Gliederung des Kapitels „Altirland"

Alt Irland.

I. Quellen. 1) Die Alten. 2) die irische Literatur. Gebäude & Inschriften. 3) Auswärtige. Die Scandinavie!-. St. Bernhard, Giraldus. - 4)
Die Späteren, besonders Ende des 16. Jahrhunderts

Ila Race & Sprache. Einwandrungssagen. Angaben der Alten. Was aus
den Gesetzen, Giraldus & selbst den Späteren über irische Sitten zu sagen
ist.

b Clanverfassung, Grundeigenthum, Gesetze,

lila. Einführung des Christenthums. Irische Missionare & Gelehrte. J.
Scotus Erigena
b. Dänenzeit etc. bis Invasion. Staatsordnung um diese Zeit.

Ad I.

Ad Ila Einwandrungssagen Senchus Mor. - Die Alten: Senchus Mor II,
Gesch. & Beilage. Wakefield XII, 6 (Boate) Prendergast. Senchus Mor
XI. Giraldus. - Spenser. Davies. Camden, Campion p.p. Ledwich.

b. Nennius Brittonum. Senchus Mor XI & Original?

Ad III Senchus Mor II 9 ff, & Original Chronologie. Gordon. Hegel
Geschichte der Philosophie. - Danica.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

des Buches über die Geschichte Irlands

Hill Naturbedingungen.

An der Nordwestecke Europas liegt das Land, dessen Geschichte uns
beschäftigen wird, eine Insel von 1530 deutschen oder 32 500 englischen
Quadratmeilen. Aber zwischen Irland und das übrige Europa legt sich
5 quer die dreimal so große Insel, die wir der Kürze halber gewöhnlich
England nennen; sie umfaßt Irland von Nord, Ost und Südost her vollständig, und läßt ihm nur in der Richtung nach Spanien, Westfrankreich
und Amerika freien Ausblick.
Der Kanal zwischen beiden Inseln, an den schmälsten Stellen im Süden
10 50-70, an einer Stelle im Norden 13, an einer andern 22 engl. Meilen
breit, erlaubte im Norden schon vor dem 5: Jahrhundert den irischen
Scoten die Einwanderung in die Nebeninsel und die Begründung des
schottischen Reichs. Im Süden war er zu breit für die Boote der Iren und
Briten, und ein ernsthaftes Hinderniß selbst für die flachbodigen Küsten15 fahrzeuge der Römer. Als aber Friesen, Angeln & Sachsen, & nach ihnen
Skandinavier, mit ihren Kielfahrzeugen sich aufs hohe Meer, außer Sicht
des Landes, wagen durften, war dieser Kanal kein Hinderniß mehr; Irland verfiel den Raubzügen der Skandinavier, und lag den Engländern
als offne Beute da. Sobald die Normannen in England eine kräftige,
20 einheitliche Regierung hergestellt, machte sich der Einfluß der größeren
Nachbarinsel geltend - in damaliger Zeit hieß dies: Eroberungskrieg.
Folgte dann, im Verlauf des Kriegs, eine Periode, wo England die
Herrschaft auf dem Meer errang, so war dadurch die Möglichkeit erfolgreicher, fremder Einmischung ausgeschlossen.
25 Wurde endlich die ganze größere Insel zu Einem Staat vereinigt, so
mußte dieser danach streben, auch Irland sich vollständig zu assimiliren.
Gelang diese Assimilation, so gehört der ganze Verlauf der Geschichte
an. Er verfällt ihrem Urtheil, aber rückgängig zu machen ist er nicht

mehr. Gelang aber die Assimilation, nach siebenhundert Jahren des
Kampfs, nicht; wurde vielmehr jede neue Welle von Eindringlingen, die
Irland eine nach der andern überschwemmte, von Irland assimilirt; sind
die Irländer auch heute noch ebensowenig zu Engländern, „Westbriten",
wie man's nennt, geworden wie die Polen nach nur hundertjähriger Un- 5
terdrückung zu Westrussen; ist der Kampf noch immer nicht ausgekämpft, und keine Aussicht da, daß er ausgekämpft werde anders als
durch die Ausrottung der unterdrückten Race - so werden alle geographischen Vorwände in der Welt nicht hinreichen, den Beruf Englands zur
Eroberung Irlands zu beweisen. 10

Um die Bodenbeschaffenheit des heutigen Irlands zu verstehen müssen
wir weit zurückgreifen, nämlich bis auf die Epoche wo die sogenannte
Kohlenformation gebildet wurde."

Die Mitte von Irland, nördl. & südlich von der Linie Dublin-Galway, 15
bildet eine weite Ebene von der Meereshöhe von durchschnittlich 100 bis
300 Fuß. | Diese Ebene, & sozusagen der Grundplan von ganz Irland
wird gebildet durch die massenhafte Kalksteinschicht, die die mittlere
Lage der Kohlenformation bildet (Kohlenkalk, carboniferous Limestone), und [auf] welcher die kohlenhaltigen Schichten (das eigentliche 20
Kohlengebirge, coal measures) in England & anderswo unmittelbar aufliegen.

Im Süden wie im Norden wird diese Ebene umringt von einem Gebirgskranz, der sich meist der Küste anschließt, und fast ausnahmslos aus
älteren Gebirgsformationen besteht, die den Kalkstein durchbrochen ha- 25
ben: Granit, Glimmerschiefer, cambrische, cambro-silurische, obere silurische, devonische und der untersten Schicht der Kohlenformation angehörige Thonschiefer und Sandsteine, reich an Kupfer & Blei, außerdem
etwas Gold, Silber, Zinn, Zink, Eisen, Kobalt, Spießglanz & Mangan
enthaltend. 30

Nur an wenigen Stellen erhebt sich der Kalkstein selbst zu Bergen:
mitten in der Ebene, in Queen's County bis zu 600 Fuß & im Westen, an
der Südküste der Bucht von Galway, bis zu etwas über 1000 Fuß (Burren
Hills).

" Wo nicht anders angegeben, sind die hier angeführten geologischen Daten genommen aus: 35
J. Beete Jukes, The Student's Manual of Geology. New Edition. Edinburgh 1862. Jukes war
Lokalvorstand der geologischen Aufnahme Irlands und ist daher für dies Terrain, das er
auch besonders ausführlich behandelt, erste Autorität.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

An mehreren Stellen in der südlichen Hälfte der Kalksteinebene finden
sich vereinzelte Gebirge von 700-1000 Fuß Meereshöhe & beträchtlichem
Umfang, die von den kohlenhaltigen Schichten gebildet werden. Sie liegen in Mulden der Kalksteinfläche, aus der sie sich als Plateau mit ziem-

5 lieh steilen Rändern erheben. „Die Abfälle dieser weit von einander entfernten Striche Kohlengebirge sind sich so ähnlich, & die Schichten aus
denen sie bestehen, so vollständig identisch, daß man absolut nicht umhin kann anzunehmen, daß sie früher in zusammenhängenden Lagen
über das ganze Zwischenland verbreitet waren, obwohl sie jetzt 60-80

10 Meilen von einander entfernt sind. Diese Ansicht wird noch besonders
dadurch bestärkt, daß zwischen den noch übrigen Kohlenfeldern sich
hier & da kleine vereinzelte Hügel finden, deren Spitze ebenfalls aus
Kohlengebirge besteht, & daß überall, wo die Kalksteinebene sich unter
das Niveau der gegenwärtigen Oberfläche senkt, die Vertiefung ausgefüllt

15 ist durch die niedrigsten Schichten des Kohlengebirgs." (Jukes p. 286)
Noch andre Umstände, die für uns hier zu sehr ins Detail gehn, & die
man bei Jukes p. 286-89 nachlesen kann, machen zur Gewißheit, daß,
wie Jukes sagt, die ganze irische Centraiebene durch Denudation entstanden ist; so daß, nachdem das Kohlengebirge | und die oberen

20 Kalkstein-Ablagerungen - eine Durchschnittsdicke von mindestens
2-3000, vielleicht 5-6000 Fuß Gestein - weggespült, nun hauptsächlich
die unteren Schichten des Kalks zu Tage treten. Selbst auf dem höchsten
Grat der Burren Hills, Grafschaft Clare, die aus purem Kalkstein bestehen & 1000 Fuß hoch sind, fand Jukes (p. 513) noch einen kleinen

25 Aufwurf von Kohlengebirge.

Es bleiben demnach im Süden Irlands immer noch einige nicht unbedeutende Striche welche dem Kohlengebirge angehören; darunter aber
findet sich nur an einzelnen kleinen Stellen Kohle in hinreichender Dicke
um den Bergbau zu lohnen. Zudem ist die Kohle selbst anthracitisch,

30 d.h. sie enthält wenig Wasserstoff & ist, ohne Zusatz, nicht zu allen industriellen Zwecken verwendbar.

Im Norden Irlands kommen auch mehrere nicht sehr ausgedehnte
Kohlenfelder vor, deren Kohle bituminös, d.h. wasserstoffreiche gewöhnliche Steinkohle ist, & deren Lagerung nicht ganz mit der der süd-

35 licheren Kohlenbezirke stimmt. Daß aber auch hier dieselbe Wegspülung
des Kohlengebirgs stattgefunden, geht daraus hervor, daß große Stücke
Kohle, begleitet von, derselben Schichtenordnung angehörigem, Sandstein & blauem Lehm, auf der Oberfläche des südöstlich eines solchen
Kohlenfelds nach Belturbet & Mohill zu gelegenen Kalksteinthals gefun-

40 den werden. Häufig ist man beim Brunnengraben im Drift in dieser Gegend auf große Blöcke Kohle gestoßen, & in einigen Fällen waren die

Kohlenmassen so bedeutend daß man glaubte, tieferes Ausschachten
müsse auf ein Kohlenlager führen. (Kane, Industrial Resources of Ireland, 2“ Ausg. Dublin 1845. p. 265.)

Man sieht, das Pech Irlands ist uralt; es hebt an unmittelbar nach
Ablagerung des Kohlengebirgs. Ein Land, dessen Kohlenlager wegge- 5
spült sind, dicht neben einem größeren kohlenreichen Land gelegen, war
gleichsam schon durch Naturbeschluß, diesem, dem künftigen Industrieland gegenüber, auf lange Zeit hinaus zur Rolle des Bauernlands verurtheilt. Das Urtheil, vor Millionen Jahren gefällt, wurde vollstreckt erst in
diesem Jahrhundert. Wir werden übrigens später sehn, wie die Engländer 10
der Natur unter die Arme gegriffen und fastjeden Keim irischer Industrie
sofort gewaltsam zertreten haben.

Jüngere, sekundäre & tertiäre Ablagerungen kommen fast nur im
Nordosten vor; uns interessiren dabei hauptsächlich die Keuperschichten
in der Gegend von Belfast, die bis zu 200 Fuß Dicke mehr oder weniger 15
reines Steinsalz enthalten (Jukes p. 554), & die Kreide, die die ganze
Grafschaft Antrim bedeckt, selbst aber wieder von einer Basaltlage überdeckt wird. Im Ganzen & Großen ist die geologische Entwicklungsgeschichte Irlands unterbrochen vom Ende der Kohlenformation an bis auf
die Eiszeit. 20

Man weiß, daß nach dem Ende der tertiären Epoche eine Zeit eintrat,
wo die Flachlande der mittleren Breiten Europas unter die Meeresfläche
versunken waren & wo eine so kalte Temperatur in Europa herrschte,
daß die Thäler der noch hervorragenden Berginseln bis an den Meeresspiegel hinab von Gletschern ausgefüllt waren. Die von diesen Gletschern 25
abgelösten Eisberge trugen | große & kleine, von den Bergen abgelöste
Steinblöcke ins Meer hinaus, bis das Eis schmolz & die Blöcke & was
sonst Erdiges vom Eise mitgenommen war, zu Boden fiel; ein Prozeß, der
an den Küsten der Polarregionen noch täglich vorgeht.

Zur Eiszeit war auch Irland mit Ausnahme der Bergkuppen unter den 30
Meeresspiegel versenkt. Das Maximum der Senkung mag nicht überall
gleich gewesen sein, doch darf man es im Durchschnitt auf 1000 Fuß
unter die jetzige Höhe annehmen; die Granitgebirge südlich von Dublin
müssen bis über 1200 Fuß gesunken sein.

Eine Senkung von nur 500 Fuß ließe von Irland nur die Gebirge übrig 35
welche dann als Inseln in zwei halbkreisförmigen Gruppen um einen breiten, von Dublin nach Galway laufenden Sund herumliegen würden. Eine
noch tiefere Senkung würde die Inseln nur verkleinern & ihre Zahl vermindern, bis bei 2000 Fuß Senkung nur noch die äußersten Bergkuppen
aus dem Wasser ragen würden." Während die Senkung langsam vor sich 40

» Von den 32 509 engl. Quadratmeilen Irlands liegen zwischen dem Meeresspiegel & 250

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

ging, müssen die Kalkstein-Ebene wie die Bergflanken noch von manchem darüber liegenden älteren Gestein reingefegt worden sein; dann
folgte die Ablagerung des, der Eiszeit eigenthümlichen „Drift" auf dem
ganzen, vom Wasser bedeckten Gebiet. Die Produkte der Verwitterung
5 der Berginseln, sowie die feinzerriebenen Gesteintheilchen welche bei der
Ausschürfung der Thäler durch die in ihnen sich langsam aber wuchtig
fortschiebenden Gletscher abfielen, Erde, Sand, Kies, Steine, glattgeschliffene Blöcke im Eise selbst, scharfkantige auf seiner Oberfläche, Alles Das wurde von den am Strand sich los lösenden Eisbergen hinaus
10 getragen ins Meer und fiel dort nach & nach zu Boden. Die hierdurch
gebildete Schicht besteht je nach Umständen aus Lehm (vom Thonschiefer herrührend), Sand (von Quarz & Granit herrührend), Kalkkies (vom
Kalkgebirge geliefert), Mergel (wo fein zerkleinerter Kalk dem Lehm
beigemengt) oder aus Mischungen aller dieser Bestandtheile; in allen
15 Fällen aber enthält sie eine Menge größerer oder kleinerer bald abgerundeter, bald scharfkantiger Steine, bis zu jenen kolossalen erratischen
Blöcken hinauf die in Irland noch häufiger vorkommen als in der norddeutschen Ebene oder zwischen Alpen & Jura.
Bei der nachher erfolgten Wiedererhebung des Bodens aus dem Meer
20 erhielt diese neugebildete Oberfläche, im Rauhen wenigstens, ihre heutige
Gestaltung. In Irland scheint dabei nur | wenig Wegspülung stattgefunden zu haben; mit wenig Ausnahmen bedeckt der Drift, in dickerer oder
dünnerer Lage, das ganze ebne Land, zieht sich in den Gebirgen alle
Thäler hinan, & findet sich auch noch häufig hoch an den Bergflanken
25 hinauf. Die darin vorkommenden Steine sind meistens Kalk, weshalb die
ganze Schicht hier gewöhnlich den Namen Kalksteinkies (Limestone
gravel) trägt. Auch große Blöcke Kalkstein sind über das ganze niedere
Land massenhaft zerstreut, fast injedem Felde einer oder mehrere; in der
Nähe der Berge finden sich selbstredend neben dem Kalkstein auch die
30 von ihnen herrührenden Lokalgesteine, namentlich der Granit, in großer
Menge. Der Granit von der nördlichen Seite der Bucht von Galway
kommt in der Ebene nach Südosten bis an die Galton-Berge hin häufig,
bis nach Mallow (Grafschaft Cork) vereinzelt vor.
Der Norden des Landes ist, bis zur gleichen Meereshöhe, ebenso mit
35 Drift bedeckt wie die Centraiebene; der Süden hat, zwischen den verschiedenen mehr oder weniger parallelen Gebirgsreihen die ihn durchziehen, eine ähnliche, von Lokalgesteinen meist silurischer Formation herrührende Ablagerung aufzuweisen die namentlich im Thal des Flesk u.
Laune bei Killarney massenhaft auftritt.

