Karl Marx/Friedrich Engels
Statement by the General Council on
Jules Favre's Circular

The Times. Nr. 27088,
13. Juni 1871

To the Editor of The Times.

Sir —On June 6, 1871, M.Jules Favre issued a circular to all the European
Powers, calling upon them to hunt down the International Working Men's
Association. A few remarks will suffice to characterize that document.

In the very preamble of our statutes it is stated that the International was
founded "September 28, 1864, at a public meeting held at St. Martin's
Hall, Long Acre, London." For purposes of his own Jules Favre puts back
the date of its origin behind 1862.

In order to explain our principles, he professes to quote "their (the
International's) sheet of the 25th of March, 1869." And then what does he
quote? The sheet of a society which is not the International. This sort of
manœuvre he already recurred to when, still a comparatively young
lawyer, he had to defend the National newspaper, prosecuted for libel by
Cabet. Then he pretended to read extracts from Cabet's pamphlets while
reading interpolations of his own—a trick exposed while the court was
sitting, and which but for the indulgence of Cabet, would have been punished
by Jules Favre's expulsion from the Paris bar. Of all the documents quoted
by him as documents of the International not one belongs to the International.
He says, for instance, "The Alliance declares itself Atheist, says the General
Council, constituted in London in July, 1869." The General Council never
issued such a document. On the contrary, it issued a document which
quashed the original statutes of the "Alliance"—L'Alliance de la Démo-

cratie Socialiste at Geneva—quoted by Jules Favre.

Throughout his circular, which pretends in part also to be directed against
the Empire, Jules Favre repeats against the International but the police
inventions of the public prosecutors of the Empire, and which broke
down miserably even before the law courts of that Empire.

It is known that in its two addresses (of July and September last) on
the late war the General Council of the International denounced the

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Statement by the General Council on Jules Favre's Circular

Prussian plans of conquest against France. Later on Mr. Reitlinger, Jules
Favre's private secretary, applied, though of course in vain, to some
members of the General Council for getting up by the Council a demonstration against Bismarck, in favour of the Government of National
Defence; they were particularly requested not to mention the Republic.
The preparations for a demonstration with regard to the expected arrival of
Jules Favre in London were made—certainly with the best of intentions—in
spite of the General Council, which in its address of the 9th of September
had distinctly forewarned the Paris workmen against Jules Favre and his
colleagues.

What would Jules Favre say if in its turn the International were to send
a circular on Jules Favre to all the Cabinets of Europe, drawing their
particular attention to the documents published at Paris by the late M. Milhere?

I am, Sir, your obedient servant,

JOHN HALES,
Secretary to the General Council of the International
Working Men's Association.

256, High Holborn, W. C, June 12.

177

Karl Marx
Der Bürgerkrieg in Frankreich
Adresse des Generalrats
der Internationalen Arbeiterassoziation
an alle Mitglieder in Europa
und den Vereinigten Staaten

Übersetzung aus dem Englischen von Friedrich Engels

5

Der Bürgerkrieg in Frankreich - I

I[An alle Mitglieder
der Internationalen Arbeiter-Assoziation in Europa
und den Vereinigten Staaten.

I.

Am 4. September 1870, als die Pariser Arbeiter die Republik proklamirten,
der fast in demselben Augenblick ganz Frankreich ohne eine einzige Stimme
des Widerspruchs zujubelte — da nahm eine Kabale stellenjagender
Advokaten, mit Thiers als Staatsmann und Trochu als General, Besitz vom
Hotel de Ville (Stadthaus). Diese Leute waren damals durchdrungen von
einem so fanatischen Glauben an den Beruf von Paris, in allen Epochen
geschichtlicher Krisis Frankreich zu vertreten, daß, um ihre usurpirten
Titel als Regenten Frankreichs zu rechtfertigen, es ihnen genügend schien,
ihre verfallenen Mandate als Abgeordnete für Paris vorzuzeigen. In unserer
zweiten Adresse über den letzten Krieg, fünf Tage nach dem Emporkommen
dieser Leute, sagten wir Euch, wer sie waren. Und dennoch, im Sturm der
Ueberrumpelung, mit den wirklichen Führern der Arbeiter noch in Bonaparte's Gefängnissen, und mit den Preußen schon im vollen Marsch auf
Paris, duldete Paris ihre Ergreifung der Staatsmacht; aber nur auf die
ausdrückliche Bedingung hin, daß diese Staatsmacht dienen sollte einzig
und allein zum Zweck der nationalen Vertheidigung. Paris aber war nicht zu
vertheidigen, ohne seine Arbeiterklasse zu bewaffnen, sie in eine brauchbare Kriegsmacht zu verwandeln und ihre Reihen durch den Krieg selbst
einzuschulen. Aber Paris in Waffen, das war die Revolution in Waffen. Ein
Sieg von Paris über den preußischen Angreifer wäre ein Sieg gewesen des
französischen Arbeiters über den französischen Kapitalisten | und seine
Staatsparasiten. In diesem Zwiespalt zwischen nationaler Pflicht und
Klasseninteresse zauderte die Regierung der nationalen Vertheidigung

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Karl Marx

keinen Augenblick, — sie verwandelte sich in eine Regierung des nationalen
Verraths.

Das erste, was sie that, war, Thiers auf die Wanderung zu schicken, zu
allen Höfen Europas, um dort Vermittlung zu erbetteln mit dem Angebot,
die Republik gegen einen König auszutauschen. Vier Monate nach Beginn
der Belagerung, als der Augenblick gekommen schien, das erste Wort von
Kapitulation fallen zu lassen, redete Trochu, in Gegenwart von Jules Favre
und andern Regierungsmitgliedern, die versammelten Maires (Bezirksbürgermeister) von Paris an wie folgt:

„Die erste Frage, die mir von meinen Kollegen noch am selben Abend des
4. Septembers vorgelegt wurde, war diese: Kann Paris, mit irgend welcher
Aussicht auf Erfolg, eine Belagerung durch die preußische Armee aushalten?
Ich zögerte nicht, dies zu verneinen. Mehrere meiner hier anwesenden
Kollegen werden einstehn für die Wahrheit meiner Worte und für mein
Beharren auf dieser Meinung. Ich sagte ihnen, in diesen selben Worten, daß,
wie die Dinge lägen, der Versuch, Paris gegen eine preußische Belagerung
zu halten, eine Thorheit sei. Ohne Zweifel, fügte ich hinzu, eine heroische
Thorheit; aber das würde auch Alles sein — Die Ereignisse (die er selbst
leitete) haben meine Voraussicht nicht Lügen gestraft." Diese nette kleine
Rede Trochu's wurde nachher von einem der anwesenden Maires, Herrn
Corbon, veröffentlicht.

