zu behaupten, sich
in allgemeinen Redensarten zu ergehn, und den Herrn Dühring schließlich
wieder zu verdonnern, kurz, wie man sagt, Retourkutsche zu spielen, was nicht
nach jedermanns Geschmack ist. Wir müssen es daher Herrn Dühring Dank
wissen, daß er den höhern und edlern Stil ausnahmsweise verläßt,
um uns wenigstens zwei Beispiele von der verwerflichen Marxschen Logoslehre zu
geben.

»Wie komisch nimmt sich nicht z.B. die Berufung auf die Hegelsche konfuse
Nebelvorstellung aus, daß die Quantität in die Qualität umschlage,
und daß daher ein Vorschuß, wenn er eine gewisse Grenze erreiche,
bloß durch diese quantitative Steigerung zu Kapital werde.«

Das nimmt sich allerdings in dieser von Herrn Dühring »gesäuberten«
Darstellung kurios genug aus. Sehn wir also zu, wie es sich im Original, bei Marx,
ausnimmt. Auf Seite 313 (2. Auflage des »Kapital«) zieht Marx aus der vorhergegangnen
Untersuchung über konstantes und variables Kapital und Mehrwert den Schluß,
daß »nicht jede beliebige Geld- oder Wertsumme in Kapital verwandelbar,
zu dieser Verwandlung vielmehr ein bestimmtes Minimum von Geld oder Tauschwert
in der Hand des einzelnen Geld- oder Warenbesitzers vorausgesetzt ist |Siehe Karl
Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 326
|. Er nimmt nun als Beispiel an, daß in irgendeinem Arbeitszweige
der Arbeiter täglich acht Stunden für sich selbst, d.h. zur Erzeugung
des Werts seines Arbeitslohns, und die folgenden vier Stunden für den Kapitalisten,
zur Erzeugung von, zunächst in dessen Tasche fließendem, Mehrwert arbeite.
Dann muß jemand schon über eine Wertsumme verfügen, die ihm erlaubt,
zwei Arbeiter mit Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn auszustatten, um an
Mehrwert täglich soviel einzustecken, daß er davon so gut leben kann,
wie einer seiner Arbeiter. Und da die kapitalistische Produktion nicht den bloßen
Lebensunterhalt, sondern die Vermehrung des Reichtums zum Zweck hat, so wäre
unser Mann mit seinen beiden Arbeitern immer noch kein Kapitalist. Damit er nun
doppelt so gut lebe wie ein gewöhnlicher Arbeiter und die Hälfte des
produzierten Mehrwerts in Kapital zurückverwandle, müßte er acht
Arbeiter beschäftigen können, also schon das Vierfache der oben angenommnen
Wertsumme besitzen. Und erst nach diesem, und inmitten noch weiterer Ausführungen
zur Beleuchtung und Begründung der Tatsache, daß nicht jede beliebige
kleine Wertsumme hinreicht, um sich in Kapital zu verwandeln, sondern daß dafür jede Entwicklungsperiode und jeder Industriezweig
ihre bestimmten Minimalgrenzen haben, bemerkt Marx: »Hier, wie in der Naturwissenschaft,

bewährt sich
die Richtigkeit des von Hegel in seiner 'Logik' entdeckten
Gesetzes, daß bloß quantitative Veränderungen auf einem gewissen
Punkt in qualitative Unterschiede umschlagen.« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 327

Und nun bewundre man den höhern und edlern Stil, kraft dessen Herr Dühring
Marx das Gegenteil von dem unterschiebt, was er in Wirklichkeit gesagt hat. Marx
sagt: Die Tatsache, daß eine Wertsumme erst dann in Kapital sich verwandeln
kann, sobald sie eine je nach Umständen verschiedne, in jedem einzelnen Fall
aber bestimmte Minimalgröße erreicht hat - diese Tatsache ist ein
Beweis
für die Richtigkeit
des Hegelschen Gesetzes. Herr Dühring läßt
ihn sagen:
Weil
nach dem Hegelschen Gesetz Quantität in Qualität
umschlägt,
»daher«
wird »ein Vorschuß, wenn er eine bestimmte
Grenze erreicht ... zu Kapital«. Also das grade Gegenteil.

Die Sitte, in den »Interessen der vollen Wahrheit« und den »Pflichten gegen
das zunftfreie Publikum« falsch zu zitieren, haben wir schon in Herrn Dührings
Verhandlung in Sachen Darwins kennengelernt. Sie erweist sich mehr und mehr als
innere Notwendigkeit der Wirklichkeitsphilosophie, und ist allerdings ein sehr
»summarisches Verfahren«. Davon gar nicht zu sprechen, daß Herr Dühring
Marx des fernern unterschiebt, er spreche von jedem beliebigen »Vorschuß«,
während es sich hier nur um den einen Vorschuß handelt, der in Rohstoffen,
Arbeitsmitteln und Arbeitslohn gemacht wird; und daß Herr Dühring es
damit fertigbringt, Marx reinen Unsinn sagen zu lassen. Und dann hat er die Stirn,
den von ihm selbst verfertigten Unsinn
komisch
zu finden. Wie er sich einen
Phantasie-Darwin zurechtmachte, um an ihm seine Kraft zu erproben, so hier einen
Phantasie-Marx. »Geschichtszeichnung großen Stils« in der Tat!

Wir haben schon oben gesehn |Siehe
S. 42
|, bei der Weltschematik,
daß mit dieser Hegelschen Knotenlinie von Maßverhältnissen, wo
an gewissen Punkten quantitativer Veränderung plötzlich ein qualitativer
Umschwung eintritt, Herrn Dühring das kleine Malheur passiert war, sie in
einer schwachen Stunde selbst anerkannt und angewandt zu haben. Wir gaben dort
eins der bekanntesten Beispiele - das der Veränderung der Aggregatzustände
des Wassers, das unter Normalluftdruck bei 0° C aus dem flüssigen in den
festen, und bei 100° C aus dem flüssigen in den luftförmigen Zustand
übergeht, wo also an diesen beiden Wendepunkten die bloße quantitative
Veränderung der Temperatur einen qualitativ
veränderten Zustand des Wassers herbeiführt.

Wir hätten aus der Natur wie aus der Menschengesellschaft noch Hunderte
solcher Tatsachen zum Beweis dieses Gesetzes anführen können. So z.B.
handelt in Marx' »Kapital« der ganze vierte Abschnitt: Produktion des relativen
Mehrwerts, auf dem Gebiet der Kooperation, Teilung der Arbeit und Manufaktur,
Maschinerie und großen Industrie, von zahllosen Fällen, wo quantitative
Veränderung die Qualität und ebenso qualitative Veränderung die
Quantität der Dinge ändert, um die es sich handelt, wo also, um den
Herrn Dühring so verhaßten Ausdruck zu gebrauchen, Quantität in
Qualität umschlägt und umgekehrt. So z.B. die Tatsache, daß die
Kooperation Vieler, die Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft,
um mit Marx zu reden, eine »neue Kraftpotenz« erzeugt, die wesentlich verschieden
ist von der Summe ihrer Einzelkräfte |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd.
I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 345
|.

Zum Überfluß hatte Marx noch an der von Herrn Dühring, im Interesse
der vollen Wahrheit, in ihr Gegenteil verkehrten Stelle die Anmerkung gemacht:
»Die in der modernen Chemie angewandte, von Laurent und Gerhardt zuerst wissenschaftlich
entwickelte Molekulartheorie beruht auf keinem andern Gesetz.« |Siehe Karl Marx:
»Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 327, Note
, | Aber was ging das Herrn Dühring an? Wußte er
doch:

»Die eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen Denkweise
fehlen grade da, wo, wie bei Herrn Marx und seinem Rivalen Lassalle, die Halbwissenschaften
und ein wenig Philosophasterei das dürftige Rüstzeug zur gelehrten Aufstutzung
ausmachten« -

während bei Herrn Dühring »die Hauptfeststellungen des exakten Wissens
in Mechanik, Physik und Chemie« usw. zugrunde liegen - wie, das haben wir gesehn.
Damit aber auch dritte Leute in den Stand gesetzt werden, zu entscheiden, wollen
wir das in der Marxschen Note angeführte Exempel etwas näher betrachten.

Es handelt sich hier nämlich um die homologen Reihen von Kohlenstoffverbindungen,
deren man schon sehr viele kennt und deren jede ihre eigne algebraische Zusammensetzungsformel
hat. Wenn wir z.B., wie in der Chemie geschieht, ein Atom Kohlenstoff durch C,
ein Atom Wasserstoff durch H, ein Atom Sauerstoff durch O, die Zahl der in jeder
Verbindung enthaltnen Kohlenstoffatome durch n ausdrücken, so können
wir die Molekularformeln für einige dieser Reihen also darstellen:

C
n
H
2n+2

- Reihe der normalen Paraffine

C
n
H
2n+2
O

- Reihe der primären Alkohole

C
n
H
2n
O
2

- Reihe der einbasischen fetten Säuren.

Nehmen wir als Beispiel die letzte dieser Reihen, und setzen wir nacheinander
n = 1, n = 2, n = 3 usw., so erhalten wir folgende Resultate (mit Auslassung der
Isomeren):

CH
2
O
2

- Ameisensäure

- Siedepunkt

100°

Schmelzpunkt

1°

C
2
H
4
O
2

- Essigsäure

"

118°

"

17°

C
3
H
6
O
2

- Propionsäure

"

140°

"

-

C
4
H
8
O
2

- Buttersäure

"

162°

"

-

C
5
H
10
O
2

- Valeriansäure

"

175°

"

-

und so weiter bis C
20
H
60
O
2
, Melissinsäure,
die erst bei 80° schmilzt, und die gar keinen Siedepunkt hat, weil sie sich überhaupt
nicht ohne Zersetzung verflüchtigt.

Hier sehn wir also eine ganze Reihe von qualitativ verschiednen Körpern,
gebildet durch einfachen quantitativen Zusatz der Elemente, und zwar immer in
demselben Verhältnis. Am reinsten tritt dies da hervor, wo alle Elemente
der Verbindung in gleichem Verhältnis ihre Quantität ändern, so
bei den normalen Paraffinen C
n
H
2n+2
; das unterste ist das
Methan, CH
4
ein Gas; das höchste bekannte, das Hekdekan, C
16
H
34
,
ein fester, farblose Kristalle bildender Körper, der bei 21° schmilzt und
erst bei 278° siedet. In beiden Reihen kommt jedes neue Glied durch den Hinzutritt
von CH
2
, von einem Atom Kohlenstoff und zwei Atomen Wasserstoff zur
Molekularformel des vorigen Gliedes zustande, und diese quantitative Veränderung
der Molekularformel bringt jedesmal einen qualitativ verschiednen Körper
hervor.

Jene Reihen sind aber nur ein besonders handgreifliches Beispiel; fast überall
in der Chemie, schon bei den verschiednen Oxyden des Stickstoffs, in den verschiednen
Sauerstoffsäuren des Phosphors oder Schwefels kann man sehn, wie »Quantität
in Qualität umschlägt« und diese angebliche Hegelsche konfuse Nebelvorstellung
in den Dingen und Vorgängen sozusagen leibhaft anzutreffen ist, wobei indes
niemand konfus und benebelt bleibt außer Herrn Dühring. Und wenn Marx
der erste ist, der hierauf aufmerksam machte, und wenn Herr Dühring diesen
Hinweis liest, ohne ihn auch nur zu verstehn (denn sonst hätte er diesen
unerhörten Frevel gewiß nicht so hingehn lassen), so reicht dies hin,
um auch ohne Rückblick auf die ruhmvolle Dühringsche Naturphilosophie
klarzustellen, wem »die eminent modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen
Denkweise«

fehlen, Marx oder Herrn Dühring,
und wem die Bekanntschaft mit den »Hauptfeststellungen ... der Chemie«.

Zum Schluß wollen wir noch einen Zeugen für das Umschlagen von Quantität
in Qualität anrufen, nämlich Napoleon. Dieser beschreibt das Gefecht
der schlechtreitenden, aber disziplinierten französischen Kavallerie mit
den Mameluken, der für das Einzelgefecht unbedingt besten, aber undisziplinierten
Reiterei ihrer Zeit, wie folgt:

»Zwei Mameluken waren drei Franzosen unbedingt überlegen; 100 Mameluken
standen 100 Franzosen gleich; 300 Franzosen waren 300 Mameluken gewöhnlich
überlegen, 1.000 Franzosen warfen jedesmal 1.500 Mameluken.«

Grade wie bei Marx eine bestimmte, wenn auch veränderliche. Minimalgröße
der Tauschwertsumme nötig war, um ihren Übergang in Kapital zu ermöglichen,
gradeso ist bei Napoleon eine bestimmte Minimalgröße der Reiterabteilung
nötig, um der in der geschlossenen Ordnung und planmäßigen Verwendbarkeit
liegenden Kraft der Disziplin zu erlauben, sichtbar zu werden und sich zu steigern
bis zur Überlegenheit selbst über größere Massen besser berittner,
gewandter reitender und fechtender, und mindestens ebenso tapfrer irregulärer
Kavallerie. Aber was beweist das gegen Herrn Dühring? Ist Napoleon nicht
elendiglich im Kampf mit Europa erlegen? Hat er nicht Niederlage auf Niederlage
erlitten? Und weshalb? Einzig infolge seiner Einführung der konfusen Hegelschen
Nebelvorstellung in die Taktik der Kavallerie!

## XIII. Dialektik. Negation der Negation

»Diese historische Skizze« (der Genesis der sogenannten ursprünglichen
Kapitalakkumulation in England) »ist noch das verhältnismäßig
beste in dem Marxschen Buch und würde noch besser sein, wenn sie sich außer
auf der gelehrten nicht auch noch auf der dialektischen Krücke fortgeholfen
hätte. Die Hegelsche Negation der Negation muß hier nämlich in
Ermanglung besserer und klarerer Mittel den Hebammendienst leisten, durch welchen
die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit entbunden wird. Die Aufhebung
des individuellen Eigentums, die sich in der angedeuteten Weise seit dem 16. Jahrhundert
vollzogen hat, ist die erste Verneinung. Ihr wird eine zweite folgen, die sich
als Verneinung der Verneinung und mithin als Wiederherstellung des 'individuellen
Eigentums', aber in einer höhern, auf Gemeinbesitz des Bodens und der Arbeitsmittel
gegründeten Form charakterisiert. Wenn dieses neue 'individuelle Eigentum'
bei Herrn Marx auch zugleich 'gesellschaftliches Eigentum' genannt worden ist,
so zeigt sich ja hierin die Hegelsche höhere Einheit, in welcher der Widerspruch
aufgehoben, nämlich der Wortspielerei gemäß sowohl überwunden
als aufbewahrt sein

soll ... Die Enteignung der
Enteigner ist hiernach das gleichsam automatische Ergebnis der geschichtlichen
Wirklichkeit in ihren materiell äußerlichen Verhältnissen ...
Auf den Kredit Hegelscher Flausen, wie die Negation der Negation eine ist, möchte
sich schwerlich ein besonnener Mann von der Notwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität
überzeugen lassen ... Die nebelhafte Zwittergestalt der Marxschen Vorstellungen
wird übrigens den nicht befremden, der da weiß, was mit der Hegel-Dialektik
als wissenschaftlicher Grundlage gereimt werden kann oder vielmehr an Ungereimtheiten
herauskommen muß. Für den Nichtkenner dieser Künste ist ausdrücklich
zu bemerken, daß die erste Negation bei Hegel der Katechismusbegriff des
Sündenfalls, und die zweite derjenige einer zur Erlösung hinführenden
höheren Einheit ist. Auf diese Analogieschnurre hin, die dem Gebiet der Religion
entlehnt ist, möchte nun wohl die Logik der Tatsachen nicht zu gründen
sein ... Herr Marx bleibt getrost in der Nebelwelt seines zugleich individuellen
und gesellschaftlichen Eigentums und überläßt es seinen Adepten,
sich das tiefsinnige dialektische Rätsel selber zu lösen.«

Soweit Herr Dühring.

Also Marx kann die Notwendigkeit der sozialen Revolution, der Herstellung einer
auf Gemeineigentum der Erde und der durch Arbeit erzeugten Produktionsmittel nicht
anders beweisen als dadurch, daß er sich auf die Hegelsche Negation der
Negation beruft; und indem er seine sozialistische Theorie auf diese der Religion
entlehnte Analogieschnurre gründet, kommt er zu dem Resultat, daß in
der künftigen Gesellschaft ein zugleich individuelles und gesellschaftliches
Eigentum als Hegelsche höhere Einheit des aufgehobnen Widerspruchs herrschen
wird.

Lassen wir zunächst die Negation der Negation auf sich beruhn, und besehn
wir uns das »zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigentum«. dies wird
von Herrn Dühring als eine »Nebelwelt« bezeichnet, und er hat darin merkwürdigerweise
wirklich recht. Es ist aber leider nicht Marx, der sich in dieser Nebelwelt befindet,
sondern wiederum Herr Dühring selbst. Wie er nämlich schon oben vermittelst
seiner Gewandtheit in der Hegelschen Methode des »Delirierens« ohne Mühe
feststellen konnte, was die noch unvollendeten Bände des »Kapital« enthalten
müssen, so kann er auch hier ohne große Mühe Marx nach Hegel berichtigen,
indem er ihm die höhere Einheit eines Eigentums unterschiebt, von der Marx
kein Wort gesagt hat.

Bei Marx heißt es: »Es ist Negation der Negation. Diese stellt das individuelle
Eigentum wieder her, aber auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen
Ära, der Kooperation freier Arbeiter und ihrem Gemeineigentum an der Erde
und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. Die Verwandlung
des auf eigner Arbeit beruhenden, zersplitterten Privateigentums der Individuen
in kapitalistisches ist natürlich

ein Prozeß,
ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des faktisch
bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen
Privateigentums in gesellschaftliches Eigentum.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 791
| Das ist alles. Der durch die Enteignung der Enteigner hergestellte
Zustand wird also bezeichnet als die Wiederherstellung des individuellen Eigentums
aber
auf Grundlage
des gesellschaftlichen Eigentums an der Erde und den
durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln. Für jeden, der Deutsch
versteht, heißt dies, daß das gesellschaftliche Eigentum sich auf
die Erde und die andern Produktionsmittel erstreckt und das individuelle Eigentum
auf die Produkte, also auf die Verbrauchsgegenstände. Und damit die Sache
auch für Kinder von sechs Jahren faßlich werde, unterstellt Marx auf
Seite 56 einen »Verein freier Menschen, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln
arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als
eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben«, also einen sozialistisch organisierten
Verein, und sagt: »Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt.
Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel.
Er bleibt gesellschaftlich.

Aber ein andrer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsmitgliedern verzehrt.

Er muß daher unter sie verteilt werden.
« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 92/93
| Und das ist doch wohl klar genug, selbst für den verhegelten
Kopf des Herrn Dühring.

Das zugleich individuelle und gesellschaftliche Eigentum, diese konfuse Zwittergestalt,
diese bei der Hegel-Dialektik herauskommen müssende Ungereimtheit, diese
Nebelwelt, dies tiefsinnige dialektische Rätsel, das Marx seinen Adepten
zu lösen überläßt - es ist abermals eine freie Schöpfung
und Imagination des Herrn Dühring. Marx, als angeblicher Hegelianer ist verpflichtet,
als Resultat der Negation der Negation eine richtige höhere Einheit zu liefern,
und da er dies nicht nach dem Geschmack des Herrn Dühring tut, so muß
dieser wiederum in höhern und edlern Stil verfallen, und Marx im Interesse
der vollen Wahrheit Dinge unterschieben, die Herrn Dührings eigenstes Fabrikat
sind. Ein Mann, der so total unfähig ist, auch nur ausnahmsweise richtig
zu zitieren, mag wohl in sittliche Entrüstung geraten gegenüber der
»Chinesengelehrsamkeit« andrer Leute, die ausnahmslos richtig zitieren, aber eben
dadurch »den Mangel einer Einsicht in das Ideenganze der jedesmal angeführten
Schriftsteller schlecht verdecken«. Herr Dühring hat recht. Es lebe die Geschichtszeichnung
großen Stils!

Bisher sind wir von der Voraussetzung ausgegangen, Herrn Dührings hartnäckiges
Falschzitieren sei wenigstens in gutem Glauben geschehn und

beruhe entweder auf einer ihm eignen totalen Unfähigkeit des Verständnisses,
oder aber auf einer, der Geschichtszeichnung großen Stils eigentümlichen
und sonst wohl als liederlich bezeichneten Gewohnheit, aus dem Gedächtnis
anzuführen. Es scheint aber, daß wir hier an dem Punkt angekommen sind,
wo auch bei Herrn Dühring die Quantität in die Qualität umschlägt.
Denn wenn wir erwägen, daß erstens die Stelle bei Marx an sich vollkommen
klar und zudem noch durch eine andre platterdings kein Mißverständnis
zulassende Stelle desselben Buchs ergänzt wird; daß zweitens weder
in der oben angerührten Kritik des »Kapital« in den »Ergänzungsblättern«,
noch auch in derjenigen in der ersten Auflage der »Kritischen Geschichte« Herr
Dühring dies Ungeheuer von »zugleich individuellem und gesellschaftlichem
Eigentum« entdeckt hatte, sondern erst in der zweiten Auflage, also bei
dritter

Lesung; daß in dieser sozialistisch umgearbeiteten, zweiten Auflage Herr
Dühring es nötig hatte, Marx über die zukünftige Organisation
der Gesellschaft möglichst großen Blödsinn sagen zu lassen, um
dagegen - wie er auch tut - »die Wirtschaftskommune, die
ich
in meinem
'Cursus' ökonomisch und juristisch skizziert habe«, um so triumphierender
vorführen zu können - wenn wir das alles erwägen, so wird uns der
Schluß aufgedrängt, daß Herr Dühring uns hier fast zur Annahme
zwingt, er habe hier den Marxschen Gedanken mit Vorbedacht »wohltätig erweitert«
- wohltätig für Herrn Dühring.

Welche Rolle spielt nun bei Marx die Negation der Negation? Auf Seite 791 u.ff.
stellt er die Schlußergebnisse der auf den vorhergehenden fünfzig Seiten
durchgeführten ökonomischen und geschichtlichen Untersuchung über
die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals zusammen. Vor der
kapitalistischen Ära fand, wenigstens in England, Kleinbetrieb statt, auf
Grundlage des Privateigentums des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln. Die
sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals bestand hier in der Expropriation
dieser unmittelbaren Produzenten, d.h. in der Auflösung des auf eigner Arbeit
beruhenden Privateigentums. Dies wurde möglich, weil der obige Kleinbetrieb
nur verträglich ist mit engen, naturwüchsigen Schranken der Produktion
und der Gesellschaft und auf einem gewissen Höhegrad daher die materiellen
Mittel seiner eignen Vernichtung zur Welt bringt. Diese Vernichtung, die Verwandlung
der individuellen und zersplitterten Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte,
bildet die Vorgeschichte des Kapitals. Sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre
Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise
auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der
Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und

andern
Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer,
eine neue Form. »Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende
Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation
vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion
selbst, durch die Konzentration der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele
tot. Hand in Hand mit dieser Konzentration oder der Expropriation vieler Kapitalisten
durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets
wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft,
die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel
in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Ökonomisierung aller
Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als gemeinsame Produktionsmittel kombinierter,
gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten,
welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren,
wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation,
der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch
den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten
und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapital |in der 2. Auflage des »Kapital«
(1872): Kapitalmonopol| wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter
ihm aufgeblüht ist. Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung
der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen
Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums
schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.« |Siehe Karl Marx, »Das
Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 790/791

Und nun frage ich den Leser: Wo sind die dialektisch-krausen Verschlingungen
und Vorstellungsarabesken, wo die Misch- und Mißvorstellung, derzufolge
schließlich alles eins ist, wo die dialektischen Wunder für die Gläubigen,
wo der dialektische Geheimniskram und die Verschlingungen nach Maßgabe der
Hegelschen Logoslehre, ohne die Marx, nach Herrn Dühring, seine Entwicklung
nicht zustande bringen kann? Marx weist einfach historisch nach und faßt
hier kurz zusammen, daß grade, wie einst der Kleinbetrieb durch seine eigne
Entwicklung die Bedingungen seiner Vernichtung, d.h. der Enteignung der kleinen
Eigentümer, mit Notwendigkeit erzeugte, so jetzt die kapitalistische Produktionsweise
ebenfalls die materiellen Bedingungen selbst erzeugt hat, an denen sie zugrunde
gehn muß. Der Prozeß ist ein geschichtlicher, und wenn er zugleich
ein dialektischer ist, so ist das nicht die Schuld von Marx, so fatal es Herrn
Dühring sein mag.

Erst jetzt, nachdem Marx mit seinem historisch-ökonomischen
Beweis fertig ist, fährt er fort: »Die kapitalistische Produktions- und Aneignungsweise,
daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen,
auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Die Negation der kapitalistischen
Produktion wird durch sie selbst, mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses,
produziert. Es ist Negation der Negation« usw. (wie vorher zitiert) |Siehe Karl
Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 791
|.

Indem Marx also den Vorgang als Negation der Negation bezeichnet, denkt er
nicht daran, ihn dadurch beweisen zu wollen als einen geschichtlich notwendigen.
Im Gegenteil: Nachdem er geschichtlich bewiesen hat, daß der Vorgang in
der Tat teils sich ereignet hat, teils noch sich ereignen muß, bezeichnet
er ihn zudem als einen Vorgang, der sich nach einem bestimmten dialektischen Gesetz
vollzieht. Das ist alles. Es ist also wieder eine reine Unterschiebung des Herrn
Dühring, wenn er behauptet, die Negation der Negation müsse hier die
Hebammendienste leisten, durch welche die Zukunft aus dem Schoß der Vergangenheit
entbunden wird, oder daß Marx verlange, man solle auf den Kredit der Negation
der Negation hin sich von der Notwendigkeit der Boden- und Kapitalkommunität
(welche selbst ein Dühringscher leibhafter Widerspruch ist) überzeugen
lassen.

Es ist schon ein totaler Mangel an Einsicht in die Natur der Dialektik, wenn
Herr Dühring sie für ein Instrument des bloßen Beweisens hält,
wie man etwa die formelle Logik oder die elementare Mathematik beschränkterweise
so auffassen kann. Selbst die formelle Logik ist vor allem Methode zur Auffindung
neuer Resultate, zum Fortschreiten vom Bekannten zum Unbekannten, und dasselbe,
nur in weit eminenterem Sinne, ist die Dialektik, die zudem, weil sie den engen
Horizont der formellen Logik durchbricht, den Keim einer umfassenderen Weltanschauung
enthält. In der Mathematik liegt dasselbe Verhältnis vor. Die elementare
Mathematik, die Mathematik der konstanten Größen bewegt sich innerhalb
der Schranken der formellen Logik, wenigstens im ganzen und großen; die
Mathematik der variablen Größen, deren bedeutendsten Teil die Infinitesimalrechnung
bildet, ist wesentlich nichts andres als die Anwendung der Dialektik auf mathematische
Verhältnisse. Das bloßem Beweisen tritt hier entschieden in den Hintergrund
gegenüber der mannigfachen Anwendung der Methode auf neue Untersuchungsgebiete.
Aber fast alle Beweise der höhern Mathematik, von den ersten der Differentialrechnung
an, sind vom Standpunkt der

Elementarmathematik
aus, streng genommen, falsch. Dies kann nicht anders sein, wenn man, wie hier
geschieht, die auf dialektischem Gebiet gewonnenen Resultate vermittelst der formellen
Logik beweisen will. Für einen krassen Metaphysiker, wie Herr Dühring,
vermittelst der bloßen Dialektik etwas beweisen zu wollen, wäre dieselbe
verlorne Mühe, die Leibniz und seine Schüler hatten, den damaligen Mathematikern
die Sätze der Infinitesimalrechnung zu beweisen. Das Differential verursachte
ihnen dieselben Krämpfe wie dem Herrn Dühring die Negation der Negation,
in der es übrigens, wie wir sehn werden, auch eine Rolle spielt. Die Herren
gaben zuletzt, soweit sie inzwischen nicht starben, knurrend nach, nicht weil
sie überzeugt waren, sondern weil es immer richtig herauskam. Herr Dühring
ist, wie er selbst sagt, erst in den Vierzigen, und wenn er das hohe Alter erreicht,
das wir ihm wünschen, so kann er auch noch dasselbe erleben.

Aber was ist denn diese schreckliche Negation der Negation, die Herrn Dühring
das Leben so sauer macht, die bei ihm dieselbe Rolle des unverzeihlichen Verbrechens
spielt, wie im Christentum die Sünde wider den heiligen Geist? - Eine sehr
einfache, überall und täglich sich vollziehende Prozedur, die jedes
Kind verstehn kann, sobald man den Geheimniskram abstreift, unter dem die alte
idealistische Philosophie sie verhüllte, und unter dem sie ferner zu verhüllen
das Interesse hülfloser Metaphysiker vom Schlage des Herrn Dühring ist.
Nehmen wir ein Gerstenkorn. Billionen solcher Gerstenkörner werden vermahlen,
verkocht und verbraut, und dann verzehrt. Aber findet solch ein Gerstenkorn die
für es normalen Bedingungen vor, fällt es auf günstigen Boden,
so geht unter dem Einfluß der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne
Veränderung mit ihm vor, es keimt; das Korn vergeht als solches, wird negiert,
an seine Stelle tritt die aus ihm entstandne Pflanze, die Negation des Korns.
Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst, blüht,
wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner, und
sobald diese gereift, stirbt der Halm ab, wird seinerseits negiert. Als Resultat
dieser Negation der Negation haben wir wieder das anfängliche Gerstenkorn,
aber nicht einfach, sondern in zehn-, zwanzig-, dreißigfacher Anzahl. Getreidearten
verändern sich äußerst langsam, und so bleibt sich die Gerste
von heute ziemlich gleich mit der von vor hundert Jahren. Nehmen wir aber eine
bildsame Zierpflanze, z.B. eine Dahlia oder Orchidee; behandeln wir den Samen
und die aus ihm entstehende Pflanze nach der Kunst des Gärtners, so erhalten
wir als Ergebnis dieser Negation der Negation nicht nur mehr Samen, sondern auch
qualitativ verbesserten Samen, der schönere Blumen erzeugt, und jede

Wiederholung dieses Prozesses, jede neue Negation der Negation steigert diese
Vervollkommnung. - Ähnlich wie beim Gerstenkorn vollzieht sich dieser Prozeß
bei den meisten Insekten, z.B. Schmetterlingen. Sie entstehn aus dem Ei durch
Negation des Ei's, machen ihre Verwandlungen durch bis zur Geschlechtsreife, begatten
sich und werden wieder negiert, indem sie sterben, sobald der Gattungsprozeß
vollendet und das Weibchen seine zahlreichen Eier gelegt hat. Daß bei andern
Pflanzen und Tieren der Vorgang nicht in dieser Einfachheit sich erledigt, daß
sie nicht nur einmal, sondern mehrmal Samen, Eier oder Junge produzieren, ehe
sie absterben, geht uns hier noch nichts an; wir haben hier nur nachzuweisen,
daß die Negation der Negation in den beiden Reichen der organischen Welt

wirklich vorkommt
. Ferner ist die ganze Geologie eine Reihe von negierten
Negationen, eine Reihe von aufeinanderfolgenden Zertrümmerungen alter und
Ablagerungen neuer Gesteinsformationen. Zuerst wird die ursprüngliche, aus
der Abkühlung der flüssigen Masse entstandne Erdkruste durch ozeanische,
meteorologische und atmosphärisch-chemische Einwirkung zerkleinert und diese
zerkleinerten Massen auf dem Meeresboden geschichtet. Lokale Hebungen des Meeresbodens
über den Meeresspiegel setzen Teile dieser ersten Schichtung von neuem den
Einwirkungen des Regens, der wechselnden Warme der Jahreszeiten, des Sauerstoffs
und der Kohlensäure der Atmosphäre aus; denselben Einwirkungen unterliegen
die aus dem Erdinnern hervor- und die Schichten durchbrechenden geschmolzenen
und nachher abgekühlten Steinmassen. Millionen von Jahrhunderten hindurch
werden so immer neue Schichten gebildet, immer wieder größtenteils
zerstört und immer wieder als Bildungsstoff für neue Schichten verwendet.
Aber das Ergebnis ist ein sehr positives: die Herstellung eines aus den verschiedensten
chemischen Elementen gemischten Bodens in einem Zustand mechanischer Zerkleinerung,
der die massenhafteste und verschiedenartigste Vegetation zuläßt.

Ebenso in der Mathematik. Nehmen wir eine beliebige algebraische Größe,
also
a
. Negieren wir sie, so haben wir -
a
(minus
a
). Negieren
wir diese Negation, indem wir -
a
mit -
a
multiplizieren, so haben
wir +
a
2
, d.h. die ursprüngliche positive Große, aber
auf einer höhern Stufe, nämlich auf der zweiten Potenz. Auch hier macht
es nichts aus, daß wir dasselbe
a
2
dadurch erlangen können,
daß wir das positive
a
mit sich selbst multiplizieren und dadurch
auch
a
2
erhalten. Denn die negierte Negation sitzt so fest in
dem
a
2
, daß es unter allen Umständen zwei Quadratwurzeln
hat, nämlich
a
und -
a
. Und diese Unmöglichkeit, die negierte
Negation, die im Quadrat enthaltne negative Wurzel loszuwerden, bekommt eine sehr

handgreifliche Bedeutung schon bei den quadratischen
Gleichungen. - Noch schlagender tritt die Negation der Negation hervor bei der
höhern Analyse, bei jenen »Summationen unbeschränkt kleiner Größen«,
die Herr Dühring selbst für die höchsten Operationen der Mathematik
erklärt und die man in gewöhnlicher Sprache Differential- und Integralrechnung
nennt. Wie vollziehn sich diese Rechnungsarten? Ich habe z.B. in einer bestimmten
Aufgabe zwei veränderliche Größen x und y, von denen sich die
eine nicht verändern kann, ohne daß die andre sich in einem durch die
Sachlage bestimmten Verhältnis mitverändert. Ich differenziere
x

und
y
, d.h. ich nehme
x
und
y
so unendlich klein an, daß
sie gegen jede noch so kleine wirkliche Größe verschwinden, daß
von
x
und
y
nichts bleibt als ihr gegenseitiges Verhältnis,
aber ohne alle sozusagen materielle Grundlage, ein quantitatives Verhältnis
ohne alle Quantität.
dx
/
dy
, das Verhältnis der
beiden Differentiale von
x
und
y
ist also =
0
/
0
,
aber
0
/
0
gesetzt als der Ausdruck von
x
/
y
.
Daß dies Verhältnis zwischen zwei verschwundnen Größen,
der fixierte Moment ihres Verschwindens, ein Widerspruch ist, erwähne ich
nur nebenbei; es kann uns aber ebensowenig stören, wie es die Mathematik
überhaupt seit fast zweihundert Jahren gestört hat. Was anders also
habe ich getan, als daß ich
x
und
y
negiert habe, aber negiert
nicht so, daß ich mich nicht mehr um sie kümmere, wie die Metaphysik
negiert, sondern in der der Sachlage entsprechenden Weise? Statt
x
und

y
habe ich also ihre Negation,
dx
und
dy
in den mir vorliegenden
Formeln oder Gleichungen. Ich rechne nun mit diesen Formeln weiter, behandle
dx

und
dy
als wirkliche, wenn auch gewissen Ausnahmsgesetzen unterworfne Größen,
und an einem gewissen Punkt -
negiere ich die Negation
, d.h. ich integriere
die Differentialformel, bekomme statt
dx
und
dy
wieder die wirklichen
Größen
x
und
y
und bin dann nicht etwa wieder so weit
wie am Anfang, sondern ich habe damit die Aufgabe gelöst, an der die gewöhnliche
Geometrie und Algebra sich vielleicht umsonst die Zähne ausgebissen hätten.

Nicht anders in der Geschichte. Alle Kulturvölker fangen an mit dem Gemeineigentum
am Boden. Bei allen Völkern, die über eine gewisse ursprüngliche
Stufe hinausgehn, wird dies Gemeineigentum im Lauf der Entwicklung des Ackerbaus
eine Fessel für die Produktion. Es wird aufgehoben, negiert, nach kürzern
oder längern Zwischenstufen in Privateigentum verwandelt. Aber auf höherer,
durch das Privateigentum am Boden selbst herbeigeführter Entwicklungsstufe
des Ackerbaus wird umgekehrt das Privateigentum eine Fessel für die Produktion
- wie dies heute

der Fall ist sowohl mit dem kleinen
wie mit dem großen Grundbesitz. Die Forderung, es ebenfalls zu negieren,
es wieder in Gemeingut zu verwandeln, tritt mit Notwendigkeit hervor. Aber diese
Forderung bedeutet nicht die Wiederherstellung des altursprünglichen Gemeineigentums,
sondern die Herstellung einer weit höhern, entwickeltern Form von Gemeinbesitz,
die, weit entfernt der Produktion eine Schranke zu werden, sie vielmehr erst entfesseln
und ihr die volle Ausnutzung der modernen chemischen Entdeckungen und mechanischen
Erfindungen gestatten wird.

Oder aber: Die antike Philosophie war ursprünglicher, naturwüchsiger
Materialismus. Als solcher war sie unfähig, mit dem Verhältnis des Denkens
zur Materie ins reine zu kommen. Die Notwendigkeit aber, hierüber klarzuwerden,
führte zur Lehre von einer vom Körper trennbaren Seele, dann zu der
Behauptung der Unsterblichkeit dieser Seele, endlich zum Monotheismus. Der alte
Materialismus wurde also negiert durch den Idealismus. Aber in der weitern Entwicklung
der Philosophie wurde auch der Idealismus unhaltbar und negiert durch den modernen
Materialismus. Dieser, die Negation der Negation, ist nicht die bloße Wiedereinsetzung
des alten, sondern fügt zu den bleibenden Grundlagen desselben noch den ganzen
Gedankeninhalt einer zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie und
Naturwissenschaft, sowie dieser zweitausendjährigen Geschichte selbst. Es
ist überhaupt keine Philosophie mehr, sondern eine einfache Weltanschauung,
die sich nicht in einer aparten Wissenschaftswissenschaft, sondern in den wirklichen
Wissenschaften zu bewähren und zu betätigen hat. Die Philosophie ist
hier also »aufgehoben«, das heißt »sowohl überwunden als aufbewahrt«;
überwunden, ihrer Form, aufbewahrt, ihrem wirklichen Inhalt nach. Wo Herr
Dühring nur »Wortspielerei« sieht, findet sich also, bei genauerem Zusehn,
ein wirklicher Inhalt.

Endlich: Sogar die Rousseausche Gleichheitslehre, von der die Dühringsche
nur ein matter, verfälschter Abklatsch ist, kommt nicht zustande, ohne daß
die Hegelsche Negation der Negation - und noch dazu fast zwanzig Jahre vor Hegels
Geburt - Hebammendienste leisten muß. Und weit entfernt, sich dessen zu
schämen, trägt sie in ihrer ersten Darstellung den Stempel ihrer dialektischen
Abstammung fast prunkend zur Schau. Im Zustand der Natur und der Wildheit waren
die Menschen gleich; und da Rousseau schon die Sprache als eine Fälschung
des Naturzustandes ansieht, so hat er vollkommen recht, die Gleichheit der Tiere
Einer Art, soweit diese reicht, auch auf diese, neuerdings von Haeckel als Alali,
Sprachlose, hypothetisch klassifizierten Tiermenschen anzuwenden. Aber diese gleichen
Tiermenschen hatten vor den übrigen Tieren eine Eigenschaft voraus: die

Perfektibilität, die Fähigkeit, sich weiter zu entwickeln; und diese
wurde die Ursache der Ungleichheit. Rousseau sieht also in der Entstehung der
Ungleichheit einen Fortschritt. Aber dieser Fortschritt war antagonistisch, er
war zugleich ein Rückschritt.

»Alle weitern Fortschritte« (über den Urzustand hinaus) »waren
ebensoviel Schritte scheinbar zur
Vervollkommnung des Einzelmenschen
, in
der Tat aber zum
Verfall der Gattung
... Die Metallbearbeitung und der
Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese große Revolution
hervorrief« (die Umwandlung des Urwaldes in kultiviertes Land, aber auch die Einführung
des Elends und der Knechtschaft vermittelst des Eigentums). »Für den Dichter
haben Gold und Silber, für den Philosophen haben Eisen und Korn die
Menschen

zivilisiert und das Menschen
geschlecht
ruiniert.« |Alle Hervorhebungen
von Engels|

Jeder neue Fortschritt der Zivilisation ist zugleich ein neuer Fortschritt
der Ungleichheit. Alle Einrichtungen, die sich die mit der Zivilisation entstandne
Gesellschaft gibt, schlagen in das Gegenteil ihres ursprünglichen Zwecks
um.

»Es ist unbestreitbar und Grundgesetz des ganzen Staatsrechts, daß
die Völker sich Fürsten gegeben haben, um ihre Freiheit zu schützen,
nicht aber sie zu vernichten.«

Und dennoch werden diese Fürsten mit Notwendigkeit die Unterdrücker
der Völker und steigern diese Unterdrückung bis auf den Punkt, wo die
Ungleichheit, auf die äußerste Spitze getrieben, wieder in ihr Gegenteil
umschlägt, Ursache der Gleichheit wird: vor dem Despoten sind alle gleich,
nämlich gleich Null.

»Hier ist der äußerste Grad der Ungleichheit,
der Endpunkt
,

der den Kreis schließt und den Punkt berührt
,
von dem wir
ausgegangen sind
: hier werden alle Privatleute gleich, weil sie eben nichts
sind, und die Untertanen kein andres Gesetz mehr haben als den Willen des Herrn.«
Aber der Despot ist nur Herr, solange er die Gewalt hat, und deswegen kann er,
sobald man »ihn vertreibt, sich nicht gegen die Gewalt beklagen ... Die Gewalt
erhielt ihn, die Gewalt wirft ihn um, alles geht seinen richtigen naturgemäßen
Gang.« |Alle Hervorhebungen von Engels|

Und so schlägt die Ungleichheit wieder um in Gleichheit, aber nicht in
die alte naturwüchsige Gleichheit der sprachlosen Urmenschen, sondern in
die höhere des Gesellschaftsvertrags. Die Unterdrücker werden unterdrückt.
Es ist Negation der Negation.

Wir haben hier also schon bei Rousseau nicht nur einen Gedankengang, der dem
in Marx' »Kapital« verfolgten auf ein Haar gleicht, sondern auch

im einzelnen eine ganze Reihe derselben dialektischen Wendungen, deren Marx sich
bedient: Prozesse, die ihrer Natur nach antagonistisch sind, einen Widerspruch
in sich enthalten, Umschlagen eines Extrems in sein Gegenteil, endlich als Kern
des Ganzen die Negation der Negation. Wenn Rousseau also 1754 den Hegel-Jargon
noch nicht sprechen konnte, so ist er doch, 16 Jahre vor Hegels Geburt, tief von
der Hegel-Seuche, Widerspruchsdialektik, Logoslehre, Theologik usw. angefressen.
Und wenn Herr Dühring in seiner Verseichtigung der Rousseauschen Gleichheitstheorie
mit seinen siegreichen zwei Männern operiert, so ist er auch schon auf der
schiefen Ebene, auf der er rettungslos der Negation der Negation in die Arme rutscht.
Der Zustand, in dem die Gleichheit der beiden Männer floriert, und der auch
wohl als ein Idealzustand dargestellt wird, ist auf Seite 271 der »Philosophie«
als »Urzustand« bezeichnet. Dieser Urzustand wird aber nach Seite 279 notwendigerweise
durch das »Raubsystem« aufgehoben - erste Negation. Aber wir sind jetzt, dank
der Wirklichkeitsphilosophie, dahin gekommen, daß wir das Raubsystem abschaffen
und an seiner Stelle die von Herrn Dühring erfundne, auf Gleichheit beruhende
Wirtschaftskommune einführen - Negation der Negation, Gleichheit auf höherer
Stufe. Ergötzliches, den Gesichtskreis wohltätig erweiterndes Schauspiel,
wie Herr Dühring das Kapitalverbrechen der Negation der Negation Allerhöchstselbst
begeht!

Was ist also die Negation der Negation? Ein äußerst allgemeines
und eben deswegen äußerst weitwirkendes und wichtiges Entwicklungsgesetz
der Natur, der Geschichte und des Denkens; ein Gesetz, das, wie wir gesehn, in
der Tier- und Pflanzenwelt, in der Geologie, in der Mathematik, m der Geschichte,
in der Philosophie zur Geltung kommt und dem selbst Herr Dühring trotz allen
Sperrens und Zerrens, ohne es zu wissen, in seiner Weise nachkommen muß.
Es versteht sich von selbst, daß ich über den
besondern
Entwicklungsprozeß,
den z.B. das Gerstenkorn von der Keimung bis zum Absterben der fruchttragenden
Pflanze durchmacht, gar nichts sage, wenn ich sage, es ist Negation der Negation.
Denn da die Integralrechnung ebenfalls Negation der Negation ist, würde ich
mit der entgegengesetzten Behauptung nur den Unsinn behaupten, der Lebensprozeß
eines Gerstenhalms sei Integralrechnung oder meinetwegen auch Sozialismus. Das
ist es aber, was die Metaphysiker der Dialektik fortwährend in die Schuhe
schieben. Wenn ich von all diesen Prozessen sage, sie sind Negation der Negation,
so fasse ich sie allesamt unter dies eine Bewegungsgesetz zusammen, und lasse
ebendeswegen die Besonderheiten jedes einzelnen Spezialprozesses unbeachtet. Die
Dialektik ist aber weiter nichts als die

Wissenschaft
von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft
und des Denkens.

Nun kann man aber einwenden: Die hier vollzogne Negation ist gar keine richtige
Negation: ich negiere ein Gerstenkorn auch, wenn ich's vermahle, ein Insekt, wenn
ich's zertrete, die positive Größe
a
, wenn ich sie ausstreiche
usw. Oder ich negiere den Satz: die Rose ist eine Rose, wenn ich sage: die Rose
ist keine Rose; und was kommt dabei heraus, wenn ich diese Negation wieder negiere
und sage: die Rose ist aber doch eine Rose? - Diese Einwendungen sind in der Tat
die Hauptargumente der Metaphysiker gegen die Dialektik und ganz dieser Borniertheit
des Denkens würdig. Negieren in der Dialektik heißt nicht einfach nein
sagen, oder ein Ding für nicht bestehend erklären, oder es in beliebiger
Weise zerstören. Schon Spinoza sagt: Omnis determinatio est negatio, jede
Begrenzung oder Bestimmung ist zugleich eine Negation. Und ferner ist die Art
der Negation hier bestimmt erstens durch die allgemeine und zweitens die besondre
Natur des Prozesses. Ich soll nicht nur negieren, sondern auch die Negation wieder
aufheben. Ich muß also die erste Negation so einrichten, daß die zweite
möglich bleibt oder wird. Wie? Je nach der besondern Natur jedes einzelnen
Falls. Vermahle ich ein Gerstenkorn, zertrete ich ein Insekt, so habe ich zwar
den ersten Akt vollzogen, aber den zweiten unmöglich gemacht. Jede Art von
Dingen hat also ihre eigentümliche Art, so negiert zu werden, daß eine
Entwicklung dabei herauskommt, und ebenso jede Art von Vorstellungen und Begriffen.
In der Infinitesimalrechnung wird anders negiert als in der Herstellung positiver
Potenzen aus negativen Wurzeln. Das will gelernt sein, wie alles andre. Mit der
bloßen Kenntnis, daß Gerstenhalm und Infinitesimalrechnung unter die
Negation der Negation fallen, kann ich weder erfolgreich Gerste bauen, noch differenzieren
und integrieren, ebensowenig wie ich mit den bloßen Gesetzen der Tonbestimmung
durch die Dimensionen der Saiten ohne weiteres Violine spielen kann. - Es ist
aber klar, daß bei einer Negationsnegierung, die in der kindischen Beschäftigung
besteht,
a
abwechselnd zu setzen und wieder auszustreichen, oder von einer
Rose abwechselnd zu behaupten, sie sei eine Rose und sie sei keine Rose, nichts
herauskommt als die Albernheit dessen, der solche langweilige Prozeduren vornimmt.
Und doch möchten die Metaphysiker uns weismachen, wenn wir einmal die Negation
der Negation vollziehn wollten, dann sei das die richtige Art.

Es ist also wiederum niemand anders als Herr Dühring, der uns mystifiziert,
wenn er behauptet, die Negation der Negation sei eine von Hegel erfundne, dem
Gebiet der Religion entlehnte, auf die Geschichte vom

Sündenfall und der Erlösung gebaute Analogieschnurre. Die Menschen haben
dialektisch gedacht, lange ehe sie wußten, was Dialektik war, ebenso wie
sie schon Prosa sprachen, lange bevor der Ausdruck Prosa bestand. Das Gesetz der
Negation der Negation, das sich in der Natur und Geschichte, und bis es einmal
erkannt ist, auch in unsern Köpfen unbewußt vollzieht, ist von Hegel
nur zuerst scharf formuliert worden. Und wenn Herr Dühring die Sache im stillen
selbst betreiben will und nur den Namen nicht vertragen kann, so möge er
einen bessern Namen finden. Will er aber die Sache aus dem Denken vertreiben,
so vertreibe er sie gütigst zuerst aus der Natur und der Geschichte, und
erfinde eine Mathematik, worin -a × -a nicht +a
2
ist und worin das
Differenzieren und Integrieren bei Strafe verboten ist.

## XIV. Schluß

Wir sind zu Ende mit der Philosophie; was sonst noch von Zukunftsphantasien
im »Cursus« vorhanden, wird uns gelegentlich der Dühringschen Umwälzung
des Sozialismus beschäftigen. Was hat uns Herr Dühring versprochen?
Alles. Und was hat er gehalten? Gar nichts. »Die Elemente einer wirklichen und
demgemäß auf die Wirklichkeit der Natur und des Lebens gerichteten
Philosophie«, die »strengwissenschaftliche Weltanschauung«, die »systemschaffenden
Gedanken«, und alle die andern, in hochtönenden Redewendungen von Herrn Dühring
ausposaunten Leistungen des Herrn Dühring erwiesen sich, wo immer wir sie
anfaßten, als
reiner Schwindel
. Die Weltschematik, die »ohne der
Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die Grundgestalten des Seins sicher festgestellt
hat«, stellte sich heraus als ein unendlich verseichtigter Abklatsch der Hegelschen
Logik und teilt mit ihr den Aberglauben, daß diese »Grundgestalten« oder
logischen Kategorien irgendwo ein geheimnisvolles Dasein führen vor und außer
der Welt, auf die sie »anzuwenden« sind. Die Naturphilosophie bot uns eine Kosmogonie,
deren Ausgangspunkt ein »sich selbst gleicher Zustand der Materie« ist, ein Zustand,
vorstellbar nur vermittelst der rettungslosesten Verwirrung über den Zusammenhang
von Materie und Bewegung, und vorstellbar außerdem nur unter Annahme eines
außerweltlichen persönlichen Gottes, der allein diesem Zustand zur
Bewegung verhelfen kann. Bei Behandlung der organischen Natur mußte die
Wirklichkeitsphilosophie, nachdem sie Darwins Kampf ums Dasein und Naturzüchtung
als »ein Stück gegen die Humanität gerichtete Brutalität« verworfen,
sie beide durch die Hintertür wieder zulassen als in der Natur wirksame Faktoren,
wenn

auch zweiter Ordnung. Sie fand zudem Gelegenheit,
auf dem Gebiet der Biologie eine Unwissenheit zu dokumentieren, wie man sie, seit
den populärwissenschaftlichen Vorträgen nicht mehr zu entgehn ist, selbst
bei Töchtern gebildeter Stände mit der Laterne suchen müßte.
Auf dem Gebiet der Moral und des Rechts war sie mit der Verflachung Rousseaus
nicht glücklicher als vorher mit der Verseichtigung Hegels und bewies auch
in Beziehung auf Rechtswissenschaft, trotz aller Versicherung des Gegenteils,
eine Unkenntnis, wie sie selbst bei den allergewöhnlichsten, altpreußischen
Juristen nur selten anzutreffen sein dürfte. Die Philosophie, »die keinen
bloß scheinbaren Horizont gelten läßt«, begnügt sich juristisch
mit einem wirklichen Horizont, der sich deckt mit dem Geltungsbereich des preußischen
Landrechts. Auf die »Erden und Himmel der äußern und innern Natur«,
die diese Philosophie in ihrer mächtig umwälzenden Bewegung vor uns
aufzurollen versprach, warten wir noch immer, nicht weniger auf die »endgültigen
Wahrheiten letzter Instanz« und auf »das absolut Fundamentale«. Der Philosoph,
dessen Denkweise jede Anwandlung zu einer »subjektivistisch-beschränkten
Weltvorstellung ausschließt«, erweist sich nicht nur als subjektivistisch
beschränkt durch seine wie nachgewiesen äußerst mangelhaften Kenntnisse,
durch seine borniert metaphysische Denkweise und seine fratzenhafte Selbstüberhebung,
sondern sogar durch kindische persönliche Schrullen. Er kann die Wirklichkeitsphilosophie
nicht fertigbringen, ohne seinen Widerwillen gegen Tabak, Katzen und Juden als
allgemeingültiges Gesetz der ganzen übrigen Menschheit, die Juden eingeschlossen,
aufzudrängen. Sein »wirklich kritischer Standpunkt« gegenüber andern
Leuten besteht dann, ihnen beharrlich Dinge unterzuschieben, die sie nie gesagt,
und die Herrn Dührings eigenstes Fabrikat sind. Seine breiten Bettelsuppen
über Spießbürgerthemata, wie der Wert des Lebens und die beste
Art des Lebensgenusses, sind von einer Phllisterhaftigkeit, die seinen Zorn gegen
Goethes Faust erklärlich macht. Es war allerdings unverzeihlich von Goethe,
den unmoralischen Faust zum Helden zu machen und nicht den ernsten Wirklichkeitsphilosophen
Wagner. - Kurz, die Wirklichkeitsphilosophie, alles in allem genommen, erweist
sich, mit Hegel zu reden, als »der seichteste Abkläricht des deutschen Aufkläricht«,
ein Abkläricht, dessen Dünnheit und durchsichtige Gemeinplätzlichkeit
verdickt und getrübt wird nur durch die eingerührten orakelhaften Redebrocken.
Und wenn wir mit dem Buch zu Ende sind, so sind wir genauso gescheit wie vorher
und zu dem Geständnis gezwungen, daß die »neue Denkweise«, die »von
Grund aus eigentümlichen Ergebnisse und Anschauungen« und die »systemschaffenden
Gedanken« uns zwar verschiednen neuen Unsinn

vorgeführt
haben, aber auch nicht eine Zeile, aus der wir hätten etwas lernen können.
Und dieser Mensch, der seine Künste und seine Waren unter Pauken- und Trompetenschall
anpreist trotz dem ordinärsten Marktschreier, und hinter dessen großen
Worten nichts, aber auch rein gar nichts ist - dieser Mensch unterfängt sich,
Leute wie Fichte, Schelling und Hegel, deren kleinster noch ein Riese ist ihm
gegenüber, als Scharlatans zu bezeichnen. Scharlatan in der Tat - aber wer?

Fußnoten von Friedrich Engels

(1)
Seit ich obiges niederschrieb, scheint es sich
bereits bestätigt zu haben. Nach den neuesten, von Mendelejew und Boguski
mit genaueren Apparaten angestellten Untersuchungen zeigten alle echten Gase ein
veränderliches Verhältnis zwischen Druck und Volumen; der Ausdehnungskoeffizient
war bei Wasserstoff bei allen bisher angewandten Druckstärken positiv (das
Volumen nahm langsamer ab, als der Druck zunahm); bei der atmosphärischen
Luft und den andern untersuchten Gasen fand sich für jedes ein Nullpunkt
des Drucks, so daß bei geringerem Druck jener Koeffizient positiv, bei größerem
negativ war. Das bisher noch immer praktisch brauchbare Boylesche Gesetz wird
also einer Ergänzung durch eine ganze Reihe von Spezialgesetzen bedürfen.
(Wir wissen jetzt - 1885 - auch, daß es überhaupt keine »echten« Gase
gibt. Sie sind alle auf den tropfbar-flüssigen Zustand reduziert worden.)

(2)
Diese Ableitung der modernen Gleichheitsvorstellungen
aus den ökonomischen Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft ist zuerst
dargelegt von Marx im »Kapital«.

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 5]

1962. »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«,
S.
136-238
.

Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

Einleitung

## I. Gegenstand und Methode

Die politische Ökonomie, im weitesten Sinne, ist die Wissenschaft
von den Gesetzen, welche die Produktion und den Austausch des materiellen Lebensunterhalts
in der menschlichen Gesellschaft beherrschen. Produktion und Austausch sind zwei
verschiedne Funktionen. Produktion kann stattfinden ohne Austausch, Austausch
- eben weil von vornherein nur Austausch von Produkten - nicht ohne Produktion.
Jede dieser beiden gesellschaftlichen Funktionen steht unter dem Einfluß
von großenteils besondern äußern Einwirkungen und hat daher auch
großenteils ihre eignen, besondern Gesetze. Aber andrerseits bedingen sie
einander in jedem Moment und wirken in solchem Maß aufeinander ein, daß
man sie als die Abszisse und die Ordinate der ökonomischen Kurve bezeichnen
könnte.

Die Bedingungen, unter denen die Menschen produzieren und austauschen, wechseln
von Land zu Land, und in jedem Lande wieder von Generation zu Generation. Die
politische Ökonomie kann also nicht dieselbe sein für alle Länder
und für alle geschichtlichen Epochen. Vom Bogen und Pfeil, vom Steinmesser
und nur ausnahmsweise vorkommenden Tauschverkehr des Wilden, bis zur tausendpferdigen
Dampfmaschine, zum mechanischen Webstuhl, den Eisenbahnen und der Bank von England
ist ein ungeheurer Abstand. Die Feuerländer bringen es nicht zur Massenproduktion
und zum Welthandel, ebensowenig wie zur Wechselreiterei oder einem Börsenkrach.
Wer die politische Ökonomie Feuerlands unter dieselben Gesetze bringen wollte
mit der des heutigen Englands, würde damit augenscheinlich nichts zutage
fördern als den allerbanalsten Gemeinplatz. Die politische Ökonomie
ist somit wesentlich eine historische Wissenschaft. Sie behandelt einen geschichtlichen,
das heißt einen stets wechselnden Stoff; sie untersucht zunächst die
besondern Gesetze jeder einzelnen

Entwicklungsstufe
der Produktion und des Austausches und wird erst am Schluß dieser Untersuchung
die wenigen, für Produktion und Austausch überhaupt geltenden, ganz
allgemeinen Gesetze aufstellen können. Wobei es sich jedoch von selbst versteht,
daß die für bestimmte Produktionsweisen und Austauschformen gültigen
Gesetze auch Gültigkeit haben für alle Geschichtsperioden, denen jene
Produktionsweisen und Austauschformen gemeinsam sind. So z.B. tritt mit der Einführung
des Metallgeldes eine Reihe von Gesetzen in Wirksamkeit, die für alle Länder-
und Geschichtsabschnitte gültig bleibt, in denen Metallgeld den Austausch
vermittelt.

Mit der Art und Weise der Produktion und des Austausches einer bestimmten geschichtlichen
Gesellschaft und mit den geschichtlichen Vorbedingungen dieser Gesellschaft ist
auch gleichzeitig gegeben die Art und Weise der Verteilung der Produkte. In der
Stamm- oder Dorfgemeinde mit gemeinsamem Grundeigentum, mit der, oder mit deren
sehr erkennbaren Überresten alle Kulturvölker in die Geschichte eintreten,
versteht sich eine ziemlich gleichmäßige Verteilung der Produkte ganz
von selbst; wo größere Ungleichheit der Verteilung unter den Mitgliedern
eintritt, da ist sie auch schon ein Anzeichen der beginnenden Auflösung der
Gemeinde. - Der große wie der kleine Ackerbau lassen je nach den geschichtlichen
Vorbedingungen, aus denen sie sich entwickelt haben, sehr verschiedne Verteilungsformen
zu. Aber es liegt auf der Hand, daß der große stets eine ganz andre
Verteilung bedingt als der kleine; daß der große einen Klassengegensatz
- Sklavenhalter und Sklaven, Grundherren und Fronbauern, Kapitalisten und Lohnarbeiter
- voraussetzt oder erzeugt, während beim kleinen ein Klassenunterschied der
bei der Ackerbauproduktion tätigen Individuen keineswegs bedingt ist und
im Gegenteil durch sein bloßes Dasein den beginnenden Verfall der Parzellenwirtschaft
anzeigt. - Die Einführung und Verbreitung des Metallgeldes in einem Lande,
wo bisher ausschließlich oder vorwiegend Naturalwirtschaft galt, ist stets
mit einer langsamern oder schnellern Umwälzung der bisherigen Verteilung
verbunden, und zwar so, daß die Ungleichheit der Verteilung unter den einzelnen,
also der Gegensatz von reich und arm, mehr und mehr gesteigert wird. - Der lokale,
zünftige Handwerksbetrieb des Mittelalters machte große Kapitalisten
und lebenslängliche Lohnarbeiter ebenso unmöglich, wie die moderne große
Industrie, die heutige Kreditausbildung und die der Entwicklung beider entsprechende
Austauschform, die freie Konkurrenz, sie mit Notwendigkeit erzeugen.

Mit den Unterschieden in der Verteilung aber treten die
Klassenunterschiede

auf. Die Gesellschaft teilt sich in bevorzugte und benachteiligte, ausbeutende und ausgebeutete, herrschende und beherrschte Klassen, und der Staat,
zu dem sich die naturwüchsigen Gruppen gleichstämmiger Gemeinden zunächst
nur behufs der Wahrnehmung gemeinsamer Interessen (Berieselung im Orient z.B.)
und wegen des Schutzes nach außen fortentwickelt hatten, erhält von
nun an ebensosehr den Zweck, die Lebens- und Herrschaftsbedingungen der herrschenden
gegen die beherrschte Klasse mit Gewalt aufrechtzuerhalten.

Die Verteilung ist indes nicht ein bloßes passives Erzeugnis der Produktion
und des Austausches; sie wirkt ebensosehr zurück auf beide. Jede neue Produktionsweise
oder Austauschform wird im Anfang gehemmt nicht nur durch die alten Formen und
die ihnen entsprechenden politischen Einrichtungen, sondern auch durch die alte
Verteilungsweise. Sie muß sich die ihr entsprechende Verteilung erst in
langem Kampf erringen. Aber je beweglicher, je mehr der Ausbildung und Entwicklung
fähig eine gegebne Produktions- und Austauschweise ist, desto rascher erreicht
auch die Verteilung eine Stufe, in der sie ihrer Mutter über den Kopf wächst,
in der sie mit der bisherigen Art der Produktion und des Austausches in Widerstreit
gerät. Die alten naturwüchsigen Gemeinwesen, von denen schon die Rede
war, können Jahrtausende bestehn, wie bei Indern und Slawen noch heute, ehe
der Verkehr mit der Außenwelt in ihrem Innern die Vermögensunterschiede
erzeugt, infolge deren ihre Auflösung eintritt. Die moderne kapitalistische
Produktion dagegen, die kaum dreihundert Jahre alt und erst seit Einführung
der großen Industrie, also seit hundert Jahren, herrschend geworden ist,
hat in dieser kurzen Zeit Gegensätze der Verteilung fertiggebracht - Konzentration
der Kapitalien in wenigen Händen einerseits, Konzentration der besitzlosen
Massen in den großen Städten andrerseits -, an denen sie notwendig
zugrunde geht.

Der Zusammenhang der jedesmaligen Verteilung mit den jedesmaligen materiellen
Existenzbedingungen einer Gesellschaft liegt sosehr in der Natur der Sache, daß
er sich im Volksinstinkt regelmäßig widerspiegelt. Solange eine Produktionsweise
sich im aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung befindet, solange jubeln ihr sogar
diejenigen entgegen, die bei der ihr entsprechenden Verteilungsweise den kürzern
ziehn. So die englischen Arbeiter beim Aufkommen der großen Industrie. Selbst
solange diese Produktionsweise die gesellschaftlich-normale bleibt, herrscht im
ganzen Zufriedenheit mit der Verteilung, und erhebt sich Einspruch - dann aus
dem Schoß der herrschenden Klasse selbst (Saint-Simon, Fourier, Owen) und
findet bei der ausgebeuteten Masse erst recht keinen Anklang. Erst wenn die fragliche
Produktionsweise ein gut Stück ihres absteigenden Asts hinter sich, wenn

sie sich halb überlebt hat, wenn die Bedingungen
ihres Daseins großenteils verschwunden sind und ihr Nachfolger bereits an
die Tür klopft - erst dann erscheint die immer ungleicher werdende Verteilung
als ungerecht, erst dann wird von den überlebten Tatsachen an die sogenannte
ewige Gerechtigkeit appelliert. Dieser Appell an die Moral und das Recht hilft
uns wissenschaftlich keinen Fingerbreit weiter; die ökonomische Wissenschaft
kann in der sittlichen Entrüstung, und wäre sie noch so gerechtfertigt,
keinen Beweisgrund sehn, sondern nur ein Symptom. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die
neu hervortretenden gesellschaftlichen Mißstände als notwendige Folgen
der bestehenden Produktionsweise, aber auch gleichzeitig als Anzeichen ihrer hereinbrechenden
Auflösung nachzuweisen, und innerhalb der sich auflösenden ökonomischen
Bewegungsform die Elemente der zukünftigen, jene Mißstände beseitigenden,
neuen Organisation der Produktion und des Austausches aufzudecken. Der Zorn, der
den Poeten macht, ist bei der Schilderung dieser Mißstände ganz am
Platz, oder auch beim Angriff gegen die, diese Mißstände leugnenden
oder beschönigenden Harmoniker im Dienst der herrschenden Klasse; wie wenig
er aber für den jedesmaligen Fall
beweist
, geht schon daraus hervor,
daß man in
jeder
Epoche der ganzen bisherigen Geschichte Stoff genug
für ihn findet.

Die politische Ökonomie als die Wissenschaft von den Bedingungen und Formen,
unter denen die verschiednen menschlichen Gesellschaften produziert und ausgetauscht
und unter denen sich demgemäß jedesmal die Produkte verteilt haben
- die politische Ökonomie in dieser Ausdehnung soll jedoch erst geschaffen
werden. Was wir von ökonomischer Wissenschaft bis jetzt besitzen, beschränkt
sich fast ausschließlich auf die Genesis und Entwicklung der kapitalistischen
Produktionsweise: es beginnt mit der Kritik der Reste der feudalen Produktions-
und Austauschformen, weist die Notwendigkeit ihrer Ersetzung durch kapitalistische
Formen nach, entwickelt dann die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise
und ihrer entsprechenden Austauschformen nach der positiven Seite hin, d.h. nach
der Seite, wonach sie die allgemeinen Gesellschaftszwecke fördern, und schließt
ab mit der sozialistischen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, d.h.
mit der Darstellung ihrer Gesetze nach der negativen Seite hin, mit dem Nachweis,
daß diese Produktionsweise durch ihre eigne Entwicklung dem Punkt zutreibt,
wo sie sich selbst unmöglich macht. Diese Kritik weist nach, daß die
kapitalistischen Produktions- und Austauschformen mehr und mehr eine unerträgliche
Fessel werden für die Produktion selbst; daß der durch jene Formen
mit Notwendigkeit bedingte Verteilungsmodus eine Klassenlage von täglich
sich steigernder Unerträglichkeit erzeugt hat,

den sich täglich verschärfenden Gegensatz von immer wenigern, aber immer
reicheren Kapitalisten und von immer zahlreicheren und im ganzen und großen
immer schlechter gestellten besitzlosen Lohnarbeitern; und endlich, daß
die innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise erzeugten, massenhaften Produktivkräfte,
die von jener nicht mehr zu bändigen sind, nur der Besitzergreifung harren
durch eine zum planmäßigen Zusammenwirken organisierte Gesellschaft,
um allen Gesellschaftsgliedern die Mittel zur Existenz und zu freier Entwicklung
ihrer Fähigkeiten zu sichern, und zwar in stets wachsendem Maß.

Um diese Kritik der bürgerlichen Ökonomie vollständig durchzuführen,
genügte nicht die Bekanntschaft mit der kapitalistischen Form der Produktion,
des Austausches und der Verteilung. Die ihr vorhergegangnen oder die noch neben
ihr, in weniger entwickelten Ländern bestehenden Formen mußten ebenfalls,
wenigstens in den Hauptzügen, untersucht und zur Vergleichung gezogen werden.
Eine solche Untersuchung und Vergleichung ist bis jetzt im ganzen und großen
nur von Marx angestellt worden, und seinen Forschungen verdanken wir daher auch
fast ausschließlich das, was über die vorbürgerliche theoretische
Ökonomie bisher festgestellt ist.

Obwohl gegen Ende des 17. Jahrhunderts in genialen Köpfen entstanden,
ist die politische Ökonomie im engern Sinn, in ihrer positiven Formulierung
durch die Physiokraten und Adam Smith, doch wesentlich ein Kind des 18. Jahrhunderts
und reiht sich den Errungenschaften der gleichzeitigen großen französischen
Aufklärer an mit allen Vorzügen und Mängeln jener Zeit. Was wir
von den Aufklärern gesagt |Siehe
S. 16/17
|, gilt
auch von den damaligen Ökonomen. Die neue Wissenschaft war ihnen nicht der
Ausdruck der Verhältnisse und Bedürfnisse ihrer Epoche, sondern der
Ausdruck der ewigen Vernunft; die von ihr entdeckten Gesetze der Produktion und
des Austausches waren nicht Gesetze einer geschichtlich bestimmten Form jener
Tätigkeiten, sondern ewige Naturgesetze; man leitete sie ab aus der Natur
des Menschen. Aber dieser Mensch, bei Lichte besehn, war der damalige, im Übergang
zum Bourgeois begriffne Mittelbürger, und seine Natur bestand darin, unter
den damaligen, geschichtlich bestimmten Verhältnissen zu fabrizieren und
Handel zu treiben.

Nachdem wir unsern »kritischen Grundleger« Herrn Dühring und seine Methode
aus der Philosophie hinlänglich kennengelernt haben, werden wir auch ohne
Schwierigkeit vorhersagen können, wie er die politische Ökonomie auffassen
wird. In der Philosophie war da, wo er nicht einfach faselte

(wie in der Naturphilosophie), seine Anschauungsweise eine Verzerrung derjenigen
des 18. Jahrhunderts. Es handelte sich nicht um geschichtliche Entwicklungsgesetze,
sondern um Naturgesetze, ewige Wahrheiten. Gesellschaftliche Verhältnisse
wie Moral und Recht wurden nicht nach den jedesmaligen geschichtlich vorliegenden
Bedingungen, sondern durch die famosen beiden Männer entschieden, von denen
der eine entweder den andern unterdrückt, oder auch nicht, welches letztere
bisher leider nie vorkam. Wir werden uns also kaum täuschen, wenn wir den
Schluß ziehn, daß Herr Dühring die Ökonomie ebenfalls auf
endgültige Wahrheiten letzter Instanz, ewige Naturgesetze, tautologische
Axiome von ödester Inhaltlosigkeit zurückführen, daneben aber den
ganzen positiven Inhalt der Ökonomie, soweit dieser ihm bekannt, durchs Hinterpförtchen
wieder hereinschmuggeln; und daß er die Verteilung, als ein gesellschaftliches
Ereignis, nicht aus Produktion und Austausch entwickeln, sondern seinen ruhmvollen
beiden Männern zur endgültigen Erledigung überweisen wird. Und
da uns dies alles bereits altbekannte Kunstgriffe sind, so können wir uns
hier um so kürzer fassen.

In der Tat erklärt uns Herr Dühring bereits auf S. 2, daß

seine Ökonomie Bezug nimmt auf das in seiner »Philosophie«
»Festgestellte«

und sich »in einigen wesentlichen Punkten an übergeordnete und in einem höhern
Untersuchungsgebiet
bereits ausgemachte Wahrheiten
anlehnt«.

Überall dieselbe Zudringlichkeit der Selbstanpreisung. Überall der
Triumph des Herrn Dühring über das von Herrn Dühring Festgestellte
und Ausgemachte. Ausgemacht in der Tat, das haben wir des breiteren gesehn - aber
wie man ein schwalchendes Licht ausmacht.

Gleich darauf haben wir

»die allgemeinsten Naturgesetze aller Wirtschaft« -

also hatten wir richtig geraten.

Aber diese Naturgesetze lassen nur dann ein richtiges Verständnis
der abgelebten Geschichte zu, wenn man sie »in derjenigen nähern Bestimmung
untersucht, die ihre Ergebnisse durch die politische Unterwerfungs- und Gruppierungsformen
erfahren haben. Einrichtungen wie die Sklaverei und die Lohnhörigkeit, zu
denen sich als Zwillingsgeburt das Gewalteigentum gesellt, sind als sozialökonomische
Verfassungsformen echt politischer Natur zu betrachten und bilden in der bisherigen
Welt den Rahmen, innerhalb dessen sich die Wirkungen wirtschaftlicher Naturgesetze
allein zeigen konnten.«

Dieser Satz ist die Fanfare, die uns als Wagnersches Leitmotiv den Anmarsch
der beiden famosen Männer verkündet. Aber er ist noch mehr, er

ist das Grundthema des ganzen Dühringschen Buchs. Beim Recht wußte
Herr Dühring uns nichts zu bieten, als eine schlechte Übersetzung der
Rousseauschen Gleichheitstheorie ins Sozialistische |siehe
S.
89-95
|, wie man sie in jedem Pariser Arbeiter-Estaminet seit Jahren weit besser
hören kann. Hier gibt er eine nicht bessere, sozialistische Übersetzung
der Klagen der Ökonomen über die Verfälschung der ökonomischen
ewigen Naturgesetze und ihrer Wirkungen durch die Einmischung des Staats, der
Gewalt. Und hiermit steht er verdientermaßen unter den Sozialisten ganz
allein. Jeder sozialistische Arbeiter, einerlei, welcher Nationalität, weiß
ganz gut, daß die Gewalt die Ausbeutung nur schützt, aber nicht verursacht;
daß das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit der Grund seiner Ausbeutung
ist, und daß dieses auf rein ökonomischem und keineswegs auf gewaltsamem
Wege entstanden ist.

Des weitern erfahren wir nun, daß man

bei allen ökonomischen Fragen »zwei Hergänge, den der Produktion
und den der Verteilung wird unterscheiden können«. Außerdem habe der
bekannte oberflächliche J. B. Say noch einen dritten Hergang, den des Verbrauchs,
der Konsumtion, hinzugefügt, aber nichts Gescheites darüber zu sagen
gewußt, ebensowenig wie seine Nachfolger. Der Austausch oder die Zirkulation
aber sei nur eine Unterabteilung der Produktion, zu der alles gehöre, was
geschehn muß, damit die Erzeugnisse an den letzten und eigentlichen Konsumenten
gelangen.

Wenn Herr Dühring die beiden wesentlich verschiednen, wenn auch sich gegenseitig
bedingenden Prozesse der Produktion und der Zirkulation zusammenwirft und ganz
ungeniert behauptet, aus der Unterlassung dieser Verwirrung könne nur »Verwirrung
entstehn«, so beweist er damit bloß, daß er die kolossale Entwicklung,
die gerade die Zirkulation in den letzten fünfzig Jahren durchgemacht hat,
nicht kennt oder nicht versteht; wie denn auch sein Buch weiterhin bestätigt.
Damit nicht genug. Nachdem er so Produktion und Austausch in eins als Produktion
schlechthin zusammenfaßt, stellt er die Verteilung neben die Produktion
als einen zweiten, ganz äußerlichen Hergang hin, der mit dem ersten
gar nichts zu schaffen hat. Nun haben wir gesehn, daß die Verteilung in
ihren entscheidenden Zügen jedesmal das notwendige Ergebnis der Produktions-
und Austauschverhältnisse einer bestimmten Gesellschaft, sowie der geschichtlichen
Vorbedingungen dieser Gesellschaft ist, und zwar dergestalt, daß, wenn wir
diese kennen, wir mit Bestimmtheit auf die in dieser Gesellschaft herrschende
Verteilungsweise schließen können. Wir sehn aber ebenfalls, daß
Herr Dühring, wenn

er den in seiner Moral-,
Rechts- und Geschichtsauffassung »festgestellten« Grundsätzen nicht untreu
werden will, diese elementare ökonomische Tatsache verleugnen muß und
daß er dies namentlich muß, wenn es gilt, seine beiden unentbehrlichen
Männer in die Ökonomie hineinzuschmuggeln. Und nachdem die Verteilung
glücklich alles Zusammenhangs mit der Produktion und dem Austausch entledigt,
kann dies große Ereignis vor sich gehn.

Erinnern wir uns indes zuerst, wie die Sache bei Moral und Recht sich entwickelte.
Hier fing Herr Dühring ursprünglich mit nur Einem Mann an; er sagte:

«Ein Mensch, insofern er als einzig, oder, was dasselbe leistet, als
außer jedem Zusammenhang mit andern gedacht wird, kann keine
Pflichten

haben. Für ihn gibt es kein , sondern nur ein Wollen.«

Was aber ist dieser pflichtenlose, als einzig gedachte Mensch anders, als der
fatale »Urjude Adam« im Paradiese, wo er ohne Sünde ist, weil er eben keine
begehn kann? - Aber auch diesem wirklichkeitsphilosophischen Adam steht ein Sündenfall
bevor. Neben diesen Adam tritt plötzlich - zwar keine Eva mit wallendem Lockenhaar,
aber doch ein zweiter Adam. Und sofort erhält Adam Pflichten und - bricht
sie. Statt seinen Bruder als Gleichberechtigten an seinen Busen zu schließen,
unterwirft er ihn seiner Herrschaft, knechtet er ihn - und an den Folgen dieser
ersten Sünde, an der Erbsünde der Knechtung, leidet die ganze Weltgeschichte
bis auf den heutigen Tag, weshalb sie auch nach Herrn Dühring keine drei
Pfennige wert ist.

Wenn also Herr Dühring, beiläufig gesagt, die »Negation der Negation«
hinreichend der Verachtung preiszugeben glaubte, indem er sie als einen Abklatsch
der alten Geschichte vom Sündenfall und der Erlösung bezeichnete, was
sollen wir dann sagen von
seiner
neuesten Ausgabe derselben Geschichte?
(denn auch der Erlösung werden wir mit der Zeit, um einen Reptilienausdruck
zu gebrauchen, »nähertreten«). Jedenfalls doch wohl, daß wir die alte
semitische Stammsage vorziehn, bei der es sich dem Männlein und dem Weiblein
doch der Mühe verlohnte, aus dem Stand der Unschuld zu treten, und daß
Herrn Dühring der Ruhm ohne Konkurrenz verbleiben wird, seinen Sündenfall
konstruiert zu haben mit zwei Männern.