40 Fuß Meereshöhe 13 243; von 251-500 Fuß: 11 797; 501-1000 Fuß: 5798; 1001-2000 Fuß:
1589; 2001 Fuß & darüber: 82 Quadratmeilen.

Die Gletscherspuren an den Berghängen & auf den Talsohlen Irlands
sind namentlich im Südwesten sehr häufig und unverkennbar. Schärfer
ausgeprägte Eisspuren aller Art, als bei Killarney (im Black Valley und
im Gap of Dunloe), erinnere ich mich nur im Oberhasli und hie und da in
Schweden gesehen zu haben. 5

Die Erhebung des Bodens, während oder nach der Eiszeit, scheint so
stark gewesen zu sein, daß Britannien eine Zeitlang nicht nur mit dem
Kontinent, sondern auch mit Irland durch trocknes Land verbunden
war. Wenigstens nur so scheint die Gleichheit der Fauna dieser Länder zu
erklären. Von großen ausgestorbenen Säugethieren hat Irland mit dem 10
Continent gemein: das Mammuth, den irischen Riesenhirsch, den Höhlenbären, eine Renthierart usw. In der That würde eine Erhebung von
weniger als 240 Fuß über das gegenwärtige Niveau hinreichen um Irland
& Schottland, & eine von weniger als 360 Fuß, um Irland & Wales durch
breite Landrücken zu verbinden." Daß seit der Eiszeit Irland einmal ein 15
höheres Niveau eingenommen als jetzt, wird bewiesen durch die an der
ganzen Küste vorkommenden unterseeischen Torfmoore mit aufrechtstehenden Baumstümpfen & Wurzeln, die in jeder Beziehung identisch
sind mit den untersten Schichten der benachbarten binnenländischen
Torfmoore. 20

Der Boden Irlands, soweit er für den Ackerbau in Betracht kommt, wird
demnach fast ausschließlich gebildet vom „Drift" der Eisperiode, der
hier, Dank seiner Herkunft | von Schiefer & Kalkgestein, nicht jener
öde Sand ist, mit dem die schottischen, skandinavischen und finnländi- 25
sehen Granite einen so großen Theil Norddeutschlands zugedeckt haben,
sondern ein äußerst fruchtbarer leichter Lehmboden. Die Mannichfaltigkeit der Gesteine, die ihren Abfall an diesen Boden abgegeben haben und
noch abgeben, versorgte ihn mit einer entsprechenden Mannichfaltigkeit
der für die Vegetation erforderlichen mineralischen Bestandtheile; und 30
wenn einer derselben, der Kalk, in der Ackerkrume selbst häufig abwesend ist, so finden sich doch überall kleinere & größere Kalkblöcke in
Menge - vom unterliegenden Kalkfels abgesehn - so daß er mit Leichtigkeit zugesetzt werden kann.

Als der bekannte englische Agronom Arthur Young in den siebziger 35
Jahren des vorigen Jahrhunderts Irland bereiste, wußte er nicht, worüber
er mehr erstaunen sollte: über die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens,

» Siehe Karte 15.a, Stielers Handatlas 1868. Diese Karte, sowie No. 15.d für Irland speciell,
gibt eine sehr anschauliche Darstellung der Terraingestaltung.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

oder über dessen barbarische Behandlung durch die Bauern. „Ein leichter, trockner, weicher, sandiger Lehmboden" herrscht vor, wo das Land
überhaupt gut ist. Im „goldnen Thal" von Tipperary, und auch anderswo, fand er „denselben sandigen röthlichen Lehm den ich schon be5 schrieben habe, unvergleichliches Land für den Ackerbau". Von da in der
Richtung auf Clonmel „den ganzen Weg, durch denselben üppigen Strich
rothen sandigen Lehms den ich so oft erwähnt habe; ich untersuchte ihn
in verschiednen Feldern und fand, daß er von außerordentlicher Fruchtbarkeit war, und so schönes Rübenland wie ich je gesehn." Ferner: „Das
10 reichtragende Land erstreckt sich von Charleville, am Fuß der Berge, bis
Tipperary (Stadt), über Kilfenann, eine Linie von 25 Meilen Länge, und
in der Breite von Ardpatrick bis 4 Meilen vor Limerick - 16 Meilen." -
„Der üppigste Boden ist in den ,Corcasses' am Flusse Maigue, bei Adare,
ein Strich 5 Meilen lang und 2 Meilen breit bis an den Shannon hinun15 ter... wenn dies Land umgepflügt wird, so säet man zuerst Hafer und
erhält 20 Fässer (zu 14 Stone, = 196 U das Faß) oder 40 gewöhnliche
Fässer per Acre, und dies gilt für keine besonders reichliche Ernte; man
Fährt fort mit Hafer 10-12 Jahre ohne Unterbrechung, bis die Ernten
magerer werden; dann säet man einmal Bohnen, und dadurch wird der
20 Boden so aufgefrischt, daß man wieder zehn Ernten Hafer hintereinander
aus ihm herausschlagen kann; die Bohnen ertragen sehr gut. Hat man je
von solchen Barbaren gehört?" - Ferner, bei Castle Oliver, Grafschaft
Limerick: „Der beste Boden hierzulande ist am Fuß der Gebirge; es ist
ein üppiger, weicher, krümelnder, fauliger, sandiger Lehm, anderthalb
25 bis drei Fuß dick, von röthlich brauner Farbe. Es ist trocknes Land, und
würde sich vortrefflich eignen für Rüben, gelbe Rüben, Kohl, in einem
Wort für irgend etwas. Alles in Allem halte ich ihn für den fruchtbarsten
Boden den ich je gesehn; er ist für jeden erdenklichen Zweck brauchbar.
Man kann den größten Ochsen darauf mästen, aber dieser Boden ist auch
30 ebenso gut für Schafe, für den Ackerbau, für Rüben, für Weizen, für
Bohnen, für irgend etwas. Man muß den Boden selbst untersuchen, ehe
man glauben kann, daß ein Land von so bettelhaftem Aussehn so reich
und fruchtbar sein kann." - Am Blackwater-Fluß | bei Mallow „sind
flache Striche, bis zu *U Meile breit, wo das Gras überall ausgezeichnet
35 schön steht. Es ist der prächtigste Sandboden, den ich je gesehn, rothbräunlich, und, wenn umgepflügt, würde er die reichlichsten Ernten in
der Welt geben. Er ist fünf Fuß dick, und obwohl man ihn in gute Ziegel
umbrennen kann, ist es doch vollkommener Sand. Die Ufer dieses Flusses, von der Quelle bis zum Meer, sind gleich merkwürdig wegen ihrer
40 landschaftlichen Schönheit wie wegen ihrer Fruchtbarkeit." - „Krümelnder, sandiger Lehm, trocken aber fruchtbar, ist sehr häufig & macht den

besten Boden im Lande aus für Ackerbau wie für Schafe. Tipperary &
Roscommon sind besonders reich daran. Am fruchtbarsten von allen
sind die Ochsentriften von Limerick & am Ufer des Shannon, in Clare,
die sogenannten Corcasses ... Sand, so häufig in England, & noch häufiger durch ganz Spanien, Frankreich, Deutschland & Polen - durchweg 5
von Gibraltar bis Petersburg - findet sich in Irland nirgends außer an
schmalen Dünenstreifen an der Küste. Auch habe ich nirgendwo von
Kreideboden je etwas gesehen oder gehört.":'

Young's Urtheil über den Boden Irlands faßt sich in folgenden Sätzen
zusammen: „Wenn ich die Kennzeichen eines ausgezeichneten Bodens an- 10
geben sollte, so würde ich sagen: der Boden, auf dem man einen Ochsen
mästen und ebensogut eine gute Rübenernte erzielen kann. Nebenbei
gesagt, fällt mir wenig oder gar kein solches Land in England ein, in
Irland dagegen ist es nicht ungewöhnlich." (II, 271.) „Die natürliche
Fruchtbarkeit, Acre gegen Acre gerechnet, ist entschieden zu Gunsten 15
Irlands." (IL, 2" Abth., p. 3.) - „Soweit ich über den Boden der Beiden
Königreiche urtheilen kann, verdient der von Irland bei weitem den Vorrang." (II, 2: Abth., 12.)

1808-10 bereiste Edward Wakefield, ein ebenfalls mit der Agronomie
vertrauter Engländer, Irland und legte die Resultate seiner Beobachtun- 20
gen in einem sehr werthvollen Werk nieder.” Seine Bemerkungen sind
besser geordnet, übersichtlicher und vollständiger als die in Young's Reisewerk; im Ganzen aber stimmen Beide.

Wakefield findet in der Bodenbeschaffenheit Irlands im Ganzen wenig
Verschiedenheit. Sand kommt nur an der Küste vor (er ist so selten im 25
Innern, daß große Mengen Seesand ins Innere verfahren werden um den
Torf- & Lehmboden damit zu verbessern), Kreideboden ist unbekannt
(die Kreide in Antrim ist wie schon erwähnt, mit einer Basaltschicht
bedeckt, deren Verwitterungsprodukte eine äußerst fruchtbare Ackerkrume abgeben - Kreide liefert in England den schlechtesten Boden), 30
„und zähen Kleiboden, wie man ihn in Oxfordshire, in einigen Theilen
von Essex, und im ganzen oberen Suffolk findet, habe ich in Irland nie
finden können". Die Iren nennen jeden lehmigen Boden Klei (clay); es
möge wohl den richtigen Klei auch in Irland geben, aber jedenfalls nicht
an der Oberfläche wie in einigen Theilen Englands. Kalkstein oder Kalk- 35
geröll finde sich fast überall; „Kalkstein ist ein nützlicher Artikel und läßt
sich in eine Quelle des Reichthums verwandeln, die immer mit Vortheil

« A Tour in Ireland, by Arthur Young. 3 vols. London 177 . Obige Stellen finden sich Band

IL pp. 28, 135, 143, 154, 165 & II, II. Abth, 4.

» An Account of Ireland, Statistical and Political. By Edward Wakefield. London 1812. 40
2 vols, in 4°.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

anzuwenden ist." Berge & Torfmoore reduziren freilich die fruchtbare
Oberfläche bedeutend. Im Norden sei wenig fruchtbares Land; doch
auch hier finden sich in jeder Grafschaft äußerst üppige Thäler, & selbst
im äußersten Donegal, unter den wildesten Bergen, traf Wakefield uner-

5 wartet einen sehr reichtragenden Strich. Der starke Flachsbau im Norden
allein sei schon ein genügendes Anzeichen von Fruchtbarkeit, da diese
Pflanze in armem Boden nie gedeiht. - „Ein großer Theil des Bodens in
Irland trägt einen üppigen Graswuchs, der ziemlich dicht auf dem Kalkfelsen aufsitzt. Ich habe Ochsen von vierzehn Zentnern gesehn, die sich

10 rasch mästeten auf einem Boden | der nur wenige Zoll tief war, und auf
dem, selbst in der nassesten Jahreszeit, ein Pferdehuf keinen Eindruck
zurückließ. Dies ist eine Seite des reichen Bodens von Irland, er findet
sich in ganz Roscommon, in einigen Theilen von Galway, Clare pp. Andre Gegenden wieder weisen den reichsten Lehmboden auf, den ich je

15 durch einen Pflug umgestürzt sah; dies ist der Fall besonders in ganz
Meath. Wo solcher Boden vorkommt, da ist seine Fruchtbarkeit so augenscheinlich, daß es Einem dünkt, die Natur habe vorgehabt, die Einwohner für ihr plumpes Cultursystem zu entschädigen. - An den Ufern
des Shannon & Fergus ist das Land wieder von andrer Art, aber gleich

20 ergiebig, obwohl die Oberfläche fast wie ein Sumpf aussieht. Diese Gegenden heißen die ,Caucasses' (so schreibt Wakefield im Gegensatz zu
Young); der Unterboden ist ein feiner blauer, von der See abgelagerter
Lehm, der gleiche Eigenschaften mit der Ackerkrume zu haben scheint;
denn dieser Boden ist durch kein, noch so tiefes, Pflügen zu ruiniren. - In

25 den Grafschaften Limerick u. Tipperary kommt wieder eine andre Art
reichen Bodens vor: ein dunkler, krümelnder, trockner, sandiger Lehm,
der mehrere Jahre hintereinander Korn tragen würde, hielte man ihn nur
rein von Unkraut. Er eignet sich gleich gut für Ackerland oder Viehtrift,
und, wie ich zu behaupten wage, selten wird ihm ein Jahr zu naß oder ein

30 Sommer zu trocken sein. Die Ergiebigkeit dieses Bodens erklärt sich zum
Theil daraus daß der Regen Bodentheile von den Höhen abreißt & im
Thal ablagert. Der Unterboden ist kalkig, so daß der allerbeste Dünger
bereits von unten dem ganzen Strich einverleibt ist, ohne den Bauern
irgendwelche Arbeit zu machen." (I, p. 79, 80.)

35 Wenn ein zäherer Lehm, in nicht sehr dicker Lage, dem Kalkfels unmittelbar aufliegt, so taugt das Land zum Ackerbau nicht, & trägt nur
elende Ernten Korn; aber es gibt vortreffliche Schafweiden ab, die es
immer mehr verbessern, ein dichtes Gras, vermischt mit weißem Klee &
Bee erzeugen. (I, p. 80.)

40 Im Westen, namentlich in Mayo, kommen nach Dr. Beaufort" viele
Turloughs vor - größere oder kleinere flache Stellen, die, ohne sichtbare

« Beaufort, Reverend. Dr., Memoir of a Map of Ireland. 1792. p. 75, 76. Citirt bei Wakefield I, p. 36.

Verbindung mit Bächen oder Flüssen, im Winter sich mit Wasser bedecken, das im Sommer durch unterirdische Spalten der Kalkfelsen abfließt
& einen üppigen, festen Weideboden hinterläßt.

„Außer den Caucasses, fährt Wakefield fort, findet sich der beste Boden in Irland in den Grafschaften Tipperary, Limerick, Roscommon, 5
Longford & Meath. In Longford gibt es ein Pachtgut (Granard Kill) das
acht Kartoffelernten nacheinander ohne Dünger hervorgebracht hat. Einige Theile von Cork sind ungewöhnlich fruchtbar, und im Ganzen kann
man sagen daß Irland Boden von ausgezeichneter Qualität besitzt, obgleich ich nicht so weit gehen kann wie manche Schriftsteller die der 10
Ansicht sind daß er, Acre gegen Acre gerechnet, entschieden besser sei als
der von England." (I, p. 81.) Letztere Bemerkung, die gegen Young gerichtet ist, beruht auf einem Mißverständniß des oben citirten Youngschen Ausspruchs. Young sagt nicht, daß der Boden Irlands | ergiebiger
sei als der Englands, Beide genommen in ihrem jetzigen Culturstande, der 15
natürlich in England weit höher ist; Young sagt nur daß die natürliche
Fruchtbarkeit des Bodens in Irland größer sei als in England, & dies
bestreitet Wakefield nicht geradezu.

