Karl Marx

Herr Vogt

Erschienen im Dezember 1860 in London.

Nach der Erstausgabe.

Vorwort

I. Die Schwefelbande

II. Die Bürstenheimer

III. Polizistisches

1. Selbstgeständnis

2. Revolutionstag von Murten

3. Cherval

4. Der Kölner Kommunisten-Prozeß

5. Zentralfest der deutsche Arbeiterbildungsvereine in Lausanne (26. und 27. Juni 1859)

6. Buntes

IV. Techows Brief

V. Reichsregent und Pfalzgraf

VI. Vogt und die "Neue Rheinische Zeitung"

VII. Die Augsburger Kampagne

VIII. Dâ-Dâ Vogt und seine Studien

IX. Agentur

X. Patrone und Mitstrolche

XI. Ein Prozeß

XII. Beilagen

1. Schilys Ausweisung aus der Schweiz

2. Revolutionstag zu Murten

3. Cherval

4. Kölner Kommunistenprozeß

5. Verleumdungen

6. Froschmäuslerkrieg

7. Palmerston-Polemik

8. Erklärung des Herrn A. Scherzer

9. Blinds Artikel in der "Free Press" vom 27. Mai 1859

10. Brief an Herrn Orges

11. Zirkular gegen Blind

12. Vögeles Affidavit

13. Wiehes Affidavit

14. Aus den Prozeßpapieren

15. Dentu-Pamphlets

16. Nachtrag

a) K. Vogt und "La Cimentaire"

b) Kossuth

c) Edmond Abouts "La Prusse en 1860"

[Herr Vogt - Teil 2]

I. Die Schwefelbande

Vorwort

 Unter dem Datum "
London
, 6. Februar 1860" veröffentlichte ich in der Berliner
"Volks-Zeitung"
, Hamburger
"Reform"
und andern deutschen Blättern eine Erklärung, die mit den folgenden Worten beginnt:

"Ich zeige hiermit an, daß ich vorbereitende Schritte getan zur Anhängigmachung einer Verleumdungsklage gegen die Berliner '
National-Zeitung
’

wegen der Leitartikel Nr. 37 und Nr. 41 über
Vogts
Pamphlet: '
Mein Prozeß gegen die Allgemeine Zeitung
’. Eine literarische Antwort auf
Vogt
behalte ich für später vor."

Warum ich beschloß, dem
Karl Vogt
literarisch, der
"National-Zeitung"
aber gerichtlich zu antworten, wird man aus der vorliegenden Schrift selbst ersehn.

Im Laufe des Monats Februar 1860 machte ich die Verleumdungsklage gegen die
"National-Zeitung"
anhängig. Nachdem der Prozeß vier vorläufige Instanzen durchlaufen hatte, erhielt ich am 23. Oktober d.J. die Verfügung des Königl. Preuß. Obertribunals, wodurch mir das Recht der Klage in letzter Instanz abgeschnitten, also der Prozeß niedergeschlagen ward, bevor er zur öffentlichen Verhandlung kam. Fand letztere, wie ich erwarten durfte, wirklich statt, so würde ich das erste Dritteil der vorliegenden Schrift erspart haben. Einfacher Abdruck eines stenographischen Berichts über die Gerichtsverhandlungen hätte genügt, und ich wäre so der höchst widerlichen Arbeit entgangen, Anklagen gegen meine Person beantworten, also von mir selbst sprechen zu müssen. Ich habe das stets so sorglich vermieden, daß Vogt einigen Erfolg von seinen Lügenmärchen erwarten durfte. Indes, sunt certi denique fines <es gibt schließlich gewisse Grenzen>. Vogts von der "National-Zeitung" in ihrer Weise resümiertes Machwerk warf mir eine Reihe infamierender Handlungen vor, die jetzt, nachdem die
öffentliche
gerichtliche Wider-

legung mir definitiv abgeschnitten worden ist, eine literarische Widerlegung erheischen. Aber abgesehn von dieser Rücksicht, die keine Wahl übrigließ, hatte ich andere Motive, Vogts Jagdgeschichten über mich und meine Parteigenossen, da ich einmal darauf eingehn mußte, ausführlicher zu behandeln. Auf der einen Seite das fast einstimmige Triumphgeschrei, womit die sogenannte "liberale" deutsche Presse seine angeblichen Enthüllungen begrüßte. Auf der andern Seite die Gelegenheit, welche die Analyse des Machwerks zur Charakteristik jenes Individuums bot, das eine ganze Richtung repräsentiert.

Die Antwort auf Vogt zwang mich hier und da eine partie honteuse <ein schandbares Kapitel>

der Emigrationsgeschichte aufzudecken. Ich mache hierin nur von dem Recht der "Notwehr" Gebrauch. Übrigens kann der Emigration, einige wenige Personen ausgenommen, nichts vorgeworfen werden als Illusionen, die durch die Zeitverhältnisse mehr oder weniger berechtigt waren, und Narrheiten, die aus den außerordentlichen Umständen, worin sie sich unerwartet gestellt fand, notwendig hervorwuchsen. Ich spreche hier natürlich nur von den ersten Jahren der Emigration. Ein Vergleich der Geschichte der Regierungen und der bürgerlichen Gesellschaft, etwa von 1849 bis 1859, mit der gleichzeitigen Geschichte der Emigration wäre die glänzendste Apologie, die für letztere geschrieben werden könnte.

Ich weiß im voraus, daß dieselben gewiegten Männer, die bei dem Erscheinen des Vogtschen Machwerks die Häupter bedenklich über die Wichtigkeit seiner "Enthüllungen" schüttelten, jetzt gar nicht begreifen werden, wie ich meine Zeit mit der Widerlegung solcher Kindereien vergeuden konnte, während die "liberalen" Federfuchser, die in schadenfroher Hast Vogts platte Gemeinheiten und nichtsnutzige Lügen durch die deutsche, schweizerische, französische und amerikanische Presse kolportierten, meine Manier, sie selbst und ihren Helden abzufertigen, frevelhaft anstößig finden werden. But never mind! <Aber das ist mit gleich!>

Der politische sowie der juristische Teil dieser Schrift bedürfen keiner eignen Bevorwortung. Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse bemerke ich nur das eine: Von Männern, die schon vor 1848 miteinander darin übereinstimmten, die Unabhängigkeit Polens, Ungarns und Italiens nicht nur als ein
Recht
dieser Länder, sondern als das
Interesse
Deutschlands und Europas zu vertreten, wurden ganz entgegengesetzte Ansichten aufgestellt über die Taktik, die Deutschland bei Gelegenheit des italienischen Kriegs von 1859 Louis Bonaparte gegenüber auszuführen habe. Dieser Gegen-

satz der Ansichten entsprang aus gegensätzlichen Urteilen über
tatsächliche Voraussetzungen
, über die zu entscheiden einer spätern Zeit vorbehalten bleibt. Ich für meinen Teil habe es in dieser Schrift nur mit den Ansichten
Vogts
und seiner Clique zu tun. Selbst die Ansicht, die er zu vertreten
vorgab
und in der
Einbildung
eines urteilslosen Haufens vertrat, fällt in der Tat außerhalb der Grenzen meiner Kritik. Ich behandle die Ansichten, die er
wirklich
vertrat.

Schließlich spreche ich meinen herzlichen Dank aus für die bereitwillige Hülfe, die mir bei Abfassung dieser Schrift nicht nur von alten Parteifreunden geworden, sondern von vielen mir früher fernstehenden und mir zum Teil jetzt noch persönlich unbekannten Mitgliedern der Emigration in der Schweiz, Frankreich und England.

London, 17. November 1860

[Herr Vogt - Teil 3]

Vorwort
II. Die Bürstenheimer

I. Die Schwefelbande

Clarin: Malas pastillas gasta; ---

----- hase untado

Con ungüento de azufre.

<Mit holden Worten wirft er gern um sich,

... er hat sich eingeschiert mit Schwefelsalbe.>

(
Calderon
)

Die
"abgerundete Natur"
, wie Advokat
Hermann
vor dem Bezirksgericht in Augsburg seinen kugelrunden Klienten, den Erb-Vogt auf Nichilburg, zartsinnig kennzeichnete, die "abgerundete Natur" beginnt ihre Naupengeheuerliche Geschichtsklitterung

wie folgt: .

"Unter dem Namen der
Schwefelbande
,
oder auch
unter dem nicht weniger charakteristischen der
Bürstenheimer
, war unter der Flüchtlingsschaft von 1849 eine Anzahl von Leuten bekannt, die, anfangs in der Schweiz, Frankreich und England zerstreut, sich allmählich in London sammelten und dort als ihr sichtbares Oberhaupt Herrn
Marx
verehrten. Politisches Prinzip dieser Gesellen war die Diktatur des Proletariats etc." (p. 136 "Mein Prozeß gegen die Allgemeine Zeitung" von Karl Vogt, Genf, Dezember 1859.)

Das "Hauptbuch", worin diese wichtige Mitteilung unterläuft, erschien im Dezember 1859. Acht Monate vorher, Mai 1859, hatte jedoch "die abgerundete Natur" im
Bieler "Handels-Courier"
einen Artikel veröffentlicht, der als
Grundriß
der weitläufigeren Geschichtsklitterung betrachtet werden muß. Hören wir den
Urtext
:

"Seit dem Umschlage der Revolution von 1849", so schneidet der Bieler
Commis voyageur
auf, "hat sich nach und nach in London eine Clique von Flüchtlingen gesammelt, deren Glieder unter
der schweizerischen Emigration
unter dem Namen der
'Bürstenheimer’
oder der
'Schwefelbande'
seiner (!) Zeit bekannt waren. Ihr Chef ist
Marx
, der frühere Redakteur der 'Rheinischen Zeitung' in Köln - ihr Losungswort 'Soziale Republik, Arbeiterdiktatur’ - ihre Beschäftigung Anspinnen von Verbindungen und Verschwörungen." (Wieder abgedruckt in dem "Hauptbuch", Dritter Abschnitt, Dokumente, No. 7, p. 31, 32.)

 Die Clique von Flüchtlingen, die "unter der schweizerischen Emigration" als "Schwefelbande" bekannt war, verwandelt sich 8 Monate später einem größeren Publikum gegenüber in eine über "die Schweiz, Frankreich und England zerstreute" Masse, die "unter der Flüchtlingsschaft" überhaupt als
"Schwefelbande"
bekannt war. Es ist die alte Geschichte von den Steifleinenen in Kendal-Green; so heiter erzählt von Karl Vogts Urtyp, dem unsterblichen Sir John Falstaff, der in seiner zoologischen Wiedergeburt keinenfalls an
Stoff
eingebüßt hat. Aus dem Urtext des Bieler
Commis voyageur
ergibt sich, daß
"Schwefelbande"
wie
"Bürstenheimer" Schweizer
Lokalgewächse waren. Sehen wir uns nach ihrer Naturgeschichte um.

Von Freunden belehrt, daß in dem Jahre 1849/1850 allerdings eine Flüchtlingsgesellschaft unter dem Namen "Schwefelbande" zu Genf blühte und Herr
S. L. Borkheim
, wohlbestallter Kaufmann in der City von London, nähere Auskunft über Ursprung, Wachstum und Verfall jener genialen Gesellschaft geben könne, wandte ich mich schriftlich, im Februar 1860, an den mir damals unbekannten Herrn und erhielt in der Tat, nach einer persönlichen Zusammenkunft, folgende Skizze, die ich unverändert abdrucken lasse.

"
London
, den 12. Februar l860

18, Union Grove, Wandsworth Road

Geehrter Herr!

Obgleich, trotz neunjährigen Verweilens in demselben Lande und meistens in der selben Stadt, wir, bis vor drei Tagen, persönlich nicht miteinander bekannt waren, haben Sie doch nicht mit Unrecht vorausgesetzt, daß ich Ihnen, als einem Mitexilierten, die gewünschte Mitteilung nicht versagen würde.

Wohlan denn
zur 'Schwefelbande’
.

Im Jahre 1849, bald nachdem wir Aufständischen aus Baden hinausgekugelt waren, fanden sich, teils von den Schweizer Behörden dorthin verwiesen, teils durch freiwillige Wahl des Aufenthalts, mehrere junge Männer in Genf zusammen, die, Studenten, Soldaten oder Kaufleute, schon vor 1848 in Deutschland untereinander befreundet gewesen oder wahrend der Revolution miteinander bekannt geworden waren.

Die Stimmung unter den Flüchtlingen war keine rosige. Die sogenannten politischen Führer wälzten sich gegenseitig die Schuld des Mißlingens zu, militärische Leiter kritisierten einer des andern rückgängige Offensivbewegungen, Flankenmärsche und offensive Retiraden; man fing sich an Bourgeoisrepublikaner, Sozialisten und Kommunisten zu schimpfen; es regnete Flugschriften, die keineswegs beruhigend wirkten; Spione wurden überall gewittert. und zu all’ dem verwandelten sich die Kleider der Mehrzahl in Lumpen, und auf vieler Gesicht las man den Hunger. In solchem Trübsal hielten die schon bezeichneten jungen Leute in Freundschaft zusammen. Sie waren:

Eduard Rosenblum
, geboren in Odessa, der Sohn deutscher Eltern; er hatte in Leipzig, Berlin und Paris Medizin studiert.

Max Cohnheim aus Fraustadt; er war Handlungsdiener gewesen und beim Ausbruch der Revolution einjähriger Freiwilliger bei der Gardeartillerie.

Korn, Chemiker und Apotheker aus Berlin.

Beccker, Ingenieur aus den Rheinlanden,

und
ich selbst
, der ich mich nach 1844 am Werderschen Gymnasium zu Berlin abgelegtem Abiturientenexamen in Breslau, Greifswald und Berlin Studierens halber aufgehalten hatte und den die 48er Revolution als Kanonier in seiner Vaterstadt (Glogau) fand.

Keiner von uns war, glaube ich, über 24 Jahre alt. Wir wohnten nahe beieinander, ja eine Zeitlang sogar im grand pré, alle in demselben Hause. Unsre Hauptbeschäftigung war, in dem kleinen Lande, das so wenig Gelegenheit bot zum Broterwerb, uns nicht von dem allgemeinen Flüchtlingselende und politischen Katzenjammer niederdrücken und demoralisieren zu lassen. Das Klima, die Natur waren herrlich - wir verleugneten unsre märkischen Antezedenzien nicht und fanden die
Jegend jottvoll
. Was der eine von uns besaß, hatte der andre, und wenn wir alle nichts hatten, so fanden wir gutmütige Schenkwirte oder andre liebe Leute, die sich ein Vergnügen draus machten, uns auf unsre jungen lebenslustigen Gesichter hin etwas zu borgen. Wir müssen wohl alle recht ehrlich und toll ausgesehen haben! Hier sei mit Dank des Cafétier Bertin (Café de l’Europe) erwähnt, der nicht nur uns, sondern noch vielen andern deutschen und französischen Flüchtlingen im wahren Sinne des Wortes
rastlos
'pumpte’. 1856, nach sechsjähriger Abwesenheit, besuchte ich Genf auf meiner Rückkehr aus der Krim, lediglich, um mit der Pietät eines wohlmeinenden 'Bummlers’ meine Schulden zu bezahlen. Der gute, runde, dicke Bertin war erstaunt, versicherte mich, daß ich der erste sei, der ihm diese Freude mache, daß er aber dessenungeachtet es gar nicht bedaure, 10[.000] bis 20.000 Frs. bei Flüchtlingen ausstehen zu haben, die schon lange in alle Welt verjagt seien. Er erkundigte sich, abgesehen von Schuldverhältnissen, mit besondrer Innigkeit nach meinen nähern Freunden. Leider wußte ich ihm wenig zu sagen.

Nach vorgehender Einschaltung kehre ich nun wieder zum Jahre 1849 zurück.

Wir kneipten fröhlich und sangen lustig. Flüchtlinge aller verschiedenen politischen Nuancen, auch französische und italienische, erinnere ich mich, an unsrem Tische gesehen zu haben. Fröhliche Abende, in solchem dulci jubilo verbracht, schienen allen Oasen zu sein in der sonst allerdings jämmerlichen Wüste des Flüchtlingslebens. Auch Freunde, die damals Genfer Großräte waren oder es später geworden sind, fanden sich zur Erholung mitunter bei unsern Gelagen ein.

Liebknecht, der jetzt hier und den ich in neun Jahren nur drei- oder viermal gesehn, indem ich ihn immer zufällig auf der Straße traf, war nicht selten von der Gesellschaft. Studenten, Doktoren, ehemalige Freunde vom Gymnasium und Universität her, auf Ferienreisen begriffen, tranken sich oft mit uns durch viele Gläser Bier und manche Flasche des guten und billigen Mâcon. Mitunter lagen wir tage-, ja sogar wochenlang auf dem Genfer See umher, ohne je ans Land zu steigen, sangen Minnelieder und

'schnitten’, mit der Gitarre in der Hand, 'die Cour’ vor den Fenstern der Villas auf savoyischer und schweizerischer Seite.

Ich scheue mich nicht, hier anzuführen, daß sich unser burschikoses Blut mitunter in polizeiwidrigen Sprüngen Luft machte. Der so liebe, nun verstorbene
Albert Galeer
, Fazys nicht unbedeutender politischer Gegner in der Genfer Bürgerschaft, pflegte uns dann im freundlichsten Tone Moral zu predigen. 'Ihr seid tolle Bursche’, sagte er, 'jedoch ist es wahr, daß in eurem Flüchtlingsjammer solchen Humor zu haben, man kein Schwächling sein darf an Leib oder Geist - es gehört Elastizität dazu.’ Dem gutherzigen Manne kam es hart an, uns harter anzulassen. Er war Großrat des Kantons Genf.

Von Duellen hatte meines Wissens damals nur eins statt, und zwar mit Pistolen zwischen mir und einem Herrn R...n. Die Veranlassung war aber durchaus nicht politischer Natur. Mein Sekundant war ein Genfer nur französisch sprechender Artillerist, und der Unparteiische war der junge, später in München als Student leider zu früh von einem Nervenfieber dahingeraffte
Oskar Galeer
, Bruder des Großrats. Ein zweites Duell, dessen Veranlassung aber auch nicht politischer Natur war, sollte stattfinden zwischen Rosenblum und einem flüchtigen badischen Leutnant v. F...g, der bald darauf ins Vaterland zurückkehrte und, ich glaube, wieder ins regenerierte badische Heer eintrat. Der Streit wurde, ohne daß es zum Äußersten kam, am Morgen des Kampftages durch Vermittlung des Herrn Engels - ich vermute, es war derselbe, der jetzt in Manchester sein soll und den ich seit damals nicht wieder gesehen - in Freundschaft beigelegt. Dieser Herr Engels war in Genf auf seiner
Durchreise
begriffen, und wir tranken der Flaschen Wein nicht wenige in seiner erheiternden Gesellschaft. Das Begegnen mit ihm kam uns, wenn ich mich recht entsinne, ganz besonders deswegen erwünscht, weil wir seiner Kasse erlauben konnten, das Kommando zu führen.

Wir schlossen uns weder sogenannten blau- noch rot-republikanischen, noch sozialistischen, noch kommunistischen Parteiführern an. Wir erlaubten uns, das politische Treiben von Reichsregenten, Mitgliedern des Frankfurter Parlaments und andrer Sprechsäle, Revolutionsgeneralen oder Korporalen oder Dalai-Lamas des Kommunismus frei und unabhängig - ich will nicht behaupten stets richtig - zu beurteilen, und gründeten sogar für diesen und andre uns belustigende Zwecke ein Wochenblatt, betitelt:

"RUMMELTIPUFF"

Organ der Lausbubokratie
(1)

Dies Blatt erlebte nur zwei Nummern. Als man mich später in Frankreich verhaftete, um mich hierher zu senden, wurden mir von der französischen Polizei meine Papiere und Tagebücher mit Beschlag belegt, und ich erinnere mich nicht mehr genau, ob das Blatt durch obrigkeitliches Verbot oder durch Armut zu Grabe getragen wurde.

'Philister’ - sie gehörten den sogenannten Bourgeoisrepublikanern und auch den Reihen der sogenannten kommunistischen Arbeiter an - bezeichneten uns mit dem
Namen 'Schwefelbande'
. Mitunter ist es mir, als hatten wir uns selbst diesen Namen beigelegt. Jedenfalls haftete er der Gesellschaft lediglich an in dem gemütlichen deutschen Sinne des Worts. In freundlichster Weise komme ich mit Verbannungsgenossen zusammen, die Freunde des Herrn Vogt, und mit andern, welche die Ihrigen waren und es wahrscheinlich noch sind. Aber ich freue mich, auf keiner Seite je gefunden zu haben, daß man von den Mitgliedern der von mir bezeichneten 'Schwefelbande’, sei es in politischer oder privater Beziehung, mit Mißachtung spricht.

Diese
'Schwefelbande’
ist die einzige, deren Existenz mir bekannt. Sie bestand von 1849 bis 1850 in Genf. Mitte 1850 wurden die wenigen Mitglieder dieser gefährlichen Gesellschaft, da sie zu den auszuweisenden Kategorien der Flüchtlinge gehörten, gezwungen, die Schweiz zu verlassen, mit Ausnahme von
Korn
. Somit hatte also das Leben dieser 'Schwefelbande’ sein Ende erreicht. Von andern 'Schwefelbanden’, ob sie an andern Orten und wo und zu welchem Zwecke sie bestanden haben, weiß ich nichts.

Korn blieb, glaube ich, in der Schweiz und soll daselbst als Apotheker ansässig sein.
Cohnheim
und
Rosenblum
gingen vor der Schlacht bei Idstedt nach Holstein. Ich glaube, sie haben beide an derselben teilgenommen. Später, 1851, segelten sie nach Amerika. Rosenblum kehrte Ende desselben Jahres nach England zurück und ging 1852 nach Australien, von wo ich seit 1855 nichts von ihm gehört.
Cohnheim
soll schon seit einiger Zeit Redakteur des 'New-Yorker Humoristen’ sein.
Becker
begab sich gleich damals 1850 nach Amerika. Was aus ihm geworden, kann ich leider nicht mit Bestimmtheit sagen.

Ich selbst hielt mich im Winter 1850/1851 in Paris und Straßburg auf und wurde von der französischen Polizei, wie schon oben angedeutet, im Februar 1851 gewaltsam - drei Monate lang schleppte man mich durch 25 Gefängnisse und meistens während des Marsches in schweren eisernen Ketten - nach England verschickt. Hier wohne ich, nachdem ich das erste Jahr zur Eroberung der Sprache verwandt, dem Geschäftsleben gewidmet, nicht ohne stetes und reges Interesse für die politischen Ereignisse in meinem Vaterlande, aber immer frei von jeglichem Treiben politischer Flüchtlingscliquen. Es geht mir nun so leidlich, oder wie der Engländer sagt: very well, sir, thank you <sehr gut mein Herr, danke>. - Es ist Ihre eigne Schuld, wenn Sie durch diese lange, aber jedenfalls nicht sehr wichtige Geschichte zu waden haben.

Mit Achtung verbleibe ich Ihr ganz ergebener

Sigismund L. Borkheim
"

Soweit Herrn
Borkheims
Brief. Im Vorgefühl ihrer historischen Wichtigkeit ergriff die "Schwefelbande" die Vorsichtsmaßregel, ihr eignes Zivilstandsregister mit Holzschnitten in das Buch der Geschichte einzukeilen.

Die erste Nummer des "Rummeltipuff" ist nämlich mit den Bildnissen seiner Stifter geschmückt.

Die genialen Herren von der "Schwefelbande" hatten sich beteiligt an Struves republikanischem Putsch vom September 1848, dann im Gefängnis von Bruchsal bis Mai 1849 gesessen, endlich mitgekämpft als Soldaten in der Reichsverfassungskampagne, die sie über die Schweizer Grenze warf.

Im Laufe des Jahres 1850 langten zwei Matadore derselben, Cohnheim und Rosenblum, in London an, wo sie sich um Herrn
Gustav Struve
"versammelten". Ich hatte nicht die Ehre, sie persönlich kennenzulernen. Politisch setzten sie sich mit mir in Beziehung, indem sie unter Struves Führung gegen das damals von mir, Engels, Willich und andern geleitete Londoner Flüchtlingskomitee

ein Gegenkomitee zu bilden suchten, dessen uns feindliches Pronunziamento, unterzeichnet von Struve, Rosenblum, Cohnheim, Bobzin, Grunich und Oswald, unter andern auch in der Berliner "Abend-Post" erschien.

In der Blütezeit der Heiligen Allianz bildete die
Kohlenbande
(Carbonari) eine ergiebige Fundgrube für polizistische Tätigkeit und aristokratische Phantasie. Gedachte unser Reichs-Gorgellantua die "Schwefelbande" in der Weise der Kohlenbande auszubeuten zu Nutz und Frommen teutscher Bürgerschaft?

Die
Salpeterbande
würde die polizeiliche Dreieinigkeit voll machen. Vielleicht auch ist
Karl Vogt
dem Schwefel abhold, weil er kein Pulver riechen kann. Oder haßt er gleich andern Kranken sein spezifisches Heilmittel?

Der Geheimarzt
Rademacher
klassifiziert bekanntlich die Krankheiten nach ihren Heilmitteln.

Unter Schwefelkrankheit fiele damit, was Advokat Hermann im Bezirksgericht zu Augsburg
"die abgerundete Natur"
seines Klienten hieß, was Rademacher ein "trommelartig gespanntes Bauchfell" und der noch größere Doktor Fischart "den gewelbeten Wanst aus Frankreich" nennt. Alle Falstaffsnaturen litten so in mehr als einem Sinn an der Schwefelkrankheit. Oder sollte den
Vogt
sein zoologisches Gewissen erinnert haben, daß Schwefel der Tod der Krätzmilbe, also ganz und gar zuwider den Krätzmilben, die mehrmals die Haut gewechselt haben?

Denn, wie neuere Forschungen bewiesen, die gehäutete Krätzmilbe allein ist zeugungsfähig und daher zum Selbstbewußtsein durchgedrungen. Artiger Gegensatz, auf der einen Seite der
Schwefel
, auf der andern
die selbstbewußte Krätzmilbe
! Unter allen Umständen aber schuldete Vogt seinem "Kaiser" und dem liberalen teutschen Bürger den Nachweis, daß alles Unheil "seit dem Umschlage der Revolution von 1849" von der
Schwefelbande
zu Genf herrührt und nicht von der
Dezemberbande

zu Paris. Mich persönlich mußte er zum Chef der von ihm gelästerten und mir

bis zum Erscheinen des "Hauptbuchs" unbekannten Schwefelbande erhöhn, zur Strafe für meine jahrelang fortgesetzten Frevel gegen Haupt und Glieder der "Bande vom 10. Dezember". Um den gerechten Groll des "angenehmen Gesellschafters" begreiflich zu machen, zitiere ich hier einige auf die "Dezemberbande" bezügliche Stellen aus meiner Schrift
"Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte"
, New York 1852, (Siehe daselbst S. 31, 32 und 61, 62. <Siehe Band 8, S. 160-162, 206-207>)

"Diese Bande

datiert noch vom Jahre 1849. Unter dem Vorwande, eine Wohltätigkeitsgesellschaft zu stiften, war das Pariser Lumpenproletariat in geheime Sektionen organisiert worden, jede Sektion von bonapartistischen Agenten geleitet, an der Spitze des Ganzen ein bonapartistischer General. Neben zerrütteten Roués der Aristokratie mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaronis, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Tagelöhner, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin und her geworfene Masse, die die Franzosen la Bohème nennen; mit diesem ihm verwandten Elemente bildete Bonaparte den Stock der Bande vom 10. Dezember. 'Wohltätigkeitsgesellschaft’ insofern alle Mitglieder wie Bonaparte das Bedürfnis fühlten, sich auf Kosten der arbeitenden Nation wohlzutun.

Dieser Bonaparte, der sich als Chef des Lumpenproletariats konstituiert, der hier allein in massenhafter Form die Interessen wiederfindet, die er persönlich verfolgt, der in diesem Auswurfe, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige Klasse erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirkliche Bonaparte, der

Bonaparte sans phrase, unverkennbar selbst dann noch, wenn er später allmächtig einem Teile seiner alten Mitverschwörer die Schuld dadurch abträgt, daß er sie neben den Revolutionären nach Cayenne transportiert. Alter durchtriebener Roué, faßt er das geschichtliche Leben der Völker und die Haupt- und Staatsaktionen derselben als Komödie im ordinärsten Sinne auf, als eine Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und Posituren nur die kleinlichste Lumperei vermummen. So bei seinem Zuge nach Straßburg, wo ein eingeschulter Schweizer Geier den napoleonischen Adler vorstellte. Für seinen Einfall in Boulogne steckt er einige Londoner Lakaien in französische Uniformen. Sie stellen die Armee

vor. In seiner Bande vom 10. Dezember sammelt er 10.000 Lumpenkerls, die das Volk vorstellen müssen, wie Klaus Zettel den Löwen ...

Was für die sozialistischen Arbeiter die Nationalateliers, was für die Bourgeois-Republikaner die Gardes mobiles, das war für Bonaparte die Bande vom 10. Dezember, die ihm eigentümliche Parteistreitkraft. Auf seinen Reisen mußten die auf der Eisenbahn verpackten Abteilungen derselben ihm ein Publikum improvisieren, den öffentlichen Enthusiasmus aufführen, vive l’Empereur! <Es lebe der Kaiser!>

heulen, die Republikaner insultieren und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei. Auf seinen Rückfahrten nach Paris mußten sie die Avantgarde bilden, Gegendemonstrationen zuvorkommen oder sie auseinanderjagen. Die Bande vom 10. Dezember gehörte ihm, sie war
sein
Werk, sein eigenster Gedanke. Was er sich sonst aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältnisse anheim, was er sonst tut, tun die Verhältnisse für ihn oder begnügt er sich von den Taten andrer zu kopieren, aber er, mit den offiziellen Redensarten der Ordnung, der Religion, der Familie, des Eigentums öffentlich vor den Bürgern, hinter ihm die geheime Gesellschaft der Schufterles und der Spiegelbergs, die Gesellschaft der Unordnung, der Prostitution und des Diebstahls, das ist Bonaparte selbst als Originalautor, und die Geschichte der Bande vom 10. Dezember ist seine eigne Geschichte ...

Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohltäter aller Klassen erscheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen. Wie man zur Zeit der Fronde vom Herzog von Guise sagte, daß er der obligeanteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine Güter in Obligationen seiner Partisanen gegen ihn verwandelt habe, so möchte Bonaparte der obligeanteste Mann von Frankreich sein und alles Eigentum, alle Arbeit Frankreichs in eine persönliche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz Frankreich
stehlen
, um es an Frankreich zu
verschenken
, oder vielmehr um Frankreich mit französischem Gelde
wiederkaufen
zu können, denn als Chef der Bande vom 10. Dezember muß er kaufen, was ihm gehören soll. Und zu dem Institute des Kaufens werden alle Staatsinstitute, der Senat, der Staatsrat, der gesetzgebende Körper, die Gerichte, die Ehrenlegion, die Soldatenmedaille, die Waschhäuser, die Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état major der Nationalgarde ohne Gemeine, die konfiszierten Güter des Hauses Orléans. Zum Kaufmittel wird jeder Platz in der Armee und der Regierungsmaschine.

Das wichtigste aber bei diesem Prozesse, wo Frankreich genommen

wird, um ihm zu geben, sind die Prozente, die während des Umsatzes für das Haupt und die Glieder der Bande vom 10. Dezember abfallen. Das Witzwort, womit die Gräfin L., die Mätresse des Herrn de Morny, die Konfiskation der orleansschen Güter charakterisierte: 'C’est le premier vol de l’aigle’ <'Das ist der erste Flug (Diebstahl) des Adlers>, paßt auf jeden Flug dieses
Adlers
, der mehr
Rabe
ist. Er selbst und seine Anhänger rufen sich täglich zu, wie jener italienische Kartäuser dem Geizhals, der prunkend die Güter aufzählte, an denen er noch für Jahre zu zehren habe: 'Tu fai conto sopra i beni. Bisogna prima far il conto sopra gli anni.' Um sich in den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten.

An den Hof, in die Ministerien, an die Spitze der Verwaltung und der Armee drängt sich ein Haufe von Kerlen, von deren bestem zu sagen ist, daß man nicht weiß, von wannen er kommt, eine geräuschvolle, anrüchige, plünderungslustige Bohème, die mit derselben grotesken Würde in galonierte Röcke kriecht wie Soulouques Großwürdenträger. Man kann diese höhere Schichte der Bande vom 10. Dezember sich anschaulich machen, wenn man erwägt, daß Véron-Crevel ihr Sittenprediger ist und Granier de Cassagnac ihr Denker. Als Guizot zur Zeit seines Ministeriums diesen Granier in einem Winkelblatte gegen die dynastische Opposition verwandte, pflegte er ihn mit der Wendung zu rühmen: 'C’est le roi des drôles’ -'das ist der Narrenkönig’. Man hätte unrecht, bei dem Hofe und der Sippe Louis Bonapartes an die Regentschaft

oder Ludwig XV. zu erinnern. Denn 'oft schon hat Frankreich eine Mätressenregierung erlebt, aber noch nie eine Regierung von hommes entretenus <ausgehaltenen Männern>’ ...

Durch die widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zugleich wie ein Taschenspieler in der Notwendigkeit, durch beständige Überraschung die Augen des Publikums auf sich als den Ersatzmann Napoleons gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu verrichten, bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirtschaft in Wirrwarr, tastet alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die einen revolutionsgeduldig, die andern revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profaniert, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht. Den Kultus des heiligen Rockes zu Trier wiederholt er zu Paris im Kultus des napoleonischen Kaisermantels. Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der Vendôme-Säule herabstürzen."

Fußnoten von Marx

(1)
"Solcher Titel war, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, allen liberalen Parteien in irgendeiner der deutschen Duodezkammern oder im Frankfurter Parlamente beigelegt worden. Wir wollten ihn verewigen." (
Borkheim
.)

[Herr Vogt - Teil 4]

I. Die Schwefelbande
III. Polizistisches

II. Die Bürstenheimer

"But, sirrah, there’s no room for faith, truth,

nor honesty, in this bosom of thine; it is all

filled up with guts and midriff,"

<"Aber zum Henker, es ist kein Platz für Glauben,

Treu' und Redlichkeit in dem Leibe da: er ist

ganz mit Därmen und Netzhaut ausgestopft".>

(Shakespeare)

"Bürstenheimer"
oder

"Schwefelbande"
, heißt es im Bieler Urevangelium (S. 31 des "Hauptbuchs", Dokumente).
"Schwefelbande"

oder auch

"Bürstenheimer"
heißt es im "Hauptbuch" (S. 136).

Nach beiden Lesarten sind "Schwefelbande" und "Bürstenheimer" eine und dieselbe identische Bande. Die "Schwefelbande", wie wir sahen, war gestorben, verdorben Mitte 1850. Also auch die "Bürstenheimer"? Die "abgerundete Natur" ist der Dezemberbande attachierter Zivilisator, und Zivilisation, wie Fourier sagt, unterscheidet sich dadurch von der Barbarei, daß sie die einfache Lüge verdrängt durch die zusammengesetzte Lüge.

Der "zusammengesetzte" Reichsfalstaff erzählt uns (S. 198, "Hauptbuch"), daß ein gewisser
Abt
der "Gemeinste der Gemeinen" sei. Bewunderungswerte Bescheidenheit, womit Vogt sich selbst in den Positivus, seinen Abt aber in den Superlativ setzt, ihn gewissermaßen zu seinem Feldmarschall Ney ernennt. Als Vogts Urevangelium im Bieler
Commis voyageur
erschien, ersuchte ich die Redaktion des
"Volk"
, den Urwisch ohne weitern Kommentar abzudrucken. Die Redaktion fügte jedoch hinter den Abdruck die Bemerkung:

"Obiger Wisch rührt von einem verbummelten Subjekt namens
Abt
her, der vor acht Jahren zu Genf von einem Ehrengericht deutscher Flüchtlinge einstimmig verschiedner ehrloser Handlungen schuldig befunden ward." (Nr. 6 des
"Volk"
vom l l. Juni 1859.)

Die Redaktion des
"Volk"
hielt Abt für den Verfasser von Vogts Urwisch; sie vergaß, daß die Schweiz zwei Richmonds im Felde hatte,
neben einem Abt einen Vogt
.

Der "Gemeinste der Gemeinen" also erfand im Frühjahr 1851 die
"Bürstenheimer"
, die Vogt seinem Feldmarschall im Herbst 1859 abmaust. Die süße Gewohnheit des Plagiats verfolgt ihn instinktiv aus der naturhistorischen Buchmacherei in die polizistische hinüber. Der Genfer Arbeiterverein war eine Zeitlang präsidiert von dem Bürstenmacher
Sauernheimer
. Abt halbiert Stand und Namen Sauernheimers, den einen von vorn, den andern von hinten, und aus beiden Hälften komponierte er sinnig den ganzen
"Bürstenheimer"
. Mit dieser Titulatur bezeichnete er ursprünglich außer
Sauernheimer
dessen nächsten Umgang,
Kamm
aus Bonn, Bürstenmacher seines Gewerbes, und
Ranickel
aus Bingen, Buchbindergesellen. Den Sauernheimer ernannte er zum General, den Ranickel zum Adjutanten der Bürstenheimer und Kamm zum Bürstenheimer sans phrase. Später, als zwei dem Genfer Arbeiterverein angehörige Flüchtlinge,
Imandt
(jetzt Professor am Seminar zu Dundee) und
Schily
(früher Advokat zu Trier, jetzt zu Paris), Abts Ausstoßung vor einem Ehrengericht des Vereins bewirkten, publizierte Abt ein Schimpfpamphlet, worin er den ganzen Genfer Arbeiterverein zum Rang der
"Bürstenheimer"
erhob. Man sieht also: Es gab Bürstenheimer im allgemeinen und Bürstenheimer im besondren.
"Bürstenheimer"
im allgemeinen umfaßte den Genfer Arbeiterverein, denselben Verein, von dem der in die Enge getriebene Vogt sich ein in der
"Allgemeinen Zeitung"
veröffentlichtes testimonium paupertatis erschlich und vor dem er auf allen vieren kroch bei der Schillerfeier

und Robert-Blum-Feier (1859). "Bürstenheimer" im besondren waren, wie gesagt, der mir gänzlich unbekannte Sauernheimer, der nie nach London gekommen ist; Kamm, der, von Genf ausgewiesen, nach den Vereinigten Staaten über London reiste, wo er nicht mich, sondern Kinkel aufsuchte; endlich
der
oder
das Ranickel
, der als Bürstenheimer Adjutant zu Genf verblieb, wo er sich "versammelte" um die "abgerundete Natur". Er stellt in der Tat in eigner Person das Proletariat Vogt vor. Da ich später wieder auf das
Ranickel
zurückkommen muß, hier einiges Vorläufige über das Ungetüm.
Ranickel
gehörte zu der nach dem verunglückten Heckerzug von Willich kommandierten Flüchtlingskaserne in Besançon. Er machte unter ihm die Reichsverfassungskampagne mit und flüchtete später mit ihm nach der Schweiz. Willich war sein kommunistischer Mahomet, der mit Feuer und Schwert das Millennium stiften sollte. Eitler, schwatzschweifiger, zierbengelhafter Melodramatiker, übertyrannisierte
das Ranickel
den Tyrannen.

Zu Genf wütete es in rotem Grimme gegen die "Parlamentler" im allgemeinen und drohte im besondren, ein andrer Tell, den "Land-Vogt zu erwürgen". Als es jedoch durch Wallot, Flüchtling aus den 30er Jahren und Jugendfreund Vogts, bei letzterem eingeführt worden, gerann
Ranickels
blutrünstige Denkungsart in the milk of human kindness <die Milch der Menschenliebe>. "
Der
Bube war
des Vogts
", wie Schiller sagt.

Der Bürstenheimer Adjutant ward Adjutant von General Vogt, dessen Kriegsruhm nur unterblieben ist, weil Plon-Plon für die Aufgabe, die sein "Corps de Touristes" <"Korps der Touristen"> im italienischen Feldzug zu leisten hatte, den neapolitanischen Kapitän
Ulloa
(auch General by courtesy <mit Verlaub gesagt>) für schlecht genug hielt, seinen Parolles aber für das große Abenteuer mit "der verlorenen Trommel", das am Rhein spielen wird, in Reserve hält. Im Jahre 1859 versetzte Vogt sein
Ranickel
aus dem Proletarierstand in den Bürgerstand, vermittelte ihm ein Geschäft (Kunstsachen, Buchbinderei, Schreibmaterialien) und verschaffte ihm obendrein die Klientel der Genfer Regierung. Der Bürstenheimer Adjutant ward Vogts "maid of all work" <"Mädchen für alles">, Cicisbeo, Hausfreund, Leporello, Vertrauter, Korrespondent, Austräger, Zuträger, namentlich aber auch, seit dem Sündenfall des feisten Jack, sein Aushorcher und bonapartistischer Werber unter den Arbeitern. Ein Schweizer Blatt zeigte vor einiger Zeit die Entdeckung einer dritten Igel-Spezies an, des Ran- oder Rhein-Igels, welcher die Natur des Hunds- und Schwein-Igels verbinde und in einem Nest an der Arve, dem Landsitze von Humboldt-Vogt, gefunden worden sei. War dieser Ran-Igel gemünzt auf unser
Ranickel
?

Notabene, der einzige Flüchtling in Genf, mit dem ich in Verbindung stand,
Dr. Ernst Dronke
, früher Mitredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung", jetzt Kaufmann zu Liverpool, verhielt sich gegensätzlich zur "Bürstenheimerei".

Den nachfolgenden Briefen von
Imandt
und
Schily
will ich nur noch vorherschicken, daß Imandt beim Ausbruch der Revolution die Universität verließ, um sich als Freischärler am Krieg in Schleswig-Holstein zu beteiligen. 1849 leiteten Schily und Imandt den Zeughaussturm von Prüm, von wo beide mit den erbeuteten Waffen und ihrer Mannschaft sich den Weg nach der Pfalz bahnten, um dort in die Reihen der Reichsverfassungsarmee einzutreten. Im Frühsommer 1852 aus der Schweiz verjagt, kamen sie nach London.

"
Dundee
, 5. Februar 1860

Lieber Marx!

Ich begreife nicht, wie Vogt Dich mit den Genfer Affären in Verbindung bringen kann. Es war in der dortigen Flüchtlingsschaft bekannt, daß von uns allen
nur Dronke

mit Dir in Verbindung stand. Die
Schwefelbande
existierte vor meiner Zeit, und der einzige dazugehörige Name, dessen ich mich erinnere, ist
Borkheim.
Die
Bürstenheimer
waren der Genfer Arbeiterverein. Der Name verdankt seinen Ursprung dem
Abt
. Der Verein war damals eine Pflanzschule des Willichschen Geheimbundes, in dem ich als Präses fungierte. Als Abt auf meinen Antrag vom Arbeiterverein, zu dem viele Flüchtlinge gehörten, als infam des Umgangs der Flüchtlinge und der Arbeiter unwürdig erklärt ward, veröffentlichte er kurz nachher ein Pasquill, worin er Schily und mich der absurdesten Verbrechen zieh. Daraufhin brachten wir die ganze Angelegenheit in einem andern Lokal und vor ganz andern Personen wieder vor. Zum Beweis der von ihm geschriebenen Verleumdungen aufgefordert, wies er unser Ansinnen ab, und ohne daß ich oder Schily nötig hatten, irgend etwas zu unsrer Verteidigung zu sagen, stellte
Dentzer
den Antrag, den Abt für einen infamen Verleumder zu erklären. Der Antrag ging zum zweiten Mal einstimmig durch, diesmal in einer Flüchtlingsversammlung, die fast ausschließlich aus Parlamentlern bestand. Es tut mir leid, daß mein Bericht so äußerst dürftig ist, aber es ist das erste Mal seit 8 Jahren, daß ich wieder an
den Dreck

denke. Ich möchte nicht dazu verurteilt sein, darüber zu schreiben, und
ich werde mich höchlichst wundern, wenn es Dir möglich sein wird, in eine solche Sauce Deine Hand zu stecken
.

Adieu

Dein Imandt"

Ein bekannter russischer Schriftsteller <Nikolai Iwanowitsch Sasonow>, während seines Aufenthalts zu Genf mit Herrn Vogt sehr befreundet, schrieb mir im Sinne der Schlußzeilen des obigen Briefes:

"Paris, 10 Mai 1860

Mon cher Marx!

J’ai appris avec la plus vive indignation les calomnies qui ont été répandues sur votre compte et dont j’ai eu connaissance par un article de la
'Revue contemporaine',
signé
Edouard Simon
. Ce qui m’a particulièrement étonné c’est que Vogt, que je ne croyais ni bête, ni méchant, aît pu tomber dans l’abaissement moral que sa brochure révèle. Je n’avais besoin d’aucun témoignage pour être assuré, que vous étiez incapable de basses et sales intrigues, et il m’a été d’autant plus pénible de lire ces diffamations que dans le moment même où on les imprimait, vous donniez au monde savant la première partie du beau travail qui doit renouveler la science économique et la fonder sur des nouvelles et plus solides bases ... Mon cher Marx, ne vous occupez plus de toutes ces misères; tous les hommes sérieux, tous les hommes consciencieux sont pour vous, mais ils attendent de vous autre chose que des polémiques stériles; ils voudraient pouvoir

étudier le plus tôt possible la continuation de votre belle œuvre. - Votre succès est immense parmi les hommes pensants et s’il vous peut être agréable d’apprendre le retentissement que vos doctrines trouvent en Russie, je vous dirai qu’au commencement de cette année le professeur <I. K. Babst>

- a fait à Moscovie un cours public d’économie politique dont la première leçon n’a pas été autre chose que la paraphrase de votre récente publication. Je vous adresse un numéro de la
'Gazette du Nord'
, où vous verrez cornbien votre nom est estimé

dans mon pays. Adieu, mon cher Marx, conservez-vous en bonne santé

et travaillez comme par le passé, à éclairer le monde, sans vous préoccuper des petites bêtises et des petites lâchetés. Croyez a l’amitié de votre dévoué ..."

<"Mein lieber Marx! Mit tiefster Entrüstung erfuhr ich von den Verleumdungen, die über Sie ausgestreut worden sind und von denen ich durch einen von
Edouard Simon
gezeichneten Artikel in der
'Revue contemporaine’
Kenntnis erlangt habe. Was mich besonders verwundert hat, ist, daß Vogt, den ich weder für dumm noch für boshaft hielt, moralisch so tief sinken konnte, wie seine Broschüre es offenbart. Es bedurfte für mich keines Beweises, um überzeugt zu sein, daß Sie niedriger, schmutziger Intrigen nicht fähig sind, und es war mir um so peinlicher, diese Verleumdungen lesen zu müssen, als Sie in dem gleichen Augenblick, in dem sie gedruckt wurden, der gelehrten Welt den ersten Teil der ausgezeichneten Arbeit

schenkten, die die ökonomische Wissenschaft erneuern und sie auf neue, solidere Grundlagen stellen soll ... Mein lieber Marx, geben Sie sich mit all diesen elenden Nichtigkeiten nicht mehr ab; alle ernsthaften Menschen, alle gewissenhaften Menschen sind für Sie, aber sie erwarten von Ihnen etwas anderes als unfruchtbare Auseinandersetzungen; sie möchten so bald wie möglich die Fortsetzung Ihres schönen Werkes studieren können. Ihr Erfolg bei den denkenden Menschen ist ungeheuer, und falls es Ihnen angenehm sein sollte, den Widerhall kennenzulernen, den Ihre Lehren in Rußland finden, so will ich Ihnen sagen, daß Professor ... zu Beginn dieses Jahres in Moskau eine Reihe öffentlicher Vorlesungen über politische Ökonomie gehalten hat, deren erste nichts anderes war als eine Wiedergabe Ihrer jüngsten Veröffentlichung. Ich übermittle Ihnen eine Nummer der
'Gazette du Nord’
, aus der Sie ersehen werden, welch hohe Wertschätzung Ihr Name in meiner Heimat genießt. Leben Sie wohl, lieber Marx, bleiben Sie gesund und arbeiten Sie wie bisher an der Aufklärung der Welt, ohne sich auf kleinliche Albernheiten und kleine Niederträchtigkeiten einzulassen. Seien Sie der Freundschaft versichert Ihres ergebenen ...">

Auch
Szemere
, der ungarische Exminister, schrieb mir: "Vaut-il la peine que
vous
vous occupiez de toutes ces bavardises?" <Ist es der Mühe wert, daß
Sie
sich mit diesem Gewäsch befassen?">

Warum ich trotz dieser und ähnlicher Abmahnungen meine Hand - um in Imandts Kraftsprache zu reden - in Vogts Sauce gesteckt habe, findet man in der Vorrede kurz angedeutet.

Also zu den
Bürstenheimern
zurück. Den folgenden Brief
Schilys
drucke ich wörtlich ab, auch das nicht auf den "Hammel" Bezügliche. Jedoch habe ich die schon durch Borkheims Brief vorweggenommenen Mitteilungen

über die Schwefelbande abgekürzt und andre Stellen für einen
spätern
Platz aufbewahrt, da ich "meinen angenehmen Gegenstand" einigermaßen artistisch behandeln muß und also nicht alle Geheimnisse auf einmal ausplaudern darf.

"Paris, den 8. Februar 1860

46, Rue Lafayette

Lieber Marx!

Sehr angenehm war es mir, durch Dein Schreiben vom 31. v.M. ein direktes Lebenszeichen von Dir zu erhalten, und findest Du mich um so mehr bereit, Dir die verlangte Auskunft über die fraglichen Genfereien zu erteilen, als ich Dir proprio motu darüber schreiben wollte. Daß Vogt Dich, wie Du schreibst, mit Dir gänzlich Unbekannten zusammenwirft, war nämlich nicht nur meine, sondern auch sämtlicher hiesigen Genfer Bekannten erste Betrachtung, als wir uns gelegentlich darüber besprachen, und so übernahm ich es denn zur Steuer der Wahrheit, Dir über 'Bürstenheimer’, 'Schwefelbande’ etc. das Geeignete mitzuteilen. Sonach wirst Du also begreifen, daß Deine beiden Fragen: '1. Wer waren die Bürstenheimer, was trieben sie? 2. Wer war die Schwefelbande, aus welchen Elementen bestand sie, was trieb sie?’ mir grade recht kamen. Zuerst muß ich Dir aber einen Verstoß gegen die chronologische Ordnung vorhalten, denn hiernach gebührt die Priorität der
Schwefelbande
. Wollte Vogt dem deutschen Philister den Teufel an die Wand malen oder gar mit Schwefel auf das Haupt brennen und sich 'gleichzeitig einen Jux machen’, so hätte er doch wahrlich teuflischere Gestalten zu Typen nehmen sollen als jene harmlosen, fidelen Kneipgenies, die wir Senioren der Emigration in Genf scherzweise und ohne jeden unliebsamen Nebengedanken unter dem Namen Schwefelbande begriffen und die diese Bezeichnung ebenso arglos hinnahmen. Es waren heitre Musensöhne, die ihre examina und exercitia practica in den verschiednen süddeutschen Putschen, zuletzt in der Reichskampagne, absolviert hatten und sich nun für den erlittenen Durchfall mit ihren Examinatoren und Exerziermeistern im Roten in Genf für spätere Reassumption des Geschäfts stärkten ... Namentlich bleibt selbstredend von der Bande ausgeschlossen, wer entweder gar nicht oder erst nach ihrer Sprengung in Genf ankam. Dieselbe war nämlich reinste Lokal- und Tagesblüte (Schwefelblüte wäre also das Sublimat eigentlich zu nennen), jedoch, und wahrscheinlich wegen ihres revolutionsduftigen 'Rummeltipuff', von zu starkem Geruch für die eidgenössischen Bundesnerven, denn: Druey blies und die Blume flog nach allen Winden. Erst geraume Zeit nachher kam
Abt
, und mehrere Jahre später
Cherval
, nach Genf, wo sie dufteten 'Ein jegliches nach seiner Art’, aber beileibe nicht, wie Vogt behauptet, in jenem längst zerrissenen, längst verdufteten, längst vergessenen Bukett.

Das Treiben der Bande resümiert sich so ziemlich in den Worten:
Arbeiten im Weinberg des Herrn
. Daneben betrieben sie die Redaktion des 'Rummeltipuff mit dem Motto: 'Bleibe im Lande und nähre Dich
rötlich
’, worin sie sich mit Geist und Humor über Gott und die Welt lustig machten, falsche Propheten signalisierten, Parlamenter geißel-

ten (inde irae <daher der Zorn>), dabei sich und uns, die Hospitanten, auch nicht schonten, sondern alle und alles, Freund und Feind mit anerkennenswerter Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit karikierten.

Daß sie mit Dir in keiner Verbindung standen, daß sie Deinen Bundschuh nicht trugen, brauche ich Dir nicht zu sagen. Das kann ich Dir aber auch nicht verhehlen, daß diese Fußbekleidung nicht nach ihrem Geschmack gewesen sein würde. Landsknechte der Revolution, schlenderten sie einstweilen im Pantoffel des Waffenstillstands herum, bis jene sie wieder reaktivieren und sie mit ihrem eignen Kothurn (Meilenstiefel des entschiedenen Fortschritts) reequipieren würde; und der wäre ihnen übel angekommen, der ihnen die siesta mit Marxscher Staatsökonomie, mit Arbeiterdiktatur etc. hätte beeinträchtigen wollen. Du lieber Gott!
Die
Arbeit, die
die
taten, erheischte höchstens einen Kneippräses, und ihre ökonomischen Studien drehten sich um den pot und dessen
rötliche
Füllung. 'Das Recht der Arbeit’, meinte einmal Hospitant Backfisch, ein ehrsamer Hufschmied aus dem Odenwalde, 'sei schon ganz recht, aber mit der Pflicht zur Arbeit solle man ihm vom Leibe bleiben.’ ...

Lassen wir also den so freventlicherweise gelüfteten Grabstein der Schwefelbande wieder zurückfallen. Ein Hafis müßte eigentlich zur Bannung jeder weiteren Grabesschändung der Bande das Requiescat in pace <Sie ruhe in Frieden> singen. Mangels dessen empfange sie hiermit pro viatico et epitaphio <als letzte Ölung und Grabschrift> den Nachruf: 'Sie alle haben Pulver gerochen’, während ihr sakrileger Historiograph es nur bis zur Schwefelriecherei gebracht hat.

Die
Bürstenheimer
tauchten erst auf, als die Schwefelbanditen nur mehr in der Sage, in den Registern Genfer Philister und in den Herzen Genfer Schönen, traditionell fortlebten. Bürsten- und Buchbinder Sauernheimer, Kamm, Ranickel etc. gerieten in Streit mit Abt; für jene lebhaft Partei ergreifend, wurden Imandt, ich und andre auch von diesem angefeindet. Abt wurde demnach in einer Generalversammlung, zu welcher Flüchtlingsschaft und Arbeiterverein als cour des pairs <Adelsgericht>, resp. als haute cour de justice <Obergerichtshof> zusammengetreten waren, vorgeladen, wo er denn auch erschien und seine gegen diesen und jenen geschleuderten Anschuldigungen nicht nur nicht aufrechterhielt, sondern unumwunden erklärte, selbige rein aus der Luft gegriffen zu haben, als Repressalien gegen die aus demselben Element konstituierten Beschuldigungen seiner Gegner:
'Wurst wider Wurst, Repressalien halten die Welt zusammen!’ -
meinte er. Nachdem er nun dieses Wurstsystem wacker durchplädiert und hohe Pairs von dessen praktischem Werte gründlich überzeugt hatte und hierauf betreffs der gegen ihn gerichteten Anklagen Beweise beigebracht worden, wurde er der böswilligen Verleumdung geständig, der ihm sonst imputierten Missetaten überführt erklärt und demnach in Acht und Bann getan. En revanche <Aus Rache>

nannte er nun die hohen Pairs, ursprünglich nur die obengesagten Zunftgenossen, 'Bürstenheimer’, wie Du siehst, eine glückliche Kombination aus Namen und Stand des Erstgenannten derselben, den Du also als Ahnherrn derer von Bürstenheim zu verehren hast, ohne Dich jedoch diesem Geschlechte, möge es nun die Zunft oder die Pairie <den Adelsstand> in sich begreifen, ein- oder auch nur

anreihen zu dürfen; denn wisse, daß diejenigen unter ihnen, welche sich mit 'Organisation der Revolution’ beschäftigten, es nicht als Deine Anhänger, sondern als Deine Gegner taten; indem sie Willich als ihren Gott-Vater oder doch als ihren Papst verehrten, Dich aber als ihren Antichrist oder Gegenpapst verketzerten, so daß Dronke, der als Dein einziger Anhänger und legatus a latere <Kardinal-Beauftragter> im Diözesansitz Genf galt, von allen Konzilien, mit Ausnahme der önologischen <weinkundlichen>, wo er primus inter pares <der Erste unter Gleichen>

war, ferngehalten wurde. Aber auch die Bürstenheimerei war wie die Schwefelbande reinste Ephemeride und zerstob vor dem gewaltigen Odem Drueys.

Daß nun ein Schüler Agassiz’ sich in diese Genfer Emigrations-Fossilien verrennen und so fabelhafte Naturhistörchen wie die in seiner Broschüre aufgetischten daraus zutage fördern konnte, muß in bezug auf die species Bürstenheimerana um so mehr verwundern, als er grade hiervon ein Prachtspecimen in Gestalt eines Mastodon aus der Ordnung der Wiederkäuer in der Person des Ur-Bürstenheimers
Ranickel
in seinem zoologischen Kabinett zur Verfügung hat. Die Rumination scheint also nicht richtig vor sich gegangen oder nicht richtig von besagtem Schüler studiert worden zu sein ...

Da hast Du nun alles, was Du verlangt hast, et au delà <und noch etwas mehr>. Nun möchte ich aber auch etwas von Dir verlangen, nämlich Deine Meinung über Einführung einer Erbquote pro patria, vulgo <für's Vaterland, mit anderen Worten>

den Staat, als Hauptfinanzquelle. unter Beseitigung der auf den unbemittelten Klassen lastenden Steuern und natürlich nur gegen bedeutende Sukzessionen gerichtet ... Neben dieser Erbquote beschäftigen mich noch zwei deutsche Institute: 'Zusammenlegung der Grundstücke’ und 'Hypothekenversicherung’, die ich hierzulande zum Verständnis bringen möchte, woran es durchaus fehlt, wie denn überhaupt die Franzosen, mit wenigen Ausnahmen, jenseits des Rheins nur Nebulosen und Sauerkraut sehen. Eine Ausnahme machte vor einiger Zeit das
'Univers’
, als es, über die Zerstückelung des Grundeigentums über die Gebühr lamentierend, richtig hinzufügte: 'Il serait désirable qu’on appliquât immédiatement les remèdes énergiques, dont une partie de l’Allemagne s’est servie avec avantage: le remaniement obligatoire des propriétés partout où les 7/10 des propriétaires d’une commune réclament cette mesure. La nouvelle répartition facilitera le drainage, l’irrigation, la culture rationnelle et la voirie des propriétés <Es wäre zu wünschen, daß sofort wirksame Mittel angewendet werden, wie man sich ihrer in einem Teile Deutschlands mit Erfolg bedient hat: die zwangsweise Neuordnung der Grundstücke überall da, wo 7/10 der Grundeigentümer einer Gemeinde diese Maßnahme verlangen. Die Neuverteilung wird die Entwässerung, die Bewässerung, den rationellen Ackerbau und die Anlage von Wegen auf den Grundstücken erleichtern.>’. Darauf kommt nun das
'Siecle’
, schon im allgemeinen etwas kurzsichtig, in Betrachtung deutscher Zustände im besondren aber total starmätzig, vermöge seines selbstgefällig, à la Diogenes mit dem durchlöcherten Kleide, zur Schau getragenen Chauvinismus, welches Mus es tagtäglich seinen Abonnenten als Patriotismus aufwärmt; selbiger Chauvin nun, nachdem er dem
'Univers’,
seiner bête noire <seinen schwarzen Mann>, den obligaten Morgengruß gebracht: 'Propriétaires ruraux, suivez ce conseil! Empressez-

vous de réclamer le remaniement obligatoire des propriétés;
dépouillez les petits au profit des grands
. O fortunatos nimium agricolas - trop heureux habitants des campagnes - Sua si bona - s’ils connaissaient l’avantage à remanier obligatoirement la propriété. <'Ländliche Eigentümer, folgt diesem Rat! Beeilt euch, die zwangsweise Neuordnung der Grundstücke zu fordern;
plündert die Kleinen zum Vorteil der Großen aus
. O fortunatos nimium agricolas - O ihr allzu glücklichen Landbewohner - Sua si bona - wenn sie wüßten, wie vorteilhaft es ist, das Grundeigentum zwangsweise neu zu ordnen!’> Als wenn bei einer Abstimmung der Eigentümer
nach Köpfen
die großen über die kleinen prävalierten.

Im übrigen lasse ich Gottes Wasser über Gottes Land laufen, gebe dem Kaiser was des Kaisers und Gott was Gottes ist, respektive selbst 'des Teufels Anteil’, und verbleibe somit in alter Freundschaft

Dein
Schily
"

Aus den bisherigen Mitteilungen folgt, daß, wenn zu Genf 1849/1850 eine "Schwefelbande", 1851/1852 "Bürstenheimer" existierten, zwei Gesellschaften, die nichts miteinander und nichts mit mir gemein hatten, dagegen die von unserm Parlamentsclown enthüllte Existenz der "
Schwefelbande

oder
Bürstenheimer
" Stoff von seinem Stoff ist, eine
Lüge
auf der 4ten Potenz, "bergdick wie der Vater, der sie gebar". Man denke sich einen Historiker, der die Schamlosigkeit hätte zu berichten: Zur Zeit der ersten französischen Revolution war eine Anzahl Leute bekannt unter dem Namen des
"Cercle social"
oder auch
unter dem nicht weniger charakteristischen der
"Jakobiner"
.

Was nun Leben und Taten seiner von ihm komponierten "Schwefelbande oder Bürstenheimer" betrifft, vermied unser Bruder Lustick allen Aufwand an Produktionskosten. Ich will ein einziges Beispiel anführen:

"Eine der Hauptbeschäftigungen der Schwefelbande", erzählt der Abgerundete seinem erstaunten Philisterpublikum, "war, Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß sie den Ausbeutungsversuchen nicht mehr widerstehen und Geld zahlen mußten" (auch eine schöne Gegend, "sie
mußten
den Ausbeutungsversuchen
nicht mehr
widerstehen"), "damit die Bande das Geheimnis ihrer Kompromittierung bewahre. Nicht
einer
,
Hunderte
von Briefen sind von diesen Menschen" (nämlich den Vogtschen homunculis) "nach Deutschland geschrieben worden, welche die unverhüllte Losung enthielten, daß man die Beteiligung an diesem oder an jenem Akte der Revolution denunzieren werde, wenn nicht bis zu einem gewissen Zeitpunkte eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse gelange." (p. 139 des "Hauptbuchs".)

Warum ließ Vogt nicht
"einen"
dieser Briefe drucken? Weil die "Schwefelbande"
"Hunderte"
schrieb. Wären Drohbriefe so wohlfeil wie Brom-

beeren, Vogt würde schwören, daß wir keinen Drohbrief haben sollen. Wenn morgen vor ein Ehrengericht des Grütlivereins geladen, um Aufschluß über die "Hunderte" von "Drohbriefen" zu geben, würde er statt eines Briefes eine Weinflasche aus dem Gürtel ziehen, die Zunge schnalzen, ein Schnippchen schlagen und unter baucherschüttern der Silenus-Lache mit seinem Abt ausrufen: "Wurst wider Wurst, Repressalien halten die Welt zusammen."

[Herr Vogt - Teil 5]

II. Die Bürstenheimer
IV. Techows Brief

III. Polizistisches

"Welch' Neues Unerhörtes hat der Vogt

Sich ausgesonnen!" (
Schiller
)

"Ich spreche es unverhohlen aus", spricht Vogt und wirft sich in seine ernsthafteste Schalksnarrenpositur, "ich spreche es unverhohlen aus: Jeder, der sich mit Marx und seinen Genossen in irgendeiner Weise in politische Umtriebe einläßt, fällt früher oder später der Polizei in die Hände; diese Umtriebe sind von Anfang an der geheimen Polizei verraten, bekannt und werden von dieser ausgebrütet" (die Umtriebe, scheint es, sind Eier, und die Polizei ist die Gluckhenne, die sie ausbrütet), "sobald es Zeit scheint. Die Anstifter Marx u. Co. sitzen natürlich unerreichbar in London" (wahrend die Polizei auf den Eiern sitzt),
"Um Belege dieser Behauptung hin ich nicht verlegen."
(S. 166, 167 des "Hauptbuchs".)

Vogt ist nicht
"verlegen"
, Falstaff war nie
"verlegen"
.
"Verlogen"
, soviel ihr wollt, aber
"verlegen"
?

Also deine "Belege", Jack, deine "Belege".

1. Selbstgeständnis

"
Marx
sagt selbst in seiner 1853 veröffentlichten Broschüre
'Enthüllungen über den Kommunistenprozeß in Köln'
S. 77: 'Der proletarischen Partei stand nach 1849 wie vor 1848 nur
ein
Weg offen - der Weg der
geheimen Verbindung
. Seit 1849 [entstanden] daher auf dem Kontinente eine ganze Reihe geheimer proletarischer Verbindungen,
von der Polizei entdeckt
, von den Gerichten verdammt, von den Gefängnissen durchbrochen, von den Verhältnissen
stets wieder neu hergestellt
.' Euphemistisch" (sagt Vogt) "nennt sich
Marx
hier ein 'Verhältnis'." (S. 167 des "Hauptbuchs".)

Marx also sagt, "die Polizei habe seit 1849 eine ganze Reihe geheimer Verbindungen entdeckt", die die Verhältnisse wiederhergestellt hätten. Vogt sagt,
Marx
, nicht die "Verhältnisse", habe die "geheimen Verbindungen wiederhergestellt". Also hat Vogt den Beleg geliefert, daß, sooft Badinguets Polizei die Marianne

entdeckte, Marx sie im Einverständnis mit Pietri wieder zusammenwob,

"
Marx
sagt
selbst
!" Ich will nun im Zusammenhang zitieren, was Marx selbst sagt:

"Seit der Niederlage der Revolution von 1848/49 verlor die proletarische Partei auf dem Kontinent, was sie während jener kurzen Epoche ausnahmsweise besaß:
Presse
,
Redefreiheit und Assoziationsrecht
, d.h. die
legalen Mittel
der Partei-Organisation. Die bürgerlich-liberale wie die kleinbürgerlich-demokratische Partei fanden in der sozialen Stellung der Klassen, die sie vertreten, trotz der Reaktion die Bedingungen, unter der einen oder der andern Form zusammenzuhalten und ihre Gemeininteressen mehr oder minder geltend zu machen.
Der proletarischen Partei stand
nach 1849 wie vor 1848 nur
ein
Weg offen, der Weg der
geheimen Verbindung
. Seit 1849 [entstanden]
daher
auf dem Kontinent eine ganze Reihe geheimer proletarischer Verbindungen, von der Polizei entdeckt, von den Gerichten verdammt, von den Gefängnissen durchbrochen, von den Verhältnissen stets wieder neu hergestellt. Ein Teil dieser geheimen Gesellschaften bezweckte direkt den Umsturz der bestehenden Staatsmacht. Es war dies berechtigt in
Frankreich
... Ein andrer Teil der geheimen Gesellschaften bezweckte die Parteibildung des Proletariats, ohne sich um die bestehenden Regierungen zu kümmern. Es war dies notwendig in Ländern wie
Deutschland
... Kein Zweifel, daß auch hier die Mitglieder der proletarischen Partei an einer Revolution gegen den Status quo sich von neuem beteiligen würden,
aber es gehörte nicht zu

ihrer

Aufgabe
,
diese Revolution vorzubereiten
,
für sie zu agitieren
,
zu konspirieren
,
zu komplottieren
...
Der 'Bund der Kommunisten' war daher keine konspiratorische Gesellschaft
..." (S. 62, 63 "
Enthüllungen etc
.",
Bostoner Ausgabe
.).

Aber auch die bloße "Propaganda" stempelt der grausame Land-Vogt zum Verbrechen, natürlich mit Ausnahme der von Pietri und Laity geleiteten Propaganda. "Agitieren, Konspirieren, Komplottieren" sogar erlaubt der Land-Vogt, aber nur wenn ihr Zentralsitz im Palais Royal, bei Herzens-Heinz, Heliogabal Plon-Plon. Aber "Propaganda" unter den Proletariern! Pfui doch!

In den "Enthüllungen" fahre ich nach der oben zitierten und von Instruktionsrichter Vogt so sinnvoll verstümmelten Stelle fort wie folgt:

"Es versteht sich, daß eine solche geheime Gesellschaft" (wie der
Bund der Kommunisten
) " [...] wenig Reiz haben konnte für Individuen, die einerseits ihre persönliche Unbedeutendheit unter dem Theatermantel von Konspirationen aufspreizen, andrerseits ihren bornierten Ehrgeiz am Tage der nächsten Revolution befriedigen, vor allem aber augenblicklich wichtig scheinen, an der Beute der Demagogie teilnehmen und von den demo-

kratischen Marktschreiern bewillkommt sein wollten. Von dem
Bunde der Kommunisten
sonderte sich daher eine Fraktion ab oder wurde eine Fraktion abgesondert, wie man will, die, wenn auch nicht wirkliche Konspirationen, doch den
Schein
der Konspiration und daher direkte Allianz mit den demokratischen Tageshelden verlangte - die Fraktion Willich-Schapper. Charakteristisch für sie, daß Willich mit und neben
Kinkel
als entrepreneur <Unternehmer>

des deutsch-amerikanischen Revolutions-Anleihe-Geschäfts figuriert." (S. 63, 64)

Und wie übersetzt Vogt diese Stelle in sein "euphemistisches" Polizei-Kauderwelsch?

Man höre:

"Solange
beide
(Parteien) noch gemeinsam wirkten, arbeiteten sie,
wie Marx ja selbst sagt
, in Stiftung geheimer Gesellschaften und
Kompromittierung von Gesellschaften und von einzelnen
auf dem Festlande
." (S. 171.)

Nur vergißt der feiste Schlingel das Blatt der
"Enthüllungen"
zu zitieren, wo Marx dies
"ja selbst sagt"
. "Egli è bugiardo e padre di menzogna." <"Er sei voll Trug und aller Lügen Väter">

2. Revolutionstag von Murten

"Karl der Kühne", der "kühne Karl", vulgo Karl Vogt, liefert anjetzt die Niederlage bei Murten.

"Arbeiter und Flüchtlinge in großer Zahl wurden so weit beschwatzt und bearbeitet" - nämlich von
Liebknecht
-, "daß endlich [...]
ein Revolutionstag
nach Murten ausgeschrieben wurde. Dorthin sollten sich
heimlich
die Delegierten der Zweigvereine begeben, dort wollte man beraten über die
letzte Organisation des Bundes
und über den
definitiven Zeitpunkt der Schilderhebung
. Alle Vorbereitungen waren höchst
geheim
gehalten worden, die Zusammenrufungen
nur
durch Vertraute des Herrn Liebknecht und durch Korrespondenten desselben besorgt worden. Die Delegierten kamen von
allen
Seiten in Murten zusammen,
zu Fuß
,
zu Schiff und zu Wagen
, und wurden augenblicklich von Gensd'armen in Empfang genommen, die zum voraus wußten, was, woher und auf
welche Weise
. Die ganze
auf diese Weise
aufgehobene Gesellschaft wurde eine Zeitlang im Augustinerkloster in Freiburg eingesperrt und dann nach England und Amerika transportiert. Herr Liebknecht wurde mit ganz
besondrer
Rücksicht behandelt." (S. 168, "Hauptbuch".)

"Herr Liebknecht" hatte Struves Septemberputsch von 1848 mitgemacht, saß dann in badischen Gefängnissen bis nach Mitte Mai 1849,

kam frei infolge der badischen Militärinsurrektion, trat als Gemeiner in die badische Volks-Artillerie, wurde von Vogts Freund Brentano wieder als Rebeller in die Kasematten von Rastatt geworfen, schloß sich nach abermaliger Befreiung, während der Reichsverfassungskampagne, an die von Johann Philipp Becker kommandierte Truppendivision an und überschritt schließlich mit Struve, Cohnheim, Korn und Rosenblum die französische Grenze, von wo sie sich nach der Schweiz begaben. Mir waren "Herr Liebknecht" und seine Schweizer "Revolutionstage" damals noch unbekannter als die Kneiptage bei Wirt Benz in der Keßlerstraße zu Bern, wo die Tafelrunde der Parlamentler die von ihnen selbst in der Paulskirche gehaltenen Reden sich noch einmal mit vielem Vergnügen vorschnurrten, die künftigen Reichsposten numeriert untereinander verteilten und sich die harte Nacht des Exils verkürzen ließen durch die Lügen, Schwänke, Zoten und Aufschneidereien Karls des Kühnen, der nicht ohne Anflug von Humor und mit Anspielung auf eine altdeutsche Märe sich damals eigenhändig das Patent als
"Reichs-Wein-Schwelg"
ausstellte. Das "Mär" beginnt mit den Worten:

"Swaz ich trinken's hân gesëhen,

daz ist gar von kinden geschëhen:

ich hân einen swëlch gesëhen,

dem wil ich meisterschefte jëhen.

Den dûhten becher gar entwiht

ër wolde näpf noch kophe niht.

ër tranc ûz grozen kannen.

ër ist vor allen mannen

ein vorlauf allen swëlhen

von ûren und von ëlhen

wart solcher slünd nie niht getân."

<"Was ich an Trinken hab' gesehen,

ist Kinderspiel, kann nicht bestehen

vor einem Schwelger, den ich getroffen;

der hat wohl meisterlich gesoffen.

Ihn dünkten Becher nicht genug,

er mochte weder Napf noch Krug,

er trank aus großen Kannen.

Er hob von allen Mannen

den größten aller Kelche.

Selbst Wisente und Elche

haben solche Schlucke nie getan.">

Doch zurück zum "Revolutionstag" von Murten. "Revolutionstag"! "
Letzte
Organisation des Bundes"! "Zeitpunkt der Schilderhebung"! "
Höchst geheimgehaltene
Vorbereitungen"! "Ganz
geheime
Zusammenkunft von allen Seiten zu Fuß, zu Schiff, zu Wagen." Der "kühne Karl" hat offenbar nicht umsonst die in meinen "Enthüllungen" bloßgelegte Methode Stieber studiert.

Der Tatbestand ist einfach der: Liebknecht war - Anfang 1850 - Präsident des Genfer Arbeitervereins. Er schlug eine Verbindung unter den damals ganz zusammenhangslosen deutschen Arbeitervereinen in der Schweiz vor. Der Antrag ging durch. Es ward darauf beschlossen, an 24 verschiedene Arbeitervereine ein Sendschreiben zu erlassen, das sie nach Murten einlud, um dort die bezweckte Organisation und die Begründung eines gemeinschaftlichen Organs in der Presse zu besprechen. Die Debatten im Genfer Arbeiterverein, das Sendschreiben, die darauf bezüglichen Diskussionen in den 24 andern Arbeitervereinen - alles wurde
öffentlich
verhandelt und der Kongreß von Murten
öffentlich
anberaumt. Wollten die Schweizer Behörden ihn verbieten, so konnte das 4 Wochen vor seiner Abhaltung geschehen. Aber ein polizeilicher Theatercoup lag im Plane des liberalen Herrn
Druey
, der suchte, wen er verschlinge, zur Beschwichtigung der damals drohenden Heiligen Allianz. Liebknecht, der als Präsident des Arbeitervereins den Aufruf zum Kongreß unterschrieben hatte, genoß die Ehren eines Haupträdelsführers. Von den andern Delegierten getrennt, erhielt er freies Logis auf dem obersten Erker des Turmes von Freiburg, erfreute sich einer weiten Aussicht ins Freie und besaß sogar das Privilegium, täglich eine Stunde auf der Turmzinne zu lustwandeln. Das einzig Originelle an seiner Behandlung war die Isolierhaft. Sein wiederholtes Gesuch, mit den andern zusammengesperrt zu werden, ward wiederholt abgeschlagen. Vogt aber weiß, daß die Polizei ihre "moutons" <"Spione"> nicht isoliert, vielmehr als "angenehme Gesellschafter" unter das gros mischt.

Zwei Monate später wurde Liebknecht mit einem gewissen Gebert vom Freiburger Polizeidirektor nach Besançon spediert, wo er, wie sein Bundesgenosse, einen französischen Zwangspaß nach London erhielt mit der Warnung, wenn sie von der vorgeschriebenen Route abwichen, würde man sie nach Algier transportieren. Infolge dieser unvorhergesehenen Reise verlor Liebknecht den größten Teil seiner zu Genf befindlichen Effekten. Übrigens ist den Herren Castella, Schaller und den übrigen damaligen Freiburger Regierungsmitgliedern die Bemerkung geschuldet, daß Liebknecht nicht minder als alle Murtener Gefangenen durchaus human behandelt wurde. Jene Herren erinnerten sich, daß sie selbst noch vor wenigen Jahren gefangen oder flüchtig waren, und erklärten offen ihren Abscheu vor dem ihnen von Großkophta Druey auferlegten Schergendienst. Die gefangenen Flüchtlinge wurden nicht
so
behandelt, wie es die flüchtigen "Parlamentler" erwartet hatten. Ein noch in der Schweiz befindlicher

Bursche, ein gewisser H., ein Genosse der Parlamentler, fand sich daher gemüßigt, ein Pamphlet zu veröffentlichen, worin er die Gefangenen im allgemeinen und den gefangenen Liebknecht im besondren denunzierte wegen "revolutionärer" Ideen jenseits der Grenzen der parlamentarischen Vernunft. Und "Karl der Kühne" scheint noch immer untröstlich über die "ganz besondre Rücksicht", womit Liebknecht behandelt wurde.

Plagiarismus charakterisiert unsern "Kühnen" in seiner gesamten Buchmacherei. So hier. Die Schweizer Liberalen pflegten nämlich ihre Ausweisungsfußtritte unabänderlich durch die Nachrede der moucharderie gegen ihre Opfer zu "liberalisieren". Nachdem
Fazy
den
Struve
ausgewiesen hatte, denunzierte er ihn öffentlich als einen "russischen Spion". So
Druey
den
Boichot
als französischen mouchard. Ähnlich
Tourte
contra
Schily
, nachdem er letztern plötzlich auf der Straße in Genf hatte aufgreifen lassen, um ihn nach der
Tour des Prisons
<
dem Gefängnisturm
>zu Bern zu spedieren. "Le commissaire maire fédéral Monsieur Kern exige votre expulsion" <"Der kommissarische eidgenössische Bürgermeister Herr Kern verlangt Ihre Ausweisung">, erwiderte der großmächtige
Tourte
auf Schilys Frage nach der Ursache der gegen ihn verübten Brutalität.
Schily
: "Alors mettez-moi en présence de Monsieur Kern."

<"Dann stellen Sie mich Herrn Kern gegenüber">
Tourte
: "Non, nous ne voulons pas que M. le commissaire fédéral fasse la police à Genève." <"Nein, wir wollen nicht, daß der eidgenössische Kommissar in Genf Polizei spielt."> Die Logik dieser Antwort war ganz des Scharfsinns würdig, womit ebenderselbe
Tourte
, als Schweizer Gesandter zu Turin, zur Zeit, wo die Abtretung Savoyens und Nizzas bereits fait accompli war, seinem Bundespräsidenten schrieb, Cavour arbeite mit Hand und Fuß gegen diese Abtretung. Doch hatten vielleicht damals gewisse diplomatische Eisenbahnverhältnisse Tourtes normales Maß von Scharfsinn beabbrucht. Kaum saß Schily im härtesten secret <Einzelhaft> zu Bern, als Tourte seine Polizeibrutalität zu "liberalisieren" begann, indem er deutschen Flüchtlingen, z.B. dem Dr. Fink, ins Ohr raunte: "Schily habe mit Kern in geheimer Verbindung gestanden, ihm Flüchtlinge zu Genf denunziert etc." Der
"Indépendant"
von Genève zählte damals selbst unter die notorischen Sünden der Genfer Regierung "die zur Staatsmaxime erhobene systematische Verleumdung der Flüchtlinge". (Siehe Beilage 1.)

Gleich auf die ersten Reklamationen der deutschen Polizei verletzte der Schweizer Liberalismus das Asylrecht - und er hatte das Asylrecht unter der Bedingung zugesagt, daß der Rest der Revolutionsarmee keine letzte

Schlacht auf badischem Boden schlüge - durch Verjagung der sogenannten "Führer". Später kamen die "Verführten" an die Reihe. Tausende von badischen Soldaten erhielten unter falschen Vorspiegelungen Pässe in ihre Heimat, wo sie sofort von Gensd'armen in Empfang genommen wurden, die zum voraus wußten, "was, woher und auf welche Weise". Dann kamen die Drohungen der Heiligen Allianz, und mit ihnen die
Murtener
Polizeifarce. Indes wagte der "liberale" Bundesrat nicht so weit zu gehn als der "kühne Karl". Nichts von "Revolutionstag", "letzter Organisation des Bundes", "definitivem Zeitpunkt der Schilderhebung". Die Untersuchung, die man anstandshalber hatte einleiten müssen, war ins Blaue verpufft.

"Kriegsdrohungen" des Auslands und "politisch-propagandistische Tendenzen", das war alles, was der "verlegene" Bundesrat in einem offiziellen Aktenstück zu seiner Entschuldigung stotterte. (S. Beilage 2.) Die polizeilichen Großtaten des "Schweizer Liberalismus" erreichten keineswegs ihr Ende mit dem "Revolutionstag von Murten". Am 25. Januar 1851 schrieb mir mein Freund Wilhelm Wolff (der "Parlaments-Wolf", wie ihn die "Parlaments-Schafe" tauften) von Zürich:

"Der Bundesrat hat durch seine bisherigen Maßregelungen die Zahl der Flüchtlinge von 11.000 bis auf 500 herabgebracht, und er wird nicht ruhen, bis vollends alle hinausdrangseliert sind, die nicht grade ansehnliches Vermögen oder besondere Konnexionen besitzen."

Die Flüchtlinge, die für die Revolution gehandelt hatten, standen im natürlichsten Gegensatz zu den Paulskirchnern, die sie zu Tode geschwatzt hatten. Letztere nahmen keinen Anstand, ihre Gegner der Schweizer Polizei in die Hände zu spielen.

Vogts Getreuer, das Ungetüm
Ranickel
, schrieb selbst an
Schily
, nach dessen Ankunft zu London:

"Versuchen Sie doch, einige Spalten in einem belgischen Journal zu Erklärungen offen zu haben, und versäumen Sie ja nicht, den
schlechten deutschen Hunden
(Parlamentlern),
die sich zu Werkzeugen dem kröpfigen Diplomaten
(
Druey
)
verkauft
haben, den Aufenthalt in Amerika zu verbittern."

Man versteht jetzt, was "Karl der Kühne" meint mit der Phrase:

"Ich arbeitete
aus allen Kräften
dahin, die Revolutionsbummelei zu beschränken und den Flüchtlingen ein
Unterkommen
, sei es auf dem Kontinente, sei es
über dem Meer
zu verschaffen."

Man liest schon in No. 257 der "Neuen Rheinischen Zeitung" unter dem Datum:

"Heidelberg, 23. März 1849: Unser Freund
Vogt
, 'Vorkämpfer' der Linken, Reichshumorist der Gegenwart, Reichsbarrot der Zukunft, der 'treue Warner' vor der Revolution, er vereinigt sich mit - einigen Gesinnungsgenossen?

nicht doch! mit einigen Reaktionärs vom reinsten Wasser ... und zu welchem Zwecke?

