11 May, 1870 Dear Fred, Ich sehe erst heut aus Deinem Brief , daß ich vergessen hatte den Wilhelm einzulegen. Folgt hiermit, ditto Brief v on Bracke etc, den ich zurück haben muss vor Dienstag, wo ich wieder auf dem Strumpf zu sein vorhabe. Maynz, Darmstadt, Mannheim? Wäre Mannheim nicht am besten? Mainz ist eine pr eußische Festungsstadt. Was die Welschen angeht, so finde ich die Hauptsache nicht in meinen Heften. Doch so viel: „Der Gütergemeinschaft ging zur Seite die schon im Alterthum bekannte keltische Lockerheit des Ehebandes, zugleich aber Stimmrecht der Weiber in der Stammversammlung.“ ( W. Wachsmuth, „Europäische Sittengeschichte“. Zweiter Theil, Leipzig 1833. ) Wachsmuth gründet seine Darstellung namentlich auf die Gesetze des Königs Dyonwall Moelmud und Hywell Howell Dda’s . („ Leges Molmutinae. Uebersetzt von Will. Probert : the ancient laws of Cambria, containing the institutional triads of D. Moelmud, the laws of Howell the good, tradical commentaries, code of education, and the hunting laws of Wales, Lond. 1813“ und: „ Edward Davies , Celtic Researches, Lond. 1804“ .) Als Curiosa finde ich in meinen Heften notirt: „Satzungen über Prüfung der Jungfrauschaft. Das Zeugniß Einzelner genügt, z. B. des Mädchens über ihre Jungfernschaft.“ „Ein Mann, der eine Beischläferin um einer andern willen verstossen hat, büßt mit so viel Denarien als zur Bedeckung des Hintern der Klagenden gehören. Ein Weib, das gegen einen Mann auf Nothzucht klagt, faßt mit der Linken dessen Glied, legt die Rechte auf Reliquien und beschwört so die Aussage.“ „ Unzucht mit der Königin kostet doppelte Mult an den König.“ Das erste Kapitel des Buchs vom Landrecht handelt von den Weibern. „Schlief seine Frau bei einem andern Mann, und schlägt er sie , so büßt er seine Ansprüche auf Vergütung ein … Was die Frau veräussern dürfte – nach dem Stand verschieden – ist genau angegeben. Die Frau des Bauern (taenigh) durfte nur ihr Halsband veräussern und verborgen nur den Sieb u. zwar nicht weiter als ihre Stimme, wenn sie um Rücklieferung rief, gehört werden konnte. Die Frau des Edelmanns (nihelms) durfte Mantel, Hemd, Schuhe etc veräussern, verborgen aber das gesamte Wirthschaftsgeräth. Genügender Grund zur Scheidung war für die Frau Unvermögen, Krätze und übler Athem des Mannes.“ Sehr galante Jungen diese Celten! Auch geborne Dialektiker, weil alles in Triaden verfaßt. Ueber die Phanerogamie kann ich bei Wiederausgang aus dem Haus Wachsmuth im Museum nachsehn. Bei dieser Gelegenheit finde ich auch in meinen Heften Citate v on einigen Schriften über Irland, die Du aber sicher gesehn hast od er die auch überflüssig neben bessern Quellen sind. Ein Buch, wovon ich d en Titel nicht ordentlich lesen kann. Ogygia (?) Ogygia od er Ogygia v on R. O’Flaherty , London 1685 . Dr. Charles O’Conor : Scriptores Rerum Hibernicarum. Buckingham. (1814–1826. 4 Bde.) The antiquities and history of Ireland by Jam. Ware, London 1705 . Ware: Two books of the writers of Ireland Dublin . 1704. Mit dem Bakunine hat sich entweder das Geschäft verschlagen oder man hat’s so eingerichtet pour sauver les apparences. Ich finde nämlich bei näherer Ansicht, daß Olgareff Ogareff d er Redacteur. Bak. hat in den ersten Nummern nur einen Brief, worin er fremd thut, die Redaction auch wegen Mangel an Princip etc anklagt, sich als Socialist u. Internationalen breit macht etc. Jedoch, with all that, kömmt sein Schreiben d ar auf hinaus, daß in d er Theorie alle Coalitionen zu verdammen, aber in d er Praxis allerdings Olg. Og. recht habe. Es gelte jezt vor allem die Czarenmacht zu stürzen, dazu sei Vereinigung aller ihr feindlichen Parteien nöthig etc etc. Später könnten sie sich untereinander hauen etc. Also die „Politik“ in Rußland den Socialisten erlaubt, jedoch bei Leibe nicht in Westeuropa! Die russischen Sachen, die ich Dir heut schicke, kannst Du halten, da ich doppelte Exempl. besitze. Salut D KM Wegen der irischen grammar werde ich mich umsehn, sobald ich wieder ausgehn kann. / Der Zustand d es letzten Briefs nicht Schuld d er Post. /