Ein schottischer Agronom, Herr Caird, wurde nach der letzten Hungersnot 1849 vom Ministerium Sir Robert Peel's nach Irland geschickt, 20
um über Mittel zur Hebung des dortigen Ackerbaus zu berichten. In
einer bald darauf veröffentlichten Schrift über den Westen von Irland
- nächst dem äußersten Nordwesten der schlechteste Theil des Landes -
heißt es:

„Ich war sehr erstaunt, einen so großen Strich schönes, fruchtbares 25
Land vorzufinden. Das Innere des Landes ist sehr eben & im Allgemeinen steinig & trocken; der Boden trocken & krümelnd. Die Feuchtigkeit
des Klimas erzeugt eine sehr beständige Vegetation die ihre Vortheile &
Nachtheile hat. Sie ist vortheilhaft für Gras & Grünbau”, bedingt aber
auch bedeutende & anhaltende Anstrengung um das Unkraut niederzu- 30
halten. Der Überfluß an Kalk allerorts, sowohl im Felsen selbst wie in
der Gestalt von Sand & Geröll unter der Oberfläche, ist von größtem
Werth." Caird bestätigt ebenfalls, daß die ganze Grafschaft West Meath
aus dem schönsten Weideland besteht. Von der Gegend nördlich von
Lough Corrib (Grafschaft Mayo) heißt es: „Der größte Theil (einer Farm 35
von 500 Acres) ist das schönste Mastland für Schafe & Rindvieh, trocknes, krümelndes, wellenförmiges Land, alles auf dem Kalkfelsen. Die
Felder, üppiges angewurzeltes Gras, sind besser als irgend etwas was wir,

» Grünbau (green crops) umfaßt alle künstlichen Futterkräuter, Rüben aller Art & Kartoffeln; Alles was nicht Korn, nicht Gras, & nicht Gartenbau ist. 40

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

kleine Fleckchen ausgenommen, in irgend einem Theil von Schottland
haben, soviel ich mich wenigstens erinnere. Die besten Stellen dieses Bodens sind zu gut für den Pflug, doch könnte ungefähr die Hälfte mit
Vortheil als Ackerland verwandt werden ... Die Schnelligkeit womit der
5 Boden auf diesem Untergrund von Kalkfels sich erholt, & von selbst,
ohne daß irgend etwas gesäet wird, sich wieder in Weideland verwandelt,
ist sehr merkwürdig."
Hören wir schließlich noch eine französische Autorität:
„Von den beiden Abtheilungen Irlands umfaßt die eine, der Nordwe10 sten, den vierten Theil der Insel, nämlich ganz Connaught mit den angrenzenden Grafschaften Donegal, Clare & Kerry. ||| Sie gleicht Wales
und selbst, in ihren schlimmsten Strichen, den schottischen Hochlanden.
Hier sind wieder 2 Millionen Hectaren wildes Land, deren schauerlicher
Anblick die irische Redensart erzeugt hat: Geh zur Hölle oder nach Con15 naught!” Die andre, südöstliche und weit größere Abtheilung, umfaßt
Leinster, Ulster & Munster, oder ungefähr 6 Mill. Hectaren. Sie ist dem
eigentlichen England an natürlicher Fruchtbarkeit mindestens gleich.
Doch ist der Boden sich nicht überall gleich; die feuchten Niederschläge
sind dort noch größer als in England. Große Torfmoore bedecken etwa
20 Vm der Oberfläche; mehr als ein andres Zehntel besteht aus Seen & Bergen. Aus den 8 Millionen Hectaren in Irland sind nur fünf Millionen
angebaut." (p. 9. 10.) - „Selbst die Engländer geben zu daß Irland, was
den Boden betrifft, England überlegen ist. Von den obigen 8 Mill. Hectaren nehmen Felsgebirg, Seen & Torfmoor ungefähr 2 Mill, ein; 2 Mill.
25 mehr sind ziemlich schlechtes Land. Der Rest, also etwa die Hälfte des
ganzen Landes, ist prächtiges Land mit kalkigem Untergrund - was will
man sich Besseres wünschen?" (p. 343.)
Man sieht, alle Autoritäten stimmen dahin ein, daß der Boden Irlands
sowohl nach seinen chemischen Bestandtheilen, wie nach seiner mecha30 nischen Zusammensetzung, alle Elemente der Fruchtbarkeit in ungewöhnlichem Maße vereinigt. Die Extreme - zäher, undurchdringlicher
Klei der kein Wasser durchläßt, und loser Sand der es keine Stunde behält fehlen ganz. Dagegen hat Irland einen andern Nachtheil. Während
die Berge meist an der Küste liegen, sind die Wasserscheiden zwischen
35 den verschiedenen Flußbecken im Innern meist sehr niedrig. Die Flüsse

» Caird, The Plantation Scheme, or the West of Ireland as a field for investment. Edinburgh

1850. Herr Caird schrieb 1850-51 in die Times Reiseberichte über den Zustand des Acker-

baus in den Hauptgrafschaften Englands. Obige Stellen finden sich pp. 6, 17-18, 121.

" Léonce de Lavergne, Rural Economy of England. Scotland & Ireland. Translated from
40 the French. Edinburgh 1855.

™ Die Redensart, wie sich zeigen wird, verdankt ihren Ursprung nicht den dunklen Bergen

von Connaught sondern der dunkelsten Periode der ganzen irischen Geschichte.

sind nicht im Stande, das sämmtliche Regenwasser zum Meer abzuführen, & so entstehen im Innern, besonders an den Wasserscheiden, ausgedehnte Torfmoore. In der Ebene allein sind 1 576 000 Acres mit Torfmoor bedeckt. Es sind meist Einsenkungen oder Mulden des Terrains,
großentheils frühere flache Seebecken, die allmählig mit Moos & Sumpf- 5
pflanzen bewachsen & von deren abgestorbenen Resten ausgefüllt worden sind. Sie dienen, wie unsre norddeutschen Moore, nur zum Torfstechen; die Kultur kann sich unter dem jetzigen Ackerbausystem nur
langsam ihrer Ränder bemächtigen. Der Boden dieser alten Seebecken ist
überall Mergel, der seinen Kalkgehalt (von 5-90% schwankend) von den 10
Schalen der Süßwassermuscheln des Sees empfangen hat. Jedes dieser
Torfmoore enthält also das Material zu seiner Urbarmachung in seinem
eignen Schooß. Außerdem sind die meisten derselben reich an Eisenstein.
- Neben diesen Mooren der Ebene finden sich noch 1 254 000 Acres
Bergmoor, eine Frucht der Entwaldung in einem feuchten Klima, und 15
eine eigenthümliche Schönheit der britischen Inseln. Überall, wo hier
flache oder schwachgewölbte Kuppen entwaldet worden - was im 17“
und der ersten Hälfte des 18 Jahrhunderts massenweise geschah, um die
Eisenwerke mit Holzkohle zu versorgen - bildete sich unter dem Einfluß
des Regens & der Nebel ein Überzug von Torf, der später, wo die Ver- 20
hältnisse günstig waren, an den Hängen sich fortsetzte. Der ganze Rücken der Gebirgskette, die Nordengland von Nord nach Süd bis gegen
Derby hin durchschneidet, ist mit solchen Mooren bedeckt; und wo auf
der Karte von Irland ||| größere Gebirgsgruppen verzeichnet sind, da
findet sich auch Bergmoor im Überfluß. Die Torfmoore Irlands sind aber 25
an sich keineswegs für den Ackerbau hoffnungslos verloren; wir werden
vielmehr seiner Zeit sehn, welch reiche Früchte ein Theil sowohl von
ihnen, wie der von Lavergne verächtlich behandelten 2 Mill. Hectaren
(= 5 Mill. Acres) „ziemlich schlechten Landes" bei geeigneter Behandlung zu tragen im Stande ist. 30

Das Klima Irlands wird bestimmt durch seine Lage. Der Golfstrom und
die vorherrschenden Südwestwinde führen ihm Wärme zu, & bedingen
milde Winter und frische Sommer. Im Südwesten dauert der Sommer bis
tief in den October hinein, der hier nach Wakefield (I, 221) vorzugsweise 35
als Monat des Seebades gilt. Frost ist selten & von kurzer Dauer, Schnee
bleibt in der Ebene fast nie liegen. An den nach Südwesten offenen, nach
Norden geschützten Buchten von Kerry & Cork herrscht den ganzen
Winter durch Frühlingswetter; dort & an manchen andern Stellen gedeiht
die Myrthe im Freien (Wakefield führt ein Beispiel an wo sie auf einem 40

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

Landsitz zu Bäumen von 16 Fuß Höhe heranwuchs & zu Stallbesen verwandt wurde, I, p. 55), und Lorbeer, Arbutus & andre immergrüne
Pflanzen wachsen zu hohen Bäumen empor. Noch zu Wakefields Zeiten
ließen im Süden die Bauern ihre Kartoffeln den ganzen Winter durch im

5 Freien, ohne daß sie ihnen seit 1740 je verfroren wären. Dagegen erleidet
Irland auch den ersten heftigen Niederschlag der schweren atlantischen
Regenwolken. Die durchschnittliche Regenmenge von Irland beträgt
mindestens 35 Zoll, bedeutend mehr als der Durchschnitt von England,
doch sicher weniger als der Durchschnitt von Lancashire und Cheshire,

10 und kaum mehr als der von ganz Westengland. Trotzdem ist das Klima
Irlands entschieden angenehmer als das englische. Der bleierne Himmel,
der in England so oft tagelang ununterbrochen forttröpfelt, wird dort
meist ersetzt durch einen kontinentalen Aprilhimmel; die frischen Seewinde treiben die Wolken rasch & unerwartet herbei, aber auch eben so

15 rasch wieder vorüber, wenn sie nicht sofort in scharfen Schauern herabkommen. Und selbst tagelanger Regen, wie er im Spätherbst vorkommt,
hat nicht den chronischen Anstrich wie in England. Das Wetter, wie die
Bewohner, hat einen akuteren Charakter, es bewegt sich in schärferen,
unvermittelteren Gegensätzen; der Himmel ist wie ein irisches Frauen-

20 gesicht. Regen und Sonnenschein folgen sich auch da plötzlich und unerwartet, aber für die graue englische Langweile ist kein Platz.

Den ältesten Bericht über das irische Klima gibt uns der Römer Pomponius Mela (de situ orbis) im ersten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung,
wie folgt: „Jenseits Britannien liegt Juverna, ihm an Ausdehnung beinahe

25 gleich, aber sonst ihm ähnlich; von länglicher Gestalt, von einem, dem
Reifen der Saaten ungünstigen Himmel; dafür aber strotzt es von üppigem
und süßem Gras, so daß ein gar kleiner | Theil des Tages genügt, damit
das Vieh sich sättige, und wenn man es nicht von der Weide fortnimmt,
so birst es vom übermäßigen Fressen."

30 „Caeli ad maturanda semina iniqui, verum adeo luxuriosa herbis non
laetis modo, sed etiam dulcibus!" In modernes Englisch übersetzt, finden
wir diese Stelle unter Andern bei Herrn Goldwin Smith, Professor der
Geschichte weiland in Oxford und jetzt in Cornell University, Amerika.
Er erzählt uns, es sei schwer, in einem großen Theil von Irland, eine

35 Weizenernte einzuheimsen und fährt fort: „Irlands natürlicher Weg zu
kommerzieller Prosperität scheint der zu sein, mit den Produkten seiner
Weiden, mit Vieh, Butter usw. - die Bevölkerung Englands zu versor-

gen.

m Goldwin Smith. Irish History and Irish Character. Oxford and London, 1861. - Man
40 weiß nicht was man an dieser, die englische Politik gegenüber Irland unter der Maske der

Von Mela bis auf Goldwin Smith, und bis heute, wie oft ist die Behauptung wiederholt worden - seit 1846 namentlich von dem lärmenden
Chor der irischen Grundbesitzer daß Irland durch sein Klima verurtheilt sei, nicht Irländer mit Brot, sondern Engländer mit Fleisch & Butter zu versorgen, und daß deßhalb die Bestimmung des irischen Volks sei, 5
über den Ocean gebracht zu werden, damit Raum werde in Irland für
Kühe und Schafe!

Man sieht, die Feststellung des Tatbestands über das irische Klima ist
die Lösung einer politischen Tagesfrage. Und zwar geht uns hier das
Klima nur insofern an, als es für den Ackerbau von Bedeutung ist. Die 10
Beobachtungen regenmessender Naturforscher sind, bei dem jetzigen lückenhaften Stand der Beobachtungen, für unsern Zweck nur von sekundärem Werth; es kommt nicht sowohl darauf an, wieviel Regen fällt,
sondern weit mehr, wie & wann er fällt. Die Urtheile der Agronomen
fallen hier vor Allem ins Gewicht. 15

Arthur Young hält Irland für entschieden feuchter als England; daher
komme die erstaunliche Neigung des Bodens, Gras zu produziren. Er
spricht von Fällen, wo Rüben- & Stoppelland, ungepflügt gelassen, den
nächsten Sommer eine reichliche Heuernte gab, Dinge, wovon in England kein Beispiel vorkommt. Er erwähnt ferner, daß der irische Weizen 20
viel leichter ist als der trocknerer Länder; die Felder sind voll Gras und
Unkraut selbst unter der besten Kultur, und die Ernten sind so naß & so
mühsam einzubringen daß der Ertrag sehr darunter leidet. (Young, Tour,

II p. 100.)

Gleichzeitig aber macht er darauf aufmerksam, daß der Boden in 25
Irland dieser Feuchtigkeit des Klimas entgegenwirkt. Der Boden ist |
 überall steinig, & läßt daher Wasser leichter durch. „Zäher, steiniger,
fester Lehm (loam), schwer zu bearbeiten, ist in Irland nicht ungewöhnlich, aber er ist ganz verschieden vom englischen Klei (clay). Wenn so viel
Regen fiele auf den Klei Englands (eine Bodenart die in Irland selten & 30
nie ohne viel Steine vorkommt) wie auf die Felsen der Schwesterinsel, so
könnten diese Striche nicht bebaut werden. Hier aber sind die Felsen mit
Grün bekleidet, & wo sie aus Kalk bestehen, tragen sie, auf einer nur
dünnen Schicht Humus, den weichsten & schönsten Rasen von der Welt."
(II, 2 Abth. p 3, 4.) 35

Der Kalkfels ist bekanntlich überall voller Risse & Spalten, die das
überflüssige Wasser rasch durchlassen. -

„Objectivität" rechtfertigenden Schrift mehr bewundern soll, die Unwissenheit des Professors der Geschichte oder die Heuchelei des liberalen Bourgeois. Wir treffen Beide noch
wieder. 40

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland'"

Wakefield widmet dem Klima ein sehr ausführliches Kapitel, worin er
alle früheren Beobachtungen bis auf seine Zeit herab zusammenstellt. Dr.
Boate (Natural History of Ireland, 1645) beschreibt die Winter als mild,
3-4 Fröste jährlich, die selten mehr als 2-3 Tage anhalten, der Liffey bei

5 Dublin friere in 10-12 Jahren kaum einmal zu. Der März sei meist trocken & schön, darauf aber falle viel Regen; selten gebe es im Sommer 2-3
ganz trockne Tage hintereinander; im Spätherbst sei es dann wieder
schön. Sehr trockne Sommer seien selten, die Theurung werde nie durch
Dürre, sondern meist durch Nässe veranlaßt. In der Ebene gebe es wenig

10 Schnee, sodaß das Vieh das ganze Jahr im Freien bleibe. Doch zuweilen
komme auch ein Schneejahr vor wie 1635, wo dann die Leute Mühe
hätten ihr Vieh unterzubringen. (Wakefield I, 216 ff.)

Im Anfange des vorigen Jahrhunderts machte Dr. Rutty (Natural History of the County of Dublin) genaue meteorologische Beobachtungen
15 die sich über die fünfzig Jahre von 1716-65 erstrecken. Während dieser
ganzen Zeit verhielten sich die Süd- & Westwinde zu den Nord- & Ostwinden wie 73:37 (10 878 S. & W. gegen 6329 N. & 0.). Herrschende
Winde waren West & Südwest, nach ihnen kam Nordwest & Südost, am
seltensten Nordost & Ost. Im Sommer, Herbst & Winter herrschen West
20 & Südwest vor; Ost ist am häufigsten im Frühjahr & Sommer, wo er
doppelt so oft vorkommt wie im Herbst & Winter, Nordost kommt meist
im Frühjahr vor, ebenfalls doppelt so häufig wie im Herbst & Winter.
Infolge dessen sei die Temperatur gleichmäßiger, die Winter milder, die
Sommer kühler als in London, dagegen die Luft feuchter. Selbst im Som25 mer saugen Salz, Zucker, Mehl usw. Feuchtigkeit aus der Luft ein, & das
Korn müsse in Backöfen getrocknet werden, was in einigen Theilen von
England nicht vorkomme. (Wakefield I, p. 172-81.)
Rutty konnte damals das irische Klima nur mit dem von London vergleichen, das, wie in ganz Ostengland, allerdings trockener ist. Hätte ihm
30 aber Material über West- & besonders Nordwestengland zur Verfügung
gestanden, so würde er gefunden haben, daß seine Beschreibung des irischen Klimas, die Vertheilung der Winde über das Jahr, die nassen
Sommer, in denen Zucker, Salz pp. in ungeheizten Räumen zerfallen,
ganz auf diesen Landstrich paßt, nur daß dieser im Winter kälter ist. |
35 [14| Über den meteorologischen Charakter der Jahreszeiten hat Rutty
ebenfalls Listen geführt. In den erwähnten 50 Jahren gab es 16 kalte,
späte oder zu trockne Frühjahre; etwas mehr als in London. Ferner 22
heiße & trockne, 24 nasse, 4 veränderliche Sommer; etwas feuchter als in
London, wo die Zahl der trocknen oder der nassen Sommer gleich40 kommt; - ferner 16 schöne, 12 nasse, 22 veränderliche Herbste, wieder
etwas feuchter & veränderlicher als in London; & 13 frostige, 14 nasse, &
23 milde Winter, was bedeutend feuchter & milder ist als in London.