Um die 'Gestalten', welche sich in Straßburg, Besançon und sonstwo an der deutschen Grenze aufhalten, nach Amerika zu befördern, respektive zu
deportieren
... Was Cavaignacs Säbelregiment als Strafe verhängt, das wollen diese Herren im Namen der christlichen Liebe ... Die Amnestie ist tot, es lebe die
Deportation
! Natürlich durfte dabei die pie fraus <der fromme Betrug> nicht fehlen, als hätten die Flüchtlinge selbst den Wunsch nach Auswanderung ausgesprochen usw. Nun aber wird den
'Seeblättern'
aus Straßburg geschrieben, daß diese Deportationsgelüste unter
allen
Flüchtlingen einen wahren Sturm des Unwillens hervorriefen usw. [...] Sie hoffen sämtlich, bald nach Deutschland zurückzukehren, und wäre es auf die Gefahr hin (wie Herr Vogt so rührend bemerkt), einem 'tollkühnen Unternehmen' sich anschließen zu müssen."

Doch genug über "Karls des Kühnen" Revolutionstag von Murten.

3. Cherval

"The virtue of this jest will be the in-

comprehensible lies that this same fat

rogue will tell us."

<"Das beste an diesem Schwank wer-

den die überschwenglichen Lügen sein,

die der besagte fette Schuft uns erzählen wird.">

In meinen "Enthüllungen über den Kommunistenprozeß zu Köln" handelt ein eignes Kapitel vom
Komplott Cherval
. Ich zeige darin nach, wie Stieber mit Cherval (Pseudonym für Crämer) als Instrument, mit Carlier, Greif und Fleury als Geburtshelfern, das sog. deutsch-französische Septemberkomplott in Paris zur Welt brachte
(1)
, um dem vom "Kölner Anklage-Senat" gerügten Mangel an
"objektivem Tatbestand"
für die Anklage gegen die Kölner Verhafteten abzuhelfen.

So schlagend waren die Beweise, die ich während des Kölner Pro-

zesses der Verteidigung lieferte über die gänzliche Zusammenhangslosigkeit zwischen Cherval einerseits, mir und den Kölner Angeklagten andrerseits, daß derselbe Stieber, der uns noch am 18. Oktober (1852) seinen Cherval aufgeschworen hatte, ihn am 23. Oktober 1852 (p. 29 der "Enthüllungen") schon wieder abschwor. In die Enge getrieben, gab er den Versuch auf, Cherval und sein Komplott mit uns zu identifizieren. Stieber war Stieber, aber Stieber war immer noch nicht Vogt.

Ich halte es für gänzlich nutzlos, die von mir in den "Enthüllungen" gegebenen Aufschlüsse über das sogenannte Septemberkomplott hier zu wiederholen. Anfang Mai 1852 kehrte Cherval nach London zurück, von wo er im Frühsommer 1850 aus geschäftlichen Gründen nach Paris übersiedelt war. Die Pariser Polizei ließ ihn entspringen wenige Monate nach seiner Verurteilung im Februar 1852. Zu London ward er zunächst von dem deutschen Arbeiterbildungsverein, aus dem ich und meine Freunde bereits
seit Mitte September 1850
ausgetreten waren, als politischer Märtyrer begrüßt. Jedoch dauerte diese Täuschung nicht lange. Seine Pariser Heldentaten klärten sich bald auf, und noch im Laufe desselben Monats Mai 1852 stieß man ihn in öffentlicher Sitzung als infam aus dem Verein aus. Die Kölner Angeklagten, eingekerkert seit Anfang Mai 1851, saßen noch immer in Untersuchungshaft. Aus einer Notiz, die der Spion
Beckmann
in sein Organ, die
"Kölnische Zeitung"
, von Paris gesandt hatte, ersah ich, daß die preußische Polizei einen Zusammenhang zwischen Cherval, seinem Komplott und den Kölner Angeklagten nachträglich zu schmieden suche. Ich schaute daher nach Notizen über Cherval um. Es traf sich, daß letzterer im Juli 1852 Herrn von R. <Rémusat>, ehemaligem Minister unter Louis-Philippe und bekanntem eklektischen Philosophen, sich als Agent für die Orleanisten anbot. Die Verbindungen, die Herr v. R. mit der Polizeipräfektur in Paris unterhielt, befähigten ihn, von dort Auszüge aus dem dossier Cherval zu erhalten. In dem französischen Polizeiberichte wurde Cherval bezeichnet als Cherval nommé Frank, dont le véritable nom est Crämer <Cherval, auch genannt Frank, sein wirklicher Name ist Crämer>. Er habe längere Zeit als Agent des Fürsten Hatzfeldt, des preußischen Gesandten zu Paris, funktioniert; er sei der Verräter im complot franco-allemand <in der französisch-deutschen Verschwörung> und jetzt zugleich französischer Spion usw. Während der Kölner Prozeßverhandlungen teilte ich diese Notizen einem der Verteidiger, Herrn Advokat
Schneider II
, mit und ermächtigte ihn, im Notfall meine Quelle zu nennen. Als Stieber in der Sitzung vom 18. Oktober beschwor, der Irländer Cherval,

von dem er selbst angab, er habe in Aachen 1845 wegen Wechselfälschung gesessen, befinde sich stets noch in Haft zu Paris, unterrichtete ich Herrn Schneider II mit umgehender Post, daß der Rheinpreuße Crämer unter dem Pseudonym Cherval "stets" noch zu London tage, täglich mit dem preußischen Polizeilieutenant Greif verkehre und als verurteilter preußischer Verbrecher auf Reklamation der preußischen Regierung sofort von England ausgeliefert werden würde. Seine Transportation als Zeuge nach Köln hätte das ganze System Stieber über den Haufen geworfen.

Hart von Schneider II gedrängt, glaubte Stieber endlich am 23. Oktober gehört zu haben, daß Cherval aus Paris entflohen sei, verschwor jedoch hoch und teuer alle Kenntnis vom Aufenthaltsort des Irländers und dessen Allianz mit der preußischen Polizei. Cherval war damals in der Tat mit einem fixen wöchentlichen Gehalt an Greif zu London attachiert. Die durch meine Notizen im Assisenhof zu Köln veranlaßten Debatten über das "Mysterium Cherval" verjagten letztern von London. Ich hörte, er habe eine polizeiliche Missionsreise nach Jersey angetreten. Ich hatte ihn lange aus dem Gesicht verloren, als ich zufällig aus einer Genfer Korrespondenz der zu New York erscheinenden "Republik der Arbeiter" ersah, daß Cherval im März 1853 unter dem Namen
Nugent
in Genf eingesprungen und im Sommer 1854 von dort wieder entsprungen sei. Zu Genf bei Vogt traf er also ein, einige Wochen nachdem zu Basel bei Schabelitz meine ihn kompromittierenden "Enthüllungen" erschienen waren.

Kehren wir nun zur Falstaffschen Geschichtsklitterung zurück.

Vogt läßt seinen Cherval nach der Scheinflucht aus Paris
sogleich
in Genf ankommen, nachdem er ihn "wenige Monate" vor der Entdeckung des Septemberkomplotts durch den kommunistischen Geheimbund (p. 172, l.c.) aus London nach Paris hatte "herüberschicken" lassen. Wenn der Zwischenraum zwischen Mai 1852 und März 1853 so ganz verschwindet, schrumpft der Zwischenraum zwischen Juni 1850 und September 1851 in "wenige Monate" zusammen. Was hätte Stieber nicht für einen Vogt gegeben, der ihm vor den Assisen zu Köln geschworen, daß der "kommunistische Geheimbund aus London" den Cherval im Juni 1850 nach Paris geschickt habe, und was hätte ich nicht darum gegeben, den Vogt neben seinem Stieber auf der Zeugenbank schwitzen zu sehn! Angenehme Gesellschaft, der schwörende Stieber, mit seinem Vogel Greif, seinem Wermuth, seinem Goldheimchen und seinem -
Bettelvogt
. Nach Genf brachte der Vogtsche Cherval
"Empfehlungen an alle Bekannte von Marx und Comp., von welchen Herr Nugent bald unzertrennlich war"
(p. 173). Er schlägt "seine Wohnung bei der Familie eines Korrespondenten der 'Allgemeinen Zei-

tung' auf" und findet wahrscheinlich infolge der von mir erhaltenen Empfehlungen (der "Enthüllungen") Zutritt zu Vogt, der ihn als Lithograph (p. 173 [174], l.c.) beschäftigt und mit ihm gewissermaßen, wie früher mit Erzherzog Johann und später mit Plon-Plon, in "wissenschaftlichen Rappott" tritt. In dem Reichsregentschaftlichen "Kabinette"

eines Tags beschäftigt, wird "Nugent" von einem "Bekannten" als Cherval erkannt und als "Agent provocateur" angedeutet. In der Tat beschäftigte sich Nugent zu Genf nicht nur mit Vogt, sondern auch mit "Stiftung einer geheimen Gesellschaft".

"Cherval-Nugent präsidierte,
führte die Protokolle und die Korrespondenz mit London
" (p. 175, l.c.).
Er hatt
e "
einige weniger einsichtige
, sonst brave Arbeiter in das Vertrauen gezogen" (ib.), aber "unter den Mitgliedern
befand sich noch ein Affiliierter der Marrschen Clique
, den jedermann als einen verdächtigen Sendling deutscher Polizeien bezeichnete" (l.c.).

"
Alle
Bekannte" von Marx, von denen Cherval-Nugent "unzertrennlich war", verwandeln sich plötzlich in "
Einen
Affiliierten", welcher
Eine
Affiliierte seinerseits wieder in "
die
zurückgebliebenen
Marxschen Affiliierten in Genf
" auseinanderfällt (S. 176), mit denen Nugent später nicht nur "von Paris aus fortkorrespondiert", sondern sie als Magnet auch wieder nach Paris "an sich zog" (l.c.).

Also abermals der beliebte "Formwechsel" des steifleinenen "Stoffes" von Kendal-Green!

Was Cherval-Nugent mit seiner Gesellschaft bezweckte, war

"massenhafte Fabrizierung falscher Banknoten und Tresorscheine, durch deren Ausgabe der Kredit der Despoten untergraben und ihre Finanzen ruiniert werden sollten" (p. 175, l.c.).

Cherval, wie es scheint, strebte dem berühmten Pitt nach, der bekanntlich während des Antijakobinerkriegs eine Fabrik zur Verfertigung falscher französischer Assignaten nicht weit von London angelegt hatte.

"
Schon
waren verschiedene Stein- und Kupferplatten von Nugent selbst zu diesem Zwecke graviert,
schon
waren die leichtgläubigen Mitglieder des Geheimbundes bestimmt, die mit Paketen dieser" - Stein- und Kupferplatten? - nein,
"dieser falschen Banknoten" -
(die Banknoten wurden natürlich verpackt, bevor sie fabriziert waren) - "nach Frankreich, der Schweiz und Deutschland gehen sollten" (p. 175),

aber
schon
auch stand Cicero-Vogt mit gezücktem Schwert hinter Cherval-Catilina. Es ist eignes Merkmal der Falstaffnaturen, daß sie nicht nur dick sind, sondern auch dick tun. Man sehe, wie unser Gurgelgroßlinger, der bereits die "Revolutionsbummelei" in der Schweiz beschränkt und ganzen

Schiffsladungen von Flüchtlingen
ein Fortkommen über dem Meere
verschafft hatte, wie er sich in Szene setzt, wie er sich melodramatisiert, wie er das Abenteuer von Stiebers Pariser Faustkampf (siehe "Enthüllungen"') mit Cherval verunendlicht! So lag er aus, so führt er seine Klinge!

"Der Plan dieser ganzen
Verschwörung
(S. 176, l.c.)
war in scheußlichster Weise angelegt
." "Allen Arbeitervereinen sollte nämlich Chervals Projekt in die Schuhe geschoben werden."
Schon
waren auch "vertrauliche Anfragen von seiten auswärtiger Gesandtschaften ergangen", schon wollte man "die Schweiz, besonders den Kanton Genf, kompromittieren".

Aber der Land-Vogt wachte. Er beging seine erste Schweizer-Rettung, ein Experiment, das er später mehrmals wiederholt hat und mit stets wachsendem Erfolg.

"
Ich
leugne nicht", ruft der gewichtige Mann aus, "
ich
leugne nicht, daß ich zur Vereitlung dieser
Teufeleien

mein Wesentliches
beigetragen habe; ich leugne nicht, daß ich zu diesem Zwecke die Polizei der Republik Genf in Anspruch genommen habe; ich bedaure noch heute" (untröstlicher Cicero), "das der Eifer einiger Getäuschten dem schlauen Anstifter als Warnung diente, so daß er sich vor seiner Haftnahme aus dem Staube machen konnte."

Unter allen Umständen aber hatte Cicero-Vogt die catilinarische Verschwörung "vereitelt", die Schweiz gerettet und
sein Wesentliches
, wo er das immer tragen mag, "beigetragen". Nach wenigen Wochen, wie er erzählt, tauchte Cherval wieder in Paris auf, "wo er sich durchaus nicht verbarg, sondern
öffentlich
wie jeder
Bürger
lebte" (p. 176, l.c.). Man weiß, wie
öffentlich
die Pariser Bürger (citoyens) des konterfeiten empire <nachgemachten Kaiserreichs>
leben
.

Während sich der Cherval so "öffentlich" in Paris herumtreibt, muß poor <der arme>

Vogt bei seinen Pariser Besuchen sich jedesmal verstecken, im Palais Royal, unter den Tisch von Plon Plon!

Ich bedaure nun in der Tat, auf Vogts gewaltige Zachariade den nachfolgenden Brief
Johann Philipp Beckers
setzen zu müssen. Joh. Philipp Beckers, des Veterans der deutschen Emigration, revolutionäre Wirksamkeit, vom Hambacher Feste

bis zur Reichsverfassungskampagne, worin er als Chef der V. Armeedivision focht (eine sicher nicht parteiliche Stimme, die der Berliner "Militär-Wochenschrift", enthält ein Zeugnis über seine militärische Leistung), ist zu allgemein bekannt, als daß es meinerseits eines Wortes über den Verfasser des Briefes bedürfte. Ich bemerke daher

nur, daß sein Schreiben an den mir befreundeten deutschen Kaufmann R. <Rheinländer>

zu London gerichtet war, daß J. P. Becker mir persönlich unbekannt ist und nie in politischer Beziehung zu mir stand, endlich, daß ich den Eingang des Briefs, der Geschäftliches enthält, weglasse, ebenso das meiste über "Schwefelbande" und "Bürstenheimer", das aus den frühern Mitteilungen schon bekannt ist. (Das Original des Briefes liegt bei meinen Prozeßakten in Berlin.)

"Paris, den 20. März 1860

... Dieser Tage kam mir die Broschüre Vogts contra Marx zu Gesicht. Diese Schrift hat mich um so mehr betrübt, da ich die Geschichte der sogenannten Schwefelbande und des berüchtigten Cherval, die ich durch meinen damaligen Aufenthalt in Genf ganz genau kenne, völlig entstellt und total ungerechterweise mit der politischen Wirksamkeit des Ökonomisten Marx in Beziehung gebracht sehe. Ich kenne diesen Herrn Marx weder persönlich, noch war ich mit ihm in irgendeiner Berührung, kenne dagegen den Herrn Vogt und seine Familie schon seit mehr als 20 Jahren und stehe daher in gemütlicher Beziehung dem letztern bei weitem näher; den Leichtsinn und die Gewissenlosigkeit, womit Vogt in diesen Kampf zieht, muß ich bitter beklagen und aufs entschiedenste verwerfen. Entstellte oder gar fingierte Tatsachen als Streitmittel aufzuführen, ist eines Mannes unwürdig. Es tut einem wirklich leid, wahrzunehmen, wie Vogt in seiner Leichtfertigkeit quasi selbstmörderisch eine schönere Wirksamkeit zugrunde richtet, Stellung und Ansehn blamiert und kompromittiert, und zwar selbst auch dann, wenn er von den Beschuldigungen, in napoleonischem Dienste zu sein, ganz freizusprechen wäre. Wie gern hätte ich ihm dagegen alle ehrlichen Mittel gegönnt, sich von so schweren Anklagen glänzend zu befreien. Im Hinblick dessen, was er bisher in dieser unerbaulichen Geschichte getan, drängt es mich förmlich, Ihnen einmal mitzuteilen, was es mit der sog, Schwefelbande und dem saubern Herrn Cherval für eine Bewandtnis hat, damit Sie selbst beurteilen können, inwieweit Marx für deren Dasein und Wirksamkeit irgendeine Verantwortlichkeit tragen kann.

Also ein Wort über das Entstehn und Vergehn der Schwefelbande, über welche kaum irgend jemand bessere Auskunft erteilen kann als ich. Bei meinem damaligen Aufenthalt in Genf hatte ich nicht nur durch meine Stellung von vornherein alle Gelegenheit, das Tun und Lassen der Emigration zu beobachten; sondern die allgemeine Sache im Auge, hatte ich auch als älterer Mann das spezielle Interesse, allen Bewegungen derselben mit Aufmerksamkeit zu folgen, um wo möglich vorkommendenfalls alberne Unternehmungen, die bei dem durch das Unglück so gereizten und oft verzweifelten Zustande der Gemüter so vezeihlich, zu verhüten und zu verhindern. Wußte ich doch aus 30jähriger Erfahrung, wie reichlich die Mitgift jeder Emigration mit Illusionen beschenkt ist."

(Was hier folgt, ist wesentlich antizipiert in den Briefen von Borkheim und Schily.)

"... Spaß- und spottweise nannte man nun diese wesentliche Bummelgesellschaft: die Schwefelbande. Es war dies ein Verein zufällig zusammengewürfelter Gesellen, aus dem Stegreife, ohne Präsident und Programm, ohne Statut und Dogma. An Geheimbündelei oder überhaupt an irgendein systematisch zu verfolgendes politisches oder sonstiges Ziel war kein Gedanke, nur öffentlich und zwar in überschwenglicher Offenheit und Offenherzigkeit haschten sie nach Effekt bis zum Exzesse. Noch weniger standen sie in irgendeiner Verbindung mit Marx, der seinerseits ganz sicher von ihrer Existenz nichts wissen konnte und mit dem sie zudem damals in ihren sozial-politischen Anschauungen weit auseinandergingen. Auch zeigten in jener Zeit diese Burschen einen bis zur Selbstüberschätzung ausgesprochenen Selbständigkeitsdrang, so daß sie sich schwerlich irgendeiner Autorität weder in Theorie noch in Praxis untergeordnet haben würden; sie hätten landesväterliche Mahnungen von Vogt verlacht wie tendenzielle Anweisungen von Marx verspottet. Ich war um so genauer von allem unterrichtet, was in ihrem Kreise vorging, als mein ältester Sohn mit den Haupthähnen derselben tagtäglichen Umgang pflegte ... Überhaupt dauerte der ganze Utz der bandlosen Bande kaum über die Tage des Winters von 1849 bis 1850; die Gewalt der Umstände zerstreute unsre Helden nach allen Winden.

Wer hätte ahnen sollen, daß die längst der Vergessenheit anheimgefallene Schwefelbande nach 10jährigem Schlummer von Herrn Professor Vogt wieder angezündet werden würde, um gegen vermeintliche Angreifer einen übeln Geruch zu verbreiten, den dann wohlgefällige Zeitungsschreiber quasi als elektrisch-magnetisch-sympathetische Leiter mit Wollust weitertrugen. Hat ja selbst der par excellence liberale Herr von Vincke, bei Gelegenheit der italienischen Frage, die Schwefelbande in den Mund genommen und die bescheidene preußische Kammer damit illustriert. Und hat die, sonst doch in so gutem Geruch stehende, Bürgerschaft von Breslau in sancta simplicitas <heiliger Einfalt> zu Ehren der Schwefelbande einen Fastnachtsspuk gemacht und als Symbolon ihrer Gesinnungstüchtigkeit mit Schwefelbränden die Stadt geräuchert.

Arme, unschuldige Schwefelbande! Mußtest du nach deinem seligen Ende nolens volens zu einem wahren Vulkan heranwachsen, als Butzemann schüchterne Untertanen ins Bockshorn der Polizei jagen, die Schwachköpfe aller Welt vulkanisieren, jed' verbranntes Gehirn bis auf den Stumpf verkohlen - so wie sich Vogt selbst, wie mir dünkt, das Maul für immer daran verbrannt hat.

Nun also
zu Crämer
vulgo
Cherval
. Dieser politisch-soziale und gemeine Gauner kam im Jahre 1853 nach Genf, und zwar unter dem Namen Nugent als Engländer. Es war dies der Geschlechtsname seiner angeblichen Frau, die ihn begleitete und eine wirkliche Engländerin ist. Er spricht geläufig englisch wie französisch, vermied lange Zeit deutsch zu reden, da ihm alles daran gelegen zu sein schien, für einen Stockengländer gehalten zu werden. Als geschickter Litho- und Chromograph führte er, wie

er sich rühmte, letztere Kunst in Genf ein. Im Umgange ist er gewandt, weiß gut sich geltend zu machen und vorteilhaft vorzustellen. Für Zeichnungen naturhistorischer und antiker Gegenstände fand er bei Professoren der Akademie bald hinreichende Beschäftigung. In der ersten Zeit lebte er sehr zurückgezogen, suchte später seinen Umgang faßt ausschließlich im Kreise der französischen und italienischen Flüchtlingsschaft. Ich gründete damals ein office de renseignements <Auskunftsbüro>

und ein Tagblatt: 'Le Messager du Léman', hatte als Mitarbeiter einen badischen Flüchtling namens
Stecher
, früher Vorsteher einer Realschule. Es hatte derselbe ein besondres Zeichentalent, und er trachtete zu besserm Fortkommen sich in der Chromographie auszubilden; er fand an dem Engländer Nugent seinen Lehrmeister. Stecher erzählte mir sehr oft die schönsten Dinge von dem geschickten, freundlichen und freigebigen Engländer und von der angenehmen graziösen Engländerin. Stecher war nun auch noch Gesanglehrer im Arbeiterbildungsverein, brachte gelegentlich seinen Lehrmeister Nugent dahin, wo ich das Vergnügen seiner ersten Bekanntschaft hatte und wo er sich herabließ, deutsch zu reden, und zwar so geläufig in niederrheinischer Mundart, daß ich zu ihm sagte: 'Sie sind aber Ihrer Lebtag kein Engländer.' Er bestand dennoch darauf, indem er erklärte, seine Eltern hätten ihn in früher Jugend nach Bonn in eine Erziehungsanstalt getan, wo er bis zum 18ten Jahre verweilt und sich die dortige Mundart angewöhnt habe. Stecher, der bis auf die letzte Zeit von dem 'netten' Mann entzückt war, half ihm noch, an den Engländer glauben zu machen. Mich machte dagegen dieser Vorgang gegen den angeblichen Sohn Albions sehr mißtrauisch, und ich mahnte im Kreise des Vereins zur Vorsicht. Später traf ich den Engländer in Gesellschaft französischer Flüchtlinge und kam grade dazu, als er sich seiner Heldentaten bei Pariser Aufständen rühmte. Es war dies das erste Mal, daß ich sah, daß er sich auch mit Politik beschäftige. Dies machte mir ihn noch mehr verdächtig, ich persiflierte seinen 'Löwenmut', mit dem er gefochten haben wollte, um ihm Gelegenheit zu geben, denselben nun auch mir gegenüber angesichts der Franzosen zu behaupten; da er aber meinen beißenden Spott nur mit Hundemut hinnahm, wurde er mir nun auch verächtlich.

Von nun an ging er mir völlig aus dem Wege, wo er konnte. Inzwischen veranstaltete er mit Hülfe Stechers Tanzabende im Schoß des deutschen Arbeitervereins, indem sie unentgeltlich noch einige musikalische Kräfte, einen Italiener, einen Schweizer und einen Franzosen hinzuzogen. Auf diesen Bällen traf ich denn den Engländer als wahren maitre de plaisir <Meister des Vergnügens> wieder und ganz vollständig in seinem Elemente; denn sich toll lustig zu machen und den Damen zu gefallen, stand ihm besser als sein Löwenmut. Im Arbeiterverein trieb er jedoch keine Politik, hier hat er nur gehüpft und gesprungen, gelacht, getrunken und gesungen. Indessen erfuhr ich aber von dem Goldarbeiter Fritz

aus Württemberg, daß 'der gründlich revolutionäre Engländer' einen Bund gegründet habe, der aus ihm (Fritz), noch einem Deutschen, mehreren Italienern und Franzosen, zusammen etwa aus 7 Mitgliedern, bestehe. Ich beschwor Fritz, sich mit diesem politischen Seiltänzer doch in keine ernstlichen Dinge einzulassen und sofort auszutreten und die Mitgenossen ebenfalls dazu zu veranlassen. Einige Zeit

nachher sandte mir mein Buchhändler eine Broschüre von
Marx
über den Kommunistenprozeß in Köln, worin Cherval als Crämer scharf gezeichnet und als Gauner und Verräter hart mitgenommen wurde. Gleich schöpfte ich nun Verdacht, Nugent möchte der Cherval sein, besonders weil er nach dieser Schrift vom Rhein war, was seiner Mundart entsprach, und mit einer Engländerin lebte, was ebenfalls übereinstimmte. Ich teilte meine Vermutung sofort Stecher, Fritz und andern mit und ließ die Broschüre zu diesem Behufe zirkulieren. Das Mißtrauen gegen Nugent griff rasch um sich;
die Marxsche Schrift tat ihre Wirkung
. Fritz kam alsbald zu mir, erklärend, daß er aus dem 'Bündchen' getreten sei und daß die übrigen seinem Beispiel folgen würden. Er offenbarte mir auch den geheimen Zweck desselben. Der 'Engländer' habe durch Reproduktion von Staatspapieren den Kredit der Staaten vernichten und mit dem dabei zu gewinnenden Gelde eine Europäische Revolution ins Werk setzen wollen usw. Um dieselbe Zeit hielt ein Herr Laya, ein französischer Flüchtling, früher Advokat in Paris, Vorlesungen über Sozialismus. Nugent besuchte dieselben; Laya, der in seinem Prozesse in Paris sein Verteidiger war, erkannte ihn als Cherval, was er ihm auch selbst erklärte. Nugent bat inständig, man möge ihn doch nicht verraten. Ich erfuhr diesen Tatbestand von einem französischen Flüchtling, Freund Layas, und machte sofort allenthalben Mitteilung. Nugent hatte die Frechheit, nochmals in den Arbeiterverein zu kommen, wo er als deutscher Crämer und französischer Cherval entlarvt und ausgejagt wurde. Ranickel aus Bingen soll in dieser Affäre am heftigsten auf ihn losgestürmt sein. Die Genfer Polizei wollte ihm nun noch zum Überflußsse wegen des Bündchens auf den Leib rücken, allein der Staatspapierenfabrikant war spurlos verschwunden.

In Paris beschäftigt sich derselbe mit Porzellandekoration, und da ich mich hier ebenfalls mit dem Zweige befaßte, so begegneten wir uns auf dem Wege der Geschäfte. Ich fand jedoch in ihm noch den gleichen leichtfertigen, unverbesserlichen Windbeutel.

Wie es nun aber Vogt hat wagen können, diesen Strolchen in seiner Wirksamkeit in Genf mit den Bestrebungen eines
Marx
in Beziehung zu bringen, ihn als Genossen oder Werkzeug zu bezeichnen, ist mir wirklich unbegreiflich, um so mehr, da es noch auf einen Zeitpunkt abgemünzt ist, wo Marx diesem Kerl in besagter Schrift so entschieden zu Leibe ging.
Ist es dadurch doch grade Marx, der ihn entlarvte, von Genf ausjagte, wo er nach Vogt für Marx gewirkt haben soll.

Wenn ich darüber nachdenke, wie es möglich war, daß der Naturforscher Vogt auf solche Irrwege geraten ist, so steht mir der Verstand still. Ist es nicht bedauerlich, so leichtsinnig den schönen Einfluß, den Vogt durch zufälliges Zusammenwirken von Umständen auf sich vereinigt hatte, so unfruchtbar und selbstverschwenderisch vernichtet zu sehn! Wäre es ein Wunder, wenn nach solchen Wahrnehmungen alle Welt die naturwissenschaftlichen Forschungen Vogts nur mit Mißtrauen aufnehmen und beargwöhnen würde, als möchten seine wissenschaftlichen Schlüsse mit der gleichen Leichtfertigkeit, mit demselben Mangel an Gewissenhaftigkeit, auf falsche Vorstellungen statt auf positive, gründlich erforschte Tatsachen basiert sein?

Zum Staatsmann und Gelehrten gehört mehr als Ambition, sonst konnte sogar
Crämer
beides sein.
Leider ist Vogt durch seine Schwefelbande und seinen Cherval selbst

zu einer Art Cherval herabgesunken. Und wirklich haben dieselben innere Ähnlichkeit durch ein mächtig ausgeprägtes Bedürfnis nach Wohlbehaglichkeit des Lebens, nach Sicherheit des Leibes, geselliger Lustigkeit und leichtfertigem Witzeln in ernsten Sachen ...
Ihren baldigen freundlichen Nachrichten entgegensehend, grüßt Sie mit herzlicher Ergebenheit

Ihr J. Ph. Becker

P. S. Soeben sah ich wieder in die Schrift von Vogt und fand zu meiner weitern Verwunderung, daß auch den 'Bürstenheimern' alle Ehre angetan ist. In Kürze sollen Sie nun auch wissen, welche Bewandtnis es mit dieser Bande hat ... Ferner sah ich auch noch in der Schrift, daß er behauptet, Nugent-Cherval-Crämer
sei im Auftrage von Marx nach Genf gekommen
. Ich muß deshalb noch beifügen, daß derselbe, der bis auf den letzten Augenblick seines Aufenthalts in Genf die Rolle des Engländers behauptete,
nie im entferntesten merken ließ, daß er je und irgendwo mit einem deutschen Flüchtling in Berührung gestanden habe,
wie es sonst ihm auch durchaus nicht in den Kram seines Inkognito gepaßt haben würde. Selbst noch jetzt hier, nach dem ihm weniger als damals dort daran gelegen sein dürfte, will er nicht dafür gelten und verleugnet alle Bekanntschaft mit Deutschen aus früherer Zeit. Bisher glaubte ich immer noch, Vogt habe sich leichtsinnig von andern nur mystifizieren lassen, nun kommt mir aber sein Auftreten immer mehr als boshafte Heimtückerei vor. Für ihn tut es mir nun auch weniger leid, und es dauert mich nur sein guter, braver, alter Vater, dem diese Geschichte sicherlich noch manche saure Stunde machen wird. Ich erlaube Ihnen nicht bloß, sondern ich bitte Sie hiermit im Interesse der Wahrheit und der guten Sache, im Kreise Ihrer Bekanntschaft von meinen Mitteilungen Gebrauch zu machen.

Also herzlich Ihr

J. Philipp B." (S. Beil. 3.)

4. Der Kölner Kommunisten-Prozeß

Vom Reichsregentschaftlichen "Kabinette" zu Genf nach dem Königl. pr. Assisenhof zu Köln.

"In dem Kölner Prozesse spielte
Marx
eine hervorragende Rolle." Unzweifelhaft.

"In Köln wurden
seine Bundesgenossen
beurteilt." Eingestandenermaßen.

Die Untersuchungshaft der Kölner Angeklagten hatte 1
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/
2

Jahre gewährt.

Preußische Polizei und Gesandtschaft, Hinckeldey mit seiner ganzen Sippe, Post und Magistratur, Ministerien des Innern und der Justiz, alle hatten während dieser 1
1
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2

Jahre die ungeheuersten Anstrengungen gemacht, um ein Corpus delicti zu entbinden.

Hier also in seiner Untersuchung über mein "Treiben" verfügt Vogt gewissermaßen über die Hilfsmittel des preuß[ischen] Staats und besaß sogar authentisches Material in meinen "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln", Basel 1853, von denen er ein Exemplar im Genfer Arbeiterverein vorfand, entlieh und "studierte". Diesmal also wird der Knabe Karl nicht unterlassen, mir fürchterlich zu werden. Doch nein! Diesmal wird Vogt "verlegen", entläßt ein paar seiner naturwüchsigen Dampf- und Stankkugeln
(2)
und stottert dann rückzugseifrig:

"Der Kölner Prozeß hat für uns keine besondre Bedeutung." (S. 172 des "Hauptbuchs".)

In den "Enthüllungen" konnte ich nicht vermeiden, unter andern auch Herrn
A. Willich
anzugreifen. Willich, in der "New-Yorker Criminal-Zeitung" vom 28. Oktober 1853
(3)
, beginnt seine Selbstverteidigung damit, meine Schrift als
"eine meisterhafte Kritik

des grauenhaften Verfahrens der deutschen Bundes-Zentral-Polizei"
zu charakterisieren.
J. Schabelitz
Sohn, der Verleger der Schrift, schrieb nach Empfang meines Manuskripts unter dem Datum
Basel
, den 11. Dezember 1852:

"Ihre Bloßlegung der Polizeiinfamien ist unübertrefflich. Sie haben dem jetzigen régime in Preußen ein bleibendes Denkmal gesetzt."

Er fügt hinzu, daß sein Urteil von Sachverständigen geteilt werde, und an der Spitze dieser "Sachverständigen" stand ein jetziger Genfer Freund des Herrn Karl Vogt.

Sieben Jahre nach ihrer Herausgabe veranlaßte dieselbe Schrift den mir gänzlich unbekannten Herrn Eichhoff zu Berlin - Eichhoff stand bekanntlich vor Gericht, der Verleumdung gegen Stieber angeklagt - während der Gerichtsverhandlungen zu folgender Erklärung:

"Er habe über den Kölner Kommunistenprozeß eingehende Studien gemacht und müsse seine ursprüngliche Behauptung, daß Stieber einen Meineid geleistet, nicht nur vollkommen aufrechterhalten, sondern dieselbe noch dahin ausdehnen, daß die ganze

Aussage des Stieber in jenem Prozesse falsch sei ... Die Verurteilung der Kölner Angeklagten sei nur auf Grund der Stieberschen Aussagen erfolgt ... Stiebers ganze Aussage sei ein konsequent durchgeführter Meineid." (1te Beilage der Berliner "Vossischen Zeitung"

vom 9. Mai 1860.)

Vogt selbst gesteht:

"Er (Marx) gab sich alle
erdenkliche Mühe
, den Verteidigern der Angeklagten Material und Instruktionen zur Führung des Prozesses zu übermachen ...

Wie bekannt, wurden dort" (zu Köln) "von den Agenten", Stieber, Fleury usw., "selbstgeschmiedete falsche Schriftstücke als 'Beweismittel' vorgelegt und überhaupt ein Abgrund von Verworfenheit unter diesem Polizeigesindel
aufgedeckt
, der Schaudern macht." (S. 169, 170 des "Hauptbuchs".)

Wenn Vogt seinen Haß gegen den Staatsstreich durch Propaganda für den Bonapartismus beweist, warum nicht ich "mein Einverständnis" mit der geheimen Polizei durch
Aufdeckung
ihrer abgrundlosen Verworfenheit?

Hätte die Polizei echte Beweismittel besessen, wozu falsche schmieden? Aber, doziert Professor Vogt,

"nichtsdestoweniger traf der Schlag
nur
die Marxschen Bundesmitglieder in Köln, nur die Partei Marx".

In der Tat, Polonius! Hatte der Schlag nicht vorher eine andre Partei zu Paris getroffen, traf er nachher nicht wieder eine andre Partei zu Berlin (Ladendorfscher Prozeß), wieder eine andere zu Bremen (Totenbund) usw. usw.?

Was die
Verurteilung
der Kölner Angeklagten betrifft, so will ich einen darauf bezüglichen Passus aus meinen
"Enthüllungen"
zitieren:

"Ursprünglich war die Wunder wirkende Intervention der Polizei nötig gewesen, um den reinen
Tendenzcharakter
des Prozesses zu verstecken. Die bevorstehenden Enthüllungen, so eröffnete" (der Prokurator) "Saedt die Verhandlungen - werden Ihnen, meine Herren Geschwornen, beweisen, daß der Prozeß kein Tendenzprozeß ist. Jetzt" (am Schluß der Verhandlungen) "hebt er den Tendenzcharakter hervor, um die Polizeienthüllungen vergessen zu machen. Nach der 1
1
/
2
jährigen Voruntersuchung bedurften die Geschwornen eines objektiven Tatbestands, um sich vor der öffentlichen Meinung zu rechtfertigen.

Nach der 5wöchentlichen Polizeikomödie bedurften sie der '
reinen
Tendenz', um sich aus dem tatsächlichen Schmutz zu retten. Saedt beschränkt sich daher nicht nur auf das Material, das den Anklagesenat zu dem Urteil veranlaßte: 'Es sei kein objektiver Tatbestand vorhanden.' Er geht weiter. Er sucht nachzuweisen, daß das Gesetz gegen Komplott überhaupt keinen

Tatbestand verlangt, sondern reines Tendenzgesetz ist, also die Kategorie des Komplotts nur ein Vorwand ist, um politische Ketzer in Form Rechtens zu verbrennen. Sein Versuch versprach größern Erfolg durch Anwendung des nach der Verhaftung der Angeklagten promulgierten neuen [Preußischen] Strafgesetzbuchs. Unter dem Vorwand, das Gesetzbuch enthalte mildernde Bestimmungen, konnte der servile Gerichtshof dessen retroaktive Anwendung zulassen. War aber der Prozeß ein reiner Tendenzprozeß, wozu die 1
1
/
2
jährige Voruntersuchung?

Aus Tendenz." (S. 71, 72, l.c.)

"Mit der Enthüllung des" von der preußischen Polizei selbst geschmiedeten und untergeschobenen "Protokollbuchs war der Prozeß in ein neues Stadium getreten. Es stand den Geschwornen nicht mehr frei, die Angeklagten schuldig oder nichtschuldig, sie mußten jetzt die Angeklagten schuldig finden - oder die Regierung.

Die Angeklagten freisprechen hieß

die Regierung verurteilen." (S. 70, l.c.).

Daß die damalige preuß[ische] Regierung die Situation ganz ähnlich auffaßte, bewies ein Schreiben Hinckeldeys, das er während der Kölner Verhandlungen an die preuß[ische] Gesandtschaft zu London richtete und worin es hieß, daß
"von der Entscheidung dieses Prozesses die ganze Existenz der politischen Polizei abhänge"
. Er requirierte daher eine Person, die den flüchtig gewordenen Zeugen H. <Haupt>

vor Gericht vorstellen und für die Aufführung 1.000 Tlr. Lohn erhalten sollte. Die Person war in der Tat schon gefunden, als ein neues Schreiben Hinckeldeys ankam: "Der Staatsprokurator hoffe
bei der glücklichen Zusammensetzung der Geschworenen
auch ohne weitre außerordentliche Maßregel das Schuldig zu erlangen, und er (Hinckeldey) ersuche deshalb, keine weitere Anstrengungen zu machen." (S. Beilage 4.)

Es war in der Tat diese
glückliche Zusammensetzung der Geschwornen zu Köln
, die das Regime Hinckeldey-Stieber in Preußen inaugurierte. "In Berlin werde ein Schlag geschehn, wenn die Kölner verurteilt wären", wußte das an die preußische Gesandtschaft zu London attachierte Polizeigesindel schon im Oktober 1852, obgleich die Polizeimine zu Berlin (Ladendorfsche Verschwörung) erst Ende März 1853 platzte. (S. Beilage 4.)

Das nachträgliche liberale Geheul über eine Reaktionsepoche ist stets um so lauter, je maßloser die liberale Feigheit war, die der Reaktion das Feld jahrelang unbestritten überließ. So scheiterten zur Zeit des Kölner Pro-

zesses alle meine Versuche, Stiebers Trugsystem in der liberalen preuß[ischen] Presse bloßzulegen. Sie hatte in breitspurigen Zügen auf ihre Fahne geschrieben: Sicherheit ist die erste Bürgerpflicht, und unter diesem Zeichen wirst du - leben.

5. Zentralfest der deutschen Arbeiterbildungs-Vereine zu Lausanne

(26. und 27. Juni 1859)

Unser Held flüchtet mit stets erneutem Vergnügen zurück nach - Arkadien. Wir finden ihn wieder in einem "abgelegnen Winkel der Schweiz", zu Lausanne, auf dem "Zentralfest" einer Anzahl deutscher Arbeiterbildungsvereine, das Ende Juni gefeiert wurde. Hier beging Karl Vogt seine zweite Schweizerrettung. Während Catilina zu London sitzt, donnert der Cicero von der bunten Jacke zu Lausanne:

"Jam jam intelligis me acrius vigilare ad salutem, quam te ad perniciem reipublicae." <"Du wirst jetzt schon verstehen, daß ich mit größerem Eifer auf die Rettung des Staates bedacht bin, als Du auf sein Verderben.">

Zufälligerweise existiert ein authentischer Bericht über besagtes "Zentralfest" und die während desselben von der "abgerundeten Natur" angerichtete Heldentat. Der Titel des von Herrn C. Lommel unter Vogts Mitwirkung verfaßten Berichts lautet "Das Centralfest der deutschen Arbeiterbildungsvereine in der Westschweiz (Lausanne 1859)", Genf 1859, Markus Vaney, rue de la Croix d'or. Vergleichen wir den authentischen Bericht mit dem 5 Monate später erschienenen "Hauptbuch". Der Bericht enthält die von Cicero-Vogt
"selbst gehaltene"
Rede, in deren Eingang er das Geheimnis seiner Erscheinung bei dieser Gelegenheit enthüllt. Er erscheint unter den Arbeitern, er harangiert sie, weil

"schwere Beschuldigungen in der letzten Zeit gegen ihn erhoben worden sind, die, wenn sie wahr wären, das Vertrauen zu ihm gänzlich erschüttern und
seine politische Wirksamkeit vollständig untergraben müßten
". "Ich komme", fährt er fort, "ich komme
deshalb
her, um hier ein offnes Wort gegen (obenbesagte) heimliche Schleicherei zu reden." (S. 6-7 des Berichts.)

Er ist bonapartistischer Umtriebe bezüchtigt, seine politische Wirksamkeit hat er zu retten, und seiner Gewohnheit nach wehrt er sich seiner Haut mit seiner Zunge. Nach 1
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stündigem leerem Strohdreschen gedenkt er des

Demosthenes' Mahnung, daß "Aktion, Aktion und wieder Aktion die Seele der Beredsamkeit ist".

Aber was ist Aktion? In Amerika gibt es eine kleine Bestie, das
Skunk

genannt, welches im Augenblick der höchsten Gefahr nur
eine
Defensive besitzt, seinen offensiven Geruch. Wenn angegriffen, spritzt es aus gewissen Teilen seines Leibes eine Materie, deren Naß eure Kleidungsstücke unrettbar zum Feuertod verdammt und, sollte sie gar eure Haut treffen, euch für einige Zeit aus der Gesellschaft aller menschlichen Wesen verbannt. So gräßlich offensiv ist der Geruch, daß Jäger, sobald ihre Hunde zufällig ein "Skunk" aufgescheucht, sofort Reißaus nehmen in mehr ungestümer Hast und mit größerm Schrecken, als wenn Wolf oder Tiger ihnen auf der Ferse folgten. Gegen Wolf und Tiger schützt Pulver und Blei, aber gegen das a posteriori <von hinten kommende> des "Skunk" ist kein Kraut gewachsen.

Das ist Aktion, sagt sich der im "Tierstaat" naturalisierte Redner und verspritzt folgendes Skunkartige auf seine vermeinten Verfolger:

"Vor einem aber warne ich eindringlichst, das sind die Umtriebe eines kleinen Häufleins verworfener Menschen, deren ganzes Dichten und Trachten darauf hinausgeht, den Arbeiter von seinem Berufe abzuziehn, ihn in Verschwörungen und kommunistische Umtriebe zu verwickeln und schließlich, nachdem sie von seinem Schweiße gelebt, ihn kalt" (nachdem er sich nämlich ausgeschwitzt hat) "in das Verderben zu stürzen. Auch jetzt
wieder
sucht dieses Häuflein auf alle mögliche Weise" (nur so allgemein wie möglich) "die Arbeitervereine wieder in seine trügerischen Netze zu ziehen. Was sie auch sagen mögen" (über Vogts bonapartistische Umtriebe), "seid überzeugt, daß sie nur darauf ausgehen, den Arbeiter zu ihren selbstischen Zwecken auszubeuten und ihn schließlich seinem Schicksale zu überlassen." (S. 18 des Berichts. S. B.)

Die Schamlosigkeit des "Skunk", mich und meine Freunde, die wir stets
gratis
und mit Aufopferung unsrer Privatinteressen die Interessen der Arbeiterklasse vertraten,
"vom Schweiße der Arbeiter leben zu lassen"
, ist nicht einmal originell. Nicht nur die dezembristischen mouchards haben ähnliche üble Nachrede hinter Louis Blanc, Blanqui, Raspail usw. hergeheult, sondern zu allen Zeiten und an allen Orten haben die Sykophanten der herrschenden Klasse stets in dieser infamen Weise die literarischen und politischen Vorkämpfer der unterdrückten Klassen verleumdet. (S. Beilage 5.)

Nach dieser Aktion vermag übrigens unsre "abgerundete Natur" nicht länger ihr sérieux <ihre ernste Miene> zu halten. Der Possenreißer vergleicht nun seine auf freien Füßen befindlichen "Verfolger" mit den "bei Zorndorf
gefangenen

Russen" und sich

selbst - man errate! - mit
Friedrich dem Großen
. Falstaff Vogt erinnerte sich, daß Friedrich der Große in der ersten Schlacht, der er beiwohnte, davonlief. Wieviel größer also nicht er, der davonlief, ohne einer Schlacht beizuwohnen.
(4)

Soweit das Abenteuer auf dem Zentralfest zu Lausanne nach dem authentischen Bericht. Und "danach beseh' einer" (um mit Fischart zu reden) "den klebrigen, schmarotzig klotzigen Sudelkoch und Kuchenlumpen", welchen eulenspiegelhaft-polizistischen Brei er fünf Monate später dem deutschen Philisterium auftischt.

"
Man wollte um jeden Preis eine Komplikation in der Schweiz herbeiführen
, die Politik der Neutralität ... sollte durchaus einen Stoß erhalten.
Ich wurde benachrichtigt
, daß das Zentralfest der Arbeiterbildungsvereine benutzt werden sollte, um die Arbeiter auf Bahnen zu lenken, deren Betretung sie durchaus von sich abgewiesen hatten. Man hoffte das schöne Fest benutzen zu können, um ein geheimes Komitee zu bilden, welches mit Gleichgesinnten in Deutschland in Verbindung treten und Gott weiß" (Vogt,
obgleich benachrichtigt
, weiß es nicht) "was alles
für Maßregeln
ergreifen sollte. Es gingen dumpfe Gerüchte und geheimnisvolle Mitteilungen von tätigem Eingreifen der Arbeiter in die vaterländisch-deutsche Politik.
Ich beschloß augenblicklich, mich diesen Umtrieben entgegenzusetzen
, um den Arbeitern aufs neue ans Herz zu legen, daß sie
keinerlei Vorschlägen dieser Art
ihr Ohr leihen möchten. Ich sprach öffentlich am obengenannten Schluß meiner Rede die Warnung aus etc." (S. 180, [181] des "Hauptbuchs".)

Cicero-Vogt vergißt, daß er im Anfang seiner Rede öffentlich ausgeplaudert hat, was ihn zum Zentralfest trieb - nicht die Neutralität der Schweiz, sondern die Rettung seiner eignen Haut. Keine Silbe in seiner Rede von dem beabsichtigten Attentat auf die Schweiz, von den konspiratorischen Gelüsten auf das Zentralfest, von geheimem Komitee, von dem tätigen Eingreifen der Arbeiter in die deutsche Politik, von Vorschlägen
"dieser"

oder irgendeiner "Art". Nichts von allen diesen Stieberiaden. Seine schließliche Warnung war bloß die Warnung des Ehrenmannes Sykes, der im Gerichtslokal von Old Bailey die Geschwornen warnte, den "verworfnen" Detectives, die seinen Diebstahl entdeckt hatten, doch ja kein Gehör zu schenken.

"Die unmittelbar folgenden Ereignisse", sagt Falstaff-Vogt (S. 181 des "Hauptbuchs"), "bestätigten meine
Ahnungen
." Wie,
Ahnungen
! Aber Falstaff vergißt wieder, daß er wenige Zeilen vorher nicht "geahnt" hatte, sondern "benachrichtigt" war,
benachrichtigt
von den Plänen der Verschwörer und ganz im
Detail benachrichtigt
! Und welches, du ahndungsvoller Engel du! waren die unmittelbar nachfolgenden
Ereignisse
?

"Ein Artikel der 'Allgemeinen Zeitung' schob dem Fest und dem Leben der Arbeiter Tendenzen unter, an welche diese" (nämlich das Fest und das Leben) "nicht im entferntesten dachten." (Ganz wie Vogt sie dem Murtener Kongreß und den Arbeiterverbindungen überhaupt unterschiebt.) "Auf Grund dieses Artikels und seines
Abdrucks im 'Frankfurter Journal'
erfolgte eine vertrauliche Anfrage des Gesandten eines süddeutschen Staats, in welcher dem Feste diejenige Bedeutung verliehen wurde" - die der Artikel der "Allgemeinen Zeitung" und der Abdruck des "Frankfurter Journals"

ihm
"unterschoben" -
beileibe nicht - "die es nach den vereitelten
Absichten der Schwefelbande

hätte haben sollen
."

Jawohl!
Hätte haben sollen!

Obgleich der oberflächlichste Vergleich zwischen dem Hauptbuch" und dem authentischen Bericht über das Zentralfest hinreicht zur Aufdeckung des Geheimnisses von Cicero-Vogts zweiter Schweizerrettung, wünschte ich dennoch zu vergewissern, ob nicht irgendeine - wie auch immer verdrehte - Tatsache ihm den Stoff zu seiner Kraftentwicklung geliefert. Ich wandte mich daher schriftlich an den Redakteur des authentischen Berichts, Herrn
G. Lommel
zu Genf. Herr Lommel muß mit Vogt in freundschaftlichem Verkehr gelebt haben, da er nicht nur mit dessen Beihülfe den Bericht über das Lausanner Zentralfest abfaßte, sondern auch in einer spätern Broschüre über das Schiller- und Robert-Blum-Fest zu Genf Vogts daselbst gemachtes Fiasko verschleierte. In einem Antwortschreiben vom 13. April 1860 erklärt der mir persönlich unbekannte Herr Lommel:

"
Vogts
Erzählung, er habe in Lausanne eine gefährliche Verschwörung vereitelt, ist
die hellste Fabel
oder
Lüge
; er suchte in Lausanne nur ein Lokal, um reden zu können und diese Rede nachher drucken zu lassen. In dieser 1 1/2stündigen Rede verteidigte er sich gegen den Vorwurf, er sei ein besoldeter Bonapartist. Das Manuskript liegt wohlverwahrt bei mir."

Ein zu Genf lebender Franzose, über dieselbe Vogtsche Verschwörung befragt, erwiderte kurz:

"Il faut connaître cet individu" (nämlich den Vogt), "surtout
le faiseur
,
l'homme important
, toujours hors de la nature et de la vérité." <"Man muß diesen Kerl kennen ..., der vor allem ein
Intrigant
, ein
Wichtigtuer
, immer ein unnatürlicher, unwahrer Mensch ist.">

Vogt sagt selbst S. 99 seiner sogenannten "Studien", daß er "sich nie
prophetischer
Eigenschaften gerühmt". Aber man weiß aus dem Alten Testament, daß der Esel sah, was der Prophet nicht gesehen hatte. Und so erklärt sich, wie Vogt die Verschwörung
sah
, von der ihm im November 1859 ahnte, er habe sie im Juni 1859 "vereitelt".

6. Buntes

"Wenn mich mein Gedächtnis nicht tauscht", sagt der Parlaments-Clown, "so war das Zirkular" (nämlich ein angebliches Londoner Zirkular an die Proletarier d.d. 1850) "allerdings von einem Parteigänger Marx', dem sogenannten Parlaments-Wolf, abgefaßt und wurde der hannoverschen Polizei in die Hände gespielt. - Auch jetzt wieder
taucht dieser Kanal
in der Geschichte des Zirkulars, der Vaterlandsfreunde an die Gothaer' auf." (S. 144 des . Hauptbuchs".)

Ein Kanal taucht auf! Prolapsus ani <ein Mastdarmvorfall>

etwa, naturgeschichtlicher Schäker?

Was den "Parlaments-Wolf" betrifft - und wir werden später hören, warum der Parlaments-Wolf wie ein Alp auf dem Gedächtnis des Parlaments-Clowns lastet - so hat er in der Berliner "Volks-Zeitung", "Allgemeinen Zeitung" und Hamburger "Reform" folgende Erklärung veröffentlicht:

"
Erklärung
. Manchester, 6. Februar 1860: Aus dem Brief eines Freundes ersehe ich, daß die 'National-Zeitung' (Nr. 41 d. J.) in einem auf eine Vogtsche Broschüre basierten Leitartikel folgenden Passus vors Publikum gebracht hat:

'1850 wurde eine andre
Zirkulardepesche
aus London, wie Vogt sich zu erinnern

glaubt, vom Parlaments-Wolf alias Kasematten-Wolf verfaßt, an
die Proletarier
in Deutschland versandt und gleichzeitig der hannöverschen Polizei in die Hände gespielt.' Ich habe weder die Nummer der 'National-Zeitung' noch die Vogtsche Broschüre zu Gesichte bekommen und erwidere deshalb lediglich in betreff der zitierten Stelle:

1. Im Jahre 1850 lebte ich
in Zürich
und nicht in London, wohin ich erst im Sommer 1851 übersiedelte.

2. Ich habe in meinem ganzen Leben nie eine Zirkulardepesche, weder an 'Proletarier' noch andre, verfaßt.

3. Was die Insinuation rücksichtlich der hannöverschen Polizei angeht,
so jag' ich diese schamlos erfundene Bezüchtigung hierdurch zu ihrem Urheber mit Verachtung zurück
. Ist der Rest des Vogtschen Pamphlets ebenso erstunken und erlogen wie das auf mich Bezügliche, so kann es sich den
Machwerken eines Chenu, de la Hodde
und Konsorten würdig zur Seite stellen.
W. Wolf
"

Man sieht: Wie
Cuvier
den ganzen Bau eines Tiers aus einem einzelnen Knochen, hatte
Wolff
aus einem abgerissenen Zitat das ganze Machwerk Vogt richtig herauskonstruiert. In der Tat erscheint
Karl Vogt
neben
Chenu
und
de la Hodde
als primus inter pares <Erster unter Gleichen>.

Der letzte "Beleg" des "nicht verlegenen" Vogt für meine entente cordiale <mein herzliches Einvernehmen> mit der geheimen Polizei im allgemeinen und "meine Beziehungen zu der Kreuzzeitungspartei

im besonderen" besteht darin, daß meine Frau die Schwester des preußischen Ministers a.D. Herrn von Westphalen ist. (S.194 des "Hauptbuchs".) Wie nun parieren des feisten Falstaff feige Finte?

Vielleicht verzeiht der Clown meiner Frau den kognaten preußischen Minister, wenn er erfährt, daß einer ihrer schottischen Agnaten als Rebeller im Freiheitskampf gegen Jakob II. auf dem Markte zu Edinburgh enthauptet worden ist. Vogt selbst trägt bekanntlich nur durch ein Versehen immer noch seinen eignen Kopf mit sich herum. Auf der Robert-Blum-Feier des deutschen Arbeiterbildungsvereins zu Genf (13. November 1859) berichtete er nämlich,

"wie die Linke des Frankfurter Parlaments lange unschlüssig gewesen, wen sie nach Wien schicken solle, ob Blum, ob ihn. Da habe endlich das Los, ein gezogenes Hälmchen, für oder vielmehr gegen Blum entschieden." S. 28, 29
"Die Schillerfeier zu Genf usw."
, Genf 1859.)

Am 13. Oktober reiste Robert Blum von Frankfurt nach Wien. Am 23. oder 24. Oktober traf eine Deputation der äußersten Frankfurter Linken, auf der Durchreise zum Demokratenkongreß in Berlin, in Köln ein. Ich sah die Herren, worunter sich einige mit der
"Neuen Rheinischen Zeitung"
näher liierte Parlamentler befanden. Letztere, wovon der eine während der Reichsverfassungskampagne standrechtlich erschossen ward, der andere im Exil starb, der dritte noch lebt, raunten mir unheimlich sonderbare Geschichten ins Ohr über Vogts Umtriebe mit Bezug auf Robert Blums Wiener Mission.

Jedoch

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,

Denn das Geheimnis ist mir Pflicht!

Die oben erwähnte Robert-Blum-Feier (November 1859) zu Genf war der "abgerundeten Natur" unhold. Als er das Festlokal betrat, seinen Patron James Fazy silenenhaft wohldienerisch umwatschelnd, rief ein Arbeiter: Da geht der Heinz und hinter ihm drein der Falstaff. Als er sich durch seine artige Anekdote als alter ego Robert Blums kundgab, gelang es nur mit Mühe, einige erhitzte Arbeiter von einem Sturm auf die Tribüne abzuwehren. Als er endlich, uneingedenk, wie er noch im Juni die Revolution vereitelt hatte, nun selbst "noch einmal auf die Barrikaden rief" (S. 29 der
"Schillerfeier"
), wiederholte ein neckisches Echo: "Barrikaden! - Fladen!" So richtig jedoch weiß man im Ausland Vogts Revolutionspoltereien zu würdigen, daß diesmal die sonst unvermeidliche "vertrauliche Anfrage eines süddeutschen Gesandten" unterblieb und
kein
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung" erschien.

—————

Vogts Gesamt-Stieberiade von der "Schwefelbande" bis zum "Minister a.D." verrät die Sorte Meistersänger, von der es bei Dante heißt:

Ed egli avea fatto del cul trombetta.
(5)

Fußnoten von Marx

(1)
Erst nach dem Druck der "Enthüllungen" erfuhr ich, daß de la Hodde (unter dem Namen Duprez) sowie die preußischen Polizeiagenten
Beckmann
(damals
Korrespondent der "Kölnischen Zeitung"
) und
Sommer
mitgearbeitet hatten.

(2)
"Die
Dampf-
oder
Stankkugeln
dienen vorzüglich im Minenkriege. Man arbeitet unter gewöhnlichen Leuchtkugelsatz, der aber etwas mehr
Schwefel
enthalten muß, so viel Federn, Horn, Haare und andern Unrat, als der Satz annehmen will, füllt ihn in Beutel und feuert die Kugel mit Zehrungssatz an." (
J. C. Plümicke
, "Handbuch für die Königlich Preußischen Artillerie-Offiziere", Erster Teil, Berlin 1820.)

(3)
Eine Replik veröffentlichte ich in dem Pamphlet
"Der Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein"
, New-York l854.

(4)
Kobes I. erzählt in dem von
Jacob Venedey
herausgegebenen Pamphlet "Pro domo und Pro patria gegen Karl Vogt", Hannover 1860: "Er sei Zeuge gewesen, wie der Reichsregent
Karl Vogt nicht mit dabei war
, als wir anderen, und ebenso die vier anderen Reichsregenten, die Württemberger Regierung zwangen, dem Parlament mit Säbel und Bajonett zu einem ehrenhaften Ende zu verhelfen. Es ist eine lustige Geschichte. Als die vier andern Reichsregenten den Wagen bestiegen hatten, um verabredetermaßen vor den Sitzungssaal zu fahren und hier mit dem Rumpfparlamente [...] die Brust" (Kopf hatte das Rumpfparlament bekanntlich nicht) "zu bieten, hat Karl Vogt, den Kutschenschlag schließend, dem Kutscher zugerufen: 'Fahre nur zu, der Wagen ist doch schon voll, ich komme nach!' Karl Vogt aber kam nach [-] als [...] die mögliche Gefahr vorbei war." (l.c. S. 23, 24.)

(5)
Und der nahm statt Trompete seinen Steiß.
(Kannegießer)

[Herr Vogt - Teil 6]

III. Polizistisches
V. Reichsregent und Pfalzgraf

IV. Techows Brief

 Was zieht die
"abgerundete Natur"
nun weiter aus dem

"tristo sacco

Che merda fa di quel, che si trangugia."
(1)

(Dante)

Einen Brief Techows d.d.
London, 26. August I860
:

"Ich kann zur Charakterisierung dieses Treibens" (nämlich der .Schwefelbande") "nichts Besseres tun, als hier einen Brief von einem Manne mitzuteilen, den jeder,
wer
(!) ihn irgend gekannt hat, als einen Ehrenmann anerkennen wird, und den ich mir deshalb erlauben darf zu veröffentlichen, weil er" (der Ehrenmann oder der Brief) "ausdrücklich
zur Mitteilung
" (an wen?) "bestimmt war und diejenigen Rücksichten" (auf wessen Seite?) "nicht mehr obwalten, welche früher der
Veröffentlichung
entgegentraten." (S. 141. "Hauptbuch".)

Techow

kam Ende August 1850 von der Schweiz nach London. Sein Brief ist gerichtet an den ehemaligen preuß[ischen] Lieutenant
Schimmelpfennig
(damals zu Bern) "zur Mitteilung an die Freunde", nämlich die Mitglieder der
"Zentralisation"
, einer geheimen Gesellschaft, die seit fast einem Dezennium verstorben, von deutschen Flüchtlingen in der Schweiz gestiftet, buntscheckig zusammengesetzt und stark mit parlamentarischen Elementen verquickt war, Techow gehörte zu dieser Gesellschaft, nicht so Vogt und seine Freunde. Wie also kommt Vogt in den Besitz von Techows Brief, und wer erteilte ihm die Befugnis zur Veröffentlichung?

Techow selbst schreibt mir aus Australien d.d. 17. April 1860:

"Jedenfalls habe
ich nie
Gelegenheit gehabt, Herr
Karl Vogt irgendeine Autorisation
in dieser Angelegenheit zu geben."

Von Techows "Freunden", denen der Brief mitgeteilt werden sollte, befinden sich nur noch zwei in der Schweiz. Beide mögen selbst sprechen:

E. <Emmermann>
an Schily, 29. April 1860, Ober-Egadin, Kanton Graubünden:

"Beim Erscheinen der Vogtschen Broschüre 'Mein Prozeß gegen die Allgemeine Zeitung’, worin ein Brief Techows an seine Freunde in der Schweiz d.d. 26. August 1850 abgedruckt ist, beschlossen wir, die jetzt noch in der Schweiz anwesenden Freunde Techows, unsre Mißbilligung über die
unbefugte
Publikation dieses Briefes in einem Schreiben an Vogt auszusprechen. Der Brief Techows war an Schimmelpfennig in Bern adressiert und sollte Freunden in Abschrift mitgeteilt werden ... Ich freue mich, daß wir uns insofern nicht täuschten, als keiner der Freunde Techows, keiner, der ein Recht auf seinen Brief vom 26. Aug. hat, einen solchen Gebrauch davon gemacht hat als der zufällige Besitzer desselben. Am 22. Januar wurde an Vogt geschrieben, die
unbefugte
Veröffentlichung von Techows Brief mißbilligt, gegen
jeden fernern Mißbrauch
desselben protestiert und der Brief zurückverlangt. Am 27. Januar c. antwortete Vogt: 'Der Brief Techows sei zur Mitteilung an die Freunde bestimmt gewesen, der Freund, welcher denselben in Händen gehabt, habe ihm denselben ausdrücklich zur Veröffentlichung übergeben ... und er werde den Brief nur dem zurückgeben, von dem
er
denselben erhalten habe.’"

B. <Beust>

an Schily, Zürich, 1. Mai 1860:

"Der Brief an Vogt ist nach vorheriger Verabredung mit E. von mir geschrieben worden ... R. <Ranickel> gehörte nicht zu den 'Freunden', für welche Techows Brief zur Mitteilung bestimmt war; aus dem Inhalt des Briefs aber
wußte Vogt
, daß dieser an mich mit gerichtet war, hat sich aber wohl gehütet, meine Einwilligung zur Veröffentlichung einzuholen."

Zur Auflösung des Rätsels habe ich eine Stelle aus
Schilys

oben mitgeteiltem Briefe
aufgespart. Sie lautet:

"Von diesem
Ranickel
muß ich hier sprechen, weil
durch ihn der Brief Techows in die Hände Vogts übergegangen sein muß
, ein Punkt Deiner Anfrage, den ich beinahe übersehen hätte. Dieser Brief war nämlich von Techow an seine Freunde, mit denen er in Zürich zusammen gelebt hatte, Schimmelpfennig, B., E. gerichtet worden. Als Freund von diesen Freunden und von Techow erhielt ich ihn denn ebenfalls später. Bei meiner brutal-summarischen Ausweisung aus der Schweiz (ich wurde nämlich ohne alle vorherige Ausweisung in den Straßen von Genf abgefaßt und sofort weitergeschleppt) war es mir nicht vergönnt worden, zur Ordnung meiner Sachen meine Wohnung noch einmal zu betreten. Aus dem Gefängnis zu Bern schrieb ich deshalb an einen zuverlässigen Mann nach Genf, den Schuhmachermeister Thum, er möge doch den einen oder andern meiner noch dort befindlichen Freunde (ich wußte nämlich nicht, wer etwa von diesen

gleichzeitig mit weggemaßregelt sein möchte) meine Sachen verpacken und das Beste davon mir nach Bern nachsenden lassen, den Rest aber
in einstweiligen Verwahr
nehmen, sorgfältige Sichtung meines papiernen Nachlasses empfehlend, auf daß der Sendung an mich nichts beigefügt werde, was den Transit durch Frankreich nicht aushalten könne. So geschah’s, und der Brief Techows wurde nicht beigefügt. In jenem Nachlasse befanden sich mehrere Schriftstücke, die sich auf die damalige Parlamentsmeuterei gegen das Genfer Lokalkomitee zur Verteilung der Flüchtlingsgelder (das Komitee bestand aus drei Genfer Bürgern, darunter Thum, und zwei Flüchtlingen, Becker und mir) bezogen und welche
Ranickel
infolge seiner Parteinahme für das Komitee gegen die Parlamentler genau kannte. So hatte ich denn Thum als Kassierer und Archivar des Komitees ersucht, sich jene Stücke aus meinen Papieren durch
Ranickel
heraussuchen zu lassen. Mag dieser nun, so zur Assistenz bei Sichtung meiner Papiere legitimiert, den Brief Techows in der einen oder andern Weise, etwa durch Mitteilung seitens eines der Sichter, zu Händen bekommen haben: Keinesfalls impugniere ich den
Besitzübergang
, zu unterscheiden von
Eigentums
übergang, von mir auf ihn, behaupte diesen aber auch ganz bestimmt.
Ich schrieb dann auch bald von London an Ranickel: Er möge mir den Brief schicken. Er tat’s aber nicht
; von da an datiert also seine culpa manifesta <erwiesene Schuld>, anfangs wohl nur levis <geringfügig>, dann je nach dem Grade seiner Komplizität an der unbefugten Publikation des Briefes sich zu magna <schwerer> oder maxima culpa <schwerster Schuld> oder gar zu dolus <böser Absicht> steigernd. Daß diese Publikation eine
unbefugte
, von keinem der Adressaten autorisierte, war, bezweifle ich keinen Augenblick, werde übrigens zum Überfluß deshalb an E. schreiben. Daß
Ranickel
zur Publikation die Hand bot, kann bei seiner notorischen Intimität mit Vogt auch nicht bezweifelt werden, und wenn ich nun auch diese Intimität als solche nicht im geringsten kritisieren will, so kann ich doch nicht umhin, auf deren Kontrast mit Früherem hier aufmerksam zu machen.
Ranickel
war nämlich nicht nur einer der größten Parlamentsfresser im allgemeinen, sondern äußerte in Beziehung auf den Reichsregenten im besondren die allerblutdürstigsten Gelüste: 'Erwürgen muß ich den Kerl’, schrie er, 'und sollte ich deshalb gen Bern ziehen müssen’, und mußte man ihm sozusagen die Zwangsjacke anlegen, um ihn von diesem regiciden <königsmörderischen>

Vorhaben abzuhalten. Nun es ihm aber wie Schuppen von den Augen gefallen zu sein scheint und aus dem Saulus ein Paulus geworden ist, bin ich doch begierig zu sehn, wie er sich in einer andern Beziehung herausbeißen wird, nämlich als Rächer
Europas
. Ich habe einen harten Kampf gekämpft, sagte er in jenen Tagen, wo er zwischen Amerika und Europa schwankte, nun aber ist’s glücklich vorüber, ich bleibe -
und räche mich!!
Zittre Byzanzia."

Soweit
Schilys
Brief.

Das
Ranickel
also stiebert Techows Brief aus Schilys Flüchtlingsnachlaß auf. Trotz Schilys Londoner Reklamation hält es den Brief zurück. Den so
unterschlagenen
Brief übergibt "Freund"
Ranickel
an "Freund" Vogt, und "Freund" Vogt, mit der ihm eignen Gewissenszartheit, erklärt sich zum

Druck des Briefes berechtigt, denn Vogt und
Ranickel
sind Freunde". Wer also einen Brief zur "Mitteilung" an "Freunde" schreibt, schreibt ihn notwendig für die "Freunde"
Vogt
und
Ranickel -
arcades ambo.

Ich bedaure, daß diese eigentümliche Jurisprudenz mich zu halbvergeßnen und längst verschollnen Geschichten zurückführt; aber Ranickel hat angefangen, und ich muß nachfolgen.

Der
"Bund der Kommunisten"
wurde 1836 zu Paris gestiftet, ursprünglich unter anderm Namen. Die Organisation, wie sie sich allmählich ausbildete, war diese: Eine gewisse Anzahl Mitglieder bildeten eine "Gemeinde", verschiedene Gemeinden in derselben Stadt einen "Kreis", eine größere oder geringere Anzahl Kreise gruppierte sich um einen "leitenden Kreis"; an der Spitze des Ganzen stand die "Zentralbehörde", die auf einem Kongreß von Deputierten sämtlicher Kreise gewählt, jedoch berechtigt war, sich selbst zu ergänzen und in dringenden Fällen provisorisch ihre Nachfolgerin zu ernennen. Die Zentralbehörde saß erst zu Paris, von 1840 bis Anfang 1848 zu London. Die Vorsteher der Gemeinden und Kreise, wie die Zentralbehörde selbst, wurden alle durch Wahl ernannt. Diese demokratische Verfassung, durchaus zweckwidrig für konspirierende geheime Gesellschaften, war wenigstens nicht unvereinbar mit der Aufgabe einer Propagandagesellschaft. Die Tätigkeit des "Bundes" bestand zunächst in der Stiftung öffentlicher deutscher Arbeiterbildungsvereine, und die meisten Vereine dieser Art, die noch in der Schweiz, England, Belgien und den Vereinigten Staaten existieren, wurden entweder direkt vom "Bunde" gegründet oder von ehemaligen Mitgliedern desselben ins Leben gerufen. Die Konstitution dieser Arbeitervereine ist daher überall dieselbe. Ein Tag in der Woche wurde zur Diskussion bestimmt, ein andrer für gesellschaftliche Unterhaltung (Gesang, Deklamation etc.). Überall wurden Vereinsbibliotheken gestiftet und, wo es immer tubar, Klassen errichtet für den Unterricht der Arbeiter in elementarischen Kenntnissen. Der hinter den öffentlichen Arbeitervereinen stehende und sie lenkende "Bund" fand in ihnen sowohl den nächsten Spielraum für öffentliche Propaganda, wie er andrerseits sich aus ihren brauchbarsten Mitgliedern ergänzte und erweiterte. Bei dem Wanderleben der deutschen Handwerker bedurfte die Zentralbehörde nur in seltnen Fällen der Entsendung besondrer Emissäre.

Was nun die Geheimlehre des "Bundes" selbst betrifft, so durchlief sie sämtliche Wandlungen des französischen und englischen Sozialismus und Kommunismus, wie ihrer deutschen Spielarten (Weitlings Phantasien z.B.). Seit 1839, wie schon aus dem Bluntschli-Bericht erhellt, spielte die religiöse Frage neben der sozialen die bedeutendste Rolle. Die verschiedenen

Phasen, die die deutsche Philosophie von 1839 bis 1846 durchlief, wurden im Schoße dieser Arbeitergesellschaften mit der eifrigsten Parteinahme verfolgt. Die geheime Form der Gesellschaft verdankt Paris ihren Ursprung. Der Hauptzweck des Bundes - Propaganda unter den Arbeitern in Deutschland - gebot die spätere Beibehaltung dieser Form. Während meines ersten Aufenthaltes in Paris pflegte ich persönlichen Verkehr mit den dortigen Leitern des "Bundes" wie mit den Führern der meisten französischen geheimen Arbeitergesellschaften, ohne jedoch in irgendeine dieser Gesellschaften einzutreten. Zu Brüssel, wohin mich Guizot verwiesen, stiftete ich mit Engels, W. Wolff und andern den noch bestehenden deutschen Arbeiterbildungsverein. Wir veröffentlichten gleichzeitig eine Reihe teils gedruckter, teils lithographierter Pamphlets, worin das Gemisch von französisch-englischem Sozialismus oder Kommunismus und von deutscher Philosophie, das damals die Geheimlehre des "Bundes" bildete, einer unbarmherzigen Kritik unterworfen, statt dessen die wissenschaftliche Einsicht in die ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft als einzig haltbare theoretische Grundlage aufgestellt und endlich in populärer Form auseinandergesetzt ward, wie es sich nicht um Durchführung irgendeines utopistischen Systems handle, sondern um selbstbewußte Teilnahme an dem unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Umwälzungsprozeß der Gesellschaft. Infolge dieser Wirksamkeit trat die Londoner Zentralbehörde in Korrespondenz mit uns und sandte Ende 1846 eins ihrer Mitglieder, den Uhrmacher
Joseph Moll
, der später als Revolutionssoldat auf dem Schlachtfeld in Baden fiel, nach Brüssel, um uns zum Eintritt in den "Bund" aufzufordern. Die Bedenken, die sich diesem Ansinnen entgegenstellten, schlug Moll nieder durch die Eröffnung, daß die Zentralbehörde einen Bundeskongreß nach London zu berufen beabsichtige, wo die von uns geltend gemachten kritischen Ansichten in einem öffentlichen Manifest als Bundesdoktrin aufgestellt werden sollten, daß jedoch den veralteten und widerstrebenden Elementen gegenüber unsre persönliche Mitwirkung unerläßlich, diese aber an den Eintritt in den "Bund" geknüpft sei. Wir traten also ein. Der Kongreß, auf dem die Bundesmitglieder der Schweiz, Frankreichs, Belgiens, Deutschlands und Englands vertreten waren, fand statt, und nach heftigen mehrwöchentlichen Debatten wurde das von Engels und mir abgefaßte "Manifest der Kommunistischen Partei" angenommen, das Anfang 1848 im Drucke und später in englischer, französischer, dänischer und italienischer Übersetzung erschien. Beim Ausbruch der Februarrevolution übertrug die Londoner Zentralbehörde mir die Oberleitung des "Bundes". Während der Revolutionszeit in Deutschland erlosch seine Tätig-

keit von selbst, indem nun wirksamere Wege für die Geltendmachung seiner Zwecke offenstanden. Als ich im Spätsommer 1849, nach meiner abermaligen Ausweisung aus Frankreich, in London eintraf, fand ich die Trümmer der dortigen Zentralbehörde rekonstituiert und die Verbindung mit den wiederhergestellten Kreisen des Bundes in Deutschland erneuert.
Willich
traf einige Monate später in London ein und ward auf meinen Vorschlag in die Zentralbehörde aufgenommen. Er war mir empfohlen von
Engels
, der als sein Adjutant an der Reichsverfassungskampagne teilgenommen hatte. Zur Vervollständigung der Geschichte des Bundes bemerke ich noch: Am 15. September 1850 fand eine Spaltung im Schoße der Zentralbehörde statt. Ihre Majorität, mit Engels und mir, verlegte den Sitz der Zentralbehörde nach
Köln
, wo seit lange der "leitende Kreis" für Mittel- und Süddeutschland bestand und sich außer London das bedeutendste Zentrum intellektueller Kräfte vorfand.

Wir traten gleichzeitig aus dem Londoner
Arbeiterbildungsverein
aus. Die Minorität der Zentralbehörde, mit Willich und Schapper, stiftete dagegen einen Sonderbund, der sowohl die Verbindung mit dem Arbeiterbildungsverein unterhielt als auch die seit 1848 abgebrochenen Verbindungen mit der Schweiz und Frankreich wieder aufnahm. Am 12. Nov. 1852 fand die Verurteilung der Kölner Angeklagten statt. Einige Tage später ward der Bund, auf meinen Antrag, für aufgelöst erklärt. Ein auf diese Auflösung bezügliches Schriftstück, vom November 1852 datierend, habe ich meinen Prozeßakten gegen die "National-Zeitung" beigelegt. Es ist darin als Motiv der Auflösung erwähnt, daß seit den Verhaftungen in Deutschland, also bereits seit Frühjahr 1851,
alle
Verbindung mit dem Kontinent ohnehin aufhörte, übrigens auch eine derartige Propagandagesellschaft nicht mehr zeitgemäß sei. Wenige Monate später, anfangs 1853, entschlief auch der Willich-Schappersche Sonderbund.

Die prinzipiellen Gründe der oben berührten Spaltung findet man in meinen "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß", worin ein Auszug aus dem Sitzungsprotokoll der Zentralbehörde vom 15. September 1850 abgedruckt ist. Den nächsten praktischen Anlaß bot
Willichs
Streben, den "Bund" in die Revolutionsspielereien der deutschen demokratischen Emigration zu verwickeln. Ganz entgegengesetzte Auffassung der politischen Situation verschärfte noch den Zwiespalt. Ich will nur
ein
Beispiel anführen. Willich bildete sich z.B. ein, der Zwist zwischen Preußen und Östreich, bei Gelegenheit der kurhessischen und der Bundesfrage, werde zu ernsten Konflikten führen und biete eine Handhabe zum praktischen Eingreifen der revolutionären Partei. Am 10. November 1850, kurz nach der

Spaltung des "Bundes", veröffentlichte er auch in diesem Sinne eine Proklamation: "Aux démocrates de toutes les nations", unterschrieben von der Zentralbehörde des "Sonderbundes" wie von französischen, ungarischen und polnischen Flüchtlingen. Engels und ich dagegen, wie zu lesen steht p. 174, 175 der
"Revue der Neuen Rheinischen Zeitung"
(Doppelnummer für Mai bis Oktober 1850, Hamburg), behaupteten umgekehrt:
"All dieser Lärm wird zu nichts führen ...
Ohne daß ein Tropfen Blut geflossen, werden sich die Parteien", Östreich und Preußen, in Frankfurt "zusammenfinden auf den Sesseln des Bundestags, ohne daß deshalb weder ihren Eifersüchteleien unter sich noch ihrem Hader mit ihren Untertanen, noch ihrem Verdruß
über die russische
Oberherrschaft der geringste Abbruch geschehen wird."

Ob nun
Willichs
Individualität, deren Tüchtigkeit übrigens nicht bestritten werden soll, und seine damals (1850) noch frischen Besançoner Erinnerungen grade ihn befähigten, durch den Gegensatz der Ansichten unvermeidlich gewordene und täglich erneute Konflikte "unpersönlich" aufzufassen, beurteile man aus folgendem Aktenstück:

"
Die Deutsche Kolonne zu Nancy

an den

Bürger Joh. Philipp Becker in Biel
,

Präsident des deutschen Waffenvereins 'Hilf Dir!’

Bürger!

Dir, als dem erwählten Vertreter aller deutschen flüchtigen Republikaner zeigen wir hierdurch an, daß sich in Nancy eine Kolonne deutscher Flüchtlinge gebildet, welche den Namen führt 'Deutsche Kolonne zu Nancy’. Die Flüchtlinge, welche die hiesige Kolonne bilden, sind teils solche, welche früher die Vesouler Kolonne gebildet haben, teils sind sie, die Flüchtlinge hier, ein Bestandteil der Kolonne von Besançon gewesen; der Entfernung derselben von Besançon liegen rein demokratische Ursachen zugrunde. Willich fragte nämlich in allem, was er tat, sehr selten die Kolonne um Rat; so wurden die Grundgesetze der Besançoner Kolonne nicht allgemein beraten und beschlossen, sondern von Willich a priori gegeben und in Ausführung gebracht, ohne Zustimmung der Kolonne. Ferner gab uns Willich auch a posteriori Beweise seines despotischen Charakters, durch eine Reihe Befehle, die eines Jellachich, Windischgrätz, aber keines Republikaners würdig waren. Willich gab Befehl, einem die Kolonne verlassenden Mitgliede, namens Schön, die ihm aus den Ersparnissen der Kolonne angeschafften neuen Schuhe von den Füßen zu

ziehen, nicht bedenkend, daß auch Schön an diesen Ersparnissen Anteil hatte, indem diese Ersparnisse hauptsächlich aus den 10 Sous per Mann herrührten, die von Frankreich als Subsidiengelder täglich bezahlt werden ... er wollte seine Schuhe nehmen, Willich ließ sie ihm jedoch abnehmen.

Willich schickte mehrere tüchtige Mitglieder der Kolonne wegen Kleinigkeiten, wie Fehlen beim Appell, beim Exerzieren, Zuspätkommen (abends), kleinen Streitigkeiten,
ohne Befragen
der Kolonne von Besançon weg mit dem Bemerken, sie könnten nach Afrika gehen, denn in Frankreich dürften sie nimmer bleiben, und wenn sie nicht nach Afrika gingen, würde er sie ausliefern lassen, und zwar nach Deutschland, denn dazu habe er Vollmacht von der französischen Regierung, was nachher, auf Befragen, von der Präfektur in Besançon als unwahr erklärt wurde. Willich erklärte fast jeden Tag beim Appell: Wem es nicht gefalle, der könne fortgehen, wenn er wolle, je eher je lieber, der könne nach Afrika gehen etc.; ferner stieß er einmal allgemein die Drohung aus: Wer widerspenstig sei gegen seine Befehle, der könne entweder nach Afrika gehen, oder er werde ihn nach Deutschland ausliefern lassen, was die vorbemerkte Frage bei der Präfektur zur Folge hatte. Durch diese täglichen Drohungen bekamen viele Leute das Leben in Besançon satt, wo man, wie sie sagten, täglich den Bettel vor die Füße geworfen bekam; wenn wir Sklaven sein wollen, sagten sie, können wir nach Rußland gehen oder hätten in Deutschland gar nicht anzufangen brauchen. Genug, in Besançon erklärten sie es um keinen Preis mehr aushalten zu können, ohne mit Willich in argen Konflikt zu kommen; sie gingen daher fort, da aber nirgends anders damals eine Kolonne sich befand, die sie hätte aufnehmen können, sie aber allein von 10 Sous nicht leben konnten, so blieb ihnen nichts übrig, als sich nach Afrika engagieren zu lassen, was sie auch taten. So hat Willich 30 brave Bürger zur Verzweiflung gebracht und ist schuld, daß diese Kräfte auf immer dem Vaterlande verloren sind.

Ferner war Willich so unklug, immer beim Appell seine alten Leute zu loben, die neuen aber herabzusetzen, was beständig Streit erregte, ja, Willich erklärte sogar einmal beim Appell, die Preußen seien den Süddeutschen an Kopf, Herz und Körper, oder an physischen, moralischen und intellektuellen Kräften, wie er sich ausdrückte. weit überlegen. Die Süddeutschen besaßen dagegen die Gemütlichkeit, Dummheit wollte er sagen, hatte aber nicht ganz das Herz. Dadurch hat Willich alle Süddeutschen, bei weitem die meisten, furchtbar erbittert. Zuletzt das Gröbste.

Als vor 14 Tagen die 7te Kompanie einem von Willich eigenmächtig aus der Kaserne ausgewiesenen Mitgliede, namens Baroggio, für eine Nacht noch Quartier im Zimmer zusagte und trotz Willichs Verbot in ihrem Zimmer behielt und dieses verteidigte gegen die Partisanen Willichs, fanatisierte Schneider, so befahl Willich: Man solle Stricke beibringen und die Rebellen binden. Die Stricke wurden auch wirklich beigebracht. Aber den Befehl ganz vollstrecken zu lassen, dazu reichte wohl Willichs Wille, aber nicht seine Macht hin ... Dies sind die Gründe ihres Austritts.