Hören wir also nun die Übersetzung des Sündenfalls ins Ökonomische:

»Für den Gedanken der Produktion kann allenfalls die Vorstellung
von einem Robinson, welcher mit seinen Kräften der Natur isoliert gegenübersteht
und mit niemandem etwas zu teilen hat, ein geeignetes Denkschema abgeben ... Von
einer gleichen Zweckmäßigkeit ist für die Veranschaulichung des
Wesentlichsten in dem Verteilungsgedanken das
Denkschema von zwei Personen, deren wirtschaftliche Kräfte sich kombinieren
und die sich offenbar bezüglich ihrer Anteile gegenseitig in irgendeiner
Form auseinandersetzen müssen. Mehr als dieses einfachen Dualismus bedarf
es in der Tat nicht, um in aller Strenge einige der wichtigsten Verteilungsbeziehungen
darzulegen und deren Gesetze embryonisch in ihrer logischen Notwendigkeit zu studieren
... Das Zusammenwirken auf gleichem Fuß ist hier ebenso denkbar, als die
Kombination der Kräfte durch völlige Unterdrückung des einen Teils,
der alsdann als Sklave oder bloßes Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst
gepreßt und eben auch nur als Werkzeug unterhalten wird ... Zwischen dem
Zustande der Gleichheit und dem der Nullität auf der einen und der Omnipotenz
und einzig aktiven Beteiligung auf der andern Seite befindet sich eine Reihe von
Stufen, für deren Besetzung die Erscheinungen der Weltgeschichte in bunter
Mannigfaltigkeit gesorgt haben. Ein universeller Blick für die verschiednen

Rechts-
und
Unrechs
institutionen der Geschichte ist hier die wesentliche
Voraussetzung« ...,

und zum Schluß verwandelt sich die ganze Verteilung in ein

»ökonomisches Verteilungsrecht«.

Jetzt endlich hat Herr Dühring wieder festen Boden unter den Füßen.
Arm in Arm mit seinen beiden Männern kann er sein Jahrhundert in die Schranken
fordern. Aber hinter diesem Dreigestirn steht noch ein Ungenannter.

»Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall, wo ein Teil der
Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der Arbeiter,
frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen
{1}

Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel
für den Eigner der Produktionsmittel zu produzieren, sei dieser Eigentümer
nun atheniensischer Kaloskagathos
{2}

|Aristokrat|, etruskischer Theokrat, civis romanus« (römischer Bürger),
»normannischer Baron, amerikanischer Sklavenhalter, walachischer Bojar, moderner
Landlord oder Kapitalist.« (Marx, Kapital, I, zweite Ausgabe, Seite 227. |Siehe
Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 249/250
|)

Nachdem Herr Dühring auf diese Weise erfahren, was die, allen bisherigen
Produktionsformen - soweit sie sich in Klassengegensätzen bewegen - gemeinsame
Grundform der Ausbeutung ist, galt es nur noch, seine beiden Männer darauf
anzuwenden, und die wurzelhafte Grundlage der Wirklichkeitsökonomie war fertig.
Er zauderte keinen Moment mit der Ausführung dieses »systemschaffenden Gedankens«.
Arbeit ohne Gegenleistung,

über die zur Selbsterhaltung
des Arbeiters nötige Arbeitszeit hinaus, das ist der Punkt. Der Adam, der
hier Robinson heißt, läßt also seinen zweiten Adam, den Freitag,
drauflos schanzen. Aber warum schanzt Freitag mehr als er für seinen Unterhalt
nötig hat? Auch diese Frage findet bei Marx teilweise ihre Beantwortung.
Das ist aber für die beiden Männer viel zu weitläufig. Die Sache
wird kurzerhand abgemacht: Robinson »unterdrückt« den Freitag, preßt
ihn »als Sklave oder Werkzeug zum wirtschaftlichen Dienst« und unterhält
ihn »auch nur als Werkzeug«. Mit dieser neuesten »schöpferischen Wendung«
schlägt Herr Dühring wie mit Einer Klappe zwei Fliegen. Erstens erspart
er sich die Mühe, die verschiednen bisherigen Verteilungsformen, ihre Unterschiede
und ihre Ursachen zu erklären: sie taugen einfach allesamt nichts, sie beruhn
auf der Unterdrückung, der Gewalt. Darüber werden wir demnächst
zu sprechen haben. Und zweitens versetzt er damit die ganze Theorie der Verteilung
vom ökonomischen Gebiet auf das der Moral und des Rechts, d.h. vom Gebiet
feststehender materieller Tatsachen auf das mehr oder weniger schwankender Meinungen
und Gefühle. Er braucht also nicht mehr zu untersuchen oder zu beweisen,
sondern nur noch flott drauflos zu deklamieren, und kann die Forderung stellen,
die Verteilung der Erzeugnisse der Arbeit solle sich richten, nicht nach ihren
wirklichen Ursachen, sondern nach dem, was ihm, Herrn Dühring, sittlich und
gerecht erscheint. Was aber Herrn Dühring gerecht erscheint, ist keineswegs
unwandelbar, also weit entfernt, eine echte Wahrheit zu sein. Denn diese sind
ja, nach Herrn Dühring selbst, »überhaupt nicht wandelbar«. Im Jahr
1868 behauptete Herr Dühring (»Die Schicksale meiner sozialen Denkschrift
etc.«),

es liege »in der Tendenz aller höhern Zivilisation,
das Eigentum
immer schärfer auszuprägen,
und hierin, nicht in einer Konfusion
der Rechte und Herrschaftssphären, liegt das Wesen und die Zukunft der modernen
Entwicklung«.

Und ferner könne er platterdings nicht absehn,

»wie eine Verwandlung der Lohnarbeit in eine andre Art des Erwerbs mit
den Gesetzen der menschlichen Natur und der naturnotwendigen Gliederung des gesellschaftlichen
Körpers jemals vereinbar werden solle«.

Also 1868: Privateigentum und Lohnarbeit naturnotwendig und daher gerecht;
1876: Beides Ausfluß der Gewalt und des »Raubs«, also ungerecht. Und wir
können unmöglich wissen, was einem so gewaltig dahinstürmenden
Genius in einigen Jahren möglicherweise als sittlich und gerecht erscheinen
dürfte, und tun daher jedenfalls besser, bei unsrer Betrachtung der Verteilung
der Reichtümer uns an die wirklichen, objektiven, ökonomischen Gesetze zu halten und nicht an die augenblickliche, wandelbare, subjektive
Vorstellung des Herrn Dühring von Recht und Unrecht.

Wenn wir für die hereinbrechende Umwälzung der heutigen Verteilungsweise
der Arbeitserzeugnisse samt ihren schreienden Gegensätzen von Elend und Üppigkeit,
Hungersnot und Schwelgerei, keine bessere Sicherheit hätten als das Bewußtsein,
daß diese Verteilungsweise ungerecht ist und daß das Recht doch endlich
einmal siegen muß, so wären wir übel dran und könnten lange
warten. Die mittelalterlichen Mystiker, die vom nahenden Tausendjährigen
Reich träumten, hatten schon das Bewußtsein von der Ungerechtigkeit
der Klassengegensätze. An der Schwelle der neuern Geschichte, vor dreihundertfünfzig
Jahren, ruft Thomas Münzer es laut in die Welt hinaus. In der englischen,
in der französischen bürgerlichen Revolution ertönt derselbe Ruf
und - verhallt. Und wenn jetzt derselbe Ruf nach Abschaffung der Klassengegensätze
und Klassenunterschiede, der bis 1830 die arbeitenden und leidenden Klassen kalt
ließ, wenn er jetzt ein millionenfaches Echo findet, wenn er ein Land nach
dem andern ergreift, und zwar in derselben Reihenfolge und mit derselben Intensität,
wie sich in den einzelnen Ländern die große Industrie entwickelt, wenn
er in einem Menschenalter eine Macht erobert hat, die allen gegen ihn vereinten
Mächten trotzen und des Siegs in naher Zukunft gewiß sein kann - woher
kommt das? Daher, daß die moderne große Industrie einerseits ein Proletariat,
eine Klasse geschaffen hat, die zum erstenmal in der Geschichte die Forderung
stellen kann der Abschaffung nicht dieser oder jener besondern Klassenorganisation
oder dieses und jenes besondern Klassenvorrechts, sondern der Klassen überhaupt;
und die in die Lage versetzt ist, daß sie diese Forderung durchführen
muß bei Strafe des Versinkens in chinesisches Kulitum. Und daß dieselbe
große Industrie andrerseits in der Bourgeoisie eine Klasse geschaffen hat,
die das Monopol aller Produktionswerkzeuge und Lebensmittel besitzt, aber in jeder
Schwindelperiode und in jedem drauffolgenden Krach beweist, daß sie unfähig
geworden, die ihrer Gewalt entwachsenen Produktivkräfte noch fernerhin zu
beherrschen; eine Klasse, unter deren Leitung die Gesellschaft dem Ruin entgegenrennt
wie eine Lokomotive, deren eingeklemmte Abzugsklappe der Maschinist zu schwach
ist zu öffnen. Mit andern Worten: es kommt daher, daß sowohl die von
der modernen kapitalistischen Produktionsweise erzeugten Produktivkräfte
wie auch das von ihr geschaffne System der Güterverteilung in brennenden
Widerspruch geraten sind mit jener Produktionsweise selbst, und zwar in solchem
Grad, daß eine Umwälzung der Produktions- und Verteilungsweise stattfinden
muß, die alle Klassenunterschiede beseitigt, falls nicht die ganze moderne

Gesellschaft untergehn soll. In dieser handgreiflichen,
materiellen Tatsache, die sich den Köpfen der ausgebeuteten Proletarier mit
unwiderstehlicher Notwendigkeit in mehr oder weniger klarer Gestalt aufdrängt
- in ihr, nicht aber in den Vorstellungen dieses oder jenes Stubenhockers von
Recht und Unrecht, begründet sich die Siegesgewißheit des modernen
Sozialismus.

## II. Gewaltstheorie

»Das Verhältnis der allgemeinen Politik zu den Gestaltungen des
wirtschaftlichen Rechts ist in meinem System so entschieden und zugleich
so
eigentümlich
bestimmt, daß eine besondre Hinweisung hierauf zur
Erleichterung des Studiums nicht überflüssig sein dürfte. Die Gestaltung
der
politischen
Beziehungen ist das
geschichtlich Fundamentale
,
und die
wirtschaftlichen
Abhängigkeiten sind nur eine
Wirkung

oder ein Spezialfall und daher stets
Tatsachen zweiter Ordnung
. Einige
der neuem sozialistischen Systeme machen den in die Augen fallenden Schein eines
völlig umgekehrten Verhältnisses zum leitenden Prinzip, indem sie aus
den wirtschaftlichen Zuständen die politischen Unterordnungen gleichsam herauswachsen
lassen. Nun sind diese Wirkungen der zweiten Ordnung als solche allerdings vorhanden
und in der Gegenwart am meisten fühlbar; aber das
Primitive muß
in der unmittelbaren politischen Gewalt
und nicht erst in einer indirekten
ökonomischen Macht gesucht werden.«

Ebenso an einer andern Stelle, wo Herr Dühring

»von dem Satz ausgeht, daß die politischen Zustände die entscheidende
Ursache der Wirtschaftslage sind und daß die umgekehrte Beziehung nur eine
Rückwirkung zweiter Ordnung darstellt ..., solange man die politische Gruppierung
nicht um ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt macht, sondern sie ausschließlich
als
Mittel für Futterzwecke
behandelt, wird man, so radikal sozialistisch
und revolutionär man auch erscheinen möge, dennoch ein verstecktes Stück
Reaktion in sich bergen«.

Das ist die Theorie des Herrn Dühring. Sie wird hier und an vielen andern
Stellen einfach aufgestellt, sozusagen dekretiert. Von auch nur dem geringsten
Versuch des Beweises oder der Widerlegung der entgegenstehenden Ansicht ist nirgendwo
in den drei dicken Büchern die Rede. Und wenn die Beweisgründe so wohlfeil
wären wie die Brombeeren, Herr Dühring gäbe uns keine Beweisgründe.
Die Sache ist ja schon bewiesen durch den berühmten Sündenfall, wo Robinson
den Freitag geknechtet hat. Das war eine Gewalttat, also eine politische Tat.
Und da diese Knechtung den Ausgangspunkt und die Grundtatsache der ganzen bisherigen
Geschichte bildet und ihr die Erbsünde der Ungerechtigkeit einimpft, so zwar,
daß sie in den spätern Perioden nur gemildert und »in die mehr indirekten
ökonomischen Abhängigkeitsformen verwandelt« worden ist; da ebenfalls
auf

dieser Urknechtung das ganze bisher geltend
gebliebne »Gewalteigentum« beruht, so ist klar, daß alle ökonomischen
Erscheinungen aus politischen Ursachen zu erklären sind, nämlich aus
der Gewalt. Und wem das nicht genügt, der ist ein versteckter Reaktionär.

Bemerken wir zuerst, daß man nicht weniger in sich selbst verliebt sein
muß als Herr Dühring, um diese Ansicht für so »eigentümlich«
zu halten, wie sie keineswegs ist. Die Vorstellung, als wären die politischen
Haupt- und Staatsaktionen das Entscheidende in der Geschichte, ist so alt wie
die Geschichtschreibung selbst, und ist die Hauptursache davon, daß uns
so wenig aufbewahrt worden ist über die sich im Hintergrund dieser lärmenden
Auftritte still vollziehende und wirklich vorantreibende Entwicklung der Völker.
Diese Vorstellung hat die ganze vergangne Geschichtsauffassung beherrscht und
einen Stoß erhalten erst durch die französischen bürgerlichen
Geschichtschreiber der Restaurationszeit; »eigentümlich« ist dabei nur, daß
Herr Dühring von alledem wieder nichts weiß.

Ferner: nehmen wir für einen Augenblick an, Herr Dühring habe darin
recht, daß alle bisherige Geschichte sich auf die Knechtung des Menschen
durch den Menschen zurückführen lasse, so sind wir damit noch lange
nicht der Sache auf den Grund gekommen. Sondern es fragt sich zunächst: wie
kam der Robinson dazu, den Freitag zu knechten? Des bloßen Vergnügens
halber? Durchaus nicht. Wir sehn im Gegenteil, daß Freitag »als Sklave oder
bloßes Werkzeug zum
wirtschaftlichen
Dienst gepreßt und eben
auch nur als Werkzeug unterhalten wird«. Robinson hat Freitag nur geknechtet,
damit Freitag zum Nutzen Robinsons arbeite. Und wie kann Robinson aus Freitags
Arbeit Nutzen für sich ziehn? Nur dadurch, daß Freitag mehr Lebensmittel
durch seine Arbeit erzeugt, als Robinson ihm geben muß, damit er arbeitsfähig
bleibe. Robinson hat also, gegen Herrn Dührings ausdrückliche Vorschrift,
die durch die Knechtung Freitags hergestellte »politische Gruppierung nicht um
ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt gemacht, sondern sie ausschließlich
als
Mittel für Futterzwecke
behandelt«, und möge nun selber zusehn,
wie er mit seinem Herrn und Meister Dühring fertig wird.

Das kindliche Exempel also, das Herr Dühring eigens erfunden hat, um die
Gewalt als das »geschichtlich Fundamentale« nachzuweisen, es beweist, daß
die Gewalt nur das Mittel, der ökonomische Vorteil dagegen der Zweck ist.
Um soviel »fundamentaler« der Zweck ist als das seinetwegen angewandte Mittel,
um ebensoviel fundamentaler ist in der Geschichte die ökonomische Seite des
Verhältnisses gegenüber der politischen. Das Beispiel beweist also grade
das Gegenteil von dem, was es beweisen soll. Und wie bei Robinson und Freitag, so in allen bisherigen Fällen von Herrschaft und Knechtschaft.
Die Unterjochung war stets, um Herrn Dührings elegante Ausdrucksweise zu
gebrauchen, »Mittel für Futterzwecke« (diese Futterzwecke im weitesten Sinn
genommen), nie und nirgends aber eine »um ihrer selbst willen« eingeführte
politische Gruppierung. Man muß Herr Dühring sein, um sich einbilden
zu können, die Steuern seien im Staate nur »Wirkungen zweiter Ordnung«, oder
die heutige politische Gruppierung von herrschender Bourgeoisie und beherrschtem
Proletariat sei »um ihrer selbst willen« da und nicht um der »Futterzwecke« der
herrschenden Bourgeois willen, nämlich der Profitmacherei und Kapitalaufhäufung.

Kehren wir indes wieder zurück zu unsern beiden Männern. Robinson,
»mit dem Degen in der Hand«, macht Freitag zu seinem Sklaven. Aber um dies fertigzubringen,
braucht Robinson noch etwas andres als den Degen. Nicht einem jeden ist mit einem
Sklaven gedient. Um einen solchen brauchen zu können, muß man über
zweierlei verfügen: erstens über die Werkzeuge und Gegenstände
für die Arbeit des Sklaven, und zweitens über die Mittel für seinen
notdürftigen Unterhalt. Ehe also Sklaverei möglich wird, muß schon
eine gewisse Stufe in der Produktion erreicht und ein gewisser Grad von Ungleichheit
in der Verteilung eingetreten sein. Und damit die Sklavenarbeit die herrschende
Produktionsweise einer ganzen Gesellschaft werde, braucht es eine noch weit höhere
Steigerung der Produktion, des Handels und der Reichtumsansammlung. In den alten
naturwüchsigen Gemeinwesen mit Gesamteigentum am Boden kommt Sklaverei entweder
gar nicht vor oder spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ebenso in der ursprünglichen
Bauernstadt Rom; als dagegen Rom »Weltstadt« wurde und der italische Grundbesitz
mehr und mehr in die Hände einer wenig zahlreichen Klasse enorm reicher Eigentümer
kam, da wurde die Bauernbevölkerung verdrängt durch eine Bevölkerung
von Sklaven. Wenn zur Zeit der Perserkriege die Zahl der Sklaven in Korinth auf
460.000, in Aegina auf 470.000 stieg, und auf jeden Kopf der freien Bevölkerung
zehn Sklaven kamen, so gehörte dazu noch etwas mehr als »Gewalt«, nämlich
eine hochentwickelte Kunst- und Handwerksindustrie und ein ausgebreiteter Handel.
Die Sklaverei in den amerikanischen Vereinigten Staaten beruhte weit weniger auf
der Gewalt, als auf der englischen Baumwollindustrie; in den Gegenden, wo keine
Baumwolle wuchs, oder die nicht, wie die Grenzstaaten, Sklavenzüchtung für
die Baumwollstaaten trieben, starb sie von selbst aus, ohne Anwendung von Gewalt,
einfach weil sie sich nicht bezahlte.

Wenn also Herr Dühring das heutige Eigentum ein Gewalteigentum nennt und
es bezeichnet als

»diejenige Herrschaftsform, welche nicht
etwa bloß eine Ausschließung des Nebenmenschen von dem Gebrauch der
Naturmittel zur Existenz, sondern auch, was noch weit mehr bedeutet, die Unterjochung
des Menschen zum Knechtsdienst
zugrunde liegen hat
« -

so stellt er das ganze Verhältnis auf den Kopf. Die Unterjochung des Menschen
zum Knechtsdienst, in allen ihren Formen, setzt beim Unterjocher die Verfügung
voraus über die Arbeitsmittel, vermittelst deren allein er den Geknechteten
verwenden, und bei der Sklaverei außerdem noch die Verfügung über
die Lebensmittel, womit allein er den Sklaven am Leben erhalten kann. In allen
Fällen also schon einen gewissen, den Durchschnitt überschreitenden
Vermögensbesitz. Wie ist dieser entstanden ? jedenfalls ist es klar, daß
er zwar geraubt sein, also auf Gewalt beruhn kann, aber daß dies keineswegs
nötig ist. Er kann erarbeitet, erstohlen, erhandelt, erschwindelt sein. Er
muß sogar erarbeitet sein, ehe er überhaupt geraubt werden kann.

Das Privateigentum tritt überhaupt in der Geschichte keineswegs auf als
Ergebnis des Raubs und der Gewalt. Im Gegenteil. Es besteht schon, wenn auch unter
Beschränkung auf gewisse Gegenstände, in der uralten naturwüchsigen
Gemeinde aller Kulturvölker. Es entwickelt sich bereits innerhalb dieser
Gemeinde, zunächst im Austausch mit Fremden, zur Form der Ware. Je mehr die
Erzeugnisse der Gemeinde Warenform annehmen, d.h. je weniger von ihnen zum eignen
Gebrauch des Produzenten und je mehr sie zum Zweck des Austausches produziert
werden, je mehr der Austausch auch im Innern der Gemeinde die ursprüngliche
naturwüchsige Arbeitsteilung verdrängt, desto ungleicher wird der Vermögensstand
der einzelnen Gemeindeglieder, desto tiefer wird die alte Gemeinschaft des Bodenbesitzes
untergraben, desto rascher treibt das Gemeinwesen seiner Auflösung in ein
Dorf von Parzellenbauern entgegen. Der orientalische Despotismus und die wechselnde
Herrschaft erobernder Nomadenvölker konnten diesen alten Gemeinwesen Jahrtausende
hindurch nichts anhaben; die allmähliche Zerstörung ihrer naturwüchsigen
Hausindustrie durch die Konkurrenz der Erzeugnisse der großen Industrie
bringt sie mehr und mehr in Auflösung. Von Gewalt ist da ebensowenig die
Rede, wie bei der noch jetzt stattfindenden Aufteilung des gemeinsamen Ackerbesitzes
der »Gehöferschaften« an der Mosel und im Hochwald; die Bauern finden es
eben in ihrem Interesse, daß das Privateigentum am Acker an Stelle des Gemeineigentums
trete. Selbst die Bildung einer naturwüchsigen Aristokratie, wie sie bei
Kelten, Germanen und im indischen Fünfstromland auf Grund des gemeinsamen
Bodeneigentums erfolgt, beruht zunächst keineswegs auf Gewalt, sondern auf
Freiwilligkeit und Gewohnheit. Überall, wo das Privateigentum sich herausbildet, geschieht dies infolge veränderter Produktions-
und Austauschverhältnisse, im Interesse der Steigerung der Produktion und
der Förderung des Verkehrs - also aus ökonomischen Ursachen. Die Gewalt
spielt dabei gar keine Rolle. Es ist doch klar, daß die Einrichtung des
Privateigentums schon bestehn muß, ehe der Räuber sich fremdes Gut
aneignen kann; daß also die Gewalt zwar den Besitzstand verändern,
aber nicht das Privateigentum als solches erzeugen kann.

Aber auch um die »Unterjochung des Menschen zum Knechtsdienst« in ihrer modernsten
Form, in der Lohnarbeit, zu erklären, können wir weder die Gewalt, noch
das Gewalteigentum brauchen. Wir haben schon erwähnt, welche Rolle bei der
Auflösung der alten Gemeinwesen, also bei der direkten oder indirekten Verallgemeinerung
des Privateigentums, die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren, ihre Erzeugung
nicht für den eignen Verzehr, sondern für den Austausch spielt. Nun
aber hat Marx im »Kapital« sonnenklar nachgewiesen - und Herr Dühring hütet
sich, auch nur mit einer Silbe darauf einzugehn -, daß auf einem gewissen
Entwicklungsgrad die Warenproduktion sich in kapitalistische Produktion verwandelt
und daß auf dieser Stufe »das auf Warenproduktion und Warenzirkulation beruhende
Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigentums durch seine eigne, innere,
unvermeidliche Dialektik in sein Gegenteil umschlägt: der Austausch von Äquivalenten,
der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, daß
nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte
Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden
Arbeitsprodukts ist, und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht
nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus« (Überschuß) »ersetzt werden
muß ... Ursprünglich erschien uns das Eigentum gegründet auf eigne
Arbeit ... Eigentum erscheint jetzt« (am Schluß der Marxschen Entwicklung),
»auf Seite des Kapitalisten, als das Recht, fremde unbezahlte Arbeit, auf Seite
des Arbeiters, als Unmöglichkeit, sein eignes Produkt anzueignen. Die Scheidung
zwischen Eigentum und Arbeit wird zur notwendigen Konsequenz eines Gesetzes, das
scheinbar von ihrer Identität ausging.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 609/610
| Mit andern Worten: selbst wenn wir die Möglichkeit alles
Raubs, aller Gewalttat und aller Prellerei ausschließen, wenn wir annehmen,
daß alles Privateigentum ursprünglich auf eigner Arbeit des Besitzers
beruhe und daß im ganzen fernern Verlauf nur gleiche Werte gegen gleiche
Werte ausgetauscht werden, so kommen wir dennoch bei der Fortentwicklung der Produktion
und des Austausches mit Notwendigkeit auf die
gegenwärtige kapitalistische Produktionsweise, auf die Monopolisierung der
Produktions- und Lebensmittel in den Händen der einen, wenig zahlreichen
Klasse, auf die Herabdrückung der andern, die ungeheure Mehrzahl bildenden
Klasse zu besitzlosen Proletariern, auf den periodischen Wechsel von Schwindelproduktion
und Handelskrise und auf die ganze gegenwärtige Anarchie in der Produktion.
Der ganze Hergang ist aus rein ökonomischen Ursachen erklärt, ohne daß
auch nur ein einziges Mal der Raub, die Gewalt, der Staat oder irgendwelche politische
Einmischung nötig gewesen wäre. Das »Gewalteigentum« erweist sich auch
hier bloß als eine renommistische Phrase, die den Mangel an Verständnis
des wirklichen Verlaufs der Dinge verdecken soll.

Dieser Verlauf, historisch ausgedrückt, ist die Entwicklungsgeschichte
der Bourgeoisie. Wenn die »politischen Zustände die entscheidende Ursache
der Wirtschaftslage sind«, so muß die moderne Bourgeoisie nicht im Kampf
mit dem Feudalismus sich entwickelt haben, sondern sein freiwillig erzeugtes Schoßkind
sein. Jedermann weiß, daß das Gegenteil stattgefunden hat. Ursprünglich
dem herrschenden Feudaladel zinspflichtiger, aus Hörigen und Leibeignen aller
Art sich rekrutierender, unterdrückter Stand, hat das Bürgertum in fortwährendem
Kampf mit dem Adel einen Machtposten nach dem andern erobert und schließlich
in den entwickeltsten Ländern an seiner Stelle die Herrschaft in Besitz genommen;
in Frankreich, indem es den Adel direkt stürzte, in England, indem es ihn
mehr und mehr verbürgerlichte und ihn sich als seine eigne ornamentale Spitze
einverleibte. Und wie brachte es dies fertig? Lediglich durch Veränderung
der »Wirtschaftslage«, der eine Veränderung der politischen Zustände
früher oder später, freiwillig oder erkämpft, nachfolgte. Der Kampf
der Bourgeoisie gegen den Feudaladel ist der Kampf der Stadt gegen das Land, der
Industrie gegen den Grundbesitz, der Geldwirtschaft gegen die Naturalwirtschaft,
und die entscheidenden Waffen der Bürger in diesem Kampfe waren ihre, durch
die Entwicklung der erst handwerksmäßigen, später zur Manufaktur
vorschreitenden Industrie und durch die Ausbreitung des Handels sich fortwährend
steigernden ökonomischen Machtmittel. Während dieses ganzen Kampfs stand
die politische Gewalt auf Seite des Adels, mit Ausnahme einer Periode, wo die
königliche Macht das Bürgertum gegen den Adel benutzte, um den einen
Stand durch den andern im Schach zu halten; aber von dem Augenblick, wo das noch
immer politisch ohnmächtige Bürgertum, vermöge seiner wachsenden
ökonomischen Macht, gefährlich zu werden anfing, verbündete sich
das Königtum wieder mit dem Adel und rief dadurch zuerst in England, dann
in Frankreich die Revolution des Bürgertums hervor. Die »politischen Zustände« in Frankreich waren unverändert
geblieben, während die »Wirtschaftslage« ihnen entwachsen war. Dem politischen
Stand nach war der Adel alles, der Bürger nichts; der sozialen Lage nach
war der Bürger jetzt die wichtigste Klasse im Staat, während dem Adel
alle seine sozialen Funktionen abhanden gekommen waren und er nur noch in seinen
Revenuen die Bezahlung dieser verschwundnen Funktionen einstrich. Damit nicht
genug: das Bürgertum war in seiner ganzen Produktion eingezwängt geblieben
in die feudalen politischen Formen des Mittelalters, denen diese Produktion -
nicht nur die Manufaktur, sondern selbst das Handwerk - längst entwachsen
war: in alle die, zu bloßen Schikanen und Fesseln der Produktion gewordnen,
tausendfachen Zunftprivilegien und lokalen und provinzialen Zollschranken. Die
Revolution des Bürgertums machte dem ein Ende. Nicht aber indem sie, nach
Herrn Dührings Grundsatz, die Wirtschaftslage den politischen Zuständen
anpaßte - das hatte ja grade Adel und Königtum jahrelang umsonst versucht
-, sondern indem sie umgekehrt den alten modrigen politischen Plunder beiseite
warf und politische Zustände schuf, in denen die neue »Wirtschaftslage« bestehn
und sich entwickeln konnte. Und sie hat sich in dieser ihr angemessenen politischen
und rechtlichen Atmosphäre glänzend entwickelt, so glänzend, daß
die Bourgeoisie schon nicht mehr weit von der Stellung ist, die der Adel 1789
einnahm: sie wird mehr und mehr, nicht nur sozial überflüssig, sondern
soziales Hindernis; sie scheidet mehr und mehr aus der Produktionstätigkeit
aus und wird mehr und mehr, wie seinerzeit der Adel, eine bloß Revenuen
einstreichende Klasse; und sie hat diese Umwälzung ihrer eignen Stellung
und die Erzeugung einer neuen Klasse, des Proletariats, fertiggebracht, ohne irgendwelchen
Gewaltshokuspokus, auf rein ökonomischem Wege. Noch mehr. Sie hat dies Resultat
ihres eignen Tun und Treibens keineswegs gewollt - im Gegenteil, es hat sich mit
unwiderstehlicher Gewalt gegen ihren Willen und gegen ihre Absicht durchgesetzt;
ihre eignen Produktivkräfte sind ihrer Leitung entwachsen und treiben, wie
mit Naturnotwendigkeit, die ganze bürgerliche Gesellschaft dem Untergang
oder der Umwälzung entgegen. Und wenn die Bourgeois jetzt an die Gewalt appellieren,
um die zusammenbrechende »Wirtschaftslage« vor dem Einsturz zu bewahren, so beweisen
sie damit nur, daß sie in derselben Täuschung befangen sind wie Herr
Dühring, als seien »die politischen Zustände die entscheidende Ursache
der Wirtschaftslage«; daß sie sich einbilden, ganz wie Herr Dühring,
sie könnten mit dem »Primitiven«, mit »der unmittelbar politischen Gewalt«
jene »Tatsachen zweiter Ordnung«, die Wirtschaftslage und ihre unabwendbare Entwicklung
umschaffen und also

die ökonomischen Wirkungen
der Dampfmaschine und der von ihr getriebnen modernen Maschinerie, des Welthandels
und der heutigen Bank- und Kreditentwicklung mit Krupp-Kanonen und Mauser-Gewehren
wieder aus der Welt schießen.

## III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

Betrachten wir indes diese allmächtige »Gewalt« des Herrn Dühring
etwas näher. Robinson knechtet den Freitag »mit dem Degen in der Hand«. Woher
hat er den Degen? auch auf den Phantasie-Inseln der Robinsonaden wachsen bis jetzt
die Degen nicht auf den Bäumen, und Herr Dühring bleibt jede Antwort
auf diese Frage schuldig. Ebensogut wie Robinson sich einen Degen verschaffen
konnte, ebensogut dürfen wir annehmen, daß Freitag eines schönen
Morgens erscheint mit einem geladnen Revolver in der Hand, und dann kehrt sich
das ganze »Gewalt«-Verhältnis um: Freitag kommandiert, und Robinson muß
schanzen. Wir bitten die Leser um Verzeihung, daß wir so konsequent auf
die eigentlich in die Kinderstube und nicht in die Wissenschaft gehörige
Geschichte von Robinson und Freitag zurückkommen, aber was können wir
dafür? Wir sind genötigt, Herrn Dührings axiomatische Methode gewissenhaft
anzuwenden, und es ist nicht unsre Schuld, wenn wir uns dabei stets auf dem Gebiete
der reinen Kindlichkeit bewegen. Also der Revolver siegt über den Degen,
und damit wird es doch wohl auch dem kindlichsten Axiomatiker begreiflich sein,
daß die Gewalt kein bloßer Willensakt ist, sondern sehr reale Vorbedingungen
zu ihrer Betätigung erfordert, namentlich Werkzeuge, von denen das vollkommnere
das unvollkommnere überwindet; daß ferner diese Werkzeuge produziert
sein müssen, womit zugleich gesagt ist, daß der Produzent vollkommnerer
Gewaltwerkzeuge, vulgo Waffen, den Produzenten der unvollkommneren besiegt, und
daß, mit Einem Wort, der Sieg der Gewalt beruht auf der Produktion von Waffen,
und diese wieder auf der Produktion überhaupt, also - auf der »ökonomischen
Macht«, auf der »Wirtschaftslage«, auf den der Gewalt zur Verfügung stehenden
materiellen Mitteln.

Die Gewalt, das ist heutzutage die Armee und die Kriegsflotte und beide kosten,
wie wir alle zu unsrem Schaden wissen, »heidenmäßig viel Geld«. Die
Gewalt aber kann kein Geld machen, sondern höchstens schon gemachtes wegnehmen,
und das nützt auch nicht viel, wie wir ebenfalls zu unserm Schaden mit den
französischen Milliarden erfahren haben. Das Geld muß

also schließlich doch geliefert werden vermittelst der ökonomischen
Produktion ; die Gewalt wird also wieder durch die Wirtschaftslage bestimmt, die
ihr die Mittel zur Ausrüstung und Erhaltung ihrer Werkzeuge verschafft. Aber
damit nicht genug. Nichts ist abhängiger von ökonomischen Vorbedingungen
als grade Armee und Flotte. Bewaffnung, Zusammensetzung, Organisation, Taktik
und Strategie hängen vor allem ab von der jedesmaligen Produktionsstufe und
den Kommunikationen. Nicht die »freien Schöpfungen des Verstandes« genialer
Feldherrn haben hier umwälzend gewirkt, sondern die Erfindung besserer Waffen
und die Veränderung des Soldatenmaterials; der Einfluß der genialen
Feldherrn beschränkt sich im besten Fall darauf, die Kampfweise den neuen
Waffen und Kämpfern anzupassen.
{3}

Im Anfang des 14. Jahrhunderts kam das Schießpulver von den Arabern zu
den Westeuropäern und wälzte, wie jedes Schulkind weiß, die ganze
Kriegführung um. Die Einführung des Schießpulvers und der Feuerwaffen
war aber keineswegs eine Gewalttat, sondern ein industrieller, also wirtschaftlicher
Fortschritt. Industrie bleibt Industrie, ob sie auf die Erzeugung oder die Zerstörung
von Gegenständen sich richtet. Und die Einführung der Feuerwaffen wirkte
umwälzend nicht nur auf die Kriegführung selbst, sondern auch auf die
politischen Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse. Zur Erlangung von
Pulver und Feuerwaffen gehörte Industrie und Geld, und beides besaßen
die Städtebürger. Die Feuerwaffen waren daher von Anfang an Waffen der
Städte und der auf die Städte gestützten, emporkommenden Monarchie
gegen den Feudaladel. Die bisher unnahbaren Steinmauern der Adelsburgen erlagen
den Kanonen der Bürger, die Kugeln der bürgerlichen Handbüchsen
schlugen durch die ritterlichen Panzer. Mit der geharnischten Kavallerie des Adels
brach auch die Adelsherrschaft zusammen; mit der Entwicklung des Bürgertums
wurden Fußvolk und Geschütz mehr und mehr die entscheidenden Waffengattungen;
durch das Geschütz gezwungen, mußte das Kriegshandwerk sich eine neue,
ganz industrielle Unterabteilung zulegen: das Ingenieurwesen.

Die Ausbildung der Feuerwaffen ging sehr langsam vor sich. Das Geschütz
blieb schwerfällig, die Handrohre trotz vieler Einzelerfindungen roh. Es
dauerte über dreihundert Jahre, bis ein Gewehr zustande kam, das zur Bewaffnung
der gesamten Infanterie taugte. Erst anfangs des 18. Jahrhunderts verdrängte
das Steinschloßgewehr mit Bajonett die Pike endgültig aus

der Bewaffnung des Fußvolks. Das damalige Fußvolk bestand aus den
stramm exerzierenden, aber ganz unzuverlässigen, nur mit dem Stock zusammengehaltnen,
aus den verkommensten Elementen der Gesellschaft, oft aus gepreßten, feindlichen
Kriegsgefangenen sich zusammensetzenden fürstlichen Werbesoldaten, und die
einzige Kampfform, in der diese Soldaten das neue Gewehr zur Verwendung bringen
konnten, war die Lineartaktik, die unter Friedrich II. ihre höchste Vollendung
erreichte. Das ganze Fußvolk eines Heeres wurde in einem dreigliedrigen,
sehr langen hohlen Viereck aufgestellt und bewegte sich in Schlachtordnung nur
als Ganzes; höchstens wurde einem der beiden Flügel gestattet, sich
etwas vorzuschieben oder zurückzuhalten. Diese unbehülfliche Masse war
in Ordnung zu bewegen nur auf einem ganz ebnen Gelände, und auch da nur im
langsamen Tempo (fünfundsiebzig Schritt auf die Minute); eine Änderung
der Schlachtordnung während des Gefechts war unmöglich, und Sieg oder
Niedertage wurden, sobald die Infanterie einmal im Feuer war, in kurzer Zeit mit
Einem Schlag entschieden.

Diesen unbehülflichen Linien traten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
Rebellenhaufen entgegen, die zwar nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren
gezognen Büchsen schießen konnten, die für ihre eigensten Interessen
fochten, also nicht desertierten wie die Werbetruppen, und die den Engländern
nicht den Gefallen taten, ihnen ebenfalls in Linie und auf freier Ebene gegenüberzutreten,
sondern in aufgelösten, rasch beweglichen Schützenschwärmen und
in den deckenden Wäldern. Die Linie war hier machtlos und erlag den unsichtbaren
und unerreichbaren Gegnern. Das Tiraillieren war wieder erfunden - eine neue Kampfweise
infolge eines veränderten Soldatenmaterials.

Was die amerikanische Revolution begonnen, das vollendete die französische,
auch auf militärischem Gebiet. Den geübten Werbeheeren der Koalition
hatte sie ebenfalls nur schlecht geübte, aber zahlreiche Massen entgegenzustellen,
das Aufgebot der ganzen Nation. Mit diesen Massen aber galt es, Paris zu schützen,
also ein bestimmtes Gebiet zu decken, und das konnte nicht ohne Sieg in offner
Massenschlacht geschehn. Das bloße Schützengefecht reichte nicht aus;
es mußte eine Form auch für die Massenverwendung gefunden werden, und
sie fand sich in der Kolonne. Die Kolonnenstellung erlaubte auch wenig geübten
Truppen, sich mit ziemlicher Ordnung zu bewegen und das selbst mit einer größern
Marschgeschwindigkeit (hundert Schritt und darüber in der Minute), sie erlaubte,
die steifen Formen der alten Linienordnung zu durchbrechen, in jedem, also auch
in dem der Linie ungünstigsten Terrain zu fechten, die Truppen in jeder

irgendwie angemessenen Art zu gruppieren und, in Verbindung mit dem Gefecht zerstreuter
Schützen, die feindlichen Linien aufzuhalten, zu beschäftigen, zu ermatten,
bis der Moment gekommen, wo man sie am entscheidenden Punkt der Stellung mit in
Reserve gehaltnen Massen durchbrach. Diese neue, auf der Verbindung von Tirailleurs
und Kolonnen und auf der Einteilung der Armee in selbständige, aus allen
Waffen zusammengesetzte Divisionen oder Armeekorps beruhende, von Napoleon nach
ihrer taktischen wie strategischen Seite vollständig ausgebildete Kampfweise
war demnach notwendig geworden vor allem durch das veränderte Soldatenmaterial
der französischen Revolution. Sie hatte aber auch noch zwei sehr wichtige
technische Vorbedingungen: erstens die von Gribeauval konstruierte leichtere Lafettierung
der Feldgeschütze, wodurch allein diesen die von ihnen jetzt verlangte raschere
Bewegung möglich wurde, und zweitens die in Frankreich 1777 eingeführte,
dem Jagdgewehr entlehnte Schweifung des bisher ganz grade in der Verlängerung
des Laufs sich fortsetzenden Flintenkolbens, die es möglich machte, auf einen
einzelnen Mann zu zielen, ohne notwendig vorbeizuschießen. Ohne diesen Fortschritt
aber hätte man mit dem alten Gewehr nicht tiraillieren können.

Das revolutionäre System der Bewaffnung des ganzen Volks wurde bald auf
eine Zwangsaushebung (mit Stellvertretung durch Loskauf für die Begüterten)
beschränkt und in dieser Form von den meisten großen Staaten des Festlands
angenommen. Nur Preußen versuchte in seinem Landwehrsystem die Wehrkraft
des Volks in größerm Maß heranzuziehn. Preußen war zudem
der erste Staat, der sein ganzes Fußvolk - nachdem der zwischen 1830 und
1860 ausgebildete, kriegsbrauchbare gezogne Vorderlader eine kurze Rolle gespielt
- mit der neuesten Waffe versah, dem gezognen Hinterlader. Beiden Einrichtungen
verdankte es seine Erfolge von 1866.

Im Deutsch-Französischen Krieg traten zuerst zwei Heere einander gegenüber,
die beide gezogne Hinterlader führten, und zwar beide mit wesentlich denselben
taktischen Formationen wie zur Zeit des alten glattläufigen Steinschloßgewehrs.
Nur daß die Preußen in der Einführung der Kompaniekolonne den
Versuch gemacht hatten, eine der neuen Bewaffnung angemessenere Kampfform zu finden.
Als aber am 18. August bei St. Privat die preußische Garde mit der Kompaniekolonne
Ernst zu machen versuchte, verloren die am meisten beteiligten fünf Regimenter
in höchstens zwei Stunden über ein Drittel ihrer Stärke (176 Offiziere
und 5.114 Mann). und von da an war auch die Kompaniekolonne als Kampfform gerichtet,
nicht minder als die Bataillonskolonne und die Linie; jeder Versuch wurde aufgegeben, fernerhin irgendwelche geschlossene Trupps dem feindlichen
Gewehrfeuer auszusetzen, und der Kampf wurde deutscherseits nur noch in jenen
dichten Schützenschwärmen geführt, in die sich die Kolonne bisher
unter dem einschlagenden Kugelhagel schon regelmäßig von selbst aufgelöst,
die man aber von oben herab als ordnungswidrig bekämpft hatte; und ebenso
wurde nun im Bereich des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige
Bewegungsart. Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier;
die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt,
hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens
der Führung erfolgreich durch.

Mit dem Deutsch-Französischen Krieg ist ein Wendepunkt eingetreten von
ganz andrer Bedeutung als alle frühern. Erstens sind die Waffen so vervollkommnet,
daß ein neuer Fortschritt von irgendwelchem umwälzenden Einfluß
nicht mehr möglich ist. Wenn man Kanonen hat, mit denen man ein Bataillon
treffen kann, soweit das Auge es unterscheidet, und Gewehre, die für einen
einzelnen Mann als Zielpunkt dasselbe leisten und bei denen das Laden weniger
Zeit raubt als das Zielen, so sind alle weitern Fortschritte für den Feldkrieg
mehr oder weniger gleichgültig. Die Ära der Entwicklung ist nach dieser
Seite hin also im wesentlichen abgeschlossen. Zweitens aber hat dieser Krieg alle
kontinentalen Großstaaten gezwungen, das verschärfte preußische
Landwehrsystem bei sich einzuführen, und damit eine Militärlast, bei
der sie in wenigen Jahren zugrunde gehn müssen. Die Armee ist Hauptzweck
des Staats, ist Selbstzweck geworden; die Völker sind nur noch dazu da, die
Soldaten zu liefern und zu ernähren. Der Militarismus beherrscht und verschlingt
Europa. Aber dieser Militarismus trägt auch den Keim seines eignen Untergangs
in sich. Die Konkurrenz der einzelnen Staaten untereinander zwingt sie einerseits,
jedes Jahr mehr Geld auf Armee, Flotte, Geschütze etc. zu verwenden, also
den finanziellen Zusammenbruch mehr und mehr zu beschleunigen; andrerseits mit
der allgemeinen Dienstpflicht mehr und mehr Ernst, und damit schließlich
das ganze Volk mit dem Waffengebrauch vertraut zu machen; es also zu befähigen,
in einem gewissen Moment seinen Willen gegenüber der kommandierenden Militärherrlichkeit
durchzusetzen. Und dieser Moment tritt ein, sobald die Masse des Volks - ländliche
und städtische Arbeiter und Bauern - einen Willen hat. Auf diesem Punkt schlägt
das Fürstenheer um in ein Volksheer; die Maschine versagt den Dienst, der
Militarismus geht unter an der Dialektik seiner eignen Entwicklung. Was die bürgerliche
Demokratie von 1848 nicht fertigbringen konnte, eben weil sie bürgerlich
war und nicht proletarisch, nämlich den arbeitenden Massen einen Willen geben,

dessen Inhalt ihrer Klassenlage entspricht - das
wird der Sozialismus unfehlbar erwirken. Und das bedeutet die Sprengung des Militarismus
und mit ihm aller stehenden Armeen von innen heraus.

Das ist die eine Moral unsrer Geschichte der modernen Infanterie. Die zweite
Moral, die uns wieder zu Herrn Dühring zurückführt, ist, daß
sich die ganze Organisation und Kampfweise der Armeen, und damit Sieg und Niederlage,
abhängig erweist von materiellen, das heißt ökonomischen Bedingungen:
vom Menschen- und vom Waffenmaterial, also von der Qualität und Quantität
der Bevölkerung und von der Technik. Nur ein Jägervolk wie die Amerikaner
konnte das Tiraillieren wieder erfinden - und sie waren Jäger aus rein ökonomischen
Ursachen, eben wie jetzt aus rein ökonomischen Ursachen dieselben Yankees
der alten Staaten sich in Bauern, Industrielle, Seefahrer und Kaufleute verwandelt
haben, die nicht mehr in den Urwäldern tiraillieren, dafür aber um so
besser auf dem Felde der Spekulation, wo sie es auch in der Massenverwendung weit
gebracht haben. - nur eine Revolution wie die französische, die den Bürger
und namentlich den Bauer ökonomisch emanzipierte, konnte die Massenheere
und zugleich die freien Bewegungsformen finden, an denen die alten steifen Linien
zerschellten - die militärischen Abbilder des Absolutismus, den sie verfochten.
Und wie die Fortschritte der Technik, sobald sie militärisch verwendbar und
auch verwendet wurden, sofort Änderungen, ja Umwälzungen der Kampfweise
fast gewaltsam erzwangen, oft noch dazu gegen den Willen der Heeresleitung, das
haben wir Fall für Fall gesehn. Wie sehr außerdem die Kriegführung
von der Produktivität und den Kommunikationsmitteln des eignen Hinterlandes
wie des Kriegsschauplatzes abhängt, darüber kann heutzutage schon ein
strebsamer Unteroffizier Herrn Dühring aufklären. Kurz, überall
und immer sind es ökonomische Bedingungen und Machtmittel, die der »Gewalt«
zum Siege verhelfen, ohne die sie aufhört, Gewalt zu sein, und wer nach Dühringschen
Grundsätzen das Kriegswesen vom entgegengesetzten Standpunkte aus reformieren
wollte, der könnte nichts ernten als Prügel.
(1)

Gehn wir nun vom Lande aufs Wasser, so bietet sich uns allein in den letzten
zwanzig Jahren eine noch ganz anders durchgreifende Umwälzung. Das Schlachtschiff
des Krimkriegs war der hölzerne Zwei- und Dreidecker von 60 bis 100 Kanonen, der vorzugsweise noch durch Segel bewegt wurde
und nur zur Aushülfe eine schwache Dampfmaschine hatte. Er führte hauptsächlich
32pfünder von etwa 50 Zentner Rohrgewicht, daneben nur wenige 68pfünder
von 95 Zentner. Gegen Ende des Kriegs traten eisengepanzerte schwimmende Batterien
auf, schwerfällige, fast unbewegliche, aber dem damaligen Geschütz gegenüber
unverletzliche Ungeheuer. Bald wurde die Eisenpanzerung auch auf die Schlachtschiffe
übertragen; anfangs noch dünn, vier Zoll Eisenstärke galt schon
für einen äußerst schweren Panzer. Aber der artilleristische Fortschritt
überholte bald die Panzerung; für jede Panzerstärke, die nach der
Reihe angewandt wurde, fand sich ein neues, schwereres Geschütz, das sie
mit Leichtigkeit durchschlug. So sind wir jetzt bereits bei zehn-, zwölf-,
vierzehn-, vierundzwanzigzölliger Panzerstärke (Italien will ein Schiff
mit drei Fuß dickem Panzer bauen lassen) auf der einen Seite angekommen;
auf der andern bei gezognen Geschützen von 25, 35, 80, ja 100 Tons (à
20 Zentner) Rohrgewicht, die Geschosse von 300, 400, 1.700 bis 2.000 Pfund auf
früher unerhörte Entfernungen schleudern. Das heutige Schlachtschiff
ist ein riesiger gepanzerter Schraubendampfer von 8.000 bis 9.000 Tonnen Gehalt
und 6.000 bis 8.000 Pferdekraft, mit Drehtürmen und vier, höchstens
sechs schweren Geschützen und mit einem, unter der Wasserlinie in einer Ramme
zum Niederrennen feindlicher Schiffe auslaufenden Bug; es ist eine einzige kolossale
Maschine, auf der der Dampf nicht nur die schnelle Fortbewegung bewirkt, sondern
auch die Steuerung, das Ankerwinden, die Drehung der Türme, die Richtung
und Ladung der Geschütze, das Auspumpen des Wassers, das Einnehmen und Herablassen
der Boote - die selbst teilweise wieder Dampfkraft führen - usw. Und so wenig
ist der Wettkampf zwischen Panzerung und Geschützwirkung zum Abschluß
gekommen, daß ein Schiff heutzutage fast regelmäßig schon nicht
mehr den Ansprüchen genügt, schon veraltet ist, ehe es vom Stapel gelassen
wird. Das moderne Schlachtschiff ist nicht nur ein Produkt, sondern zugleich ein
Probestück der modernen großen Industrie, eine schwimmende Fabrik -
vornehmlich allerdings zur Erzeugung von Geldverschwendung. Das Land, wo die große
Industrie am meisten entwickelt ist, hat beinahe das Monopol des Baues dieser
Schiffe. Alle türkischen, fast alle russischen, die meisten deutschen Panzerschiffe
sind in England gebaut; Panzerplatten von irgendwelcher Brauchbarkeit werden fast
nur in Sheffield gemacht; von den drei Eisenwerken Europas, die allein imstande
sind, die schwersten Geschütze zu liefern, kommen zwei (Woolwich und Elswick)
auf England, das dritte (Krupp) auf Deutschland. Hier zeigt sich aufs handgreiflichste,
wie die »unmittelbare politische Gewalt«, die

nach Herrn Dühring die »entscheidende Ursache der Wirtschaftslage« ist, im
Gegenteil vollständig von der Wirtschaftslage unterjocht ist; wie nicht nur
die Herstellung, sondern auch die Behandlung des Gewaltwerkzeugs zur See, des
Schlachtschiffs, selbst ein Zweig der modernen großen Industrie geworden
ist. Und daß dies so geworden, geht niemandem mehr wider die Haare, als
grade der Gewalt, dem Staat, dem jetzt ein Schiff so viel kostet wie früher
eine ganze kleine Flotte; der es mit ansehn muß, daß diese teuren
Schiffe, noch ehe sie ins Wasser kommen, schon veraltet, also entwertet sind;
und der sicher ebensoviel Verdruß darüber empfindet wie Herr Dühring,
daß der Mann der »Wirtschaftslage«, der Ingenieur, jetzt an Bord viel wichtiger
ist als der Mann der »unmittelbaren Gewalt«, der Kapitän. Wir dagegen haben
durchaus keinen Grund, uns zu ärgern, wenn wir sehn, wie in diesem Wettkampf
zwischen Panzer und Geschütz das Schlachtschiff bis zu der Spitze der Künstlichkeit
ausgebildet wird, die es ebenso unerschwinglich wie kriegsunbrauchbar macht
(2)
,
und wie dieser Kampf damit auch auf dem Gebiet des Seekriegs jene innern dialektischen
Bewegungsgesetze offenbart, nach denen der Militarismus, wie jede andre geschichtliche
Erscheinung, an den Konsequenzen seiner eignen Entwicklung zugrunde geht.

Auch hier also sehn wir sonnenklar, daß keineswegs »das Primitive in
der unmittelbaren politischen Gewalt und nicht erst in einer indirekten ökonomischen
Macht gesucht werden« muß. Im Gegenteil. Was zeigt sich grade als »das Primitive«
der Gewalt selbst? Die ökonomische Macht, die Verfügung über die
Machtmittel der großen Industrie. Die politische Gewalt zur See, die auf
den modernen Schlachtschiffen beruht, erweist sich als durchaus nicht »unmittelbar«,
sondern grade als
vermittelt
durch die ökonomische Macht, die hohe
Ausbildung der Metallurgie, das Kommando über geschickte Techniker und ergiebige
Kohlengruben.

Indes, wozu das alles? Man gebe im nächsten Seekriege Herrn Dühring
den Oberbefehl, und er vernichtet alle die von der Wirtschaftslage geknechteten
Panzerflotten ohne Torpedos und andre Kunststücke, einfach vermittelst seiner
»unmittelbaren Gewalt«.

## IV. Gewaltstheorie (Schluß)

»Ein sehr wichtiger Umstand liegt darin, daß tatsächlich
die Beherrschung der
Natur
durch diejenige des
Menschen
erst überhaupt
(!) vor sich gegangen ist« (eine Beherrschung ist vor sich gegangen!). »Die Bewirtschaftung
des Grundeigentums in größern Strecken ist nie und nirgends ohne die
vorgängige Knechtung des Menschen zu irgendeiner Art von Sklaven- oder Frondienst
vollzogen worden. Die Aufrichtung einer ökonomischen Herrschaft über
die Dinge hat die politische, soziale und ökonomische Herrschaft des Menschen
über den Menschen zur Voraussetzung gehabt. Wie hätte man sich einen
großen Grundherrn nur denken können, ohne zugleich seine Herrenschaft
über Sklaven, Hörige oder indirekt Unfreie in den Gedanken einzuschließen?
Was möchte wohl die Kraft des einzelnen, die sich höchstens mit den
Kräften der Familienhülfe ausgestattet sähe, für eine umfangreichere
Ackerkultur bedeutet haben und bedeuten? Die Ausbeutung des Landes oder die ökonomische
Herrschaftsausdehnung über dasselbe in einem die natürlichen Kräfte
des einzelnen übersteigenden Umfang ist in der bisherigen Geschichte nur
dadurch möglich geworden, daß vor oder zugleich mit der Begründung
der Bodenherrschaft auch die zugehörige Knechtung des Menschen durchgeführt
wurde. In den spätern Perioden der Entwicklung ist diese Knechtung gemildert
worden ... ihre gegenwärtige Gestalt ist in den hoher zivilisierten Staaten
eine mehr oder minder durch Polizeiherrschaft geleitete Lohnarbeit. Auf der letztern
beruht also die praktische Möglichkeit derjenigen Art des heutigen Reichtums,
welcher sich in der umfangreicheren Bodenherrschaft und (!) im größern
Grundbesitz darstellt. Selbstverständlich sind alle andern Gattungen des
Verteilungsreichtums geschichtlich auf ähnliche Weise zu erklären, und
die indirekte Abhängigkeit des Menschen vom Menschen, welche gegenwärtig
den Grundzug der ökonomisch am weitesten entwickelten Zustände bildet,
kann nicht aus sich selbst, sondern nur als eine etwas verwandelte Erbschaft einer
frühern direkten Unterwerfung und Enteignung verstanden und erklärt
werden.«

So Herr Dühring.

These: Die Beherrschung der Natur (durch den Menschen) setzt die Beherrschung
des Menschen (durch den Menschen) voraus.

Beweis: Die Bewirtschaftung des Grundeigentums in großem Strecken ist
nie und nirgends anders als durch Knechte erfolgt.

Beweis des Beweises: Wie kann es große Grundbesitzer geben ohne Knechte,
da der große Grundbesitzer mit seiner Familie ohne Knechte ja nur einen
geringen Teil seines Besitzes bebauen könnte.

Also: Um zu beweisen, daß der Mensch, um die Natur sich zu unterwerfen,
vorher den Menschen knechten mußte, verwandelt Herr Dühring »die Natur«
ohne weiteres in »Grundeigentum in größern Strecken« und

dies Grundeigentum - unbestimmt wessen? - sofort wieder in das Eigentum eines
großen Grundherrn, der natürlich ohne Knechte sein Land nicht bebauen
kann.

Erstens sind »Beherrschung der Natur« und »Bewirtschaftung des Grundeigentums«
keineswegs dasselbe. Die Beherrschung der Natur wird in der Industrie in ganz
anders kolossalem Maßstab ausgeübt als im Ackerbau, der sich bis heute
vom Wetter beherrschen lassen muß, statt das Wetter zu beherrschen.

Zweitens, wenn wir uns auf die Bewirtschaftung des Grundeigentums in größern
Strecken beschränken, so kommt es darauf an, wem dies Grundeigentum gehört.
Und da finden wir im Anfang der Geschichte aller Kulturvölker nicht den »großen
Grundherrn«, den uns Herr Dühring hier unterschiebt mit seiner gewöhnlichen
Taschenspielermanier, die er »natürliche Dialektik« nennt - sondern Stamm-
und Dorfgemeinden mit gemeinsamem Grundbesitz. Von Indien bis Irland ist die Bewirtschaftung
des Grundeigentums in größern Strecken ursprünglich durch solche
Stamm- und Dorfgemeinden vor sich gegangen, und zwar bald in gemeinschaftlicher
Bebauung des Ackerlandes für Rechnung der Gemeinde, bald in einzelnen, von
der Gemeinde den Familien auf Zeit zugeteilten Ackerparzellen bei fortdauernder
Gemeinnutzung von Wald- und Weideland. Es ist wiederum bezeichnend für »die
eindringendsten Fachstudien« des Herrn Dühring »auf dem politischen und juristischen
Gebiet«, daß er von allen diesen Dingen nichts weiß; daß seine
sämtlichen Werke eine totale Unbekanntschaft atmen mit den epochemachenden
Schriften Maurers über die ursprüngliche deutsche Markverfassung, die
Grundlage des gesamten deutschen Rechts, und mit der hauptsächlich durch
Maurer angeregten, noch stets anschwellenden Literatur, die sich mit dem Nachweis
der ursprünglichen Gemeinschaftlichkeit des Grundbesitzes bei allen europäischen
und asiatischen Kulturvölkern und mit der Darstellung seiner verschiednen
Daseins- und Auflösungsformen beschäftigt. Wie auf dem Gebiet des französischen
und englischen Rechts Herr Dühring »seine ganze Ignoranz sich selbst erworben«
hatte, so groß sie auch war, so auf dem Gebiet des deutschen Rechts seine
noch weit größere. Der Mann, der sich so gewaltig über den beschränkten
Horizont der Universitätsprofessoren erbost, er steht auf dem Gebiet des
deutschen Rechts noch heute höchstens da, wo die Professoren vor zwanzig
Jahren standen.

Es ist eine reine »freie Schöpfung und Imagination« des Herrn Dühring,
wenn er behauptet, daß zur Bewirtschaftung des Grundeigentums auf größern
Strecken Grundherrn und Knechte erforderlich gewesen seien. Im

ganzen Orient, wo die Gemeinde oder der Staat Grundeigentümer ist, fehlt
sogar das Wort Grundherr in den Sprachen, worüber sich Herr Dühring
bei den englischen Juristen Rats erholen kann, die sich in Indien ebenso umsonst
mit der Frage abquälten: wer ist Grundeigentümer? - wie weiland Fürst
Heinrich LXXII. von Reuß-Greiz-Schleiz-Lobenstein-Eberswalde mit der Frage:
wer ist Nachtwächter? Erst die Türken haben im Orient in den von ihnen
eroberten Ländern eine Art grundherrlichen Feudalismus eingerührt, Griechenland
tritt schon im Heroenzeitalter in die Geschichte ein mit einer Ständegliederung,
die selbst wieder das augenscheinliche Erzeugnis einer längern, unbekannten
Vorgeschichte ist; aber auch da wird der Boden vorwiegend von selbständigen
Bauern bewirtschaftet; die größern Güter der Edlen und Stammesfürsten
bilden die Ausnahme und verschwinden ohnehin bald nachher. Italien ist urbar gemacht
worden vorwiegend von Bauern; als in den letzten Zeiten der römischen Republik
die großen Güterkomplexe, die Latifundien, die Parzellenbauern verdrängten
und durch Sklaven ersetzten, ersetzten sie zugleich den Ackerbau durch Viehzucht
und richteten, wie schon Plinius wußte, Italien zugrunde (latifundia Italiam
perdidere). Im Mittelalter herrscht in ganz Europa (namentlich bei der Urbarmachung
von Ödland) die Bauernkultur vor, wobei es für die vorliegende Frage
gleichgültig ist, ob und welche Abgaben diese Bauern an irgendwelchen Feudalherrn
zu zahlen hatten. Die friesischen, niedersächsischen, flämischen und
niederrheinischen Kolonisten, die das den Slawen entrissene Land östlich
der Elbe in Bebauung nahmen, taten dies als freie Bauern unter sehr günstigen
Zinssätzen, keineswegs aber in »irgendeiner Art von Frondienst«. - in Nordamerika
ist bei weitem der größte Teil des Landes durch Arbeit freier Bauern
der Kultur erschlossen worden, während die großen Grundherrn des Südens
mit ihren Sklaven und ihrem Raubbau den Boden erschöpften, bis er nur noch
Tannen trug, so daß die Baumwollkultur immer weiter nach Westen wandern
mußte. In Australien und Neuseeland sind alle Versuche der englischen Regierung,
eine Bodenaristokratie künstlich herzustellen, gescheitert. Kurz, wenn wir
die tropischen und subtropischen Kolonien ausnehmen, in denen das Klima dem Europäer
die Ackerbauarbeit verbietet, erweist sich der vermittelst seiner Sklaven oder
Fronknechte die Natur seiner Herrschaft unterwerfende, den Boden urbar machende
große Grundherr als ein pures Phantasiegebilde. Im Gegenteil. Wo er im Altertum
auftritt, wie in Italien, macht er nicht Wüstland urbar, sondern verwandelt
das von Bauern urbar gemachte Ackerland in Viehweide, entvölkert und ruiniert
ganze Länder. Erst in neuerer Zeit, erst seitdem die dichtere Bevölkerung
den Bodenwert

gehoben und namentlich seit die
Entwicklung der Agronomie auch schlechtern Boden verwendbarer gemacht hat - erst
da hat der große Grundbesitz angefangen, an der Urbarmachung von Ödland
und Weideland in großem Maßstab sich zu beteiligen, und das vornehmlich
durch Diebstahl am Gemeindeland der Bauern, sowohl in England wie in Deutschland.
Und auch das nicht ohne Gegengewicht. Für jeden Acker Gemeindeland, den die
großen Grundbesitzer in England urbar gemacht, haben sie in Schottland mindestens
drei Acker urbares Land in Schaftrift und zuletzt gar in bloßes Jagdrevier
für Hochwild verwandelt.

Wir haben es hier nur mit der Behauptung des Herrn Dühring zu tun, daß
die Urbarmachung größerer Landstriche, also doch wohl so ziemlich des
ganzen Kulturgebiets »nie und nirgends« anders vollzogen worden sei, als durch
große Grundherrn und Knechte - eine Behauptung, von der wir gesehn haben,
daß sie eine wahrhaft unerhörte Unkenntnis der Geschichte »zur Voraussetzung
hat«. Wir haben uns also hier weder darum zu kümmern, inwiefern zu verschiednen
Zeiten bereits ganz oder größtenteils urbare Landstriche durch Sklaven
(wie zur Blütezeit Griechenlands) oder Hörige (wie die Fronhöfe
seit dem Mittelalter) bebaut worden sind, noch darum, welches die gesellschaftliche
Funktion der großen Grundbesitzer zu verschiednen Zeiten gewesen ist.

Und nachdem Herr Dühring uns dies meisterhafte Phantasiegemälde vorgehalten,
von dem man nicht weiß, was man mehr bewundern soll, die Taschenspielerkunst
der Deduktion oder die Geschichtsfälschung - ruft er triumphierend aus:

»Selbstverständlich sind alle andern Gattungen des Verteilungsreichtums

geschichtlich auf ähnliche Weise zu erklären
!«

Womit er sich natürlich die Mühe erspart, über die Entstehung
z.B. des Kapitals auch nur ein einziges weiteres Wörtchen zu verlieren.

Wenn Herr Dühring mit seiner Beherrschung des Menschen durch den Menschen
als Vorbedingung der Beherrschung der Natur durch den Menschen im allgemeinen
nur sagen will, daß unser gesamter gegenwärtiger ökonomischer
Zustand, die heute erreichte Entwicklungsstufe von Ackerbau und Industrie, das
Resultat einer sich in Klassengegensätzen, in Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnissen
abwickelnden Gesellschaftsgeschichte ist, so sagt er etwas, das seit dem »Kommunistischen
Manifest« längst Gemeinplatz geworden ist. Es kommt eben darauf an, die Entstehung
der Klassen und der Herrschaftsverhältnisse zu erklären, und wenn Herr
Dühring dafür immer nur das eine Wort »Gewalt« hat, so sind wir damit

genausoweit wie am Anfang. Die einfache Tatsache,
daß die Beherrschten und Ausgebeuteten zu allen Zeiten weit zahlreicher
sind als die Herrscher und Ausbeuter, daß also die wirkliche Gewalt bei
jenen ruht, reicht allein hin, um die Torheit der ganzen Gewaltstheorie klarzustellen.
Es handelt sich also immer noch um die Erklärung der Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse.

Sie sind auf zwiefachem Wege entstanden.

Wie die Menschen ursprünglich aus dem Tierreich - im engern Sinne - heraustreten,
so treten sie in die Geschichte ein: noch halb Tiere, roh, noch ohnmächtig
gegenüber den Kräften der Natur, noch unbekannt mit ihren eignen; daher
arm wie die Tiere und kaum produktiver als sie. Es herrscht eine gewisse Gleichheit
der Lebenslage und für die Familienhäupter auch eine Art Gleichheit
der gesellschaftlichen Stellung - wenigstens eine Abwesenheit von Gesellschaftsklassen,
die noch in den naturwüchsigen, ackerbautreibenden Gemeinwesen der spätern
Kulturvölker fortdauert. In jedem solchen Gemeinwesen bestehn von Anfang
an gewisse gemeinsame Interessen, deren Wahrung einzelnen, wenn auch unter Aufsicht
der Gesamtheit, übertragen werden muß: Entscheidung von Streitigkeiten;
Repression von Übergriffen einzelner über ihre Berechtigung hinaus;
Aufsicht über Gewässer, besonders in heißen Ländern; endlich,
bei der Waldursprünglichkeit der Zustände, religiöse Funktionen.
Dergleichen Beamtungen finden sich in den urwüchsigen Gemeinwesen zu jeder
Zeit, so in den ältesten deutschen Markgenossenschaften und noch heute in
Indien. Sie sind selbstredend mit einer gewissen Machtvollkommenheit ausgerüstet
und die Anfänge der Staatsgewalt. Allmählich steigern sich die Produktivkräfte;
die dichtere Bevölkerung schafft hier gemeinsame, dort widerstreitende Interessen
zwischen den einzelnen Gemeinwesen, deren Gruppierung zu größern Ganzen
wiederum eine neue Arbeitsteilung, die Schaffung von Organen zur Wahrung der gemeinsamen,
zur Abwehr der widerstreitenden Interessen hervorruft. Diese Organe, die schon
als Vertreter der gemeinsamen Interessen der ganzen Gruppe, jedem einzelnen Gemeinwesen
gegenüber eine besondre, unter Umständen sogar gegensätzliche Stellung
haben, verselbständigen sich bald noch mehr, teils durch die, in einer Welt,
wo alles naturwüchsig hergeht, fast selbstverständlich eintretende Erblichkeit
der Amtsführung, teils durch ihre, mit der Vermehrung der Konflikte mit andern
Gruppen wachsende Unentbehrlichkeit. Wie diese Verselbständigung der gesellschaftlichen
Funktion gegenüber der Gesellschaft mit der Zeit sich bis zur Herrschaft
über die Gesellschaft steigern konnte, wie der ursprüngliche Diener,
wo die Gelegenheit günstig, sich allmählich in den

Herrn verwandelte, wie je nach den Umständen dieser Herr als orientalischer
Despot oder Satrap, als griechischer Stammesfürst, als keltischer Clanchef
usw. auftrat, wieweit er sich bei dieser Verwandlung schließlich auch der
Gewalt bediente, wie endlich die einzelnen herrschenden Personen sich zu einer
herrschenden Klasse zusammenfügten, darauf brauchen wir hier nicht einzugehn.
Es kommt hier nur darauf an, festzustellen, daß der politischen Herrschaft
überall eine gesellschaftliche Amtstätigkeit zugrunde lag; und die politische
Herrschaft hat auch dann nur auf die Dauer bestanden, wenn sie diese ihre gesellschaftliche
Amtstätigkeit vollzog. Wie viele Despotien auch über Persien und Indien
auf- oder untergegangen sind, jede wußte ganz genau, daß sie vor allem
die Gesamtunternehmerin der Berieselung der Flußtäler war, ohne die
dort kein Ackerbau möglich. Erst den aufgeklärten Engländern war
es vorbehalten, dies in Indien zu übersehn; sie ließen die Rieselkanäle
und Schleusen verfallen und entdecken jetzt endlich durch die regelmäßig
wiederkehrenden Hungersnöte, daß sie die einzige Tätigkeit vernachlässigt
haben, die ihre Herrschaft in Indien wenigstens ebenso rechtmäßig machen
könnte, wie die ihrer Vorgänger.

Neben dieser Klassenbildung ging aber noch eine andre. Die naturwüchsige
Arbeitsteilung innerhalb der ackerbauenden Familie erlaubte auf einer gewissen
Stufe des Wohlstands die Einfügung einer oder mehrerer fremden Arbeitskräfte.
Dies war besonders der Fall in Ländern, wo der alte Gemeinbesitz am Boden
bereits zerfallen oder doch wenigstens die alte gemeinsame Bebauung der Einzelbebauung
der Bodenanteile durch die entsprechenden Familien gewichen war. Die Produktion
war so weit entwickelt, daß die menschliche Arbeitskraft jetzt mehr erzeugen
konnte, als zu ihrem einfachen Unterhalt nötig war; die Mittel, mehr Arbeitskräfte
zu unterhalten, waren vorhanden; diejenigen, sie zu beschäftigen, ebenfalls;
die Arbeitskraft bekam einen
Wert
. Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband,
dem es angehörte, lieferte keine disponiblen, überschüssigen Arbeitskräfte.
Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige
Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander. Bisher hatte man mit den
Kriegsgefangnen nichts anzufangen gewußt, sie also einfach erschlagen, noch
früher hatte man sie verspeist. Aber auf der jetzt erreichten Stufe der »Wirtschaftslage«
erhielten sie einen Wert; man ließ sie also leben und machte sich ihre Arbeit
dienstbar. So wurde die Gewalt, statt die Wirtschaftslage zu beherrschen, im Gegenteil
in den Dienst der Wirtschaftslage gepreßt. Die
Sklaverei
war erfunden.
Sie wurde bald die herrschende Form der Produktion bei allen, über das alte
Gemeinwesen hinaus sich entwickelnden Völkern, schließlich aber auch
eine der Hauptursachen ihres Verfalls. Erst
die Sklaverei machte die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Industrie auf
größerm Maßstab möglich, und damit die Blüte der alten
Welt, das Griechentum. Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische
Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage
des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir
sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomische, politische und
intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Sklaverei
ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt
zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus.

Es ist sehr wohlfeil, über Sklaverei und dergleichen in allgemeinen Redensarten
loszuziehn und einen hohen sittlichen Zorn über dergleichen Schändlichkeit
auszugießen. Leider spricht man damit weiter nichts aus als das, was jedermann
weiß, nämlich daß diese antiken Einrichtungen unsern heutigen
Zuständen und unsern durch diese Zustände bestimmten Gefühlen nicht
mehr entsprechen. Wir erfahren damit aber kein Wort darüber, wie diese Einrichtungen
entstanden sind, warum sie bestanden und welche Rolle sie in der Geschichte gespielt
haben. Und wenn wir hierauf eingehn, so müssen wir sagen, so widerspruchsvoll
und so ketzerisch das auch klingen mag, daß die Einführung der Sklaverei
unter den damaligen Umständen ein großer Fortschritt war. Es ist nun
einmal eine Tatsache, daß die Menschheit vom Tiere angefangen und daher
barbarische, fast tierische Mittel nötig gehabt hat, um sich aus der Barbarei
herauszuarbeiten. Die alten Gemeinwesen, wo sie fortbestanden, bilden seit Jahrtausenden
die Grundlage der rohesten Staatsform, der orientalischen Despotie, von Indien
bis Rußland. Nur wo sie sich auflösten, sind die Völker aus sich
selbst weiter vorangeschritten, und ihr nächster ökonomischer Fortschritt
bestand in der Steigerung und Fortbildung der Produktion vermittelst der Sklavenarbeit.
Es ist klar: solange die menschliche Arbeit noch so wenig produktiv war, daß
sie nur wenig Überschuß über die notwendigen Lebensmittel hinaus
lieferte, war Steigerung der Produktivkräfte, Ausdehnung des Verkehrs, Entwicklung
von Staat und Recht, Begründung von Kunst und Wissenschaft nur möglich
vermittelst einer gesteigerten Arbeitsteilung, die zu ihrer Grundlage haben mußte
die große Arbeitsteilung zwischen den die einfache Handarbeit besorgenden
Massen und den die Leitung der Arbeit, den Handel, die Staatsgeschäfte, und
späterhin die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft betreibenden
wenigen Bevorrechteten. Die einfachste, naturwüchsigste Form dieser Arbeitsteilung
war eben die Sklaverei. Bei den geschichtlichen Voraussetzungen der alten, speziell
der griechischen

Welt konnte der Fortschritt zu
einer auf Klassengegensätzen gegründeten Gesellschaft sich nur vollziehn
in der Form der Sklaverei. Selbst für die Sklaven war dies ein Fortschritt;
die Kriegsgefangnen, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, behielten
jetzt wenigstens das Leben, statt daß sie früher gemordet oder noch
früher gar gebraten wurden.

Fügen wir bei dieser Gelegenheit hinzu, daß alle bisherigen geschichtlichen
Gegensätze von ausbeutenden und ausgebeuteten, herrschenden und unterdrückten
Klassen ihre Erklärung finden in derselben verhältnismäßig
unentwickelten Produktivität der menschlichen Arbeit. Solange die wirklich
arbeitende Bevölkerung von ihrer notwendigen Arbeit so sehr in Anspruch genommen
wird, daß ihr keine Zeit zur Besorgung der gemeinsamen Geschäfte der
Gesellschaft - Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten, Kunst,
Wissenschaft etc. - übrigbleibt, solange mußte stets eine besondre
Klasse bestehn, die, von der wirklichen Arbeit befreit, diese Angelegenheiten
besorgte; wobei sie denn nie verfehlte, den arbeitenden Massen zu ihrem eignen
Vorteil mehr und mehr Arbeitslast aufzubürden. Erst die durch die große
Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, die
Arbeit auf alle Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme zu verteilen und dadurch die
Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend
freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft
- theoretischen wie praktischen - zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende
und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen
Entwicklung geworden, und erst jetzt auch wird sie unerbittlich beseitigt werden,
mag sie auch noch sosehr im Besitz der »unmittelbaren Gewalt« sein.

Wenn also Herr Dühring über das Griechentum die Nase rümpft,
weil es auf Sklaverei begründet war, so kann er den Griechen mit demselben
Recht den Vorwurf machen, daß sie keine Dampfmaschinen und elektrischen
Telegraphen hatten. Und wenn er behauptet, unsre moderne Lohnknechtung sei nur
als eine etwas verwandelte und gemilderte Erbschaft der Sklaverei und nicht aus
sich selbst (das heißt aus den ökonomischen Gesetzen der modernen Gesellschaft)
zu erklären, so heißt das entweder nur, daß Lohnarbeit wie Sklaverei
Formen der Knechtschaft und der Klassenherrschaft sind, was jedes Kind weiß,
oder es ist falsch. Denn mit demselben Recht könnten wir sagen, die Lohnarbeit
sei nur zu erklären als eine gemilderte Form der Menschenfresserei, der jetzt
überall festgestellten, ursprünglichen Form der Verwendung der besiegten
Feinde.

Hiernach ist es klar, welche Rolle die Gewalt in der Geschichte gegenüber
der ökonomischen Entwicklung spielt. Erstens beruht alle politische

Gewalt ursprünglich auf einer ökonomischen, gesellschaftlichen Funktion
und steigert sich in dem Maß, wie durch Auflösung der ursprünglichen
Gemeinwesen die Gesellschaftsglieder in Privatproduzenten verwandelt, also den
Verwaltern der gemeinsam-gesellschaftlichen Funktionen noch mehr entfremdet werden.
Zweitens, nachdem sich die politische Gewalt gegenüber der Gesellschaft verselbständigt,
aus der Dienerin in die Herrin verwandelt hat, kann sie in zweierlei Richtung
wirken. Entweder wirkt sie im Sinn und in der Richtung der gesetzmäßigen
ökonomischen Entwicklung. In diesem Fall besteht kein Streit zwischen beiden,
die ökonomische Entwicklung wird beschleunigt. Oder aber sie wirkt ihr entgegen,
und dann erliegt sie, mit wenigen Ausnahmen, der ökonomischen Entwicklung
regelmäßig. Diese wenigen Ausnahmen sind einzelne Fälle von Eroberung,
wo die roheren Eroberer die Bevölkerung eines Landes ausrotteten oder vertrieben
und die Produktivkräfte, mit denen sie nichts anzufangen wußten, verwüsteten
oder verkommen ließen. So die Christen im maurischen Spanien den größten
Teil der Berieselungswerke, auf denen der hochentwickelte Acker- und Gartenbau
der Mauren beruht hatte. Jede Eroberung durch ein roheres Volk stört selbstredend
die ökonomische Entwicklung und vernichtet zahlreiche Produktivkräfte.
Aber in der ungeheuren Mehrzahl der Fälle von dauernder Eroberung muß
der rohere Eroberer sich der höhern »Wirtschaftslage«, wie sie aus der Eroberung
hervorgeht, anpassen; er wird von den Eroberten assimiliert und muß meist
sogar ihre Sprache annehmen. Wo aber - abgesehn von Eroberungsfällen - die
innere Staatsgewalt eines Landes in Gegensatz tritt zu seiner ökonomischen
Entwicklung, wie das bisher auf gewisser Stufe fast für jede politische Gewalt
eingetreten ist, da hat der Kampf jedesmal geendigt mit dem Sturz der politischen
Gewalt. Ausnahmslos und unerbittlich hat die ökonomische Entwicklung sich
Bahn gebrochen - das letzte schlagendste Beispiel davon haben wir schon erwähnt:
die große französische Revolution. Hinge, nach Herrn Dührings
Lehre, die Wirtschaftslage und mit ihr die ökonomische Verfassung eines bestimmten
Landes einfach von der politischen Gewalt ab, so ist gar nicht abzusehn, warum
denn es Friedrich Wilhelm IV. nach 1848 nicht gelingen wollte, trotz seines »herrlichen
Knegsheeres«, die mittelalterlichen Zünfte und andre romantische Marotten
auf die Eisenbahnen, Dampfmaschinen und die sich eben entwickelnde große
Industrie seines Landes zu pfropfen; oder warum der Kaiser von Rußland,
der doch noch viel gewaltiger ist, nicht nur seine Schulden nicht bezahlen, sondern
nicht einmal ohne fortwährendes Anpumpen der »Wirtschaftslage« von Westeuropa
seine »Gewalt« zusammenhalten kann.