Nach den Regenmessungen im botanischen Garten in Dublin während
der zehn Jahre 1802-1811 kam in dieser Zeit aufjeden Monat folgende
Gesammtregenmenge in Zollen: Dezember 27,31; Juli 24,15; November
23,49; August 22,47; September 22,27; Januar 21,67; October 20,12; Mai
19,50; März 14,69; April 13,54; Februar 12,32; Juni 12,07; Durchschnitt 5
per Jahr 23,36. (Wakefield I p. 191.) Diese zehn Jahre sind ausnahmsweise trocken; Kane (Industrial Resources p. 73) gibt den Durchschnitt
von 6 Jahren in Dublin auf 30,87 Zoll, & Symons (English Rain Fall) den
von 1860-62 auf 29,79 Zoll an. Wie wenig aber, bei den rasch vorübergehenden, bloß lokalen Regenschauern Irlands dergleichen Messungen 10
bedeuten, wenn sie sich nicht über eine lange Reihe von Jahren erstrecken
& an sehr vielen Stationen vorgenommen werden, beweist U.A. die Thatsache daß von drei Stationen in Dublin selbst die eine 24,63, die andre
28,04, die dritte 30,18 Zoll als Regenmenge für 1862 erhielt. Die Durchschnitts-Regenmenge von 12 Stationen in allen Theilen Irlands (von 15
25,45 auf 51,44 Zoll variirend) betrug nach Symons in den Jahren
1860-62 nicht ganz 39 Zoll.

Dr. Patterson sagt in seinem Buch über das Klima Irlands: „Die Häufigkeit unsrer Regenschauer, nicht aber die Regenmenge selbst, hat die
beliebte Vorstellung von der Nässe unsres Klimas erzeugt... Zuweilen 20
wird im Frühjahr die Aussaat etwas durch nasses Wetter verzögert, aber
unsre Frühjahre sind so oft kalt & spät, daß frühe Aussaat hierzulande
nicht immer räthlich ist. Wenn im Sommer & Herbst häufige Schauer
unsre Heu- & Kornernten riskant machen, so würden Wachsamkeit &
Fleiß in solchen Nothfällen ebenso erfolgreich sein wie sie es in England 25
bei den dortigen ‚schleunigen' Ernten (catching harvests) sind, & verbesserte Kultur würde dafür sorgen daß die Aussaat die Bemühungen des
Landmanns unterstützte."

In Londonderry wechselte die Zahl der regenfreien Tage in den 10
Jahren 1791-1802 von 113 auf 148 im Jahr; Durchschnitt über 126. In 30
Belfast stellte sich derselbe Durchschnitt heraus. In Dublin variirte die
Zahl von 168 auf 205, Durchschnitt 179. (Patterson, ibid.)

Nach Wakefields Angabe fallen die Ernten in Irland wie folgt: Weizen,
meist im September, seltener im August, selten im October; Gerste, meist
etwas später als Weizen, & Hafer, ungefähr eine Woche später als Gerste, 35
also schon öfter im October. Wakefield, der nach langen Untersuchungen
zu dem Resultat kommt, daß das Material für eine wissenschaftliche
Schilderung des irischen Klimas noch lange nicht genüge, äußert sich
nirgends dahin, daß es dem | Kornbau ernstliche Schwierigkeiten in

11 Dr. W. Patterson, An Essay on the Climate of Ireland. Dublin 1804, p. 164.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

den Weg lege. Er findet vielmehr, wie sich zeigen wird, daß die Verluste
bei nassen Erntezeiten durch ganz andere Ursachen bedingt werden, und
sagt ausdrücklich: „Der Boden Irlands ist so fruchtbar, das Klima so
günstig, daß unter einem geeigneten Ackerbausystem die Insel nicht nur

5 hinreichend Korn zu ihrem eignen Gebrauch hervorbringen wird, sondern
auch noch einen reichlichen Überschuß, der zu allen Zeiten wo es noth
thut, für die Bedürfnisse Englands dienen könnte." (II, p. 61.)

Damals freilich - 1812 - lag England im Krieg mit aller Welt in Europa
& Amerika, und die Korneinfuhr war sehr erschwert; Korn war erstes
10 Bedürfniß. Jetzt liefern Amerika, Rumänien, Rußland & Deutschland
Korn genug, und es handelt sich vielmehr um wohlfeiles Fleisch. Und
daher taugt jetzt das Klima in Irland nicht mehr zum Ackerbau.

Der Anbau von Korn ist in Irland uralt. In den ältesten irischen Gesetzen die lange vor Ankunft der Engländer niedergeschrieben wurden,

15 ist der „Sack Weizen" bereits ein bestimmtes Werthmaß; in den Leistungen der Untergebnen an die Stammhäupter & sonstigen Häuptlinge
kommt Weizen, Gerstenmalz, & Hafermehl fast regelmäßig in bestimmt
vorgeschriebnen Quantitäten vor."

Nach der englischen Invasion verminderte sich unter den fortwähren-

20 den Kämpfen der Kornbau, ohne doch je ganz aufzuhören; von 1660 an
bis 1725 nahm er wieder zu, von da bis gegen 1780 wieder ab; von
1780-1846 wurde, neben vorwiegendem Kartoffelbau, wieder mehr Korn
gesät, & seit 1846 sind Korn & Kartoffeln stetig dem Vordringen der
Viehweide gewichen. Wenn das Klima nicht für den Kornbau geeignet

25 ist, würde er über tausend Jahre sich gehalten haben?

Allerdings gibt es Striche in Irland, die wegen des in der Nähe der
Berge stets häufiger fallenden Regens zum Weizenbau sich weniger eignen - besonders im Süden & Westen. Neben guten Jahren kommen dort
oft Reihen nasser Sommer vor wie 1860-62, die dem Weizen viel Schaden

30 thun. Aber Weizen ist nicht das Hauptkorn Irlands, & Wakefield beklagt
sich sogar darüber daß aus Mangel an Absatzmärkten viel zu wenig davon gebaut werde; einen andern Markt dafür, als die nächste Mühle, gab
es nicht; Gerste wurde ebenfalls fast nur für die heimlichen Branntweinbrennereien (die sich der Versteuerung entzogen) gebaut. Das Hauptkorn

35 in Irland war & ist Hafer, von dem 1810 mindestens zehnmal soviel

“1 Ancient Laws and Institutes of Ireland. - Senchus Moz. - 2 vols. Dublin, printed for Her
Majesty's Stationery Office, & published by Alexander Thom (London, Longmans) 1865 &
1869. Siehe Band II, p. 239-251. Der Werth eines Sacks Weizen war = 1 screpall (denarius)
von 20-24 Gran Silber; der Werth des screpalls ist von Dr. Petrie, Ecclesiastical Architec-

40 ture of Ireland, anterior to the Anglo-Norman invasion, Dublin 1845, 4°, pag. 212-19,
festgestellt.

gebaut wurde wie von allen andern Kornarten zusammen; und da die
Haferernte später ist als die von Weizen & Gerste, fällt sie häufiger in
das, besonders im Süden, meist schöne Wetter von Ende September und
October. Und Hafer kann zudem schon tüchtig Regen vertragen.

Wir haben schon oben gesehn daß das Klima Irlands, was | Regenmenge & Verteilung des Regenfalls auf die Jahreszeiten angeht, mit dem
des nordwestlichen Englands fast ganz stimmt. Der Regenfall in den Bergen von Cumberland, & Westmoreland & Nord-Lancashire ist weit höher
als in irgend einer mir bekannten Station Irlands (in Coniston 96,03, in
Windermere 75,02 Zoll, Durchschnitt von 1860-62), und doch wird dort
Heu gemacht & Hafer gebaut. In denselben Jahren variirte die Regenmenge im südlichen Lancashire von 25,11 in Liverpool auf 59,13 in Bolton, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 40 Zoll; in Cheshire von
33,02 auf 43,40, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 37 Zoll. In Irland war sie in denselben Jahren, wie wir sahen, nicht ganz 39 Zoll. (Alle
Zahlen aus Symons.) In beiden Grafschaften wird Korn aller Art, namentlich Weizen, gebaut; Cheshire trieb bis zur letzten Rinderpest-Epidemie allerdings vorwiegend Viehzucht & Milchwirthschaft, aber seitdem
das Vieh großentheils weggestorben, paßt das Klima auf ein Mal ganz
vortrefflich für Weizen. Wäre die Rinderpest nach Irland gekommen &
hätte dort ebenso arge Verwüstungen angerichtet wie in Cheshire, so würde man uns jetzt, statt des natürlichen Berufs Irlands zur Viehweide, die
Stelle aus Wakefield vorpredigen, wonach Irland zur Kornkammer Englands bestimmt ist.

Sieht man sich die Sache unbefangen an, unbeirrt von dem interessirten Geschrei irischer Grundbesitzer und englischer Bourgeois, so wird
man finden daß Irland Striche hat die nach Boden & Klima mehr zu
Viehzucht, andre die mehr zum Ackerbau, & noch andre - die große
Mehrzahl - die zu Beidem gleich geeignet sind; wie das eben allerorts
stattfindet. Verglichen mit England, ist Irland der Viehzucht im Ganzen
günstiger; aber verglichen mit Frankreich, ist England ebenfalls der Viehzucht günstiger. Geht daraus hervor daß ganz England in Viehweide
verwandelt, daß die ganze ackerbauende Bevölkerung in die Fabrikstädte
oder nach Amerika gesandt werden muß - einige wenige Hirten ausgenommen - um Platz zu machen für Vieh, das als Zahlung für SeidenStoffe & Weine nach Frankreich zu wandern hat? Aber das ist ganz dasselbe was irische Grundeigenthümer, die ihre Grundrente steigern, und
englische Bourgeois, die ihre Arbeitslöhne herabdrücken wollen, für Irland verlangen; Goldwin Smith hat es deutlich genug gesagt. Und dabei
würde die soziale Revolution, die in einer solchen Verwandlung von Akkerland in Viehweide einbegriffen ist, in Irland weit gewaltiger sein als in

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

England. In England, wo große Kultur vorherrscht & die Ackerknechte

schon großentheils durch Maschinen ersetzt sind, würde sie bedeuten die

Verpflanzung von höchstens einer Million, in Irland, wo die kleine &

selbst die Spatenkultur vorherrscht, würde sie bedeuten die Verpflanzung
5 von vier Millionen, die Ausrottung des irischen Volks.

Man sieht, selbst Naturthatsachen werden, zwischen England & Irland, zu nationalen Streitpunkten. Man sieht aber auch, wie die öffentliche | Meinung der in England herrschenden Klasse - und diese allein
macht sich auf dem Continent hörbar - mit der Mode & dem Interesse

10 wechselt. Heute braucht England rasch & sicher Korn - & Irland ist zum
Weizenbau wie geschaffen; morgen braucht England Fleisch - Irland
taugt nur zur Viehweide; die fünf Millionen Irländer schlagen durch ihre
bloße Existenz allen Gesetzen der politischen Oekonomie ins Gesicht, sie
müssen fort, sie mögen sehn, wo sie bleiben! |

15 li8| Alt-[rland.

Die Schriftsteller des griechischen & römischen Alterthums, sowie die
Kirchenväter, geben nur sehr wenig Aufschluß über Irland.

Dafür existirt eine noch immer ziemlich reichhaltige einheimische Li-

teratur, trotz der vielen, in den Kriegen des 16. & 17. Jahrhunderts ver-

20 lorengegangenen irischen Schriften. Sie enthalt Gedichte, Grammatiken,
Glossarien, Annalen und andre historische Schriften, & Rechtsbücher.
Mit sehr wenig Ausnahmen jedoch existirt diese ganze Literatur, die die
Periode mindestens vom 8= bis zum 17e Jahrhundert umfaßt, nur im
Manuskript. Für die irische Sprache hat der Buchdruck erst seit wenig

25 Jahren existirt, erst seit der Zeit wo sie auszusterben begann. Das reiche
Material ist also nur zum allergeringsten Theil zugänglich.

Unter den Annalen sind die wichtigsten die des Abts Tigernach (gestorben 1088), die von Ulster & vor Allem die der vier Magister. Diese
letzteren wurden 1632-36 unter Leitung von Michael O'Clery, einem

30 Franziskanermönch, mit Hülfe von drei andern Seanchaidhes (Alterthumsforschern) im Kloster Donegal nach Materialien zusammengestellt,
die jetzt fast alle verloren sind. Sie sind nach der noch existirenden Originalhandschrift aus Donegal in kritischer Ausgabe mit englischer Übersetzung herausgegeben von O'Donovan 1856.1»! Die früheren Ausgaben

35 von Dr. Charles O'Conor (der erste Theil der IV Mag., die Annalen von
Ulster pp.) sind im Text & Übersetzung unzuverlässig.

[Bali Annala Rioghachta Eireann. Annals of the Kingdom of Ireland by the Four Masters.

Edited, with an English Translation, by Dr. John O'Donovan. 2 edit. Dublin 1856. 7 vols
in 4°.

Den Anfang der meisten dieser Annalen macht die mythische Vorgeschichte Irlands; die Grundlage bilden alte Volkssagen, die von Dichtern
des 9. & 10 Jahrhunderts ins Unendliche ausgesponnen & von Mönchschronisten dann in gehörige chronologische Ordnung gebracht wurden.
So fangen die Annalen der IV Mag. an mit dem Jahre der Welt 2242, wo 5
Ceasair, eine Enkelin Noahs, 40 Tage vor der Sündfluth, in Irland gelandet sei; so werden von Andern die Vorfahren der Scoten, der letzten
Einwanderer nach Irland, in directer Genealogie von Japhet abgeleitet &
mit Moses, mit den Aegyptern & Phöniziern in Verbindung gebracht, wie
auch von unsern mittelalterlichen Chronisten die Vorfahren deutscher 10
Stämme mit Troja, Aeneas, oder Alexander dem Großen. Die IV Mag.
widmen diesem Gefabel (in dem das einzig werthvolle Element, die wirkliche alte Volkssage, bis jetzt nicht zu unterscheiden ist) nur ein paar
Seiten; die Annalen von Ulster lassen es ganz aus; schon Tigernach erklärt mit einer für seine Zeit wunderbaren kritischen Kühnheit, daß alle 15
Denkmäler der Scoten vor König Cimbaoth (angeblich 300 Jahre vor
Chr.) unsicher seien. Aber als Ende des vorigen Jahrhunderts neues nationales Leben in Irland erwachte, & damit neues Interesse an der irischen Literatur und Geschichte, da galten grade diese Mönchsfabeln für
deren wertvollsten Bestandtheil. Mit acht celtischem Enthusiasmus & mit 20
spezifisch irischer Naivetät wurde der Glaube an diese Histörchen zu
einem wesentlichen Bestandtheil des nationalen Patriotismus erklärt; was
der superklugen englischen gelehrten Welt - deren eigne Leistungen in
der philologischen und historischen Kritik der übrigen Welt ja rühmlich
genug bekannt sind - natürlich den erwünschten Vorwand bot, alles Iri- 25
sehe als baaren Unsinn beiseite zu werfen."

