London, 4. Februar 1871

Lieber Kugelmann,

Ich habe mit Bedauern aus Deinem letzten Brief ersehn, daß Dein Gesundheitszustand sich wieder verschlimmert hat. Der meinige war in den Herbst- u. Wintermonaten leidlich, obschon der Husten, den ich bei meinem letzten Aufenthalt in Hanover contrahirte, bis zu diesem Augenblick fortdauert.

Ich hatte Dir die „Daily News", die meinen Brief enthielt, geschickt. Sie ist offenbar wieder unterschlagen worden, wie meine andern Zusendungen. Ich lege heut den Ausschnitt ein, wie die 1 Adresse des Generalraths. Der Brief enthält in der That nichts als Thatsachen, wirkte aber eben dadurch.

Du kennst meine Ansicht von den middle class heroes. Herr Jules Favre (berüchtigt aus der provisorischen Regierungs- u. Cavaignac-Zeit her) u. Co. haben jedoch noch meine Erwartungen übertroffen. Erst erlaubten sie dem „sabre orthodoxe", dem „crétin militaire" – wie Blanqui den Trochu richtig charakterisirte – seinen „plan" auszuführen. Dieser Plan bestand einfach darin, den passiven Widerstand von Paris bis aufs Aüsserste, d. h. bis zum starvation-point zu verlängern, dagegen die Offensive auf Scheinmanöver, auf „des sorties platoniques" zu beschränken. Ich spreche hier nicht in „Vermuthung". Ich kenne den Inhalt eines Briefs, den Jules Favre selbst an Gambetta geschrieben hat, u. worin er klagt, daß er u. andre Mitglieder des zu Paris huckenden Theils der Regierung vergebens den Trochu zu ernsten Offensivmaßregeln antrieben. Trochu antworte stets, die Pariser Demagogie werde dadurch das Oberwasser erhalten. Gambetta antwortete ihm: Vous avez prononcé votre propre condamnation! Trochu hielt es für viel wichtiger, mit seiner bretonischen Leibgarde, die ihm dieselben Dienste leistete, wie die Korsen dem L. Bonaparte, die Rothen in Paris nieder zu halten, als die Preussen zu schlagen. Dieß ist das wirkliche Geheimniß der Niederlagen in Paris, sondern überall in Fkch, wo die Bourgeoisie, im Einverständniß mit der Majorität der Lokalbehörden, nach demselben Princip gehandelt hat.

Nachdem nun einmal der Plan Trochu's bis zu seinem climax geführt war – bis zum Punkt, wo Paris sich ergeben oder verhungern mußte –, hatten Jules Favre et Co. einfach dem Beispiel des Festungskommandanten von Toul zu folgen. Er kapitulirte nicht. Er erklärte den Preussen einfach, er sei aus Mangel an Lebensmitteln gezwungen, die Vertheidigung aufzugeben u. die Festungsthore zu öffnen. Sie möchten nun thun, was ihnen beliebe.

Jules Favre jedoch begnügt sich nicht, eine förmliche Kapitulation zu zeichnen. Nachdem er sich selbst, Regierungsgenossen u. Paris als Kriegsgefangne des roi de Prusse erklärt, hat er die Unverschämtheit, im Namen von ganz Frankreich zu handeln. Was wußte er vom Zustand Frankreich's ausserhalb Paris? Absolut nichts, ausser was Bismarck so gnädig war ihm mitzutheilen.

Noch mehr. Diese Messieurs les prisonniers du roi de Prusse gehn weiter u. erklären, daß der noch freie Theil der französischen Regierung zu Bordeaux seine Vollmacht verwirkt habe und noch im Einverständniß mit ihnen, den Kriegsgefangnen des Königs von Preussen, handeln dürften. Da sie nun selbst als Kriegsgefangne nur nach dem Diktat ihres Kr[iegsherrn] handeln können, proklamirten sie damit den König von [Preu]ssen als die de facto höchste Autorität in Frankreich.

Selbst Louis Bonaparte, nach seiner Kapitulation u. Gefangennahme bei Sedan, war minder schamlos. Er erklärte auf die Vorschläge Bismarck's, er könne nicht auf Verhandlungen eingehn, weil er als preussischer Gefangner aufgehört habe, irgend eine Autorität in Frankreich zu besitzen.

J. Favre konnte im höchsten Fall bedingungsweis einen Waffenstillstand für ganz Frankreich annehmen, nämlich unter dem Vorbehalt der Sanktion dieses Uebereinkommens durch die Regierung zu Bordeaux, die zugleich allein berechtigt u. befähigt war, die Klauseln dieses Waffenstillstands mit den Preussen zu vereinbaren. Sie würden jedenfalls den letztern nicht erlaubt haben, das östliche Kriegstheater vom Waffenstillstand auszuschliessen. Sie würden den Preussen nicht erlaubt haben, ihre Occupationslinie in einer für sie so vortheilhaften Weise abzurunden!