Nicht um Willich anzuklagen, haben wir dies hier geschrieben. Denn Willichs Charakter und Wille ist gut, und viele von uns achten ihn, aber die Art, wie er zu seinem Zwecke zu gelangen sucht, und die Mittel, die er anwendet, gefielen uns nicht alle.

Willich meint es gut. Er hält aber sich für die Weisheit und ultimo ratio und hält jeden, der ihm widerspricht, sei es auch in Kleinigkeiten, entweder für einen Dummkopf oder Verräter. Kurz, Willich erkennt keine andre Meinung als seine eigne an. Er ist ein geistiger Aristokrat und Despote, wenn er etwas für gut hält, er scheut auch dann nicht leicht ein Mittel. Aber genug hiervon, wir kennen Willich jetzt. Wir kennen seine starken und schwachen Seiten, deswegen sind wir nicht mehr in Besançon. Übrigens haben alle bei ihrer Abreise von Besançon erklärt, daß sie von Willich sich trennen, aber nicht aus dem Deutschen Waffenverein 'Hilf Dir!’ austreten.

Ebenso die Vesouler ...

Mit der Versicherung unserer Hochachtung schließen wir, Brudergruß und Handschlag von der Kolonne zu Nancy.

Angenommen in der Generalversammlung vom 13. Novbr. 1848.

Nancy, den 14. Novbr. 1848

Im Namen und Auftrag der Kolonne

Der Schriftwart B ...
"

Nun zurück zu
Techows
Brief. Das Gift seines Briefes, wie von anderm Reptil, sitzt im Schwanz, nämlich in der Nachschrift vom 3. September (1850). Sie behandelt ein Duell meines zu früh verstorbenen Freundes
Konrad Schramm
mit Herrn
Willich
. In diesem Duell, das anfangs September 1850 zu Antwerpen stattfand, figurierten
Techow
und der Franzose
Barthélemy
als Willichs Sekundanten.
Techow
schreibt an Schimmelpfennig "zur Mitteilung an die Freunde": "Jene" (nämlich Marx und sein Anhang) "haben ihren Champion
Schramm
gegen Willich losgelassen, der ihn" (Techow will sagen: den er) "mit den pöbelhaftesten Invektiven angegriffen, schließlich zum Duell gefordert hat." (p. 156, 157 des "Hptb.".)

Meine Widerlegung dieses albernen Klatsches liegt seit 7 Jahren gedruckt vor in dem früher zitierten Pamphlet
"Der Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein"
, New York 1853.

Damals lebte Schramm noch. Er, wie Willich, befand sich in den Vereinigten Staaten.

Willichs Sekundant Barthélemy war noch nicht gehangen; Schramms Sekundant, der brave polnische Offizier Miskowsky, war noch nicht verbrannt, und Herr Techow konnte sein Rundschreiben zur "Mitteilung an die Freunde" noch nicht vergessen haben.

In dem besagten Pamphlet befindet sich ein Brief meines Freundes
Friedrich Engels
, d.d.
Manchester, 23. Novbr. 1853
, worin es am Schluß heißt:

"
In der Sitzung der Zentralbehörde, wo es zwischen Schramm und Willich zur Forderung kam
, soll ich (Engels) (nach Willich) das Verbrechen begangen haben, mit Schramm kurz vor der Szene das 'Zimmer verlassen’,
also die ganze Szene vorbereitet zu haben
. Früher war es
Marx
(nach Willich),

der Schramm 'gehetzt’ haben sollte, jetzt zur Abwechslung bin
ich
es. Ein Duell zwischen einem alten, auf Pistolen eingeschossenen preußischen Lieutenant und einem Commerçant, der vielleicht nie eine Pistole in der Hand gehabt, war wahrlich eine famose Maßregel, um den Lieutenant 'aus dem Wege zu räumen’. Trotzdem erzählte Freund Willich überall, mündlich und schriftlich, wir hätten ihn erschießen lassen wollen ... Schramm war einfach wütend über Willichs schamloses Auftreten, und uns allen zur größten Überraschung zwang er ihn zum Duell. Schramm selbst hatte einige Minuten vorher keine Ahnung, daß es dazu kommen werde. Nie war eine Handlung spontaner ... Schramm entfernte sich nur (aus dem Sitzungslokal) auf persönliches Zureden von Marx, der weitern Skandal vermeiden wollte.

Fr. Engels." (p. 7 des
"Ritters etc."
)

Wie weit ich meinerseits entfernt war zu ahnen, daß
Techow

sich zum Vehikel des albernen Klatsches hergeben würde, ersieht man aus folgender Stelle desselben Pamphlets:

"Ursprünglich,
wie Techow selbst bei seiner Rückkehr nach London mir und Engels erzählte
, war Willich fest überzeugt, daß ich durch Schramms Vermittlung das Edle aus der Welt zu schaffen beabsichtige, und er schrieb diese Idee in alle Welt. Bei näherm Nachdenken fand er indes, daß ein diabolischer Taktiker wie ich unmöglich auf den Einfall kommen konnte, ihn durch ein Duell mit Schramm zu beseitigen." (p. 9, l.c.)

Was Techow Herrn Schimmelpfennig zur "Mitteilung an die Freunde" zuklatscht, klatscht er von Hörensagen nach.
Karl Schapper
, der in der später erfolgten Spaltung des Bundes für Willich Partei ergriff und Zeuge der Forderungsszene war, schreibt darüber an mich:

"5, Percy Street, Bedford Square,

27. Septbr. 1860

Lieber Marx!

Den Skandal zwischen Schramm und Willich betreffend, folgendes:

Derselbe fiel in einer Sitzung der Zentralbehörde vor und infolge eines heftigen Disputs, der sich zwischen beiden
zufällig
während der Diskussion entspann. Ich er innere mich noch recht gut, daß Du
alles
tatest, um Ruhe zu stiften und die Sache beizulegen, und daß Du über diese plötzliche Explosion ebenso erstaunt schienst als ich selbst und die übrigen anwesenden Mitglieder.

Salut

Dein Karl
Schapper
"

Schließlich will ich noch erwähnen, daß Schramm selbst einige Wochen nach dem Duell mich in einem Briefe vom
31. Dezember 1850
der
Parteilichkeit für Willich
anklagte. Die Mißbilligung, die Engels und ich ihm offen vor und nach dem Duell über dasselbe ausgesprochen, hatte ihn augenblicklich verstimmt. Dieser sein Brief und andre von ihm und Miskowsky mir über das Duell zugekommene Papiere stehn seinen Verwandten zur Einsicht offen. Sie gehören nicht vor das Publikum.

Als Konrad Schramm nach seiner Rückkehr von den Ver[einigten] Staaten Mitte Juli 1857 mich wieder in London aufsuchte, war die kecke, hochaufgeschoßne Jünglingsgestalt zusammengebrochen unter einer unheilbaren Schwindsucht, die jedoch den charaktervoll schönen Kopf nur verklärt hatte. Mit seinem eigentümlichen Humor, der ihn keinen Augenblick verließ, war das erste, was er mir lachend mitteilte, seine eigne Todesanzeige, die ein indiskreter Freund auf ein Gerücht hin bereits in einem New-Yorker deutschen Blatte veröffentlicht hatte. Auf ärztlichen Rat begab sich Schramm nach St. Hélier in Jersey, wo Engels und ich ihn zum letztenmal sahen. Schramm starb am 16. Jan. 1858. Bei seinem Leichenzug, dem die ganze liberale Bürgerschaft von St. Hélier und die gesamte dort ansässige Emigration nachfolgten, hielt
G. Julian Harney
, einer der besten englischen Volksredner, früher bekannt als Chartistenführer und mit Schramm während seines Aufenthalts zu London befreundet, die Grabrede. Schramms ungestüme tatenkühne Feuernatur, die sich nie durch Alltagsinteressen binden ließ, war durchtränkt mit kritischem Verstand, origineller Denkkraft, ironischem Humor und naiver Gemütlichkeit. Er war der Percy Heißsporn unsrer Partei.

Zurück zu dem Brief des Herrn
Techow
. Einige Tage nach seiner Ankunft in London hatte er, des Abends späte, in einem Weinhause, wo Engels, Schramm und ich ihn bewirteten, ein längeres Rendezvous mit uns. Dies Rendezvous beschreibt er in seinem Brief an Schimmelpfennig vom 26. August 1850, "zur Mitteilung an die Freunde". Ich hatte ihn früher nie gesehn und sah ihn später vielleicht noch zweimal, aber nur ganz flüchtig. Dennoch durchschaute er sofort mir und meinen Freunden den Kopf, das Herz und die Nieren und beeilt sich, hinter unserm Rücken, einen psychologischen Steckbrief in die Schweiz zu schicken, dessen geheime Vervielfältigung und Verbreitung er den "Freunden" sorglichst anempfiehlt.

Techow macht sich viel mit meinem "Herzen" zu schaffen. Großmütig folge ich ihm nicht auf dies Gebiet. "Ne parlons pas morale" <"Reden wir nicht von Moral">, wie die Pariser Grisette sagt, wenn ihr Freund Politik spricht.

Verweilen wir einen Augenblick bei dem Adressaten des Briefes vom 26. Aug., bei dem ehemaligen pr[eußischen] Lieutenant
Schimmelpfennig
. Ich kenne diesen Herrn nicht persönlich, habe ihn nie gesehn. Ich charakterisiere ihn aus zwei Briefen. Der erste Brief, den ich nur auszugsweise gebe, war von meinem Freunde W.
Steffen
, ehemaligem pr. Lieutenant und Lehrer an der Divisionsschule, an mich gerichtet und datiert von
Chester, 23. Novbr. 1853
. Es heißt darin:

"Willich hatte einmal einen Adjutanten hinübergeschickt" (nach Köln), "namens
Schimmelpfennig
. Dieser erzeigte mir die Ehre, mich rufen zu lassen, und war sehr fest überzeugt, daß er alle Verhältnisse von vornherein besser beurteilen könne als irgend jemand, der Tag für Tag den Tatsachen ins Auge sah. Er bekam daher eine sehr geringe Meinung von mir, als ich ihm mitteilte, die Offiziere der pr[eußischen] Armee würden sich nicht glücklich schätzen, unter seinem und Willichs Banner zu fechten, wären gar nicht geneigt, die Willichsche Republik citissime zu erklären. Noch mehr erzürnte er, als kein Mensch unsinnig genug war, seine fertig mitgebrachte Aufforderung an die Offiziere, sofort zu 'Das’ sich zu erklären, was er die Demokratie nannte, vervielfältigen zu wollen.

Wütend verließ er
'das von Marx geknechtete Köln’
, wie er mir schrieb, und bewirkte die Vervielfältigung dieses Blödsinns in einem andern Orte, sandte ihn an eine Menge Offiziere, und so kam es, daß das keusche Geheimnis dieser schlauen Methode, die pr[eußischen] Offiziere zu Republikanern zu machen, von dem 'Zuschauer’ der 'Kreuzzeitung’ prostituiert wurde."

Zur Zeit dieses Abenteuers war Steffen, der erst 1853 nach England kam, mir noch gänzlich unbekannt. Schlagender noch charakterisiert
Schimmelpfennig
sich selbst in dem folgenden Briefe an denselben
Hörfel
, der später als französischer Polizeiagent enthüllt wurde, die Seele des Ende 1850 von Schimmelpfennig, Schurz, Häfner und andern damaligen Freunden
Kinkels
zu Paris gestifteten Revolutionskomitees, und [der] der intimste Vertraute der beiden Matadore Schurz und Schimmelpfennig war.

Schimmelpfennig an Hörfel (zu Paris 1851):

"Hier" (zu London) "ist jetzt folgendes geschehn ... Wir haben dorthin" (nach Amerika) "an alle unsre Bekannte von Einfluß geschrieben, die Anleihe" (Kinkel-Anleihe) "dadurch vorzubereiten,
daß

sie persönlich und in der Presse vorerst einige Zeit von der Macht der Konspiration sprechen, daß sie darauf hinweisen, wie tüchtige Kräfte,
weder
von der deutschen, französischen
noch
italienischen Seite, den Kampfplatz
nie
verlassen werden." (Die Geschichte hat
keinen
Datum
nicht
?) " ...
Unsre Arbeit geht jetzt gut los
. Sobald man Personen fallenläßt, die zu hartköpfig sind, so finden sie sich nachher ein und nehmen die gestellten Bedingungen gern an. Morgen werde ich mich nun, nachdem die
Arbeit
fest und gesichert ist, mit Ruge und Haug einlassen...
Meine

soziale Lage ist wie die Deine eine sehr drückende.

Es tut not, daß unser Geschäft bald besser auf den Strumpf kommt.
" (Nämlich das Kinkelsche Revolutionsanleihegeschäft.)

Dein
Schimmelpfennig
"

Dieser Brief Schimmelpfennigs befindet sich in den von
A. Ruge
im
"Herold des Westens",
Louisville, 11. Sptbr. 1853, veröffentlichten "Enthüllungen". Schimmelpfennig, der sich schon zur Zeit dieser Veröffentlichung in den Ver[einigten] Staaten aufhielt, hat niemals gegen die Echtheit des Briefes reklamiert. Ruges "Enthüllungen" sind Abdruck eines Dokumentes
"Aus den Akten des Berliner Polizeipräsidiums"
. Das Dokument besteht aus Hinckeldeyschen Randglossen und Papieren, die entweder bei Schimmelpfennig und Hörfel zu Paris von der franz. Polizei abgefaßt oder bei dem Pastor Dulon zu Bremen aufgestiebert oder endlich während des Froschmäuslerkriegs zwischen Ruges Agitationsverein und Kinkels Emigrationsverein von den feindlichen Brüdern selbst der deutsch-amerikanischen Presse anvertraut wurden. Charakteristisch ist die Ironie, womit Hinckeldey von Schimmelpfennig sagt, er habe seine Kinkelsche Revolutionsanleihe-Missionsreise durch Preußen kurz abgebrochen, weil "er sich von der Polizei verfolgt
wähnte
"! In denselben "Enthüllungen" findet sich ein Brief von
Karl Schurz
, "dem Repräsentanten des Pariser Komitees (nämlich Hörfels, Häfners, Schimmelpfennigs usw.) in London", worin es heißt:

"Es ist gestern beschlossen worden, von der hier anwesenden Emigration, Bucher, Dr. Frank, Redz aus Wien und
Techow
, der bald hier sein wird, zu den Beratungen zuzunehmen. NB. Es ist
Techow vorläufig von diesem Beschluß

nichts weder mündlich noch schriftlich zu eröffnen, bis er hier ist." (
K. Schurz
an die "lieben Leute" zu Paris,
London, 16. April I851.
)

An einen dieser "lieben Leute", Herrn
Schimmelpfennig
, richtet
Techow

seinen Brief vom 26. August 1850 zur "Mitteilung an die Freunde". Zunächst teilt er dem "lieben Mann" von mir ganz geheimgehaltene Theorien mit, die er jedoch in unsrer einmaligen Zusammenkunft vermittelst des Sprichworts "in vino veritas" <"im Wein liegt Wahrheit">

mir sofort ablauscht.

"Ich", erzählt Herr Techow Herrn Schimmelpfennig "zur Mitteilung an die Freunde", "ich ... erklärte schließlich, daß ich sie" (Marx, Engels etc.)
"mir immer über den Unsinn eines kommunistischen Glückseligkeitsstalles à la Cabet erhaben

vorgestellt
etc." (p. l50 des "Hauptbuchs".)

Vorgestellt!
Techow
wußte
also nicht einmal das Abc unsrer Ansichten, war jedoch großmütig und herablassend genug, sie sich nicht grade als "Unsinn"
vorzustellen
.

Wissenschaftlicher Arbeiten nicht zu erwähnen, hätte er auch nur das "Manifest der Kommunistischen Partei" gelesen, das er später als meinen "Proletarier-Katechismus" kennzeichnet, so fand er darin einen ausführlichen Abschnitt unter dem Titel "Sozialistische und kommunistische Literatur" und am Schluß dieses Abschnitts einen Paragraph "Der kritisch-utopistische Sozialismus und Kommunismus", worin es heißt:

"Die eigentlich sozialistischen und kommunistischen Systeme, die Systeme Saint-Simons, Fouriers, Owens usw. tauchen auf in der ersten unentwickelten Periode des Kampfes zwischen Proletariat und Bourgeoisie, die wir oben dargestellt haben ... Die Erfinder dieser Systeme sahen zwar den Gegensatz der Klassen wie die Wirksamkeit der auflösenden Elemente in der herrschenden Gesellschaft selbst. Aber sie erblickten auf der Seite des Proletariats keine geschichtliche Selbsttätigkeit, keine ihm eigentümliche politische Bewegung. Da die Entwicklung des Klassengegensatzes gleichen Schritt hält mit der Entwicklung der Industrie, finden sie ebensowenig die materiellen Bedingungen zur Befreiung des Proletariats vor und suchen nach einer sozialen Wissenschaft, nach sozialen Gesetzen,
um diese Bedingungen zu schaffen
. An die Stelle der gesellschaftlichen Tätigkeit muß ihre persönlich erfinderische Tätigkeit treten, an die Stelle der
geschichtlichen
Bedingungen der Befreiung
phantastische
, an die Stelle der allmählich vor sich gehenden Organisation des Proletariats zur Klasse eine
eigens ausgeheckte Organisation der Gesellschaft
. Die kommende Weltgeschichte löst sich für sie auf in
Propaganda and praktische
Ausführung ihrer Gesellschaftspläne ... Die Bedeutung des kritisch-utopistischen Sozialismus und Kommunismus steht in umgekehrtem Verhältnisse zur geschichtlichen Entwicklung ... Waren daher die Urheber dieser Systeme auch in vieler Beziehung revolutionär, so bilden ihre Schüler jedesmal reaktionäre Sekten [...] und [...]
träumen
noch immer die versuchsweise Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Utopien, Stiftung einzelner Phalansterien, Gründung von Home-Kolonien,
Errichtung eines kleinen Ikariens - Duodezausgabe des neuen Jerusalems
..." ("Manifest der Kommunistischen Partei", 1848, p. 21, 22)

In den letzten Worten ist
Cabets
Ikarien oder, wie Techow es nennt, "Glückseligkeitsstall" ausdrücklich als "Duodezausgabe des neuen Jerusalems" bezeichnet,

Die eingestandene gänzliche Unbekanntschaft Techows mit den Ansichten, die Engels und ich jahrelang vor unsrer Zusammenkunft mit ihm durch den Druck bekannt gemacht hatten, ist ein Umstand, der seinen Mißverstand völlig aufklärt. Zu
seiner
eignen Charakteristik einige Beispiele:

"Er" (Marx) "lacht über die Narren, welche ihm seinen Proletarier-Katechismus nachbeten, so gut wie über die Kommunisten à la Willich, so gut wie über die Bourgeois. Die einzigen, die er achtet, sind ihm die
Aristokraten
, die reinen und die es mit Bewußtsein sind.
Um sie von der Herrschaft zu verdrängen
, braucht er eine Kraft, die er allein in dem Proletariat findet,
deshalb hat er sein System auf sie zugeschnitten
." (p. 152 des "Hauptbuchs".)

Techow "stellt" sich also "vor", ich habe einen "Proletarier-Katechismus" verfaßt. Er meint das "Manifest", worin der sozialistische und kritische Utopismus aller Sorten kritisiert und, wenn Techow will, "verlacht" wird. Nur war dies "Verlachen" nicht so einfach, wie er sich "vorstellt", sondern erheischte ein gut Stück Arbeit, wie er aus meiner Schrift gegen Proudhon
"Misère de la philosophie"
(1847) ersehn konnte. Techow "stellt" sich ferner "vor", ich habe ein
"System"
"zugeschnitten", während ich umgekehrt, auch in dem direkt für die Arbeiter bestimmten "Manifest",
alle
Systeme verwarf und an ihre Stelle "die kritische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der wirklichen gesellschaftlichen Bewegung" setzte. Eine solche "Einsicht" läßt sich aber weder nachbeten noch gleich einer Patrontasche "zuschneiden. Von seltner Naivetät ist die Auffassungsweise über das Verhältnis von Aristokratie, Bourgeoisie und Proletariat, wie Techow sie sich "vorstellt" und mir
unter
stellt.

Die Aristokratie "achte" ich, über die Bourgeoisie "lache" ich, und für die Proletarier schneide ich ein System zu", um durch sie die Aristokratie "von der Herrschaft zu verdrängen". In dem ersten Abschnitt des "Manifestes", betitelt "Bourgeois und Proletarier" (s. "Manifest", p. 11), wird ausführlich entwickelt, daß die ökonomische und daher auch, in einer oder der andern Form, die politische
Herrschaft der Bourgeoisie
die Grundbedingung ist sowohl für die Existenz des modernen Proletariats wie für die Schöpfung der "materiellen Bedingungen seiner Befreiung". Die "Entwicklung des modernen Proletariats" (siehe
"Revue der Neuen Rheinischen Zeitung"
, Januar 1850, p. 15) "ist überhaupt bedingt durch die Entwicklung der industriellen Bourgeoisie.
Unter ihrer Herrschaft
gewinnt es erst die ausgedehnte nationale Existenz, die seine Revolution zu einer nationalen erheben kann, schafft es selbst erst die modernen Produktionsmittel, welche

ebenso viele Mittel seiner revolutionären Befreiung werden.
Ihre Herrschaft
reißt erst die materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft aus und ebnet das Terrain,
worauf allein eine proletarische Revolution möglich ist
." Ich erkläre daher in derselben "Revue" jede proletarische Bewegung, an welcher sich England nicht beteiligt, für einen Sturm in einem Glase Wasser". Engels hatte schon 1845 in seiner
"Lage der arbeitenden Klasse in England"
dieselbe Ansicht entwickelt. In Ländern also, wo die Aristokratie im kontinentalen Sinn - und so verstand Techow "die Aristokratie" erst von der "Herrschaft verdrängt" werden muß, fehlt meiner Ansicht nach die erste Voraussetzung einer proletarischen Revolution, nämlich ein
industrielles Proletariat
auf nationaler Stufenleiter.

Meine Ansicht über das Verhältnis, das speziell die deutschen Arbeiter zur bürgerlichen Bewegung einnahmen, fand Techow in dem "Manifest" sehr bestimmt ausgesprochen.

"In Deutschland kämpft die kommunistische Partei, sobald die Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinbürgerei. Sie unterläßt aber keinen Augenblick, bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat herauszubilden" usw. (p. 23, "Manifest".)

Als ich wegen "Rebellion" vor einer bürgerlichen Jury zu Köln stand, erklärte ich in demselben Sinn: "In der modernen bürgerlichen Gesellschaft gibt es noch
Klassen
, aber keine
Stände
mehr. Ihre Entwicklung besteht in dem Kampfe dieser Klassen, aber diese sind vereinigt gegenüber den Ständen und ihrem gottbegnadeten Königtum." (p. 59, "
Zwei politische Prozesse
, verhandelt vor den Februar-Assisen zu Köln 1849".)

Was andres tat die liberale Bourgeoisie in ihren Aufrufen an das Proletariat von 1688 bis 1848, als "Systeme und Phrasen zuschneiden", um durch
seine
Kraft die Aristokratie von der Herrschaft zu verdrängen?

Des Pudels Kern, den Herr Techow aus meiner Geheimtheorie herausschält, wäre also der
ordinärste bürgerliche Liberalismus
! Tant de bruit pout une omelette! <Soviel Lärm um einen Eierkuchen!> Da Techow nun aber doch andrerseits wußte, daß "Marx" kein bürgerlicher Liberaler war, blieb ihm nichts übrig, als "den Eindruck mitzunehmen, daß
seine
persönliche Herrschaft der Zweck all seines Treibens ist". "All mein Treiben", welch gemäßigter Ausdruck für meine einmalige Unterredung mit Herrn Techow!

Techow vertraut seinem Schimmelpfennig ferner "für Mitteilung an die Freunde", daß ich folgende ungeheuerliche Ansicht ausgesprochen:

"Am Ende sei es ja auch ganz gleichgültig, ob dieses erbärmliche Europa zugrunde ginge, was ohne die soziale Revolution
binnen kurzem
geschehn müsse, und ob dann Amerika das alte System auf Kosten Europas ausbeute." (p. 148 des "Hauptbuchs".)

Meine Unterredung mit Techow fand Ende August 1850 statt. Im Februarheft 1850 der "Revue der Neuen Rheinischen Zeitung", also acht Monate
bevor
Techow mir dieses Geheimnis ablauschte, verriet ich dem deutschen Publikum folgendes:

"Wir kommen nun
zu Amerika
. Das wichtigste Faktum, das sich hier ereignet hat, wichtiger als die Februarrevolution, ist die Entdeckung der kalifornischen Goldgruben. Schon jetzt, nach kaum achtzehn Monaten, läßt sich voraussehen, daß diese Entdeckung viel großartigere Resultate haben wird als selbst die Entdeckung Amerikas ... Zum zweiten Mal bekommt der Welthandel eine neue Richtung... Dann wird der Stille Ozean dieselbe Rolle spielen wie jetzt der Atlantische und im Altertum und Mittelalter das Mittelländische Meer - die Rolle der großen Wasserstraße des Weltverkehrs; und der Atlantische Ozean wird herabsinken zu der Rolle eines Binnensees, wie sie jetzt das Mittelmeer spielt. Die einzige Chance, daß die europäischen zivilisierten Länder
dann
nicht in dieselbe industrielle, kommerzielle und politische Abhängigkeit fallen, in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt befinden, liegt in einer gesellschaftlichen Revolution etc." (p. [76,] 77,
"Revue"
, Zweites Heft, Februar 1850.)

Nur gehört Herrn Techow das "
binnen kurzem
zugrunde gehn" des alten Europas und die nächsten Morgen stattfindende Thronbesteigung Amerikas. Wie klar ich damals über die nächste Zukunft Amerikas war, ersieht man aus folgender Stelle derselben "Revue": "Die
Überspekulation
wird sich sehr bald entwickeln, und wenn auch englisches Kapital massenhaft [...] eintreten [...] wird, so bleibt doch
New York

diesmal das Zentrum des ganzen Schwindels und wird, wie 1836, zuerst seinen Zusammenbruch erleben." (p. 149, Doppelheft der "Revue", Mai bis Oktober 1850.) Dieses Prognostikon, das ich Amerika im Jahre 1850 gestellt hatte, sollte sich wörtlich in der großen Handelskrise von 1857 erfüllen. Von dem "alten Europa", nach Schilderung seines ökonomischen Aufschwunges, sage ich dagegen: "Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktionskräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln ..., kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein... Die verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen der kontinentalen Ord-

nungspartei ergehn und gegenseitig kompromittieren, weit entfernt, zu einer Revolution Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die Grundlage der Verhältnisse
momentan
so sicher und, was die Reaktion nicht weiß,
so bürgerlich ist
. An ihr werden alle die bürgerliche Entwicklung aufhaltenden Reaktionsversuche ebensosehr abprallen wie
alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten Proklamationen der Demokraten
. Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer Krisis." (p. 153, l.c.)

In der Tat nahm die europäische Geschichte erst wieder seit der Krise von 1857/58 einen akuten und, wenn man will, revolutionären Charakter an. In der Tat entwickelten sich grade während der Reaktionsepoche von 1849 bis 1859 Industrie und Handel auf dem Kontinent in vorher ungeahntem Maßstab und mit ihnen die materielle Grundlage für die politische Herrschaft der Bourgeoisie. In der Tat prallten, während jener Epoche, "alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten Proklamationen der Demokratie" an den ökonomischen Verhältnissen ab.

Wenn
Techow
den Ernst unsrer Unterredung so spaßhaft, nahm er dagegen ihren Spaß um so ernsthafter. Mit feierlichster Leichenbittermiene unterrichtet er seinen
Schimmelpfennig
"zur Mitteilung an die Freunde":

"Ferner
Marx
: Die Offiziere sind in Revolutionen stets die gefährlichsten, von Lafayette bis zu Napoleon eine Kette von Verrätern und Verrätereien.
Man muß Dolch und Gift stets für sie bereithalten
."(p. 153 des "Hauptbuchs".)

Den Gemeinplatz über die Verrätereien der "Herren vom Militär" wird selbst Techow mir nicht als einen Originalgedanken oktroyieren wollen. Das Originelle läge in dem stets bereitzuhaltenden "Dolch und Gift". Wußte Techow nicht schon damals, daß wirklich revolutionäre Regierungen, wie z.B. das comité

du salut public, wenn auch sehr drastische, doch minder melodramatische Mittel für die "Herren vom Militär" bereithielten?

Dolch und Gift paßten höchstens in den Kram einer venetianischen Oligarchie. Wenn Techow seinen eignen Brief wieder studiert, wird er nachträglich die Ironie aus "Dolch und Gift" herauslesen.
Vogts
Mitstrolch, der notorische bonapartistische
Mouchard Edouard Simon
übersetzt in der "Revue contemporaine" (XIII, Paris 1860, p. 528, in seinem "le procès de M. Vogt etc.") die letzte Stelle aus Techows Brief mit einer Randglosse:

"
Marx
n’aime pas beaucoup voir des officiers dans
sa bande
. Les officiers sont trop dangereux dans les révolutions.

Il faut toujours tenir prêts pour eux le poignard et le poison!

Techow, qui est officier, se le tient pour dit; il se rembarque et retourne en Suisse."

<"Marx sieht nicht gern Offiziere in
seiner Bande
. Offiziere sind bei Revolutionen zu gefährlich.
Man muß

für sie immer Dolch und Gift bereithalten. Techow, der Offizier ist, läßt es sich gesagt sein: er schifft sich wieder ein und kehrt in die Schweiz zurück.">

Edouard Simon läßt den armen Techow so gewaltig erschrecken vor dem von mir bereitgehaltenen "Dolch und Gift", daß er schnurstracks ausreißt, sich einschifft und nach der Schweiz zurückkehrt. Der Reichs-Vogt druckt die Stelle mit "Dolch und Gift" in fetter Schrift, um dem deutschen Philisterium bange zu machen. Dieselbe lustige Person schreibt jedoch in ihren sogenannten
"Studien"
:

"Das Messer und das Gift des Spaniers strahlen heute in verklärtem Glanze -
es galt ja der Unabhängigkeit der Nation." (p. 79, l.c.)

Ganz nebenbei bemerkt: Die spanischen und englischen Geschichtsquellen über die Periode von 1807 bis 1814 haben die von den Franzosen erfundenen Giftmärchen längst widerlegt. Aber für die Kannegießerei existieren sie natürlich ungestört fort.

Ich komme endlich zu den "Klatschereien" in Techows Brief und werde an einigen Beispielen seine historische Unbefangenheit nachweisen:

"Zuerst war die Rede von der Konkurrenz zwischen ihnen und uns, der Schweiz und London [...]
Sie hätten die Rechte des alten Bundes zu wahren gehabt,
der natürlich um seiner bestimmten Parteistellung willen einen andern auf
demselben
Gebiet" (Proletariat) "nicht in Freundschaft hätte neben sich dulden können." (p. 143 des "Hauptbuchs".)

Die Konkurrenzgesellschaft in der Schweiz, wovon Techow hier spricht und als deren Repräsentant er uns gewissermaßen entgegentrat, war die schon erwähnte
"Revolutionäre Zentralisation"
. Ihre Zentralbehörde saß zu Zürich, an ihrer Spitze als Präsident ein Advokat, ehemaliger Vizepräsident eines der 1848er Duodezparlamente und Mitglied einer der deutschen provisorischen Regierungen von 1849 <Tzschirner>. Im
Juli 1850
traf
Dronke
in Zürich ein, wo ihm als Mitglied des Londoner "Bundes" eine Art notarieller Vertrag von dem Herrn Advokaten "zur Mitteilung" an mich vorgelegt ward. Es heißt darin wörtlich:

"Zwischen der Kommunistenverbindung und der revolutionären Zentralisation ist man in Erwägung der Notwendigkeit einer Vereinigung aller wahrhaft revolutionären Elemente, und nachdem sämtliche Mitglieder der revolutionären Zentralbehörde den Charakter der nächsten Revolution als einen proletarischen anerkannt, wenn sie auch

nicht alle imstande waren, sich unbedingt zu dem von London aus aufgestellten Programm (Manifest von 1848) zu bekennen, über folgende Punkte übereingekommen:

1. Beide Teile sind einverstanden, nebeneinander fortzuarbeiten - die revolutionäre Zentralisation, indem sie durch Vereinigung
aller
revolutionären Elemente die nächste Revolution, die Londoner Gesellschaft, indem sie durch die Organisation der
vorzugsweise proletarischen Elemente
die Herrschaft des Proletariats vorzubereiten sucht;

2. die revolutionäre Zentralisation instruiert ihre Agenten und Emissäre dahin, daß sie bei Bildung von Sektionen in Deutschland die Mitglieder, welche zum Eintritt in die Kommunistenverbindung geeignet scheinen, auf den Bestand einer vorzugsweise im proletarischen Interesse eingerichteten Organisation aufmerksam machen;

3. und 4., daß die Leitung für die Schweiz nur
wirklichen Anhängern
des Londoner Manifests in der 'revolutionären Zentralbehörde’ überlassen und gegenseitig Bericht abgestattet werden solle."

Man ersieht aus diesem noch in meinem Besitz befindlichen Schriftstück: Es handelte sich nicht um zwei geheime Gesellschaften "auf demselben Gebiet" (Proletariat), sondern um die Allianz zweier Gesellschaften auf
verschiedenen Gebieten
und mit
verschiedenen Tendenzen
. Man ersieht ferner: Die "revolutionäre Zentralisation" erklärte sich bereit, nebst Verfolgung ihrer eigenen Zwecke, eine Art Sukkursale für den "Bund der Kommunisten" zu bilden.

Der Vorschlag wurde abgelehnt, weil seine Annahme mit dem "prinzipiellen" Charakter des "Bundes" unvereinbar war.

"Nun kam
Kinkel
an die Reihe ... Darauf antworteten sie ... Nach billiger Popularität hätten sie niemals gestrebt, im Gegenteil! [...] Was Kinkel angehe, so hätten sie ihm seine wohlfeile Popularität von Herzen gegönnt, wäre er ruhig geblieben. Nachdem er aber jene Rastatter Rede in der Berliner 'Abend-Post’ veröffentlicht, sei Friede nicht möglich gewesen. Daß alle Welt schreien würde, hatten sie gewußt; daß sie damit um die Existenz ihres jetzigen Blattes" (der "Revue der Rheinischen Zeitung") "spielten, hätten sie sich klar vorausgesagt. Auch sei ihre Befürchtung eingetroffen. Sie seien an der Geschichte zugrunde gegangen, hätten all ihre Abonnenten in der Rheinprovinz verloren und müßten nun das Blatt eingehn lassen. Aber das tue ihnen nichts." (p. 146-148, l.c.)

Erst zur tatsächlichen Berichtigung: Weder war damals die "Revue" untergegangen, denn noch 3 Monate später erschien ein neues Doppelheft derselben, noch hatten wir
einen einzigen Abonnenten
in der Rheinprovinz verloren, wie mein alter Freund
J. Weydemeyer
, ehemaliger pr[eußischer] Artillerie-Lieutenant, damals Redakteur der "N[euen] Deutschen Zeitung" zu Frankfurt, bezeugen kann, da er so gefällig war, die Abonnentengelder für uns einzuziehn. Im übrigen mußte Techow, der Engels’ und meine Schriftstellerei nur von Hörensagen kannte, doch wenigstens unsre

von ihm selbst kritisierte Kritik der Kinkelschen Rede gelesen haben. Wozu also seine vertrauliche Mitteilung an die "lieben Leute" in der Schweiz?

Warum ihnen "enthüllen", was wir selbst bereits 5 Monate früher dem Publikum enthüllt hatten?

Es heißt wörtlich in der erwähnten Kritik:

"Wir wissen im voraus, daß wir die allgemeine Entrüstung der sentimentalen Schwindler und demokratischen Deklamatoren hervorrufen werden, indem wir diese Rede des 'gefangenen’ Kinkel unsrer Partei denunzieren. Dies ist uns vollständig gleichgültig. Unsre Aufgabe ist die rücksichtslose Kritik ... Und indem wir diese unsre Stellung behaupten,
verzichten wir mit Vergnügen auf die wohlfeile demokratische Popularität
. Wir verschlechtern durch unsern Angriff die Lage des Herrn Kinkel keineswegs:
Wir denunzieren ihn der Amnestie
, indem wir sein Bekenntnis bestätigen, daß er nicht der Mann ist, für den man ihn zu halten vorgibt, indem wir erklären, daß er würdig ist, nicht nur amnestiert zu werden, sondern selbst in pr[eußischen] Staatsdienst zu treten. Zudem ist seine Rede veröffentlicht." (p. 70, 71,
"Revue der Neuen Rheinischen Zeitung"
, April 1850.)

Techow spricht von unsrer
"Kompromittierung" der petits grands hommes der Revolution
. Er versteht diese "Kompromittierung" jedoch nicht im
polizistischen
Sinne des Herrn Vogt. Er meint umgekehrt die Operation, wodurch wir Schafen, die sich in revolutionäre Wolfshäute verkleidet hatten, die anstößige Hülle abschälten, sie so bewahrend vor dem Schicksal des berühmten provenzalischen Troubadours, der von den Hunden zerrissen wurde, weil sie an die Wolfshaut glaubten, worin er jagen ging.

Als ein Beispiel der anstößigen Art unsrer Angriffe bezeichnet Techow namentlich die gelegentliche Glosse über General
Sigel
in Engels’ Darstellung der "Reichsverfassungskampagne". (S. "Revue", März 1850, p, 70 bis 78.)

Nun vergleiche man die aktenmäßig belegte Kritik von Engels mit folgendem böswillig seichtem Gewäsch, das der von Techow, Kinkel, Willich, Schimmelpfennig, Schurz, H. B. Oppenheim, Eduard Meyen usw. betriebene Londoner "Emigrationsverein", ungefähr ein Jahr nach unsrer Zusammenkunft mit Techow, gegen denselben General
Sigel
drucken ließ, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil Sigel zu Ruges "Agitationsverein" statt zu Kinkels "Emigrationsverein" hielt.

Am 3. Dezember 1851, unter dem Titel
"Der Agitationsverein in London"
, brachte nämlich der
"Baltimore Correspondent"
, damals eine Art Kinkel-Moniteur, folgende Charakteristik
Sigels
:

"Sehen wir weiter, wer diese gediegenen Männer sind, denen alle andern als 'unreife
Politiker
’ erscheinen.
Der Oberfeldherr Sigel.
Wenn die Muse der Geschichte einst gefragt wird, wie diese blasse Unbedeutendheit zur Oberfeldherrschaft gelangt ist, so kommt sie in größre Verlegenheit als mit dem Mondkalbe Napoleon. Dieser ist wenigstens der 'Neffe des Onkels’, Sigel ist aber nur der 'Bruder seines Bruders’. Sein Bruder war durch mißliebige Äußerungen gegen die Regierung, hervorgerufen durch öftern Arrest, den er wegen
banaler Liederlichkeit
zu erdulden hatte, ein populärer Offizier geworden. Der junge Sigel hielt dies für einen
genügenden Grund
, sich in der ersten Konfusion der revolutionären Erhebung zum Oberfeldherrn und Kriegsminister auszurufen. Die badische Artillerie, welche ihre Vorzüglichkeit oft bewiesen, hatte ältere und gediegene Offiziere genug, vor denen
der junge
,
schülerhafte Lieutenant Sigel
zurücktreten mußte, und die nicht wenig empört waren,
einem jungen, unbedeutenden, ebenso unerfahrenen als talentlosen
Menschen zu gehorchen. Aber es gab ja einen Brentano, welcher so schwachköpfig und verräterisch war, alles geschehn zu lassen, was die Revolution ruinieren mußte. Ja, es ist eine lächerliche Tatsache, aber es ist Tatsache,
daß Sigel sich selbst zum Oberfeldherm gemacht
und Brentano ihn nachträglich anerkannt hat ... Bemerkenswert ist jedenfalls jener Charakterzug, daß Sigel die tapfersten Soldaten des republikanischen Heeres im verzweifelten hoffnungslosen Kampfe in Rastatt und im Schwarzwald ohne die versprochenen Hülfstruppen im Stiche gelassen, während er selbst mit den Epauletten und im Kabriolett des Fürsten von Fürstenberg in Zürich herumfuhr und als interessanter, unglücklicher Oberfeldherr paradierte. Das ist die bekannte Größe des reifen Politikers, welcher im 'erlaubten Selbstgefühl’ seiner frühern Heldentaten sich zum zweitenmal als Oberfeldherrn im Agitationsverein oktroyierte. Das ist der große
Bekannte, der 'Bruder seines Bruders’
."

Die Unparteilichkeit erheischt, daß wir einen Augenblick auch Ruges "Agitationsverein" in der Person seines Wortführers
Tausenau
hören. Tausenau, in einem offnen Sendschreiben d.d. London,
14. Novbr. 1851
, "An den Bürger Seidensticker", bemerkt mit Bezug auf den von Kinkel, Techow usw. geleiteten "Emigrationsverein" u.a.:

"... Sie sprechen die Überzeugung aus, daß eine Einigung aller im Interesse der Revolution patriotische Pflicht und Dringlichkeit

sei. Der deutsche Agitationsverein teilt diese Überzeugung, und seine Mitglieder haben sie in langatmigen Einigungsversuchen mit Kinkel und seinen Anhängern betätigt. Jede Grundlage einer politischen Kooperation schwand aber, sobald sie gewonnen schien, und neue Täuschungen folgten den alten. Eigenmächtigkeiten gegen frühere Verabredungen, separate Interessen unter der Maske der Versöhnlichkeit, systematische Erschleichung von Majoritäten, Auftritt unbekannter Größen als organisierende Parteichefs, Oktroyierungsversuche eines geheimen Finanzausschusses und wie alle die Winkel- und Schachbrettzüge heißen mögen, womit unreife Politiker jederzeit die Geschicke ihres Landes im Exil zu lenken meinten, während schon die erste Glühhitze der Revolutionen solche Eitelkeiten zu leerem Dunst verflüchtigt ... Wir wurden von Kinkels Anhängern öffentlich und offiziell

denunziert; die
reaktionäre uns unzugängliche deutsche Presse
wimmelt von uns ungünstigen und Kinkel günstigen Korrespondenzen, und endlich reiste Kinkel in die Vereinigten Staaten, um uns durch seine dort in Angriff genommene s.g. deutsche Anleihe eine Vereinigung oder, besser gesagt, eine Unterordnung und Abhängigkeit zu diktieren, die
jeder Urheber finanzieller Parteiverschmelzungen beabsichtigt
. Die Abreise Kinkels wurde so vorsichtig geheimgehalten, daß wir sie erst mit der Nachricht von seiner Ankunft in New York aus amerikanischen Blättern erfuhren ... Das und noch mehr waren für ernste Revolutionäre, die sich nicht überschätzten, aber im
Bewußtsein früherer Leistungen
mit Selbstgefühl sagen dürfen, daß wenigstens
klar umschriebene Teile des Volkes hinter ihnen stehen
, gebieterische Motive, in einen Verein zu treten, der in seiner Art die Interessen der Revolution zu fördern sucht."

Kinkel wird ferner angeklagt, daß die von ihm gesammelten Fonds "einer Clique" dienen sollten, wie "sein ganzes Betragen hier" (London) "und in Amerika zeige", nicht minder "die Mehrzahl der von Kinkel selbst bestallten Garanten".

Am Schlusse heißt es:

"Wir
versprechen
unsern Freunden keine Zinsen und keine Rückzahlung ihrer patriotischen Spenden, wir wissen aber, daß wir ihr Vertrauen durch positive" (reelle Bedienung?) "Leistungen und gewissenhafte Rechnungsstellung rechtfertigen werden und
daß ihrer einst mit der Veröffentlichung ihrer Namen von unsrer Seite der Dank

des Vaterlands wartet." (
"Baltimore Wecker"
vom 29. Nov. 1851.)

Das war die Art "literarischer Tätigkeit", welche die demokratischen Helden des "Agitationsvereins" und des "Emigrationsvereins", wozu später noch der von Goegg gestiftete "Revolutionsbund beider Welten" hinzukam, in der deutsch-amerikanischen Presse während 3 Jahren entwickelten. (Siehe Beilage 6.)

Der Flüchtlingsskandal in der amerikanischen Presse war übrigens eröffnet worden durch ein papiernes Turnier zwischen den Parlamentlern Zitz und Roesler von Oels.

Hier noch eine für Techows "liebe Leute" charakteristische Tatsache.

Schimmelpfennig, der Adressat von Techows Brief "zur Mitteilung an die Freunde", hatte (wie schon oben erwähnt) Ende 1850 mit Hörfel, Häfner, Goegg und andern (K. Schurz kam später hinzu) ein sogenanntes Revolutionskomitee in Paris errichtet.

Vor mehreren Jahren wurde ein Schreiben eines ehemaligen Mitglieds dieses Komitees an einen hiesigen politischen Flüchtling mir zu beliebigem Gebrauch übermacht. Das Papier befindet sich noch in meinem Besitz.

Es heißt darin u.a.:

"Schurz und Schimmelpfennig machten das ganze Komitee aus. Was sie sich noch als eine Art von Beisitzern beilegten, war nur zum Figurieren. Jene zwei Herren glaubten damals ihren Kinkel, den sie förmlich für sich expropiiert hatten, bald an die Spitze der Geschäfte in Deutschland bringen zu können. Namentlich waren ihnen verhaßt die Sarkasmen Ruges wie die Kritik und das dämonische Treiben des Marx. Bei einer Zusammenkunft jener Herren mit ihren Beisitzern machten sie uns von Marx wirklich eine interessante Schilderung und brachten uns von seiner pandämonischen Gefährlichkeit eine übertriebene Meinung bei ... Schurz-Schimmelpfennig brachte einen Antrag ein, den Marx
zu vernichten, Verdächtigung und Intrige
,
die frechsten Verleumdungen
wurden als Mittel
anempfohlen
. Eine bejahende Abstimmung und ein Beschluß, wenn Sie das kindische Spiel so nennen wollen, fand statt. Der nächste Schritt zur Ausführung war die von
L. Häfner,
auf Grundlage der oben erwähnten Schilderung des Schurz und Schimmelpfennig, im
Feuilleton der 'Hamburger Nachrichten’
<(
1860
) des
'Hamburger Anzeigers'
> Anfang 1851 veröffentlichte Charakteristik von Marx."

Jedenfalls besteht die auffallendste Wahlverwandtschaft zwischen Häfners Feuilleton und Techows Schreiben, obgleich weder das eine noch das andere an
Vogts "Lausiade"
hinanreicht. Man muß die Lausiade nicht verwechseln mit der "Lusiada" von Camoens. Die ursprüngliche
"Lousiad"
ist vielmehr ein heroisch-komisches Epos des
Peter Pindar
.

Fußnoten von Marx

(1)
"Dem ekeln Sacke,

Der Sch- macht aus dem, was er verschluckt."

[Herr Vogt - Teil 7]

IV. Techows Brief
VI. Vogt und Die "Neue Rheinische Zeitung"

V. Reichsregent und Pfalzgraf

Vidi un col capo si di merda lordo,

Che non parea s’era laico o cherco,

Quei mi egridò; Perche se’ tu si ingordo

Di riguardar più me che gli altri brutti)

(Dante)

(1)

Der heimgebürstete
Vogt
fühlt ein gewaltiges Bedürfnis, nachzuweisen, warum grade er als "bête noire" <"schwarzer Mann">

die Blicke der "Schwefelbande" anzog.
Cherval
und die "vereitelte Verschwörung" auf dem Lausanner Zentralfest werden daher ergänzt durch ein nicht minder in der Wirklichkeit sich ereignet habendes Abenteuer mit dem "flüchtigen Reichsregenten".
Vogt
, nicht zu vergessen, war nämlich seinerzeit Statthalter der parlamentarischen Insel Barataria. Er erzählt:

"Mit dem Beginn des Jahres 1850 erschien die 'Deutsche Monatsschrift’ von Kolatschek [...] Unmittelbar nach dem Erscheinen des ersten Hefts
erließ

die Schwefelbande durch einen ihrer Genossen, der
sogleich nach Amerika abreiste,
ein Pamphlet unter dem Titel 'Der
flüchtige
Reichsregent
Vogt mit seinem Anhange
und die Deutsche Monatsschrift von Adolph Kolatschek’, welches auch von
der 'Allgemeinen Zeitung’
erwähnt wurde ... Das ganze System der Schwefelbande zeigt sich aufs neue in diesem Pamphlet." (p. l63, l.c.)

Es wird nun lang und breit erzählt, wie in besagtem Pamphlet ein anonymer Artikel über
Gagern
, verfaßt von Professor
Hagen
, dem flüchtigen Reichsregenten Vogt "zugeschrieben" ward, und zwar weil

"die Schwefelbande wußte", daß Hagen "damals in Deutschland lebte, von der badischen Polizei gemaßregelt wurde und damals nicht genannt werden konnte, ohne den empfindlichsten Vexationen ausgesetzt zu werden". (p. 163.)

Schily
in seinem Briefe d.d. Paris, 8. Februar, schreibt mir:

"Daß
Greiner
, der meines Wissens nie in Genf gewesen, in die Schwefelbande mit hineingeflochten worden, verdankt er seinem Nachruf an den 'flüchtigen Reichsregenten’, für dessen Verfasser parlamentarischerseits
d’Ester
gehalten und als solcher verfemt wurde, bis ich einen Freund und Kollegen Vogts correspondendo <brieflich> hierüber eines Bessern belehrte."

Greiner war Mitglied der provisorischen Regierung der Pfalz. Greiners Herrschaft war "
ein
Grauen" (siehe
Vogts "Studien"
, p. 28), nämlich für meinen Freund
Engels
, den er unter falschen Vorwänden zu Kirchheim verhaften ließ. Das ganze tragikomische Ereignis hat Engels selbst ausführlich erzählt in der "Revue der Neuen Rheinischen Zeitung" (p. 53-55, Februarheft 1850). Und das ist alles, was mir von Herrn
Greiner
bekannt ist. Daß der flüchtige Reichsregent mich hineinlügt in seinen Konflikt mit dem "Pfalzgraf", zeigt "aufs neue" das "ganze System", wonach der Erfindungsreiche Leben und Taten "der Schwefelbande" komponiert hat.

Was mich aussöhnt, ist jedoch der echte Falstaff-Humor, womit er den Pfalzgraf "sogleich" nach Amerika abreisen läßt. Nachdem der Pfalzgraf das Pamphlet auf den "flüchtigen Reichsregenten" wie einen parthischen Pfeil abgeschnellt, umgrieselte den Greiner ein Grauen. Weg trieb’s ihn von der Schweiz nach Frankreich, von Frankreich nach England. Durch den Kanal selbst hielt er sich nicht hinreichend gedeckt, und weiter trieb’s ihn nach Liverpool auf einen Cunard Steamer, wo er atemlos dem Schiffskapitän zuschrie: "Fort über den Atlantik!". Und der "stern mariner" <"rauhe Seemann">

antwortete:

"Wohl aus des
Vogts
Gewalt errett’ ich Euch!

Aus Sturmes Nöten muß ein andrer helfen."

Fußnoten von Marx

(1)
Sah einen ich das Haupt von S... so schmierig,

Ob Pfaff, ob Lai’ er, war drum nicht zu sehn.

Der schrie mir zu: "Was bist Du so begierig,

Vor allen Schmutzigen mich zu gewahren!?"

(Kannegießer)

[Herr Vogt - Teil 8]

V. Reichsregent und Pfalzgraf
VII. Die Augsburger Kampagne

VI. Vogt und die "Neue Rheinische Zeitung"

"Sîn kumber was manecvalt."

<"Sein Kummer war mannigfaltig">

Vogt
erklärt selbst, daß es ihm in dem "Hauptbuch" zu "tun" ist (l.c. p. 162) um "die
Entwicklung seiner persönlichen Stellung zu dieser Clique
" (Marx und Konsorten). Sonderbarerweise erzählt er nur Konflikte, die er nie erlebt hat, und erlebt er nur Konflikte, die er nie erzählt hat. Seinen Jagdgeschichten muß ich daher ein Stück wirklicher Geschichte gegenüberstellen. Durchblättert man den Jahrgang der
"Neuen Rheinischen Zeitung"
(1. Juni 1848 bis 19. Mai 1849), so wird man finden, daß während des Jahres 1848 Vogts Name mit einer einzigen Ausnahme weder in den Leitartikeln noch in den Korrespondenzen der "Neuen Rheinischen Zeitung" figuriert. Er findet sich nur in den täglichen Berichten über die Parlamentsdebatten, und der Frankfurter Berichterstatter verfehlte nie, zur großen Genugtuung des Herrn Vogt, den für "die von ihm selbst gehaltenen Reden" erhaschten "Beifall" jedesmal gewissenhaft zu registrieren. Wir sahen, daß, während die rechte Seite zu Frankfurt über die vereinigten Kräfte eines Harlekin wie
Lichnowski
und eines
Clown
wie
v. Vincke
verfügte, die Linke auf die isolierten Schwänke des einzigen
Vogt
angewiesen war. Wir begriffen, daß er der Aufmunterung bedürfe

"that
important fellow
the children’s wonder -
Signor Punchinelli

<"dieser
anmaßende Bursch,
das Kinderwunder -
Signor Punchinello"
>

und ließen daher den Frankfurter Berichterstatter ruhig gewähren. Ein Wechsel in der Färbung der Berichte tritt ein nach Mitte September 1848. Vogt, der in den Debatten über den Malmöer Waffenstillstand durch revolutionäre Rodomontaden zum Aufstand provoziert hatte, hintertrieb, soviel an ihm war, im Augenblick der Entscheidung die Annahme der auf

der Pfingstweide von der Volksversammlung gefaßten und von einem Teil der äußersten Linken gutgeheißenen Beschlüsse. Nachdem der Barrikadenkampf niedergeschlagen, Frankfurt in ein offenes Heerlager verwandelt und der Belagerungszustand proklamiert war, am 19. September, erklärte sich derselbe Vogt für die
Dringlichkeit
von Zachariäs Antrag auf Gutheißung der von dem Reichsministerium bisher getroffenen Maßregeln und auf Danksagung an die Reichstruppen. Bevor
Vogt
die Tribüne bestieg, hatte selbst
Venedey
gegen die
"Dringlichkeit"
jener Anträge opponiert und eine solche Diskussion, in solchem Augenblicke, gegen die Würde der Versammlung erklärt. Aber Vogt stand unter Venedey. Zur Strafe setzte ich in den parlamentarischen Bericht hinter das Wort "Vogt" das Wort "Schwätzer", ein lakonischer Wink für den Frankfurter Berichterstatter.

Im nachfolgenden Oktober unterließ Vogt nicht nur, was seines Amts war, die Narrenpritsche zu schwingen über den Häuptern der damals übermütigen und reaktionswütigen Majorität. Nicht einmal den Protest wagte er zu unterzeichnen, den
Zimmermann
von Spandau im Namen von ungefähr 40 Deputierten gegen das Gesetz zum Schutz der Nationalversammlung am 10. Oktober einbrachte. Dies Gesetz, wie Zimmermann richtig hervorhob, war der schamloseste Eingriff in die durch die Märzrevolution errungenen Volksrechte - Versammlungsrecht, Redefreiheit und Preßfreiheit. Sogar
Eisenmann
reichte einen ähnlichen Protest ein. Aber
Vogt
stand
unter Eisenmann
. Als er sich nun später wieder mausig machte bei Gründung des "Zentral-Märzvereins", erscheint sein Name endlich in einem Artikel der "Neuen Rheinischen Zeitung" (Nummer vom 29. Dezember 1848), worin der "Märzverein" als "unbewußtes Werkzeug der Kontrerevolution" gezeichnet, sein Programm kritisch zerfetzt und
Vogt
als die eine Hälfte einer Doppelfigur dargestellt wird, wovon
Vincke
die andre Hälfte bilde. Mehr als ein Jahrzehnt später haben beide "Minister der Zukunft" ihre Zusammengehörigkeit erkannt und die
Teilung Deutschlands
zum Wahlspruch ihrer Einigung gemacht.

Daß wir den "Märzverein" richtig verstanden, hat nicht nur seine spätere "Entwicklung" gezeigt. Der Heidelberger "Volksbund", der Breslauer "demokratische Verein", der Jenaer "demokratische Verein" usw. wiesen seine zudringlichen Liebesbewerbungen mit Hohn zurück, und diejenigen Mitglieder der äußersten Linken, die ihm beigetreten waren, bestätigten durch ihre Austrittserklärung vom 20. April 1849 unsere Kritik vom 29. Dezember 1848. Vogt jedoch, in stiller Seelengröße, sammelte feurige Kohlen auf unser Haupt, wie man aus folgendem Zitat ersehn wird:
"Nr. 243 der 'Neuen Rheinischen Zeitung’
, Köln, 10. März 1849. 'Der

Frankfurter sog. Märzverein’ der sog. 'Reichsversammlung’ hat die Unverschämtheit,
uns
folgenden lithographierten Brief zuzusenden:

'Der Märzverein hat beschlossen, daß eine Liste
sämtlicher Blätter,
welche uns ihre
Spalten geöffnet haben
, aufgestellt und allen Vereinen, mit welchen wir in Verbindung stehn, mitgeteilt werde, damit durch den gedachten Verein dahin gewirkt werde, daß die bezeichneten Blätter vorzugsweise mit etwa einschlägigen
Anzeigen
bedacht würden. Indem wir Ihnen die aufgestellte Liste andurch mitteilen,
glauben wir nicht nötig zu haben, Sie auf die Wichtigkeit der bezahlten Annoncen eines Blattes
als Hauptnahrungsquelle des ganzen Unternehmens aufmerksam zu machen [...] Frankfurt, Ende Februar l849.

Der Vorstand des Zentral-März-Vereins’

Auf der beigefügten
Liste
dieser Blätter, welche dem Märzverein ihre Spalten geöffnet haben und von den Anhängern des Märzvereins vorzugsweise mit 'einschlägigen Annoncen’ bedacht werden sollen, befindet sich,
überdies noch mit einem ehrenden Stern
versehn, auch die
'Neue Rheinische Zeitung’
. Wir erklären hiermit, [...] daß dem sog. Märzverein niemals die Spalten unsrer Zeitung geöffnet worden sind ... Wenn der Märzverein daher in seinem lithographischen Bericht und wirklich spaltengeöffneten Blättern unsre Zeitung als eins seiner Organe bezeichnet, so ist dies eine simple Verleumdung der 'Neuen Rheinischen Zeitung’ und abgeschmackte Renommage des Märzvereins ...

Auf die schmutzige Bemerkung der profitwütigen, konkurrenzgehetzten Patrioten über die Wichtigkeit der bezahlten Annoncen einer Zeitung als
Nahrungsquelle des ganzen Unternehmens
haben wir natürlich keine Antwort. Die 'Neue Rheinische Zeitung’ hat sich, wie überhaupt, auch darin stets von den Patrioten unterschieden, daß sie die politische Bewegung nie als Industrieritterzweig oder Nahrungsquelle betrachtet hat."

Kurz nach dieser rauhen Abweisung des von Vogt und Konsorten angebotenen Nahrungsquells wurde die
"Neue Rheinische Zeitung"
in einer Versammlung des Zentral-Kommerzvereins als Muster "echt deutscher Zerrissenheit" tränenreich erwähnt. Am Schlusse unsrer Erwidrung auf die Jeremiade (Nr. 248 der "Neuen Rheinischen Zeitung") wird Vogt als "kleinuniversitätischer Bierpolterer und
verfehlter Reichsbarrot
" gekennzeichnet. Er hatte zwar damals (15. März) in der Kaiserfrage noch nicht den Knoblauch gegessen. Allein wir waren ein für allemal klar über Herrn Vogt und konnten daher seinen künftigen Verrat, der ihm selbst noch nicht klar war, als abgemachte Tatsache behandeln.

Von nun an überließen wir übrigens Vogt und Konsorten der Behandlung des jungen, ebenso geistreichen als kühnen
Schlöffel
, der Anfang März aus Ungarn in Frankfurt angelangt war und uns seitdem über die Unwetter im Reichs-Froschteich berichtete.

Vogt war unterdes so tief gefallen - er selbst hatte natürlich mehr zu diesem Falle beigetragen als die "Neue Rheinische Zeitung" -, daß sogar
Bassermann
wagen durfte, ihn in der Sitzung vom 25. April 1849 als
"Apostat und Renegat"
zu brandmarken.

Infolge seiner Beteiligung am Elberfelder Aufstand mußte ein Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung",
F. Engels
, flüchten, und ich selbst wurde kurz darauf aus Preußen verjagt, nachdem wiederholte Versuche, mich durch Prozesse still zu machen, an den Geschwornen gescheitert waren und das Organ des Staatsstreichs-Ministeriums, die
"Neue Preußische Zeitung"
, wiederholt die "Chimborasso-Frechheit der 'Neuen Rheinischen Zeitung’, wogegen der 'Moniteur’ von 1793 matt erscheine" (s. Nr. 299 der "Neuen Rheinischen Zeitung"), denunziert hatte. Solche "Chimborasso-Frechheit" war am Platz in einer preußischen Festungsstadt und zu einer Zeit, wo die siegreiche Kontrerevolution durch schamlose Brutalität zu imponieren suchte.

Am 19. Mai 1849 erschien die letzte Nummer der
"Neuen Rheinischen Zeitung"
(Rote Nummer). Solange die "Neue Rheinische Zeitung" existierte, hatte Vogt geduldet und geschwiegen. Wenn ein Parlamentler überhaupt reklamierte, geschah es stets in modester Weise, etwa so:

"Mein Herr! Ich schätze an Ihrem Blatte die
scharfe Kritik

darum nicht minder, weil
sie alle Parteien und alle Personen gleich strenge überwacht."
(S. Nr. 219 vom 11. Februar 1849,
Wesendoncks
Reklamation.)

Eine Woche nach Untergang der "Neuen Rheinischen Zeitung" glaubte Vogt endlich, unter dem Schild parlamentarischer Unverletzlichkeit, die lang vermißte Gelegenheit beim Schopf fassen und den lang in tiefstem Herzen aufgehäuften "Stoff" zur "Kraft" entwickeln zu können. Ein Redakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung",
Wilhelm Wolff
, war nämlich als Ersatzmann für einen allegewordenen schlesischen Parlamentler in die "in fortschreitender Auflösung begriffene" Frankfurter Versammlung eingetreten.

Um die folgende Szene in der Sitzung des Parlaments vom 26. Mai 1849 zu verstehn, muß man sich erinnern, daß damals der Aufstand in Dresden und die partiellen Bewegungen in der Rheinprovinz bereits niedergeschlagen waren, die Reichsintervention in Baden und der Pfalz bevorstand, die

russische Hauptarmee auf Ungarn zumarschierte, endlich das Reichsministerium von der Versammlung gefaßte Beschlüsse einfach kassiert hatte. Auf der Tagesordnung standen zwei "Proklamationen an das deutsche Volk", die erstere redigiert von Uhland und ausgehend von der Majorität, die andre von dem Zentrum angehörigen Mitgliedern eines Dreißiger-Ausschusses. Es präsidierte der Darmstädter
Reh
, der nachher Hase ward und sich ebenfalls "ablöste" von der "in voller Auflösung" begriffenen Versammlung. Ich zitiere nach dem offiziellen stenographischen Bericht Nr. 229, 228. Sitzung in der Paulskirche.

Wolff von Breslau
: "Meine Herren! Ich habe mich gegen die Proklamation an das Volk einschreiben lassen, gegen die Proklamation, die von der Majorität verfaßt und hier verlesen worden ist, weil ich sie für durchaus unangemessen den jetzigen Zuständen halte, weil ich sie viel zu schwach finde, geeignet bloß, um als Journalartikel in denjenigen Tagesblättern zu erscheinen, welche die Partei vertreten, von welcher diese Proklamation ausgegangen ist, aber nicht für eine Proklamation an das deutsche Volk. Da nun jetzt noch eine zweite verlesen worden ist, so will ich nur so beiläufig bemerken, daß ich mich gegen diese noch viel mehr erklären würde, aus Gründen, die ich hier nicht anzuführen brauche." (Eine Stimme aus dem Zentrum: "Warum denn nicht?") "Ich spreche nur von der Majoritäts-Proklamation, sie ist allerdings so mäßig gehalten, daß selbst Herr Buß nicht viel dagegen sagen konnte, und das ist doch gewiß die schlimmste Empfehlung für eine Proklamation. Nein, meine Herren, wenn Sie irgend und überhaupt noch einen Einfluß auf das Volk haben wollen, müssen Sie nicht in der Weise, wie es in der Proklamation geschieht, zum Volke sprechen; Sie dürfen da nicht von Gesetzlichkeit, von gesetzlichem Boden u.dgl. sprechen, sondern von Ungesetzlichkeit in derselben Weise wie die Regierungen, wie die
Russen
, und ich verstehe unter Russen die Preußen, die Östreicher, Bayern, Hannoveraner." (Unruhe und Gelächter.) "Diese sind alle unter dem gemeinsamen Namen
Russen
zusammengefaßt." (Große Heiterkeit.) "Ja, meine Herren, auch in dieser Versammlung sind die
Russen
vertreten, Sie müssen ihnen sagen: 'So wie ihr euch auf den gesetzlichen Standpunkt stellt, so stellen wir uns auch darauf.’ Es ist der Standpunkt der Gewalt, und erklären Sie in Paranthese die Gesetzlichkeit dahin, daß Sie den Kanonen der Russen die Gewalt entgegenstellen, wohlorganisierte Sturmkolonnen.
Wenn überhaupt
eine Proklamation zu erlassen ist, so erlassen Sie eine, in welcher Sie von vornherein den ersten
Volksverräter, den Reichsverweser, für vogelfrei erklären
." (Zuruf: "Zur Ordnung!" - Lebhafter Beifall von den Galerien,)
"Ebenso alle Minister."
(Erneuerte Unruhe.) "Oh, ich lasse mich nicht stören;
er ist der erste Volksverräter
."

Präsident: "Ich glaube, daß Herr Wolff jede Rücksicht überschritten und verletzt hat. Er kann den
Erzherzog-Reichsverweser vor

diesem
Hause
nicht einen
Volksverräter
nennen, und ich muß ihn deshalb zur Ordnung rufen. Die Galerien fordre ich gleich-

zeitig zum letztenmal auf, in der geschehenen Weise an der Debatte sich nicht zu beteiligen."

Wolff: "Ich für meinen Teil nehme den Ordnungsruf an und erkläre, daß ich die Ordnung habe überschreiten
wollen, daß er und seine Minister Verräter sind
." (Von allen Seiten des Hauses der Zuruf: "Zur Ordnung, das ist pöbelhaft.")

Präsident: "Ich muß Ihnen das Wort entziehen."

Wolff: "Gut,
ich protestiere
; ich habe im
Namen des Volks
hier sprechen wollen und sagen wollen, wie man im
Volke denkt
. Ich protestiere gegen jede Proklamation, die in diesem Sinne abgefaßt ist." (Große Aufregung.)

Präsident: "Meine Herren, wollen Sie mir einen Augenblick das Wort geben. Meine Herren, der
Vorfall
, der sich soeben ereignet hat, ist, ich kann es sagen, der
erste, seitdem das Parlament hier tagt
." (Es war in der Tat der erste und
der einzige Vorfall
in diesem Debattierklub.) "Es hat hier noch kein Redner erklärt, daß er mit Absicht die
Ordnung
, die
Grundlage
dieses Hauses, habe verletzen wollen." (
Schlöffel
hatte bei einem ähnlichen Ordnungsruf, in der Sitzung vom 25. April, gesagt: " Ich nehme den Ordnungsruf an und tue es um so lieber, weil ich hoffe, es
werde die Zeit bald kommen, in welcher diese Versammlung anderweitig zur Ordnung gerufen wird
.")

"Meine Herren, ich muß tief beklagen, daß Herr Wolff, der kaum erst Mitglied des Hauses geworden ist, in dieser Weise
debütiert
" (Reh betrachtet die Sache vom Komödienstandpunkt aus). "Meine Herren! Ich habe den Ordnungsruf gegen ihn ausgesprochen, wegen der
starken Verletzung
, die er sich erlaubt hat,
in betreff der Achtung und der Rücksicht
,
die
wir
der Person des Reichsverwesers schuldig sind
."

Die Sitzung geht nun ihren Gang fort. Hagen und Zachariä halten lange Reden, der eine für, der andre gegen die Majoritäts-Proklamation. Endlich erhebt sich

Vogt von Gießen: "Meine Herren! Erlauben Sie mir einige Worte, ich will nicht ermüden. Daß das Parlament nicht mehr
so ist, wie
es in dem vorigen Jahre
zusammentrat
, meine Herren, das ist vollkommen richtig und wir
danken dem Himmel
" (der "Köhlergläubige" Vogt dankt dem Himmel!) "dafür, daß
es so geworden wird
" (jawohl,
geworden wird
!) "und daß diejenigen, welche an ihrem Volk verzweifelten und welche die Sache des Volks im entscheidenden Moment verrieten, sich von der Versammlung getrennt haben! Meine Herren, ich
habe mich zum Worte gemeldet
" (also das bisherige Dankgebet war nur Flause), "um den
kristallhellen Strom
, der aus einer Dichterseele" (Vogt wird seelenhaft) "in diese Proklamation geflossen ist, zu verteidigen" (Stromverteidigung) "gegen den
unwürdigen Schmutz
, welcher in denselben geworfen
oder
gegen denselben geschleudert worden ist" (der Strom war ja bereits von der Proklamation absorbiert), "um diese
Worte
" (der Strom verwandelt sich, wie alles andre bei Vogt, in Worte) "zu verteidigen gegen den
Kot
, der aufgehäuft worden ist in dieser letzten Bewegung und dort alles zu überfluten und alles zu beschmutzen droht. Ja, meine Herren! Das" (nämlich der Kot) "ist ein Kot
und
ist ein Schmutz (der Kot ist ein Schmutz!), "den man auf diese
Weise"
(welche Weise?) "
an alles, was nur Reines

gedacht werden kann
, heranwirft, und ich spreche meine
tiefste Entrüstung
" (Vogt in tiefster Entrüstung, quel tableau! <was für ein Bild!>) .darüber aus, daß
so etwas
" (was?) "geschehen konnte."

Und was er spricht, ist - Kot.

Wolff hatte keine Silbe über
Uhlands Redaktion
der Proklamation gesagt. Er war, wie der Präsident wiederholt erklärt, zur Ordnung gerufen worden, er hatte den ganzen Sturm heraufbeschworen, weil
er den Reichsverweser und alle seine Minister für Volksverräter
erklärt und das Parlament aufgefordert hatte, sie zu
Volksverrätern
zu erklären. Aber der "Erzherzog-Reichsverweser", der "abgenutzte Habsburger" (
Vogts "Studien"
, p. 28) und
"alle seine Minister"
sind für Vogt
"alles, was nur Reines gedacht werden kann"
. Er sang mit Walter von der Vogelweide:

"des fürsten milte ûz ôsterrîche

fröit dem süezen rëgen gelîche

beidiu liute und ouch daz lant."

<"Die Freigebigkeit des Fürsten von Österreich

erfreut, dem milden Regen gleich,

gleichermaßen Leute und Land.">

Stand Vogt damals schon in den später von ihm eingestandenen "wissenschaftlichen Beziehungen" zum Erzherzog Johann? (S. p. 25, Dokumente, "Hauptbuch ".)

Zehn Jahre später erklärte derselbe Vogt in den "Studien", p. 27[/28]:

"So viel ist wenigstens sicher, daß die Nationalversammlung in Frankreich und deren Führer zur Zeit ebenso die Fähigkeiten Louis-Napoleons unterschätzten wie die Führer der Frankfurter Nationalversammlung
diejenigen des Erzherzogs Johann
und daß jeder der beiden Schlauköpfe in seiner Sphäre [seine Unterschätzer]
reichlich für den begangenen Fehler büßen ließ
. Wir sind damit weit entfernt, beide auf eine Linie zu stellen. Die entsetzliche Rücksichtslosigkeit usw. usw. (Louis Bonapartes). - Dies alles läßt ihn dem schon alten und abgenutzten Habsburger weit überlegen erscheinen."

Noch in derselben Sitzung ließ
Wolff
den
Vogt
durch den Abgeordneten Würth aus Sigmaringen auf Pistolen fordern, und als besagter Vogt seine Haut dem Reich zu erhalten beschloß
(1)
, ihm körperliche Züchtigung an-

drohn. Als
Wolff
aber, beim Herausgehn aus der Paulskirche, Karl den Kühnen von zwei Damen flankiert fand, brach er in helle Lache aus und überließ ihn seinem Schicksal. Obgleich ein Wolf, dessen Zähne und Herz wölfisch sind, ist Wolff jedoch ein Lamm gegen das schöne Geschlecht. Die einzige, sehr harmlose Rache, die er nahm, war ein Artikel in der "Revue der Neuen Rheinischen Zeitung" (Aprilheft 1850, p. 73), betitelt
"Nachträgliches aus dem Reich"
, worin es mit Bezug auf den Ex-Reichsregenten also lautet:

"In diesen kritischen Tagen war das Zentralmärztum gar fleißig. Vor dem Abzug aus Frankfurt hatte es schon den Märzvereinen und dem deutschen Volke in einer Ansprache zugerufen: "Mitbürger! Die elfte Stunde hat geschlagen!’ Zur Herbeischaffung eines Volksheeres erließ es nun von Stuttgart aus eine neue Proklamation 'an das deutsche Volk’, und siehe da, der Zeiger der Zentralmärzuhr stand noch auf dem alten Fleck, oder es war ihr, wie der Uhr am Freiburger Münster, die Zahl XII ausgebrochen. Genug, es heißt in der Proklamation abermals: 'Mitbürger! Die elfte Stunde hat geschlagen!’ Oh, hätte sie doch früher und wenigstens damals, als der Zentralmärzheld
Karl Vogt
in Nürnberg zu seiner und der ihn fetierenden Heuler Befriedigung die fränkische Revolution abwiegelte
(2)
, an und zugleich durch eure Köpfe geschlagen ... Im Freiburger Regierungsgebäude schlug die Regentschaft ihre Büros auf. Der Regent
Karl Vogt
, zugleich Minister des Auswärtigen und Inhaber vieler andrer Ministerien, nahm sich auch hier das Wohl des deutschen Volkes angelegentlichst zu Herzen. Nach langen Tag- und Nachtstudien hatte er eine ganz zeitgemäße Erfindung,
'Reichsregentschafts-Pässe’
, zustande gebracht. Die Pässe waren einfach; schon lithographiert und gratis zu haben, so viel ihrer das Herz begehrte. Sie hatten nur den kleinen Fehler, nur in der Vogtschen Kanzlei gültig zu sein und respektiert zu werden. Vielleicht findet später ein oder das andre Exemplar in der Kuriositätensammlung eines Engländers seinen Platz."

Wolff folgte nicht dem Vorbild Greiners. Statt "nach dem Erscheinen" der "Revue" sogleich nach Amerika abzureisen", harrte er noch ein Jahr lang des Land-Vogts Rache in der Schweiz.

Fußnoten von Marx

(1)
Kobes I. erzählt in dem schon erwähnten Pamphlet von Jacobus Venedey: "Als Karl Vogt in der Sitzung, in welcher Gagern den Gabriel Rießer nach dessen Kaiserrede umarmte, ... den Abgeordneten Zimmermann ... mit Spottpathos und lautem Schreien in der Paulskirche umarmte, habe ich ihm zugerufen: 'Laß die Gassenbubenstreiche.’ Da hat Vogt geglaubt, mich mit einem herausfordernden Schimpfworte beleidigen zu müssen, und als ich dafür persönlich von ihm Rechenschaft forderte, hat er, nach langem Hin- und Hergehen eines Freundes, den Mut gehabt, für die Beleidigung nicht einzustehn." (p. 21, 22, l.c.)

(2)
Vogt rechtfertigte später seine Nürnberger Heldentat mit den Worten: "Es hätten ihm die Garantien für seine persönliche Sicherheit gefehlt."

[Herr Vogt - Teil 9]

VI. Vogt und die "Neue Rheinische Zeitung"
VIII. Dâ-Dâ Vogt und seine Studien

VII. Die Augsburger Kampagne

 Kurz nachdem der Kantonbürger von Thurgau seinen italienischen Krieg beendet hatte, eröffnete der Kantonbürger von Bern seine Augsburger Kampagne.

"Dort" (zu London) "war es
von jeher die Marxsche Clique
, welche den größten Teil der Korrespondenzen" (
der 'Allgemeinen Zeitung'
) "besorgte und
seit dem Jahre 1849 ununterbrochen mit der 'Allgemeinen Zeitung' in Beziehung stand
." (p. 194 d. "Hptb.".)

Obgleich Marx selbst erst seit Ende 1849, nämlich seit seiner zweiten Ausweisung aus Frankreich, in London haust, scheint die "Marxsche Clique"
von jeher
in London gehaust zu haben, und obgleich die Marxsche Clique "
von jeher

den größten Teil der Korrespondenzen
der 'Allgemeinen Zeitung' besorgt" hat, so stand sie dennoch erst "seit dem Jahre 1849
ununterbrochen
" mit der "Allgemeinen Zeitung" "in Beziehung". Jedenfalls zerfällt die Vogtsche Chronologie - und dies ist nicht zu verwundern, da der Mann vor 1848 "noch nicht an politische Beschäftigung dachte" (p. 225, l.c.) - in zwei große Perioden, nämlich die Periode
"von jeher"
bis 1849 und die Periode von 1849 bis zu "diesem" Jahr.

Ich redigierte von 1842 bis 1843 die alte
"Rheinische Zeitung"
, die der
"Allgemeinen Zeitung"
einen Krieg auf Leben und Tod machte. Von 1848 bis 1849 eröffnete die
"Neue Rheinische Zeitung"
die Polemik wieder. Was bleibt also für die Periode
"von jeher bis 1849"
außer der Tatsache, daß Marx
"von jeher"
die "Allgemeine Zeitung" bekämpfte, während Vogt, von 1844 bis 1847, ihr "ständiger Mitarbeiter" war? (S. p. 225 d. "Hptb.".)

Nun zur zweiten Periode der Vogtschen Weltgeschichte.

Ich stand von London aus "ununterbrochen mit der 'Allgemeinen Zeitung' in Beziehung", "
ununterbrochen seit dem Jahre

1849
", weil "
vom Jahre

1852
" ein gewisser
Ohly
Londoner Hauptkorrespondent der "Allgemeinen Zeitung" war. Ohly stand nun zwar in
keiner
Beziehung zu mir, weder vor noch nach 1852. Ich habe ihn
nie
in meinem Leben gesehn. Soweit er über-

haupt in der Londoner Flüchtlingsschaft figurierte, war es als Mitglied des Kinkelschen
Emigrationsvereins
. Dies ändert jedoch nichts an der Sache, denn:

"Früheres Orakel des englisch gelernt habenden Altbayern Altenhöfer war mein" (Vogts) "engerer
Landsmann, der blonde Ohly
, der von kommunistischer Grundlage aus
höhere poetische Standpunkte in Politik

und Literatur zu gewinnen suchte und anfangs in Zürich, vom Jahre 1852 aber in London so lange Hauptkorrespondent der 'Allgemeinen Zeitung' war, bis er endlich im Irrenhause endete." (p. 195 d. "Hptb,".)

Mouchard Edouard Simon verwelscht diese Vogtiade, wie folgt:

"En voici d'abord un qui de son point de départ communiste, avait cherché à s'élever aux plus hautes conceptions de la politique."' ("Höhere poetische Standpunkte in
Politik"
ging über die Kräfte selbst eines Edouard Simon,) "A en croire M. Vogt, cet adepte fut l'oracle de la Gazette d'Augsbourg jusqu'en 1852, époque ou il mourut dans une maison de fous."' (p. 529, "Revue contemporaine", Band XIII, Paris 1860.)

<"Wir haben es da vor allem mit einem Mann zu tun, der, anfänglich Kommunist, sich zu höheren Auffassungen von der Politik zu erheben versucht hatte." - "Wenn man Herrn Vogt glauben darf, war dieser Zauberkünstler das Orakel der 'Augsburger Zeitung' bis 1852, dem Zeitpunkt, wo er in einem Irrenhaus starb."

"Operam et oleum perdidi", kann Vogt von seinem "Hauptbuch" und seinem
Ohly
ausrufen. Während er selbst seinen "engeren Landsmann"
von 1852 aus
London mit der "Allgemeinen Zeitung" korrespondieren läßt, bis er "endlich im Irrenhause endet", sagt Edouard Simon, "wenn man Vogt glaube, sei Ohly das Orakel der 'Allgemeinen Zeitung' gewesen
bis 1852
, zu welcher Epoche er" (der nebenbei bemerkt noch lebt) "in einem Irrenhause
starb
." Aber Edouard Simon kennt seinen Karl Vogt, Edouard weiß, daß, wenn man sich einmal entschließt, seinem Karl zu "glauben", es ganz und gar gleichgültig ist,
was
man ihm glaubt, das, was er sagt, oder das Gegenteil von dem, was er sagt.

"Herr Liebknecht", sagt Karl Vogt, "ersetzte ihn", nämlich den
Ohly
, "als Korrespondent in

der
'Allgemeinen Zeitung'
." "Erst seitdem Liebknecht öffentlich als Mitglied der
Marxschen Partei proklamiert
war, wurde er von der 'Allgemeinen Zeitung' als Korrespondent aufgenommen." (p. 169, l.c.)

Jene Proklamation fand statt während des Kölner Kommunistenprozesses, also
Ende
1852.

In der Tat wurde Liebknecht im Frühling 1851 Mitarbeiter am
"Morgenblatt"
, worin er über die Londoner Industrieausstellung berichtete. Durch die Vermittlung des "Morgenblatts" erhielt er im
September 1855
die Korrespondenz für die "Allgemeine Zeitung".

"Seine" (Marx') "Genossen schreiben keine Zeile, wovon er
nicht vorher in Kenntnis gesetzt worden wäre
." (p. 194, l.c.)

Der Beweis ist einfach: "Er" (Marx) "beherrscht seine Leute unbedingt" (p. 195), während Vogt seinem Fazy und Konsorten unbedingt gehorcht. Wir stoßen hier auf eine Eigentümlichkeit der Vogtschen Mythenbildung. Überall Gießner oder Genfer Zwergmaßstab, kleinstädtischer Rahmen und Schweizer Kneipenduft. Winkelgemütliche Klüngelwirtschaft naiv von Genf nach der Weltstadt London übertragend, läßt er den Liebknecht "keine Zeile" im Westend schreiben, wovon ich in Hampstead, vier Meilen ab, "nicht vorher in Kenntnis gesetzt worden wäre". Und denselben La Guéronnière-Dienst leiste ich täglich einer Schar andrer über ganz London zerstreuter und in alle Welt korrespondierender "Genossen". Welch erquickender Lebensberuf und - wie einträglich!

Vogts Mentor Edouard Simon, zwar nicht mit Londoner, doch wenigstens mit Pariser Verhältnissen vertraut, gibt mit unverkennbarem Künstlertakt der Zeichnung seines unbeholfenen "Freundes vom Lande" einen großstädtischen Schwung:

"Marx, comme chef de la société, ne tient pas lui-même la plume, mais ses fidèles n'écrivent pas une ligne sans l'avoir consulté:
La Gazette d'Augsbourg
sera d'autant mieux servie." (p. 529, l.c.) Also "Marx, als Chef der Gesellschaft,
schreibt nicht selbst
, aber seine Getreuen schreiben keine Zeile, ohne ihn vorher zu Rat zu ziehn.
Die 'Augsburger Zeitung'
wird um so besser bedient."