Also: Am selben Abend, wo die Republik proklamirt wurde, war es
Trochu's Kollegen bekannt, daß Trochu's „Plan" in der Kapitulation von
Paris bestand. Wäre die nationale Vertheidigung mehr gewesen, als ein
bloßer Vorwand für die persönliche Herrschaft von Thiers, Favre und
Kompagnie — die Emporkömmlinge des 4. September hätten am 5. abgedankt, hätten das Pariser Volk eingeweiht in Trochu's „Plan", und hätten
es aufgefordert, entweder sofort zu kapituliren, oder sein eigenes Geschick
in seine eigene Hand zu nehmen. Statt dessen aber beschlossen die ehrlosen
Betrüger, die „heroische Thorheit" von Paris durch Behandlung mit Hunger
und blutigen Köpfen zu kuriren, und es inzwischen zum Narren zu halten
durch großsprechende Manifeste, wie z.B.: „Trochu, der Gouverneur von
Paris, wird nie kapituliren!" und Jules Favre, der auswärtige Minister,
„wird nicht einen Zollbreit unseres Gebiets und nicht einen Stein unserer
Festungen abtreten." In einem Brief an Gambetta bekennt derselbe Jules
Favre, j daß das, wogegen sie sich „vertheidigten", nicht die preußischen
Soldaten waren, sondern die Pariser Arbeiter. Während der ganzen Belagerung rissen die bonapartistischen Gurgelabschneider, denen Trochu
weislich das Kommando der Pariser Armee anvertraut hatte, in ihrer vertraulichen Korrespondenz schnöde Witze über den wohlverstandenen
Hohn der Vertheidigung. Man sehe z.B. die Korrespondenz von Alphonse

184

Der Bürgerkrieg in Frankreich - I

Simon Guiod, Oberkommandant der Artillerie der Pariser Armee, Großkreuz der Ehrenlegion, an Suzanne, Divisionsgeneral der Artillerie, welche
Korrespondenz von der Kommune veröffentlicht wurde. Endlich, am
28. Januar 1871, ließen sie die Trugmaske fallen. Mit dem ganzen Heldenmuth der äußersten Selbsterniedrigung trat die Regierung der nationalen
Vertheidigung in der Kapitulation von Paris hervor als die Regierung Frankreichs durch Bismarcks Gefangene — eine Rolle von solcher Niedertracht,
daß selbst Louis Napoleon in Sedan vor ihr zurückgebebt war. Nach dem
18. März, in ihrer wilden Flucht nach Versailles, ließen die „Kapitulards"
den aktenmäßigen Beweis ihres Verraths in Paris zurück. Um diesen zu
zerstören, sagt die Kommune in einem ihrer Manifeste an die Provinzen,
„würden diese Leute nicht davor zurückschrecken, Paris in einen Trümmerhaufen zu verwandeln, bespült von einem Blutmeer."

Aber um einen solchen Ausgang herbeizuführen, dafür hatten mehrere
der Hauptmitglieder der Vertheidigungs-Regierung außerdem noch ganz
besondere Privatgründe.

Kurz nach Abschluß des Waffenstillstandes veröffentlichte Minière,
Abgeordneter für Paris zur Nationalversammlung, jetzt erschossen auf
expressen Befehl von Jules Favre, eine Reihe authentischer gerichtlicher
Aktenstücke zum Beweise, daß Jules Favre, jn wilder Ehe lebend mit der
Frau eines in Algier wohnenden Trunkenbolds, durch eine höchst verwegene Anhäufung von Fälschungen, die sich über eine lange Reihe von
Jahren erstrecken, im Namen der Kinder seines Ehebruchs eine große
Erbschaft erschlichen und sich dadurch zum reichen Mann gemacht hatte;
und daß, in einem von den rechtmäßigen Erben unternommenen Prozesse,
er der Entdeckung nur entging durch die besondere Begünstigung der
bonapartistischen Gerichte. Da über diese trockenen, gerichtlichen Aktenstücke nicht hinwegzukommen war, auch nicht mit noch so viel rhetorischen
Pferdekräften, hielt Jules Favre zum ersten Male in seinem Leben den
Mund, in aller Stille den Ausbruch des Bürgerkriegs erwartend, um dann
das Pariser Volk wüthend zu verlästern als eine Bande | ausgebrochener
Sträflinge, in hellem Aufruhr gegen Familie, Religion, Ordnung und Eigenthum. Und dieser selbe Fälscher war kaum zur Herrschaft gekommen, als
er, gleich nach dem 4. September, Pic und Taillefer mitfühlend in Freiheit
setzte, die Beide, sogar unter dem Kaiserreich, wegen Fälschung verurtheilt
waren bei der Skandalgeschichte mit der Zeitung „L'Etendard." Einer
dieser Edlen, Taillefer, hatte die Frechheit, unter der Kommune nach Paris
hineinzugehen und wurde sofort wieder eingesteckt; und darauf rief Jules
Favre von der Tribüne der Nationalversammlung in die Welt hinaus, daß die
Pariser alle ihre Zuchthäusler freiließen!

Ernest Picard, der Karl Vogt der Regierung der nationalen Vertheidigung,

185

Karl Marx

der sich selbst zum Minister des Innern der Republik ernannte, nachdem er
vergeblich gestrebt hatte, der Minister des Innern des Kaiserreichs zu
werden — ist der Bruder eines gewissen Arthur Picard, der als Schwindler
von der Pariser Börse ausgestoßen (Bericht der Pariser Polizei-Präfektur
vom 31.Juli 1867) und auf eigenes Geständniß überführt wurde eines
Diebstahls von 300 000 Franken, begangen als Direktor eines Zweigbüreaus
der Société Générale, Rue Palestro Nr. 5 (Bericht der Polizei-Präfektur vom
11. Dezember 1868). Diesen Arthur Picard ernannte Ernest Picard zum
Redakteur seines Blattes „L'Electeur Libre". Während die gewöhnliche
Sorte Börsenleute durch die offiziellen Lügen dieses Ministerialblattes irre
geleitet wurden, lief Arthur Picard hin und her zwischen dem Ministerium
und der Börse und verwandelte hier die Niederlagen der französischen
Armeen in baaren Profit. Die ganze Geschäftskorrespondenz dieses biedern
Brüderpaares fiel in die Hände der Kommune.

Jules Ferry, ein brotloser Advokat vor dem 4. September, brachte es
fertig, als Maire von Paris während der Belagerung, aus der Hungersnoth
ein Vermögen für sich herauszuschwindeln. Der Tag, an dem er sich wegen
seiner Mißverwaltung zu verantworten haben wird, wird auch der Tag
seiner Verurtheilung sein.

Diese Männer nun konnten ihre Tickets-of-leave* nur in den Ruinen von
Paris finden; sie waren gerade die Leute, die Bismarck brauchte. Ein wenig
Taschenspielerei — | und Thiers, bisher der geheime Zuflüsterer der
Regierung, erschien jetzt als ihre Spitze, mit den Ticket-of-leave-Männern
als Ministern.

Thiers, diese Zwergmißgeburt, hat die französische Bourgeoisie mehr als
ein halbes Jahrhundert lang bezaubert, weil er der vollendetste geistige
Ausdruck ihrer eignen Klassenverderbtheit ist. Ehe er Staatsmann wurde,
hatte er schon seine Stärke im Lügen als Geschichtsschreiber dargethan.
Die Chronik seines Öffentlichen Lebens ist die Geschichte der Unglücke
Frankreichs. Verbündet, vor 1830, mit den Republikanern, erhaschte er
unter Louis Philippe eine Ministerstelle, indem er seinen Protektor Laffitte
verrieth. Beim König schmeichelte er sich ein durch Anhetzung von
Pöbelexcessen gegen die Geistlichkeit, während deren die Kirche Saint-
Germain l'Auxerrois und der erzbischöfliche Palast geplündert wurden, und
durch sein Benehmen gegen die Herzogin von Berry, bei der er zu gleicher
Zeit den Minister-Spion und den Gefängniß-Geburtshelfer spielte. Sein
Werk war die Niedermetzelung der Republikaner in der Rue Transnonain,
sein Werk die darauf folgenden infamen Septembergesetze gegen Presse

* In England giebt man gemeinen Verbrechern nach Verbüßung des größeren Theils ihrer Haft
häufig Urlaubsscheine, mit denen sie entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt werden. Diese
Scheine heißen tickets-of-leave und ihre Inhaber ticket-of-leave-men.