Für Herrn Dühring ist die Gewalt
das absolut Böse, der erste Gewaltsakt ist ihm der Sündenfall, seine
ganze Darstellung ist eine Jammerpredigt über die hiermit vollzogne Ansteckung
der ganzen bisherigen Geschichte mit der Erbsünde, über die schmähliche
Fälschung aller natürlichen und gesellschaftlichen Gesetze durch diese
Teufelsmacht, die Gewalt. Daß die Gewalt aber noch eine andre Rolle in der
Geschichte spielt, eine revolutionäre Rolle, daß sie, in Marx' Worten,
die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft ist, die mit einer neuen schwanger
geht |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S 779
|, daß sie das Werkzeug
ist, womit sich die gesellschaftliche Bewegung durchsetzt und erstarrte, abgestorbne
politische Formen zerbricht - davon kein Wort bei Herrn Dühring. Nur unter
Seufzen und Stöhnen gibt er die Möglichkeit zu, daß zum Sturz
der Ausbeutungswirtschaft vielleicht Gewalt nötig sein werde - leider! denn
jede Gewaltsanwendung demoralisiere den, der sie anwendet. Und das angesichts
des hohen moralischen und geistigen Aufschwungs, der die Folge jeder siegreichen
Revolution war! Und das in Deutschland, wo ein gewaltsamer Zusammenstoß,
der dem Volk ja aufgenötigt werden kann, wenigstens den Vorteil hätte,
die aus der Erniedrigung des Dreißigjährigen Kriegs in das nationale
Bewußtsein gedrungne Bedientenhaftigkeit auszutilgen. Und diese matte, saft-
und kraftlose Predigerdenkweise macht den Anspruch, sich der revolutionärsten
Partei aufzudrängen, die die Geschichte kennt?

## V. Werttheorie

Es sind jetzt ungefähr hundert Jahre, seit in Leipzig ein Buch erschien,
das bis Anfang dieses Jahrhunderts dreißig und einige Auflagen erlebte,
und in Stadt und Land von Behörden, Predigern, Menschenfreunden aller Art
verbreitet, verteilt und den Volksschulen allgemein als Lesebuch zugewiesen wurde.
Dieses Buch hieß: Rochows Kinderfreund. Es hatte den Zweck, die jugendlichen
Sprößlinge der Bauern und Handwerker über ihren Lebensberuf und
ihre Pflichten gegen ihre gesellschaftlichen und staatlichen Vorgesetzten zu belehren,
ingleichen ihnen eine wohltätige Zufriedenheit mit ihrem Erdenlose, mit Schwarzbrot
und Kartoffeln, Frondienst, niedrigem Arbeitslohn, väterlichen Stockprügeln,
und andern derartigen Annehmlichkeiten beizubringen, und alles das vermittelst
der damals landläufigen Aufklärung. Zu diesem Zweck wurde der Jugend
in Stadt und Land vorgehalten, welch eine weise Einrichtung der Natur es doch
sei, daß der

Mensch sich seinen Lebensunterhalt
und seine Genüsse durch Arbeit erwerben müsse, und wie glücklich
sich demnach der Bauer und Handwerker zu fühlen habe, daß ihm gestattet
sei, sein Mahl durch saure Arbeit zu würzen, statt wie der reiche Prasser
an verdorbnem Magen, Gallenstockung oder Verstopfung zu laborieren und die ausgesuchtesten
Leckerbissen nur mit Widerwillen hinunterzuwürgen. Dieselben Gemeinplätze,
die der alte Rochow gut genug hielt für die kursächsischen Bauernjungen
seiner Zeit, bietet uns Herr Dühring auf Seite 14 und folgende des »Cursus«
als das »absolut Fundamentale« der neuesten politischen Ökonomie.

»Die menschlichen Bedürfnisse haben als solche ihre natürliche
Gesetzmäßigkeit und sind hinsichtlich ihrer Steigerung in Grenzen eingeschlossen,
die nur durch die Unnatur eine Zeitlang überschritten werden können,
bis aus derselben Ekel, Lebensüberdruß, Abgelebtheit, soziale Verkrüpplung
und schließlich heilsame Vernichtung folgen ... Ein aus reinen Vergnügungen
bestehendes Spielen, ohne weitern ernsten Zweck führt bald zur Blasiertheit
oder, was dasselbe ist, zum Verbrauch aller Empfindungsfähigkeit. Wirkliche
Arbeit in irgendeiner Form ist also das soziale Naturgesetz gesunder Gestalten
... Wären die Triebe und Bedürfnisse ohne ein Gegengewicht, so würden
sie kaum ein kinderhaftes Dasein, geschweige eine geschichtlich gesteigerte Lebensentwicklung
mit sich bringen. Bei voller müheloser Befriedigung würden sie sich
bald erschöpfen und ein leeres Dasein in Gestalt lästiger, bis zu ihrer
Wiederkehr verfließender Intervalle übriglassen ... In allen Beziehungen
ist also die Abhängigkeit der Betätigung der Triebe und Leidenschaften
von der Überwindung einer wirtschaftlichen Hemmung ein heilsames Grundgesetz
der äußern Natureinrichtung und der innern Menschenbeschaffenheit«
usw. usw.

Man sieht, Ehren-Rochows platteste Plattheiten feiern bei Herrn Dühring
ihr hundertjähriges Jubiläum, und das obendrein als »tiefere Grundlegung«
des einzig wahrhaft kritischen und wissenschaftlichen »sozialitären Systems«.

Nachdem der Grund also gelegt, kann Herr Dühring weiterbauen. In Anwendung
der mathematischen Methode gibt er uns zuerst, nach Vorgang des alten Euklid,
eine Reihe von Definitionen. Dies ist um so bequemer, als er seine Definitionen
gleich so einrichten kann, daß dasjenige, was mit ihrer Hülfe bewiesen
werden soll, schon teilweise in ihnen enthalten ist. So erfahren wir zunächst,
daß

der leitende Begriff der bisherigen Ökonomie sich Reichtum nennt,
und Reichtum, wie er wirklich weltgeschichtlich bis jetzt verstanden worden ist,
und sein Reich entwickelt hat, ist »die ökonomische Macht über Menschen
und Dinge«.

Dies ist doppelt unrichtig. Erstens war der Reichtum der alten Stamm- und Dorfgemeinden
keineswegs eine Herrschaft über Menschen. Und

zweitens ist auch in den, in Klassengegensätzen sich bewegenden Gesellschaften
der Reichtum, soweit er eine Herrschaft über Menschen einschließt,
vorwiegend, fast ausschließlich eine Herrschaft über Menschen vermöge
und vermittelst der Herrschaft über Dinge. Von der sehr frühen Zeit
an, wo Sklavenfängerei und Sklavenausbeutung getrennte Geschäftszweige
wurden, mußten die Ausbeuter von Sklavenarbeit die Sklaven kaufen, die Herrschaft
über den Menschen erst durch die Herrschaft über die Dinge, über
den Kaufpreis, die Unterhalts- und Arbeitsmittel des Sklaven erwerben. Im ganzen
Mittelalter ist großer Grundbesitz die Vorbedingung, vermittelst deren der
Feudaladel zu Zins- und Fronbauern kommt. Und heutzutage gar sieht selbst ein
Kind von sechs Jahren, daß der Reichtum menschenbeherrschend ist ausschließlich
vermittelst der Dinge, über die er verfügt.

Warum aber muß Herr Dühring diese falsche Definition des Reichtums
verfertigen, warum den tatsächlichen Zusammenhang, wie er in allen bisherigen
Klassengesellschaften galt, zerreißen? Um den Reichtum vom ökonomischen
Gebiet aufs moralische hinüberzuzerren. Die Herrschaft über die Dinge
ist ganz gut, aber die Herrschaft über die Menschen ist vom Übel; und
da Herr Dühring sich selbst verboten hat, die Herrschaft über die Menschen
aus der Herrschaft über die Dinge zu erklären, so kann er wieder einen
kühnen Griff tun und sie kurzerhand erklären aus der beliebten Gewalt.
Der Reichtum als menschenbeherrschender ist »der Raub«, womit wir wieder angekommen
sind bei einer verschlechterten Ausgabe des uralten Proudhonschen: »Das Eigentum
ist der Diebstahl«.

Und hiermit haben wir denn glücklich den Reichtum unter die beiden wesentlichen
Gesichtspunkte der Produktion und Verteilung gebracht: Reichtum als Herrschaft
über Dinge: Produktionsreichtum, gute Seite; als Herrschaft über Menschen:
bisheriger Verteilungsreichtum, schlechte Seite, fort damit! Auf die heutigen
Verhältnisse angewandt, lautet dies: Die kapitalistische Produktionsweise
ist ganz gut und kann bleiben, aber die kapitalistische Verteilungsweise taugt
nichts und muß abgeschafft werden. Zu solchem Unsinn führt es, wenn
man über Ökonomie schreibt, ohne auch nur den Zusammenhang von Produktion
und Verteilung begriffen zu haben.

Nach dem Reichtum wird der Wert definiert, wie folgt:

»Der Wert ist die Geltung, welche die wirtschaftlichen Dinge und Leistungen
im Verkehr haben.« Diese Geltung entspricht »dem Preise oder irgendeinem sonstigen
Äquivalentnamen, z.B. dem Lohne«.

Mit andern Worten: der Wert ist der Preis. Oder vielmehr, um Herrn Dühring
kein Unrecht zu tun und den Widersinn seiner Definition möglichst in seinen eignen Worten wiederzugeben: der Wert sind die Preise. Denn Seite
19 sagt er:

»der Wert und die ihn in Geld ausdrückenden Preise«,

konstatiert also selbst, daß derselbe Wert sehr verschiedne Preise und
damit auch ebensoviel verschiedne Werte hat. Wenn Hegel nicht längst verstorben
wäre, er würde sich erhängen. Diesen Wert, der soviel verschiedne
Werte ist als er Preise hat, hätte er mit aller Theologik nicht fertiggebracht.
Man muß eben wieder die Zuversichtlichkeit des Herrn Dühring besitzen,
um eine neue, tiefere Grundlegung der Ökonomie mit der Erklärung zu
eröffnen, man kenne keinen andern Unterschied zwischen Preis und Wert, als
daß der eine in Geld ausgedrückt sei und der andre nicht.

Damit wissen wir aber noch immer nicht, was der Wert ist und noch weniger,
wonach er sich bestimmt. Herr Dühring muß also mit weitern Aufklärungen
herausrücken.

»Ganz im allgemeinen liegt das Grundgesetz der Vergleichung und Schätzung,
auf welchem der Wert und die ihn in Geld ausdrückenden Preise beruhen, zunächst
im Bereich der bloßen Produktion, abgesehn von der Verteilung, die erst
ein zweites Element in den Wertbegriff bringt. Die größern oder geringern
Hindernisse, welche die Verschiedenheit der Naturverhältnisse den auf die
Beschaffung der Dinge gerichteten Bestrebungen entgegensetzt und wodurch sie zu
größern oder geringern Ausgaben an wirtschaftlicher Kraft nötigt,
bestimmt auch ... den größern oder geringern Wert«, und dieser wird
geschätzt nach dem »von der Natur und den Verhältnissen entgegengesetzten
Beschaffungswiderstand ... Der Umfang, in welchem wir unsre eigne Kraft in sie«
(die Dinge) »hineinlegten, ist die unmittelbar entscheidende Ursache der Existenz
vom Wert überhaupt und einer besondern Größe desselben.«

Soweit dies alles einen Sinn hat, heißt es: Der Wert eines Arbeitsprodukts
wird bestimmt durch die zu seiner Herstellung nötige Arbeitszeit, und das
wußten wir längst, auch ohne Herrn Dühring. Statt die Tatsache
einfach mitzuteilen, muß er sie orakelhaft verdrehn. Es ist einfach falsch,
daß der Umfang, in dem jemand seine Kraft in irgendein Ding hineinlegt (um
die hochtrabende Redensart beizubehalten), die unmittelbar entscheidende Ursache
von Wert und Wertgröße ist. Erstens kommt es drauf an, in welches Ding
die Kraft hineingelegt wird, und zweitens, wie sie hineingelegt wird. Verfertigt
unser Jemand ein Ding, das keinen Gebrauchswert für andre hat, so bringt
seine sämtliche Kraft keinen Atom Wert fertig; und steift er sich drauf,
einen Gegenstand mit der Hand herzustellen, den eine Maschine zwanzigfach wohlfeiler
herstellt, so erzeugen neunzehn Zwanzigstel seiner hineingelegten Kraft weder
Wert überhaupt noch eine besondre Größe desselben.

Ferner heißt es die Sache total verdrehn,
wenn man die produktive Arbeit, die positive Erzeugnisse schafft, in eine bloß
negative Überwindung eines Widerstands verwandelt. Wir würden dann etwa
wie folgt verfahren müssen, um zu einem Hemde zu kommen: Erstlich überwinden
wir den Widerstand des Baumwollsamens gegen das Gesätwerden und das Wachsen,
dann den der reifen Baumwolle gegen das Gepflückt-, Verpackt- und Verschicktwerden,
dann den gegen das Ausgepackt-, das Gekratzt- und Gesponnenwerden, ferner den
Widerstand des Garns gegen das Gewebtwerden, den des Gewebes gegen das Gebleicht-
und Genähtwerden und endlich den des fertigen Hemdes gegen das Angezogenwerden.

Wozu all diese kindische Verkehrung und Verkehrtheit? Um vermittelst des »Widerstandes«
vom »Produktionswert«, dem wahren, aber bis jetzt nur idealen Wert, auf den in
der bisherigen Geschichte allein geltenden, durch die Gewalt verfälschten
»Verteilungswert« zu kommen:

»Außer dem Widerstand, den die Natur leistet ... gibt es noch
ein andres, rein soziales Hindernis ... Zwischen den Menschen und die Natur tritt
eine hemmende Macht, und diese ist wiederum der Mensch. Der einzig und isoliert
Gedachte steht der Natur frei gegenüber ... Anders gestaltet sich die Situation,
sobald wir uns einen zweiten denken, der mit dem Degen in der Hand die Zugänge
zur Natur und ihren Hülfsquellen besetzt hält und für den Einlaß
in irgendeiner Gestalt einen Preis fordert. Dieser zweite ... besteuert gleichsam
den andern und ist so der Grund, daß der Wert des Erstrebten größer
ausfällt, als es ohne dies politische und gesellschaftliche Hindernis der
Beschaffung oder Produktion der Fall sein könnte ... Höchst mannigfaltig
sind die besondern Gestaltungen dieser künstlich gesteigerten Geltung der
Dinge, die natürlich in einer entsprechenden Niederdrückung der Geltung
der Arbeit ihr begleitendes Gegenstück hat ... Es ist daher eine Illusion,
den Wert von vornherein als ein Äquivalent im eigentlichen Sinne des Wortes,
d.h. ein Gleichvielgelten oder als ein nach dem Prinzip der Gleichheit von Leistung
und Gegenleistung zustande gekommnes Austauschverhältnis betrachten zu wollen
... Im Gegenteil wird das Merkmal einer richtigen Werttheorie sein, daß
die in ihr gedachte allgemeinste Schätzungsursache nicht mit der auf dem
Verteilungszwang beruhenden besondern Gestaltung der Geltung zusammenfalle. Diese
wechselt mit der sozialen Verfassung, während der eigentliche ökonomische
Wert nur ein der Natur gegenüber bemessener Produktionswert sein kann und
sich daher nur mit den reinen Produktionshindernissen natürlicher und technischer
Art ändern wird.«

Der praktisch geltende Wert einer Sache besteht also nach Herrn Dühring
aus zwei Teilen: erstens aus der in ihr enthaltnen Arbeit und zweitens aus dem
»mit dem Degen in der Hand« erzwungnen Besteuerungsaufschlag. Mit andern Worten,
der heute geltende Wert ist ein Monopolpreis. Wenn nun, nach dieser Werttheorie,
alle Waren einen solchen Monopolpreis

haben, so
sind nur zwei Fälle möglich. Entweder verliert jeder als Käufer
das wieder, was er als Verkäufer gewonnen hat; die Preise haben sich zwar
dem Namen nach verändert, sind sich aber in Wirklichkeit - in ihrem gegenseitigen
Verhältnis - gleichgeblieben; alles bleibt wie es war, und der vielberühmte
Verteilungswert ist bloßer Schein. - Oder aber, die angeblichen Besteuerungsaufschläge
repräsentieren eine wirkliche Wertsumme, nämlich diejenige, die von
der arbeitenden, werterzeugenden Klasse produziert, aber von der Monopolistenklasse
angeeignet wird, und dann besteht diese Wertsumme einfach aus unbezahlter Arbeit;
in diesem Fall kommen wir, trotz dem Mann mit dem Degen in der Hand, trotz der
angeblichen Besteuerungsaufschläge und dem behaupteten Verteilungswert wieder
an - bei der Marxschen Theorie vom
Mehrwert
.

Sehn wir uns jedoch um nach einigen Exempeln des vielberühmten »Verteilungswerts«.
Da heißt es Seite 135 und folgende:

»Es ist auch die Preisgestaltung vermöge der individuellen Konkurrenz
als eine Form der ökonomischen Verteilung und der gegenseitigen Tributauferlegung
zu betrachten ... man denke sich den Vorrat irgendeiner notwendigen Ware plötzlich
bedeutend verringert, so entsteht auf seiten der Verkäufer eine unverhältnismäßige
Macht zur Ausbeutung ... wie die Steigerung ins Kolossale gehn kann, zeigen besonders
diejenigen abnormen Lagen, in denen die Zufuhr notwendiger Artikel für eine
längere Dauer abgeschnitten ist« usw. außerdem gebe es auch im normalen
Lauf der Dinge faktische Monopole, die eine willkürliche Preissteigerung
erlauben, z.B. Eisenbahnen, Gesellschaften zur Versorgung der Städte mit
Wasser und Leuchtgas usw.

Daß solche Gelegenheiten monopolistischer Ausbeutung vorkommen, ist altbekannt.
Daß aber die durch sie erzeugten Monopolpreise nicht als Ausnahmen und Spezialfälle,
sondern grade als klassische Exempel der heute gültigen Feststellung der
Werte gelten sollen, das ist neu. Wie bestimmen sich die Preise der Lebensmittel?
Geht in eine belagerte Stadt, wo die Zufuhr abgeschnitten ist, und erkundigt euch!
antwortet Herr Dühring. Wie wirkt die Konkurrenz auf die Feststellung der
Marktpreise? Fragt das Monopol, es wird euch Rede stehn!

Übrigens ist auch bei diesen Monopolen der Mann mit dem Degen in der Hand,
der hinter ihnen stehn soll, nicht zu entdecken. Im Gegenteil: in belagerten Städten
pflegt der Mann mit dem Degen, der Kommandant, wenn er seine Schuldigkeit tut,
sehr rasch dem Monopol ein Ende zu machen und die Monopolvorräte zum Zweck
gleichmäßiger Verteilung mit Beschlag zu belegen. Und im übrigen
haben die Männer mit dem Degen, sobald sie versuchten, einen »Verteilungswert«
zu fabrizieren, nichts geerntet als schlechte Geschäfte und Geldverlust.
Die Holländer haben mit

ihrer Monopolisierung
des ostindischen Handels ihr Monopol und ihren Handel zugrunde gerichtet. Die
beiden stärksten Regierungen, die je bestanden, die nordamerikanische Revolutionsregierung
und der französische Nationalkonvent, vermaßen sich, Maximalpreise
festsetzen zu wollen, und scheiterten elendiglich. Die russische Regierung arbeitet
nun seit Jahren daran, den Kurs des russischen Papiergeldes, den sie durch fortwährende
Ausgabe von uneinlösbaren Banknoten in Rußland drückt, in London
durch ebenso fortwährende Ankäufe von Wechseln auf Rußland emporzutreiben.
Sie hat sich dies Vergnügen in wenigen Jahren an die sechzig Millionen Rubel
kosten lassen, und der Rubel steht jetzt unter zwei, statt über drei Mark.
Wenn der Degen die ihm von Herrn Dühring zugeschriebne ökonomische Zaubermacht
hat, warum hat denn keine Regierung es fertigbringen können, schlechtem Geld
auf die Dauer den »Verteilungswert« von gutem, oder Assignaten denjenigen von
Gold aufzuzwingen? Und wo ist der Degen, der auf dem Weltmarkt das Kommando führt?

Weiter gibt es noch eine Hauptform, in der der Verteilungswert die Aneignung
von Leistungen andrer ohne Gegenleistung vermittelt: die Besitzrente, das heißt
die Bodenrente und der Kapitalgewinn. Wir registrieren dies einstweilen bloß,
um sagen zu können, daß dies alles ist, was wir über den berühmten
»Verteilungswert« erfahren. - Alles? Doch nicht ganz alles. Hören wir:

»Ungeachtet des zweifachen Gesichtspunktes, welcher in der Erkenntnis
eines Produktions- und eines Verteilungswerts hervortritt, bleibt dennoch stets
ein
gemeinsames Etwas
als
derjenige Gegenstand
zugrunde liegen,

aus welchem alle Werte bestehn
und mit welchem sie daher auch gemessen
werden. Das unmittelbare, natürliche Maß ist der Kraftaufwand und die
einfachste Einheit die Menschenkraft im rohesten Sinne des Wortes. Die letztere
führt sich auf die Existenzzeit zurück, deren
Selbst
unterhaltung
wiederum die Überwindung einer gewissen Summe von Ernährungs- und Lebensschwierigkeiten
darstellt. Der Verteilungs- oder Aneignungswert ist rein und ausschließlich
nur da vorhanden, wo die Verfügungsmacht über unproduzierte Dinge oder,
gewöhnlicher geredet, diese Dinge selbst gegen Leistungen oder Sachen von
wirklichem Produktionswert ausgewechselt werden. Das Gleichartige, wie es sich
in jedem Wertausdruck und daher auch in den durch Verteilung ohne Gegenleistung
angeeigneten Wertbestandteilen angezeigt und vertreten findet, besteht in dem
Aufwand an Menschenkraft, die sich ... in jeder Ware ... verkörpert findet.«

Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn alle Warenwerte gemessen werden an dem
in den Waren verkörperten Aufwand von Menschenkraft - wo bleibt da der Verteilungswert,
der Preisaufschlag, die Bezollung? Herr Dühring sagt uns zwar, daß
auch unproduzierte, also eines eigentlichen

Werts
unfähige Dinge einen Verteilungswert erhalten und gegen produzierte, werthabende
Dinge ausgetauscht werden können. Er sagt aber gleichzeitig, daß
alle
Werte
, also auch die reinen und ausschließlichen Verteilungswerte, bestehn
in dem in ihnen verkörperten Kraftaufwand. Wobei wir leider nicht erfahren,
wie in einem unproduzierten Ding ein Kraftaufwand sich verkörpern soll. Jedenfalls
scheint bei all diesem Durcheinander von Werten schließlich soviel klar,
daß es mit dem Verteilungswert, mit dem durch die soziale Position erzwungnen
Preisaufschlag auf die Waren, mit der Bezollung vermittelst des Degens wieder
nichts ist; die Warenwerte werden bestimmt, einzig durch den Aufwand von Menschenkraft,
vulgo Arbeit, die sich in ihnen verkörpert findet? Herr Dühring sagt
also, abgesehn von der Bodenrente und den paar Monopolpreisen, dasselbe, nur liederlicher
und konfuser, was die verschriene Ricardo-Marxsche Werttheorie längst weit
bestimmter und klarer gesagt hat?

Er sagt es, und er sagt im selben Atem das Gegenteil. Marx, von den Untersuchungen
Ricardos ausgehend, sagt: Der Warenwert wird bestimmt durch die in den Waren verkörperte
gesellschaftlich notwendige, allgemein menschliche Arbeit, die wieder nach ihrer
Zeitdauer gemessen wird. Die Arbeit ist das Maß aller Werte, sie selbst
aber hat keinen Wert. Herr Dühring, nachdem er in seiner loddrigen Weise
ebenfalls die Arbeit als Wertmaß hingestellt hat, fährt fort:

sie »führt sich auf die Existenzzeit zurück, deren Selbstunterhaltung
wiederum die Überwindung einer gewissen Summe von Ernährungs- und Lebensschwierigkeiten
darstellt«.

Vernachlässigen wir die auf purer Originalitätssucht beruhende Verwechslung
der Arbeitszeit, auf die es hier allein ankommt, mit der Existenzzeit, die bisher
noch nie Werte geschaffen oder gemessen hat. Vernachlässigen wir auch den
falschen »sozialitären« Schein, den die »
Selbst
unterhaltung« dieser
Existenzzeit hineinbringen soll; solange die Welt bestanden hat und bestehn wird,
muß jeder sich in dem Sinne selbst unterhalten, daß er seine Unterhaltsmittel

selbst
verzehrt. Nehmen wir an, Herr Dühring habe sich ökonomisch
und präzis ausgedrückt, so heißt obiger Satz entweder gar nichts,
oder er heißt: Der Wert einer Ware wird bestimmt durch die in ihr verkörperte
Arbeitszeit, und der Wert dieser Arbeitszeit durch die zur Erhaltung des Arbeiters
für diese Zeit erforderlichen Lebensmittel. Und das heißt für
die heutige Gesellschaft; der Wert einer Ware wird bestimmt durch den in ihr enthaltenen

Arbeitslohn
.

Hiermit sind wir endlich angekommen bei dem, was Herr Dühring

eigentlich sagen will. Der Wert einer Ware bestimmt sich, nach vulgärökonomischer
Redeweise, durch die Herstellungskosten;

wogegen Carey »die Wahrheit hervorhob, daß nicht die Produktionskosten,
sondern die Reproduktionskosten den Wert bestimmen« (»Kritische Geschichte« Seite
401).

Was es mit diesen Herstellungs- oder Wiederherstellungskosten auf sich hat,
davon später; hier nur dies, daß sie bekanntlich bestehn aus Arbeitslohn
und Kapitalprofit. Der Arbeitslohn stellt dar den in der Ware verkörperten
»Kraftaufwand«, den Produktionswert. Der Profit stellt dar den vom Kapitalisten
kraft seines Monopols, seines Degens in der Hand erzwungnen Zoll oder Preisaufschlag,
den Verteilungswert. Und so löst sich die ganze widerspruchsvolle Verwirrung
der Dühringschen Werttheorie schließlich auf in die schönste harmonische
Klarheit.

Die Bestimmung des Warenwertes durch den Arbeitslohn, die bei Adam Smith noch
häufig mit der Bestimmung des Werts durch die Arbeitszeit durcheinanderläuft,
ist seit Ricardo aus der wissenschaftlichen Ökonomie verbannt und treibt
heutzutage ihr Wesen nur noch in der Vulgärökonomie. Es sind grade die
allerplattsten Sykophanten der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung,
die die Wertbestimmung durch den Arbeitslohn predigen, und dabei gleichzeitig
den Profit des Kapitalisten ebenfalls als eine höhere Art von Arbeitslohn,
als Entsagungslohn (dafür daß der Kapitalist sein Kapital nicht verjubelt
hat), als Risikoprämie, als Geschäftsführungslohn usw. ausgeben.
Herr Dühring unterscheidet sich von ihnen nur dadurch, daß er den Profit
für Raub erklärt. Mit andern Worten, Herr Dühring begründet
seinen Sozialismus direkt auf die Lehren der schlechtesten Sorte Vulgärökonomie.
Soviel an dieser Vulgärökonomie, genausoviel ist an seinem Sozialismus.
Beide stehn und fallen miteinander.

Es ist doch klar: was ein Arbeiter leistet und was er kostet, sind ebenso verschiedne
Dinge, wie was eine Maschine leistet und was sie kostet. Der Wert, den ein Arbeiter
in einem Arbeitstage von zwölf Stunden schafft, hat gar nichts gemein mit
dem Wert der Lebensmittel, die er in diesem Arbeitstage und der dazu gehörenden
Ruhepause verzehrt. In diesen Lebensmitteln mag eine drei-, vier-, siebenstündige
Arbeitszeit verkörpert sein, je nach dem Entwicklungsgrad der Ergiebigkeit
der Arbeit. Nehmen wir an, es seien sieben Arbeitsstunden zu ihrer Herstellung
nötig gewesen, so besagt die von Herrn Dühring angenommene vulgärökonomische
Werttheorie, daß das Produkt von zwölf Arbeitsstunden den Wert des
Produkts von sieben Arbeitsstunden hat, daß zwölf Arbeitsstunden gleich
sind sieben Arbeitsstunden, oder daß 12 = 7. Um noch deutlicher zu sprechen:
Ein

Arbeiter auf dem Lande, gleichviel unter welchen
gesellschaftlichen Verhältnissen, produziert eine Getreidesumme meinetwegen
von zwanzig Hektoliter Weizen im Jahr. Er verbraucht während dieser Zeit
eine Summe von Werten, die sich in einer Summe von fünfzehn Hektoliter Weizen
ausdrückt. Dann haben die zwanzig Hektoliter Weizen denselben Wert wie die
fünfzehn, und das auf demselben Markt und unter sonst sich vollständig
gleichbleibenden Umständen, mit andern Worten, 20 sind gleich 15. Und das
nennt sich Ökonomie!

Alle Entwicklung der menschlichen Gesellschaft über die Stufe tierischer
Wildheit hinaus fängt an von dem Tage, wo die Arbeit der Familie mehr Produkte
schuf, als zu ihrem Unterhalt notwendig waren, von dem Tage, wo ein Teil der Arbeit
auf die Erzeugung nicht mehr von bloßen Lebensmitteln, sondern von Produktionsmitteln
verwandt werden konnte. Ein Überschuß des Arbeitsprodukts über
die Unterhaltungskosten der Arbeit, und die Bildung und Vermehrung eines gesellschaftlichen
Produktions- und Reservefonds aus diesem Überschuß, war und ist die
Grundlage aller gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Fortentwicklung.
In der bisherigen Geschichte war dieser Fonds das Besitztum einer bevorzugten
Klasse, der mit diesem Besitztum auch die politische Herrschaft und die geistige
Führung zufielen. Die bevorstehende soziale Umwälzung wird diesen gesellschaftlichen
Produktions- und Reservefonds, das heißt die Gesamtmasse der Rohstoffe,
Produktionsinstrumente und Lebensmittel, erst wirklich zu einem gesellschaftlichen
machen, indem sie ihn der Verfügung jener bevorzugten Klasse entzieht, und
ihn der ganzen Gesellschaft als Gemeingut überweist.

Von zwei Dingen eins. Entweder bestimmt sich der Wert der Waren durch die Unterhaltskosten
der zu ihrer Herstellung nötigen Arbeit, d.h. in der heutigen Gesellschaft
durch den Arbeitslohn. Dann erhält jeder Arbeiter
in seinem Lohn den Wert
seines Arbeitsprodukts
, dann ist eine Ausbeutung der Klasse der Lohnarbeiter
durch die Klasse der Kapitalisten eine Unmöglichkeit. Gesetzt, die Unterhaltungskosten
eines Arbeiters seien in einer gegebnen Gesellschaft durch die Summe von drei
Mark ausgedrückt. Dann hat das Tagesprodukt des Arbeiters nach der obigen
vulgärökonomischen Theorie den Wert von drei Mark. Nehmen wir nun an,
der Kapitalist, der diesen Arbeiter beschäftigt, schlage auf dies Produkt
einen Profit, eine Bezollung von einer Mark und verkaufe es für vier Mark.
Dasselbe tun die andern Kapitalisten. Alsdann aber kann der Arbeiter seinen täglichen
Unterhalt nicht mehr mit drei Mark bestreiten, sondern braucht dazu ebenfalls
vier Mark. Da alle andern Umstände als gleichbleibend vorausgesetzt

sind, so muß der in Lebensmitteln ausgedrückte Arbeitslohn derselbe
bleiben, der in Geld ausgedrückte Arbeitslohn muß also steigen, und
zwar von drei auf vier Mark täglich. Was die Kapitalisten in der Gestalt
von Profit der Arbeiterklasse entziehn, müssen sie ihr in der Gestalt von
Lohn wiedergeben. Wir sind genau so weit wie am Anfang; wenn der Arbeitslohn den
Wert bestimmt, ist keine Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten möglich.
Es ist aber auch die Bildung eines Überschusses von Produkten unmöglich,
denn die Arbeiter verzehren nach unsrer Voraussetzung genausoviel Wert, wie sie
erzeugen. Und da die Kapitalisten keinen Wert erzeugen, ist sogar nicht einmal
abzusehn, wovon sie leben wollen. Und wenn nun ein solcher Überschuß
der Produktion über die Konsumtion, ein solcher Produktions- und Reservefonds
dennoch besteht, und zwar in den Händen der Kapitalisten, so bleibt keine
andre Erklärung möglich, als daß die Arbeiter bloß den Wert
der Waren zu ihrer Selbstunterhaltung verzehren, die Waren selbst aber den Kapitalisten
zum weitern Gebrauch überlassen haben.

Oder aber: wenn dieser Produktions- und Reservefonds in den Händen der
Kapitalistenklasse tatsächlich besteht, wenn er tatsächlich durch Aufhäufung
von Profit entstanden ist (die Bodenrente lassen wir hier einstweilen aus dem
Spiel): so besteht er notwendig aus dem aufgehäuften Überschuß
des der Kapitalistenklasse von der Arbeiterklasse gelieferten Arbeitsprodukts
über die der Arbeiterklasse von der Kapitalistenklasse gezahlte Summe Arbeitslohn.
Dann bestimmt sich aber der Wert nicht durch den Arbeitslohn, sondern durch die
Arbeitsmenge; dann liefert die Arbeiterklasse der Kapitalistenklasse im Arbeitsprodukt
eine größere Wertmenge, als sie von ihr im Arbeitslohn bezahlt erhält,
und dann erklärt sich der Kapitalprofit, wie alle andern Formen der Aneignung
fremden, unbezahlten Arbeitsprodukts, als bloßer Bestandteil dieses von
Marx entdeckten Mehrwerts.

Beiläufig. Von der großen Entdeckung, mit der Ricardo sein Hauptwerk
eröffnet:

»Daß der Wert einer Ware abhängt von der zu ihrer Herstellung
nötigen Arbeitsmenge, nicht aber von der für diese Arbeit gezahlten
höhern oder niedrigern Vergütung« -

von dieser epochemachenden Entdeckung ist im ganzen »Cursus« der Ökonomie
nirgends die Rede. In der »Kritischen Geschichte« wird sie mit der orakelhaften
Phrase abgefertigt:

»Es wird« (von Ricardo) »nicht bedacht, daß ein größeres
oder geringeres Verhältnis, in welchem der Lohn eine Anweisung auf die Lebensbedürfnisse
sein kann (!), auch eine verschiedenartige Gestaltung der Wertverhältnisse
... mit sich bringen muß!«

Eine Phrase, wobei sich der Leser denken kann,
was er will, und wobei er am sichersten geht, wenn er sich gar nichts dabei denkt.

Und nun möge der Leser sich von den fünf Sorten Wert, mit denen Herr
Dühring uns aufwartet, selber diejenige aussuchen, die ihm am besten gefällt:
den Produktionswert, der von Natur kommt, oder den Verteilungswert, den die Schlechtigkeit
der Menschen geschaffen hat und der sich dadurch auszeichnet, daß er nach
dem Kraftaufwand gemessen wird, der nicht in ihm steckt; oder drittens den Wert,
der durch die Arbeitszeit gemessen wird, oder viertens den, der durch die Reproduktionskosten,
oder endlich den, der durch den Arbeitslohn gemessen wird. Die Auswahl ist reichlich,
die Konfusion vollkommen, und es bleibt uns nur noch übrig, mit Herrn Dühring
auszurufen:

»Die Lehre vom Wert ist der Probierstein der Gediegenheit ökonomischer
Systeme!«

## VI. Einfache und zusammengesetzte Arbeit

Einen ganz groben ökonomischen Quartanerschnitzer, der zugleich eine gemeingefährliche
sozialistische Ketzerei in sich schließt, hat Herr Dühring bei Marx entdeckt.

Die Marxsche Werttheorie ist »nichts weiter als die gewöhnliche
... Lehre, daß die Arbeit Ursache aller Werte und die Arbeitszeit das Maß
derselben sei. In völliger Unklarheit verbleibt hierbei die Vorstellung von
der Art, wie man den unterschiedlichen Wert der sogenannten qualifizierten Arbeit
denken solle... Allerdings kann auch nach unserer Theorie nur die verwendete Arbeitszeit
die natürlichen Selbstkosten und mithin den absoluten Wert der wirtschaftlichen
Dinge messen; aber hierbei wird die Arbeitszeit eines jeden von vornherein völlig
gleichzuachten sein, und man wird nur zuzusehn haben, wo bei qualifiziertern Leistungen
zu der individuellen Arbeitszeit des einzelnen noch diejenige andrer Personen
... etwa in dem gebrauchten Werkzeug, mitwirkt. Es ist also nicht, wie sich Herr
Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert als die einer
andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit gleichsam verdichtet
wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell, also ohne
daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen gleichwertig,
und man hat nur bei den Leistungen einer Person, ebenso wie bei jedem fertigen
Erzeugnis zuzusehn, wieviel Arbeitszeit andrer Personen in der Anwendung scheinbar
bloß eigner Arbeitszeit verdeckt sein möge. Ob es ein Produktionswerkzeug
der Hand oder die Hand, ja der Kopf selbst ist, was nicht ohne andrer Leute Arbeitszeit
die besondre Eigenschaft und Leistungsfähigkeit erhalten konnte, darauf kommt
für die strenge Gültigkeit der Theorie nicht das mindeste an. Herr Marx
wird aber in seinen Auslassungen über den Wert das im Hintergrund spukende
Gespenst einer qualifizierten Arbeitszeit nicht
los. In dieser Richtung durchzugreifen, hat ihn die überkommne Denkweise
der gelehrten Klassen gehindert, der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen
muß, die Arbeitszeit des Karrenschiebers und diejenige des Architekten an
sich als ökonomisch völlig gleichwertig anzuerkennen.«

Die Stelle bei Marx, die diesen »gewaltigem Zorn«des Herrn Dühring veranlaßt,
ist sehr kurz. Marx untersucht, wodurch der Wert der Waren bestimmt wird, und
antwortet: Durch die in ihnen enthaltene menschliche Arbeit. Diese, fährt
er fort, »ist Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche
Mensch ohne besondre Entwicklung in seinem leiblichen Organismus besitzt ... Kompliziertere
Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit,
so daß ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größern
Quantum einfacher Arbeit. Daß diese Reduktion beständig vorgeht, zeigt
die Erfahrung. Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Arbeit sein, ihr
Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt daher selbst nur
ein bestimmtes Quantum einfacher Arbeit dar. Die verschiednen Proportionen, worin
verschiedne Arbeitsarten auf einfache Arbeit als ihre Maßeinheit reduziert
sind, werden durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken
der Produzenten festgesetzt, und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben.«
|Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 59

Es handelt sich hier bei Marx zunächst nur um die Bestimmung des Werts
von Waren, also von Gegenständen, die innerhalb einer aus Privatproduzenten
bestehenden Gesellschaft, von diesen Privatproduzenten für Privatrechnung
produziert und gegeneinander ausgetauscht werden. Es handelt sich hier also keineswegs
um den »absoluten Wert«, wo dieser auch immer sein Wesen treiben möge, sondern
um den Wert, der in einer bestimmten Gesellschaftsform Geltung hat. Dieser Wert,
in dieser bestimmten geschichtlichen Fassung, erweist sich als geschaffen und
gemessen durch die in den einzelnen Waren verkörperte menschliche Arbeit,
und diese menschliche Arbeit erweist sich weiterhin als Verausgabung einfacher
Arbeitskraft. Nun ist aber nicht jede Arbeit eine bloße Verausgabung von
einfacher menschlicher Arbeitskraft; sehr viele Gattungen von Arbeit schließen
die Anwendung von mit mehr oder weniger Mühe, Zeit- und Geldaufwand erworbnen
Geschicklichkeiten oder Kenntnissen in sich ein. Erzeugen diese Arten von zusammengesetzter
Arbeit in gleichen Zeiträumen denselben Warenwert wie die einfache Arbeit,
die Verausgabung von bloßer einfacher Arbeitskraft? Augenscheinlich nein.
Das Produkt der Stunde zusammengesetzter Arbeit
ist eine Ware von höherm, doppeltem oder dreifachem Wert, verglichen mit
dem Produkt der Stunde einfacher Arbeit. Der Wert der Erzeugnisse der zusammengesetzten
Arbeit wird durch diese Vergleichung ausgedrückt in bestimmten Mengen einfacher
Arbeit; aber diese Reduktion der zusammengesetzten Arbeit vollzieht sich durch
einen gesellschaftlichen Prozeß, hinter dem Rücken der Produzenten,
durch einen Vorgang, der hier, bei der Entwicklung der Werttheorie, nur festzustellen,
aber noch nicht zu erklären ist.

Diese einfache, in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft sich täglich
vor unsern Augen vollziehende Tatsache ist es, die Marx hier konstatiert. Diese
Tatsache ist so unbestreitbar, daß selbst Herr Dühring sie weder in
seinem »Cursus« noch in seiner Geschichte der Ökonomie zu bestreiten wagt;
und die Marxsche Darstellung ist so einfach und durchsichtig, daß sicher
niemand »in völliger Unklarheit hierbei verbleibt« außer Herrn Dühring.
Vermittelst dieser seiner völligen Unklarheit versieht er den Warenwert,
mit dessen Untersuchung sich Marx zunächst allein beschäftigt, für
»die natürlichen Selbstkosten«, die die Unklarheit nur noch völliger
machen, und gar für den »absoluten Wert«, der bisher in der Ökonomie
unsres Wissens nirgendwo Kurs hatte. Was aber Herr Dühring auch unter den
natürlichen Selbstkosten verstehn und welche seiner fünf Arten Wert
auch die Ehre haben möge, den absoluten Wert vorzustellen, soviel ist sicher,
daß von allen diesen Dingen bei Marx nicht die Rede ist, sondern nur vom
Warenwert; und daß in dem ganzen Abschnitt des »Kapital« über den Wert
auch nicht die geringste Andeutung darüber vorkommt, ob oder in welcher Ausdehnung
Marx diese Theorie des Warenwerts auch auf andre Gesellschaftsformen anwendbar
hält.

Es ist also nicht, fährt Herr Dühring fort, »es ist also nicht,
wie sich Herr Marx nebelhaft vorstellt, die Arbeitszeit jemandes an sich mehr
wert, als die einer andern Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeit gleichsam
verdichtet wäre, sondern alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell,
also ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte, vollkommen
gleichwertig«.

Es ist ein Glück für Herrn Dühring, daß ihn das Schicksal
nicht zum Fabrikanten gemacht und ihn so davor bewahrt hat, den Wert seiner Waren
nach dieser neuen Regel anzusetzen und damit dem Bankrott unfehlbar in die Arme
zu laufen. Doch wie! Befinden wir uns hier denn noch in der Gesellschaft der Fabrikanten?
Keineswegs. Mit den natürlichen Selbstkosten und dem absoluten Wert hat uns
Herr Dühring einen Sprung machen lassen, einen wahren Salto mortale aus der
gegenwärtigen schlechten Welt der Ausbeuter in seine eigne Wirtschaftskommune
der Zukunft, in die reine

Himmelsluft der Gleichheit
und Gerechtigkeit, und wir müssen uns also diese neue Welt, wenn auch vorzeitig,
hier schon ein wenig ansehn.

Allerdings kann, nach Herrn Dührings Theorie, auch in der Wirtschaftskommune
nur die verwendete Arbeitszeit den Wert der wirtschaftlichen Dinge messen, aber
hierbei wird die Arbeitszeit eines jeden von vornherein völlig gleichzuachten
sein, alle Arbeitszeit ist ausnahmslos und prinzipiell vollkommen gleichwertig,
und zwar ohne daß man erst einen Durchschnitt zu nehmen hätte. Und
nun halte man gegen diesen radikalen Gleichheitssozialismus die nebelhafte Vorstellung
von Marx, als sei die Arbeitszeit jemandes an sich mehr wert als die einer andern
Person, weil darin mehr durchschnittliche Arbeitszeit verdichtet sei, eine Vorstellung,
in der ihn die überkommne Denkweise der gelehrten Klassen befangen hält,
der es als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen muß, die Arbeitszeit des Karrenschiebers
und die des Architekten als ökonomisch völlig gleichwertig anzuerkennen!

Leider macht Marx zu der oben angeführten Stelle im »Kapital« die kleine
Anmerkung: »Der Leser muß aufmerken, daß hier nicht vom Lohn oder
Wert die Rede ist, den der Arbeiter etwa für einen Arbeitstag erhält,
sondern vom
Warenwert
, worin sich sein Arbeitstag vergegenständlicht.«
|Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 59
, alle Hervorhebungen von Engels|
Marx, der hier seinen Dühring vorhergeahnt zu haben scheint, verwahrt sich
also selbst dagegen, daß man seine obigen Sätze auch nur auf den in
der heutigen Gesellschaft für zusammengesetzte Arbeit etwa zu zahlenden Lohn
anwende. Und wenn Herr Dühring, nicht zufrieden damit, dies dennoch zu tun,
jene Sätze für die Grundsätze ausgibt, nach denen Marx die Verteilung
der Lebensmittel in der sozialistisch organisierten Gesellschaft geregelt wissen
wolle, so ist das eine Schamlosigkeit der Unterschiebung, die nur in der Revolverliteratur
ihresgleichen findet.

Doch besehn wir uns die Gleichwertigkeitslehre etwas näher. Alle Arbeitszeit
ist vollkommen gleichwertig, die des Karrenschiebers und die des Architekten.
Also hat die Arbeitszeit, und damit die Arbeit selbst, einen Wert. Die Arbeit
aber ist die Erzeugerin aller Werte. Sie allein ist es, die den vorgefundnen Naturprodukten
einen Wert im ökonomischen Sinne gibt. Der Wert selbst ist nichts andres,
als der Ausdruck der in einem Ding vergegenständlichten, gesellschaftlich
notwendigen menschlichen Arbeit. Die Arbeit
kann
also keinen Wert haben.
Ebensogut wie von einem Wert der Arbeit sprechen und ihn bestimmen wollen, ebensogut
könnte man vom Wert des Werts sprechen oder das Gewicht, nicht eines schweren
Körpers,

sondern der Schwere selbst bestimmen
wollen. Herr Dühring fertigt Leute wie Owen, Saint-Simon und Fourier ab mit
dem Titel: soziale Alchimisten. Indem er über den Wert der Arbeitszeit, d.h.
der Arbeit spintisiert, beweist er, daß er noch tief unter den wirklichen
Alchimisten steht. Und nun ermesse man die Kühnheit, mit der Herr Dühring
Marx die Behauptung in die Schuhe schiebt, als sei die Arbeitszeit jemandes an
sich mehr wert, als die einer andern Person, als habe die Arbeitszeit, also die
Arbeit, einen Wert - Marx, der zuerst entwickelt hat, daß und warum die
Arbeit keinen Wert haben
kann
!

Für den Sozialismus, der die menschliche Arbeitskraft von ihrer Stellung
als
Ware
emanzipieren will, ist die Einsicht von hoher Wichtigkeit, daß
die Arbeit keinen Wert hat, keinen haben kann. Mit ihr fallen alle Versuche, die
sich aus dem naturwüchsigen Arbeitersozialismus auf Herrn Dühring vererbt
haben, die künftige Verteilung der Existenzmittel als eine Art höhern
Arbeitslohns zu regulieren. Aus ihr folgt die weitere Einsicht, daß die
Verteilung, soweit sie durch rein ökonomische Rücksichten beherrscht
wird, sich regeln wird durch das Interesse der Produktion, und die Produktion
wird gefördert am meisten durch eine Verteilungsweise, die allen Gesellschaftsgliedern
erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allseitig auszubilden, zu erhalten
und auszuüben. Der dem Herrn Dühring überkommnen Denkweise der
gelehrten Klassen muß es allerdings als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen,
daß es einmal keine Karrenschieber und keine Architekten von Profession
mehr geben soll und daß der Mann, der eine halbe Stunde lang als Architekt
Anweisungen gegeben hat, auch eine Zeitlang die Karre schiebt, bis seine Tätigkeit
als Architekt wieder in Anspruch genommen wird. Ein schöner Sozialismus,
der die Karrenschieber von Profession verewigt!

Soll die Gleichwertigkeit der Arbeitszeit den Sinn haben, daß jeder Arbeiter
in gleichen Zeiträumen gleiche Werte produziert, ohne daß man erst
einen Durchschnitt zu nehmen hätte, so ist das augenscheinlich falsch. Bei
zwei Arbeitern, auch desselben Geschäftszweigs, wird sich das Wertprodukt
der Arbeitsstunde immer nach Intensität der Arbeit und Geschicklichkeit verschieden
stellen; diesem Übelstand, der indes nur für Leute à la Dühring
einer ist, kann nun einmal keine Wirtschaftskommune, wenigstens nicht auf unsrem
Weltkörper, abhelfen. Was bleibt also von der ganzen Gleichwertigkeit aller
und jeder Arbeit? Nichts als die pure renommistische Phrase, die keine andre ökonomische
Unterlage hat, als die Unfähigkeit des Herrn Dühring, zu unterscheiden
zwischen Bestimmung des Werts durch die Arbeit und Bestimmung des Werts durch
den Arbeitslohn - nichts als

der Ukas, das Grundgesetz
der neuen Wirtschaftskommune: Der Arbeitslohn für gleiche Arbeitszeit soll
gleich sein! Da hatten die alten französischen Arbeiterkommunisten und Weitling
doch weit bessere Gründe für ihre Lohngleichheit.

Wie löst sich nun die ganze wichtige Frage von der höhern Löhnung
der zusammengesetzten Arbeit? in der Gesellschaft von Privatproduzenten bestreiten
die Privatleute oder ihre Familien die Kosten der Ausbildung des gelernten Arbeiters;
den Privaten fällt daher auch zunächst der höhere Preis der gelernten
Arbeitskraft zu: der geschickte Sklave wird teurer verkauft, der geschickte Lohnarbeiter
höher gelohnt. In der sozialistisch organisierten Gesellschaft bestreitet
die Gesellschaft diese Kosten, ihr gehören daher auch die Früchte, die
erzeugten größern Werte der zusammengesetzten Arbeit. Der Arbeiter
selbst hat keinen Mehranspruch. Woraus nebenbei noch die Nutzanwendung folgt,
daß es mit dem beliebten Anspruch des Arbeiters auf »den vollen Arbeitsertrag«
doch auch manchmal seinen Haken hat.

## VII. Kapital und Mehrwert

»Vom Kapital hegt Herr Marx zunächst nicht den gemeingültigen
ökonomischen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist, sondern
versucht es, eine speziellere, dialektisch-historische, in das Metamorphosenspiel
der Begriffe und der Geschichte eingehende Idee aufzureiben. Das Kapital soll
sich aus dem Gelde erzeugen; es soll eine historische Phase bilden, die mit dem
16. Jahrhundert, nämlich mit den für diese Zeit vorausgesetzten Anfängen
zu einem Weltmarkt, beginnt. Offenbar geht nun bei einer solchen Begriffsfassung
die Schärfe der volkswirtschaftlichen Analyse verloren. In solchen wüsten
Konzeptionen, die halb geschichtlich und halb logisch sein sollen, in der Tat
aber nur Bastarde historischer und logischer Phantastik sind, geht das Unterscheidungsvermögen
des Verstandes samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch unter« -

und so wird eine ganze Seite fortschwadroniert ...

»mit der Marxschen Kennzeichnung des Kapitalbegriffs lasse sich in der
strengen Volkswirtschaftslehre nur Verwirrung stiften ... Leichtfertigkeiten,
die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben werden ... Gebrechlichkeit der
Fundamente« usw.

Also nach Marx soll sich das Kapital im Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem
Geld erzeugen. Es ist das, als ob man sagen wollte, das Metallgeld habe sich vor
stark dreitausend Jahren aus dem Vieh erzeugt, weil früher unter anderm auch
Vieh Geldfunktionen vertrat. Nur Herr Dühring ist einer so rohen und schiefen
Ausdrucksweise fähig. Bei Marx ergibt sich bei

der Analyse der ökonomischen Formen, innerhalb deren der Prozeß der
Warenzirkulation sich bewegt, als letzte Form das Geld. »Dies letzte Produkt der
Warenzirkulation ist die
erste Erscheinungsform
des Kapitals. Historisch
tritt das Kapital dem Grundeigentum überall zunächst in der Form von
Geld gegenüber, als Geldvermögen, Kaufmannskapital und Wucherkapital
... Dieselbe Geschichte spielt täglich vor unsren Augen. Jedes neue Kapital
betritt in erster Instanz die Bühne, d.h. den Markt, Warenmarkt, Arbeitsmarkt
oder Geldmarkt, immer noch als Geld, Geld, das sich durch bestimmte Prozesse in
Kapital verwandeln soll.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke,
Bd. 23, S. 161
| Es ist also
wieder eine Tatsache, die Marx konstatiert. Unfähig, sie zu bestreiten, verdreht
sie Herr Dühring: Das Kapital soll sich aus dem Geld erzeugen!

Marx untersucht nun weiter die Prozesse, wodurch Geld sich in Kapital verwandelt,
und findet zunächst, daß die Form, in der Geld als Kapital zirkuliert,
die Umkehrung derjenigen Form ist, in der es als allgemeines Warenäquivalent
zirkuliert. Der einfache Warenbesitzer verkauft, um zu kaufen; er verkauft, was
er nicht braucht, und kauft mit dem erhandelten Gelde das, was er braucht. Der
angehende Kapitalist kauft von vornherein das, was er
nicht
selbst braucht;
er kauft, um zu verkaufen, und zwar um teurer zu verkaufen, um den ursprünglich
in das Kaufgeschäft geworfnen Geldwert zurückzuerhalten, vermehrt durch
einen Zuwachs an Geld, und diesen Zuwachs nennt Marx
Mehrwert
.

Woher stammt dieser Mehrwert? Er kann weder daher stammen, daß der Käufer
die Waren unter dem Wert kaufte, noch daher, daß der Verkäufer sie
über dem Wert verkaufte. Denn in beiden Fällen gleichen sich die Gewinne
und Verluste jedes einzelnen gegenseitig aus, da jeder abwechselnd Käufer
und Verkäufer ist. Er kann auch nicht aus Prellerei stammen, denn die Prellerei
kann zwar den einen auf Kosten des andern bereichern, nicht aber die von beiden
besessene Gesamtsumme, also auch nicht die Summe der zirkulierenden Werte überhaupt
vermehren. »Die Gesamtheit der Kapitalistenklasse eines Landes kann sich nicht
selbst übervorteilen.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke,
Bd. 23, S. 177

Und doch finden wir, daß die Gesamtheit der Kapitalistenklasse jedes
Landes sich fortwährend vor unsern Augen bereichert, indem sie teurer verkauft
als sie eingekauft hatte, indem sie sich Mehrwert aneignet. Wir sind also so weit
wie am Anfang: woher stammt dieser Mehrwert? Diese Frage gilt es zu lösen,
und zwar auf
rein ökonomischem
Wege, unter Ausschluß aller Prellerei,
aller Einmischung irgendwelcher Gewalt - die Frage: Wie ist es

möglich, fortwährend teurer zu verkaufen, als man eingekauft hat, selbst
unter der Voraussetzung, daß fortwährend gleiche Werte ausgetauscht
werden gegen gleiche Werte?

Die Lösung dieser Frage ist das epochemachendste Verdienst des Marxschen
Werks. Sie verbreitet helles Tageslicht über ökonomische Gebiete, wo
früher Sozialisten nicht minder als bürgerliche Ökonomen in tiefster
Finsternis herumtappten. Von ihr datiert, um sie gruppiert sich der wissenschaftliche
Sozialismus.

Diese Lösung ist folgende. Die Wertvergrößerung des Geldes,
das sich in Kapital verwandeln soll, kann nicht an diesem
Geld
vorgehn
oder aus dem
Einkauf
herrühren, da dies Geld hier nur den Preis der
Ware realisiert, und dieser Preis ist, da wir voraussetzen, daß gleiche
Werte ausgetauscht werden, nicht verschieden von ihrem Wert. Die Wertvergrößerung
kann aber aus demselben Grunde auch nicht aus dem
Verkauf
der Ware hervorgehn.
Die Veränderung muß sich also zutragen mit der
Ware
, die gekauft
wird, aber nicht mit ihrem
Wert
, da sie zu ihrem Wert gekauft und verkauft
wird, sondern mit ihrem
Gebrauchswert
als solchem, d.h. die Wertveränderung
muß aus dem Verbrauch der Ware entspringen. »Um aus dem Verbrauch einer
Ware Wert herauszuziehn, müßte unser Geldbesitzer so glücklich
sein ... auf dem Markt eine Ware zu entdecken, deren Gebrauchswert die eigentümliche
Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein, deren wirklicher Verbrauch
also selbst Vergegenständlichung von Arbeit wäre, daher
Wertschöpfung
.
Und der Geldbesitzer findet auf dem Markt eine solche spezifische Ware vor - das
Arbeitsvermögen oder die
Arbeitskraft
.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 181
. Hervorhebungen von Engels| Wenn, wie wir sahen, die Arbeit als
solche keinen Wert haben kann, so ist das keineswegs der Fall mit der Arbeits
kraft
.
Diese erhält einen Wert, sobald sie zur
Ware
wird, wie sie heutzutage
tatsächlich eine Ware ist, und dieser Wert bestimmt sich »gleich dem jeder
andren Ware durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen
Artikels notwendige |Bei Engels: nötige, korrigiert nach Karl Marx, »Das
Kapital«| Arbeitszeit« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke,
Bd. 23, S. 184
|, das heißt
durch die Arbeitszeit, welche erforderlich ist zur Herstellung der Lebensmittel,
deren der Arbeiter zu seiner Erhaltung in arbeitsfähigem Zustand und zur
Fortpflanzung seines Geschlechts bedarf. Nehmen wir an, diese Lebensmittel repräsentieren,
Tag für Tag, eine sechsstündige Arbeitszeit. Unser angehender Kapitalist,
der zum Betrieb seines Geschäfts Arbeitskraft einkauft, d.h. einen Arbeiter
mietet, zahlt also diesem Arbeiter den vollen Tageswert seiner Arbeitskraft, wenn
er ihm eine Geldsumme zahlt, die ebenfalls sechs
Arbeitsstunden vertritt. Sobald der Arbeiter nun sechs Stunden im Dienst des angehenden
Kapitalisten gearbeitet hat, hat er diesem vollen Ersatz geleistet für seine
Auslage, für den gezahlten Tageswert der Arbeitskraft. Damit aber wäre
das Geld nicht in Kapital verwandelt, es hätte keinen Mehrwert erzeugt. Der
Käufer der Arbeitskraft hat daher auch eine ganz andre Ansicht von der Natur
des von ihm abgeschlossenen Geschäfts. Daß nur sechs Arbeitsstunden
nötig sind, um den Arbeiter während vierundzwanzig Stunden am Leben
zu erhalten, hindert diesen keineswegs, zwölf Stunden aus den vierundzwanzig
zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß
sind zwei verschiedne Größen. Der Geldbesitzer hat den Tageswert der
Arbeitskraft gezahlt, ihm gehört daher auch ihr Gebrauch während des
Tages, die tagelange Arbeit. Daß der Wert, den ihr Gebrauch während
eines Tages
schafft
, doppelt so groß ist wie ihr eigner Tageswert,
ist ein besondres Glück für den Käufer, aber nach den Gesetzen
des Warenaustausches durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer. Der Arbeiter

lostet
also dem Geldbesitzer nach unserer Annahme täglich das Wertprodukt
von sechs Arbeitsstunden, aber er
liefert
ihm täglich das Wertprodukt
von zwölf Arbeitsstunden. Differenz zugunsten des Geldbesitzers - sechs Stunden
unbezahlte Mehrarbeit, ein unbezahltes Mehrprodukt, in dem die Arbeit von sechs
Stunden verkörpert ist. Das Kunststück ist gemacht. Mehrwert ist erzeugt,
Geld ist in Kapital verwandelt.

Indem Marx auf diese Weise nachwies, wie Mehrwert entsteht und wie allein Mehrwert
unter der Herrschaft der den Austausch von Waren regelnden Gesetze entstehn kann,
legte er den Mechanismus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der
auf ihr beruhenden Aneignungsweise bloß, enthüllte er den Kristallkern,
um den die ganze heutige Gesellschaftsordnung sich angesetzt hat.

Diese Erzeugung von Kapital hat jedoch eine wesentliche Voraussetzung:

»Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer den
freien
Arbeiter
auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, daß er
als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß
er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von
allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.» |Siehe Karl
Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 183
; Hervorhebungen von Engels| Aber dies Verhältnis von Geld-
oder Warenbesitzern auf der einen Seite und von Besitzern von nichts, außer
der eignen Arbeitskraft, auf der andern, ist kein naturgeschichtliches, noch ist
es ein allen Geschichtsperioden gemeinsames Verhältnis, »es

ist offenbar selbst das Resultat einer vorhergegangnen historischen Entwicklung,
das Produkt ... des Untergangs einer ganzen Reihe älterer Formationen der
gesellschaftlichen Produktion« |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl
Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23, S. 183
|.
Und zwar tritt dieser freie Arbeiter uns in der Geschichte zuerst massenhaft gegenüber
am Ende des fünfzehnten und Anfang des sechzehnten Jahrhunderts infolge der
Auflösung der feudalen Produktionsweise. Damit aber, und mit der von derselben
Epoche datierenden Schöpfung des Welthandels und Weltmarkts, war die Grundlage
gegeben, auf der die Masse des vorhandnen beweglichen Reichtums sich mehr und
mehr in Kapital verwandeln und die kapitalistische, auf Erzeugung von Mehrwert
gerichtete Produktionsweise mehr und mehr die ausschließlich herrschende
werden muß.

Soweit sind wir den »wüsten Konzeptionen« von Marx gefolgt, diesen »Bastarden
historischer und logischer Phantastik«, bei denen »das Unterscheidungsvermögen
des Verstandes samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht«. Stellen wir diesen
»Leichtfertigkeiten« nunmehr die »tiefen logischen Wahrheiten« und die »letzte
und strengste Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen« gegenüber,
wie sie uns Herr Dühring bietet.

Also vom Kapital hegt Marx »nicht den gemeingültigen ökonomischen
Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel ist«; er sagt vielmehr,
daß eine Summe von Werten sich erst dann in Kapital verwandelt, wenn sie
sich
verwertet
, indem sie Mehrwert bildet. Und was sagt Herr Dühring?

»Das Kapital ist ein Stamm ökonomischer Machtmittel zur Fortführung
der Produktion
und zur Bildung von Anteilen an den Früchten der allgemeinen
Arbeitskraft.«

So orakelhaft und loddrig dies auch wieder ausgedrückt ist, so ist doch
soviel sicher: der Stamm ökonomischer Machtmittel mag die Produktion in Ewigkeit
fortführen, er wird nach Herrn Dührings eignen Worten nicht zu Kapital,
solange er nicht »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft«,
d.h. Mehrwert oder wenigstens Mehrprodukt bildet. Die Sünde also, die Herr
Dühring Marx vorwirft, nicht den gemeingültigen ökonomischen Begriff
vom Kapital zu hegen, begeht er nicht nur selbst, sondern er begeht außerdem
noch ein durch hochtrabende Redensarten »schlecht verdecktes« ungeschicktes Plagiat
an Marx.

Auf Seite 262 wird dies weiter ausgeführt:

»Das Kapital im sozialen Sinn« (und ein Kapital in einem nicht sozialen
Sinn soll Herr Dühring noch entdecken) »ist nämlich spezifisch von dem
reinen Produktionsmittel verschieden; denn während
das letztere nur einen technischen Charakter hat und unter allen Umständen
erforderlich ist, zeichnet sich das erstere durch seine gesellschaftliche Kraft
der Aneignung und Anteilsbildung aus. Das soziale Kapital ist allerdings zum großen
Teil nichts andres als das technische Produktionsmittel
in seiner sozialen
Funktion
; aber diese Funktion ist es auch grade, welche ... verschwinden muß.«

Wenn wir bedenken, daß es grade Marx war, welcher zuerst die »soziale
Funktion« hervorhob, vermittelst deren allein eine Wertsumme zu Kapital wird,
so muß es allerdings »für jeden aufmerksamen Betrachter des Gegenstandes
bald feststehn, daß sich mit der Marxschen Kennzeichnung des Kapitalbegriffs
nur Verwirrung stiften lasse« - nicht aber, wie Herr Dühring meint, in der
strengen Volkswirtschaftslehre, sondern, wie Figura zeigt, einzig und allein im
Kopf des Herrn Dühring selbst, der in der »Kritischen Geschichte« bereits
vergessen hat, wie stark er im »Cursus« von besagtem Kapitalbegriff gezehrt.

Indes Herr Dühring ist nicht zufrieden damit, seine Definition des Kapitals,
wenn auch in »gesäuberter« Form, von Marx zu entlehnen. Er muß ihm
auch folgen in das »Metamorphosenspiel der Begriffe und der Geschichte«, und das
angesichts seiner eignen bessern Erkenntnis, daß dabei nichts herauskommt,
als »wüste Konzeptionen«, »Leichtfertigkeiten«, »Gebrechlichkeit der Fundamente«
usw. woher stammt diese »soziale Funktion« des Kapitals, die es befähigt,
sich die Früchte fremder Arbeit anzueignen, und wodurch allein es sich vom
bloßen Produktionsmittel unterscheidet?

Sie beruht, sagt Herr Dühring, »nicht auf der Natur der Produktionsmittel
und auf deren technischer Unentbehrlichkeit«.

Sie ist also geschichtlich entstanden, und Herr Dühring wiederholt uns
auf Seite 262 nur, was wir schon zehnmal gehört haben, wenn er ihre Entstehung
erklärt vermittelst des altbekannten Abenteuers von den beiden Männern,
von denen am Anfang der Geschichte der eine sein Produktionsmittel in Kapital
verhandelt, indem er den andern vergewaltigt. Aber nicht damit zufrieden, der
sozialen Funktion, durch welche eine Wertsumme erst zu Kapital wird, einen geschichtlichen
Anfang zuzuschreiben, prophezeit Herr Dühring ihr auch ein geschichtliches
Ende. Sie »ist es auch grade, welche verschwinden muß«. Eine Erscheinung,
welche geschichtlich entstanden ist und geschichtlich wieder verschwindet, pflegt
man, in der gemeingültigen Sprache geredet, »eine historische Phase« zu nennen.
Es ist also das Kapital eine historische Phase nicht bloß bei Marx, sondern
auch bei Herrn Dühring und wir sind daher zu dem Schluß genötigt,
daß wir

uns hier bei den Jesuiten befinden.
Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe. Wenn Marx sagt, das Kapital
ist eine historische Phase, so ist das eine wüste Konzeption, ein Bastard
historischer und logischer Phantastik, bei dem das Unterscheidungsvermögen
samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch untergeht. Wenn Herr Dühring ebenfalls
das Kapital als eine historische Phase darstellt, so ist das ein Beweis von Schärfe
der volkswirtschaftlichen Analyse und von letzter und strengster Wissenschaftlichkeit
im Sinne der exakten Disziplinen.

Wodurch unterscheidet sich nun die Dühringsche Kapitalvorstellung von
der Marxschen?

»Das Kapital«, sagt Marx, »hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Überall,
wo ein Teil der Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß
der Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung notwendigen Arbeitszeit
überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel für den
Eigner der Produktionsmittel zu produzieren.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 249
| Mehrarbeit, Arbeit über die zur Selbsterhaltung des Arbeiters
nötige Zeit hinaus und Aneignung des Produkts dieser Mehrarbeit durch andre,
Arbeitsausbeutung ist also allen bisherigen Gesellschaftsformen gemein, soweit
diese sich in Klassengegensätzen bewegten. Aber erst wenn das Produkt dieser
Mehrarbeit die Form von Mehrwert annimmt, wenn der Eigner der Produktionsmittel
den freien Arbeiter - frei von sozialen Fesseln und frei von eignem Besitz - als
Gegenstand der Ausbeutung sich gegenüber vorfindet und ihn ausbeutet zum
Zweck der Produktion von
Waren
, erst dann nimmt, nach Marx, das Produktionsmittel
den spezifischen Charakter des Kapitals an. Und dies ist auf großem Maßstab
geschehn erst seit dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts.

Herr Dühring dagegen erklärt
jede
Summe von Produktionsmitteln
für Kapital, die »Anteile an den Früchten der allgemeinen Arbeitskraft
bildet«, also Mehrarbeit in irgendeiner Form erwirkt. Mit andern Worten, Herr
Dühring annektiert die von Marx entdeckte Mehrarbeit, um damit den ihm augenblicklich
nicht passenden, ebenfalls von Marx entdeckten Mehrwert totzuschlagen. Nach Herrn
Dühring wäre also nicht nur der bewegliche und unbewegliche Reichtum
der mit Sklaven wirtschaftenden korinthischen und athenischen Bürger, sondern
auch der der römischen Großgrundbesitzer der Kaiserzeit, und nicht
minder derjenige der Feudalbarone des Mittelalters, soweit er in irgendeiner Weise
der Produktion diente, alles ohne Unterschied Kapital.

Herr Dühring selbst hegt also »vom Kapital
nicht den gemeingültigen Begriff, demzufolge es produziertes Produktionsmittel
ist«, sondern vielmehr einen ganz entgegengesetzten, der sogar die unproduzierten
Produktionsmittel einschließt, die Erde und ihre natürlichen Hülfsqüellen.
Nun ist aber die Vorstellung, daß Kapital »produziertes Produktionsmittel«
schlechthin sei, gemeingültig wieder nur in der Vulgärökonomie.
Außerhalb dieser, dem Herrn Dühring so teuren Vulgärökonomie
wird das »produzierte Produktionsmittel« oder eine Wertsumme überhaupt erst
dadurch zu Kapital, daß sie Profit oder Zins erwirkt, d.h. das Mehrprodukt
unbezahlter Arbeit in der Form von Mehrwert, und zwar wieder in diesen beiden
bestimmten Unterformen des Mehrwerts aneignet. Es bleibt dabei vollkommen gleichgültig,
daß die ganze bürgerliche Ökonomie in der Vorstellung befangen
ist, die Eigenschaft, Profit oder Zins zu erwirken, komme ganz von selbst jeder
Wertsumme zu, die unter normalen Bedingungen in der Produktion oder im Austausch
verwandt wird. Kapital und Profit, oder Kapital und Zins, sind in der klassischen
Ökonomie ebenso untrennbar, stehn in derselben Wechselbeziehung zueinander
wie Ursache und Wirkung, Vater und Sohn, gestern und heute. Das Wort Kapital in
seiner modern-ökonomischen Bedeutung kommt aber erst vor zu der Zeit, wo
die Sache selbst auftritt, wo der bewegliche Reichtum mehr und mehr Kapitalfunktion
erhält, indem er die Mehrarbeit freier Arbeiter ausbeutet, um Waren zu produzieren,
und zwar wird es eingeführt durch die erste historische Kapitalisten-Nation,
die Italiener des 15. und 16. Jahrhunderts. Und wenn Marx zuerst die dem modernen
Kapital eigentümliche Aneignungsweise bis auf den Grund analysierte, wenn
er den Begriff des Kapitals in Einklang brachte mit den geschichtlichen Tatsachen,
aus denen er in letzter Instanz abstrahiert worden war, denen er seine Existenz
verdankte; wenn Marx damit diesen ökonomischen Begriff befreite von den unklaren
und schwankenden Vorstellungen, die ihm auch in der klassischen bürgerlichen
Ökonomie und bei den bisherigen Sozialisten noch anhafteten, so war es grade
Marx, der mit jener »letzten und strengsten Wissenschaftlichkeit« verfuhr, die
Herr Dühring stets im Munde führt und die wir bei ihm so schmerzlich
vermissen.

In der Tat geht es bei Herrn Dühring ganz anders her. Er ist nicht zufrieden
damit, erst die Darstellung des Kapitals als einer historischen Phase einen »Bastard
historischer und logischer Phantastik« zu schelten und es dann selbst als eine
historische Phase darzustellen. Er erklärt auch
alle
ökonomischem
Machtmittel,
alle
Produktionsmittel, die »Anteile an den Früchten
der allgemeinen Arbeitskraft« aneignen, also auch das Grundeigentum in allen Klassengesellschaften,
rundweg für Kapital; was ihn aber

nicht im
mindesten geniert, im weitern Verlauf Grundeigentum und Grundrente ganz in der
hergebrachten Weise von Kapital und Profit zu scheiden und nur diejenigen Produktionsmittel
als Kapital zu bezeichnen, welche Profit oder Zins erwirken, wie auf Seite 156
u. ff. des »Cursus« des breitern nachzusehn. Ebensogut könnte Herr Dühring
zuerst unter dem Namen Lokomotive auch Pferde, Ochsen, Esel und Hunde einbegreifen,
weil man auch mit diesen Fuhrwerk fortbewegen kann, und den heutigen Ingenieuren
vorwerfen, indem sie den Namen Lokomotive auf den modernen Dampfwagen beschränkten,
machten sie ihn zu einer historischen Phase, verübten sie wüste Konzeptionen,
Bastarde historischer und logischer Phantastik usw.; und dann schließlich
erklären, die Pferde, Esel, Ochsen und Hunde seien doch von der Bezeichnung
Lokomotive ausgeschlossen, und diese gelte nur für den Dampfwagen. - Und
somit sind wir wieder genötigt zu sagen, daß es grade die Dühringsche
Begriffsfassung des Kapitals ist, bei der alle Schärfe der volkswirtschaftlichen
Analyse verloren- und das Unterscheidungsvermögen samt allem ehrlichen Begriffsgebrauch
untergeht, und daß die wüsten Konzeptionen, die Verwirrung, die Leichtfertigkeiten,
die für tiefe logische Wahrheiten ausgegeben werden, und die Gebrechlichkeit
der Fundamente in voller Blüte stehn eben bei Herrn Dühring.

Das alles aber verschlägt nichts. Herrn Dühring bleibt darum doch
der Ruhm, den Angelpunkt entdeckt zu haben, um den sich die ganze bisherige Ökonomie,
die ganze Politik und Juristerei, mit einem Wort die ganze bisherige Geschichte
bewegt. Hier ist er:

»Gewalt und Arbeit sind die zwei Hauptfaktoren, die bei der Bildung
der sozialen Verknüpfungen in Anschlag kommen.«

In diesem einen Satz liest die ganze Verfassung der bisherigen ökonomischen
Welt. Sie ist äußerst kurz und lautet:

Artikel Eins: Die Arbeit produziert.

Artikel Zwei: Die Gewalt verteilt.

Und hiermit ist, »menschlich und deutsch geredet«, auch die ganze ökonomische
Weisheit des Herrn Dühring zu Ende.

## VIII. Kapital und Mehrwert (Schluß)

»Nach der Ansicht des Herrn Marx vertritt der Arbeitslohn nur die Bezahlung
derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter wirklich für die Ermöglichung
der eignen

Existenz tätig ist. Hierzu genügt
nun eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze übrige Teil des oft langgedehnten
Arbeitstags liefert einen Überschuß, in welchem der von unserm Autor
so genannte 'Mehrwert' oder, in der gemeingültigen Sprache geredet, der Kapitalgewinn
enthalten ist. Abgesehn von der auf irgendeiner Stufe der Produktion bereits an
den Arbeitsmitteln und relativen Rohstoffen enthaltnen Arbeitszeit, ist jener
Überschuß des Arbeitstages der Anteil des kapitalistischen Unternehmers.
Die Ausdehnung des Arbeitstages ist hiernach reiner Ausbeutungsgewinn zugunsten
des Kapitalisten.«

Nach Herrn Dühring wäre also der Marxsche Mehrwert weiter nichts,
als was man in der gemeingültigen Sprache Kapitalgewinn oder Profit nennt.
Hören wir Marx selbst. Auf Seite 195 des »Kapital« wird Mehrwert erklärt
durch die hinter diesem Wort eingeklammerten Worte: »Zins, Profit, Rente.« |Siehe
Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 220
| Auf Seite 220 gibt Marx ein Beispiel, worin eine Mehrwertsumme
von 71 Schillingen in ihren verschiednen Verteilungsformen erscheint: Zehnten,
Lokal- und Staatssteuern 21 Schilling, Bodenrente 28 Schilling, Pächters
Profit und Zins 22 Schilling, zusammen Gesamtmehrwert 71 Schillinge |siehe Karl
Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 224
|. - Auf Seite 542 erklärt Marx es für einen Hauptmangel
bei Ricardo, daß dieser »den Mehrwert nicht rein darstellt, d.h. nicht unabhängig
von seinen besondern Formen, wie Profit, Grundrente usw.« und daß er daher
die Gesetze über die Rate des Mehrwerts unmittelbar zusammenwirft mit den
Gesetzen der Profitrate; wogegen Marx ankündigt: »Ich werde später,
im Dritten Buch dieser Schrift, nachweisen, daß dieselbe Rate des Mehrwerts
sich in den verschiedensten Profitraten, und verschiedne Raten des Mehrwerts,
unter bestimmten Umständen, sich in derselben Profitrate ausdrücken
können.« |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke,
Bd. 23, S. 546/547
| Auf
Seite 587 heißt es: »Der Kapitalist, der den Mehrwert produziert, d.h. unbezahlte
Arbeit unmittelbar aus den Arbeitern auspumpt und in Waren fixiert, ist zwar der
erste Aneigner, aber keineswegs der letzte Eigentümer dieses Mehrwerts. Er
hat ihn hinterher zu teilen mit Kapitalisten, die andre Funktionen im großen
und ganzen der gesellschaftlichen Produktion vollziehn, mit dem Grundeigentümer
usw. Der Mehrwert spaltet sich daher in verschiedne Teile. Seine Bruchstücke
fallen verschiednen Kategorien von Personen zu und erhalten verschiedne, gegeneinander
selbständige Formen, wie Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw. Diese
verwandelten Formen des Mehrwerts können erst im Dritten Buch behandelt werden.«
|Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 589
| Und ebenso an vielen andern
Stellen.

