[London] 8. August 1870

Dear Fred,

Ich gehe erst Morgen fort (zurückgehalten durch business der International) und zwar nicht nach Brighton, sondern nach Ramsgate, weil es nach eingegangner Erkundigung an erstrem Ort zu heiß ist, ausser[dem] Arnold Winkelried Ruge den Platz unsicher macht.

L'Empire est fait, i. e. das deutsche Kaiserthum. By hook and crook, weder auf dem beabsichtigten Weg noch in der vorgestellten Weise, scheint es, daß alle Mogeleien seit dem Second Empire schließlich dahin geführt haben, die „nationalen" Zwecke von 1848 auszuführen — Ungarn, Italien, Deutschland! Mir scheint diese Sorte Bewegung erst zu Ende zu kommen gebracht, sobald es zur Keilerei zwischen den Preussen und Russen kommt. Dieß keineswegs unwahrscheinlich. Die Presse der Moskowitischen Partei (ich habe allerlei davon bei Borkheim gesehn) hat die russische Regierung wegen ihrer freundschaftlichen Haltung zu Preussen ebenso heftig angegriffen, als die fzs. Blätter im Sinne von Thiers 1866 den Boustrapa wegen seiner Liebkoserei mit Preussen angriffen. Nur der Kaiser, die deutschrussische Partei und das officielle St. Petersburgh Journal bliesen ins Horn gegen Fkch. Sie erwarteten aber auch nichts weniger als so entschiedne preussisch-deutsche Successe. Sie glaubten, wie Bonaparte 1866, die belligerent powers würden einander durch langen Kampf abschwächen, so daß das heilige Rußland als höchster arbiter gebietend dazwischen treten könne.

Aber jezt! Wenn Alexander nicht vergiftet zu werden wünscht, something must be done zur Beschwichtigung der nationalen Partei. Das Prestige Rußlands wird offenbar noch mehr „verletzt" durch ein dtsch-pr. Kaiserthum, wie als das Prestige des „Second Empire" es durch den Norddeutschen Bund ward.

Rußland wird also, ganz wie Bonaparte es von 1866–1870 that, mit Preussen mogeln, um Concessionen nach der türkischen Seite hin zu erlangen, und alle diese Mogeleien, trotz der russischen Religion der Hohenzollern, werden in Krieg zwischen den Moglern enden. Wie albern der deutsche Michel immer sei, sein neugestärktes Nationalgefühl (— namentlich jezt, wo man ihm nicht mehr vorreden kann, er müsse sich alles gefallen lassen, um die deutsche Einheit erst zu Stand zu bringen —) wird sich kaum in russischen Dienst pressen lassen, wozu gar kein Grund, nicht einmal ein pretext mehr vorhanden ist. Qui vivra verra. Lebt unser schöner Wilhelm noch einiges, so können wir noch seine Proclamationen an die Polen erleben. Wenn Gott was besonders Grosses thun will, sagt old Carlyle, wählt er immer die dümmsten Menschen dazu aus.

Was mich in diesem Augenblick ängstet, ist der Stand der Dinge in Fkch selbst. Die nächste grosse Schlacht kann wohl kaum anders als gegen die Franzosen ausfallen. Und dann? Wirft sich die geschlagne Armee nach Paris unter Boustrapa's Leitung, so kömmt es zu einem Frieden, demüthigendster Art für Fkch, vielleicht mit restauration der Orléans. Bricht eine Revolution in Paris aus, so fragt es sich, ob sie die Mittel und die Führer haben, den Preussen ernsthaften Widerstand zu leisten? Man kann sich nicht verbergen, daß die 20jährige bonapartistische Farce enorm demoralisirt hat. Man ist kaum berechtigt, auf revolutionären Heroismus zu rechnen. Was denkst Du davon?

Ich verstehe nichts vom Militärischen, aber doch scheint's mir, daß selten ein Feldzug kopfloser, planloser, mittelmässiger geführt worden, als der Badinguet's. Dazu die schöne Eröffnungsscene, ganz die Porte St. Martin Melodramatik des lower empire, der Vater mit dem Sohne an dem Zündloch der Kanone, und die Infamie, womit dieses „Erhabene" verquickt ist, das Bombardiren Saarbrückens! Der Kerl, wie er leibt und lebt.

MacMahon drang im primitiven Kriegsrath zu Metz auf rasches Vorgehn, aber Lebœuf war entgegengesetzter Ansicht.

A Propos. Aus einem Brief von Wien (vom Vetter des Eccarius, einem 72jährigen Greis) ersehn wir, daß Bismarck ganz im Stillen dort war!

Ganz dem Geist des Lower Empire entsprechend zeigt dieser Krieg, sein Commissariatswesen und seine Diplomatie die Parole: Wechselseitig sich bestehlen und wechselseitig sich belügen, so daß in Fkch alle Welt vom Minister bis zum Clerk, vom Marschall bis zum Gemeinen, vom Kaiser bis zu seinem Stiefelputzer, ganz verduzt dasteht, sobald sich the true state of things unter Kanonenfeuer offenbart.

Herr John Stuart Mill hat unsrer Adresse grosse Elogen gespendet. Sie hat überhaupt viel effect in London gemacht. Unter anderm hat sich die spiess-Cobdensche Peace Society schriftlich zur Verbreitung derselben erboten.

Ad vocem Oswald's Adresse: Ich habe von Deiner Erlaubniß Gebrauch gemacht, da es mir in der That unlieb war, ohne „Dir" zu figuriren. Die Adresse wird durch die Verschleppung natürlich noch dümmer. Doch macht's uns nicht[s], da wir nur its general sentiments etc. so weit etc. endorsiren. Zurückziehn — trotz der Lächerlichkeit — kann man sich jezt nicht, da Louis Blanc etc. sonst glauben würden, die preussischen Siege seien daran Schuld.

A propos. Old Ruge hatte dem Oswald vor 8 Tagen geschrieben, er könne nicht zeichnen. Warum? Er ist „überzeugt, daß die Preussen zu Paris die fzs. Republik proklamiren werden"! Erkennst Du da das alte Confusions-Construktions-Vieh nicht in all seiner Gloria wieder?

Einliegend Einiges von Prophet Urquhart.

Salut.

Dein
K. M.

P. S. Im Artikel der Fortnightly Review (Augustnummer) über „Our uncultivated lands" findet sich folgendes über irischen Boden: „That her soil is fertile is proved upon the testimony etc. etc. and M. de Laveleye: the latter gentleman says etc. etc." (p. 204) Da Laveleye unter den Engländern für grosse agronomische Autorität gilt wegen seiner Bücher über belgische und italienische Agrikultur, diese Stelle brauchbar für Dich.