186

Der Bürgerkrieg in Frankreich - I

und Assoziationsrecht. 1840, wo er als Ministerpräsident wieder auftauchte,
setzte er Frankreich in Erstaunen mit seinem Plan, Paris zu befestigen. Den
Republikanern, die diesen Plan als heimtückisches Komplott gegen die
Freiheit von Paris anklagten, antwortete er in der Deputirtenkammer:

„Wie? Sie bilden sich ein, daß Festungswerke je die Freiheit gefährden
könnten? Vor Allem verleumden Sie jede mögliche Regierung, wenn Sie
voraussetzen, sie könnte je versuchen, sich durch ein Bombardement von
Paris aufrecht zu erhalten... eine solche Regierung wäre nach ihrem Siege
hundert Mal unmöglicher als vorher." In der That, keine Regierung würde
je gewagt haben, Paris von den Forts zu bombardiren, außer der Regierung,
die vorher diese selben Forts den Preußen ausgeliefert hatte.

Als König Bomba sich im Januar 1848 an Palermo versuchte, erhob sich
Thiers, damals schon lange kein Minister mehr, abermals in der Kammer:
„Sie wissen, meine Herren, was in Palermo vorgeht. Sie alle erbeben vor

Schauder (im parlamentarischen Sinn), wenn Sie hören, daß achtundvierzig

Stunden lang eine große Stadt bombardirt worden ist — von wem? Von
einem fremden Feind in Anwendung des Kriegsrechts? Nein, meine Herren,
von ihrer eignen Regierung. | Und weßwegen? Weil die unglückliche
Stadt ihre Rechte forderte. Und für die Forderung ihrer Rechte erhielt sie
achtundvierzig Stunden Bombardement... Erlauben Sie mir an die Meinung von Europa zu appelliren. Es heißt der Menschlichkeit einen Dienst
erweisen, wenn man sich erhebt und von vielleicht der größten Tribüne Europas wiederhallen läßt einige Worte (jawohl, Worte!) der Entrüstung gegen
solche Thaten. Als der Regent Espartero, der seinem Lande Dienste geleistet hatte, (und das war mehr als Thiers je gethan) beabsichtigte, Barcelona zu bombardiren, zur Unterdrückung eines Aufstandes, da erhob sich
von allen Enden der Welt ein allgemeiner Schrei der Entrüstung."

Achtzehn Monate später befand sich Thiers unter den wüthendsten
Vertheidigern des Bombardements von Rom durch eine französische
Armee. Der Fehler des Königs Bomba scheint in der That nur darin gelegen
zu haben, daß er sein Bombardement auf achtundvierzig Stunden beschränkte.

Wenige Tage vor der Februar-Revolution, unwirsch ob der langen Verbannung von Amt und Unterschleif, wozu Guizot ihn verurtheilt hatte, und
in der Luft eine herannahende Volksbewegung witternd, erklärte Thiers, in
dem falschen Heldenstyl, der ihm den Spottnamen Mirabeau-mouche
(Mirabeau-Fliege) einbrachte, der Deputirtenkammer:

„Ich gehöre zur Partei der Revolution, nicht allein in Frankreich, sondern
in Europa. Ich wünsche, daß die Regierung der Revolution in den Händen
gemäßigter Männer bleiben möge; aber sollte diese Regierung in die
Hände heftiger Leute fallen, selbst in die von Radikalen, so werde ich

187

Karl Marx

darum doch meine Sache nicht im Stich lassen. Ich werde immer zur Partei
der Revolution gehören."

Die Februar-Revolution kam. Statt das Ministerium Guizot durch das
Ministerium Thiers zu ersetzen, wie das Männlein geträumt hatte, verdrängte sie Louis Philippe durch die Republik. Am ersten Tage des Sieges
versteckte er sich sorgfältig, vergessend, daß die Verachtung der Arbeiter
ihn vor ihrem Haß schützte. Dennoch hielt er sich, mit seinem altbekannten
Muth, von der öffentlichen Bühne fern, bis die Juni-Metzeleien sie für seine
Sorte Aktion freigefegt hatten. Dann wurde er der leitende Kopf der
„Ordnungspartei" mit ihrer parlamentarischen Republik, jenem anonymen
Zwischenreich, in dem alle die verschiedenen Fraktionen der herrschenden
Klasse mit einander konspirirten zur Unterdrückung des Volkes und |
|71 gegen einander, jede zur Wiederherstellung ihrer eigenen Monarchie. Damals wie jetzt klagte Thiers die Republikaner an als das einzige Hinderniß
der Befestigung der Republik; damals wie jetzt sprach er zur Republik, wie
der Henker zu Don Carlos: „Ichwerde Dich morden, aber zu Deinem eigenen
besten." Jetzt wie damals wird er ausrufen müssen am Tage nach seinem
Siege: „l'Empire est fait" — das Kaiserreich ist fertig. Trotz seiner, heuchlerischen Predigten von „nothwendigen Freiheiten" und seines persönlichen
Aergers gegen Louis Bonaparte, der ihn gebraucht und den Parlamentarismus hinausgeworfen hatte, — und außerhalb der künstlichen Atmosphäre
des Parlamentarismus schrumpft das Männlein, wie es wohl weiß, zu einem
Nichts zusammen — trotz alledem hatte Thiers eine Hand in allen Infamien
des zweiten Kaiserreichs, von der Besetzung Roms durch französische
Truppen bis zum Kriege gegen Preußen, zu dem er aufhetzte durch seine
heftigen Ausfälle gegen die deutsche Einheit — nicht als Deckmantel für
den preußischen Despotismus, sondern als Eingriffe in das ererbte Anrecht
Frankreichs auf die deutsche Uneinigkeit. Während seine Zwergsarme gern
im Angesicht Europa's das Schwert des ersten Napoleon umherschwangen,
dessen historischer Schuhputzer er geworden war, gipfelte seine auswärtige
Politik stets in der äußersten Erniedrigung Frankreichs, von der Londoner
Convention von 1840 bis zur Pariser Kapitulation von 1871 und zum jetzigen
Bürgerkriege, worin er, mit hoher obrigkeitlicher Erlaubniß Bismarck's, die
Gefangenen von Sedan und Metz gegen Paris hetzte. Trotz der Beweglichkeit seines Talents und der Veränderlichkeit seiner Zielpunkte ist dieser
Mann sein ganzes Leben lang an die allerfossilste Routine gekettet gewesen.
Es ist klar, daß ihm die tiefer liegenden Strömungen der modernen Gesellschaft ewig verborgen bleiben mußten; aber selbst die handgreiflichsten
Veränderungen auf der gesellschaftlichen Oberfläche widerstrebten einem
Gehirn, dessen ganze Lebenskraft in die Zunge geflüchtet war. So wurde er
nie müde, jede Abweichung von dem veralteten französischen Schutzzoll-