Empfindet Vogt die ganze Feinheit dieser Korrektur?

Ich hatte mit Liebknechts Londoner Korrespondenz in die "Allgemeine Zeitung" grade so viel zu schaffen als mit Vogts Pariser Korrespondenz in die "Allgemeine Zeitung". Übrigens war Liebknechts Korrespondenz durchaus lobenswert - kritische Darstellung der
englischen
Politik, die er in der "Allgemeinen Zeitung" ganz so schilderte wie in gleichzeitigen Korrespondenzen für radikale deutsch-amerikanische Blätter. Vogt selbst, der ganze Jahrgänge der "Allgemeinen Zeitung" ängstlich nach Verfänglichem in Liebknechts Briefen durchmaust hat, beschränkt die Kritik ihres Inhalts darauf, daß Liebknechts Korrespondenzzeichen
"zwei

dünne schiefgestellte Striche"
seien. (p. 196 d. "Hptb.")

Die schiefe Stellung der Striche bewies allerdings, daß es schief mit der Korrespondenz stand, und nun gar die
"Dünne"
! Hätte Liebknecht statt zwei "dünner Striche" wenigstens zwei rundliche Fettaugen in sein Korrespondenzwappen gemalt! Wenn aber an der Korrespondenz kein andrer Makel haftet als "zwei dünne schiefgestellte Striche", so bleibt das Be-

denken, daß sie überhaupt in der "Allgemeinen Zeitung" erschien. Und warum nicht in der "Allgemeinen Zeitung"?

Die "Allgemeine Zeitung" läßt bekanntlich die verschiedenartigsten Standpunkte zu Wort kommen, wenigstens auf neutralen Gebieten wie dem der englischen Politik, und gilt zudem im Ausland als das einzige deutsche Organ von mehr als lokaler Bedeutung. Liebknecht konnte getrost Londoner Briefe in dasselbe Blatt schreiben, worin
Heine
seine "Pariser",
Fallmerayer
seine "Orientalischen Briefe" schrieb. Vogt berichtet, daß auch unflätige Personen an der "Allgemeinen Zeitung" mitarbeiten. Er selbst war bekanntlich ihr Mitarbeiter von 1844 bis 1847.

Was nun mich selbst und
Friedrich Engels
betrifft - ich erwähne Engels, weil wir beide nach einem gemeinsamen Plane und nach vorheriger Verabredung arbeiten -, so traten wir allerdings 1859 gewissermaßen "in Beziehung" zur
"Allgemeinen Zeitung"
. Ich publizierte nämlich während der Monate Januar, Februar und März 1859 eine Reihe Leitartikel in der
"New York

Tribune"
, worin unter anderm "die mitteleuropäische Großmachtstheorie" der "Allgemeinen Zeitung" und ihre Behauptung, daß die Fortdauer der östreichischen Herrschaft in Italien ein
deutsches Interesse
sei, einer ausführlichen Kritik unterworfen wurden.
Engels
, kurz vor dem Ausbruch des Kriegs, und im Einverständnis mit mir, publizierte

"Po und Rhein"
, Berlin 1859, ein Pamphlet, das speziell gegen die
"Allgemeine Zeitung"
gerichtet ist und, in Engels' Worten zu reden (p. 4 seiner Broschüre

"Savoyen, Nizza und der Rhein"
, Berlin 1860), militärisch-wissenschaftlich nachwies, "daß Deutschland kein Stück von Italien zu seiner Verteidigung brauche und daß Frankreich, wenn bloß militärische Gründe gelten sollten, allerdings noch viel stärkere Ansprüche auf den Rhein habe als Deutschland auf den Mincio". Diese Polemik gegen die "Allgemeine Zeitung" und ihre Theorie von der Notwendigkeit der östreichischen Gewaltherrschaft in Italien ging bei uns jedoch Hand in Hand mit der Polemik gegen die
bonapartistische
Propaganda. Ich wies z.B. ausführlich in der
"Tribune"
nach (s. z.B. Februar 1859), daß die finanziellen und innern politischen Zustände des "bas empire" bei einem kritischen Punkt angelangt seien, wo nur noch ein auswärtiger Krieg die Herrschaft des Staatsstreichs in Frankreich und damit der Kontrerevolution in Europa verlängern könne.

Ich zeigte nach, daß die
bonapartistische
Befreiung Italiens nur ein Vorwand sei, Frankreich unterjocht zu halten, Italien dem Staatsstreich zu unterwerfen, die "natürlichen Grenzen" Frankreichs nach Deutschland zu ver-

legen, Östreich in ein russisches Instrument zu verwandeln und die Völker in einen Krieg der legitimen mit der illegitimen Kontrerevolution hineinzuzwingen. Alles dies geschah, bevor der Ex-Reichs-Vogt von Genf aus in die Posaune stieß.

Seit Wolffs Artikel in der "Revue der Neuen Rheinischen Zeitung" (1850) hatte ich überhaupt die "abgerundete Natur" vollständig vergessen. Wieder erinnert wurde ich an den heitern Gesellen im Frühjahr 1859, eines Aprilabends, als Freiligrath mir einen Brief Vogts nebst beigelegtem politischem
"Programm"
zu lesen gab. Dies war keine Indiskretion, denn Vogts Sendschreiben war bestimmt "zur Mitteilung" an die Freunde, nicht Vogts, sondern des Adressaten.

Auf die Frage, was ich in dem "Programm" finde, antwortete ich: "Kannegießerei". Ich erkannte den alten Spaßvogel sofort wieder in seinem Anliegen an Freiligrath, Herrn
Bucher
als politischen Korrespondenten für das beabsichtigte Genfer Propagandablatt zu werben. Vogts Brief war vom 1. April 1859 datiert. Bucher hatte bekanntlich seit Januar 1859 in seiner Londoner Korrespondenz für die
Berliner "National-Zeitung"
dem Vogtschen Programm absolut widersprechende Ansichten vertreten; aber dem Mann von der "kritischen Unmittelbarkeit" erscheinen alle Kühe grau.

Nach diesem Ereignis, das ich zu unwichtig hielt, irgendeinem Menschen davon zu sprechen, erhielt ich Vogts
"Studien zur gegenwärtigen Lage Europas"
, eine Jammerschrift, die mir keinen Zweifel über seinen Zusammenhang mit der bonapartistischen Propaganda ließ.

Am Abend des 9. Mai 1859 befand ich mich auf der Plattform eines öffentlichen Meetings, das David Urquhart aus Anlaß des italienischen Kriegs abhielt. Noch vor Eröffnung des Meetings schritt eine ernsthaftige Figur gewichtig auf mich zu. An dem Hamletausdruck ihrer Physiognomie erkannte ich sogleich, daß "etwas faul im Staate Dänemark" sei. Es war dies der homme d'état <Staatsmann>

Karl Blind
. Nach einigen vorläufigen Redensarten kam er auf Vogts "Umtriebe" zu sprechen und versicherte mit kopfschüttelnder Emphase, daß Vogt bonapartistische Subsidien für seine Propaganda erhalte, daß einem süddeutschen Schriftsteller, den er mir "leider" nicht nennen könne, 30.000 Gulden zur Bestechung von Vogt angeboten worden - ich sah nicht recht ein, welcher süddeutsche Schriftsteller 30.000 Gulden wert sei -, daß Bestechungsversuche in London vorgefallen, daß schon im Jahre 1858 zu Genf, in einer Zusammenkunft zwischen Plon-Plon, Fazy und Konsorten, der italienische Krieg beraten und der russische Großfürst

Konstantin als künftiger König von Ungarn bezeichnet worden sei, daß Vogt auch ihn (Blind) zur Mitarbeit an seiner Propaganda aufgefordert, daß er
Beweise
für die landesverräterischen Umtriebe Vogts besitze. Blind begab sich zurück auf seinen Sitz an die andre Ecke der Plattform zu seinem Freunde J. Fröbel; das Meeting begann, und D. Urquhart suchte in ausführlicher Rede den italienischen Krieg als die Frucht russisch-französischer Intrige darzustellen.
(1)

 Gegen Schluß des Meetings kam Dr. Faucher, auswärtiger Redakteur des
"Morning Star"
(Organ der Manchesterschule), auf mich zu und erzählte mir, ein neues deutsch-londoner Wochenblatt
"Das Volk"
sei eben erschienen. Das von Herrn
A. Scherzer
herausgegebene und von
Edgar Bauer
redigierte Arbeiterblatt
"Die Neue Zeit"
sei infolge einer Intrige
Kinkels
, des Herausgebers des
"Hermann"
, untergegangen. Hiervon benachrichtigt, habe
Biscamp
, bisher Korrespondent der "Neuen Zeit", seine Lehrerstelle im Süden Englands aufgegeben, um in London "Das Volk" dem "Hermann" gegenüberzustellen. Der deutsche Arbeiterbildungsverein und einige andere Londoner Vereine unterstützten das Blatt, das natürlich, wie alle ähnlichen Arbeiterblätter, gratis redigiert und geschrieben werde. Er selbst, Faucher, obgleich als free-trader der Tendenz des "Volk" fremd, wolle kein Monopol in der deutschen Londoner Presse dulden und habe daher mit andern Bekannten in London ein Finanzkomitee zur Unterstützung des Blattes gegründet. Biscamp habe sich bereits schriftlich um literarische Beiträge an den ihm bisher unbekannten Liebknecht gewendet usw. Schließlich forderte mich Faucher um Teilnahme am "Volk" auf.

Obgleich Biscamp seit 1852 in England lebte, waren wir uns bisher fremd geblieben. Einen Tag nach dem Urquhart-Meeting führte ihn Liebknecht in meinem Hause ein. Der Aufforderung, für das "Volk" zu schreiben, konnte ich zunächst aus Zeitmangel nicht nachkommen, versprach aber, meine deutschen Freunde in England zu Abonnements, Geldzuschüssen und literarischen Beiträgen aufzufordern. Im Laufe der Unterhaltung kamen wir auf das Urquhartsche Meeting zu sprechen, das auf Vogt führte, dessen "Studien" Biscamp bereits kannte und richtig würdigte. Ich teilte ihm und Liebknecht den Inhalt des Vogtschen "Programms" und der Blindschen Enthüllungen mit, bemerkte aber mit Bezug auf die letztern, daß es süddeutsche Manier sei, das Kolorit hoch aufzutragen. Zu meiner Überraschung brachte Nr. 2 des
"Volk"
(14. Mai) einen Artikel unter dem Titel "Der Reichsregent als Reichsverräter" (s. "Hauptbuch", Dokumente, p. 17, 18), worin Biscamp zwei der von Blind angeführten Tatsachen erwähnt – die 30.000 Gulden, die er jedoch auf 4.000 herabsetzt, und den bonapartistischen Ursprung der Vogtschen Operationsgelder. Im übrigen bestand sein Artikel aus Witzen in der Manier der
"Hornisse"
, die er 1848/49 zusammen mit
Heise
in Kassel redigiert hatte. Der Londoner Arbeiterbildungsverein, wie ich lange nach Erscheinen des "Hauptbuchs" (s. Beilage 8) erfuhr, hatte unterdes einen seiner Führer, Herrn Scherzer,

beauftragt, die Arbeiterbildungsvereine in der Schweiz, Belgien und den Vereinigten Staaten zur Unterstützung des "Volk" und zum Kampf gegen die bonapartistische Propaganda aufzufordern. Den obenerwähnten Artikel des "Volk" vom 14. Mai 1859 überschickte Biscamp selbst durch die Post dem Vogt, der zugleich Herrn A. Scherzers Rundschreiben durch sein eignes Ranickel erhielt.

Vogt mit seiner bekannten "kritischen Unmittelbarkeit" dichtete mich sofort als Demiurg in das ihm widrige Gewebe hinein. Ohne weiteres veröffentlichte er daher den
Grundriß
seiner spätern Geschichtsklitterung in der öfter zitierten
"Außerordentlichen Beilage zu No. 150 des Schweizer Handels-Couriers"
. Dies Urevangelium, worin zuerst die Mysterien von der Schwefelbande, den Bürstenheimern, Cherval usw. offenbart wurden unter dem Datum Bern, 23. Mai 1859 (also neueren Datums als das Mormonenevangelium), führte den Titel
"Zur Warnung"
und schloß sich sachgemäß an ein Stück Übersetzung aus einer Broschüre des berüchtigten E. About an.
(2)

Vogts anonymes Urevangelium
"Zar Warnung"
wurde, wie schon früher bemerkt, auf mein Ersuchen im "Volk" abgedruckt.

Anfang Juni verließ ich London, um Engels in Manchester zu besuchen, wo eine Subskription von ungefähr 25 Pfund Sterling für das "Volk" zusammenkam. Fr. Engels, W. Wolff, ich, endlich 3 deutsche zu Manchester ansässige Ärzte, deren Namen in einem von mir nach Berlin gesandten gerichtlichen Dokumente stehn, lieferten diesen Zuschuß, dessen "Beschaffenheit" den "neugierigen" Vogt zu einem "Blick über den Kanal hinüber" nach Augsburg und Wien (p. 212 des "Hptb.") veranlaßt. Über die Londoner Sammlungen des ursprünglichen Finanzkomitees mag Vogt sich bei Dr. Faucher erkundigen.

Vogt lehrt p. 225 des "Hauptbuchs":

"Es war aber von jeher ein
Kunstgriff
der
Reaktion
, von den Demokraten zu verlangen, daß sie alles
umsonst
tun sollten, während
sie selbst
" (nämlich nicht die Demokraten, sondern die Reaktion) "für sich das Privilegium, sich bezahlen zu lassen und bezahlt zu werden in
Anspruch nehmen.
"

Welch
reaktionärer
Kunstgriff des "Volk" also, nicht nur umsonst redigiert und geschrieben zu werden, sondern seine Mitarbeiter obendrein
noch zahlen zu lassen
! Wenn das kein Beweis für die Verbindung zwischen
"Volk"
und Reaktion ist, so steht dem Karl Vogt sein Verstand still.

Während meines Aufenthaltes in Manchester trug sich ein entscheidend wichtiges Ereignis in London zu. Liebknecht fand nämlich in Hollingers (
Drucker des "Volks"
) Setzerei den Korrekturbogen des anonymen und gegen Vogt gerichteten Flugblatts
"Zur Warnung"
, las es flüchtig durch, erkannte sofort Blinds Enthüllungen wieder und erfuhr dann auch noch zum Überfluß von Setzer
A. Vögele
, daß
Blind
das in seiner eignen Handschrift geschriebene Manuskript dem Hollinger zum Druck übergeben habe. Die auf dem Abzug befindlichen Korrekturen waren nicht minder in
Blinds
Handschrift. Zwei Tage später erhielt Liebknecht von Hollinger den Korrekturabzug, den er der "Allgemeinen Zeitung" einsandte. Der Satz des Flugblatts blieb stehn und diente später zum Wiederabdruck desselben in Nr. 7 des
"Volk"
(vom 18. Juni 1859).

Mit der Veröffentlichung der
"Warnung"
durch die "Allgemeine Zeitung" beginnt des Ex-Reichs-Vogts Augsburger Kampagne. Er verklagte die "Allgemeine Zeitung" wegen Abdrucks des Flugblatts.

Im "Hauptbuch" (p. 227/228) travestiert Vogt Müllners: "bin's bin's, bin der Räuber Jaromir". Nur übersetzt er aus dem Sein ins Haben.

"
Ich habe geklagt
, weil ich im voraus wußte, daß die ganze Hohlheit, Nichtigkeit und Erbärmlichkeit jener Redaktion, die sich anmaßt, 'Vertreterin hochdeutscher Bildung' zu sein, an den Tag kommen mußte,
ich habe geklagt
, weil ich im voraus wußte, daß der Zusammenhang dieser wohllöblichen Redaktion und der von ihr in den Himmel gehobenen östreichischen Politik mit der Schwefelbande und dem Auswurfe der Revolution an die Öffentlichkeit kommen mußte",

und noch vier nachfolgende
"ich habe geklagt"
. Der geklagt habende Vogt wird erhaben, oder Longin behält recht mit der Ansicht, daß es nichts Trockneres in der Welt gibt als einen Wassersüchtigen.

"Die persönliche Rücksicht", ruft die "abgerundete Natur", "war das geringste Motiv meiner Klage."

In der Wirklichkeit trugen sich die Dinge jedoch anders zu. Kein Kalb konnte sich ängstlicher vor der Schlachtbank sträuben als Karl Vogt vor der Anklagebank. Während seine "engern" Freunde, das Ranickel, Reinach (früher die wandelnde chronique scandaleuse über Vogt) und der schwatz-

schweifige Rumpfparlamentler Mayer aus Eßlingen, ihn in seiner Scheu vor der Anklagebank bestätigten, erhielt er dringende Mahnungen von Zürich, mit der "Klage" vorzugehn. Bei dem Lausanner Arbeiterfest erklärte ihm der Pelzhändler Roos vor Zeugen, er könne ihn nicht mehr achten, wenn er nicht prozediere. Vogt aber steifte sich: Er frage den Teufel nach der Augsburger und Londoner Schwefelbande und werde schweigen. Plötzlich jedoch sprach er. Verschiedene Zeitungen brachten die Anzeige seines Prozesses, und das Ranickel äußerte:

"
Die in Stuttgart hätten ihm"
(
dem Vogt
)
"ja seine Ruhe gelassen
. Seine" (Ranickels) "Zustimmung sei nicht dabei."

Übrigens, da sich der "Abgerundete" einmal in der Klemme befand, schien eine Klage gegen die "Allgemeine Zeitung" unstreitig das meistversprechende Manöver. Vogts Selbstapologie gegen einen Angriff von J. Venedey, der ihn bonapartistischer Umtriebe beschuldigt hatte, sah das Licht der Welt im
Bieler "Handels-Courier" vom 16. Juni 1859
, traf also in London ein
nach
dem Erscheinen des anonymen Flugblatts, das mit der Drohung endete:

"Sollte aber
Vogt
, was er kaum wagen kann, ableugnen wollen, so wird auf diese Enthüllung eine Nr. 2 folgen."

Vogt hatte nun abgeleugnet, und was nicht folgte, war Enthüllung Nr. 2. Nach dieser Seite hin also gesichert, konnte ihm nur noch Unheil drohen von den lieben Bekannten, die er hinreichend kannte, um auf ihre feige Rücksichtsnahme zu rechnen. Je mehr er sich durch eine Klage öffentlich preisgab, desto sichrer durfte er auf ihre Diskretion Wechsel ziehn, denn in dem "flüchtigen Reichsregenten" stand gewissermaßen das ganze Rumpfparlament am Pranger.

Parlamentler
Jacob Venedey plaudert p. 27/28 seines "Pro domo und Pro patria gegen Karl Vogt"
, Hannover 1860, aus der Schule wie folgt:

"Außer den in Vogts Darstellung seines Prozesses mitgeteilten Briefen habe ich einen andern Brief Vogts gelesen, der viel klarer als jener an Dr. Loening die Stellung Vogts als Gehülfe derer, die den Krieg in Italien zu lokalisieren sich's was kosten ließen, offenlegte. Ich habe mir aus diesem Briefe für meine Überzeugung ein paar Stellen abgeschrieben, die ich leider hier nicht veröffentlichen darf, weil der, an welchen der Brief gerichtet war, sie mir unter dem Versprechen, sie nicht zu veröffentlichen, mitgeteilt hat.
Persönliche und Parteirücksichten haben das Treiben Vogts in dieser Angelegenheit in einer Weise zu decken gesucht, die mir weder der Partei noch der Mannespflicht dem Vater-

lande gegenüber gerechtfertigt erscheint. Dieses Zurückhalten von vielen Seiten
ist Ursache, daß Vogt nach wie vor mit frecher Stirn als deutsches Parteihaupt aufzutreten wagt.
Mir aber scheint es, als ob grade hierdurch die Partei, zu der Vogt stand, halbwegs mitverantwortlich für sein Treiben würde.
"
(3)

Wenn also das Wagnis eines Prozesses gegen die "Allgemeine Zeitung" überhaupt nicht übergroß war, bot andrerseits eine Offensive in dieser Richtung dem General Vogt die allergünstigste Operationsbasis. Es war Östreich, das den Reichs-Vogt durch die "Allgemeine Zeitung" verschrie, und Östreich im Bund mit den Kommunisten! So erschien der Reichs-Vogt als interessantes Opfer einer ungeheuerlichen Koalition zwischen den Feinden des bürgerlichen Liberalismus. Und die kleindeutsche Presse, dem Reichs-Vogt schon gewogen, weil er ein Mindrer des Reichs ist, würde ihn jubelnd aufs Schild heben!

Anfang Juli 1859, kurz nach meiner Rückkehr von Manchester, suchte mich Blind auf infolge eines hier gleichgültigen Vorfalls. Fidelio Hollinger und Liebknecht waren seine Begleiter. In dieser Zusammenkunft sprach ich meine Überzeugung aus, daß er der Verfasser des Flugblatts "Zur Warnung" sei. Er beteuerte das Gegenteil. Ich wiederholte Punkt für Punkt seine Mitteilungen vom 9. Mai, die in der Tat den ganzen Inhalt des Flugblatts bildeten. Alles das gab er zu, aber trotz alledem sei er nicht der Verfasser des Flugblatts.

Ungefähr einen Monat später, im August 1859, zeigte mir Liebknecht ein Schreiben der Redaktion der "Allgemeinen Zeitung", worin er dringend um Beweismittel für die im Flugblatt
"Zur Warnung"
enthaltenen Anklagepunkte angegangen ward. Auf sein Verlangen entschloß ich mich, ihn nach St. John's Wood zur Wohnung Blinds zu begleiten, der, wenn er auch nicht der
Verfasser
des Flugblatts war, jedenfalls schon Anfang Mai wußte, was das Flugblatt der Welt erst Anfang Juni verriet, und zudem sein Wissen
"beweisen"
konnte. Blind war abwesend. Er befand sich in einem Seebad. Liebknecht unterrichtete ihn daher schriftlich von dem Zwecke unsres Besuchs. Keine Antwort. Liebknecht schrieb einen zweiten Brief. Endlich langte folgendes staatsmännische Aktenstück an:

"Lieber Herr Liebknecht!

Ihre beiden Briefe, irrig adressiert, kamen mir fast gleichzeitig zu. Wie Sie begreifen werden, wünsche ich keineswegs, mich in die Angelegenheiten einer mir gänzlich fremden Zeitung zu mischen. Im vorliegenden Fall um so weniger, da ich an der
erwähnten Sache, wie schon früher bemerkt
,
gar keinen Anteil hatte
.
Was die im Privatgespräch vorgekommenen Bemerkungen
betrifft, die Sie anführen, so sind dieselben
offenbar ganz falsch aufgefaßt
worden, und es waltet darüber ein Irrtum ob, auf den ich einmal bei Gelegenheit mündlich will zu sprechen kommen. Indem ich bedaure, daß Sie den Gang mit Marx zu mir hin vergeblich machten,

bleibe ich mit aller Achtung der Ihrige
K. Blind

St. Leonard's, 8. September"

Diese diplomatisch-kühle Note, wonach
Blind
an der Denunziation gegen Vogt
"gar keinen Anteil hatte"
, erinnerte mich an einen Artikel, der anonym am 27. Mai 1859 in der
"Free Press"
zu London erschienen war und in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautet:

"
Der Großherzog Konstantin als künftiger König von Ungarn

Ein Korrespondent, der seine Visitenkarte beilegt, schreibt uns: Mein Herr!

Bei dem letzten Meeting
(3)
in der Musikhalle zugegen, hörte ich die über Großherzog Konstantin gemachte Äußerung. Ich bin imstande, Ihnen eine andere Tatsache mitzuteilen. So lange rückwärts als letzten Sommer detaillierte Prinz Jérôme-Napoléon einigen seiner Vertrauten zu Genf einen Angriffsplan gegen Östreich und eine in Aussicht stehende Remodellierung der Karte Europas. Ich kenne den Namen eines Schweizer Senators, dem er das Thema auseinandergesetzt hat. Prinz Jérôme erklärte damals, daß, dem entworfenen Plane gemäß, der Großherzog Konstantin König von Ungarn werden solle.

Ich kenne ferner
Versuche
, die im Beginn des gegenwärtigen Jahres gemacht wurden, um für den russisch-napoleonischen Plan
sowohl einige exilierte deutsche Demokraten wie auch einflußreiche Liberale in Deutschland zu gewinnen. Große Geldvorteile wurden ihnen als Bestechung angeboten
. (Large pecuniary advantages were held out to them as a bribe.) Ich bin glücklich zu sagen, daß diese Anerbietungen mit Entrüstung abgewiesen wurden." (S. Beil. 9.)

Dieser Artikel, worin Vogt zwar nicht genannt, aber unverkennbar für die deutsche Emigration zu London bezeichnet war, gibt in der Tat den
Kern
des später erschienenen Flugblatts "Zur Warnung". Der Verfasser

des
"künftigen Königs von Ungarn"
, den patriotischer Pflichteifer zur anonymen Denunziation Vogts trieb, mußte natürlich die goldne Gelegenheit gierig greifen, die ihm der Augsburger Prozeß in den Schoß warf, die Gelegenheit, den Verrat gerichtlich vor den Augen von ganz Europa zu enthüllen. Und wer war der Verfasser des "künftigen Königs von Ungarn"?

Bürger Karl Blind
. Das hatten mir Form und Inhalt des Artikels schon im Monat Mai verraten, und das ward jetzt
offiziell bestätigt
von dem Redakteur der
"Free Press"
, Herrn Collet, sobald ich ihm die Bedeutung der schwebenden Streitfrage auseinandergesetzt und Blinds diplomatische Note mitgeteilt hatte.

Am 17. September 1859 gab der Setzer Herr
A. Vögele
mir eine schriftliche Erklärung (abgedruckt "Hauptbuch", Dokumente, Nr. 30, 31), worin er bezeugt, keineswegs, daß
Blind
der
Verfasser
des Flugblatts "Zur Warnung" sei, wohl aber, daß er selbst (A. Vögele) und sein Geschäftsgeber
Fidelio Hollinger
das Flugblatt
in des Hollinger Druckerei setzten
, daß
das Manuskript in Blinds Handschrift geschrieben war
und daß
Blind ihm von Hollinger gelegentlich als Verfasser des Flugblatts bezeichnet worden sei
.

Auf Vögeles Erklärung und den "Künftigen König von Ungarn" gestützt, schrieb
Liebknecht
nun noch einmal an
Blind
um "Beweise" für die von diesem Staatsmann in der
"Free Press"
denunzierten Tatsachen und zeigte ihm gleichzeitig an, daß jetzt ein Beweisstück über
seine
Teilnahme an der Herausgabe des Flugblatts "Zur Warnung" vorliege. Statt eine Antwort an
Liebknecht
, schickte
Blind
Herrn Collet zu mir. Herr Collet sollte mich in
Blinds Namen
auffordern, keinen öffentlichen Gebrauch von meiner Kenntnis über die Autorschaft des besagten Artikels in der
"Free Press"
zu machen. Ich erwiderte, daß ich mich zu nichts verpflichten könne.
Meine
Diskretion werde gleichen Schritt halten mit
Blinds
Bravour.

Unterdes nahte der Termin für die Eröffnung des Prozesses in Augsburg heran.
Blind
schwieg.
Vogt
in seinen verschiedenen öffentlichen Erklärungen hatte versucht, das Flugblatt und den
Beweis
für die Angaben des Flugblatts
mir
als dem geheimen Urheber zuzuwälzen. Zur Abwehr dieses Manövers, zur Rechtfertigung Liebknechts und zur Verteidigung der "Allgemeinen Zeitung", die meiner Ansicht nach mit der Denunziation Vogts ein gutes Werk getan hatte, ließ ich die Redaktion der "Allgemeinen Zeitung" durch Liebknecht wissen, ich sei bereit, ihr ein auf den Ursprung des Flugblatts "Zur Warnung" bezügliches Schriftstück zu übermachen, falls sie mich schriftlich darum ersuche. So begab sich der
"lebhafte Schriftwechsel, den jetzt grade Marx mit Herrn Kolb führt"
, wie Vogt p.194 des "Hauptbuch"

erzählt.
(5)
Dieser
mein "lebhafter Briefwechsel mit
Herrn
Kolb"
bestand nämlich aus zwei Briefen des Herrn
Orges
an mich, beide vom selben Datum, worin er mich um das versprochene Schriftstück ersucht, welches ihm dann auch mit
ein paar Zeilen
meinerseits zugesandt ward.
(6)

Beide Briefe des Herrn
Orges
, eigentlich nur die Doppelausgabe desselben Briefs, trafen am 18. Oktober 1859 zu London ein, während die Gerichtsverhandlungen zu Augsburg schon am 24. Oktober stattfinden sollten. Ich schrieb daher sofort an Herrn Vögele, um ihm für den nächsten Tag ein Rendezvous im Lokal des Marlborough Polizeigerichts anzuberaumen, wo er seiner Erklärung über das Flugblatt "Zur Warnung" die gerichtliche Form eines
Affidavit
(7)
geben sollte. Mein Brief traf ihn nicht rechtzeitig. Am 19. Oktober
(8)

mußte ich daher wider meine ursprüngliche Absicht der
"Allgemeinen Zeitung"
statt eines Affidavit die früher erwähnte schriftliche Erklärung vom 17. September einschicken.
(9)

Die Gerichtsverhandlungen in Augsburg verliefen sich, wie bekannt, in eine wahre Komödie der Irrungen. Das Corpus delicti war das von der
"Allgemeinen Zeitung"
abgedruckte und von
W. Liebknecht
ihr zugesandte Flugblatt
"Zur Warnung"
. Herausgeber und Verfasser des Flugblatts spielten aber Blindekuh;
Liebknecht
konnte seine zu London befindlichen Zeugen

nicht vor die Schranken eines Augsburger Gerichts bannen, die Redakteure der
"Allgemeinen Zeitung"
perorierten in ihrer juristischen Verlegenheit politisch geschmackloses Kauderwelsch, Dr. Hermann gab die Jagdgeschichten der "abgerundeten Natur" über die Schwefelbande, das Lausanner Fest usw. zum besten, und der Gerichtshof endlich wies
Vogts
Klage ab, weil Kläger sich in der zuständigen Instanz
geirrt
hatte. Die Wirren erreichten ihren Höhepunkt, als der Prozeß zu Augsburg geschlossen war und der Bericht darüber mit der "Allgemeinen Zeitung" zu London ankam.
Blind
, der bisher sein staatskluges Schweigen unverbrüchlich gehalten hatte, springt nun plötzlich auf die Arena der Öffentlichkeit, aufgescheucht durch das von mir beigebrachte Zeugnis des Setzers
Vögele
. Vögele hatte
nicht
erklärt, daß Blind der
Verfasser
des Flugblatts
sei
, sondern nur, daß er ihm als solcher von Fidelio Hollinger bezeichnet worden. Vögele erklärte dagegen kategorisch, daß das
Manuskript des Flugblatts in der ihm bekannten Handschrift Blinds geschrieben und in Hollingers Druckerei gesetzt und gedruckt sei
.
Blind
konnte der
Verfasser
des Flugblatts sein, obgleich es weder in Blinds Handschrift geschrieben noch in Hollingers Druckerei gesetzt war. Umgekehrt konnte das Flugblatt von
Blind geschrieben
und von Hollinger gedruckt sein, obgleich Blind
nicht
der Verfasser war.

In No. 313 der
"Allgemeinen Zeitung"
, unter dem Datum London, 3. Novbr. (s. "Hptb.", Dokumente, S. 37, 38), erklärt Bürger und Staatsmann Blind, er sei
nicht
der
Verfasser
des Flugblatts, und als
Beweis
"veröffentlicht" er
"folgendes Dokument"
:

"a) Ich erkläre hiermit die in No. 300 der 'Allgemeinen Zeitung' enthaltene Behauptung des Setzers Vögele, als sei das dort erwähnte Flugblatt 'Zur Warnung' in meiner
Druckerei gedruckt worden
oder als sei Herr
Karl Blind
der Urheber desselben, für eine
böswillige Erfindung
.

3, Litchfield Street, Soho London, 2. Novbr. 1859

Fidelio Hollinger"

"b) Der Unterzeichnete, der seit 11 Monaten in No. 3, Litchfield Street,
wohnt und arbeitet
, gibt seinerseits
Zeugnis für die Richtigkeit der Aussagen des Herrn Hollinger
.

London, 2. Novbr. 1859

J. F. Wiehe, Schriftsetzer"

Vögele hatte nirgendwo
behauptet
,
Blind
sei der
Urheber
des Flugblatts. Fidelio Hollinger erdichtet also erst Vögeles Behauptung, um sie hinterher für eine
"böswillige Erfindung"
zu erklären. Andrerseits,
wenn
das Flugblatt
nicht
in Hollingers Druckerei gedruckt war, woher wußte selbiger Fidelio Hollinger, daß
Karl Blind nicht
der Verfasser?

Und wie kann nun gar der Umstand, daß er
"seit 11 Monaten"
(rückwärts vom 2. November 1859) bei Hollinger
"wohnt und arbeitet"
, den
Setzer Wiehe
befähigen, die
"Richtigkeit dieser Aussage des Fidelio Hollinger"
zu bezeugen?

Meine Antwort auf diese Erklärung
Blinds
(No. 325 der "Allgemeinen Zeitung", siehe "Hptb.", Dokumente, p.39, 40) schloß mit den Worten:
"Die Verlegung des Prozesses von Augsburg nach London
würde das ganze mystère <Geheimnis>

Blind-Vogt
lösen."

Blind, mit der ganzen sittlichen Entrüstung einer verwundeten schönen Seele, kehrt zur Attacke zurück in
"Beilage zur 'Allgemeinen Zeitung'
vom
11. Dezbr. 1859"
:

"Indem ich mich
wiederholt
" (man halte dies im Gedächtnis) "
auf die von den Druckereibesitzer Herrn Hollinger und den Schriftsetzer Wiehe

gezeichneten Dokumente berufe
, erkläre ich zum letztenmal die jetzt nur noch als Insinuation auftretende
Unterstellung, als sei ich der Verfasser
des oft erwähnten Flugblatts, für eine
platte Unwahrheit
. In den andern Angaben über mich befinden sich die
gröbsten Entstellungen
."

In einer Nachschrift zu dieser Erklärung bemerkt die Redaktion der "Allgemeinen Zeitung", die "Diskussion interessiere das größere Publikum nicht weiter", und ersucht daher "die betreffenden Herren, die dies angeht, auf etwaige weitere Entgegnungen zu verzichten", was die "abgerundete Natur" am Schlusse des "Hauptbuchs" dahin kommentiert:

"Mit andern Worten: Die Redaktion der
'Allgemeinen Zeitung'
ersucht die als platte Lügner hingestellten Herren
Marx, Biscamp,
(10)

Liebknecht
, sich und die 'Allgemeine Zeitung' nicht fernerhin zu blamieren."

So endete vorläufig die Augsburger Kampagne.

In den Ton seiner Lausiade zurückfallend, läßt
Vogt
den "Setzer Vögele" vor mir und
Liebknecht
"ein
falsches Zeugnis
" ablegen. (p. 195 des "Hptb.".) Den Ursprung des Flugblatts aber erklärt er daraus, daß
Blind

"Verdachtskonzeptionen ausgeheckt und herumgeklatscht haben mag.
Daraus schmiedete dann die Schwefelbande Pamphlet und weitere Artikel, die sie dem in die Enge getriebenen Blind auf den Kopf zusagten
." (p. 218 1.c.)

Wenn nun der Reichs-Vogt seine unentschiedene Kampagne nicht, wie er aufgefordert war, in London wieder eröffnete, so geschah das teils, weil London
"ein Winkel"
ist (p. 229 des "Hptb."), teils aber, weil die betreffenden Parteien sich "gegenseitig der Unwahrheit ziehen". (l.c.)

Die "kritische Unmittelbarkeit" des Mannes hält die Einmischung der Gerichte nur dann für passend, wenn die Parteien
nicht
über die Wahrheit
streiten
. Ich überspringe nun 3 Monate, um den Faden meiner Erzählung Anfang Februar 1860 wieder aufzunehmen. Vogts "Hauptbuch" war damals noch nicht in London angelangt, wohl aber die
Blütenlese
der
Berliner "National-Zeitung"
, worin es unter anderm heißt:

"Die
Partei Marx
konnte nun sehr leicht die Autorschaft des Flugblatts auf
Blind
wälzen, eben weil und nachdem dieser im Gespräch mit
Marx
und in dem Artikel der
'Free Press'
sich in ähnlichem Sinne geäußert hatte, mit Benutzung dieser Blindschen Aussagen und Redewendungen konnte das Flugblatt
geschmiedet
werden, so daß es wie
sein
Fabrikat aussah."

Blind, der, wie Falstaff die Diskretion für den bessern Teil der Tapferkeit, so Schweigen für die ganze Kunst der Diplomatie hält, Blind begann von neuem zu schweigen. Um ihm die Zunge zu lösen, veröffentlichte ich ein englisches Zirkular mit meiner Namensunterschrift unter dem Datum London, den 4. Februar 1860. (Siehe Beilage 11.)

Dies Zirkular, an den Redakteur der
"Free Press"
adressiert, sagt u.a.:

"Bevor ich weitere Schritte ergreife, muß ich die Gesellen bloßstellen, die offenbar in Vogts Hände gespielt haben. Ich erkläre daher öffentlich, daß die Erklärung Blinds, Wiehes und Hollingers, wonach das anonyme Flugblatt
nicht
in Hollingers Geschäftslokal, 3, Litchfield Street, Soho, gedruckt wurde, eine
infame Lüge ist
."
(11)
Nachdem ich meine Beweismittel aufgestellt, ende ich mit den Worten:

"Folglich erkläre ich abermals den obengenannten
Karl Blind
für einen
infamen Lügner
(deliberate liar). Bin ich im Unrecht, so kann er mich leicht durch einen Appell an einen englischen Gerichtshof widerlegen."

Am 6. Februar 1860 reproduzierte ein Londoner Tagesblatt (
"Daily Telegraph"
) - ich werde später darauf zurückkommen - unter dem Titel
"The Journalistic Auxiliaries of Austria"
(Die journalistischen Helfershelfer Östreichs) die Blütenlese der
"National-Zeitung"
. Ich aber leitete einen Prozeß wegen Verleumdung gegen die
"National-Zeitung"
ein, gab dem
"Telegraph"
Notiz einer ähnlichen Klage und begann das nötige gerichtliche Material zu beschaffen.

Unter dem 11. Februar 1860 gab Setzer Vögele ein Affidavit vor dem Polizeigericht in Bow Street. Es wiederholt den wesentlichen Inhalt seiner Erklärung vom l 7. Septbr. 1859, nämlich, daß das Manuskript des Flugblatts in
Blinds Handschrift geschrieben und in Hollingers Druckerei
, teils von ihm selbst (Vögele), teils von
F. Hollinger
gesetzt worden. (Siehe Beilage 12.)

Ungleich wichtiger war das Affidavit des Setzers Wiehe, auf dessen Zeugnis Blind sich
wiederholt
, und mit stets wachsendem Selbstgefühl, in der "Allgemeinen Zeitung" berufen hatte.

Außer dem Original (siehe Beilage 13) folgt daher hier eine wortgetreue Übersetzung:

"An einem der ersten Tage des letzten Novembers – ich erinnere mich nicht mehr genau des Datums – des Abends zwischen 9 und 10 Uhr, wurde ich aus meinem Bett herausgeholt von Herrn
F. Hollinger
, in dessen Haus ich damals wohnte und bei dem ich als Setzer beschäftigt war. Er reichte mir ein Schriftstück dar, des Inhalts, daß ich während der vorhergehenden 11 Monate
ununterbrochen
von ihm beschäftigt worden sei und daß während dieser ganzen Zeit ein gewisses deutsches Flugblatt
'Zur Warnung' nicht
gesetzt und gedruckt worden sei in Herrn Hollingers Druckerei, 3, Litchfield Street, Soho. In meinem verwirrten Zustand und ohne Kenntnis über die Wichtigkeit der Transaktion erfüllte ich seinen Wunsch und kopierte und unterzeichnete das Dokument. Herr
Hollinger
versprach mir
Geld
; aber ich habe nichts erhalten.
Während dieser Transaktion wartete Herr Karl Blind
, wie meine Frau mich später unterrichtete, in
Herrn Hollingers Zimmer
. Ein paar Tage später rief mich Frau Hollinger vom Essen und führte mich in das Zimmer ihres Mannes, wo ich
Herrn Blind allein fand. Er präsentierte mir dasselbe Dokument
, das Herr Hollinger mir zuvor präsentiert hatte, und
bat mich dringend
(entreated me),
eine zweite Kopie zu schreiben und zu unterzeichnen, da er deren zwei bedürfe, die eine für sich selbst und die andere zur Veröffentlichung in der Presse. Er fügte hinzu, daß er sich mir dankbar zeigen werde.
Ich kopierte und zeichnete wiederum das Schriftstück.

Ich erkläre hiermit die Wahrheit der obigen Aussage und ferner:

l. daß ich während der im Dokumente erwähnten 11 Monate sechs Wochen lang
nicht
von Herrn Hollinger beschäftigt wurde, sondern von einem gewissen Ermani;

2. ich arbeitete nicht in Herrn Hollingers Geschäft, grade zur Zeit als das Flugblatt
'Zur Warnung'
veröffentlicht ward;

3. ich hörte damals von Herrn Vögele, der damals für Herrn Hollinger arbeitete, daß er, Vögele, zusammen mit dem Herrn Hollinger selbst, das fragliche Flugblatt
setzte
und daß das Manuskript in
Blinds Handschrift
war;

4. der Satz des Flugblatts stand noch, als ich in Hollingers Geschäft wieder eintrat.
Ich selbst brach ihm um
, für den Wiederabdruck des Flugblatts 'Zur Warnung' in dem deutschen Blatte 'Das Volk', gedruckt von Herrn Hollinger, 3, Litchfield Street, Soho. Das Flugblatt erschien in No. 7 des 'Volk', d.d. 18. Juni 1859;

5. ich sah, wie Herr Hollinger Herrn Wilhelm Liebknecht, wohnhaft 14, Church Street, Soho, den Korrekturbogen des Pamphlets 'Zur Warnung' gab, auf welchem Korrekturbogen Herr
Karl Blind mit seiner eignen Hand 4 oder 5 Druckfehler korrigiert hatte
. Herr Hollinger schwankte, ob er den Korrekturbogen dem Herrn Liebknecht geben solle, und sobald sich Herr
Liebknecht
entfernt hatte, drückte Hollinger mir und meinem Mitarbeiter Vögele sein Bedauern aus, den Korrekturbogen aus der Hand gegeben zu haben.

Johann Friedrich Wiehe

Erklärt und gezeichnet durch besagten

Friedrich Wiehe im Polizeigericht von Bow Street

an diesem 8. Tage des Februar l860 vor mir,

J. Henry, Richter am besagten Gericht." (Police Court)

(Bow Street)

Es war durch die beiden
Affidavits
der Setzer
Vögele
und
Wiehe
bewiesen, daß das
Manuskript des Flugblatts in Blinds Handschrift geschrieben, in Hollingers Druckerei gesetzt und eine Korrektur von Blind selbst besorgt war
.

Und der homme d'état schrieb an Julius Fröbel unter dem Datum London, 4. Juli 1859:

"Gegen Vogt ist hier,
ich weiß nicht durch wen
, eine heftige Anklage auf Bestochenheit
erschienen
. Es finden sich darin mehrere angebliche Fakta,
von denen wir früher nichts gehört
."

Und derselbe homme d'état schrieb an Liebknecht am 8. Septbr. 1859, daß

"er an der erwähnten Sache gar keinen Anteil hatte".

Nicht zufrieden mit diesen Leistungen hatte Bürger und Staatsmann
Blind
obendrein eine
falsche Erklärung geschmiedet
, wofür er unter Vorhaltung von Geldversprechungen von seiten
Fidelio Hollingers
, künftigen Dankes von seiner eignen Seite,
die Unterschrift des Setzers Wiehe erschlich
.

Dies sein eignes Fabrikat mit der erschlichenen Unterschrift und in Gesellschaft von Fidelio Hollingers falschem Zeugnis sandte er nicht nur der "Allgemeinen Zeitung" ein, sondern
"beruft"
sich
"wiederholt"
auf diese
"Dokumente"
in einer zweiten Erklärung und wirft mir mit Bezug auf diese
"Dokumente"
und in sittlichster Entrüstung "platte Unwahrheit" an den Kopf. Die beiden Affidavits Vögeles und Wiehes ließ ich abschriftlich in verschiedenen Kreisen zirkulieren, worauf in Blinds Hause eine Zusammenkunft stattfand, zwischen
Blind, Fidelio Hollinger
und Blinds Hausfreund, Herrn D. M.
Karl Schaible
, einem braven, stillen Mann, der in Blinds staatsmännischen Operationen gewissermaßen den zahmen Elefanten spielt. In der Nummer vom 15. Februar 1860 des
"Daily Telegraph"
erschien nun ein später in deutschen Zeitungen abgedruckter Paragraph, der in der Übersetzung lautet:

"Das Vogt-Pamphlet

An den Herausgeber des 'Daily Telegraph'!

Mein Herr! Infolge irriger Angaben, die in Umlauf gesetzt wurden, fühle ich Herrn Blind sowohl wie Herrn Marx die förmliche Erklärung geschuldet, daß keiner von beiden der
Verfasser
des einige Zeit vorher gegen Professor Vogt zu Genf gerichteten Flugblatts ist. Dieses Flugblatt stammt von mir her, und auf mir haftet die Verantwortlichkeit. Ich bedaure, sowohl mit Rücksicht auf Herrn Marx als Herrn Blind, daß von mir unkontrollierbare Umstände mich verhindert haben, diese Erklärung früher zu machen.

London, 14. Februar 1860

Karl Schaible, M. D."

Herr
Schaible
sandte mir diese Erklärung zu. Ich erwiderte die Höflichkeit umgehend durch Übersendung der Affidavits der Setzer Vögele und Wiehe und schrieb ihm zugleich, seine (Schaibles) Erklärung ändere nichts, weder an den falschen Zeugnissen, die
Blind
der "Allgemeinen Zeitung" eingeschickt, noch an
Blinds conspiracy
<Verschwörung>

mit Hollinger
zur Erschleichung von Wiehes Unterschrift für das
geschmiedete falsche Schriftstück
.

Blind fühlte, daß er sich diesmal nicht auf dem sichern Boden der "Allgemeinen Zeitung" befand, sondern im bedenklichen Gerichtsbann von England. Wollte er die
Affidavits
und die darauf beruhenden "groben Injurien" meines Zirkulars entkräften, so mußten er und Hollinger
Gegenaffidavits
geben, aber mit der Felonie ist nicht zu spaßen.

Eisele Blind ist nicht Verfasser des Flugblatts, denn Beisele

Schaibele erklärt sich öffentlich als Verfasser. Blind hat nur das Manuskript des Flug-

blatts
geschrieben
, es nur bei Hollinger
drucken lassen
, den Probebogen nur eigenhändig korrigiert und nur
falsche Zeugnisse
zur Widerlegung dieser Tatsachen mit Hollinger
geschmiedet
und an die "Allgemeine Zeitung" expediert. Aber doch verkannte Unschuld, denn er ist nicht
Verfasser
oder
Urheber
des Flugblatts. Er funktionierte nur als
Beisele Schaibeles Schreiber
. Eben darum wußte er auch am 4. Juli 1859 nicht,
"durch wen"
das Flugblatt in die Welt geschleudert worden, und hatte er am 8. September 1859
"an der erwähnten Sache gar keinen Anteil"
. Zu seiner Beruhigung also:
Beisele Schaible
ist der
Verfasser
des Flugblatts im literarischen Sinn, aber
Eisele Blind
ist der
Verfasser
im technischen Sinn des englischen Gesetzes und der
verantwortliche Herausgeber
im Sinne aller zivilisierten Gesetzgebung. Habeat sibi! <Soll es so sein!>

An Herrn Beisele Schaible noch ein Wort zum Abschied.

Das von
Vogt
im Bieler
"Handels-Courier"
gegen mich unter dem Datum
Bern, 23. Mai 1859
, veröffentlichte Pasquill trug die Überschrift
"Zur Warnung"
. Das Anfang Juni 1859 von
Schaible
verfaßte und von seinem Sekretär
Blind
geschriebne und herausgegebne Flugblatt, worin Vogt als
"bestechender"
und "bestochen seiender" Agent Louis Bonapartes mit Angabe ganz bestimmter Details denunziert wird, trägt ebenfalls die Überschrift
"Zur Warnung"
. Es ist ferner unterzeichnet: X. Obgleich X in der Algebra die unbekannte Größe vorstellt, bildet es zufällig auch den letzten Buchstaben meines Namens. Bezweckten etwa Überschrift und Unterschrift des Flugblatts, Schaibles "Warnung" als meine Replik auf Vogts "Warnung" erscheinen zu lassen?

Schaible hatte eine Enthüllung Nr. II versprochen, sobald Vogt Enthüllung Nr. I abzuleugnen wage. Vogt leugnete nicht nur ab; er stellte auf Schaibles "Warnung" hin eine Verleumdungsklage an. Und die Nr. II des Herrn Schaible fehlt bis zur Stunde. Schaible hatte auf den Kopf seines Flugblatts die Worte gedruckt:
"Zur gefälligen Verbreitung"
. Und als Liebknecht nun so "gefällig" war, die "Verbreitung" durch die "Allgemeine Zeitung" zu geben, banden "unkontrollierbare Umstände" von Juni 1859 bis Februar 1860 Herrn Schaible die Zunge, die ihm erst durch die Affidavits im Polizeigericht von Bow Street gelöst ward.

Wie dem auch sei, Schaible, der ursprüngliche Denunziant Vogts, hat die Verantwortlichkeit für die Angaben des Flugblatts jetzt öffentlich übernommen. Statt mit dem Siege von Verteidiger Vogt schließt die Augsburger Kampagne daher mit der endlichen Erscheinung von Angreifer Schaible auf dem Kampfplatz.

Fußnoten von Marx

(1)
Die Angriffe der Marxschen Clique auf
Lord Palmerston
leitet Vogt natürlich aus meinem Gegensatz gegen seine eigenwichtige Person und deren "Freunde" ("Hptbuch", p. 212) her. Es scheint daher passend, hier kurz meines Verhältnisses zu D. Urquhart und seiner Partei zu gedenken. Urquharts Schriften über Rußland und gegen Palmerston hatten mich angeregt, aber nicht überzeugt. Um zu einer festen Ansicht zu gelangen, unterwarf ich "Hansards .Parliamentary Debates" und die diplomatischen "Blue Books"

von 1807 bis 1850 einer mühsamen Analyse. Die erste Frucht dieser Studien war eine Reihe Leitartikel in der
"New York

Tribune"
(Ende 1853), worin ich Palmerstons

Zusammenhang mit dem Petersburger Kabinett aus seinen Transaktionen mit Polen, der Türkei, Zirkassien etc. nachwies. Kurz nachher ließ ich diese Arbeiten in dem von Ernest Jones redigierten Chartistenorgan
"The People's Paper"
abdrucken und fügte neue Abschnitte über Palmerstons Tätigkeit hinzu. Unterdes hatte auch der
"Glasgow Sentinel"
einen dieser Artikel (
"Palmerston and Poland"
) abgedruckt, der die Aufmerksamkeit des Herrn D. Urquhart auf sich zog. Infolge einer Zusammenkunft, die ich mit ihm hatte, veranlaßte er Herrn Tucker in London zur Herausgabe eines Teils jener Artikel in Pamphletform. Diese Palmerston-Pamphlets wurden später in verschiedenen Auflagen zu 15[.000] bis 20.000 Exemplaren vertrieben. Infolge meiner Analyse des "Blue Book" über den Fall von Kars - sie erschien im Londoner Chartistenblatt (April 1856) - übersandte mir das Foreign Affairs Committee zu Sheffield ein Anerkennungsschreiben. (Siehe Beilage 7.) Bei einer Durchmusterung im Britischen Museum befindlicher diplomatischer Manuskripte entdeckte ich eine Reihe englischer Aktenstücke, die sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Epoche Peters des Großen erstrecken, das stetige geheime Zusammenwirken zwischen den Kabinetten von London und Petersburg enthüllen, die Zeit Peters des Großen aber als Geburtsstätte dieses Zusammenhangs erscheinen lassen. Von einer ausführlichen Arbeit über diesen Gegenstand habe ich bisher nur die Einleitung drucken lassen unter dem Titel "Revelations of the diplomatic history of the 18th Century" <"Enthüllungen über die diplomatische Geschichte des 18. Jahrhunderts">. Sie erschien erst in der Sheffield, später in der London "Free Press", beides urquhartische Organe. Letzteres hat seit seiner Gründung gelegentliche Beiträge von mir erhalten. Meine Beschäftigung mit Palmerston und der englisch-russischen Diplomatie überhaupt ereignete sich also, wie man sieht, ohne die leiseste Ahnung, daß hinter Lord Palmerston Herr Karl Vogt steht.

(2)
Ein Wort über den Bieler
Commis voyageur
, den Winkel-Moniteur des "flüchtigen Reichsregenten". Verleger und Redakteur des Bieler "Handels-Courier" ist ein gewisser Ernst Schüler, politischer Flüchtling von 1838, Posthalter, Weinhändler, Faillit, und dermalen wieder bei Kasse, indem sein von dem britisch-französisch-schweizerischen Werbegeschäft während des Krimkriegs subventioniertes Blatt nunmehr 1.200 Abonnenten zählt.

(3)
Siehe auch p. 4 des zitierten Pamphlets, wo es heißt: "Dieses 'Rechnungtragen' aus Parteirücksichten, die moralische Haltlosigkeit, die darin liegt, sich im engern Kreise zu gestehn, daß Vogt ein schändliches Spiel mit dem Vaterlande [...] getrieben hat, und dann diesem Vogt zu erlauben, offen diejenigen der Verleumdung anzuklagen, die nichts gesagt, als was sie alle wissen und denken und wofür sie die Beweise kennen und in der Hand haben, das ekelt mich an usw."

(4)
Es war dies das oben erwähnte am 9. Mai von D. Urquhart abgehaltene Meeting.

(5)
Allerdings erwähnt Herr
Kolb
in Nr. 319 der "Allgemeinen Zeitung" "einen sehr ausführlichen
Brief
des Herrn
Marx, den er nicht drucke
". Dieser "ausführliche Brief" ist jedoch
abgedruckt
in der
Hamburger "Reform"
No. 139,
Beilage vom 19. November I859
. Der "ausführliche Brief" war eine von mir für das
Publikum
bestimmte Erklärung, die ich auch der Berliner
"Volks-Zeitung"
zuschickte.

(6)
Mein Begleitschreiben und Vögeles Erklärung findet man
"Hauptbuch"
,
Dokumente,
p. 30, 31; die Briefe des Herrn Orges an mich in Beilage 10.

(7)

Affidavit
heißt eine gerichtliche Erklärung an Eides Statt, die, wenn falsch, alle gesetzlichen Folgen des Meineids nach sich zieht.

(8)
Da ich unleserlich schreibe, ließ man vor dem Augsburger Gericht meinen vom 19. Oktober datierten Brief vom 29. Oktober her datieren. Vogts Advokat, Dr. Hermann, Vogt selbst, die würdige
Berliner "National-Zeitung"
et hoc genus omne <und die ganze Sippschaft> von der
"kritischen Unmittelbarkeit"
zweifelten keinen Augenblick, daß ein Brief, der zu London am 29. Oktober geschrieben ward, schon am 24. Oktober zu Augsburg vorliegen konnte.

(9)
Daß dies Quidproquo rein dem Zufall – nämlich dem verspäteten Eintreffen meines Briefs bei Vögele – geschuldet war, wird man aus dessen späterm Affidavit vom 11. Februar 1860 ersehn.

(10)
Biscamp hatte unter dem Datum London, den 20. Oktober, einen Brief über die Vogtsche Affäre an die Redaktion der "Allgemeinen Zeitung" geschickt, worin er sich schließlich als Korrespondent anbot. Dieser Brief ward mir erst aus der "Allgemeinen Zeitung" selbst bekannt. Vogt erfindet eine Moraltheorie, wonach Unterstützung eines untergegangenen Blattes mich verantwortlich macht für die nachträglichen Privatbriefe seines Redakteurs. Um wieviel mehr wäre Vogt verantwortlich für Kolatscheks "Stimmen der Zeit", da er bezahlter Mitarbeiter von Kolatscheks "Monatsschrift" war. Solange Biscamp das Volk" herausgab, bewies er die größte Aufopferung, indem er eine langjährige Stellung verließ, um die Redaktion zu übernehmen, unter sehr drückenden Verhältnissen
gratis
redigierte, endlich Korrespondenzen bei deutschen Blättern, wie der
"Kölnischen Zeitung"
z.B., in die Schanze schlug, um seiner Überzeugung gemäß wirken zu können. Alles andere ging und geht mich nichts an.

(11)
Im Englischen sage ich: "deliberate lie". Die
"Kölnische Zeitung"
übersetzte:
"infame Lüge"
. Ich nehme die Übersetzung an, obgleich "durchtriebene Lüge" dem Original näherkommt.

[Herr Vogt - Teil 10]

VII. Die Augsburger Kampagne
IX. Agentur

VIII. Dâ-Dâ Vogt und seine Studien

"Sine studio"

Ungefähr einen Monat vor Ausbruch des italienischen Krieges erschienen Vogts s.g.
"Studien zur gegenwärtigen Lage Europas"
, Genf 1859. Cui bono? <Wem zum Nutzen?>

Vogt wußte, daß

"
England
bei dem bevorstehenden Kriege
neutral
bleiben wird." ("
Studien
", p. 4.)

Er wußte, daß
Rußland

"in Übereinstimmung mit Frankreich
alle Mittel
aufbieten wird, welche diesseits der offenen Feindseligkeit liegen, um Östreich zu schaden". ("Studien", p. 13.)

Er wußte,
daß Preußen -
doch lassen wir ihn selbst sagen, was er von Preußen weiß.

"Dem Kurzsichtigsten muß es nun klargeworden sein,
daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht
; daß Preußen nicht zur Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Östreichs zum Schwerte greifen wird, daß es zu allen Maßregeln, welche die Verteidigung des Bundesgebiets betreffen, seine Zustimmung geben, sonst aber jede
Teilnahme
des
Bundes oder einzelner Bundesmitglieder für Östreich verhindern wird, um dann,
bei den spätern Friedensverhandlungen,
seinen Lohn für
diese
Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten
." (l.c. p. 19.)

Also Fazit: Im bevorstehenden Kreuzzug Bonapartes gegen Östreich wird England
neutral bleiben
, Rußland
feindselig
gegen Östreich wirken, Preußen die etwa rauflustigen Bundesglieder still halten und Europa den Krieg lokalisieren. Wie früher den russischen Krieg, wird Louis Bonaparte jetzt den italienischen Krieg mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis, gewissermaßen als Geheimgeneral einer europäischen Koalition führen. Wozu also Vogts Pamphlet? Da Vogt weiß, daß England, Rußland und Preußen gegen Östreich handeln, was zwingt ihn,
für Bonaparte
zu schreiben?

Aber es

scheint, daß außer der alten Franzosenfresserei mit "dem kindisch gewordnen Vater Arndt und dem Schemen des Dreckpeters Jahn an der Spitze" (p. 121, l.c.) eine Art nationaler Bewegung "das deutsche Volk" aufschüttelte und in allerhand "Kammern und Zeitungen" ihr Echo fand, "während die Regierungen nur zögernd und mit Widerstreben in die herrschende Strömung eingehn". (p. 114 l.c.) Es scheint, daß der Glauben an eine drohende Gefahr" einen "Ruf nach gemeinsamen Maßregeln" (l.c.) aus dem deutschen "Volke" erschallen ließ. Der französische
"Moniteur"
(s. u.a. Nummer vom 15. März 1859) sah diese deutsche Bewegung mit "Kummer und Staunen".

"Eine Art Kreuzzug gegen Frankreich", ruft er aus, "wird in den Kammern und der Presse einiger Staaten des deutschen Bundes gepredigt. Man klagt es an, ehrsüchtige Pläne zu hegen, die es abgeleugnet hat, Eroberungen vorzubereiten, deren es nicht bedarf" usw.

Diesen "Verleumdungen" gegenüber zeigt der
"Moniteur"
, daß "des Kaisers" Auftreten in der italienischen Frage "umgekehrt dem deutschen Geist die größte Sicherheit inspirieren" muß, daß deutsche Einheit und Nationalität gewissermaßen die Steckenpferde des dezembristischen Frankreichs sind usw. Der
"Moniteur"
gesteht indes (siehe 10. April 1859), gewisse deutsche Befürchtungen möchten durch gewisse Pariser Pamphlets "provoziert" scheinen - Pamphlets, worin Louis Bonaparte sich selbst dringend ersucht, seinem Volk die "langersehnte Gelegenheit" zu geben, "pour s'étendre majestueusement des Alpes au Rhin" (sich majestätisch von den Alpen zum Rhein zu erstrecken). "Aber", sagt der
"Moniteur"
,

"Deutschland vergißt, daß Frankreich unter der Ägide einer Gesetzgebung steht, die keine Präventivkontrolle auf Seite der Regierung gestattet."

Diese und ähnliche "Moniteur"-Erklärungen riefen, wie dem Grafen Malmesbury gemeldet ward (s. das Blue Book "On the affairs of Italy. January to May 1859"), das grade Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervor. Was der
"Moniteur"
nicht vermochte, das vermochte vielleicht
Karl Vogt
. Seine "Studien" sind nichts als verdeutschte
Kompilation
aus "Moniteur"-Artikeln, Dentu-Pamphlets und dezembristischen Zukunftskarten.

—————

V
ogts
Kannegießerei über
England
hat nur ein Interesse - die Manier seiner
"Studien"
anschaulich zu machen. Seinen französischen Original-

quellen gemäß verwandelt er den englischen Admiral
Sir Charles Napier
in einen
"Lord" Napier
(
"Studien"
, p. 4). Die an das Dezembertum attachierten literarischen Zuaven wissen vom Theater der Porte St. Martin her, daß jeder vornehme Engländer wenigstens ein Lord ist.

"Mit Östreich", erzählt
Vogt
, "hat England niemals längere Zeit harmonieren können. Wenn
augenblickliche
Gemeinschaft der Interessen
sie für einige Zeit
zusammenführte, stets trennte sie
unmittelbar
wieder die politische Notwendigkeit. Mit Preußen dagegen trat England stets wieder in nähere Verbindung" etc. (p. 2, l.c.)

In der Tat! Der gemeinschaftliche Kampf Englands und Östreichs gegen Ludwig XIV. währt mit geringen Unterbrechungen von 1689 bis 1713, also beinahe ein Vierteljahrhundert. Im östreichischen Sukzessionskriege kämpft England während ungefähr 6 Jahren mit Östreich gegen Preußen und Frankreich. Erst im Siebenjährigen Kriege alliiert sich England mit Preußen gegen Östreich und Frankreich, aber schon 1762 läßt Lord Bute Friedrich den Großen im Stich, um abwechselnd dem russischen Minister Golizyn und dem östreichischen Minister Kaunitz Vorschläge zur "Teilung Preußens" zu machen. Im Jahre 1790 schließt England gegen Rußland und Östreich einen Vertrag mit Preußen, der jedoch in demselben Jahre wieder zerrinnt. Während des Antijakobinerkriegs entzieht sich Preußen, trotz Pitts Subsidien, durch den Vertrag von Basel der europäischen Koalition. Östreich dagegen, von England gehetzt, kämpft mit geringen Unterbrechungen fort von 1793 bis 1809. Kaum ist Napoleon beseitigt, noch während des Wiener Kongresses, als England sofort mit Östreich und Frankreich einen geheimen Vertrag (vom 3. Januar 1815) gegen Rußland und Preußen schließt. Im Jahre 1821 verabreden Metternich und Castlereagh zu Hannover eine neue Übereinkunft gegen Rußland. Während daher die Briten selbst, Geschichtsschreiber und Parlamentsredner, von Östreich vorzugsweise als dem
"ancient ally"
(alten Alliierten) Englands sprechen, entdeckt
Vogt
in seinen bei
Dentu
erschienenen französischen Originalpamphlets, daß Östreich und England, "augenblickliche Gemeinschaft" abgerechnet, sich stets schieden, England und Preußen dagegen sich stets verbanden, weshalb wohl auch Lord
Lyndhurst
, während des russischen Kriegs, dem Hause der Lords mit Bezug auf Preußen zurief: "Quem tu, Romane, caveto!" <"Hüte dich vor ihm, Römer!"> Das protestantische England hat Antipathien gegen das katholische Östreich, das liberale England Antipathien gegen das konservative Östreich, das freihändlerische England Anti-

pathien gegen das schutzzöllnerische Östreich, das zahlungsfähige England Antipathien gegen das bankerotte Östreich. Aber das pathetische Element blieb der englischen Geschichte stets fremd. Lord
Palmerston
, während seiner 30jährigen Regierung Englands, beschönigt allerdings gelegentlich sein Vasallentum unter Rußland mit seiner Antipathie gegen Östreich. Aus "Antipathie" gegen Östreich verweigerte er z.B. die 1848 von Östreich angebotene, von Piemont und Frankreich gutgeheißne Vermittlung Englands in Italien, wonach Östreich sich bis an die Etschlinie und Verona zurückzog, die Lombardei, wenn es ihr gutdünkte, sich Piemont einverleibte, Parma und Modena an die Lombardei fielen, Venedig aber unter einem östreichischen Erzherzog einen unabhängigen italienischen Staat bildete und sich selbst seine Verfassung gab. (Siehe
"Blue Book

on the affairs of Italy"
, Part II, July 1849, No. 377, 478.) Diese Bedingungen waren jedenfalls günstiger als die des Friedens von Villafranca. Nachdem Radetzky die Italiener auf allen Punkten geschlagen, schlug Palmerston die von ihm selbst verworfenen Bedingungen vor. Sobald die Interessen Rußlands ein umgekehrtes Verfahren erheischten, während des
ungarischen
Unabhängigkeitskrieges, wies er dagegen, trotz seiner "Antipathie" gegen Östreich die Hülfe ab, wozu ihn die Ungarn, gestützt auf den Vertrag von 1711, einluden, und verweigerte selbst jeden Protest gegen die russische Intervention, weil

"die politische Unabhängigkeit und Freiheiten Europas an die Erhaltung und Integrität Östreichs als einer europäischen Großmacht geknüpft seien". (Sitzung des Hauses der Gemeinen, 21. Juli 1849.)

Vogt erzählt weiter:

"Die Interessen des Vereinigten Königreichs ... stehen ihnen" (den Interessen Östreichs)
"überall feindlich gegenüber."
(p. 2, l.c.)

Dies "überall" verwandelt sich sofort ins Mittelmeer.

"England will um jeden Preis seinen Einfluß im Mittelmeer und dessen Küstenländern behaupten. Neapel und Sizilien, Malta und die Ionischen Inseln, Syrien und Ägypten sind Ruhepunkte seiner nach
Ostindien
gerichteten Politik;
überall
auf diesen Punkten hat ihm Östreich die
lebhaftesten
Hindernisse bereitet." (l.c.)

Was der
Vogt
nicht alles den von Dentu zu Paris verlegten dezembristischen Originalpamphlets glaubt! Die Engländer bildeten sich bisher ein, sie hätten abwechselnd mit Russen und Franzosen um Malta und die Ionischen Inseln gekämpft, nie aber mit Östreich. Frankreich, nicht Östreich, habe früher eine Expedition nach Ägypten gesandt und setze sich in diesem Augenblick an der Landenge von Suez fest; Frankreich, nicht Östreich,

habe Eroberungen an der Nordküste von Afrika gemacht und, mit Spanien vereint, den Briten Gibraltar zu entreißen gesucht; England habe den auf Ägypten und Syrien bezüglichen Julivertrag von 1840 gegen Frankreich geschlossen, aber mit Östreich; in
"der auf Ostindien gerichteten Politik"
stoße England überall auf die "lebhaftesten Hindernisse" von Seite Rußlands, nicht Östreichs; in der einzig ernsthaften Streitfrage zwischen England und Neapel - der Schwefelfrage von 1840 - sei es eine
französische
, nicht eine östreichische Gesellschaft gewesen, deren Monopol des sizilianischen Schwefelhandels zum Vorwand der Reibung gedient habe; endlich sei jenseits des Kanals wohl gelegentlich die Rede von der Verwandlung des Mittelmeers in einen "lac français" <"französischen Binnensee">, nie aber von seiner Verwandlung in einen "lac autrichien" <"österreichischen Binnensee">. Jedoch ist hier ein wichtiger Umstand zu erwägen.

Im Laufe des Jahres 1858 erschien nämlich zu London eine Karte von Europa, betitelt
"L'Europe en 1860"
(Europa im Jahre 1860). Diese Karte, die von der französischen Gesandtschaft herausgegeben ward und manche für 1858 prophetische Andeutung enthält - Lombardei-Venedig z.B. an Piemont und Marokko an Spanien annexiert -, zeichnet die politische Geographie von ganz Europa um mit einziger Ausnahme Frankreichs, das scheinbar innerhalb seiner alten Grenzen verharrt. Die ihm zugedachten Territorien werden mit verstohlner Ironie an unmögliche Besitzhalter verschenkt. So fällt
Ägypten
an
Östreich
, und die der Karte aufgedruckte Randglosse besagt: "François Joseph I, l'Empereur d'Autriche et d'Egypte" (Franz Joseph I., Kaiser von Östreich und Ägypten.)

Vogt hatte die Karte
"L'Europe en 1860"
als dezembristischen Kompaß vor sich liegen. Daher sein Konflikt Englands mit Östreich von wegen
Ägypten
und
Syrien
. Vogt prophezeit, dieser Konflikt würde "in der Vernichtung einer der streitbaren Mächte sein Ende finden",
wenn
, wie er sich rechtzeitig besinnt, "
wenn
Östreich eine
Seemacht besäße
". (p. 2, l.c.) Den Höhepunkt der ihnen eigentümlichen historischen Gelehrsamkeit erreichen die "Studien" jedoch in folgender Stelle:

"Als Napoleon I.
einst die englische Bank

zu sprengen suchte, half sich diese,
während eines Tages
, dadurch, daß sie die Summen zählte und nicht wägte, wie man bisher zu tun gewohnt war; die östreichische Staatskasse befindet sich 365 Tage im Jahre in gleicher, ja noch weit schlimmerer Lage." (l.c. p. 43.)

Die Barzahlungen der Bank von England ("die englische Bank" ist auch ein Vogtsches Phantom) blieben bekanntlich suspendiert vom Februar 1797

bis zum Jahre 1821, während welcher 24 Jahre die englischen Banknoten überhaupt nicht einwechselbar waren in Metall, gewägtem oder gezähltem. Als die Suspension eintrat, existierte noch kein Napoleon I. in Frankreich (wohl aber führte damals ein General Bonaparte seinen ersten italienischen Feldzug), und als die Barzahlungen in Threadneedle Street wieder anfingen, hatte Napoleon I. aufgehört in Europa zu existieren. Solche "Studien" schlagen denn doch selbst La Guéronnières Eroberung von Tirol durch den "Kaiser" von Östreich.

Frau von Krüdener, die Mutter der Heiligen Allianz, unterschied zwischen dem guten Prinzip, dem
"weißen Engel des Nordens"
(Alexander I.), und dem bösen Prinzip, dem
"schwarzen Engel des Südens"
(Napoleon I.). Vogt, der Adoptivvater der neuen heiligen Allianz, verwandelt beide, Zar und Cäsar, Alexander II. und Napoleon III., in
"weiße Engel"
. Beide sind die prädestinierten Befreier Europas.

Piemont, sagt Vogt, "es
hat

sogar
die Achtung Rußlands erworben".
(p. 71, l.c.)

Was mehr von einem Staat sagen,
als daß er sogar die Achtung Rußlands erworben hat
. Namentlich nachdem Piemont den Kriegshafen von Villafranca an Rußland abgetreten hat, und wie derselbe
Vogt
in bezug auf den Ankauf des Jadebusens durch Preußen mahnt:

"Ein Kriegshafen auf fremdem Gebiet ohne organische Rückverbindung mit dem Lande, zu dem er gehört, ist ein solch lächerlicher Unsinn, daß seine Existenz nur dann Bedeutung gewinnen kann, wenn man ihn gewissermaßen als Zielpunkt künftiger Bestrebungen, als das aufgesteckte Fähnlein ansieht, nach welchem die Richtungslinien visiert werden." ("Studien", p. 15.)

Katharina II. hatte bekanntlich schon Kriegshäfen für Rußland im Mittelmeer zu gewinnen gesucht.

Zarte Rücksichtnahme gegen den "weißen Engel" des Nordens verleitet
Vogt
, "die Bescheidenheit der Natur", soweit sie selbst noch von seinen Dentuschen Originalquellen gewahrt wird, plump übertreibend zu verletzen. In
"La vraie question. France-Italie-Autriche"
, Paris 1859 (bei Dentu) las er p. 20:

"Mit welchem Recht übrigens würde die östreichische Regierung die Unverletzbarkeit der Verträge von 1815 anrufen, sie, welche dieselben verletzt hat durch die
Konfiskation von Krakau
, dessen Unabhängigkeit die Verträge garantierten?"
(1)

Dies sein französisches Original verdeutscht er wie folgt:

"Es ist sonderbar, eine solche Sprache in dem Munde der
einzigen Regierung
zu vernehmen, die bis
jetzt in frecher Weise die Vertrage gebrochen
[...], indem es mitten im Frieden, ohne Ursache, seine frevelnde Hand gegen die durch Verträge garantierte
Republik Krakau
ausstreckte und dieselbe dem Kaiserstaate
ohne weiteres
einverleibte." (p. 58, l.c.)

Nikolaus natürlich vernichtete Konstitution und Selbständigkeit des Königreichs Polen, durch die Verträge von 1815 garantiert, aus "Achtung" vor den Verträgen von 1815. Rußland achtete nicht minder die Integrität
Krakaus
, als es die freie Stadt im Jahre 1831 mit moskowitischen Truppen besetzte. Im Jahre 1836 wurde Krakau wieder besetzt von Russen, Östreichern und Preußen, wurde völlig als erobertes Land behandelt und appellierte noch im Jahre 1840, unter Berufung auf die Verträge von 1815, vergebens an England und Frankreich. Endlich am 22. Februar 1846 besetzten Russen, Östreicher und Preußen abermals Krakau, um es Östreich einzuverleiben. Der Vertragsbruch geschah durch die
drei nordischen Mächte,
und die östreichische Konfiskation von 1846 war nur das letzte Wort des russischen Einmarsches von 1831. Aus Delikatesse gegen den "weißen Engel des Nordens" vergißt Vogt die Konfiskation Polens und verfälscht er die Geschichte der Konfiskation von Krakau.
(2)

Der Umstand, daß
Rußland
"durchweg feindselig gegen Östreich und sympathetisch zu Frankreich", läßt dem Vogt keinen Zweifel über die völkerbefreienden Tendenzen Louis Bonapartes, ganz wie der Umstand, daß "seine" (Louis Bonapartes) "Politik
heute
mit derjenigen Rußlands auf
das engste
verbunden geht" (p. 30), ihm keinen Zweifel über die völkerbefreienden Tendenzen Alexanders II. gestattet.

Das heilige Rußland muß daher im Osten ganz ebenso als "Freund der freiheitlichen Bestrebungen" und der "volkstümlichen und nationalen Entwicklung" betrachtet werden wie das dezembristische Frankreich im Westen. Diese Parole war ausgeteilt unter alle Agenten des 2. Dezember. "Rußland", las
Vogt
in der bei Dentu verlegten Schrift
"La foi des traités, les puissances signataires et l'empereur Napoleon III"
, Paris 1859 -

"Rußland gehört zur Familie der Slawen, einer auserwählten Race ... Man hat sich gewundert über die ritterliche Übereinstimmung, die plötzlich zwischen Frankreich und Rußland aufgesprungen ist. Nichts natürlicher:
Zusammenstimmung der Prinzipien, Übereinstimmung über den Zweck
, Unterwerfung unter
das Gesetz der heiligen Allianz der Regierungen und der Völker
, nicht um Fallen zu legen und zu zwingen, sondern um die göttlichen Bewegungen der Nationen zu lenken und zu unterstützen. Aus dieser ganz vollkommenen Herzlichkeit" (zwischen Louis-Philippe und England herrschte nur
entente cordiale
, aber zwischen Louis Bonaparte und Rußland herrscht
la cordialité la plus parfaite
<die vollkommenste Herzlichkeit>) "sind die glücklichsten Wirkungen hervorgegangen: Eisenbahnen,
Befreiung der Leibeignen
, Handelsstationen im Mittelmeer usw."
(3)

Vogt fängt sofort die "Befreiung der Leibeignen" auf und deutet an, daß

"der jetzt gegebene Anstoß ... aus Rußland eher einen Genossen der freiheitlichen Bestrebungen statt eines Feindes derselben machen dürfte". (l.c. p. 10.)

Er, wie sein Dentusches Original, leitet den Anstoß der sogenannten russischen Leibeignenemanzipation auf Louis Bonaparte zurück und verwandelt zu diesem Zweck den Anstoß gebenden englisch-türkisch-französisch-russischen Krieg in einen
"französischen Krieg"
. (p,. 9, l.c.)

Bekanntlich erscholl der Ruf nach Emanzipation der Leibeignen zuerst laut und nachhaltig unter Alexander I. Der Zar Nikolaus beschäftigte sich während seines ganzen Lebens mit der Leibeignenemanzipation, schuf 1838 zu diesem Behuf ein eignes Ministerium der Domänen, ließ dies Ministerium 1843 vorbereitende Schritte tun und erließ 1847 sogar über die Veräußerung adliger Ländereien bauernfreundliche Gesetze, zu deren Rücknahme ihn 1848 nur die Furcht vor der Revolution trieb. Wenn die Frage der Leibeignenemanzipation daher unter dem "wohlwollenden Zar", wie
Vogt
Alexander II. gemütlich bezeichnet, gewaltigere Dimensionen angenommen hat, scheint dies einer Entwicklung ökonomischer Zustände geschuldet, die selbst ein Zar nicht niederherrschen kann. Übrigens würde

die Leibeignenemanzipation im
Sinne der russischen Regierung
die Aggressivkraft Rußlands ums Hundertfache steigern. Sie bezweckt einfach die Vollendung der Autokratie, durch Niederreißung der Schranken, die der große Autokrat bisher an den vielen auf die Leibeigenschaft gestützten kleinen Autokraten des russischen Adels fand, sowie an den sich selbst verwaltenden bäuerlichen Gemeinwesen, deren materielle Grundlage, das Gemeineigentum, durch die sogenannte Emanzipation vernichtet werden soll.

Zufällig verstehn die russischen Leibeignen die Emanzipation in einem andern Sinn als die Regierung, und der russische Adel versteht sie wieder in anderm Sinn. Der "wohlwollende Zar" entdeckte daher, daß eine wirkliche Leibeignenemanzipation unvereinbar mit seiner Autokratie, ganz wie der wohlwollende Papst Pius IX. zur Zeit entdeckt hat, daß die italienische Emanzipation unvereinbar mit den Existenzbedingungen des Papsttums ist. Der "wohlwollende Zar" erblickt daher im Eroberungskrieg und in der Ausführung der traditionellen auswärtigen Politik Rußlands, die, wie der russische Geschichtsschreiber Karamsin bemerkt, "unveränderlich" ist, das einzige Mittel, die Revolution im Innern zu vertagen. Fürst
Dolgorukow
, in seinem Werke
"La vérité sur la Russie"
, 1860, hat die von bezahlten russischen Federn durch ganz Europa seit 1856 emsig verbreiteten, von den Dezembristen 1859 laut proklamierten und von Vogt in seinen "Studien" nachgebeteten Lügenmärchen über das unter Alexander II. eingebrochene Millennium kritisch vernichtet.

Schon vor Ausbruch des italienischen Kriegs hatte sich nach
Vogt
die eigens zur Befreiung der Nationalitäten gestiftete Allianz zwischen dem "weißen Zar" und dem "Mann vom Dezember" bewährt in den Donaufürstentümern, wo die Einheit und Unabhängigkeit rumänischer Nationalität durch die Wahl des Obersten Cuza zum Fürsten der Moldau und Walachei besiegelt worden.

"Östreich protestiert mit Händen und Füßen,
Frankreich und Rußland applaudieren
." (p. 65, l.c.).

In einem Memorandum (abgedruckt "Preußisches Wochenblatt", 1855), vom russischen Kabinett 1837 für den damaligen Zar entworfen, liest man:

"Rußland liebt es nicht,
sofort
Staaten mit fremdartigen Elementen einzuverleiben ... Jedenfalls scheint es passender, die Länder, deren Erwerb
beschlossen
ist, einige Zeit unter besondern, aber ganz abhängigen Oberhäuptern existieren zu lassen, wie wir es getan haben in der Moldau und Walachei usw."

Bevor Rußland die Krim einverleibte, proklamierte es ihre
Unabhängigkeit
.

In einer russischen Proklamation vom 11. Dezember 1814 heißt es u.a.:

"Der Kaiser Alexander, euer Schutzherr, appelliert an euch Polen. Bewaffnet euch selbst für die Verteidigung eures Vaterlandes und die Erhaltung eurer
politischen Unabhängigkeit
."

Und nun gar die Donaufürstentümer! Seit dem Einmarsch Peters des Großen in die Donaufürstentümer hat Rußland für ihre
"Unabhängigkeit"
gearbeitet. Auf dem Kongreß zu Niemirow (1737) verlangte die Kaiserin Anna vom Sultan die Unabhängigkeit der Donaufürstentümer unter russischem Protektorat. Katharina II., auf dem Kongreß zu Fokshani (1772), bestand auf der Unabhängigkeit der Fürstentümer unter
europäischem Protektorat
. Alexander I. setzte diese Bestrebungen fort und besiegelte sie durch Verwandlung Bessarabiens in eine russische Provinz (Frieden von Bukarest 1812). Nikolaus beglückte die Rumänen sogar durch Kisselew mit dem noch gültigen
Réglement organique
, welches die infamste Leibeigenschaft organisierte unter dem Zujauchzen von ganz Europa über diesem Code der Freiheit. Alexander II. hat die anderthalbhundertjährige Politik seiner Vorfahren durch die Quasi-Vereinigung der Donaufürstentümer unter Cuza nur einen Schritt weiter geführt.
Vogt
entdeckt, daß infolge dieser Einigung unter einem russischen Vasallen "die Fürstentümer ein Damm sein würden gegen das Vordringen Rußlands nach Süden". (p. 64, l.c.)

Da Rußland die Wahl Cuzas applaudiert (p. 65, l.c.), wird es sonnenklar, daß der wohlwollende Zar sich selbst aus Leibeskräften "den Weg nach Süden" versperrt, obgleich "Konstantinopel ein ewiger Zielpunkt russischer Politik bleibt". (l.c. p. 9.)

Die Wendung, Rußland als Schutzherrn des Liberalismus und nationaler Bestrebungen zu verschreien, ist nicht neu. Katharina II. wurde von einer ganzen Schar französischer und deutscher Aufklärer als Fahnenträgerin des Fortschritts gefeiert. Der "edle" Alexander I., (Le Grec du Bas Empire <Der Grieche des byzanzinischen Reiches, hier: Bauernfänger>, wie Napoleon ihn unedel nennt) spielte seinerzeit den Helden des Liberalismus in ganz Europa. Beglückte er Finnland nicht mit den Segnungen der russischen Zivilisation? Gab er Frankreich in seiner Großmut nebst einer Konstitution nicht auch noch einen
russischen
Premierminister, den Herzog von Richelieu? War er nicht der geheime Chef der "Hetärie", während er gleichzeitig auf dem Kongreß von Verona durch den erkauften Chateaubriand Ludwig XVIII. zum Feldzug gegen die spanischen Rebellen

trieb? Hetzte er nicht Ferdinand VII. durch dessen Beichtvater zur Expedition gegen die empörten spanisch-amerikanischen Kolonien, während er gleichzeitig dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika seine Unterstützung gegen jede Intervention europäischer Mächte auf dem amerikanischen Kontinent zusagte? Hatte er nicht Ypsilanti als "Führer der heiligen Hellenenschar" nach der Walachei entsandt und durch denselben Ypsilanti die Schar verraten und Wladimiresco, den walachischen Rebellenführer, meuchelmorden lassen?

