122, Regent's Park Road N. W. London 28 April 1871. Lieber Kugelmann Aus obiger Adresse ersehen Sie daß ich mich hier in London häuslich niedergelassen habe, & zwar schon seit vorigem Herbst, da ich in (?) zu jener Zeit mit meinen verschiedenen Geschäften in Manchester schliesslich fertig geworden war. Ich bin mit dem Umzug soweit in jeder Beziehung zufrieden. Meine neue Wohnung ist nicht ganz 10 Minuten weit vom Marxschen Hause was nach hiesigen Begriffen sehr nahe ist, dazu habe ich den Park direct vor der Thüre & prachtvolle frische Luft. Was nun den Zustand von M arx angeht so haben Sie sich viel zu arge Vorstellungen davon gemacht. D’abord Ihre kühne Diagnose die seinen Husten einem Lungenkatarrh zuschreibt. Marx & ich haben einen sehr tüchtigen jungen Arzt (Schotte) der das Auscultieren und Percutieren so gut versteht, wie die meisten Leute in Deutschland & der dasselbe sagte was längst meine Ansicht war: daß der Husten lediglich im Kehlkopf seine Ursache habe, & die Lunge vollkommen gesund sei. Er sagt daß es allerdings nicht sehr leicht sei, einen so vernachlässigten & eingewurzelten Husten zu beseitigen & prophezeit Wiederkehr auf den Herbst, selbst wenn der Sommer ihn vertreibe. Bei ordentlicher Behandlung aber legt er der Sache gar keine Wichtigkeit bei. Der Husten hatte zunächst nur das Schlimme daß er Marx am Schlafen hinderte & so den allgemeinen Gesundheitsstand herunter brachte. Das ist nun so ziemlich beseitigt. Der Arzt behandelt ihn hauptsächlich auf die Leber, & hat auch da schon einiges Resultat erzielt, Sie begreifen aber, daß das bei einem chronischen Leiden das meines Wissens nun schon 26 Jahre mehr oder weniger permanent gewesen ist, nicht so rasch geht. Übrigens ist M. in seiner Lebensweise lange nicht so verrückt wie man sich das vorstellt. Solange die mit dem Krieg angefangne Aufregung dauert, arbeitet er nicht an schweren theoretischen Sachen, & lebt ziemlich rationell, läuft sogar häufig ohne daß ich ihn abhole, seine anderthalb bis zwei Stunden spazieren, trinkt wochenlang keinen Tropfen Bier sobald er merkt daß es ihm schlecht bekommt; daß er capriciösen Appetit hat, der zwischen Appetitlosigkeit & Heißhunger abwechselt, ist bei seinem Zustand nicht zu verwundern. Daß seine Haut nicht functioniere – mit Ausnahme der beträchtlichen Stellen wo die cutis durch die Karbunkeln vollständig zerstört ist – brauchen Sie nicht zu befürchten. Ein Gang über Highgate nach Hampstead & zurück nach Maitland Park ist un gefähr 1 ½ deutsche Meilen, dabei mehrfach steiles Bergsteigen auf & ab, & oben ist mehr Ozon als in ganz Hannover zu finden ist. Und den Gang macht er 3–4mal die Woche, wenigstens theilweise. Natürlich muß ich oft treiben, aber er weiß doch daß es ihm gut thut. Überhaupt wohnt er, wie ich, c a . 150 Fuß über der Themse, in einer freien Gegend, mit kaum halbstädtischer Luft, zwischen großen Gärten & wenig Häusern, & ich schreibe dieser gesunden Umgebung zu daß es nicht schlimmer mit ihm ist. Ich werde eben zum Essen gerufen & da in einer halben Stunde der verrückte Postschluß ist, so muß ich abbrechen. Jedenfalls haben Sie im Vorstehenden hinreichend Stoff um Ihre etwas übertriebenen Beunruhigungen ins Gleiche zu bringen. Ich kann es nun einmal ohne viel Bewegung im Freien nicht aushalten & da muß M. wohl oder übel meist mit, & das ist doch die beste Medizin für ihn. Mit herzlichen Grüßen Ihr F. E.