188

in

Der Bürgerkrieg in Frankreich - I

system als eine Heiligthumsschändung anzuklagen. Als Minister Louis
Philippe's versuchte er, die Eisenbahnen als ein hirnverbranntes Blendwerk
niederzuschreien; in der Opposition unter Louis Bonaparte brandmarkte er
als eine Entheiligung jeden Versuch zur Reform des verfaulten französisehen Heerwesens. Niemals in seiner langen politischen Laufbahn hat er
sich einer einzigen, auch nicht der geringsten Maßregel von |J8| praktischem
Nutzen schuldig gemacht. Thiers war konsequent nur in seiner Gier nach
Reichthum und in seinem Haß gegen die Leute, die ihn hervorbringen. Er
trat in sein erstes Ministerium unter Louis Philippe arm wie Hiob; er verließ
es als Millionär. Als sein letztes Ministerium unter demselben Könige (vom
ersten März 1840) ihm in der Kammer öffentliche Anklagen wegen Unterschleif zuzog, begnügte er sich, durch Thränen zu antworten — ein Artikel,
in dem er eben so flott „macht", wie Jules Favre oder irgend ein anderes
Krokodil. In Bordeaux war sein erster Schritt zur Rettung Frankreich's vom
hereinbrechenden Finanzruin der, sich selbst mit drei Millionen jährlich
auszustatten; es war dies das erste und letzte Wort jener „ökonomischen
Republik", worauf er seinen Pariser Wählern 1869 Aussicht gemacht hatte.
Einer seiner früheren Kollegen aus der Kammer von 1830, selbst ein
Kapitalist, — was ihn nicht verhinderte, ein aufopferndes Mitglied der
Pariser Kommune zu sein — Herr Beslay, sagte neulich in einem Maueranschlage zu Thiers: „Die Knechtung der Arbeit durch das Kapital ist jederzeit der Eckstein Ihrer Politik gewesen, und seit Sie die Republik der Arbeit
im Pariser Stadthaus eingesetzt sehen, haben Sie ohne Aufhören Frankreich
zugerufen: „Seht diese Verbrecher!" — Ein Meister kleiner Staatsschufterei, ein Virtuose des Meineids und Verraths, ausgelernt in allen den
niedrigen Kriegslisten, heimtückischen Kniffen und gemeinen Treulosigkeiten des parlamentarischen Parteikampfes; stets bereit, wenn vom Amte
verdrängt, eine Revolution anzufachen, und sie im Blut zu ersticken, sobald
er am Staatsruder; mit Klassenvorurtheilen an der Stelle von Ideen; mit
Eitelkeit an der Stelle eines Herzens; sein Privatleben so infam, wie sein
öffentliches Leben niederträchtig — kann er nicht umhin, selbst jetzt, wo
er die Rolle eines französischen Sulla spielt, die Scheußlichkeit seiner
Thaten zu erhöhen durch die Lächerlichkeit seiner Großthuerei.

Die Kapitulation von Paris, die den Preußen nicht nur Paris, sondern ganz
Frankreich überlieferte, beschloß die langandauernden verrätherischen
Intriguen mit dem Feinde, die die Usurpatoren des 4. Septembers, wie
Trochu selbst gesagt, schon an diesem selben Tage begonnen. Andererseits
eröffnete sie den Bürgerkrieg, den sie jetzt, mit preußischer Unterstützung,
gegen die Republik und Paris zu führen hatten. Schon in dem Wortlaute der
Kapitulation selbst war die Falle gelegt. Damals war über ein Drittel des
Landes in den Händen des IE Feindes, die Hauptstadt war von den

189

Karl Marx

Provinzen abgeschnitten, alle Verkehrsmittel waren in Unordnung. Es war
unmöglich, unter solchen Umständen eine wirkliche Vertretung Frankreichs
zu erwählen, wenn nicht volle Zeit zur Vorbereitung gegeben wurde. Gerade
deßhalb bedang die Kapitulation, daß eine Nationalversammlung innerhalb
acht Tagen zu wählen sei, so daß in manchen Theilen Frankreichs die
Nachricht von der vorzunehmenden Wahl erst den Tag vorher ankam.
Ferner sollte die Versammlung, nach einem ausdrücklichen Artikel der
Kapitulation, gewählt werden für den einzigen Zweck, über Krieg und
Frieden zu entscheiden und vorkommenden Falles einen Friedensvertrag
abzuschließen. Das Volk mußte fühlen, daß die Waffenstillstandsbedingungen die Fortführung des Krieges unmöglich machten, und daß, um den von
Bismarck aufgenöthigten Frieden zu bestätigen, die schlechtesten Leute in
Frankreich gerade die besten seien. Aber, nicht zufrieden mit allen diesen
Vorsichtsmaßregeln, hatte Thiers, schon ehe das Geheimniß des Waffenstillstandes den Parisern mitgetheilt worden, sich auf eine Wahlreise in die
Provinzen begeben, um dort die legitimistische Partei ins Leben zurückzugalvanisiren, die jetzt mit den Orleanisten die Stelle der augenblicklich
unmöglich gewordenen Bonapartisten auszufüllen hatte. Er hatte keine
Angst vor ihnen. Unmöglich als Regierung des modernen Frankreichs, und
daher verächtlich als Nebenbuhler, — welche Partei gab ein willkommeneres
Werkzeug der Reaktion ab, als die Partei, deren Aktion, in Thiers' eigenen
Worten (Deputirtenkammer, 5. Januar 1833) „sich immer beschränkt hatte
auf die drei Hülfsquellen: auswärtige Invasion, Bürgerkrieg und Anarchie"?
Sie aber, die Legitimisten, glaubten in Wahrheit an den Advent ihres rückwärts gewandten tausendjährigen Reichs. Da waren die Fersen auswärtiger
Invasion, die Frankreich zu Boden traten; da war der Fall eines Kaiserreiches
und die Gefangenschaft eines Bonaparte; und da waren sie selber wieder.
Das Rad der Geschichte hatte sich offenbar zurückgedreht bis zu der
Chambre introuvable (der Landraths- und Junkerkammer) von 1816. In den
Versammlungen der Republik 1848 bis 1851 waren sie vertreten gewesen
durch ihre gebildeten und eingeschulten parlamentarischen Führer; jetzt
aber drängten sich die gemeinen Soldaten der Partei hervor — alle Pourceaugnacs von Frankreich.

Sobald diese Versammlung von Ruraux (Krautjunkern) in Bordeaux
eröffnet war, machte Thiers es ihnen klar, daß sie ||10[ die Friedenspräliminarien sofort anzunehmen hätten, selbst ohne die Ehrenbezeugung einer
parlamentarischen Debatte, als einzige Bedingung, unter der Preußen ihnen
erlauben werde, gegen die Republik und ihre feste Burg Paris den Krieg zu
eröffnen. Die Contrerevolution hatte in der That keine Zeit zu verlieren. Das
zweite Kaiserthum hatte die Staatsschuld verdoppelt und die großen Städte
in schwere Lokalschulden gestürzt. Der Krieg hatte die Ansprüche an die

190

Der Bürgerkrieg in Frankreich - I

Nation furchtbar erhöht und ihre Hülfsquellen rücksichtslos verwüstet. Zur
Vollendung des Ruins stand da der preußische Shylock mit seinem Schein
für den Unterhalt einer halben Million seiner Soldaten auf französischem
Boden, für seine Entschädigung von fünf Milliarden und Zinsen zu fünf
Prozent auf deren unbezahlte Raten. Wer sollte die Rechnung zahlen? Nur
durch den gewaltsamen Sturz der Republik konnten die Aneigner des
Reichthums hoffen, die Kosten eines von ihnen selbst herbeigeführten
Krieges auf die Schultern der Hervorbringer dieses Reichthums zu wälzen.
Und so spornte gerade der unermeßliche Ruin Frankreichs diese patriotisehen Vertreter von Grundbesitz und Kapital an, unter den Augen und der
hohen Protektion des fremden Eroberers, den auswärtigen Krieg zu ergänzen durch einen Bürgerkrieg, eine Sklavenhalter-Rebellion.