Man kann sich nicht deutlicher ausdrücken. Bei jeder Gelegenheit macht
Marx darauf aufmerksam, daß sein Mehrwert durchaus nicht mit dem

Profit oder Kapitalgewinn zu verwechseln, daß dieser letztere vielmehr eine
Unterform und sehr oft sogar nur ein Bruchteil des Mehrwerts sei. Wenn Herr Dühring
dennoch behauptet, der Marxsche Mehrwert sei »in der gemeingültigen Sprache
geredet, der Kapitalgewinn«, und wenn es feststeht, daß das ganze Marxsche
Buch sich um den Mehrwert dreht, so sind nur zwei Fälle möglich: entweder
weiß er's nicht besser, und dann gehört eine Schamlosigkeit sondergleichen
dazu, ein Buch herunterzureißen, dessen Hauptinhalt er nicht kennt. Oder
er weiß es besser, und dann begeht er eine absichtliche Fälschung.
Weiter:

»Der giftige Haß, mit dem Herr Marx diese Vorstellungsart des
Auspressungsgeschäfts pflegt, ist nur zu begreiflich. Aber auch ein gewaltigerer
Zorn und eine noch vollere Anerkennung des Ausbeutungscharakters der auf Lohnarbeit
gegründeten Wirtschaftsform ist möglich, ohne daß jene theoretische
Wendung, die sich in der Marxschen Lehre von einem Mehrwert ausdrückt, angenommen
wird.«

Die gutgemeinte, aber irrige theoretische Wendung von Marx bewirkt bei diesem
einen giftigen Haß gegen das Auspressungsgeschäft; die an sich sittliche
Leidenschaft erhält infolge der falschen »theoretischen Wendung« einen unsittlichen
Ausdruck, sie tritt zutage in unedlem Haß und in niedriger Giftigkeit, während
die letzte und strengste Wissenschaftlichkeit des Herrn Dühring sich äußert
in einer sittlichen Leidenschaft von entsprechend edler Natur, im Zorn, der auch
der Form nach sittlich und dem giftigen Haß zudem noch quantitativ überlegen,
ein gewaltigerer Zorn ist. Während Herr Dühring diese Freude an sich
selbst erlebt, wollen wir zusehn, woher dieser gewaltigere Zorn stammt.

»Es entsteht«, heißt es weiter, »nämlich die Frage, wie die
konkurrierenden Unternehmer imstande sind, das volle Erzeugnis der Arbeit und
hiermit das Mehrprodukt dauernd so hoch über den natürlichen Herstellungskosten
zu verwerten, als durch das berührte Verhältnis des Überschusses
der Arbeitsstunden angezeigt wird. Eine Antwort hierauf ist in der Marxschen Doktrin
nicht anzutreffen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in derselben nicht
einmal die Aufwerfung der Frage einen Platz finden konnte. Der Luxuscharakter
der auf Soldarbeit gegründeten Produktion ist gar nicht ernstlich angefaßt
und die soziale Verfassung mit ihren aufsaugenden Positionen keineswegs als der
letzte Grund der weißen Sklaverei erkannt worden. Im Gegenteil hat sich
immer das Politischsoziale aus dem Ökonomischen erklärt finden sollen.«

Nun haben wir aus den oben angeführten Stellen gesehn, daß Marx
keineswegs behauptet, das Mehrprodukt werde vom industriellen Kapitalisten, der
sein erster Aneigner ist, unter allen Umständen im Durchschnitt

zu seinem vollen Wert verkauft, wie Herr Dühring hier voraussetzt. Marx sagt
ausdrücklich, daß auch der Handelsgewinn einen Teil des Mehrwerts bildet,
und dies ist unter den vorliegenden Voraussetzungen doch nur dann möglich,
wenn der Fabrikant dem Händler sein Produkt,
unter
dem Wert verkauft
und ihm damit einen Anteil der Beute abtritt. Wie die Frage hier gestellt wird,
konnte also allerdings nicht einmal ihre Aufwerfung bei Marx einen Platz finden.
Rationell gestellt, lautet sie: Wie verwandelt sich Mehrwert in seine Unterformen:
Profit, Zins, Handelsgewinn, Grundrente usw.? Und diese Frage verspricht Marx
allerdings, im dritten Buch zu lösen. Wenn aber Herr Dühring nicht so
lange warten kann, bis der zweite Band des »Kapital« erscheint, so mußte
er sich einstweilen im ersten Band etwas genauer umsehn. Er konnte dann, außer
den schon angeführter Stellen, z.B. auf S. 323 lesen, daß nach Marx
die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion in der äußern
Bewegung der Kapitale sich als Zwangsgesetze der Konkurrenz geltend machen und
in dieser Form als treibende Motive dem individuellen Kapitalisten zum Bewußtsein
kommen; daß also eine wissenschaftliche Analyse der Konkurrenz nur möglich,
sobald die innere Natur des Kapitals begriffen ist, ganz wie die scheinbare Bewegung
der Himmelskörper nur dem verständlich, der ihre wirkliche, aber sinnlich
nicht wahrnehmbare Bewegung kennt; worauf Marx an einem Exempel zeigt, wie ein
bestimmtes Gesetz, das Wertgesetz, in einem bestimmten Fall innerhalb der Konkurrenz
erscheint und seine treibende Kraft ausübt |siehe Karl Marx, »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 335
|. Herr Dühring konnte hieraus schon entnehmen daß bei
der Verteilung des Mehrwerts die Konkurrenz eine Hauptrolle spielt, und bei einigem
Nachdenken genügen diese im ersten Band gegebnen Andeutungen in der Tat,
um die Verwandlung von Mehrwert in seine Unterformen wenigstens in ihren allgemeinen
Umrissen erkennen zu lassen.

Für Herrn Dühring ist indes die Konkurrenz grade das absolute Hindernis
des Verständnisses. Er kann nicht begreifen, wie die konkurrierender Unternehmer
das volle Erzeugnis der Arbeit und hiermit das Mehrprodukt dauernd so hoch über
den natürlichen Herstellungskosten verwerten können. Es wird sich hier
wieder mit der gewohnten »Strenge«, die in der Tat Liederlichkeit ist, ausgedrückt.
Das Mehrprodukt als solches hat bei
Marx ja gar keine Herstellungskosten
,
es ist der Teil des Produkts, der dem Kapitalisten
nichts kostet
. Wenn
also die konkurrierenden Unternehmer das Mehrprodukt zu seinen natürlichen
Herstellungskosten verwerten wollten,

so müßten
sie es eben
verschenken
. Doch halten wir uns bei solchen »mikrologischen
Einzelheiten« nicht auf. Verwerten denn in der Tat die konkurrierenden Unternehmer
nicht täglich das Erzeugnis der Arbeit über den natürlichen Herstellungskosten?
Nach Herrn Dühring bestehn die natürlichen Herstellungskosten

»in der Arbeits- oder Kraftausgabe, und diese kann wiederum in ihren
letzten Grundlagen durch den Nahrungsaufwand gemessen werden«;

also in der heutigen Gesellschaft aus den an Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn
wirklich auf gewendeten Auslagen, im Unterschied von der »Bezollung«, dem Profit,
dem mit dem Degen in der Hand erzwungnen Aufschlag. Nun ist es allbekannt, daß
in der Gesellschaft, in der wir leben, die konkurrierenden Unternehmer ihre Waren

nicht
zu den natürlichen Herstellungskosten verwerten, sondern den
angeblichen Aufschlag, den Profit hinzurechnen und in der Regel auch erhalten.
Die Frage, die Herr Dühring, wie er glaubte, nur aufzuwerfen braucht, um
damit das ganze Marxsche Gebäude umzublasen, wie weiland Josua die Mauern
von Jericho, diese Frage existiert also auch für die ökonomische Theorie
des Herrn Dühring. Sehn wir, wie er sie beantwortet.

»Das Kapitaleigentum«, sagt er, »hat keinen praktischen Sinn und läßt
sich nicht verwerten, wenn nicht in ihm zugleich die indirekte Gewalt über
den Menschenstoff eingeschlossen ist. Das Erzeugnis dieser Gewalt ist der Kapitalgewinn,
und die Größe des letztern wird daher von dem Umfang und der Intensität
dieser Herrschaftsübung abhängen ... Der Kapitalgewinn ist eine politische
und soziale Institution, die mächtiger wirkt als die Konkurrenz. Die Unternehmer
handeln in dieser Beziehung als Stand, und jeder einzelne behauptet seine Position.
Ein gewisses Maß des Kapitalgewinns ist bei der einmal herrschenden Wirtschaftsart
eine Notwendigkeit.«

Leider wissen wir auch jetzt noch immer nicht, wie die konkurrierenden Unternehmer
imstande sind, das Erzeugnis der Arbeit dauernd über den natürlichen
Herstellungskosten zu verwerten. Herr Dühring denkt unmöglich von seinem
Publikum so gering, um es mit der Redensart abzuspeisen, der Kapitalgewinn stehe
über der Konkurrenz, wie seinerzeit der König von Preußen über
dem Gesetz. Die Manöver, durch die der König von Preußen in seine
Stellung über dem Gesetz kam, kennen wir; die Manöver, wodurch der Kapitalgewinn
dazu kommt, mächtiger zu sein als die Konkurrenz, sind grade das, was Herr
Dühring uns erklären soll und was er uns hartnäckig zu erklären
verweigert. Auch kann es nichts ausmachen, wenn, wie er sagt, die Unternehmer
in dieser Beziehung als Stand handeln, und dabei jeder einzelne seine Position
behauptet. Wir sollen ihm

doch nicht etwa aufs
Wort glauben, eine Anzahl Leute brauche nur als Stand zu handeln, damit jeder
einzelne von ihnen seine Position behaupte? Die Zünftler des Mittelalters,
die französischen Adligen 1789 handelten bekanntlich sehr entschieden als
Stand und sind doch zugrunde gegangen. Die preußische Armee bei Jena handelte
auch als Stand, aber statt ihre Position zu behaupten, mußte sie vielmehr
ausreißen und nachher sogar stückweise kapitulieren. Ebensowenig kann
uns die Versicherung genügen, bei der einmal herrschenden Wirtschaftsart
sei ein gewisses Maß des Kapitalgewinns eine Notwendigkeit; denn es handelt
sich ja grade darum, nachzuweisen,
warum
dem so ist. Nicht einen Schritt
näher zum Ziel kommen wir, wenn Herr Dühring uns mitteilt:

»Die Kapitalherrschaft ist im Anschluß an die Bodenherrschaft
erwachsen. Ein Teil der hörigen Landarbeiter ist in den Städten zu Gewerbsarbeiten
und schließlich zu Fabrikmaterial umgestaltet worden. Nach der Bodenrente
hat sich der Kapitalgewinn als eine zweite Form der Besitzrente ausgebildet.«

Selbst wenn wir von der historischen Schiefheit dieser Behauptung absehn, so
bleibt sie doch immer eine bloße Behauptung und beschränkt sich darauf,
das wiederholt zu beteuern, was grade erklärt und bewiesen werden soll. Wir
können also zu keinem andern Schluß kommen, als daß Herr Dühring
unfähig ist, auf seine eigne Frage zu antworten: wie die konkurrierenden
Unternehmer imstande sind, das Erzeugnis der Arbeit dauernd über den natürlichen
Herstellungskosten zu verwerten, das heißt, daß er unfähig ist,
die Entstehung des Profits zu erklären. Es bleibt ihm nichts übrig,
als kurzweg zu dekretieren: der Kapitalgewinn ist das Erzeugnis der
Gewalt
,
was allerdings ganz einstimmt mit Artikel 2 der Dühringschen Gesellschaftsverfassung:
Die Gewalt verteilt. Dies ist allerdings sehr schön gesagt; aber jetzt »entsteht
die Frage«: Die Gewalt verteilt - was? Es muß doch etwas zu verteilen da
sein, sonst kann selbst die allmächtigste Gewalt beim besten Willen nichts
verteilen. Der Gewinn, den die konkurrierenden Unternehmer in die Tasche stecken,
ist etwas sehr Handgreifliches und Handfestes. Die Gewalt kann ihn
nehmen,

aber nicht
erzeugen
. Und wenn Herr Dühring uns hartnäckig die
Erklärung weigert,
wie
die Gewalt den Unternehmergewinn nimmt, so
hat er gar nur Grabesschweigen als Antwort auf die Frage,
woher
sie ihn
nimmt. Wo nichts ist, hat der Kaiser, wie jede andre Gewalt, sein Recht verloren.
Aus nichts wird nichts, namentlich nicht Profit. Wenn das Kapitaleigentum keinen
praktischen Sinn hat und sich nicht verwerten läßt, solange nicht in
ihm zugleich die indirekte Gewalt über den Menschenstoff eingeschlossen ist,
so entsteht abermals die Frage, erstens,

wie der
Kapitalreichtum zu dieser Gewalt kam, die mit den oben angeführten paar historischen
Behauptungen keineswegs erledigt ist; zweitens, wie sich diese Gewalt in Kapitalverwertung,
in Profit verwandelt, und drittens, woher sie diesen Profit nimmt.

Wir mögen die Dühringsche Ökonomie anfassen, wo wir wollen,
wir kommen keinen Schritt weiter. Für alle mißliebigen Umstände,
für Profit, Bodenrente, Hungerlohn, Arbeiterknechtung hat sie nur Ein Wort
der Erklärung: die Gewalt, und immer wieder die Gewalt, und der »gewaltigere
Zorn« des Herrn Dühring löst sich eben auch auf in den Zorn über
die Gewalt. Wir haben gesehn, erstens, daß diese Berufung auf die Gewalt
eine faule Ausflucht ist, eine Verweisung vom ökonomischen Gebiet aufs politische,
die keine einzige ökonomische Tatsache zu erklären imstande ist; und
zweitens, daß sie die Entstehung der Gewalt selbst unerklärt läßt,
und dies wohlweislich, indem sie sonst zu dem Ergebnis kommen müßte,
daß alle gesellschaftliche Macht und alle politische Gewalt ihren Ursprung
haben in ökonomischen Vorbedingungen, in der geschichtlich gegebnen Produktions-
und Austauschweise der jedesmaligen Gesellschaft.

Versuchen wir jedoch, ob wir dem unerbittlichen »tieferen Grundleger« der Ökonomie
nicht noch einige weitere Aufschlüsse über den Profit entringen können.
Vielleicht gelingt es uns, wenn wir bei seiner Behandlung des Arbeitslohns ansetzen.

Da heißt es Seite 158:

»Der Arbeitslohn ist der Sold zum Unterhalt der Arbeitskraft und kommt
zunächst nur als Grundlage für Bodenrente und Kapitalgewinn in Betracht.
Um sich die hier obwaltenden Verhältnisse recht entschieden klarzumachen,
denke man sich Grundrente und weiterhin auch Kapitalgewinn zuerst geschichtlich
ohne Arbeitslohn, also auf Grundlage der Sklaverei oder Hörigkeit ... Ob
der Sklave oder Hörige, oder ob der Lohnarbeiter unterhalten werden muß,
begründet nur einen Unterschied in der Art und Weise der Belastung der Produktionskosten.

In jedem Fall bildet der durch die Ausnutzung der Arbeitskraft erzielte Reinertrag
das Einkommen des Arbeitsherrn
... Man sieht also, daß ... namentlich
der Hauptgegensatz, vermöge dessen auf der einen Seite irgendeine Art von

Besitzrente
und auf der andern die besitzlose Soldarbeit steht, nicht ausschließlich
in einem seiner Glieder, sondern stets nur in beiden zugleich betroffen werden
kann.«

Besitzrente ist aber, wie wir Seite 188 erfahren, ein gemeinsamer Ausdruck
für Bodenrente und Kapitalgewinn. Ferner heißt es Seite 174:

»Der Charakter des Kapitalgewinns ist eine
Aneignung des hauptsächlichsten
Teils des Ertrags der Arbeitskraft
. Ohne das Korrelat der in irgendeiner Gestalt
unmittelbar oder mittelbar unterworfenen Arbeit läßt er sich nicht
denken.«

Und Seite 183:

Der Arbeitslohn »ist unter allen Umständen nichts weiter als ein
Sold, vermittelst dessen im allgemeinen der Unterhalt und die Fortpflanzungsmöglichkeit
des Arbeiters gesichert sein müssen«.

Und endlich Seite 195:

»Was der Besitzrente zufällt, muß dem Arbeitslohn verlorengehn
und umgekehrt, was von der allgemeinen Leistungsfähigkeit (!) an die Arbeit
gelangt, muß den Besitzeinkünften entzogen werden.«

Herr Dühring führt uns von Überraschung zu Überraschung.
In der Werttheorie und in den folgenden Kapiteln bis zur Lehre von der Konkurrenz
und diese eingeschlossen, also von Seite 1 bis 155, teilten sich die Warenpreise
oder Werte erstens in die natürlichen Herstellungskosten oder den Produktionswert,
das heißt die Auslagen an Rohstoff, Arbeitsmitteln und Arbeitslohn, und
zweitens in den Aufschlag oder Verteilungswert, die mit dem Degen in der Hand
erzwungne Besteuerung zugunsten der Monopolistenklasse; ein Aufschlag, der, wie
wir sahen, an der Verteilung des Reichtums in Wirklichkeit nichts ändern
konnte, indem er mit der einen Hand das wiedergeben mußte, was er mit der
andern nahm, und der außerdem, soweit uns Herr Dühring über seinen
Ursprung und seinen Inhalt Auskunft gibt, aus nichts entstand und daher auch aus
nichts bestand. In den beiden folgenden Kapiteln, die von den Einkünftearten
handeln, also von Seite 156 bis 217, ist von Aufschlag keine Rede mehr. Statt
dessen teilt sich der Wert jedes Arbeitserzeugnisses, also jeder Ware, jetzt in
folgende zwei Teile: erstens in die Produktionskosten, worin auch der bezahlte
Arbeitslohn einbegriffen, und zweitens in den »durch Ausnutzung der Arbeitskraft
erzielten
Reinertrag
«, der das Einkommen des Arbeitsherrn bildet. Und dieser
Reinertrag hat eine ganz bekannte, durch keine Tätowierung oder Anstreicherkunst
zu verdeckende Physiognomie. »Um sich die hier obwaltenden Verhältnisse recht
entschieden klarzumachen«, denke sich der Leser die soeben angeführten Stellen
aus Herrn Dühring gedruckt gegenüber den früher angeführten
Stellen aus Marx über Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwert, und er wird finden,
daß Herr Dühring hier das »Kapital« in seiner Weise
direkt ausschreibt
.

Die Mehrarbeit in irgendeiner Form, sei es der Sklaverei, Hörigkeit oder
Lohnarbeit, erkennt Herr Dühring an als Quelle der Einkünfte aller bisherigen
herrschenden Klassen: genommen aus der mehrfach angeführten Stelle: »Kapital«,
Seite 227: das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden

usw. |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 249
| - Und der »Reinertrag«,
der »das Einkommen des Arbeitsherrn« bildet, was ist er anders als der Überschuß
des Arbeitsprodukts über den Arbeitslohn, weicher letztere ja auch bei Herrn
Dühring, trotz seiner ganz überflüssigen Verkleidung in einen Sold,
im allgemeinen den Unterhalt und die Fortpflanzungsmöglichkeit des Arbeiters
sichern muß? Wie kann die »Aneignung des hauptsächlichsten Teils des
Ertrags der Arbeitskraft« vor sich gehn, außer dadurch, daß der Kapitalist,
wie bei Marx, dem Arbeiter mehr Arbeit auspreßt, als zur Reproduktion der
von diesem letztern verzehrten Lebensmittel nötig ist, das heißt dadurch,
daß der Kapitalist den Arbeiter längere Zeit arbeiten läßt,
als erforderlich ist, den Wert des dem Arbeiter gezahlten Arbeitslohns zu ersetzen?
Also Verlängerung des Arbeitstags über die zur Reproduktion der Lebensmittel
des Arbeiters nötige Zeit hinaus, Marxsche Mehrarbeit - das und nichts andres
ist es, was sich verbirgt unter Herrn Dührings »Ausnutzung der Arbeitskraft«;
und sein »Reinertrag« des Arbeitsherrn, worin anders kann er sich darstellen als
in Marxschem Mehrprodukt und Mehrwert? Und wodurch anders als durch ihre unexakte
Fassung unterscheidet sich die Dühringsche Besitzrente vom Marxschen Mehrwert?
Den Namen »Besitzrente« übrigens hat Herr Dühring von Rodbertus entlehnt,
der die Bodenrente und die Kapitalrente oder den Kapitalgewinn schon unter dem
gemeinsamen Ausdruck:
Rente
zusammenfaßte, so daß Herr Dühring
nur den »Besitz« hinzuzusetzen hatte.
(3)

Und damit ja kein Zweifel bleibe über das Plagiat, faßt Herr Dühring
die von Marx im 15. Kapitel (Seite 539 u. ff. des »Kapital« |siehe Karl Marx,
»Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 542
|) entwickelten Gesetze über den Größenwechsel von
Preis der Arbeitskraft und Mehrwert in seiner Weise so zusammen, daß, was
der Besitzrente zufällt, dem Arbeitslohn verlorengehn muß und umgekehrt,
und reduziert damit die inhaltvollen Marxschen Einzelgesetze auf eine inhaltlose
Tautologie, denn es ist selbstredend, daß von einer gegebnen, in zwei Teile
zerfallenden Größe der eine Teil nicht wachsen kann, ohne daß
der andre abnimmt. Und so ist es Herrn Dühring gelungen, die Aneignung der
Marxschen Ideen in einer Weise zu vollziehn, bei der die »letzte und strengste
Wissenschaftlichkeit im Sinne der exakten Disziplinen«, wie sie sich in der Marxschen
Entwicklung allerdings findet, vollständig verlorengeht.

Wir können also nicht umhin anzunehmen, daß das auffallende Gepolter,

das Herr Dühring in der »Kritischen Geschichte«
über »Das Kapital« erhebt, und namentlich der Staub, den er aufwirbelt mit
der famosen Frage, die beim Mehrwert entsteht, und die er besser ungefragt gelassen
hätte, sintemal sie selbst nicht beantworten kann - daß das alles nur
Kriegslisten sind, schlaue Manöver, um damit das im »Cursus« an Marx begangne
grobe Plagiat zu verdecken. Herr Dühring hatte in der Tat alle Ursache, seine
Leser zu warnen vor der Beschäftigung mit »dem Knäuel, welches von Herrn
Marx Kapital genannt wird«, vor den Bastarden historischer und logischer Phantastik,
den Hegelschen konfusen Nebelvorstellungen und Flausen usw. Die Venus, vor der
dieser getreue Eckart die deutsche Jugend warnt, hatte er sich selbst zum eignen
Gebrauch aus den Marxschen Gehegen im stillen in Sicherheit gebracht. Gratulieren
wir ihm zu diesem durch die Ausnutzung der Marxschen Arbeitskraft erzielten Reinertrag
und zu dem eigentümlichen Licht, den seine Annexion des Marxschen Mehrwerts
unter dem Namen der Besitzrente auf die Motive seiner hartnäckigen, weil
in zwei Auflagen wiederholten, falschen Behauptung wirft, als verstehe Marx unter
Mehrwert nur den Profit oder Kapitalgewinn.

Und so müssen wir Herrn Dührings Leistungen schildern in Herrn Dührings
Worten wie folgt:

»Nach der Ansicht des Herrn« Dühring »vertritt der Arbeitslohn
nur die Bezahlung derjenigen Arbeitszeit, welche der Arbeiter wirklich für
die Ermöglichung der eignen Existenz tätig ist. Hierzu genügt nur
eine kleinere Anzahl Stunden; der ganze übrige Teil des oft langgedehnten
Arbeitstags liefert einen Überschuß, in welchem die von unsern Autor
so genannte« Besitzrente ... »enthalten ist. Abgesehn von der auf irgendeiner
Stufe der Produktion bereits in den Arbeitsmitteln und relativen Rohstoffen enthaltenen
Arbeitszeit, ist jener Überschuß des Arbeitstags der Anteil des kapitalistischen
Unternehmers. Die Ausdehnung des Arbeitstags ist hiernach reiner Auspressungsgewinn
zugunsten des Kapitalisten. Der giftige Haß, mit dem Herr« Dühring
»diese Vorstellungsart des Ausbeutergeschäfts pflegt, ist nur zu begreiflich«
...

Weniger begreiflich dagegen ist, wie er nun wieder zu seinem »gewaltigeren
Zorn« kommen will?

## IX. Naturgesetze der Wirtschaft. Grundrente

Bisher haben wir beim besten Willen nicht entdecken können, wie Herr Dühring
dazu kommt, auf dem Gebiet der Ökonomie

»
mit
dem Anspruch auf ein neues, nicht etwa bloß der Epoche
genügendes, sondern für
die Epoche maßgebendes System
aufzutreten«.

Was wir aber bei der Gewaltstheorie, bei Wert
und Kapital nicht zu sehn vermochten, vielleicht springt es uns sonnenklar in
die Augen bei Betrachtung der von Herrn Dühring aufgestellten »Naturgesetze
der Volkswirtschaft«. Denn, wie er sich mit gewohnter Neuheit und Schärfe
ausdrückt,

»der Triumph der höhern Wissenschaftlichkeit besteht darin, über
die bloßen Beschreibungen und Einteilungen des gleichsam ruhenden Stoffs
zu den lebendigen, die Erzeugung beleuchtenden Einsichten zu gelangen. Die Erkenntnis
der Gesetze ist daher die vollkommenste; denn sie zeigt uns, wie ein Vorgang durch
den andern bedingt wird.«

Gleich das erste Naturgesetz aller Wirtschaft ist speziell von Herrn Dühring
entdeckt worden.

Adam Smith »hat merkwürdigerweise den wichtigsten Faktor aller
wirtschaftlichen Entwicklungen nicht bloß nicht an die Spitze gestellt,
sondern auch dessen besondre Formulierung ganz unterlassen und auf diese Weise
diejenige Macht, die der modernen europäischen Entwicklung ihren Stempel
aufgedrückt hatte, unwillkürlich zu einer untergeordneten Rolle herabgewürdigt«.
Dies »Grundgesetz, welches an die Spitze gestellt werden muß, ist dasjenige
der technischen Ausrüstung, ja man könnte sagen der Bewaffnung der natürlich
gegebnen Wirtschaftskraft des Menschen«.

Dies von Herrn Dühring entdeckte »Fundamentalgesetz« lautet wie folgt:

Gesetz Nr. 1. »Die Produktivität der wirtschaftlichen Mittel, Naturhülfsquellen
und Menschenkraft, wird
durch Erfindungen und Entdeckungen
gesteigert.«

Wir staunen. Herr Dühring behandelt uns ganz wie jener Spaßvogel
bei Molière den neugebacknen Adligen, dem er die Neuigkeit mitteilt, er
habe sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen, ohne es zu wissen. Daß Erfindungen
und Entdeckungen in manchen Fällen die Produktivkraft der Arbeit steigern
(in sehr vielen Fällen aber auch nicht, wie die massenhafte Archivmakulatur
aller Patentämter der Welt beweist), das haben wir längst gewußt;
daß diese uralte Trivialität aber das Fundamentalgesetz der ganzen
Ökonomie ist - diese Aufklärung verdanken wir Herrn Dühring. Wenn
»der Triumph der höheren Wissenschaftlichkeit« in der Ökonomie, wie
in der Philosophie, nur darin besteht, dem ersten besten Gemeinplatz einen volltönenden
Namen zu geben, ihn als ein Naturgesetz oder gar Fundamentalgesetz auszuposaunen,
so ist das »tiefere Grundlegen« und Umwälzen der Wissenschaft in der Tat
auch für jedermann, selbst für die Redaktion der Berliner »Volks-Zeitung«
möglich gemacht. Wir wären dann »in aller Strenge« genötigt, Herrn
Dührings Urteil über Plato auf Herrn Dühring selbst anzuwenden
wie folgt:

»Wenn indessen so etwas nationalökonomische
Weisheit sein soll, so hat sie der Urheber der« kritischen Grundlegungen »mit
jeder Person gemein, die überhaupt zu einem Gedanken« - ja sogar bloß
zu einem Gerede - »über das auf der Hand Liegende Veranlassung erhielt.«

Wenn wir z.B. sagen: die Tiere fressen, so sprechen wir in unsrer Unschuld
ein großes Wort gelassen aus; denn wir brauchen nur zu sagen, es sei das
Fundamentalgesetz alles Tierlebens, zu fressen, und wir haben die ganze Zoologie
umgewälzt.

Gesetz Nr. 2. Teilung der Arbeit: »Die Spaltung der Berufszweige und
die Zerlegung der Tätigkeiten erhöht die Produktivität der Arbeit.«

Soweit dies richtig, ist es seit Adam Smith ebenfalls Gemeinplatz. Wie weit
es richtig, wird sich im dritten Abschnitt zeigen.

Gesetz Nr. 3. »
Entfernung und Transport
sind die Hauptursachen,
durch welche das Zusammenwirken der produktiven Kräfte gehemmt und gefördert
wird.«

Gesetz Nr. 4. »Der Industriestaat hat unvergleichlich mehr Bevölkerungskapazität
als der Ackerbaustaat.«

Gesetz Nr. 5. »In der Ökonomie geschieht nichts ohne ein materielles
Interesse.«

Das sind die »Naturgesetze«, auf die Herr Dühring seine neue Ökonomie
begründet. Er bleibt seiner, in der Philosophie schon dargestellten Methode
treu. Ein paar, manchmal dazu noch schief ausgedrückte Selbstverständlichkeiten
von trostlosester Landläufigkeit bilden die Axiome, die keines Beweises bedürfen,
die Fundamentalsätze, die Naturgesetze auch der Ökonomie. Unter dem
Vorwand, den Inhalt dieser Gesetze zu entwickeln, die keinen Inhalt haben, wird
die Gelegenheit benutzt zu einer breiten ökonomischen Kannegießerei
über die verschiednen Themata, deren Namen in diesen angeblichen Gesetzen
vorkommen, also über Erfindungen, Teilung der Arbeit, Transportmittel, Bevölkerung,
Interesse, Konkurrenz usw., einer Kannegießerei, deren platte Alltäglichkeit
gewürzt wird nur durch orakelhafte Grandiloquenzen und hier und da durch
schiefe Auffassung oder wichtigtuende Spintisierung über allerlei kasuistische
Subtilitäten. Dann kommen wir schließlich auf Bodenrente, Kapitalgewinn
und Arbeitslohn, und da wir im Vorhergehenden nur die beiden letztern Aneignungsformen
behandelt, so wollen wir hier zum Schluß noch die Dühringsche Auffassung
der Grundrente kurz untersuchen.

Wir lassen dabei alle Punkte unberücksichtigt, in denen Herr Dühring
bloß seinen Vorgänger Carey abschreibt; wir haben es nicht mit Carey
zu tun, auch nicht die Ricardosche Auffassung der Grundrente gegen Careys Verdrehungen
und Torheiten zu verteidigen. Uns geht bloß Herr Dühring an, und dieser
definiert die Grundrente als

»dasjenige Einkommen, welches der Eigentümer
als
solcher
vom Grund und Boden bezieht«.

Den ökonomischen Begriff der Grundrente, den Herr Dühring erklären
soll, übersetzt er kurzerhand ins juristische, so daß wir nicht klüger
sind als vorher. Unser tieferer Grundleger muß sich daher, wohl oder übel,
zu weitern Erörterungen herbeilassen. Er vergleicht nun die Verpachtung eines
Ackerguts an einen Pächter mit dem Ausleihen eines Kapitals an einen Unternehmer,
findet aber bald, daß der Vergleich, wie mancher andre, hinkt.

Denn, sagt er, »wollte man die Analogie weiter verfolgen, so müßte
der Gewinn, der dem Pächter nach Abzahlung der Bodenrente übrigbleibt,
demjenigen Rest des Kapitalgewinns entsprechen, welcher dem Unternehmer, der mit
dem Kapital wirtschaftet, nach Abzug der Zinsen zufällt.
Man ist aber
nicht gewohnt,
die Pächtergewinne als die Haupteinkünfte und die
Grundrente als einen Rest anzusehn. ... Ein Beweis für diese Verschiedenheit
der Auffassung ist die
Tatsache
, daß man in der Lehre von der Bodenrente
den Fall der Selbstbewirtschaftung nicht besonders auszeichnet, und auf die Größendifferenz
einer in Form der Pacht und einer selbsterzeugten Rente kein sonderliches Gewicht
legt.
Wenigstens hat man sich nicht veranlaßt gefunden,
die aus der
Selbstbewirtschaftung hervorgehende Rente derartig zerlegt zu denken, daß
der eine Bestandteil gleichsam den Zins des Grundstücks und der andre den
Überschußgewinn des Unternehmertums repräsentierte. Abgesehn von
dem eignen Kapital, welches der Pächter zur Anwendung bringt,
scheint
man
seinen speziellen
Gewinn, meistens
für eine Art Arbeitslohn

zu halten.
Doch ist es
bedenklich
, hierüber etwas behaupten
zu wollen, da man sich die Frage in dieser Bestimmtheit gar nicht vorgelegt hat.
Überall wo es sich um größere Wirtschaften handelt, wird man mit
Leichtigkeit einsehn können, daß es nicht angeht, den spezifischen
Pächtergewinn als Arbeitslohn gelten zu lassen. Dieser Gewinn beruht nämlich
selbst auf dem Gegensatz gegen die ländliche Arbeitskraft, deren Ausnutzung
allein jene Einkünfteart möglich macht. Es ist offenbar
ein Stück
Rente
, welches in den Händen des Pächters bleibt, und durch welches
die
volle Rente
, die bei der Bewirtschaftung durch den Eigentümer
erzielt werden würde, verkürzt wird.«

Die Theorie von der Bodenrente ist ein spezifisch englisches Stück Ökonomie
und mußte es sein, weil nur in England eine Produktionsweise bestand, bei
der die Rente sich auch tatsächlich von Profit und Zins abgesondert hatte.
In England herrscht bekanntlich großer Grundbesitz und große Agrikultur.
Die Grundeigentümer verpachten ihre Ländereien in großen, oft
sehr großen Ackergütern an Pächter, die mit hinreichendem Kapital
zu deren Bewirtschaftung versehen sind und nicht, wie unsre Bauern, selbst arbeiten,
sondern als richtige kapitalistische Unternehmer die Arbeit von Hofgesinde und
Taglöhnern verwenden. Hier haben wir

also
die drei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft und das einer jeden eigentümliche
Einkommen: den Grundeigentümer, der die Grundrente, den Kapitalisten, der
den Profit, und den Arbeiter, der den Arbeitslohn bezieht. Nie ist es einem englischen
Ökonomen eingefallen, den Gewinn des Pächters, wie dies Herrn Dühring

scheint
, für eine Art Arbeitslohn zu halten; noch viel weniger konnte
es für ihn
bedenklich
sein, zu behaupten, des Pächters Profit
sei das, was er unbestreitbar, augenscheinlich und handgreiflich ist, nämlich
Kapitalprofit. Es ist gradezu lächerlich, wenn es hier heißt, man habe
sich die Frage, was der Pächtergewinn eigentlich sei, in dieser Bestimmtheit
gar nicht vorgelegt. In England braucht man sich diese Frage gar nicht erst vorzulegen,
die Frage wie die Antwort liegen seit lange vor in den Tatsachen selbst, und es
hat darüber seit Adam Smith nie ein Zweifel bestanden.

Der Fall der Selbstbewirtschaftung, wie Herr Dühring es nennt, oder vielmehr
der Bewirtschaftung durch Verwalter für Rechnung des Grundbesitzers, wie
er in der Wirklichkeit in Deutschland sich mehrentells ereignet, ändert nichts
an der Sache. Wenn der Grundbesitzer auch das Kapital liefert und für eigne
Rechnung wirtschaften läßt, so steckt er außer der Grundrente
noch den Kapitalprofit in die Tasche, wie das nach der heutigen Produktionsweise
sich von selbst versteht und gar nicht anders sein kann. Und wenn Herr Dühring
behauptet, man habe sich bisher nicht veranlaßt gefunden, die aus der Selbstbewirtschaftung
hervorgehende Rente (soll heißen Revenue) zerlegt zu denken, so ist das
einfach nicht wahr und beweist im besten Fall nur wieder seine eigne Unwissenheit.
Zum Beispiel:

»Das Einkommen, das sich aus Arbeit herleitet, heißt Arbeitslohn;
dasjenige, welches jemand aus der Anwendung von Kapital herleitet, heißt
Profit ... das Einkommen, das ausschließlich aus dem Boden entspringt, wird
Rente genannt und gehört dem Grundbesitzer. ... Wenn diese verschiednen Arten
von Einkommen verschiednen Personen zufallen, sind sie leicht zu unterscheiden;
fallen sie aber derselben Person zu, so werden sie wenigstens in der alltäglichen
Sprache häufig durcheinandergeworfen. Ein Grundbesitzer, der einen Teil seines
eignen Boden
selbst bewirtschaftet
, sollte nach Abzug der Bewirtschaftungskosten

sowohl die Rente des Grundbesitzers wie den Profit des Pächters erhalten.

|Hervorhebungen von Engels| Er wird aber leicht, in der gewöhnlichen
Sprache wenigstens, seinen ganzen Gewinn Profit nennen und so die Rente mit dem
Profit zusammenwerfen. Die Mehrzahl unsrer nordamerikanischen und westindischen
Pflanzer sind in dieser Lage; die meisten bebauen ihre eignen Besitzungen, und
so hören wir selten von der Rente einer Pflanzung, wohl aber von dem Profit,
den sie abwirft ... Ein Gärtner, der seinen

eignen Garten eigenhändig bebaut, ist in einer Person Grundbesitzer, Pächter
und Arbeiter. Sein Produkt sollte ihm daher die Rente des ersten, den Profit des
zweiten und den Lohn des dritten zahlen. Das Ganze gilt aber gewöhnlich als
sein Arbeitsverdienst; Rente und Profit werden hier also zusammengeworfen mit
dem Arbeitslohn.«

Diese Stelle steht im 6. Kapitel des ersten Buchs von
Adam Smith
. Der
Fall der Selbstbewirtschaftung ist also schon vor hundert Jahren untersucht, und
die Bedenklichkeiten und Unsicherheiten, die Herrn Dühring hier soviel Kummer
machen, entspringen lediglich aus seiner eignen Unwissenheit.

Zuletzt rettet er sich aus der Verlegenheit durch einen kühnen Griff:

Der Pächtergewinn beruht auf Ausbeutung der »ländlichen Arbeitskraft«
und ist daher offenbar ein »Stück Rente«, um welches die »volle Rente«, die
eigentlich in die Tasche des Grundbesitzers fließen sollte, »verkürzt
wird«.

Hiermit erfahren wir zweierlei. Erstens, daß der Pächter die Rente
des Grundbesitzers »verkürzt«, so daß also bei Herrn Dühring nicht,
wie man sich bisher vorgestellt hatte, es der Pächter ist, welcher dem Grundbesitzer,
sondern der
Grundbesitzer
, welcher
dem Pächter Rente zahlt

- allerdings eine »von Grund aus eigentümliche Anschauung«. Und zweitens
erfahren wir endlich, was Herr Dühring sich unter Grundrente vorstellt; nämlich
das ganze bei der Ausbeutung der ländlichen Arbeit im Ackerbau erzielte Mehrprodukt.
Da dies Mehrprodukt aber in der bisherigen Ökonomie - einige Vulgärökonomen
etwa ausgenommen - in Grundrente und Kapitalprofit zerfällt, so haben wir
zu konstatieren, daß auch von der Grundrente Herr Dühring »nicht den
gemeingültigen Begriff hegt«.

Also Grundrente und Kapitalgewinn unterscheiden sich nach Herrn Dühring
nur dadurch, daß die erstere im Ackerbau erwirkt wird und der andre in der
Industrie oder im Handel. Zu dieser unkritischen und verworrnen Vorstellungsweise
gelangt Herr Dühring mit Notwendigkeit. Wir sahen, daß er von der »wahren
historischen Auffassung« ausging, wonach die Herrschaft über den Boden nur
vermittelst der Herrschaft über den Menschen begründet sei. Sobald also
Boden vermittelst irgendeiner Form von Knechtsarbeit bebaut wird, entsteht ein
Überschuß für den Grundherrn, und dieser Überschuß
ist eben die Rente, wie der Überschuß des Arbeitsprodukts über
den Arbeitsgewinn in der Industrie der Kapitalgewinn ist.

»Auf diese Weise ist klar, daß die Bodenrente zu jeder Zeit und
überall da in erheblichem Maß existiert, wo die Ackerkultur vermittelst
irgendeiner der Unterwerfungsformen der Arbeit betrieben wird.«

Bei dieser Darstellung der Rente, als des gesamten
beim Ackerbau erzielten Mehrprodukts, kommt ihm nun einerseits der englische Pächterprofit
und andrerseits die von diesem entlehnte, in der ganzen klassischen Ökonomie
gültige Teilung jenes Mehrprodukts in Grundrente und Pächterprofit,
und damit die
reine
präzise Fassung der Rente, quer in den Weg. Was
tut Herr Dühring? Er stellt sich, als kenne er von der Einteilung des Ackerbau-Mehrprodukts
in Pächterprofit und Grundrente, also von der ganzen Rententheorie der klassischen
Ökonomie kein Sterbenswörtchen; als sei in der gesamten Ökonomie
die Frage, was der Pächterprofit eigentlich sei, noch gar nicht »in dieser
Bestimmtheit« gestellt worden; als handle es sich um einen ganz unerforschten
Gegenstand, über den nichts bekannt ist als Schein und Bedenklichkeiten.
Und er flüchtet aus dem fatalen England, wo das Mehrprodukt des Ackerbaus
ganz ohne Zutun irgendwelcher theoretischen Schule so erbarmungslos zerteilt ist
in seine Bestandteile: Grundrente und Kapitalprofit, nach seinem vielgeliebten
Geltungsbereich des preußischen Landrechts, wo die Selbstbewirtschaftung
in voller patriarchalischer Blüte steht, wo »der Gutsbesitzer unter Rente
die Einkünfte von seinen Grundstücken versteht« und die Ansicht der
Herren Junker über die Rente noch mit dem Anspruch auftritt, für die
Wissenschaft maßgebend zu sein, wo also Herr Dühring noch hoffen kann,
mit seiner Begriffsverwirrung über Rente und Profit durchzuschlüpfen
und sogar Glauben zu finden für seine neueste Entdeckung, daß die Grundrente
gezahlt werde nicht vom Pächter an den Grundbesitzer, sondern vom Grundbesitzer
an den Pächter.

## X. Aus der »Kritischen Geschichte«

Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die »Kritische Geschichte
der Nationalökonomie«, auf »dieses Unternehmen« des Herrn Dühring, daß,
wie er sagt, »ganz ohne Vorgänger ist«. Vielleicht begegnen wir hier endlich
der vielversprochenen letzten und strengsten Wissenschaftlichkeit.

Herr Dühring macht viel Aufhebens von dem Fund, daß

die »Wirtschaftslehre« eine »enorm moderne Erscheinung ist« (Seite 12).

in der Tat heißt's bei Marx im »Kapital«: »Die politische Ökonomie
... als eigne Wissenschaft, kommt erst, in der Manufakturperiode auf«, |siehe
Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 386
| und in: »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, Seite 29,
daß »die klassische politische Ökonomie ... in England mit William
Petty, in Frankreich mit

Boisguillebert beginnt,
in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi abschließt |siehe Karl
Marx, »Zur Kritik der Politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke,
Bd. 13, S. 37
|. Herr Dühring
folgt diesem ihm vorgeschriebnen Gang, nur daß ihm die
höhere
Ökonomie
erst beginnt mit den kläglichen Aborten, welche die bürgerliche Wissenschaft
nach Ablauf ihrer klassischen Periode zutage gefördert hat. Dahingegen triumphiert
er mit vollstem Recht am Schluß seiner Einleitung:

»Wenn aber schon dieses Unternehmen in seinen äußerlich wahrnehmbaren
Eigentümlichkeiten und in der neuern Hälfte seines Inhalts ganz ohne
Vorgänger ist, so gehört es mir noch viel mehr seinen innern kritischen
Gesichtspunkten und seinem allgemeinen Standpunkt nach eigentümlich an« (Seite
9).

Er hätte in der Tat nach beiden, äußerlichen und innerlichen
Seiten hin sein »Unternehmen« (der industrielle Ausdruck ist nicht übel gewählt)
annoncieren können als: Der Einzige und sein Eigentum.

Da die politische Ökonomie, wie sie geschichtlich aufgetreten, in der
Tat nichts ist als die wissenschaftliche Einsicht in die Ökonomie der kapitalistischen
Produktionsperiode, so können darauf bezügliche Sätze und Theoreme,
z.B. bei den Schriftstellern der alten griechischen Gesellschaft, nur soweit vorkommen,
wie gewisse Erscheinungen: Warenproduktion, Handel, Geld, zinstragendes Kapital
usw., beiden Gesellschaften gemeinsam sind. Soweit die Griechen gelegentliche
Streifzüge in dies Gebiet machen, zeigen sie dieselbe Genialität und
Originalität wie auf allen andern Gebieten. Ihre Anschauungen bilden daher
geschichtlich die theoretischen Ausgangspunkte der modernen Wissenschaft. Hören
wir nun den weltgeschichtlichen Herrn Dühring.

»Hiernach hätten wir in bezug auf wissenschaftliche Wirtschaftstheorie
vom Altertum eigentlich gar nichts Positives zu berichten, und das gänzlich
unwissenschaftliche Mittelalter bietet dazu« (dazu,
nichts
zu berichten!)
»noch weit weniger Veranlassung. Da jedoch die den Schein der Gelehrsamkeit eitel
zur Schau tragende Manier ... den reinen Charakter der modernen Wissenschaft verunziert
hat, so müssen zur Notiznahme wenigstens einige Beispiele beigebracht werden.«

Und Herr Dühring bringt dann Beispiele einer Kritik bei, die sich in der
Tat auch vom »Schein der Gelehrsamkeit« frei hält.

Des Aristoteles' Satz, daß

»zweifach ist der Gebrauch jedes Guts - der eine ist dem Ding als solchem
eigen, der andre nicht, wie einer Sandale, zur Beschuhung zu dienen und austauschbar
zu sein; beides sind Gebrauchsweisen der Sandale, denn auch, wer die Sandale gegen
das ihm

Mangelnde, Geld oder Nahrung, austauscht,
benutzt die Sandale als Sandale; aber nicht in ihrer natürlichen Gebrauchsweise,
denn sie ist nicht des Austausches wegen da« -

dieser Satz ist nach Herrn Dühring »nicht nur in recht trivialer und verschulter
Art ausgesprochen«. Sondern die, welche hierin eine »Unterscheidung zwischen Gebrauchswert
und Tauschwert« finden, verfallen außerdem noch dem »Humor«, zu vergessen,
daß »in allerjüngster Zeit« und »im Rahmen des am meisten fortgeschrittenen
Systems«, natürlich dem des Herrn Dühring selbst, Gebrauchswert und
Tauschwert alle geworden sind.

»In Platos Schriften über den Staat hat man ... auch das moderne
Kapitel von der volkswirtschaftlichen Arbeitsteilung finden wollen.«

Dies soll wohl auf die Stelle im »Kapital«, Kapitel XII, 5, Seite 369 der dritten
Auflage gehn, wo aber vielmehr umgekehrt die Ansicht des klassischen Altertums
von der Teilung der Arbeit als im strengsten Gegensatz zu der modernen nachgewiesen
wird |siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 387/388
|. - Nasenrümpfen
und weiter nichts, von seiten Herrn Dührings, verdient Platos für seine
Zeit geniale Darstellung der Teilung der Arbeit als naturwüchsiger Grundlage
der Stadt (die für den Griechen identisch war mit dem Staat), und zwar, weil
er nicht - wohl aber der Grieche Xenophon, Herr Dühring! - die »Grenze« erwähnt,

»welche der jeweilige Umfang des Markts für die weitere Verzweigung
der Berufsarten und die technische Zerlegung der Spezialoperationen setzt - die
Vorstellung von dieser Grenze ist erst diejenige Erkenntnis, mit welcher die sonst
kaum wissenschaftlich zu nennende Idee zu einer ökonomisch erheblichen Wahrheit
wird«.

Der von Herrn Dühring so sehr verschmähte »Professor« Roscher hat
in der Tat diese »Grenze« gezogen, bei der die Idee der Teilung der Arbeit erst
»wissenschaftlich« werden soll, und deshalb Adam Smith ausdrücklich zum Entdecker
des Gesetzes der Teilung der Arbeit gemacht. In einer Gesellschaft, wo die Warenproduktion
die herrschende Weise der Produktion ist, ist »der Markt« - um auch einmal in
Herrn Dührings Manier zu reden - eine unter den »Geschäftsleuten« sehr
bekannte »Grenze« gewesen. Es gehört aber mehr als »das Wissen und der Instinkt
der Routine« dazu, um einzusehen, daß nicht der Markt die kapitalistische
Teilung der Arbeit schuf, sondern umgekehrt die Zersetzung früherer gesellschaftlicher
Zusammenhänge und die daraus erfolgende Teilung der Arbeit den Markt schufen.
(Siehe »Kapital«, I, Kapitel XXIV, 5: Herstellung des innern Marktes für
das industrielle Kapital. |Siehe Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke,
Bd. 23, S. 773/777
|)

»Die Rolle des Geldes ist zu allen Zeiten
die erste Hauptanregung zu wirtschaftlichen (!) Gedanken gewesen. Was wußte
aber ein Aristoteles von dieser Rolle? Offenbar nichts weiter, als was in der
Vorstellung liegt, daß der Austausch durch Vermittlung des Geldes dem Naturalaustausch
gefolgt sei.«

Wenn »ein« Aristoteles sich aber herausnimmt, die zwei verschiednen
Zirkulationsformen

des Geldes zu entdecken, die eine, worin es als bloßes Zirkulationsmittel,
die andre, worin es als Geldkapital tätig ist,

so drückt er hiermit, nach Herrn Dühring, »nur eine moralische
Antipathie aus«.

Wenn »ein« Aristoteles sich gar vermißt, das Geld in seiner »Rolle« als

Wertmaß
analysieren zu wollen, und in der Tat dies für die Lehre
vom Gelde so entscheidende Problem richtig stellt, so schweigt »ein« Dühring,
und zwar aus guten Geheimgründen, lieber ganz über solch unerlaubte
Verwegenheit.

Schlußresultat: Im Spiegelbild der Dühringschen »Notiznahme« besitzt
das griechische Altertum in der Tat nur »ganz gewöhnliche Ideen« (Seite 25),
wenn derartige »Niaiserie« (Seite 19) überhaupt noch etwas mit Ideen, gewöhnlichen
oder ungewöhnlichen, gemein hat.

Das Kapitel des Herrn Dühring über den Merkantilismus liest man besser
im »Original«, das heißt bei F. List, »Nationales System«, Kapitel 29: »Das
Industriesystem, von der Schule fälschlich Merkantilsystem genannt.« Wie
sorgfältig auch hier Herr Dühring jeden »Schein der Gelehrsamkeit« zu
vermeiden weiß, zeigt unter anderm folgendes:

List, Kapitel 28, »Die italienischen Nationalökonomen«, sagt:

»Allen modernen Nationen ist Italien vorausgegangen, wie in der Praxis,
so in der Theorie der politischen Ökonomie«,

und erwähnt dann als

»das erste über politische Ökonomie insbesondere in Italien
geschriebne Werk die Schrift von Antonio Serra aus Neapel über die Mittel,
den Königreichen einen Überfluß an Gold und Silber zu verschaffen
(1613).

Herr Dühring nimmt dies getrost an und kann demgemäß Serras
»Breve trattato«

»als eine Art Inschrift am Eingang der neuern Vorgeschichte der Ökonomie
betrachten«.

Auf dies »belletristische Mätzchen« beschränkt sich in der Tat seine
Betrachtung des »Breve trattato«. Unglücklicherweise trug sich in der Wirklichkeit
die Sache anders zu und erschien 1609, also vier Jahre vor dem »Breve trattato«,
Thomas Muns »A Discurse of Trade etc.« Diese Schrift hat gleich in ihrer ersten
Ausgabe die spezifische Bedeutung, daß sie gegen

das ursprüngliche, damals noch als Staatspraxis in England verteidigte
Monetarsystem

gerichtet ist, also die bewußte
Selbstscheidung
des Merkantilsystems
von seinem Muttersystem darstellt. Bereits in ihrer ersten Form erlebte die Schrift
mehrere Auflagen und übte direkten Einfluß auf die Gesetzgebung aus.
In der vorn Verfasser gänzlich umgearbeiteten und nach seinem Tod erschienenen
Auflage von 1664: »Englands Treasure etc.« blieb sie für weitere hundert
Jahre merkantilistisches Evangelium. Hat der Merkantilismus also ein epochemachendes
Werk »als eine Art Inschrift am Eingang« so ist es dieses, und eben darum existiert
es ganz und gar nicht für Herrn Dührings »die Rangverhältnisse
sehr sorgfältig beobachtende Geschichte«.

Von dem Begründer der modernen politischen Ökonomie, Petty, teilt
Herr Dühring uns mit, daß er

»ein ziemliches Maß leichtfertiger Denkungsart« besaß, ferner
»Abwesenheit des Sinnes für die innern und feinern Unterscheidungen der Begriffe«
... eine »Versatilität, die vieles kennt, aber von dem einen zum andern leichten
Fußes übergeht, ohne in irgendeinem Gedanken tieferer Art Wurzel zu
schlagen« ... er »verfährt in volkswirtschaftlicher Beziehung noch sehr roh«
und »gelangt zu Naivetäten, deren Kontrast ... den ernsteren Denker auch
wohl einmal unterhalten kann«.

Welche nicht zu überschätzende Herablassung also, wenn der »ernstere
Denker« Herr Dühring überhaupt von »einem Petty« Notiz zu nehmen geruht!
Und wie nimmt er von ihm Notiz?

Pettys Sätze über

»die Arbeit und sogar die Arbeitszeit als Wertmaß, wovon sich
bei ihm ... unvollkommne Spuren vorfinden«,

werden außer in diesem Satz gar nicht weiter erwähnt. Unvollkommne
Spuren. In seinem »Treatise on Taxes and Contributions« (erste Ausgabe 1662) gibt
Petty eine vollkommen klare und richtige Analyse der Wertgröße der
Waren. Indem er sie zunächst veranschaulicht an dem Gleichwert von edlen
Metallen und Korn, welche gleich viel Arbeit kosten, sagt er das erste und letzte
»theoretische« Wort über den Wert der edlen Metalle. Aber er spricht auch
bestimmt und allgemein aus, daß die Warenwerte durch
gleiche Arbeit
(equal
labour) gemessen werden. Er wendet seine Entdeckung auf die Lösung verschiedner,
zum Teil sehr verwickelter Probleme an, und zieht stellenweis bei verschiednen
Gelegenheiten und in verschiednen Schriften, auch wo der Hauptsatz nicht wiederholt
wird, wichtige Konsequenzen aus demselben. Aber er sagt auch gleich in seiner
ersten Schrift:

»Dies« (die Schätzung durch gleiche
Arbeit) »behaupte ich, ist
die Grundlage der Ausgleichung und Abwägung
der Werte
|Hervorhebung von Marx|; jedoch in dem Überbau und der praktischen
Anwendung davon, gestehe ich, gibt es viel Mannigfaltiges und Verwickeltes.«

Petty ist sich also ebensosehr der Wichtigkeit seines Fundes bewußt,
wie der Schwierigkeit seiner Detailausnutzung. Er versucht daher auch einen andern
Weg zu gewissen Detailzwecken.

Es soll nämlich ein natürliches Gleichheitsverhältnis
(a natural Par) zwischen Boden und Arbeit gefunden werden, so daß man den
Wert beliebig »in jedem der beiden oder noch besser in beiden« ausdrücken
kann.

Der Irrweg selbst ist genial.

Herr Dühring macht zu Pettys Werttheorie die scharfgedachte Bemerkung:

»Hätte er selbst schärfer gedacht, so würde es gar nicht
möglich sein, daß sich an andern Orten Spuren einer entgegengesetzten
Auffassung vorfänden, an welche schon vorher erinnert worden«;

das heißt wovon »vorher« nichts erwähnt worden ist, außer
daß die »Spuren« - »unvollkommen« sind. Es ist dies eine sehr charakteristische
Manier des Herrn Dühring, »vorher« auf etwas mit einer inhaltslosen Phrase
anzuspielen, um »hinterher« den Leser glauben zu machen, er habe schon »vorher«
Kenntnis von der Hauptsache erhalten, über die besagter Verfasser tatsächlich
vorher und hinterher hinwegschlüpft.

Nun finden sich bei Adam Smith nicht nur »Spuren« von »entgegengesetzten Auffassungen«
über den Wertbegriff, und nicht nur zwei, sondern sogar drei, und ganz genau
genommen, sogar vier kraß entgegengesetzte Ansichten über den Wert,
die gemütlich neben- und untereinanderlaufen. Was aber naturgemäß
bei dem Grundleger der politischen Ökonomie, der notwendig tastet, experimentiert,
mit einem erst sich gestaltenden Ideenchaos ringt, das kann befremdlich erscheinen
bei einem Schriftsteller, der mehr als anderthalbhundertjährige Forschungen
sichtend zusammenfaßt, nachdem deren Resultate aus den Büchern zum
Teil schon in das allgemeine Bewußtsein übergegangen sind. Und, um
vom Großen aufs Kleine zu kommen: wie wir sahen, gibt uns Herr Dühring
selbst ebenfalls fünf verschiedne Arten von Wert zur gefälligen Auswahl,
und mit ihnen ebensoviel entgegengesetzte Auffassungen. Allerdings, »hätte
er selbst schärfer gedacht«, so würde er nicht soviel Mühe gebraucht
haben, seine

Leser aus der vollkommen klaren Pettyschen
Auffassung des Werts zurückzuwerfen in die äußerste Konfusion.

Eine ganz abgerundete, aus einem Stück gegossene Arbeit Pettys ist sein
»Quantulumcunque concerning Money«, 1682 publiziert, zehn Jahre nach seiner »Anatomy
of Ireland« (diese erschien »zuerst« 1672 und nicht 1691, wie Herr Dühring
den »gangbarsten Lehrbuchkompilationen« nach schreibt). Die letzten Spuren merkantilistischer
Anschauungen, die man in andern Schriften von ihm antrifft, sind hier völlig
verschwunden. Es ist ein kleines Meisterwerk nach Inhalt und Form und figuriert
eben deswegen auch nicht einmal dem Namen nach bei Herrn Dühring. Es ist
ganz in der Ordnung, daß gegenüber dem genialsten und originellsten
ökonomischen Forscher eine gespreizte schulmeisterliche Mittelmäßigkeit
nur ihr knurriges Mißvergnügen kundtun, nur Ärgernis daran nehmen
kann, daß die theoretischen Lichtfunken nicht in Reih und Glied als fertige
»Axiome« einherstolzieren, vielmehr zerstreut aus der Vertiefung »rohen« praktischen
Materials, z.B. der Steuern, hervorspringen.

Wie mit Pettys eigentlich ökonomischen Arbeiten, verfährt Herr Dühring
mit dessen Gründung der »Politischen Arithmetik«, vulgo Statistik. Hämisches
Achselzucken über die Absonderlichkeit der von Petty angewandten Methoden!
Angesichts der grotesken Methoden, die selbst Lavoisier noch hundert Jahre später
auf diesem Gebiet anwandte, angesichts des großen Abstands noch der heutigen
Statistik von dem Ziel, das Petty ihr in gewaltigen Zügen vorgezeichnet hatte,
erscheint solch selbstgefälliges Besserwissen, zwei Jahrhunderte post festum,
in unverblümter Albernheit.

Die bedeutendsten Ideen Pettys, wovon in dem »Unternehmen« des Herrn Dühring
blutwenig bemerkbar, sind nach letzterem nur lose Einfälle, Gedankenzufälligkeiten,
gelegentliche Äußerungen, denen man erst in unsrer Zeit vermittelst
aus dem Zusammenhang herausgerissener Zitate eine ihnen an und für sich gar
nicht innewohnende Bedeutung verleiht, die also auch in der
wirklichen

Geschichte der politischen Ökonomie keine Rolle spielen, sondern nur in modernen
Büchern unterhalb des Niveaus der wurzelhaften Kritik und der »Geschichtschreibung
großen Stils« des Herrn Dühring. Er scheint bei seinem »Unternehmen«
einen köhlergläubigen Kreis von Lesern im Auge gehabt zu haben, der
sich beileibe nicht untersteht, die Probe auf die Behauptung zu verlangen. Wir
kommen gleich hierauf zurück (bei Locke und North), müssen aber zunächst
im Vorübergehn Boisguillebert und Law uns ansehn.

Mit Bezug auf erstern heben wir den einzigen Herrn Dühring gehörigen
Fund heraus. Er hat einen früher vermißten Zusammenhang zwischen

Boisguillebert und Law entdeckt. Boisguillebert behauptet nämlich, die edlen
Metalle könnten in den normalen Geldfunktionen, die sie innerhalb der Warenzirkulation

{4}
vollziehn, durch Kreditgeld
(un morceau de papier) ersetzt werden. Law dagegen bildet sich ein, eine beliebige
»Vermehrung« dieser »Papierstückchen« vermehre den Reichtum einer Nation.
Daraus folgt für Herrn Dühring, daß Boisguilleberts

»Wendung schon eine neue Wendung des Merkantilismus in sich barg« -

mit andern Worten schon den Law. Dies wird folgendermaßen sonnenklar
bewiesen:

»Es kam
nur
darauf an, den 'einfachen Papierstückchen' dieselbe
Rolle anzuweisen, welche die edlen Metalle hatten spielen
sollen
, und es
war hiermit sofort eine Metamorphose des Merkantilismus vollzogen.«

In derselben Weise kann man sofort die Metamorphose von Onkel in Tante vollziehn.
Zwar setzt Herr Dühring beschwichtigend hinzu:

»Allerdings hatte Boisguillebert nicht eine solche Absicht.«

Aber, ins Teufels Namen, wie konnte er die Absicht haben, seine eigne rationalistische
Anschauung von der Geldrolle der edlen Metalle deshalb durch die abergläubische
der Merkantilisten zu ersetzen, weil nach ihm die edlen Metalle in jener Rolle
durch Papier ersetzbar sind?

Doch, fährt Herr Dühring in seiner ernsten Komik fort,

»doch mag immerhin zugestanden werden, daß unserm Autor hier und
da eine wirklich treffende Bemerkung gelungen ist« (Seite 83).

Mit Bezug auf Law gelingt Herrn Dühring nur die »wirklich treffende Bemerkung«:

»auch Law hat die letztere Grundlage« (nämlich »die Basis der edlen
Metalle«) «begreiflicherweise nie ganz und gar
ausmerzen
können, aber
er hat die Zettelausgabe bis aufs äußerste, das heißt bis zum
Zusammenbruch des Systems getrieben« (Seite 94).

in der Wirklichkeit aber sollten die Papierschmetterlinge, bloße Geldzeichen,
im Publikum herumflattern, nicht um die Edelmetallbasis »auszumerzen«, sondern
um sie aus den Taschen des Publikums in die verödeten Staatskassen hineinzulocken.

Um wieder auf Petty zu kommen und die unansehnliche Rolle, welche Herr Dühring
ihn in der Geschichte der Ökonomie spielen läßt, wollen

wir zuerst hören, was uns über Pettys nächste Nachfolger mitgeteilt
wird, Locke und North. In demselben Jahr, 1691, erschienen Lockes »Considerations
on Lowering of Interest and Raising of Money« und Norths »Discourses upon Trade«.

»Was er« (Locke) »über Zins und Münze schrieb, tritt nicht
aus dem Rahmen der Reflexionen, wie sie unter der Herrschaft des Merkantilismus
in Anlehnung an die Vorkommnisse des Staatslebens üblich waren« (Seite 64).

Dem Leser dieser »Berichterstattung« muß nun sonnenklar werden, warum
Lockes »Lowering of Interest« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
so bedeutenden Einfluß auf die politische Ökonomie in Frankreich und
Italien gewann, und zwar nach verschiedner Richtung hin.

»Über die Freiheit des Zinsfußes hatte mancher Geschäftsmann
ähnlich gedacht« (wie Locke), »und auch die Entwicklung der Verhältnisse
brachte die Neigung mit sich, die Zinshemmungen als unwirksam zu betrachten. In
einer Zeit, wo ein Dudley North seine 'Discourses upon Trade' in der Richtung
auf Freihandel schreiben konnte, mußte bereits vieles gleichsam in der Luft
liegen, was die theoretische Opposition gegen Zinsbeschränkungen nicht als
etwas Unerhörtes erscheinen ließ« (Seite 64).

Also Locke hatte die Gedanken dieses oder jenes gleichzeitigen »Geschäftsmanns«
nachzudenken, oder aber vieles zu seiner Zeit »gleichsam in der Luft liegende«
aufzuschnappen, um über Zinsfreiheit zu theoretisieren und nichts »Unerhörtes«
zu sagen! In der Tat aber stellte Petty schon 1662 in seinem »Treatise on Taxes
and Contributions« den Zins als Geldrente, die wir Wucher nennen (rent of money
which we call usury), der Boden- und Grundrente (rent of land and houses) gegenüber,
und dozierte den Grundherren, die zwar nicht die Bodenrente, wohl aber die Geldrente
gesetzlich niedermaßregeln wollten, die Eitelkeit und Fruchtlosigkeit, bürgerliche,
positive Gesetze zu machen gegen das Gesetz der Natur (the vanity and fruitlessness
of making civil positive law against the law of nature). In seinem »Quantulumcunque«
(1682) erklärt er daher die gesetzliche Zinsregulation für ebenso albern,
wie eine Regulation der Ausfuhr der edlen Metalle oder des Wechselkurses. In derselben
Schrift sagt er das ein für allemal Maßgebende über raising of
money (der Versuch, z.B.
1
/
2
Schilling den Namen von 1 Schilling
zu geben, indem man die Unze Silber in doppelt so viele Schillinge ausprägt).

Mit Bezug auf letztern Punkt wird er fast nur kopiert von Locke und North.
Mit Bezug auf den Zins aber knüpft Locke an Pettys Parallele von Geldzins
und Bodenrente an, während North weitergehend den Zins als Kapitalrente (rent
of stock) der Bodenrente und die Stocklords den Landlords gegenüberstellt. Während Locke aber die von Petty geforderte Zinsfreiheit
nur mit Beschränkungen, nimmt North sie absolut.

Herr Dühring übertrifft sich selbst, wenn er, selbst noch bittrer
Merkantilist im »subtileren« Sinn, Dudley Norths »Discourses upon Trade« mit der
Bemerkung abfertigt, sie seien »in der Richtung auf Freihandel« geschrieben. Es
ist, als sagte man von Harvey, er habe »in der Richtung« auf die Blutzirkulation
geschrieben. Norths Schrift - von ihren sonstigen Verdiensten abgesehn - ist eine
klassische, mit rücksichtsloser Konsequenz geschriebne Auseinandersetzung
der Freihandelslehre, sowohl was äußern wie innern Verkehr betrifft,
im Jahr 1691 allerdings »etwas Unerhörtes«!

Im übrigen berichtet Herr Dühring, daß

North ein »Händler«, dazu ein schlechter Kerl war, und daß
seine Schrift »keinen Beifall zu finden vermocht«.

Das hätte noch gefehlt, daß eine solche Schrift zur Zeit des endgültigen
Siegs des Schutzzollsystems in England »Beifall« gefunden hätte beim tonangebenden
Janhagel! Dies hinderte jedoch nicht ihre sofortige theoretische Wirkung, die
in einer ganzen Reihe unmittelbar nach ihr, teils noch im 17. Jahrhundert, in
England erschienener ökonomischer Schriften nachweisbar ist.

Locke und North lieferten uns den Beweis, wie die ersten kühnen Griffe,
die Petty fast in allen Sphären der politischen Ökonomie tat, von seinen
englischen Nachfolgern einzeln aufgenommen und weiterverarbeitet wurden. Die Spuren
dieses Prozesses während der Periode 1691 bis 1752 drängen sich dem
oberflächlichsten Beobachter schon dadurch auf, daß alle ihr angehörigen,
bedeutenderen ökonomischen Schriften, positiv oder negativ, an Petty anknüpfen.
Diese Periode, voll origineller Köpfe, ist daher für die Erforschung
der allmählichen Genesis der politischen Ökonomie die bedeutendste.
Die »Geschichtszeichnung großen Stils«, die es Marx als unverzeihliche Sünde
ankreidet, daß im »Kapital« von Petty und den Schriftstellern jener Periode
soviel Aufhebens gemacht wird, streicht sie einfach aus der Geschichte aus. Von
Locke, North, Boisguillebert und Law springt sie sofort zu den Physiokraten über,
und dann erscheint am Eingang des wirklichen Tempels der politischen Ökonomie
- David Hume. Mit Erlaubnis des Herrn Dühring stellen wir die chronologische
Ordnung wieder her und damit Hume vor die Physiokraten.

Humes ökonomische »Essays« erschienen 1752. In den zusammengehörigen
Essays: »Of Money«, »Of the Balance of Trade«, »Of Commerce« folgt Hume Schritt
für Schritt, oft sogar in bloßen Schrullen, Jacob Vanderlints: »Money answers all things«, London 1734, So unbekannt dieser Vanderlint
auch Herrn Dühring geblieben sein mag, so wird er doch noch in englischen
ökonomischen Schriften gegen Ende des 18. Jahrhunderts, das heißt in
der nach-Smithschen Zeit, berücksichtigt.

Wie Vanderlint behandelt Hume das Geld als bloßes Wertzeichen; er kopiert
fast wörtlich (und dies ist wichtig, da er die Wertzeichentheorie aus vielen
andern Schriften hätte entnehmen können) aus Vanderlint, warum die Handelsbilanz
nicht beständig gegen oder für ein Land sein kann; er lehrt, wie Vanderlint,
das Gleichgewicht der Bilanzen, das sich natürlich, den verschiednen ökonomischen
Positionen der einzelnen Länder gemäß, herstelle; er predigt,
wie Vanderlint, den Freihandel, nur weniger kühn und konsequent; er hebt
mit Vanderlint, nur flacher, die Bedürfnisse als Treiber der Produktion hervor;
er folgt Vanderlint in dem irrigen Einfluß auf die Warenpreise, den er dem
Bankgeld und sämtlichen öffentlichen Wertpapieren zuschreibt; er verwirft
mit Vanderlint das Kreditgeld; wie Vanderlint macht er die Warenpreise abhängig
vom Preis der Arbeit, also vom Arbeitslohn; er kopiert ihm sogar die Schrulle,
daß Schatzansammlung die Warenpreise niedrig halte usw. usw.

Herr Dühring hatte schon lange orakelhaft gemunkelt von dem Mißverständnis
andrer über die Humesche Geldtheorie, und namentlich bedrohsam hingewiesen
auf Marx, der zudem im »Kapital« in polizeiwidriger Weise auf die Geheimzusammenhänge
Humes mit Vanderlint und dem noch zu erwähnenden J. Massie |Siehe Karl Marx,
S.
137
und
537/538
| hingewiesen hatte.

Mit diesem Mißverständnis verhält es sich wie folgt. Was die
wirkliche Geldtheorie Humes angeht, wonach das Geld bloß Wertzeichen ist,
und deshalb, unter sonst gleichbleibenden Umständen, die Warenpreise sinken

{5}
im Verhältnis, wie die
zirkulierende Geldmenge wächst, und steigen im Verhältnis, wie sie fällt,
so kann Herr Dühring beim besten Willen - ob auch in der ihm eignen lichtvollen
Weise - nur seinen irrtümlichen Vorgängern nachreden. Hume aber, nachdem
er besagte Theorie aufgestellt, wirft sich selbst ein (dasselbe hatte schon Montesquieu,
von denselben Voraussetzungen ausgehend, getan),

es doch »gewiß«, daß seit der Entdeckung der amerikanischen
Bergwerke »die Industrie bei allen Nationen Europas, außer bei den Besitzern
dieser Bergwerke, gewachsen«, und daß dies »unter andern Gründen auch
dem Zuwachs von Gold und Silber geschuldet sei«.

Er erklärt dies Phänomen daraus,
daß,

»obgleich der hohe Preis der Waren eine notwendige Folge des Zuwachses
von Gold und Silber sei, er jedoch nicht unmittelbar auf diesen Zuwachs folge,
sondern einige Zeit erheischt sei, bis das Geld durch den ganzen Staat zirkuliert
und seine Wirkungen auf alle Volkskreise geltend macht«. In dieser Zwischenzeit
wirke es wohltätig auf Industrie und Handel.

Am Schluß dieser Auseinandersetzung sagt uns Hume auch, warum, obgleich
viel einseitiger als manche seiner Vorgänger und Zeitgenossen:

»Es ist leicht, das Geld im Fortschritt durch das ganze Gemeinwesen
zu verfolgen, und da werden wir finden, daß es den Fleiß jedermanns
anspornen muß, bevor
es den Preis der Arbeit erhöht
|Hervorhebung
von Marx|.«

In andern Worten: Hume beschreibt hier die Wirkung einer Revolution im Wert
der edlen Metalle, und zwar einer Depreziation oder, was dasselbe ist, einer Revolution
im
Wertmaß
der edlen Metalle. Er findet richtig heraus, daß
diese Depreziation, bei der nur allmählich vorgehenden Ausgleichung der Warenpreise,
erst in letzter Instanz »den Preis der Arbeit erhöht«, vulgo den Arbeitslohn;
also auf Kosten der Arbeiter (was er jedoch ganz in der Ordnung findet) den Profit
der Kaufleute und Gewerbetreibenden vermehrt und so »den Fleiß anspornen«.
Die eigentliche wissenschaftliche Frage aber: ob und wie eine vermehrte Zufuhr
der edlen Metalle, bei gleichbleibendem Wert derselben, auf die Warenpreise wirkt
- diese Frage stellt er sich nicht und wirft
jede
»Vermehrung der edlen
Metalle« mit ihrer Depreziation zusammen. Hume tut also ganz genau, was Marx »Zur
Kritik etc.«, Seite 173 |Siehe Karl Marx: »Kritik der politischen Ökonomie«,
in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
13, S. 135-136
| ihn tun läßt. Wir kommen noch einmal vorübergehend
auf diesen Punkt zurück, wenden uns vorher aber zu Humes Essay über
»Interest«.

Humes ausdrücklich gegen Locke gerichtete Nachweisung, daß der Zins
nicht durch die Masse des vorhandnen Geldes reguliert werde, sondern durch die
Profitrate, und seine übrigen Aufklärungen über die Ursachen, welche
Höhe oder Niedrigkeit des Zinsfußes bestimmen - alles dies findet sich
viel exakter und weniger geistreich in einer 1750, zwei Jahre vor Humes Essay
erschienenen Schrift: »An Essay on the Governing Causes of the Natural Rate of
Interest, wherein the sentiments of Sir W. Petty and Mr. Locke, on that head,
are considered.« Ihr Verfasser ist J. Massie, ein nach verschiednen Seiten hin
rühriger und, wie aus der gleichzeitigen englischen Literatur ersichtbar,
vielgelesener Schriftsteller. Adam Smiths

Erörterung
des Zinsfußes steht Massie näher als Hume. Beide, Massie und Hume,
wissen und sagen nichts über die Natur des »Profits«, der bei beiden eine
Rolle spielt.

»Überhaupt«, kanzelredet Herr Dühring, »ist man in der Würdigung
Humes meist sehr befangen verfahren und hat ihm Ideen unterlegt, die er gar nicht
hegte.«

Und von diesem »Verfahren« gibt uns Herr Dühring selbst mehr als ein schlagendes
Beispiel.

So z.B. fängt Humes Essay über den Zins an mit den Worten:

»Nichts gilt als ein gewisseres Zeichen des blühenden Zustands
eines Volks als die Niedrigkeit des Zinsfußes, und mit Recht; obwohl ich
glaube, daß die Ursache davon eine etwas andre ist, als man gewöhnlich
annimmt.«

Also gleich im ersten Satz führt Hume die Ansicht, daß Niedrigkeit
des Zinsfußes das sicherste Zeichen der blühenden Lage eines Volkes
sei, an als einen in seinen Tagen bereits trivial gewordnen Gemeinplatz. Und in
der Tat hatte diese »Idee« seit Child volle hundert Jahre Zeit gehabt, straßenläufig
zu werden. Dahingegen:

»Aus den Ansichten« (Humes) »über den Zinsfuß ist
hauptsächlich
die Idee hervorzuheben
, daß er der wahre Barometer der Zustände«
(welcher?) »und seine Niedrigkeit ein fast untrügliches Zeichen der Blüte
eines Volks sei« (S. 130).

Wer ist das »befangne« und eingefangne »man«, das so spricht? Niemand anders
als Herr Dühring.

Was im übrigen eine naive Verwunderung unsres kritischen Geschichtschreibers
erregt, ist, daß Hume bei Anlaß einer gewissen glücklichen Idee
»sich nicht einmal für deren Urheber ausgibt«. Das wäre Herrn Dühring
nicht passiert.

Wir haben gesehn, wie Hume jede Vermehrung des edlen Metalls zusammenwirft
mit jener Vermehrung desselben, die begleitet ist von einer Depreziation, einer
Revolution in ihrem eignen Wert, also im Wertmaß der Waren. Diese Verwechslung
war bei Hume unvermeidlich, weil er nicht die allergeringste Einsicht in die Funktion
der edlen Metalle als
Wertmaß
hatte. Er konnte sie nicht haben, weil
er absolut nichts vom Wert selbst wußte. Das Wort selbst erscheint vielleicht
nur einmal in seinen Aufsätzen, und zwar wo er Lockes Irrtum, die edlen Metalle
hätten »einen nur eingebildeten Wert», weiter dahin verballhornt, sie hätten
»hauptsächlich einen fiktiven Wert«.

Er steht hier tief, nicht nur unter Petty, sondern auch unter manchem seiner
englischen Zeitgenossen. Er zeigt dieselbe »Rückständigkeit«, wenn

er noch immer in altmodischer Weise den
»Kaufmann«
als die erste Triebfeder
der Produktion feiert, worüber schon Petty längst hinaus war. Was gar
Herrn Dührings Versicherung betrifft, Hume habe sich in seinen Aufsätzen
mit den »wirtschaftlichen Hauptverhältnissen« beschäftigt, so vergleiche
man auch nur die von Adam Smith zitierte Schrift Cantillons (erschienen wie Humes
Aufsätze 1752, aber viele Jahre nach dem Tod des Verfassers), um über
den engen Umkreis der Humeschen ökonomischen Arbeiten zu staunen. Hume, wie
gesagt
{6}
, bleibt trotz des ihm
von Herrn Dühring ausgestellten Patents, auch im Gebiet der Politischen Ökonomie
respektabel, aber er ist hier nichts weniger als ein origineller Forscher und
noch viel minder epochemachend. Die Wirkung seiner ökonomischen Aufsätze
auf die gebildeten Kreise seiner Zeit entsprang nicht bloß aus der vorzüglichen
Darstellungsweise, sondern weit mehr noch daher, daß sie eine fortschrittlich-optimistische
Verherrlichung der damals aufblühenden Industrie und des Handels, mit andern
Worten, der damals in England rasch emporstrebenden kapitalistischen Gesellschaft
waren, bei der sie daher »Beifall« finden mußten. Ein Fingerzeig genüge
hier. Jedermann weiß, wie leidenschaftlich grade zu Humes Zeit das von dem
berüchtigten Robert Walpole planmäßig zur Entlastung der Grundeigentümer,
und Reichen überhaupt, ausgebeutete System der indirekten Steuern von der
englischen Volksmasse bekämpft wurde. In seinem Essay über Steuern (»Of
Taxes«), wo Hume, ohne ihn zu nennen, gegen seinen ihm stets gegenwärtigen
Gewährsmann Vanderlint polemisiert, den heftigsten Gegner der indirekten
Steuern und den entschiedensten Vorkämpfer der Grundbesteuerung, heißt
es:

»Sie« (die Konsumtionssteuern) »müssen in der Tat sehr starke Steuern
und sehr unvernünftig aufgelegt sein, wenn sie der Arbeiter nicht selbst
durch erhöhten Fleiß und Sparsamkeit zu zahlen imstande sein sollte,

ohne den Preis seiner Arbeit zu erhöhen
«.|Hervorhebungen von Marx|

Man glaubt hier Robert Walpole selbst zu hören, namentlich wenn man noch
die Stelle hinzunimmt, im Essay über »öffentlichen Kredit«, wo mit Bezug
auf die Schwierigkeit einer Besteuerung der Staatsgläubiger gesagt wird:

»Die Verminderung ihres Einkommens würde
nicht
verkleidet werden
unter dem Schein, ein bloßer Posten der Akzise
oder der Zölle zu sein« |Hervorhebung von Marx|.