Seit den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts ist indeß ein bei weitem
kritischerer Geist über Irland gekommen, namentlich durch Petrie &
O'Donovan. Petries bereits angeführte Untersuchungen beweisen die
vollständigste Einstimmung der erhaltenen ältesten Inschriften seit dem 30
6. & 7'= Jahrhundert, mit den Annalen; & O'Donovan ist der Ansicht
daß diese schon vom zweiten & dritten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung

#1 Eins der naivsten Produkte jener Zeit sind: The Chronicles of Eri. being the History of
the Gaal Sciot Iber, or the Irish People, translated from the original manuscripts in the
Phoenician dialect of the Scythian Language, by O'Connor. London 1822. 2 vols. Der 35
phönizische Dialekt der scythischen Sprache ist natürlich das celtische Irisch und das Originalmanuscript eine beliebige Verschronik. Der Herausgeber ist Arthur O'Connor, Exilirter von 1798, Onkel des späteren Führers der englischen Chartisten, Feargus O'Connor,
angeblicher Nachkomme der alten O'Connors, Könige von Connaught, und gewissermaßen
irischer Kronprätendent. Vor dem Titel steht sein Portrait, ein hübsches, joviales, irisches 40
Gesicht, seinem Neffen Feargus frappant ähnlich, mit der rechten Hand eine Krone fassend. Darunter: O'Connor - cear-rige, head of his race, and O'Connor, chief of the prostrate people of his nation: „Soumis, pas vaincus."

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland'"

anfangen, historische Tathsachen zu berichten. Für uns kann es ziemlich
gleichgültig sein, ob die Glaubwürdigkeit der Annalen einige hundert
Jahre früher oder später beginnt, denn leider sind sie für unsern Zweck)
 in jener Zeit fast ganz unfruchtbar. Sie enthalten kurze trockne No5 tizen von Todesfällen, Thronbesteigungen, Kriegen, Schlachten, Erdbeben, Seuchen, skandinavischen Raubzügen, aber wenig, was auf das soziale Leben des Volks Bezug hat. Wäre die gesammte juristische Literatur
Irlands herausgegeben, so würden sie ganz andre Bedeutung bekommen;
manche trockne Notiz würde durch erklärende Stellen der Rechtsbücher
10 neues Leben erhalten.

Diese Rechtsbücher, die sehr zahlreich sind, erwarten aber ebenfalls
fast alle noch die Zeit, wo sie das Licht der Welt erblicken sollen. Auf
Andringen mehrerer irischer Alterthumsforscher willigte die englische
Regierung 1852 ein, eine Commission zur Herausgabe der alten Gesetze

15 und Institutionen Irlands zu ernennen. Aber wie? Die Commission bestand aus drei Lords (die nie fehlen dürfen wo es Staatsgelder zu verzehren gibt), drei Juristen höchsten Rangs, drei protestantischen Geistlichen,
ferner dem Dr. Petrie & einem Offizier, Chef der Vermessung Irlands.
Von allen diesen Herren konnten nur Dr. Petrie und zwei Geistliche, Dr.

20 Graves (jetzt protest. Bischof von Limerick) und Dr. Todd den Anspruch
erheben, von der Aufgabe der Commission irgend etwas zu verstehn, &
von diesen sind Petrie und Todd seitdem verstorben. Die Kommission
erhielt den Auftrag, die Abschrift, Ubersetzung, und Herausgabe der alten irischen Handschriften juristischen Inhalts besorgen zu lassen & da-

25 für die nöthigen Leute anzustellen. Sie stellte dafür die beiden besten
Leute an, die zu haben waren: Dr. O'Donovan und Professor O'Curry,
die eine Menge Manuscripte copirten & im ersten Entwurf übersetzten;
ehe indeß etwas zur Herausgabe fertig war, starben Beide. Ihre Nachfolger, Dr. Hancock und Prof. O'Mahony, haben dann die Arbeit soweit

30 fortgeführt, daß bis jetzt die bereits angeführten zwei Bände erschienen
sind, enthaltend den Senchus Mor. Von den Mitgliedern der Commission
haben, nach dem Eingeständniß der Herausgeber, nur zwei, Graves und
Todd, durch irgend welche Annotationen zu den Correcturbogen sich an
der Arbeit betheiligt; der Offizier, Sir Th. Larcom, stellte den Heraus-

35 gebern, Behufs der Verification von Ortsnamen, die Originalkarten der
Aufnahme von Irland zur Verfügung; Dr. Petrie starb bald; die übrigen
Herren beschränkten ihre Täthigkeit darauf, ihr Gehalt während 18 Jahren gewissenhaft einzuziehen.

Dies ist die Art in der in England, & mehr noch in dem von England

40 beherrschten Irland, öffentliche Arbeiten ausgeführt werden. Ohne Job-

berei'" geht es nicht ab. Keinem öffentlichen Interesse darf genügt werden, ohne daß dabei eine hübsche Summe oder einige fette Sinecuren für
Lords und Regierungs-Proteges abfallen. Mit dem Geld das die ganz
überflüssige Commission verzehrt hat, hätte man in Deutschland die
sämmtliche ungedruckte historische Literatur gedruckt - & besser. 5

Der Senchus Mor ist bis jetzt unsre Hauptquelle für die altirischen
Zustände. Er ist eine Sammlung alter Rechtsbestimmungen, die nach der
- später verfaßten - Einleitung auf Veranlassung St. Patricks zusammengestellt & durch seinen Beirath mit dem sich in Irland rasch ausbreitenden Christenthum | in Einklang gebracht wurde. Der Oberkönig von 10
Irland Laeghaire (428-58 nach den Annalen [der] IV Mag.), die Unterkönige Core von Munster und Daire, wahrscheinlich ein Fürst in Ulster,
ferner drei Bischöfe: St. Patrick, St. Benignus & St. Cairnech, endlich drei
Rechtsgelehrte, Dubthach, Fergus & Rossa sollen die „Commission" gebildet haben die das Buch zusammenstellte, und die ihre Arbeit sicher 15
wohlfeiler that als die jetzige, die es bloß herauszugeben hat. Die IV Mag.
geben das Jahr 438 als das der Abfassung an.

Der Text selbst beruht offenbar auf uralten heidnischen Materialien.
Die ältesten Rechtsformeln darin sind alle in Versen abgefaßt, mit bestimmtem Metrum, und dem s.g. Einklang, einer Art Alliteration oder 20
vielmehr Consonanten-Assonanz die der irischen Dichtkunst eigenthümlich ist, & häufig in vollen Reim übergeht. Da es feststeht, daß alte irische
Rechtsbücher aus dem s.g. fenischen Dialekt (Berla Feini), der Sprache
des fünften Jahrhunderts, im 14 Jahrhundert in das damals geläufige
Irisch übertragen wurden (Vorrede [T. I] p. XXX VI & passim) so erklärt 25
es sich daß auch im Senchus Mor an manchen Stellen das Metrum mehr
oder weniger verwischt ist, es tritt aber nebst gelegentlichen Reimen &
stark einklingenden Stellen noch oft genug hervor, um dem Text einen
gewissen rhythmischen Fall zu geben. Schon das Lesen der Übersetzung
genügt meist um die Versformeln aufzufinden. Dazwischen aber sind 30
dann auch, namentlich in der letzten Hälfte, eine Menge Stellen unzweifelhafter Prosa; während die Versformeln sicher uralt & traditionell überliefert sind, scheinen diese prosaischen Einschiebsel von den Compilatoren des Buchs herzurühren. Der Senchus Mor wird übrigens in dem, dem
König & Bischof von Cashel Cormac zugeschriebnen, im 9. oder 10. 35
Jahrhundert verfaßten Glossar mehrmals citirt, und er ist unzweifelhaft
lange vor der englischen Invasion niedergeschrieben.

5: Jobberei, jobbery, nennt man in England die Benutzung von Staatsämtern zum eignen
Privatvortheil oder zu dem von Verwandten & Freunden, deßgleichen Verwendung von
Staatsgeldern zu indirecter Bestechung in Parteizwecken. Die einzelne Handlung heißt job. 40
Die englische Kolonie in Irland ist das Haupttreibhaus aller Jobberei.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

Zu diesem Text nun enthalten sämmtliche Handschriften (die älteste
scheint aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts oder älter zu sein) eine
Reihe von meist übereinstimmenden Wort-Glossen & längeren
commentirenden Noten. Die Glossen sind ganz im Geist der alten Glos-

5 sare, Wortspiele vertreten die Stelle der Etymologie & Worterklärung; die
Anmerkungen sind von sehr verschiedenem Werth, oft arg entstellt &
vielfach wenigstens ohne Kenntniß der übrigen Rechtsbücher unverständlich. Das Alter Beider ist ungewiß; der größte Theil ist aber wahrscheinlich jünger als die englische Invasion. Da sie indeß nur sehr wenig

10 Spuren einer, über den Text hinausgehenden, Rechtsentwicklung aufzeigen, & auch diese nur in genauerer Feststellung des Details, so ist der
größere, rein erklärende Theil mit einiger Diskretion unbedingt als Quelle
auch für die ältere Zeit zu benutzen.

Der Senchus Mor enthält: 1) das Pfändungsrecht, d.h. so ziemlich das

15 ganze Rechtsverfahren 2) das Recht der Geiseln, die bei Streitigkeiten
von Leuten verschiedner Territorien gestellt wurden; 3) das Recht betreffend Saerrath und Daerrath (s. unten) & 4) das Familienrecht. Wir
erlangen dadurch viele werthvolle Aufschlüsse über das gesellschaftliche
Leben jener Zeit; solange aber noch eine Menge Ausdrücke nicht erklärt,

20 & die übrigen Manuscripte nicht veröffentlicht sind, bleibt Manches dunkel.

Außer der Literatur geben uns noch die erhaltnen Baudenkmäler, |
 Kirchen, Rundthürme, Befestigungen, Inschriften, Aufklärung über
den Zustand des Volks vor der Ankunft der Engländer. -

25 Von auswärtigen Quellen haben wir nur einige Stellen über Irland in
scandinavischen Sagas, und das Leben des Heiligen Malachias von St.
Bernhard zu erwähnen, welche wenig Ausbeute geben, & kommen dann
sofort zu dem ersten Engländer der aus eigner Kenntniß über Irland
schreibt.

30 Sylvester Gerald Barry genannt Giraldus Cambrensis, Archidiakonus
von Brecknock, war ein Enkel der galanten Nesta, Tochter von Rhys ap
Tewdwr Fürst von Südwales, der Maitresse Heinrichs I von England, &
der Stammmutter fast aller normannischen Hauptleute die zur ersten Eroberung von Irland mitwirkten. Er ging 1185 mit Johann (später „ohne

35 Land") nach Irland, und schrieb in den folgenden Jahren, zuerst: Topographia Hibernica, eine Beschreibung des Landes & der Einwohner,
sodann: Hibernia Expugnata, die hochgefärbte Geschichte der ersten Invasionen. Hier geht uns hauptsächlich das erstere Werk an. In einem
höchst prätentiösen Latein geschrieben, erfüllt mit dem tollsten Wunder-

40 glauben und allen kirchlichen & nationalen Vorurtheilen der Zeit & der

Race des eitlen Verfassers, ist das Buch dennoch als erster, einigermaßen
ausführlicher Bericht eines Ausländers von hoher Wichtigkeit.

Von jetzt an werden die anglonormännischen Quellen über Irland natürlich reichlicher; gering aber bleibt die Ausbeute für die Kenntniß der
sozialen Zustände des unabhängig gebliebenen Theils der Insel, woraus 5
Rückschlüsse auf den alten Zustand gemacht werden könnten. Erst gegen
Ende des 16 Jahrhunderts, als Irland zuerst systematisch & vollständig
unterworfen wurde, erhalten wir ausführlichere, natürlich stark englisch
gefärbte Berichte über die wirkliche Lebenslage des irischen Volks. Wir
werden später finden daß im Lauf der seit der ersten Invasion verflos- 10
senen 400 Jahre der Zustand des Volks sich nur wenig, und das nicht zum
Bessern, verändert hatte. Aber eben deßwegen sind diese neueren Schriften - Hanmer, Campion, Spencer, Davies, Camden, Moryson U.A., die
wir noch öfter werden zu Rate ziehen müssen, eine unsrer Hauptquellen
für eine fünfhundert Jahre ältere Periode, und eine unumgängliche, sehr 15
erwünschte Ergänzung der dürftigen Originalquellen.

Die mythische Vorgeschichte Irlands erzählt von einer Reihe Einwanderungen die nach einander stattfanden & meist mit Unterwerfung der Insel
unter die neuen Einwanderer endigten. Die drei letzten sind: die der Fir- 20
bolgs, die der Tuatha-de-Dananns, & die der Milesier oder Scoten, welche letztere von Spanien gekommen sein sollen. Die landläufige irische
Geschichtschreibung verwandelt die Firbolgs (fir = irisch fear, das lat.
vir, gothisch vair, Mann) ohne Weiteres | in Belgier, die Tuatha-deDananns (tuatha irisch Volk, Landstrich, gothisch thiuda) je nach Be- 25
dürfniß in griechische Danaer oder germanische Dänen. O'Donovan ist
der Ansicht daß wenigstens den genannten Einwanderungen etwas Historisches zugrunde liegt. In den Annalen kommt vor beim Jahre 10 n. Chr.
ein Aufstand der Aitheach Tuatha (übersetzt im 17. Jahrhundert von
Lynch, einem guten Kenner der alten Sprache, mit: plebeiorum hominum 30
gens), also eine Plebejer-Revolution wobei der ganze Adel (Saorchlann)
erschlagen wurde. Dies deutet auf die Herrschaft scotischer Eroberer
über ältere Einwohner. Aus Volksmärchen über die Tuatha-de-Dananns
schließt O'Donovan daß diese, die der spätere Volksglaube in Elfen des
Waldgebirgs verwandelt, noch bis ins zweite oder dritte Jahrhundert uns- 35
rer Zeitrechnung sich in einzelnen Berggegenden erhalten haben.

'» Giraldi Cambrensis Opera, ed. J. S. Brewer. London, Longmans, 1863. - Eine (schwache) englische Übersetzung der historischen Werke, worunter auch obige zwei Schriften
(The Historical Works of Giraldus Cambrensis) kam heraus 1863 in London bei Bohn.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

Daß die Iren ein Mischvolk waren, schon ehe die Engländer sich in
Massen unter ihnen niederließen, ist unzweifelhaft. Wie noch jetzt, war
schon im zwölften Jahrhundert der vorherrschende Typus hellhaarig.
Giraldus (Top. Hib. III, 26) sagt von zwei Fremden, sie hätten langes

5 gelbes Haar gehabt wie die Iren. Trotzdem finden sich noch jetzt, besonders im Westen, zwei gänzlich verschiedene Typen schwarzhaariger Leute;
der eine groß, wohlgebaut, mit schönen Gesichtszügen & krausem Haar,
Leute von denen man meint man sei ihnen schon einmal in den italiänischen Alpen oder der Lombardei begegnet; dieser Typus kommt meist im

10 Südwesten vor. Der andre, untersetzt & kurz von Körperbau, mit grobem, schlichtem, schwarzem Haar, plattgedrücktem, fast negerhaftem
Gesicht, findet sich häufiger in Connaught. Huxley schreibt dies dunkelhaarige Element in der ursprünglich hellhaarigen celtischen Bevölkerung
iberischer (d.h. baskischer) Beimischung zu, was wenigstens theilweise

15 richtig sein wird. Zur Zeit indeß, wo die Iren in der Geschichte mit Bestimmtheit auftauchen, sind sie ein homogenes Volk mit celtischer Sprache geworden, & wir finden nirgends mehr fremde Elemente, ausgenommen die erkämpften & erhandelten Sklaven, großentheils Angelsachsen.