Dieser Verschwörung stand im Wege Ein großes Hinderniß — Paris. Paris
zu entwaffnen, war erste Bedingung des Erfolgs. Paris wurde daher von
Thiers aufgefordert, seine Waffen niederzulegen. Dann wurde Paris aufgehetzt durch die tollen antirepublikanischen Demonstrationen der Krautjunkerversammlung und durch Thiers' eigene zweideutige Aussprüche über
den rechtlichen Bestand der Republik; durch die Drohung, Paris zu enthaupten und enthauptstadten (décapiter et décapitaliser); die Ernennung
orleanistischer Gesandten; Dufaure's Gesetze wegen der verfallenen
Wechsel und Hausmiethen, die den Handel und die Industrie von Paris mit
dem Untergange bedrohten; Pouyer-Quertier's Steuer von 2 Centimen auf
jedes Exemplar jeder nur möglichen Druckschrift; die Todesurtheile gegen
Blanqui und Flourens; die Unterdrückung der republikanischen Blätter; die
Verlegung der Nationalversammlung nach Versailles; die Erneuerung des
von Palikao erklärten und durch den 4. September vernichteten Belagerungszustandes; die Ernennung des Dezemberhelden Vinoy zum Gouverneur,
des Gensdarmen Valentin zum Polizeipräfekten, | und des Jesuitengenerals d'Aurelle de Paladines zum Ober-Kommandanten der Nationalgarde
von Paris.

Und nun haben wir an Herrn Thiers und an die Herren von der Nationalvertheidigung, seine Commis, eine Frage zu richten. Es ist bekannt, daß
durch seinen Finanzminister Herrn Pouyer-Quertier, Thiers ein Anlehen
von zwei Milliarden beantragt hatte, sofort zahlbar. Ist es nun wahr oder
nicht:

1)daß dies Geschäft so abgemacht wurde, daß eine Provision von
mehreren hundert Millionen in die Privattaschen von Thiers, Jules Favre,
Ernest Picard, Pouyer-Quertier und Jules Simon floß, und

2) daß keine Zahlung gemacht werden sollte, bis nach der „Pacification"
von Paris?

In jedem Falle muß die Sache sehr dringlich gewesen sein, denn Thiers

191

Kar! Marx

und Jules Favre suchten ohne alle Scham im Namen der Versammlung in
Bordeaux um Besetzung von Paris durch preußische Truppen nach. Das
paßte aber nicht in Bismarck's Spiel, wie er, spöttisch und ganz öffentlich,
den bewundernden Frankfurter Philistern bei seiner Rückkehr nach
Deutschland erzählte.

II.

Paris war das einzige ernstliche Hinderniß auf dem Wege der contre-revolutionären Verschwörung. Paris mußte also entwaffnet werden. In Beziehung auf diesen Punkt war die Bordeauxer Versammlung die Aufrichtigkeit
selbst. Wäre das rasende Gebrüll ihrer Krautjunker nicht hörbar genug
gewesen, die Ueberantwortung von Paris durch Thiers in die Hände des
Triumvirats — Vinoy, der Dezembermörder, Valentin, der bonapartistische
Gensd'arm, und Aurelle de Paladines, der Jesuitengeneral — hätte auch den
letzten Zweifel unmöglich gemacht. Aber während die Verschwörer den
wahren Zweck der Entwaffnung frech zur Schau stellten, forderten sie
Paris zur Waffenstreckung auf unter einem Vorwande, der die schreiendste,
schamloseste Lüge war. Das Geschütz der Nationalgarde, sagte Thiers,
gehört dem Staat und muß dem Staat wieder abgegeben werden. Die Thatsache war diese: Von dem Tage der Kapitulation an, als Bismarck's Gefangene Frankreich ihm ausgeliefert, aber sich selbst eine zahlreiche Leibwache ausbedungen hatten zu dem ausdrücklichen Zwecke, Paris niederzuhalten — von dem Tage an stand Paris auf der Wacht. Die Nationalgarde
reorj|l2|ganisirte sich und vertraute ihre Oberleitung einem Centraikomitee
an, das durch ihre ganze Masse, einige der alten bonapartistischen Abtheilungen ausgenommen, erwählt war. Am Vorabend des Einmarsches der
Preußen in Paris besorgte das Centraikomitee den Transport nach Montmartre, la Villette und Belleville der von den Kapitulards verrätherischer
Weise in und bei den von den Preußen zu besetzenden Stadttheilen zurückgelassenen Kanonen und Mitrailleusen. Dies Geschütz war durch die Beiträge
der Nationalgarde selbst beschafft worden. Als ihr Eigenthum war es amtlieh anerkannt in der Kapitulation vom 28. Januar, und in dieser besonderen
Eigenschaft ausgenommen worden von der allgemeinen Ablieferung der der
Regierung gehörenden Waffen an den Sieger. Und Thiers war so durch und
durch bar eines jeden, auch des durchsichtigsten Vorwandes, um den Krieg
mit Paris einzuleiten, daß er auf die platte Lüge angewiesen blieb: das
Geschütz der Nationalgarde sei Staatseigenthum!

Die Beschlagnahme des Geschützes sollte nur dienen als Vorspiel der
allgemeinen Entwaffnung von Paris und damit der Revolution vom 4. Sep-

192

Der Bürgerkrieg in Frankreich + II

tember. Aber diese Revolution war der gesetzliche Zustand Frankreichs
geworden. Die Republik, ihr Werk, war im Wortlaut der Kapitulation vom
Sieger anerkannt. Nach der Kapitulation war sie anerkannt worden von
allen fremden Mächten; in ihrem Namen war die Versammlung berufen. Die

Pariser Arbeiterrevolution vom 4. September war der einzige Rechtstitel der
Nationalversammlung in Bordeaux und ihrer vollziehenden Gewalt. Ohne
den 4. September hätte die Nationalversammlung sofort dem, 1869 unter
französischer und nicht unter preußischer Herrschaft durch allgemeines
Stimmrecht erwählten und gewaltsam von der Revolution zersprengten,
gesetzgebenden Körper Platz machen müssen. Thiers und seine Ticket-ofleave-Leute hätten verhandeln müssen wegen eines Geleitscheines, unterzeichnet von Louis Bonaparte, um einer Reise nach Cayenne zu entgehen.
Die Nationalversammlung, mit ihrer Vollmacht, den Frieden mit Preußen
abzumachen, war nur ein einzelner Zwischenfall in jener Revolution, deren
wahre Verkörperung noch immer das bewaffnete Paris war; Paris, das diese
Revolution gemacht, das um ihretwillen eine fünfmonatliche Belagerung mit
ihren Schrecken der Hungersnoth ausgehalten, und das in seinem trotz
Trochu's „Plan" verlängerten Widerstand die Grundlage eines hartnäckigen
Vertheidigungskrieges in den Provinzen ge] 113 [liefert hatte. Und Paris sollte
jetzt entweder seine Waffen niederlegen auf das beleidigende Geheisch der
rebellischen Sklavenhalter von Bordeaux, und anerkennen, daß seine
Revolution vom 4. September nur die einfache Uebertragung der Staatsmacht von Louis Bonaparte an seine königlichen Nebenbuhler bedeute; —
oder es mußte vortreten als der selbstopfernde Vorkämpfer Frankreichs,
dessen Rettung vom Untergang und dessen Wiedergeburt unmöglich waren
ohne den revolutionären Umsturz der politischen und gesellschaftlichen
Bedingungen, die das zweite Kaiserthum erzeugt hatten und die unter seiner
schützenden Obhut bis zur äußersten Fäulniß herangereift waren. Paris,
noch abgezehrt von fünfmonatlicher Aushungerung, zauderte keinen Augenblick. Es beschloß heldenmüthig, alle Gefahren des Widerstandes gegen
die französischen Verschwörer auszuhalten, trotzdem, daß noch immer
preußische Kanonen von seinen eigenen Forts auf es herabgähnten. Dabei
aber, in seinem Abscheu gegen den Bürgerkrieg, in den Paris hineingetrieben
werden sollte, beharrte das Centraikomitee in einer vertheidigenden Haltung, trotz der Aufreizungen der Versammlung, der Eingriffe der vollziehenden Gewalt, und der drohenden Truppenzusammenziehungen in und um
Paris.

