Manchester, 4. Sept. 1870

Was schert mich Weib, was schert mich Kind,
Ich trage höhres Verlangen;
Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind —
Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!

Die Weltgeschichte ist doch die größte Poetin, sie hat es fertig gebracht, selbst den Heine zu parodiren. Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen! Und von den „Stinkpreußen" noch dazu, & der arme Wilhelm steht dabei & versichert zum hundertsten Mal daß er wahrhaftig ganz unschuldig an all den Geschichten, & daß es eine pure Fügung Gottes ist! Der Wilhelm sieht dabei aus wie der Schuljunge: Wer hat die Welt erschaffen? — Ich, Herr Lehrer, ich habs gethan, ich will's aber wahrhaftig nicht wieder thun!

Und da kommt der elende Jules Favre & schlägt vor, Palikao, Trochu & ein paar Arkadier sollen die Regierung bilden. Solches Lausepack ist noch nie dagewesen. Es ist nun aber doch zu erwarten daß, wenn dies in Paris bekannt wird, irgend etwas losgeht. Ich kann mir nicht denken, daß dieses Sturzbad von Nachrichten die heute oder morgen doch bekannt sein müssen, nicht irgend welche Wirkung hat. Vielleicht eine Regierung der gauche, die nach etwas Widerstandsparade Frieden schließt.

Der Krieg ist am Ende. Armee gibts keine mehr in Frankreich. Sobald Bazaine kapitulirt, was in dieser Woche wohl kommen wird, geht die halbe deutsche Armee vor Paris, die andre Hälfte über die Loire & fegt das Land von allen Anhäufungen von Bewaffneten.

Was meine Artikel betrifft so wirst Du gesehn haben daß ich im vorgestrigen das Nöthige gethan. Aber mein schlimmster Feind in der englischen Presse ist der Mr. Greenwood selbst. Dieser Narr streicht mir regelmäßig alle Seitenhiebe die ich seinen Concurrenten wegen Plagiat ertheile, & noch besser, in seiner Epitome excerpirt er die mir die Nacht vorher abgeschriebnen Artikel mit der äußersten Bonhommie & ohne nur einen Witz über das Plagiat zu machen. Der Kerl will sich nämlich das Privatvergnügen einer eignen militärischen Meinung nicht nehmen lassen, die reiner Blödsinn ist. Wie jeder Philister es für einen Ehrenpunkt hält, reiten zu können, so auch, etwas von Strategie zu verstehn. Damit nicht genug. Vor ein paar Tagen hat er mir — bloß um die Spalte voll zu machen — einige ganz blödsinnige Zeilen über die Belagerung von Straßburg hineingesetzt. Ich werde bei erster Gelegenheit einen Artikel darüber schreiben & grade das Gegentheil sagen. Aber was willst Du? Das Zeitungsschreiben im Frieden ist ja weiter nichts als ein fortlaufendes Raisonniren über Dinge die man nicht gelernt hat & so habe ich eigentlich kein Recht mich zu beklagen.

Zieh den cheque ein & behalte das Geld. Die Hälfte gehört Dir von Rechts wegen, die andre ist Abschlag auf nächsten Termin, wo ich Dir also noch 70 Pfd. zuschicken werde.

Der Elsaßschwindel ist hauptsächlich — neben dem Urteutonischen drin — strategischer Natur, & will die Vogesenlinie & Deutschlothringen als Vorland. (Sprachgränze: wenn Du vom Donon oder Schirmeck in den Vogesen eine grade Linie nach 1 Stunde östlich Longwy ziehst (wo belg. luxemb. & franz. Gränze zusammentreffen) so ist das fast genau; vom Donon den Vogesen entlang an die Schweizer Gränze.) Die Vogesen vom Donon nördlich sind nämlich nicht so hoch & steil wie die südlichen. Zu glauben daß Frankreich durch Abkneifung dieses ca. 1¼ Mill. Bewohner haltenden schmalen Strichs „geknebelt" werde, können nur die Esel vom Staatsanzeiger & Braß & Co leisten. Das Geschrei des Philisters nach „Garantieen" ist überhaupt absurd, aber es zieht, weil es den Hofleuten in ihren Kram paßt.

Das Große Krankenwärter Gedicht habe ich noch nicht gelesen. Es muß schön sein. Dazu sind diese Krankenpfleger die größten Bummler die wo es gilt, nicht bei der Hand sind, aber viel fressen, saufen & schwadroniren so daß man sie bei der Armee schon herzlich satt ist. Ausnahmen nur wenige.

In Saarbrücken haben die Franzosen so viel Schaden angerichtet als sie gekonnt. Natürlich dauerte die Beschießung nur ein paar Stunden & nicht wie in Straßburg Tag & Nacht wochenlang.

Der Brief von Kakadou inl. mit Dank zurück. Sehr interessant. Die Vertheidigung von Paris — wenn nichts Außerordentliches drinnen passirt, wird eine heitre Episode werden. Man bekommt bei diesen ewigen kleinen Panics der Franzosen — die alle aus der Angst vor dem Moment hervorgehn in dem man endlich die Wahrheit erfahren muß — eine viel bessere Idee von der Schreckensherrschaft. Wir verstehn darunter die Herrschaft von Leuten die Schrecken einflößen; umgekehrt, es ist die Herrschaft von Leuten die selbst erschrocken sind. La terreur, das sind großentheils nutzlose Grausamkeiten begangen von Leuten die selbst Angst haben, zu ihrer Selbstberuhigung. Ich bin überzeugt daß die Schuld der Schreckensherrschaft Anno 93 fast ausschließlich auf den überängsteten, sich als Patriot gebahrenden Bourgeois, auf den kleinen hosenscheißenden Spießbürger & auf den bei der terreur sein Geschäft machenden Lumpenmob fällt. Bei der jetzigen kleinen terreur sind es auch grade diese Klassen.

Beste Grüße von uns allen incl. Jollymeyer & Moore an Euch Alle.

Dein
F. E.