Wie nicht anders bei einem Schotten zu erwarten, war Humes Bewunderung des
bürgerlichen Erwerbs keineswegs rein platonisch. Armer Teufel von Haus aus,
brachte er es zu einer sehr, sehr schwer tausendpfündigen jährlichen
Einnahme, was Herr Dühring, da es sich hier nicht um Petty handelt, sinnig
so ausdrückt:

»Er war durch eine gute
Privatökonomie
auf der Grundlage
sehr geringer Mittel dahin gelangt, niemand zu Gefallen schreiben zu müssen.«

Wenn Herr Dühring ferner sagt:

»Er hatte nie dem Einfluß der Parteien, der Fürsten oder
der Universitäten das geringste Zugeständnis gemacht«,

so ist zwar nicht bekannt, daß Hume je mit einem »Wagener« literarische
Kompaniegeschäfte gemacht, wohl aber, daß er ein unverdrossener Parteigänger
der Whig-Oligarchie war, die »
Kirche
und Staat« hochhielt, und zum Lohn
für dies Verdienst erst den Posten eines Gesandtschaftssekretärs zu
Paris bekam, und später den ungleich wichtigern und einträglichern eines
Unterstaatssekretärs.

»In politischer Hinsicht war und blieb Hume stets konservativ und streng
monarchisch gesinnt. Er wurde daher auch von den Anhängern des bestehenden
Kirchentums nicht so arg verketzert als Gibbon«,

sagt der alte Schlosser.

»Dieser selbstische Hume, dieser Geschichtslügner«, schilt die
englischen Mönche fett, ehe- und familienlos, vom Bettel lebend, »aber er
hat nie eine Familie oder ein Weib gehabt und war selbst ein großer fetter
Bursche, in beträchtlichem Umfang gemästet von öffentlichem Geld,
ohne es je durch irgendwelchen wirklichen öffentlichen Dienst verdient zu
haben«, sagt der »roh« plebejische Cobbett. Hume hat »in der
praktischen
Behandlung
des Lebens in wesentlichen Richtungen vor einem Kant sehr viel voraus«,

sagt Herr Dühring.

Warum aber wird Hume in der »Kritischen Geschichte« eine so übertriebne
Stellung angewiesen? Einfach weil dieser »ernste und subtile Denker« die Ehre
hat, den Dühring des 18. Jahrhunderts vorzustellen. Wie ein Hume zum Beweise
dient, daß

»die Schöpfung des ganzen Wissenschaftszweiges« (der Ökonomie)
»eine Tat der erleuchteteren Philosophie gewesen ist«,

so liegt in der Vorläuferschaft Humes
die beste Gewähr dafür, daß dieser ganze Wissenschaftszweig seinen
zunächst absehbaren Abschluß finden wird in jenem phänomenalen
Mann, der die bloß »erleuchtetere« Philosophie umgeschaffen hat in die absolut
lichtvolle Wirklichkeitsphilosophie, und bei dem sich, ganz wie bei Hume, und
was

»auf deutschem Boden bisher ohne Beispiel ... die Pflege der Philosophie
im engern Sinn mit wissenschaftlichen Bemühungen um die Volkswirtschaft gepaart
findet«.

Wir finden demgemäß den als Ökonomen immerhin respektablen
Hume aufgebläht zu einem ökonomischen Stern erster Größe,
dessen Bedeutung bisher nur derselbe Neid verkennen konnte, der auch Herrn Dührings
»für die Epoche maßgebende« Leistungen bisher so hartnäckig totschweigt.

*

Die
physiokratische
Schule hat uns bekanntlich in
Quesnays »ökonomischem
Tableau«
ein Rätsel hinterlassen, an dem die bisherigen Kritiker und
Geschichtschreiber der Ökonomie sich umsonst die Zähne ausgebissen haben.
Dies Tableau, das die physiokratische Vorstellung von der Produktion und Zirkulation
des Gesamtreichtums eines Landes klar zur Anschauung bringen sollte, blieb für
die ökonomische Nachwelt dunkel genug. Herr Dühring wird uns auch hier
das endgültige Licht aufstecken.

Was dies »ökonomische Abbild der Verhältnisse der Produktion
und Verteilung
bei Quesnay selbst zu bedeuten habe
«, sagt er, lasse sich
nur angeben, wenn man »
zuvor
die ihm eigentümlichen leitenden Begriffe

genau untersucht
hat«. Und zwar um so mehr, als diese bisher nur mit einer
»schwankenden Unbestimmtheit« dargestellt und selbst bei Adam Smith ihre »wesentlichen
Züge nicht zu erkennen« seien.

Solcher herkömmlichen »leichtfertigen Berichterstattung« wird nun Herr
Dühring ein für allemal ein Ende machen. Und nun hält er seinen
Leser durch volle fünf Seiten zum besten, fünf Seiten, auf denen allerlei
gespreizte Wendungen, stete Wiederholungen und berechnete Unordnung die fatale
Tatsache verdecken sollen, daß Herr Dühring über die »leitenden
Begriffe» Quesnays kaum soviel mitzuteilen hat, wie die »gangbarsten Lehrbuchkompilationen«,
vor denen er so unermüdlich warnt. Es ist »eine der bedenklichsten Seiten«
dieser Einleitung, daß auch hier schon das bisher nur dem Namen nach bekannte
Tableau schon gelegentlich beschnuppert, dann aber sich in allerhand »Reflexionen«
verlaufen wird, wie z.B. »den Unterschied von Aufwendung und Erfolg«. Wenn dieser
zwar in der Quesnayschen Idee nicht fertig anzutreffen ist, so wird dahingegen
Herr Dühring uns ein fulminantes Exempel davon geben, sobald er von seiner

langgedehnten einleitenden »Aufwendung« zu seinem
merkwürdig kurzatmigen »Erfolg« kommt, den Aufschluß über das
Tableau selbst. Geben wir nun alles, aber auch
alles wörtlich
, was
er über das Tableau Quesnays mitzuteilen für gut findet.

In der »Aufwendung« sagt Herr Dühring:

»Ihm« (Quesnay) »erschien es als selbstverständlich, daß
man den Ertrag« (Herr Dühring hatte eben vom Nettoprodukt gesprochen) »als
einen
Geldwert
auffassen und behandeln müsse ... er knüpfte seine
Überlegungen (!) sofort an die
Geldwerte
an, die er als Verkaufsergebnisse
aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse bei dem Übergang aus der ersten Hand
voraussetzte. Auf diese Weise (!) operierter in den Kolonnen seines Tableau mit
einigen Milliarden« (d.h. Geldwerten).

Wir haben hiermit dreimal erfahren, daß Quesnay im Tableau mit den »Geldwerten«
der »landwirtschaftlichen Erzeugnisse« eingeschlossen den des »Nettoprodukts«
oder »Reinertrags«, operiert. Weiter im Text:

»Hätte Quesnay den Weg einer wirklich natürlichen Betrachtungsweise
eingeschlagen und hätte er sich nicht bloß von der Rücksicht auf
die edlen Metalle und die Geldmenge, sondern auch derjenigen auf die
Geldwerte

frei gemacht ... So aber rechnet er mit lauter
Wertsummen
und dachte sich
(!) das Nettoprodukt von vornherein als einen
Geldwert
.«

Also zum vierten- und fünftenmal: im Tableau gibt's nur Geldwerte!

»Er« (Quesnay) »gewann dasselbe« (das Nettoprodukt), »indem er die Auslagen
in Abzug brachte und hauptsächlich« (nicht herkömmliche, aber dafür
desto leichtfertigere Berichterstattung) »an denjenigen Wert
dachte
(!),
der dem Grundeigentümer als Rente zufiele.«

Immer noch nicht vom Fleck; doch jetzt wird's kommen:

»Andrerseits geht
nun aber auch
« - dies »nun aber auch« ist eine
Perle! - »das Nettoprodukt als Naturalgegenstand in die Zirkulation und wird auf
diese Weise ein Element, durch welches die als steril bezeichnete Masse ... zu
unterhalten ... ist. Hier kann man
sofort
(!) die Verwirrung bemerken,
welche dadurch entsteht, daß in dem einen Fall der Geldwert, in dem andern
die Sache selbst den Gedankengang bestimmt.«

Im allgemeinen, scheint es, krankt
alle
Warenzirkulation an der Verwirrung,
daß Waren gleichzeitig als »Naturalgegenstand« und als »Geldwert« in sie
eingehn. Aber wir drehn uns immer noch im Kreis um die »Geldwerte«, denn

»Quesnay will eine doppelte Ansetzung des volkswirtschaftlichen Ertrags
vermeiden«.

Mit Erlaubnis des Herrn Dühring: Unten in Quesnays »Analyse« des Tableau
figurieren die verschiednen Produktarten als »Naturalgegenstände« und oben
im Tableau selbst ihre Geldwerte. Quesnay hat sogar

später durch seinen Famulus, den Abbé Baudeau, auch gleich ins Tableau
selbst die Naturalgegenstände
neben
ihre Geldwerte eintragen lassen.

Nach soviel »Aufwendung« endlich der »Erfolg«. Man höre und staune:

»Doch wird die Inkonsequenz« (mit Rücksicht auf die den Grundeigentümern
von Quesnay zugeschriebne Rolle) »
sofort
klar, sobald man danach fragt,

was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen
Kreislauf werde
. Hier ist für die Vorstellungsart der Physiokraten und
für das
ökonomische Tableau
nur eine bis zum Mystizismus steigende
Verworrenheit und Willkür möglich gewesen.«

Ende gut, alles gut. Also Herr Dühring weiß nicht, »was denn im
wirtschaftlichen Kreislauf« (den das Tableau vorstellt) »aus dem als Rente angeeigneten
Nettoprodukt werde«. Das Tableau ist für ihn die »Quadratur des Zirkels«.
Er versteht eingestandnermaßen nicht das Abc der Physiokratie. Nach all
dem Herumgehn um den heißen Brei, dem Leeres-Stroh-Dreschen, den Kreuz-
und Quersprüngen, Harlekinaden, Episoden, Diversionen, Wiederholungen und
sinnbetäubenden Durcheinanderwürflungen, die uns lediglich vorbereiten
sollten auf den gewaltigen Aufschluß, »was das Tableau bei Quesnay selbst
zu bedeuten habe« - nach alledem zum Schluß das beschämte Eingeständnis
des Herrn Dühring,
er wisse es selber nicht!

Einmal dies schmerzliche Geheimnis abgeschüttelt, diese horazische schwarze
Sorge, die ihm während des Ritts durchs physiokratische Land auf dem Buckel
saß, stößt unser »ernster und subtiler Denker« wieder munter
in die Posaune wie folgt:

»Die Linien, welche Quesnay in seinem übrigens ziemlich einfachen
(!) Tableau hin und her zieht« (es sind ihrer alles in allem ganzer sechs!) »und
welche die Zirkulation des Nettoprodukts darstellen sollen«, geben zu bedenken,
ob »bei diesen wunderlichen Kolonnenverknüpfungen« keine Mathematik-Phantastik
unterlaufe, erinnern an Quesnays Beschäftigung mit der Quadratur des Zirkels
usw.

Da Herrn Dühring diese Linien, trotz aller Einfachheit, eingestandnermaßen
unverständlich bleiben, muß er sie nach seiner beliebten Manier
verdächtigen
.
Und nun kann er getrost dem fatalen Tableau den Gnadenstoß geben:

»Indem wir das Nettoprodukt von dieser
bedenklichsten Seite
betrachtet
haben« usw.

Nämlich das notgedrungne Eingeständnis, daß er nicht das erste
Wort vom Tableau économique versteht und von der »Rolle«, die das darin
figurierende Nettoprodukt dabei spielt - das nennt Herr Dühring »die bedenklichste
Seite des Nettoprodukts«! Welcher Galgenhumor!

Damit nun aber unsre Leser nicht in derselben
grausamen Unwissenheit über das Tableau Quesnays bleiben, wie es notwendig
diejenigen sind, welche ihre ökonomische Weisheit aus »erster Hand« von Herrn
Dühring beziehen, in kurzem folgendes:

Bekanntlich teilt sich bei den Physiokraten die Gesellschaft in drei Klassen:
1. Die produktive, d.h. die wirklich im Ackerbau tätige Klasse, Pächter
und Landarbeiter; sie heißen produktiv, weil ihre Arbeit einen Überschuß
läßt - die Rente. 2. Die Klasse, welche diesen Oberschuß aneignet,
umfassend die Grundbesitzer und die von ihnen abhängige Gefolgschaft, den
Fürsten und überhaupt die vom Staat gezahlten Beamten und endlich auch
die Kirche in ihrer besondern Eigenschaft als Aneignerin des Zehnten. Der Kürze
halber bezeichnen wir im folgenden die erste Klasse einfach als »Pächter«,
die zweite als »Grundeigentümer«. 3. Die gewerbetreibende oder sterile (unfruchtbare)
Klasse, steril, weil sie nach physiokratischer Ansicht den ihr von der produktiven
Klasse gelieferten Rohstoffen nur soviel Wert zusetzt, als sie an den ihr von
derselben Klasse gelieferten Lebensmitteln verzehrt. Das Tableau Quesnays soll
nun veranschaulichen, wie das jährliche Gesamtprodukt eines Landes (in der
Tat Frankreichs) zwischen diesen drei Klassen zirkuliert und der jährlichen
Reproduktion dient.

Die erste Voraussetzung des Tableau ist, daß das Pachtsystem und mit
ihm die große Agrikultur im Sinn von Quesnays Zeit allgemein eingeführt
ist, wobei ihm als Vorbild die Normandie, Picardie, Ile-de-France und einige andre
französische Provinzen gelten. Der Pächter erscheint daher als der wirkliche
Leiter der Agrikultur, repräsentiert im Tableau die ganze produktive (ackerbautreibende)
Klasse und zahlt dem Grundeigentümer eine Rente in Geld. Der Gesamtheit der
Pächter wird ein Anlagekapital oder Inventarium von zehn Milliarden Livres
zugeschrieben, wovon ein Fünftel oder zwei Milliarden jährlich zu ersetzendes
Betriebskapital, ein Anschlag, wofür wieder die bestbebauten Pachtungen der
erwähnten Provinzen maßgebend waren.

Fernere Voraussetzungen sind: 1. Daß konstante Preise und einfache Reproduktion
statthaben, der Einfachheit halber; 2. daß alle Zirkulation, die bloß
innerhalb einer einzelnen Klasse stattfindet, ausgeschlossen bleibt und bloß
die Zirkulation zwischen Klasse und Klasse berücksichtigt wird; 3. daß
alle Käufe resp. Verkäufe, die von Klasse zu Klasse im Laufe des Betriebsjahrs
stattfinden, in eine einzige Gesamtsumme zusammengefaßt

sind. Endlich erinnre man sich, daß zu Quesnays Zeit in Frankreich, wie
mehr oder minder in ganz Europa, die eigne Hausindustrie der Bauernfamilie den
weitaus beträchtlichsten Teil ihrer nicht zur Klasse der Nahrungsmittel gehörenden
Bedürfnisse lieferte, und daher als selbstverständliches Zubehör
des Ackerbaus hier vorausgesetzt wird.

Der Ausgangspunkt des Tableau ist die Gesamternte, das deswegen auch gleich
obenan darin figurierende Bruttoprodukt der jährlichen Bodenerzeugnisse oder
die »totale Reproduktion« des Landes, hier Frankreichs. Die Wertgröße
dieses Bruttoprodukts wird geschätzt nach den Durchschnittspreisen der Bodenerzeugnisse
bei den handeltreibenden Nationen. Es beträgt fünf Milliarden Livres,
eine Summe, die nach den damals möglichen statistischen Veranschlagungen
den Geldwert des landwirtschaftlichen Bruttoprodukts von Frankreich ungefähr
ausdrückt. Dies, und nichts anders, ist der Grund, warum Quesnay im Tableau
»mit einigen Milliarden operiert«, nämlich mit fünf, und nicht mit fünf
Livres tournois.

Das ganze Bruttoprodukt, zum Wert von fünf Milliarden, befindet also in
der Hand der produktiven Klasse, das heißt zunächst der Pächter,
die es produziert haben durch Verausgabung eines jährlichen Betriebskapitals
von zwei Milliarden, entsprechend einem Anlagekapital von zehn Milliarden. Die
landwirtschaftlichen Produkte, Lebensmittel, Rohstoffe etc., die zum Ersatz des
Betriebskapitals, also auch zum Unterhalt aller im Ackerbau direkt tätigen
Personen erheischt sind, werden in natura von der Gesamternte
{7}

weggenommen und zur neuen landwirtschaftlichen Produktion verausgabt. Da, wie
gesagt, konstante Preise und einfache Reproduktion auf dem einmal gültigen
Maßstab unterstellt sind, ist der Geldwert dieses vorweggenommenen Teils
des Bruttoprodukts gleich zwei Milliarden Livres. Dieser Teil geht also nicht
in die allgemeine Zirkulation ein. Denn, wie schon bemerkt, ist die Zirkulation,
soweit sie nur
innerhalb
des Kreises jeder besondern Klasse, aber nicht
zwischen den verschiednen Klassen stattfindet, vom Tableau ausgeschlossen.

Nach Ersatz des Betriebskapitals aus dem Bruttoprodukt bleibt ein Überschuß
von drei Milliarden, wovon zwei in Lebensmitteln, eine in Rohstoffen. Die von
den Pächtern an die Grundeigentümer zu zahlende Rente beträgt aber
nur zwei Drittel hiervon, gleich zwei Milliarden. Warum nur diese zwei Milliarden
unter der Rubrik »Nettoprodukt« oder »Reineinkommen« figurieren, wird sich bald
zeigen.

Außer der landwirtschaftlichen »totalen
Reproduktion« zum Wert von fünf Milliarden, wovon drei Milliarden in die
allgemeine Zirkulation eingehn, befindet sich aber, vor Beginn der im Tableau
dargestellten Bewegung, noch das ganze »pécule« |»Ersparte«| der Nation,
zwei Milliarden bares Geld, in den Händen der Pächter. Es verhält
sich damit so.

Da der Ausgangspunkt des Tableaus die Gesamternte ist, bildet er zugleich den
Schlußpunkt eines ökonomischen Jahrs, z.B. des Jahrs 1758, nach welchem
ein neues ökonomisches Jahr beginnt. Während dieses neuen Jahrs 1759
verteilt sich der für die Zirkulation bestimmte Teil des Bruttoprodukts vermittelst
einer Anzahl einzelner Zahlungen, Käufe und Verkäufe, unter die zwei
andern Klassen. Diese aufeinanderfolgenden, zersplitterten und über ein ganzes
Jahr sich erstreckenden Bewegungen werden aber - wie das unter allen Umständen
für das Tableau geschehn mußte - in wenige charakteristische, jedesmal
ein ganzes Jahr auf einen Schlag einbegreifende Akte zusammengefaßt. So
ist denn auch Ende des Jahrs 1758 der Pächterklasse das Geld wieder zurückgeströmt,
das sie für das Jahr 1757 als Rente an die Grundbesitzer gezahlt hatte (wie
das geschieht, wird das Tableau selbst zeigen), nämlich die Summe von zwei
Milliarden, so daß sie diese 1759 wieder in Zirkulation werfen kann. Da
nun jene Summe, wie Quesnay bemerkt, viel größer ist als in der Wirklichkeit,
wo die Zahlungen sich beständig stückweis wiederholen, für die
Gesamtzirkulation des Landes (Frankreichs) erheischt ist, so stellen die in der
Hand der Pächter befindlichen zwei Milliarden Livres die Gesamtsumme des
in der Nation umlaufenden Geldes dar.

Die Klasse der Rente einstreichenden Grundeigentümer tritt, wie das zufällig
auch noch heutzutag der Fall ist, zunächst in der Rolle von Zahlungsempfängern
auf. Nach Quesnays Voraussetzung erhalten die eigentlichen Grundeigentümer
nur vier Siebentel der Rente von zwei Milliarden, zwei Siebentel gehn an die Regierung
und ein Siebentel an die Zehntenempfänger. Zu Quesnays Zeit war die Kirche
die größte Grundeigentümerin Frankreichs und empfing zudem den
Zehnten von allem andern Grundeigentum.

Das von der »sterilen« Klasse während eines ganzen Jahrs verausgabte Betriebskapital
(avances annuelles |jährlichen Vorschüsse|) besteht in Rohmaterial zum
Wert von einer Milliarde - nur Rohmaterial, weil Werkzeuge, Maschinen etc. zu
den Erzeugnissen dieser Klasse selbst zählen. Die mannigfachen Rollen aber,
welche solche Erzeugnisse im Betrieb der Industrien dieser Klasse selbst

spielen, gehn das Tableau ebensowenig an, wie die ausschließlich innerhalb
ihres Kreises vorgehende Waren- und Geldzirkulation. Der Lohn für die Arbeit,
wodurch die sterile Klasse das Rohmaterial in Manufakturwaren verwandelt, ist
gleich dem Wert der Lebensmittel, die sie teils direkt von der produktiven Klasse,
teils indirekt durch die Grundeigentümer erhält. Obgleich sie selbst
in Kapitalisten und Lohnarbeiter zerfällt, steht sie nach Quesnays Grundanschauung,
als Gesamtklasse, im Sold der produktiven Klasse und der Grundeigentümer.
Die industrielle Gesamtproduktion und daher auch ihre Gesamtzirkulation, die sich
über das der Ernte folgende Jahr verteilt, ist ebenfalls in ein einziges
Ganzes zusammengefaßt. Es ist daher vorausgesetzt, daß bei Beginn
der im Tableau dargestellten Bewegung die jährliche Warenproduktion der sterilen
Klasse sich ganz in ihrer Hand befindet, daß also ihr ganzes Betriebskapital,
resp. Rohmaterial zum Wert von einer Milliarde, in Waren verwandelt worden ist
zum Wert von zwei Milliarden, wovon die Hälfte den Preis der während
dieser Umwandlung verzehrten Lebensmittel darstellt. Man könnte hier einwerfen:
aber die sterile Klasse verbraucht doch auch Industrieprodukte zu ihrem eignen
Hausbedarf; wo figurieren denn diese, wenn ihr eignes Gesamtprodukt durch die
Zirkulation zu den andern Klassen übergeht? Hierauf erhalten wir die Antwort:
Die sterile Klasse verzehrt nicht nur selbst einen Teil ihrer eignen Waren, sondern
sie sucht auch noch außerdem soviel davon zurückzubehalten als möglich.
Sie verkauft also ihre in die Zirkulation geworfenen Waren über dem wirklichen
Wert und muß dies tun, da wir diese Waren zum Totalwert ihrer Produktion
ansetzen. Dies ändert jedoch nichts an den Festsetzungen des Tableaus, denn
die beiden andern Klassen erhalten nun einmal die Manufakturwaren nur zum Wert
ihrer Totalproduktion.

Wir kennen also jetzt die ökonomische Position der drei verschiednen Klassen
beim Beginn der Bewegung, die das Tableau darstellt.

Die produktive Klasse, nach Naturalersatz ihres Betriebskapitals, verfügt
noch über drei Milliarden vom landwirtschaftlichen Bruttoprodukt und über
zwei Milliarden Geld. Die Klasse der Grundeigentümer figuriert nur erst mit
ihrem Rentenanspruch von zwei Milliarden an die produktive Klasse. Die sterile
Klasse verfügt über zwei Milliarden Manufakturwaren. Eine zwischen nur
zwei dieser drei Klassen verlaufende Zirkulation heißt bei den Physiokraten
eine unvollkommne, eine durch alle drei Klassen verlaufende heißt eine vollkommne
Zirkulation.

Also nun zum ökonomischen Tableau selbst.

Erste
(unvollkommne)
Zirkulation
: Die Pächter zahlen den
Grundeigentümern, ohne Gegenleistung, die diesen zukommende Rente mit zwei

Milliarden Geld. Mit einer dieser Milliarden kaufen
die Grundeigentümer Lebensmittel von den Pächtern, denen so eine Hälfte
des von ihnen zur Zahlung der Rente ausgegebnen Geldes zurückfließt.

In seiner »Analyse du tableau économique« spricht Quesnay nicht weiter
vom Staat, der zwei Siebentel, und von der Kirche, die ein Siebentel der Grundrente
erhält, da deren gesellschaftliche Rollen allgemein bekannt sind. Mit Bezug
auf die eigentlichen Grundeigentümer
{8}

aber sagt er, daß ihre Ausgaben, worin auch die aller ihrer Dienstleute
figurieren, mindestens zum allergrößten Teil unfruchtbare Ausgaben
sind, mit Ausnahme jenes geringen Teils, der angewendet wird »zur Erhaltung und
Verbesserung ihrer Güter und zur Hebung ihrer Kultur«. Aber nach dem »natürlichen
Recht« bestehe ihre eigentliche Funktion grade in »der Sorge für die gute
Verwaltung und für die Ausgaben zur Erhaltung ihres Erbteils«, oder wie das
später entwickelt, in den avances foncières, das heißt in Ausgaben,
um den Boden vorzubereiten und die Pachtungen mit allem Zubehör zu versehen,
die dem Pächter erlauben, sein ganzes Kapital ausschließlich dem Geschäft
der wirklichen Kultur zu widmen.

Zweite
(vollkommne)
Zirkulation
. Mit der zweiten, noch in ihrer
Hand befindlichen Milliarde Geld kaufen die Grundeigentümer Manufakturwaren
von der sterilen Klasse, diese aber mit dem so eingenommnen Geld Lebensmittel
von den Pächtern zum selben Betrag.

Dritte
(unvollkommne)
Zirkulation
. Die Pächter kaufen von
der sterilen Klasse, mit einer Milliarde Geld, Manufakturwaren zum selben Betrag;
ein großer Teil dieser Waren besteht aus Ackerbauwerkzeugen und andern für
den Landbau nötigen Produktionsmitteln. Die sterile Klasse schickt den Pächtern
dasselbe Geld zurück, indem sie damit für eine Milliarde Rohstoff, zum
Ersatz ihres eignen Betriebskapitals, kauft. Damit sind den Pächtern die
von ihnen in Zahlung der Rente ausgegebnen zwei Milliarden Geld zurückgeflossen
und die Bewegung
{9}
ist fertig.
Und damit ist auch das große Rätsel gelöst,

»was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im wirtschaftlichen
Kreislauf wird«.

Wir hatten oben in den Händen der produktiven Klasse, am Anfangspunkt
des Prozesses, einen Überschuß von drei Milliarden. Davon wurden

nur zwei als Nettoprodukt in der Gestalt von Rente an die Grundeigentümer
gezahlt. Die dritte Milliarde des Überschusses bildet den Zins für das
Gesamtanlagekapital der Pächter, also für zehn Milliarden zehn Prozent.
Diesen Zins erhalten sie - wohlzumerken - nicht aus der Zirkulation; er befindet
sich in natura in ihrer Hand, und sie realisieren ihn nur durch die Zirkulation,
indem sie ihn vermittelst derselben in Manufakturwaren von gleichem Wert umsetzen.

Ohne diesen Zins würde der Pächter, der Hauptagent der Agrikultur,
ihr das Anlagekapital nicht vorschießen. Bereits von diesem Standpunkt aus
ist nach den Physiokraten die Aneignung des den Zins repräsentierenden Teils
des landwirtschaftlichen
Mehrertrags
von seiten des Pächters eine
ebenso notwendige Bedingung der Reproduktion wie die Pächterklasse selbst,
und kann dies Element daher nicht zur Kategorie des nationalen »Nettoprodukts«
oder »Reineinkommens« zählen; denn letzteres ist eben dadurch charakterisiert,
daß es verzehrbar ist ohne jede Rücksicht auf die unmittelbaren Bedürfnisse
der rationalen Reproduktion. Dieser Fonds von einer Milliarde aber dient nach
Quesnay größtenteils für die während des Jahres nötig
werdenden Reparaturen und teilweisen Erneuerungen des Anlagekapitals, ferner als
Reservefonds gegen Unfälle, endlich wo möglich zur Bereicherung des
Anlage- und Betriebskapitals wie zur Verbesserung des Bodens und Ausdehnung der
Kultur.

Der ganze Hergang ist allerdings »ziemlich einfach«. Es wurden in die Zirkulation
geworfen: von den Pächtern zwei Milliarden Geld, zur Zahlung der Rente, und
für drei Milliarden Produkte, wovon zwei Drittel Lebensmittel und ein Drittel
Rohstoffe; von der sterilen Klasse für zwei Milliarden Manufakturwaren. Von
den Lebensmitteln im Betrag von zwei Milliarden wird die eine Hälfte von
den Grundeigentümern nebst Anhang verzehrt, die andre von der sterilen Klasse
in Zahlung ihrer Arbeit. Die Rohstoffe für eine Milliarde ersetzen das Betriebskapital
derselben Klasse. Von den zirkulierenden Manufakturwaren im Betrag von zwei Milliarden
fällt die eine Hälfte den Grundeigentümern zu, die andre den Pächtern,
für welche sie nur eine verwandelte Form des erster Hand aus der landwirtschaftlichen
Reproduktion gewonnenen Zinses für ihr Anlagekapital ist. Das Geld aber,
das der Pächter mit Zahlung der Rente in die Zirkulation geworfen, strömt
ihm durch den Verkauf seiner Produkte zurück, und so kann derselbe Kreislauf
im nächsten ökonomischen Jahr von neuem durchlaufen werden.

Und nun bewundre man die »wirklich kritische«, der »herkömmlichen leichtfertigen
Berichterstattung« so unendlich überlegene Darstellung des Herrn Dühring!.
Nachdem er fünfmal hintereinander in geheimnisvoller

Weise uns vorgehalten, wie bedenklich Quesnay im Tableau mit bloßen Geldwerten
operiere, was sich noch dazu als falsch erwies, kommt er endlich zu dem Resultat,
daß, sobald er danach fragt,

»was denn aus dem als Rente angeeigneten Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen
Kreislauf werde«, sei »für das ökonomische Tableau nur eine bis zum
Mystizismus steigende Verworrenheit und Willkür möglich«.

Wir haben gesehn, daß das Tableau, diese ebenso einfache wie für
ihre Zeit geniale Darstellung des jährlichen Reproduktionsprozesses, wie
er durch die Zirkulation vermittelt wird, sehr genau darauf antwortet, was aus
diesem Nettoprodukt im volkswirtschaftlichen Kreislauf wird, und somit verbleibt
der »Mystizismus« und die »Verworrenheit und Willkür« wiederum einzig und
allein dem Herrn Dühring als »bedenklichste Seite« und einziges »Nettoprodukt«
seiner physiokratischen Studien.

Ganz ebenso vertraut wie mit der Theorie der Physiokraten ist Herr Dühring
mit ihrer geschichtlichen Wirkung.

»Mit Turgot«, belehrt er uns, »war die Physiokratie in Frankreich praktisch
und theoretisch zu ihrem Ende gelangt.«

Wenn aber Mirabeau in seinen ökonomischen Anschauungen wesentlich Physiokrat,
wenn er in der konstituierenden Versammlung von 1789 erste ökonomische Autorität
war, wenn diese Versammlung in ihren ökonomischen Reformen einen großen
Teil der physiokratischen Sätze aus der Theorie in die Praxis übersetzte,
und namentlich auch das »ohne Gegenleistung« vom Grundbesitz angeeignete Nettoprodukt,
die Grundrente mit einer starken Steuer belegte, so existiert das alles nicht
für »einen« Dühring.-

Wie der lange Strich durch den Zeitraum 1691 bis 1752 alle Vorgänger Humes
aus dem Weg räumte, so ein andrer Strich den zwischen Hume und Adam Smith
liegenden Sir James Steuart. Von dessen großem Werk, das, abgesehn von seiner
historischen Wichtigkeit, das Gebiet der politischen Ökonomie nachhaltig
bereichert hat, steht in dem »Unternehmen« des Herrn Dühring keine Silbe.
Dafür aber belegt dieser den Steuart mit dem stärksten Schimpfwort,
das es in seinem Lexikon gibt, und sagt, er sei
»ein Professor«
zur Zeit
A. Smiths gewesen. Leider ist diese Verdächtigung rein erfunden. Steuart
war in der Tat ein schottischer Großgrundbesitzer, der, wegen angeblicher
Beteiligung an der Stuartschen Verschwörung aus Großbritannien verbannt,
durch seinen längern Aufenthalt und seine Reisen auf dem Kontinent sich mit
den ökonomischen Zuständen verschiedner Länder vertraut machte.

Kurzum: nach der »Kritischen Geschichte« hatten
alle frühern Ökonomen nur den Wert, entweder als »Ansätze« zu Herrn
Dührings »maßgebender« tieferer Grundlegung oder aber durch ihre Verwerflichkeit
ihr erst recht als Folie zu dienen. Jedennoch gibt es auch in der Ökonomie
einige Heroen, die nicht nur »Ansätze« zur »tiefern Grundlegung« bilden,
sondern »Sätze«, aus denen sie, wie in der Naturphilosophie vorgeschrieben,
nicht »entwickelt«, sondern gradezu »komponiert« ist: nämlich die »unvergleichlich
hervorragende Größe«
List
, die zu Nutz und Frommen deutscher
Fabrikanten die »subtilern« merkantilistischen Lehren eines Ferrier und anderer
in »gewaltigere« Worte aufgebläht hat; ferner
Carey
, der in folgendem
Satz den aufrichtigen Kern seiner Weisheit bloßlegt:

»Ricardos System ist ein System der Zwietracht ... es läuft hinaus
auf die Erzeugung der Klassenfeindschaft ... seine Schrift ist das Handbuch des
Demagogen, der die Macht anstrebt vermittelst der Landteilung, des Kriegs und
der Plünderung«;

endlich zu guter Letzt der Londoner City Confusius
Macleod
.

Danach dürften die Leute, die in der Gegenwart und zunächst absehbaren
Zukunft Geschichte der politischen Ökonomie studieren wollen, immer noch
bedeutend sicherer fahren, wenn sie sich bekannt machen mit den »wässerigen
Erzeugnissen«, »Plattheiten« und »breiten Bettelsuppen« der »gangbarsten Lehrbuchkompilationen«,
als wenn sie sich verlassen auf die »Geschichtszeichnung großen Stils« des
Herrn Dühring.

*

Was ergibt sich nun schließlich als das Resultat unsrer Analyse des Dühringschen
»eigen erzeugten Systems« der politischen Ökonomie? Nichts als die Tatsache,
daß wir mit all den großen Worten und noch gewaltigern Versprechungen
ebenso hinters Licht geführt worden sind wie in der »Philosophie«. Die Theorie
des Werts, dieser »Prüfstein der Gediegenheit ökonomischer Systeme«,
lief darauf hinaus, daß Herr Dühring unter Wert fünferlei total
verschiedne und einander schnurstracks widersprechende Dinge versteht, und also
im besten Fall selbst nicht weiß, was er will. Die mit soviel Pomp angekündigten
»Naturgesetze aller Wirtschaft« erwiesen sich als lauter weltbekannte und oft
noch nicht einmal richtig gefaßte Plattheiten der ärgsten Art. Die
einzige Erklärung ökonomischer Tatsachen, die uns das eigen erzeugte
System zu geben hat, ist, daß sie Resultate der »Gewalt« seien, eine Redensart,
womit der Philister aller Nationen sich seit Jahrtausenden über alles ihm
widerfahrne Ungemach tröstet, und

womit wir
nicht mehr wissen als vorher. Statt diese Gewalt aber nach ihrem Ursprung und
ihren Wirkungen zu untersuchen, mutet Herr Dühring uns zu, uns bei dem bloßen

Wort
»Gewalt« als letzter Endursache und endgültiger Erklärung
aller ökonomischen Erscheinungen dankbarst zu beruhigen. Gezwungen, über
die kapitalistische Ausbeutung der Arbeit weitere Aufschlüsse zu geben, stellt
er sie erst im allgemeinen dar als beruhend auf Bezollung und Preisaufschlag,
hier ganz die Proudhonsche »Vorwegnahme« (prélèvement) sich aneignend,
um dann nachher im besondern sie zu erklären vermittelst der Marxschen Theorie
von Mehrarbeit, Mehrprodukt und Mehrwert. Er bringt es also fertig, zwei total
widersprechende Anschauungsweisen glücklich zu versöhnen, indem er sie
beide in Einem Atem abschreibt. Und wie er in der Philosophie nicht grobe Worte
genug hatte für denselben Hegel den er unaufhörlich verseichtigend ausbeutet,
so dient in der »Kritischen Geschichte« die bodenloseste Verlästerung von
Marx nur zur Verdeckung der Tatsache, daß alles noch einigermaßen
Rationelle, was sich im »Cursus« über Kapital und Arbeit vorfindet, eben,
falls ein verseichtigendes Plagiat an Marx ist. Die Unwissenheit, die im »Cursus«
an den Anfang der Geschichte der Kulturvölker den »großen Grundbesitzer«
stellt und kein Wort weiß von der Gemeinschaft des Grundeigentums der Stamm-
und Dorfgemeinden, von der alle Geschichte in Wirklichkeit ausgeht - diese heutzutage
fast unbegreifliche Unwissenheit wird beinahe noch übertroffen von derjenigen,
die sich in der »Kritischen Geschichte« als »universelle Weite des geschichtlichen
Umblicks« nicht wenig auf sich selbst zugute tut und von der wir nur ein paar
abschreckende Beispiele gegeben haben. In Einem Wort: erst die kolossale »Aufwendung«
von Selbstanpreisung, von marktschreierischen Posaunenstößen, von einander
übergipfelnden Verheißungen; und dann der »Erfolg« - gleich Null.

Fußnoten von Friedrich Engels

(1)
Im preußischen Generalstab weiß
man dies auch schon ganz gut. »Die Grundlage des Kriegswesens ist in erster Reihe
die wirtschaftliche Lebensgestaltung der Völker überhaupt«, sagt Herr
Max Jähns, Hauptmann im Generalstab, in einem wissenschaftlichen Vortrag
(»Köln. Ztg.«, 20. April 1876, drittes Blatt).

(2)
Die Vervollkommnung des letzten Erzeugnisses
der großen Industrie für den Seekrieg, des sich selbst fortbewegenden
Torpedos, scheint dies verwirklichen zu sollen; das kleinste Torpedoboot wäre
damit dem gewaltigsten Panzerschiff überlegen. (Man erinnere sich übrigens,
daß obiges 1878 geschrieben wurde.)

(3)
Und auch dies nicht einmal. Rodbertus sagt
(»Sociale Briefe«, 2. Brief, S. 59): »Rente ist nach dieser« (seiner) »Theorie
alles Einkommen, was ohne eigne Arbeit, lediglich
auf Grund eines Besitzes

bezogen wird.«

Textvarianten

{1}
Bei Engels: nötigen - korrigiert nach
Karl Marx »Das Kapital«

{2}
Bei Marx in der zweiten Ausgabe in griechischen
Buchstaben

{3}
An Stelle der folgenden sechs Absätze
enthielt das Manuskript ursprünglich eine ausführlichere Variante, die
jedoch von Engels aus dem Manuskript herausgenommen, mit der Überschrift
»Taktik der Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet. 1700-1870« versehen
und als besonderer Aufsatz aufbewahrt wurde (siehe Friedrich Engels: »Taktik der
Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet. 1700 bis 1870«, in: Karl Marx/Friedrich
Engels: Werke,
Bd. 20, S. 597-603
)

{4}
Umgeändert aus »Warenproduktion« auf Grund
des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte der
Nationalökonomie'«

{5}
Offenbar müßten hier die Worte »sinken«
und »steigen« wechselseitig umgestellt werden; siehe dazu Karl Marx: »Kritik der
politischen Ökonomie«, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
13, S. 135-140
, wo Humes Geldtheorie dargestellt ist.

{6}
Die Worte »wie gesagt« nehmen Bezug auf die
Textstelle, die mit »Warum aber wird Hume ...« beginnt und mit »... hartnäckig
totschweigt« endet (siehe
S. 226/227
). Dieser Text stand in
der 1. und 2. Auflage hinter »- David Hume« (siehe
S. 221
).
Die beiden Worte wurden von Engels stehengelassen, als er für die 3. Auflage
den Text anders ordnete.

{7}
Hier sowie auf S. 232 umgeändert aus »Gesamtrente«
auf Grund des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte
der Nationalökonomie'«

{8}
Umgeändert aus »Grundeigentum« auf Grund
des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte der
Nationalökonomie'«

{9}
Umgeändert aus »Berechnung« auf Grund
des Marxschen Manuskripts »Randnoten zu Dührings 'Kritischer Geschichte der
Nationalökonomie'«

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 6]

vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED. Band 20. Berlin/DDR.
1962. »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«,
S. 239-303.

Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft

## Dritter Abschnitt. Sozialismus

Geschichtliches

Theoretisches

Produktion

Verteilung

Staat, Familie, Erziehung

## I. Geschichtliches

Wir sahen in der Einleitung, wie die französischen
Philosophen des 18. Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Vernunft
appellierten, als einzige Richterin über alles, was bestand. Ein vernünftiger
Staat, eine vernünftige Gesellschaft sollten hergestellt, alles, was der
ewigen Vernunft widersprach, sollte ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir
sahen ebenfalls, daß diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts andres
war, als der idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich fortentwickelnden
Mittelbürgers. Als nun die französische Revolution diese Vernunftgesellschaft
und diesen Vernunftstaat verwirklicht hatte, stellten sich daher die neuen Einrichtungen,
so rationell sie auch waren gegenüber den frühern Zuständen, keineswegs
als absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war vollständig in
die Brüche gegangen. Der Rousseausche Gesellschaftsvertrag hatte seine Verwirklichung
gefunden in der Schreckenszeit, aus der das an seiner eignen politischen Befähigung
irre gewordne Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in die Korruption
des Direktoriums und schließlich unter den Schutz des napoleonischen Despotismus.
Der verheißene ewige Friede war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg.
Die Vernunftgesellschaft war nicht besser gefahren. Der Gegensatz von reich und
arm, statt sich aufzulösen im allgemeinen Wohlergehn, war verschärft
worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden zünftigen und
andern Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten;
der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend
der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die Zahl der
Verbrechen nahm zu von

Jahr zu Jahr. Waren die
früher am hellen Tage sich ungescheut ergehenden feudalen Laster zwar nicht
vernichtet, so doch vorläufig in den Hintergrund gedrängt, so schossen
dafür die, bisher nur in der Stille gehegten, bürgerlichen Laster um
so üppiger in die Blüte. Der Handel entwickelte sich mehr und mehr zur
Prellerei. Die »Brüderlichkeit« der revolutionären Devise verwirklichte
sich in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle der gewaltsamen
Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten
gesellschaftlichen Machthebels, das Geld. Das Recht der ersten Nacht ging über
von den Feudalherren auf die bürgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete
sich aus in bisher unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb, nach wie vor,
gesetzlich anerkannte Form, offizieller Deckmantel der Prostitution, und ergänzte
sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum, verglichen mit den prunkhaften
Verheißungen der Aufklärer, erwiesen sich die durch den »Sieg der Vernunft«
hergestellten gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen als bitter enttäuschende
Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die diese Enttäuschung konstatierten,
und diese kamen mit der Wende des Jahrhunderts. 1802 erschienen Saint-Simons Genfer
Briefe; 1808 erschien Fouriers erstes Werk, obwohl die Grundlage seiner Theorie
schon von 1799 datierte; am ersten Januar 1800 übernahm Robert Owen die Leitung
von New Lanark.

Um diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise und mit ihr der
Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat noch sehr unentwickelt. Die große
Industrie, in England eben erst entstanden, war in Frankreich noch unbekannt.
Aber erst die große Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine
Umwälzung der Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte
nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen
Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits
in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte
zu lösen. Waren also um 1800 die der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden
Konflikte erst im Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln
ihrer Lösung. Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der Schreckenszeit
einen Augenblick die Herrschaft erobern können, so hatten sie damit nur bewiesen,
wie unmöglich diese Herrschaft unter den damaligen Verhältnissen war.
Das sich aus diesen besitzlosen Massen eben erst als Stamm einer neuen Klasse
absondernde Proletariat, noch ganz unfähig zu selbständiger politischer
Aktion, stellte sich dar als unterdrückter, leidender Stand, dem in seiner
Unfähigkeit, sich selbst zu helfen, höchstens von außen her, von
oben herab Hilfe zu bringen war.

Diese geschichtliche Lage beherrschte auch
die Stifter des Sozialismus. Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion,
der unreifen Klassenlage entsprachen unreife Theorien. Die Lösung der gesellschaftlichen
Aufgaben, die in den unentwickelten ökonomischen Verhältnissen noch
verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mißstände;
sie zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum,
ein neues vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden und
dies der Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch
das Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme
waren von vornherein zur Utopie verdammt, je weiter sie in ihren Einzelheiten
ausgearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine Phantasterei verlaufen.

Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, jetzt ganz der Vergangenheit
angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf. Wir können es literarischen
Kleinkrämern à la Dühring überlassen, an diesen, heute nur
noch erheiternden Phantastereien feierlich herumzuklauben und die Überlegenheit
ihrer eignen nüchternen Denkungsart geltend zu machen gegenüber solchem
»Wahnwitz«. Wir freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die
unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen, und für die
jene Philister blind sind.

Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf, daß

»alle Menschen arbeiten sollen«.

In derselben Schrift weiß er schon, daß die Schreckensherrschaft
die Herrschaft der besitzlosen Massen war.

»Seht an«, ruft er ihnen zu, »was sich in Frankreich ereignet hat zu der Zeit,
als eure Kameraden dort geherrscht; sie haben die Hungersnot erzeugt.«

Die französische Revolution aber als einen Klassenkampf zwischen Adel,
Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahr 1802 eine höchst
geniale Entdeckung. 1816 erklärt er die Politik für die Wissenschaft
der Produktion und sagt voraus das gänzliche Aufgehn der Politik in der Ökonomie.
Wenn hierin die Erkenntnis, daß die ökonomische Lage die Basis der
politischen Einrichtungen ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die Überführung
der politischen Regierung über Menschen in eine Verwaltung von Dingen und
eine Leitung von Produktionsprozessen, also die neuerdings mit so viel Lärm
breitgetretne Abschaffung des Staats hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher
Überlegenheit über seine Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar
nach dem Einzug der Verbündeten in Paris, und noch 1815, während des
Kriegs der Hundert Tage, die Allianz

Frankreichs
mit England und in zweiter Linie beider Länder mit Deutschland als einzige
Gewähr für die gedeihliche Entwicklung und den Frieden Europas. Allianz
den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte
allerdings etwas mehr Mut, als den deutschen Professoren einen Klatschkrieg zu
erklären.

Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken, vermöge
deren fast alle nicht streng ökonomischen Gedanken der spätern Sozialisten
bei ihm im Keim enthalten sind, so finden wir bei Fourier eine echt französisch-geistreiche,
aber darum nicht minder tief eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszustände.
Fourier nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Propheten von vor, und ihre interessierten
Lobhudler von nach der Revolution beim Worte. Er deckt die materielle und moralische
Misere der bürgerlichen Welt unbarmherzig auf, er hält daneben sowohl
die gleißenden Versprechungen der Aufklärer von der Gesellschaft, in
der nur die Vernunft herrschen werde, von der alles beglückenden Zivilisation,
von der grenzenlosen menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, wie auch die
schönfärbenden Redensarten der gleichzeitigen Bourgeoisideologen; er
weist nach, wie der hochtönendsten Phrase überall die erbärmlichste
Wirklichkeit entspricht, und überschüttet dies rettungslose Fiasko der
Phrase mit beißendem Spott. Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitere
Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker
aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution emporblühende Schwindelspekulation
ebenso wie die allgemeine Krämerhaftigkeit des damaligen französischen
Handels schildert er ebenso meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter
ist seine Kritik der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse
und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht
es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der weiblichen
Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation ist. Am
großartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte
der Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen:
Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten
bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, und weist nach

»daß die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf
eine einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen,
heuchlerischen Daseinsweise erhebt«,

daß die Zivilisation sich in einem »fehlerhaften Kreislauf« bewegt, in
Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu können,

so daß sie stets das Gegenteil erreicht
von dem, was sie erlangen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So daß z.B.

»in der Zivilisation
die Armut aus dem Überfluß selbst entspringt
«.

Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft
wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenüber
dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß
jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast
hat, und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit
an. Wie Kant den künftigen Untergang der Erde in die Naturwissenschaft, führt
Fourier den künftigen Untergang der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung
ein. -

Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte, ging
in England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige Umwälzung vor
sich. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie verwandelten die Manufaktur in
die moderne große Industrie und revolutionierten damit die ganze Grundlage
der bürgerlichen Gesellschaft. Der schläfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit
verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der Produktion. Mit stets
wachsender Schnelligkeit vollzog sich die Scheidung der Gesellschaft in große
Kapitalisten und besitzlose Proletarier, zwischen denen, statt des frühern
stabilen Mittelstandes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und Kleinhändlern
eine schwankende Existenz führte, der fluktuierendste Teil der Bevölkerung.
Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch
war sie die normale, die unter den Umständen einzig mögliche Produktionsweise.
Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale Mißstände: Zusammendrängung
einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer
Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen
Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders der Weiber und Kinder in
schreckenerregendem Maß - massenhafte Demoralisation der plötzlich
in ganz neue Verhältnisse geworfnen arbeitenden Klasse. Da trat ein neunundzwanzigjähriger
Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erhabenheit kindlicher Einfachheit
des Charakters und zugleich ein geborner Lenker von Menschen wie wenige. Robert
Owen hatte sich die Lehre der materialistischen Aufklärer angeeignet, daß
der Charakter des Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen Organisation
und andrerseits der den Menschen während seiner Lebenszeit, besonders aber
während der Entwicklungsperiode umgebenden Umstände. In der industriellen
Revolution sahen die meisten

seiner Standesgenossen
nur Verwirrung und Chaos, gut, um im trüben zu fischen und sich rasch zu
bereichern. Er sah in ihr die Gelegenheit, seinen Lieblingssatz zur Anwendung
und damit Ordnung in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester als
Dirigent über fünfhundert Arbeiter einer Fabrik erfolgreich versucht;
von 1800 bis 1829 leitete er die große Baumwollspinnerei von New Lanark
in Schottland als dirigierender Associé in demselben Sinn, nur mit größerer
Freiheit des Handelns, und mit einem Erfolg, der ihm europäischen Ruf eintrug.
Eine allmählich auf 2.500 Köpfe anwachsende, ursprünglich aus den
gemischtesten und größtenteils stark demoralisierten Elementen sich
zusammensetzende Bevölkerung wandelte er um in eine vollständige Musterkolonie,
in der Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohltätigkeitsbedürfnis
unbekannte Dinge waren. Und zwar einfach dadurch, daß er die Leute in menschenwürdigere
Umstände versetzte und namentlich die heranwachsende Generation sorgfältig
erziehen ließ. Er war der Erfinder der Kleinkinderschulen und führte
sie hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahre an kamen die Kinder in die Schule,
wo sie sich so gut unterhielten, daß sie kaum wieder heimzubringen waren.
Während seine Konkurrenten dreizehn bis vierzehn Stunden täglich arbeiteten,
wurde in New Lanark nur zehneinhalb Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollenkrisis
zu viermonatigem Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der volle Lohn
fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen Wert mehr als verdoppelt
und bis zuletzt den Eigentümern reichlichen Gewinn abgeworfen.

Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen Arbeitern
geschaffen, war in seinen Augen noch lange keine menschenwürdige;

»die Leute waren meine Sklaven«:

die relativ günstigen Umstände, in die er sie versetzt, waren noch
weit entfernt davon, eine allseitige und rationelle Entwicklung des Charakters
und des Verstandes, geschweige eine freie Lebenstätigkeit zu gestatten.

»Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2.500 Menschen ebensoviel
wirklichen Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert
vorher eine Bevölkerung von 600.000 erzeugen konnte. Ich frug mich: was wird
aus der Differenz zwischen dem von 2.500 Personen verzehrten Reichtum und demjenigen,
den die 600.000 hätten verzehren müssen?«

Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern des Etablissements
fünf Prozent Zinsen vom Anlagekapital und außerdem noch mehr als 300.000
Pfd. Sterling (6.000.000 Mark) Gewinn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt
in noch höherm Maß von allen Fabriken Englands.

»Ohne diesen
neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum hätten die Kriege zum Sturz
Napoleons und zur Aufrechterhaltung der aristokratischen Gesellschaftsprinzipien
nicht durchgeführt werden können. Und doch war diese neue Macht die
Schöpfung der arbeitenden Klasse.«

Ihr gehörten daher auch die Früchte. Die neuen, gewaltigen Produktivkräfte,
bisher nur der Bereicherung einzelner und der Knechtung der Massen dienend, boten
für Owen die Grundlage zu einer gesellschaftlichen Neubildung, und waren
dazu bestimmt, als gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt
aller zu arbeiten.

Auf solche rein geschäftsmäßige Weise, als Frucht sozusagen
der kaufmännischen Berechnung entstand der Owensche Kommunismus. Denselben
auf das Praktische gerichteten Charakter behält er durchweg. So schlug Owen
1823 Hebung des irischen Elends durch kommunistische Kolonien vor und legte vollständige
Berechnungen über Anlagekosten, jährliche Auslagen und voraussichtliche
Erträge bei. So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische Ausarbeitung
der Einzelheiten mit solcher Sachkenntnis durchgeführt, daß, die Owensche
Methode der Gesellschaftsreform einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung
selbst vom fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt.

Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Leben. Solange
er als bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts geerntet als Reichtum,
Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der populärste Mann in Europa. Nicht nur seine
Standesgenossen, auch Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig
zu. Als er aber mit seinen kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das
Blatt. Drei große Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg zur gesellschaftlichen
Reform zu versperren schienen: das Privateigentum, die Religion und die gegenwärtige
Form der Ehe. Er wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine
Ächtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner ganzen sozialen
Stellung. Aber er ließ sich nicht abhalten, sie rücksichtslos anzugreifen,
und es geschah, wie er vorhergesehn. Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft,
totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch fehlgeschlagne kommunistische Versuche
in Amerika, in denen er sein ganzes Vermögen geopfert, wandte er sich direkt
an die Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch dreißig Jahre tätig.
Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England
im Interesse der Arbeiter zustande gekommen, knüpfen sich an den Namen Owen.
So setzte er 1819 nach fünfjähriger Anstrengung das erste Gesetz zur
Beschränkung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. So präsidierte
er dem ersten Kongreß,

auf dem die Trade-Unions
von ganz England sich in eine einzige große Gewerksgenossenschaft vereinigten.
So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen
Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum-
und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis
geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche
Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten
vermittelst eines Arbeitspapiergeldes, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete;
Anstalten, die notwendig scheitern mußten, die aber die weit spätere
Proudhonsche Tauschbank vollständig antizipierten und sich nur dadurch von
ihr unterschieden, daß sie nicht das Universalheilmittel aller gesellschaftlichen
Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit radikaleren Umgestaltung
der Gesellschaft darstellten. Das sind die Männer, auf die der souveräne
Herr Dühring von der Höhe seiner »endgültigen Wahrheit letzter
Instanz« mit der Verachtung herabsieht, von der wir in der Einleitung einige Beispiele
gegeben haben. Und diese Verachtung ist nach Einer Seite hin nicht ohne ihren
zureichenden Grund: sie beruht nämlich wesentlich auf einer wahrhaft erschreckenden
Unwissenheit in Beziehung auf die Schriften der drei Utopisten. So heißt
es von Saint-Simon, daß

»sein Grundgedanke im wesentlichen zutreffend gewesen ist und, von einigen
Einseitigkeiten abgesehn, noch heute den leitenden Antrieb zu wirklichen Gestaltungen
liefert«.

Trotzdem aber Herr Dühring in der Tat einige der Saint-Simonschen Werke
in der Hand gehabt zu haben scheint, sehn wir uns auf den betreffenden siebenundzwanzig
Druckseiten ebenso vergeblich nach dem »Grundgedanken« Saint-Simons um, wie früher
nach dem, was Quesnays ökonomisches Tableau »bei Quesnay selbst zu bedeuten
hat«, und müssen uns schließlich abspeisen lassen mit der Phrase,

»daß die Imagination und der philanthropische Affekt ... mit der ihm
zugehörigen Überspannung der Phantasie den gesamten Ideenkreis Saint-Simons
beherrschte«!

Von Fourier kennt und beachtet er nur die in romanhaftes Detail ausgemalten
Zukunftsphantasien, was allerdings zur Feststellung der unendlichen Überlegenheit
des Herrn Dühring über Fourier »weit wichtiger ist« als zu untersuchen,
wie dieser »die wirklichen Zustände
gelegentlich zu
kritisieren versucht«.
Gelegentlich! Nämlich fast auf jeder Seite seiner Werke sprühen die
Funken der Satire und der Kritik über die Miseren der vielgepriesenen Zivilisation.
Es ist, als wollte man sagen, Herr Dühring erkläre

nur »gelegentlich« den Herrn Dühring für den größten Denker
aller Zeiten. Was aber gar die zwölf, Robert Owen gewidmeten Seiten angeht,
so hat Herr Dühring dafür absolut keine andre Quelle als die miserable
Biographie des Philisters Sargant, der die wichtigsten Schriften Owens - über
die Ehe und die kommunistische Einrichtung - ebenfalls nicht kannte. Herr Dühring
kann sich daher kühnlich zu der Behauptung versteigen, man dürfe bei
Owen »keinen entschiednen Kommunismus voraussetzen«. Allerdings, hätte Herr
Dühring Owens »Book of the New Moral World« auch nur in der Hand gehabt,
so hätte er darin nicht nur den allerentschiedensten Kommunismus, mit gleicher
Arbeitspflicht und gleichem Anrecht am Produkt - gleich je nach dem Alter, wie
Owen stets ergänzt - ausgesprochen gefunden, sondern auch die vollständige
Ausarbeitung des Gebäudes für die kommunistische Gemeinde der Zukunft,
mit Grundriß, Aufriß und Ansicht aus der Vogelperspektive. Wenn man
aber das »unmittelbare Studium der eignen Schriften der Vertreter der sozialistischen
Ideenkreise« auf die Kenntnis des Titels und höchstens noch - des
Mottos

einiger weniger dieser Schriften beschränkt, wie Herr Dühring hier,
so bleibt allerdings nichts übrig als solche alberne und direkt erfundne
Behauptung. Nicht nur gepredigt hat Owen den »entschiednen Kommunismus«, er hat
ihn auch während fünf Jahren (Ende der dreißiger und anfangs der
vierziger) praktiziert in der Kolonie von Harmony Hall in Hampshire, deren Kommunismus
an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrigließ. Ich habe selbst
mehrere ehemalige Mitglieder dieses kommunistischen Musterexperiments gekannt.
Aber von alledem, wie überhaupt von Owens Tätigkeit zwischen 1836 und
1850 weiß Sargant absolut nichts, und daher verbleibt auch die »tiefere
Geschichtschreibung« des Herrn Dühring in pechdunkler Ignoranz. Herr Dühring
nennt Owen »in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum philanthropischer Aufdringlichkeit«.
Wenn aber derselbe Herr Dühring uns über den Inhalt von Büchern
unterrichtet, von denen er kaum Titel und Motto kennt, so dürfen wir beileibe
nicht sagen, er sei »in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum von unwissender Aufdringlichkeit«,
denn das wäre in
unserm
Munde ja »geschimpft«.

Die Utopisten, sahen wir, waren Utopisten, weil sie nichts andres sein konnten
zu einer Zeit, wo die kapitalistische Produktion noch so wenig entwickelt war.
Sie waren genötigt, sich die Elemente einer neuen Gesellschaft aus dem Kopfe
zu konstruieren, weil diese Elemente in der alten Gesellschaft selbst noch nicht
allgemein sichtbar hervortraten; sie waren beschränkt für die Grundzüge
ihres Neubaus auf den Appell an die Vernunft, weil sie eben noch nicht an die
gleichzeitige Geschichte appellieren konnten.

Wenn aber jetzt, fast achtzig Jahre nach ihrem Auftreten, Herr Dühring auf
die Bühne tritt mit dem Anspruch, ein »maßgebendes« System einer neuen
Gesellschaftsordnung nicht aus dem vorliegenden geschichtlich entwickelten Material
als dessen notwendiges Ergebnis zu entwickeln, nein, aus seinem souveränen
Kopf, aus seiner mit endgültigen Wahrheiten schwangern Vernunft zu konstruieren,
so ist er, der überall Epigonen riecht, selbst nur der Epigone der Utopisten,
der neueste Utopist. Er nennt die großen Utopisten »soziale Alchimisten«.
Mag sein. Die Alchimie war ihrerzeit notwendig. Aber seit jener Zeit hat die große
Industrie die Widersprüche, die in der kapitalistischen Produktionsweise
schlummerten, zu so schreienden Gegensätzen entwickelt, daß der herannahende
Zusammenbruch dieser Produktionsweise sozusagen mit Händen zu greifen ist;
daß die neuen Produktivkräfte selbst nur erhalten und weiter ausgebildet
werden können durch Einführung einer neuen, ihrem gegenwärtigen
Entwicklungsgrad entsprechenden Produktionsweise; daß der Kampf der beiden,
durch die bisherige Produktionsweise erzeugten und stets in verschärftem
Gegensatz reproduzierten Klassen alle zivilisierten Länder ergriffen hat
und täglich heftiger wird, und daß die Einsicht in diesen geschichtlichen
Zusammenhang, in die Bedingungen der durch ihn notwendig gemachten sozialen Umgestaltung
und in die ebenfalls durch ihn bedingten Grundzüge dieser Umgestaltung auch
bereits gewonnen ist. Und wenn jetzt Herr Dühring, statt aus dem vorliegenden
ökonomischen Material, aus seinem allerhöchsten Hirnschädel heraus
eine neue utopische Gesellschaftsordnung fabriziert, so treibt er nicht nur einfache
»soziale Alchimie«. Er benimmt sich vielmehr wie jemand, der nach der Entdeckung
und Feststellung der Gesetze der modernen Chemie die alte Alchimie wiederherstellen
und die Atomgewichte, die Molekularformeln, die Quantivalenz der Atome, die Kristallographie
und die Spektralanalyse benutzen wollte einzig zur Entdeckung -
des Steins
der Weisen
.

## II. Theoretisches

Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß
die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die
Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden
Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in
Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie
das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die

letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen
zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht
in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions-
und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der
Philosophie
, sondern
in der
Ökonomie
der betreffenden Epoche. Die erwachende Einsicht,
daß die bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und
ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist nur ein
Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und Austauschformen in aller
Stille Veränderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere
ökonomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr
stimmt. Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten
Mißstände ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen
selbst - mehr oder minder entwickelt - vorhanden sein müssen. Diese Mittel
sind nicht etwa aus dem Kopf zu
erfinden
, sondern vermittelst des Kopfes
in den vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu
entdecken
.

Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?

Die bestehende Gesellschaftsordnung - das ist nun so ziemlich allgemein zugegeben
- ist geschaffen worden von der jetzt herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Die
der Bourgeoisie eigentümliche Produktionsweise, seit Marx mit dem Namen kapitalistische
Produktionsweise bezeichnet, war unverträglich mit den lokalen und ständischen
Privilegien wie mit den gegenseitigen persönlichen Banden der feudalen Ordnung;
die Bourgeoisie zerschlug die feudale Ordnung und stellte auf ihren Trümmern
die bürgerliche Gesellschaftsverfassung her, das Reich der freien Konkurrenz,
der Freizügigkeit, der Gleichberechtigung der Warenbesitzer und wie die bürgerlichen
Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische Produktionsweise konnte
sich jetzt frei entfalten. Die unter der Leitung der Bourgeoisie herausgearbeiteten
Produktivkräfte entwickelten sich, seit der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
die alte Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bisher unerhörter
Schnelligkeit und in bisher unerhörtem Maßstab. Aber wie ihrerzeit
die Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung weiterentwickelte Handwerk mit den
feudalen Fesseln der Zünfte in Konflikt kam, so kommt die große Industrie
in ihrer volleren Ausbildung in Konflikt mit den Schranken, in denen die kapitalistische
Produktionsweise sie eingeengt hält. Die neuen Produktivkräfte
{1}

sind der bürgerlichen Form ihrer

Ausnutzung
bereits über den Kopf gewachsen; und dieser Konflikt zwischen Produktivkräften
und Produktionsweise ist nicht ein in den Köpfen der Menschen entstandner
Konflikt, wie etwa der der menschlichen Erbsünde mit der göttlichen
Gerechtigkeit, sondern er besteht in den Tatsachen, objektiv, außer uns,
unabhängig vom Wollen oder Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeigeführt.
Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex dieses tatsächlichen
Konflikts, seine ideelle Rückspiegelung in den Köpfen zunächst
der Klasse, die direkt unter ihm leidet, der Arbeiterklasse.

Worin besteht nun dieser Konflikt?

Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand allgemeiner
Kleinbetrieb auf Grundlage des Privateigentums der Arbeiter an ihren Produktionsmitteln:
der Ackerbau der kleinen, freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der Städte.
Die Arbeitsmittel - Land, Ackergerät, Werkstatt, Handwerkszeug - waren Arbeitsmittel
des einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet, also notwendig kleinlich,
zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehörten eben deshalb auch in der Regel
dem Produzenten selbst. Diese zersplitterten, engen Produktionsmittel zu konzentrieren,
auszuweiten, sie in die mächtig wirkenden Produktionshebel der Gegenwart
umzuwandeln, war grade die historische Rolle der kapitalistischen Produktionsweise
und ihrer Trägerin, der Bourgeoisie. Wie sie dies seit dem 15. Jahrhundert
auf den drei Stufen der einfachen Kooperation, der Manufaktur und der großen
Industrie geschichtlich durchgeführt, hat Marx im vierten Abschnitt des »Kapital«
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 331-530
| ausführlich geschildert.
Aber die Bourgeoisie, wie dort ebenfalls nachgewiesen ist, konnte jene beschränkten
Produktionsmittel nicht in gewaltige Produktivkräfte verwandeln, ohne sie
aus Produktionsmitteln des einzelnen in
gesellschaftliche
, nur von einer

Gesamtheit von Menschen
anwendbare Produktionsmittel zu verwandeln. An
die Stelle des Spinnrads, des Handwebstuhls, des Schmiedehammers trat die Spinnmaschine,
der mechanische Webstuhl, der Dampfhammer; an die Stelle der Einzelwerkstatt,
die das Zusammenwirken von Hunderten und Tausenden gebietende Fabrik. Und wie
die Produktionsmittel, so verwandelte sich die Produktion selbst aus einer Reihe
von Einzelhandlungen in eine Reihe gesellschaftlicher Akte und die Produkte aus
Produkten einzelner in gesellschaftliche Produkte. Das Garn, das Gewebe, die Metallwaren,
die jetzt aus der Fabrik kamen, waren das gemeinsame Produkt vieler Arbeiter,
durch deren Hände sie der Reihe nach gehn mußten, ehe sie fertig wurden.

Kein einzelner kann von ihnen sagen: Das habe
ich gemacht, das ist
mein
Produkt.

Wo aber die naturwüchsige Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft
Grundform der Produktion ist, da drückt sie den Produkten die Form von Waren
auf, deren gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf die einzelnen Produzenten
in den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies
war im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerprodukte an den Handwerker
und kaufte dafür von diesem Handwerkserzeugnisse. In diese Gesellschaft von
Einzelproduzenten, Warenproduzenten, schob sich nun die neue Produktionsweise
ein. Mitten in die naturwüchsige planlose Teilung der Arbeit, wie sie in
der ganzen Gesellschaft herrschte, stellte sie die planmäßige Teilung
der Arbeit, wie sie in der einzelnen Fabrik organisiert war; neben die Einzelproduktion
trat die
gesellschaftliche
Produktion. Die Produkte beider wurden auf demselben
Markt verkauft, also zu wenigstens annähernd gleichen Preisen. Aber die planmäßige
Organisation war mächtiger als die naturwüchsige Arbeitsteilung; die
gesellschaftlich arbeitenden Fabriken stellten ihre Erzeugnisse wohlfeiler her
als die vereinzelten Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion erlag auf einem Gebiete
nach dem andern, die gesellschaftliche Produktion revolutionierte die ganze alte
Produktionsweise. Aber dieser ihr revolutionärer Charakter wurde so wenig
erkannt, daß sie im Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung
und Förderung der Warenproduktion. Sie entstand in direkter Anknüpfung
an bestimmte, bereits vorgefundne Hebel der Warenproduktion und des Warenaustausches:
Kaufmannskapital, Handwerk, Lohnarbeit. Indem sie selbst auftrat als eine neue
Form der Warenproduktion, blieben die Aneignungsformen der Warenproduktion auch
für sie in voller Geltung.

In der Warenproduktion, wie sie sich im Mittelalter entwickelt hatte, konnte
die Frage gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der Arbeit gehören solle.
Der einzelne Produzent hatte es, in der Regel aus ihm gehörenden, oft selbst
erzeugtem Rohstoff, mit eignen Arbeitsmitteln und mit eigner Handarbeit oder der
seiner Familie hergestellt. Es brauchte gar nicht erst von ihm angeeignet zu werden,
es gehörte ihm ganz von selbst. Das Eigentum der Produkte beruhte also
auf
eigner Arbeit
. Selbst wo fremde Hülfe gebraucht ward, blieb diese in
der Regel Nebensache und erhielt häufig außer dem Lohn noch andre Vergütung:
der zünftige Lehrling und Geselle arbeiteten weniger wegen der Kost und des
Lohns, als wegen ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft. Da kam die Konzentration
der Produktionsmittel in großen Werkstätten und Manufakturen, ihre
Verwandlung in tatsächlich gesellschaftliche
Produktionsmittel. Aber die gesellschaftlichen Produktionsmittel und Produkte
wurden behandelt, als wären sie nach wie vor die Produktionsmittel und Produkte
einzelner. Hatte bisher der Besitzer der Arbeitsmittel sich das Produkt angeeignet,
weil es in der Regel sein eignes Produkt und fremde Hülfsarbeit die Ausnahme
war, so fuhr jetzt der Besitzer der Arbeitsmittel fort, sich das Produkt anzueignen,
obwohl es nicht mehr
sein
Produkt war, sondern ausschließlich Produkt

fremder Arbeit
. So wurden also die nunmehr gesellschaftlich erzeugten Produkte
angeeignet nicht von denen, die die Produktionsmittel wirklich in Bewegung gesetzt
und die Produkte wirklich erzeugt hatten, sondern vom
Kapitalisten
. Produktionsmittel
und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich geworden. Aber sie werden unterworfen
einer Aneignungsform, die die Privatproduktion einzelner zur Voraussetzung hat,
wobei also jeder sein eignes Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Produktionsweise
wird dieser Aneignungsform unterworfen, obwohl sie deren Voraussetzung aufhebt.
(1)

In diesem Widerspruch, der der neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter
verleiht,
liegt die ganze Kollision der Gegenwart bereits im Keim
. Je mehr
die neue Produktionsweise auf allen entscheidenden Produktionsfeldern und in allen
ökonomisch entscheidenden Ländern zur Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion
bis auf unbedeutende Reste verdrängte,
desto greller mußte auch
an den Tag treten die Unverträglichkeit von gesellschaftlicher Produktion
und kapitalistischer Aneignung
.

Die ersten Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der Lohnarbeit bereits
vor. Aber Lohnarbeit als Ausnahme, als Nebenbeschäftigung, als Aushülfe,
als Durchgangspunkt. Der Landarbeiter, der zeitweise taglöhnern ging, hatte
seine paar Morgen eignes Land, von denen allein er zur Not leben konnte. Die Zunftordnungen
sorgten dafür, daß der Geselle von heute in den Meister von morgen
überging. Sobald aber die Produktionsmittel in gesellschaftliche verwandelt
und in den Händen von Kapitalisten konzentriert wurden, änderte sich
dies. Das Produktionsmittel wie das Produkt des

kleinen Einzelproduzenten wurden mehr und mehr wertlos; es blieb ihm nichts übrig,
als zum Kapitalisten auf Lohn zu gehen. Die Lohnarbeit, früher Ausnahme und
Aushülfe, wurde Regel und Grundform der ganzen Produktion; früher Nebenbeschäftigung,
wurde sie jetzt ausschließliche Tätigkeit des Arbeiters. Der zeitweilige
Lohnarbeiter verwandelte sich in den lebenslänglichen. Die Menge der lebenslänglichen
Lohnarbeiter wurde zudem kolossal vermehrt durch den gleichzeitigen Zusammenbruch
der feudalen Ordnung. Auflösung der Gefolgschaften der Feudalherren, Vertreibung
von Bauern aus ihren Hof stellen etc. Die Scheidung war vollzogen zwischen den
in den Händen der Kapitalisten konzentrierten Produktionsmitteln hier und
den auf den Besitz von nichts als ihrer Arbeitskraft reduzierten Produzenten dort.

Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer
Aneignung tritt an den Tag als Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.

Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob in
eine Gesellschaft von Warenproduzenten, Einzelproduzenten, deren gesellschaftlicher
Zusammenhang vermittelt wurde durch den Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf
Warenproduktion beruhende Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in
ihr die Produzenten die Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen
verloren haben. Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen Produktionsmitteln
und für sein individuelles Austauschbedürfnis. Keiner weiß, wieviel
von seinem Artikel auf den Markt kommt, wieviel davon überhaupt gebraucht
wird, keiner weiß, ob sein Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf vorfindet,
ob er seine Kosten herausschlagen oder überhaupt wird verkaufen können.
Es herrscht Anarchie der gesellschaftlichen Produktion. Aber die Warenproduktion,
wie jede andre Produktionsform, hat ihre eigentümlichen, inhärenten,
von ihr untrennbaren Gesetze, und diese Gesetze setzen sich durch, trotz der Anarchie,
in ihr, durch sie. Sie kommen zum Vorschein in der einzigen fortbestehenden Form
des gesellschaftlichen Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend gegenüber
den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkurrenz. Sie sind diesen Produzenten
also anfangs selbst unbekannt und müssen erst durch lange Erfahrung nach
und nach von ihnen entdeckt werden. Sie setzen sich also durch ohne die Produzenten
und gegen die Produzenten, als blindwirkende Naturgesetze ihrer Produktionsform.
Das Produkt beherrscht die Produzenten.

In der mittelalterlichen Gesellschaft, namentlich in den ersten Jahrhunderten,
war die Produktion wesentlich auf den Selbstgebrauch gerichtet. Sie befriedigte
vorwiegend nur die Bedürfnisse des Produzenten und seiner

Familie. Wo, wie auf dem Lande, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse
bestanden, trug sie auch bei zur Befriedigung der Bedürfnisse des Feudalherrn.
Hierbei fand also kein Austausch statt, die Produkte nahmen daher auch nicht den
Charakter von Waren an. Die Familie des Bauern produzierte fast alles, was sie
brauchte, Geräte und Kleider nicht minder als Lebensmittel. Erst als sie
dahin kam, einen Überschuß über ihren eignen Bedarf und über
die dem Feudalherrn geschuldeten Naturalabgaben zu produzieren, erst da produzierte
sie auch Waren; dieser Überschuß, in den gesellschaftlichen Austausch
geworfen, zum Verkauf ausgeboten, wurde Ware. Die städtischen Handwerker
mußten allerdings schon gleich anfangs für den Austausch produzieren.
Aber auch sie erarbeiteten den größten Teil ihres Eigenbedarfs selbst;
sie hatten Gärten und kleine Felder; sie schickten ihr Vieh in den Gemeindewald,
der ihnen zudem Nutzholz und Feuerung lieferte; die Frauen spannen Flachs, Wolle
usw. Die Produktion zum Zweck des Austausches, die Warenproduktion, war erst im
Entstehn. Daher beschränkter Austausch, beschränkter Markt, stabile
Produktionsweise, lokaler Abschluß nach außen, lokale Vereinigung
nach innen: die Mark auf dem Lande, die Zunft in der Stadt.

Mit der Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit dem Auftreten
der kapitalistischen Produktionsweise, traten auch die bisher schlummernden Gesetze
der Warenproduktion offener und mächtiger in Wirksamkeit. Die alten Verbände
wurden gelockert, die alten Abschließungsschranken durchbrochen, die Produzenten
mehr und mehr in unabhängige, vereinzelte Warenproduzenten verwandelt. Die
Anarchie der gesellschaftlichen Produktion trat an den Tag und wurde mehr und
mehr auf die Spitze getrieben. Das Hauptwerkzeug aber, womit die kapitalistische
Produktionsweise diese Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion steigerte,
war das grade Gegenteil der Anarchie: die steigende Organisation der Produktion
als gesellschaftlicher in jedem einzelnen Produktionsetablissement. Mit diesem
Hebel machte sie der alten friedlichen Stabilität ein Ende. Wo sie in einem
Industriezweig eingeführt wurde, litt sie keine ältere Methode des Betriebs
neben sich. Wo sie sich des Handwerks bemächtigte, vernichtete sie das alte
Handwerk. Das Arbeitsfeld wurde ein Kampfplatz. Die großen geographischen
Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierungen vervielfältigten das
Absatzgebiet und beschleunigten die Verwandlung des Handwerks in die Manufaktur.
Nicht nur brach der Kampf aus zwischen den einzelnen Lokalproduzenten; die lokalen
Kämpfe wuchsen ihrerseits an zu nationalen, den Handelskriegen des 17. und
18. Jahrhunderts. Die große Industrie endlich und die Herstellung des Weltmarkts haben den Kampf universell gemacht und
gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten
wie zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die Gunst der
natürlichen oder geschaffenen Produktionsbedingungen über die Existenz.
Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums
Einzeldasein, aus der Natur mit potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft.
Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung.
Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung
reproduziert sich als
Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in
der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft
.