Die Mittheilungen der alten Klassiker über dies Volk lauten nicht sehr

20 erbaulich. Diodor erzählt daß diejenigen Briten, welche die Iris (oder Irin?
es steht der Accusativ 'Ipw) genannte Insel bewohnen, Menschen essen.
Ausführlicher ist Strabo: „über welches Land (Jerne) wir nichts Gewisses
zu sagen haben, außer daß die Bewohner wilder sind als die Briten, da sie
Menschenfresser und Vielfresser (moAucbayor, nach anderer Lesart so-

25 Ildayol, Krautesser) sind, und es für ehrbar halten, ihre verstorbenen
Eltern zu essen, und öffentlich mit den Frauen Anderer, mit ihren Müttern und Schwestern fleischlichen Umgang zu haben." Die patriotische
irische Geschichtschreibung hat sich nicht wenig über diese angeblichen
Verläumdungen entrüstet. Neuerer Forschung blieb es vorbehalten, die

30 Menschenfresserei, & namentlich das Verzehren der Eltern, als eine
Durchgangsstufe wahrscheinlich aller Völker nachzuweisen. Vielleicht
gereicht es den Iren zum Trost zu erfahren, daß die Vorfahren der jetzigen
Berliner noch volle tausend Jahre ||| später derselben praktischen Anschauung huldigten: „Aber Weletabi, die in Germania sizzent, tie wir

35 Wilze heizzén, die ne scament (schämen) sich nicht ze chedenne (zu gestehen) da3 sie iro parentes mit mêren rehte ezzen sulin danne die wurme." (Notker, citirt in Jacob Grimms Rechtsalterthümern, p. 488.) Und
unter der englischen Herrschaft werden wir das Verzehren von Menschenfleisch in Irland noch mehr als ein Mal wiederkehren sehn. Was die

40 den Iren vorgeworfne Phanerogamic um mich eines Ausdrucks Fouriers
zu bedienen, betrifft, so kamen solche Dinge bei allen wilden Völkern

vor, wie viel mehr bei den ganz besonders galanten Celten. Interessant ist
zu sehn, daß die Insel schon damals den heutigen einheimischen Namen
trug; Iris, Irin und Jerne sind identisch mit Eire, Erinn, wie denn auch
schon Ptolemäus den heutigen Namen der Hauptstadt Dublin, Eblana
(mit richtigem Accent "EßA,ocvoc) kannte. Es ist dies um so merkwürdiger, 5
als die irischen Celten diese Stadt von jeher mit einem andern Namen,
Athcliath, belegt haben, & Duibhlinn - der schwarze Pfuhl - bei ihnen
Name einer Stelle des Flusses Liffey ist.

Außerdem finden wir noch in Plinius' Naturgeschichte, IV, 16 folgende
Stelle: „Dorthin (nach Hibernia) fahren die Briten in Booten aus Wei- 10
denzweigen, über welche Thierfelle zusammengenäht sind." Und später
sagt Soliniis von den Iren selbst: „Sie befahren die See zwischen Hibernia
& Britannia in Booten aus Weidenzweigen, welche sie mit einem Überzug
von Rinderhäuten bedecken." (C. Jul. Solini Cosmographia. c. 25.) Im
Jahr 1810 fand Wakefield daß an der ganzen Westküste von Irland „keine 15
andern Boote vorkamen, als solche die aus einem hölzernen Rahmen
bestanden, der mit einer Pferde- oder Ochsenhaut überzogen war". Diese
Boote seien von verschiedner Form, je nach der Gegend, aber Alle
zeichnen sich durch ihre ungemeine Leichtigkeit aus, sodaß selten ein
Unglück damit vorkomme. Für die hohe See taugen sie natürlich nicht, 20
weßhalb die Fischerei hier auch nur in den Buchten & zwischen den
Inseln betrieben werden könne. In Malbay, Grafschaft Clare, sah Wakefield solche Boote, die 15 Fuß lang, 5 Fuß breit & 2 Fuß tief waren; zu
einem derselben wurden zwei Kuhhäute verwandt, die Haare nach innen,
die Außenseite getheert; es war für zwei Ruderer eingerichtet. Ein solches 25
Boot kostete ca. 30 Schillinge. (Wakefield II p. 97.) - Statt Weidengeflecht Holzrahmen - Welch ein Fortschritt in 1800 Jahren, & nach beinahe siebenhundertjähriger civilisatorischer Bearbeitung durch das erste
Seevolk der Welt!

Im Übrigen zeigen sich doch auch bald einige Symptome von Fort- 30
schritt. Unter König Cormac Ulfadha, der in die zweite Hälfte des dritten
Jahrhunderts gesetzt wird, soll dessen Schwiegersohn Finn Mac Cumhal
die irische Miliz - die Fianna Eirionn™ - neu organisirt haben, wahrscheinlich nach dem Muster der römischen Legion mit Unterscheidung
von leichten und Linientruppen; alle späteren irischen Heere, über die wir 35
Details haben, unterscheiden Kerne, leichte und galloglas, schwere oder
Linien-Infanterie. Die Heldenthaten dieses Finn wurden in vielen alten
Liedern besungen wovon manche noch existiren; sie, und, vielleicht einige
I~] Feine, Fenier, ist im ganzen Senchus Mor der Name der irischen Nation. Feinechus,

Fenchus, Gesetz der Fenier, steht oft, entweder für Senchus oder für ein andres, verlornes 40
Gesetzbuch. Zugleich bezeichnet feine, grad feine, die plebs, die unterste freie Volksklasse.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

wenige schottisch-gälische Traditionen, bilden die Grundlage des Macpherson'schen Ossian (irisch Oisin, Sohn Finns) in denen Finn als Fingal
erscheint & die Scene nach Schottland verlegt ist. Im irischen Volksmund
lebt Finn fort als Finn MacCumhaill (Mac Caul), ein Riese, dem fast in

5 jeder Localität der Insel irgend ein wunderbares Kraftstück zugeschrieben wird.

Das Christenthum muß schon früh in Irland, wenigstens an der Ostküste | Eingang gefunden haben. Anders ist nicht zu erklären, daß
schon lange vor Patricius so viele Irländer eine bedeutende Rolle in der

10 Kirchengeschichte spielen. Pelagius der Ketzer gilt gewöhnlich für einen
Waliser Mönch aus Bangor; es gab aber auch ein irisches uraltes Kloster
Bangor oder vielmehr Banchor bei Carrickfergus, und daß er hiehergehört, beweist Hieronymus der ihn „dumm und von scotischem Brei
schwerfällig (scotorum pultibus praegravatus)" nennt. Es ist die erste

15 Erwähnung des irischen Hafermehlbreis (irisch lite, angloirisch stirabout)
der schon damals, wie noch später bis zur Einführung der Kartoffel, und
dann neben ihr, die Hauptnahrung des irischen Volks war. Des Pelagius
Hauptschüler Cölestius und Albinus waren ebenfalls Scoten, d.h. Irländer. Cölestius schrieb, wie Gennadius erzählt, aus seinem Kloster drei

20 ausführliche Briefe an seine Eltern, woraus hervorgeht, daß im vierten
Jahrhundert die Buchstabenschrift in Irland bekannt war.

In allen Schriften des früheren Mittelalters heißen die Iren Scoten, und
das Land Scotia; wir finden diese Bezeichnung bei Claudian, Isidor, Beda, dem Geographen von Ravenna, Eginhard und noch bei Alfred dem

25 Großen: Hibernia, das wir Schottland nennen (Igbernia the ve Scotland
hatadh). Das heutige Schottland hieß mit fremdem Namen Caledonia,
mit einheimischem Alba, Albania; die Übertragung des Namens Scotia,
Schottland, auf die Nordspitze der östlichen Insel fand erst im elften
Jahrhundert statt. Die erste größere Einwanderung irischer Scoten nach

30 Alba soll in die Mitte des dritten Jahrhunderts fallen; Ammianus Marcellinus kennt sie dort schon im Jahre 360. Die Einwanderung geschah
auf dem kürzesten Seewege, von Antrim nach der Halbinsel Kintyre;
noch Nennius erwähnt ausdrücklich daß die Briten, die damals das ganze
schottische Niederland bis an den Clyde und Forth innehatten, durch die

35 Scoten von Westen, durch die Picten von Norden her angegriffen worden
seien. Auch die siebente der altwalisischen historischen Triaden erzählt,
daß die Gwyddyl Ffichti (s. unten) von Irland über das nordmännische
Meer (Môr Llychlin) nach Alban kamen & sich an der Küste dieses
Meeres niederließen. Daß das Meer zwischen Schottland & den Hebriden

40 nordmännisches heißt, beweist nebenbei daß diese Triade jünger ist als
die nordmännische Eroberung der Hebriden. Um das Jahr 500 kamen

von Neuem größere Schaaren Scoten herüber, die allmählig ein eignes,
sowohl von Irland wie von den Picten unabhängiges Königreich bildeten,
& endlich unter Kenneth Mac Alpine im 9 Jahrhundert die Picten unterwarfen & das Reich herstellten, auf das etwa 150 Jahre später, wohl
zuerst durch die Nordmänner, der Name Schottland, Scotia, sich übertrug.

Im fünften und sechsten Jahrhundert werden in altwalisischen Quellen
(Nennius, die Triaden) Einfälle der Gwyddyl Ffichti oder gälischen
Picten nach Wales erwähnt, die allgemein als Einfälle von irischen Scoten

gedeutet werden. Gwyddyl ist walisische Form für Gavidheal, mit wel- 10

chem Namen die Iren sich selbst bezeichnen. Woher die Bezeichnung
Picten kommt, mögen andre untersuchen.

Im zweiten Viertel des fünften Jahrhunderts wurde durch Patricius
(irisch Patrick, Patraic, da die Celten das c nach altrömischer Weise immer wie K aussprechen) das Christenthum ohne gewaltsame Erschütterungen zur Herrschaft gebracht. Der Verkehr mit Britannien, der schon
lange bestanden, wurde um diese Zeit ebenfalls lebhafter; es kamen Baumeister & Bauhandwerker herüber die den Iren, die bisher nur losen
Steinbau gekannt hatten, den Mörtelbau beibrachten; daß dieser vom
7: bis 12: Jahrhundert nur bei kirchlichen Gebäuden ||| vorkommt,
beweist hinlänglich, daß seine Einführung mit der des Christenthums zusammenhängt, und ferner, daß von jetzt an die Geistlichkeit, die Vertreterin ausländischer Bildung, sich in ihrem intellektuellen Entwicklungsgang vollständig vom Volk trennte. Während das Volk gar keine
oder doch nur äußerst langsame soziale Fortschritte machte, entwickelte
sich innerhalb der Geistlichkeit bald eine literarische Bildung die für die
damalige Zeit außerordentlich war, und nach damaliger Manier sich zumeist in dem Eifer für Heidenbekehrung und Klösterbegründung äußerte. Columba bekehrte die britischen Scoten & die Picten, Gallus (der

Stifter von St. Gallen) und Fridolin die Allemannen, Kilian die Main- 30

franken, Virgilius die Salzburger, alle Fünf waren Iren; die Angelsachsen
wurden ebenfalls hauptsächlich durch irische Missionare zum Christenthum gebracht. Daneben aber galt Irland in ganz Europa als Pflanzschule der Gelehrsamkeit, so sehr daß Karl der Große einen irischen

Mönch Albinus nach Pavia als Lehrer berief, wo ihm später ein anderer 35

Ire, Dungal, folgte. Der bedeutendste Mann aus der großen Anzahl für
ihre Zeit wichtiger aber jetzt meist vergessener irischer Gelehrten war der
Vater oder, wie Erdmann ihn nennt, der Carolus Magnus der mittelalterlichen Philosophie - Johannes Scotus Erigena. „Er war der erste, mit

dem nun eine wahrhafte Philosophie beginnt", sagt Hegel von ihm. Er 40

allein, von allen Westeuropäern des neunten Jahrhunderts, verstand Grie-

r

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

chisch und knüpfte, durch seine Übersetzung der dem Dionysius Areopagita zugeschriebenen Schriften, wieder an an den letzten Ausläufer der
alten Philosophie, die alexandrinisch-neuplatonische Schule. Seine Lehre
war von großer Kühnheit für seine Zeit; er leugnet die Ewigkeit der

5 Verdammniß, selbst für den Teufel, und streift hart an den Pantheismus
an; die gleichzeitige Orthodoxie ließ es daher auch nicht an Verlästerungen fehlen. Es dauerte volle zwei Jahrhunderte, bis die von Erigena begründete Wissenschaft in Anselm von Canterbury einen Fortbildner
fand."

10 Ehe diese Entwicklung höherer Bildung aber auf das Volk zurückwirken konnte, wurde sie unterbrochen durch die Raubzüge der Nordmänner. Diese Raubzüge, die den Hauptstapelartikel des skandinavischen,
besonders dänischen Patriotismus bilden, kamen zu spät, und gingen von
zu kleinen Völkern aus, als daß sie in Eroberungen, Colonisationen &

15 Staatenbildungen auf großem Maßstab hätten ausmünden können, wie
dies bei den früheren Einfällen der Germanen der Fall gewesen. Der
Vortheil für die geschichtliche Entwicklung, den sie hinterlassen haben,
ist verschwindend klein gegen die ungeheuren & selbst für Skandinavien
fruchtlosen Störungen die sie angerichtet.

20 Irland war um das Ende des achten Jahrhunderts weit davon entfernt,
von einer ||%| einigen Nation bewohnt zu sein. Ein Oberkönigthum der
ganzen Insel existirte nur zum Schein, und auch das bei Weitem nicht
immer. Die Provinzialkönige, deren Zahl & Landbesitz fortwährend
wechselte, bekriegten sich unter einander, und die kleineren Territorial-

25 fürsten hatten ebenfalls ihre Privatfehden. Im Ganzen aber scheint in
diesen inneren Kämpfen ein gewisser Comment geherrscht zu haben, der
die Verwüstungen in bestimmte Grenzen bannte, sodaß das Land darunter nicht zu sehr litt. Aber es sollte anders werden. 795, einige Jahre nach
der ersten Heimsuchung Englands durch dasselbe Räubervolk, landeten

30 Nordmänner auf der Insel Rathlin an der Küste von Antrim & brannten
alles nieder; 798 landeten sie bei Dublin & werden seitdem fast jährlich in
den Annalen erwähnt, als Heiden, Fremde, Seeräuber, nie ohne den Zusatz losccadh (Niederbrennung) eines oder mehrerer Orte. Ihre Niederlassungen auf den Orkneys, Shetlands und den Hebriden (Süderinseln,

35 Sudhreyjar der altnordischen Sagas), dienten ihnen als Operationsbasis
gegen Irland wie gegen das spätere Schottland & gegen England. Um die

u» Näheres über Erigenas Doktrin & Werke in Erdmann, Grundriß der Gesch. der Phil.
2. Aufl. Berlin 1869, I. Bd., p. 2A\-\1. - Erigena, der übrigens kein Geistlicher war, zeigt
schon acht irischen kecken Witz. Als bei Tisch der ihm gegenübersitzende Karl der Kahle

40 König von Frankreich ihn frug, wie groß der Abstand sei von einem Scoten (Scot) bis zu
einem Dummkopf (sot), antwortete Erigena: Die Breite eines Tisches.