Auch Nikolaus wurde vor 1830 als Nationalitäten befreiender Held in allen Sprachen, gereimt und ungereimt, begrüßt. Als er 1828/29 den Krieg gegen Machmud II. zur Befreiung der
Griechen
unternahm, nachdem Machmud nämlich verweigert hatte, eine russische Armee zur Unterdrückung der griechischen Rebellion einrücken zu lassen, erklärte Palmerston dem englischen Parlament, die Feinde des befreienden Rußlands seien notwendig die "Freunde" der größten Weltungetüme, Dom Miguels, Östreichs und des Sultans. Gab Nikolaus in väterlicher Fürsorge den Griechen nicht einen russischen General, den Grafen Kapodistrias, zum Präsidenten? Nur waren die Griechen keine Franzosen und mordeten den edlen Kapodistrias. Obgleich nun Nikolaus seit dem Ausbruch der Julirevolution von 1830 hauptsächlich als Schirmherr der Legitimität seine Rolle spielte, unterließ er jedoch keinen Augenblick, für die "Befreiung der Nationalitäten" zu wirken. Wenige Beispiele genügen. Die konstitutionelle Revolution
Griechenlands
im September 1843 war geleitet von Katakasi, dem russischen Minister zu Athen, früher verantwortlicher Oberaufseher über Admiral Heyden während der Katastrophe von Navarino. Das Zentrum der
bulgarischen
Rebellion von 1842 war das russische Konsulat zu Bukarest. Dort empfing der russische General Duhamel, im Frühling 1842, eine bulgarische Deputation, der er den Plan zu einer allgemeinen Insurrektion vorlegte. Serbien sollte als Reserve der Insurrektion dienen und das Hospodariat der Walachei auf den russischen General Kisselew übertragen werden. Während der
serbischen
Insurrektion (1843) trieb Rußland durch die Gesandtschaft in Konstantinopel die Türkei zu Gewaltmaßregeln gegen die Serben, um dann auf diesen Vorwand hin gegen die Türken an die Sympathie und den Fanatismus Europas zu appellieren. Auch
Italien
war keineswegs ausgeschlossen von den Befreiungsplänen des Zar Nikolaus:
"La jeune Italie"
, eine Zeitlang das Pariser Organ der Mazzinischen Partei, erzählt in einer Nummer von November 1843:

"Die neulichen Unruhen in der Romagna und die Bewegungen in Griechenland standen mehr oder minder in Verbindung ... Die italienische Bewegung scheiterte,

weil die wirklich demokratische Partei ihren Anschluß an dieselbe verweigert hat. Die
Republikaner
wollten eine von
Rußland
ins Werk gesetzte Bewegung
nicht unterstützen
. Alles war für eine allgemeine Insurrektion in Italien vorbereitet. Die Bewegung sollte in Neapel beginnen, wo man erwartete, ein Teil der Armee werde sich an die Spitze stellen oder unmittelbar gemeinsame Sache mit den Patrioten machen. Nach Ausbruch dieser Revolution sollten die Lombardei, Piemont und die Romagna sich erheben und ein
italienisches Reich
gegründet werden unter dem Herzog von Leuchtenberg, Sohn von Eugène Beauharnais und Schwiegersohn des Zaren.
Das 'Junge Italien' vereitelte den Plan.
"

Die
"Times"
vom 20. November 1843 bemerkt über diese Mitteilung der
"Jeune Italie"
:

"Wenn dieser große Zweck - Stiftung eines italienischen Reichs mit einem russischen Prinzen an der Spitze - erreicht werden konnte, desto besser; aber ein andrer mehr unmittelbarer, wenn auch nicht so gewichtiger Vorteil war durch jedweden Ausbruch in Italien zu erreichen - Östreich Alarm zu verursachen und seine Aufmerksamkeit von den fürchterlichen (fearful) Plänen Rußlands
an der Donau
abzulenken."

Nachdem Nikolaus sich 1843 erfolglos an das "Junge Italien" gewandt hatte, sandte er im März 1844 Herrn von Butenew nach Rom. Butenew eröffnete dem Papst <Gregor XIV.> im Namen des Zaren, Russisch-Polen solle an Östreich abgetreten werden im Austausch für die Lombardei, die ein norditalienisches Königreich unter Leuchtenberg bilden solle. Das
"Tablet"
vom April 1844, damals das englische Organ der römischen Kurie, bemerkt zu diesem Vorschlag:

"Der Köder für den römischen Hof in diesem schönen Plan lag darin, daß Polen in katholische Hände geriet, während die Lombardei nach wie vor unter einer katholischen Dynastie verblieb. Aber die diplomatischen Veteranen von Rom sahen ein, daß, während Östreich kaum seine eignen Besitzungen halten kann und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach früher oder später seine slawischen Provinzen wieder von sich geben muß, eine Übermachung Polens an Östreich, selbst wenn dieser Teil des Vorschlags ernstlich gemeint war, nur ein später wieder rückzahlbares Anlehn wäre; wahrend Norditalien mit dem Herzog von Leuchtenberg in der Tat unter russische Protektion und bevor lange unfehlbar unter den russischen Zepter fallen würde. Folglich wurde der warm anempfohlene Plan für jetzt beiseite gelegt."

Soweit das "Tablet" von 1844.

Der einzige Umstand, der die staatliche Existenz Östreichs, seit Mitte des 18. Jahrhunderts, rechtfertigte, sein Widerstand gegen die Fortschritte Rußlands im Osten Europas - ein Widerstand, hülflos, inkonsequent, feig,

aber zäh -, veranlaßt
Vogt
zur Entdeckung, daß "Östreich der Hort jeden Zwiespalts im Osten ist". (l.c. p. 56.) Mit "einer gewissen Kindlichkeit", die seinem fetten Wesen so wohl ansteht, erklärt er die Verbindung Rußlands mit Frankreich gegen Östreich, beseits der befreienden Tendenzen des "wohlwollenden Zar", aus dem
Undank

Östreichs für die während der ungarischen Revolution vom Nikolaus empfangenen Dienste.

"In dem Krimkriege selbst ging Östreich bis zur letzten Grenze der bewaffneten, feindseligen Neutralität fort. Es versteht sich von selbst, daß dieses Gebaren, das zudem den Stempel der
Falschheit und Hinterlist
trug, die russische Regierung in gewaltigem Maße gegen Östreich erbittern und damit auch zu Frankreich hindrängen mußte." (l.c. p. 10, 11.)

Rußland verfolgt nach
Vogt
eine sentimentale Politik. Der
Dank
, den Östreich dem Zaren auf Kosten Deutschlands während des Warschauer Kongresses von 1850 und durch den Zug nach Schleswig-Holstein abstattete, befriedigt den dankbaren
Vogt
noch nicht.

Der russische Diplomat
Pozzo di Borgo
, in seiner berühmten Depesche d.d. Paris, Oktober 1825, sagt, nach vorheriger Aufzählung der Umtriebe Östreichs gegen Rußlands Interventionspläne im Osten:

"Unsre Politik gebietet uns daher, uns diesem Staat" (Östreich) "in einer fürchterlichen Gestalt zu zeigen und ihn durch unsre Vorbereitungen zu überzeugen, daß, wenn er eine Bewegung gegen uns wagt, der wildeste Sturm, den er je erlebt hat, über seinem Haupt losplatzen wird."

Nachdem Pozzo mit Krieg von außen und Revolution von innen gedroht, als mögliche friedliche Lösung Östreichs Zugreifen auf die ihm "zusagenden Provinzen" der Türkei bezeichnet, Preußen aber einfach als einen untergeordneten Alliierten Rußlands geschildert hat, fährt er fort:

"
Hätte der Wiener Hof unsern guten Zwecken und Absichten nachgegeben,
so würde der Plan des kaiserlichen Kabinetts lange erfüllt sein - ein Plan, der sich nicht nur auf die Besitzergreifung der Donaufürstentümer und Konstantinopels, sondern selbst auf die Vertreibung der Türken aus Europa erstreckt."

Im Jahre 1830 wurde bekanntlich ein geheimer Vertrag zwischen Nikolaus und Karl X. abgeschlossen. Es war darin stipuliert: Frankreich erlaubt Rußland die Besitzergreifung Konstantinopels und erhält zum Ersatz die Rheinprovinzen und Belgien; Preußen wird entschädigt durch Hannover und Sachsen; Östreich erhält einen Teil der türkischen Provinzen an der Donau. Derselbe Plan ward unter Louis-Philippe, auf Rußlands Antrieb, von Molé

dem Petersburger Kabinett wieder vorgelegt. Bald darauf wan-

derte Brunnow mit dem Aktenstück nach London, wo es als Beweis für Frankreichs Verrat der englischen Regierung mitgeteilt und zur Bildung der antifranzösischen Koalition von 1840 benutzt ward.

Sehn wir nun, wie Rußland im Einverständnis mit Frankreich den italienischen Krieg ausbeuten
sollte
in der Idee des von seinen Pariser Originalquellen inspirierten
Vogt.
Die "nationale" Zusammensetzung Rußlands und im besondern die
"polnische Nationalität"
könnten einem Manne, dessen "Polarstern das Prinzip der Nationalität" ist, einige Schwierigkeiten zu bereiten scheinen, aber:

"Das Prinzip der Nationalität steht uns hoch, das Prinzip der freien Selbstbestimmung noch höher." (p. 121, l.c.)

Als Rußland durch die Verträge von 1815 den bei weitem größten Teil des eigentlichen
Polens
annexierte, erhielt es eine nach Westen hin so vorgeschobene Stellung, drängte es sich so keilartig nicht nur zwischen Östreich und Preußen, sondern zwischen Ostpreußen und Schlesien, daß schon damals preußische Offiziere (Gneisenau z.B.) auf die Unerträglichkeit solcher Grenzverhältnisse gegen einen übermächtigen Nachbar aufmerksam machten. Als aber die Niederwerfung Polens 1831 dies Gebiet den Russen auf Gnade und Ungnade unterwarf, entwickelte sich auch erst der wahre Sinn des Keils. Den Befestigungen, im größten Stil angelegt, bei Warschau, Modlin, Iwangorod, diente die Niederhaltung Polens nur als Vorwand. Ihr wirklicher Zweck war vollständige strategische Beherrschung des Weichselgebiets, Herstellung einer Basis für den Angriff nach Norden, Süden und Westen. Selbst Haxthausen, der für den rechtgläubigen Zar und alles Russische schwärmt, sieht hier eine ganz entschiedne Gefahr und Drohung für Deutschland. Die befestigte Stellung der Russen an der Weichsel bedroht Deutschland mehr als alle französischen Festungen zusammengenommen, namentlich von dem Augenblick, wo Polens nationaler Widerstand aufhören und Rußland über Polens kriegerische Kraft als seine eigne Aggressivkraft verfügen würde.
Vogt
beruhigt daher Deutschland darüber, daß
Polen
aus freier Selbstbestimmung
russisch
ist.

"Zweifellos", sagt er, "zweifellos hat sich infolge der angestrengten Bemühungen der russischen Volkspartei
die Kluft, welche zwischen Polen und Rußland gähnte, bedeutend verringert
und bedarf es vielleicht nur eines
geringen Anstoßes, um sie gänzlich auszufüllen
." (l.c. p. 12.)

Diesen geringen Anstoß sollte der italienische Krieg bieten. (Alexander II. überzeugte sich jedoch während dieses Krieges, daß Polen noch nicht auf der Höhe Vogts stand.) Das in Rußland durch "freie Selbst-

bestimmung" aufgegangne
Polen
würde als Zentralkörper die unter der Fremdherrschaft schmachtenden und abgelösten Glieder des weiland polnischen Reichs vermittelst des Gesetzes der Schwere anziehn. Damit dieser Attraktionsprozeß um so leichter vor sich gehe, rät
Vogt
Preußen, den Moment zu ergreifen, um das "slawische Anhängsel" loszuwerden (p. 17, l.c.), nämlich
Posen
(p. 97, l.c.) und wahrscheinlich auch
Westpreußen
, da nur Ostpreußen als "wahrhaft deutsches Land" anerkannt wird. Die von Preußen losgelösten Glieder würden natürlich sofort an den in Rußland absorbierten Zentralkörper zurückfallen und das "wahrhaft deutsche Land" Ostpreußen in ein russisches Enklave verwandelt werden. Andrerseits, was
Galizien
betrifft, das auch in der Karte
"L'Europe en 1860"
in Rußland einverleibt ist, so lag dessen Loslösung von Östreich ja direkt im Zwecke des Kriegs, Deutschland von den ungermanischen Besitzungen Östreichs zu befreien.
Vogt
erinnert sich, daß man

"vor 1848 in [...] Galizien häufiger das Bild des russischen Zaren als das des östreichischen Kaisers fand" (p. 12, l.c.), und "bei der ungemeinen Geschicklichkeit, welche Rußland in Anfädelung solcher Umtriebe besitzt, würde hier ein bedeutender Grund zur Befürchtung von Seite Östreichs vorliegen". (l.c.)

Es versteht sich aber ganz von selbst, daß, um den "innern Feind" loszuwerden, Deutschland ruhig den Russen erlauben muß, "Truppen an die Grenze zu schieben" (p. 13), welche diese Umtriebe unterstützen. Während Preußen selbst seine polnischen Provinzen von sich absondert, sollte Rußland mit Benutzung des italienischen Kriegs Galizien von Östreich loslösen, wie Alexander I. ja schon 1809 seine nur theatralische Unterstützung Napoleons I. mit einem Stücke Galiziens bezahlt erhielt. Es ist bekannt, daß Rußland teils von Napoleon I., teils vom Wiener Kongreß einen Teil der ursprünglich an Östreich und Preußen gefallnen Polenstücke mit Erfolg wieder herausforderte. Im Jahre 1859 war, nach
Vogt,
der Moment gekommen,
ganz
Polen mit Rußland zu vereinigen. Statt der
Emanzipation der polnischen Nationalität
von Russen, Östreichern und Preußen verlangt
Vogt
das
Aufgehn und Untergehn des ganzen ehemaligen polnischen Reichs in Rußland
. Finis Poloniae! <Das Ende Polens!> Diese "russische" Idee von der "Wiederherstellung Polens", die sogleich nach dem Tode des Zaren Nikolaus <Nikolaus I.> ganz Europa durchlief, findet man bereits März 1855 in dem Pamphlet
"The new hope of Poland"
(Die neue Hoffnung Polens) von
David Urquhart
denunziert.

Aber
Vogt
hat noch nicht genug für Rußland getan.

"Die außerordentliche Zuvorkommenheit", sagt dieser
liebenswürdige Gesellschafter
, "ja fast die Brüderlichkeit, womit die Russen die
ungarischen
Revolutionäre behandelten, stach zu sehr gegen das Verfahren der Östreicher ab, als daß es nicht seine volle Wirkung hätte äußern müssen. Indem es die Partei" (Notabene: Rußland warf nach
Vogt
nicht
Ungarn
, sondern die
Partei
nieder) "zwar niederwarf, aber sie mit Schonung und Courtoisie behandelte, legte Rußland den Grund zu einer Anschauungsweise, die sich etwa damit ausdrücken, daß man unter zwei Übeln das kleinere wählen müsse und daß
im gegebenen Falle Rußland nicht das größere sei
." (p. 12, 13, l.c.)

Mit welcher "außerordentlichen Zuvorkommenheit, Schonung, Courtoisie", ja fast "Brüderlichkeit", geleitet Plon-Plons Falstaff die Russen nach Ungarn und macht er sich zum "Kanal" der Illusion, woran die ungarische Revolution von 1849 gescheitert ist. Es war
Görgeys
Partei, die damals den Glauben an einen russischen Prinzen als künftigen König von Ungarn verbreitet und durch diesen Glauben die Widerstandskraft der ungarischen Revolution gebrochen hat.
(4)

Ohne besondern Halt an irgendeiner Race stützten die Habsburger
vor
1848 ihre Herrschaft über Ungarn natürlich auf die herrschende Nationalität - die
Magyaren
. Überhaupt, im Vorbeigehn sei es gesagt, war Metternich der größte Erhalter der Nationalitäten. Er mißbrauchte sie gegeneinander, aber er brauchte sie, um sie zu mißbrauchen. Er erhielt sie daher. Man vergleiche Posen und Galizien. Nach der Revolution von 1848/49 suchte die habsburgische Dynastie, die Deutsche und Magyaren durch die Slawen geschlagen hatte, Joseph II. nachahmend, das deutsche Element gewaltsam in Ungarn zur Herrschaft zu bringen. Aus Furcht vor Rußland wagten die Habsburger nicht, ihren Rettern, den Slawen, in die Arme zu sinken. Ihre Gesamtstaatsreaktion in Ungarn war mehr noch gerichtet gegen ihre Retter, die Slawen, als gegen ihre Besiegten, die Magyaren. Im Kampfe mit ihren eignen Rettern trieb die östreichische Reaktion daher, wie
Szemere
in seinem Pamphlet
"Hungary, 1848-1860"
, London 1860, gezeigt hat, die Slawen zurück unter das Banner des Magyarentums. Östreichische Herrschaft
über
Ungarn und Herrschaft der Magyaren
in
Ungarn

fielen daher zusammen
vor
und
nach
1848. Ganz anders mit Rußland, ob es direkt oder indirekt in Ungarn herrsche. Die stammverwandten und die religionsverwandten Elemente zusammengerechnet, verfügt Rußland sofort über die
nicht magyarische Majorität
der Bevölkerung. Die magyarische Race erliegt sofort den stammverwandten Slawen und religionsverwandten Walachen. Russische Herrschaft in Ungarn ist daher gleichbedeutend mit
Untergang der ungarischen Nationalität
, d.h. des an die Herrschaft der Magyaren historisch gebundenen Ungarns.
(5)

Vogt, der die
Polen
durch "freie Selbstbestimmung" in
Rußland
aufgehn, läßt die
Ungarn
durch russische Herrschaft im
Slawentum
untergehn.
(6)

Aber
Vogt
hat immer noch nicht genug für Rußland getan.

Unter den "außerdeutschen Provinzen" Östreichs, für die der deutsche Bund
nicht
"zum Schwert greifen" sollte gegen Frankreich und Rußland, das "gänzlich auf Seite Frankreichs steht", befanden sich nicht nur Galizien, Ungarn, Italien, sondern namentlich auch
Böhmen und Mähren
.

"Rußland", sagt Vogt, .bietet den festen Punkt dar, um welchen sich die slawischen Nationalitäten mehr und mehr zu gruppieren streben." (l.c. p. 9/10.)

Böhmen und Mähren gehören zu den "slawischen Nationalitäten". Wie Moskowien sich zu Rußland, so muß Rußland sich zu Panslawonien entfalten. "Mit den
Tschechen
... an der Seite werden wir jedem
Feinde unterliegen
." (p. 134, l.c.) Wir, d.h. Deutschland muß sich der Tschechen, d.h. Böhmens und Mährens, zu entledigen suchen. "Keine Garantie für außerdeutsche Besitzungen der Herrscher." (p. 133, l.c.)
"Keine außerdeutschen Provinzen mehr im Bunde"
(l.c.), sondern nur deutsche Provinzen in Frankreich! Man muß daher nicht nur "das jetzige französische Kaisertum
gewähren lassen
, [...] solange es das deutsche
Bundesgebiet

nicht
verletzt
" (p. 9, Vorrede), sondern muß auch
Rußland
"gewähren lassen", solange es nur
"außerdeutsche Provinzen im Bunde"
verletzt. Rußland wird Deutschland zur Entwicklung seiner "Einheit" und "Nationalität" verhelfen, indem es Truppen vorschiebt an die seinen "Umtrieben" ausgesetzten "slawischen Anhängsel" Östreichs. Während Östreich in Italien von Louis Bonaparte beschäftigt wird und Preußen das deutsche Bundesschwert in die Scheide zwingt, wird der "wohlwollende Zar" Revolutionen in
Böhmen und Mähren
"heimlicherweise mit Geld, Waffen und Munition zu unterstützen wissen". (p. 13, l.c.)

Und "mit den Tschechen an der Seite müssen wir jedem Feinde unterliegen "!

Wie großmütig denn von dem "wohlwollenden Zar", uns von Böhmen und Mähren und ihren Tschechen zu befreien, die sich naturgemäß als "slawische Nationalitäten um Rußland gruppieren müssen". Sehn wir, wie unser Reichs-Vogt durch seine Einverleibung Böhmens und Mährens in Rußland die deutsche Ostgrenze schützt. Böhmen russisch! Aber Böhmen liegt mitten in Deutschland, durch Schlesien von

Russisch-Polen, durch das von Vogt russifizierte Mähren von dem durch
Vogt
russifizierten Galizien und Ungarn getrennt. So erhält Rußland ein Stück deutsches Bundesgebiet von 50 deutschen Meilen Länge und 25 bis 35 Meilen Breite. Es schiebt seine Westgrenze um volle 65 deutsche Meilen nach Westen vor. Da nun von Eger bis Lauterburg im Elsaß, in grader Linie, nur 45 deutsche Meilen sind, so wäre Norddeutschland durch den französischen Keil einerseits und noch weit mehr den russischen andrerseits von Süddeutschland vollständig getrennt, und die
Teilung Deutschlands wäre fertig
. Der direkte Weg von Wien nach Berlin ginge
durch Rußland
, ja selbst der direkte Weg von München nach Berlin. Dresden, Nürnberg, Regensburg, Linz wären unsere Grenzstädte gegen Rußland; unsre Stellung gegenüber den Slawen wäre im Süden wenigstens dieselbe wie
vor
Karl dem Großen (während Vogt im Westen uns nicht erlaubt, bis zu Louis XV. zurückzugehn), und wir könnten tausend Jahre aus unsrer Geschichte ausstreichen.

Wozu Polen gedient hat, dazu kann Böhmen noch besser dienen. Prag in ein verschanztes Lager verwandelt und Nebenfestungen am Einfluß der Moldau und Eger in die Elbe - und die russische Armee in Böhmen kann die schon von vornherein geteilt ankommende deutsche Armee aus Bayern, aus Östreich, aus Brandenburg ruhig abwarten, die stärkern an den Festungen anlaufen lassen und die schwächern im Detail schlagen.

Man sehe sich die Sprachkarte von Zentraleuropa an - nehmen wir z.B. eine slawische Autorität, den
"slovansky zemevid"
von Safarík. Hier zieht sich die Grenze slawischer Sprache von der pommerschen Küste bei Stolp über Zastrow südlich Chodziehen an der Netze und geht dann westlich bis Meseritz. Von hier aus aber biegt sie sich plötzlich nach Südosten. Hier dringt der massive deutsche Keil von Schlesien tief ein zwischen Polen und Böhmen. In Mähren und Böhmen springt dann wieder slawische Sprache weit nach Westen vor - freilich angefressen an allen Seiten von vordringendem deutschem Element und durchsetzt von deutschen Städten und Sprachinseln, wie denn auch im Norden die ganze Unterweichsel und der beste Teil Ost- und Westpreußens deutsch sind und sich unbequem gegen Polen vorschieben. Zwischen dem westlichsten Punkt polnischer und dem nördlichsten böhmischer Sprache liegt die lausitzisch-wendische Sprachinsel mitten im deutschen Sprachgebiet, aber so, daß sie Schlesien fast abschneidet.

Für den russischen Panslawisten
Vogt
, der Böhmen zu seiner Verfügung hat, kann da keine Frage sein, wo die natürliche Grenze des slawischen Reichs ist. Sie geht von Meseritz direkt auf Lieberose und Lübben, von da

südlich von dem Durchbruch der Elbe durch die böhmischen Grenzberge und folgt weiter der West- und Südgrenze Böhmens und Mährens. Was weiter östlich ist, ist slawisch; die paar deutschen Enklaven und sonstige Eindringlinge auf slawisches Gebiet können der Entwicklung des großen slawischen Ganzen nicht länger im Wege stehn; ohnehin haben sie kein Recht da, wo sie sind. Dieser "panslawistische Zustand" einmal hergestellt, so findet sich von selbst, daß im Süden eine ähnliche Rektifikation der Grenzen nötig ist. Hier hat sich ebenfalls ein deutscher Keil unberufen zwischen Nord- und Südslawen eingedrängt, das Donautal und die steirischen Alpen besetzt.
Vogt
kann diesen Keil nicht dulden, und so annexiert er konsequenterweise Östreich, Salzburg, Steiermark und die deutschen Teile von Kärnten an Rußland. Daß bei dieser Herstellung des slawisch-russischen Reichs nach den erprobtesten Grundsätzen des "Nationalitätsprinzips" auch die paar Magyaren und Rumänen nebst verschiedenen Türken an Rußland fallen (der "wohlwollende Zar" arbeitet durch die Unterjochung Zirkassiens und die Ausrottung der Krimtartaren ja auch am "Nationalitätsprinzip"!) zur Strafe dafür, daß sie sich zwischen die Nord- und die Südslawen drängen, hat Vogt bereits Östreich zum Trotz entwickelt.

Wir Deutsche verlieren bei dieser Operation weiter, nichts als Ost- und Westpreußen, Schlesien, Teile von Brandenburg und Sachsen, ganz Böhmen, Mähren und das übrige Östreich außer Tirol (wovon ein Teil dem italienischen "Nationalitätsprinzip" zufällt) - und unsere nationale Existenz in den Kauf!

Bleiben wir aber nur beim nächsten, wonach Galizien, Böhmen und Mähren
russisch
!

Unter solchen Umständen könnten Deutsch-Östreich, Südwestdeutschland und Norddeutschland niemals zusammen handeln, es sei denn - und dahin würde es notwendig kommen -
unter russischer Führung
.

Vogt läßt uns Deutsche singen, was seine Pariser 1815 sangen:

"Vive
Alexandre
,

Vive
le roi des rois
,

Sans rien
prétendre
,

Il nous donne des
lois
."

<"Alexander, hoch in Ehren!

Er, der andre Fürsten lenkt,

Läßt uns anstandslos gewähren,

Gnädig uns Gesetze schenkt.">

Das
Vogtsche
"Nationalitätsprinzip", das er 1859 durch den Bund zwischen dem "weißen Engel des Nordens" und "dem weißen Engel des Südens" verwirklichen wollte, sollte sich also in seiner
eignen
Anschauung zunächst bewähren durch Aufgehn der polnischen Nationalität, Untergehn der magyarischen Nationalität, Vergehn der deutschen Nationalität im -
Russentum
.

Ich habe seine Dentuschen Originalpamphlets diesmal nicht erwähnt, weil ich mir ein
einziges
schlagendes Zitat vorbehielt, zum Beweis, daß in allem, was er hier halb andeutet, halb herausplaudert, einer von den Tuilerien erteilten Parole gehorcht wird. In der Nummer des
"Pensiero ed Azione"
vom 2. bis 16. Mai 1859, worin
Mazzini
später eingetroffene Ereignisse wahrsagt, bemerkt er unter anderm, daß in der zwischen Alexander II. und Louis Bonaparte verabredeten Allianz die erste Bedingung lautete:
"abbandono assoluto della Polonia"
(absolutes Aufgeben Polens von seiten Frankreichs, was
Vogt
übersetzt in "gänzliche Ausfüllung der zwischen Polen und Rußland gähnenden Kluft").

"Che la guerra si prolunghi e assuma ... proporzioni europee, l'insurrezione delle provincie oggi turche preparata di lunga mano e quelle dell'
Ungheria
, daranno campo all' Allianza di rivelarsi ... Principi russi governerebbo le provincie che surgerebbo
sulle rovine
dell' Impero Turco e dell'
Austria ... Constantino di Russia
è già proposto ai malcontenti ungheresi." (Siehe
"Pensiero ed Azione"
vom 2. bis 16. Mai 1859.) ("Sollte der Krieg sich aber verlängern und europäische Proportionen annehmen, so wird die seit lange vorbereitete Insurrektion der heute türkischen Provinzen und Ungarns der Allianz Gelegenheit geben, sich zu enthüllen ... Russische Prinzen werden die Staaten regieren, die sich über den Ruinen der Türkei und Östreichs erheben werden... Konstantin von Rußland ist bereits den ungarischen Mißvergnügten vorgeschlagen.")

—————

Vogts Russentum ist indessen nur sekundär. Er folgt darin nur einer von den Tuilerien ausgeteilten Parole, sucht Deutschland nur vorzubereiten auf Manöver, die für gewisse Eventualitäten des Kriegs gegen Östreich zwischen Louis Bonaparte und Alexander II. vereinbart waren, und hallt in der Tat nur sklavisch die panslawistische Phrase seiner Pariser Originalpamphlets wider. Sein eigentliches Geschäft ist, das Ludwigslied" zu singen:

"Einan kùning wèiz ih, hèizit hêr Hlùdowig

ther gêrno Gôde (i.e. den Nationalitäten) dionôt."

<"Einen König weiß ich, heißet Herr Ludewig,

der gerne Gott (d. h. den Nationalitäten) dienet."

Wir hörten vorhin, wie
Vogt
Sardinien durch die Angabe hochpreist, daß "
es sogar die Achtung Rullands erworben
hat".

Jetzt die Parallele.

"Von Östreich", sagt er, "ist in den Erklärungen" (Preußens) "nicht die Rede ... im Falle eines bevorstehenden Kriegs zwischen Nordamerika und Cochinchina würde die Sprache nicht anders lauten. Der deutsche Beruf Preußens aber, die deutschen Verpflichtungen, das alte Preußen, das wird mit Vorliebe betont.
Frankreich
" (nach seiner p. 27 gegebenen Erklärung von Frankreich: .Frankreich resümiert sich [...] jetzt einzig in der Person seines Herrschers") "
erteilt infolgedessen Lobsprüche durch den 'Moniteur' und die übrige Presse
. - Östreich wütet." ("Studien", p. 18.)

"Daß Preußen seinen
'deutschen Beruf'
richtig auffaßt, folgt aus den ihm durch Louis Bonaparte im
'Moniteur'
und der übrigen Dezemberpresse
erteilten Lobsprüchen
." Welch kühle Impertinenz! Man erinnert sich, wie Vogt aus Zärtlichkeit gegen den "weißen Engel des Nordens" Östreich
allein
die Verträge von 1815 brechen und allein Krakau konfiszieren ließ. Gleichen Liebesdienst erweist er nun dem "weißen Engel des Südens".

"Dieser Kirchenstaat, an dessen Republik" (Republik des Kirchenstaats!) "
Cavaignac
, der Vertreter der doktrinären republikanischen Partei [...] und das militärische Gegenbild Gagerns" (auch eine Parallele!), den schändlichen
Völkermord
beging" (einen Völkermord an der Republik eines Staats begehn!), "der ihm doch nicht zum Präsidentenstuhl verhalf." (l.c. p. 69.)

Also
Cavaignac
war es und nicht
Louis Bonaparte
, der "den
schändlichen Völkermord
" an der
Römischen Republik

beging! Cavaignac sandte in der Tat im Nov. 1848 eine Kriegsflotte nach Civita Vecchia zum persönlichen Schutz des Papstes. Aber erst im folgenden Jahre, erst nachdem Cavaignac monatelang vom Präsidentenstuhl entfernt war, erst am 9.
Februar 1849
ward die weltliche Herrschaft des Papstes abgeschafft und
die Republik

in Rom proklamiert
, und so konnte Cavaignac eine zur Zeit seiner Herrschaft noch gar nicht existierende Republik nicht morden. Louis Bonaparte sandte am 22. April 1849 den General Oudinot mit 14.000 Mann nach Civita Vecchia, nachdem er die zur Expedition gegen Rom erheischten Geldmittel von der Nationalversammlung durch die feierlich wiederholte Erklärung erschlichen, er bezwecke nur Widerstand gegen einen von Östreich bezweckten Einfall in die römischen Staaten. Die Pariser Katastrophe vom 13. Juni 1849 entsprang bekanntlich aus dem Beschluß Ledru-Rollins und der Montagne - den "schändlichen Völkermord an der Römischen Republik", der zugleich "ein schändlicher Bruch der französischen Konstitution" und eine "schändliche Verletzung des Beschlusses der Nationalversammlung" sei, an dem Urheber aller dieser Schändlichkeiten, an
Louis Bonaparte, durch seine Versetzung in Anklagezustand
zu rächen. Man sieht,

wie "schändlich" der schnöde Sykophant des Staatsstreichs, wie frech
Karl Vogt
die Geschichte
verfälscht
, um den Beruf des Herrn "Hlùdowîg" zur Befreiung der Nationalitäten im allgemeinen und Italiens im besondren über allen Zweifel zu erheben.

Vogt erinnert sich aus der
"Neuen Rheinischen Zeitung"
, daß die Klasse der Parzellenbauern in Frankreich neben der Klasse des Lumpenproletariats die einzig gesellschaftliche Basis des bas empire bildet. Er macht dies nun zurecht wie folgt:

"Das jetzige Kaisertum hat keine Partei unter den Gebildeten, keine Partei [...] in der französischen Bourgeoisie - ihm
gehören
nur zwei Massen, die Armee und das Landproletariat,
das nicht lesen und schreiben kann
. Aber das macht 9/10 der Bevölkerung aus und begreift in sich das gewaltig organisierte Instrument, mit welchem der Widerstand zerschmettert werden kann, und die Herde
der Heloten der Hypothek
, die nichts besitzen
als eine Stimme in die Urne
." (p. 25.)

Die nicht städtische Bevölkerung Frankreichs, die Armee eingerechnet, beträgt kaum
2
/
3
der Gesamtbevölkerung.
Vogt
verwandelt weniger als
2
/
3
in
9
/
10
. Die ganze französische außerstädtische Bevölkerung, von der
1
/
5
etwa aus wohlhabenden Landeigentümern besteht, ein andres
1
/
5

wieder aus Land- und Besitzlosen, verwandelt er samt und sonders in Parzellenbauern, "Heloten der Hypothek". Endlich schafft er alles Lesen und Schreiben in Frankreich außerhalb der Städte ab. Wie früher die Geschichte, so verfälscht er hier die Statistik, um das Piedestal seines Helden auszuweiten. Auf dies Piedestal wird nun der Held selbst hingestellt.

"Frankreich resümiert sich also in der Tat jetzt einzig und allein in der Person seines Herrschers, von welchem Masson" (auch eine Autorität) "sagte, 'er besitze große Eigenschaften als Staatsmann und Souverän, einen unerschütterlichen Willen, einen sichern Takt, kräftigen Entschluß, starkes Herz, hohen, kühnen Geist und vollkommene Rücksichtslosigkeit'." (p. 27, l.c.)

"wie saelecliche stât im an

allez daz, daz êr begât!

wie gâr sîn lip ze wunsche stât!

wie gênt îm so gelîche inein

die fînen keiserlîchen bein."

<"Wie fügt der Schaft sich seiner Hand!

Wie kleidet ihn sein stolz Gewand!

Wie hold ist er von Haupt und Haaren!

Wie süß ist aller sein Gebaren!

Wie selig ist sein ganzer Leib!">

(Tristan)

Vogt
entreißt seinem Masson den Weihrauchkessel, um ihn selbst zu schwenken. Zu Massons Tugendkatalog fügt er hinzu: "kalte Berechnung", gewaltige Kombination", "Schlangenklugheit", "zähe Geduld" (p. 28) und stammelt dann als Tacitus der Antichambre: "Der
Ursprung
dieser Herrschaft ist
ein Grauen
"; was jedenfalls - ein Unsinn ist. Er muß die groteske Figur seines Helden vor allem zum großen Mann melodramatisieren, und so wird aus "Napoleon le Petit" dieser
"Schicksalsmensch
". (p. 36, l.c.)

"Mögen die
jetzigen Zustände
dazu führen", ruft Vogt aus, "dieses" (des Schicksalsmenschen) "Regierung zu
ändern
" (welch bescheidner Ausdruck, zu
andern
!), "an unserm
warmen Glückwunsche dazu
soll es gewiß nicht fehlen, wenn wir auch vorderhand
keine Aussicht
dazu erfassen
mögen
!" (p. 29, l.c.)

Wie ernst es diesem warmen Bruder mit seinem in petto gehaltenen Glückwunsch gemeint war, ersieht man aus folgendem:

"Die
Zustände im Innern
werden aber bei
fortdauerndem Frieden
deshalb
von Tag zu Tag unhaltbarer
, weil die französische Armee mit den Parteien der Gebildeten in weit innigerem Zusammenhange steht als z.B. in den deutschen Staaten, in Preußen und Östreich; - weil diese Parteien unter den Offizieren namentlich ihr Echo finden und so eines schönen Tags die
einzig aktive Stütze
der Macht, die der Kaiser in Händen hat, ihm entschlüpfen könnte." (l.c. p. 26/27.)

Also die
"Zustände im Innern"
wurden
"täglich unhaltbarer"
bei
"fortdauerndem Frieden"
. Darum mußte
Vogt
dem Louis Bonaparte den
Friedensbruch
zu erleichtern suchen. Die Armee, die "einzig aktive Stütze" seiner "Macht", drohte ihm zu "entschlüpfen". Darum bewies Vogt Europas Aufgabe, durch einen in Italien "lokalisierten" Krieg die französische "Armee" wieder an Louis Bonaparte festzubinden. Die Rolle Badinguets, wie der Pariser den "Neffen seines Onkels" unehrerbietig

nennt, schien in der Tat Ende 1858 ein Ende mit Schrecken nehmen zu wollen. Die allgemeine Handelskrise, 1857/58, hatte die franz[ösische] Industrie gelähmt.
(7)
Die Regierungsmanöver, um den akuten Ausbruch der Krise zu verhindern, machten das Übel chronisch, so daß sich die Stockung des französischen Handels bis zum Ausbruch des italienischen Kriegs fortschleppte. Andrerseits fielen die Getreidepreise von 1857 bis 1859 so tief, daß auf verschiede-

nen
congrès agricoles
<landwirtschaftlichen Kongressen> laut die Klage erscholl, der franz[ösische] Ackerbau werde mit den niedrigen Preisen und den hohen auf ihm ruhenden Lasten unmöglich. Louis Bonapartes lächerlicher Versuch, die Getreidepreise künstlich zu heben durch eine Ukase, die den Bäckern in ganz Frankreich die Anlage von Getreidespeichern aufherrschen sollte, verriet nur die hilf lose Verlegenheit seiner Regierung.

Die auswärtige Politik des Staatsstreichs zeigte nur ein Reihe verunglückter Versuche, den Napoleon zu spielen - lauter Anläufe, stets gekrönt von offiziellem Rückzug. So seine Intrige gegen die Ver[einigten] Staaten von Amerika, die Manöver zur Erneuerung des Sklavenhandels, die melodramatischen Drohungen gegen England. Die Frechheiten, die Louis Bonaparte sich damals gegen die Schweiz, Sardinien, Portugal und Belgien erlaubte - obgleich er in Belgien die Befestigung Antwerpens nicht einmal hintertreiben konnte -, stellten sein Fiasko den Großstaaten gegenüber nur in grelleres Relief. Im englischen Parlament war "Napoleon le Petit" stehendes Stichwort geworden, und die
"Times"
, in den Schlußartikeln des Jahres 1858, persiflierte den "Mann von Eisen" als "einen Mann
von
Guttapercha". Unterdes hatten die Handgranaten Orsinis über die innere Lage Frankreichs gewetterleuchtet. Es zeigte sich, daß Louis Bonapartes Regime noch immer so haltlos war wie in den ersten Tagen des Staatsstreichs. Die
Lois de sûreté publique
verrieten seine gänzliche Isolierung. Er hatte abzudanken vor seinen eignen Generalen. Frankreich, ein unerhörtes Ereignis, wurde nach spanischer Sitte in 5 Generalcapitanate verteilt. Durch die Errichtung der Regentschaft wurde Pélissier in der Tat als höchste Behörde Frankreichs anerkannt. Zudem flößte die erneuerte terreur <Schreckenszeit> keinen Schrecken ein. Statt fürchterlich, erschien der holländische Neffe der Schlacht von Austerlitz nur grotesk. Montalembert konnte zu Paris den Hampden spielen, Berryer und Dufaure in ihren Plädoyers die Hoffnungen der Bourgeoisie verraten und Proudhon zu Brüssel Louis-Philippismus mit einem acte additionel proklamieren, während Louis Bonaparte selbst an ganz Europa die um sich greifende Macht der Marianne verriet. Der Aufstand zu Chalon, währenddessen die Offiziere auf die Nachricht von der Proklamation der Republik zu Paris, statt auf die Insurgenten einzuhauen, erst vorsichtig bei der Präfektur anfrugen, ob die Republik denn wirklich zu Paris proklamiert sei, bewies schlagend,

daß selbst die Armee das restaurierte empire als eine Pantomime betrachtete, deren Schlußszene herannahe. Skandalöse Duelle der

übermütigen Offiziere zu Paris, gleichzeitig mit skandalösen Börsencoups, worin die höchsten Spitzen der Bande vom 10. Dezember kompromittiert waren! Der Sturz des Palmerston-Ministeriums in England wegen seiner Allianz mit Louis Bonaparte! Endlich ein Staatsschatz, der nur auf außerordentliche Vorwände hin wieder gefüllt werden konnte! Solches war die Lage des bas empire Ende 1858. Das Brummagem-Kaisertum fiel, oder die lächerliche Farce eines napoleonischen Kaiserreichs
innerhalb
der Grenzen der Verträge von 1815 mußte ein Ende nehmen. Dazu bedurfte es jedoch eines
lokalisierten Kriegs
. Die bloße Aussicht auf einen Krieg mit Europa hätte damals hingereicht, die Explosion in Frankreich herbeizuführen. Jedes Kind begriff, was
Horsman
im englischen Parlament sagte:

"Wir wissen, daß Frankreich den Kaiser unterstützen wird, solange unser Schwanken seiner auswärtigen Politik erlaubt erfolgreich zu sein, aber wir haben Grund zu glauben, daß es ihn verlassen wird, sobald wir ihm entschiedne Opposition machen."

Alles hing davon ab, den Krieg zu
lokalisieren
, d.h. ihn mit der hohen obrigkeitlichen Erlaubnis Europas zu führen. Frankreich selbst mußte erst durch eine Reihe heuchlerischer Friedensverhandlungen und ihr wiederholtes Scheitern nach und nach für den Krieg vorbereitet werden. Louis Bonaparte hatte sich sogar hier festgerannt. Lord Cowley, der englische Gesandte zu Paris, war mit Vorschlägen, die Louis Bonaparte entworfen und das Londoner Kabinett (Derby) gebilligt hatte, nach Wien gereist. Dort (siehe das oben zitierte Blue Book), unter dem Druck Englands, wurden die Vorschläge unerwartet angenommen. Cowley war eben mit der Nachricht der "friedlichen Lösung" nach London zurückgekehrt, als plötzlich daselbst die Kunde eintraf, daß L. Bonaparte seine eignen Vorschläge aufgegeben und einem von Rußland vorgeschlagenen Kongreß zur Maßregelung Östreichs beigetreten sei. Nur durch die Intervention Rußlands wurde der Krieg möglich. Hätte Rußland den Louis Bonaparte nicht weiter bedurft zur Ausführung seiner Pläne - entweder um
sie mit Frankreich durchzusetzen
, oder um
Östreich und Preußen durch französische Schläge in seine willenlosen Instrumente zu verwandeln
-, so wäre Louis Bonaparte damals gestürzt. Aber trotz Rußlands geheimer Unterstützung, trotz der Versprechen Palmerstons, der zu Compiègne die Verschwörung von Plombières gutgeheißen, hing dennoch alles vom Verhalten Deutschlands ab, da einerseits das Tory-Kabinett in England noch am Ruder saß, andrerseits die damalige stumme Rebellion Frankreichs gegen das bonapartistische Regime durch Aussicht auf einen europäischen Krieg zum Ausbruch getrieben worden wäre.

Daß
Vogt
weder aus reger Teilnahme für Italien noch aus Furcht vor dem ängstlichen, konservativen, ebenso unbeholfenen wie brutalen Despotismus Östreichs sein "Ludwigslied" sang, plaudert er selbst aus. Er glaubte vielmehr, daß, wenn Östreich, das wohlgemerkt zur Eröffnung des Kriegs
gezwungen
ward, selbst zunächst in Italien siegte,

"die Revolution in Frankreich jedenfalls entfesselt, das Kaiserreich gestürzt und eine andere Zukunft herangeführt würden".
(l.c. p. 131.) Er glaubte, daß "die östreichischen Armeen vor der entfesselten Volkskraft Frankreichs zuletzt nicht standhalten würden" (l.c.), daß "die siegreichen östreichischen Waffen sich selbst in der Revolution Frankreichs, Italiens, Ungarns den Gegner schaffen würden, der sie erdrücken müßte."

Aber ihm galt es nicht, Italien von Östreich zu befreien, sondern Frankreich unter Louis Bonaparte zu knechten.

Verlangt man nun weitern Beweis, daß
Vogt
bloß eins der unzähligen Mundstücke war, durch die der groteske Bauchredner der Tuilerien sich selbst in fremden Zungen vernehmen ließ? Man wird sich erinnern, daß zur Zeit, wo L. Bonaparte zuerst seinen Beruf zur Befreiung der Nationalitäten im allgemeinen und Italiens im besondren entdeckte, Frankreich ein in seiner Geschichte unerhörtes Schauspiel bot. Ganz Europa staunte über die zähe Hartnäckigkeit, womit es die "idées napoléoniennes" zurückwies. Der Enthusiasmus, womit sogar die "chiens savants" des Corps legislatif <"dressierten Hunde" der gesetzgebenden Körperschaft> Mornys Friedensversicherungen zujauchzten; die verdrießlichen Noten, worin der "Moniteur" die Nation schulmeisterte bald über ihr Versenken in materielle Interessen, bald für ihren Mangel an patriotischer Spannkraft und ihre Zweifel in Badinguets Feldherrntalent und politische Weisheit; die beruhigenden offiziellen messages <Botschaften> an alle Handelskammern von Frankreich; die kaiserliche Versicherung, daß "étudier une question n'est pas la créer" <"Eine Fage studieren nicht sie aufwerfen heißt"> - sind noch in allgemeinem Gedächtnis. Damals strotzte die englische Presse, erstaunt über das außerordentliche Schauspiel, mit wohlmeinendem Kohl über die friedfertige Verwandlung, die in der Natur der Franzosen vorgegangen, die Börse behandelte "Krieg" oder "Nichtkrieg" als ein "Duell" zwischen Louis Bonaparte, der den Krieg wollte, und der Nation, die ihn nicht wollte, und Wetten wurden gemacht, wer siegen werde, die Nation oder der "Neffe seines Onkels". Ich will zur Schilderung der damaligen Situation nur einige Stellen zitieren aus dem London "Economist", der als das Organ der City, als Vorredner des italienischen Kriegs und als das Eigentum Wilsons

(der jüngst verstorbene Schatzkanzler von Indien und Werkzeug Palmerstons) große Wichtigkeit besaß:

"Alarmiert über die kolossale Erregung, die verursacht worden ist, versucht die französische Regierung jetzt das Besänftigungssystem." (
"Economist", 15. Januar I859.
)

In seiner Nummer vom 22.
Januar 1859
, in einem Artikel, betitelt
"Praktische Schranken der kaiserlichen Macht in Frankreich"
, sagt der
"Economist"
:

"Ob des Kaisers Pläne für einen Krieg in Italien ausgeführt oder nicht ausgeführt werden,
eine
Tatsache wenigstens steht fest, daß seine Pläne einen sehr starken und wahrscheinlich unerwarteten Widerstand gefunden in der eisigen Haltung, womit die Volksstimmung in Frankreich sie aufnahm, in der gänzlichen Abwesenheit irgendeiner Sympathie für des Kaisers Plan ... Er schlägt Krieg vor, und das französische Volk zeigt nichts als Alarm und Unzufriedenheit, die Staatspapiere sind entwertet, die Furcht vor dem Steuereinnehmer erlöscht jeden Funken von martialischem und politischem Enthusiasmus, der kommerzielle Teil der Nation ist panikgeschlagen, die ländlichen Distrikte sind stumm und mißvergnügt, in Furcht vor neuen Konskriptionen und neuen Abgaben; die politischen Zirkel, die das kaiserliche Regime als ein
pis aller
<einen Notbehelf> gegen Anarchie am stärksten unterstützt haben, erklären sich ganz aus denselben Gründen gegen den Krieg - es ist sicher, daß Louis Napoleon in allen Klassen eine Ausdehnung und Tiefe der Opposition gegen einen Krieg, selbst für Italien, entdeckt hat, die er nicht ahnte."
(8)

Dieser französischen Volksstimmung gegenüber wurde
der
Teil der Dentuschen Originalpamphlets losgelassen, der "im Namen des Volks" dem "Kaiser" zuherrschte, "Frankreich endlich zu seiner majestätischen Ausbreitung von den Alpen bis zum Rhein" zu verhelfen und sich nicht länger der "Kriegslust" und dem "Nationalitäts-Befreiungsdrang der Nation" entgegenzustemmen.
Vogt
stößt in dasselbe Horn mit den Prostituierten des Dezember. In demselben Augenblick, als Europa erstaunte über die zähe Friedenssucht Frankreichs, entdeckte
Vogt,
daß "
heute
das leicht-

bewegliche Volk" (der Franzosen)
"von kriegerischen Gelüsten erfüllt
er
scheint"
(l.c. p.29, 30), und Herr Hlùdowîg nur der "herrschenden Zeitströmung" folge, die grade auf die "Unabhängigkeit der Nationalitäten" gerichtet sei. (p. 31, l.c.) Er glaubte natürlich
keine
Silbe von dem, was er schrieb. In seinem
"Programm"
, das die Demokraten zur Mitarbeit an seiner bonapartistischen Propaganda aufrief, erzählt er sehr genau, daß der italienische Krieg
unpopulär
in Frankreich sei.

"
Für den Beginn glaube ich an keine Gefahr für den Rhein;
sie kann aber
in der Folge eintreten
, ein Krieg
dort
oder gegen England würde Louis Napoleon fast populär machen, der Krieg in
Italien hat diese populäre Seite nicht
." (p. 34, "Hauptbuch", Dokumente.)
(9)

Wenn nun der eine Teil der Dentuschen Originalpamphlets die französische Nation durch die traditionellen Eroberungsphantome aus ihrer "Friedenslethargie" aufzujagen und Louis Bonapartes Privatwünsche der Nation in den Mund zu legen suchte, hatte der andre Teil, mit dem
"Moniteur"
an der Spitze, die Aufgabe, vor allen Deutschland von des Kaisers Abscheu vor Ländererwerb und seinem idealen Beruf als Nationalitäten-befreiendem Messias zu überzeugen. Die Beweise, einerseits für die Uneigennützigkeit seiner Politik, andrerseits für seine Nationalitäts-Befreiungstendenz, sind leicht auswendig zu behalten, da sie beständig wiederholt werden und nur um zwei Achsenpunkte sich herumdrehn. Beweis für die Uneigennützigkeit der dezembristischen Politik -
der Krimkrieg
. Beweis für die Nationalitäts-Befreiungstendenz -
Oberst Cusa und die rumänische Nationalität
. Der
"Moniteur"
schlug hier direkt den Ton an. Siehe den
"Moniteur"
vom 15. März 1859 über
den Krimkrieg
. Der
"Moniteur"
vom 10. April 1859 sagt über die
rumänische Nationalität
:

"In Deutschland, wie in Italien, will es" (Frankreich), "daß die durch die Verträge anerkannten Nationalitäten sich erhalten und selbst verstärken. - In den
Donaufürstentümern
hat er" (der Kaiser) "sich bemüht, den legitimen Wünschen dieser Provinzen zum Triumph zu verhelfen, um auch in diesem Teil Europas der auf Nationalinteressen gestützten Ordnung Genüge zu tun."

Siehe auch das anfangs 1859 bei
Dentu
erschienene Pamphlet
"Napoleon III et la question roumaine"
. Mit Bezug auf
den Krimkrieg
:

"Endlich, welche Kompensation hat Frankreich verlangt für das Blut, das es vergossen, und die Millionen, die es verausgabt hat im Orient in einem ausschließlich europäischen Interesse?" (p. 13,
"La vraie Question"
, Paris, bei Dentu 1859.)

Dasselbe zu Paris in unendlichen Variationen abgespielte Thema verdeutschte
Vogt
so richtig, daß
E. About
, die geschwätzige Elster des Bonapartismus,
Vogts
deutsche Übersetzung ins Französische rückübersetzt zu haben scheint. Siehe
"La Prusse en 1860"
. Auch hier wieder verfolgt uns der
Krimkrieg
und
die rumänische Nationalität unter Oberst Cuza
.

"Aber so viel wissen wir wenigstens", hallt
Vogt
dem
"Moniteur"
und Dentus Originalpamphlets nach, "daß Frankreich keinen Fußbreit Landes eroberte" (in der Krim) "und daß der
Onkel
nach
dem siegreichen Feldzuge
sich mit dem magern Resultate der konstituierten Überlegenheit in der Kriegskunst nicht begnügt hätte." ("Studien", p. 33.) "Hier zeigt sich doch eine
wesentliche
Verschiedenheit von der alten napoleonischen Politik."
(10)

(l.c.)

Als ob Vogt uns beweisen müsse, daß
"Napoleon le Petit"
nicht der wirkliche Napoleon ist!
Vogt
hätte mit demselben Recht 1851 prophezeien können, daß der Neffe, der dem ersten italienischen Feldzug und der Expedition nach Ägypten nichts entgegenzustellen hatte als das Abenteuer von Straßburg, die Expedition nach Boulogne und die Wurstrevue von Satory , niemals den achtzehnten Brumaire nachmachen und sich noch weniger jemals die Kaiserkrone aufsetzen werde. Da war denn doch "eine wesentliche Verschiedenheit von der alten napoleonischen Politik". Den Krieg gegen eine europäische Koalition und ihn mit Erlaubnis einer europäischen Koalition führen, war eine andre Verschiedenheit.

Der "glorreiche Krimfeldzug", worin England, Frankreich, die Türkei und Sardinien vereint, nach zwei Jahren, die eine Hälfte einer russischen Festung "eroberten", in Ersatz dafür eine ganze türkische Festung (Kars) an Rußland verloren und beim Friedensschluß auf dem Pariser Kongreß vom Feind bescheiden "die Erlaubnis" "erbitten" mußten, ihre Truppen ungestört nach Hause verschiffen zu dürfen - war in der Tat alles andre, nur nicht "napoleonisch". Glorreich überhaupt nur in
Bazancourts
Roman. Aber der Krimkrieg bewies allerlei. Louis Bonaparte
verriet
den angeblichen Alliierten (die Türkei), um die Allianz des angeblichen Feindes zu erwerben. Der erste Erfolg des Pariser Friedens war die Opferung der "zirkassischen Nationalität" und die russische Ausrottung der Krimtartaren, nicht minder die Vernichtung der nationalen Hoffnungen, die Polen und Schwe-

den an einen Kreuzzug Westeuropas gegen Rußland geknüpft hatten. Eine andre Moral des Krimkriegs war: Louis Bonaparte durfte
keinen zweiten Krimkrieg
führen, eine alte Armee verlieren und eine neue Staatsschuld erwerben im Austausch für das Bewußtsein, daß Frankreich reich genug sei, "de payer sa propre gloire" <"für seinen Ruhm selbst zu zahlen">, daß der Name Louis-Napoleon in einem europäischen Vertrage figuriere, daß "die konservative und dynastische Presse Europas", wie
Vogt
ihm so hoch anrechnet (p. 32, l.c.), "die Regententugenden, die Weisheit und die Mäßigung des Kaisers" einstimmig anerkenne und daß ihm damals ganz Europa alle Honneurs eines wirklichen Napoleon antat unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Louis Bonaparte nach dem Beispiel Louis-Philippes sich hübsch innerhalb "der Grenzen der praktischen Vernunft", d.h. der Verträge von 1815, bewege und keinen Augenblick die zarte Scheidelinie vergesse, die den Pickelhäring vom Helden trennt, den er vorstellt. Die politischen Kombinationen, die Machthaber und die Gesellschaftszustände, die es überhaupt dem Chef der Dezemberbande ermöglichen konnten, den Napoleon zu spielen, erst in Frankreich, dann außerhalb des französischen Terrains, gehören in der Tat
seiner
Epoche, nicht den Annalen der großen französischen Revolution.

"Die Tatsache ist doch wenigstens da, daß die jetzige französische Politik in dem Osten dem Streben einer Nationalität" (der
rumänischen
) "nach Einigung gerecht geworden ist." ("Studien", p. 34, 35.)

Cuza, wie bereits erwähnt, hält die Stelle offen, entweder für einen russischen Gouverneur oder für einen russischen Vasallen. In der Karte
"L'Europe en 1860"
figuriert ein Großherzog von Mecklenburg als der Vasall. Rußland erlaubte Louis Bonaparte natürlich alle
Honneurs dieser
rumänischen Emanzipation, während es selbst alle ihre Vorteile einkassierte. Seinen weitern wohlwollenden Absichten stand Östreich im Wege. Der italienische Krieg hatte Östreich daher
aus einem Hindernis in ein Werkzeug umzumodeln
.

Der Bauchredner in den Tuilerien spielte bereits während des Jahres 1858 auf seinen zahllosen Mundstücken die "rumänische Nationalität". Eine Autorität
Vogts, Herr Kossuth
, konnte daher bereits am 20. November 1858 in einer Vorlesung zu Glasgow antworten:

"Walachei und Moldau erhalten eine Konstitution, ausgebrütet in der Höhle der geheimen Diplomatie ... Sie ist in der Wirklichkeit nichts mehr noch minder als eine Charte für Rußland, die ihm die freie Verfügung über die Donaufürstentümer über-

läßt." ("It is in reality no more nor less than a charter granted to Russia for the purpose of disposing of the Principalities.")

Das "Nationalitätsprinzip" wurde also von Louis Bonaparte in den Donaufürstentümern ganz so mißbraucht, um ihre Übermachung an Rußland zu maskieren, wie die
östreichische Regierung
1848/49 das "Nationalitätsprinzip" mißbrauchte, um die magyarische und deutsche Revolution durch Serben, Slawonen, Kroaten, Walachen usw. zu erwürgen.

Das
rumänische Volk

-
und dafür sorgen gleichzeitig der russische Konsul zu Bukarest und das Interesse des moldau-walachischen Bojarengesindels, dessen Majorität nicht einmal rumänisch ist, sondern eine buntscheckige Mosaik aus der Fremde hergelaufner Abenteurer, eine Art orientalischer Dezemberbande -, das rumänische Volk schmachtet nach wie vor unter dem scheußlichsten Frondienst, wie ihn
nur Russen
durch ein
réglement organique
organisieren und nur eine orientalische Demimonde festhalten konnten.

Vogt, um die aus den Dentuschen Originalquellen geschöpfte Weisheit mit eigner Beredsamkeit aufzuputzen, sagt:

"Östreich hatte schon hinlänglich genug an einem Piemont im Süden; es braucht kein zweites im Osten." (l.c. p. 64.)

Piemont annexiert
italische
Länder. Also die Donaufürstentümer, das unkriegerischste Land der Türkei, rumänische? erobern also Bessarabien von Rußland, Siebenbürgen, das Banat von Temesvár und die Bukowina von Östreich?

Vogt
vergißt nicht nur den "wohlwollenden Zar". Er vergißt, daß
Ungarn
1848/49 durchaus nicht geneigt schien, diese mehr oder minder rumänischen Länder von sich absondern zu lassen, auf ihren "Schmerzensruf" mit gezücktem Schwerte antwortete, und daß es vielmehr
Östreich
war, welches
gegen Ungarn
solche "Nationalitätsprinzip-Propaganda" losließ.

Im vollsten Glanze strahlt jedoch wieder die historische Gelehrsamkeit seiner "Studien", wenn
Vogt
, in halber Reminiszenz aus einem flüchtig durchblätterten Tagespamphlet und mit großer Seelenruhe

"den jammervollen Zustand der Fürstentümer ... aus dem zersetzenden Gifte der
Griechen

und
Fanarioten herleitet
". (l.c. p. 63.)

Er ahnte nicht, daß die
Fanarioten
(so genannt von einem Stadtteil Konstantinopels) eben dieselben identischen
Griechen
sind, die seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts unter russischem Schutz in den Donaufürstentümern gehaust haben. Es sind zum Teil die Nachkommen dieser
Limondji

(Limonadenverkäufer) von Konstantinopel, die jetzt wieder in russischem Auftrag "rumänische Nationalität" spielen.

—————

Während nun der weiße Engel des Nordens vom Osten vorgeht und die Nationalitäten zu Ehren der slawischen Race vernichtet, der weiße Engel des Südens aber als Bannerführer des Nationalitätsprinzips von der entgegengesetzten Seite vorgeht, und

"man
abwarten
muß,
bis
die Befreiung der Nationalitäten durch diesen Schicksalsmenschen erfolgt ist" ("Studien", p. 36);

während dieser "im engsten Bündnis" kombinierten Operationen der beiden Engel und "beiden größten äußern Feinde der Einheit Deutschlands" ("Studien", 2. Auflage, Nachwort, p.154) - welche Rolle weist der Reichs-Vogt, der jedoch kein "Mehrer des Reichs" ist,
Deutschland
zu?

"Dem Kurzsichtigsten", sagt Vogt, "
muß

es nun klargeworden sein, daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; daß Preußen nicht zur Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Östreichs" (natürlich Böhmen und Mähren eingeschlossen) "zum Schwerte greifen wird; daß es zu allen Maßregeln, welche die Verteidigung des Bundesgebiets" (mit Ausschluß seiner "außerdeutschen" Provinzen) "betreffen, seine Zustimmung geben, sonst aber jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesglieder für Östreich verhindern wird, um dann, bei den späteren Friedensverhandlungen,
seinen Lohn für diese Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten
." ("Studien", 1. Auflage, p. 18, 19.)

Indem Vogt das ihm von den Tuilerien anvertraute Geheimnis, Preußen handle im "geheimen
Einverständnis
" mit dem "äußern Feinde Deutschlands", der es zum "Lohn in norddeutschen Flachlanden" auszahlen werde, schon vor dem wirklichen Ausbruch des Kriegs gegen Östreich an die große Glocke hing, leistete er Preußen natürlich den besten Vorschuß zur Erreichung seiner angeblichen Zwecke. Er rief den Verdacht der übrigen deutschen Regierungen wach, sowohl gegen Preußens neutralisierende Bestrebungen im Beginn wie gegen seine militärischen Rüstungen und seinen Anspruch auf Oberbefehlshaberschaft im Fortgang des Kriegs.

"Welches auch der Weg sein mochte", sagt Vogt, "den in der gegenwärtigen Krisis Deutschland einzuschlagen hat, das ist keine Frage, daß es, als Ganzes betrachtet, einen bestimmten Weg mit Energie gehen mußte, während jetzt der unselige Bundestag usw." (l.c. p. 96.)

Die Verbreitung der Ansicht, daß Preußens Weg Arm in Arm mit "dem äußern Feinde" gehe und zur Verspeisung der nordischen Flachlande führe, sollte wohl die auf dem Bundestag mangelnde Einheit herstellen.
Sachsen
wird speziell aufmerksam gemacht, daß Preußen ihm schon einmal "den Verlust einiger seiner schönsten Provinzen" angetan. (l.c. p. 93). Der "Kauf des Jadebusen" (l.c. p. 15) wird denunziert.

"
Holstein
sollte den Preis der Mitwirkung Preußens" (im türkischen Krieg) "bilden, als der berüchtigte Depeschendiebstahl den Verhandlungen eine andere Wendung gab." (l.c. p. 15.) "Mecklenburg, Hannover, Oldenburg, Holstein und was noch so drum und dran hängt ..., diese deutschen Bruderstaaten bilden den Köder, auf welchen Preußen" - und zwar "bei jeder Gelegenheit" - "begierig losschnappt" (l.c. p. 14, 15)

und an dem es, wie Vogt verrät, bei dieser Gelegenheit von Louis Bonaparte festgeangelt worden ist. Auf der einen Seite wird und muß Preußen im geheimen "Einverständnis" mit Louis Bonaparte und "auf Kosten seiner deutschen Brüder die Küsten der Nord- und Ostsee erreichen". (1.c. p. 14.) Auf der andern Seite erhält

"Preußen erst dann eine
natürliche Grenze
, wenn die
Wasserscheide
des Erz- und Fichtelgebirges
durch
den weißen Main und die Mainlinie bis nach Mainz fortgezogen wird". (l.c. p. 93.)

Natürliche Grenzen mitten in Deutschland! Und nun gar gebildet durch eine
Wasserscheide
, die
durch einen Fluß

läuft
! Es sind derartige Entdeckungen im Gebiet der physikalischen Erdbeschreibung, wozu auch der auftauchende Kanal (s. "Hptbuch") gehört, die "die abgerundete Natur" mit A. v. Humboldt auf gleiche Linie stellen. Während er dem Deutschen Bund derart Vertrauen in Preußens Führung predigt, erfand Vogt zugleich, unbefriedigt mit der "alten Rivalität Preußens gegen Östreich auf deutschem usw. Gebiete", eine Rivalität zwischen beiden, die "auf
außereuropäischem
Gebiete so oft hervorgetreten ist". (l.c. p. 20.) Dies
außereuropäische
Gebiet liegt wohl im Mond.

In der Tat setzt Vogt einfach die von der
französischen
Regierung 1858 herausgegebene Karte "L'Europe en 1860" in Worte. Auf dieser Karte sind Hannover, Mecklenburg, Braunschweig, Holstein, Kurhessen, nebst den verschiednen Waldeck, Anhalt, Lippe usw. an Preußen annexiert, während "l'Empereur des Français conserve ses (!) limites actuelles", der Kaiser der Franzosen seine (!) alten Grenzen einhält. "Preußen bis an den Main" ist zugleich ein Stichwort der russischen Diplomatie. (Siehe z.B. das schon erwähnte Memorandum von 1837.) Einem preußischen Norddeutschland würde ein östreichisches Süddeutschland gegenübertreten, durch natür-

liche Grenzen, Tradition, Konfession, Dialekt und Stammunterschiede getrennt, die
Ent-Zweiung
Deutschlands wäre durch Vereinfachung seiner Gegensätze vollendet und der 30jährige Krieg in Permanenz erklärt.

Nach der ersten Auflage der
"Studien"
sollte Preußen also solchen
"Lohn"
erhalten für die "Anstrengungen", womit es während des Kriegs das deutsche Bundesschwert in die Scheide zwang. In Vogts
"Studien"
wie in der französischen Karte "L'Europe en 1860", ist es nämlich
nicht Louis Bonaparte
, s
ondern Preußen
, das Gebietsvergrößerung und natürliche Grenzen durch den
französischen
Krieg gegen Östreich sucht und findet.

Indes erst im Nachwort zur zweiten Auflage seiner "Studien", die während des östreichisch-französischen Kriegs erschienen, enthüllt Vogt die wahre Aufgabe Preußens. Es soll einen
"Bürgerkrieg"
(s. zweite Auflage, p. 152) beginnen zur Stiftung einer "einheitlichen Zentralgewalt" (l.c. p. 153), zur Einverleibung Deutschlands in die preußische Monarchie. Während Rußland von Osten vorgeht und Östreich von Louis Bonaparte in Italien gelähmt wird, soll Preußen einen
dynastischen "Bürgerkrieg"
in Deutschland eröffnen. Vogt garantiert dem Prinzregenten <Wilhelm>, daß der

"jetzt" in Italien "entzündete Krieg wenigstens das Jahr 1859 in Anspruch" nehmen wird, .während die Einigung Deutschlands, mit raschem Entschlusse durchgeführt, nicht
so viel Wochen
kosten würde als der italienische Feldzug Monate". (l.c. p. 155.)

Der Bürgerkrieg in Deutschland würde nur Wochen kosten! Außer den östreichischen Truppen, die sofort, mit oder ohne Krieg in Italien, gegen Preußen marschiert wären, würde Preußen, wie
Vogt
selbst erzählt, Widerstand finden an "
Bayern
..., dem östreichischen Einflusse vollständig unterworfen" ("Studien", erste Aufl., p. 90), an
Sachsen
, das zunächst bedroht wäre und keinen weitern Grund hätte, seiner "Sympathie für Östreich" (l.c. p. 93) Gewalt anzutun, an "Württemberg, Hessen-Darmstadt und Hannover" (l.c. p. 94), kurz an
"Neun Zehntel"
(l.c. p. 16) der
"deutschen Regierungen"
. Und diese Regierungen, wie
Vogt
weiter beweist, würden in solchem
dynastischen
"Bürgerkrieg", nun gar von Preußen unternommen zu einer Zeit, wo Deutschland von seinen "beiden größten äußern Feinden" bedroht war, keineswegs in der Luft geschwebt haben.

"Der Hof" (in Baden), sagt Vogt, "geht mit Preußen, das Volk aber, darüber kann kein Zweifel obwalten, schließt sich in diesen Sympathien der regierenden Familie

gewiß nicht an. Das Breisgau ist sogar ebensogut wie Oberschwaben durch die Bande der Sympathie und der Konfession, durch alte Erinnerungen an Vorderöstreich, zu dem es einst gehörte, noch immer fester an den Kaiser und den Kaiserstaat geknüpft, als man es nach so langer Trennung vermuten sollte." (l.c. p. 93, 94.) "Mit Ausschluß von Mecklenburg" und "vielleicht" Kurhessen, "herrscht Mißtrauen gegen die Aufgehens-Theorie und widerstrebendes Nachgeben in
Norddeutschland
gegen Preußen. Das instinktive
Gefühl
der
Abneigung, ja des Hasses,
den
Süddeutschland
gegen Preußen hegt ... auch dieses Gefühl hat alles volltönende Geschrei der Kaiserpartei nicht ausrotten oder wegdeklamieren können. Es existiert lebendig im Volke, und keine Regierung, selbst wenn es die badische wäre, kann ihm lange widerstehn.
Wahre Sympathie hat also Preußen nirgends im deutschen Volke

noch in den Regierungen des deutschen Bundes." (l.c. p. 21.)

So sagt Vogt. Und eben darum würde nach demselben
Vogt
ein
dynastischer "Bürgerkrieg"
, von Preußen unternommen in "geheimem Einverständnis", mit den "beiden größten äußern Feinden Deutschlands", nur "Wochen" gekostet haben. Aber noch nicht genug.

"Altpreußen geht mit der Regierung -
Rheinland-Westfalen
mit dem katholischen Östreich. Gelingt es der dortigen Volksbewegung nicht, die Regierung zu Östreich zu drängen, so wird
die nächste Folge ein erneutes Aufreißen der Kluft zwischen den beiden Teilen der Monarchie sein
." (l.c. p. 20.)

Wenn also nach
Vogt
einfache Nichtparteinahme Preußens für Östreich schon die Kluft zwischen Rheinland-Westfalen und Altpreußen von neuem aufriß, mußte natürlich nach demselben
Vogt
ein "Bürgerkrieg", den Preußen zum Ausschluß Östreichs aus Deutschland unternahm, Rheinland-Westfalen völlig von Preußen losreißen. Aber "was geht diese Römlinge Deutschland an?" (l.c. p. 119), oder, wie er eigentlich meint, was gehn diese Römlinge Deutschland an?

Rheinland-Westfalen
sind ultramontane
"römisch-katholische"
, aber keine
"wahrhaft deutsche"
Länder. Sie müssen also nicht minder vom Bundesgebiet ausgeschieden werden als Böhmen und Mähren. Und diesen Ausscheidungsprozeß sollte der Preußen von
Vogt
anempfohlene
dynastische "Bürgerkrieg"
beschleunigen. In der Tat hatte die
französische
Regierung in der 1858 von ihr herausgegebenen Karte "L'Europe en 1860", die dem
Vogt
als Kompaß seiner "Studien" diente, wie Ägypten an Östreich, so die Rheinprovinzen als Länder
"katholischer Nationalität"
an
Belgien
annexiert - ironische Formel für die Annexierung Belgiens und der Rheinprovinz an Frankreich. Daß
Vogt
weiter geht als die französische Regierungskarte und das katholische Westfalen mit in den Kauf gibt, erklärt sich aus den "wissenschaftlichen Verhältnissen" des

flüchtigen Reichsregenten zu Plon-Plon, dem Sohn des Exkönigs von Westfalen <Jérôme Bonaparte>.

Also Resumé: Auf der einen Seite wird Louis Bonaparte Rußland erlauben, von Posen bis Böhmen hinein und über Ungarn nach der Türkei hinaus die Arme zu strecken; auf der andern Seite wird er selbst durch Waffengewalt an Frankreichs Grenze ein einiges und unabhängiges Italien stiften und alles - pour le roi de Prusse <für den König von Preußen; hier: für nichts und wieder nichts>; alles, damit Preußen Gelegenheit erhält, Deutschland durch einen Bürgerkrieg unter seinen Hut zu bringen und "die Rheinprovinzen auf ewig" gegen Frankreich zu "sichern". (l.c. p. 121.)

"Aber, sagt man, es ist Gefahr für das Bundesgebiet da, der Erbfeind droht, sein eigentliches Ziel ist der Rhein. So schütze man diesen und schütze das Bundesgebiet" (l.c. p. 105),

und zwar schütze man das Bundesgebiet, indem man Böhmen und Mähren an Rußland abtritt, und schütze man den Rhein, indem man einen deutschen "Bürgerkrieg" beginnt, der unter anderm bestimmt ist, Rheinland-Westfalen von Preußen loszureißen.

"Aber, sagt man, Louis-Napoleon ... will den napoleonischen Länderdurst befriedigen auf irgendeine Weise! Wir glauben das nicht, wir haben das Beispiel des Krimfeldzugs vor uns!" (l.c. p. 129.)

Außer seinem Unglauben an den napoleonischen Länderdurst und seinem Glauben an den Krimfeldzug hat
Vogt
jedoch ein andres Argument in petto. Östreicher und Franzosen werden sich nach dem Vorbild der Katzen von Kilkenny so lange in Italien beißen, bis von beiden nur die Schwänze übriggeblieben sind.

"Es wird ein furchtbar blutiger, hartnäckiger, vielleicht unentschiedner Krieg werden." (l.c. p. 127, 128.) "Nur mit Anstrengung <bei Vogt: Anspannung> seiner äußersten Kräfte wird Frankreich mit Piemont den Sieg erringen, und es werden Jahrzehnte hingehen, ehe es sich von dieser erschöpfenden Anstrengung erholen kann." (l.c. p. 129.)

Diese Aussicht auf die
Dauer
des italienischen Kriegs schlägt seine Widersacher. Die Methode nun, wodurch
Vogt
Östreichs Widerstand gegen die französischen Waffen in Italien verlängert und Frankreichs Aggressivkraft lähmt, ist in der Tat originell genug. Auf der einen Seite erhalten die Franzosen carte blanche in Italien; auf der andern Seite wird dem "wohlwollenden Zar" erlaubt, durch seine Manöver in Galizien, Ungarn, Mähren und

Böhmen, durch revolutionäre Umtriebe im Innern und militärische Demonstrationen an den Grenzen

"einen bedeutenden Teil der östreichischen Streitkräfte in denjenigen Teilen der Monarchie zu halten, welche einem russischen Angriffe ausgesetzt oder russischen Umtrieben zugänglich sind". (l.c. p. 11.)

Und schließlich durch einen dynastischen "Bürgerkrieg", den Preußen gleichzeitig in Deutschland eröffnet, wird Östreich gezwungen, seine Hauptkräfte zur Erhaltung seiner deutschen Besitzungen aus Italien wegzuziehn. Unter solchen Umständen werden Franz Joseph und Louis Bonaparte natürlich keinen Frieden von Campoformio schließen, sondern - "sich beide in Italien verbluten".

Östreich wird dem "wohlwollenden Zar" weder Konzessionen im Osten machen und die längst angebotene Schadloshaltung in Serbien und Bosnien annehmen, noch wird es Frankreich die Rheinprovinzen garantieren und im Bund mit Rußland und Frankreich über Preußen herfallen. Beileibe nicht! Es wird darauf bestehen, sich "in Italien zu verbluten". Jedenfalls aber würde Vogts "Schicksalsmensch" solche Entschädigung am Rhein mit sittlicher Entrüstung abweisen. Vogt weiß, daß

"die äußere Politik des heutigen Kaiserreichs nur ein Prinzip hat, das der Selbsterhaltung". (l.c. p. 31.)

Er weiß, daß Louis Bonaparte

"nur eine einzige Idee verfolgt, diejenige, sich in dieser Herrschaft" (über Frankreich) "zu erhalten". (l.c. p. 29.)

Er weiß, daß der "italienische Krieg ihn nicht populär in Frankreich macht", während die Erwerbung der Rheinprovinzen ihn und seine Dynastie "populär" machen würde. Er sagt:

"Die Rheinprovinzen sind in der Tat ein Lieblingsgelüst des französischen Chauvin, und vielleicht, wenn man auf den Grund geht, würde man nur eine kleine Minorität der Nation finden, welche nicht diesen Wunsch im Herzen trüge." (l.c. p. 121.)

Andrerseits wissen die "Einsichtigen in Frankreich", darum wohl auch Vogts "Schicksalsmensch mit der Schlangenklugheit",

"daß nur so lange eine Hoffnung zu dieser Verwirklichung ist" (nämlich Frankreichs Erwerb der natürlichen Rheingrenze), "als Deutschland 34 verschiedne Regierungen besitzt [...] Laßt ein wahrhaftes Deutschland existieren mit einheitlichen Interessen und fester Organisation und die Rheingrenze wird auf ewig gesichert sein." (l.c. p. 121.)

Eben deshalb würde Louis Bonaparte, der zu Villafranca dem Kaiser von Östreich die Lombardei anbot im Austausch für die Garantie der

Rheinprovinzen (siehe die Erklärung Kinglakes im Hause der Gemeinen, 12. Juli 1860), Östreichs Angebot der Rheinprovinzen für französische Hülfe gegen Preußen entrüstet abgewiesen haben.

Auch Vogts Dentusche Originalquellen ergingen sich nicht nur in Schwärmereigefühlen für Deutschlands Einigung unter Preußen
(11)
: Sie wiesen namentlich jede Anspielung auf die Rheinprovinzgelüste mit tugendhafter Emphase zurück.

"Der Rhein! ... Was ist der Rhein - eine Grenze. Die Grenzen werden bald Anachronismen sein." (p. 36,
"La foi des traités etc."
, Paris 1859.)
(12)

In dem von Badinguet auf Grundlage des Nationalitätsprinzips zu stiftenden Tausendjährigen Reich, wer wird da von Rheingrenze sprechen, überhaupt von Grenzen!

"Stipuliert Frankreich Entschädigung für die Opfer, die es bereit ist, für einen Zweck der Billigkeit, gerechten Einflusses und im Interesse des europäischen Gleichgewichts zu bringen?

Verlangt es das linke Rheinufer? Erhebt es selbst auch nur Ansprüche auf Savoyen und auf die Grafschaft Nizza?" ("
La vraie question
etc.", Paris 1859, p. 13.)
(13)

Frankreichs Verzichtleistung auf Savoyen und Nizza als Beweis für Frankreichs Verzichtleistung auf den Rhein! Das hat Vogt nicht verdeutscht.

Vor Beginn des Kriegs war es für Louis Bonaparte entscheidend wichtig, wenn er Preußen zu keinem Einverständnis ködern konnte, den Deutschen Bund wenigstens glauben zu machen, er habe es geködert. Diesen Glauben sucht
Vogt
in der ersten Auflage seiner "Studien" zu verbreiten. Während des Kriegs wurde es noch wichtiger für Louis Bonaparte, Preußen zu Schritten zu verleiten, die Östreich den Beweis oder den Scheinbeweis eines solchen Einverständnisses geliefert hätten. In der zweiten Auflage der "Studien", die während des Kriegs erschien, fordert
Vogt
Preußen daher in einem eignen Nachwort zur Eroberung Deutschlands auf und zur Einleitung eines dynastischen "Bürgerkriegs", von dem er im Text des Buches beweist, daß er "blutig, hartnäckig, vielleicht unentschieden" sein und mindestens Rheinland-Westfalen kosten würde, und wovon er im Nachwort desselben Buchs hoch beteuert, daß er "nur Wochen kosten würde". Vogts Stimme ist

nun in der Tat keine Sirenenstimme. Louis Bonaparte, in seinem Gaunerstreich unterstützt von Bottle-holder <Steigbügelhalter>
Palmerston
, mußte daher
von ihm selbst geschmiedete preußische Vorschläge
dem Franz Joseph in Villafranca vorlegen; Östreich mußte Preußens bescheidne Ansprüche auf Deutschlands militärische Führung zum Vorwand eines Friedensschlusses machen
(14)
, den Louis Bonaparte vor Frankreich damit entschuldigen mußte, daß der italienische Krieg gedroht, in einen allgemeinen Krieg umzuschlagen, der "die deutsche Einheit schaffen und so ein Werk ausführen würde, dessen Vereitlung der stete Zweck der französischen Politik seit Franz I. gewesen sei"
(15)
.

Nachdem Frankreich durch den ital[ienischen] Krieg Savoyen und Nizza und mit ihnen eine Position erworben, die für den Fall eines Rheinkriegs mehr als eine Armee aufwiegt, wurden "deutsche Einheit unter preußischer Hegemonie" und "Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich" konvertible Größen im Wahrscheinlichkeitskalkül des 2. Dezember. Die 1858 herausgegebene Karte
"L'Europe en 1860"
ward verdolmetscht durch die 1860 herausgegebene Karte
"L'Europe pacifiée"
(das zu Ruhe gebrachte Europa?), worin Ägypten nicht länger an Östreich fällt und die Rheinprovinzen samt Belgien an Frankreich annexiert sind zum Ersatz für die Preußen zugewiesenen
"nordischen Flachlande"
.
(16)

Endlich, zu Etienne, erklärte
Persigny
offiziell, daß schon im "Interesse des europäischen Gleichgewichts" jede weitere Zentralisation Deutschlands das Vordringen Frankreichs an den Rhein bedingen.
(17)
Aber weder vor noch nach dem italienischen Krieg hat der groteske Bauchredner der Tuilerien schamloser gesprochen als durch das Mundstück des flüchtigen Reichsregenten.

—————

Vogt, "der Neuschweizer, der Kantonsbürger von Bern und der Genfer Ständerat" (l.c., Vorrede), eröffnet den Schweizer Teil seiner "Studien" durch einen Prolog (l.c. p. 37-39), worin die Schweiz zu einem
Freudenausbruch
über die Ersetzung Louis-Philippes durch Louis Bonaparte auf gefordert wird. Allerdings verlangte Louis Bonaparte "Preßmaßregelungen" vom Bundesrat, aber "die Napoleoniden scheinen in dieser Beziehung eine außerordentlich kitzlige Haut zu haben". (l.c. p. 36.) Bloße Hautkrankheit, so an die Familie angewachsen, daß sie sich nicht nur durch das Familienblut, sondern auch - teste <dafür zeugt> Louis Bonaparte - durch den bloßen Familiennamen vererbt. Allerdings:

"Die Verfolgung unschuldiger Menschen in Genf, welche von dem Bundesrat auf
kaiserlichen Befehl
hin durchgeführt wurde gegen arme Teufel, die weiter nichts verbrochen hatten, als Italiener zu sein; die Errichtung der Konsulate; die Preßplackereien; die unsinnigen Polizeimaßregeln jeder Art und in letzter Linie die Verhandlungen über die Abtretung des Dappentales haben wesentlich dazu beigetragen, in der Schweiz die Erinnerungen an die
Dienste
zu verwischen, welche
der Kaiser
im
Neuenburger Handel wirklich geleistet
und namentlich derjenigen Partei geleistet hat, die jetzt am heftigsten sich gegen ihn kehrt." (l.c. p. 37, 38.)

