An den Braunschweiger Ausschuß der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei über
Kassenwesen und Wahlbewegung.
Brief vom 28. April 1870

Der Volksstaat.
Nr. 39, 14. Mai 1870

Sehr gefreut hat mich der detaillirte und präcise Kassenbericht. Es sind
hier in England vor meinen Augen so viele Anläufe zu Arbeiter-Bewegungen und Organisationen an schlechter Kassenverwaltung und Rechnungsführung, und den darauf regelmäßig verdient oder unverdient erfolgenden Vorwürfen der Unterschlagung und so weiter zu Grunde
gegangen, daß ich mir in diesem Falle wohl ein kompetentes Urtheil über
die Wichtigkeit dieses Punktes zutrauen darf. Die Arbeiter müssen sich
jeden Pfennig abdarben und haben daher auch das vollste Anrecht, zu
wissen, wohin jeder Pfennig geht, so lange sie eben noch keine geheimen
Fonds brauchen und beischaffen. Und ich halte dies gerade in Deutschland von der größten Wichtigkeit, seitdem auch dort die Ausbeutung der
Arbeiter durch verlumpte Agitatoren auf die Tagesordnung gekommen
ist. Es ist eine faule Ausrede, zu sagen, daß man durch Veröffentlichung
solcher Kassenberichte dem Gegner die Schwäche der eigenen Partei verräth. Wenn die Gegner die Stärke einer Arbeiterpartei nach ihrer spezifisch schwachen Seite - den Kassenverhältnissen - beurtheilen wollen, so
werden sie sich ohnehin stets verrechnen. Und der Schaden, den die Geheimhaltung dieser Dinge in den eigenen Reihen anrichtet, ist unendlich
größer als der, der aus der Veröffentlichung erwachsen könnte. -
Bonhorst beklagt sich über die Stumpfheit der Arbeiter - ich finde
vielmehr, daß die Sache in Deutschland unverhofft flott vorangeht. Die
einzelnen Erfolge wollen natürlich mühsam erkämpft sein und die das zu
thun haben, denen geht die Sache immer zu langsam. Aber vergleichen
Sie 1860 und 1870, und vergleichen Sie den jetzigen Stand der Dinge in
Deutschland mit dem in Frankreich und England - bei dem Vorsprung,
den jene beiden Länder vor uns hatten! Die deutschen Arbeiter haben
über ein halbes Dutzend Leute in das Parlament gebracht, die Franzosen
und Engländer keinen einzigen. Darf ich mir dabei die Bemerkung erlau-

An den Braunschweiger Ausschuß über Kassenwesen und Wahlbewegung

ben, daß wir Alle es hier für höchst wichtig halten, daß bei den Neuwahlen so viel Arbeiterkandidaten aufgestellt werden, wie möglich, und so
viel durchgebracht werden, wie möglich?