London. 29 Nov. 1869. Lieber Kugelmann, Jennychen schickte Dir vor about 5 Wochen einen Brief – in der That zwei Briefe, einen an Dich u. einen an die Frau Gräfin . In diesem Brief lag ein Portrait von G. Weerth – u. da letzres schwer zu ersetzen, kein zweites zu entsenden ist, wünscht Jennychen möglichst bald zu wissen, ob Ihr die Sendung erhalten habt oder nicht. Einiger Verdacht über die Unverletzlichkeit u. Sicherheit des Postverkehrs ist dadurch hier erregt worden, daß ein Brief , den ich von Hannover an Engels schrieb, unläugbar erbrochen u. sehr clumsily nachher wieder zugemacht worden. Engels hatte das Couvert aufbewahrt, damit ich mich durch Ocularinspektion überzeuge. Mein langes u. gewisermassen verbrecherisches Schweigen mußt Du Dir daraus erklären, daß ich eine Masse Arbeiten nachzuholen, nicht nur für meine wissenschaftlichen Studien, sondern auch quoad International , daß ich zudem russisch zu treiben, in Folge eines mir aus Petersburg zugeschickten Buchs über die Lage der arbeitenden Klassen (of course, peasants uncluded) in Rußland u. endlich daß mein Gesundheitsstand keineswegs befriedigend. Du wirst wahrscheinlich im Volksstaat die von mir vorgeschlagnen Resolutionen gegen Gladstone in der irischen Amnestiefrage gesehn haben. Ich habe jezt den Gl. – u. es hat hier Aufsehn gemacht – ganz so angegriffen wie früher den Palmerston . Die hiesigen demagogischen refugees lieben es über die continentalen Despoten von sichrer Entfernung aus herzufallen. Dergleichen hat für mich nur Reiz, wenn es vultu instantis tyranni geschieht. Jedoch hat sowohl mein Auftreten in dieser irischen Amnestiefrage, wie mein fernerer Vorschlag in dem General Council , das Verhältniß der englischen Arbeiterklasse zu Irland zu diskutiren u. Beschlüsse

darüber zu fassen, natürlich noch andre Zwecke als laut u. decidirt für die oppressed Irish gegen ihre oppressors zu sprechen. Ich bin mehr u. mehr zur Ueberzeugung gelangt – u. es gilt nur, der englischen Arbeiterklasse diese Ueberzeugung einzubläuen – daß sie niemals hier in England etwas Entscheidendes thun kann, bevor sie ihre Politik mit Bezug auf Irland nicht aufs bestimmteste von der Politik der herrschenden Klassen trennt, bis sie nicht nur gemeinschaftliche Sache mit den Irländern macht, sondern sogar die Initiative ergreift in der Auflösung der 1801 gestifteten Union u. ihrem Ersatz durch ein freies föderales Verhältniß. Und zwar muß dieses betrieben werden, nicht als Sache der Sympathie mit Irland, sondern als eine im Interesse des englischen Proletariats gegründete Forderung. Wenn nicht, so bleibt d as englische Volk am Gängelband der herrschenden Klassen, weil es mit ihnen gemeinschaftlich Irland gegenüber Front machen muß. Jede seiner Bewegungen in Engl an d selbst bleibt gelähmt durch den Zwist mit den Irländern, die in Engl an d selbst einen sehr bedeutenden Theil der Arbeiterklasse bilden. Die erste Bedingung der Emancipation hier – der Sturz der englischen Bodenoligarchie – bleibt unmöglich, denn der Posten hier kann nicht gestürmt werden, solange sie ihren stark verschanzten Vorposten in Irland behauptet. Dort aber, sobald die Sache in die Hände des irischen Volks selbst gelegt, sobald es zu seinem eignen Gesetzgeber u. Regierer gemacht, sobald es autonom wird, ist die Vernichtung der Landaristokratie (zum grossen Theil dieselben Personen, wie die englischen landlords) unendlich leichter als hier, weil es in Irland nicht nur eine einfach ökonomische Frage, sondern zugleich eine nationale Frage, weil die landlords dort, nicht wie in England, die traditionellen Würdenträger u. Vertreter, sondern die tödtlich gehaßten Unterdrücker der Nationalität sind. Und nicht nur die innere sociale Entwicklung Englands bleibt gelähmt durch das jetzige Verhältniß zu Irland, auch seine auswärtige Politik, seine Politik namentlich mit Bezug auf Rußland u. die Ver. Staaten Amerika’s. Da aber die englische Arbeiterklasse unbedingt das entscheidendste Gewicht in die Waagschale der socialen Emancipation überhaupt

wirft, so gilt es hier den Hebel anzulegen. In der That die englische Republik unter Cromwell scheiterte an – Irland. Non bis in idem! Die Irländer haben der engl. Regierung einen köstlichen Streich gespielt durch die Wahl des „convict felon“ O’Donovan Rossa zum Parlamentsglied. Bereits drohen die Regierungsblätter mit erneuter Aufhebung des Habeas Corpus Act , mit erneutem Schreckenssystem! In der That, England hat Irland nie anders regiert u. kann es nie anders regieren, solang das jetzige Verhältniß fortdauert – ausser durch die scheußlichste Schreckensherrschaft und durch die verwerflichste Corruption. In Frankreich gehn die Dinge soweit gut. Einerseits compromittiren sich die veralteten demagogischen u. demokratischen Schreier aller Richtungen. Andrerseits ist Bonaparte in eine Bahn der Concessionen getrieben, worauf er den Hals brechen muß. Mit Bezug auf den Eulenburg -Skandal in der pr. Kammer , bemerkt der Observer von gestern (dieß Wochenblatt gehört dem Ministerium ): Napoleon habe gesagt: [„] Grattez le Russe, et vous trouverez le Tartare.“ Mit Bezug auf Preussen sei es nicht einmal nöthig zu kratzen, um – den Russen zu finden. A Propos. Reich , Dr. Med. hat zum Vornamen Eduard u. scheint der Vorrede seines Buchs nach in Gotha zu wohnen. Meine besten Grüsse an Frau Gräfin u. Fränzchen Dein K. Marx Könnten wir nicht die Bielefelder „ Freiligrath-Fest-Brochüre “ haben?