Großmütiger Kaiser, undankbare Partei! Was der Kaiser im Neuenburger Handel wollte, war keineswegs ein Präzedens für die Verletzung der Verträge von 1815, Preußens Demütigung und das Protektorat der Schweiz. Es galt ihm, der Schweiz
"wirkliche Dienste zu leisten"
in seiner Eigenschaft als "Neuschweizer, Kantonsbürger von Thurgau und Oberstraßer Artilleriehauptmann". Die Undankbarkeit, deren
Vogt
im März 1859 die antibonapartistische Partei in der Schweiz bezüchtigt hat,

warf ein andrer Diener des Kaisers, Herr von
Thouvenel
, im Juni l860, der ganzen Schweiz vor. Man liest in der
"Times"
vom 30. Juni 1860:

"Vor einigen Tagen fand im Ministerium des Auswärtigen zu Paris eine Zusammenkunft zwischen Dr. Kern und Herrn von Thouvenel statt in Gegenwart des Lord Cowley. Thouvenel erklärte dem ehrenwerten Repräsentanten der Schweiz, daß die Zweifel und Protestationen der Bundesregierung beleidigend seien, insofern sie Unglauben an die Regierung Sr. Kais[erlichen] Majestät einzuschließen schienen. Solches Betragen sei grober Undank in Betracht der
Dienste
(services), die der Kaiser Napoleon dem Bunde bei vielen Gelegenheiten, namentlich aber im
Neuenburger Handel, geleistet
(rendered) hatte. Wie dem auch sei, da die Schweiz so
blind
gewesen, ihrem Wohltäter zu mißtrauen, müsse sie selbst die Folgen auf sich nehmen."

Und dennoch hatte
Vogt
schon im März I 859 der
blinden
antibonapartistischen Partei in der Schweiz den Star zu stechen gesucht. Auf der einen Seite verweist er auf "die wirklichen Dienste", die "der Kaiser geleistet". Auf der andern Seite "verschwinden die kaiserlichen Plackereien völlig" gegen die königlichen Plackereien unter Louis-Philippe. (l.c. p. 39.) Als z.B.: 1858 verjagt der Bundesrat "auf kaiserlichen Befehl arme Teufel, die weiter nichts verbrochen hatten, als Italiener zu sein" (p. 37); 1838, trotz Louis-Philippes Drohungen, verweigert er, den Louis Bonaparte zu verjagen, der weiter nichts verbrach, als von der Schweiz aus gegen Louis-Philippes Krone zu konspirieren. Im Jahre 1846 wagt die Schweiz trotz Louis-Philippes "Kriegsspektakel" den Sonderbundskrieg, denn dem Friedenskönig gegenüber hieß es: Bangemachen gilt nicht; 1858 tut sie kaum jüngferlich gegen Louis Bonapartes Dappental-Tastungen.

"Ludwig-Philipp", sagt Vogt selbst, "hatte eine ärmliche europäische Existenz fortgeschleppt, gehunzt von allen Seiten, selbst von den kleinern legitimen Fürsten, weil er nicht gewagt hatte, nach außen hin eine starke Politik zu verfolgen." (1.c. p. 31.) Aber: "
Der Schweiz gegenüber
ist die
kaiserliche Politik

ohne Zweifel diejenige eines mächtigen Nachbars,
der weiß,

daß er am Ende alles durchsetzen kann, was er will
." (l.c. p. 37.)

Also, schließt
Vogt,
mit
Grandguillotscher
Logik, "daß man sich,
vom rein schweizerischen Standpunkte aus
, nur
im höchsten Grade freuen kann
" (p. 39) über die Änderung, die statt des "von allen Seiten gehunzten Louis-Philippe" der Schweiz einen "mächtigen Nachbar" gab, "der weiß, daß er
ihr gegenüber alles kann, was er will
".

Diesem Prolog, der die nötige Gemütsstimmung vorbereitet, folgt eine deutsche Übersetzung der Bundestagsnote vom 14. März 1859, und sonderbarerweise belobt Vogt diese Note, worin der Bundesrat sich auf die Ver-

träge von 1815 beruft, auf die sich zu berufen derselbe Vogt für "Heuchelei" erklärt. "Geht doch mit eurer Heuchelei!" (l.c. p. 112.)
(18)

Vogt untersucht nun weiter, "von welcher Seite her
der erste Angriff gegen die Neutralität der Schweiz kommen wird
" (l.c. p. 84), und führt den überflüssigen Beweis, daß die französische Armee, welche Piemont diesmal nicht zu erobern hatte, weder über den Simplon noch über den Großen Bernhard marschieren werde. Gleichzeitig entdeckt er den nicht existierenden Landweg "über den Mont Cenis, über Fenestrella durch das Sturatal". (l.c. p. 84.) Soll nämlich heißen Doratal. Von
Frankreich
her also droht der Schweiz keine Gefahr.

"Nicht mit gleicher Beruhigung kann man die Schonung der schweizerischen Neutralität
von seiten Östreichs
erwarten, und verschiedne Erscheinungen deuten sogar darauf hin, daß man vorkommenden Falles dieselbe in der Tat zu verletzen beabsichtigt." (l.c. p. 85.) "Bedeutungsvoll in dieser Beziehung dürfte
die Ansammlung eines Truppenkorps in Bregens und Feldkirch sein
." (l.c. p. 86.)

Hier wird der rote Faden sichtbar, der die "Studien" durchläuft und gradenwegs von Genf nach Paris leitet.

Das vom Derby-Kabinett veröffentlichte Blue Book über "The affairs of Italy. January to May 1859" erzählt nämlich, daß "die Ansammlung eines östreichischen Truppenkorps bei Bregenz und Feldkirch" ein geflissentlich von bonapartistischen Agenten in der Schweiz verbreitetes Gerücht war, dem jeder tatsächliche Vorwand fehlte. (N. 174 des zitierten Blue Book, Brief des Captain Harris an Lord Malmesbury, d.d. Bern, 24. März 1859.) Humboldt-Vogt entdeckt bei dieser Gelegenheit auch, daß man sich in Bregenz und Feldkirch

"in unmittelbarer Nähe des Rheintals befindet, in welches
drei
große Alpenpässe mit fahrbaren Straßen, nämlich die Via Mala, der Splügen und der Bernhardin einmünden, der letztere nach dem Tessin, die beiden erstern nach dem Comer See führend". (l.c. p. 86.)

In der Wirklichkeit führt die Via Mala erstens über den Splügen, zweitens über den Bernhardin und drittens nirgends woanders hin.

Nach all diesem Polonius-Gewäsch, das den Verdacht der Schweiz von der westlichen nach der östlichen Grenze hinlenken sollte, kugelt "die abgerundete Natur" endlich zu ihrer eigentlichen Aufgabe heran.

"Die Schweiz, sagt Vogt, "ist vollkommen
im Rechte
, wenn sie die Verpflichtung, Truppenzüge über diese Eisenbahn" (von Culoz nach Aix und Chambéry) "nicht zu gestatten,
entschieden zurückweist
und sich darauf beschränkt, vorkommenden Falles das Neutralitätsgebiet nur so weit in Anspruch zu nehmen, als es zur Verteidigung ihres eignen Gebiets nötig ist" (l.c. p. 89),

und er versichert dem Bundesrat, daß zu dieser "
in seiner Note vom 14. März angedeuteten Politik

die ganze Schweiz wie ein Mann stehen wird".

Vogt veröffentlicht seine "Studien" Ende März. Erst am 24. April benutzte Louis Bonaparte die besagte Eisenbahn für Truppenzüge, und den Krieg erklärte er noch später. Vogt, in die Details des bonapartistischen Kriegsplans eingeweiht, wußte also ganz genau,
"von welcher Seile der erste Angriff gegen die Neutralität der Schweiz kommen"
werde. Er hatte den ausdrücklichen Beruf, sie zur Duldung einer ersten Neutralitätsverletzung zu kirren, deren logische Folge: Annexation des neutralisierten Savoyer Gebiets an das Dezemberreich. Den Bundesrat auf die Schulter klopfend, unterlegt er der Note vom 14. März einen Sinn, den sie vom bonapartistischen Standpunkte aus
haben sollte
. Der Bundesrat sagt in seiner Note, die Schweiz werde ihre vertragsmäßige "Mission" der Neutralität "gleichmäßig und loyal gegen alle erfüllen". Er zitiert ferner einen Artikel der Verträge, wonach "
keinerlei Truppen irgendeiner andern Macht
sich daselbst" (dem neutralisierten Gebiet von Savoyen) "aufhalten oder
durchziehen dürfen
". Er erwähnt mit
keinem Wort
, daß er die Benutzung der Eisenbahn, die durch das neutralisierte Gebiet läuft, den Franzosen gestatten werde. Bedingungsweise als "Maßregel zur Sicherung und Verteidigung ihres Gebiets" behält er der Eidgenossenschaft "die militärische Besetzung" des neutralisierten Gebiets vor. Daß
Vogt
hier geflissentlich und in höherm Auftrag die Bundestagsnote
umlügt
, beweist nicht nur ihr Wortlaut, sondern auch die Erklärung Lord
Malmesburys -
damals englischer Minister der auswärtigen Angelegenheiten - in der Sitzung des Oberhauses vom 23. April 1860.

"Als", sagt
Malmesbury,
"die französischen Truppen im Begriff standen" (mehr als einen Monat
nach
der Note des Bundesrates vom 14. März), "durch Savoyen nach Sardinien zu marschieren, warf die schweizerische Regierung, treu der Neutralität, auf

der ihre Unabhängigkeit beruht, zuerst ein, diese Truppen hätten kein Recht, das neutralisierte Gebiet zu passieren."
(19)

Und durch welchen Einwurf beseitigten Louis Bonaparte und die mit ihm verbündete Schweizer-Partei das Bedenken des Bundesrats? Vogt, der Ende März 1859 wußte, daß französische Truppenzüge das neutralisierte Gebiet Ende April 1859 verletzen würden, antizipiert natürlich auch schon Ende März die Phrase, wodurch Louis Bonaparte Ende April seinen Gewaltstreich beschönigen wird. Er erhebt die Bedenklichkeit, ob das "Kopfende der Linie von Culoz nach Aix und Chambéry in das Bereich des Neutralitätsgebiets" fällt (l.c. p. 89), und demonstriert, daß "die Bestimmung des Neutralitätsgebiets durchaus nicht den Zweck hatte, die Kommunikation zwischen Frankreich und Chambéry aufzuheben", die besagte Eisenbahnlinie also moralisch das Neutralitätsgebiet vermeidet.
(20)

Hören wir andrerseits Lord
Malmesbury
:

"Später, auf das Bedenken hin, ob die Eisenbahnlinie nicht den neutralisierten Teil von Savoyen vermeide, zog die Schweizer Regierung ihren Einwand zurück und erlaubte den französischen Truppen den Durchmarsch. Ich glaube, daß sie im Unrecht war, als sie dies tat. (I think that they were wrong in doing so.) Wir hielten die Bewahrung der Neutralität dieses Gebiets für einen Gegenstand von so europäischer Wichtigkeit ..., daß wir dem französischen Hof am 28. April 1859 einen Protest gegen den Durchmarsch dieser Truppen nach Sardinien zusandten."

Wegen dieses Protests klagte Palmerston den Malmesbury "östreichischer" Sympathien an, indem er "überflüssigerweise die französische Regierung beleidigt habe" (had uselessly offended the French government), ganz wie
Vogt
im "Hauptbuch" (p. 183) das "Volk" anklagt,

"es gab sich alle Mühe", natürlich Östreich zulieb, "der Schweiz Verlegenheiten zu bereiten ... Man lese die Artikel, welche das 'Volk' über die Neutralitätsfrage und den Durchmarsch der Franzosen durch Savoyen brachte, um diese von der 'Allgemeinen Zeitung' vollkommen geteilte Tendenzen mit Händen zu greifen."
(21)

Man wird nun "mit Händen greifen", daß der ganze auf die Schweiz bezügliche Abschnitt von Vogts "Studien" durchaus nichts andres bezweckte als Bevorwortung der
ersten Verletzung des Schweizer Neutralitätsgebiets
durch seinen "Schicksalsmenschen". Es war der erste Schritt zur Annexation Savoyens und daher der französischen Schweiz. Das Schicksal der Schweiz hing von der Energie ab, womit sie diesem ersten Schritt entgegentrat, ihr Recht erhielt, indem sie im entscheidenden Augenblick davon Gebrauch machte, es zu einer europäischen Frage erhob zu einer Zeit, wo die Unterstützung der englischen Regierung gewiß war und Louis Bonaparte, der seinen lokalisierten Krieg eben begann, nicht wagen durfte, ihr den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Einmal offiziell engagiert, konnte die englische Regierung nicht mehr zurückweichen.
(22)
Daher
die gewaltige Anstrengung des "Neuschweizers, Kantonsbürgers von Bern und Ständerats von Genf", Staubwolken aufzujagen und die
Gestattung
des Durchmarsches der französischen Truppen durch das neutralisierte Gebiet als ein von der Schweiz geltend zu machendes
Recht
darzustellen, als tapfre Demonstration gegen Östreich. Hatte er doch die Schweiz vor Catilina-Cherval gerettet!

Während Vogt den Protest gegen die Rheingrenzgelüste seinen
Dentu
schen Originalpamphlets verstärkend nachhallt, vermeidet er
jede
, auch die leiseste Anspielung auf die
in denselben Pamphlets
enthaltene Entsagung auf Savoyen und Nizza. Selbst die bloßen Namen Savoyen und Nizza fehlen in seinen "Studien". Nun protestierten aber bereits im Februar 1859 Savoyer

Deputierte zu Turin gegen den italienischen Krieg, weil Savoyens Annexation an das Dezemberreich den Kaufpreis der franz[ösischen] Allianz bilde. Der Protest war nie zu Vogts Ohren gedrungen. Ebensowenig die der übrigen Emigration wohlbekannten zwischen Louis Bonaparte und Cavour im
August 1858
zu Plombières vereinbarten Stipulationen (veröffentlicht in einer der ersten Nummern des
"Volk"
). M
azzini
, in der schon früher erwähnten Nummer des
"Pensiero ed Azione"
(2. bis 16. Mai 1859) hatte wörtlich vorausgesagt:

"Sollte aber Östreich gleich im Beginn des Kriegs geschlagen werden und die Vorschlage, die es im Jahre 1848 eine Zeitlang der englischen Regierung machte, wiederholen, nämlich die Preisgabe der Lombardei unter der Bedingung, Venedig zu behalten, so würde der Frieden angenommen werden. Die Bedingungen der Vergrößerung der sardinischen Monarchie und der
Zession Savoyens und Nizzas an Frankreich
würden allein zur Ausführung kommen."
(23)

Mazzini veröffentlichte seine Vorhersage Mitte Mai 1859, Vogt die zweite Auflage seiner "Studien" Mitte Juni 1859, aber kein Sterbenswort von Savoyen und Nizza. Schon vor Mazzini und schon vor den Savoyer Deputierten, schon im
Oktober 1858
, anderthalb Monate nach der Verschwörung von Plombières, unterrichtete der Bundespräsident der Schweiz in einer eignen Depesche das englische Ministerium,

"er habe Grund zu glauben, daß zwischen Louis Bonaparte und Cavour ein bedingungsweises Übereinkommen über die Abtretung Savoyens geschlossen worden sei"
(24)
.

Anfang Juni 1859 teilte der Bundespräsident dem englischen Geschäftsführer zu Bern von neuem seine Befürchtungen über die bevorstehende Annexation Savoyens und Nizzas mit.
(25)
Zu
Vogt
, dem Schweizerretter

von Fach, drang nie die leiseste Kunde weder von dem Protest der Savoyer Deputierten noch von Mazzinis Enthüllungen, noch von den seit Oktober 1858 bis Juni 1859 fortdauernden Befürchtungen der Schweizer Bundesregierung. Ja, wie wir später sehn werden,
noch im März 1960
, als das Geheimnis von Plombières durch alle Straßen von Europa lief, vermied es, dem Herrn Vogt jemals zu begegnen. Wohl mit Bezug auf ihr Verstummen über die drohende Annexation tragen die "Studien" das Motto: "Schweigen ist die Tugend des Sklaven."
Eine
Andeutung enthalten sie jedoch:

"Aber gesetzt auch", sagt Vogt, "gesetzt auch, das
Unwahrscheinliche
geschähe und der Siegespreis würde in italischem Lande, sei es südwärts oder nordwärts ausbezahlt ...
Wahrlich vom engsten deutschen Standpunkt aus ... mochte man innigst wünschen
, daß der welsche Wolf
einen italischen Knochen
zwischen die Zähne bekomme." (l.c. p. 129, 130.)

Das italische Land nordwärts meinte natürlich Nizza und Savoyen. Nachdem der Neuschweizer, Kantonsbürger von Bern und Genfer Ständerat
"vom rein schweizerischen Standpunkte aus"
(l.c. p. 39) die Schweiz aufgefordert hatte,
"sich im höchsten Grade zu freuen"
über Louis Bonapartes Nachbarschaft, fällt dem flüchtigen Reichsregenten plötzlich ein, wie er "wahrlich
vom engsten deutschen Standpunkte
aus innigst wünschen möchte", daß der welsche Wolf "den Knochen" von Nizza und Savoyen und
also die französische Schweiz
"zwischen die Zähne bekomme"
(26)
.

—————

Vor einiger Zeit erschien zu Paris ein Pamphlet
"Napoléon III"
, nicht
"Napoléon III et 1'Italie"
, oder
"Napoléon III et la question Roumain",
oder
"Napoléon III et la Prusse"
, sondern
"Napoléon III"
schlechthin, ein-

facher Napoleon III. Es ist ein in Hyperbeln von Napoleon III. auf Napoleon III. geschriebener Panegyrik. Dies Pamphlet ist von einem Araber namens
Dâ-Dâ
in seine Muttersprache verdolmetscht worden. Im Nachwort vermag der trunkne Dâ-Dâ seinen Enthusiasmus nicht länger zu halten und strömt in lichterlohe Poesieverse über. In der Vorrede jedoch ist Dâ-Dâ noch nüchtern genug zu gestehn, daß seine Schrift auf Befehl der Lokalbehörden von Algier veröffentlicht werde und bestimmt sei zur Verteilung unter die eingebornen arabischen Stämme jenseits der Grenzen Algeriens, damit "die Idee der Einheit und Nationalität unter einem gemeinschaftlichen Chef sich ihrer Phantasie bemächtige." Dieser gemeinschaftliche Chef, der "die Einheit der arabischen Nationalität" stiften soll, ist, wie Dâ-Dâ verrät, kein Geringerer als "die Sonne der Wohltätigkeit, der Ruhm des Firmaments - der Kaiser Napoleon III.". Vogt, obgleich er ungereimt schreibt, ist kein Geringerer als
der deutsche Dâ-Dâ
.

Daß
Dâ-Dâ Vogt
seine deutsche Umschreibung der von der Sonne der Wohltätigkeit und dem Ruhm des Firmaments ausgestrahlten
"Moniteur"-Artikel, Dentupamphlets und Karten des revidierten Europas "Studien"
nennt, ist der beste Witz, der ihm während seiner heitern Lebensläufe entfallen ist, besser selbst als die Reichsregentschaft und der Reichsweinschwelg und die von ihm selbst erfundnen Reichspässe ins Ausland. Daß der "gebildete" deutsche Bürgersmann "Studien", worin Östreich mit England um
Ägypten
ringt, Östreich und Preußen auf
außereuropäischen
Gebieten hadern, Napoleon I. die Bank von England ihr Gold zu wägen statt zu zählen zwingt, Griechen und Fanarioten verschiedne Racen sind, ein Landweg vom Mont Cenis über Fenestrella durch das Sturatal führt usw., daß er solche "Studien" für bona fide Studien nahm, beweist den Hochdruck, womit eine zehnjährige Reaktion auf seinem liberalen Hirnschädel gelastet hat.

Sonderbarerweise fuhr derselbe liberale deutsche Bärenhäuter, der
Vogts
grob übertreibende
Verdeutschung der dezembristischen Originalpamphlets
beklatscht hatte, ganz erbost von seinem Schlafstuhl auf, sobald
Edmond About
in seinem
"La Prusse en 1860"
(ursprünglich "Napoléon III et la Prusse") Dâ-Dâs Kompilation mit weiser Mäßigung ins Französische
rückübersetzte
. Diese geschwätzige Elster des Bonapartismus ist nebenbei bemerkt nicht ohne Schalkheit. Als Beweis der bonapartistischen Sympathien für Deutschland führt
About
z.B. an, daß das Dezemberreich den
Dâ-Dâ Vogt
ganz so mit
Humboldt
in einen Topf wirft wie den
Lazarillo Hackländer
mit
Goethe
. Jedenfalls zeigt diese Kombination
Vogt-Hackländer
ein tieferes Studium auf seiten Abouts als irgendwie aufzutreiben wäre in den "Studien" des deutschen Dâ-Dâ.

Fußnoten von Marx

(1)
"De quel droit, d'ailleurs, le gouvernement autrichien viendrait-il invoquer l'inviolabilité de ceux (traités) de 1815, lui qui les a violés en confisquant Cracovie, dont ces traites garantissaient l'indépendance?"

(2)
Palmerston, der Europa durch seinen lächerlichen Protest foppte, hatte unermüdlich seit 1831 an der Intrige gegen Krakau mitgearbeitet. (S[iehe] mein Pamphlet

"Palmerston and Poland"
, London 1853.)

(3)
"La Russie est de la famille des Slaves, race d'élite ... On s'est étonné de l'accord chevaleresque survenu soudainement entre la France et la Russie. Rien de plus naturel: accord des principes, unanimité du but ...
soumission à la loi de l'alliance sainte des gouvernements et des peuples
, non pour leurrer et contraindre, mais pour guider et aider la marche divine des nations. De la cordialité la plus parfaite sont sortis les plus heureux effets: chemins de fer,
affranchissement des serfs
, stations commerciales dans la Méditerranée etc.", p. 33
"La foi des traites etc."
, Paris 1859.

(4)
Es war, sagt der polnische Oberst Lapinski, der bis zur Übergabe Komorns in der ungarischen Revolutionsarmee, später in Zirkassien gegen die Russen focht, "es war das Unglück der Ungarn, daß sie die Russen nicht kannten". (Theophil Lapinski, "Feldzug der Ungarischen Hauptarmee im Jahre 1849", Hamburg 1850, p. 216.) "Das Wiener Kabinett war vollkommen in der Hand der Russen ... nach ihrem Rat wurden die Häupter gemordet ... während die Russen in jeder Weise sich Sympathien erwarben, wurde
Ostreich von ihnen kommandiert
, sich noch mehr verhaßt zu machen, als es je gewesen." (l.c. p. 188, 189.)

(5)
General
Moritz Perczel
, rühmlich bekannt aus dem ungarischen Revolutionskrieg, zog sich noch während der italienischen Kampagne von den zu Turin um Kossuth versammelten ungarischen Offizieren zurück und setzte in einer öffentlichen Erklärung die Gründe seines Rücktritts auseinander - auf der einen Seite Kossuth, nur als bonapartistische Vogelscheuche dienend, auf der andern Seite die Perspektive von Ungarns
russischer
Zukunft. In einem Antwortschreiben (d.d. St. Hélier, 19. April 1860) auf einen Brief, worin ich um nähere Aufschlüsse über seine Erklärung bat, sagt er u.a.: "Nie werde ich als Werkzeug behülflich sein, Ungarn aus den Krallen des doppelten Adlers nur darum zu erretten, um es der
tödlichen Zärtlichkeit
des Nordbärs zu überliefern."

(6)
Herr
Kossuth
hat sich niemals über die Richtigkeit der im Text entwickelten Ansicht getäuscht. Er wußte, daß
Östreich
Ungarn mißhandeln, aber nicht vernichten kann. "Der Kaiser Joseph II.", schreibt er an den Großwesir Reschid-Pascha unter dem Datum Kutayah, 15. Februar 1851, "der einzige Mann von Genie, den die Familie der Habsburger erzeugt hat, erschöpfte alle außerordentlichen Hülfsquellen seines seltnen Geistes wie der damals noch volkstümlichen Vorstellungen über die Macht seines Hauses, in dem Versuch, Ungarn zu germanisieren und es in den Gesamtstaat übergehn zu machen, aber Ungarn ging mit erneuter Lebenskraft aus dem Kampfe hervor ... In der letzten Revolution hat Östreich sich nur aus dem Staube erhoben, um vor dem Zaren auf die Füße zu fallen, dem Zaren, seinem Meister, der seine Hülfe niemals
gibt
, sondern stets
verkauft
. Und teuer hat Östreich diese Hülfe zahlen müssen." (
"Correspondence of Kossuth"
, p. 33.) Dagegen sagt er in demselben Brief, nur Ungarn und die Türkei vereint könnten die
panslawistischen Umtriebe
Rußlands brechen. Er schreibt an
David Urquhart
d.d. Kutayah,
17. Januar 1851
: "
We must crush Russia
, my dear Sir! and, headed by you, we will! I have not only the resolution of will, but also that of hope! and this no vain word, my dear Sir, no sanguine fascination; it is the word of a man, who is wont duly to calculate every chance: of a man though very weak in faculties, not to be shaken in perseverance and resolution, etc." (l.c. p. 39.) ("
Wir müssen Rußland zermalmen
, mein lieber Freund; und von Ihnen geleitet, werden wir es zermalmen. Ich habe nicht allein den Entschluß des Willens, sondern auch der Hoffnung, und dies ist keine leere Phrase, mein lieber Freund, kein sanguinisches Hirngespinst; es ist das Wort eines Mannes, gewohnt, jede Möglichkeit sorgsam zu berechnen; eines Mannes, der, obgleich von sehr schwachen Fähigkeiten, unerschütterlich in Ausdauer und Entschließung ist, etc.")

(7)
Es ist in der Tat die industrielle Prosperität, die Louis Bonapartes Regime so lange hielt. Der franz[ösische] Ausfuhrhandel hatte sich infolge der australisch-kalifornischen Entdeckungen und ihrer Wirkungen auf den Weltmarkt mehr als verdoppelt, einen bisher unerhörten Aufschwung genommen. Die Februarrevolution ist überhaupt in letzter Instanz an Kalifornien und Australien gescheitert.

(8)
Lord Chelsea, der den Lord Cowley zu Paris während dessen Abwesenheit vertrat, schreibt: "The official disavowal" (im .Moniteur" vom 5. März 1859) "of all warlike intentions on the part of the Emperor, this Imperial message of peace, has been received
hy all classes of Paris
with feelings of what may be called exultation." (Nr. 88 des Blue Book "On the affairs of Italy. January to May 1859.") ("Die offizielle Ableugnung aller kriegerischen Absichten auf Seite des Kaisers, diese kaiserliche Friedensbotschaft ist von
allen
Klassen
zu Paris
mit überschwenglichem Enthusiasmus aufgenommen worden.")

(9)

Notabene.
In seinen
"Studien"
wiederholt er mit dem .Moniteur" und den Dentuschen Originalpamphlets, "daß es eine eigentümliche Laune des Schicksals ist, welche diesen Menschen" (Louis Bonaparte) "zwingt, sich als
Befreier der Nationalitäten
in erste Linie zu stellen" ([p.] 35), daß man "dieser Politik
seine Beihülfe
zusagen müsse, solange dieselbe in den Schranken der Befreiung der Nationalitäten sich hält", und
abwarten müsse, "bis diese Befreiung durch diesen Schicksalsmenschen erfolgt sei"
, (p. 36.) In seinem
Programm
an die Herren Demokraten heißt es dagegen: "Wir können und
sollen vor einem solchen Helfer warnen
." ([p.] 34, "Hauptbuch", Dokumente.)

(10)
Übrigens hat "Napoleon le Petit" auch die Nationalitäts-Befreiungsphrase dem wirklichen Napoleon nachkopiert. Im
Mai 1809
erließ Napoleon z.B. von Schönbrunn aus eine Proklamation an die
Ungarn
, worin es u. a. heißt: "Ungarn! Der Augenblick für den Wiedererwerb eurer
Unabhängigkeit
ist gekommen ... Ich verlange
nichts
von euch. Ich wünsche nur, euch als eine
freie und unabhängige Nation
zu sehn. Eure Verbindung mit Östreich war euer Fluch usw." Am 16. Mai 1797 schloß Bonaparte einen Vertrag mit der Republik Venedig, dessen erster Artikel lautet: "Künftig sollen Frieden und gutes Einverständnis zwischen Frankreich und der venetianischen Republik herrschen." Seine Zwecke in diesem Friedensschluß enthüllt er dem französischen Direktorium drei Tage später in einer geheimen Depesche, die mit den Worten beginnt: "Sie erhalten hiermit den Vertrag, den ich mit der Republik Venedig geschlossen und kraft dessen General Baraguay d'Hilliers mit 5 - 6.000 Mann die Stadt besetzt hat. Ich hatte mit diesem Friedensabschluß verschiedene Zwecke im Auge." Als letzten Zweck zählt er auf: "Alles, was in Europa gesagt werden mag, abzudampfen, da es jetzt den Schein haben wird, als ob unsere Besetzung Venedigs nur eine vorübergehende Operation sei, welche
die Venetianer selbst
eifrig verlangt hätten." Wieder zwei Tage später, am 26. Mai, schrieb Bonaparte an die Munizipalität Venedigs: "Der zu Mailand abgeschlossene Vertrag mag unterdessen von der Munizipalität gezeichnet werden - die geheimen Artikel durch drei ihrer Mitglieder. Ich werde stets alles in meiner Gewalt tun, um euch Beweise meines Wunsches zu geben,
eure Freiheiten
zu befestigen und
das unglückliche Italien
endlich den Platz einnehmen zu sehn, wozu es auf dem Welttheater berufen ist,
frei und unabhängig von allen Fremden
." Einige Tage später schreibt er dem General Baraguay d'Hilliers: "Bei Empfang dieses melden Sie sich bei der provisorischen Regierung von Venedig und stellen Sie ihr vor, daß, im Einklang mit den Prinzipien, die jetzt die Republiken Frankreichs und Venedigs vereinigen, und mit dem unmittelbaren Schutz, den die französische Republik der venetianischen angedeihen läßt, es unerläßlich ist, daß die Seemacht der Republik auf einen Respekt einflößenden Fuß gestellt werde.
Unter diesem Vorwand
werden Sie von allem Besitz ergreifen, gleichzeitig darauf bedacht, in gutem Einverständnis mit den Venetianern zu leben, und für unsern Dienst - und zwar, indem
Sie beständig im Namen Venedigs sprechen -
alle Matrosen der Republik zu werben. Kurz, Sie müssen es so anstellen, daß Sie alle Marinevorräte und Schiffe im Hafen von Venedig nach Toulon transportieren. Kraft eines geheimen Artikels des Vertrags sind die Venetianer verpflichtet, der französischen Republik Marinevorräte zum Wert von 3 Millionen für die Marine von Toulon zu liefern, aber
es ist meine Absicht
, für die französische Republik Besitz von
allen
venetianischen Schiffen und
allen
ihren Marinevorräten zum Nutzen Toulons zu ergreifen. " (Siehe
"Correspondance secrète et confidentielle de Napoleon"
, 7 vol[ume]s, Paris 1817.) Diese Befehle wurden wörtlich ausgeführt; und sobald Venedig von
allen
Marine- und Kriegsmitteln ausgeplündert war, übergab Napoleon, ohne das geringste Zögern, seinen neuen Alliierten,
die befreite Republik

Venedig
, die er feierlich geschworen hatte auf jede Gefahr hin zu verteidigen,
dem despotischen Joche Östreichs
.

(11)
"La Prusse est l'espoir de l'Allemagne ... l'esprit allemand a son centre à Berlin ... l'esprit allemand cherche
l'unité
de son corps, la vérité de la Confédération. C'est par cet entraînement que s'élève la Prusse... D'où vient-il que, lorsque l'Italie réclame l'intégrité, l'unité

nationale, ce que l'Allemagne désire, celle-ci favorise l'Autriche, négation vivante de toute nationalité? ... C'est que la Prusse n'est pas encore la tête; c'est que la tête est l'Autriche qui, pesant avec ces forces hétérogènes sur l'Allemagne politique, l'entraîne à des contradictions avec l'Allemagne véritable." <"Preußen ist Deutschlands Hoffnung ... der deutsche Geist hat seinen Mittelpunkt in Berlin ... der deutsche Geist sucht
die Einheit
seines Körpers, die Wahrheit des Bundes. Dieser Drang ist es, der Preußen sich erheben läßt ... Woher kommt es, daß, während Italien den Zusammenschluß, die nationale Einheit, verlangt, was auch Deutschland begehrte, daß dieses Italien Österreich begünstigt, die lebendige Verneinung der Nationalität?

... Der Grund liegt darin, daß Preußen noch nicht die Führung hat; der Grund liegt darin, daß Österreich die Führung hat, das, mit seinen heterogenen Kräften auf dem politischen Deutschland lastend, es in Widerspruch mit dem wahren Deutschland setzt."> (p. 34,
"La foi des traites
etc.")

(12)
"Le Rhin! ... Qu'est-ce que le Rhin?

Une frontière. Les frontières seront bientôt des anachronismes." (l.c. p. 36.)

(13)
La France stipule-t-elle des dédommagements pour les sacrifices qu'elle est prête a faire dans un but d'équité, de juste influence, et dans l'intérêt de l'équilibre européen?

Demande-t-elle la rive gauche du Rhin? Élève-t-elle même des prétentions sur la Savoie et sur le Comté de Nice?" (p. 13.
"La vraie question etc."
)

(14)
Die
"Prager Zeitung"
brachte einige Tage nach dem Friedensabschluß von Villafranca folgende offizielle Erklärung: "Es liefert diese Protestation" (Preußens Protestation, den Oberbefehl der Bundesarmee
unter Bundeskontrolle
zu übernehmen) "den klaren Beweis, daß
Preußen nach der Hegemonie in Deutschland, also
nach
dem Ausschlusse Östreichs aus Deutschland strebt
. Da die treulose Lombardei unendlich weniger wert ist als
die Behauptung unserer Stellung in Deutschland
, so gaben wir sie hin, um zum Frieden zu gelangen, der für uns
durch die Haltung Preußens
zur gebieterischen Notwendigkeit geworden war."

(15)
Der Pariser
"Galignani's Messenger"
, der nur ausnahmsweise und nur im besondren offiziellen Auftrag Leitartikel bringt, sagt in seiner Nummer vom 22. Juli 1859: "To give another province to the King of Piedmont, it would not only have been necessary to support a war against two-thirds of Europe, but
German unity would have

been realised
, and a work thus accomplished, which ever since the time of Francis I. it has been the object of French policy to prevent. <"Um dem König von Piemont noch eine weitere Provinz zu verschaffen, wäre es nicht nur notwendig gewesen, einen Krieg gegen zwei Drittel von Europa zu unterstützen, sondern
die Einigung Deutschlands wäre verwirklicht worden
und damit ein Werk herbeigeführt, das zu vereiteln seit der Zeit Franz I. immer der Zweck der französischen Politik war.">

(16)
Plon-Plons Spezialblatt, die
"Opinion nationale",
sagt in einem Artikel vom 5. Juli 1860: "Der Tag der Revindikation durch die Gewalt ist vorüber. Dazu ist der Kaiser mit einem zu feinen Takt, mit einem zu richtigen Gefühl für die Tendenz der öffentlichen Meinung begabt ... Aber ist
Preußen
eidlich verpflichtet, niemals an
deutsche Einheit
zu denken? Kann es dafür einstehn, daß es nie ein lüsternes Auge auf Hannover, Sachsen, Braunschweig, Hessen, Oldenburg und Mecklenburg werfen wird? Heute umarmen sich die Fürsten, und sicher aufrichtig. Aber wer weiß, was das Volk in wenigen Jahren von ihnen verlangen wird? Und wenn Deutschland, unter dem Drucke der öffentlichen Meinung,
sich zentralisiert
, wäre es gerecht, wäre es vernünftig, daß
Frankreich
nicht erlaubt sein sollte,
sein Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn auszudehnen
? ... Sollten die Deutschen für gut finden, ihre alte politische Konstitution zu ändern und an die Stelle des ohnmächtigen Bundes eine starke, zentralisierte Regierung zu setzen, so können wir nicht dafür stehn,
daß Frankreich nicht gut finden würde, von Deutschland Entschädigungen und Sicherheiten zu verlangen
."

(17)
Der kaiserliche Pecksniff übertrifft sich selbst in dem Dentu-Pamphlet
"La politique anglaise"
, Paris 1860. Danach müssen nämlich ein paar Millionen Deutsche und Belgier gestohlen werden, um die moralische Konstitution Frankreichs zu verbessern, dessen südliches Element größerer Beimischung mit nordischer Solidität bedürfe. Nachdem auseinandergesetzt, daß Frankreich aus politischen und militärischen Gründen der
Grenzen bedarf, die die Natur ihm selbst gegeben hat
, heißt es weiter: "Ein zweiter Grund macht solche Annexation" (der Rheinprovinzen und Belgiens) "notwendig. Frankreich liebt und verlangt eine vernünftige Freiheit (une sage liberté), und das südliche Element bildet ein großes Element seiner öffentlichen Körper. Dies Element hat wundervolle Eigenschaften ... aber es fehlt ihm Ausdauer und Festigkeit. Es bedarf der geduldigen Standhaftigkeit, der kalten und unbeugsamen Entschließung unserer nordischen Brüder. Die von der Vorsehung uns bestimmten Grenzen sind uns daher nicht minder notwendig für unsere Freiheit als für unsere Unabhängigkeit."

(18)
Es waren in der Tat nicht die "Verträge", die die Neutralität der Schweiz geschützt hatten, sondern die sich wechselseitig paralysierenden Interessen der verschiedenen Grenzmächte. "Die Schweizer fühlen", schreibt Captain Harris, der englische Geschäftsführer zu Bern, nach einer Unterredung mit dem Bundespräsidenten Frey-Hérosé, an Lord John Russell, "daß ... die Ereignisse in jüngster Zeit das verhältnismäßige Gewicht der Grenzmächte wesentlich verändert haben, indem Preußen seit dem Neuchateler Handel gleichgültig, Östreich gelähmt und Frankreich ungleich mächtiger als zuvor ist."

(19)
"When the French troops were about to march through Savoy into Sardinia the Swiss Government, true to the neutrality upon which depends its independence, at first objected that these troops had no right to pass through the neutralised territory."

(20)
Daß die Eisenbahn
in
das neutralisierte Gebiet fällt, ist ausdrücklich zugegeben in einer Note, die Bundespräsident Stämpfli und Kanzler Schieß am 18. November 1859 an Captain Harris richteten. Es heißt darin: "Il pourrait être aussi question d'un autre point qui concerne la neutralité de la Savoie ... nous voulons parler du chemin de fer dernièrement construit de Culoz à Chambéry, a l'égard duquel on peut se demander s'il devait
continuer à faire partie du territoire neutralisé
". <"In Frage stehen könnte auch ein anderer Punkt, der die Neutralität Savoyens betrifft ... wir wollen von der letzthin neuerbauten Eisenbahn von Culoz nach Chambéry sprechen, bezüglich deren es fraglich sein kann, ob sie weiterhin
einen Teil des neutralisierten Gebietes bilden kann
."

(21)
Vogt wirft dem "Volk" speziell vor, es habe gesucht, "die Eidgenossenschaft in Konflikt mit den größern Nachbarmächten zu bringen". Als die Annexation Savoyens wirklich stattfand, klagte die "Eidgenössische Zeitung", ein bonapartistisches Blatt, den offiziellen "Bund" an, "seine Ansicht über Savoyen und Frankreich sei ein schwacher Überrest der Politik, welche die Schweiz schon seit 1848 in die europäischen Kämpfe verwickeln wollte". (Siehe
"Bund"
, Bern, 12. März 1860, No. 71.) Man sieht, die Phrasen der bonapartistischen Federn sind fertig zugeschnitten.

(22)
Had those provinces (Chablais and Faucigny) been occupied by the Federal troops... there can be little doubt they would have remained in them up to this moment. <Wären diese Provinzen (Chablais und Faucigny) von den eidgenössischen Truppen besetzt worden ... so könnte kaum ein Zweifel daran bestehen, daß sie bis zu diesem Augenblick in ihnen verblieben wären.> (p. 20
L. Oliphant, "Universal Sufrage and Napoleon III"
, London 1860.)

(23)
"Ma dove l'Austria, disfatta in sulle prime, affacciasse proposte eguali, a quelle ch'essa affacciò per breve tempo nel 1848 al Governo inglese, abbandono della Lombardia a patto di serbare il Veneto, la pace ... sarebbe accettata: le sole condizioni dell' ingrandimento della Monarchia Sarda e della cessione della Savoia e di Nizza alla Francia, riceverebbero esecuzione."

(24)
In seiner oben erwähnten Rede sagt Lord
Malmesbury
: "There is a despatch now in the Foreign Office, dated as long back as October 1858 ... from the President of the Swiss Republic, stating that he had reason to believe that some conditional agreement had been come to between the Emperor of the French and Count Cavour with respect to Savoy." <"Es liegt jetzt eine Depesche des Schweizer Bundespräsidenten im Auswärtigen Amt vor, die noch aus dem Oktober 1S58 stammt ..., in der dargelegt ist, er habe Grund zu der Annahme gehabt, es sei ein Zusatzabkommen in bezug auf Savoyen zwischen dem Kaiser von Frankreich und dem Grafen Cavour erzielt worden."

(25)
Siehe No. I des ersten Blue Book "On the proposed annexation of Savoy, etc."

.

(26)
Vogts Wunsch, "vom engsten deutschen Standpunkt aus" dem "welschen Wolf" italienische "Knochen" in den Schlund zu jagen, damit der Wolf an Verdauungsbeschwerden leide, wird unstreitig in stets wachsendem Maß erfüllt werden. In der offiziösen
"Revue contemporaine"
vom 15. Okt. 1860 - nebenbei bemerkt,
Vogts spezielle Patronin -
findet sich eine Turiner Korrespondenz vom 8. Oktober, worin es u.a. heißt: "
Genua und Sardinien
würden der legitime Preis eines neuen (französischen) Kriegs für die Einheit Italiens sein. Ich füge hinzu, daß der Besitz Genuas das notwendige Instrument unseres Einflusses auf die Halbinsel und das einzige wirksame Mittel wäre, zu verhüten, daß die Seemacht, zu deren Bildung wir beigetragen hätten, eines Tages unserer Allianz entschlüpfe, um irgendeine neue einzugehn.
Nur mit unserm Knie auf seinem Hals können wir die Treue Italiens sichern. Östreich, ein guter Richter in dieser Sache, weiß

das sehr wohl. Wir werden weniger plump, aber besser als Östreich drücken - das ist der einzige Unterschied.
"

[Herr Vogt - Teil 11]

VIII. Dâ-Dâ Vogt und seine Studien
X. Patrone und Mitstrolche

IX. Agentur

"So muosens alle strîten.

in vîl angestlîchen zîten

wart gescheiden doch her dan

... der
Vogt
da von Bërne."

<"So müssen sie alle streiten.

In angsterfüllten Zeiten

mußt' fahren fort von diesem Ort

... der
Vogt
von Bern,">

(Klage)
(1)

In einem Programm, das Dâ-Dâ Vogt mit ungeheurer Heiterkeit
vom ersten April
datiert, nämlich vom 1. April 1859, rief er Demokraten verschiedener Färbung zur Mitarbeit an einer Zeitung auf, welche zu Genf erscheinen und die dezembristisch-russische Ansicht seiner "Studien" propagieren sollte. Vorsichtig abgefaßt, wie das Programm natürlich sein mußte, lugt der Pferdefuß gelegentlich aus der löschpapiernen Decke. Doch verweilen wir nicht dabei.

Am Schluß des Programms ersucht Vogt seine Adressaten um Angabe von "Gesinnungsgenossen", die "in den ihnen geöffneten Zeitungen und Journalen in gleichem Sinne zu wirken bereit wären". Auf dem Zentralfest zu Lausanne erklärt er, er habe ein Programm entworfen mit einer Einladung an

"
diejenigen, welche
demselben folgen wollten, um gegen angemessenes Honorar in den ihnen zu Gebot stehenden Organen der Presse zu wirken". (p. 17, "Centralfest etc.")

Endlich in einem Brief an
Dr. Loening
heißt's:

"Kannst Du mich mit
Leuten
in Verbindung bringen, die von Frankfurt aus Zeitungen und Journale in diesem Sinne bearbeiten können? Ich bin erbötig, sie für die Arbeiten, von denen mir ein Abdruck eingesendet wird, anständig zu honorieren." ( "Hptb.", Dokumente, p. 36.)

Die
"Gesinnungsgenossen"
des Programms werden auf dem Zentralfest zu Lausanne
"diejenigen welche"
, und "diejenigen welche" verwandeln sich dem Dr. Loening gegenüber in
"Leute"
, Leute sans phrase. Vogt, dem Generalsäckelmeister und Generalrevisor der deutschen Presse, sind "Fonds zur Disposition gestellt" (l.c. p. 36), nicht nur um Artikel "in Zeitungen und Journalen", sondern auch um "Broschüren" (l.c.) zu honorieren. Man begreift, daß eine Agentur auf dieser Stufenleiter ganz bedeutende "Fonds" erheischt.

"- er sante nach allen den hêrren

die in diusken rîchen wären;

er klagete in allen sîn nôt,

unde bôt in ouch sîn golt rät."

<"Nach allen Herren er sandte

ringsum im deutschen Lande.

Er klagte allen seine Not,

Bot Gaben an, von Golde rot."

(Kaiserchronik)

Aber zu welchem Zwecke sollten Zeitungen, Journale, Broschüren von
denjenigen welchen
"bearbeitet" und dem Vogt "eingesendet" und von ihm "anständig" honoriert werden? "Es gilt Italien", nichts weiter; denn um die Gefahr am Rhein abzuwenden, "scheint" es Herrn Vogt "von Vorteil, Louis Bonaparte in Italien verbluten zu machen". (l.c. p. 34,
Programm
.) Nein, "es gilt nicht Italien". (Brief an Dr. Loening, l.c. p. 36.) "Es gilt Ungarn." (Brief an Herrn H. in N., 1.c.) Nein, es gilt nicht Ungarn. "Es gilt ... Dinge, die ich nicht mitteilen kann." (l.c., Dokumente, p. 36.)

Ebenso widerspruchsvoll wie das Ding, das es gilt, ist die Quelle, woraus die anständigen "Fonds" fließen. Es ist "ein entfernter Winkel der französischen Schweiz". ("Hptb.", p. 210.) Nein, "es sind ungarische Frauen vom Westen". (Brief an Karl Blind, Beilage zu No. 44 der "Allgemeinen Zeitung" vom 13. Februar 1860.) Umgekehrt, es sind masculini "im Bereich der deutschen und namentlich der östreichischen Polizei". (p. 17, Centralfest".) Nicht minder chamäleonartig als Zweck und Quelle ist die Quantität seiner Fonds. Es sind "einige Franken". ("Hptb.", p. 210.) Es sind kleine Fonds". (p. 17, "Centralfest".) Es sind hinreichende Fonds, um alle Leute

anständig zu honorieren, die in der deutschen Presse und Broschüren Vogtisch wirken können. Endlich zum Überfluß ist auch die Bildungsweise der Fonds zwieschlächtig. Vogt hat sie "mit Mühe und Not
zusammengescharrt
". ("Hptb.", p. 210.) Nein, sie "sind ihm zur Disposition gestellt". (l.c., Dokumente, p. 36.)

"Wenn ich nicht irre", sagt die "abgerundete Natur", so "heißt
bestechen
soviel als jemand durch Geld oder andre Vorteile zu Handlungen und Äußerungen bewegen, welche seiner Überzeugung entgegengesetzt sind." (l.c. p. 217.)

Wessen Überzeugung es also entspricht, sich
kaufen
zu lassen, kann nicht
bestochen
werden, und wessen Überzeugung es widerspricht, kann wieder nicht bestochen werden. Wenn die Pariser Ministerialsektion für die auswärtige Presse Schweizer Blättern z.B. die 250 Frs. kostende und täglich erscheinende Pariser "Lithographierte Correspondenz" für den halben, für den Viertelspreis, ja gratis anbietet und "wohlgesinnte Redaktionen" aufmerksam macht, daß sie in wachsendem Verhältnis noch auf einen baren monatlichen Zuschuß von 50, 100 und 150 Frs. "je nach der Reüssite" rechnen können, so ist das beileibe keine Bestechung. Die Redaktionen, deren Überzeugung die tägliche "Correspondenz" und die monatliche Zulage widerspricht, werden nicht gezwungen, die eine auf- und die andre anzunehmen. Und ist Granier de Cassagnac "bestochen", oder La Guéronnière, oder About, oder Grandguillot, oder Bullier, oder Jourdan vom "Siècle", oder Martin und Boniface vom "Constitutionnel", oder Rochaid Dâ-Dâ Albert? Ist es einer zahlungsfähigen Handlung oder Äußerung je in ihrem Leben passiert, in Konflikt mit der Überzeugung dieser Herren zu geraten? Oder hat Vogt z.B. den Agenten eines gewissen ihm früher feindlichen Schweizer Blattes bestochen, als er mehrere 100 Exemplare seiner "Studien" gratis zur Verfügung stellte? Sonderbare Einladung jedenfalls, diese Einladung Vogts an Publizisten, in den ihnen zu Gebote stehenden Organen im Sinne ihrer eignen Überzeugung zu wirken und für dies Wirken ihr Honorar zu empfangen durch das Organ des Herrn Karl Vogt zu Genf. Daß Vogt das Honorar, welches eine bestimmte Zeitung ihren eignen Mitarbeitern zahlt, mit den geheimen Subsidien zusammenwirft, die ein dritter Kerl aus anonymer Kasse den Korrespondenten ihm wildfremder Zeitungen, ja der Presse eines ganzen Landes anbietet - dies Quidproquo beweist, wie sehr sich der deutsche Dâ-Dâ in die Moral des 2. Dezember "verarbeitet" hat.

An der Quelle saß der Knabe." Aber an welcher Quelle?

Statt der von Vogt beabsichtigten Wochenschrift "Die neue Schweiz"

erschien später zu Genf die "Neue Schweizer Zeitung", gestiftet von Dâ-Dâs vieljährigem Freunde, Herrn
A. Braß
. An einem kühlen Novembermorgen erklärte nun Herr Braß zum Erstaunen von ganz Genf, er habe

"in einem Briefe an Vogt den
französischen Futtertrog
zurückgewiesen, den Vogt ihm habe vorsetzen wollen".

Er erklärte sich gleichzeitig bereit, gerichtlich für seine Denunziation einzustehn. (
"Neue Schweizer Zeitung" vom 12. Novbr. 1859.
) Und der

Hahn, oder vielmehr der Kapaun, der bisher so lustig gekräht hatte, verstummte, sobald er auf seinem eignen Düngerhaufen zerzaust ward. Der "Neuschweizer, Kantonsbürger von Bern und Genfer Ständerat" war jetzt mitten in Genf von einem seiner "notorischen" Freunde öffentlich eines
Bestechungsversuchs
mit
französischem
Geld angeklagt. Und der Genfer Ständerat verstummte.

Man glaube nicht etwa, daß Vogt die "Neue Schweizer Zeitung" vornehm ignorieren konnte. Die Denunziation gegen ihn erschien, wie gesagt, in der Nummer vom 12. November 1859. Kurz nachher brachte dasselbe Blatt eine pikante Charakteristik Plon-Plons, und die
"Revue de Genève"
, das Organ des Genfer Diktators
James Fazy
, protestierte sofort in einem vierspaltigen Leitartikel. (
"Revue de Genève"
vom 6. Dezbr. 1859.) Sie protestierte "au nom du radicalisme genevois", im Namen des Genfer Radikalismus. Solches Gewicht legte James Fazy selbst der "Neuen Schweizer Zeitung" bei. Der vierspaltige Leitartikel der "Revue de Genève" zeigt Vogts mithelfende Hand unverkennbar. Braß selbst wird gewissermaßen entschuldigt. Nicht er sei der Urheber des Plon-Plon-Attentats, sondern nur irregeleitet. In echt Vogtscher Manier wird das Corpus delicti demselben L. Häfner aufgebürdet, den Vogt auch im "Hauptbuch" (p. 188) verdächtigt, "widerwärtige persönliche Skandalgeschichten über den Kaiser und den Prinzen Napoleon" zu schreiben, und ebensowenig fehlt die bei Vogt unvermeidliche Anspielung auf "den berüchtigten badischen Exlieutenant Clossmann" als Berner Korrespondenten der "Allgemeinen Zeitung". (Vgl. "Hptb.", p. 198.) Verweilen wir einen Augenblick bei dem Protest, den der Herr und der Knecht,
James Fazy
und
Karl Vogt
, "im Namen des Genfer Radikalismus" und zur Ehrenrettung Plon-Plons am 6. Dezbr. 1859 in der "Revue de Genève" veröffentlicht haben.

Braß wird angeklagt, er suche "seine deutsche Meinung von Frankreich durch Beleidigung eines Prinzen des Hauses Bonaparte zu befestigen".
Plon-Plon
, wie man in Genf schon lange wisse, sei ein Liberaler vom reinsten Wasser, der zur Zeit seines Exils großmütig ausschlug, "eine Rolle am

Hofe von Stuttgart oder selbst von Petersburg zu spielen". Nichts würde lächerlicher sein, als ihm die Idee der Bildung einer kleinen Souveränetät hier und dort, eines etrurischen Königreichs etwa, wie es der injuriöse Artikel der "Neuen Schweizer Zeitung" tut, unterzuschieben.

"Der Prinz Napoleon, stark im persönlichen Gefühl seines
Genies
und seiner
Talente
, schätzt sich zu hoch für diese elenden kleinen Throne."

In Frankreich vielmehr, "dem Zentrum hoher Zivilisation und allgemeinen Anstoßes", zieht er vor, den Marquis Posa bei seinem erlauchten Cousin "als Bürger-Prinz" (prince-citoyen) zu spielen. "Sein Cousin achtet und liebt ihn, was man immer davon sagen mag." Der Prinz ist nicht nur Bonapartes Marquis Posa. Er ist "der uninteressierte Freund" Italiens, der Schweiz, kurz der Nationalitäten.

"Der Prinz Napoleon, wie der Kaiser, ist ein großer Nationalökonom ... Sicher, wenn jemals die guten Prinzipien der politischen Ökonomie in Frankreich siegen, wird der Prinz Napoleon viel dazu beigetragen haben."

Er war und ist "Parteigänger der unbeschränktesten Preßfreiheit", Gegner aller Polizei-Präventivmaßregeln, Träger der "Freiheitsideen im weitesten Sinn des Worts, in ihrer Theorie wie in ihrer Anwendung". Findet er des Kaisers Ohren seiner Egeria-Stimme verstopft durch böse Umgebungen, so zieht er sich würdevoll zurück, aber "ohne zu schmollen". Es ist nichts "als
sein Verdienst
, das ihn den

Verleumdungen Europas ausgesetzt hat". Die

"Feinde Frankreichs fürchten ihn, weil er sich auf den revolutionären Beistand der Völker Europas stützt, um ihnen ihre Nationalität und ihre Freiheit wiederzugeben".

Also verkanntes Genie, Marquis Posa, Egeria, Nationalökonom, Hort der unterjochten Nationalitäten, Demokrat vom reinsten Wasser - und sollte man es für möglich halten?

- Plon-Plon ist
"habile comme général et brave comme tout officier français"
("gewandt als General und tapfer wie jeder französische Offizier").

"In dem orientalischen Feldzug wahrend und nach der Schlacht an der Alma hat er das bewiesen." Und in der italienischen Kampagne "hat er sein Armeekorps von 50.000 Mann" (das bekannte Corps de touristes, ich hatte beinahe gesagt Corps de ballet) "wohlorganisiert, und hat er in kurzer Zeit einen schweren Marsch durch ein bergiges Land zurückgelegt, ohne daß seiner Truppe irgend etwas mangelte".

Die französischen Soldaten in der Krim tauften bekanntlich das Kanonenfieber la maladie Plon-Plonienne <Plon-Plon-Krankheit>, und wahrscheinlich zog sich Plon-Plon

nur von der Halbinsel zurück wegen des um sich greifenden Mangels an Lebensmitteln.

"Wir", schließt die "Revue de Genève" triumphierend ab, "wir haben ihn" nämlich den Plon-Plon - "gezeigt, wie er ist."

Hurra für General Plon-Plon!

Kein Wunder also, wenn
Vogt
sagt, er habe seine Kriegskasse aus "demokratischen Händen" empfangen. Plon-Plon, der Prince Rouge <Rote Prinz>, ist Vogts wie Fazys Ideal, gewissermaßen der verwünschte Prinz der europäischen Demokratie.
Vogt
konnte sein Geld aus keinen reinern demokratischen Händen erhalten als aus den Händen Plon-Plons. Selbst wenn ein Teil der von Plon-Plons erlauchtem Cousin Herrn Kossuth direkt übermachten Gelder durch ungarische Hände in die Hände Vogts gespielt worden, so blieb ihr "Ursprung
ein Grauen
", aber aus Plon-Plons Händen! Selbst die Gelder, die
Vogt
zur Zeit des Neuenburger Handels von der Gräfin C. <Károlyi>, Klapkas Freundin, empfing, mochten aus delikatern Händen kommen, unmöglich aus reinern und demokratischeren Händen. Plon-Plon est voluptueux comme Héliogabale, lâche comme Ivan III et faux comme un vrai Bonaparte <Plon-Plon ist wollüstig wie Heliogabalus, feige wie Iwan III. und falsch wie ein echter Bonaparte>, sagt ein bekannter franz[ösischer] Schriftsteller. Das Schlimmste, was Plon-Plon angerichtet hat, war, seinen Cousin zum homme sérieux <ernst zu nehmenden Mann>

zu machen. Victor Hugo konnte noch von Louis Bonaparte sagen: n'est pas monstre qui veut <es ist nicht jeder ein Ungeheuer, der es gern sein möchte>, aber seitdem Louis Bonaparte den Plon-Plon erfand, konzentrierte sich auf den Mann in den Tuilerien die geschäftliche, auf den Mann in dem Palais Royal die groteske Seite des imperialistischen Januskopfes. Der falsche Bonaparte, der der Neffe seines Onkels ist, ohne der Sohn seines Vaters zu sein, erschien echt gegenüber diesem echten Bonaparte; so daß die Franzosen immer noch sagen: l'autre est plus sûr <der andere ist sicherer>. Plon-Plon ist zugleich der Don Quixote und der Hudibras des Bas Empire. Hamlet fand es bedenklich, daß Alexanders Asche vielleicht bestimmt sei, das Spundloch eines Bierfasses zu verstopfen. Was würde Hamlet sagen, wenn er den aufgelösten Kopf Napoleons auf den Schultern Plon-Plons erblickte!
(2)

Obgleich
Vogt
den Hauptstock seiner Kriegskasse
"aus dem französischen Futtertrog"
bezog, mag er allerdings nebenbei zur Maskierung des Futtertrogs ostensible Sammlungen von "einigen Franken" unter mehr oder minder demokratischen Freunden veranstaltet haben. So lösen sich einfach seine Widersprüche über Quelle, Quantität und Bildungsweise seiner Fonds.

Vogts Agentur beschränkte sich nicht auf "Studien", "Programm" und Werbebüro. Auf dem
Lausanner "Zentralfest"
verkündete er den deutschen Arbeitern in der Schweiz L. Bonapartes Mission zur Befreiung der Nationalitäten, natürlich von radikalerm Standpunkt als in den für den deutschen liberalen Philister bestimmten "Studien". Während er hier durch tiefe Durchdringung des Verhältnisses von "Stoff und Kraft" zur Überzeugung gelangt war, daß "an die Erschütterung und Auflösung der bestehenden Regierungen in Deutschland" nicht gedacht werden könne (p. VII,
"Studien"
, Vorrede), und dem "deutschen Bourgeois" (l.c. p. 128) namentlich zurief, "sich zu Herzen zu nehmen", daß die bonapartistische "Befreiung" Italiens "vor Revolution" in Deutschland schütze, belehrt er die deutschen Arbeiter umgekehrt, daß "Östreich der
einzige Haltpunkt
für die Fortdauer ihrer (der deutschen Fürsten) Existenz ist". (
"Centralfest etc."
, p. 11.)

"Ich habe euch eben gesagt", sagt er, "daß dem Auslande gegenüber kein Deutschland existiert, daß es erst geschaffen werden muß und meiner Überzeugung nach nur geschaffen werden kann
in Gestalt eines Bundes von Republiken
ähnlich demjenigen der schweizerischen Eidgenossenschaft." (l.c. p. 10.)

Dies sagte er am 26. Juni (1859), während er noch am 6. Juni, im Nachwort zur zweiten Auflage der "Studien", den Prinzregenten von Preußen <Wilhelm> anfleht, Deutschland durch Waffengewalt und einen dynastischen Bürgerkrieg dem Haus Hohenzollern zu unterwerfen. Monarchistische Zentralisation durch Waffengewalt ist natürlich der kürzeste Weg zu einer Föderativrepublik "ähnlich derjenigen der schweizerischen Eidgenossenschaft". Er entwickelt ferner die Theorie vom
"äußern Feind" -
Frankreich -, dem Deutschland sich gegen den
"innern Feind" -
Östreich - anschließen müsse.

"Wenn ich", rief er aus, die Wahl habe zwischen dem Teufel (Habsburg) und seiner Großmutter (L. Bonaparte),
so wähle ich die letztere
; denn sie ist ein altes Weib und wird sterben."

Diese direkte Aufforderung an Deutschland, unter dem Vorwand des Hasses gegen Östreich sich dem dezembristischen Frankreich in die Arme

zu werfen, schien ihm jedoch für das Lesepublikum zu kompromittierlich und wandelte er daher in der
gedruckten
Rede folgendermaßen um:

"Und wenn es sich darum handelt, in dem Streite zwischen dem Teufel und seiner Großmutter Partei zu ergreifen, so halten wir es für das Beste,
wenn beide untereinander sich totschlagen und sich auffressen
, indem uns damit die Mühe gespart ist." ("Centralfest etc.", p. 13.)

Während er endlich in den "Studien" L. Bonaparte als Bauern- und Soldatenkaiser aufs Schild hebt, erklärt er diesmal, einem Arbeiterpublikum gegenüber, daß

"
namentlich die Arbeiter in Paris in ihrer großen Mehrzahl
in dem gegenwärtigen Augenblicke für Louis Bonaparte"

gewonnen seien.

"Louis Bonaparte tue ", in der Meinung der französischen Arbeiter, "alles, was die Republik habe tun sollen,
indem er den Proletariern Arbeit gehe, die Bourgeois ruiniere usw
." ("
Centralfest
etc.", p. 9.)

Also Louis Bonaparte
Arbeiterdiktator
, und als Arbeiterdiktator den deutschen Arbeitern in der Schweiz von demselben
Vogt
angepriesen, der im "Hauptbuch" bei dem bloßen Worte "Arbeiterdiktatur" in bürgerlicher Entrüstung aufschäumt!

Das Pariser Programm, das den dezembristischen Agenten in der Schweiz ihren Organisationsplan mit Bezug auf die Annexation Savoyens vorschrieb, bestand aus drei Punkten: 1. Solange als möglich das Gerücht der drohenden Gefahr völlig ignorieren und im Notfall als östreichische Erfindung abfertigen; 2. in einem vorgerückteren Stadium die Ansicht verbreiten, daß Louis Bonaparte das neutralisierte Gebiet der Schweiz einverleiben wolle; und endlich 3., nach vollbrachter Annexation, letztere als Vorwand für die
Allianz der Schweiz mit Frankreich
, d.h. ihre freiwillige Unterwerfung unter das bonapartistische Protektorat, geltend machen. Wir werden nun sehn, wie treu der Herr und der Knecht,
James Fazy
und
Karl Vogt
, der Diktator von Genf und sein von ihm kreierter Genfer Ständerat, diesem Programm nachlebten.

Man weiß bereits, daß Vogt in den "Studien" jede entfernteste Anspielung auf die Idee vermied, wofür sein Schicksalsmensch in den Krieg zog. Dasselbe Schweigen auf dem Zentralfest zu Lausanne, im Nationalrat, bei der Schiller- und Robert-Blum-Feier, im Bieler Commis voyageur, endlich im "Hauptbuch". Und dennoch war die "Idee" sogar ältern Datums als die Verschwörung von
Plombières
. Schon im
Dezember 1851
, einige Tage nach dem Staatsstreich, las man im
"Patriote savoisien"
:

"Man verteilt sich bereits die Beamtenstellen Savoyens in den Antichambres des Elysées. Seine Journale machen sich hierüber sogar sehr angenehm lustig."
(3)

Am 6,. Dezember 1851 sah Herr Fazy Genf bereits dem Dezemberreich verfallen.
(4)

Am 1. Juli 1859 hatte
Stämpfli
, damals Bundespräsident, eine Unterredung mit Captain Harris, englischem Geschäftsführer zu Bern. Er wiederholte seine Befürchtung, daß für den Fall einer Ausdehnung der sardinischen Herrschaft in Italien die Annexation Savoyens an Frankreich beschlossen sei, und hob hervor, daß die Annexation, namentlich Nordsavoyens, eine Flanke der Schweiz vollständig
preisgebe
und den Verlust Genfs bald nachziehn werde. (Siehe das erste Blue Book, "On the proposed annexation of Savoy and Nice", No. I.) Harris berichtete an Malmesbury, der seinerseits den Lord Cowley zu Paris beauftragte, von Walewski Aufschlüsse über die Absichten des Kaisers zu verlangen. Walewski leugnete keineswegs, daß

"die Annexationsfrage mehr als einmal zwischen Frankreich und Sardinien verhandelt worden sei und daß der Kaiser die Idee hege, falls Sardinien sich zu einem italischen Konigtume erweitre, sei es nicht unvernünftig zu erwarten, daß es andrerseits territoriale Konzessionen an Frankreich mache". (No. IV, l.c.)

Walewskis Antwort datiert vom 4. Juli 1859, ging also dem Friedensschluß von Villafranca vorher. Im August 1859 erschien zu Paris Petétins Pamphlet, worin Europa auf die Annexation Savoyens vorbereitet ward.
In demselben August
, nach der Sommersitzung der Schweizer Nationalversammlung, kroch Herr Vogt nach Paris, um dort Instruktionen von Plon-Plon einzuholen. Um von der Fährte abzulenken, ließ er durch seine Mitstrolche, Ranickel und Konsorten, zu Genf das Gerücht verbreiten, er sei nach einem Kurort am Vierwaldstätter See verreist.

"ze Parîs lebt er mangen tac,

vil kleiner wîsheit er enpflac,

sîn zerung was unmâzen grôz; ...

ist ër ein esel und ein gouch,

daz sëlb ist ër zuo Pârîs ouch."

<"Lebt' er in Paris so manchen Tag,

am Klügerwerden ihm nicht viel lag,

er fraß gar über alles Maß...

Wenn er ein Bock ist oder Gauch,

so ist er in Paris es auch.">

Im September 1859 sah der Schweizer Bundesrat die Gefahr der Annexation näherrücken (l.c., No. VI), am 12. November beschloß er, ein Memorandum in diesem Sinn an die Großmächte zu richten, und am 18. November übermachten Präsident Stämpfli und Kanzler Schieß eine offizielle Note dem englischen Geschäftsträger zu Bern. (l.c., No. IX.)
James Fazy
, im Oktober zurückgekehrt von seiner verunglückten Reise nach Toskana, wo er vergeblich für Plon-Plons etrurisches Königreich gewirkt hatte, trat nun in seiner gewohnten affektiert jähzornigen, zankend geräuschvollen Weise den Annexationsgerüchten entgegen: In Frankreich wie in Sardinien träume niemand von dem Anschluß. In demselben Maße, wie die Gefahr näherrückte, steigerte sich das Vertrauen der "Revue de Genève", deren Napoleonidenkultus im November und Dezember 1859 (s. z.B. den oben zitierten Plon-Plon-Artikel) korybantisch tobte.

Mit dem Jahr 1860 treten wir in die zweite Phase des Annexationshandels. Ignorieren und Ableugnen lagen nicht länger im dezembristischen Interesse. Es galt nun vielmehr, die Schweiz für die Annexation zu kirren und in eine falsche Stellung hineinzuschwindeln. Der zweite Punkt des Tuilerien-Programms war auszuführen, also das Stichwort der beabsichtigten Verschenkung des neutralen Gebiets an die Schweiz möglichst laut anzuschlagen. Die Schweizer Dezembristen wurden in diesem Geschäft natürlich durch gleichzeitige Manöver zu Paris unterstützt. So erklärte
Baroche
, Minister des Innern, Anfang Januar 1860 dem Schweizer Gesandten
Dr. Kern
, daß,

"wenn ein Besitzwechsel Savoyens eintrete, der Schweiz gleichzeitig, gemäß den Verträgen von 1815, eine gute Verteidigungslinie abgetreten werden solle". (Siehe das zitierte Blue Book No. XIII.)

Noch am 2. Februar 1860, an demselben Tag als
Thouvenel
dem englischen Gesandten Lord Cowley die Annexation Savoyens und Nizzas "als Möglichkeit" anzeigte, erklärte er ihm zugleich,

"die französische Regierung betrachte es als selbstredend, daß unter solchen Umständen die Distrikte von Chablais und Faucigny
für immer
der Schweiz einverleibt würden". (l.c., No. XXVII.)

Die Verbreitung dieser Illusion sollte die Schweiz nicht nur für die Annexation Savoyens an das Dezemberreich kirren, sondern ihrem spätern Protest gegen die Annexation die Spitze abbrechen und sie vor Europa als Mitschuldigen, wenn auch geprellten Mitschuldigen, des Dezember kompromittieren.
Frey-Hérosé
, seit 1860 Bundespräsident, fiel nicht in die Schlinge, erklärte dem Captain Harris vielmehr sein Bedenken über die angeblichen Vorteile der Einverleibung des neutralisierten Gebiets in die Schweiz.
Harris
seinerseits warnte die eidgenössische Regierung vor der bonapartistischen Intrige, damit

"die Schweiz nicht auch als eine Macht erscheine, die Annexationsgelüste hege und nach Gebietsausdehnung strebe". (l.c., No. XV.)

Dagegen schreibt
Sir James Hudson
, der englische Gesandte in Turin, nach einer längern Unterredung mit
Cavour
, an Lord John Russell: "

"Ich habe gute Gründe zu glauben, daß die Schweiz ebenfalls gierig danach strebt, einen Teil des savoyischen Gebiets zu annexieren. Folglich muß man sich keine Illusion darüber machen, daß, wenn Frankreich für seine Annexationsgelüste getadelt wird, die Schweiz nicht minder schuldig ist ... Da diese Frage durch diesen doppelten Angriff derart kompliziert wird, ist die Haltung Sardiniens eher zu entschuldigen." (l.c., No. XXXIV.)

Endlich, sobald Louis Bonaparte die Maske wegwarf, verriet auch Thouvenel ganz ungeniert das Geheimnis des Stichworts von der Schweizer Annexation des neutralen Gebiets. In einer Depesche an den französischen Gesandtschaftsträger zu Bern verhöhnt er offen den Protest der Schweiz gegen die Annexation Savoyens an Frankreich, und womit? Mit dem der Schweiz von Paris aus aufoktroyierten "Plan für die
Teilung
Savoyens". (Siehe Thouvenels Depesche vom 17. März 1860.)

Und wie hatten unterdes die Schweizer Agenten des Dezember an dem Truggewebe mitgewirkt?

James Fazy
ist der erste, der im Januar 1860 dem englischen Geschäftsführer zu Bern die Annexation von Chablais und Faucigny an die Schweiz, nicht als Versprechen Louis Bonapartes, sondern als den eignen Wunsch der Schweiz und der Bewohner der neutralisierten Distrikte darstellt. (l.c., No.XXIII.)
Vogt
, der bisher die Möglichkeit der Annexation Savoyens an Frankreich nie geahnt hatte, wird plötzlich von prophetischem Geist erfüllt, und die
"Times"
, die seit ihrer Gründung nie den Namen Vogt genannt, meldet plötzlich in einer Korrespondenz, d.d. 30. Januar:

"Der Schweizer Professor Vogt behauptet zu wissen, daß Frankreich der Schweiz Faucigny, Chablais und das Genevois, die neutralen Gebiete Savoyens, verschaffen

will, falls der Bundesrat der Republik Frankreich den freien Gebrauch des Simplon einräume." (
"Times"
, 3, Februar 1860.)

Noch mehr! Ende Januar 1860 versichert James Fazy dem englischen Geschäftsführer zu Bern, Cavour, mit dem er vor kaum zwei Monaten eine lange Unterredung zu Genf gepflogen, sei Gift und Galle gegen jede Zession an Frankreich. (S. das zitierte Blue Book No. XXXIII.) Während so Fazy den Cavour England gegenüber verbürgt, entschuldigt sich Cavour England gegenüber mit den Annexationsgelüsten desselben Fazy. (l.c., No. XXXIII.) Und
Tourte
endlich, der Schweizer Gesandte in Turin, läuft noch am 9. Febr. 1860 eigens zum englischen Gesandten Hudson, um ihm zu beteuern, daß

"kein Übereinkommen zwischen Sardinien und Frankreich wegen der Zession Savoyens an Frankreich existiere und daß Sardinien nicht im entferntesten geneigt sei, Savoyen an Frankreich auszutauschen oder abzutreten". (l.c.)

Der Augenblick der Entscheidung rückte näher. Die Pariser
"Patrie"
vom 25. Januar 1860 bereitete auf die Annexation Savoyens vor in einem Artikel, betitelt
"Les vœux de la Savoie"
. In einem andern Artikel vom 27. Januar,
"Le comté de Nice"
, warf sie der Annexation Nizzas ihren dezembristisch-stilistischen Schatten vorher. Am 2. Februar 1860 kündigte Thouvenel dem englischen Gesandten Cowley die Annexation Savoyens und Nizzas als schon vor dem Krieg zwischen Frankreich und Sardinien vereinbarte "Möglichkeit" an. Eine offizielle Note über Frankreichs
wirklichen
Entschluß, Savoyen und Nizza einzuverleiben, wurde dem Lord Cowley jedoch erst am 5. Februar (s. die Rede Lord Cowleys im Oberhaus vom 23. April 1860) und dem Dr. Kern erst am 6. Februar mitgeteilt - beiden, dem englischen und dem Schweizer Gesandten, unter der ausdrücklichen Erklärung, das neutralisierte Gebiet solle der Schweiz einverleibt werden.
Vor
diesen offiziellen Eröffnungen wurde
James Fazy
von den Tuilerien aus unterrichtet, daß Sardinien durch geheimen Vertrag Savoyen und Nizza bereits an Frankreich abgetreten habe und daß der Vertrag
keine Klausel zugunsten der Schweiz
enthalte.
Vor
den offiziellen Erklärungen Thouvenels an Lord Cowley und Dr. Kern sollte
Fazy
seinen Genfer Untertanen die kaiserliche Pille eingeben und verzuckern. Am
3. Februar
ließ er daher durch sein blind ergebnes Werkzeug
John Perrier
im Lokal des Club populaire zu Genf ein Volksmeeting veranstalten, wozu er sich scheinbar zufällig einfand unter dem Vorwand,

"er habe soeben gehört (je viens d'entendre), man beschäftige sich mit den Verträgen, die Frankreich und Sardinien etwa über die Zession Savoyens abgeschlossen haben

möchten. Leider sei ein solcher Vertrag am 27. Januar von der sardinischen Regierung unterzeichnet worden; aber aus dieser positiven
Tatsache
dürfen wir noch nicht schließen, daß unsre Sicherheit wirklich bedroht ist ... Der Vertrag enthält zwar keinen geschriebenen Vorbehalt zugunsten unsrer Rechte auf das neutralisierte sardinische Gebiet; aber wir wissen nicht, ob in dem Gedanken der Kontrahenten nicht ein Vorbehalt in diesem Sinne existiert ... Er mag als sich von selbst verstehend einbegriffen sein (sous-entendu comme allant de soi) ... Wir müssen nur nicht vorzeitig einen Geist des Mißtrauens zeigen ... Wir müssen uns auf die Sympathie" (mit dem Staatsstreich-Kaisertum) "berufen ... und uns jeden feindseligen Worts enthalten".

(S. Fazys "vertrauensvolle" Rede, in ihrer Art ein demagogisches Meisterstück, in der
"Revue de Genève"
vom 3. Februar 1860.) Der englische Geschäftsträger zu Bern fand Fazys prophetische Wissenschaft auffallend genug, um Lord John Russell durch eine eigne Depesche davon in Kenntnis zu setzen.

Der
offizielle
Vertrag über die Abtretung Savoyens und Nizzas an Frankreich sollte am 24. März 1860 abgeschlossen werden. Es war also keine Zeit zu verlieren. Der Schweizer Patriotismus der Genfer Dezembristen mußte offiziell konstatiert werden, bevor die Annexation Savoyens offiziell proklamiert war. Signor
Vogt
reiste daher in Begleitung des Generals
Klapka
, der de bonne foi <guten Glaubens> sein mochte, Anfang März nach Paris, um
seinen
Einfluß auf die Egeria des Palais Royal, das verkannte Genie Plon-Plon, spielen zu lassen und vor den Augen der ganzen Schweiz
sein persönliches Gewicht
zugunsten der Annexation des neutralisierten Gebiets an die Schweiz in die Waagschale zu werfen. Von der lukullischen Tafel Plon-Plons - in der Gastronomie wetteifert Plon-Plon bekanntlich mit Lucullus und Cambacérès, so daß selbst Brillat-Savarin, erstände er vom Tode, Plon-Plons
Genie, Nationalökonomie, liberale Ideen, Feldherrntalent
und
persönliche Tapferkeit
auf diesem Gebiet anstaunen würde - von der lukullischen Tafel Plon-Plons, in die er als "angenehmer Gesellschafter" tapfer einhieb, forderte Falstaff-Vogt nun die Schweizer zur Tapferkeit auf. (S. seinen Pariser Schreibebrief im Bieler "Commis voyageur" vom
8. März 1860
, Beilage.) Die Schweiz solle zeigen, daß

"ihre Milizen auch nicht
bloß

zum Paradieren und Soldatenspielen da sind". Die "Abtretung des neutralisierten Gebiets an die Schweiz" sei eine Illusion. "Die Überlassung des Chablais und Faucigny an Frankreich sei ein erster Schritt, dem weitere folgen würden." "
Auf den zwei Stelzen, Nationalität und natürliche Grenzen
, kommt man vom Genfer See an die Aar und zuletzt an den Bodensee und den Rhein - wenn die Beine stark genug sind."

Aber - und dies ist die Pointe - aber Falstaff-Vogt
glaubt immer noch nicht
, was der französische Minister Thouvenel selbst schon einen Monat vorher offiziell verraten hatte, was ganz Europa jetzt wußte - daß die Abtretung Savoyens und Nizzas bereits im
August 1858 zu Plombières
als Kaufpreis für die französische Intervention gegen Östreich ausbedungen worden war. Sein "Schicksalsmensch" ist vielmehr soeben erst nur durch die Pfaffen wider seinen Willen dem Chauvinismus in die Arme getrieben und zur Konfiskation des neutralisierten Gebiets genotzüchtigt worden.

"Offenbar", stottert der verlegne Apologet, "offenbar hat man in den leitenden Kreisen ein Gegengewicht gegen die
stets wachsende klerikale Bewegung
gesucht und glaubt dasselbe nun in dem s.g. Chauvinismus zu finden - in jenem borniertesten Nationalsinn, der nichts kennt als die Erwerbung
eines

Stückchens
(!) Landes."

Nachdem Vogt, von den Dämpfen der Plon-Plonistischen Garküche berauscht, so tapfer im Bieler "Commis voyageur" gewirtschaftet, fabelte er nun nach seiner Rückkehr von Paris durch dasselbe Sprachrohr von der absoluten Franzosenfreundlichkeit der Nizzarden und geriet so in unangenehmen Konflikt mit
Vegeszi-Ruscalla
, einem der Zentralvorsteher des italienischen Nationalvereins und Verfasser der Broschüre
"La Nazionalità di Nizza"
. Und als derselbe Held, der von Plon-Plons Tafel aus den Winkelried gespielt, nun in dem Nationalrat zu Bern das Wort ergriff, wandelte sich der kriegerische Trompetenstoß in einen diplomatischen Flötenpfiff, der ruhige Fortsetzung der Unterhandlungen mit
dem von jeher schweizerfreundlichen Kaiser
anempfahl und besonders nachdrücklich vor einer
Allianz mit dem Osten
warnte.
Frey-Héroé
, der Bundespräsident, ließ einige sonderbare Anspielungen auf
Vogt
fallen, dem dagegen die Genugtuung ward, seine Rede vom
"Nouvelliste Vaudois"
gepriesen zu sehn. Der
"Nouvelliste Vaudois"
ist das Organ der Herren Blanchenay, Delarageaz und der übrigen Waadtländer Staatsmagnaten, mit einem Worte der Schweizer Westbahn, ganz wie die
"Neue Zürcher Zeitung"
das Organ des Zürcher Bonapartismus und der Nordostbahn ist." Zur Charakteristik der Patrone des
"Nouvelliste Vaudois"
genüge die Bemerkung, daß bei Gelegenheit des bekannten Oronbahnstreits fünf Waadtländer Regierungsräte von der gegnerischen Presse wiederholt und ungestraft bezüchtigt wurden, jeder von ihnen habe vom Pariser
Crédit Mobilier
- dem Hauptaktionär der Schweizer Westbahn - je 10.000 Frs. an Aktien (20 Stück) zum Geschenk erhalten.

Wenige Tage, nachdem
Vogt
in Begleitung Klapkas zur Egeria des Palais Royal abgereist war, reiste
James Fazy
, begleitet von
John Perrier
, zur Sphinx der Tuilerien. Louis Bonaparte gefällt sich bekanntlich in der Rolle der

Sphinx und besoldet seine eignen Ödipusse, wie frühere Könige von Frankreich ihre eignen Hofnarren besoldeten.
Fazy
warf sich in den Tuilerien zwischen die Schweiz und die Sphinx.
John Perrier
, wie gesagt, war sein Reisebegleiter. Dieser John ist der Schatten seines James, tut alles was dieser will, nichts was dieser nicht will, lebt durch ihn und für ihn, ist durch ihn Genfer Großrat geworden, präpariert alle Feste und Toaste für ihn, sein Leporello und sein Fialin. Beide kehrten nach Genf zurück, unverrichtetersache, soweit die Lage der Schweiz, mit überraschendem Erfolg, soweit Fazys eigene Stellung bedroht war. Fazy donnerte öffentlich, daß ihm nun die Schuppen von den Augen gefallen und er künftig den Louis Bonaparte ganz so hassen werde, wie er ihn bisher geliebt habe. Sonderbare Liebe, diese neunjährige Liebe des Republikaners Fazy für den Mörder zweier Republiken! Fazy spielte den enttäuschten Patrioten mit solcher Virtuosität, daß ganz Genf in Fazy-Enthusiasmus schwamm und der Verlust der Fazyschen Illusionen fast noch tiefer empfunden ward als der Verlust der neutralisierten Provinzen. Selbst Theodore de Saussure, sein vieljähriger Gegner, der Chef der aristokratischen Oppositionspartei, gestand die Unmöglichkeit, länger am Schweizer Patriotismus des James Fazy zu zweifeln.