Thiers eröffnete den Bürgerkrieg, indem er den Vinoy an der Spitze eines
Haufens Polizeisergeanten und einiger Linienregimenter auf einen nächtliehen Raubzug gegen Montmartre ausschickte, um dort durch Ueberraschung das Geschütz der Nationalgarde wegzunehmen. Es ist bekannt,

193

Karl Marx

wie dieser Versuch scheiterte am Widerstand der Nationalgarde und an der
Verbrüderung der Truppen mit dem Volk. Aurelle de Paladines hatte schon
im Voraus seinen Siegesbericht gedruckt, und Thiers hielt die Maueranschläge bereit, die seine Staatsstreich-Maßregeln verkünden sollten. Beides
mußte jetzt ersetzt werden durch Thiers' Aufrufe, worin er seinen großmüthigen Entschluß verkündete, der Nationalgarde ihre Waffen zu lassen;
er zweifle nicht, sagte er, sie werde sie benutzen, um sich gegen die Rebellen an die Regierung anzuschließen. Unter allen 300000 Nationalgardisten entsprachen nur 300 diesem Aufruf des kleinen Thiers, sich, gegen
sich selbst, an ihn anzuschließen. Die ruhmvolle Arbeiterrevolution des
18. März nahm unbestrittenen Besitz von Paris. Das Centraikomitee war
ihre provisorische Regierung. Europa schien einen Augenblick zu zweifeln,
ob seine neulichen erstaunlichen Haupt-, Staats- und Kriegsaktionen
ir|gend welche Wirklichkeit besäßen, oder ob sie die Träume einer längst
verschwundenen Vergangenheit seien.

Vom 18. März bis zum Eindringen der Versailler Truppen in Paris, blieb
die proletarische Revolution so rein von allen den Gewaltthaten, von denen
die Revolutionen, und noch mehr die Kontrerevolutionen der „höheren
Klassen" strotzen, daß die Gegner keine andern Handhaben für ihre Entrüstung finden, als die Hinrichtung der Generale Lecomte und Clement
Thomas und den Zusammenstoß auf der Place Vendöme.

Einer der bonapartistischen Offiziere, der bei dem nächtlichen Ueberfall
auf Montmartre eine Rolle spielte, General Lecomte, hatte vier Mal dem
81. Linienregiment befohlen, auf einen unbewaffneten Haufen in der Place
Pigalle zu feuern; als die Truppen sich weigerten, schimpfte er sie wüthend
aus. Statt Weiber und Kinder zu erschießen, erschossen seine eigenen
Leute ihn selbst. Die eingewurzelten Gewohnheiten, die den Soldaten unter
der Zucht der Feinde der Arbeiter beigebracht worden, verlieren sich
selbstredend nicht in demselben Augenblick, wo diese Soldaten zu den
Arbeitern Übergehn. Dieselben Leute richteten auch Clement Thomas hin.

„General" Clement Thomas, ein malkontenter Ex-Wachtmeister, hatte
sich in der letzten Zeit Louis Philippe's bei der Redaktion des republikanischen Blattes „Le National" anwerben lassen, wo er gleichzeitig die Posten
eines verantwortlichen Strohmanns (gérant responsable, der das Absitzen
der Gefängnißstrafe übernahm) und Duellanten bei diesem sehr kämpflustigen Blatt ausfüllte. Als nach der Februar-Revolution die Herren vom
„National" ans Ruder kamen, verwandelten sie diesen alten Wachtmeister
in einen General. Es war dies am Vorabend der Junischlächterei, die er, wie
auch Jules Favre, mitgeplant hatte, und bei der er eine der niederträchtigsten
Henkerrollen übernahm. Dann verschwand er und seine Generalschaft auf
lange Zeit, um wieder aufzutauchen am 1. November 1870. Den Tag vorher

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Der Bürgerkrieg in Frankreich - II

hatte die Regierung der Vertheidigung im Stadthause Blanqui, Flourens und
anderen Vertretern der Arbeiter ihr feierliches Wort gegeben, ihre usurpirte
Gewalt in die Hände einer freigewählten Pariser Kommune niederzulegen.
Statt ihr Wort zu halten, ließ sie gegen Paris die Bretonen Trochu's los, die
jetzt die Corsen Bonapartes vertraten. Der General Tamisier allein weigerte
sich, seinen Namen mit einem solchen Wortbruch zu beflecken, und legte
seinen Posten als Oberkommandant der Nationalgarde nieder. An seiner
Stelle 1115j wurde jetzt Clement Thomas wieder ein General. Während seines
ganzen Oberkommandos führte er Krieg, nicht gegen die Preußen, sondern
gegen die Pariser Nationalgarde. Er verhinderte ihre allgemeine Bewaffnung, hetzte die Bourgeoisbataillone gegen die Arbeiterbataillone, beseitigte
die dem „Plan" Trochu's feindlichen Offiziere, und löste, unter dem Brandmal der Feigheit, dieselben proletarischen Bataillone auf, deren Heldenmuth jetzt ihren erbittertsten Feinden Bewunderung abgerungen hat.
Clement Thomas war ordentlich stolz darauf, seinen alten Juni-Vorrang als
persönlicher Feind des Pariser Proletariats wieder erobert zu haben. Noch
einige Tage vor dem 18. März legte er dem Kriegsminister Le Flö einen
eigenen Plan vor, zur „Ausrottung der Blüthe der Pariser Kanaille". Nach
Vinoy's Niederlage konnte er es sich nicht versagen, als Privatspion auf
dem Kampfplatz zu erscheinen. Das Centraikomitee und die Pariser Arbeiter
waren ebenso verantwortlich für die Erschießung von Clement Thomas und
Lecomte, wie die Prinzessin von Wales für das Geschick der bei ihrem
Einzug in London im Gedränge zu Tode gequetschten Leute.

Die angebliche Schlächterei unbewaffneter Bürger in der Place Vendöme
ist ein Mährchen, wovon Thiers und die Krautjunker in der Versammlung
hartnäckig geschwiegen haben, und dessen Verbreitung sie ausschließlich
der Bedientenstube der europäischen Tagespresse anvertrauten.