In diesen beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung immanenten
Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische Produktionsweise, beschreibt sie
auswegslos jenen »fehlerhaften Kreislauf«, den schon Fourier an ihr entdeckte.
Was Fourier allerdings zu seiner Zeit noch nicht sehn konnte, ist, daß sich
dieser Kreislauf allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr eine
Spirale darstellt und ihr Ende erreichen muß, wie die der Planeten, durch
Zusammenstoß mit dem Zentrum. Es ist die treibende Kraft der gesellschaftlichen
Anarchie der Produktion, die die große Mehrzahl der Menschen mehr und mehr
in Proletarier verwandelt, und es sind wieder die Proletariermassen , die schließlich
der Produktionsanarchie ein Ende machen werden. Es ist die treibende Kraft der
sozialen Produktionsanarchie, die die unendliche Vervollkommnungsfähigkeit
der Maschinen der großen Industrie in ein Zwangsgebot verwandelt für
jeden einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie mehr und mehr zu
vervollkommnen, bei Strafe des Untergangs. Aber Vervollkommnung der Maschinerie,
das heißt Überflüssigmachung von Menschenarbeit. Wenn die Einführung
und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von Millionen von Handarbeitern
durch wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet Verbesserung der Maschinerie
Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern selbst und in letzter Instanz
Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des Kapitals
überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer vollständigen
industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 1845
(2)

nannte, disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hochdruck arbeitet,
aufs Pflaster geworfen durch den notwendig folgenden Krach, zu allen

Zeiten ein Bleigewicht an den Füßen der Arbeiterklasse in ihrem Existenzkampf
mit dem Kapital, ein Regulator zur Niederhaltung des Arbeitslohns auf dem dem
kapitalistischen Bedürfnis angemessenen niedrigen Niveau. So geht es zu,
daß die Maschinerie, um mit Marx zu reden, das machtvollste Kriegsmittel
des Kapitals gegen die Arbeiterklasse wird, daß das Arbeitsmittel dem Arbeiter
fortwährend das Lebensmittel aus der Hand schlägt, daß das eigne
Produkt des Arbeiters sich verwandelt in ein Werkzeug zur Knechtung des Arbeiters
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 23,
S. 459
und
511
|.
So kommt es, daß die Ökonomisierung der Arbeitsmittel von vornherein
zugleich rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den
normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion wird |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 486
|; daß die Maschinerie, das gewaltigste Mittel zur Verkürzung
der Arbeitszeit, umschlägt in das unfehlbarste Mittel, alle Lebenszeit des
Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung
des Kapitals zu verwandeln; so kommt es, daß die Überarbeitung der
einen die Voraussetzung wird für die Beschäftigungslosigkeit der andern
und daß die große Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten
abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschränkt
und sich damit den eignen innern Markt untergräbt. »Das Gesetz, welches die
relative Surpluspopulation oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und
Energie der Kapitalakkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter
fester an das Kapital, als den Prometheus die Keile des Hephästos an den
Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation
von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation
von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und moralischer
Degradation auf dem Gegenpol, das heißt auf Seite der Klasse, die ihr
eignes
Produkt als Kapital produziert
|Hervorhebungen von Engels|« (Marx, Kapital,
Seite 671 |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke,
Bd. 23, S. 675
|). Und von der kapitalistischen
Produktionsweise eine andre Verteilung der Produkte erwarten, hieße verlangen,
die Elektroden einer Batterie sollten das Wasser unzersetzt lassen, solange sie
mit der Batterie in Verbindung stehn, und nicht am positiven Pol Sauerstoff entwickeln
und am negativen Wasserstoff.

Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähigkeit
der modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Produktion in der Gesellschaft,
sich verwandelt in ein Zwangsgebot für den einzelnen industriellen Kapitalisten,
seine Maschinerie stets zu verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhen.
In ein ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn

die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu erweitern.
Die enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen die diejenige der
Gase ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns jetzt vor die Augen als ein qualitatives
und quantitatives Ausdehnungsbedürfnis, das jedes Gegendrucks spottet. Der
Gegendruck wird gebildet durch die Konsumtion, den Absatz, die Märkte für
die Produkte der großen Industrie. Aber die Ausdehnungsfähigkeit der
Märkte, extensive wie intensive, wird beherrscht zunächst durch ganz
andre, weit weniger energisch wirkende Gesetze. Die Ausdehnung der Märkte
kann nicht Schritt halten mit der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision wird
unvermeidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange sie nicht die
kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt, wird sie periodisch. Die kapitalistische
Produktion erzeugt einen neuen »fehlerhaften Kreislauf«.

In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach, geht die ganze
industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher
zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel
so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte
sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar,
das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehn still,
die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel
produziert haben, Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf.
Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft
vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer
oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch
allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart,
fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser
steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen
industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeplechase, um endlich
nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen - im Graben des Krachs.
Und so immer von neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt
und erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechstenmal. Und der Charakter
dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf,
als er die erste bezeichnete als: crise pléthorique, Krisis aus Überfluß.

In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion
und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Ausbruch. Der

Warenumlauf ist momentan vernichtet; das Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis,
alle Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt.
Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht:
die Produktionsweise
rebelliert gegen die Austauschweise,
die
Produktivkräfte rebellieren
gegen die Produktionsweise, der sie entwachsen sind.

Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der Produktion innerhalb
der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo sie unverträglich geworden
ist mit der neben und über ihr bestehenden Anarchie der Produktion in der
Gesellschaft - diese Tatsache wird den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht
durch die gewaltsame Konzentration der Kapitale, die sich während der Krisen
vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und noch mehr kleiner Kapitalisten.
Der gesamte Mechanismus der kapitalistischen Produktionsweise versagt unter dem
Druck der von ihr selbst erzeugten Produktivkräfte. Sie kann diese Masse
von Produktionsmitteln nicht mehr alle in Kapital verwandeln; sie liegen brach,
und ebendeshalb muß auch die industrielle Reservearmee brachliegen. Produktionsmittel,
Lebensmittel, disponible Arbeiter, alle Elemente der Produktion und des allgemeinen
Reichtums sind im Überfluß vorhanden. Aber »der Überfluß
wird Quelle der Not und des Mangels« (Fourier), weil er es grade ist, der die
Verwandlung der Produktions- und Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in der
kapitalistischen Gesellschaft können die Produktionsmittel nicht in Tätigkeit
treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital, in Mittel zur Ausbeutung
menschlicher Arbeitskraft verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit
der Kapitaleigenschaft der Produktions- und Lebensmittel zwischen ihnen und den
Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten der sachlichen und der persönlichen
Hebel der Produktion; sie allein verbietet den Produktionsmitteln zu fungieren,
den Arbeitern, zu arbeiten und zu leben. Einesteils also wird die kapitalistische
Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur fernern Verwaltung dieser Produktivkräfte
überführt. Andrerseits drängen diese Produktivkräfte selbst
mit steigender Macht nach Aufhebung des Widerspruchs, nach ihrer Erlösung
von ihrer Eigenschaft als Kapital,
nach tatsächlicher Anerkennung ihres
Charakters als gesellschaftlicher Produktivkräfte.

Es ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktivkräfte gegen
ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur Anerkennung ihrer gesellschaftlichen
Natur, der die Kapitalistenklasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies
innerhalb des Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche
Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die industrielle Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen Kreditaufblähung, wie
der Krach selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer Etablissements,
treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung größerer Massen von
Produktionsmitteln, die uns in den verschiednen Arten von Aktiengesellschaften
gegenübertritt. Manche dieser Produktions- und Verkehrsmittel sind von vornherein
so kolossal, daß sie, wie die Eisenbahnen, jede andre Form kapitalistischer
Ausbeutung ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt
auch diese Form nicht mehr: der offizielle Repräsentant der kapitalistischen
Gesellschaft, der Staat, muß ihre Leitung übernehmen.
(3)

Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst hervor bei
den großen Verkehrsanstalten: Post, Telegraphen, Eisenbahnen.

Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernern Verwaltung
der modernen Produktivkräfte aufdeckten, so zeigt die Verwandlung der großen
Produktions- und Verkehrsanstalten in Aktiengesellschaften und Staatseigentum
die Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck. Alle gesellschaftlichen
Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten versehn.
Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenuen-Einstreichen,
Kupon-Abschneiden und Spielen an der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten
untereinander sich ihr Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise
zuerst Arbeiter verdrängt, so verdrängt
sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie, ganz wie die Arbeiter, in die überflüssige
Bevölkerung, wenn auch zunächst noch nicht in die industrielle Reservearmee.

Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum,
hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften
liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation,
welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern
Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe,
sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch
seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten,
der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum
übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger
beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis
wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der
Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften ist
nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel,
die Handhabe der Lösung.

Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur
der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die
Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem
gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel. Und dies kann nur dadurch
geschehn, daß die Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von
den jeder andern Leitung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften.
Damit wird der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel und Produkte,
der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die Produktions- und Austauschweise
periodisch durchbricht und sich nur als blindwirkendes Naturgesetz gewalttätig
und zerstörend durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein
zur Geltung gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der Störung und
des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Produktion selbst.

Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Naturkräfte:
blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht
mit ihnen rechnen. Haben wir sie aber einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre
Richtungen, ihre Wirkungen begriffen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr
und mehr unserm Willen zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen.
Und ganz besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produktivkräften.
Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren Charakter zu verstehn
- und gegen dieses Verständnis sträubt sich die kapitalistische Produktionsweise und ihre Verteidiger -, solange wirken diese Kräfte
sich aus trotz uns, gegen uns, solange beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich
dargestellt haben. Aber einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den
Händen der assoziierten Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige
Diener verwandelt werden. Es ist der Unterschied zwischen der zerstörenden
Gewalt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der gebändigten
Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied der Feuersbrunst
und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers. Mit dieser Behandlung der heutigen
Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der
gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige
Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen;
damit wird die kapitalistische Aneignungsweise, in der das Produkt zuerst den
Produzenten, dann aber auch den Aneigner knechtet, ersetzt durch die in der Natur
der modernen Produktionsmittel selbst begründete Aneignungsweise der Produkte:
einerseits direkt gesellschaftliche Aneignung als Mittel zur Erhaltung und Erweiterung
der Produktion, andrerseits direkt individuelle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.

Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl
der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese
Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. Indem
sie mehr und mehr auf Verwandlung der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel
in Staatseigentum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser
Umwälzung.
Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die
Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum.
Aber damit hebt es sich
selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze
auf, und damit auch den Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegensätzen
bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, das heißt eine Organisation
der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern
Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten
Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdrückung
(Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der
offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in
einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat
derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft
vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter
des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich
Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse
mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft
und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein
auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es
nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat,
nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant
der ganzen Gesellschaft auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel
im Namen der Gesellschaft - ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als
Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse
wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft
dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die
Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird
nicht »abgeschafft«,
er stirbt ab
. Hieran ist die Phrase vom »freien Volksstaat«
zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen Berechtigung wie
nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls
die Forderung der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen
abgeschafft werden.

Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft
hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise,
einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal
vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit
werden, als die materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren.
Sie, wie jeder andre gesellschaftliche Fortschritt, wird ausführbar nicht
durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit,
der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen
abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung
der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und
eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der frühern geringen
Entwicklung der Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen
Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur
um wenig übersteigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der
großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, solange teilt
sich die Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben dieser ausschließlich
der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von direkt-produktiver
Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt:
Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaft, Künste usw. Das
Gesetz der Arbeitsteilung ist es also, was der Klassenteilung zugrunde liegt.
Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch

Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende
Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden
Klasse zu befestigen und die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in Ausbeutung
der Massen.

Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung
hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebnen Zeitraum, für
gegebne gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit
der Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen
Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der gesellschaftlichen
Klassen zur Voraussetzung einen geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das
Bestehn nicht bloß dieser oder jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern
einer herrschenden Klasse überhaupt, also des Klassenunterschieds selbst,
ein Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Voraussetzung einen
Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem Aneignung der Produktionsmittel
und Produkte, und damit der politischen Herrschaft, des Monopols der Bildung und
der geistigen Leitung durch eine besondre Gesellschaftsklasse nicht nur überflüssig,
sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein Hindernis der Entwicklung
geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht. Ist der politische und intellektuelle
Bankrott der Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein Geheimnis, so wiederholt sich
ihr ökonomischer Bankrott regelmäßig alle zehn Jahre. In jeder
Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen, für sie unverwendbaren
Produktivkräfte und Produkte und steht hülflos vor dem absurden Widerspruch,
daß die Produzenten nichts zu konsumieren haben, weil es an Konsumenten
fehlt. Die Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die ihr die
kapitalistische Produktionsweise angelegt. Ihre Befreiung aus diesen Banden ist
die einzige Vorbedingung einer ununterbrochenen, stets rascher fortschreitenden
Entwicklung der Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen
Steigerung der Produktion selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung
der Produktionsmittel beseitigt nicht nur die jetzt bestehende künstliche
Hemmung der Produktion, sondern auch die positive Vergeudung und Verheerung von
Produktivkräften und Produkten, die gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin
der Produktion ist und ihren Höhepunkt in den Krisen erreicht. Sie setzt
ferner eine Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die Gesamtheit
frei durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der jetzt herrschenden
Klassen und ihrer politischen Repräsentanten. Die Möglichkeit, vermittelst
der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu
sichern, die nicht nur

materiell vollkommen ausreichend
ist und von Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen auch die vollständige
freie Ausbildung und Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen
garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum erstenmal da, aber sie
ist
da
.
(4)

Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die
Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die
Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt
durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein
hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig
aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche.
Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis
jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen,
die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem
sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen
Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden,
werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht.
Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und
Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die
objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten
unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre
Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die
von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in
stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist
der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

Diese weltbefreiende Tat durchzuführen,
ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen
und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen,
heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion
zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der
proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.

## III. Produktion

Nach allem Vorhergegangenen wird es den Leser nicht wundern, zu erfahren, daß
die im letzten Kapitel gegebne Entwicklung der Grundzüge des Sozialismus
keineswegs nach dem Sinn des Herrn Dühring ist. Im Gegenteil. Er muß
sie schleudern in den Abgrund alles Verworfenen, zu den übrigen »Bastarden
historischer und logischer Phantastik«, den wüsten Konzeptionen«, den »konfusen
Nebelvorstellungen« usw. Für ihn ist der Sozialismus ja keineswegs ein notwendiges
Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung, und noch viel weniger der grob-materiellen,
auf bloße Futterzwecke gerichteten ökonomischen Bedingungen der Gegenwart.
Er hat es viel besser. Sein Sozialismus ist eine endgültige Wahrheit letzter
Instanz;

er ist »das natürliche System der Gesellschaft«, er findet seine Wurzel
in einem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«,

und wenn er nicht umhin kann, von dem bestehenden, durch die bisherige sündhafte
Geschichte geschaffnen Zustand Notiz zu nehmen, um ihn zu verbessern, so ist das
eher als ein Unglück für das reine Prinzip der Gerechtigkeit zu betrachten.
Herr Dühring schafft seinen Sozialismus, wie alles andre, vermittelst seiner
famosen beiden Männer. Statt daß diese beiden Marionetten, wie bisher,
Herr und Knecht spielen, führen sie zur Abwechslung einmal das Stück
von der Gleichberechtigung auf - und der Dühringsche Sozialismus ist in seiner
Grundlage fertig.

Demnach ist es selbstredend, daß bei Herrn Dühring die periodischen
industriellen Krisen keineswegs die geschichtliche Bedeutung haben, die wir ihnen
zuschreiben mußten.

Die Krisen sind bei ihm nur gelegentliche Abweichungen von der »Normalität«
und geben höchstens Anlaß zur »Entfaltung einer geregelteren Ordnung«.
Die »gewöhnliche Weise«, die Krisen aus der Überproduktion zu erklären,
genügt seiner »exakteren Auffassung« keineswegs. Allerdings sei eine solche
für »Spezialkrisen in besondern Gebieten wohl zulässig«. So z.B. »eine
Überfüllung des Büchermarktes mit

Ausgaben von Werken, die plötzlich für den Nachdruck freigegeben werden
und sich für Massenabsatz eignen«.

Herr Dühring kann sich nun allerdings mit dem wohltuenden Bewußtsein
zu Bette legen, daß seine unsterblichen Werke ein solches Weltunglück
nie anrichten werden.

Für die großen Krisen sei es aber nicht die Überproduktion,
sondern vielmehr »das Zurückbleiben der Volkskonsumtion ... die künstlich
erzeugte Unterkonsumtion ... die Hinderung des
Volksbedarfs
(!) an seinem
natürlichen Wachstum, was die Kluft zwischen Vorrat und Abnahme schließlich
so kritisch weit macht«.

Und für diese seine Krisentheorie hat er denn auch glücklich einen
Jünger gefunden.

Nun ist aber leider die Unterkonsumtion der Massen, die Beschränkung der
Massenkonsumtion auf das zum Unterhalt und zur Fortpflanzung Notwendige nicht
erst eine neue Erscheinung. Sie hat bestanden, solange es ausbeutende und ausgebeutete
Klassen gegeben hat. Selbst in den Geschichtsabschnitten, wo die Lage der Massen
besonders günstig war, also z.B. in England im 15. Jahrhundert, unterkonsumierten
sie. Sie waren weit davon entfernt, ihr eignes jährliches Gesamtprodukt zur
Verzehrung verfügbar zu haben. Wenn nun also die Unterkonsumtion eine stehende
geschichtliche Erscheinung seit Jahrtausenden, die in den Krisen ausbrechende
allgemeine Absatzstockung infolge von Produktionsüberschuß aber erst
seit fünfzig Jahren sichtbar geworden ist, so gehört die ganze vulgärökonomische
Flachheit des Herrn Dühring dazu, die neue Kollision zu erklären, nicht
aus der
neuen
Erscheinung der Überproduktion, sondern aus der Jahrtausende
alten der Unterkonsumtion. Es ist, als wollte man in der Mathematik die Veränderung
des Verhältnisses zweier Größen, einer konstanten und einer veränderlichen,
erklären, nicht daraus, daß die veränderliche sich verändert,
sondern daraus, daß die konstante dieselbe geblieben ist. Die Unterkonsumtion
der Massen ist eine notwendige Bedingung aller auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsformen,
also auch der kapitalistischen; aber erst die kapitalistische Form der Produktion
bringt es zu Krisen. Die Unterkonsumtion der Massen ist also auch eine Vorbedingung
der Krisen und spielt in ihnen eine längst anerkannte Rolle; aber sie sagt
uns ebensowenig über die Ursachen des heutigen Daseins der Krisen, wie über
die ihrer frühern Abwesenheit.

Herr Dühring hat überhaupt merkwürdige Vorstellungen vom Weltmarkt.
Wir sahen, wie er sich wirkliche industrielle Spezialkrisen als echter deutscher
Literatus an eingebildeten Krisen auf dem in Leipziger Büchermarkt

klarzumachen sucht, den Sturm auf der See am Sturm im Glase Wasser. Er bildet
sich ferner ein, die heutige Unternehmerproduktion müsse

»sich mit ihrem Absatz vornehmlich
im Kreise der besitzenden Klassen

selbst drehn«,

was ihn nicht verhindert, nur sechzehn Seiten weiter als die entscheidenden
modernen Industrien in bekannter Weise die Eisen- und Baumwollindustrie hinzustellen,
also grade die beiden Produktionszweige, deren Erzeugnisse nur zu einem verschwindend
kleinen Teil im Kreise der besitzenden Klassen konsumiert werden und vor allen
andern auf den Massenverbrauch angewiesen sind. Wohin wir uns bei ihm wenden,
nichts als leeres, widerspruchsvolles Hin- und Hergeschwätz. Aber nehmen
wir ein Beispiel aus der Baumwollindustrie. Wenn in der einzigen, verhältnismäßig
kleinen Stadt Oldham - einer aus dem Dutzend Städte von 50 bis 100.000 Einwohnern
um Manchester, die die Baumwollindustrie betreiben -, wenn in dieser einzigen
Stadt in den vier Jahren 1872 bis 1875 die Zahl der Spindeln, die nur die einzige
Nummer 32 spinnen, sich von 2
1
/
2
auf 5 Millionen vermehrte,
so daß in einer einzigen Mittelstadt Englands ebensoviel Spindeln eine einzige
Nummer spinnen, wie die Baumwollindustrie von ganz Deutschland mitsamt dem Elsaß
überhaupt besitzt, und wenn die Ausdehnung in den übrigen Zweigen und
Lokalitäten der Baumwollindustrie Englands und Schottlands in annähernd
demselben Verhältnis stattgefunden hat, so gehört eine starke Dosis
wurzelhafter Unverfrorenheit dazu, die jetzige totale Absatzstockung der Baumwollgarne
und Gewebe zu erklären aus der Unterkonsumtion der englischen Massen und
nicht aus der Überproduktion der englischen Baumwollfabrikanten.
(5)

Genug. Man streitet nicht mit Leuten, die in der Ökonomie unwissend genug
sind, den Leipziger Büchermarkt überhaupt für einen Markt im Sinne
der modernen Industrie anzusehn. Konstatieren wir daher bloß, daß
uns Herr Dühring des fernern über die Krisen nur mitzuteilen weiß,
daß es sich bei ihnen um nichts handelt,

»als um ein gewöhnliches Spiel zwischen Überspannung und Erschlaffung«,
daß die Überspekulation »nicht allein von der planlosen Häufung
der Privatunternehmungen herrührt«, sondern daß »auch die Voreiligkeit
der einzelnen Unternehmer und der Mangel an Privatumsicht zu den Entstehungsursachen
des Überangebots zu rechnen« sind.

Und was ist wiederum die »Entstehungsursache«
der Voreiligkeit und des Mangels an Privatumsicht? Eben dieselbe Planlosigkeit
der kapitalistischen Produktion, die in der planlosen Häufung der Privatunternehmungen
sich zeigt. Die Übersetzung einer ökonomischen Tatsache in einen moralischen
Vorwurf für die Entdeckung einer neuen Ursache zu versehn, ist eben auch
eine starke »Voreiligkeit«.

Verlassen wir hiermit die Krisen. Nachdem wir im vorigen Kapitel ihre notwendige
Erzeugung aus der kapitalistischen Produktionsweise und ihre Bedeutung als Krisen
dieser Produktionsweise selbst, als Zwangsmittel der gesellschaftlichen Umwälzung
nachgewiesen, brauchen wir den Seichtigkeiten des Herrn Dühring über
diesen Gegenstand kein Wort weiter entgegenzusetzen. Gehn wir über zu seinen
positiven Schöpfungen, zum »natürlichen System der Gesellschaft«.

Dies auf einem »universellen Prinzip der Gerechtigkeit«, also frei von aller
Rücksichtnahme auf lästige materielle Tatsachen aufgebaute System besteht
aus einer Föderation von Wirtschaftskommunen, zwischen denen

»Freizügigkeit und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder nach bestimmten
Gesetzen und Verwaltungsnormen« besteht.

Die Wirtschaftskommune selbst ist vor allem

»ein umfassender Schematismus von menschheitsgeschichtlicher Tragweite«
und weit hinaus über die »abirrenden Halbheiten« z.B. eines gewissen Marx.
Sie bedeutet »eine Gemeinschaft von Personen, die durch ihr öffentliches
Recht der Verfügung über einen Bezirk von Grund und Boden und über
eine Gruppe von Produktionsetablissements zu gemeinsamer Tätigkeit und gemeinsamer
Teilnahme am Ertrage verbunden sind«. Das öffentliche Recht ist ein »Recht
an der Sache... im Sinne eines
rein publizistischen Verhältnisses zur
Natur
und zu den Produktionseinrichtungen«.

Was das heißen soll, darüber mögen sich die Zukunftsjuristen
der Wirtschaftskommune die Köpfe zerbrechen, wir geben jeden Versuch auf.
Nur soviel erfahren wir,

daß es keineswegs einerlei ist mit dem »körperschaftlichen Eigentum
von Arbeitergesellschaften«, die gegenseitige Konkurrenz und selbst Lohnausbeutung
nicht ausschließen würden.

Wobei dann fallengelassen wird,

die Vorstellung eines »Gesamteigentums«, wie sie sich auch bei Marx finde,
sei »mindestens unklar und bedenklich, da diese Zukunftsvorstellung immer den
Anschein gewinnt, als wenn sie nichts als ein körperschaftliches Eigentum
der Arbeitergruppen zu bedeuten hätte«.

Es ist dies wieder eins der vielen bei Herrn
Dühring üblichen »schnöden Manierchen« der Unterschiebung, »für
deren vulgäre Eigenschaft« (wie er selbst sagt) »nur das vulgäre Wort
schnoddrig ganz passend sein würde«; es ist eine ebenso aus der Luft gegriffne
Unwahrheit, wie die andre Erfindung des Herrn Dühring, das Gesamteigentum
bei Marx sei ein »zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum«.

Jedenfalls scheint soviel klar: das publizistische Recht einer Wirtschaftskommune
an ihren Arbeitsmitteln ist ein ausschließliches Eigentumsrecht wenigstens
gegenüber jeder andern Wirtschaftskommune und auch gegenüber der Gesellschaft
und dem Staat.

Es soll aber nicht die Macht haben, »nach außen ... abschließend
zu verfahren, denn zwischen den verschiednen Wirtschaftskommunen besteht Freizügigkeit
und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen
... ähnlich ... wie heute die Angehörigkeit zu einem politischen Gebilde
und wie die Teilnahme an den wirtschaftlichen Gemeindezuständigkeiten«.

Es wird also reiche und arme Wirtschaftskommunen geben, und die Ausgleichung
findet statt durch den Andrang der Bevölkerung zu den reichen und den Wegzug
von den armen Kommunen. Wenn also Herr Dühring die Konkurrenz in Produkten
zwischen den einzelnen Kommunen durch nationale Organisation des Handels beseitigen
will, so läßt er die Konkurrenz in Produzenten ruhig fortbestehen.
Die Dinge werden der Konkurrenz entzogen, die Menschen bleiben ihr unterworfen.

Indes sind wir damit noch lange nicht im klaren über das »publizistische
Recht«. Zwei Seiten weiter erklärt uns Herr Dühring:

Die Handelskommune »reiche zunächst so weit, als dasjenige politisch-gesellschaftliche
Gebiet, dessen Angehörige zu einem einheitlichen Rechtssubjekt zusammengefaßt
sind und in dieser Eigenschaft die Verfügung über den gesamten Boden,
die Wohnstätten und die Produktionseinrichtungen haben«.

Es ist also doch nicht die einzelne Kommune, die die Verfügung hat, sondern
die ganze Nation. Das »öffentliche Recht«, das »Recht an der Sache«, das
»publizistische Verhältnis zur Natur« usw. ist also nicht bloß »mindestens
unklar und bedenklich«, es ist in direktem Widerspruch mit sich selbst. Es ist
in der Tat, wenigstens soweit jede einzelne Wirtschaftskommune ebenfalls ein Rechtssubjekt,
ein »zugleich individuelles und gesellschaftliches Eigentum«, und diese letztere
»nebelhafte Zwittergestalt« daher wieder nur bei Herrn Dühring selbst anzutreffen.

Jedenfalls verfügt die Wirtschaftskommune über ihre Arbeitsmittel
zum Zweck der Produktion. Wie geht diese Produktion vor sich? Nach

allem, was wir bei Herrn Dühring erfahren, ganz im alten Stil, nur daß
an die Stelle des Kapitalisten die Kommune tritt. Höchstens erfahren wir,
daß die Berufswahl jetzt erst für jeden einzelnen frei wird und daß
gleiche Verpflichtung zur Arbeit besteht.

Die Grundform aller bisherigen Produktion ist die Teilung der Arbeit, einerseits
innerhalb der Gesellschaft, andrerseits innerhalb jeder einzelnen Produktionsanstalt.
Wie verhält sich die Dühringsche »Sozialität« zu ihr?

Die erste große gesellschaftliche Arbeitsteilung ist die Scheidung von
Stadt und Land.

Dieser Antagonismus ist nach Herrn Dühring »der Natur der Sache nach unvermeidlich«.
Aber »es ist überhaupt bedenklich, sich die Kluft zwischen Landwirtschaft
und Industrie ... als unausfüllbar zu denken. In der Tat besteht bereits
ein gewisses Maß von Stetigkeit der Überleitung, welche für die
Zukunft noch erheblich zuzunehmen verspricht.« Schon jetzt hätten sich zwei
Industrien in den Ackerbau und ländlichen Betrieb eingeschoben: »in erster
Linie die Brennerei und in zweiter die Bereitung von Rübenzucker ... die
Spirituserzeugung ist von einer solchen Bedeutung, daß man sie eher unterschätzen
als überschätzen wird«. Und »wäre es möglich, daß sich
ein größerer Kreis von Industrien infolge irgendwelcher Entdeckungen
derartig bildete, daß hierbei eine Neigung obwaltete, den Betrieb ländlich
zu lokalisieren und unmittelbar an die Produktion der Rohstoffe anzulehnen«, so
würde dadurch der Gegensatz von Stadt und Land geschwächt und »die allerausgedehnteste
Grundlage der Zivilisationsentfaltung gewonnen werden«. Indes »könnte etwas
Ähnliches doch auch noch auf einem andern Wege in Frage stehn. Außer
den technischen Nötigungen kommen mehr und mehr die sozialen Bedürfnisse
in Frage, und wenn diese letztern für die Gruppierungen der menschlichen
Tätigkeiten maßgebend werden, wird es nicht mehr möglich sein,
diejenigen Vorteile zu vernachlässigen, die sich aus einer systematisch nahen
Verbindung der Beschäftigungen des platten Landes mit den Verrichtungen der
technischen Umwandlungsarbeit ergeben.«

Nun kommen in der Wirtschaftskommune ja grade die sozialen Bedürfnisse
in Frage, und so wird sie sich wohl beeilen, die obenerwähnten Vorteile der
Vereinigung von Ackerbau und Industrie sich in vollstem Maße anzueignen?
Herr Dühring wird nicht verfehlen, uns über die Stellung der Wirtschaftskommune
zu dieser Frage seine »exakteren Auffassungen« in beliebter Breite mitzuteilen?
Geprellt wäre der Leser, der das glaubte. Die obigen magern, verlegenen,
wiederum in dem schnapsbrennenden und rübenzuckernden Geltungsbereich des
preußischen Landrechts sich im Kreise herumdrehenden Gemeinplätze sind
alles, was uns Herr Dühring über den Gegensatz von Stadt und Land in
Gegenwart und Zukunft zu sagen hat.

Gehn wir über zur Arbeitsteilung im einzelnen.
Hier ist Herr Dühring schon etwas »exakter«. Er spricht von

»einer Person, die sich mit
einer
Gattung von Tätigkeit

ausschließlich
abgeben soll«. Handelt es sich um die Einführung
eines neuen Produktionszweigs, so besteht die Frage einfach darin, ob man eine
gewisse Zahl von
Existenzen
, die sich
der Erzeugung eines Artikels widmen

sollen, mit der für sie erforderlichen Konsumtion (!) gleichsam schaffen
könne. Ein beliebiger Produktionszweig wird in der Sozialität nicht
viel
Bevölkerung in Anspruch nehmen
«. Und auch in der Sozialität
gibt es sich nach der Lebensweise sondernde
ökonomische Spielarten
«
von Menschen.

Hiernach bleibt innerhalb der Sphäre der Produktion so ziemlich alles
beim alten. Allerdings herrscht in der bisherigen Gesellschaft eine »falsche Arbeitsteilung«;
worin aber diese besteht und wodurch sie in der Wirtschaftskommune ersetzt werden
soll, darüber erfahren wir nur dies:

»Was die Rücksichten der Arbeitsteilung selbst anbetrifft, so haben wir
schon oben gesagt, daß sie als erledigt gelten können, sobald den Tatsachen
der verschiednen Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten
Rechnung getragen ist.«

Neben den Fähigkeiten kommt noch die persönliche Neigung zur Geltung:

»Der Reiz des Aufsteigens zu Tätigkeiten, die mehr Fähigkeiten
und Vorbildung ins Spiel setzen, würde ausschließlich auf der Neigung
zu der betreffenden Beschäftigung, und auf der Freude an der Ausübung

grade dieser und keiner andern Sache
« (Ausübung einer Sache!) »beruhen.«

Hiermit aber wird in der Sozialität der Wetteifer angeregt und

»die Produktion selbst in Interesse erhalten, und der stumpfe Betrieb, der
sie nur als Mittel zum Gemeinzweck würdigt, wird nicht mehr das beherrschende
Gepräge der Zustände sein«.

In jeder Gesellschaft mit naturwüchsiger Produktionsentwicklung - und
die heutige gehört dazu - beherrschen nicht die Produzenten die Produktionsmittel,
sondern die Produktionsmittel beherrschen die Produzenten. In einer solchen Gesellschaft
schlägt jeder neue Hebel der Produktion notwendig um in ein neues Mittel
der Knechtung der Produzenten unter die Produktionsmittel. Das gilt vor allem
von demjenigen Hebel der Produktion, der bis zur Einführung der großen
Industrie weitaus der mächtigste war - von der Teilung der Arbeit. Gleich
die erste große Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und Land, verurteilte
die Landbevölkerung zu jahrtausendelanger Verdummung und die Städter
zur Knechtung eines jeden unter sein Einzelhandwerk. Sie vernichtete die Grundlage
der geistigen Entwicklung der

einen und der körperlichen
der andern. Wenn sich der Bauer den Boden, der Städter sein Handwerk aneignet,
so eignet sich ebensosehr der Boden den Bauer, das Handwerk den Handwerker an.
Indem die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt. Der Ausbildung einer
einzigen Tätigkeit werden alle übrigen körperlichen und geistigen
Fähigkeiten zum Opfer gebracht. Diese Verkümmerung des Menschen wächst
im selben Maße wie die Arbeitsteilung, die ihre höchste Entwicklung
in der Manufaktur erreicht. Die Manufaktur zerlegt das Handwerk in seine einzelnen
Teiloperationen, weist jede derselben einem einzelnen Arbeiter als Lebensberuf
zu und kettet ihn so lebenslänglich an eine bestimmte Teilfunktion und ein
bestimmtes Werkzeug. »Sie verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität,
indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung
einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen ... Das Individuum selbst wird
geteilt, in das automatische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt« (Marx) |Siehe
Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 381
| - ein Triebwerk, das in vielen Fällen seine Vollkommenheit
erst durch buchstäbliche, leibliche und geistige Verkrüppelung des Arbeiters
erlangt. Die Maschinerie der großen Industrie degradiert den Arbeiter aus
einer Maschine zum bloßen Zubehör einer Maschine. »Aus der lebenslangen
Spezialität, ein Teilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Spezialität,
einer Teilmaschine zu dienen. Die Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter
selbst von Kindesbeinen an in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln« (Marx).
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 445
| Und nicht nur die Arbeiter,
auch die die Arbeiter direkt oder indirekt ausbeutenden Klassen werden vermittelst
der Teilung der Arbeit geknechtet unter das Werkzeug ihrer Tätigkeit; der
geistesöde Bourgeois unter sein eignes Kapital und seine eigne Profitwut,
der Jurist unter seine verknöcherten Rechtsvorstellungen, die ihn als eine
selbständige Macht beherrschen; die »gebildeten Stände« überhaupt
unter die mannigfachen Lokalborniertheiten und Einseitigkeiten, unter ihre eigne
körperliche und geistige Kurzsichtigkeit, unter ihre Verkrüppelung durch
die auf eine Spezialität zugeschnittne Erziehung und durch die lebenslange
Fesselung an diese Spezialität selbst - auch dann, wenn diese Spezialität
das reine Nichtstun ist.

Die Utopisten waren bereits vollständig im reinen über die Wirkungen
der Teilung der Arbeit, über die Verkümmerung einerseits des Arbeiters,
andrerseits der Arbeitstätigkeit selbst, die auf lebenslängliche, einförmige,
mechanische Wiederholung eines und desselben Aktes beschränkt wird. Die Aufhebung
des Gegensatzes von Stadt und Land wird von Fourier wie von

Owen als erste Grundbedingung der Aufhebung der alten Arbeitsteilung überhaupt
gefordert. Bei beiden soll die Bevölkerung sich in Gruppen von sechzehnhundert
bis dreitausend über das Land verteilen; jede Gruppe bewohnt im Zentrum ihres
Bodenbezirks einen Riesenpalast mit gemeinsamem Haushalt. Fourier spricht zwar
hier und da von Städten, diese aber bestehn selbst wieder nur aus vier bis
fünf solcher näher zusammenliegenden Paläste. Bei beiden beteiligt
sich jedes Gesellschaftsglied sowohl am Ackerbau wie an der Industrie; bei Fourier
spielen in dieser letztern Handwerk und Manufaktur, bei Owen dagegen schon die
große Industrie die Hauptrolle und wird von ihm bereits die Einführung
der Dampfkraft und Maschinerie in die Haushaltungsarbeit verlangt. Aber auch innerhalb
des Ackerbaus wie der Industrie fordern beide die möglichst große Abwechslung
der Beschäftigung für jeden einzelnen, und dementsprechend die Ausbildung
der Jugend für möglichst allseitige technische Tätigkeit. Bei beiden
soll der Mensch sich universell entwickeln durch universelle praktische Betätigung
und soll die Arbeit den ihr durch die Teilung abhanden gekommnen Reiz der Anziehung
wieder erhalten, zunächst durch diese Abwechslung und die ihr entsprechende
kurze Dauer der jeder einzelnen Arbeit gewidmeten »Sitzung«, um Fouriers Ausdruck
zu gebrauchen. Beide sind weit hinaus über die dem Herrn Dühring überkommne
Denkweise der ausbeutenden Klassen, die den Gegensatz von Stadt und Land für
der Natur der Sache nach unvermeidlich hält, die in der Borniertheit befangen
ist, als müßte eine Anzahl von »Existenzen« unter allen Umständen
zur Erzeugung eines Artikels verdammt sein, und die die sich nach der Lebensweise
sondernden »ökonomischen Spielarten« von Menschen verewigen will, die Leute,
die Freude an der Ausübung grade dieser und keiner andern Sache haben , die
also so weit heruntergekommen sind, daß sie sich über ihre eigne Knechtung
und Vereinseitigung
freuen
. Gegenüber den Grundgedanken selbst der
tollkühnsten Phantasien des »Idioten« Fourier, gegenüber selbst den
dürftigsten Ideen des »rohen, matten und dürftigen« Owen steht der selbst
noch ganz unter die Teilung der Arbeit geknechtete Herr Dühring da wie ein
vorlauter Zwerg.

Indem sich die Gesellschaft zur Herrin der sämtlichen Produktionsmittel
macht, um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden, vernichtet sie
die bisherige Knechtung der Menschen unter ihre eignen Produktionsmittel. Die
Gesellschaft kann sich selbstredend nicht befreien, ohne daß jeder einzelne
befreit wird. Die alte Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt
werden, und namentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden. An
ihre Stelle muß eine Organisation der Produktion treten,

in der einerseits kein einzelner seinen Anteil an der produktiven Arbeit, dieser
Naturbedingung der menschlichen Existenz, auf andre abwälzen kann; in der
andrerseits die produktive Arbeit, statt Mittel der Knechtung, Mittel der Befreiung
der Menschen wird, indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine sämtlichen
Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen Richtungen hin auszubilden
und zu betätigen, und in der sie so aus einer Last eine Lust wird.

Dies ist heute keine Phantasie, kein frommer Wunsch mehr. Bei der gegenwärtigen
Entwicklung der produktiven Kräfte genügt schon diejenige Steigerung
der Produktion, die mit der Tatsache der Vergesellschaftung der Produktivkräfte
selbst gegeben ist, die Beseitigung der aus der kapitalistischen Produktionsweise
entspringenden Hemmungen und Störungen, der Vergeudung von Produkten und
Produktionsmitteln, um bei allgemeiner Teilnahme an der Arbeit die Arbeitszeit
auf ein nach jetzigen Vorstellungen geringes Maß zu reduzieren.

Ebensowenig ist die Aufhebung der alten Teilung der Arbeit eine Forderung,
die nur auf Kosten der Produktivität der Arbeit durchzuführen wäre.
Im Gegenteil. Sie ist eine Bedingung der Produktion selbst geworden durch die
große Industrie. »Der Maschinenbetrieb hebt die Notwendigkeit auf, die Verteilung
der Arbeitergruppen an die verschiednen Maschinen manufakturmäßig zu
befestigen durch fortwährende Aneignung derselben Arbeiter an dieselbe Funktion.
Da die Gesamtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter ausgeht, sondern von der Maschine,
kann fortwährender Personenwechsel stattfinden, ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses
... Die Geschwindigkeit endlich, womit die Arbeit an der Maschine im jugendlichen
Alter erlernt wird, beseitigt ebenso die Notwendigkeit, eine besondre Klasse Arbeiter
ausschließlich zu Maschinenarbeitern zu erziehn.« |Siehe Karl Marx: »Das
Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 443/444
| Während aber die kapitalistische Anwendungsweise der
Maschinerie die alte Teilung der Arbeit mit ihren knöchernen Partikularitäten
weiter fortführen muß, trotzdem diese technisch überflüssig
geworden, rebelliert die Maschinerie selbst gegen diesen Anachronismus. Die technische
Basis der großen Industrie ist revolutionär. »Durch Maschinerie, chemische
Prozesse und andre Methoden wälzt sie beständig mit der technischen
Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen
Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie revolutioniert damit ebenso beständig
die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich
Kapitalmassen und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig in den andern. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wechsel
der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters ...
Man hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch ... im ununterbrochenen Opferfest
der Arbeiterklasse, maßlosester Vergeudung der Arbeitskräfte und den
Verheerungen gesellschaftlicher Anarchie sich austobt. Dies ist die negative Seite.
Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als überwältigendes
Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung des Naturgesetzes durchsetzt,
das überall auf Hindernisse stößt, macht die große Industrie
durch ihre Katastrophen selbst es zur Frage von Leben oder Tod, den Wechsel der
Arbeiten und daher möglichste Vielseitigkeit des Arbeiters als allgemeines
gesellschaftliches Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirklichung
die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu einer Frage von Leben oder Tod,
die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für das wechselnde Exploitationsbedürfnis
des Kapitals in Reserve gehaltnen disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen
durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse;
das Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaftlichen Detailfunktion,
durch das total entwickelte Individuum, für welches verschiedne gesellschaftliche
Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen sind.« (Marx, Kapital.)
|Siehe Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,

Bd. 23, S. 511/512

Indem die große Industrie uns gelehrt hat, die mehr oder weniger überall
herstellbare Molekularbewegung in Massenbewegung zu technischen Zwecken zu verwandeln,
hat sie die industrielle Produktion in bedeutendem Maße von lokalen Schranken
befreit. Die Wasserkraft war lokal, die Dampfkraft ist frei. Wenn die Wasserkraft
notwendig ländlich ist, so ist die Dampfkraft keineswegs notwendig städtisch.
Es ist ihre kapitalistische Anwendung, die sie vorwiegend in den Städten
konzentriert und Fabrikdörfer in Fabrikstädte umschafft. Damit aber
untergräbt sie gleichzeitig die Bedingungen ihres eignen Betriebs. Erstes
Erfordernis der Dampfmaschine und Haupterfordernis fast aller Betriebszweige der
großen Industrie ist verhältnismäßig reines Wasser. Die
Fabrikstadt aber verwandelt alles Wasser in stinkende Jauche. Sosehr also die
städtische Konzentrierung Grundbedingung der kapitalistischen Produktion
ist, sosehr strebt jeder einzelne industrielle Kapitalist stets von den durch
sie notwendig erzeugten großen Städten weg und dem ländlichen
Betrieb zu. Dieser Prozeß kann in den Bezirken der Textilindustrie von Lancashire
und Yorkshire im einzelnen studiert werden; die kapitalistische Großindustrie
erzeugt dort stets neue Großstädte dadurch, daß sie fortwährend von der Stadt aufs Land flieht. Ähnlich
in den Bezirken der Metallindustrie, wo teilweise andre Ursachen dieselben Wirkungen
erzeugen.

Diesen neuen fehlerhaften Kreislauf, diesen sich stets neu erzeugenden Widerspruch
der modernen Industrie aufzuheben, vermag wiederum nur die Aufhebung ihres kapitalistischen
Charakters. Nur eine Gesellschaft, die ihre Produktivkräfte nach einem einzigen
großen Plan harmonisch ineinandergreifen läßt, kann der Industrie
erlauben, sich in derjenigen Zerstreuung über das ganze Land anzusiedeln,
die ihrer eignen Entwicklung und der Erhaltung resp. Entwicklung der übrigen
Elemente der Produktion am angemessensten ist.

Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist hiernach nicht nur möglich.
Sie ist eine direkte Notwendigkeit der industriellen Produktion selbst geworden,
wie sie ebenfalls eine Notwendigkeit der Agrikulturproduktion und obendrein der
öffentlichen Gesundheitspflege geworden ist. Nur durch Verschmelzung von
Stadt und Land kann die heutige Luft-, Wasser- und Bodenvergiftung beseitigt,
nur durch sie die jetzt in den Städten hinsiechenden Massen dahin gebracht
werden, daß ihr Dünger zur Erzeugung von Pflanzen verwandt wird, statt
zur Erzeugung von Krankheiten.

Die kapitalistische Industrie hat sich bereits relativ unabhängig gemacht
von den lokalen Schranken der Produktionsstätten ihrer Rohstoffe. Die Textilindustrie
verarbeitet der großen Masse nach importierte Rohstoffe. Spanische Eisenerze
werden in England und Deutschland, spanische und südamerikanische Kupfererze
werden in England verarbeitet. Jedes Kohlenfeld versieht weit über seine
Grenzen hinaus einen jährlich wachsenden industriellen Umkreis mit Brennstoff.
An der ganzen europäischen Küste werden Dampfmaschinen mit englischer,
stellenweise deutscher und belgischer Kohle getrieben. Die von den Schranken der
kapitalistischen Produktion befreite Gesellschaft kann noch viel weiter gehn.
Indem sie ein Geschlecht von allseitig ausgebildeten Produzenten erzeugt, die
die wissenschaftlichen Grundlagen der gesamten industriellen Produktion verstehn
und von denen jeder eine ganze Reihe von Produktionszweigen von Anfang bis zu
Ende praktisch durchgemacht, schafft sie eine neue Produktivkraft, die die Transportarbeit
der aus größerer Entfernung bezognen Roh- oder Brennstoffe überreichlich
aufwiegt.

Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist also keine Utopie, auch
nach der Seite hin, nach der sie die möglichst gleichmäßige Verteilung

der großen Industrie über das ganze
Land zur Bedingung hat. Die Zivilisation hat uns freilich in den großen
Städten eine Erbschaft hinterlassen, die zu beseitigen viel Zeit und Mühe
kosten wird. Aber sie müssen und werden beseitigt werden, mag es auch ein
langwieriger Prozeß sein. Welche Geschicke auch dem Deutschen Reich preußischer
Nation vorbehalten sein mögen, Bismarck kann mit dem stolzen Bewußtsein
in die Grube fahren, daß sein Lieblingswunsch sicher erfüllt wird:
der Untergang der großen Städte.

Und nun besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Dühring, als
könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamtheit der Produktionsmittel,
ohne die alte Art des Produzierens von Grund aus umzuwälzen und vor allem
die alte Teilung der Arbeit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur

»den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung
getragen« -

wobei dann nach wie vor ganze Massen von Existenzen unter die Erzeugung
eines
Artikels
geknechtet, ganze »Bevölkerungen« von einem einzelnen Produktionszweig
in Anspruch genommen werden, und die Menschheit sich nach wie vor in eine Anzahl
verschieden verkrüppelter »ökonomischer Spielarten« teilt, als da sind
»Karrenschieber« und Architekten«. Die Gesellschaft soll Herrin der Produktionsmittel
im ganzen werden, damit jeder einzelne Sklave seines Produktionsmittels bleibt
und nur die Wahl hat
welches
Produktionsmittels. Und ebenso besehe man
sich die Art, wie Herr Dühring die Scheidung von Stadt und Land für
»der Natur der Sache nach unvermeidlich« hält, und nur ein kleines Palliativmittelchen
entdecken kann in den in ihrer Verbindung spezifisch preußischen Zweigen
der Schnapsbrennerei und Rübenzuckerbereitung; der die Zerstreuung der Industrie
über das Land abhängig macht von irgendwelchen künftigen Entdeckungen
und von der
Nötigung
, den Betrieb unmittelbar an die Gewinnung der
Rohstoffe anzulehnen - der Rohstoffe, die schon jetzt in immer wachsender Entfernung
von ihrem Ursprungsort verbraucht werden! - und der sich schließlich den
Rücken zu decken sucht mit der Versicherung, die sozialen Bedürfnisse
würden schließlich die Verbindung von Ackerbau und Industrie doch wohl
auch
gegen
die ökonomischen Rücksichten durchsetzen, als ob damit
ein ökonomisches Opfer gebracht würde!

Freilich, um zu sehn, daß die revolutionären Elemente, die die alte
Teilung der Arbeit mitsamt der Scheidung von Stadt und Land beseitigen und die
ganze Produktion umwälzen werden, daß diese Elemente bereits in den
Produktionsbedingungen der modernen großen Industrie im Keim enthalten sind und durch die heutige kapitalistische Produktionsweise an ihrer Entfaltung
gehindert werden, dazu muß man einen etwas weitern Horizont haben als den
Geltungsbereich des preußischen Landrechts, das Land, wo Schnaps und Rübenzucker
die entscheidenden Industrieprodukte sind und wo man die Handelskrisen auf dem
Büchermarkt studieren kann. Dazu muß man die wirkliche große
Industrie in ihrer Geschichte und in ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit kennen,
namentlich in dem einen Lande, wo sie ihre Heimat und wo allein sie ihre klassische
Ausbildung erreicht hat; und dann wird man auch nicht daran denken, den modernen
wissenschaftlichen Sozialismus verseichtigen und herunterbringen zu wollen auf
den spezifisch preußischen Sozialismus des Herrn Dühring.

## IV. Verteilung

Wir sahen bereits früher, daß die Dühringsche Ökonomie
auf den Satz hinauslief: Die kapitalistische Produktionsweise ist ganz gut und
kann bestehn bleiben, aber die kapitalistische Verteilungsweise ist vom Übel
und muß verschwinden. Wir finden jetzt, daß die »Sozialität«
des Herrn Dühring weiter nichts ist als die Durchführung dieses Satzes
in der Phantasie. In der Tat zeigte sich, daß Herr Dühring an der Produktionsweise
- als solcher - der kapitalistischen Gesellschaft fast gar nichts auszusetzen
hat, daß er die alte Teilung der Arbeit in allen wesentlichen Beziehungen
beibehalten will, und daher auch über die Produktion innerhalb seiner Wirtschaftskommune
kaum ein Wort zu sagen weiß. Die Produktion ist allerdings ein Gebiet, auf
dem es sich um handfeste Tatsachen handelt, auf dem daher die »rationelle Phantasie«
dem Flügelschlag ihrer freien Seele nur wenig Raum geben darf, weil die Gefahr
der Blamage zu nahe liegt. Dagegen die Verteilung, die nach der Ansicht des Herrn
Dühring ja gar nicht mit der Produktion zusammenhängt, die nach ihm
nicht durch die Produktion, sondern durch einen reinen Willensakt bestimmt wird
- die Verteilung ist das prädestinierte Feld seiner »sozialen Alchimisterei«.

Der gleichen Produktionspflicht tritt gegenüber das gleiche Konsumtionsrecht,
organisiert in der Wirtschaftskommune und der eine größere Anzahl der
letztern umfassenden Handelskommune. Hier wird »Arbeit ... nach dem Grundsatz
der gleichen Schätzung gegen andre Arbeit ausgetauscht ... Leistung und Gegenleistung
stellen hier wirkliche Gleichheit der Arbeitsgrößen vor«. Und zwar
gilt diese »Gleichsetzung

der Menschenkräfte,
mögen die einzelnen nun mehr oder weniger oder zufällig
auch nichts

geleistet haben«; denn man kann alle Verrichtungen, insofern sie Zeit und
Kräfte in Anspruch nehmen, als Arbeitsleistungen ansehn - also auch Kegelschieben
und Spazierengehn. Dieser Austausch findet aber nicht statt zwischen den einzelnen,
da die Gesamtheit Besitzerin aller Produktionsmittel, also auch aller Produkte
ist, sondern einerseits zwischen jeder Wirtschaftskommune und ihren einzelnen
Mitgliedern, andrerseits zwischen den verschiednen Wirtschafts- und Handelskommunen
selbst. »Namentlich werden die einzelnen Wirtschaftskommunen innerhalb ihres eignen
Rahmens den Kleinhandel durch völlig planmäßigen Vertrieb ersetzen.«
Ebenso wird der Handel im großen organisiert: »Das System der freien Wirtschaftsgesellschaft
... bleibt daher eine große Tauscheinrichtung, deren Vornahmen sich vermittelst
der durch die edlen Metalle gegebnen Grundlagen vollziehn. Durch die Einsicht
in die unumgängliche Notwendigkeit dieser Grundeigenschaft unterscheidet
sich unser Schema von allen jenen Nebelhaftigkeiten, die auch noch den rationellsten
Formen der heute umlaufenden sozialistischen Vorstellungen anhaften.«

Die Wirtschaftskommune, als erste Aneignerin der gesellschaftlichen
Produkte, hat behufs dieses Austausches »für jeden Zweig von Artikeln einen
einheitlichen Preis« nach den durchschnittlichen Produktionskosten festzusetzen.
»Was gegenwärtig die sogenannten Selbstkosten der Produktion ... für
Wert und Preis bedeuten, das werden« (in der Sozialität) »... die Anschläge
der zu verwendenden Arbeitsmenge leisten. Diese Anschläge, die sich nach
dem Grundsatz des auch wirtschaftlich gleichen Rechts jeder Persönlichkeit
schließlich auf die Berücksichtigung der beteiligten Personenzahl zurückführen
lassen, werden das zugleich den Naturverhältnissen der Produktion und dem
gesellschaftlichen Verwertungsrecht entsprechende Verhältnis der Preise ergeben.
Die Produktion der edlen Metalle wird ähnlich wie heute für die Wertbestimmung
des Geldes maßgebend bleiben ... Man sieht hieraus, daß man in der
veränderten Gesellschaftsverfassung zunächst für die Werte und
mithin für die Verhältnisse, in denen die Erzeugnisse sich gegeneinander
umsetzen, nicht nur Bestimmungsgrund und Maß nicht verliert, sondern erst
gehörig gewinnt.«

Der berühmte »absolute Wert« ist endlich realisiert.

Andrerseits aber wird die Kommune nun auch die einzelnen in den Stand
setzen müssen, die produzierten Artikel von ihr zu kaufen, indem sie jedem
eine gewisse tägliche, wöchentliche oder monatliche Geldsumme, die für
jeden gleich zu sein hat, als Gegenleistung für seine Arbeit auszahlt. »Es
ist daher vom Standpunkt der Sozialität gleichgültig, ob man sagt, daß
der Arbeitslohn verschwinden oder daß er die ausschließliche Form
der ökonomischen Einkünfte werden müsse.« Gleiche Löhne und
gleiche Preise aber stellen die »quantitative, wenn auch nicht qualitative Gleichheit
der Konsumtion« her, und damit ist das »universelle Prinzip der Gerechtigkeit«
ökonomisch verwirklicht.

Über die Bestimmung der Höhe dieses Zukunftslohns sagt uns Herr Dühring
nur,

daß auch hier, wie in allen andern
Fällen, »gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit« ausgetauscht wird. Für
sechsstündige Arbeit wird daher eine Geldsumme zu zahlen sein, die ebenfalls
sechs Arbeitsstunden in sich verkörpert.

Indes ist das »universelle Prinzip der Gerechtigkeit« keineswegs mit jener
rohen Gleichmacherei zu verwechseln, die den Bürger so sehr aufbringt gegen
jeden, namentlich den naturwüchsigen Arbeiterkommunismus. Es ist lange nicht
so unerbittlich, als es gern aussehn möchte.

Die »prinzipielle Gleichheit der ökonomischen Rechtsansprüche schließt
nicht aus, daß
freiwillig
zu dem, was die Gerechtigkeit erfordert,
auch noch ein Ausdruck der besondern Anerkennung und Ehre gefügt werde ...
Die Gesellschaft
ehrt sich selbst
, indem sie die höher gesteigerten
Leistungsgattungen
durch eine mäßige Mehrausstattung
für
die Konsumtion auszeichnet.«

Und auch Herr Dühring ehrt sich selbst, indem er, Taubenunschuld und Schlangenklugheit
verschmelzend, so rührend für die mäßige Mehrkonsumtion der
Zukunfts-Dührings besorgt ist.

Hiermit ist die kapitalistische Verteilungsweise endgültig beseitigt.
Denn

»gesetzt, es hätte jemand unter Voraussetzung eines solchen Zustands
wirklich einen Überschuß von privaten Mitteln zur Verfügung, so
würde er für denselben keine kapitalmäßige Verwendung ausfindig
machen können. Kein einzelner oder keine Gruppe würde ihm denselben
für die Produktion anders als im Wege des Austausches oder Kaufs abnehmen,
niemals aber in den Fall kommen, ihm Zinsen oder Gewinn zu zahlen.« Hiermit wird
»eine dem Grundsatz der Gleichheit entsprechende Vererbung« zulässig. Sie
ist unvermeidlich, denn »eine gewisse Vererbung wird immer die notwendige Begleitung
des Familienprinzips sein«. Auch das Erbrecht wird »zu keiner Ansammlung umfangreicher
Vermögen führen können, da hier die Eigentumsbildung ... namentlich
nie mehr den Zweck haben kann, Produktionsmittel und reine Rentenexistenzen zu
schaffen«.

Hiermit wäre die Wirtschaftskommune glücklich fertig. Sehn wir nun
zu, wie sie wirtschaftet.

Wir nehmen an, alle Unterstellungen des Herrn Dühring seien vollständig
realisiert; wir setzen also voraus, daß die Wirtschaftskommune jedem ihrer
Mitglieder für täglich sechsstündige Arbeit eine Geldsumme zahlt,
in der ebenfalls sechs Arbeitsstunden verkörpert sind, meinetwegen zwölf
Mark. Wir nehmen ebenfalls an, daß die Preise genau den Werten entsprechen,
also unter unsern Voraussetzungen nur die Kosten der Rohstoffe, den Verschleiß
der Maschinerie, den Verbrauch von Arbeitsmitteln und den gezahlten Arbeitslohn
umfassen. Eine Wirtschaftskommune von hundert arbeitenden Mitgliedern produziert
dann täglich Waren im Wert von 1.200 Mark, im Jahr bei dreihundert Arbeitstagen
für 360.000 Mark,

und zahlt dieselbe Summe
an ihre Mitglieder aus, deren jedes mit seinem Anteil von täglich 12 oder
jährlich 3.600 Mark macht, was es will. Am Ende des Jahres, und am Ende von
hundert Jahren ist die Kommune nicht reicher als am Anfang. Sie wird während
dieser Zeit nicht einmal imstande sein, die mäßige Mehrausstattung
für die Konsumtion des Herrn Dühring zu leisten, falls sie nicht ihren
Stamm von Produktionsmitteln angreifen will. Die Akkumulation ist total vergessen
worden. Noch schlimmer: da die Akkumulation eine gesellschaftliche Notwendigkeit,
und in der Beibehaltung des Geldes eine bequeme Form der Akkumulation gegeben,
so fordert die Organisation der Wirtschaftskommune ihre Mitglieder direkt auf
zur Privatakkumulation, und damit zu ihrer eignen Zerstörung.

Wie diesem Zwiespalt der Natur der Wirtschaftskommune entgehn? Sie könnte
Zuflucht nehmen zu der beliebten »Bezollung«, dem Preisaufschlag, und ihre Jahresproduktion
statt für 360.000 Mark für 480.000 Mark verkaufen. Da aber alle andern
Wirtschaftskommunen in derselben Lage sind, also dasselbe tun müßten,
so würde jede im Austausch mit der andern ebensoviel »Bezollung« zahlen müssen
wie sie einsteckt, und der »Tribut« also nur auf ihre eignen Mitglieder fallen.

Oder aber, sie macht die Sache kurz und bündig ab, indem sie jedem Mitglied
für sechsstündige Arbeit das Produkt von weniger als sechsstündiger
Arbeit, meinetwegen von vier Arbeitsstunden zahlt, also statt zwölf Mark
nur acht Mark täglich, die Warenpreise aber auf der alten Höhe bestehn
läßt. Sie tut in diesem Falle direkt und offen, was sie im vorigen
versteckt und auf einem Umweg versucht: sie bildet Marxschen Mehrwert im jährlichen
Betrag von 120.000 Mark, indem sie ihre Mitglieder in durchaus kapitalistischer
Weise unter dem Wert ihrer Leistung bezahlt und ihnen obendrein die Waren, die
sie nur bei ihr kaufen können, zum vollen Wert anrechnet. Die Wirtschaftskommune
kann also nur zu einem Reservefonds kommen, indem sie sich enthüllt als das

»
veredelte« Trucksystem
(6)

auf breitester kommunistischer Grundlage.

Also eins von zweien: Entweder tauscht die Wirtschaftskommune »gleiche Arbeit
aus gegen gleiche Arbeit«, und dann kann nicht sie, sondern nur die Privaten einen
Fonds zur Erhaltung und Ausdehnung der Produktion akkumulieren. Oder aber, sie
bildet einen solchen Fonds, und dann tauscht sie nicht »gleiche Arbeit aus gegen
gleiche Arbeit«.

So steht's mit dem Inhalt des Austausches in
der Wirtschaftskommune. Wie mit der Form? Der Austausch wird durch Metallgeld
vermittelt, und Herr Dühring tut sich nicht wenig zugut auf die »menschheitsgeschichtliche
Tragweite« dieser Verbesserung. Aber im Verkehr zwischen der Kommune und ihren
Mitgliedern ist das Geld gar kein Geld, fungiert es gar nicht als Geld. Es dient
als reines Arbeitszertifikat, es konstatiert, um mit Marx zu reden, »nur den individuellen
Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit und seinen individuellen Anspruch auf
den zur Konsumtion bestimmten Teil des Gemeinprodukts«, und ist in dieser Funktion
»ebensowenig 'Geld' wie etwa eine Theatermarke« |Siehe Karl Marx: »Das Kapital«,
Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 109/110
|. Es kann hiermit durch jedes beliebige Zeichen ersetzt werden,
wie Weitling es durch ein »Kommerzbuch« ersetzt, worin auf der einen Seite die
Arbeitsstunden und auf der andern die dafür bezognen Genüsse abgestempelt
werden. Kurz, es fungiert im Verkehr der Wirtschaftskommune mit ihren Mitgliedern
einfach als das Owensche »Arbeitsstundengeld«, dies »Wahngebilde«, auf das Herr
Dühring so vornehm herabsieht und das er dennoch selbst in seine Zukunftswirtschaft
einführen muß. Ob die Marke, die das Maß der erfüllten »Produktionspflicht«
und des damit erworbnen »Konsumtionsrechts« bezeichnet, ein Wisch Papier, ein
Rechenpfennig oder ein Goldstück ist, bleibt sich für
diesen
Zweck
vollständig gleich. Für andre Zwecke aber durchaus nicht, wie sich zeigen
wird.

Wenn das Metallgeld also schon im Verkehr der Wirtschaftskommune mit ihren
Mitgliedern nicht als Geld fungiert, sondern als verkleidete Arbeitsmarke, so
kommt es noch weniger zu seiner Geldfunktion im Austausch zwischen den verschiednen
Wirtschaftskommunen. Hier ist, unter den Voraussetzungen des Herrn Dühring,
das Metallgeld total überflüssig. In der Tat würde eine bloße
Buchführung hinreichen, die den Austausch von Produkten gleicher Arbeit gegen
Produkte gleicher Arbeit viel einfacher vollzieht, wenn sie mit dem natürlichen
Maßstab der Arbeit - der Zeit, der Arbeitsstunde als Einheit - rechnet,
als wenn sie die Arbeitsstunden erst in Geld übersetzt. Der Austausch ist
in Wirklichkeit reiner Naturalaustausch; alle Mehrforderungen sind leicht und
einfach ausgleichbar durch Anweisungen auf andre Kommunen. Wenn aber eine Kommune
wirklich gegenüber andern Kommunen ein Defizit haben sollte, so kann alles
»im Universum vorhandne Gold«, und wenn es noch so sehr »von Natur Geld« sein
sollte, dieser Kommune das Schicksal nicht ersparen, dies Defizit durch vermehrte
eigne Arbeit zu ersetzen, falls sie nicht in Schuldabhängigkeit

von andern Kommunen geraten will. Übrigens möge der Leser fortwährend
im Gedächtnis halten, daß wir hier keineswegs Zukunftskonstruktion
machen. Wir nehmen einfach die Voraussetzungen des Herrn Dühring an und ziehen
nur die unvermeidlichen Folgerungen daraus.

Also weder im Austausch zwischen der Wirtschaftskommune und ihren Mitgliedern
noch in dem zwischen den verschiednen Kommunen kann das Gold, das »von Natur Geld
ist«, dahin kommen, diese seine Natur zu verwirklichen. Trotzdem schreibt ihm
Herr Dühring vor, auch in der »Sozialität« Geldfunktion zu vollziehn.
Wir müssen uns also nach einem andern Spielraum für diese Geldfunktion
umsehn. Und dieser Spielraum existiert. Herr Dühring befähigt zwar jeden
zur »quantitativ gleichen Konsumtion«, aber er kann niemanden dazu zwingen. Im
Gegenteil, er ist stolz darauf, daß in seiner Welt jeder mit seinem Gelde
machen kann, was er will. Er kann also nicht verhindern, daß die einen sich
einen kleinen Geldschatz zurücklegen, während die andern mit dem ihnen
gezahlten Lohn nicht auskommen. Er macht dies sogar unvermeidlich, indem er das
Gemeineigentum der Familie im Erbrecht ausdrücklich anerkennt, woraus sich
dann weiter die Verpflichtung der Eltern zur Erhaltung der Kinder ergibt. Damit
aber bekommt die quantitativ gleiche Konsumtion einen gewaltigen Riß. Der
Junggesell lebt herrlich und in Freuden von seinen acht oder zwölf Mark täglich,
während der Witwer mit acht unmündigen Kindern damit kümmerlich
auskommt. Andrerseits aber läßt die Kommune, indem sie Geld ohne weiteres
in Zahlung nimmt, die Möglichkeit offen, daß dies Geld anders als durch
eigne Arbeit erworben sei. Non olet. |Geld stinkt nicht| Sie weiß nicht,
woher es kommt. Hiermit sind aber alle Bedingungen gegeben, um das Metallgeld,
das bisher nur die Rolle einer Arbeitsmarke spielte, in wirkliche Geldfunktion
treten zu lassen. Es liegen vor die Gelegenheit und das Motiv, einerseits zur
Schatzbildung, andrerseits zur Verschuldung. Der Bedürftige borgt beim Schatzbildner.
Das geborgte Geld, von der Kommune in Zahlung genommen für Lebensmittel,
wird damit wieder, was es in der heutigen Gesellschaft ist, gesellschaftliche
Inkarnation der menschlichen Arbeit, wirkliches Maß der Arbeit, allgemeines
Zirkulationsmittel. Alle »Gesetze und Verwaltungsnormen« der Welt sind ebenso
ohnmächtig dagegen, wie gegen das Einmaleins oder gegen die chemische Zusammensetzung
des Wassers. Und da der Schatzbildner in der Lage ist, vom Bedürftigen Zinsen
zu erzwingen, so ist mit dem als Geld fungierenden Metallgeld auch der Zinswucher
wiederhergestellt.

Soweit haben wir nur die Wirkungen der Beibehaltung
des Metallgeldes betrachtet innerhalb des Geltungsbereichs der Dühringschen
Wirtschaftskommune. Aber jenseits dieses Bereichs geht die übrige verworfne
Welt einstweilen ihren alten Gang ruhig weiter. Gold und Silber bleiben, auf dem
Weltmarkt,
Weltgeld,
allgemeines Kauf- und Zahlungsmittel, absolut gesellschaftliche
Verkörperung des Reichtums. Und mit dieser Eigenschaft des edlen Metalls
tritt vor die einzelnen Wirtschaftskommunisten ein neues Motiv zur Schatzbildung,
zur Bereicherung, zum Wucher, das Motiv, sich gegenüber der Kommune und jenseits
ihrer Grenzen frei und unabhängig zu bewegen und den aufgehäuften Einzelreichtum
auf dem Weltmarkt zu verwerten. Die Wucherer verwandeln sich in Händler mit
dem Zirkulationsmittel, in Bankiers, in Beherrscher des Zirkulationsmittels und
des Weltgelds, damit in Beherrscher der Produktion und damit in Beherrscher der
Produktionsmittel, mögen diese auch noch jahrelang dem Namen nach als Eigentum
der Wirtschafts- und Handelskommune figurieren. Damit sind aber die in Bankiers
übergegangnen Schatzbildner und Wucherer auch die Herren der Wirtschafts-
und Handelskommune selbst. Die »Sozialität« des Herrn Dühring unterscheidet
sich in der Tat sehr wesentlich von den »Nebelhaftigkeiten« der übrigen Sozialisten.
Sie hat weiter keinen Zweck als die Wiedererzeugung der hohen Finanz, unter deren
Kontrolle und für deren Säckel sie sich tapfer abarbeiten wird - wenn
sie überhaupt zusammenkommt und zusammenhält. Die einzige Rettung für
sie läge darin, daß die Schatzbildner vorzögen, vermittelst ihres
Weltgeldes eiligst aus der Kommune - davonzulaufen.

Bei der in Deutschland herrschenden ausgedehnten Unbekanntschaft mit dem älteren
Sozialismus könnte nun ein unschuldiger Jüngling die Frage aufwerfen,
ob nicht auch z.B. die Owenschen Arbeitsmarken zu einem ähnlichen Mißbrauch
Anlaß geben könnten. Obwohl wir hier nicht die Bedeutung dieser Arbeitsmarken
zu entwickeln haben, so mag doch zur Vergleichung des Dühringschen »umfassenden
Schematismus« mit den »rohen, matten und dürftigen Ideen« Owens folgendes
Platz finden: Erstens wäre zu einem solchen Mißbrauch der Owenschen
Arbeitsmarken ihre Verwandlung in wirkliches Geld nötig, während Herr
Dühring wirkliches Geld voraussetzt, ihm aber verbieten will, anders als
bloße Arbeitsmarke zu fungieren. Während dort wirklicher Mißbrauch
stattfände, setzt sich hier die immanente, vom menschlichen Willen unabhängige
Natur des Geldes durch, setzt das Geld seinen ihm eigentümlichen, richtigen
Gebrauch durch gegenüber dem Mißbrauch, den Herr Dühring ihm aufzwingen
will kraft seiner eignen Unwissenheit über die Natur des Geldes. Zweitens
sind bei Owen

die Arbeitsmarken nur eine Übergangsform
zur vollständigen Gemeinschaft und freien Benutzung der gesellschaftlichen
Ressourcen, nebenbei höchstens noch ein Mittel, dem britischen Publikum den
Kommunismus plausibel zu machen. Wenn also etwelcher Mißbrauch die Owensche
Gesellschaft zur Abschaffung der Arbeitsmarken zwingen sollte, so tut diese Gesellschaft
einen Schritt weiter voran zu ihrem Ziel und tritt in eine vollkommnere Entwicklungsstufe
ein. Schafft dagegen die Dühringsche Wirtschaftskommune das Geld ab, so vernichtet
sie mit einem Schlage ihre »menschheitsgeschichtliche Tragweite«, so beseitigt
sie ihre eigentümlichste Schönheit, hört auf, Dühringsche
Wirtschaftskommune zu sein und sinkt herab zu den Nebelhaftigkeiten, aus denen
sie herauszuheben Herr Dühring soviel saure Arbeit der rationellen Phantasie
aufgewandt hat.
(7)

Woraus entstehn nun alle die sonderbaren Irrungen und Wirrungen, in denen die
Dühringsche Wirtschaftskommune herumfährt? Einfach aus der Nebelhaftigkeit,
die im Kopf des Herrn Dühring die Begriffe von Wert und Geld umhüllt,
und die ihn schließlich dahin treibt, den Wert der Arbeit entdecken zu wollen.
Da aber Herr Dühring keineswegs das Monopol solcher Nebelhaftigkeit für
Deutschland besitzt, im Gegenteil zahlreiche Konkurrenz findet, so wollen wir
»uns einen Augenblick überwinden, das Knäuel aufzulösen«, das er
hier angerichtet hat.

Der einzige Wert, den die Ökonomie kennt, ist der Wert von Waren. Was
sind Waren? Produkte, erzeugt in einer Gesellschaft mehr oder weniger vereinzelter
Privatproduzenten, also zunächst Privatprodukte. Aber diese Privatprodukte
werden erst Waren, sobald sie nicht für den Selbstverbrauch, sondern für
den Verbrauch durch andre, also für den gesellschaftlichen Verbrauch produziert
werden; sie treten ein in den gesellschaftlichen Verbrauch durch den Austausch.
Die Privatproduzenten stehn also in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, bilden
eine Gesellschaft. Ihre Produkte, obwohl Privatprodukte jedes einzelnen, sind
daher gleichzeitig, aber unabsichtlich und gleichsam widerwillig, auch gesellschaftliche
Produkte. Worin besteht nun der gesellschaftliche Charakter dieser Privatprodukte?
Offenbar in zwei Eigenschaften: erstens darin, daß sie alle irgendein menschliches
Bedürfnis befriedigen, einen Gebrauchswert haben nicht nur für den

Produzenten, sondern auch für andre; und zweitens darin, daß sie, obwohl
Produkte der verschiedensten Privatarbeiten, gleichzeitig Produkte menschlicher
Arbeit schlechthin, allgemein menschlicher Arbeit sind. Insofern sie auch für
andre einen Gebrauchswert haben, können sie überhaupt in de Austausch
treten; insofern in ihnen allen allgemein menschliche Arbeit, einfache Aufwendung
menschlicher Arbeitskraft steckt, können sie nach der in einer jeden steckenden
Menge dieser Arbeit miteinander im Austausch verglichen, gleich oder ungleich
gesetzt werden. In zwei gleichen Privatprodukten kann, unter gleichbleibenden
gesellschaftlichen Verhältnissen, ungleich viel Privatarbeit stecken, aber
immer nur gleich viel allgemein menschliche Arbeit. Ein ungeschickter Schmied
kann in derselben Zeit fünf Hufeisen machen, in der ein geschickter zehn
macht. Aber die Gesellschaft verwertet nicht das zufällige Ungeschick des
einen, sie erkennt als allgemein menschliche Arbeit nur Arbeit von jedesmal normalem
Durchschnittsgeschick an. Eins der fünf Hufeisen des ersten hat im Austausch
also nicht mehr Wert als eins der in gleicher Arbeitszeit geschmiedeten zehn des
andern. Nur insofern sie gesellschaftlich notwendig, enthält die Privatarbeit
allgemein menschliche Arbeit.

Indem ich also sage, eine Ware hat diesen bestimmten Wert, sage ich 1. daß
sie ein gesellschaftlich nützliches Produkt ist; 2. daß sie von einer
Privatperson für Privatrechnung produziert ist; 3. daß sie, obwohl
Produkt von Privatarbeit, dennoch gleichzeitig und gleichsam ohne es zu wissen
oder zu wollen, auch Produkt von gesellschaftlicher Arbeit ist, und zwar von einer
bestimmten, auf einem gesellschaftlichen Wege, durch den Austausch festgestellten
Menge derselben; 4. drücke ich diese Menge nicht aus in Arbeit selbst, in
soundso viel Arbeitsstunden, sondern
in einer andern Ware
. Wenn ich also
sage, diese Uhr ist soviel wert wie dies Stück Tuch und jedes von beiden
ist fünfzig Mark wert, so sage ich: in der Uhr, dem Tuch und dem Geld steckt
gleich viel gesellschaftliche Arbeit. Ich konstatiere also, daß die in ihnen
repräsentierte gesellschaftliche Arbeitszeit gesellschaftlich gemessen und
gleichgefunden worden ist. Aber nicht direkt, absolut, wie man sonst Arbeitszeit
mißt, in Arbeitsstunden oder Tagen usw., sondern auf einem Umweg, vermittelst
des Austausches, relativ. Ich kann daher auch dieses festgestellte Quantum Arbeitszeit
nicht in Arbeitsstunden ausdrücken, deren Zahl mir unbekannt bleibt, sondern
ebenfalls nur auf einem Umweg, relativ, in einer andern Ware, die das gleiche
Quantum gesellschaftlicher Arbeitszeit vorstellt. Die Uhr ist soviel wert wie
das Stück Tuch.

Indem aber Warenproduktion und Warenaustausch die auf ihnen beruhende Gesellschaft
zu diesem Umweg zwingen, zwingen sie ebenso zu

seiner möglichsten Verkürzung. Sie sondern aus dem gemeinen Warenpöbel
eine fürstliche Ware aus, in der der Wert aller andern Waren ein für
allemal ausdrückbar ist, eine Ware, die als unmittelbare Inkarnation der
gesellschaftlichen Arbeit gilt und daher gegen alle Waren unmittelbar und unbedingt
austauschbar wird - das Geld. Das Geld ist im Wertbegriff bereits im Keim enthalten,
es ist nur der entwickelte Wert. Aber indem der Warenwert sich, gegenüber
den Waren selbst, verselbständigt im Geld, tritt ein neuer Faktor ein in
die Waren produzierende und austauschende Gesellschaft, ein Faktor mit neuen gesellschaftlichen
Funktionen und Wirkungen. Wir haben dies vorderhand nur festzustellen, ohne näher
darauf einzugehn.

Die Ökonomie der Warenproduktion ist keineswegs die einzige Wissenschaft,
die nur mit relativ bekannten Faktoren zu rechnen hat. Auch in der Physik wissen
wir nicht, wieviel einzelne Gasmoleküle in einem gegebnen Gasvolumen, Druck
und Temperatur ebenfalls gegeben, vorhanden sind. Aber wir wissen, daß,
soweit das Boylesche Gesetz richtig, ein solches gegebnes Volumen irgendwelches
Gases ebensoviel Moleküle enthält, wie ein gleiches Volumen eines beliebigen
andern Gases bei gleichem Druck und gleicher Temperatur. Wir können daher
die verschiedensten Volumen der verschiedensten Gase, unter den verschiedensten
Druck- und Temperaturbedingungen, auf ihren Molekulargehalt vergleichen; und wenn
wir 1 Liter Gas bei 0° C und 760 mm Druck als Einheit annehmen, an dieser Einheit
jenen Molekulargehalt messen. - In der Chemie sind uns die absoluten Atomgewichte
der einzelnen Elemente ebenfalls unbekannt. Aber wir kennen sie relativ, indem
wir ihre gegenseitigen Verhältnisse kennen. Wie also die Warenproduktion
und ihre Ökonomie für die in den einzelnen Waren steckenden, ihr unbekannten
Arbeitsquanta einen relativen Ausdruck erhält, indem sie diese Waren auf
ihren relativen Arbeitsgehalt vergleicht, so verschafft sich die Chemie einen
relativen Ausdruck für die Größe der ihr unbekannten Atomgewichte,
indem sie die einzelnen Elemente auf ihr Atomgewicht vergleicht, das Atomgewicht
des einen in Vielfachen oder Bruchteilen des andern (Schwefel, Sauerstoff, Wasserstoff)
ausdrückt. Und wie die Warenproduktion das Gold zur absoluten Ware, zum allgemeinen
Äquivalent der übrigen Waren, zum Maß aller Werte erhebt, so erhebt
die Chemie den Wasserstoff zur chemischen Geldware, indem sie sein Atomgewicht
= 1 setzt und die Atomgewichte aller übrigen Elemente auf Wasserstoff reduziert,
in Vielfachen seines Atomgewichts ausdrückt.

Die Warenproduktion ist indes keineswegs die ausschließliche Form der
gesellschaftlichen Produktion. In dem altindischen Gemeinwesen, in der südslawischen
Familiengemeinde verwandeln sich die Produkte nicht in

Waren. Die Mitglieder der Gemeinde sind unmittelbar zur Produktion vergesellschaftet,
die Arbeit wird nach Herkommen und Bedürfnis verteilt, die Produkte, soweit
sie zur Konsumtion kommen, ebenfalls. Die unmittelbar gesellschaftliche Produktion
wie die direkte Verteilung schließen allen Warenaustausch aus, also auch
die Verwandlung der Produkte in Waren (wenigstens innerhalb der Gemeinde), und
damit auch ihre Verwandlung in Werte.