Nach Entgegennahme der so wohlverdienten Volksovationen eilte der Tyrann von Genf zum Nationalrat in Bern. Kurz nach seiner Abreise unternahm sein Getreuer, sein Pariser Reisegefährte, kurz sein eigner
John Perrier
, eine Argonautenfahrt ganz eigner Art. Eine Bande von Genfer Trunkenbolden (so wurden sie wenigstens in der
London "Times"
bezeichnet), auserkiest aus der Gesellschaft der
"Fruitiers"
, Fazys demokratischer Leibgarde, segelte unter
Perriers
Leitung waffenlos nach
Thonon
, um auf diesem Punkte des neutralisierten Gebiets eine
antifranzösische
Demonstration zu machen. Worin diese Demonstration bestand oder bestehn sollte, ob die Argonauten ein goldnes Fell zu erobern oder ihr eignes Fell zu Markt zu tragen, kann bis zu diesem Augenblick niemand sagen, da kein Orpheus Perriers Argonautenfahrt begleitet und kein Apollonius sie besungen hat. Es handelt sich, scheint es, um eine Art symbolischer Besitzergreifung des neutralisierten Gebiets durch die von
John Perrier
und seiner Bande repräsentierte Schweiz. Die wirkliche Schweiz bekam nun jedenfalls die Hände so vollauf zu tun mit Entschuldigungsdiplomatie und Loyalitätserklärungen und Indignationsbezeigungen von wegen
John Perriers
symbolischer Besitzergreifung Thonons, daß Louis Bonaparte in der Tat noch großmütig erschien, als er sich nur mit der wirklichen Besetzung Thonons und des übrigen neutralisierten Gebiets begnügte.

John Perrier
, in dessen Taschen sich einige 1.000 Frs. vorfanden, wurde zu Genf verhaftet. Der Vizestaatskanzler und Redakteur der
"Revue de Genève"
, Herr
Ducommun
, ein junger Mann ohne Privatvermögen und in beiden vorgenannten Stellungen vom Staatsratspräsidenten und Revuebesitzer James
Fazy
abhängig, wurde auf Perriers Aussage ebenfalls verhaftet. Er gestand, dem Perrier das Geld gegeben zu haben, das einer zur Errichtung eines Freikorps errichteten Kasse entnommen sei - einer Kasse, deren Existenz bisher den Genfer Radikalen unbekannt geblieben war. Die gerichtliche Untersuchung endete mit der Entlassung, erst Ducommuns, dann Perriers.

Am 24. März wurden Nizza und Savoyen samt dem neutralisierten Gebiet von Viktor Emanuel offiziell an Bonaparte abgetreten. Am 29./30. März unternahm der von Paris mit
Fazy
nach Genf zurückgekehrte
John Perrier
seine Argonautenfahrt, eine burleske Demonstration, die grade im entscheidenden Augenblick jede ernsthafte Demonstration vereitelte.
James Fazy
versicherte zu Bern, daß "er um den Vorfall durchaus nichts wisse"
(5)
.
Laity
renommierte im exneutralen Gebiet, hätten die Schweizer dort tatsächlich zugegriffen, so würde sein Kaiser sofort 3 Divisionen in Genf haben einrücken lassen.
Vogt
endlich war dem Geheimnis der Argonautenfahrt wildfremd,
denn
wenige Tage bevor sie stattfand,
denunzierte er der Genfer Polizei
prophylaktisch eine von Genf aus an der savoy'schen Grenze herbeizuführende Kollision - jedoch mit falscher Spürung. Es liegt mir hierüber

der Brief eines in Genf lebenden Flüchtlings, früher mit Vogt befreundet, an einen zu London lebenden Flüchtling vor. Darin heißt es u.a.:

"
Vogt
verbreitete, ich kugle unaufhörlich zwischen der Westschweiz und Savoyen umher, um eine Revolution zum Nachteil der Schweiz und zugunsten schweizerfeindlicher Mächte anzuzetteln. Dies war nur einige Tage vor dem Attentat
Perriers
, um das Vogt sicherlich wußte, ich aber so wenig als Sie. Offenbar suchte er die Spur auf mich zu lenken und mich zu verderben. Glücklicherweise
denunzierte er mich auch dem Polizeidirektor Duy
, der mich rufen ließ und nicht wenig überrascht wurde, als ich ihn gleich bei der ersten Anfrage lachend unterbrach: 'Aha! Die bekannte Vogtsche Intrige!' Er ließ sich nun Näheres über mein Verhältnis zu
Vogt
mitteilen. Meine Aussage wurde gleichzeitig unterstützt von einem Regierungssekretär, Mitglied der Helvetia, welcher des andern Tags nach Bern zur Zentralversammlung reiste und hier dem Bruder Vogts mißfällige Äußerungen über das Gebaren Karls machte, worauf Gustav lakonisch erwiderte: Er habe schon längst aus dessen Briefen gemerkt, wie es mit seiner Politik stehe."

Wenn zuerst Schweigen und Ableugnen und Vertrauenspredigt in Louis Bonaparte der Schweiz die Gefahr aus den Augen rücken, wenn das spätere Geschrei über die beabsichtigte Einverleibung von Faucigny, Chablais und des Genevois in die Schweiz die Annexation Savoyens an Frankreich popularisieren, endlich die Burleske von Thonon jeden ernsten Widerstand brechen sollte, mußten, dem Pariser Programm gemäß, die nun wirklich erfolgte Annexation und die unleugbar gewordene Gefahr selbst in letzter Instanz als Motive für die freiwillige Waffenstreckung der Schweiz,
d.h. ihre Allianz mit dem Dezemberreiche
geltend gemacht werden.

Die Aufgabe war so delikat, daß nur James
Fazy
selbst ihre Lösung einleiten konnte. Sein Diener
Vogt
durfte vor einer
Allianz mit dem Osten
warnen, aber nur Fazy selbst konnte eine
Allianz mit dem Westen
bevorworten. Er deutete die Notwendigkeit derselben zuerst an in der "Revue de Genève". Am
18. April 1860
zirkulierte zu Genf ein Auszug aus einem Londoner Brief, worin es u.a. hieß:

"Empfehlen Sie unsern einflußreichen Mitbürgern, gegen die Ratschläge
J. Fazys
auf der Hut zu sein, welche derselbe der Schweiz geben könnte,
ihre Neutralität aufzugeben
. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Rat von der
französischen Regierung
selbst ausgeht, deren dienstfertiger Agent
James Fazy
bis auf diesen Tag gewesen ist ... Er nimmt jetzt die Haltung eines guten Schweizers an, der den Absichten Frankreichs entgegenarbeitet, aber eine stets gut unterrichtete Person versichert mich, daß dies eine Schlinge ist. Sobald die Schweiz erklärt haben wird, daß sie nicht mehr
neutral
bleiben wolle noch könne, wird die französische Regierung davon Akt nehmen und sie zu einer Allianz wie zur Zeit des ersten Kaisertums zwingen."

Fazy
ließ darauf in der "Revue de Genève" erwidern:

"An dem Tage, wo Savoyen mit Frankreich vereinigt sein wird, hört die Neutralität der Schweiz von selbst auf, und ein solcher Rat Fazys wäre somit überflüssig."

Drei Monate später, am
10. Juli
, hielt James
Fazy
eine Rede im Schweizer Nationalrat, die

"unter Fluchen und Toben, mit geballter Faust gegen die bonapartistischen Geldmänner und Bundesbarone - er denunzierte sie als
le gouvernement souterrain
<
unterirdische Regierung
>
-
ins bonapartistische Lager marschierte". <So in der Erstausgabe>

Die Zürcher-Waadtländische, offiziell-französische Partei, obgleich scheinbar am gröbsten angegriffen, ließ ihn daher ruhig poltern.

"Europa,
besonders Deutschland
, habe die Schweiz verlassen. Die
Neutralität ist dadurch unmöglich geworden; die Schweiz muß
Allianzen
suchen
, aber wo?"

Der alte Demagog murmelt dann etwas

"vom nahen, nahverwandten Frankreich, welches sein Unrecht einmal einsehn und wiedergutmachen werde und vielleicht auch noch Republik werden könne usw. Aber die Geldmänner und Bundesbarone, die sich überlebt haben, dürfen
die neue Politik

nicht inaugurieren, die Helvetia, das Volk muß es tun: Wartet nur, die nächsten Wahlen werden euch Mores lehren. Die eidgenössischen Truppen sind in Genf äußerst willkommen. Soll jedoch ihre Anwesenheit den geringsten Zweifel in das gegenwärtige Genfer Regiment ausdrücken, dann fort damit. Genf hilft und schützt sich selbst."

Am
10. Juli
also führte
James Fasy
in dem Nationalrat aus, was er in der "Revue de Genève" vom
18. April
angedeutet hatte -
"die neue Politik", Allianz der Schweiz mit Frankreich
, d.h. Annexation der Schweiz an den Dezember. Wohlunterrichtete Schweizer hielten dies Lüften der antibonapartistischen Maske, die Fazy seit seiner Rückkehr von den Tuilerien trug, für verfrüht. Indes besitzt grade Fazy eine fast an Palmerston erinnernde Virtuosität in der Kunst der berechneten Indiskretion.

Die anrüchigsten Repräsentanten des "gouvernement souterrain" beantragten bekanntlich im Nationalrat ein Tadelsvotum gegen
Stämpfli
, weil er als Bundespräsident die Situation begriffen und einen Augenblick den richtigen Entschluß gefaßt hatte, das neutralisierte Gebiet durch eidgenössische Truppen gegen französische Verletzung zu sichern. Das Tadelsvotum ward mit ungeheurer Stimmenmajorität verworfen, aber
Vogts
Stimme fehlte.

"Sehr charakteristisch", schrieb man mir damals aus der Schweiz, "für
Karl Vogt
ist dessen Fehlen bei der Verhandlung im schweizerischen Ständerat, betreffend das Tadelsvotum gegen den Bundespräsidenten
Stämpfli
. Als Vertreter des von Bonaparte bedrohten Kantons Genf mußte Vogt notgedrungen für dessen energischen Verteidiger Stämpfli stimmen. Außerdem ist er demselben persönlich befreundet und zum Dank verpflichtet. Der Vater Vogts und zwei Brüder desselben verdienen ihr Brot als Angestellte des Kantons Bern; einem dritten Bruder hat Stämpfli erst unlängst zum einträglichen Posten eines eidgenössischen Oberstatistikers verholfen. Folglich war es nicht wohl möglich, bei einer Abstimmung mit Namensaufruf gegen den Freund, Wohltäter und Volksmann aufzutreten. Dagegen konnte der Plon-Plonist noch weniger öffentlich eine Politik gutheißen, welche die Aggressionen des Bonapartismus auf Tod und Leben bekämpft. Darum Ausreißen und Kopfverstecken, wobei jedoch der breite Hintern sichtbar bleibt und Schläge kriegt, das gewöhnliche Stratagem und die irdische Bestimmung des modernen Falstaff."

Das von den Tuilerien ausgeteilte, von
James Fazy
in der
"Revue de Genève"
, von seinem Diener
Vogt
im Bieler "Commis voyageur", in den "Studien", im "Hauptbuch" usw. so laut wiederholte Stichwort des
"Östreichertums"
schlug endlich auf die Schweiz selbst zurück. Ungefähr Mitte April erschien an allen Wällen Mailands ein Plakat:
"Streit zwischen Napoleon und der Schweiz".
Es hieß darin:

"Savoyen schien der Schweiz ein appetitlicher Brocken zu sein, und sie beeilte sich,
von Östreich gestachelt
, in einer Sache den Plänen Napoleons III. in den Weg zu treten, die nur eine Sache Italiens und Frankreichs ist ... England und die nordischen Großmächte,
Östreich ausgenommen
, widersetzen sich der Einverleibung Savoyens nicht im geringsten,
nur die Schweiz, gehetzt von Östreich
, welches in allen verbündeten Staaten Sardiniens Unruhe und Aufruhr zu stiften trachtet, legte einzig ihr Veto ein ...
Die Schweiz
ist ein
anormaler Staat
, der dem
Andrang
des
großen Nationalitätsprinzips
nicht lange widerstehn kann. Deutsche, Franzosen, Italiener sind nicht fähig, sich den nämlichen Gesetzen zu fügen, Wenn die Schweiz dies weiß, so denke sie daran, daß im Kanton Tessin die Sprache der Foscolo und Ciusti gesprochen wird, so vergesse sie nicht, daß ein großer Teil von ihr der großen und großmütigen Nation angehört, welche sich
Franzosen
nennt."

Die Schweiz, scheint es, ist überhaupt eine
östreichische
Erfindung.

Während
Vogt
selbst so eifrig bemüht war, die
Schweiz
aus den Klauen
Östreichs
zu retten, betraute er einen seiner treutesten Mitstrolche, den schwatzschweifigen Schwaben
Karl Mayer aus Eßlingen
, Rumpfparlamentler, Gerngroß, dermalen Besitzer einer Bijouterie-Fabrik, mit der Rettung
Deutschlands
. Bei der Fahnenweihe des Neuenburger deutschen Arbeitervereins, gefeiert in der Krone zu St. Blaise, forderte der Festredner, Rumpfparlamentler und Bijoutier
Karl Mayer aus Eßlingen
, Deutschland auf,

"die Franzosen nur über den Rhein zu lassen, weil es sonst niemals in Deutschland besser werden könne".

Zwei Deputierte des Genfer Arbeitervereins, nach Neujahr (1860) von der Fahnenweihe zurückkehrend, berichteten diesen Vorfall. Nachdem ihr Bericht durch die Deputierten mehrerer andrer westschweizerischer Vereine bestätigt worden, erließ der Genfer Vorort ein Rundschreiben zur allgemeinen Warnung gegen bonapartistische Umtriebe unter den deutschen Arbeitern in der Schweiz.

"Nach einer Erinnerung" - ich zitiere aus einer mir vorliegenden Denkschrift - "an das Erste Kaiserreich, wo auch schon einzelne Deutsche die napoleonische Weltherrschaft zu fördern suchten, in der guten Meinung, der Koloß werde den Sturz seines Trägers nicht überleben und dann werde unter den auseinanderfallenden Provinzen des Frankenreiches doch wenigstens auch ein einheitliches Deutschland sein, welches sodann die Freiheit um so leichter erringen könne: wurde es eine politische Quacksalberei genannt, einem lebenden Körper alles Blut abzuzapfen, um es auf das tolle Wunder ankommen zu lassen, daß ihm wieder gesunderes Blut nachwachse; außerdem wurde getadelt, einem großen Volk die Kraft der Selbsthilfe, das Recht der Selbstbestimmung gradezu abzusprechen, endlich wurde bemerkt, der erwartete Messias Deutschlands habe ja eben erst in Italien gezeigt, was
er
unter Nationalitätsbefreiung verstehe usw. usw. Das Rundschreiben wandte sich, wie es sagte, nur an solche Deutsche, welche zu gutem Zwecke das unrechte Mittel wählten, lehnte es dagegen ab, sich einzulassen mit
gekauften Publizisten
und
ehrgeizigen Cidevants
."

Gleichzeitig geißelten die
"Aargauer Nachrichten", Organ der Helvetia

"die Logik, man müsse den Igel in die Maulwurfshöhle lassen, um ihn besser packen und wieder herauswerfen zu können, nach welcher saubern Logik man eben auch die Ephialtesse gewahren lassen müsse, damit Leonidasse entstehen könnten.
Ein gewisser Professor
sei der auf den Kopf gestellte Herzog Ulrich von Württemberg, der die Heimkehr aus dem Exil vermittelst des Bundschuhes versuchte, nachdem der Reiterstiefel nichts mehr von ihm wissen wollte;
derselbige Professor
aber habe es mit dem Schuh verdorben und binde deshalb mit dem Stiefel an usw."

Die Wichtigkeit dieser Denunziation gegen den Herrn Professor Vogt bestand darin, daß sie in einem Organ der Helvetia erschien. Zum Ersatz gleichsam fand er desto günstigere Aufnahme in der
"Espérance"
, ein Journal, das 1859 zu Genf in großem Format und mit großem Kostenaufwand von der französischen Staatskasse gestiftet ward. Es war die Aufgabe der
"Espérance"
, die Annexation Savoyens und der Rheinlande im besondren, Louis Bonapartes messianischen Nationalitätsbefreiungsberuf im allgemeinen zu predigen. Es ist in ganz Genf bekannt, daß Vogt ein habitué

auf dem Redaktionsbüro der
"Espérance"
und einer ihrer tätigsten Mitarbeiter war. Mir selbst sind Details zugegangen, die die Tatsache
außer Frage stellen
. Was
Vogt
in seinen "Studien" andeutet, was er durch seinen Mitstrolch, den schwatzschweifigen Schwaben, Rumpfparlamentler und Bijoutier
Karl Mayer aus Eßlingen
zu Neuenburg offen verkünden ließ, findet sich weiterentwickelt in der
"Espérance"
. So heißt es z.B. in ihrer Nummer vom
25. März 1860
:

"Wenn die einzige Hoffnung der deutschen Patrioten auf einen Krieg mit Frankreich gegründet ist, welchen Grund können sie haben, die Regierung jenes Landes schwächen und es an der Bildung seiner
natürlichen Grenzen
verhindern zu wollen? Oder wäre etwa das Volk in Deutschland weit entfernt, diesen Haß gegen Frankreich zu teilen?

Wie dem auch sei,
es gibt sehr aufrichtige deutsche Patrioten, und namentlich

unter den fortgeschrittensten deutschen Demokraten
" (namentlich der Reichs-Vogt, das Ranickel, Karl Mayer aus Eßlingen und tutti quanti),
die kein großes Unglück in dem Verlust des linken Rheinufers erblicken, die umgekehrt überzeugt sind, daß

nur nach diesem Verlust
das politische Leben Deutschlands beginnen wird
, eines wiedergebornen Deutschlands, gestützt auf die Allianz und aufgehend in die Zivilisation des europäischen Westens."
(6)

So genau von
Vogt
über die Ansichten der fortgeschrittensten deutschen Demokratie unterrichtet, erklärt die
"Espérance"
in einem Leitartikel vom 30. Mai,

"ein Plebiszit am linken Rheinufer werde bald zeigen, daß alles daselbst französisch gesinnt sei".

Der
"Postheiri"
, ein Schweizer Witzblatt, schüttete jetzt schlechte Späße auf die
"Espérance"
, den "siechen Gaul", der hinter den leichten Lorbeeren von Bacchus Plon-Plon nun auch noch "den schweren Ranzen" seines Silens in der Kruppe tragen müsse.

Mit welcher Präzision die dezembristischen Preßmanöver ausgeführt werden, ersieht man aus vorliegendem Fall. Am
30. Mai
ließ die
"Espérance"

zu Genf das linke Rheinufer durch Plebiszit dem Dezember verfallen; am
31. Mai
eröffnete Louis Jourdan im
"Siècle"
zu Paris die Rheinannexationslaufgräben, und
Anfang Juni
protzte der
"Propagateur du Nord et du Pas-de Calais"
sein grobes Geschütz auf Belgien ab. Kurz vor dem Genfer Mundstück hatte
Edmond About
in der
"Opinion nationale"
erklärt, die Vergrößerung Sardiniens habe den Kaiser gezwungen, "de prendre la Savoie ... c.-à.-d.
nous fermons notre porte
" <"Savoyen zu nehmen ... mit anderen Worten,
wir schließen unser Tor
">, und, fährt er fort, sollten die Unionsbestrebungen in Deutschland zu einer ähnlichen Vergrößerung Preußens führen, "alors nous aurions à veiller notre sûrete, à
prendre la rive gauche du Rhin,
c.-h.-d.
nous fermerions notre porte
" <dann hätten wir über unsere Sicherheit zu wachen, das
linke Rheinufer zu nehmen
, mit anderen Worten,
wir würden unser Tor schließen
">. Diesem leichtfertigen Torschließer folgte auf dem Fuße nach das schwerwandelnde Hornvieh, der AA-Korrespondent der
"Indépendance Belge"
, eine Art Joseph Prudhomme und Spezialpythia der in den Tuilerien angesiedelten "Providence". Die
"Espérance"
unterdes trieb ihre eigentümliche Begeisterung für
deutsche Einheit
und ihre entrüstete Denunziation der
Östreich
verfallnen deutschen Antidezembristen zu einer so schwindelnden Höhe, daß
James Fazy
, der gewisse diplomatische Rücksichten beobachten muß und zudem im Begriff stand, seine
"Revue de Genève"
in die
"Nation suisse"
zu verwandeln, mit großmütiger Herablassung durch die "Revue" zu erklären geruhte, man könne dem Bonapartismus entgegentreten, ohne ein Östreicher zu sein.

Karl Vogt, deutscher Dâ-Dâ, Inhaber eines dezembristischen Werbebüros für die deutsche Presse, Fazys Unteragent, "angenehmer Gesellschafter" im Palais Royal, Plon-Plons Falstaff, "Freund" Ranickels, Souffleur des Bieler "Commis voyageur", Mitarbeiter der
"Espérance"
, Protégé von Edmond About, Sänger der "Lausiade" - hatte indes noch eine Stufe tiefer zu sinken. Zu Paris, vor den Augen der Welt, in der
"Revue contemporaine"
, sollte er erscheinen Arm in Arm mit Monsieur
Edouard Simon
. Sehn wir einen Augenblick, was die
"Revue contemporaine"
und wer
Monsieur Edouard Simon
ist.

Die
"Revue contemporaine"
war ursprünglich die offizielle dezembristische Revue im scharfen Gegensatz zur
"Revue des deux Mondes"
, in welcher die eleganten Federn schrieben, die Leute des
"Journal
des
Débats"
, Orleanisten, Fusionisten, namentlich auch Professoren vom Collège de France und Membres de l'Institut. Da man letzteres offizielle Personal der
"Revue contemporaine"
nicht direkt zukommandieren konnte,

versuchte man es der
"Revue des deux Mondes"
abzukommandieren und so auf einem Umweg für die dezembristische "Revue" zu pressen. Der Coup hatte jedoch keinen rechten Erfolg. Die Eigentümer der "Revue contemporaine" fanden es sogar untulich, mit dem von Herrn
La Guéronnière
ihnen aufoktroyierten Redaktionskomitee Geschäfte zu machen. Da der Bauchredner der Tuilerien nun Mundstücke verschiedner Stimmung bedarf, ward die
"Revue contemporaine"
in die
offiziöse
Revue verwandelt, dagegen die
"Revue européenne"
mit
La Guéronnières
oktroyiertem Redaktionskomitee als
offizielle
Revue bestallt.

Nun zu Monsieur
Edouard Simon
, von Natur ein rheinpreußischer Jude namens
Eduard Simon
, der jedoch die komischsten Grimassen schneidet, um als Franzose von Fach zu gelten, nur daß sein Stil jeden Augenblick den ins Französische übersetzten rheinpreußischen Juden verrät. Kurz nach der Schillerfeier (November 1859) traf ich bei einem Londoner Bekannten einen jahrelang zu Paris ansässigen, höchst respektablen Kaufmann, der ausführlich über die Pariser Schillerfeier, Schillergesellschaften usw. berichtete. Ich unterbrach ihn mit der Frage, wie deutsche Gesellschaften und Versammlungen sich zu Paris mit der dezembristischen Polizei abfinden. Er antwortete mit humoristischem Schmunzeln:

"Natürlich keine Versammlung ohne Mouchard und kein Verein ohne Mouchard. Zur Vermeidung aller Weitläufigkeiten befolgen wir also ein für allemal die einfache Taktik - probatum est <das hat sich bewährt>-, einen
bekannten Mouchard
heranzuziehn und ihn gleich ins Komitee zu wählen. Und da haben wir stets für alle solche Falle wie gefunden unsern
Edouard Simon
. Sie wissen, daß
La Guéronnière
, früher Lakai von Lamartine und Tartinesfabrikant von Émile de Girardin, jetzt die Favoritin des Kaisers ist, sein Geheimstilist, zugleich Oberzensor der französischen Presse.
Edouard Simon
nun ist
La Guéronnière
Schoßhund und", fügte er hinzu mit einer sonderbaren Verschrumpfung der Nase, "und ein sehr übelriechender Köter ist er.
Edouard Simon,
was Sie ihm sicher nicht verdenken werden, wollte nicht arbeiten
pour le roi de Prusse
<
für den König von Preußen
; hier: für nichts und wieder nichts>
,
sondern fand, daß er durch seinen Anschluß an das dezembristische System sich selbst und der Zivilisation einen unberechenbaren Dienst erweise. Er ist ein Bursche von kleinem Geist und schmierigem Charakter, aber nicht schwach in einer gewissen Sphäre untergeordneter Intrige. La Guéronnière hat seinen
Edouard Simon
der
'Patrie'
als einen ihrer Leitartikler zukommandiert. Das bewies den Takt des Geheimstilisten. Der Besitzer, der 'Patrie', Bankier
Delamarre,
ist nämlich ein hochnäsiger, widerhaariger, bärenbeißiger Parvenü, der in seinem Büro niemand um sich duldet außer Kreaturen von entschieden serviler Schmiegsamkeit. Da war denn unser
Edouard Simon,
der trotz seines Rattengifts geschmeidig wie eine Angorakatze sein kann, so recht an seinem Platz. Die

'Patrie'
, wie Sie wissen, war zur Zeit der Republik eins der schamlosesten Organe der
Rue de Poitiers
. Sie zankt seit dem Dezember mit dem
'Pays'
und dem
'Constitutionnel'
um die Ehre, halboffizielles Organ der Tuilerien zu sein, und macht, seit das Signal gegeben ist, bedeutend in Annexationsfieber. Sie kennen ja die Bettler, die Fallsucht auf der Straße spielen, um dem Vorübergehenden einige Sous abzuschwindeln. Die
'Patrie'
genoß in der Tat die Ehre, die bevorstehende Annexation Savoyens und Nizzas zuerst anzeigen zu dürfen. Kaum war die Annexation erfolgt, als sie ihr Format vergrößerte, denn, wie Herr Delamarre naiv erklärte: 'La Savoie et le Comté

de Nice ayant été annexés à la France, la conséquence naturelle est
1'agrandissement de la Patrie'
<'Die Einverleibung Savoyens und der Grafschaft durch Frankreich hat zur natürlichen Folge eine
Vergrößerung des Vaterlandes
'>.

Wer erinnert sich dabei nicht des Witzwortes des Pariser Zynikers, der auf die Frage 'Qu'est-ce que la patrie?' <Was ist das Vaterland?'>

kurzweg antwortete: 'Journal du soir' <'Ein Abendblatt'>. Würden nun gar die Rheinprovinzen annexiert, welche Vergrößerung
der 'Patrie'
und ihres Formats und des salaire von
Edouard Simon
! In nationalökonomischer Hinsicht erkennt
die 'Patrie'
Frankreichs Heil in der Abschaffung des Tourniquet de la Bourse <der Börsenkurstafel>, wodurch die Geschäfte an der Börse und damit im ganzen Land sich wieder zur erwünschten Höhe emporschwindeln würden. Auch
Edouard Simon
schwärmt für die Abschaffung des Tourniquet de la Bourse. Unser
Edouard Simon
ist aber nicht nur Leitartikler der
'Patrie'
und Schoßhund La Guéronnière. Er ist der ergebenste Freund und Zuträger des neuen
Jerusalem,
alias der Polizeipräfektur, namentlich des Herrn
Palesirina
. Kurzum, meine Herrn", schloß der Erzähler, "ein Komitee mit Herrn
Edouard Simon
in seinem Schoße steht dadurch allein im vollkommensten
polizeilichen Geruch
."

Und Herr... lachte so sonderbar schrill auf, als ob die
odeur de mauvais lieu
<
der Geruch des verrufenen Ortes
> und
Monsieur Edouard Simon
noch einen ganz unsagbar geheimen Zusammenhang hätten.

Herr
Kinglake
hat das Haus der Gemeinen auf die angenehme Verwechslung von auswärtiger Politik, Polizei und Presse aufmerksam gemacht, die die Agenten des Dezember charakterisiere. (Sitzung des House of Commons vom 12. Juli 1860.)
Monsieur Edouard Simon
- Vogts ruchbarer
Eduard
ist natürlich nicht zu verwechseln mit Vogts sanfter
Kunigunde
, alias
Ludwig Simon von Trier
(7)
-

Monsieur Edouard Simon
, La Guéronnières Schoßhund, Delamarres Pudel, Palestrinas Spitzel und Allerweltsköter,

gehört offenbar, wenn nicht zur Crème, doch jedenfalls zum Limburger Käse des 10. Dezember, zu dem zweiten Zirkel, wo

"s'annida

Ipocrisia, lusinghe e chi affattura,

Falsità, ladroneccio e
simonia
,

Ruffian, baratti e simile lordura."

<"sich angebauet

Die Schar der Heuchler, Schmeichler, Tränkerfinder,

Der Raub, die Simonie und falsche List,

Betrüger, Kuppler und dergleichen.">

Karl Vogt hatte seinen
Edouard Simon
viele Wochen vor dem Erscheinen des "Hauptbuch" mit dessen Besprechung in der französischen Presse betraut.
Edouard Simon
stimmte für double emploi <doppelte Anstellung>. Zunächst verdolmetschte er das "Hauptbuch" privatim dem Herrn
La Guéronnière
und wurde dann bei dieser Gelegenheit der
"Revue contemporaine"
von seinem Patron zukommandiert. Vergebens stellte die Redaktion der
"Revue contemporaine"
das unterwürfige Gesuch, der
Edouard Simon
möge wenigstens anonym in ihren Spalten erscheinen. La Guéronnière war unerbittlich.
Edouard Simon
debütierte in der
"Revue contemporaine"
vom 15. Febr. 1860 mit der Anzeige seines Freundes
Vogt
unter dem Titel:
"Un tableau de mœurs politiques de I'Allemagne. Le procès de M. Vogt avec la Gazette d'Augsbourg."
(Politisches Charaktergemälde Deutschlands. Der Prozeß des Hrn. Vogt mit der "Augsburger Zeitung"), gezeichnet -
Edouard Simon
.

Der "Romane"
Edouard Simon
glaubt nicht, daß er, "um guter Franzose zu sein, Invektiven gegen die edle germanische Rasse schleudern muß" (
"Revue contemporaine"
, l.c. p. 531), aber als "guter Franzose" und "geborner Romane" muß er wenigstens eine naturwüchsige Ignoranz über Deutsches zur Schau tragen. So unter anderm sagt er von seinem
Karl Vogt
: "Er war einer der
drei Regenten
des Eintagsreichs."
(8)
Monsieur Edouard Simon
ahnt natürlich nicht, daß das Reich in partibus unter einer
Pentarchie
seufzte, und bildet sich vielmehr "als Franzose" ein, den heiligen drei Königen zu Köln hätten schon der Symmetrie halber drei parlamentarische Reichsregenten zu Stuttgart entsprochen. "Freund"
Vogts
Späße im "Hauptbuch" gehn "oft zu weit für den französischen Geschmack"
(9)
.

Der Franzose Edouard wird dem abhelfen und "sich bemühn auszuwählen"
(10)
. "Freund"
Vogt
liebt von Haus aus "die grellen Farben" und "ist nicht grade ein Feinschmecker in sprachlicher Beziehung"
(11)
. Aber natürlich! "Freund" Vogt ist nur ein annexierter Deutscher, wie Dâ-Dâ ein annexierter Araber, während
Edouard Simon
ein "guter Franzose" von Haus und ein "Romane" von Race ist. Gingen Hr. Orges und Hr. Dietzel je so weit in ihrer Verleumdung der "romanischen Race"?

Monsieur Edouard Simon amüsiert seine Vorgesetzten, indem er einen der heiligen deutschen "drei" Rumpfkönige, und zwar im Einverständnis und Auftrag dieses heiligen deutschen Dreirumpfkönigs, vor dem Pariser Publikum ausstellt als freiwilligen Gefangnen hinter dem Triumphwagen des imperialistischen Quasimodo. Man sieht, sagt
Edouard Simon
, nach einem Zitat aus
Vogts
"Hauptbuch",

"man sieht, Herr
Vogt
kümmerte sich wenig darum, woher die Hülfe zugunsten deutscher Einheit kam, wenn sie überhaupt nur kam; das
französische Kaiserreich schien ihm sogar ganz besonders geeignet, die Lösung, die er wünscht, zu beschleunigen. Vielleicht gab Herr Vogt hierin seine alten Antezedentien

wohlfeilen Kaufes
(?!) preis, und es mußte seinen alten Kollegen, die mit ihm auf der äußersten Linken im Frankfurter Parlament saßen, befremdend erscheinen, diesen wütenden Gegner jeder einheitlichen Gewalt, diesen glühenden Eiferer für die Anarchie,
so lebhafte Sympathien für den Souverän an den Tag legen zu sehn, welcher die Anarchie in Frankreich besiegt hat
."
(12)

Von der un-"entschiednen" Linken versetzt Edouard den "flüchtigen Reichsregenten" auf die äußerste Linke des Frankfurter Parlaments. Aus dem Manne, der für "den erblichen deutschen Kaiser" stimmte, wird "ein wütender Gegner jeder einheitlichen Gewalt" und aus dem Zentralmärzvereinler, der um jeden Preis "Ordnung" unter den buntscheckigen Wirtshausparteien zu Frankfurt predigte, ein "glühender Eiferer für die Anarchie". Alles, um den Fang, den der 10. Dezember an dem "flüchtigen Reichs-

regenten" gemacht, gehörig ins Relief zu setzen. Um so kostbarer werden "die
so lebhaften Sympathien
", die Herr
Vogt
für "den Mann hegt, der die Anarchie in Frankreich besiegt hat", um so wertvoller wird seine jetzige Erkenntnis,
"daß

das französische Kaiserreich ganz besonders geeignet ist, die deutsche Einheit zu stiften"
, und um so verständlicher wird "Freund"
Simons
Wink mit der Heugabel, daß "Freund"
Vogt
"seine Antezedentien vielleicht zu
wohlfeilen Kaufes
(de bon marché) losgeschlagen", der Dezembermann sie also jedenfalls nicht
"zu teuer"
erstanden hat. Und um nicht den geringsten Zweifel höhern Orts zu lassen, daß "Freund"
Vogt
jetzt ganz ebenso zuverlässig ist als "Freund"
Simon
, erzählt Monsieur Edouard Simon schmunzelnd und die Hände reibend und mit dem linken Aug' zwinkernd, daß
Vogt
in seinem Ordnungsdrang
"sogar, wenn er Herrn Vogt recht verstehe, den Genfer Behörden Anzeigen revolutionärer Umtriebe gemacht"
(13)
, ganz wie Monsieur Edouard Simon den Herren Palestrina und La Guéronnière "Anzeigen" macht.

Es ist allgemein bekannt, daß About und Jourdan und Granier de Cassagnac und Boniface und Dr. Hoffmann, daß die Mönche der "Espérance", die Ritter des "Nationalités", die Blasbälge der "Opinion nationale", die Penny-a-liner der "Indépendance", des "Morning Chronicle", des "Nouvelliste Vaudois" usw., die La Guéronnière und die Simon, Stilisten, Zivilisationisten, Dezembristen, Plon-Plonisten, Dentusten und Dentisten, alle samt und sonders ihre Inspiration schöpfen aus einer und derselben erlauchten -
Kasse
. Nun finden wir Dâ-Dâ
Vogt
nicht als vereinzelten, auf eigne Faust kämpfenden Parteigänger, sondern subsidiert, eindoktriniert, einbrigadiert, einkanailliert, mit Edouard Simon nexiert, an Plon-Plon annexiert, mitgefangen und mitgehangen. Bleibt die Frage, ob
Karl Vogt
für seine Agentur
bezahlt
ist?

"Wenn ich nicht irre, heißt bestechen so viel als jemand durch Geld oder andre Vorteile zu Handlungen und Äußerungen bewegen, welche seiner
Überzeugung
entgegengesetzt sind." (p. 217, "Hauptb.".)

Und der Plon-Plonismus ist
Vogts
Überzeugung. Also selbst wenn er bar
bezahlt
ist, ist er in keinem Fall
bestochen
. Aber das Münzgepräge kann nicht mannigfaltiger sein als die Zahlungsart.

Wer weiß, ob Plon-Plon seinem Falstaff nicht die Kommandantur des Mäuseturms beim Binger Loch zugesagt hat? Oder die Ernennung zum korrespondierenden Mitglied des
Institut
, nachdem About in seinem "La

Prusse en 1860" die französischen Naturalisten bereits um die Ehre zanken läßt,
gleichzeitig
mit dem lebenden
Vogt
und dem toten
Dieffenbach
zu korrespondieren? Oder ob seine reichsregentschaftliche Restauration in Aussicht steht?

Ich weiß allerdings, daß der Leumund die Dinge prosaischer erklärt. So soll "mit dem Umschwung der Dinge seit 1859" ein Umschwung in den Verhältnissen des "angenehmen Gesellschafters" (kurz vorher noch das Mithaupt einer radikal aufgesessenen und in kriminelle Untersuchung verwickelten Aktiengesellschaft) eingetreten sein, was ängstliche Freunde damit wegzudeuten suchten, daß eine italienische Bergwerksaktiengesellschaft dem Vogt in Anerkennung seiner "mineralogischen" Verdienste eine bedeutende Schenkung in Aktien gemacht, die er während seines ersten Aufenthalts zu Paris versilbert habe. Aus der Schweiz und aus Frankreich haben Sachkenner, die einander ganz unbekannt sind, mir fast gleichzeitig geschrieben, daß der "angenehme Gesellschafter" eine mit gewissen Einkünften verknüpfte Oberaufsicht führe über das Landgut "La Bergerie" bei Nyon (im Waadtland), den Witwensitz, den Plon-Plon für die Iphigenie von Turin erstanden hat. Ja, ich kenne einen Brief, worin ein "Neuschweizer", noch lange nach "dem Umschwung von 1859" mit
Vogt
vertraut, anfangs 1860 einem Herrn "P. B. B., 78, Fenchurch Street, London" eine
sehr bedeutende Summe spezifiziert
, die sein Ex-Freund von der Zentralkasse zu Paris erhalten habe, nicht als
Bestechung
, sondern als
Vorschußzahlung
. Solches und Schlimmeres ist nach London gedrungen, aber ich meinerseits gebe keinen Strohhalm darum. Ich glaube vielmehr dem
Vogt
aufs Wort, wenn er sagt:

"Daß es keinen Menschen etwas angehe, woher ich" (
Vogt
) "meine Mittel nehme.
Ich werde auch fernerhin fortfahren, mir die Mittel zu verschaffen zu suchen,
die für die Erreichung
meiner politischen Zwecke
nötig sind, und ich
werde sie fernerhin
im Bewußtsein
meiner guten Sache nehmen,

woher ich sie bekommen kann
" (p. 226, "Hptb."), also auch aus der Pariser Zentralkasse.

Politische Zwecke!

"Nugaris, cum tibi, Calve,

Pinguis aqualiculus propenso sesquipede extet."

<"Leeres Geschwätz verzapfst Du, Calvus,

Hängt doch der Fettwanst Dir zwei Fußbreit über der Erde.">

Gute Sache! ist wohl der deutsch-idealistische Ausdruck für das, was der grob-materialistische Engländer "the good things of this world" <"die guten Dinge dieser Welt">

nennt.

Was
M. D. Schaible
auch immer davon halten mag, warum sollte man dem
Vogt
nicht aufs Wort glauben, da er in demselben "Hauptbuch" am Schluß seiner
Jagdgeschichten
über die Schwefelbande usw. mit gleich großer Feierlichkeit erklärt:

"Hiermit schließt dieser Abschnitt eines Stücks der Zeitgeschichte.
Es sind keine leeren Träumereien, die ich vorbringe
; es sind reine Tatsachen!" (p. 182, "Hauptbuch".)

Warum sollte seine
Agentur
nicht eben
so rein
sein als die im "Hauptbuch" erzählten
Tatsachen?

Ich für meinen Teil glaube steif und fest, daß, im Unterschiede von allen andern schreibenden, agitierenden, politisierenden, konspirierenden, propagandierenden, renommierenden, plonplonierenden, komplottierenden und sich kompromittierenden Mitgliedern der
Dezemberbande,
der einzige Vogt, ganz allein und ganz ausschließlich, seinen Kaiser auffaßt als "l'homme qu'on aime pour lui-même" <"einen Mann, den man um seiner selbst willen liebt">.

"Swerz niht geloubt, der sündet", wie Wolfram von Eschenbach sagt, oder "Wer's nicht glaubt, der irrt sich", wie es im modernen Liede heißt.

Fußnoten von Marx

(1)

Hartmann
im
Iwein
läßt den
Vogt
, wohl auf seinen Meinungszwist mit den Berner Mutzen anspielend, dagegen sagen:

"von Bêrn mac wol heizen ich,

wand ich dâ nîht ze schaffen hân."

<"Ich kann von Bern mich nennen wohl,

hab ich auch nichts zu suchen dort.">

Dieser
Hartmann
jedoch nicht zu verwechseln mit Vogts Freund, dem lyrisch-parlamentarischen Weichtier gleichen Namens.

(2)
Vogt sollte, wie er erzählt, schon 1852 eine Entdeckungsreise (Bacchuszug?) mit Plon-Plon antreten, dem ein "Proudhonist" ihn wegen seiner "mais do que promettia a forqa humana" <"mehr als menschliche Kraft versprach"> ("staunenerregenden naturgeschichtlichen Untersuchungen") mit Begeistrung anempfohlen hatte. ("Hauptb.", Dokumente, p.24.)

(3)
"On se partage déjà les places ... de la Savoie dans les antichambres de l'Elysée. Ses journaux plaisantent même assez agréablement là-dessus."

(4)
"Peut-être le citoyen Thurgovien que nous avons si bien défendu contre les menaces de Louis-Philippe, nous fera-t-il la grâce de vouloir bien se constituer comme médiateur, et
reprendre de nous Genève
." <"Vielleicht erweist uns der Bürger von Thurgau, den wir gegen die Drohungen Louis-Philippes so gut verteidigt haben, die Gnade, sich gütigst als Vermittler aufzutun
und uns
Genf wieder
wegzunehmen
."> (
"Revue de Genève"
vom 6. Dezember 1851.)

(5)
Das Bewußtsein, daß Genf seit der Annexation Nordsavoyens französische Enklave geworden, nicht minder die französische Befestigung des Hafens von Thonon, haben bekanntlich in letzterer Zeit die antidezembristische Stimmung der alten Republik in hohem Grade aufgestachelt. Die echten Ausbrüche dieser Volksstimmung sind jedoch begleitet von falschen, die auf Pariser Bestellung und zum Teil von französischem Polizeipersonal selbst aufgeführt werden. So lesen wir z.B. in der
"Saturday Review"
vom 22. Septbr. 1860: "Eine Partie s.g. Schweizer überließ sich zu Thonon groben Insulten gegen das Empire, als ein stümpernder Gensd'arm, im Übermaß offiziellen Eifers, Hand auf die s.g. Schweizer legte und auf Einsicht ihrer Pässe bestand. Die Schweizer wiesen sich als Franzosen aus, deren Papiere vollkommen
en règle
<
in Ordnung
> waren ... Die bedenklichste Tatsache mit Bezug auf diese künstlichen Kollisionen ist, daß in einer der frühsten und schlimmsten
ein enger Anhänger Fazys"
(Freund Perrier) "
auffallend verwickelt war
." ("The gravest fact relating to these artificial collisions is, that in one of the earliest and the worst of them a close adherent of Mr. Fazy was prominently implicated.")

(6)
"Si la seule espérance des patriotes allemands est fondée sur une guerre avec la France, quelle raison peuvent-ils avoir de chercher à affaiblir le gouvernement de ce pays et l'empêcher de former ses frontières naturelles? Serait-il que le peuple en Allemagne est loin de partager cette haine de la France? Quoi qu'il en soit, il y a des patriotes allemands très sincères, et notamment parmi les démocrates les plus avancés, qui ne voient pas grand malheur dans la perte de la rive gauche du Rhin, qui sont, au contraire, convaincus que c'est après cette perte seulement que commencera la vie politique d'une Allemagne régénérée, appuyée sur l'alliance et se confondant avec la civilisation de l'Occident européen." (
"L'Espérance"
, 25 Mars 1860.)

(7)
Durch die Vermittlung der sanften Kunigunde wurde einiges Vogtsche gegen mich in ein Winkelblättchen meiner Vaterstadt Trier befördert, wo u.a. von meiner "fleischlichen Vermischung" mit der "Allgemeinen" die Rede ist. Welche Ideenassoziation für die keusche Kunigunde! Very shocking, indeed!

(8)
"Il fut un des trois régents de l'empire éphemère." (l. c. p. 518.)

(9)
"Il dépasserait le but au goût des Français." (l.c. p. 519.)

(10)
"Nous nous efforcerons de choisir." (l.c.)

(11)
"M. Vogt aime beaucoup les couleurs tranchantes, et il n'est pas précisément un gourmet en matière de language." (l.c. p. 530.)

(12)
"On le voit, M. Vogt se souciait peu d'ou vint le secours en faveur de l'unité allemande, pourvu qu'il vint; l'empire français lui semblait même singulièrement propre à hâter le dénouement qu'il désire. Peut-être en cela M. Vogt faisait-il bon marché

de ses antécédents, et il dut paraître étrange, à ces anciens collègues qui siégeaient avec lui a l'extrême gauche dans le Parlement de Francfort, de voir ce fougueux antagoniste de tout pouvoir unique, ce fervent zélateur de l'anarchie manifester de si vives sympathies envers le souzerain qui l'a vaincue en France." (l.c. p. 518.)

(13)
"Si nous l'avons bien compris, il a même appelé l'attention des
autorités de
Genève sur ces menées." (l.c. p. 529.)

[Herr Vogt - Teil 12]

IX Agentur
XI. Ein Prozeß

X. Patrone und Mitstrolche

Principibus placuisse viris non ultima laus est.

<Hohen Herren zu gefallen ist höchster Ruhm nicht.>

Als Bürgen für sein "good behaviour" stellt der Ex-Reichsvogt

"Kossuth" und "die beiden andern Männer,
Fazy
, den Regenerator von Genf, und
Klapka
, den Verteidiger von Komorn", die er "mit Stolz seine Freunde nennt". ("Hptb." p. 213.)

Ich nenne sie seine
Patrone
. Nach der Schlacht von Komorn (2. Juli 1849) usurpierte
Görgey
das Oberkommando der ungarischen Armee gegen den Befehl der ungarischen Regierung, die ihn abgesetzt hatte.

"Hätte an der Spitze der Regierung ein energischer Mann gestanden", sagt Oberst Lapinski, in seiner Schrift noch Anhänger
Kossuths
, "so wäre schon damals allen den Intrigen Görgeys ein Ziel gesetzt worden.
Kossuth
brauchte nur in das Lager zu kommen und zwanzig Worte zur Armee zu sprechen, so hätte alle Popularität Görgeys ihn nicht vom Sturze gerettet ... Aber
Kossuth
kam nicht, er besaß nicht die Kraft, gegen Görgey offen aufzutreten, und
während er im geheimen gegen den General intrigierte, suchte er dessen Vergehn vor der Welt zu rechtfertigen.
" (p. 125, 126,
Th. Lapinski, "Feldzug der ungarischen Hauptarmee usw."
)

Görgeys beabsichtigter Verrat wurde Kossuth, nach seinem eignen Geständnis, einige Zeit später förmlich denunziert durch General
Guyon
. (Siehe:
David Urquhart, "Visit to the Hungarian Exiles at Kutayah"
.)

"Kossuth sagte allerdings in einer schönen Rede in Szegedin, daß, wenn er einen Verräter wüßte, er ihn mit eigner Hand ermorden würde, wobei er wohl an Görgey denken mochte. Aber er vollzog nicht nur nicht diese etwas theatralische Drohung, sondern nannte nicht einmal den Mann, auf den er Verdacht hatte, allen seinen Ministern; und während er mit einigen
elende Pläne gegen Görgey schmiedete, sprach
[...]
er

immer mit der größten Achtung von demselben, ja ihm selbst schrieb er die zärtlichsten Briefe
. Möge es begreifen, wer kann, ich begreife es nicht, wie man, in dem Sturze eines gefährlichen Menschen allein die Rettung des Vaterlandes erkennend, denselben mit zitternder Hand herabzuziehn strebt, wahrend man zu gleicher Zeit ihn stützt, ihm durch Bezeugung des Vertrauens Anhänger und Verehrer zuführt und ihm damit selbst alle Gewalt in die Hände gibt. Während Kossuth
auf diese jämmerlich Weise
bald für, bald gegen Görgey arbeitete ..., führte
Görgey
, konsequenter und fester als jener, seinen schwarzen Plan aus"
(Th. Lapinski,
l.c. p. 163, 164.)

Am 11. August 1849 erließ Kossuth, auf Görgeys
Befehl
, angeblich von der Festung Arad, ein öffentliches Abdankungsmanifest, worin er Görgey "mit der höchsten Zivil- und Militär-Regierungsgewalt" bekleidet und erklärt:

"Nach den unglücklichen Kämpfen, mit welchen
Gott
in den letzten Tagen die Nation
heimgesucht
hat,
ist keine Hoffnung mehr vorhanden, daß wir gegen die beiden vereinigten Großmächte
[...]
den Kampf der Selbstverteidigung, mit Aussicht auf Erfolg, noch weiter fortsetzen können
."

Nachdem er so im Eingang des Manifests die Sache Ungarns für
rettungslos
verloren erklärt, und zwar infolge der
Heimsuchung Gottes
, macht
Kossuth
im Fortgang des Manifests den Görgey "
vor Gott
dafür verantwortlich, daß er" die ihm von Kossuth anvertraute Macht
"zur Rettung"
Ungarns "verwenden wird". Er traute Görgey genug, um Ungarn, zu wenig, um die eigne Person ihm preiszugeben. Sein persönliches Mißtrauen gegen Görgey war so groß, daß er das Eintreffen seiner Person auf türkischer Erde und das seiner Abdankungsurkunde in Görgeys Hand geschickt zusammenfallen ließ. Darum schließt sein Manifest auch mit den Worten:

"Wenn mein Tod dem Vaterland irgend nützlich werden kann, werde ich mit Freuden mein Leben als Opfer bringen."

Was er auf dem Altar des Vaterlands in Görgeys Hände geopfert hatte, war das
Gouvernement
, dessen
Titel
er jedoch sofort unter türkischem Schutz wieder usurpierte. Zu Kutayah erhielt Se. Exzellenz, der Gouverneur in partibus, das erste Blue Book über die ungarische Katastrophe, das Palmerston dem Parlament vorgelegt hatte. Das Studium dieser diplomatischen Dokumente, schrieb er an D. Urquhart, überzeugte ihn, daß
"Rußland in jedem Kabinette einen Spion, ja noch mehr, einen Agenten besitze"
und daß
Palmerston im russischen

Interesse
dear Hungary <das teure Ungarn>
verraten habe
.
(1)

Und das erste öffentliche Wort, das ihm nach seiner Landung auf englischem Boden zu Southampton entfiel, war: "Palmerston, the dear friend of my bosom!" (Palmerston, mein teurer Busenfreund.)

Nach Aufhebung seiner Internierung in der Türkei segelte Kossuth nach England. Unterwegs bei Marseille, wo er jedoch nicht landen durfte, erließ er ein Manifest in Sinn und Phrase der französischen Sozialdemokratie. Auf englischem Boden
verleugnete
er sofort

"jene neue
Doktrin
, die Sozialdemokratie, die man mit Recht oder Unrecht unverträglich mit der gesellschaftlichen Ordnung und der Sicherheit des Eigentums halte. Ungarn hat und will mit diesen Doktrinen nichts zu schaffen haben, schon aus dem höchst einfachen Grunde, weil in Ungarn keine Gelegenheit, nicht der entfernteste Anlaß für dieselben existiert." (Vgl. hiermit den Brief von Marseille.)

Während der ersten 14 Tage seines Aufenthalts in England wechselte er sein Bekenntnis ebensooft wie seine Audienz - allen alles. Graf
Kasimir Batthyany
motivierte seinen damals öffentlich erfolgten Bruch mit Kossuth:

"Nicht allein die bévues <Schnitzer>, die Kossuth seit seiner vierzehntägigen Freiheit begangen hat, haben mich zu diesem Schritt bestimmt, sondern alles was ich an Erfahrung aufgesammelt, alles was ich gesehn, geduldet, erlaubt, ertragen, und, wie Sie sich erinnern werden, maskiert und verheimlicht habe, erst in Ungarn, dann im Exil - kurz, die Überzeugung, zu der ich über den Mann gelangt bin ... Erlauben Sie mir zu bemerken, daß, was Herr Kossuth zu Southampton, Wisbech oder London, kurz in England gesagt hat oder sagen mag, nicht ungeschehn macht, was er zu Marseille sagte. In dem Land des 'jungen Riesen' (Amerika) wird er wieder aus einem andern Ton pfeifen, denn wie er in andern Dingen gewissenlos (unscrupulous) ist und sich gleich einem Rohr unter jedem stärkern Windzug biegt, straft er sans gene seine eignen Worte Lügen und nimmt keinen Anstand, sich hinter die großen Namen der Dahingeschiedenen zu bergen, die er ruiniert hat, wie z.B. meinen armen Vetter Louis Batthyany ... Ich stehe keinen Augenblick an zu erklären, daß, bevor Kossuth England verlassen hat, Ihr allen Grund haben werdet, die Ehren zu bedauern, die Ihr so verschwenderisch auf

einen so höchst wertlosen Charakter (a most undeserving heart) ausschüttet." ("Correspondence of Kossuth, letter of Count Batthyany to Mr. Urquhart", Paris, 29. Oct. 1851.)

Kossuths Gastvorstellung in den Ver[einigten] Staaten, wo er im Norden
gegen
, im Süden
für
die Sklaverei auftrat, ließ nichts zurück als eine Monsterenttäuschung und 300 Redeleichen. Über die sonderbare Episode wegeilend, bemerke ich nur, daß er den
Deutschen
in den
Ver
[
einigten
]
Staaten
, namentlich auch der
deutschen Emigration
, Allianz zwischen Deutschland, Ungarn und Italien mit
Ausschluß Frankreichs
(nicht nur der Staatsstreichregierung, sondern Frankreichs, sogar der französischen Emigration und der von ihr vertretenen Parteien in Frankreich) glühend anempfahl. Gleich nach seiner Rückkehr suchte er von London aus, vermittelst eines gewissen zweideutigen Subjekts, des Grafen Szirmay, und des Oberst Kiss zu Paris
eine Verbindung mit Louis Bonaparte anzuknüpfen
. (Siehe meinen
Brief in der "New York Tribune" vom 28. Sept. 1852
und meine
Erklärung ebendaselbst vom 16. November 1852
.)

Während der Mazzinischen Emeute zu Mailand, 1853, erschien auf den Wällen dieser Stadt eine Proklamation an die dort stationierten ungarischen Truppen, die sie zum Anschluß an die italienischen Insurgenten aufrief. Sie war gezeichnet:
Ludwig Kossuth
. Kaum war die Nachricht von der Niederlage der Insurgenten zu London angelangt, als Kossuth in größter Hast durch die "Times" und andere englische Blätter die Proklamation für eine
Fälschung
erklärte und so seinem Freunde Mazzini ein offnes Dementi gab. Nichtsdestoweniger war die Proklamation echt. Mazzini erhielt sie von Kossuth, besaß das Manuskript derselben in Kossuths Handschrift, handelte im Einverständnis mit Kossuth. Überzeugt, daß der Sturz der östreichischen Gewaltherrschaft in Italien die vereinte Aktion Italiens und Ungarns erheische, suchte Mazzini nun zunächst den Kossuth durch einen zuverlässigeren ungarischen Führer zu ersetzen, verzieh aber, nachdem dieser Versuch an den Spaltungen der ungarischen Emigration gescheitert, seinem unsichern Alliierten und ersparte ihm großmütig eine Bloßstellung, die ihn in England vernichten mußte.

In dasselbe Jahre 1853 fiel bekanntlich die Eröffnung des Russisch-Türkischen Kriegs. Am 17. Dezember 1850 hatte Kossuth von Kutayah an David Urquhart geschrieben:

"Ohne türkische Oberherrschaft hört die Türkei zu existieren auf. Und, wie die Dinge einmal stehn,
ist die Türkei unerläßlich notwendig für die Freiheit der Welt
."

In einem Brief an den Großwesir
Reschid-Pascha
, vom 15. Februar 1851, steigert sich sein Türkenenthusiasmus. In überschwenglicher Phrase bot er der türkischen Regierung seine Dienste an. Während seiner Rundreise durch die
Ver. Staaten
, am 22. Januar 1852, schrieb er an
D. Urquhart
:

"Würden Sie - und niemand weiß besser ala Sie, wie sehr die Interessen der Türkei und Ungarns identisch sind - geneigt sein, meine Sache zu Konstantinopel zu plädieren? Während meines Aufenthalts in der Türkei wußte die Pforte nicht, wer ich bin; meine Aufnahme in England und Amerika, und die Stellung, welche Glücksfälle, ja ich kann sagen, die Vorsehung mir verschafft, mögen der Pforte zeigen, daß ich ein wahrer und vielleicht nicht einflußloser Freund der Türkei und ihrer Zukunft bin."

Am 5. November 1853 bot er schriftlich Herrn
Crawshay
(Urquhartiten) an, als Bundesgenosse der Türkei nach Konstantinopel zu gehn, aber nicht mit leeren Händen" ("not with empty hands"), und ersucht Herrn Crawshay daher, ihm Geldmittel aufzutreiben

"durch vertrauliche Privatvorstellungen bei solchen liberalen Leuten, die leicht den von ihm verlangten Beistand gewähren könnten".

In diesem Briefe sagt er: "Ich hasse und verachte die Kunst, Revolutionen zu machen." ("I hate and despise the artifice of making revolutions.") Während er so den Urquhartiten gegenüber überströmte von Revolutionshaß und Türkenliebe, erließ er mit Mazzini Manifeste, worin die Vertreibung der Türken aus Europa und die Verwandlung der Türkei in eine "orientalische Schweiz" proklamiert wurden, und unterzeichnete nicht minder des s.g. Zentralkomitees der europäischen Demokratie Aufrufe zur Revolution im allgemeinen.

Da Kossuth die 1852 in Amerika im Namen Ungarns zusammendeklamierten Gelder schon Ende 1853 zwecklos verschleudert hatte und andrerseits sein Anliegen Herrn Crawshays Ohr taub fand, verzichtete der Gouverneur auf die beabsichtigte Ritterfahrt nach Konstantinopel, entsandte jedoch mit den besten Empfehlungen seinen Agenten, den Oberst
Johann Bangya
.
(2)

Am 20. Januar 1858
tagte zu Aderbi in Zirkassien ein Kriegsgericht, das den "
Mehemed Bei
, früher
Johann Bangya d'Illosfalva
, durch eignes Geständnis und Zeugenbeweise des Landesverrats und geheimer Korrespondenz mit dem Feinde" (dem russischen General Philipson) "überführt", einstimmig zum Tod verurteilte, was ihn jedoch nicht verhindert hat, bis zu diesem Augenblicke ruhig in Konstantinopel fortzuleben. In seinem dem Kriegsrat schriftlich eingehändigten Selbstgeständnis sagt
Bangya
u.a.:

"Meine politische Tätigkeit war ganz und gar vorgeschrieben von dem Chef meines Landes,
Ludwig Kossuth
... Mit Einführungsschreiben von meinem politischen Chef versehn, langte ich am 22. Dezember 1853 zu Konstantinopel an."

Er ward dann, wie er weiter erzählt, Muselman und trat in den türkischen Dienst mit dem Rang eines Oberst.

"Meine" (von Kossuth ausgehenden) "Instruktionen empfahlen dringend, mich in einer oder der andern Weise an solche Truppenteile anzuschließen, die mit Operationen an der zirkassischen Küste beauftragt würden."

Dort sollte er jede Teilnahme der Zirkassier an dem Krieg gegen Rußland zu verhindern suchen. Er führte seinen Auftrag erfolgreich aus und sandte gegen Ende des Kriegs von Konstantinopel aus "einen detaillierten Bericht über den Stand Zirkassiens an Kossuth". Vor seiner zweiten, gemeinschaftlich mit den Polen unternommenen Expedition nach Zirkassien erhielt er von Kossuth den Befehl, mit bestimmt bezeichneten Ungarn, u.a. General Stein (Ferhad Pascha) gemeinschaftlich zu wirken.

"Kapitan Frankini", sagt er, "
der militärische Sekretär des russischen Gesandten
, war bei verschiednen unsrer Konferenzen zugegen. Der Zweck war Gewinnung Zirkassiens für die russischen Interessen, in friedlicher, langsamer, aber sichrer Weise. Bevor die Expedition Konstantinopel verließ" (Mitte Februar 1857), "erhielt ich Briefe und Instruktionen von Kossuth, der meinen Operationsplan billigte."

In Zirkassien wurde der Verrat Bangyas entdeckt durch Auffangen eines Briefs an den russischen General Philipson.

"Gemäß meiner Instruktion", sagt Bangya, "hatte ich Verbindungen mit dem russischen General anzuknüpfen. Geraume Zeit konnte ich mich nicht zu diesem Schritt entschließen, aber endlich erhielt ich so
ausdrückliche
ordres, daß ich nicht länger schwanken durfte."

Die Verhandlungen des Kriegsgerichts zu Aderbi und namentlich
Bangyas Selbstgeständnis
erregten große Sensation zu Konstantinopel, London und New York. Kossuth ward wiederholt und dringend, auch von ungarischer Seite, zu einer öffentlichen Erklärung aufgefordert, aber ver-

gebens. Bis zu diesem Augenblick hat er das ängstlichste Schweigen über Bangyas Mission in Zirkassien beobachtet.

Im Herbste 1858 hausierte Kossuth durch England und Schottland Vorlesungen zu billigen Preisen gegen das östreichische Konkordat und Louis Bonaparte. Den leidenschaftlichen Fanatismus, womit er die Engländer damals gewarnt hat vor den verräterischen Absichten Louis Bonapartes, den er als geheimen Verbündeten Rußlands zeichnete, mag man z.B. aus dem "Glasgow Sentinel" (November 20. 1858) ersehn. Als Louis Bonaparte Anfang 1859 seine italienischen Pläne verriet, denunzierte Kossuth ihn in
Mazzinis
"Pensiero ed Azione" und warnte "alle wahren Republikaner", Italiener, Ungarn, selbst Deutsche, sich nicht als Katzenpfoten von dem imperialistischen Quasimodo brauchen zu lassen. Februar 1859 vergewisserte Kossuth, daß Oberst Kiß, Graf Teleki und General Klapka, seit längerer Zeit zur roten Kamarilla des Palais Royal gehörig, mit Plon-Plon Verschwörungspläne für die Insurgierung Ungarns ausheckten. Kossuth drohte nun mit öffentlicher Polemik in der englischen Presse, falls er nicht auch in den "Geheimbund" zugelassen werde. Plon-Plon war mehr als bereit, ihm die Türen des Konklave zu öffnen. Mit einem englischen Paß, unter dem Namen Mr. Brown, reiste Kossuth Anfang Mai nach Paris, eilte ins Palais Royal, setzte seine Pläne zur Insurgierung Ungarns dem Plon-Plon weitläufig auseinander. Der Prinz Rouge geleitete am Abend des 3. Mai im eignen Wagen den Exgouverneur zu den Tuilerien, um ihn dort dem Retter der Gesellschaft vorzustellen. Während dieser Zusammenkunft mit Louis Bonaparte versagte die sonst so beredte Zunge, so daß Plon-Plon den Wortführer spielen und Kossuths Programm seinem Vetter gewissermaßen apportieren mußte. Kossuth hat später die fast wörtliche Treue der Plon-Plonschen Verdolmetschung rühmlich anerkannt. Nachdem er der Auseinandersetzung seines Vetters aufmerksam zugehorcht, erklärte Louis Bonaparte, seiner Annahme von Kossuths Vorschlägen stehe nur ein Hindernis im Wege, Kossuths republikanische Prinzipien und republikanische Verbindungen. Der Exgouverneur verschwor darauf feierlichst den republikanischen Glauben mit der Beteuerung, daß er weder jetzt Republikaner sei, noch es je gewesen sei, daß politische Notwendigkeit allein und eine sonderbare Verkettung von Umständen ihn zur Allianz mit der republikanischen Partei der europäischen Emigration gezwungen. Als Beweis seines Antirepublikanismus bot er im Namen seines Landes dem Plon-Plon die ungarische Krone an. Diese Krone war damals noch nicht erledigt. Auch besaß Kossuth keine notarielle Vollmacht zu ihrer Versteigerung, aber wer immer sein Auftreten im Ausland mit einiger Aufmerksamkeit be-

obachtet hat, wird auch wissen, daß er seit lange gewohnt war, von seinem "dear Hungary" zu sprechen wie ein Krautjunker von seinem Landgut.
(3)

Seine Verleugnung des Republikanismus halte ich für aufrichtig. Eine Zivilliste von 300.000 Florin, zu Pest beansprucht, um den Glanz der Exekutive aufrechtzuerhalten; die Patronage der Spitäler, von einer östreichischen Erzherzogin auf seine eigne Schwester übertragen; der Versuch, einige Regimenter Kossuth zu taufen; sein Streben nach der Bildung einer Kamarilla; die Zähigkeit, womit er in fremdem Land den Gouverneurtitel festhielt, auf den er im Augenblick der Gefahr entsagt; sein ganzes späteres Auftreten, viel mehr das eines Prätendenten als eines Flüchtlings - alles das deutet auf Tendenzen, die dem Republikanismus fremd.

Nach der Republikanertum-Verdacht-Abwaschungs-Szene wurden Herrn Kossuth vertragsmäßig 3 Millionen Francs zur Verfügung gestellt. In dieser Stipulation lag an und für sich nichts Verfängliches, denn zur militärischen Organisation der ungarischen Flüchtlingsschaft waren Geldmittel erheischt, und warum sollte der Gouverneur von seinem neuen Alliierten nicht mit demselben Recht Subsidien empfangen, womit alle despotischen Mächte Europas während des ganzen Verlaufs des Antijakobinerkriegs Subsidien von England empfingen?

Als Vorschuß für persönliche. Ausgaben erhielt Kossuth sofort 50.000 Frs. und bedung sich außerdem gewisse pekuniäre Vorteile, gewissermaßen eine Assekuranzprämie, für den Fall eines vorzeitigen Abbruchs des Kriegs. Finanzieller Blick und melodramatische Empfindung schließen sich keineswegs aus. Traf Kossuth doch, wie sein Exfinanzminister Dusek wissen muß, bereits während der ungarischen Revolution die Vorsichtsmaßregel, sich sein Gehalt, statt in Kossuthnoten, in Silber oder östreichischen Banknoten auszahlen zu lassen.

Bevor Kossuth die Tuilerien verließ, kam man überein, daß er die angeblich "östreichischen Tendenzen" des Derby-Ministeriums durch Eröffnung einer Neutralitätskampagne in England neutralisieren solle. Man weiß, wie die freiwillige Unterstützung von Whigs und Manchesterschule

ihn befähigten, diesen vorläufigen Teil des Vertrags mit dem größten Erfolg zu erfüllen. Eine lecturing Tour <Vortragsreise>

von dem Mansion House

in London bis zur Free Trade Hall in Manchester

bildete die Antithese zur englisch-schottischen Rundreise im Herbst 1858, als er seinen Haß gegen Bonaparte und Cherbourg, "the standing menace to England" <"die ständige Bedrohung Englands">, zu einem Shilling per Kopf hausierte.

Der größte Teil der ungarischen Emigration in Europa hatte sich seit Ende 1852 von Kossuth zurückgezogen. Die Aussicht einer Invasion der adriatischen Küste mit französischer Hülfe rief die meisten wieder unter seine Fahne. Seine Unterhandlungen mit dem militärischen Teil der neugewonnenen Parteigänger waren nicht ohne einen dezembristischen Beischmack. Um ihnen eine größre Masse französischen Geldes zuweisen zu können, beförderte er sie zu höherm militärischem Rang, Lieutenants z.B. zum Rang von Majors. Zunächst erhielt jeder seine Reisekosten nach Turin, dann eine reiche Uniform (der Preis eines Majorskostümes belief sich auf 150 Pfd.St.), endlich 6 Monat Vorschußsold mit dem Versprechen der Pension für 1 Jahr nach dem Friedensschluß. Im übrigen waren die Gehalte nicht übertrieben, 10.000 Frs. für den Obergeneral (Klapka), 6.000 Frs. für die Generale, 5.000 für die Brigadiers, 4.000 für Obrist-Lieutenants, 3.000 für Majors usw. Die zu Turin versammelte ungarische Militärkraft bestand fast ausschließlich aus Offizieren ohne Gemeine, und ich habe über diesen Punkt manche bittre Klage unter der "niedern" ungarischen Emigration gehört.

General Moritz Perczel, wie schon erwähnt, zog sich mit einer öffentlichen Erklärung zurück, sobald er das diplomatische Spiel durchschaut hatte.
Klapka
bestand, trotz Louis Bonapartes Gegenbefehl, auf einer Landung bei Fiume, aber
Kossuth
hielt das ungarische Flüchtlingskorps innerhalb der vom Theaterdirektor vorgeschriebenen szenischen Grenzen.

Kaum traf das Gerücht des Friedensschlusses von Villafranca zu Turin ein, als Kossuth in der Furcht vor Auslieferung an Östreich Hals über Kopf nach Genf durchbrannte, heimlich, hinter dem Rücken der ihm zu Gebot stehenden Militärkraft. Kein Name, weder Franz Joseph noch Louis Bonaparte, klang damals übler im ungarischen Lager zu Turin als der Name Ludwig Kossuth, nur daß die Komik seiner letzten Eskapade die Kritik gewissermaßen totschwieg. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte Kossuth in London einen Brief an seinen zahmen Elefanten, einen gewissen Mac Adam in Glasgow, erklärte sich für enttäuscht, aber nicht geprellt, und schloß ab mit der gerührten Wendung, daß er nicht habe wohin sein Haupt legen, weshalb alle ihm bestimmten Briefe zu adressieren seien an die Wohnung

seines Freundes F. Pulszki, der dem Flüchtigen eine Raststätte geboten. Die mehr als angelsächsische Roheit, womit die Londoner Presse Kossuth aufforderte, er möge sich doch gefälligst mit den bonapartistischen Subsidien ein eignes Haus in London mieten, überzeugte ihn, daß für einstweilen seine Rolle in England ausgespielt war.

Außer seinem Rednertalent besitzt Kossuth das große Talent zu schweigen, sobald das Auditorium entschiedne Ungunst zeigt oder er in der Tat nichts für sich zu sagen weiß. Wie die Sonne versteht er sich auf die Eklipse. Daß er wenigstens einmal in seinem Leben konsequent zu sein verstand, bewies sein neulicher Brief an Garibaldi, worin er ihn von einem Angriff auf Rom abwarnt, um den Kaiser der Franzosen, "die einzige Stütze der unterdrückten Nationalitäten", nicht zu kränken.

Wie in der ersten Hälfte des 18. Jahrh. Alberoni der kolossale Kardinal hieß, so kann man Kossuth einen kolossalen
Langenschwarz
nennen. Er ist wesentlich der Improvisator, der seine Eindrücke von seinem jedesmaligen Publikum empfängt, nicht der Autor, der seine Originalideen der Welt auf drückt. Wie Blondin auf seinem Seil, tanzt Kossuth auf seiner Zunge. Von der Atmosphäre seines Volks getrennt, mußte er in bloßes Virtuosentum ausarten und in die Laster des Virtuosentums. Die Haltlosigkeit des Denkens, die den Improvisator bezeichnet, reflektiert sich notwendig in der Zweideutigkeit der Handlung. Wenn Kossuth einmal die Äolsharfe war, durch die ein Volksorkan brauste, so ist er jetzt nur noch das Dionysius-Ohr, welches die Geflüster in den geheimnisvollen Gemächern des Palais Royal und der Tuilerien wiedermurmelt.

Es wäre durchaus ungerecht, Vogts zweiten Patron, den
General Klapka
, mit Kossuth auf eine Stufe zu stellen. Klapka war einer der besten ungarischen Revolutionsgenerale. Er, wie die meisten Offiziere, die sich 1859 in Turin sammelten, betrachtet Louis Bonaparte wie etwa Franz Rákóczi den Louis XIV. betrachtete. Für sie repräsentiert Louis Bonaparte Frankreichs Militärmacht, die Ungarn dienen, aber schon aus geographischen Gründen nie gefährden kann.
(4)
Aber warum beruft sich Vogt auf Klapka?

Klapka

hat nie geleugnet, daß er zur roten Kamarilla Plon-Plons gehört. Um "Freund" Klapka den "Freund" Vogt verbürgen zu lassen?

Klapka besitzt kein besondres Talent in der Auswahl seiner Freunde. Einer seiner bevorzugten Freunde zu Komorn war Oberst
Assermann
. Hören wir über diesen Oberst Assermann den Oberst
Lapinski
, der unter Klapka bis zur Übergabe von Komorn diente und sich später in Zirkassien durch seinen Kampf gegen die Russen ausgezeichnet hat.

"Den größten Schrecken", sagt Lapinski, "hatte der Verrat bei Világos

unter den in Komorn befindlichen zahlreichen und beschäftigungslosen Stabsoffizieren hervorgebracht ... Die parfümierten Herren mit goldnen Kragen, von denen viele weder ein Gewehr zu halten noch 3 Mann zu kommandieren verstanden, liefen voller Angst durcheinander und sannen auf Mittel, um jeden Preis mit heiler Haut davonzukommen. Sie, deren Bemühungen es gelungen war, unter allen möglichen Vorwänden sich von der Hauptarmee zu trennen und in die gemütliche Sicherheit der uneinnehmbaren Festung sich zurückzuziehn ohne eine andre Beschäftigung, als monatlich die Quittung über richtig empfangene Gage zu schreiben, erschraken vor dem Gedanken: Verteidigung auf Leben und Tod ... Diese Elenden waren es, welche dem General Schreckbilder von innern Unruhen, von Meuterei usw. vorlogen, um ihn nur so schnell wie möglich zur Übergabe der Festung zu bewegen [...], wenn sie nur sich und ihr Eigentum sicherten. Das letztere lag vielen besonders am Herzen; denn ihr ganzes Bestreben während der ganzen Revolution ging dahin, sich zu bereichern, was manchem auch gelang. Das Sichbereichern gelang einzelnen Individuen sehr leicht, indem oft ein halbes Jahr verging, bevor man Rechnung über die empfangenen Gelder ablegte. Da dies die Treulosigkeit und den Betrug begünstigte, so mochte wohl mancher einen tiefern Griff in die Kasse getan haben, als er verantworten konnte ... Der Waffenstillstand war abgeschlossen: Wie wurde er jetzt benutzt?

Von den in der Festung befindlichen,
für ein Jahr
ausreichenden Lebensmitteln wurden unnötig große Rationen auf die Dörfer ausgeführt, dagegen aus der Umgegend kein Proviant eingebracht; selbst das in den nächsten Dörfern befindliche Heu und Hafer der Bauern, welche baten, daß man es ihnen abkaufe, dort gelassen, und einige Wochen später fraßen die Kosakenpferde das Eigentum der Bauern, während wir in der Festung über Mangel klagten. Das in der letztern befindliche Schlachtvieh wurde großenteils, unter dem Vorwande, daß nicht hinlänglich Futter für dasselbe vorhanden sei, außer der Stadt verkauft.
Oberst Assermann
wußte wahrscheinlich nicht, daß sich Fleisch einpökeln

läßt. Ein großer Teil des Getreides wurde gleichfalls verkauft, unter dem Vorwande, daß es dumpfig werde; dies geschah öffentlich, heimlich noch mehr. Einen solchen Mann wie
Assermann
an der Seite und mehrere ähnliche Individuen in seiner Umgebung, mußte Klapka freilich jeden guten Gedanken, der ihm einfiel, schnell fahrenlassen; dafür sorgten [schon] jene Herren..." (Lapinski, l.c. p. 202 - 206.)

Die Memoiren Görgeys und Klapkas sprechen gleich laut für Klapkas Mangel an Charakter und politischer Einsicht. Alle Fehler, die er während der Verteidigung Komorns beging, stammten aus diesem Mangel.

"Hätte Klapka bei seinen Kenntnissen und seinem Patriotismus
auch einen festen eignen Willen
besessen und nach seiner selbstgefaßten und nicht von Schwachköpfen und Feiglingen ihm
beigebrachten
Meinung gehandelt, die Verteidigung Komorns würde einst als Meteor in der Geschichte geglänzt haben." (l.c. p. 209.)

Am 3. August hatte Klapka einen glänzenden Sieg über das östreichische Zernierungskorps bei Komorn erfochten, es ganz gesprengt und für lange Zeit kampfunfähig gemacht. Er nahm darauf Raab ein und konnte selbst Wien ohne Mühe nehmen, weilte aber acht Tage ratlos und untätig zu Raab und kehrte dann nach Komorn zurück, wo er die Nachricht von der Waffenstreckung Görgeys und einen Brief desselben vorfand. Der Feind bat um Waffenstillstand, um das zersprengte Zernierungskorps der Östreicher und die von Rima Szombat vorrückenden Russen bei Komorn konzentrieren und die Festung in aller Ruhe einschließen zu können. Statt die einzelnen sich erst sammelnden feindlichen Abteilungen nacheinander anzugreifen und zu schlagen, schwankte Klapka wieder ratlos hin und her, verweigerte jedoch den östreichischen und russischen Parlamentären den Waffenstillstand. Da, erzählt Lapinski,

"kam ein Adjutant des Kaisers Nikolaus am 22. August nach Komorn ... Aber, sagte der russische Mephisto in honigsüßem Ton:
Sie werden uns doch einen vierzehntägigen Wagenstillstand gönnen, Herr General; Se. Majestät, mein allergnädigster Kaiser, läßt Sie darum bitten!
Das wirkte wie schnelles Gift. Was den Anstrengungen der östreichischen, den Überredungen der russischen Parlamentäre nicht gelungen war, erreichte der durchtriebene Russe mit wenigen Worten.
Klapka
konnte dem feinen Komplimente nicht widerstehn und unterschrieb den Waffenstillstand auf 14 Tage. Von hier aus datiert sich der Fall Komorns."

Den Waffenstillstand selbst ließ
Klapka
durch seinen
Oberst Assermann
, wie schon erwähnt, dazu benutzen, mit dem
für ein ganzes Jahr hinreichenden Proviant
der Festung
in zwei Wochen
aufzuräumen. Nach Ablauf des Waffenstillstands zernierte Crabbe Komorn von der Waagseite, während die Östreicher, die ihre Macht allmählich auf 40.000 Mann vermehrten,

am rechten Donauufer lagerten. Die Besatzung Komorns ward durch träges Lagern hinter den Schanzen und Mauern demoralisiert. Klapka machte nicht einmal einen Ausfall auf das russische Zernierungskorps, welches noch keiner Schlacht beigewohnt hatte und nur 19.000 Mann stark war. Der Feind wurde keinen Augenblick in seinen Vorbereitungsarbeiten zur Belagerung gestört. Klapka, seit der Annahme des Waffenstillstands, bereitete in der Tat alles vor, nicht für Verteidigung, sondern für Kapitulation. Die einzige Energie, die er entwickelte, war polizistischer Natur, nämlich gegen die braven Offiziere gewandt, die sich der Kapitulation widersetzten.

"Zuletzt", sagt
Lapinski
, "wurde es gefährlich, über die Östreicher etwas zu reden, wenn man nicht arretiert werden wollte."

Endlich am 27. September wurde die Kapitulation geschlossen.

"Im Vergleiche", sagt Lapinski, "zu der Macht, zu der verzweiflungsvollen Lage des Landes, welches seine letzten Hoffnungen auf Komorn gesetzt hatte, im Vergleich zur Lage der europäischen Verhältnisse und zu der Ohnmacht Östreichs, welches wegen Komorn die größten Opfer gebracht haben würde, waren
die Kapitulationsbedingungen so erbärmlich wie nur möglich
."

Sie "dienten grade nur dazu, daß man sich schnell aus Komorn über die Grenze retten konnte", bedungen aber weder für Ungarn noch selbst für die in der Hand der Östreicher befindlichen Revolutionsgenerale die geringste Garantie. Und zudem waren sie in übereilter Hast noch so undeutlich und zweideutig abgefaßt, daß die Verletzung derselben dem Haynau später erleichtert ward.

Soviel über
Klapka
. Wenn Vogt keinen "Charakter" besitzt, ist Klapka der letzte Mann, der ihm von dieser Ware ablassen kann.

Der dritte Patron ist "
James Fazy
, der Regenerator von Genf", wie ihn sein Hofnarr Vogt nennt. Die folgenden Briefe
Johann Philipp Beckers
, gerichtet an den Adressaten
seines oben abgedruckten Briefs
, enthalten eine zu treffende Charakteristik Fazys, um sie durch Zusätze zu stören! Daher nur eine Vorbemerkung. Der ekelhafteste Zug von Vogts sogenannten "Studien" ist die Heuchelei lutherischen, ja calvinistischen Grauens vor der
"ultramontanen Partei"
. So stellt er Deutschland z.B. die abgeschmackte Alternative, Louis Bonaparte freie Hand zu geben oder der Herrschaft des östreichischen Konkordats zu verfallen, und "lieber wahrlich wollten wir eine zweite Periode der nationalen Demütigung durchmachen". (p. 52, "Studien".) In den puritanischsten Nasallauten zetert er wider die

"ultramontane Partei, jenen Erbfeind, der der ganzen Menschheit an dem innern Mark nagt, dieses Scheusal". (l.c. p. 120.)

Er hat natürlich nie gehört, was sogar Dupin Aîné

im dezembristischen Senat verriet, nämlich daß

"unter Louis Bonapartes Regime die direkt dem Jesuitenorden unterworfenen Kongregationen, Assoziationen und Stiftungen jeder Art größern Umfang gewonnen haben als unter dem ancien régime und daß alle staatlichen Schranken, die selbst vor 1789 die Organe der ultramontanen Propaganda einzwängten, systematisch von der dezembristischen Gesetzgebung und Administration eingerissen worden sind".

Was Vogt aber jedenfalls weiß, ist, daß die Herrschaft seines Lokal-Bonaparte, des Herrn
James Fazy
, auf einer vieljährigen Koalition zwischen der sogenannten radikalen Partei und der ultramontanen Partei beruht. Als der Wiener Kongreß Genf, den alten Sitz des Calvinismus, der Eidgenossenschaft einverleibte, fügte er seinem Territorium mit gewissen savoyischen Distrikten eine katholische Landbevölkerung und die Crème ultramontanen Pfaffentums hinzu. Es ist die Allianz mit "diesem Erbfeind der Menschheit, diesem Scheusal", die den
Fazy
zum
Diktator
Genfs und den
Vogt
zum
Ständerat Fazys
gemacht hat. Soviel Vorläufiges.

"
Paris
, den 2. Juli 1860

Freund R...! Endlich muß ich doch Ihrem Wunsch entsprechen und Ihnen meine Meinung schreiben über Herrn James Fazy ...

Wie die Staatswissenschaften nichts nützen ohne die Kunst ihrer Anwendung aufs Leben, so ist die Staatskunst unfruchtbar, wenn sie nicht auf Wissenschaft und philosophischem Denken beruht. Mit der Wissenschaft allein lockt ein sogenannter Staatsmann keinen Hund vom Ofen und legt seine Unfähigkeit bald klar an den Tag. Dagegen kann aber ein Mann einseitiger Staatskunst seinen Mangel an Wissen und geistiger Produktivität leichter verbergen, für einen praktischen Staatsmann gelten und den großen Markt der Mittelmäßigkeit für sich haben. Ob durch das Walten eines solchen Mannes ein Volk kulturgeschichtlich vorwärtsschreitet und Garantien für ungestörte Weiterentwicklung geschaffen werden, liegt jenseits dem Urteilsvermögen einer blind bewundernden Menge. Wenn es nur den Anschein hat, gut und vorwärts zu gehn, und alles im Namen der Freiheit und Zivilisation geschieht!