Die „Ordnungsmänner", die Reaktionäre von Paris, zitterten bei dem
Siege des 18. März. Für sie war er das Wahrzeichen der endlich hereinbrechenden Volksvergeltung. Die Gespenster der unter ihren Händen
gemordeten Opfer, von den Junitagen 1848 bis zum 22. Januar 1871, stiegen
vor ihren Augen empor. Ihr Schrecken war ihre einzige Strafe. Selbst die
Polizeisergeanten, statt wie sich's gebührte, entwaffnet und eingesperrt zu
werden, fanden die Thore von Paris weit geöffnet, um sicher nach Versailles
zu entkommen. Nichtallein, daß den Ordnungsmännern Nichts geschah, man
erlaubte ihnen sogar, sich wieder zu sammeln und mehr als einen starken
Posten mitten in Paris zu besetzen. Diese Nachsicht des Centraikomitees,
diese Großmuth der bewaffneten Arbeiter, so sonderbar im Widerspruch
mit den Gewohnheiten der Ordnungspartei, wurden von dieser Partei als
Zeichen bewußter Schwäche mißdeutet. Daher ihr alberner Plan, unter dem
Deckmantel einer unbewaffneten Demonstration das noch einmal zu ver-

195

Karl Marx

suchen, was Vinoy mit seinen Kanonen und Mil|l6|trailleusen nicht hatte
erreichen können. Am 22. März setzte sich von den Stadtvierteln des Wohllebens ein Zug „feiner Herren" in Bewegung, alle Stutzer in ihren Reihen,
und an ihrer Spitze die wohlbekannten Stammgäste des Kaiserthums, die
Heeckeren, Coëtlogon, Henri de Pêne usw. Unter dem feigen Vorwand einer
friedlichen Demonstration, aber im Geheimen gerüstet mit den Waffen des
Meuchelmörders, ordnete sich diese Bande, entwaffnete und mißhandelte
die Posten und Patrouillen der Nationalgarde, auf die ihr Zug stieß, und, aus
der Rue de la Paix in die Place Vendöme vordringend, versuchte sie, unter
dem Ruf: „Nieder mit dem Centraikomitee! Nieder mit den Mördern! Es
lebe die Nationalversammlung!" die dort aufgestellte Wache zu durchbrechen und so das dahinter gelegene Hauptquartier der Nationalgarde zu
überrumpeln. Als Antwort auf ihre Revolverschüsse, wurden die regelmäßigen gesetzlichen Aufforderungen an sie gemacht; als diese wirkungslos
blieben, kommandirte der General der Nationalgarde Feuer. Eine Salve
zerstreute in wilde Flucht die albernen Gecken, die erwartet hatten, die
bloße Schaustellung ihrer „anständigen Gesellschaft" werde auf die Pariser
Revolution wirken wie die Trompeten Josuas auf die Mauern von Jericho.
Sie ließen zurück zwei Nationalgarden todt, neun schwer verwundet
(darunter ein Mitglied des Centraikomitees) und den ganzen Schauplatz
ihrer Großthat bestreut mit Revolvern, Dolchen und Stockdegen, zum
Zeugniß des „unbewaffneten" Charakters ihrer „friedlichen" Demonstration. Als am 13. Juni 1849 die Pariser Nationalgarde eine wirklich friedliche
Demonstration machte, um gegen den räuberischen Angriff französischer
Truppen auf Rom zu protestiren — da wurde Changarnier, damals General
der Ordnungspartei, von der Nationalversammlung und besonders von
Thiers als der Retter der Gesellschaft ausgerufen, weil er seine Truppen von
allen Seiten auf diese waffenlosen Leute losgelassen hatte, um sie niederzuschießen, niederzusäbeln und unter ihren Pferdehufen zu zertreten.
Damals wurde Paris in Belagerungszustand erklärt; Dufaure hetzte neue
Unterdrückungsgesetze durch die Versammlung; neue Verhaftungen, neue
Aechtungen, eine neue Schreckensherrschaft traten ein. Aber die „unteren
Klassen" machen das anders. Das Centraikomitee von 1871 ließ die Helden
der „friedlichen Demonstration" einfach laufen, und so waren sie, bereits
zwei Tage später, im Stande, sich unter dem Admiral Saisset zu jener
bewaffneten Demonstration | zusammenzufinden, die mit dem bewußten
Ausreißen nach Versailles endigte. In seinem Widerstreben, den durch
Thiers' nächtlichen Einbruch in Montmartre eröffneten Bürgerkrieg aufzunehmen, machte sich das Centraikomitee diesmal eines entscheidenden
Fehlers dadurch schuldig, daß es nicht sofort auf das damals vollständig
hülflose Versailles marschirte, und damit den Verschwörungen des Thiers

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29

Der Bürgerkrieg in Frankreich - I

und seiner Krautjunker ein Ziel setzte. Statt dessen erlaubte man der
Ordnungspartei nochmals ihre Stärke an der Wahlurne zu versuchen, als am
26. März die Commune gewählt wurde. An diesem Tage wechselten die
Ordnungsmänner in den Bezirksbürgermeistereien wohlwollende Worte der
Versöhnung mit ihren zu großmüthigen Siegern, gleichzeitig in ihren Herzen
feierliche Gelübde knurrend, seiner Zeit blutige Rache zu nehmen.

Und jetzt schaut die Kehrseite der Medaille! Thiers eröffnete seinen
zweiten Feldzug gegen Paris Anfangs April. Die erste Kolonne von Pariser
Gefangenen, die nach Versailles hinein kam, wurde empörend behandelt,
während Ernest Picard, die Hände in den Hosentaschen, herumschlenderte
und sie verhöhnte, und die Frauen von Thiers und Favre, in Mitte ihrer
Ehren(?)damen, vom hohen Balkon herab die Schändlichkeiten des Versailler Pöbels beklatschten. Die gefangenen Liniensoldaten wurden einfach
erschossen; unser tapferer Freund General Duval, der Eisengießer, wurde
ohne alle Form Rechtens gemordet. Galliffet, der „Louis" seiner Frau, so
notorisch durch die schamlose Schaustellung ihres Leibes bei den Gelagen
des zweiten Kaiserthums, Galliffet prahlte in einer Proclamation, daß er die
Ermordung einiger durch seine Reiter überraschten und entwaffneten
Nationalgardisten, sammt ihrem Hauptmann und Lieutenant, befohlen
habe. Vinoy, der Ausreißer, wurde von Thiers zum Großkreuz der Ehrenlegion ernannt für seinen Tagesbefehl, worin er vorschrieb, jeden bei den
Kommunalisten gefangenen Liniensoldaten zu erschießen. Desmarets, der
Gensdarm, wurde dekorirt, weil er den hochherzigen und ritterlichen
Flourens verrätherisch nach Metzgerartin Stücke zerhauen hatte, Flourens,
der am 31. Oktober 1870 der Vertheidigungsregierung ihre Köpfe gerettet
hatte. Die „ermunternden Einzelheiten" seiner Ermordung wurden von
Thiers in der Nationalversammlung mit Behagen des Breiteren mitgetheilt.
Mit der aufgeblasenen Eitelkeit eines parlamentarischen Däumlings, dem
man erlaubt, die Rolle des Tamerlan zu spielen, verweigerte er den Rebellen
gegen seine Winzigkeit 11181 jedes Recht civilisirter Kriegführung, selbst das
der Neutralität für ihre Verbandplätze. Nichts Scheußlicheres als dieser
Affe, schon von Voltaire vorgeahnt, der für eine kleine Zeit seinen Tigergelüsten freien Lauf lassen kann.