Sobald die Gesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel setzt und
sie in unmittelbarer Vergesellschaftung zur Produktion verwendet, wird die Arbeit
eines jeden, wie verschieden auch ihr spezifisch nützlicher Charakter sei,
von vornherein und direkt gesellschaftliche Arbeit. Die in einem Produkt steckende
Menge gesellschaftlicher Arbeit braucht dann nicht erst auf einem Umweg festgestellt
zu werden; die tägliche Erfahrung zeigt direkt an, wieviel davon im Durchschnitt
nötig ist. Die Gesellschaft kann einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden
in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in hundert
Quadratmeter Tuch von bestimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht
einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die sie alsdann
direkt und absolut kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden,
unzulänglichen, früher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem
dritten Produkt auszudrücken und nicht in ihrem natürlichen, adäquaten,
absoluten Maß, der Zeit. Ebensowenig wie es der Chemie einfallen würde,
die Atomgewichte auch dann auf dem Umwege des Wasserstoffatoms relativ auszudrücken,
sobald sie imstande wäre, sie absolut, in ihrem adäquaten Maß
auszudrücken, nämlich in wirklichem Gewicht, in Billiontel oder Quadrilliontel
Gramm. Die Gesellschaft schreibt also unter obigen Voraussetzungen den Produkten
auch keine Werte zu. Sie wird die einfache Tatsache, daß die hundert Quadratmeter
Tuch meinetwegen tausend Arbeitsstunden zu ihrer Produktion erfordert haben, nicht
in der schielenden und sinnlosen Weise ausdrücken, sie seien tausend Arbeitsstunden
wert. Allerdings wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit
jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird den Produktionsplan
einzurichten haben nach den Produktionsmitteln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte
gehören. Die Nutzeffekte der verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen
untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen,
werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach
ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten »Werts«.
(8)

Der Wertbegriff ist der allgemeinste und daher
umfassendste Ausdruck der ökonomischen Bedingungen der Warenproduktion. Im
Wertbegriff ist daher der Keim enthalten, nicht nur des Geldes, sondern auch aller
weiter entwickelten Formen der Warenproduktion und des Warenaustausches. Darin,
daß der Wert der Ausdruck der in den Privatprodukten enthaltnen gesellschaftlichen
Arbeit ist, liegt schon die Möglichkeit der Differenz zwischen dieser und
der im selben Produkt enthaltnen Privatarbeit. Produziert also ein Privatproduzent
nach alter Weise weiter, während die gesellschaftliche Produktionsweise fortschreitet,
so wird ihm diese Differenz empfindlich fühlbar. Dasselbe geschieht, sobald
die Gesamtheit der Privatanfertiger einer bestimmten Warengattung ein den gesellschaftlichen
Bedarf überschießendes Quantum davon produziert. Darin, daß der
Wert einer Ware nur in einer andern Ware ausgedrückt und nur im Austausch
gegen sie realisiert werden kann, liegt die Möglichkeit, daß der Austausch
überhaupt nicht zustande kommt oder doch nicht den richtigen Wert realisiert.
Endlich, tritt die spezifische Ware Arbeitskraft auf den Markt, so bestimmt sich
ihr Wert, wie der jeder andern Ware, nach der zu ihrer Produktion gesellschaftlich
nötigen Arbeitszeit- In der Wertform der Produkte steckt daher bereits im
Keim die ganze kapitalistische Produktionsform, der Gegensatz von Kapitalisten
und Lohnarbeitern, die industrielle Reservearmee, die Krisen. Die kapitalistische
Produktionsform abschaffen wollen durch Herstellung des »wahren Werts« heißt
daher den Katholizismus abschaffen wollen durch die Herstellung des
»
wahren«
Papstes« oder eine Gesellschaft, in der die Produzenten endlich einmal ihr Produkt
beherrschen, herstellen durch konsequente Durchführung einer ökonomischen
Kategorie, die der umfassendste Ausdruck der Knechtung der Produzenten durch ihr
eignes Produkt ist.

Hat die Waren produzierende Gesellschaft die den Waren, als solchen, inhärente
Wertform weiterentwickelt zur Geldform, so brechen bereits verschiedne der im
Wert noch verborgnen Keime an den Tag. Die nächste und wesentlichste Wirkung
ist die Verallgemeinerung der Warenform. Auch den bisher für direkten Selbstverbrauch
produzierten Gegenständen zwingt das Geld Warenform auf, reißt sie
in den Austausch. Damit dringt die Warenform und das Geld ein in den innern Haushalt
der zur Produktion unmittelbar vergesellschafteten Gemeinwesen, bricht ein Band
der

Gemeinschaft nach dem andern und löst
das Gemeinwesen auf in einen Haufen von Privatproduzenten. Das Geld setzt zuerst,
wie in Indien zu sehn, an die Stelle der gemeinsamen Bodenbebauung die Einzelkultur;
später löst es das noch in zeitweilig wiederholter Umteilung zutage
tretende gemeinsame Eigentum am Ackerland auf durch endgültige Aufteilung
(z.B. in den Gehöferschaften an der Mosel), beginnend auch in der russischen
Gemeinde); endlich drängt es zur Verteilung des noch übrigen gemeinsamen
Wald- und Weidebesitzes. Welche andern, in der Entwicklung der Produktion begründeten
Ursachen auch hier mitarbeiten, das Geld bleibt immer das mächtigste Mittel
ihrer Einwirkung auf die Gemeinwesen. Und mit derselben Naturnotwendigkeit müßte
das Geld, allen »Gesetzen und Verwaltungsnormen« zum Trotz, die Dühringsche
Wirtschaftskommune auflösen, käme sie je zustande.

Wir haben bereits oben (Ökonomie, VI) gesehn, daß es ein Widerspruch
in sich selbst ist, von einem Wert der Arbeit zu sprechen. Da Arbeit unter gewissen
gesellschaftlichen Verhältnissen nicht nur Produkte erzeugt, sondern auch
Wert, und dieser Wert durch die Arbeit gemessen wird, so kann sie ebensowenig
einen besondern Wert haben wie die Schwere als solche ein besondres Gewicht oder
die Wärme eine besondre Temperatur. Es ist aber die charakteristische Eigenschaft
aller über den »wahren Wert« grübelnden Sozialkonfusion, sich einzubilden,
der Arbeiter erhalte in der heutigen Gesellschaft nicht den vollen »Wert« seiner
Arbeit und der Sozialismus sei berufen, dem abzuhelfen. Dazu gehört dann
zunächst, auszufinden, was der Wert der Arbeit ist; und diesen findet man,
indem man versucht, die Arbeit nicht an ihrem adäquaten Maß, der Zeit,
zu messen, sondern an ihrem Produkt. Der Arbeiter soll den »vollen Arbeitsertrag«
erhalten. Nicht nur Arbeitsprodukt, sondern Arbeit selbst soll unmittelbar austauschbar
sein gegen Produkt, eine Arbeitsstunde gegen das Produkt einer andren Arbeitsstunde.
Dies hat aber sofort einen sehr »bedenklichen« Haken. Das
ganze Produkt
wird
verteilt. Die wichtigste progressive Funktion der Gesellschaft, die Akkumulation,
wird der Gesellschaft entzogen und in die Hände und die Willkür der
einzelnen gelegt. Die einzelnen mögen mit ihren »Erträgen« machen, was
sie wollen, die Gesellschaft bleibt im besten Fall so reich oder so arm, wie sie
war. Man hat also die in der Vergangenheit akkumulierten Produktionsmittel nur
deshalb in den Händen der Gesellschaft zentralisiert, damit alle in Zukunft
akkumulierten Produktionsmittel wieder in den Händen der einzelnen zersplittert
werden. Man schlägt seinen eignen Voraussetzungen ins Gesicht, man ist angekommen
bei einer puren Absurdität.

Flüssige Arbeit, tätige Arbeitskraft
soll ausgetauscht werden gegen Arbeitsprodukt. Dann ist sie Ware, ebenso wie das
Produkt, wogegen sie ausgetauscht werden soll. Dann wird der Wert dieser Arbeitskraft
bestimmt keineswegs nach ihrem Produkt, sondern nach der in ihr verkörperten
gesellschaftlichen Arbeit, also nach dem heutigen Gesetz des Arbeitslohns.

Aber das soll ja grade nicht sein. Die flüssige Arbeit, die Arbeitskraft
soll austauschbar sein gegen ihr volles Produkt. Das heißt, sie soll austauschbar
sein nicht gegen ihren
Wert
, sondern gegen ihren
Gebrauchswert
;
das Wertgesetz soll für alle andern Waren gelten, aber es soll aufgehoben
sein für die Arbeitskraft. Und diese sich selbst aufhebende Konfusion ist
es, die sich hinter dem »Wert der Arbeit« verbirgt.

Der
»
Austausch von Arbeit gegen Arbeit nach dem Grundsatz der
gleichen Schätzung«, soweit er einen Sinn hat, also die Austauschbarkeit
von Produkten gleicher gesellschaftlichen Arbeit gegeneinander, also das Wertgesetz,
ist das Grundgesetz grade der Warenproduktion, also auch der höchsten Form
derselben, der kapitalistischen Produktion. Es setzt sich in der heutigen Gesellschaft
durch in derselben Weise, in der allein ökonomische Gesetze in einer Gesellschaft
von Privatproduzenten sich durchsetzen können: als in den Dingen und Verhältnissen
liegendes, vom Wollen oder Laufen der Produzenten unabhängiges, blind wirkendes
Naturgesetz. Indem Herr Dühring dies Gesetz zum Grundgesetz seiner Wirtschaftskommune
erhebt und verlangt, daß diese es mit vollem Bewußtsein durchführen
soll, macht er das Grundgesetz der bestehenden Gesellschaft zum Grundgesetz seiner
Phantasiegesellschaft. Er will die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Mißstände.
Er bewegt sich dabei ganz auf demselben Boden wie Proudhon. Wie dieser will er
die Mißstände, die aus der Entwicklung der Warenproduktion zur kapitalistischen
Produktion entstanden sind, beseitigen, indem er ihnen gegenüber das Grundgesetz
der Warenproduktion geltend macht, dessen Betätigung grade diese Mißstände
erzeugt hat. Wie Proudhon will er die wirklichen Konsequenzen des Wertgesetzes
aufheben durch phantastische.

Wie stolz er aber auch hinausreite, unser moderner Don Quijote, auf seiner
edlen Rosinante, dem
»
universellen Prinzip der Gerechtigkeit«,
und gefolgt von seinem wackern Sancho Pansa Abraham Enß, auf der irrenden
Ritterfahrt zur Eroberung des Helms des Mambrin, des »Werts der Arbeit« - wir
fürchten, wir fürchten, er bringt nichts heim, als das alte bekannte
Barbierbecken.

## V. Staat, Familie, Erziehung

Mit den beiden vorigen Abschnitten hätten
wir nun den ökonomischen Inhalt der »neuen sozialitären Gebilde« des
Herrn Dühring so ziemlich erschöpft. Höchstens wäre noch zu
bemerken, daß »die universelle Weite des geschichtlichen Umblicks« ihn keineswegs
verhindert, seine Spezialinteressen wahrzunehmen, auch abgesehn von der bekannten
mäßigen Mehrkonsumtion. Da die alte Teilung der Arbeit in der Sozialität
fortbesteht, wird die Wirtschaftskommune außer mit Architekten und Karrenschiebern
auch mit Literaten von Profession zu rechnen haben, wobei dann die Frage entsteht,
wie es alsdann mit dem Autorrecht gehalten werden soll. Diese Frage beschäftigt
Herrn Dühring mehr als jede andre. Überall, z.B. bei Gelegenheit von
Louis Blanc und Proudhon, gerät das Autorrecht dem Leser zwischen die Beine,
um endlich auf neun Seiten des »Cursus« des breitern breitgetreten und in der
Form einer mysteriösen »Arbeitsbelohnung« - ob mit oder ohne mäßige
Mehrkonsumtion wird nicht gesagt - glücklich in den Hafen der Sozialität
hinübergerettet zu werden. Ein Kapitel über die Stellung der Flöhe
im natürlichen System der Gesellschaft wäre ebenso angebracht gewesen
und jedenfalls weniger langweilig.

Über die Staatsordnung der Zukunft gibt die »Philosophie« ausführliche
Vorschriften. Hier hat Rousseau, obwohl »der einzige bedeutende Vorgänger»
des Herrn Dühring, dennoch den Grund nicht tief genug gelegt; sein tieferer
Nachfolger hilft dem gründlich ab, indem er den Rousseau aufs alleräußerste
verwässert und mit ebenfalls zu breiter Bettelsuppe verkochten Abfällen
der Hegelschen Rechtsphilosophie versetzt. »Die Souveränetät des Individuums«
bildet die Grundlage des Dühringschen Zukunftsstaats; sie soll in der Herrschaft
der Majorität nicht unterdrückt werden, sondern erst recht kulminieren.
Wie geht das zu? Sehr einfach.

»Wenn man in allen Richtungen Übereinkünfte eines jeden mit jedem
andern voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige Hülfeleistung
gegen ungerechte Verletzungen zum Gegenstand haben - alsdann wird nur die Macht
zur Aufrechterhaltung des Rechts verstärkt und aus keiner bloßen Übergewalt
der Menge über den einzelnen oder der Mehrheit über die Minderheit ein
Recht abgeleitet.«

Mit solcher Leichtigkeit setzt die lebendige Kraft des wirklichkeitsphilosophischen
Hokuspokus über die unpassierbarsten Hindernisse hinweg und wenn der Leser
meint, er sei hiernach nicht klüger als zuvor, so antwortet ihm Herr Dühring,
er möge die Sache nur ja nicht so leicht nehmen, denn

»der
geringste Fehlgriff
in der
Auffassung der Rolle des Gesamtwillens würde die Souveränetät des
Individuums
vernichten
, und diese Souveränetät ist es allein,
was (!) zur Ableitung wirklicher Rechte führt«.

Herr Dühring behandelt sein Publikum ganz wie es verdient, wenn er es
zum besten hält. Er konnte sogar noch bedeutend dicker auftragen; die Studiosen
der Wirklichkeitsphilosophie hätten es doch nicht gemerkt.

Die Souveränität des Individuums besteht nun wesentlich darin, daß

»der einzelne dem Staat gegenüber in
absoluter Weise gezwungen

wird«, dieser Zwang aber sich nur insoweit rechtfertigen kann, als er »wirklich
der natürlichen Gerechtigkeit dient«. Zu diesem Zweck wird es »Gesetzgebung
und Richtertum« geben, aber sie »müssen bei der Gesamtheit bleiben«; ferner
einen Wehrbund, der sich im »Zusammenstehn im Heere oder in einer zum innern Sicherheitsdienste
gehörigen Exekutivabteilung« äußert,

also auch Armee, Polizei, Gensdarmen. Herr Dühring hat sich zwar schon
so oft als braver Preuße bewährt; hier beweist er seine Ebenbürtigkeit
mit jenem Musterpreußen, der nach dem weiland Minister von Rochow »seinen
Gensdarmen in der Brust trägt«. Diese Zukunftsgensdarmrie wird aber nicht
so gefährlich sein, wie die heutigen »Zarucker«. Was sie auch an dem souveränen
Individuum verüben möge, dieses hat immer
einen Trost
:

»das Recht oder Unrecht, welches ihm alsdann, je nach den Umständen, von
seiten der freien Gesellschaft widerfährt, kann nie
etwas Schlimmeres

sein, als was auch der
Naturzustand
mit sich bringen würde«!

Und dann, nachdem Herr Dühring uns noch einmal über sein unvermeidliches
Autorrecht hat stolpern lassen, versichert er uns, es werde in seiner Zukunftswelt
eine

»selbstverständlich völlig freie und allgemeine Advokatur«

geben. »Die heute erdachte freie Gesellschaft« wird immer gemischter. Architekten,
Karrenschieber, Literaten, Gensdarmen, und nun auch noch Advokaten! Dies »solide
und kritische Gedankenreich« gleicht aufs Haar den verschiednen Himmelreichen
der verschiednen Religionen, in denen der Gläubige immer das verklärt
wiederfindet, was ihm sein irdisches Leben versüßt hat. Und Herr Dühring
gehört ja dem Staate an, wo »jeder nach seiner Fasson selig werden kann«.
Was wollen wir mehr?

Was wir wollen mögen, ist indes hier gleichgültig. Es kommt darauf
an, was Herr Dühring will. Und dieser unterscheidet sich von Friedrich II.
dadurch, daß im Dühringschen Zukunftsstaat keineswegs jeder nach seiner
Fasson selig werden kann. In der Verfassung dieses Zukunftsstaats heißt
es:

»In der freien Gesellschaft kann es
keinen Kultus geben; denn von jedem ihrer Glieder ist die kindische Ureinbildung
überwunden, daß es hinter oder über der Natur Wesen gebe, auf
die sich durch Opfer oder Gebete wirken lasse.« Ein »richtig verstandnes Sozialitätssystem
hat daher ... alle Zurüstungen zur geistlichen Zauberei und mithin alle wesentlichen
Bestandteile der Kulte abzutun«.

Die Religion wird verboten.

Nun ist alle Religion nichts andres als die phantastische Widerspiegelung,
in den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern Mächte, die
ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspiegelung, in der die irdischen
Mächte die Form von überirdischen annehmen. In den Anfängen der
Geschichte sind es zuerst die Mächte der Natur, die diese Rückspiegelung
erfahren und in der weitern Entwicklung bei den verschiednen Völkern die
mannigfachsten und buntesten Personifikationen durchmachen. Dieser erste Prozeß
ist wenigstens für die indoeuropäischen Völker durch die vergleichende
Mythologie bis auf seinen Ursprung in den indischen Vedas zurückverfolgt
und in seinem Fortgang bei Indern, Persern, Griechen, Römern, Germanen und,
soweit das Material reicht, auch bei Kelten, Litauern und Slawen im einzelnen
nachgewiesen worden. Aber bald treten neben den Naturmächten auch gesellschaftliche
Mächte in Wirksamkeit, Mächte, die den Menschen ebenso fremd und im
Anfang ebenso unerklärlich gegenüber stehn, sie mit derselben scheinbaren
Naturnotwendigkeit beherrschen wie die Naturmächte selbst. Die Phantasiegestalten,
in denen sich anfangs nur die geheimnisvollen Kräfte der Natur widerspiegelten,
erhalten damit gesellschaftliche Attribute, werden Repräsentanten geschichtlicher
Mächte.
(9)
Auf einer noch
weitern Entwicklungsstufe werden sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen
Attribute der vielen Götter auf Einen allmächtigen Gott übertragen,
der selbst wieder nur der Reflex des abstrakten Menschen ist. So entstand der
Monotheismus, der geschichtlich das letzte Produkt der spätern griechischen
Vulgärphilosophie war und im jüdischen ausschließlichen Nationalgott
Jahve seine Verkörperung vorfand. In dieser bequemen, handlichen und allem
anpaßbaren Gestalt kann die Religion fortbestehn als unmittelbare, das heißt
gefühlsmäßige Form des Verhaltens der Menschen

zu den sie beherrschenden fremden, natürlichen und gesellschaftlichen Mächten,
solange die Menschen unter der Herrschaft solcher Mächte stehn Wir haben
aber mehrfach gesehn, daß in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft
die Menschen von den von ihnen selbst geschaffnen ökonomischen Verhältnissen,
von den von ihnen selbst produzierten Produktionsmitteln wie von einer fremden
Macht beherrscht werden. Die tatsächliche Grundlage der religiösen Reflexaktion
dauert also fort und mit ihr der religiöse Reflex selbst. Und wenn auch die
bürgerliche Ökonomie eine gewisse Einsicht in den ursächlichen
Zusammenhang dieser Fremdherrschaft eröffnet, so ändert dies der Sache
nach nichts. Die bürgerliche Ökonomie kann weder die Krisen im ganzen
verhindern noch den einzelnen Kapitalisten vor Verlusten, schlechten Schulden
und Bankrott oder den einzelnen Arbeiter vor Arbeitslosigkeit und Elend schützen.
Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft
der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt. Die bloße Erkenntnis, und
ginge sie weiter und tiefer als die der bürgerlichen Ökonomie, genügt
nicht, um gesellschaftliche Mächte der Herrschaft der Gesellschaft zu unterwerfen.
Dazu gehört vor allem eine gesellschaftliche Tat. Und wenn diese Tat vollzogen,
wenn die Gesellschaft durch Besitzergreifung und planvolle Handhabung der gesamten
Produktionsmittel sich selbst und alle ihre Mitglieder aus der Knechtung befreit
hat, in der sie gegenwärtig gehalten werden durch diese von ihnen selbst
produzierten, aber ihnen als übergewaltige fremde Macht gegenüberstehenden
Produktionsmittel, wenn der Mensch also nicht mehr bloß denkt, sondern auch
lenkt, dann erst verschwindet die letzte fremde Macht, die sich jetzt noch in
der Religion widerspiegelt, und damit verschwindet auch die religiöse Widerspiegelung
selbst, aus dem einfachen Grunde, weil es dann nichts mehr widerzuspiegeln gibt.

Herr Dühring dagegen kann es nicht abwarten, bis die Religion dieses ihres
natürlichen Todes verstirbt. Er verfährt wurzelhafter. Er überbismarckt
den Bismarck; er dekretiert verschärfte Maigesetze, nicht bloß gegen
den Katholizismus, sondern gegen alle Religion überhaupt; er hetzt seine
Zukunftsgensdarmen auf die Religion und verhilft ihr damit zum Märtyrertum
und zu einer verlängerten Lebensfrist. Wohin wir blicken, spezifisch preußischer
Sozialismus.

Nachdem Herr Dühring so die Religion glücklich vernichtet,

»kann nun der allein auf sich und die Natur gestellte und zur Erkenntnis seiner
Kollektivkräfte gereifte Mensch kühn alle Wege einschlagen, die ihm
der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen eröffnen«.

Betrachten wir nun zur Abwechslung, welchen
»Lauf der Dinge« der auf sich selbst gestellte Mensch an der Hand des Herrn Dühring
kühn einschlagen kann.

Der erste Lauf der Dinge, wodurch der Mensch auf sich selbst gestellt wird, ist der, geboren zu werden. Dann bleibt er

für die Zeit der natürlichen Unmündigkeit der »natürlichen
Erzieherin der Kinder«, der Mutter anvertraut. »Diese Periode mag, wie im alten
römischen Recht, bis zur Pubertät, also etwa bis zum vierzehnten Jahr
reichen.« Nur wo ungezogene ältere Knaben das Ansehn der Mutter nicht gehörig
respektieren, wird der väterliche Beistand, namentlich aber die öffentlichen
Erziehungsvorkehrungen diesen Mangel unschädlich machen. Mit der Pubertät
tritt das Kind unter »die natürliche Vormundschaft des Vaters«, wenn nämlich
ein solcher mit »unbestrittner wirklicher Vaterschaft« vorhanden ist; andernfalls
stellt die Gemeinde einen Vormund.

Wie Herr Dühring sich früher vorstellte, man könne die kapitalistische
Produktionsweise durch die gesellschaftliche ersetzen, ohne die Produktion selbst
umzugestalten, so bildet er sich hier ein, man könne die modern-bürgerliche
Familie von ihrer ganzen ökonomischen Grundlage losreißen, ohne dadurch
ihre ganze Form zu verändern. Diese Form ist für ihn so unwandelbar,
daß er sogar das »alte römische Recht«, wenn auch in etwas »veredelter«
Gestalt, für die Familie in alle Ewigkeit maßgebend macht und sich
eine Familie nur als »vererbende«, das heißt als besitzende Einheit vorstellen
kann. Die Utopisten stehn hier weit über Herrn Dühring. Ihnen war mit
der freien Vergesellschaftung der Menschen und der Verwandlung der häuslichen
Privatarbeit in eine öffentliche Industrie auch die Vergesellschaftung der
Jugenderziehung und damit ein wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der
Familienglieder unmittelbar gegeben. Und ferner hat bereits Marx (Kapital, Seite
515 u.f. |Siehe Karl Marx: »Das Kapital« Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke,
Bd. 23, S. 514
|) nachgewiesen,
wie »die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern,
jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten
Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue
ökonomische Grundlage schafft für eine höhere Form der Familie
und des Verhältnisses beider Geschlechter«.

»Jeder sozialreformatorische Phantast«, sagt Herr Dühring, »hat natürlich
die seinem neuen sozialen Leben entsprechende Pädagogik in Bereitschaft.«

An diesem Satze gemessen, erscheint Herr Dühring als »ein wahres Monstrum«
unter den sozialreformatorischen Phantasten. Die Zukunftsschule

beschäftigt ihn mindestens ebensoviel wie das Autorrecht, und das will wahrhaftig
viel sagen. Nicht nur für die ganze »absehbare Zukunft« hat er Schulplan
und Universitätsplan fix und fertig, sondern auch für die Übergangsperiode.
Beschränken wir uns indes darauf, was der Jugend beiderlei Geschlechts in
der endgültigen Sozialität letzter Instanz beigebracht werden soll.

Die allgemeine Volksschule bietet

»alles, was an sich selbst und prinzipiell für den Menschen einen Reiz
haben kann«, also namentlich die »Grundlagen und Hauptergebnisse aller die Welt-
und Lebensansichten berührenden Wissenschaften«. Sie lehrt also vor allem
Mathematik und zwar so, daß der Kreis aller prinzipiellen Begriffe und Mittel
vom einfachen Zählen und Addieren bis zur Integralrechnung »vollständig
durchmessen« wird.

Das heißt aber nicht, daß in dieser Schule wirklich differenziert
und integriert werden soll, im Gegenteil. Es sollen vielmehr dort ganz neue Elemente
der Gesamtmathematik gelehrt werden, die sowohl die gewöhnliche elementare,
wie auch die höhere Mathematik im Keime in sich enthalten. Obwohl nun Herr
Dühring von sich behauptet, auch schon

»den Inhalt der Lehrbücher« dieser Zukunftsschule »in seinen Hauptzügen
schematisch vor Augen«

zu haben, so hat es ihm doch leider bis jetzt nicht gelingen wollen, diese

»Elemente der gesamten Mathematik«

zu entdecken; und was er nicht leisten kann, das

»ist auch wirklich erst von den freien und gesteigerten Kräften des neuen
Gesellschaftszustandes zu erwarten«.

Wenn aber die Trauben der Zukunftsmathematik einstweilen noch sehr sauer sind,
so wird die Astronomie, Mechanik und Physik der Zukunft desto weniger Schwierigkeiten
machen und

»den Kern aller Schulung abgeben«, während »Pflanzen- und Tierkunde, mit
ihrer, trotz aller Theorien, noch immer vornehmlich beschreibenden Art und Weise
... mehr zur leichtern Unterhaltung« dienen werden.

So steht's gedruckt, Philosophie«, Seite 417. Herr Dühring kennt bis auf
den heutigen Tag keine andre als eine vornehmlich beschreibende Pflanzen- und
Tierkunde. Die ganze organische Morphologie, die die vergleichende Anatomie, Embryologie
und Paläontologie der organischen Welt umfaßt, ist ihm selbst dem Namen
nach unbekannt. Während hinter seinem Rücken im Bereich der Biologie
ganz neue Wissenschaften fast zu Dutzenden

entstehn,
holt sein kindliches Gemüt sich noch immer die »eminent modernen Bildungselemente
der naturwissenschaftlichen Denkweise« aus Raffs »Naturgeschichte für Kinder«,
und oktroyiert diese Verfassung der organischen Welt ebenfalls der ganzen »absehbaren
Zukunft«. Die Chemie ist, wie gewöhnlich bei ihm, auch hier total vergessen
worden.

Für die ästhetische Seite des Unterrichts wird Herr Dühring
alles neu zu beschaffen haben. Die bisherige Poesie taugt dazu nicht. Wo alle
Religion verboten ist, kann die bei den frühern Poeten übliche »Zurichtung
mythologischer oder sonst religiöser Art« selbstredend nicht in der Schule
geduldet werden. Auch der »poetische Mystizismus, wie ihn z.B. Goethe stark gepflegt
hat«, ist verwerflich. Herr Dühring wird sich also selbst entschließen
müssen, uns jene dichterischen Meisterwerke zu liefern, die »den höhern
Ansprüchen einer mit dem Verstande ausgeglichenen Phantasie entsprechen«
und das echte Ideal darstellen, welches »die Vollendung der Welt bedeutet«. Möge
er nicht damit zaudern. Welterobernd kann die Wirtschaftskommune erst wirken,
sobald sie in dem mit dem Verstand ausgeglichnen Sturmschritt des Alexandriners
einherwandelt.

Mit der Philologie wird der heranwachsende Zukunftsbürger nicht viel geplagt
werden.

»Die toten Sprachen kommen ganz in Wegfall ... die fremden lebenden Sprachen
aber werden ... etwas Nebensächliches bleiben.« Nur wo der Verkehr unter
den Völkern sich auf die Bewegung der Volksmassen selbst erstreckt, sollen
sie jedem in leichter Weise, je nach Bedürfnis, zugänglich gemacht werden.
»Die wirklich bildende Sprachschulung« wird gefunden in einer Art allgemeiner
Grammatik und namentlich in »Stoff und Form der eignen Sprache«.

Die nationale Borniertheit der heutigen Menschen ist noch viel zu kosmopolitisch
für Herrn Dühring. Er will auch noch die beiden Hebel abschaffen, die
in der heutigen Welt wenigstens die Gelegenheit zur Erhebung über den beschränkten
nationalen Standpunkt bieten: die Kenntnis der alten Sprachen, die wenigstens
den klassisch gebildeten Leuten aller Völker einen gemeinsamen erweiterten
Horizont eröffnet, und die Kenntnis der neuern Sprachen, vermittelst deren
die Leute der verschiednen Nationen allein untereinander sich verständigen
und sich mit dem bekannt machen können, was außerhalb ihrer eignen
Grenzen vorgeht. Dagegen soll die Grammatik der Landessprache gründlich eingepaukt
werden. »Stoff und Form der eignen Sprache« sind aber nur dann verständlich,
wenn man ihre Entstehung und allmähliche Entwicklung verfolgt, und dies ist
nicht möglich ohne Berücksichtigung erstens ihrer eignen abgestorbnen
Formen und zweitens der verwandten lebenden und toten Sprachen. Damit sind wir
aber wieder auf

dem ausdrücklich verbotnen
Gebiet. Wenn aber hiermit Herr Dühring die ganze moderne historische Grammatik
aus seinem Schulplan ausstreicht, so bleibt ihm nichts für den Sprachunterricht
als die altfränkische, ganz im Stil der alten klassischen Philologie zugestutzte,
technische Grammatik mit allen ihren, auf dem Mangel an geschichtlicher Grundlage
beruhenden Kasuistereien und Willkürlichkeiten. Der Haß gegen die alte
Philologie bringt ihn dazu, das allerschlechteste Produkt der alten Philologie
zum »Mittelpunkt der wirklich bildenden Sprachschulung« zu erheben. Man sieht
klar, daß wir es mit einem Sprachgelehrten zu tun haben, der von der ganzen,
seit sechzig Jahren so gewaltig und so erfolgreich entwickelten historischen Sprachforschung
nie reden gehört hat, und der daher »die eminent modernen Bildungselemente«
der Sprachschulung nicht sucht bei Bopp, Grimm und Diez, sondern bei Heyse und
Becker seligen Andenkens.

Mit allem diesem wäre aber der angehende Zukunftsbürger noch lange
nicht »auf sich selbst gestellt«. Hierzu gehört wieder eine tiefere Grundlegung,
vermittelst der

»Aneignung der letzten philosophischen Grundlagen«. »Eine solche Vertiefung
wird aber ... nichts weniger als eine Riesenaufgabe bleiben«, seitdem Herr Dühring
hier reine Bahn gemacht hat. In der Tat, »säubert man das wenige strenge
Wissen, dessen sich die allgemeine Schematik des Seins rühmen kann, von den
falschen, scholastischen Verschnörkelungen, und entschließt man sich,
überall nur die« von Herrn Dühring »beglaubigte Wirklichkeit gelten
zu lassen«, so ist die Elementarphilosophie auch der Zukunftsjugend vollständig
zugänglich gemacht. »Man erinnere sich der
höchst einfachen Wendungen
,
mit denen wir den Unendlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer bisher ungekannten
Tragweite verholfen haben« - so ist »gar nicht abzusehn, warum die durch die gegenwärtige
Vertiefung und Verschärfung so einfach gestalteten Elemente der universellen
Raum- und Zeitauffassung nicht schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse
übergehn sollten ... die wurzelhaftesten Gedanken« des Herrn Dühring
»dürfen in der universellen Bildungssystematik der neuen Gesellschaft keine
Nebenrolle spielen«. Der sich selbst gleiche Zustand der Materie und die abgezählte
Unzahl sind im Gegenteil dazu berufen, den Menschen »nicht nur auf eignen Füßen
stehn, sondern auch aus sich selbst wissen zu lassen, daß er das sogenannte

Absolute unter den Füßen hat
«.

Die Volksschule der Zukunft, wie man sieht, ist nichts als eine etwas »veredelte«
preußische Pennalia, auf der Griechisch und Lateinisch durch etwas mehr
reine und angewandte Mathematik und namentlich durch die Elemente der Wirklichkeitsphilosophie
ersetzt und der deutsche Unterricht wieder auf Becker selig, also etwa bis auf
Tertia heruntergebracht wird. Es ist in der Tat »gar nicht abzusehn«, warum die
nunmehr von uns auf allen vor ihm berührten Gebieten als höchst schülerhaft
nachgewiesenen »Kenntnisse« des Herrn Dühring
oder vielmehr, was nach vorgängiger gründlicher »Säuberung« überhaupt
von ihnen übrigbleibt, nicht samt und sonders »schließlich in die Reihe
der Vorkenntnisse übergehn sollten«, sintemal sie diese Reihe in Wirklichkeit
nie verlassen haben. Freilich hat Herr Dühring auch etwas davon läuten
gehört, daß in der sozialistischen Gesellschaft Arbeit und Erziehung
verbunden und dadurch eine vielseitige technische Ausbildung, sowie eine praktische
Grundlage für die wissenschaftliche Erziehung gesichert werden solle; auch
dieser Punkt wird daher für die Sozialität in üblicher Weise dienstbar
gemacht. Da aber, wie wir sahen, die alte Arbeitsteilung in der Dühringschen
Zukunftsproduktion im wesentlichen ruhig fortbesteht, so ist dieser technischen
Schulbildung jede spätere praktische Anwendung, jede Bedeutung für die
Produktion selbst, abgeschnitten, sie hat eben nur einen Schulzweck: sie soll
die Gymnastik ersetzen, von der unser wurzelhafter Urnwälzer nichts wissen
will. Er kann uns daher auch nur ein paar Phrasen bieten, wie z. B.:

»die Jugend und das Alter arbeiten im ernsten Sinne des Worts«.

Wahrhaft jammervoll aber erscheint diese haltungslose und inhaltslose Kannegießerei,
wenn man sie vergleicht mit der Stelle im »Kapital«, Seite 508 bis 519 |Siehe
Karl Marx: »Das Kapital«, Bd. I, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd.
23, S. 507-514
|, wo Marx den Satz entwickelt, daß »aus dem Fabriksystem,
wie man im Detail bei Robert Owen verfolgen kann, der Keim der Erziehung der Zukunft
entsproß, welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive
Arbeit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird, nicht nur als eine Methode
zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, sondern als die einzige Methode
zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen«.

Übergehn wir die Universität der Zukunft, in der die Wirklichkeitsphilosophie
den Kern alles Wissens bilden wird und in der neben der medizinischen auch die
juristische Fakultät in voller Blüte fortbesteht; übergehn wir
auch die »speziellen Fachanstalten«. von denen wir bloß erfahren, daß
sie nur »für ein paar Gegenstände« gelten sollen. Nehmen wir an, der
junge Zukunftsbürger sei nach Absolvierung aller Schulkurse endlich soweit
»auf sich gestellt«, daß er sich nach einer Frau umsehn kann. Welchen Lauf
der Dinge eröffnet ihm hier Herr Dühring?

»Angesichts der Bedeutsamkeit der Fortpflanzung für Festhaltung,
Ausmerzung und Mischung sowie sogar für neue gestaltende Entwicklung von
Eigenschaften, muß man die letzten Wurzeln des Menschlichen oder Unmenschlichen
zu einem großen

Teil in der geschlechtlichen
Gesellung und Auswahl und überdies noch in der Sorge für oder gegen
einen bestimmten Ausfall der Geburten suchen. Das Gericht über die Wüstheit
und Stumpfheit, welche in diesem Gebiet herrschen, muß praktisch einer spätern
Epoche überlassen bleiben. Jedoch ist wenigstens soviel von vornherein auch
unter dem Druck der Vorurteile begreiflich zu machen, daß weit mehr als
die Zahl, sicherlich die der Natur oder menschlichen Umsicht gelungne oder mißlungne
Beschaffenheit der Geburten in Anschlag kommen muß. Ungeheuer sind allerdings
zu allen Zeiten und unter allen Rechtszuständen der Vernichtung anheimgegeben
worden; aber die Stufenleiter vom Regelrechten bis zur Verzerrung in das nicht
mehr Menschenähnliche hat viele Sprossen ... Wird dem Entstehn eines Menschen
vorgebeugt, der doch nur ein schlechtes Erzeugnis werden würde, so ist diese
Tatsache offenbar ein Vorteil.«

Ebenso heißt es an einer andern Stelle:

»Der philosophischen Betrachtung kann es nicht schwerfallen, das Recht der
ungebornen Welt auf eine möglichst gute Komposition ... zu begreifen ...
Die Konzeption und allenfalls auch noch die Geburt bieten die Gelegenheit dar,
um in dieser Beziehung eine vorbeugende oder ausnahmsweise auch sichtende Fürsorge
eintreten zu lassen.«

Und ferner:

»Die griechische Kunst, den Menschen in Marmor zu idealisieren, wird nicht
das gleiche geschichtliche Gewicht behalten können, sobald die weniger künstlerisch
spielende und daher für das Lebensschicksal der Millionen weit ernstere Aufgabe
in die Hand genommen wird, die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu vervollkommnen.
Diese Art Kunst ist keine bloß steinerne, und ihre Ästhetik betrifft
nicht die Anschauung toter Formen« usw.

Unser angehender Zukunftsbürger fällt aus den Wolken. Daß es
sich beim Heiraten um keine bloß steinerne Kunst handelt, auch nicht um
die Anschauung toter Formen, das wußte er allerdings auch ohne Herrn Dühring;
aber dieser hatte ihm ja versprochen, er könne alle Wege einschlagen, die
ihm der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen eröffnen, um ein mitempfindendes
weibliches Herz samt dazugehörigem Körper zu finden. Keineswegs, donnert
ihm jetzt die »tiefere und strengere Moralität« entgegen. Es handelt sich
zuerst darum, die Wüstheit und Stumpfheit abzulegen, die auf dem Gebiet der
geschlechtlichen Gesellung und Auswahl herrschen, und dem Recht der neugebornen
Welt auf eine möglichst gute Komposition Rechnung zu tragen. Es handelt sich
für ihn in diesem feierlichen Moment darum, die Menschenbildung in Fleisch
und Blut zu vervollkommnen, sozusagen ein Phidias in Fleisch und Blut zu werden.
Wie das anfangen? Die obigen mysteriösen Äußerungen des Herrn
Dühring

geben ihm nicht die geringste Anleitung
dazu, obwohl dieser selbst sagt, es sei eine »Kunst«. Sollte Herr Dühring
vielleicht auch schon ein Handbuch zu dieser Kunst »schematisch vor Augen« haben,
ähnlich etwa wie deren so mancherlei heutzutage verklebt im deutschen Buchhandel
umlaufen? In der Tat befinden wir uns hier schon nicht mehr in der Sozialität,
sondern vielmehr in der »Zauberflöte«, nur daß der behäbige Freimaurerpfaff
Sarastro kaum als ein »Priester zweiter Klasse« gelten kann, gegenüber unserm
tiefern und strengern Moralisten. Die Proben, die jener mit seinem Liebespärchen
von Adepten vornahm, sind ein wahres Kinderspiel gegen die Schauerprüfung,
die Herr Dühring seinen beiden souveränen Individuen aufnötigt,
ehe er ihnen gestattet, in den Stand der »sittlichen und freien Ehe« zu treten.
So kann es ja vorkommen, daß unser »auf sich selbst gestellter« Zukunfts-Tamino
zwar das sogenannte Absolute unter den Füßen hat, einer dieser Füße
aber um ein paar Leitersprossen vom Regelrechten abweicht, so daß böse
Zungen ihn einen Klumpfuß nennen. Auch liegt es im Bereich der Möglichkeit,
daß seine herzallerliebste Zukunfts-Pamina auf besagtem Absoluten nicht
ganz grade steht, infolge einer leichten Verschiebung zugunsten der rechten Schulter,
die der Neid sogar für ein gelindes Buckelchen ausgibt. Was dann? Wird unser
tieferer und strengerer Sarastro ihnen verbieten, die Kunst der Menschenvervollkommnung
in Fleisch und Blut zu praktizieren, wird er seine »vorbeugende Fürsorge«
bei der »Konzeption« oder seine »sichtende« bei der Geburt« geltend machen? Zehn
gegen eins, die Dinge verlaufen anders; das Liebespärchen läßt
Sarastro-Dühring stehn und geht zum Standesbeamten.

Halt! ruft Herr Dühring. So war es nicht gemeint. Laßt doch mit
euch reden.

Bei den »höhern, echt menschlichen Beweggründen der heilsamen Geschlechtsverbindungen
... ist die menschlich veredelte Gestalt der Geschlechtserregung, deren Steigerung
sich als
leidenschaftliche Liebe kundgibt
, in ihrer Doppelseitigkeit die
beste Bürgschaft für die auch in ihrem Ergebnis zuträgliche Verbindung
... es ist nur eine Wirkung zweiter Ordnung, daß aus einer an sich harmonischen
Beziehung auch ein Erzeugnis von zusammenstimmendem Gepräge hervorgehe. Heraus
folgt wiederum, daß jeder Zwang schädlich wirken muß« usw.

Und hiermit erledigt sich alles aufs schönste in der schönsten der
Sozialitäten. Klumpfuß und Buckelchen lieben einander leidenschaftlich
und bieten daher auch in ihrer Doppelseitigkeit die beste Bürgschaft für
eine harmonische »Wirkung zweiter Ordnung«, es geht wie im Roman, sie lieben sich,
sie kriegen sich, und all die tiefere und strengere Moralität verläuft
wie gewöhnlich in harmonischem Larifari.

Welche noblen Vorstellungen Herr Dühring
überhaupt vom weiblichen Geschlecht hat, ergibt sich aus folgender Anklage
gegen die heutige Gesellschaft:

»Die Prostitution gilt in der auf Verkauf des Menschen an den Menschen gegründeten
Unterdrückungsgesellschaft als selbstverständliche Ergänzung der
Zwangsehe zugunsten der Männer, und es ist eine der begreiflichsten, aber
auch
bedeutungsvollsten
Tatsachen,
daß es etwas Ähnliches
für die Frauen nicht geben kann
.«

Den Dank, der Herrn Dühring für dies Kompliment von seiten der Frauen
zuteil werden dürfte, möchte ich nicht um alles in der Welt einheimsen.
Sollte indes Herrn Dühring die nicht mehr ganz ungewöhnliche Einkünfteart
der Schürzenstipendien gänzlich unbekannt sein? Und Herr Dühring
ist doch selbst Referendar gewesen und wohnt in Berlin, wo doch schon zu meiner
Zeit, vor sechsunddreißig Jahren, um von den Lieutenants nicht zu reden,
Referendarius sich oft genug reimte auf Schürzenstipendarius!

*

Man gestatte uns, von unserm Gegenstand, der sicher oft trocken und trist genug
war, in versöhnend-heiterer Weise Abschied zu nehmen. Solange wir die einzelnen
Fragepunkte abzuhandeln hatten, war das Urteil gebunden durch die objektiven,
unbestreitbaren Tatsachen; es mußte nach diesen Tatsachen oft genug scharf
und selbst hart ausfallen. Jetzt, wo Philosophie, Ökonomie und Sozialität
hinter uns liegen, wo das Gesamtbild des Schriftstellers vor uns steht, den wir
im einzelnen zu beurteilen hatten, jetzt können menschliche Rücksichten
in den Vordergrund treten; jetzt wird es uns gestattet, manche sonst unbegreifliche
wissenschaftliche Abirrungen und Überhebungen zurückzuführen auf
persönliche Ursachen, und unser Gesamturteil über Herrn Dühring
zusammenzufassen in den Worten:
Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn.

Anmerkungen von Friedrich Engels

(1)
Es braucht hier nicht auseinandergesetzt zu
werden, daß, wenn auch die Aneignungs
form
dieselbe bleibt, der
Charakter

der Aneignung durch den oben geschilderten Vorgang nicht minder revolutioniert
wird, als die Produktion. Ob ich mir mein eignes Produkt aneigne oder das Produkt
andrer, das sind natürlich zwei sehr verschiedne Arten von Aneignung. Nebenbei:
die Lohnarbeit, in der die ganze kapitalistische Produktionsweise bereits im Keime
steckt, ist sehr alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhundertelang her neben
der Sklaverei. Aber zur kapitalistischen Produktionsweise entfalten konnte sich
der Keim erst, als die geschichtlichen Vorbedingungen hergestellt waren.

(2)
»Lage der arbeitenden Klasse in England«, S.
109 |Siehe Friedrich Engels: »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« in:
Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 2,
S. 314/315

(3)
Ich sage, muß. Denn nur in dem Falle,
daß die Produktions- oder Verkehrsmittel der Leitung durch Aktiengesellschaften

wirklich
entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung
ökonomisch

unabweisbar geworden, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn der heutige
Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt, die Erreichung einer
neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller Produktivkräfte durch die Gesellschaft
selbst. Es ist aber neuerdings, seit Bismarck sich aufs Verstaatlichen geworfen,
ein gewisser falscher Sozialismus aufgetreten und hier und da sogar in einige
Wohldienerei ausgeartet, der
jede Verstaatlichung,
selbst die Bismarcksche,
ohne weiteres für sozialistisch erklärt. Allerdings, wäre die Verstaatlichung
des Tabaks sozialistisch, so zählten Napoleon und Metternich mit unter den
Gründern des Sozialismus. Wenn der belgische Staat aus ganz alltäglichen
politischen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahn selbst baute, wenn
Bismarck ohne jede ökonomische Notwendigkeit die Hauptbahnlinien Preußens
verstaatlichte, einfach um sie für den Kriegsfall besser einrichten und ausnützen
zu können, um die Eisenbahnbeamten zum Regierungsstimmvieh zu erziehen und
hauptsächlich, um sich eine neue, von Parlamentsbeschlüssen unabhängige
Einkommenquelle zu verschaffen - so waren das keineswegs sozialistische Schritte,
direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt. Sonst wären auch
die königliche Seehandlung, die königliche Porzellanmanufaktur und sogar
der Kompanieschneider beim Militär sozialistische Einrichtungen.

(4)
Ein paar Zahlen mögen eine annähernde
Vorstellung geben von der enormen Expansionskraft der modernen Produktionsmittel,
selbst unter dem kapitalistischen Druck. Nach der neuesten Berechnung von Giffen
betrug der Gesamtreichtum von Großbritannien und Irland in runder Zahl:

1814 - 2.200 Millionen Pfd. St. = 44 Milliarden Mark

1865 - 6.100 Millionen Pfd. St. = 122 Milliarden Mark

1875 - 8.500 Millionen Pfd. St. = 170 Milliarden Mark

Was die Verheerung von Produktionsmitteln und Produkten in den Krisen betrifft,
so wurde auf dem zweiten Kongreß deutscher Industrieller, Berlin, 21. Februar
1878, der Gesamtverlust allein der
deutschen Eisenindustrie
im letzten
Krach auf 455 Millionen Mark berechnet.

(5)
Die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion
rührt her von Sismondi und hat bei ihm noch einen gewissen Sinn. Von Sismondi
hat Rodbertus sie entlehnt, und von Rodbertus hat wieder Herr Dühring sie
in seiner gewohnten verflachenden Weise abgeschrieben.

(6)
Trucksystem nennt man in England das auch in
Deutschland wohlbekannte System, wobei die Fabrikanten selbst Läden halten
und ihre Arbeiter nötigen, sich bei ihnen mit Waren zu versehn.

(7)
Beiläufig ist die Rolle, die die Arbeitsmarken
in der Owenschen kommunistischen Gesellschaft spielen, dem Herrn Dühring
gänzlich unbekannt. Er kennt diese Marken - aus Sargant - nur, soweit sie
in den, natürlich fehlgeschlagnen, Labour Exchange Bazaars figurieren, Versuchen,
vermittelst direkten Arbeitsaustausches aus der bestehenden in die kommunistische
Gesellschaft überzuführen.

(8)
Daß obige Abwägung von Nutzeffekt
und Arbeitsaufwand bei der Entscheidung über die Produktion alles ist, was
in einer kommunistischen Gesellschaft vom Wertbegriff der politischen Ökonomie
übrigbleibt, habe ich schon 1844 ausgesprochen. (»Deutsch-Französische
Jahrbücher«, Seite 95. |Friedrich Engels: »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie«,
in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke,
Bd. 1, S.
499
|) Die wissenschaftliche Begründung dieses Satzes ist aber, wie man
sieht, erst durch Marx' »Kapital« möglich geworden.

(9)
Dieser spätere Doppelcharakter der Göttergestalten
ist ein von der vergleichenden Mythologie, die sich einseitig an deren Charakter
als Reflexe von Naturmächten hält, übersehener Grund der später
einreißenden Verwirrung der Mythologien. So heißt bei einigen germanischen
Stimmen der Kriegsgott altnordisch Tyr, althochdeutsch Zio, entspricht also dem
griechischen Zeus, lateinisch Jupiter für Diespiter; bei andern Er, Eor,
entspricht also dem griechischen Ares, lateinisch Mars.

Textvarianten

{1}
Umgeändert aus »Produktionskräfte«,
da Engels in der Ausgabe von 1894 an allen übrigen Stellen diese Korrektur
gegenüber den beiden vorhergehenden Ausgaben selbst vornahm.

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 7]

1962. S. 573-596.

Friedrich Engels

## Vorarbeiten zum »Anti-Dühring«

In diesem Text werden die wichtigsten Fragmente aus Engels' handschriftlichen Vorarbeiten zum »Anti-Dühring« gebracht. Die Hinweise auf Seitenzahlen, Abschnitte und Kapitel des »Anti-Dühring« auf die sich die entsprechenden Fragmente beziehen, sowie die eckige Klammern eingeschlossenen Bezeichnungen der Fragmente wurden von der Redaktion gegeben.

### Erster Teil

Zum ersten Abschnitt: Philosophie

zu: III. Einteilung. Apriorismus

[Ideen - Spiegelbilder der Wirklichkeit]

Die Ideen alle der Erfahrung entlehnt, Spiegelbilder - richtig oder verzerrt - der Wirklichkeit.

zu: III. Einteilung. Apriorismus.
S. 32-34

[Materielle Welt und Denkgesetze]

Zwei Arten Erfahrung - äußere, materielle und innere - Denkgesetze und Denkformen. Denkformen auch teilweise angeerbt durch Entwicklung (Selbstverständlichkeit z.B. der mathematischen Axiome für Europäer, sicher nicht für Buschmänner und Australneger).

Wenn wir die Voraussetzungen richtig haben und die Denkgesetze richtig auf sie anwenden, so muß das Resultat mit der Wirklichkeit stimmen, ganz wie eine Rechnung der analytischen Geometrie mit der geometrischen Konstruktion stimmen muß, obwohl beide ganz verschiedne Verfahrensarten. Leider aber fast nie und nur in ganz einfachen Operationen der Fall.

Die Außenwelt wieder entweder Natur oder Gesellschaft.

zu: III. Einteilung. Apriorismus,
S. 32-34
;

IV. Weltschematik,
S. 38-41

und X. Moral und Gerechtigkeit,
S. 88/89

[Verhältnis von Denken und Sein]

Das Denken hat zum einzigen Inhalt die Welt und die Denkgesetze.

Die allgemeinen Resultate der Untersuchung der Welt kommen am Ende dieser Untersuchung heraus, sind also nicht
Prinzipien
, Ausgangspunkte, sondern
Resultate
, Abschlüsse. Diese aus dem Kopf konstruieren, von ihnen als Grundlage ausgehn und weiter daraus die Welt im Kopf rekonstruieren ist
Ideologie
, eine Ideologie, an der bisher auch jeder Materialismus gelitten, weil er über das Verhältnis von Denken und Sein wohl in der
Natur
einigermaßen klar war, aber nicht in der Geschichte, die Abhängigkeit des jedesmaligen Denkens von den historisch-materiellen Bedingungen nicht einsah. - Indem Dühring von »Prinzipien« ausgeht statt von Tatsachen, ist er Ideolog, und kann den Ideologen nur vertuschen, indem er die Sätze so allgemein und leer faßt, daß sie
axiomatisch
,
platt
erscheinen, wobei denn aber auch nichts herauszufolgern, sondern nur
herein
zudeuten ist. So gleich der Grundsatz vom
einzigen
Sein. Die Einheit der Welt und der Blödsinn des Jenseits ist Resultat der ganzen Weltuntersuchung, soll hier aber
a priori
aus einem Denkaxiom bewiesen werden. Daher Unsinn. - Aber ohne diese Umkehrung
eine aparte Philosophie nicht möglich
.

zu: III. Einteilung, Apriorismus,
S. 34/35

[Die Welt als ein zusammenhängendes Ganzes. Erkenntnis der Welt]

Systematik
nach Hegel unmöglich. Daß die Welt ein einheitliches System, d.h. ein zusammenhängendes Ganzes vorstellt, ist klar, aber die Erkenntnis dieses Systems setzt die Erkenntnis der
ganzen
Natur und Geschichte voraus, die die Menschen
nie
erreichen. Wer also Systeme macht, muß die zahllosen Lücken durch
eigne Erfindung
ausfüllen, d.h.
irrationell
phantasieren, ideologisieren.

Rationelle Phantasie - alias Kombination!

zu: III Einteilung. Apriorismus,
S. 35-38

[Mathematische Operationen und rein logische Operationen]

Der rechnende Verstand -
Rechenmaschine!
- Komische Verwechslung der mathematischen Operationen, die des materiellen Beweises, der Probe fällig sind, weil sie auf unmittelbarer materieller Anschauung, wenn auch abstrakter, beruhn, mit den
rein
logischen, die nur des Schlußbeweises fähig, also der positiven Gewißheit unfähig sind, die die mathematischen Operationen haben - und wie viele davon auch falsch! Maschine zum
Integrieren
, vgl. Andrews speech |Rede|, »Nature«, Sept. 7, 76.

Schema = Schablone.

zu: III. Eintellung. Apriorismus,
S. 35-38

und IV. Weltschematik,
S. 38-41

[Realität und Abstraktion]

Mit dem Satz von der Alleinzigkeit des allumfassenden Seins, den der Papst und der Scheik ul Islam unterschreiben können, ohne ihrer Unfehlbarkeit und Religion etwas zu vergeben, kann Dühring ebensowenig die ausschließliche
Materialität
alles Seins beweisen, wie er aus irgendwelchem mathematischen Axiom ein Dreieck, eine Kugel herauskonstruieren oder den pythagoräischen Lehrsatz ableiten kann. Zu beiden gehören reelle Vorbedingungen, aus deren Untersuchung erst man zu jenen Resultaten kommt. Die Gewißheit, daß außer der materiellen Welt nicht noch eine spirituelle separat existiert, ist das Resultat einer langen und langwierigen Untersuchung der reellen Welt, y compris |einschließlich| die Produkte und Prozeduren des menschlichen Gehirns. Die Resultate der Geometrie sind nichts als die natürlichen Eigenschaften der verschiednen Linien, Flächen und Körper, resp. deren Kombinationen, die großenteils schon in der Natur vorkamen, lange ehe die Menschen da waren (Radiolarien, Insekten, Kristalle usw.).

zu: VI. Naturphilosophie. Kosmogonie, Physik, Chemie,
S. 55 ff.

[Die Bewegung - die Daseinsweise der Materie]

Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie, also mehr als ihre bloße Eigenschaft. Es gibt nicht und kann nie Materie ohne Bewegung gegeben haben. Bewegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf einem einzelnen Weltkörper, Molekularschwingung als Wärme, elektrische Spannung, magnetische Polarisation, chemische Zersetzung und Verbindung, organisches Leben bis zu seinem höchsten Produkt, dem Denken hinauf - in einer oder der andren dieser Formen der Bewegungen befindet sich jedes einzelne Stoffatom in jedem gegebnen Augenblick. Alles Gleichgewicht ist entweder nur relative Ruhe oder selbst Bewegung im Gleichgewicht, wie die der Planeten. Absolute Ruhe ist nur denkbar, wo keine Materie ist. Weder die Bewegung als solche, noch eine ihrer Formen wie die mechanische Kraft, kann also von der Materie getrennt, ihr als etwas Apartes, Fremdes, entgegengesetzt werden, ohne ad absurdum zu führen.

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt,
S. 64-67

[Natürliche Zuchtwahl]

Dühring sollte froh sein über die natural selection, da sie doch das beste Exempel gibt für seine bewußte Zweck- und Mittellehre. - Wenn Darwin die
Form
untersucht, eine natural selection, in der sich eine langsame Veränderung vollzieht, so verlangt Dühring, Darwin solle auch die
Ursache
der Veränderung angeben, über die Herr Dühring ebenfalls nichts weiß. Man nehme welchen Fortschritt der Wissenschaft man wolle, Herr Dühring wird immer erklären, es fehle noch was dran, und so hinreichenden Grund zur Verdrießlichkeit haben.

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt

[Über Darwin]

Wie groß erscheint der durch und durch bescheidne Darwin, der nicht nur Tausende von Tatsachen aus der gesamten Biologie zusammenträgt, ordnet und verarbeitet, sondern auch mit Freude jeden Vorgänger, selbst zur Verkleinerung seines eignen Ruhms zitiert, und wäre er noch so unbedeutend, gegenüber dem prahlenden Dühring, der selbst nichts leistet, dem aber niemand genug leisten kann und der ...

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt,
S. 65-67

und VIII. (Schluß),
S. 73/74

Dühringiana. Darwinismus p. 115

Anpassung
der Pflanzen eine Kombination physikalischer Kräfte oder chemischer Agenzien, also keine Anpassung. Wenn »die Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf dem sie das meiste Licht erhält«, so tut sie

das auf verschiednen Wegen und in verschiedner Weise, die je nach Art und Beschaffenheit der Pflanze verschieden ist. Die physikalischen Kräfte und chemischen Agenzien wirken aber hier in jeder Pflanze besonders, und helfen der Pflanze, die doch etwas andres ist als diese »chemischen und physikalischen etc.«, das ihr nötige Licht auf dem ihr durch lange Vorentwicklung eigen gewordnen Wege zu erreichen. Ja, dies Licht wirkt wie ein Reiz auf die Pflanzenzellen und setzt in ihnen eben diese Kräfte und Agenzien als Reaktion in Bewegung. Indem die Sache in einem organischen Zellenbau vor sich geht und die Form von Reiz und Reaktion durchmacht, die hier ebensogut vorkommt wie in der Nervenvermittlung im menschlichen Gehirn, ist bei beiden derselbe Ausdruck Anpassung angebracht. Und wenn Anpassung platterdings durch Bewußtsein vermittelt sein soll, wo fängt das Bewußtsein und die Anpassung an, und wo hört sie auf? Bei der Monere, bei der insektenfressenden Pflanze, beim Schwamm, bei der Koralle, beim ersten Nerv? Dühring würde den Naturforschern alten Schlages einen enormen Gefallen tun, wenn er die Grenze ziehen wollte. Protoplasmareiz und Protoplasmareaktion finden sich überall, wo lebendes Protoplasma ist - und indem die Einwirkung langsam sich verändernder Reize es bedingt, daß das Protoplasma sich ebenfalls verändert, wenn es nicht untergehn soll, so ist der Ausdruck Anpassung
notwendig
für alle organischen Körper derselbe.
{1}

zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt,
S. 65/66 ff.

[Anpassung und Vererbung]

Anpassung und Vererbung von Haeckel als Anpassung = negativ oder ändernd, Vererbung = positiv oder erhaltend in Beziehung auf Entwicklung der Arten gefaßt. Dagegen Dühring p. 122, daß die Vererbung auch negative Resultate,
verändernd
wirke. (Wobei schöner Kohl von Präformation.) Nun ist nichts leichter, wie bei allen solchen Gegensätzen, sie umzukehren und nachzuweisen, daß die Anpassung grade durch Veränderung der
Form
das Wesentliche, das
Organ selbst
, erhält, während die Vererbung schon durch Mischung von stets 2 andern Individuen stets Veränderungen hervorbringt, deren Häufung einen Artwechsel nicht ausschließt. Sie vererbt ja auch die Resultate der Anpassung! Dabei kommen wir aber keinen Schritt weiter. Wir müssen den
Tatbestand
nehmen und untersuchen, wie er

ist, und da findet sich allerdings, daß Haeckel ganz recht hat, die Vererbung wesentlich als die konservative, positive, die Anpassung als die revolutionierende, negative Seite des Prozesses anzusehn. Zähmung und Züchtung sowie unwillkürliche Anpassung sprechen da lauter als alle »subtilen Auffassungen« Dührings.

zu: VIII. Naturphilosophie. Organische Welt (Schluß),
S. 73-77

Dühring, p. 141.

Leben.
Daß der Stoffwechsel die wichtigste Erscheinung des Lebens, ist schon seit 20 Jahren von physiologischen Chemikern und chemischen Physiologen x-mal gesagt und hier wiederholt zur Definition des Lebens erhoben. Aber weder genau noch erschöpfend. Wir finden Stoffwechsel auch in
Abwesenheit
des Lebens, z.B. bei einfachen chemischen Prozessen, die bei genügender Zufuhr von Rohstoffen ihre eignen Bedingungen stets neu erzeugen und wobei ein bestimmter Körper Träger des Prozesses ist (Beispiele s. Roscoe, [S.] 102; Schwefelsäurefabrikation), bei Endosmose und Exosmose (toter organischer und selbst unorganischer Membranen?), bei den Traubeschen Kunstzellen und ihrem Medium. Der Stoffwechsel, der das Leben ausmachen soll, müßte also erst noch selbst näher bestimmt werden. Mit aller tiefen Grundlegung, subtilen Auffassung und feinere Untersuchung sind wir also der Sache noch nicht auf den Grund gekommen und fragen noch immer, was ist Leben?

Definitionen sind für die Wissenschaft wertlos, weil stets unzulänglich. Die einzig reelle Definition ist die Entwicklung der Sache selbst, und diese ist aber keine Definition mehr. Um zu wissen und zu zeigen, was das Leben ist, müssen wir alle Formen des Lebens untersuchen und im Zusammenhang darstellen. Dagegen kann für den
Handgebrauch
eine kurze Darlegung der allgemeinsten und zugleich bezeichnendsten Charaktere in einer sog. Definition oft nützlich und sogar notwendig sein, und kann auch nicht schaden, wenn man von ihr nicht mehr verlangt, als sie eben aussprechen kann. Versuchen wir also eine derartige Definition des Lebens zu geben, an der sich soviel Leute die Zähne ausgebissen (s. Nicholson),

Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper und diese Daseinsweise besteht wesentlich in der beständigen Erneuerung ihrer chemischen Bestandteile durch Ernährung und Ausscheidung ...

Aus dem organischen Stoffwechsel als wesentlicher Funktion des Eiweißes und aus der ihm eigenen Plastizität leiten sich dann alle andern einfachsten Lebensfunktionen ab - Reizbarkeit, die schon in der Wechseleinwirkung von Nahrung und Eiweiß eingeschlossen liegt - Kontraktilität im Verzehren der Nahrung - Wachstumsmöglichkeit, die auf der untersten Stufe (Monere) die Fortpflanzung durch Teilung einschließt - innere Bewegung, ohne die weder Verschlingen noch Assimilieren der Nahrung möglich. Wie aber der Fortschritt vom einfachen plastischen Eiweiß zur Zelle und damit zur Organisation sich vollzieht, das muß die Beobachtung erst lehren, und eine derartige Untersuchung gehört auch nicht in eine einfache Handdefinition des Lebens. ([Das] D[ühring]sche kennt p. 141 noch eine ganze Zwischenwelt, da ohne ein Zirkulationskanalsystem und ein »Keimschema« kein eigentliches Leben. Die Stelle prachtvoll.)

zu: X. Moral und Recht. Gleichheit,
S. 89-95

Dühring - Ökonomie - Die beiden Männer

Solange von Moral die Rede, kann Dühring sie als gleich setzen, aber sowie die Ökonomie anfängt, hört das auf. Wenn z.B. diese beiden Männer sind ein Yankee broken in to all trades |mit allen Wassern gewaschen| und ein Berliner Studiosus, der nichts mitbringt als sein Abiturientenzeugnis und die Wirklichkeitsphilosophie, dabei aus Prinzip nie auf dem Fechtboden gestärkte Arme, wo bleibt die Gleichheit? Der Yankee produziert alles, der Studiosus hilft bloß hier und da, und nach den Erträgen richtet sich die Verteilung, und in kurzem wird der Yankee die Mittel haben, etwaigen Zuwachs der Kolonie (durch Kinder oder Zuzug) kapitalistisch auszubeuten. Der ganze moderne Zustand, kapitalistische Produktion und alles kann also leicht aus den 2 Männern entstehn, ohne daß Einer einen Säbel braucht.

zu: X. Moral und Recht. Gleichheit,
S. 95-100

Dühringiana

Gleichheit - Gerechtigkeit.
- Die Vorstellung, daß die Gleichheit der Ausdruck der Gerechtigkeit, das Prinzip der vollkommnen politischen oder sozialen Anordnung, ist ganz historisch entstanden. Bei den naturwüchsigen Gemeinwesen existierte sie nicht, oder doch nur sehr beschränkt, für das vollberechtigte Mitglied eines einzelnen Gemeinwesens und war behaftet mit Sklaverei. Dito in der antiken Demokratie. Die Gleichheit aller Menschen, Griechen, Römer und Barbaren, Freier und Sklaven, Staatsangehöriger und Fremder, Bürger und Schutzverwandter etc., war für den

antiken Kopf nicht nur verrückt, sondern verbrecherisch, und ihr erster Anfang wurde im Christentum konsequent verfolgt. - Im Christentum zuerst die
negative Gleichheit aller Menschen vor Gott als Sünder
, und in engerer Fassung die Gleichheit der einen wie der andren durch die Gnade und das Blut Christi erlösten Kinder Gottes. Beide Fassungen begründet in der Rolle des Christentums als Religion der Sklaven, Verbannten, Verstoßenen Verfolgten, Unterdrückten. Mit dem Sieg des Christentums fiel dies Moment in den Hintergrund, der Gegensatz von Gläubigen und Heiden, Orthodoxen und Ketzern wurde nächste Hauptsache. - Mit dem Aufkommen der Städte, und damit der mehr oder minder entwickelten Elemente der Bourgeoisie wie des Proletariats, mußte auch die Forderung der Gleichheit als Bedingung der bürgerlichen Existenz allmählich wieder aufdämmern und sich daran die proletarische Konsequenzzieherei von der politischen auf die soziale Gleichheit knüpfen. Dies, natürlich in religiöser Form, zuerst scharf ausgesprochen im Bauernkrieg. - Die bürgerliche Seite zuerst scharf, aber noch als allgemein menschlich formuliert durch Rousseau. Wie bei allen Forderungen der Bourgeoisie steht auch hier das Proletariat als verhängnisvoller Schatten daneben und zieht seine Konsequenzen (Babeuf). Dieser Zusammenhang zwischen bürgerlicher Gleichheit und proletarischer Konsequenzzieherei näher zu entwickeln.

Es hat also fast die ganze bisherige Geschichte dazu gebraucht, den Satz von der Gleichheit = Gerechtigkeit herauszuarbeiten, und erst als eine Bourgeoisie und ein Proletariat existierten, ist es gelungen. Der Satz der Gleichheit ist aber der, daß keine
Vorrechte
bestehen sollen, ist also wesentlich negativ, erklärt die ganze bisherige Geschichte für schlecht. Wegen seines Mangels an positivem Inhalt und wegen seiner kurzhändigen Verwerfung alles Frühern eignet er sich ebensosehr für Aufstellung durch eine große Revolution, [S.] 89-96, wie für spätere systemfabrizierende Flachköpfe. Aber Gleichheit = Gerechtigkeit als höchstes Prinzip und letzte Wahrheit hinstellen zu wollen, ist absurd. Gleichheit besteht bloß im Gegensatz zu Ungleichheit, Gerechtigkeit zu Unrecht, sind also noch mit dem Gegensatz zur alten bisherigen Geschichte behaftet, also mit der alten Gesellschaft selbst.
{2}

Das schließt schon aus, daß sie die
ewige
Gerechtigkeit, Wahrheit ausmachen sollen. Wenige Generationen gesellschaftlicher Entwicklung unter

kommunistischem Regime und unter den vermehrten Hülfsmitteln müssen die Menschen dahin bringen, daß dies Pochen auf Gleichheit und Recht ebenso lächerlich erscheint wie heute Pochen auf Adels- etc. Geburtsvorrechte, daß der Gegensatz zur alten Ungleichheit und zum alten positiven Recht, ja auch zum neuen Übergangsrecht aus dem praktischen Leben verschwunden ist, daß, wer auf pedantische Aushändigung seines gleichen und gerechten Produktenanteils beharrt, mit Aushändigung des Doppelten verhöhnt wird. Selbst Dühring wird dies »absehbar« finden, und wo bleibt dann die Gleichheit und Gerechtigkeit, als in der Rumpelkammer der historischen Erinnerung? Weil dergleichen zur Agitation heute vortrefflich ist, ist es noch lange keine ewige Wahrheit.

(
der Gleichheit zu entwickeln. - Beschränkung auf Rechte usw.)

Übrigens ist die abstrakte Gleichheitstheorie auch heute und für eine längere Zukunft noch ein Widersinn. Es wird keinem sozialistischen Proletarier oder Theoretiker einfallen, die abstrakte Gleichheit zwischen sich und einem Buschmann oder Feuerländer, ja nur einem
Bauern
oder halbfeudalen Landtaglöhner anerkennen zu wollen; und von dem Moment an, wo dies nur auf europäischem Boden überwunden ist, ist auch der abstrakte Gleichheitsstandpunkt überwunden. Mit Einführung der rationellen Gleichheit verliert diese Gleichheit selbst alle Bedeutung. Wenn die Gleichheit jetzt gefordert wird, so geschieht es in Antizipation der damit
unter jetzigen historischen Verhältnissen
von selbst folgenden intellektuellen und moralischen
Ausgleichung
. Eine
ewige
Moral muß aber zu allen Zeiten möglich gewesen sein und es
allerorts
sein. Das von der Gleichheit zu behaupten, fällt selbst Dühring nicht ein, im Gegenteil, er macht sein Provisorium der Repression, gibt also zu, daß sie keine ewige Wahrheit, sondern historisches Produkt und Attribut bestimmter historischer Zustände ist.

Die Gleichheit des Bourgeois (Abschaffung der Klassen
privilegien
) ist sehr verschieden von der des Proletariers (Abschaffung der Klassen selbst). Weiter als diese letzte getrieben, d.h. abstrakt gefaßt, wird die Gleichheit Widersinn. Wie denn auch Herr Dühring schließlich genötigt ist, Gewalt, bewaffnete wie administrative, richterliche und polizeiliche, durch eine Hintertür wieder einzuführen.

So ist die
Vorstellung der Gleichheit selbst ein historisches Produkt
, zu deren Herausarbeitung die ganze Vorgeschichte nötig, die also nicht von Ewigkeit her als Wahrheit existierte. Daß sie sich jetzt bei der Mehrzahl der Leute - en principe |grundsätzlich| - von selbst versteht, ist keine Wirkung ihrer Axiomhaftigkeit, sondern der
Verbreitung der Ideen des 18. Jahrhunderts
. Und wenn daher die beiden famosen Männer sich heute auf den Boden der Gleichheit stellen, so kommt das eben daher, daß sie als jebildete Leute des 19. Jahrhunderts vorgestellt werden und ihnen dies
»natürlich«
ist. Wie sich
wirkliche
Leute verhalten und verhalten haben, hängt und hing stets von den geschichtlichen Verhältnissen ab, unter denen sie lebten.

zu: IX. Moral und Recht. Ewige Wahrheiten,
S. 86-88

und X. Moral und Recht. Gleichheit,
S. 95-100

[Abhängigkeit der Ideen von den gesellschaftlichen Verhältnissen]

Die Vorstellung, als ob
die Ideen und Vorstellungen der Menschen ihre Lebensbedingungen schüfen
und nicht umgekehrt, wird durch die ganze bisherige Geschichte dementiert, in der stets etwas andres als das Gewollte herauskam, meist im weiteren Verlauf sogar das Gegenteil. Erst in einer mehr oder weniger entfernten Zukunft kann sie sich insofern realisieren, als die Menschen die Notwendigkeit einer durch die sich ändernden Verhältnisse gebotenen Änderung der gesellschaftlichen Verfassung (sit venia verbo |Entschuldigung für das Wort|) vorher erkennen und wollen, ehe sie sich ihnen unbewußt und ungewollt aufzwingt. - Dies gilt auch von den
Rechts
vorstellungen, also der Politik (und as far as that goes |soweit es geht|, dieser Punkt unter der »Philosophie« zu behandeln - die »Gewalt« bleibt für die Ökonomie).

zu: XI. Moral und Recht, Freiheit und Notwendigkeit,
S. 106/107

(siehe auch: Dritter Abschnitt, V. Staat, Familie, Erziehung,
S. 294-296
)

Schon die richtige Widerspiegelung der
Natur
äußerst schwer, Produkt einer langen Erfahrungsgeschichte. Die Naturkräfte dem ursprünglichen Menschen etwas Fremdes, Geheimnisvolles, Überlegnes. Auf einer gewissen Stufe, die
alle
Kulturvölker durchmachen, assimiliert er sie sich durch Personifikation. Dieser Personifikationstrieb schuf eben überall Götter, und der consensus gentium |die Übereinstimmung der Völker hinsichtlich| des Beweises vom Dasein Gottes beweist eben nur die Allgemeinheit dieses Personifikationstriebs als notwendiger Durchgangsstufe, also auch der Religion. Erst die wirkliche Erkenntnis der Naturkräfte vertreibt die Götter oder den Gott aus einer Position nach der andern

(Secchi und sein Sonnensystem). Dieser Prozeß jetzt so weit, daß er theoretisch als abgeschlossen angesehen werden kann.

In
Gesellschaft
sachen die Widerspiegelung noch schwieriger. Die Gesellschaft wird bestimmt durch die ökonomischen Verhältnisse, Produktion und Austausch, nebst den geschichtlichen Vorbedingungen.

zu: XII. Dialektik. Quantität und Qualität,
S. 111-114

(siehe auch: Einleitung,
S. 20-23
)

Gegensatz - wenn ein Ding mit dem Gegensatz behaftet ist, so befindet es sich mit sich selbst im
Widerspruch
, und sein Gedankenausdruck ebenfalls. Z.B. daß ein Ding gleichzeitig dasselbe bleibt und sich doch stets verändert, den Gegensatz von »Beharrung« und »Veränderung« an sich hat, ist ein
Widerspruch
.

zu: XIII. Dialektik. Negation der Negation

[Negation der Negation]

Alle indogermanischen Völker fangen an mit dem Gemeineigentum. Bei fast allen wird es im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung aufgehoben,
negiert
, durch andre Formen - Privateigentum, feudales Eigentum, etc. - verdrängt. Diese Negation zu negieren, das Gemeineigentum auf einer höhern Entwicklungsstufe wieder herzustellen, ist die Aufgabe der - sozialen Revolution. Oder: die antike Philosophie war ursprünglich naturwüchsiger Materialismus. Aus diesem ging Idealismus, Spiritualismus, Negation des Materialismus hervor, erst in der Gestalt des Gegensatzes von Seele und Leib, dann in der Unsterblichkeitslehre und im Monotheismus. Vermittelst des Christentums wurde dieser Spiritualismus allgemein verbreitet. Die Negation dieser Negation ist - die Reproduktion des alten auf höherer Stufe, der moderne Materialismus, der im wissenschaftlichen Sozialismus seinen theoretischen Abschluß, der Vergangenheit gegenüber, findet ...

Diese natürlichen und historischen Prozesse haben selbstredend ihren Reflex im denkenden Gehirn und reproduzieren sich darin, wie sich dies schon bei den obigen Beispielen von -a × -a etc. zeigt; und grade die höchsten dialektischen Aufgaben lösen sich nur vermittelst dieser Methode.

Nun gibt's aber auch eine Schlechte, unfruchtbare Negation. - Die wahre, natürliche, historische und dialektische Negation ist ja eben das Treibende (formell genommen) aller Entwicklung - die Spaltung in Gegensätze, deren Kampf und Lösung, wobei (in der Geschichte teilweise, im

Denken ganz) auf Grund der gewonnenen Erfahrung der ursprüngliche Ausgangspunkt, aber auf höherer Stufe wieder erreicht wird. - Diese unfruchtbare Negation ist die rein subjektive, individuelle, die nicht ein Entwicklungsstadium der Sache selbst, sondern eine von außen hineingetragne Meinung ist. Und da bei ihr nichts herauskommen kann, muß der so Negierende sich in Unfrieden mit der Welt befinden, alles Vorhandene und Geschehene, die ganze historische Entwicklung, griesgrämig bemängeln. Die alten Griechen haben zwar einiges geleistet, aber sie kannten keine Spektralanalyse, keine Chemie, keine Differentialrechnung, keine Dampfmaschine, keine Chausseen, elektrischen Telegraph und Eisenbahn. Was soll man sich noch viel mit den Produkten solcher untergeordneten Leute aufhalten. Alles ist schlecht - soweit ist diese Art Negant Pessimist - bis auf Allerhöchst uns selbst, die wir vollkommen sind, und somit geht unser Pessimismus in unserm Optimismus auf. Und somit haben wir selbst Negation der Negation begangen!

Sogar die Rousseausche Vorstellungsweise von der Geschichte: ursprüngliche Gleichheit - Verderben durch Ungleichheit - Herstellung der Gleichheit auf einer höhern Stufe - ist Negation der Negation.
{3}

Idealismus -
ideale
Auffassung etc. von Dühring fortwährend gepredigt. Wenn wir aus den bestehenden Verhältnissen die Konsequenz für die Zukunft ziehn, wenn wir die
positive
Seite der in der laufenden Geschichte wirksamen
negativen
Elemente auffassen und untersuchen - und das tut sogar in seiner Art der philisterhafteste Fortschrittler, selbst der Idealist Lasker - so nennt Dühring das »Idealismus« und zieht draus für sich das Recht, eine phantastische, weil auf Unwissenheit beruhende Zukunftskonstruktion zu machen bis auf den Schulplan. Daß er dabei auch
Negation der Negation begeht
, übersieht er.

zu: XIII. Dialektik. Negation der Negation,
S. 127-129

Negation der Negation und Widerspruch.

Das »Nichts« eines Positiven ist ein bestimmtes Nichts, sagt Hegel.

»Die Differentiale können angesehen und behandelt werden als
wirkliche
|Hervorhebung von Engels|
Nullen
, die aber unter sich in einem durch den Stand der grade vorliegenden Frage bestimmten Verhältnis stehen.« Dies sei mathematisch
kein Unsinn
, sagt Bossut.