Mitte des neunten Jahrhunderts waren sie im Besitz Dublins» das sie
nach Giraldus erst in eine ordentliche Stadt umbauten, wie er ihnen auch
die Erbauung von Waterford und Limerick zuschreibt. Der Name Waterford selbst ist nur die, hier sinnlose Anglisirung des altnordischen
Vedhrafiördhr was entweder Sturmbucht (Wetterföhrde) oder Widder- 5
bucht bedeutet. Erstes Bedürfniß für die Nordmänner, sobald sie sich im
Lande niederließen, war natürlich der Besitz befestigter Hafenstädte; die
Bevölkerung dieser Städte blieb noch lange skandinavisch, hatte sich
aber im zwölften Jahrhundert längst den Iren in Sprache & Sitte assimilirt. Die Zwistigkeiten der irischen Fürsten unter einander erleichterten 10
den Nordmännern die Ausplünderung & Niederlassung, & selbst die zeitweilige Eroberung der ganzen Insel ungemein. Wie sehr Irland den Skandinaviern selbst als eins ihrer regelmäßigen Beuteländer galt, zeigt der um
das Jahr 1000 verfaßte angebliche Sterbegesang Ragnar Lodbröks im
Schlangenthurm König Ella's von Northumberland, das Kräkumäl. In 15
diesem Lied rafft sich die altheidnische Wildheit gleichsam zum letzten
Mal zusammen, & unter dem Vorwand König Ragnars Heldenthaten zu
besingen, werden vielmehr die Raubzüge des gesammten nordischen
Volks, im eignen Lande wie an den Küsten von Dünamünde bis Flandern, Schottland (das hier schon Skotland heißt, vielleicht zum ersten 20
Mal) und Irland kurz geschildert. Von Irland heißt es: |

 Wir schlugen drein mit Schwertern, häuften hoch Erschlagne,

Froh ward des Wolfes Bruder der Atzung durch Wuthkampf;

Eisen traf auf Erzschild; nicht ließ Irlands Herrscher,

Marstein, Mangel leiden den Mordwolf noch den Adler;

Ward im Vedhrafiördhr Walopfer gegeben den Raben. -

Wir schlugen drein mit Schwertern, Morgens ein Spiel anhüben,

Lustgen Kampf vor Lindiseyri, mit Landsfürsten dreien;

Freuten sch nicht viele, daß heil von dort sie flohen;

Falk kämpft um's Fleisch mit Wolfe, Wolfsrachen fraß Manchen, 30

Stromweis floß im Streite am Strand Blut der Iren.'="

‘1 Die Angabe Snorris in der Haraldsaga, daß Harald Härfagr's Söhne Thorgils & Frodi
zuerst von allen Nordmännern Dublin besessen hätten - also mindestens 50 Jahre später als
angegeben, steht mit den sämmtlichen für diese Zeit unbezweifelten, irischen Nachrichten
im Widerspruch. Snorri verwechselt offenbar Thorgils, den Sohn Harald Härfagre, mit den 35
unten erwähnten Thorgils = Turgesius.
»»i Hiuggu ver medh hiörvi, hverr là thverr of annann;

gladhr vardh gera brödhir getu vidh soknar laeti,

lêt ei örn né ylgi, sä er Irlandi styrdhi,

(mot vardh mälms ok ritar) Marsteinn konungr fasta; 40

vardh i Vedhra firdhi valtafn gefit hrafni.

Hiuggu ver medh hiörvi, hädhum sudhr at morni

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland'"

Bereits in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts gelang es einem
nordmännischen Viking, Thorgils, von den Iren Turgesius genannt, sich
ganz Irland zu unterwerfen, aber mit seinem Tode 844 fiel auch sein
Reich auseinander & die Nordmänner wurden vertrieben. Die Invasionen

5 und Kämpfe dauern fort, mit wechselndem Erfolg, bis endlich im Anfang
des ll!» Jahrhunderts der Nationalheld Irlands, Brian Borumha, ursprünglich nur König eines Theils von Munster, sich zum Beherrscher
von ganz Irland aufschwingt und den mit konzentrirter Macht in Irland
einfallenden Nordmännern am 23. April (Karfreitag) 1014 bei Clontarf

10 (dicht bei Dublin) die Entscheidungsschlacht liefert, wodurch die Macht
der Eindringlinge für immer gebrochen wird.

Die Nordmänner, die sich in Irland niedergelassen hatten, und von
denen Leinster abhängig war (der König von Leinster Maelmordha, war
999 durch ihre Hülfe auf den Thron gekommen & seitdem durch sie

15 darauf erhalten worden) sandten, in Voraussicht des bevorstehenden
Entscheidungskampfs, Boten aus nach den Süderinseln und Orkneys,
nach Dänemark & Norwegen, um Zuzug zu bewirken, der auch reichlich
ankam. Die Nialssaga erzählt wie Jarl Sigurd Laudrisson sich auf den
Orkneys zum Auszug rüstete, wie Thorstein Siduhallsson, Hrafn der Ro-

20 the und Erlinger von Straumey mit ihm fuhren, wie er am Palmsonntag
mit allem seinem Heer nach Dublin (Durflin) kam: „Da war auch gekommen Brödhir mit allem seinem Heer. Brödhir erprobte durch Zauberei wie der Kampf gehen würde; und so ging die Antwort: Wenn am
Freitag gefochten würde, daß Brian der König fallen werde und den Sieg

25 haben; und wenn | früher gefochten würde, so würden alle fallen die
gegen ihn wären; da sagte Brödhir daß nicht eher gekämpft werden sollte
als am Freitag."

Über die Schlacht selbst liegen uns zwei Versionen vor, die der irischen
Annalen, und die skandinavische der Nialssaga. Nach dieser letzteren

30 „kam König Brian mit all seinem Heer gegen die Burg (Dublin); am
Freitag fuhr das Heer (der Nordmänner) heraus aus der Burg und beide
Heere wurden geordnet. Brödhir war in einem Heerflügel und König
Sigtrygg (nach den Ann. Inisfall, der König der Dubliner Nordmänner)

leik fyrit Lindiseyri vidh lofdhünga threnna;
35 färr atti thvi fagna (fell margr î gyn ülfi,
haukr sleit hold medh vargi), at hann heill thadhan kaemi;
Ira blödh î oegi aerit fell um skaeru.
Vedhrafiördhr ist wie gesagt Waterford: ob Lindiseyri irgendwo aufgefunden, ist mir
unbekannt. Keinesfalls bedeutet es Leinster wie Johnstone übersetzt; das eyri (sandige
40 Landzunge, dänisch öre) weist auf eine ganz bestimmte Lokalität hin. Valtafn kann auch
heißen Falkenfutter, & wird hier meist so übersetzt, da aber der Rabe Odhins heiliger Vogel
ist, so spielt das Wort offenbar in beiden Bedeutungen.

war im andern. Nun ist zu sagen von König Brian daß er am Freitag
nicht schlagen wollte, und es war aufgeschlagen um ihn eine Schildburg
und sein Heer war davor aufgestellt. Ulf Hraeda war in dem Flügel dem
Brödhir gegenüberstand; und in dem andern Flügel war Ospak und seine
Söhne, da wo Sigtrygg gegenüberstand; und im Centrum war Kerthial- 5
fadh und wurde vor ihm die Fahne getragen." Als der Kampf losging,
wurde Brödhir von Ulf Hraeda in einen Wald gejagt, wo er Schutz fand;
Jarl Sigurd hatte harten Stand gegen Kerthialfadh der bis zur Fahne
drang und den Fahnenträger erschlug, sowie den nächsten der die Fahne
ergriff; da weigerten sich alle die Fahne zu tragen, und Jarl Sigurd nahm 10
die Fahne von der Stange und verbarg sie zwischen seinen Kleidern. Bald
darauf wurde er von einem Speer durchschossen, & damit scheint auch
sein Heerhaufe geschlagen. Inzwischen war Ospak den Nordmännern in
den Rücken gefallen & warf Sigtryggs Heerflügel nach hartem Kampf.
„Da ging die Flucht los in allen Schaaren. Thorstein Siduhallsson machte 15
Halt als die andern flohen, und band seinen Schuhriemen; da fragte ihn
Kerthialfadh warum er nicht liefe wie die andern? Da sagte Thorstein: o
ich komme doch heut Abend nicht heim, ich bin zu Hause draußen in
Island. Und Kerthialfadh gab ihm Frieden." - Brödhir sah nun aus seinem Versteck daß Brians Heer die Fliehenden verfolgte, und daß wenige 20
Leute bei der Schildburg geblieben waren. Da lief er aus dem Walde,
brach durch die Schildburg und erschlug den König (Brian, 88 Jahre alt,
war selbstredend nicht mehr imstande, sich am Kampf zu betheiligen &
war im Lager geblieben). „Da rief Brödhir laut: Das kann jetzt Mann
dem Manne erzählen daß Brödhir Brian gefällt hat." Aber die Verfolger 25
kehrten zurück, umzingelten Brödhir und griffen ihn lebendig. „Ulf
Hraeda schnitt ihm den Bauch auf und führte ihn um eine Eiche und
wickelte so seine Därme aus ihm heraus um den Baumstamm, und starb
er nicht bis sie alle aus ihm herausgehaspelt waren, und Brödhirs Leute
wurden alle erschlagen." 30
Nach den Annalen von Inisfallen war das nordmännische Heer in drei
Haufen getheilt; der erste bestand aus den Dubliner Nordmännern, nebst
1000 norwegischen Zuzüglern, die alle in langen Panzerhemden geharnischt waren; der zweite aus den irischen Hülfstruppen von Leinster,
unter König Maelmordha; der dritte aus dem Zuzug von den Inseln und 35
Skandinavien, unter Bruadhair dem Chef der Flotte die sie hergetragen,
und Lodar, dem Jarl der Orkneys. Diesen gegenüber formirte Brian sein
Heer ebenfalls in drei Haufen; die Namen der Führer stimmen aber nicht
mit denen der Nialssaga. Der Schlachtbericht selbst ist unbedeutend; kürzer und klarer ist der der vier Magister, welcher hier folgt: 40

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und ,,Altirland"

„A.D. 1013 (steht in Folge eines constanten Fehlers für 1014). Die
Ausländer von ganz Westeuropa versammelten sich gegen Brian und
Maelseachlainn | (gewöhnlich Malachy genannt, König von Meath
unter Brians Oberhoheit) und sie nahmen mit sich zehn hundert Mann in

5 Panzerhemden. Eine heftige, wüthende, gewaltige und böse Schlacht wurde zwischen ihnen gefochten, deren Gleichen nicht gefunden wurde in
jener Zeit, zu Cluaintarbh (Ochsenwiese, jetzt Clontarf) gerade auf den
Freitag vor Ostern. In dieser Schlacht wurden erschlagen Brian, 88 Jahre
alt, Murchadh sein Sohn, 63 Jahre alt, Conaing sein Neffe, Toirdhealb-

10 hach sein Enkel, ... (folgen eine Menge Namen). Die (feindlichen) Truppen wurden endlich geworfen von der Tulcainn bis Athcliath (Dublin),
durch Maelseachlainn, durch heftigen Kampf, Tapferkeit & Dreinschlagen auf die Fremden und Leinsterleute; und da fiel Maelmordha, Sohn
Murchads, des Sohnes Finns, König von Leinster ... und es waren au-

15 ßerdem noch ungezählte Todte unter denen von Leinster. Auch wurden
erschlagen Dubhgall, Sohn Amhlaeibhs (gewöhnlich Anlaf oder Olaf genannt) und Gillaciarain der Sohn Gluniairns, zwei Unterführer (tanaisi)
der Fremden, Sichfrith der Sohn Lodars, Jarl der Orkneys (iarla insi
h-Orc), Brodar, Anführer derer von Dänemark, der der Mann war wel-

20 eher Brian erschlug. Die zehn hundert Mann in Panzerhemden wurden
zusammen gehauen und mindestens 3000 der Fremden wurden da erschlagen."

Die Nialssaga wurde etwa hundert Jahre nach der Schlacht in Island
niedergeschrieben; die irischen Annalen beruhen, wenigstens zum Theil,

25 auf gleichzeitigen Berichten. Beide Quellen sind vollständig unabhängig
voneinander; beide stimmen nicht nur in den Hauptsachen, sie ergänzen
sich auch gegenseitig. Wer Brödhir und Sigtrygg waren, erfahren wir erst
aus den irischen Annalen. Sigurd Laudrisson heißt dort Sichfrith der
Sohn Lodars; Sigfrith ist nämlich die richtige angelsächsische Form des

30 altnordischen Namens Sigurd, und die skandinavischen Namen kommen
in Irland - auf Münzen sowohl wie in den Annalen - meist nicht in
altnordischer sondern in angelsächsischer Form vor. Die Namen der Unterführer Brians sind in der Nialssaga dem skandinavischen Organ
mundgerecht gemacht; der eine, Ulf Hraeda, ist sogar ganz altnordisch,

35 doch wäre es gewagt, wie Einige thun, daraus den Schluß zu ziehn daß
auch Brian Nordmänner in seinem Heer gehabt. Ospak und auch Kerthialfadh scheinen celtische Namen; letzterer vielleicht aus dem bei den
IV Mag. genannten Toirdhealbhach entstellt? Das Datum - der Freitag
nach Palmsonntag bei den Einen, der Freitag vor Ostern bei den Andern

40 - stimmt genau, ebenso der Ort der Schlacht; obwohl er in der Nialssaga
Kantaraburg (sonst = Canterbury) heißt, wird er ausdrücklich dicht vor

die Thore von Dublin gelegt. Den Verlauf der Schlacht beschreiben die
IV Mag. am genauesten: Die Nordmänner werden von der Ebene von
Clontarf, wo sie Brians Heer angriffen, über die Tolka, einen kleinen
Fluß, der dicht vor der Nordseite von Dublin vorbeifließt, nach der Stadt
hineingeworfen. Daß Brödhir den König Brian erschlug, wissen Beide;
die näheren Angaben finden sich nur in der nordischen Quelle.

Man sieht, unsre Nachrichten über diese Schlacht sind, in Anbetracht
der Barbarei jener Zeit, ziemlich ausführlich und authentisch; es wird
sich | nicht manche Schlacht des elften Jahrhunderts auffinden lassen,
über die wir so bestimmte & einstimmende Berichte von beiden Parteien 10
haben. Das verhindert den Herrn Professor Goldwin Smith nicht, sie als
einen ,schattenhaften (shadowy) Konflikt" zu beschreiben. (I.e. p. 48).
Im Kopf des Herrn Professors nehmen die robustesten Thatsachen allerdings sehr häufig eine „schattenhafte" Gestalt an.

Nach der Niederlage von Clontarf werden die nordmännischen Raub- 15
züge seltner & weniger gefährlich; bald kommen die Dubliner Nordmänner unter die Botmäßigkeit der benachbarten irischen Fürsten & verschmelzen in einer oder zwei Generationen mit den Eingebornen. Als
einzige Entschädigung für ihre Verwüstungen lassen die Skandinavier den
Iren drei oder vier Städte, und die Anfänge eines handeltreibenden Bür- 20
gerthums zurück.

Je weiter wir in der Geschichte zurückgehn, desto mehr verschwinden die
Kennzeichen wodurch Völker desselben Stammes sich von einander unterscheiden. Einerseits liegt dies in der Natur der Quellen, die im Ver- 25 |
hältniß des höheren Alters dürftiger werden und sich auf das Wesentlich-

ste beschränken, andrerseits aber auch in der Entwicklung der Völker
selbst. Die einzelnen Zweige des Stammes standen sich um so näher,
glichen einander um so mehr, je weniger sie vom Urstamm selbst abstanden. Mit vollem Recht hat Jacob Grimm stets alle Nachrichten, von den 30'
römischen Historikern die den Cimbernzug beschrieben, bis auf Adam
von Bremen & Saxo Grammaticus, alle Literaturdenkmäler von Beowulf
und Hildebrandslied bis auf die Edden und Sagas, alle Rechtsbücher von
den leges barbarorum bis auf die altdänischen & altschwedischen Gesetze
und die deutschen Weisthümer, als gleich werthvolle Quellen für deut- 35
sehen Nationalcharacter, deutsche Sitten & Rechtsverhältnisse behandelt. Der specielle Charakterzug mag nur lokale Bedeutung haben, der
Character der sich in ihm spiegelt, ist dem ganzen Stamme gemein; und je
älter die Quellen, desto mehr schwinden die lokalen Unterschiede.

