London. 27 Juni, 1870. Lieber Kaiser Wenzel, Ich bin im Laufe dieser Woche nach einmonatlichem Aufenthalt zu Manchester hierhin zurückgekehrt u. habe Deinen letzten Brief vorgefunden. Ich kann Dir in der That über das Datum meiner Abreise nicht antworten, ja nicht einmal die auf die Frage — die Du nicht gestellt hast — nämlich ob ich überhaupt reisen werde? Ich hatte letztes Jahr darauf gerechnet, daß ich nach der Ostermesse eine zweite Auflage meines Buchs und consequently die Einnahme von der ersten Auflage haben würde. Du siehst jedoch aus dem einliegenden Brief Meißner ’s , heute arrivirt, daß dieß alles noch im weiten Feld steht. (Du schickst mir gefälligst den Brief zurück.) Die Herrn deutschen Professoren haben sich in der letzten Zeit veranlaßt gesehn hier u. da Notiz von mir zu nehmen, wenn auch in sehr alberner Weise, z. B. A. Wagner in einer Brochüre über Grundeingenthum , Held (Bonn) in einer Brochüre über die ländlichen Kreditkassen in der Rheinprovinz . Herr Lange (Ueber die Arbeiterfrage etc 2. Auflage ) macht mir grosse Elogen, aber zu dem Behuf sich selbst wichtig zu machen. Herr Lange hat nämlich eine grosse Entdeckung gemacht. Die ganze Geschichte ist unter ein einziges grosses Naturgesetz zu subsumiren. Dieß Naturgesetz ist die Phrase d ( – das der Darwin ’sche Ausdruck wird in dieser Anwendung blosse Phrase –) „ struggle for life “, „Kampf um’s Dasein“ u. der Inhalt dieser Phrase ist das Malthus sche Bevölkerungsund oder rather Uebervölkerungsgesetz . Statt also den „struggle for life“, wie er sich geschichtlich in verschiednen, bestimmten Gesellschaftsformen darstellt, zu analysiren, hat man nichts zu thun als jeden konkreten Kampf in die Phrase „struggle for life“ u. diese Phrase in die Malthussche „Bevölkerungsphantasie“ umzusetzen, aufg (?) umzusetzen. Man muß zugeben, daß dieß eine sehr einbringliche Methode — für gespreizte, wissenschaftlich thuende, hochtrabende Unwissenheit und Denkfaulheit ist. Was derselbe Lange über Hegel sche Methode u. meine Anwendung derselben sagt, ist wahrhaft kindisch. Erstens versteht er rien von Hegels Methode u. darum zweitens noch viel weniger von meiner kritischen Weise sie anzuwenden. In mancher (?) einer Hinsicht erinnert er mich an Moses Mendelssohn . Dieser Urtyp eines Seichbeutels schrieb nämlich an Lessing , wie es ihm einfallen könne „den todten Hund Spinoza “ au sérieux zu nehmen! Ebenso wundert sich Herr Lange, daß Engels, ich u.s.w. den todten Hund Hegel au sérieux nehmen, nachdem jedoch Büchner , Lange, Dr. Dühring , Fechtner u.s.w. längst darin übereingekommen sind, daß sie — poor deer — ihn längst begraben haben. Lange ist so naiv zu sagen, daß ich mich in dem empirischen Stoff „mit seltensten Freiheit bewege“. Er hat keine Ahnung davon, daß diese „freie Bewegung im Stoff“ durchaus nichts anders als Paraphrase ist für die Methode , den Stoff zu behandeln — nämlich die dialektische Methode . Meinen besten Dank an Madame la comtesse für ihre liebeswürdigen Zeilen. Dieß ist wahrhaft wohlthuend in einer Zeit, „wo mehr und mehr die Besseren schwinden“. Doch sérieusement parlant, ich freue mich stets, wenn einige Zeilen Deiner lieben Frau mich an die heitre Zeit erinnern, die ich in Eurem Kreis verlebt habe. Was Meißner ’s Drang für den zweiten Band betrifft, so bin ich nicht nur während d es ganzen Winters durch Krankheit unterbrochen worden. Ich fand es nöthig, russisch zu ochsen, da es bei der Behandlung der Landfrage nöt hig unumgänglich geworden ist, die russischen Grundeigenthumsverhältnisse in den Originalquellen zu studiren. Es kam hinzu, daß auf Anlaß der irischen Landfrage, die englische Regierung eine Reihe blue books (bald beendigt) herausgab über die Landverhältnisse in all countries. Endlich — entre nous — wünschte ich vorher zweite Ausgabe von Bd I. Käme diese zwischen der ultimate Fertigmachung von Bd II, so wäre das nur störend. Best compliments on Jenny’s part and my own to all members of the Kugelmann family. D KM.