0
/
0
könne einen sehr bestimmten Wert haben, wenn entstanden durch gleichzeitiges Verschwinden des Zählers und Nenners. Dito 0 : 0 = A : B, wo
0
/
0
=
A
/
B
, also mit dem Wert von A und B wechsle (p. 95, Beispiele). Und ist das kein »Widerspruch«, daß Nullen in Verhältnissen stehn, d.h. nicht nur Wert überhaupt, sondern sogar verschiedne Werte haben könnten, die in Zahlen ausgedrückt werden können? 1 : 2 = 1 : 2; 1 - 1 : 2 - 2 = 1 : 2; 0 : 0 = 1 : 2.

Dühring sagt selbst, daß jene Summationen unbeschränkt kleiner Größen, die höchsten etc. der Mathematik sind, zu deutsch die Integralrechnung. Und wie vollzieht sich diese? Ich habe 2, 3 oder mehr variable Größen, d.h. solche, die bei ihrer Veränderung ein bestimmtes Verhältnis unter sich beobachten. Meinetwegen 2,
x
und
y
, und soll eine bestimmte, durch gewöhnliche Mathematik unlösbare Aufgabe lösen, in der
x
und
y
fungieren. Ich differenziere
x
und
y
, d.h. ich nehme
x
und
y
so unendlich klein an, daß sie gegen jede noch so kleine wirkliche Größe verschwinden - daß von

x
und
y
nichts bleibt als
ihr gegenseitiges Verhältnis
, ohne alle materielle Grundlage,
dx
/
dy
ist also =
0
/
0
, aber
0
/
0
gesetzt im Verhältnis von
x
/
y
. Daß dies Verhältnis zwischen zwei verschwundnen Größen, der fixierte Moment ihres Verschwindens, ein Widerspruch ist, kann uns nicht stören. Was anders also habe ich getan, als daß ich
x
und
y

negiert
habe, aber nicht so, daß ich mich nicht mehr um sie kümmre, sondern in der der Sache entsprechenden Weise. Statt
x
und
y
habe ich ihre Negation,
dx
und
dy
, in den mir vorliegenden Formeln oder Gleichungen. Ich rechne nun mit diesen Formeln wie gewöhnlich, behandle
dx
und
dy
als ob sie wirkliche Größen wären, und an einem gewissen Punkt - negiere ich die Negation, d.h. integriere die Differentialformel, setze an Stelle von
dx
und
dy
die wirklichen Größen
x
und
y
und bin damit nicht wieder so weit wie vorher, sondern ich habe damit die Aufgabe gelöst, an der sich die gewöhnliche Geometrie und Algebra vergebens die Zähne ausbeißen.

Zum zweiten Abschnitt: Politische Ökonomie

zu: II. Gewaltstheorie

Sklaverei
, wo sie Hauptform der Produktion, macht die Arbeit zu sklavischer Tätigkeit, also entehrend für Freie. Damit der Ausweg aus einer

solchen Produktionsweise verschlossen, während andrerseits die entwickeltere Produktion an der Sklaverei ihre Schranke findet und zu deren Beseitigung gedrängt wird. An diesem Widerspruch geht jede auf Sklaverei gegründete Produktion und die auf ihr gegründeten Gemeinwesen zugrunde. Lösung in den meisten Fällen durch gewaltsame Knechtung der verkommenden Gemeinwesen durch andre, stärkere (Griechenland durch Mazedonien und später Rom); solange diese selbst auf Sklaverei beruhen, wird das Zentrum nur verlegt und der Prozeß auf höherer Stufe wiederholt bis (Rom) endlich ein Volk erobert, das eine andre Produktionsform an die Stelle der Sklaverei setzt. Oder aber die Sklaverei wird durch Zwang oder freiwillig abgeschafft und dann
geht die bisherige Produktionsweise zugrunde
; an Stelle der großen Kultur tritt Squatterparzellenbau wie in Amerika. Insofern ging auch Griechenland an der Sklaverei zugrunde, wobei noch Aristoteles: daß der Umgang mit Sklaven die Bürger demoralisiert - abgesehn davon, daß sie den Bürgern das Arbeiten unmöglich macht. (Haussklaverei wie im Orient eine andre Sache: hier bildet sie nicht direkt die Grundlage der Produktion, sondern indirekt, als ein Bestandteil der Familie, und sie geht unmerklich in die Familie über (Haremssklavinnen).)

zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

Die Dühringsche verwerfliche Geschichte wird beherrscht von der
Gewalt
. Die wirkliche, fortschreitende [historische Bewegung wird beherrscht] von
materiellen Errungenschaften
, die
bleiben
.

zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

Und womit wird die Gewalt, die Armee erhalten? Durch
Geld
. Also sofort wieder abhängig von der Produktion. Vgl. Athens Flotte und Politik. (380-340 [v.u.Z.]) Die Gewalt über die Bundesgenossen scheiterte am Mangel der materiellen Mittel, lange und kräftige Kriege zu führen. Die englischen Subsidien, durch die neue große Industrie geschaffen, schlugen Napoleon.

zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)

[Partei und militärische Ausbildung]

Beim Kampf ums Dasein und Dührings Deklamationen gegen Kampf und Waffen hervorzuheben die Notwendigkeit, daß eine revolutionäre Partei auch den Kampf kenne: die Revolution steht ihr möglicherweise einmal bevor; aber nicht gegen den jetzigen militärisch-bürokratischen Staat, das

wäre politisch ebenso wahnsinnig, wie Babeufs Versuch, vom Direktorium sofort in den Kommunismus zu springen, ja noch wahnsinniger, denn das Direktorium war doch eine bürgerliche und bäuerliche Regierung. Aber gegen den auf den jetzigen folgenden Bourgeoisstaat kann die Partei zu revolutionären Schritten, zur Wahrung der von der Bourgeoisie selbst gegebnen Gesetze gezwungen werden. Daher die allgemeine Wehrpflicht in unsren Interessen, und sollte von allen benutzt werden, um den Kampf zu lernen, besonders aber von denen, deren Bildung ihnen erlaubt, als einjährige Freiwillige die militärische Bildung zum Offizier sich zu erwerben.

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

Zur »Gewalt«

Daß die Gewalt auch revolutionär wirkt, und zwar in allen entscheidenden »kritischen« Epochen wie beim Übergang zur Sozialität und da auch nur als Notwehr gegen reaktionäre auswärtige Feinde, anerkannt. Aber die bei Marx dargestellte Umwälzung des 16. Jahrhunderts in England hatte auch ihre revolutionäre Seite, sie war eine Grundbedingung der Verwandlung des feudalen Grundbesitzes in bürgerlichen und der Entwicklung der Bourgeoisie. Die französische Revolution 1789 wandte ebenfalls bedeutend Gewalt an, der 4. August sanktionierte bloß die Gewalthandlungen der Bauern und wurde ergänzt durch die Konfiskation der adligen und kirchlichen Güter. Die Gewalteroberung, der Germanen, die Gründung von Eroberungsreichen, wo das Land und nicht die Stadt herrschte (wie im Altertum), war begleitet - und eben aus diesem letzteren Grund - mit Verwandlung der Sklaverei in die leichtere Leibeigenschaft resp. Hörigkeit (im Altertum Latifundien begleitet von Verwandlung von Ackerland in Viehweide).

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

[Gewalt, Gemeineigentum, Ökonomie und Politik]

Als die Indogermanen nach Europa einwanderten, verdrängten sie die Urbewohner mit
Gewalt
und bebauten das Land mit Gemeindebesitz. Bei Kelten, Germanen und Slawen dies letztere noch historisch nachweisbar, und bei Slawen, Germanen und selbst Kelten (rundale) existiert es noch, selbst unter der Form direkter (Rußland) oder indirekter Hörigkeit (Irland). Die Gewalt hörte auf, sobald die Lappen und Basken vertrieben. Nach innen herrschte Gleichheit oder resp. freiwillig zugestandene Bevorzugung, Da, wo aus dem Gemeineigentum das Privateigentum der einzelnen

Bauern am Boden entstand, vollzog sich bis zum 16. Jahrhundert diese Teilung rein spontan unter den Gemeindegliedern, sie erfolgte meist ganz allmählich und Reste von Gemeinbesitz blieben sehr gewöhnlich. Von
Gewalt
war keine Rede, diese richtete sich erst gegen die Reste (England 18. und 19., Deutschland hauptsächlich 19. Jahrhundert). Irland ist ein besondrer Fall. Dies Gemeineigentum hat in Indien und Rußland unter den verschiedensten Gewaltseroberungen und Despotismen ruhig fortbestanden und seine Basis gebildet. Rußland ein Beweis, wie die Produktionsverhältnisse die politischen Gewaltsverhältnisse bestimmen. Bis Ende des 17. Jahrhunderts der russische Bauer wenig gedrückt, freizügig, kaum hörig. Der erste Romanow band die Bauern an die Scholle. Mit Peter fing der auswärtige Handel Rußlands an, das nur Ackerbauprodukte auszuführen hatte.
Damit
die Bedrückung der Bauern, die in demselben Verhältnis stieg wie die
Ausfuhr
,
um derentwillen sie erfolgte
, bis Katharina diese Bedrückung vollständig machte und die Gesetzgebung abschloß. Diese Gesetzgebung erlaubte aber den Gutsbesitzern, die Bauern immer mehr zu schinden, so daß der Druck mehr und mehr stieg.

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

Wenn die Gewalt die Ursache der sozialen und politischen Zustände was denn die Ursache der Gewalt? Die Aneignung fremder Arbeits
produkte
und fremder Arbeits
kraft
. Die Gewalt konnte den Verzehr der Produkte ändern, aber nicht die Produktionsweise selbst, sie konnte nicht Fronarbeit in Lohnarbeit verwandeln, es sei denn, daß die Bedingungen dazu vorhanden und die Fronform eine Fessel der Produktion geworden.

zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)

Bisher Gewalt - von jetzt an Sozialität. Reiner frommer Wunsch, Forderung der »Gerechtigkeit«. Aber schon Th. Morus hat diese Forderung vor 350 Jahren gestellt, ohne daß sie erfüllt. Weshalb sollte sie denn jetzt erfüllt werden? Dühring hat keine Antwort. In Wirklichkeit, die große Industrie stellt die Forderung nicht als eine der Gerechtigkeit, sondern als Notwendigkeit der Produktion auf, und das ändert alles.

Zum dritten Abschnitt: Sozialismus

zu: I. Geschichtliches

Fourier (»Nouveau monde industriel et sociétaire«).

Element der
Ungleichheit
: »da der Mensch instinktiv ein Feind der Gleichheit ist« [p.] 59.

»Dieser Betrugsmechanismus, den man Zivilisation nennt«, 81.

»Man sollte es vermeiden, sie« (die Frauen), »wie es bei uns üblich ist, auf undankbare Aufgaben, auf Bedientenrollen zu beschränken, die ihnen von der Philosophie zugewiesen werden, welche behauptet, daß eine Frau nur dazu geschaffen ist, die Töpfe zu waschen und alte Hosen zu flicken«, 141.

»Gott hat die Arbeit in der Manufaktur mit einer Dosis von Anziehungskraft bedacht, die nur einem Viertel der Zeit entspricht, welche der gesellschaftliche Mensch der Arbeit widmen kann.« Der Rest soll daher dem Ackerbau, der Viehzucht, der Küche, den industriellen Armeen gehören. 152,

»Die zärtliche Moral, die gütige und reine Freundin des Handels«, 161. »Kritik der Moral« 162 ff.

In der heutigen Gesellschaft »im zivilisierten Mechanismus«, herrscht »Doppelseitigkeit des Handelns, Gegensatz zwischen dem individuellen und kollektiven Interesse«; es ist »ein allgemeiner Kampf der Individuen gegen die Massen. Und da wagen es unsere politischen Wissenschaften von Aktionseinheit zu sprechen!« 172.

»Weil die Modernen die Theorie der Ausnahmen oder Übergänge, die Theorie der
Bastarde
nicht kannten, sind sie überall im Studium der Natur gescheitert.« (Beispiel des »Bastards: die Quitte, die Nektarine, der Aal, die Fledermaus etc.«) 191.

Zweiter Teil
{4}

[Zu der Behauptung von Dühring, »daß die Willensbetätigung, vermöge deren die Vereinigungsgebilde der Menschen geschaffen werden, an sich selbst unter Naturgesetzen stehen«:]

Also von
historischer
Entwicklung keine Rede. Bloßes ewiges Naturgesetz. Alles ist Psychologie und diese leider noch weit »rückständiger« als die Politik.

[In unmittelbarem Zusammenhang mit den Dühringschen Ausführungen über Sklaverei, Lohnhörigkeit und Gewalteigentum als »sozial-ökonomische Verfassungsformen echt politischer Natur«:]

Immer der Glaube, daß die Ökonomie nur ewige Naturgesetze habe, alle Änderung und Fälschung durch die böse Politik gemacht.

In der ganzen Gewalttheorie also soviel richtig, daß bisher alle Gesellschaftsformen zu ihrer Erhaltung
Gewalt
nötig hatten und sogar teilweise gewaltsam eingeführt worden. Diese Gewalt, in ihrer organisierten Form, heißt
Staat
. Wir haben hier also die Trivialität, daß, sowie die Menschen sich über die rohesten Zustände erhoben, überall Staaten existiert haben, und um das zu wissen, hat die Welt nicht auf Dühring gewartet. - Nun ist aber Staat und Gewalt grade das allen bisherigen Gesellschaftsformen
Gemeinsame
, und wenn ich z.B. die orientalischen Despotismen, die antiken Republiken, die mazedonischen Monarchien, das römische Kaisertum, den Feudalismus des Mittelalters dadurch erkläre, daß sie alle auf
Gewalt
beruhn, so habe ich noch gar nichts erklärt. Die verschiednen sozialen und politischen Formen müssen also nicht durch die Gewalt, die ja stets dieselbe, sondern durch dasjenige erklärt werden,
worauf die Gewalt angewandt wird
, auf das,
was
geraubt wird - die Produkte und Produktivkräfte der jedesmaligen Epoche und deren aus ihnen selbst hervorgehende Disposition. Und da würde man finden, daß der orientalische Despotismus auf dem Gemeineigentum, die antiken Republiken auf den ackerbautreibenden Städten, das römische Kaiserreich auf den Latifundien, der Feudalismus auf der Herrschaft des Landes über die Stadt, die ihre materiellen Gründe hatte, beruhn etc.

[Engels zitiert folgende Ausführungen Dührings: »Die Naturgesetze der Wirtschaft werden in aller Strenge erst dadurch gewonnen, daß man die Wirkungen der Staats- und Gesellschaftseinrichtungen (!) und namentlich diejenigen des mit Lohnhörigkeit verknüpften Gewalteigentums in Gedanken ausmerzt und sich hütet, die letzteren als Notwendigkeiten der bleibenden Natur (!) des Menschen anzusehn ...«

Auf diese Ausführungen Dührings beziehen sich die folgenden Bemerkungen:]

Die Naturgesetze der Wirtschaft werden also nur dann entdeckt, wenn man
von aller bisherigen Wirtschaft abstrahiert
, sie haben bisher nie ungefälscht agiert! -
Bleibende
Natur des Menschen - vom Affen bis Goethe!

Dühring soll mit dieser Theorie der »Gewalt« erklären, woher es so kommt, daß überall und von jeher die Majorität aus Vergewaltigten, die Minderzahl aus Gewalthabern bestand. Das ist an sich schon Beweis, daß das Gewaltsverhältnis in den ökonomischen Bedingungen begründet, die man nicht so einfach auf politischem Wege umwerfen kann.

Bei Dühring wird Rente, Profit, Zins, Arbeitslohn nicht erklärt, sondern gesagt, die Gewalt habe das so gemacht. Woher aber die Gewalt? Non est. |Wird nicht gesagt.|

Gewalt macht Besitz und Besitz ökonomische Macht. Also Gewalt = Macht.

Marx hat im »Kapital« (Akkumulation) bewiesen, wie die Gesetze der Warenproduktion auf einer gewissen Stufe der Entwicklung die kapitalistische Produktion mit allen ihren Schikanen notwendig hervorbringen, und daß dazu
gar keine Gewalt nötig ist
. |Siehe
S. 151

Wenn Dühring die politische Aktion als letzte Entscheidungsmacht der Geschichte ansieht und tut, als wäre das was Neues, so sagt er doch nur, was alle bisherigen Geschichtsschreiber sagten, für die auch die sozialen Formen lediglich durch die politischen, nicht durch die Produktion bestimmt werden.

C'est trop bon! |Das ist zuviel des Guten!| Die ganze Freihandelsschule von Smith an, ja die ganze vormarxsche Ökonomie sieht in den ökonomischen Gesetzen, soweit sie sie verstehn, »Naturgesetze« und behauptet, daß deren Wirkung vom Staat, von den »Wirkungen der Staats- und Gesellschaftseinrichtungen« gefälscht werden!

Übrigens diese ganze Theorie bloß ein Versuch, den Sozialismus auf Carey zu begründen: die Ökonomie ist an sich harmonisch, der Staat mit seiner Einmischung verdirbt alles.

Komplement der Gewalt ist die
ewige Gerechtigkeit
, sie erscheint p. 282.

[Die Ansichten Dührings, die er bei seiner Kritik an Smith, Ricardo und Carey entwickelt, werden von Engels wie folgt charakterisiert: »Die Produktion sei in ihrer abstraktesten Form ganz gut an einem Robinson zu studieren, die Verteilung an 2 auf einer Insel alleinstehenden Menschen, wobei man sich ja alle Zwischenstufen von vollständiger Gleichheit bis zum vollendeten Gegensatz von Herr und Sklave denken könne ...« Engels zitiert folgenden Satz Dührings: »Der wirklich in letzter Instanz für die Verteilungslehre maßgebende Standpunkt ist aber nur mit der
ernstlich sozialen
(!) Betrachtung zu gewinnen ...«]

Also man abstrahiert erst aus der wirklichen Geschichte die verschiednen Rechtsverhältnisse und trennt sie von der historischen Grundlage,

auf der sie entstanden sind und allein einen Sinn haben, und überträgt sie auf 2 Individuen: Robinson und Freitag, wo sie natürlich ganz willkürlich erscheinen. Nachdem man sie so auf die reine Gewalt reduziert, überträgt man sie wieder in die wirkliche Geschichte und beweist damit, daß auch hier alles auf bloßer Gewalt beruht. Daß die Gewalt auf ein materielles Substrat angewandt werden muß und es sich grade darum handelt nachzuweisen, woher dies entstanden, rührt Dühring nicht.

[Engels zitiert folgende Stelle aus Dührings »Cursus der National- und Socialökonomie«: »Die allen volkswirtschaftlichen Systemen gemeinsame Überlieferung sieht in der Verteilung nur einen sozusagen laufenden Hergang, welcher sich auf eine als fertiges Gesamterzeugnis vorgestellte Produktenmasse bezieht, ... eine
tiefere
Grundlegung hat vielmehr diejenige Verteilung ins Auge zu fassen, welche sich auf die ökonomischen oder ökonomisch wirksamen
Rechte
selbst und nicht bloß auf die laufenden und sich häufenden Konsequenzen dieser Rechte bezieht.«]

Einleitung und Gewalt
[stheorie-Kapitel in Dührings »Cursus der National- und Socialökonomie«].

Also die Untersuchung der Verteilung der laufenden Produktion genügt nicht.

Bodenrente setzt Grundbesitz, Profit Kapital, Arbeitslohn besitzlose Arbeiter, Eigner bloßer Arbeitskraft voraus. Man soll also untersuchen, woher dies kommt. Soweit dies ihn anging, für Kapital und besitzlose Arbeitskraft, hat Marx dies im I. Bande getan, die Untersuchung des Ursprungs des modernen Grundeigentums gehört zu der der Grundrente, also in seinen II. Band - Dührings Untersuchung und geschichtliche Begründung beschränkt sich auf das eine Wort:
Gewalt
! Hier schon direkte mala fides |böswillige Absicht|. Wie D[ühring] das große Grundeigentum
erklärt
siehe:
Reichtum
und
Wert
; dies besser hierherzuziehn.

Also die Gewalt macht die ökonomischen, politischen etc. Lebensbedingungen einer Epoche, eines Volks etc. Wer aber macht die Gewalt? Die organisierte Gewalt ist vor allem die
Armee
. Und nichts hängt mehr von den ökonomischen Bedingungen ab als grade die Zusammensetzung, Organisation, Bewaffnung, Strategie und Taktik einer Armee. Die Grundlage die Bewaffnung, und diese wieder direkt abhängig von der Produktionsstufe. Stein-, Bronze-, Eisenwaffen, Panzer, Reiterei, Schießpulver und nun gar die enorme Umwälzung, die die große Industrie im Krieg hervorgebracht durch gezogne Hinterlader und Artillerie - Produkte, die nur die

große Industrie mit ihren gleichmäßig arbeitenden und fast absolut identische Produkte erzeugenden Maschinen herstellen konnte. Von der Bewaffnung hängt wieder die Zusammensetzung und Organisation, die Strategie und Taktik ab. Letztere auch von der Wegbarkeit - die Anlage und Erfolge der Schlacht bei Jena bei den jetzigen Chausseen unmöglich - und nun gar die Eisenbahnen! Grade die Gewalt also steht unter der Herrschaft der vorgefundenen Produktionsbedingungen mehr als alles andre, und das hat selbst Hauptmann Jähns eingesehn. (»K[ölnische] Z[eitung]«, Machiavelli etc.)

Dabei besonders hervorzuheben die moderne Kriegführung von der Bajonettflinte bis auf den Hinterlader, wo nicht der Mann mit dem Säbel die Sache macht, sondern die Waffe; Linie, Kolonne bei schlechten Truppen, aber gedeckt durch Tirailleure (Jena contra Wellington) und endlich die allgemeine Auflösung in Schützen und Verwandlung des langsamen Schritts in Laufschritt.

[Nach Dühring ist »die geschickte Hand- oder Kopf als ein der Gesellschaft gehöriges Produktionsmittel, als eine
Maschine
zu betrachten, deren Produktion der
Gesellschaft
gehört«.]

Aber die Maschine
setzt nicht Wert zu
,
die geschickte Hand aber doch
! Das ökonomische Wertgesetz wird also, quant à cela |was dies anbelangt|, verboten, obwohl es bleiben soll.

[Zu Dührings Konzeption über die »
politisch juristische Grundlage
der ganzen Sozialität«:]

Damit gleich der idealistische Maßstab angelegt. Nicht die Produktion selbst, das
Recht
.

[Über die Dühringsche »Wirtschaftskommune« und das in ihr herrschende System der Arbeitsteilung, der Verteilung, des Austauschs und das Geldsystem:]

Also auch
Ablohnung
des einzelnen Arbeiters durch die Gesellschaft.

Also auch Schatzbildung, Wucher, Kredit und alle Folgen bis zur Geldkrise und Geldnot. Das Geld sprengt die wirtschaftliche Kommune ebenso notwendig wie es in diesem Augenblick die russische Kommune zu sprengen auf dem besten Wege ist und die Familienkommune, sobald es den Verkehr der einzelnen Glieder vermittelt.

[Engels zitiert folgenden Satz Dührings: »Wirkliche Arbeit in irgendeiner Form ist also das Naturgesetz gesunder Gestaltungen« und fügt in Klammern hinzu: »(wonach alle bisherigen ungesund) ... «

Zu dieser Darlegung Dührings:]

Entweder ist hier Arbeit als ökonomische, materiell produktive Arbeit gefaßt, und dann ist der Satz Unsinn und paßt nicht auf die ganze vergangne Geschichte. Oder Arbeit ist in einer allgemeineren Form gefaßt, worin jede Art der in einer Periode nötigen oder brauchbaren Tätigkeit, Regieren, Richten, Waffenüben, darunter verstanden wird, und dann ist er wieder ein heillos aufgeblähter Gemeinplatz und gehört nicht in die Ökonomie. Den Sozialisten aber mit diesem alten Kram imponieren wollen, indem man ihn »Naturgesetz« tauft, ist a trifle impudent |ein wenig unverschämt|.

[Zu Dührings Schilderung über den Zusammenhang zwischen Raub und Reichtum:]

Hier die ganze Methode. Jedes ökonomische Verhältnis zuerst unter dem Gesichtspunkt der
Produktion
aufgefaßt, abgesehn von aller geschichtlichen Bestimmung. Daher kann nur das Allerallgemeinste gesagt werden, und will Dühring darüber hinausgehn, so muß er die bestimmten historischen Verhältnisse einer Epoche nehmen, also aus der abstrakten Produktion herausfallen und Konfusion machen. Dann wird dasselbe ökonomische Verhältnis unter dem Gesichtspunkt der
Verteilung
gefaßt, d.h. die bisherige historische Gestaltung auf die Phrase:
Gewalt
reduziert und sich dann über die bösen Folgen der Gewalt entrüstet. Wohin wir damit kommen, werden wir bei den Naturgesetzen sehn.

[Zu Dührings Behauptung, daß zur Führung einer Wirtschaft in großem Maßstab »Sklaverei« oder »Leibeigenschaft« notwendig sei:]

Also: 1. Die Weltgeschichte fängt mit dem großen Grundeigentum an! Die Bodenkultur auf großen Strecken ist identisch mit der Kultur durch große Grundbesitzer! Der Boden Italiens, der von den Latifundiern in Viehweide verwandelt, lag vorher öde! Die Nordstaaten Amerikas haben sich nicht durch freie Bauern so enorm ausgedehnt, sondern durch Sklaven, Hörige etc.!

Wieder der mauvais calembour |(das) schlechte Wortspiel|: »Bewirtschaftung in größeren Strecken«
soll
= Urbarmachung derselben gelten, wird aber sogleich = Bewirtschaftung auf großem Maßstabe = großes Grundeigentum genommen! Und in diesem Sinne welche enorm neue Entdeckung, daß, wenn einer mehr Land besitzt, als er und Familie bebauen kann, er ohne fremde Arbeit es nicht alles bebauen könne! Dabei ist die
Bewirtschaftung durch Hörige
ja nicht die Bewirtschaftung größerer Strecken, sondern von
Parzellen
und die

Bewirtschaftung stets älter als die Hörigkeit (Rußland, die flämischen, holländischen und friesischen Kolonien in der slawischen Mark, s. Langethal), die ursprünglich freien Bauern werden hörig
gemacht
, werden es stellenweise selbst
formell
freiwillig.

[Zur Behauptung Dührings, daß die Größe des Werts von der Größe des Naturhindernisses abhängig sei, das sich der Befriedigung der Bedürfnisse entgegenstemmt und das »sie zu größeren oder geringeren Ausgaben an wirtschaftlicher Kraft (!) nötigt«:]

Überwindung des Widerstandes
- aus der mathematischen Mechanik herübergenommene Kategorie, die absurd wird in der Ökonomie. Ich spinne, webe, bleiche, drucke nacheinander Baumwolle, heißt jetzt: ich überwinde den Widerstand der Baumwolle gegen das Gesponnenwerden, des Garns gegen das Gewebtwerden, des Gewebes gegen das Gebleicht- und Gedrucktwerden. Ich mache eine Dampfmaschine, heißt: ich überwinde den Widerstand des Eisens gegen die Verwandlung in eine Dampfmaschine. Ich drücke die Sache auf einem hochtrabenden Umweg aus, der nichts hinzufügt als Schiefheit. Aber - ich kann damit den
Verteilungswert
, wo auch angeblich ein Widerstand zu überwinden ist, hereinziehn. Drum auch!

[Zu den Worten Dührings: »Der Verteilungswert ist rein und ausschließlich nur da vorhanden, wo die Verfügungsmacht über unproduzierte Dinge oder (!), gewöhnlicher geredet, diese« (unproduzierten!) »Dinge selbst gegen Leistungen oder Sachen von wirklichem Produktionswert ausgewechselt werden«:]

Was ist ein unproduziertes Ding? Der
modern kultivierte
Boden? oder soll es heißen Dinge, die der Eigentümer nicht selbst produziert hat? Aber dazu der Gegensatz von »wirklichem Produktionswert«. Der folgende Satz zeigt, daß es wieder ein mauvais calembour ist. Naturgegenstände, die nicht produziert worden, werden zusammengeworfen mit »ohne Gegenleistung angeeigneten Wertbestandteilen«.

[Dühring behauptet, daß alle menschlichen Einrichtungen und Tatsachen unverbrüchlich determiniert, aber durchaus nicht »in allen Hauptzügen gleich dem äußeren Naturspiel praktisch unabänderlich«:]

Also Naturgesetz ist's und bleibt's.

Daß die Gesetze der Ökonomie in aller bisherigen plan- und zusammenhangslosen Produktion den Menschen als objektive Gesetze, über die sie keine Macht haben, entgegentreten, also
in Form von Naturgesetzen
, davon kein Wort.

[Über Dührings »Grundgesetz aller Ökonomie«: »Die Produktivität der wirtschaftlichen Mittel, Natur
hülfsquellen und Menschenkraft
,
wird durch Erfindungen und Entdeckungen gesteigert
, und zwar geschieht dies ganz abgesehn von der Verteilung, die als solche immerhin erhebliche Veränderungen erfahren oder verursachen mag, aber das Gepräge (!) des Hauptergebnisses nicht bestimmt«:]

Dieser Schlußsatz: und zwar etc., fügt dem Gesetz nichts Neues hinzu, denn wenn das Gesetz wahr ist, so kann die Verteilung nichts dran ändern, und es ist also überflüssig zu sagen, daß es für jede Verteilungsform richtig ist - sonst wäre es ja kein Naturgesetz. Er ist aber bloß zugesetzt, weil Dühring sich doch schämte, das ganze nackte Gesetz so nackt in seiner Plattheit hinzustellen. Zudem ist er widersinnig, denn wenn die Verteilung immerhin erhebliche Veränderungen verursachen mag, so kann nicht von ihr »ganz abgesehn« werden. Wir streichen ihn also und erhalten dann das Gesetz pür und simple - das
Fundamentalgesetz der ganzen Ökonomie
.

Dies ist aber noch nicht platt genug. Wir werden belehrt:

[Engels führt weitere Auszüge aus dem Buche Dührings »Cursus der National- und Socialökonomie« an.]

[Dühring behauptet, daß der wirtschaftliche Fortschritt nicht von der Summe der Produktionsmittel, »sondern nur
von dem Wissen und den allgemeinen technischen Verfahrungsarten
« abhängig sei, und dieses »zeigt sich auch sogleich« nach der Meinung Dührings, wenn man »das Kapital in seinem
natürlichen
Sinn als Instrument der Produktion versteht«]

Die im Nil liegenden Dampfpflüge der Khedive und die in Schuppen nutzlos stehenden Dreschmaschinen etc. der russischen Adligen beweisen das. Auch der Dampf etc. hat seine historischen Vorbedingungen, die zwar verhältnismäßig leicht zu schaffen sind, aber doch geschaffen werden müssen. Aber Dühring ist ganz stolz darauf, daß er damit jenen Satz, der einen ganz andern Sinn hat, so weit heruntergebracht hat, daß diese »Idee mit unserem an die Spitze gestellten Gesetz zusammenfällt«, p. 71. Die Ökonomen dachten sich doch noch etwas Reelles bei diesem Gesetz. Dühring hat es auf die äußerste Plattheit reduziert.

[Zu der Dühringschen Formulierung des Naturgesetzes der Arbeitsteilung: »Die Spaltung der Berufszweige und die Zerlegung der Tätigkeiten erhöht die Produktivität der Arbeit«:]

Diese Formulierung falsch, da sie nur für die bürgerliche Produktion richtig und die Teilung der Berufsarten auch da schon Schranke der Produktion wird durch Verkrüpplung und Verknöcherung der Individuen, aber künftig ganz fortfallend. Wir sehn hier schon, daß diese Teilung der Berufsarten in
heutiger
Weise für Dühring etwas Permanentes ist, auch für die
Sozialität
.

{1}
Randbemerkung von Engels: »Und die unwillkürliche Anpassung auch bei Tieren die Hauptsache«.

{2}
Randbemerkung von Engels: »Die Gleichheitsvorstellung aus der Gleichheit der allgemeinen menschlichen Arbeit in der Warenproduktion.« »Kapital«, p. 36 (siehe: Karl Marx, »Das Kapital«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke,
Bd. 23, S. 73/74
)

{3}
Dieser Absatz steht am Rande des Manuskripts ohne Angabe der Stelle, auf die er sich bezieht.

{4}
In seinem zweiten Teil besteht das Manuskript der Vorarbeiten zum »Anti-Dühring« aus Auszügen, entnommen dem »Cursus der National- und Socialökonomie« von E. Dühring. Wir geben hier nur einige am Rande gemachte Bemerkungen von Engels wieder mit kurzen Hinweisen, auf welche Gedankengänge bei Dühring sie sich beziehen.

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 8]

1962.
S. 597-603.

Friedrich Engels

## Taktik der Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet. 1700-1870

Im 14. Jahrhundert wurden Schießpulver und Feuerwaffen in West- und Mitteleuropa bekannt, und jedes Schulkind weiß, daß diese rein technischen Fortschritte die ganze Kriegführung revolutionierten. Aber diese Revolution ging sehr langsam vor sich. Die ersten Feuerwaffen waren sehr roh, namentlich die Handbüchsen. Und wenn auch schon früh eine Menge einzelner Verbesserungen erfunden wurden - der gezogene Lauf, die Hinterladung, das Radschloß etc., so dauerte es doch über 300 Jahre, bis Ende des 17. Jahrhunderts ein Gewehr zustande gebracht wurde, das zur Bewaffnung der gesamten Infanterie geeignet war.

Das Fußvolk des 16. und 17. Jahrhunderts bestand teils aus Pikenträgern, teils aus Büchsenschützen. Anfangs waren die Pikeniere zur Entscheidung mit der blanken Waffe bestimmt, während das Feuer der Schützen die Verteidigung übernahm. Die Pikeniere fochten deshalb in tiefen Massen, ähnlich der altgriechischen Phalanx; die Schützen standen acht bis zehn Mann tief, weil soviel nacheinander abfeuern konnten, ehe einer geladen hatte; wer schußfertig war, sprang vor, feuerte und ging dann ins letzte Glied, um wieder zu laden.

Die allmähliche Vervollkommnung der Feuerwaffen änderte dies Verhältnis. Das Luntenschloßgewehr wurde endlich so rasch ladbar, daß nur noch fünf Mann, also Rotten von fünf Mann Tiefe, zur Unterhaltung eines ununterbrochenen Feuers erforderlich waren. Man konnte also jetzt mit derselben Anzahl Musketiere eine fast doppelt so lange Front besetzen wie vorher. Die Pikeniere wurden, wegen der weit verheerender gewordenen Wirkung des Geschützfeuers auf tiefe Massen, jetzt auch nur in sechs bis acht Gliedern aufgestellt, und so näherte sich die Schlachtordnung allmählich der Linienstellung, in der die Entscheidung nunmehr durch das Gewehrfeuer herbeigeführt wurde, und die Pikeniere nicht mehr zum Angriff, sondern nur noch zur Deckung der Schützen gegen Reiterei bestimmt blieben.

Am Ende dieser Periode finden wir eine Schlachtordnung in zwei Treffen und einer Reserve, jedes Treffen in Linie aufmarschiert, meist 6 Mann tief, Geschütze und Reiterei teils in den Intervallen der Bataillone, teils auf den Flügeln; jedes Infanteriebataillon bestehend aus höchstens
1
/
3
Pikenieren und mindestens
2
/
3
Musketieren.

Ende des 17. Jahrhunderts kam endlich das Steinschloßgewehr mit Bajonett und die Ladung vermittelst fertiger Patronen zustande. Damit verschwand die Pike endgültig aus der Infanterie. Das Laden wurde weniger zeitraubend, das raschere Feuer schützte sich selbst, das Bajonett ersetzte für den Notfall die Pike. Somit konnte die Tiefe der Linie von sechs auf vier, später auf drei, endlich hier und da auf zwei Mann verringert werden; die Linie verlängerte sich also, bei gleicher Anzahl der Leute, immer mehr, es kamen immer mehr Gewehre gleichzeitig in Tätigkeit. Aber diese langen, dünnen Linien wurden damit auch immer unhandlicher, sie konnten nur auf ebnem, hindernisfreiem Gelände sich mit Ordnung, und dazu nur langsam, 70-75 Schritt in der Minute, bewegen; und in der Ebene grade boten sie, namentlich auf den Flanken, der Reiterei Aussicht auf erfolgreichen Angriff. Teils um diese Flanken zu schützen, teils um die entscheidungbringende Feuerlinie stärker zu machen, zog man die Reiterei ganz auf die Flügel, so daß die eigentliche Schlachtlinie nur aus dem Fußvolk mit seinen leichten Bataillonsgeschützen bestand. Das äußerst plumpe, schwere Geschütz stand vor den Flügeln und veränderte während der Schlacht höchstens einmal seine Stellung. Das Fußvolk war in zwei Treffen aufmarschiert, deren Flanken durch Infanterie in Hakenstellung gedeckt wurde, so daß seine Aufstellung ein einziges, sehr langes, hohles Viereck bildete. Diese unbehülfliche Masse, wenn sie nicht als Ganzes sich bewegen sollte, war nur in drei Teile, Zentrum und beide Flügel zerlegbar, und die ganze Teilbewegung bestand darin, den einen Flügel, der den des Feindes überragte, zur Umgehung vorzuschieben, während man den andern drohend zurückhielt, um den Feind an einer entsprechenden Frontveränderung zu hindern. Die Gesamtaufstellung während der Schlacht zu ändern war so zeitraubend und bot dem Gegner solche Blößen, daß der Versuch fast immer der Niederlage gleichkam. Der ursprüngliche Aufmarsch blieb also für die ganze Schlacht maßgebend, und die Entscheidung fiel, sobald das Fußvolk einmal im Feuer war, mit Einem unwiederbringlichen Schlag. Und diese ganze, von Friedrich II. aufs höchste entwickelte Kampfweise war das unvermeidliche Ergebnis zweier zusammenwirkender materieller Faktoren: des Menschenmaterials der damaligen stramm exerzierenden, aber ganz unzuverlässigen, nur mit dem Stock zusammengehaltenen, teilweise aus feindlichen Kriegsgefangnen gepreßten, fürstlichen Werbeheere, und zweitens des Waffenmaterials - der unbehülflichen schweren Geschütze und der glattläufigen, rasch, aber schlecht schießenden Steinschloßflinte mit Bajonett.

Diese Kampfweise hielt vor, solange beide Gegner in Beziehung auf Menschenmaterial und Bewaffnung auf demselben Stand blieben, und es daher jedem von ihnen paßte, sich an die vorgeschriebne Regel zu binden. Als aber der amerikanische Unabhängigkeitskrieg losbrach, traten den wohlgedrillten Werbesoldaten plötzlich Insurgentenhaufen entgegen, die zwar nicht exerzieren, aber desto besser schießen konnten, die großenteils sichertreffende Büchsen führten und die in eigner Sache kämpften, also nicht desertierten. Diese Insurgenten taten den Engländern nicht den Gefallen, in freier Ebene, nach allen hergebrachten Regeln der kriegerischen Etikette das bekannte Schlachtmenuett im langsamen Schritt mit ihnen abzutanzen, sie zogen den Gegner in dichte Wälder, wo seine langen Marschkolonnen wehrlos dem Feuer zerstreuter, unsichtbarer Schützen ausgesetzt waren, sie benutzten, in losen Schwärmen formiert, jede Terraindeckung, um dem Feind Abbruch zu tun, und blieben dazu, bei ihrer großen Beweglichkeit, seinen schwerfälligen Massen doch immer unerreichbar. Das Feuergefecht zerstreuter Schützen, das schon bei Einführung der Handfeuerwaffen eine Rolle gespielt hatte, zeigte sich hier also, in gewissen Fällen, namentlich im kleinen Krieg, der Linienordnung überlegen.

Paßten schon die Soldaten der europäischen Werbeheere nicht zum zerstreuten Gefecht, so noch weniger ihre Bewaffnung. Man stemmte zwar nicht mehr das Gewehr beim Abfeuern gegen die Brust, wie die alten Luntenschloß-Musketiere getan; man schlug an die Achsel an, wie jetzt; aber von Zielen war noch immer keine Rede, da bei der ganz geraden, in der Verlängerung des Laufs liegenden Schäftung das Auge nicht an den Lauf gelegt werden konnte. Erst 1777 wurde in Frankreich die geschweifte Schäftung des Jagdgewehrs auch beim Infanteriegewehr adoptiert, und damit ein wirksames Tirailleurfeuer möglich. Eine zweite zu erwähnende Verbesserung war die, Mitte des 18. Jahrhunderts von Gribeauval konstruierte leichtere und doch solide Lafettierung der Geschütze, wodurch allein die der Artillerie später zugemutete größere Beweglichkeit möglich wurde.

Diese beiden technischen Fortschritte auf dem Schlachtfeld auszunutzen, war der französischen Revolution vorbehalten. Sie stellte, als das verbündete Europa sie angriff, der Regierung die ganze waffenfähige Nation zur Verfügung. Aber diese Nation hatte nicht die Zeit, sich die künstlichen

Manöver der Lineartaktik so weit einzuüben, daß sie der altgedienten preußischen und österreichischen Infanterie in gleicher Formation entgegentreten konnte. In Frankreich aber fehlten nicht nur die amerikanischen Urwälder, sondern auch die praktisch grenzenlose Gebietsausdehnung für den Rückzug. Es galt, den Feind zwischen der Grenze und Paris zu schlagen, also ein bestimmtes Gebiet zu verteidigen, und das konnte schließlich nur in offener Massenfeldschlacht geschehn. Es galt also, neben dem Schützenschwarm noch eine andre Form zu finden, in der die schlecht geübten französischen Massen den stehenden Heeren Europas mit einiger Aussicht auf Erfolg entgegentreten konnten. Die Form fand man in der bereits für gewisse Fälle, aber meist nur auf dem Exerzierplatz angewandten, geschlossenen Kolonne. Die Kolonne war leichter in Ordnung zu halten als die Linie; selbst wenn sie in einige Unordnung kam, leistete sie als dichter Haufe immer noch - wenigstens passiven - Widerstand; sie war leichter zu handhaben, blieb mehr in der Hand des Führers und konnte sich rascher bewegen; die Marschgeschwindigkeit stieg auf 100 und mehr Schritt in der Minute. Was aber das wichtigste Ergebnis war: die Anwendung der Kolonne als ausschließlicher Kampfform der Massen gestattete, das schwerfällige, einheitliche Ganze der alten Linienschlachtordnung in einzelne, mit einer gewissen Selbständigkeit begabte, ihre allgemeine Instruktion den vorgefundnen Umständen anpassende Teile zu zerlegen, deren jeder aus allen drei Waffen zusammengesetzt sein konnte; sie war elastisch genug, um jede nur mögliche Kombination der Truppenverwendung zuzulassen; sie gestattete die, noch von Friedrich II. streng verbotene, Benutzung von Dörfern und Gehöften, die von nun an in jeder Schlacht die Hauptstützpunkte bildeten; sie war in jedem Terrain verwendbar; und sie konnte endlich der alles auf einen Wurf setzenden Linientaktik mit einer Kampfweise entgegentreten, in der die Linie durch Schützenschwärme und durch allmähliche, das Gefecht hinhaltende Verwendung der Truppen ermattet und so weit aufgerieben wurde, daß sie dem Stoß der bis zuletzt in Reserve gehaltenen frischen Streitkräfte nicht mehr standhielt. Während die Linienstellung auf allen Punkten gleich stark war, konnte der in Kolonnen fechtende Gegner einen Teil der Linie durch Scheinangriffe schwacher Kräfte beschäftigen, und seine Hauptmassen zum Angriff auf den entscheidenden Punkt der Stellung konzentrieren. - Das Feuergefecht wurde nun vorzugsweise durch aufgelöste Schützenschwärme geführt, während die Kolonnen den Bajonettangriff durchführen sollten. Es war also wieder ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Schützenschwärmen und Pikeniermassen am Anfang des 16. Jahrhunderts, nur daß die modernen Kolonnen sich jeden

Augenblick in Schützen auflösen, und diese sich ebenso wieder in Kolonnen zusammenziehn konnten.

Die neue Kampfweise, deren Ausnutzung durch Napoleon auf die höchste Spitze entwickelt wurde, war der alten so überlegen, daß diese rettungslos und hülflos vor ihr in Stücke brach - zuletzt bei Jena, wo die unbehülflichen, größtenteils zum zerstreuten Gefecht unverwendbaren, langsamen preußischen Linien vor dem französischen Tirailleurfeuer, dem sie mit Pelotonfeuer antworten mußten, buchstäblich zerschmolzen. Wenn aber auch die Linienschlachtordnung erlag, so doch keineswegs die Linie als Gefechtsformation. Wenige Jahre nachdem die Preußen mit ihren Linien bei Jena so schlechte Geschäfte gemacht, führte Wellington seine Engländer den französischen Kolonnen in Linie gegenüber und schlug sie regelmäßig. Aber Wellington hatte eben die ganze französische Taktik angenommen, nur mit der Ausnahme, daß er seine geschlossene Infanterie, statt in Kolonne, in Linie fechten ließ. Er hatte dabei den Vorteil, im Feuer sämtliche Gewehre, und in der Attacke sämtliche Bajonette gleichzeitig zur Verwendung zu bringen. In dieser Schlachtordnung haben die Engländer bis vor wenigen Jahren gefochten und sowohl im Angriff (Albuera) wie in der Verteidigung (Inkerman) bedeutender Überzahl gegenüber Vorteile errungen. Bugeaud, der diesen englischen Linien gegenübergestanden hatte, zog sie der Kolonne bis zuletzt vor.

Bei alledem war das Infanteriegewehr herzlich schlecht, so schlecht, daß man damit auf 100 Schritt nur selten einen einzelnen Mann, und auf 300 Schritt ebenso selten ein ganzes Bataillon treffen konnte. Als daher die Franzosen nach Algier kamen, erlitten sie von den langen Flinten der Beduinen starke Verluste auf Entfernungen, auf die ihre Gewehre wirkungslos waren. Hier konnte nur die gezogene Büchse helfen; aber grade in Frankreich hatte man sich, wegen ihrer langsamen Ladbarkeit und raschen Verschleimung, stets gegen die Büchse, selbst als Ausnahmewaffe, gesträubt. Jetzt aber, als das Bedürfnis einer leicht ladbaren Büchse sich geltend machte, wurde es auch sofort erfüllt. Den Vorarbeiten Delvignes folgten Thouvenins Dornbüchse und Miniés Expansionsgeschoß, welches letztere das gezogne Gewehr dem glattläufigen in bezug auf Ladbarkeit vollkommen gleichstellte; so daß von da an die ganze Infanterie mit weittragenden und genau schießenden gezognen Gewehren bewaffnet werden konnte. Aber ehe der gezogne Vorderlader sich die ihm angemeßne Taktik schaffen konnte, wurde er schon verdrängt durch die neueste Kriegswaffe, den gezognen Hinterlader, mit dem gleichzeitig sich die gezognen Geschütze zu immer höherer Kriegsbrauchbarkeit entwickelten.

Die durch die Revolution geschaffne Bewaffnung der ganzen Nation hatte bald bedeutende Einschränkungen erfahren. Man hob nur einen Teil der dienstpflichtigen jungen Leute vermittelst Auslosung zum Dienst im stehenden Heer aus und bildete höchstens aus einem größeren oder geringern Teil der übrigen Bürger eine ungeübte Nationalgarde. Oder aber, wo man die allgemeine Dienstpflicht wirklich streng durchführte, bildete man höchstens ein nur wenige Wochen unter den Fahnen geübtes Milizheer, wie in der Schweiz. Finanzielle Rücksichten nötigten zur Wahl zwischen Konskription oder Milizheer. Nur ein Land Europas, und noch dazu eins der ärmsten, versuchte allgemeine Wehrpflicht und stehende Armee miteinander zu vereinigen; es war dies Preußen. Und wenn auch die allgemeine Verpflichtung zum Dienst im stehenden Heer nie anders als annähernd durchgeführt wurde, ebenfalls aus zwingenden Finanzrücksichten, so stellte doch das preußische Landwehrsystem der Regierung eine so bedeutende Anzahl geübter und in fertigen Cadres organisierter Leute zur Verfügung, daß Preußen jedem andern Land von gleicher Volkszahl entschieden überlegen war.

Im Deutsch-Französischen Kriege 1870 erlag das französische Konskriptionssystem dem preußischen Landwehrsystem. In diesem Krieg waren aber auch zum erstenmal beide Teile mit Hinterladern bewaffnet, während die reglementarischen Formen, in denen die Truppen sich bewegten und schlugen, im wesentlichen dieselben geblieben waren, wie zur Zeit des alten Steinschloßgewehrs. Höchstens, daß man die Tirailleurschwärme etwas dichter machte. Im übrigen fochten die Franzosen noch immer in den alten Bataillonskolonnen, zuweilen auch in Linie, während bei den Deutschen durch Einführung der Kompaniekolonne wenigstens ein Versuch gemacht war, eine der neuen Waffe angemessenere Kampfform zu finden. So behalf man sich in den ersten Schlachten. Als aber beim Sturm auf Saint-Privat (18. August) drei Brigaden preußischer Garde mit der Kompaniekolonne Ernst zu machen versuchten, zeigte sich die niederschmetternde Gewalt des Hinterladers. Von den fünf am meisten beteiligten Regimentern (15.000 Mann) fielen fast alle Offiziere (176) und 5.114 Mann, also über ein Drittel. Die ganze Garde-Infanterie, die in der Stärke von 28.160 Mann ins Gefecht gerückt war, verlor an jenem Tage 8.230 Mann, worunter 307 Offiziere. Von da an war die Kompaniekolonne als Kampfform gerichtet, nicht minder als die Bataillonsmasse oder die Linie; jeder Versuch wurde aufgegeben, fernerhin irgendwelche geschlossene Trupps dem feindlichen Gewehrfeuer auszusetzen; der Kampf wurde deutscherseits nur noch in jenen dichten Tirailleurschwärmen geführt, in die sich die Kolonnen bisher schon regelmäßig von selbst unter dem einschlagenden Kugelhagel aufgelöst, die man aber von oben herab als ordnungswidrig bekämpft hatte. Der Soldat war wieder einmal klüger gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bis jetzt im Feuer des gezognen Hinterladers sich bewährt, hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führer erfolgreich durch. Ebenso wurde nun im Bereich des feindlichen Gewehrfeuers nur noch der
Laufschritt
angewandt.

Pfad: »../me/me20«

[Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft - Teil 9]

1962.
S. 604-620.

Friedrich Engels

## Ergänzungen und Änderungen im Text des »Anti-Dühring«, die Engels für die Broschüre »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« vorgenommen hat

Die Hinweise auf die Seiten und Kapitel des »Anti-Dühring«, auf die sich die entsprechenden Ergänzungen, Zusätze und Änderungen beziehen, sowie die in eckigen Klammern eingeschlossenen Erläuterungen wurden von der Redaktion gegeben.

### Zum I. Kapitel der »Einleitung«: Allgemeines

Zur S. 16

[In der Broschüre »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft« bringt Engels den Satz »Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, sosehr auch seine Wurzel in den ökonomischen Tatsachen lag« wie folgt:]

Wie jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, so sehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen lag. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 189
.]

Zur S. 16

[Zu der Stelle »Es war die Zeit, wo, wie Hegel sagt, die Welt auf den Kopf gestellt wurde ...« gibt Engels folgende Note:]

Folgendes ist die Stelle über die französische Revolution: »Der Gedanke, der Begriff des Rechts, machte sich mit einem Male geltend, und dagegen konnte das alte Gerüst des Unrechts keinen Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie kreisen, war das noch nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut. Anaxagoras hatte zuerst gesagt, daß der Nus, die Vernunft, die Welt regiert; nun aber erst ist der Mensch dazu gekommen, zu erkennen, daß der Gedanke die geistige Wirklichkeit regieren solle. Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen.« (Hegel, »Philosophie der Geschichte«, 1840, S. 535.) - Sollte es nicht hohe Zeit sein, gegen solche gemeingefährliche Umsturzlehren des weiland Professor Hegel, das Sozialistengesetz in Bewegung zu setzen? [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 189/190
.]

Zur S. 17

[Der Satz: »Jetzt erst brach das Tageslicht an; von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht, das Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden durch die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begründete Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte« wurde wie folgt ergänzt:]

Jetzt erst brach das Tageslicht, das Reich der Vernunft an, von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht, das Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden durch die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begründete Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 190
.]

Zur S. 17

[Der Satz »Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und Bürgertum bestand der allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von reichen Müßiggängern und arbeitenden Armen« wurde wie folgt ergänzt:]

Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und dem als Vertreterin der gesamten übrigen Gesellschaft auftretenden Bürgertum bestand der allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von reichen Müßiggängern und arbeitenden Armen. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 190
.]

Zur S. 17

[An Stelle des Satzes »So in der deutschen Reformations- und Bauernkriegszeit die Thomas Münzersche Richtung; in der großen englischen Revolution die Levellers; in der großen französischen Revolution Babeuf« gibt Engels die Formulierung:]

So in der deutschen Reformations- und Bauernkriegszeit die Wiedertäufer und Thomas Münzer; in der großen englischen Revolution die Levellers; in der großen französischen Revolution Babeuf. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 191
.]

Zur S. 18

[Der Satz »Ein asketischer, an Sparta anknüpfender Kommunismus war so die erste Erscheinungsform der neuen Lehre« wurde wie folgt ergänzt:]

Ein asketischer, allen Lebensgenuß verpönender, an Sparta anknüpfender Kommunismus war so die erste Erscheinungsform der neuen Lehre. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 191
.]

Zur S. 18

[Der Satz »Wie die Aufklärer, wollen sie nicht eine bestimmte Masse, sondern die ganze Menschheit befreien« wird so gebracht:]

Wie die Aufklärer, wollen sie nicht zunächst eine bestimmte Klasse, sondern sogleich die ganze Menschheit befreien. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 191
.]

Zur S. 18

[An Stelle der beiden folgenden Sätze »Diese Anschauungsweise ist wesentlich die aller englischen und französischen und der ersten deutschen Sozialisten, Weitling einbegriffen. Der Sozialismus ist der Ausdruck der absoluten Wahrheit ...« wird die Formulierung gegeben:]

Die Anschauungsweise der Utopisten hat die sozialistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts lange beherrscht und beherrscht sie zum Teil noch. Ihr huldigten noch bis vor ganz kurzer Zeit alle französischen und englischen Sozialisten, ihr gehört auch der frühere deutsche Kommunismus mit Einschluß Weitlings an. Der Sozialismus ist ihnen allen der Ausdruck der absoluten Wahrheit ... [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 200
.]

Zur S.20

[Nach der Stelle »Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht« ist der Satz eingefügt:]

Wir sehen zunächst also das Gesamtbild, in dem die Einzelheiten noch mehr oder weniger zurücktreten, wir achten mehr auf die Bewegung , die Übergänge, die Zusammenhänge, als auf das, was sich bewegt, übergeht und zusammenhängt. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 202
.]

Zur S. 20

[Der Satz »Aber diese Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes der Erscheinungen erfaßt, genügt doch nicht, die Einzelheiten zu erklären, aus denen sich dies Gesamtbild zusammensetzt; und solange wir dies nicht können, sind wir auch über das Gesamtbild nicht klar« lautet durch die Änderung eines Wortes so:]

Aber diese Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen Charakter des Gesamtbildes der Erscheinungen erfaßt, genügt doch nicht, die Einzelheiten zu erklären, aus denen sich dies Gesamtbild zusammensetzt; und solange wir diese nicht kennen, sind wir auch über das Gesamtbild nicht klar. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 203
.]

Zur S. 20

[Die folgende Stelle »Dies ist zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft und Geschichtsforschung; Untersuchungszweige, die aus sehr guten Gründen bei den Griechen der klassischen Zeit einen nur untergeordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das Material zusammenschleppen mußten. Die Anfänge der exakten Naturforschung werden erst bei den Griechen der alexandrinischen Periode und später, im Mittelalter, von den Arabern, weiter entwickelt ...« wird so gebracht:]

Dies ist zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft und Geschichtsforschung; Untersuchungszweige, die aus sehr guten Gründen bei den Griechen der klassischen Zeit einen nur untergeordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das Material dafür zusammenschleppen mußten. Erst nachdem der natürliche und geschichtliche Stoff bis auf einen gewissen Grad angesammelt ist, kann die kritische Sichtung, die Vergleichung, beziehungsweise die Einteilung in Klassen, Ordnungen und Arten in Angriff genommen werden. Die Anfänge der exakten Naturforschung werden daher erst bei den Griechen der alexandrinischen Periode und später, im Mittelalter, von den Arabern, weiterentwickelt ... [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 203
.]

Zur S. 22

[Der Satz »Die Natur ist die Probe, auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht« wurde wie folgt ergänzt:]

Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Geschichte durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch, das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten Entwicklungsprozesses ist. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 205
.]

Zur S.23

[Die Stelle »Daß Hegel diese Aufgabe nicht löste, ist hier gleichgültig« wird so wiedergegeben:]

Daß das Hegelsche System die Aufgabe nicht löste, die es sich gestellt, ist hier gleichgültig. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 206
.]

Zur S. 23

[Die Stelle »Hegel war Idealist, d.h., ihm galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr oder weniger abstrakten Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt galten ihm die Dinge und ihre Entwicklung nur als die verwirklichten Abbilder der irgendwo schon vor der Welt existierenden ›Idee‹. Damit war alles auf den Kopf gestellt und der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umgekehrt. Und so richtig und genial auch manche Einzelzusammenhänge von Hegel aufgefaßt worden ...« lautet durch die Änderung zweier Worte und durch die Hinzufügung eines Wortes so:]

Hegel war Idealist, d.h. ihm galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr oder weniger abstrakten Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt galten ihm die Dinge und ihre Entwicklung nur als die verwirklichten Abbilder der irgendwie schon vor der Welt existierenden »Idee«. Damit war alles auf den Kopf gestellt und der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umgekehrt. Und so richtig und genial daher auch manche Einzelzusammenhänge von Hegel aufgefaßt wurden ... [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 206
.]

Zur S.24

[Der Satz »Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denken; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann« lautet durch die Einschiebung einer Silbe in das Wort »Riesenschritte« so:]

Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenfortschritte machen kann. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 207
.]

Zur S. 24

[Der Satz »Gegenüber der sowohl bei den Franzosen des 18. Jahrhunderts wie bei Hegel herrschenden Vorstellung von der Natur als eines sich in engen Kreisläufen bewegenden, sich gleichbleibenden Ganzen mit ewigen Weltkörpern, wie sie Newton, und unveränderlichen Arten von organischen Wesen, wie sie Linné gelehrt hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zusammen, wonach die Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit hat, die Weltkörper wie die Artungen der Organismen, von denen sie unter günstigen Umständen bewohnt werden, entstehn und vergehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig sind, unendlich großartigere Dimensionen annehmen« lautet so:]

Gegenüber der sowohl bei den Franzosen des 18. Jahrhunderts wie noch bei Hegel herrschenden Vorstellung von der Natur als eines sich in engen Kreisläufen bewegenden, sich stets gleichbleibenden Ganzen mit ewigen Weltkörpern, wie sie Newton, und unveränderlichen Arten von organischen Wesen, wie sie Linné gelehrt hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zusammen, wonach die Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit hat, die Weltkörper die Artungen der Organismen, von denen sie unter günstigen Umständen bewohnt werden, entstehn und vergehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig bleiben, unendlich großartigere Dimensionen annehmen. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 207
.]

Zur S. 25/26

[Der Text der nachfolgenden Stelle »Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß alle bisherige Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit Einem Wort, der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; daß also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu erklären sind. Hiermit war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Mit dieser materialistischen Geschichtsauffassung war aber der bisherige Sozialismus ebenso unverträglich wie die Naturauffassung des französischen Materialismus mit der Dialektik und der neueren Naturwissenschaft. Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht verwerfen« wurde wie folgt ergänzt:]

Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß
alle
bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urzustände, die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort, der
ökonomischen
Verhältnisse ihrer Epoche; daß also die jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter Instanz zu erklären sind. Hegel hatte die Geschichtsauffassung von der Metaphysik befreit, er hatte sie dialektisch gemacht - aber seine Auffassung der Geschichte war wesentlich idealistisch. Jetzt war der Idealismus aus seinem letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben, eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.

Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandnen Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie. Seine Aufgabe war nicht mehr, ein möglichst vollkommnes System der Gesellschaft zu verfertigen, sondern den geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu untersuchen, dem diese Klassen und ihr Widerstreit mit Notwendigkeit entsprungen, und in der dadurch geschaffnen ökonomischen Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu entdecken. Mit dieser materialistischen Auffassung war aber der bisherige Sozialismus ebenso unverträglich wie die Naturauffassung des französischen Materialismus mit der Dialektik und der neueren Naturwissenschaft. Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht verwerfen. Je heftiger er gegen die von ihr unzertrennliche Ausbeutung der Arbeiterklasse eiferte, desto weniger war er imstand, deutlich anzugeben, worin diese Ausbeutung bestehe und wie sie entstehe. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 208/209
.]

### Zum I. Kapitel des dritten Abschnitts: Geschichtliches

Zur S. 239

[Die Stelle »Der Gegensatz von reich und arm, statt sich aufzulösen im allgemeinen Wohlergehn, war verschärft worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden zünftigen und andern Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten; der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft« wurde wie folgt ergänzt:]

Der Gegensatz von reich und arm, statt sich aufzulösen im allgemeinen Wohlergehn, war verschärft worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden zünftigen und andren Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten; die jetzt zur Wahrheit gewordne »Freiheit des Eigentums« von feudalen Fesseln stellte sich heraus für den Kleinbürger und Kleinbauern als die Freiheit, dies von der übermächtigen Konkurrenz des Großkapitals und des Großgrundbesitzes erdrückte kleine Eigentum an eben diese großen Herren zu verkaufen und so für den Kleinbürger und Kleinbauern sich zu verwandeln in die Freiheit vorn Eigentum, der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die bare Zahlung wurde mehr und mehr, nach Carlyles Ausdruck, das einzige Bindeglied der Gesellschaft. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 192
.]

Zur S. 240

[Der Satz »Aber erst die große Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen« wurde wie folgt ergänzt:]

Aber erst die große Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise, eine Beseitigung ihres kapitalistischen Charakters, zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 193
.]

Zur S. 240

[Der Satz »Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern können, so hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich diese Herrschaft unter den damaligen Verhältnissen war« wurde wie folgt ergänzt:]

Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern und dadurch die bürgerliche Revolution, selbst gegen das Bürgertum, zum Siege führen können, so hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich diese Herrschaft unter den damaligen Verhältnissen auf die Dauer war. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 193
.]

Zur S. 241

[Vor den Satz »Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf, daß alle Menschen arbeiten sollen« schob Engels den Absatz ein:]

Saint-Simon war ein Sohn der großen französischen Revolution, bei deren Ausbruch er noch nicht dreißig Jahre alt war. Die Revolution war der Sieg des dritten Standes, d.h. der großen, in der Produktion und im Handel
tätigen
Masse der Nation, über die bis dahin bevorrechteten
müßigen
Stände, Adel und Geistlichkeit. Aber der Sieg des dritten Standes hatte sich bald enthüllt als der ausschließliche Sieg eines kleinen Teils dieses Standes, als die Eroberung der politischen Macht durch die gesellschaftlich bevorrechtete Schicht desselben, die besitzende Bourgeoisie. Und zwar hatte sich diese Bourgeoisie noch während der Revolution rasch entwickelt vermittelst der Spekulation in dem konfiszierten und dann
verkauften
Grundbesitz des Adels und der Kirche sowie vermittelst des Betrugs an der Nation durch die Armeelieferanten. Es war gerade die Herrschaft dieser Schwindler, die unter dem Direktorium Frankreich und die Revolution an den Rand des Untergangs brachte und damit Napoleon den Vorwand gab zu seinem Staatsstreich. So nahm im Kopf Saint-Simons der Gegensatz von drittem Stand und bevorrechteten Ständen die Form an des Gegensatzes von »Arbeitern« und »Müßigen«. Die Müßigen, das waren nicht nur die alten Bevorrechteten, sondern auch alle, die ohne Beteiligung an Produktion und Handel von Renten lebten. Und die »Arbeiter«, das waren nicht nur die Lohnarbeiter, sondern auch die Fabrikanten, die Kaufleute, die Bankiers. Daß die Müßigen die Fähigkeit zur geistigen Leitung und politischen Herrschaft verloren, stand fest und war durch die Revolution endgültig besiegelt. Daß die Besitzlosen diese Fähigkeit nicht besaßen, das schien Saint-Simon bewiesen durch die Erfahrungen der Schreckenszeit. Wer aber sollte leiten und herrschen? Nach Saint-Simon die Wissenschaft und die Industrie, beide zusammengehalten durch ein neues religiöses Band, bestimmt, die seit der Reformation gesprengte Einheit der religiösen Anschauungen wiederherzustellen, ein notwendig mystisches und streng hierarchisches »neues Christentum«. Aber die Wissenschaft, das waren die Schulgelehrten, und die Industrie, das waren in erster Linie die aktiven Bourgeois, Fabrikanten, Kaufleute, Bankiers. Diese Bourgeois sollten sich zwar in eine Art öffentlicher Beamten, gesellschaftlicher Vertrauensleute, verwandeln, aber doch gegenüber den Arbeitern eine gebietende und auch ökonomisch bevorzugte Stellung behalten. Namentlich sollten die Bankiers durch Regulierung des Kredits die gesamte gesellschaftliche Produktion zu regeln berufen sein. Diese Auffassung entsprach ganz einer Zeit, wo in Frankreich die große Industrie und mit ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat eben erst im Entstehn war. Aber was Saint-Simon besonders betont, ist dies: Es sei ihm überall und immer zuerst zu tun um das Geschick »der zahlreichsten und ärmsten Klasse« (la classe la plus nombreuse et la plus pauvre). [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 194/195
.]

Zur S. 241

|Der Satz »Die französische Revolution aber als einen Klassenkampf zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahre 1802 eine höchst geniale Entdeckung« wurde wie folgt ergänzt:]

Die französische Revolution aber als einen Klassenkampf, und zwar nicht bloß zwischen Adel und Bürgertum, sondern zwischen Adel, Bürgertum
und Besitzlosen
aufzufassen, war im Jahr 1802 eine höchst geniale Entdeckung. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 195
.]

Zur S. 242

[Der Satz »Allianz den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte allerdings etwas mehr Mut, als den deutschen Professoren einen Klatschkrieg zu erklären« lautet durch die Änderung seines zweiten Teils so:]

Allianz den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte in der Tat ebensoviel Mut wie geschichtlicher Fernblick. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 196
.]

Zur S. 242

[Der Satzteil »Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt ... « lautet mit seiner Ergänzung so:]

Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten bürgerlichen Gesellschaft, also mit der seit dem 16. Jahrhundert eingeführten Gesellschaftsordnung zusammenfällt ... [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 196
.]

Zur S. 243

[Die Stelle »Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch war sie die normale, die unter den Umständen einzig mögliche Produktionsweise. Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale Mißstände: Zusammendrängung einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Maß - massenhafte Demoralisation der plötzlich in ganz neue Verhältnisse geworfnen arbeitenden Klasse« wurde wie folgt ergänzt:]

Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch war sie die normale, regelrechte, die unter den Umständen einzig mögliche Produktionsweise. Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale Mißstände: Zusammendrängung einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Maß - massenhafte Entsittlichung der plötzlich in ganz neue Verhältnisse vom Land in die Stadt, vom Ackerbau in die Industrie, aus stabilen in täglich wechselnde unsichere Lebensbedingungen geworfnen arbeitenden Klasse. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 197
.]

Zur S. 244

[Der Satz »Während seine Konkurrenten dreizehn bis vierzehn Stunden täglich arbeiteten, wurde in New Lanark nur zehneinhalb Stunden gearbeitet« lautet durch die Änderung eines Wortes so:]

Während seine Konkurrenten 13-14 Stunden täglich arbeiten ließen, wurde in New Lanark nur 10
1
/
2
Stunden gearbeitet. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 198
.]

Zur S. 245

[Zu diesem Zitat Owens gibt Engels folgende Note:]

Aus: »The Revolution in Mind and Practice«, einer an alle »roten Republikaner, Kommunisten und Sozialisten Europas« gerichteten und der französischen provisorischen Regierung 1848, aber auch »der Königin Viktoria und ihren verantwortlichen Ratgebern« zugesandten Denkschrift. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 199
.]

Zur S. 245

[Der Satz »So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische Ausarbeitung der Einzelheiten mit solcher Sachkenntnis durchgeführt, daß, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung selbst vom fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt« wurde wie folgt ergänzt:]

So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische Ausarbeitung der Einzelnheiten, einschließlich Grundriß, Aufriß und Ansicht aus der Vogelperspektive, mit solcher Sachkenntnis durchgeführt, daß, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung selbst vom fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 199
.]

Zur S. 246

[Der Satz »So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum- und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten vermittelst eines Arbeitspapiergeldes, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete; Anstalten, die notwendig scheitern mußten, die aber die weit spätere Proudhonsche Tauschbank vollständig antizipierten und sich nur dadurch von ihr unterschieden, daß sie nicht das Universalheilmittel aller gesellschaftlichen Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit radikaleren Umgestaltung der Gesellschaft darstellten« lautet durch die Änderung einer Stelle so:]

So führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum- und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten vermittelst eines Arbeitspapiergeldes, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete; Anstalten, die notwendig scheitern mußten, die aber die weit spätere Proudhonsche Tauschbank vollständig antizipierten, sich indes grade dadurch von dieser unterschieden, daß sie nicht das Universalheilmittel aller gesellschaftlichen Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit radikaleren Umgestaltung der Gesellschaft darstellten. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 200
.]

### Zum II. Kapitel des dritten Abschnitts: Theoretisches

Zur S. 251

[Die Stelle »Wo aber die naturwüchsige Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft Grundform der Produktion ist, da drückt sie den Produkten die Form von
Waren
auf, deren gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf die einzelnen Produzenten in den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies war im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerprodukte an den Handwerker und kaufte dafür von diesem Handwerkserzeugnisse« lautet mit den vorgenommenen Einfügungen so:]

Wo aber die naturwüchsige, planlos allmählich entstandne Teilung der Arbeit innerhalb der Gesellschaft Grundform der Produktion ist, da drückt sie den Produkten die Form von
Waren
auf, deren gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf, die einzelnen Produzenten in den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies war im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerbauprodukte an den Handwerker und kaufte dafür von diesem Handwerkserzeugnisse. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 212
.]

Zur S. 251

[Der Satz »Das Eigentum der Produkte beruhte also
auf eigner Arbeit
« lautet in der Broschüre so]

Das Eigentum am Produkte beruhte also
auf eigner Arbeit
. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 213
.]

Zur S. 253

[Der Satz »Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen Produktionsmitteln und für sein individuelles Austauschbedürfnis« lautet in der Broschüre so:]

Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen Produktionsmitteln und für sein besondres Austauschbedürfnis. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 214
.]

Zur S. 254

[Zu dem Wort die »Mark« in dem Satz »Daher beschränkter Austausch, beschränkter Markt, stabile Produktionsweise, lokaler Abschluß nach außen, lokale Vereinigung nach innen: die Mark auf dem Lande, die Zunft in der Stadt« gibt Engels die Note:]

Siehe Anhang am Schluß. [Engels bezieht sich auf seine Arbeit »Die Mark«; siehe Friedrich Engels: »Die Mark«, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke,
Bd. 19, S. 315-330
] [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 215
.]

Zur S. 255

[Der Satz »Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung reproduziert sich als
Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft
« lautet durch eine Änderung so:]

Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung stellt sich nun dar als
Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft
. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 216
.]

Zur S. 259

[An Stelle des Satzes »Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt auch diese Form nicht mehr; der offizielle Repräsentant der kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, muß ihre Leitung übernehmen« wird in der Broschüre folgender Text gegeben:]

Auf einer gewissen Entwicklungsstufe genügt auch diese Form nicht mehr; die inländischen Großproduzenten eines und desselben Industriezweigs vereinigen sich zu einem »Trust«, einer Vereinigung zum Zweck der Regulierung der Produktion; sie bestimmen das zu produzierende Gesamtquantum, verteilen es unter sich und erzwingen so den im voraus festgesetzten Verkaufspreis. Da solche Trusts aber bei der ersten schlechten Geschäftszeit meist aus dem Leim gehn, treiben sie eben dadurch zu einer noch konzentrierteren Vergesellschaftung: Der ganze Industriezweig verwandelt sich in eine einzige große Aktiengesellschaft, die inländische Konkurrenz macht dem inländischen Monopol dieser einen Gesellschaft Platz; wie dies noch 1890 mit der englischen Alkaliproduktion geschehen, die jetzt, nach Verschmelzung sämtlicher 48 großen Fabriken, in der Hand einer einzigen, einheitlich geleiteten Gesellschaft mit einem Kapital von 120 Millionen Mark betrieben wird.

In den Trusts schlägt die freie Konkurrenz um ins Monopol, kapituliert die planlose Produktion der kapitalistischen Gesellschaft vor der planmäßigen Produktion der hereinbrechenden sozialistischen Gesellschaft. Allerdings zunächst noch zu Nutz und Frommen der Kapitalisten. Hier aber wird die Ausbeutung so handgreiflich, daß sie zusammenbrechen muß. Kein Volk würde eine durch Trusts geleitete Produktion, eine so unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit durch eine kleine Bande von Kuponabschneidern sich gefallen lassen.

So oder so, mit oder ohne Trusts, muß schließlich der offizielle Repräsentant der Gesellschaft, der Staat, die Leitung der Produktion nehmen. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 220/221
.]

Zur S. 259

[Der letzte Satz in der Note »Sonst wären auch die königliche Seehandlung, die königliche Porzellanmanufaktur und sogar der Kompanieschneider beim Militär sozialistische Einrichtungen« wurde wie folgt ergänzt:

Sonst wären auch die königliche Seehandlung, die königliche Porzellanmanufaktur und sogar der Kompanieschneider beim Militär sozialistische Einrichtungen oder gar die unter Friedrich Wilhelm III. in den dreißiger Jahren alles Ernstes von einem Schlaumeier vorgeschlagene Verstaatlichung der - Bordelle. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 221
.]

Zur S. 259/260

[In drei Fällen wurden bei der Erwähnung der »Aktiengesellschaften« die Worte »Trust« resp. »und Trusts« einfügt. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 221/222
.]

Zur S. 262/263

[Der Satz »Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in Ausbeutung der Massen« erhielt durch die Einfügung eines Wortes folgende Formulierung:]

Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in gesteigerte Ausbeutung der Massen. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 225
.]

Zur S. 265

[Vor dem letzten Absatz dieses Kapitels wurde folgendes Resümee eingefügt:]

Fassen wir zum Schluß unseren Entwicklungsgang kurz zusammen:

I.
Mittelalterliche Gesellschaft:
Kleine Einzelproduktion. Produktionsmittel für den Einzelgebrauch zugeschnitten, daher urwüchsig-unbehülflich, kleinlich, von zwerghafter Wirkung. Produktion für den unmittelbaren Verbrauch, sei es des Produzenten selbst, sei es seines Feudalherrn. Nur da, wo ein Überschuß der Produktion über diesen Verbrauch stattfindet, wird dieser Überschuß zum Verkauf ausgeboten und verfällt dem Austausch: Warenproduktion also erst im Entstehn; aber schon jetzt enthält sie in sich, im Keim,
die Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion
.

II.
Kapitalistische Revolution:
Umwandlung der Industrie zuerst vermittelst der einfachen Kooperation und der Manufaktur. Konzentration der bisher zerstreuten Produktionsmittel in großen Werkstätten, damit ihre Verwandlung aus Produktionsmitteln des einzelnen in gesellschaftliche - eine Verwandlung, die die Form des Austausches im ganzen und großen nicht berührt. Die alten Aneignungsformen bleiben in Kraft. Der
Kapitalist
tritt auf: In seiner Eigenschaft als Eigentümer der Produktionsmittel eignet er sich auch die Produkte an und macht sie zu Waren. Die Produktion ist ein gesellschaftlicher Akt geworden; der Austausch und mit ihm die Aneignung bleiben individuelle Akte, Akte des einzelnen:
Das gesellschaftliche Produkt wird angeeignet vom Einzelkapitalisten.
Grundwiderspruch, aus dem alle Widersprüche entspringen, in denen die heutige Gesellschaft sich bewegt, und die die große Industrie offen an den Tag bringt.

A. Scheidung des Produzenten von den Produktionsmitteln. Verurteilung des Arbeiters zu lebenslänglicher Lohnarbeit.
Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.

B. Wachsendes Hervortreten und steigende Wirksamkeit der Gesetze, die die Warenproduktion beherrschen. Zügelloser Konkurrenzkampf.
Widerspruch der gesellschaftlichen Organisation in der einzelnen Fabrik und der gesellschaftlichen Anarchie in der Gesamtproduktion.

C. Einerseits Vervollkommnung der Maschinerie, durch die Konkurrenz zum Zwangsgebot für jeden einzelnen Fabrikanten gemacht und gleichbedeutend mit stets steigender Außerdienstsetzung von Arbeitern:
industrielle Reservearmee
. Andrerseits schrankenlose Ausdehnung der Produktion, ebenfalls Zwangsgesetz der Konkurrenz für jeden Fabrikanten. Von beiden Seiten unerhörte Entwicklung der Produktivkräfte, Überschuß des Angebots über die Nachfrage, Überproduktion, Überfüllung der Märkte, zehnjährige Krisen, fehlerhafter Kreislauf:
Überfluß hier, von Produktionsmitteln und Produkten - Überfluß dort, von Arbeitern
ohne Beschäftigung und ohne Existenzmittel; aber diese beiden Hebel der Produktion und gesellschaftlichen Wohlstands können nicht zusammentreten, weil die kapitalistische Form der Produktion den Produktivkräften verbietet, zu wirken, den Produkten, zu zirkulieren, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital verwandelt: was gerade ihr eigner Überfluß verhindert. Der Widerspruch hat sich gesteigert zum Widersinn:
Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschform.
Die Bourgeoisie ist überführt der Unfähigkeit, ihre eignen gesellschaftlichen Produktivkräfte fernerhin zu leiten.

D. Teilweise Anerkennung des gesellschaftlichen Charakters der Produktivkräfte, den Kapitalisten selbst aufgenötigt. Aneignung der großen Produktions- und Verkehrsorganismen, erst durch
Aktiengesellschaften
, später durch Trusts, sodann durch den
Staat
. Die Bourgeoisie erweist sich als überflüssige Klasse, alle ihre gesellschaftlichen Funktionen werden jetzt erfüllt durch besoldete Angestellte.

III.
Proletarische Revolution,
Auflösung der Widersprüche: Das Proletariat ergreift die öffentliche Gewalt und verwandelt kraft dieser Gewalt die den Händen der Bourgeoisie entgleitenden gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum. Durch diesen Akt befreit es die Produktionsmittel von ihrer bisherigen Kapitaleigenschaft und gibt ihrem gesellschaftlichen Charakter volle Freiheit, sich durchzusetzen. Eine gesellschaftliche Produktion nach vorherbestimmtem Plan wird nunmehr möglich. Die Entwicklung der Produktion macht die fernere Existenz verschiedner Gesellschaftsklassen zu einem Anachronismus. In dem Maß wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein. Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren ihrer selbst - frei. [Siehe »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«,
S. 227/228
.]

Pfad: »../me/me20«