Entwurf der Kapitel „Naturbedingungen" und „Altirland"

Wie Skandinavier und Deutsche im siebenten & achten Jahrhundert
sich weniger unterschieden als heute, so müssen auch irische Celten &
gallische Celten ursprünglich einander ähnlicher gewesen sein als heutige
Irländer & Franzosen sind. Wir dürfen uns daher nicht wundern wenn

5 wir in Casars Schilderung der Gallier eine Menge Züge finden die Giraldus zwölf Jahrhunderte später wieder den Iren zuschreibt & die wir noch
heute, trotz aller Beimischung germanischen Bluts, im irischen Nationalcharacter wiederfinden.

..Confidentielle Mittheilung"
an den Braunschweiger Ausschuß

der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

[il Confidentielle Mittheilung.

Der Russe Bakunine (obgleich ich ihn seit 1843 kenne, übergehe ich hier
alles nicht absolut zum Verständniß des Folgenden Nöthige) hatte kurz
nach Stiftung der „Internationalen" eine Zusammenkunft mit Marx zu
London. Letztrer nahm ihn dort in die Gesellschaft auf, für welche
Bakunin nach besten Kräften zu wirken versprach. B. reiste nach Italien,
erhielt dort von Marx die provisorischen Statuten u. „Adresse an die arbeitenden Klassen" zugeschickt, antwortete „sehr enthusiastisch", that
nichts. Nach Jahren, worin man nichts von ihm hört, taucht er wieder in

der Schweiz auf. Dort schließt er sich nicht an die ,Internationale", son- 10

dem an die „Ligue de la Paix et de la Liberté". Nach dem Congreß dieser
Friedensligue (Genf 1867) bringt B. sich in den Vollziehungsausschuß
derselben, findet hier jedoch Gegner, die ihm nicht nur keinen „diktatorischen" Einfluß erlauben, sondern ihn als „russisch verdächtig" über-

wachen. Kurz nach dem Brüßler Congreß (September 1868) der Interna- 15

tionale, hält die Friedensligue ihren Congreß zu Bern. Dießmal tritt B. als
fire brand auf und - was en passant zu bemerken - hielt seine Denunciation der occidentalen Bourgeoisie in dem Ton, worin die moskowitischen Optimisten die westliche Civilisation - zur Beschönigung ihrer

eignen Barbarei - anzugreifen pflegen. Er schlägt eine Reihe von Be- 20

Schlüssen vor, die an sich abgeschmackt, darauf berechnet sind, den bürgerlichen Cretins Schrecken einzujagen und Herrn Bakunine erlauben
mit éclat aus der Friedensligue aus- u. in die „Internationale" einzutreten.
Es genügt zu sagen, daß sein dem Berner Congreß vorgeschlagnes Pro-

gramm solche Absurditäten enthält wie die „Gleichheit" der „Klassen", 25

„Abschaffung des Erbrechts als Anfang der social. Revolution" etc. - gedankenlose Schwätzereien, ein Rosenkranz von hohlen Einfällen, die
schauerlich zu sein prätendiren, kurz eine insipide Improvisation, die blos

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Karl Marx: ..Confidentielle Mittheilung" an den Braunschweiger Ausschuß der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Erste Seite (RGASPI, Sign. f. 1, op. 1, d. 2623)

.Confidentielle Mittheilung"

auf einen gewissen Tageseffekt berechnet war. Die Freunde B's in Paris

(wo ein Russe Mitherausgeber der Revue Positiviste) und London zeigen

der Welt den Austritt B's aus der Friedensligue als un événement an u.

künden sein groteskes Programm - diese Olla Podrida abgeschlißner Ge5 meinplätze - als etwas wunderlich Grauses und Originelles an.

B. war unterdeß in die „Branche Romande" der Internationalen (zu
Genf) eingetreten. Es hatte Jahre gekostet, bis er sich zu diesem Schritt
entschloß. Aber es kostete noch keine Tage, bevor Herr Bakunin beschloß, die Intern, umzuwälzen u. sie in sein Instrument zu verwandeln.

10 Hinter dem Rücken des Londoner Generalraths - dieser wurde erst
unterrichtet, nachdem alles anscheinlich fertig war - bildete er die sog.
, Alliance des Démocrates Socialistes". Das Programm dieser Gesellschaft
war kein andres als das von B. dem Berner Friedenscongreß vorgelegte.
Die Gesellschaft kündete sich damit also von vornherein an als | Pro-

15 pagandagesellschaft spezifisch B'scher Geheim-Weisheit u. B. selbst, einer
der unwissendsten Menschen auf dem Feld der socialen Theorie, figurirt
hier plötzlich als Sektenstifter. Das theoretische Programm dieser „Alliance" war jedoch blosse Farce. Die ernste Seite lag in ihrer praktischen
Organisation. Diese Gesellschaft sollte nämlich international sein, mit ih-

20 rem Centralcomite in Genf d.h. unter B's persönlicher Leitung. Zugleich
aber sollte sie ein „integraler" Bestandtheil der Intern. Arbeiterassociation
sein. Ihre Branches sollten einerseits vertreten sein auf dem „nächsten
Congreß" der Intern, (zu Basel) u. zugleich ihren eignen Congreß neben
dem andern in Separatsitzungen abhalten etc. etc.

25 Das Menschenmaterial, worüber B. zunächst verfügte, war die damalige Majorität des Comité Federal Romand der „Intern.“ zu Genf. J. Ph.
Becker, dessen Propagandaeifer zuweilen mit seinem Kopf durchbrennt,
wurde vorgeschoben. In Italien u. Spanien hatte B. einige Alliirte.

Der Generalrath zu London war vollständig unterrichtet. Er ließ je-

30 doch Bakunine ruhig vorangehn bis zu dem Augenblick, wo letztrer genöthigt war, durch J. Ph. Becker, die Statuten (nebst Programm) der
„Alliance des Dem. Soc. " dem Generalrath zur Genehmigung zukommen
zu lassen. Darauf erfolgte ein weitläufig motivirter Bescheid - ganz „richterlich" und „objektiv" gehalten, aber in seinen „Erwägungsgründen"

35 voller Ironie -, der damit schloß:

wl) Der Generalrath läßt die ‚Alliance' nicht als Branche der Intern.
zu."

„2) Alle Paragraphen des Statuts der ‚Alliance', die sich auf ihr Verhältniß zur .Intern.' beziehn, sind für null u. nichtig erklärt."

40 In den Erwägungsgründen war klar u. schlagend bewiesen, daß die
„Alliance" nichts als eine Maschine zur Desorganisation der „Internationale" sei.

Dieser Schlag kam unvermuthet. B. hatte bereits die „Egalite" das
Central Organ der französisch sprechenden Mitglieder der Internationale
in der Schweiz, in sein Organ verwandelt, ausserdem zu Locle sich einen
kleinen Privatmoniteur gestiftet - den Progrès. Der Progrès spielt bis
heute noch diese Rolle unter Redaction eines fanatischen Anhängers B's, 5
eines gewissen , Guillaume".

Nach mehrwöchentlichem Bedenken schickt endlich das Centralcomite
der „Alliance" - unter der Signatur Perron's, eines Genfers - Antwortschreiben an den Generalrath. Die „Alliance" will aus Eifer für die gute
Sache ihre selbständige Organisation aufopfern, aber nur auf eine Bedin- 10
gung hin, nämlich auf Erklärung des Generalraths, daß er ihre „radikalen" Principien anerkennt.

Der Generalrath antwortete: es sei nicht seine Funktion theoretisch
über die Programme der verschiednen Sectionen zu Gericht zu sitzen. Er
habe nur zu sehn, daß in denselben nichts direkt den Statuten u. ihrem 15
Geist Widersprechendes enthalten sei. Er müsse daher darauf bestehn,
daß aus dem Programm der „Alliance" die abgeschmackte Phrase über
die „egalite des classes" weggestrichen u. statt dessen „abolition des classes" gesetzt werde (was auch geschah). Im übrigen könnten sie eintreten,
nach Auflösung ihrer selbständigen intern. Organisation u. nachdem ||| sie 20
(was notabene nie geschah) dem Generalrath eine Liste über ihre sämtliche Branches zugestellt.

Damit war dieser incident erledigt. Die Alliance löste sich nominell auf
und blieb factisch, unter B's Leitung fortbestehn, der zugleich das Genfer
, Comité Romand Federal" der Intern, beherrschte. 25

Zu ihren bisherigen Organen kam noch die „ Confederation" zu Barcelona hinzu (nach dem Basler Congreß noch die Eguaglita zu Neapel).

B. suchte nun seinen Zweck - die Internationale in sein Privatwerkzeug
zu verwandeln - aufandre Weise zu erreichen. Er ließ durch unser Genfer
romanisches Comité dem Generalrath vorschlagen, die „Erbschaftsfrage" 30
auf das Programm des Basler Congresses zu setzen. Der Generalrath ging
darauf ein, um B. direkt auf den Kopf schlagen zu können. B's Plan war
der: Indem der Basler Congreß die von B. zu Bern aufgestellten Principien (!) annimmt, wird der Welt gezeigt, daß B. nicht zur „Intern.", sondern die „Intern." zu B. übergetreten ist. Einfache Consequenz, der 35
Londoner Generalrath (dessen Gegnerschaft gegen die Aufwärmung der
vieillerie St. Simoniste dem B. bekannt war) muß abtreten u. der Basler
Congreß wird den Generalrath nach Genf verlegen, d. h. die Internationale
wird der Diktatur B. anheimfallen.

B. setzte eine völlige Conspiration ins Werk, um sich die Majorität auf 40
dem Basler Congreß zu sichern. Sogar an falschen Vollmachten fehlte es

.Confidentielle Mittheilung"

nicht, wie die des Herrn Guillaume für Locle etc. B. selbst bettelte sich
Vollmachten von Neapel u. Lyon. Verleumdungen aller Art gegen den
Generalrath wurden ausgestreut. Den einen sagte man, das élément bourgeois wiege in ihm vor, den andern, er sei der Sitz des communisme autoritaire etc.

Das Resultat des Basler Congresses ist bekannt. B's Vorschläge drangen nicht durch u. der Generalrath blieb in London.

Der Aerger über diesen Fehlschlag - mit dessen Gelingen B. vielleicht
allerlei Privatspekulationen verknüpft hatte in „seines Herzens Geist u.

10 Empfindung" - machte sich in gereizten Äusserungen der „Egalite" u.

des , Progrès" Luft. Diese Blätter nahmen unterdeß mehr u. mehr die
Form officieller Orakel an. Bald wurde diese, bald jene Schweizer Sektion der Inte,rn." mit Bann belegt, weil sie gegen B's ausdrückliche Vorschrift sich an der politischen Bewegung betheiligt hatten etc. Endlich

15 brach die lang verhaltne Wuth gegen den Generalrath offen aus. Progres

u. Egalité mokirten sich, griffen an, erklärten, der Generalrath erfüllte
seine Pflichten nicht, z.B. in betreff des dreimonatlichen Bulletins; der
Generalrath müsse sich der direkten Controlle über England entledigen
u. neben sich ein englisches Central-Comite, das sich nur mit englischen
Angelegenheiten [befasse], gründen lassen; die Beschlüsse des Generalraths über die gefangenen Fenier seien eine Ueberschreitung seiner Funktionen, da er sich nicht mit lokalpolitischen Fragen zu beschäftigen habe.
Es wurde ferner in Progrès u. Egalité Partei für Schweitzer genommen u.
der Generalrath kategorisch aufge| fordert, sich officiell u. publiquement über die Frage Liebknecht-Schweitzer zu erklären. Das Journal „Le
Travail" (in Paris), worin die Pariser Freunde Schweitzers ihm günstige
Artikel eingeschmuggelt, wurde darüber belobt von Progres u. Egalite
und in letztrer aufgefordert, gemeinsame Sache gegen den Generalrath zu
machen.

Die Zeit war jezt daher gekommen, wo eingeschritten werden mußte.
Folgendes ist wörtliche Copie des Sendschreibens des Generalraths an
das Genfer romanische Centraikomitee. Das Dokument zu lang, um es
ins Deutsche zu übersetzen. /

[/4/ Circulaire du Conseil Général de l'Association Internationale des Travailleurs au Conseil Federal de la Suisse Romande du 1 janvier 1870
(S. 159-165). /10/]

/10/ Die französischen Comités (obgleich Bakunine stark in Lyon u. Marseille intriguirt u. einige junge Brauseköpfe gewonnen hatte) ebenso wie
der Conseil Gen. Belge (Bruxelles) haben sich ganz einverstanden mit diesem Rescript des Generalraths erklärt.

Die Abschrift für Genf (weil der Sekretär für die Schweiz, Jung, sehr
beschäftigt war) wurde etwas verzögert. Sie kreuzte || 111 sich daher unterwegs mit einem officiellen Schreiben v. Perret, Secretair des Genfer
romanischen Centralcomités, an den Generalrath.

Die Krise war nämlich in Genf vor Ankunft unsres Briefs ausgebrochen. Einige Redakteure der Egalité hatten sich der von Bäk. diktirten
Richtung widersetzt. Bakunine u. seine Anhänger (wovon 6 Redacteure
der Egalité) wollten das Genfer Centralcomité zur Entlassung der Widerspenstigen zwingen. Das Genfer Comité dagegen war längst die Despotie
B's müde u. sah sich mit Unwillen durch ihn in Gegensatz zu den übrigen
deutschen Schweizer Comités, zu dem Generalrath etc. hineingezogen. Es
bestätigte also umgekehrt die B. mißfälligen Redakteure der Egalité.
Darauf gaben seine 6 Mann ihre Entlassung v. der Redaction indem sie
dadurch das Blatt stillzusetzen glaubten.

In Antwort auf unsre Missive erklärt das Genfer Centralkomite, daß
die Angriffe der Egalité wider seinen Willen stattgefunden, daß es die in
derselben gepredigte Politik nie gebilligt, daß das Blatt jetzt unter strenger Aufsicht des Comites redigirt wird u.s. w.

Bakunine zog sich darauf von Genf nach Tessin zurück. Er hat nur
noch - was die Schweiz betrifft - im Progres (Locle) seine Hand.

Bald darauf starb Herzen. Bakunine, der seit der Zeit, wo er als Lenker
der europ. Arbeiterbewegung sich aufwerfen wollte, seinen alten Freund u.
Patron Herzen verleugnet hatte, stieß sofort nach dessen Tod in die Lobesposaune. Warum? Herzen, trotz seines persönlichen Reichthums, ließ
sich jährlich 25 000 frs. für Propaganda von der ihm befreundeten pseudosocialistischen, panslawistischen Partei in Rußland zahlen. Durch sein
Lobesgeschrei hat Bakunin diese Gelder aufsich gelenkt und damit „die
Erbschaft Herzens" - malgré sa haine de l'héritage - pekuniär u. moralisch, sine beneficio inventarii, angetreten.

Gleichzeitig hat sich in Genf eine junge russische Refugee colony angesiedelt, flüchtige Studenten, die es wirklich ehrlich ||P| meinen u. ihre
Ehrlichkeit dadurch beweisen, daß sie die Bekämpfung des Panslawismus
als Hauptpunkt in ihr Programm aufgenommen.

Sie publiciren zu Genf ein Journal: „La voix du peuple".

Sie haben vor about 2 Wochen sich nach London gewandt, ihre Statuten u. Programm eingesandt, Bestätigung zur Bildung einer russischen
Branche verlangt. Ist gegeben worden.

In einem besondern Brief an Marx haben sie ihn ersucht, sie im Centrairath provisorisch zu repräsentiren. Dieß ditto acceptirt. Sie haben
zugleich angezeigt - u. schienen sich deßwegen bei Marx entschuldigen zu
wollen, daß sie nächstens dem Bakunin öffentlich die Maske abreissen

.Confidentielle Mittheilung"

müßten, indem dieser Mensch zweierlei ganz verschiedne Sprachen führe,
eine andre in Rußland, eine andre in Europa.

So wird das Spiel dieses höchst gefährlichen Intriguanten - wenigstens
auf dem Terrain der Internationalen - bald ausgespielt sein. |