Nachdem die Kommune (Dekret vom 7. April) Vergeltungsmaßregeln
angeordnet und es für ihre Pflicht erklärt hatte, „Paris gegen die kannibalischen Thaten der Versailler Banditen zu schützen und Aug' um Auge,
Zahn um Zahn zu verlangen" — stellte Thiers dennoch die grausame
Behandlung der Gefangenen nicht ein; er beleidigte sie obendrein noch in
seinen Berichten wie folgt: „Niemals ist der betrübte Blick ehrlicher Leute
auf so entwürdigte Gesichter einer entwürdigten Demokratie gefallen" —
ehrlicher Leute wie Thiers selbst und seine Ticket-of-Leave-Männer.

197

Karl Marx

Trotzdem wurde das Erschießen der Gefangenen für einige Zeit eingestellt.
Kaum aber hatten Thiers und seine Dezembergenerale gefunden, daß das
Vergeltungsdekret der Kommune nur eine leere Drohung war, daß selbst
ihre Gensdarmenspione, die in Paris, als Nationalgardisten verkleidet, abgefangen waren, daß selbst Polizeisergeanten, Träger von Brandgranaten,
verschont blieben, — so fing auch das massenweise Erschießen der Gefangenen wieder an und wurde bis zum Ende durchgeführt. Häuser, in
welche Nationalgardisten geflüchtet waren, wurden von Gensdarmen umringt, mit Petroleum (das hier zum ersten Mal vorkommt) Übergossen und
in Brand gesteckt; die halbverbrannten Leichen wurden später von der
Ambulanz der Presse (in Les Ternes) herausgeholt. Vier Nationalgardisten,
die sich am 25. April bei Belle Epine einigen berittenen Jägern ergeben
hatten, wurden nachher einer nach dem andern vom Rittmeister, einem
würdigen Knecht Galliffets, niedergeschossen. Einer der Vier, Scheffer, für
todt zurückgelassen, kroch zu den Pariser Vorposten und legte gerichtliches
Zeugnis ab über die Thatsache vor einem Ausschuß der Kommune. Als
Tolain den Kriegsminister über den Bericht dieses Ausschusses interpellirte,
erstickte das Geschrei der Krautjunker seine Stimme; sie verboten Le Flö zu
antworten. Es wäre eine Beleidigung für ihr „ruhmvolles" Heer, von seinen
Thaten — zu sprechen. Der nachlässige Ton, in dem Thiers' Berichte die
Niedermetzelung der bei Moulin Saquet im Schlafe überraschten Nationalgardisten und die massenhaften Erschießungen in Clamart mittheilten,
verletzte selbst die Nerven der wahrhaftig nicht überempfindlichen Londoner „Times". Aber es wäre lächerlich, die bloß ein|| 19(leitenden Scheußlichkeiten aufzählen zu wollen, begangen von den Bombardirern von Paris
und den Aufhetzern einer Sklavenhalter-Rebellion unter dem Schutz des
fremden Eroberers. In Mitten aller dieser Schrecken, vergißt Thiers seinen
parlamentarischen Jammer von wegen der furchtbaren Verantwortlichkeit,
die auf seinen Zwergschultern lastet, prahlt, daß l'Assemblée siège paisiblement (die Versammlung tagt in Frieden weiter) und beweist durch seine
steten Festessen, heute mit Dezembergeneralen, morgen mit deutschen
Prinzen, daß seine Verdauung nicht im Mindesten gestört ist, nicht einmal
durch die Gespenster von Lecomte und Clement Thomas.

HI.

Am Morgen des 18. März 1871 wurde Paris geweckt durch den Donnerruf:
„Es lebe die Kommune!" Was ist die Kommune, diese Sphinx, die den
Bourgeoisverstand auf so harte Proben setzt?

„Die Proletarier von Paris", sagte das Centraikomitee in seinem Manifest

198

Der Bürgerkrieg in Frankreich - II

vom 18. März, „in Mitten der Niederlagen und des Verraths der herrschenden Klassen, haben begriffen, daß die Stunde geschlagen hat, wo sie die
Lage retten müssen, dadurch, daß sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eignen Hände nehmen Sie haben begriffen, daß es
ihre höchste Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren ihrer eigenen
Geschicke zu machen und die Regierungsgewalt zu ergreifen." — Aber die
Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz
nehmen und diese für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen.

Die centralisirte Staatsmacht, mit ihren allgegenwärtigen Organen —
stehende Armee, Polizei, Bureaukratie, Geistlichkeit, Richterstand, Organe
geschaffen nach dem Plan einer systematischen und hierarchischen Theilung der Arbeit — stammt her aus den Zeiten der absoluten Monarchie, wo
sie der entstehenden Bourgeoisgesellschaft als eine mächtige Waffe in ihren
Kämpfen gegen den Feudalismus diente. Dennoch blieb ihre Entwicklung
gehemmt durch allerhand mittelalterlichen Schutt, grundherrliche und
Adels-Vorrechte, Lokalprivilegien, städtische und Zunft-Monopole und
Provinzialverfassungen. Der riesige Besen der französischen Revolution
des achtzehnten Jahrhunderts fegte alle diese Trümmer vergangner Zeiten
weg, und reinigte so gleichzeitig den gesellschaftlichen Boden von den
letzten Hindernissen, die dem Ueberbau des modernen Staatsgebäudes im
Wege gestanden. Dies moderne Staatsgebäude erhob sich unter dem ersten
Kaiserthum, | das selbst wieder erzeugt worden war durch die Koalitionskriege des alten halbfeudalen Europa's gegen das moderne Frankreich.
Während der nachfolgenden Herrschaftsformen wurde die Regierung unter
parlamentarische Kontrole gestellt, d.h. unter die direkte Kontrole der
besitzenden Klassen. Einerseits entwickelte sie sich jetzt zu einem Treibhaus für kolossale Staatsschulden und erdrückende Steuern und wurde mit
ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft, ihrer Amtsgewalt, ihren Einkünften, ihrer Stellenvergebung der Zankapfel für die konkurrirenden
Fraktionen und Abenteurer der herrschenden Klassen, — andrerseits
änderte sich ihr politischer Charakter gleichzeitig mit den ökonomischen
Veränderungen der Gesellschaft. In dem Maß, wie der Fortschritt der
modernen Industrie den Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit
entwickelte, erweiterte, vertiefte, in demselben Maß erhielt die Staatsmacht
mehr und mehr den Charakter einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung
der Arbeit, einer Maschine der Klassenherrschaft. Nach jeder Revolution,
die einen Fortschritt des Klassenkampfs bezeichnet, tritt der rein unterdrückende Charakter der Staatsmacht offener und offener hervor. Die
Revolution von 1830 übertrug die Regierung von den Grundbesitzern auf
die Kapitalisten und damit von den entfernteren auf die direkteren Gegner
der Arbeiter. Die Bourgeoisrepublikaner, die im Namen der Februarrevo-

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Karl Marx

lution das Staatsruder ergriffen, gebrauchten es zur Herbeiführung der
Junischlächtereien, um der Arbeiterklasse zu beweisen, daß die „soziale"
Republik weiter nichts bedeute, als ihre soziale Unterdrückung durch die
Republik; und um der königlich gesinnten Masse der Bourgeois und Grundbesitzer zu beweisen, daß sie die Sorgen und die Geldvortheile der Regierung ruhig den Bourgeoisrepublikanern überlassen könnten. Nach dieser
ihrer einzigen Heldenthat vom Juni blieb den Bourgeoisrepublikanern