Frech gemacht durch die Usurpation seiner Kriegsgefangnen, die als solche fortfahren, französische Regierung zu spielen, mischt sich Bismarck nun auch sans gêne in die innern französischen Angelegenheiten ein. Er protestirt, der Edle, gegen Gambetta's Dekret mit Bezug auf die allgemeinen Wahlen zur assemblée, weil das Dekret die Freiheit der Wahlen beeinträchtige! Indeed! Gambetta sollte antworten durch einen Protest gegen den Belagerungszustand u. übrigen Zustände in Deutschland, welche die Freiheit der Wahlen zum Reichstag vernichten.

Ich hoffe, daß Bismarck bei seinen Friedensbedingungen verharrt! 400 Mill. £ St. Kriegscontribution – die Hälfte der englischen Staatsschuld! Das werden selbst die fzs. Bourgeois verstehn! Sie werden vielleicht endlich begreifen, daß sie im schlimmsten Fall durch die Fortführung des Kriegs nur gewinnen können.

Der mob, vornehmer u. geringer, urtheilt nach dem Schein, der Façade, dem unmittelbaren Erfolg. So hat er während 20 Jahren all over the world den L. Bonaparte apotheosirt. Ich habe in der That stets, selbst während seiner Apogée, ihn als eine mittelmässige Canaille aufgedeckt. Dasselbe ist meine Ansicht von Junker Bismarck. Jedoch halte ich den Bismarck nicht für so dumm, als er sein müßte, wenn seine Diplomatie freiwillig wäre. Der Mann ist durch die russische Kanzlei in ein Netz verstrickt, daß nur ein Löwe zerreißen könnte, u. er ist kein Löwe.

Z. B. Bismarck's Forderung, daß Fkch ihm seine 20 besten Kriegsschiffe und Pondichéry in Ostindien ausliefern solle! Von einem wirklichen pr. Diplomaten konnte solche Idee nicht ausgehn. Er wußte, daß ein pr. Pondichéry blos ein pr. Pfand in englischen Händen sei, daß England, wenn es will, die 20 Kriegsschiffe abfassen kann, bevor sie in die Ostsee kommen, u. daß solche Forderungen nur den vom pr. Standpunkt absurden Zweck haben können, John Bull mißtrauisch zu machen, bevor die Preussen out of the French wood sind. Aber Rußland hatte ein Interesse grade dieß Resultat hervorzubringen, um die Vasallenschaft Preussens noch mehr zu sichern. In der That, diese Forderungen haben selbst in der Friedenslustigen Mittelklasse Englands einen völligen Umschwung hervorgebracht. Es schreit jezt alles nach Krieg. Diese Provokation Englands u. diese Gefährdung seiner Interessen machen selbst den Bourgeois toll. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Dank dieser preussischen „Weisheit" Gladstone et Co. will be kicked out of office and supplanted by a ministry declaring war against Prussia.

Auf der andern Seite sieht es sehr „öklich" in Rußland aus. Seit der Verwandlung Wilhelms in einen Kaiser hat die altmoskowitische, antideutsche Partei, mit dem Thronfolger an der Spitze, völlig wieder die Oberhand gewonnen. Und sie hat die Volksstimmung für sich. Die feine Politik Gortschakoff's ist ihr unverständlich. Es ist daher wahrscheinlich, daß der Czar entweder seine auswärtige Politik durchaus umdrehn muß, oder that he will be obliged to kick the bucket wie seine Vorfahren Alexander I, Paul u. Peter III.

Bei einer gleichzeitigen Convulsion der Politik in England u. Rußland, where would Prussia be, in einem Augenblick wo seine nord- u. südöstlichen Grenzen jeder Invasion widerstandslos preisgegeben, wo die Wehrkraft Deutschlands erschöpft ist? Nicht zu vergessen, daß Preussen-Deutschland von Anfang dieses Kriegs bis jezt 1,500.000 Mann nach Frankreich geschickt u. daß von diesen nur noch etwa 700.000 auf den Beinen sind!

Trotz des Scheins des Gegentheils also ist die Lage der Preussen anything but pleasant. Wenn Frankreich aushält, den Waffenstillstand zur Reorganisation seiner Armee benuzt u. endlich dem Krieg einen wirklich revolutionairen Charakter giebt – u. der pfiffige Bismarck thut sein Möglichstes to this end – kann das neudeutsche borussische Kaiserthum noch eine ganz unerwartete Prügeltaufe erhalten.

My best compliments to the Comtess and Fränzchen.

Dein
K. M.

A Propos. Du schriebst mir einmal wegen eines Buchs von Haxthausen über westphälische (glaub' ich) Grundeigenthumsverhältnisse. Es ist mir lieb, wenn Du es schickst.

Sei so gut, einliegendes an Dr. Jacoby (Königsberg) zu fördern, aber frankire es Vorsichtshalber. Laß Deine Frau auf einliegenden Brief die Adresse an Dr. Johann Jacoby, Königsberg, schreiben.

Jennychen beauftragt mich eben, ihre Grüsse an „Trautchen, Fränzchen und Wenzelchen" zu schicken, was hiermit geschieht.