Mit unserm Herrn
James Fazy
lege ich Ihnen nun ein Prachtexemplar der Species Staatskünstler vor. Es treibt dieser geschickte Mann wirklich nicht bloß Staatskunst, sondern reichlich Staatskünste, macht Kunststücke und spielt tours de force <den Kraftmeier> sooft es das 'öffentliche Wohl' erheischt, hütet sich aber mit gewohnter Klugheit vor jedem

Salto mortale. Schlau im Einfädeln der Rollen hinter den Kulissen, geschickt als Regisseur und Souffleur, ist er das Non plus ultra eines welschen Komödianten. Sehr zu schätzen wäre seine 'Seelenstärke', die vor keinem Mittel zu seinen Zwecken zurückschreckt, ginge sie nicht aus dem Schmutz seiner Zwecke hervor. Kennt man einmal die Grundsatz- und Charakterlosigkeit dieses Mannes, so bewundert man weniger den Scharfsinn, womit er Mittel findet, und das Geschick, womit er sie anwendet. Alles was im Leben des von ihm gouvernierten Volkes Gutes geschieht oder keimt, wird keck von dem Staatskünstler in den eignen Schoß eskamotiert und dann in seinem Namen der großen Menge präsentiert, so daß sie glaubt und schwort, das alles habe der 'Papa Fazy' gemacht oder sei nur durch ihn geschehn. Mit gleichem Geschick weiß er seine Urheberschaft von Schlimmem und Unpopulärem von sich abzuwälzen und andern in die Schuhe zu schieben. In seinem Regierungskollegium duldet er keinen selbständigen Charakter, seine Kollegen müssen sich nach Belieben von ihm desavouieren lassen und zu seinen Mißlungenschaften Gevatter stehn. Seine herrschsüchtige Brutalität à discrétion genießend, müssen sie stets bereitstehn, als Sündenböcke und Prügeljungen zum Heile des Volks und zum Ruhm ihres Präsidenten zu dienen. Wie ein gekröntes Haupt bei jeder Staatsmaßregel, mag sie auch noch so sehr im Volksinteresse sein, sich, ehe die Majestät 'geruht', erst fragt, ob sie der Dynastie nicht schaden wird, so fragt sich Papa Fazy bei allem Tun und Lassen: 'Macht es meinen Präsidentenstuhl nicht wackelig?' Es richtet daher unser Held seine Politik immer nach den Umständen und lebt von der Hand in den Mund: Heute macht er einen Komödienspuk im Regierungsrat, morgen einen Jongleurstreich im Großrate und übermorgen einen Knalleffekt auf einer Volksversammlung, und die große von ihm geschickt gehätschelte Menge, die ihrerseits gerne auch einen sichtbaren und hörbaren Herrgott hat, den sie anbeten und verehren kann, wird gläubig und glaubt: Es schreien Eier in der heißen Pfanne, wenn ein Platschregen auf die Dächer fällt. Ich will damit keineswegs sagen, daß das Genfer Volk unentwickelt und intelligenzlos sei; im Gegenteil bin ich überzeugt, daß kaum irgendwo ein regeres öffentliches Leben, kräftigeres geistiges Streben zur Entwicklung freier bürgerlicher Zustände zu finden ist als hier an den Ufern des Lemansees. Ich werde später darauf kommen, wie es dennoch so oft wiederholt dem Herrn Fazy gelang, sich die Stimmenmehrheit zu sichern.

Was in Genf seit l 5 Jahren eine regsame Generation zustande gebracht, setzt [er] oder läßt er sich durch seine Lakaien und Anbeter auf Rechnung seines Regiments setzen. Die Abgrabung der Festungswerke, die großartige Erweiterung und Verschönerung der Kantonshauptstadt sollen z.B. als sein Werk gelten. Und dennoch wäre jede Verwaltung und auch die des Herrn Fazy unbarmherzig auf die Seite geschoben worden, wenn sie sich dem gewaltigen Drange der Bevölkerung zur Niederwerfung der nutzlosen Festungswerke, zur Vergrößerung der durch die zusammengepreßte Menschenmasse mehr und mehr ungesund werdenden Stadt irgendwie widersetzt hätte. So war diese Frage für Fazy zugleich eine Existenzfrage, und er hat sie - dem Verdienste seine Krone - mit Energie zur Hand genommen und vieles zur allgemeinen Zufriedenheit zum Ziele führen helfen. Für das aber, was ein mächtiges Zeitbedürfnis durch kräftiges Zusammenwirken einer Generation schafft, kann sich der einzelne, ohne

dünkelhafte Anmaßung, nicht als Urheber und Schöpfer aufwerfen. Nur die ganze Gesellschaft erschafft, und zwar auch nur relativ, etwas Ganzes, wozu das Mitglied je nach seiner Kraft und Stellung ein größeres oder kleineres Bruchstück liefert. Blinder Autoritätsglaube ist ein Aberglaube wie jeder andre und jeder gesunden Entwicklung nachteilig.

Ich weiß wohl, daß es unserm Herrn Fazy geht wie allen andern Menschenkindern, daß er nur tut, was er nicht lassen, und daß er nur läßt, was er nicht tun kann, daß er im Drange absoluter Ausprägung seiner Individualität - wie alles in der Tierwelt - seinen Bedürfnissen nachjagt. Man kann ihm ebensowenig zumuten, anders zu sein, als man von einer Katze verlangen darf, daß sie freiwillig ins Wasser gehe oder von einem Pferd, daß es die Bäume hinaufklettre. Er wäre ja sonst der James Fazy nicht, und wenn er nicht Fazy wäre, so möchte er vielleicht Louis Bonaparte oder so etwas sein. Wenn es Größe ist, im Besitze der Autorität ein Volk am Gängelbande zu führen, mit Taschenspielerkünsten zu blenden, ohne der geistigen und sittlichen Kultur die Marken intensiven Fortschritts aufzudrücken, und die Spuren eines Daseins nur durch Korruption der Gesellschaft zu brandmalen, so wäre sicherlich auch Fazy groß und dürfte nicht ohne Grund von mächtigeren Tyrannen beneidet werden.

Mit Widersprüchen versteht unser Mann so gut wie irgendeiner zu segeln, und aus ihnen ist der Kompaß, womit er sein Staatsschifflein lenkt, zauberformelnd gemodelt. Einmal liefert ihm der Radikalismus die Bemannung und der Ultramontanismus die Ladung, umgekehrt ein andermal - wie es dem Schifflenker in den Kram und die Haushaltung paßt. Die Staatsmaschine ist so stets in Bewegung, geht immer hin und her, wie die Unruhe einer Taschenuhr. Glückliches Resultat! Die Radikalen schwören, das Ding gehe vorwärts, die Ultramontanen glauben, es gehe rückwärts. Beides ist richtig; beide sind im Glauben selig, und Fazy bleibt als Herrgott am Ruder.

Nun lieber Freund, nehmen Sie einstweilen mit diesen Zeilen vorlieb.

Indessen grüßt herzlich

Ihr
Joh. Philipp Becker"

"
Paris, 20. Juli 1860

Lieber R...!

Sie meinen also, ich dürfte vielleicht die Farben zu dem Porträt Fazys zu dick aufgetragen haben. Keineswegs, mein lieber Freund! Übrigens kann der Mensch ja nicht denken und urteilen über Sachen und Personen, wie er will, sondern wie er nach seiner Wahrnehmung und innern Erfahrung logisch muß. Wer in solchen Dingen anders sagt, als er denkt, und anders tut, als er sagt, ist sich selbst untreu und ein Lump.

Fazy, der in einem Herrnhuter Institut in Neuwied seine erste Erziehung erhielt und gut deutsch spricht, scheint heute noch, als 65jähriger Mann, Deutschland und sein Volk nach den Eindrücken dieser Musteranstalt zu beurteilen. Alles Deutsche, komme es auch aus der deutschen Schweiz, ist nicht nach seinem Geschmacke und findet nur seine Gnade in seltnen Ausnahmen. Als geborner Genfer und durch seinen längern Aufenthalt in den nordamerikanischen Freistaaten wurde er mit den

republikanischen Einrichtungen, den Mitteln der Agitation und besonders seinem Naturell gemäß mit den Kniffen der Intrige innig vertraut. Er ist mehr Demagog als Demokrat, und seine Hauptstaatsmaxime und Aushängeschild: laissez aller et laissez faire, wäre nicht so übel, wenn er sich enthalten könnte, überall die Hände im Spiel zu haben, wo sich in der Gesellschaft ohne Staatsgnade etwas bilden will, um dabei entweder einen Wert auf Rechnung seines Ruhms zu setzen oder, wenn dies nicht der Fall sein kann, das Unternehmen zu hintertreiben, so wie dies bei der von Herrn Mayer und andern projektierten Banque de Crédit et d'Échange und der Errichtung einer Gewerbehalle der Fall war. Bei der Genfer Revolution 1846 richtete sich Herr James nach dem Satze: Weit vom Schusse gibt alte Kriegsleute, und er dachte mehr an die Mittel zur Flucht als an die Mittel zum Siege. Er stand grade auf dem Sprunge, Genf heimlich zu verlassen, als Albert Galeer, die Seele der ganzen Bewegung, durch eine letzte Anstrengung den lang schwankenden Kampf entschied und ihm den völligen Sieg verkündete. Galeer, dem alles an der Sache und nichts am eignen Ruhme lag, der damals wenigstens fest an die aufrichtige Volksliebe Fazys glaubte, sah gar nicht ungern. als der von übereilter Flucht noch rechtzeitig gerettete Held sich auf einer gleich nach dem Siege veranstalteten Volksversammlung als Sieger gerierte. Galeer konnte damals um so weniger daran denken, nach vollendeter Revolution sofort eine Stelle im Kreise der Regierung einzunehmen, als er nicht Genfer, sondern Berner Kantonsbürger war und daher nach den zur Zeit gültigen eidgenössischen Gesetzen weder wählen noch gewählt werden konnte. Zwar wurde ihm bald das Bürgerrecht geschenkt und er dann in den Großen Rat gewählt, so wie er auch die Stelle als Übersetzer der Staatsakten erhielt. Er wurde als Mittelpunkt der tatkräftigen Jugend Genfs eine feste Stütze des radikalen Regiments. Durch ihn ward Fazy immer mehr der gefeierte Mann des großen Haufens. Mit der Phraseologie des französischen Radikalismus, die er sich als Mitarbeiter des 'National'

in Paris zur Zeit Louis-Philippes angeeignet, agitierte und maskierte James Fazy, in der Presse und auf der Tribüne, nach Herzenslust sein eigentliches Sinnen und Trachten. Trotz seiner Demagogenkünste jedoch wurde er schon nach Verfluß eines Jahres in verschiednen Kreisen ernstlich der geheimen Beziehung zu den Häuptern des Ultramontanismus und bald nachher auch der Anhänglichkeit an das Franzosentum beschuldigt. In der deutschen Schweiz, wo man die Sachen kälter anschaut und ruhiger beurteilt, scheint man seine Ränke frühzeitig durchblickt zu haben. Gegen Ende des Jahres 1847, unmittelbar nach Beendigung des Sonderbundkriegs, kam Herr James Fazy, um dem Herrn General Ochsenbein einen Besuch zu machen, auf die Büros des Kriegsdepartements; ich war allein gegenwärtig, da Ochsenbein mit den übrigen Offizieren die Verwundeten in den Spitälern besuchte. Als ich Ochsenbein nun bei seiner Rückkunft meldete, daß ihm inzwischen Herr Fazy einen Besuch gemacht habe, ließ er mit einer Miene der Verachtung die Worte fallen: 'Oh, der falsche Heuchler!' Vielleicht hegt nun der ehemalige schweizerische Bundes- und bernische Regierungspräsident Herr General Ochsenbein, welcher seit mehreren Jahren eine kaiserlich-französische Pension in der Schweiz verzehrt, mildere Gefühle gegen seinen gewiß ebenbürtigen alten Amtsgenossen. Allgemein auffallend bleibt es immer, daß Herr Fazy noch nie von der schweizerischen Nationalversammlung in den Bundes-

rat gewählt wurde, so sehr er und seine Freunde sich darum bemühten und so sehr in dieser Versammlung, ja bis zur Engherzigkeit, die Tendenz herrscht, den wichtigern Kantonen die Vertretung in der Zentralregierung abwechselnd zu sichern. Gegen die Bundesgewalt, worin es keine Gewalt für ihn auszuüben gab und wodurch doch die ihm bequeme Kantonalsouveränetät beschränkt ist, zeigte er sich stets störrig und stellte ihr ein Bein, wo er konnte.

Als es im Anfange des Jahres 1849 die Bundespolizei für staatsweise hielt, mich wegen der Organisation einer sizilianischen Legion zu verfolgen, ging ich nach Genf, wo mir Fazy sagte: Ich könne nun nach Belieben organisieren und brauche mich nicht um den Bundesrat zu kümmern. Ich weiß wohl, daß der Herr Fazy jeden sofort als Opfer preisgibt, sobald die Not an den Mann kommt, sogar dann, wenn das Gesetz auf seiner Seite steht, wie ich es in einem spätern Falle, der für einen Brief zu weitläufig ist, selbst erlebt habe und wovon die Herren Bundeskommissäre Dr. Kern und Trog erzählen können.

In der Flüchtlingsangelegenheit, unter dem Schild der Humanität widerspenstig gegen die Maßregeln des Bundesrats, verfolgte er die ihm persönlich mißliebigen Flüchtlinge mit herzloser Willkür. Insonders waren hervorragende Leute, welche in engerer Beziehung zu Galeer standen, in dem er einen künftigen Nebenbuhler ahnte, rücksichtslosen Verfolgungen ausgesetzt. Mazzini hatte sich mehr vor ihm als vor der Bundespolizei zu hüten. Der lange Heinzen war ihm ein Greuel und mußte alsbald den Kanton verlassen: 'Er tritt so hart auf, als wenn der Boden ihm gehörte', war, naiverweise, Fazys einziger Grund. Struve wurde ohne Veranlassung des Bundesrats auf einem Spaziergange mit seiner Frau verhaftet und als
russischer
Spion über die Grenze nach dem Kanton Waadt gebracht. Galeer eilte noch rechtzeitig zu Fazy, um ihn von seinem Irrtum zurückzubringen. Es kam zu lauten Diskussionen, denn Fazy glaubt um so wahrer zu erscheinen, je heftiger er schreit und je indignierter er sich stellt. Struve mußte russischer Spion bleiben. Wenn ich mich recht erinnere, so fand diese Szene im Hotel des Bergues bei dem russischen Flüchtling Herrn Herzen statt, bei welchem der Genfer Regierungspräsident gern tafelte. Jedenfalls hatte aber dieser Herr keinen Anteil an der unlautern Verdächtigung Struves. Sicher ist Fazy ein größerer Freund des Russentums als Struve, denn ich horte ihn einmal auf einem Feste in einer Rede sagen: 'Die Werke Jean-Jacques Rousseaus sind in Rußland mehr gelesen und besser begriffen als in Deutschland.' Freilich wollte er hauptsächlich damit den deutschen Freunden Galeers und den Deutschen überhaupt einen Hieb geben.

Galeer, der bisher in politischen Fragen mit Fazy durch dick und dünn gegangen war und den ich unmittelbar nach seinem Zusammenstoß mit Fazy wegen Struve sprach, sagte mir mit betrübtem Herzen: 'Nun ist es aus mit Fazy, ich kann in Ehren nicht mehr mit ihm umgehn, der Mann ist ein wahres politisches Monstrum, ein reines Tier in seinen Begierden; es hieße die Volkssache innerlich zugrunde richten helfen, wollte ich langer mit ihm zusammenhalten. Nur wenn man ihm eine entschieden freisinnige Oppositionspartei entgegenstellt, ist er genötigt, die Fahne des Radikalismus hochzuhalten, um seine Stellung zu retten. Solange er nur die alte Aristokratie gegen sich hat, wird, da er mit den Ultramontanen längst liebäugelt, die Sache immer fauler,

er kann schalten und walten nach Belieben. Er ist übrigens kein Schweizer in Gesinnung und schaut lieber nach Paris als nach Bern. Lange hatte ich in Genüge Ursache, mich von ihm abzuwenden, allein die Gewohnheit, mit der ich ihn längere Zeit als tüchtigen Mann betrachtet habe, ließ es mir nicht zu. Nur wiederholte innere Kämpfe und der heutige äußere Zusammenstoß haben es endlich über mich vermocht, die Rechnung mit ihm abzuschließen.'

Um Galeer scharten sich alle Männer von selbständigerem Wesen und namentlich die Leute der jungen politisch-ökonomischen Schule, und man nannte bald die so 'vereinigten' entschieden radikalen und sozialistischen Elemente die demokratische Partei. Der Radikalismus bestand fortan, abgesehn von geringen Ausnahmen, nur in bewußtem und unbewußtem Servilismus gegen Fazy, der jetzt seinen eigentlichen Majoritätshebel in den seit 1815 mit Genf vereinigten katholischen Landesteilen Savoyens gefunden hatte. Die dort allmächtigen ultramontanen Pfaffen gingen die Allianz mit dem 'Radikalismus', dem Fazit Fazys, ein. Galeer wurde auf die gemeinste Weise verdächtigt, verfolgt und seiner Stelle entsetzt. Die junge demokratische Partei, nun zwischen der aristokratischen und der vereinigten altradikalen und ultramontanen Partei stehend, konnte bei den bevorstehenden Wahlen noch keine selbständige Liste aufstellen. Und obgleich Herr James Fazy sich weigerte, einige Namen der Demokraten in seine eigne Liste aufzunehmen, entschieden sich dennoch Galeer und seine Freunde, alle Anerbietungen der aristokratischen Partei verschmähend, diesmal noch für die Liste Fazys zu stimmen und ihren Sieg von der Zukunft zu erwarten. Hätte es Fazy also mit dem Fortschritt und einer gründlichen bürgerlichen Entwicklung aufrichtig gemeint, so brauchte er sich nicht an den ekeln Schweif der immer rückwärts schauenden Ultramontanen zu hängen. Um die gehässigen Verfolgungen und Verdächtigungen gegen Galeer mit mehr Erfolg zu betreiben, wurde von den Satelliten Sr. Exzellenz des 'radikalen' Präsidenten ein besondres Schmähblatt gegründet, damit der kluge Herr und Meister nicht nötig hatte, seinen Moniteur, die 'Revue de Genève', mit seinen Invektiven zu besudeln, womit das Blatt seiner Prügeljungen, die er nach Belieben desavouieren konnte, um so reichlicher geschmückt war. Galeer, von schwacher Gesundheit, erlag dieser heimtückischen Hetze und starb noch im Verlauf desselben Jahres (1851), 35 Jahre alt. Wie oft horte ich noch in Genf sagen:
'Unser guter, edler Galeer ist als Opfer der unerbittlichen Rache unsres jesuitischen Tyrannen gefallen.'
Bei den folgenden Regierungswahlen gingen die Freunde Galeers die ihnen angebotene Verbindung mit der Aristokratie um so eher ein, als sich dieselbe mit dem Sturze Fazys und einem sehr bescheidnen Anteil an der Verwaltung begnügte. Der grundsatzfeste Galeer hätte wahrscheinlich auch jetzt noch diese Verbindung abgelehnt, allein, sagten die Leute seiner Partei, warum hat uns der Herr Fazy das schöne Beispiel seiner Allianz mit den Ultramontanen gegeben, warum sollten wir uns des anständigen Schweifs der Aristokratie schämen, wenn sich Fazy nicht des unanständigen der Ultramontanen schämt?

Warum sollten wir nicht wenigstens ebensogut mit der gebildeten Aristokratie vorwärtsgehn können, als es Herr Fazy mit dem unwissenden Ultramontanismus zu tun vorgibt?

Bei den Wahlen also (ich glaube es war im November 1853), wobei noch viele Radikale, sogar Regierungskollegen Fazys zu den Demokraten übergingen, wurde der Held

von 1846 mit großer Mehrheit vom Präsidentenstuhl gestürzt. Nun war die Verlegenheit des schuldenbelasteten Expräsidenten außerordentlich groß. Ich muß in dieser Beziehung einiges Charakteristische aus dessen Leben vorausschicken.

Herr James Fazy, der schon vor seinem Staatsregimentsantritt ein schönes Erbe in Lust und Liebe verlebt hatte, bis an den Hals in Schulden und rücksichtslos von seinen Gläubigern verfolgt, suchte, auf dem Präsidentenstuhl angelangt, rasch möglich die Abschaffung des Schuldenarrests, freilich 'im Interesse der persönlichen Freiheit', zu bewerkstelligen. So sagte mir im Jahr 1856 ein schuldengeplagter Genfer: 'Es ist doch gut, daß wir einen Schuldenmacher zum Regierungspräsidenten hatten, der, wenn auch nicht die Schulden, doch wenigstens den Schuldturm abschaffte.'

Anfangs der 50er Jahre kam jedoch Herr Fazy materiell stark ins Gedränge, so daß ihm das 'dankbare Volk' zu Hülfe eilen und ihm einen großen Bauplatz auf dem durch die Ebnung der Festungswerke gewonnenen Raum schenken mußte. Warum dies auch nicht?

Hat er ja auch geholfen, diesen Boden von den Festungswerken zu befreien, warum sollte er sich nicht ein Stück davon 'annexieren' lassen, da so etwas ja noch größere Potentaten ohne Anstand tun. Herr Fazy konnte nun viele große Hausplätze verkaufen, selbst ein großes schönes Haus bauen. Leider geriet er aber alsbald wieder in neue Schulden, konnte seine Bauarbeiter nicht bezahlen. Im Anfang des Jahres 1855 mußte er sich von einem Schreinermeister, dem er einige 1.000 Francs schuldig war, auf der Straße nachschreien lassen: 'Bezahle mich, Lump, damit ich meinen Kindern Brot kaufen kann.' Unter solchen Umständen nun ward der gedrängte Mann Expräsident und, um das Maß voll zu machen, von einer noch peinigenderen Verlegenheit überfallen. Die Caisse d'Escompte, eine radikale Kreditanstalt, mußte nämlich ihre Zahlungen einstellen. Die ebenfalls mühselig mit Schulden beladenen Freunde Fazys in dieser Anstalt hatten ihm und sich gegen die Gebote der Statuten und über das Maß der Mittel Kredite bewilligt. Der Direktor der Bank, heute noch im Gefängnis, hatte - böse Beispiele verderben gute Sitten - sich selbst noch maßloser mit Kredit bedacht. So stand die Caisse d'Escompte am Vorabend eines schweren Ereignisses, des Falliments. Die Ersparnisse von hundert sparsamen Arbeiterfamilien waren in Gefahr. Jetzt mußten Rat und rettende Tat geschafft werden um jeden Preis, sonst wäre der Fazismus im Defizit zerstoben wie die Spreu im Winde. Für die Caisse d'Es compte direkt war natürlich unter bewandten Umständen kein Geld aufzutreiben. Es laborierte aber in Genf grade damals noch eine andre Kreditanstalt an ihrer Entstehungsperiode, die Banque Générale Suisse. Dieser Bank mußten bedeutende Fonds verschafft werden, damit sie im Gegendienst die Caisse d'Escompte von der Geldebbe und den Herrn Fazy von der Schuldenflut errette. Fazy mußte den Retter machen, um der Gerettete zu werden. Ihm wurde für den Fall des Gelingens eine würdige Provision in soundso viel Prozente zugesichert und der Caisse d'Escompte das rettende Hülfskapital. Herr Fazy ging also zu diesem Behuf pro domo und für die Banque Générale Suisse nach
Paris
, wo es ihm nach mehrwöchentlichem Aufenthalt und - wie die Fama sagte -
mit dem huldvollen Beistand des 'Allerhöchsten' -
gelang, bei dem Crédit mobilier das Rettungsgeschütz in vielen Millionen Franken aufzutreiben. Es fanden damals grade die Vorbereitungen zu neuen Regierungswahlen statt (November 1855),

und der Sauveur <Retter>

schrieb deshalb schon vor seiner Ankunft in Genf, er werde nächstens die enorme Millionenladung selber mitbringen. Das war ein Heilpflaster für die wunden Herzen der Aktionäre der Caisse d'Escompte und eine Zauberfackel für die ultramontan-radikalen Wähler. Eine Karikatur ließ ihn dann, gut porträtiert, in Gestalt eines riesigen Schwans, mit Goldsäcken beladen, auf dem See in den Hafen Genfs einfahren. Ein Spaßvogel sagte mir damals, man habe ihm beim Bier erzählt, Fazy habe 50, beim Wein, er habe 100, und beim extrait d'Absinthe, er habe 200 Millionen mitgebracht. Die Reputation der wundertätigen Kraft des Papa Fazy war bei seinen Kindern völlig wiederhergestellt. Die Demokraten, in dem Wahn, ihres Siegs bei den Wahlen sicher zu sein, machten keine besondern Anstrengungen. Die schon seit einiger Zeit gebildete Gesellschaft junger kräftiger Männer - les fruitiers - gebärdete sich nun vollständig als Fazys Leibgarde, terrorisierte bei dem Wahlakt auf die brutalste Weise und ihr Götze bestieg abermals den Präsidentenstuhl.

Diesmal erwies es sich aber bald klar und deutlich, daß die Ultramontanen nicht umsonst ihr massenhaftes Kontingent geliefert, sondern auch ihren Siegespreis haben sollten. Der infolge des Sonderbundkriegs aus der Schweiz verjagte Bischof von Freiburg, Herr Marilley, der ewige Hetzer und Unruhstifter, kam an einem schönen Tage mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung des Herrn Fazy aus Frankreich nach Genf zurück und begann 'heilige' Messen zu lesen. Durch die ganze Stadt ging ein Schrei des Unwillens, alsbald widerhallend in der ganzen Schweiz. So etwas war selbst den blindesten Radikalen, den ergebensten fruitiers zu bunt. Sofort wurde eine Volksversammlung gehalten und der Herr Regierungspräsident mit einem Mißtrauensvotum beschenkt. Sein Kollege, der Herr Regierungsrat Tourte, fühlte, obgleich nur ein Jünger und Schüler Fazys, bedenkliche Emancipationsgelüste und donnerte rücksichtslos auf seinen Herrn und Meister los. Herr Fazy war aber schon vor der Ankunft des Herrn Bischof weggereist, wie immer in solchen Fällen, wo er seinen Kollegen eine Sauce zugerichtet hatte, die sie allein austrinken sollten. Der Herr von Marilley mußte natürlich Stadt und Land sofort verlassen. Papa Fazy aber schrieb von Bern aus, seinen aufrührerischen Kindern einstweilen den Kopf waschend, er sei mißverstanden worden, die Regierung habe ihre Sache nicht gut gemacht, er habe auch nur im 'Interesse der Religionsfreiheit' gehandelt, dem Bischof nur einfachen Besuch erlaubt. Nach Legung des ersten Sturms kehrte der schwer beleidigte Papa Fazy wieder zurück. Es war ihm nun um so leichter, mit einigen Orakelsprüchen, die auf alles passen und stets wahr scheinen, seine verletzte Autorität und den Glauben an seine reine Freiheits- und Vaterlandsliebe wiederherzustellen, als seine Herren Kollegen die Artigkeit hatten, die Hauptschuld auf sich zu nehmen. Fazy hatte aber damit den schonen Zweck erreicht, seinen Freunden, den Ultramontanen, zu zeigen: daß er
immer bereit ist, alles für sie zu tun - was ihm möglich ist
. Herr James Fazy ist nun seit einigen Jahren ein recht reicher Herr. Nicht nur soll ihm von der Banque Générale Suisse ein gewisser Prozentanteil lebenslänglich gesichert sein, sondern er hat auch als Regierungspräsident bei den Eisenbahnunternehmungen seines Kantons usw. seine eignen Interessen nicht miß-

verstanden. In seinem schonen und großen Hause (Hotel Fazy auf dem Quai du Mont Blanc) bewegt sich im Cercle des Etrangers <Klub der Ausländer> die elegante Welt. Und seitdem Piemont die 'Spielhöllen' der Bäder Savoyens mit seiner Staatsmoral unverträglich fand, hat der mitleidige Präsident der Republik Genf gerührt eine solche Hölle als Flüchtlingin in seine geräumigen Säle aufgenommen. Es lebe die Freiheit! Laissez aller et laisset faire! Allez chez moi et faites votre jeu! <Leben und leben lassen! Kommt her zu mir und macht euer Spiel!>

Mein Liebchen, was willst Du mehr?

Ihr Johann Philipp Becker"

Von
Vogts
Patronen steige ich herab zu seinen
Mitstrolchen
.

Peace and goodwill to this fair meeting,

I come not with hostility, but greeting.
(5)

An der Spitze des Zugs, von dem ich nur einige auffallendere Gestalten namhaft machen will, begegnet uns die
Berliner "National-Zeitung"
unter dem Kommandostab von Herrn F. Zabel. Ein Vergleich der von Vogt selbst soufflierten Anzeige des "Hauptbuchs" durch Mr. Edouard Simon in der "Revue contemporaine" mit den entsprechenden Artikeln der "National-Zeitung", "Breslauer Zeitung"

usw. läßt fast glauben, daß die "abgerundete Natur" zwei Programme erließ, eins zur Bearbeitung der italienischen und das andre zur Bearbeitung der Augsburger Kampagne. Was in aller Welt bewog Herrn
F. Zabel
, den sonst so langweilig behutsamen Leisetreter und Fettbildner der "National-Zeitung", so extrem über die Schnur zu hauen und Vogts Gassenhauer in Leitartikel zu setzen?

Die erste ausführliche Rücksichtnahme auf die
"National-Zeitung"
findet sich Nr. 205 der
"Neuen Rheinischen Zeitung"
vom 26. Januar 1849 in einem Leitartikel, der mit den Worten beginnt:
"Wegweiser nach Schilda"
. Jedoch sind die Arme des Wegweisers zu lang, um sie hier wieder abzudrucken. In einem Leitartikel der "Neuen Rheinischen Zeitung" Nr. 224 vom 17. Febr. 1849 liest man:

"Die
Berliner 'National-Zeitung'
ist der
inhaltschwere Ausdruck der Inhaltlosigkeit
. Einige neue Proben. Es handelt sich von der preußischen Zirkularnote ... Zwar und aber! Können und mögen und scheinen! Finden und wollen, daß die preußische Regierung wolle! Jede Wendung trägt wie ein Bagnosträfling ein Zentnergewicht an den

Beinen und wiegt daher schwer. Jedes 'wenn', jedes 'zwar', jedes 'aber' ein leibhafter Dr. utriusque juris <Doktor beider Rechte>. Und wenn ihr all diesen christlich-germanischen Wulst, alle diese baumwollenen Lappen, worin die
'National-Zeitung'
ihre Weisheit vorsorglich einwickelt, ebenso sorglich abwickelt, was bleibt übrig? ... Die
Kannegießerei
, schwarz auf weiß, als premier Berlin, en grande tenue <Berliner Leitartikel, in großer Aufmachung> ... Die
'National-Zeitung'
ist offenbar für
denkende Leser
geschrieben, wie Rottecks Weltgeschichte ... Die Franzosen haben eine treffliche Formel für diese Art Denken, dessen ganze Bewegung rein sprachlich ist. 'Je n'aime pas les épinards et j'en suis bien aise; car si je les aimais, j'en mangerais beaucoup, et je ne peux pas le souffrir.' 'Ich esse den Spinat nicht gerne, und das ist sehr gut;
denn wenn
ich ihn gern äße, würde ich nicht genug davon essen können, und ich kann ihn nicht ausstehn.'...
Die 'National-Zeitung'
will Preußens Glück und darum - ein andres Ministerium. Was sie aber unter allen Umständen will, ist - ein
Ministerium
. Das ist auch das einzige, worüber die Patrone der
'National-Zeitung'
mit sich im klaren sind und sich eines entschiednen Selbstbewußtseins erfreun."

In No.296 der "Neuen Rheinischen Zeitung" liest man unter

"
Berlin, 9. Mai 1849
... Es ist interessant, die Haltung der Berliner Presse der sächsischen Revolution gegenüber zu beobachten.
Die 'National-Zeitung' kennt nur ein Gefühl - die Furcht

verboten zu werden."

Aber Furcht ist ein Lebenselixier, wie die
"National-Zeitung"
während des Dezenniums Manteuffel bewiesen hat. Die
"National-Zeitung"
hat Popes Wort bewahrheitet:

Still her old empire to restore she tries,

For born a goddess Dullness never dies.
(6)

Nur unterscheidet sich Popes Reich der
Dullness
von dem Reich der
"National-Zeitung"
dadurch, daß dort "jetzt Dunce der Zweite herrscht, wie vordem Dunce der Erste", während hier immer noch der alte Dunce herrscht,
Dunce the first
.

Der
"National-Zeitung"
folgt auf dem Fuße nach die
"Breslauer Zeitung"
, die jetzt für das Ministerium Hohenzollern schwärmt, wie früher für das Ministerium Manteuffel. Anfang 1860 erhielt ich folgenden Brief:

"Breslau, 27. Februar 1860

Lieber Marx!

In der
'Volks-Zeitung'
habe ich Deine Adresse und Deine Erklärung gegen die 'National-Zeitung' gelesen. Einen ähnlichen Artikel wie die 'National-Zeitung' hat auch die
'Breslauer Zeitung'
aus der Feder ihres
täglichen
Mitarbeiters, des
Dr. Stein
, gebracht. Das ist derselbe Dr. Stein, welcher in der Berliner Nationalversammlung mit d'Ester auf der äußersten Linken saß und den bekannten Antrag gegen die Offiziere der pr[eußischen] Armee gestellt hat. Dieser große Stein von kleinem Körper ist von seinem Amte als Lehrer suspendiert. Er hat sich seit der Existenz des neuen Ministeriums die Aufgabe gestellt, für dasselbe zu agitieren, nicht allein im vergangenen Jahre bei den Wahlen, sondern auch jetzt noch, um die schlesische Demokratie mit den Konstitutionellen zu vereinigen. Trotzdem ist von dem jetzigen Ministerium sein Gesuch um Erlangung einer Konzession für Privatunterricht abgewiesen worden, nicht einmal, sondern mehrere Male. Das abgetretene Ministerium hatte stillschweigend geduldet, daß er denselben erteile, das jetzige aber hat ihm denselben als gesetzwidrig verboten. Er ist nun zur Erlangung einer Konzession nach Berlin gereist, aber erfolglos, wie Du in derselben Nummer der 'Volks-Zeitung', die Deine Erklärung bringt, eines weitern lesen kannst.
Dr. Stein
hat auch jetzt in der
Breslauer Ressourcen-Gesellschaft
beim Narrenzuge die Schwefelbande aufführen lassen. Trotzdem müssen
Dr. Stein, Schlehan, Semrau
und ihre Spießgesellen von den Konstitutionellen eine Demütigung nach der andern ertragen, aber diese Sorte läßt sich in ihrem Patriotismus nicht irremachen. Was sagst Du zu dieser saubern Gesellschaft?"

Was soll ich zu meinem Kollegen Stein sagen, denn in der Tat, Stein war mein Kollege. Ich habe nämlich ein ganzes halbes Jahr (1855) in die
"Neue Oder-Zeitung"
korrespondiert, und es ist die einzige deutsche Zeitung, worin ich während meines Aufenthalts im Ausland schrieb. Offenbar ist Stein der Mann mit dem steinernen Herzen, das selbst die Versagung der Konzession zum Privatunterricht nicht erweichen konnte. Die "Neue Rheinische Zeitung" hatte viel an dem Stein herumgehauen, um ihn zur Büste zuzuhauen. So z.B. No. 225:

"Köln, 16. Febr. 1849 ... Was Hrn. Stein speziell betrifft, so erinnern wir uns der Zeit, wo er fanatisch-konstitutionell gegen die Republikaner auftrat und
die Vertreter der Arbeiterklasse in der 'Schlesischen Zeitung' förmlich

denunzierte
und durch einen geistesverwandten Schulmeister, jetziges Mitglied des 'Vereins für gesetzliche Ordnung',
denunzieren ließ
. Erbärmlich wie die Vereinbarer-Versammlung war die sogenannte demokratische Fraktion dieser Versammlung. Es war vorauszusehn, daß die Herren jetzt, um
wiedergewählt
zu werden,

die
oktroyierte Verfassung
anerkennen würden.

Es bezeichnet den Standpunkt dieser Herren noch mehr, wenn sie in den demokratischen Klubs
hinterher
verleugnen, was sie vor der Wahl in den Wahlversammlungen bejahten. Diese klein pfiffig liberale Schlauheit war nie die Diplomatie revolutionärer Charaktere."

Daß die "[Neue] Rheinische Zeitung" nicht umsonst den Stein bildhaute, bewies er, sobald Manteuffel die aufoktroyierte Kammer wieder wegoktroyiert hatte, denn nun rief Dr. Julius Stein im "demokratischen Hauptverein zu Breslau:

"Wir" (die äußerste Berliner Linke) "haben die deutsche Frage von Anfang für verloren gegeben ... Man muß sich
jetzt
überzeugen,
daß keine deutsche Einheit möglich ist, solange
es
deutsche Fürsten gibt
." (No. 290, "Neue Rheinische Zeitung".)

Es ist nun in der Tat herzzerreißend, steinerweichend, daß derselbe Stein, obgleich nicht mehr ein Stein des Anstoßes, fort und fort von Schwerin verworfen wird als - Baustein.

Ich weiß nicht, ob meine Leser den
"Punch"
aus eigner Anschauung kennen, ich meine den Londoner "Kladderadatsch". Auf dem Titelblatt sitzt Punch und ihm gegenüber steht sein Hund Toby, der ganz sauertöpfig dreinsieht und eine Feder hinter dem Ohr trägt, beides Zeichen, daß er ein geborner penny-a-liner ist. Wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf, so könnte man den Vogt etwa mit Punch vergleichen, namentlich seit der letztere seinen Witz verloren hat, ein Malheur, das ihm 1846 mit der Abschaffung der Korngesetze passiert ist. Seinen Kameraden aber, den Hund Toby, kann man nur mit sich selbst vergleichen oder mit Eduard Meyen. In der Tat bedarf Eduard Meyen, wenn er wirklich jemals sterben sollte, keiner pythagoreischen Seelenwanderung. Dafür hat Toby schon bei seinen Lebzeiten gesorgt. Ich will nicht grade behaupten, daß Eduard Meyen dem Zeichner der Titelvignette als Modell gesessen hat, aber jedenfalls habe ich in meinem ganzen Leben nie eine größere Ähnlichkeit zwischen einem Menschen und einem Hunde gesehn. Jedoch kein Wunder. E. Meyen ist von Natur penny-a-liner und der penny-a-liner ist von Natur Toby. E. Meyen hat es von jeher geliebt, seine zudringlich rührige Federseligkeit fertig eingerichteten Parteiorganisationsschreibunternehmungsanstalten zu widmen. Ein aufoktroyiertes Programm erspart die Mühe des Selbstdenkens, die Zusammenhangsempfindung mit einer mehr oder minder organisierten Masse übertäubt das Gefühl der Selbstunzulänglichkeit, und das Bewußtsein einer vorhandenen Kriegskasse überwindet für Augenblicke sogar die professionelle Verdrießlichkeit Tobys. So finden wir den Eduard Meyen seinerzeit angeschwänzt an das unglückliche demokra-

tische Zentralkomitee, die taube Nuß, die 1848 aus der deutschen Demokratenversammlung zu Frankfurt am Main hervorwuchs. Im Londoner Exil war er attachiert als betriebsamster Drechsler der lithographischen Flugblätter, worin Kinkels Revolutionsfabrikations-Anleihegelder zum Teil vermöbelt wurden, was denselben Eduard Meyen natürlich nicht verhindert hat, mit Sack und Pack ins prinzregentschaftliche Lager überzulaufen, um Amnestie zu heulen und in der Tat die Erlaubnis zu erbetteln, von Wandsbek aus in den Hamburger "Freischütz" über auswärtige Politik drangsalieren zu dürfen. Vogt, der "Diejenigen welche" warb, Leute, die seinem "Programm folgen" und ihm Artikel apportieren wollten, und zudem eine wohlgespickte Kriegskasse vor ihren Augen tanzen ließ, kam unserm Eduard Meyen, der augenblicklich grade herrenlos umherlief, indem bei den schlechten Zeitläuften niemand die Hundesteuer zahlen wollte, daher wunderlich gelegen, und wie ergrimmt bellte Toby auf bei dem Gerücht, ich wolle die Vogtsche Parteischreibunternehmungsanstalt um ihren Kredit und ihre federfuchsenden Möpse um die Schreibgebühren prellen! Quelle horreur! <Schauderhaft!>

Vogt ließ seinem Eduard Meyen ebenso ausführliche Instruktion über die obligate Bearbeitung des "Hauptbuch" zukommen wie seinem Edouard Simon, und in der Tat hat Eduard Meyen 5 Nummern des "Freischütz" (No. 17-21, 1860) mit Schwarten aus dem "Hauptbuch" gespickt. Aber welcher Unterschied! Während Edouard Simon das Original korrigiert, verballhornt es Eduard Meyen. Die einfachste Anlage zu objektiver Auffassung eines gegebenen Stoffes zeigt sich doch wohl in der Fähigkeit, gedrucktes Zeug
abschreiben
zu können, aber unser Eduard Meyen ist platterdings unfähig, auch nur eine Zeile richtig abzuschreiben. Tobys Gemüt ermangelt selbst der zum Abschreiben nötigen Kraft. Man höre:

"Freischütz" No. 17:

"Die Zeitung ('Allgemeine Zeitung') ... ist jetzt überführt, sich ... auch ... der Mithülfe einer revolutionären Partei bedient zu haben, welche Vogt als die
Schwefelbande der deutschen Republikaner
brandmarkt."

Wann und wo fabelt Vogt von der Schwefelbande der deutschen Republikaner?

"Freischütz" No. 18:

"Liebknecht ist es, welcher die Anklage gegen Vogt in der 'Allgemeinen Zeitung' zu erheben hat, indem er die von Biscamp im Londoner 'Volk' geschmiedeten Anschuldigungen dort wiederholte; das volle Gewicht jedoch erhielten sie erst, als Marx ein in

London erschienenes Flugblatt, dessen Autorschaft er Blind zuschrieb, der 'Allgemeinen Zeitung' übersandte."

Vogt durfte viel lügen, aber schon sein Advokat Hermann verbot ihm die Lüge, daß der in der "Allgemeinen Zeitung"
nicht
abgedruckte Artikel Biscamps von Liebknecht in ihr "wiederholt" worden sei. Ebensowenig fällt dem Vogt ein zu sagen, ich habe der "Allgemeinen Zeitung" das Flugblatt "Zur Warnung" übersandt. Er sagt vielmehr ausdrücklich: "Herr Liebknecht ... ist es, der das verleumderische Flugblatt der 'Allgemeinen Zeitung' versendet hat." (p. 167, "Hptb.".)

"Freischütz" No. 19:

"Blind hat die Autorschaft des Flugblatts positiv abgelehnt, und der Drucker hat bezeugt, daß ihm dasselbe nicht von Blind zum Druck
übergeben
sei. Wohl aber steht fest, daß die Schmähschrift sofort mit demselben Satz in das 'Volk' übertragen wurde, daß Marx die Veröffentlichung derselben in der 'Allgemeinen Zeitung' veranlaßt hat usw."

Vogt im "Hauptbuch" druckt einerseits Fidelio Hollingers Erklärung ab, worin Fidelio bezeugt, das Flugblatt sei in seiner Druckerei
nicht gesetzt
worden, und andrerseits meine Gegenerklärung, daß der ursprüngliche Satz der Schmähschrift
noch
bei Hollinger stand, als sie im "Volk" wieder abgedruckt wurde; und welche Konfusion schreibt der unglückliche Toby heraus!

"Freischütz" No. 19: "

"Was die Personen angehe" (sollen Engels und ich in Techows Brief sagen), "so seien sie reine Verstandesmenschen, die keine Nationalität kennten."

Keine
Sentimentalität
, bester Toby, keine Sentimentalität schreibt Techow bei Vogt.

"Freischütz" No. 20:

"Marx ... ließ es geschehen, daß sich die Duellanten nach
Ostende
begaben, um sich dort zu schießen. Techow diente Willich als Sekundant etc. Techow sagte sich nach diesem Vorfall von Marx und seinem Bunde los."

Eduard Meyen ist nicht damit zufrieden,
Ostende
statt
Antwerpen
zu lesen. Er hatte wahrscheinlich zu London gehört, wie der Franzos im Westend klagte, daß die Engländer London schrieben und Konstantinopel aussprächen. Den Techow, der mich zur Zeit seiner Briefstellerei einmal in seinem Leben gesehn hatte und zudem ausdrücklich schreibt, er habe anfangs bezweckt, sich mir und meinem Bunde
zuzusagen
, läßt Eduard Meyen sich von mir und meinem Bunde, dem er nie angehört,
lossagen
.

"Freischüts" No. 21
:

"Aus diesem Vorfall" (dem Zentralarbeiterfest zu Lausanne) "erklärt sieh der heftige Angriff, der in dem 'Volk' in London gegen Vogt erging."

Vogt selbst teilt im "Hauptbuch" das Datum des gegen ihn im "Volk" erschienenen "heftigen Angriffs" mit -
14. Mai 1859
. (Das Flugblatt erschien im "Volk", 18. Juni 1859.) Dagegen trug sich das Lausanner Zentralfest zu am 26.
und 27. Juni 1859
, also lange
nach
dem "heftigen Angriff", den es nach Meyen veranlaßt hat.

Doch genug dieser Tobyschen Lesefrüchte. Kein Wunder, wenn Toby, der in Vogts Schrift alles das las, was nicht drin steht, unter anderm auch herauslas:

"Vogts Schrift wird unter die kecksten, witzigsten und nützlichsten Streitschriften unsrer Literatur gestellt werden." ("Freischütz" No. 17.)

Und nun denke man sich diesen unglücklichen Toby, unfähig wie er ist, auch nur 2 Zeilen aus einem gedruckten Buch richtig abzuschreiben, man denke sich Toby dazu verdammt, täglich von Wandsbek aus im Buch der Weltgeschichte lesen, Tagesereignisse, nur noch flüchtig in den undeutlichsten Initialen angedeutet, stündlich abschreiben und die dissolving views <zersetzenden Auffassungen> der Gegenwart im "Freischütz" lebensgroß photographieren zu sollen! Unglücklicher Wandsbeker Bote! Glücklicher Hamburger Leser des "Freischütz"!

Die
London "Times"
brachte vor einigen Tagen einen sonderbaren Paragraphen, der durch die englische Presse lief und betitelt war: "A man shot by a dog." <"Ein Mann von einem Hund erschossen."> Es scheint also, daß Toby sich aufs Schießen versteht, und so ist es nicht zu verwundern, wenn der Eduard Meyen im "Freischütz" singt: "Ein Schütz bin ich in des Regenten Sold."

Die
"Kölnische Zeitung"
beschränkte sich nur auf einige bösgemeinte Paragraphen und Insinuatiönchen zugunsten Vogts. Acht Tage nach Erscheinen des "Hauptbuch" verbreitete sie in ihren Spalten die Märe, es sei bereits vergriffen, wahrscheinlich um sich nicht selbst daran vergreifen zu müssen. Übrigens welcher Humor im Weltlauf!

Hätte ich 1848/49 zur Zeit der "Neuen Rheinischen Zeitung", als wir täglich für Polen, Ungarn und Italiener eine Lanze mit der Kölnischen Nachbarin brachen, irgendwie ahnen können, daß dieselbe "Kölnische Zeitung" im Jahre l859 als Ritterin vom Nationalitätsprinzip erstehn und der so einfache Herr
Jusepp Dumont
sich in einen Signor Giuseppe Del

Monte entraupen werde! Aber damals allerdings hatte noch kein Louis Bonaparte den Nationalitäten die höhere sittlich-liberale Weihe erteilt, und die
"Kölnische Zeitung"
wird Louis Bonaparte nie vergessen, daß er die Gesellschaft gerettet hat. Den roten Grimm, womit sie zu jener Zeit
Östreich
angriff, zeige

"
Neue Rheinische Zeitung" No. 144.

"Köln, 15. Novbr. (1848). In einem Augenblick, wo ganz Deutschland mit dem Schrei der Entrüstung emporfährt, daß der bluttriefende Diener des östreichischen Banditen, daß ein Windischgratz es wagen konnte, den Deputierten
Robert Blum
wie einen Hund totschießen zu lassen - in einem solchen Augenblick ist es an der Zeit, auf zwei deutsche Blätter zurückzukommen, von denen das eine mit seltner Perfidie die letzten Lebenstage des Geschiednen zu schänden suchte und das andre ihn bis ins Grab mit seinem faden Kretinismus verfolgt. Wir sprechen von der 'Kölnischen Zeitung' und der 'Rheinischen Volks-Halle' (vulgo Narrhalla) ... In Nr. 292 berichtete die 'Kölnische Zeitung': 'Am 22. d. (Oktober) haben sich die
begeisterten Führer
der demokratischen Partei ... aus Wien entfernt; desgleichen ...
Robert Blum
.' Die
'Kölnische'
machte diese Mitteilung ohne weitern Zusatz, setzte aber die Denunziation gegen Blum in Garmond-Schrift, um sie dem Gedächtnis ihrer Leser um so leichter einzuprägen. Die 'Kölnische Zeitung' vervollkommnete sich in ihren spätern Nummern. Sie scheute sich nicht, selbst Artikel des schwarz-gelbsten Battes der Kamarilla, Mitteilungen des Organs der Erzherzogin Sophie [...], der infamsten aller östreichischen Zeitungen [...], in ihre Spalten aufzunehmen..." (folgt dann als Zitat u[nter] anderm): "Robert Blum hat in Wien keine Lorbeeren geerntet ... Er sprach nämlich auf der Aula von dem innern Feinde der Zaghaftigkeit, des Mangels an Mut und Ausdauer; sollte es aber außer diesem innern Feinde
auch andre
geben - er hoffe, es gebe deren nicht - oder sollten noch Leute in der Stadt existieren, die den Sieg des Militärs lieber wollten als den Sieg der Freiheit, so müsse sich der Vernichtungskampf gegen die Scharen vor der Stadt mit scharfer Waffe auch gegen sie kehren ... In Herrn Blums Rede liegt der Wahnsinn eines Septembristen ... Hat Herr Blum diese Worte gesprochen, dann hat er, wir sagen es unumwunden -
sich entehrt
.' Soweit die 'Kölnische Zeitung'."

Vermittelst künstlich geheimer Röhrenleitung leeren alle Abtritte von London ihren physischen Unrat in die Themse aus. So spuckt die Welthauptstadt täglich durch ein System von Gänsekielen all ihren sozialen Unrat in eine große papierne Zentralkloake - den "Daily Telegraph". Liebig tadelt mit Recht jene sinnlose Verschwendung, die dem Wasser der Themse seine Reinheit und dem Land von England seinen Dünger raubt.
Levy
aber, der Eigentümer der papiernen Zentralkloake, versteht sich nicht nur auf Chemie, sondern sogar auf Alchimie. Nachdem er den sozialen Unrat Londons in Zeitungsartikel verwandelt hat, verwandelt er die Zeitungsartikel in Kupfer und schließlich das Kupfer in Gold. Auf dem Tor, das zur

papiernen Zentralkloake führt, sind die Worte eingeschrieben di colore oscuro: "hic ... quisquam faxit oletum!" <mit dunkler Farbe: "Hier darf Gestank gemacht werden!">

oder wie
Byron
es poetisch schön übersetzt hat:
"Wanderer, stop and - piss!"

Levy, wie Habakuk, est capable de tout <ist zu allem fähig>.

Er ist imstand, drei Spalten lange Leitartikel über einen einzigen Notzuchtsfall zu drucken. Im Beginn dieses Jahres traktierte er sein zahlreiches Publikum von Feinschmeckern mit einem Assafötida-Ragout, sinnig zusammengebraut aus so schmierig ekelhaften Details einer gewissen Gerichtsverhandlung, daß sie den Richter zur Räumung des Gerichtssaales von Weibern und Kindern bestimmt hatten. Unglücklicherweise warf Levy den Namen einer unschuldigen Person als Pfeffer in das Ragout. Der darauf gegen ihn erhobene Verleumdungsprozeß endete mit seiner Verurteilung und der öffentlichen Brandmarkung seines Organs von der englischen Richterbank herab. Verleumdungsprozesse, wie alle Prozesse, sind bekanntlich in England unverschämt kostspielig, gewissermaßen das Privilegium des coffre-fort <Geldschranks>. Eine Anzahl unbeschäftigter Advokaten in der City entdeckte jedoch nun sehr bald, daß Levy ergiebiges Wild sei; sie taten sich zusammen und bieten ihre Dienste auf Spekulation jedem gratis an, der den Levy wegen Verleumdung verklagen will. Levy selbst hat daher in seinem eignen Organ laut gejammert, daß eine neue Rubrik von Gelderpressungen in Schwung gekommen sei, die Verleumdungsklage gegen Levy. Seitdem ist es bedenklich geworden, den Levy zu verklagen. Man setzt sich zweideutelnder Nachrede aus, denn wie an den Mauern von London zu lesen steht: Commit no Nuisance, so auf den Türen englischer Gerichtshöfe:
Commit Levy
.

Politiker nennen den "Daily Telegraph" "Palmerstons Mobpaper", aber Levys Dreck-Schuite ladet Politik überhaupt nur als Ballast, Die "Saturday Review" charakterisierte sein Pennyblatt dagegen treffend als "cheap and nasty" ( wohlfeil und eklig").

"Es ist ein fatales Symptom", sagt sie u.a ,"daß er dem Schmutz entschieden den Vorzug vor der Reinlichkeit gibt; unter allen Umständen wird er den wichtigsten Bericht ausschließen, um Raum für einen schmierigen Artikel zu finden."

Jedoch besitzt Levy auch seine eigne Prüderie. So mäkelt er z.B. an der Unsittlichkeit der Theater und verfolgt, ein zweiter Cato Censor, die Kleidung der Ballettänzerinnen, die zu spät anfange und zu früh aufhöre. Durch solche Tugendanfälle geriet Levy aus dem Regen in die Traufe. O, Konsequenz! ruft ein Londoner Theaterjournal, "The Players", aus, o,

Konsequenz, wo ist dein Schamrot? Wie muß der Schurke (the rogue) sich in den Bart gelacht haben! ... Der "Telegraph" Anstandsprediger für weibliche Bühnentracht! Heiliger Jupiter, was wird sich nächstens zutragen? Erdbeben und feurige Kometen sind die allergeringsten Dinge, die nun zu erwarten stehn. Anstand! "I thank thee, Jew, for teaching me that word." (Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt.) Und wie Hamlet der Ophelia, rät der "Player" dem Levy, sich ins Kloster zu packen, und zwar in ein Nonnenkloster. "Get thee to a nunnery, Levy!"

Levy in einem Nonnenklosterl Vielleicht ist das
"nunnery"
nur ein Druckfehler für
Nonaria
, so daß zu verstehn wäre, "pack dich zur Nonaria, Levy", und in diesem Fall wird jeder sein

"multum gaudere paratus,

Si Cynico" (dem Zyniker Levy) "barbam petulans Nonaria vellat".

<"bereit nach Herzenslust sich zu ergötzen,

wenn dem Zyniker Nonaria mutwillig den Bart rauft">

Die "Weekly Mail" behauptete, Levy mache dem Publikum zwar kein X für ein U, wohl aber ein Y für ein I, und wirklich findet sich unter den 22.000 Levis, die Moses bei dem Zug durch die Wüste aufgezählt hat, kein einziger Levi, der sich mit einem Y schreibt. Wie Edouard Simon mit aller Gewalt zur romanischen, will Levy durchaus zur angelsächsischen Race zählen. Wenigstens einmal jeden Monat greift er daher die unenglische Politik des Herrn Disraeli an, denn Disraeli, "das asiatische Rätsel" (the Asiatic mystery) stamme nicht, wie der "Telegraph", von der angelsächsischen Race. Aber was nützt es dem Levy, den Herrn D'Israeli anzugreifen und ein Y für ein I zu machen, da Mutter Natur seinen Stammbaum in tollster Frakturschrift ihm mitten ins Gesicht geschrieben hat. Die Nase des geheimnisvollen Fremden des Slawkenbergius (s[iehe] Tristram Shandy), der sich die finest nose <feinste Nase> geholt hatte vom promontory of noses <Nasenvorgebirge>, bildete doch nur das Wochengespräch von Straßburg, während Levys Nase das Jahresgespräch der City von London bildet. Ein griechischer Epigrammatiker beschreibt die Nase eines gewissen Kastor, die ihm zu allen Dingen gedient habe, als Schaufel, Trompete, Sichel, Anker usw. Er schließt die Beschreibung mit den Worten:

"
Outwz eucrhstou skeuouz Kastwr tetuchke

Rina jerwn pashz armenon ergasiaz
"
(7)
,

aber dennoch riet Kastor nicht, wozu Levy seine Nase braucht. Der englische Dichter kommt näher in den Zeilen:

"And 'tis a miracle we may suppose,

No nastiness offends his skilful nose."
(8)

Die große Kunst von Levys Nase besteht in der Tat darin, mit Faulgeruch zu kosen, ihn auf hundert Meilen herauszuschnüffeln und heranzuziehn. So dient Levys Nase dem "Daily Telegraph" als Elefantenrüssel, Fühlhorn, Leuchtturm und Telegraph. Man kann daher ohne Übertreibung sagen, daß Levy seine Zeitung mit seiner Nase schreibt.

Dieser saubere "Daily Telegraph" war natürlich das
einzige
englische Blatt, worin Vogts "Lausiade" erscheinen, aber auch nicht fehlen durfte. In Levys Organ vom 6. Februar 1860 erschien ein 2
1
/
2
Spalten langer Artikel, überschrieben: "The Journalistic Auxiliaries of Austria" (Die journalistischen Helfershelfer Östreichs), in der Tat eine bloße Übersetzung der beiden Leitartikel der Berliner "National-Zeitung" in übelduftendes Englisch. Um irrezuleiten, trug der Artikel die Überschrift: "From an occasional correspondent, Frankfort on the Main, February 2." (Von einem gelegentlichen Korrespondenten, Frankfurt a. M., 2. Februar.) Ich wußte natürlich, daß der einzige Korrespondent des "Telegraph" in Berlin haust, wo ihn Levys Nase mit gewohnter Virtuosität entdeckt hatte. Ich schrieb also umgehend an einen Freund in Berlin, ob er mir nicht den Namen des Korrespondenten für Levys Organ nennen könne. Mein Freund, ein Mann, dessen Gelehrsamkeit sogar A. v. Humboldt anerkannt hat, war jedoch verstockt genug zu behaupten, es existiere kein "Daily Telegraph" zu London und folglich kein Korrespondent desselben zu Berlin. Unter diesen Umständen wandte ich mich an einen andern Bekannten in der Spreestadt. Antwort: Der Berliner Korrespondent des "Daily Telegraph" existiert und heißt -
Abel
. Hierin erblickte ich eine arge Mystifikation. Abel war offenbar eine bloße Abkürzung von Zabel. Der Umstand, daß Zabel kein Englisch schreibt, konnte keinenfalls beirren. Wenn Abel als Zabel, ohne deutsch zu schreiben, die
"National-Zeitung"
redigiert, warum sollte Zabel als Abel, ohne englisch zu schreiben, nicht den "Telegraph" bekorrespondieren? Also Zabel, Abel, Abel Zabel?

Wie sich herausfinden aus diesem Babel?

Noch einmal verglich ich das Berliner Weisheits-Organ mit Levys Organ und entdeckte bei dieser Gelegenheit in Nr. 41 der "National-Zeitung" folgende Stelle:

"Liebknecht fügt wunderbar hinzu: 'Wir wollten von dem
Magistrat
(
?
) unsere Unterschriften beglaubigen lassen.'"

Diese Stelle mit dem Magistrat und Zabels erstauntem Fragezeichen hinter dem Magistrat erinnert an jenen Schwab, der "sobald er in Asien nur aus dem Meerschiff stieg, doch frug: 'Ist nit ein gut Gesell von Bebbingen hie?'" In Levys Organ fehlt nicht nur die ganze Stelle, sondern sogar das Fragezeichen, woraus sonnenklar folgt, daß Levys Korrespondent nicht die Ansicht F. Zabels teilt, wonach die Londoner Polizeirichter oder Magistrate (magistrates) der Berliner Magistrat sind. Also Zabel war nicht Abel und Abel war nicht Zabel. Unterdessen hatten andre Bekannte in Berlin von meinen Mühen gehört. Der eine schrieb: "Unter den 22.000 Levis im 4ten Buch Moses befindet sich auch ein Abel, nur buchstabiert sich der Abigail." Der andre schrieb: "Diesmal also hat Abel den Kain getötet und nicht Kain den Abel." So geriet ich auf immer größre "Irrgänge", bis mir endlich der Redakteur einer Londoner Zeitung mit englisch-trocknem Ernst versicherte, Abel sei kein Spaß, sondern vielmehr ein Berliner jüdischer Literat, dessen voller Name
Dr. Karl Abel
laute, welcher holde Junge geraume Zeit unter Stahl und Gerlach als eifriger Schanzknecht der
"Kreuz-Zeitung"
gedient, aber mit dem Ministerwechsel wenn nicht die Haut, so doch die Couleur gewechselt habe. Zudringlichster Renegateneifer würde nun allerdings erklären, wie Levys Berliner Korrespondent die englische Preßfreiheit eigens dazu erfunden glaubt, seine Bewunderungsfallsucht vor dem Ministerium Hohenzollern öffentlich zu hausieren. Hypothetisch also mag angenommen werden, daß es außer einem Levy in London auch noch einen Abel in Berlin gibt - par nobile fratrum <ein edles Bruderpaar>.

Abel besorgt seinen Levy gleichzeitig von allen möglichen Plätzen aus, von Berlin, Wien, Frankfurt am Main, Stockholm, Petersburg, Hongkong, usw., was ein noch viel größres Kunststück ist als de Maistres "Voyage autour de ma chambre" <"Reise rund um mein Zimmer">. Aber unter welchem Lokalzeichen Abel seinem Levy schreiben mag, er schreibt doch stets unter dem Wendezeichen des Krebses. Im Unterschied von der Echternacher Prozession, wo es zwei Schritte vorwärts auf einen zurück geht, gehn Abels Artikel einen Schritt vorwärts und zwei zurück.

"No crab more active in the dirty dance,

Downward to climb, and backward to advance."

(Pope)
(9)

Abel besitzt ein unbestreitbares Geschick, seinem Levy die Staatsgeheimnisse des Kontinents zugänglich zu machen. Die "Kölnische Zeitung" z.B. bringt einen beliebigen Leitartikel, sage über russische Finanzen, etwa entlehnt aus der "Baltischen Monatsschrift". Abel läßt einen Monat verstreichen und schreibt dann plötzlich den Artikel der "Kölnischen Zeitung" aus Petersburg nach London, wobei er sicher nicht anzudeuten unterläßt, daß wenn nicht grade der Zar selbst, vielleicht auch nicht einmal der russische Finanzminister, jedenfalls doch einer der Direktoren der Staatsbank ihm das statistische Geheimnis entre deux cigares <zwischen zwei Zigarren>

anvertraut hat, und so ruft er triumphierend aus: " I am in a position to state etc." (Ich befinde mich in der Lage mitzuteilen.) Oder die offizielle
"Preußische Zeitung"
streckt ein ministerielles Fühlhorn aus und deutet etwa des Herrn von Schleinitz unmaßgebliche Ideen über die kurhessische Frage an. Diesmal wartet Abel keinen Augenblick, sondern schreibt seinem Levy, und zwar offen von Berlin her noch denselben Tag über die kurhessische Frage. Acht Tage später berichtet er: Die "Preußische Zeitung", das ministerielle Organ, bringt folgenden Artikel über die kurhessische Frage und "I owe to myself" (ich schulde mir selbst), darauf aufmerksam zu machen, daß ich schon vor acht Tagen usw. Oder er übersetzt einen Artikel der "Allgemeinen Zeitung" und datiert ihn etwa von Stockholm. Dann folgt unvermeidlich die Phrase "I must warn your readers", ich muß Ihre Leser warnen, nicht vor dem abgeschriebnen, sondern vor irgendeinem nicht abgeschriebnen Artikel der "Allgemeinen Zeitung". Sobald Abel jedoch auf die "Kreuz-Zeitung" zu reden kommt, schlägt er ein Kreuz, um sich unkenntlich zu machen.

Was Abels Stil betrifft, so kann man ihn nur sinnbildlich andeuten als Abklatsch der Stilarten Stern Gescheidt, Isidor Berlinerblau und Jacob Wiesenriesler.

Mit Abels Erlaubnis eine Abschweifung. Der Original-Stern-Gescheidt ist ein andrer Mitstrolch Vogts, ein gewisser
L. Bamberger
, 1848 Redakteur eines Winkelblatts in Mainz, gegenwärtig "auf ganzen Sold" angeheirateter loup-garou <Werwolf>

zu Paris und
dezembristischer Demokrat
"im
einfachsten
Sinn des Worts". Um diesen "einfachen" Sinn zu verstehn, muß man die Zigeunersprache der Pariser Börsensynagoge kennen. Stern Gescheidts "einfache" Demokratie ist dasselbe, was Isaac Péreire
"la démocratisation du crédit"
, die Demokratisierung des Kredits, nennt, die darin besteht, nicht einzelne Kreise einer Nation, sondern die ganze Nation in eine Spielhölle

zu verwandeln, um sie en masse beschwindeln zu können. Während der oligarchische Börsenwolf unter Louis-Philippe so engherzig war, nur auf den in den Händen der höhern Bourgeoisie angesammelten Nationalreichtum Jagd zu machen, ist unter Louis Bonapartes Ägide alles fish <Beute> für den demokratischen Börsenwolf, der mit dem römischen Kaiser ausruft:
non olet
<
es stinkt nicht
>, und mit Stern Gescheidt Bamberger hinzusetzt:
"Die Masse muß

es mache."
Das ist Stern Gescheidts Demokratie in ihrer höchsten "Einfachheit". Stern Gescheidt Bamberger ist neuerdings bekannt geworden unter dem Namen
"Juchhe nach Italia!"
.

Während der Reichsverfassungskampagne hörte er dagegen auf den Ruf:
"Auweh, von Kirchheimboland!"
Der von Kirchheimboland durchgebrannte und das rheinpfälzische Freikorps an der Nase herumgeführthabende Stern Gescheidt Bamberger, über dessen Heldentaten mir ein köstliches Manuskript anvertraut worden ist, war viel zu gescheit, um nicht zu wittern, daß die aufgeschwemmte, blutdurchsickerte Schmutzerde des Dezembers gar goldhaltig sei für gescheite Schatzgräber. Er begab sich also nach Paris, wo, wie sein Freund Isidor Berlinerblau alias
H. B. Oppenheim
so schön sagt, "wo man sich freier fühlt, als man weiß". Kreuzfidel wurde Stern Gescheidt, dem 1858 "die Zirkulation zu stocken" begann (s. den Ausweis der Banque de France über die Zirkulation von 1858/59), als plötzlich die Schmutzerde des Dezember in den lichten Farben großtöniger Ideen schillerte. Der ebenso gescheite als funkel-demokratische Stern Gescheidt sah ein, daß eine Pariser Sündflut mit der Dezembererde auch das
Pro
von seinem Hauptbuch wegschwemmen und nur das
Contra
stehnlassen würde. Stern Gescheidt Bamberger hat bekanntlich die neun hellenischen Musen um eine zehnte hebräische Muse vermehrt, um "die Muse der Zeit", wie er den Kurszettel nennt.

Zurück zu Abel. Abels Stil ist durchtränkt von dem für den "Daily Telegraph", die papierne Welthauptstadtskloake, unentbehrlichen odor specificus <spezifischen Geruch>. Wenn Levy recht gerührt ist über das Parfum von Abels Korrespondenz, über Abels Gelehrsamkeit und über die industrielle Beflissenheit, womit Abel aus 20 verschiednen Breitengraden auf einmal schreibt - in solchen Augenblicken höchster Rührung nennt Levy den Abel liebkosend traulich seinen - "industrious bug"
(10)
.

Schon die poetische Gerechtigkeit erheischt, daß die "abgerundete Natur" am Schluß der Komödie nicht mit Abel im Londoner Mist stecken-

bleibe, aber wer soll ihn aus dem Mist herausziehn? Wer soll der Erlöser sein? Mistfinke soll der Erlöser sein, nämlich der
Freiherr

von Vincke
, Junker von der roten Erde, Ritter von der fröhlichen Gestalt, chevalier sana peur et sans reproche.

Die "Neue Rheinische Zeitung" hatte, wie früher erwähnt, schon 1848 die Identität der Gegensätze Vogt und Vincke verraten, und Vogt selbst ahnte sie bereits 1859, als er in seinen "Studien" schrieb:

"Herr von Vincke als Apostel neuer staatlicher Freiheit ... streift doch wirklich
an das Gebiet des Lächerlichen"
(l.c. p. 21),

also an das Gebiet Vogt. Vincke jedoch sprach am 1. März 1860 offen das Wort der Versöhnung, als er die "bescheidne preußische Kammer", wie Joh. Philipp Becker sagt, "mit
der Schwefelbande
illustrierte". Kaum ein Jahr vorher empfahl er demselben Hause das Pamphlet "Po und Rhein", dessen schwefligen Ursprung er in Ermanglung von Levys Nase natürlich nicht gewittert hatte. Als Vincke nun gar wie Vogt den Italiener spielte, Vincke wie Vogt die Polen insultierte und Vincke wie Vogt die Teilung Deutschlands proklamierte, da sanken sich die feindlichen Bruder für immer in die Arme.

Man weiß, wie gleichnamige Pole sich unwiderstehlich abstoßen, Und so stießen sich Vogt und Vincke lange ab. Beide leiden an Wortspeichelfluß, und daher glaubte jeder von den beiden, der andre wolle ihn nicht zu Wort kommen lassen.

Vogt, wie Ranickel bezeugt, ist großer Zoologe, und so ist Vincke, wie seine Schweinezucht zu Ickern beweist.

Im spanischen Drama kommen auf je einen Helden zwei Possenreißer. Selbst den heiligen Cyprian, den spanischen Faust, stattet Calderon mit einem Moscon und einem Clarin aus. So besaß im Frankfurter Parlament der Reaktionsgeneral von Radowitz zwei komische Adjutanten, seinen Harlekin Lichnowski und seinen Clown Vincke. Vogt aber, der liberale Gegen-Clown, mußte alles allein tun, was ihn notwendig gegen Vincke verstimmte, da Jacobus Venedey sich nur auf die Rührpartie der Pantalonrolle verstand. Vincke liebte es, die Schellenkappe bisweilen zu lüften. So erklärte er in der Parlamentssitzung vom 21. Juni 1848:

"Er glaube sich bisweilen eher auf einem Theater zu befinden als in einer solchen Versammlung."

Und bei einer festlichen Zusammenkunft der Frankfurter Parlamentstories gastierte er als
Fürst von Thoren
, saß auf einem Faß und sang:

"Ich bin der Fürst von Thoren,

Zum Saufen auserkoren."

Auch das kränkte seinen Widerpart. Zudem konnten Vogt und Vincke einander nicht bange machen, weshalb sie es für das Geratenste hielten, aufeinander loszugehn. Falstaff Vogt wußte, was er am Ritter ohne Furcht und Tadel hatte, und vice versa. Der westfälische Bayard hatte seinerzeit auf deutschen Universitäten Recht studiert, weniger das römische Corpus juris, denn, sagte er, die Ahnen von der roten Erde hätten den Varus nicht umsonst geschlagen. Um so eifriger legte er sich auf teutonisches Recht, nämlich den
Studentenkomment
, dessen Boden er nach allen Dimensionen hin durchmaß und hinterher berühmt gemacht hat unter dem Namen
Rechtsboden
. Infolge dieser kasuistisch-tiefen Ergründung des Studentenkomments stieß er auch später bei jeder Duellgelegenheit auf irgendein dunsscotisches Haar, das sich im entscheidenden Augenblick so haarspaltend scharf zwischen den Ritter und das Blutvergießen legte wie das nackte Schwert im Brautbett zwischen die Prinzessin und den locum tenens <Stellvertreter>. Diese Haarspalterei kam immer dazwischen, mit der Regelmäßigkeit eines periodischen Fiebers, vom Abenteuer mit dem Kammergerichtsassessor Benda zur Zeit des Vereinigten Landtags 1847 bis zum nicht minder berufenen Abenteuer mit dem preußischen Kriegsminister <Albrecht Roon> im Abgeordnetenhaus 1860. Man sieht also, wie lästerhaft man jüngst dem Junker zuschalt, er habe seinen Rechtsboden verloren. Es ist nicht seine Schuld, wenn sein Rechtsboden aus lauter Falltüren besteht. Vielmehr, da der Studentenkomment nun einmal nur für die höhere Rechtsdebatte taugt, ersetzt ihn der sinnreiche Junker in der gemeinen parlamentarischen Praxis durch den -
Holzkomment
.

Im Frankfurter Froschteich schalt Vincke einst bitterbös seinen Widerpart Vogt den "
Minister der Zukunft"
. Sobald er nun zu Ickern erfuhr, Vogt, eingedenk des Sprüchleins:

"Nem Dich eines Aemptleins an,

So heißt das Jahr durch Herr fortan",

sei nicht nur Reichsregent geworden, sondern sogar Minister der auswärtigen Angelegenheiten in partibus, fuhr's ihm durch alle Glieder und grollte er knurrig über verkannte Senioritätsavancementsansprüche. Denn bereits auf dem Vereinigten Landtag von 1847 hatte Vincke als Frondeur dem Ministerium und als Adelsvertreter der bürgerlichen Opposition opponiert. Beim Ausbruch der Märzrevolution hielt er sich daher vor allen andern zur Rettung der Krone auserkiest. Seine Rivalen jedoch wurden Minister der

Gegenwart, er selbst aber erhielt seine Anstellung als
"Minister der Zukunft"
, ein Posten, den er bis zu diesem Augenblick mit ununterbrochnem Erfolg bekleidet hat.

Aus Rache schüttelte er den Berliner Staub von den Füßen und begab sich nach Frankfurt in die Paulskirche auf die äußerste Rechte, um hier als Clown, Claqueur und Bully des Generals Radowitz zu hantieren.

Der Fink war fanatisch guter Östreicher, solange das obrigkeitlichen Beifall fand. Wie besessen tobte er gegen die
Nationalitäten
.

"Links schwärme man der Reihe nach für alle möglichen Nationalitäten, Italiener, Polen, und jetzt gar für die Magyaren." (Sitzung vom 23. Oktober 1848.)

Die 3 Ritter Vincke, Lichnowski und Arnim führten das musikalische Trio:

"Es brüllt der Ochs, es f... die Kuh,

es spielt der Esel den Baß dazu",

mit einer solchen Virtuosität gegen die Redner für Polen auf (Sitzung vom 5. Juni 1848), daß sogar der Präsidentenklingel der Atem ausging, und als Radowitz nun gar dem deutschen Reich den Mincio militärisch-natürlich vindizierte (Sitzung vom 12. August 1848), stellte sich Vincke, der ganzen Galerie zum Ergötzen und zur geheimen Bewundrung Vogts, auf den Kopf und telegraphierte mit den Beinen Beifall. Hauptclaqueur der Beschlüsse, wodurch der Frankfurter Froschteich der dynastischen Unterjochung Polens, Ungarns und Italiens den Stempel des deutschen Volkswillens aufgedrückt hat, zeterte der Junker von der roten Erde noch ungleich lustiger, sobald es galt, die Ansprüche der deutschen Nation durch den schmählichen Malmöer Waffenstillstand zu opfern. Um die Majorität für die Ratifikation des Waffenstillstands zu sichern, hatten sich diplomatische und andre Zuschauer von der Galerie auf die Bänke der Rechten geschlichen. Der Betrug ward entdeckt, und Raveaux drang auf neue Abstimmung. Gegeneiferte der Fink, indem es nicht darauf ankomme, wer stimme, sondern was man stimme. (Sitzung vom 16. September 1848.) Während des Frankfurter Septemberaufstands, hervorgerufen durch den Beschluß über den Malmöer Waffenstillstand, verschwand der westfälische Bayard spurlos, um sich nach Proklamation des Belagerungszustands für den Schrecken, den ihm niemand ersetzen konnte, durch reaktionswütige Purzelbäume zu rächen.

Nicht zufrieden, mit der Zunge auf Polen, Italiener und Ungarn loszudreschen, schlug er den Erzherzog Johann von Östreich zum Präsidenten der provisorischen Zentralgewalt vor (Sitzung vom 21. Juni 1848), jedoch

unter dem gehorsamsten Ausbeding, daß die Habsburger Exekutive des deutschen Parlaments dessen plebejische Beschlüsse weder zu exekutieren noch zu verkünden, noch überhaupt sich darum zu scheren habe. Fuchswild fuhr er auf, als seine eignen Majoritätskameraden schon der Abwechslung halber dafür stimmten, der Reichsverweser solle wenigstens bei Beschlüssen über Krieg und Frieden und bei Verträgen mit auswärtigen Mächten ein vorheriges Einverständnis mit dem Parlament huldreichst zu sichern geruhn. (Sitzung vom 27. Juni 1848.) Und die große Redeerhitzung, worin der Fink vom deutschen Parlament dem Reichsminister Schmerling und Konsorten ein Vertrauensvotum zu erpoltern suchte als Lohn für ihre und des Reichsverwesers Mitschuld am blutig-infamen Verrat von Wien

(Sitzung vom 23. Oktober 1848), widerlegte siegreich Fischarts Verleumdung:

"O wie erkältet Mäuler

Sind Westfeling Mauler!"

So war Vincke freundnachbarlich habsburgisch, bis plötzlich über der parlamentarischen Sahara die Fata Morgana von Klein-Deutschland aufgaukelte und der Junker darin ein lebensgroßes Ministerportefeuille mit einem Fink unter dem Arm zu erblicken wähnte. Da die Wände der Paulskirche ungewohnt lange Ohren hatten, durfte er sich schmeicheln, daß das Frankfurter Geräusch seiner hohenzollernschen Dynastie- und Loyalitätsausbrüche zu Berlin angenehm aufgefallen sei. Hatte er nicht in voller Paulskirche am 21. Juni 1848 erklärt:

"Ich bin von meinen Wählern hergeschickt, nicht allein die Rechte des Volks, sondern auch die der Fürsten zu vertreten. Ich labe mich immer noch an dem Wort des großen Kurfürsten <Friedrich Wilhelm>, welcher einst die Markaner seine getreusten und gehorsamsten Untertanen genannt hat. Und wir in der Mark sind stolz darauf."

Und der markanische Bayard ging von Redensarten zu Tätlichkeiten über in jener berühmten Tribünenschlacht, der er seine Rittersporen schuldet. (Sitz. vom 7. und 8. August 1848.) Als Brentano nämlich, bei Gelegenheit der beanspruchten Amnestie für Friedrich Hecker, von der Tribüne herab eine zweideutige Andeutung auf einen hohenzollernschen Prinzen fallen ließ, überkam den Fink ein Anfall von wirklicher Loyalitätshundswut. Von seinem Platze auf Herrn Brentano losstürzend, suchte er ihn mit den Worten "Herunter, du Hundsfott!" von der Tribüne herabzureißen. Brentano behauptete seinen Platz. Später stürzte der Junker noch einmal

auf ihn los und warf ihm, natürlich mit dem Vorbehalt nachträglichen reifen Nachdenkens über Rechtsbodenbedenkmöglichkeiten, den ritterlichen Fehdehandschuh zu, den Brentano mit den Worten aufnahm:

"Vor der Kirche mögen Sie mir sagen, was Sie Lust haben; hier lassen Sie mich sofort gehn, oder ich schlage Ihnen ins Gesicht."

Der Junker griff nun in seinen Redeköcher und schleuderte daraus noch verschiedne Hundsfötter auf die Linke, bis ihm Reichardt zuschrie: "von Vincke, Sie sind ja ein Sch...kerl." (Sitzung vom 7. August 1848.) Die Debatte über den Konflikt zwischen dem Ministerium Brandenburg und der Berliner Vereinbarerversammlung suchte der Fink durch Antrag auf einfache Tagesordnung zu beseitigen.

"Seit dem siegreichen Einrücken Wrangels in Berlin", sagte er, "sei Ruhe geworden, seien die Papiere gestiegen ... die Berliner Versammlung habe kein Recht, Proklamationen an das Volk zu erlassen usw."

Kaum waren die Vereinbarer zerstreut, als der Ritter ohne Furcht und Tadel um so grimmiger über sie herfiel.

"Für eine Republik", heulte er in der Sitzung vom 12. Dezbr. 1848, "fehlt uns die politische Vorbildung; das haben uns die Vertreter der ehemaligen Berliner Versammlung gezeigt, indem sie Beschlüsse faßten, welche aus niederm persönlichem Ehrgeiz hervorgegangen."

Den hierauf losbrechenden Sturm beschwichtigte er mit der Erklärung,

"er sei bereit, gegen jede Person seine Ansicht
ritterlich
geltend zu machen", aber, fügte der vorsichtige Ritter hinzu, "er meine kein Mitglied dieser Versammlung, sondern die Mitglieder der zerstreuten Berliner Versammlung".

So trutzig erklang des markanischen Bayards Fehderuf an das ganze Heer der zerstreuten Vereinbarer. Einer dieser Zerstreuten hörte den Ruf, sammelte sich und brachte es in der Tat zu dem unerhörten Ereignis, den Junker von der roten Erde leibhaftig auf das Schlachtfeld bei Eisenach zu bannen. Blutverguß schien unvermeidlich geworden, als Bayard im Augenblick der Entscheidung eine dunsscotische Ratte roch. Sein Gegner hieß Georg Jung, und die Gesetze der Ehre geboten dem Ritter ohne Furcht und Tadel, den Drachen zu bekämpfen, aber unter keinen Umständen einen Namensvetter des Drachenritters. Diese fixe Idee ließ sich der Fink nicht aus dem Kopf reden. Lieber, verschwor er hoch und teuer, lieber wie ein japanesischer Daimio sich selbst den Bauch aufschlitzen als einem Mann

ein Haar krümmen, der Georg heiße und überdem noch zu jung für das mensurfähige Alter sei. Desto bedenkloser wütete der Duellfeste in der Paulskirche gegen Temme und andre regierungswidrige Personen, die zu Münster im Zuchthaus hinter Schloß und Riegel saßen. (Sitzung vom 9. Januar 1849.) Wenn er so kein kleinstes Detail verschmähte, um höhern Orts angenehm aufzufallen, übergipfelte sein Loyalitätseifer sich selbst in seinen Riesenanstrengungen für die Herstellung eines kleinen Deutschlands und einer großen Preußenkrone. Warwick, der Königmacher, war ein Kind gegen Vincke, den Kaisermacher.

Der märkische Bayard glaubte dem Undank vom März 1848 feurige Kohlen genug aufs Haupt gesammelt zu haben. Als das Ministerium der Tat stürzte, verschwand Vincke eine Zeitlang aus der Paulskirche und hielt sich disponibel. Dito, als das Ministerium v. Pfuel stürzte. Da aber der Berg nicht zu Mahomet kam, beschloß Mahomet zum Berge zu gehn. In einem beliebigen Rotten Borough

gewählt, tauchte der Ritter von der roten Erde plötzlich in Berlin auf, als Abgeordneter zur oktroyierten Kammer, voll vom großen Ahndungsdrang des Lohns, der seiner Frankfurter Taten harre. Zudem fühlte sich der Ritter unendlich wohl in dem Belagerungszustand, der ihm keine unparlamentarische Freiheit versagen würde. Das Gezisch und den Hohnschrei, womit er vom Berliner Volk begrüßt ward, während er vor dem Schlosse unter den oktroyierten Deputierten des Empfangs im Weißen Saal harrte, saugte er mit beiden Ohren um so gieriger ein, als Manteuffel zart angedeutet hatte, schon um ein Ministerportefeuille für ein gewisses Verdienst vakant zu finden, neige man höchsten Orts zur Annahme der kleindeutschen Krone aus den Händen der Frankfurter Kaisermacher. In diesem süßen Hoffnungswahn suchte sich der Fink einstweilen nützlich zu machen als der dirty boy

des Kabinetts. Nach der Vorschrift der "Kreuz-Zeitung" verfaßte er den Adreßentwurf an die Krone, polterte gegen Amnestie, nahm die oktroyierte Verfassung selbst nur an unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß sie von einer "starken Staatsgewalt" wieder durchrevidiert und ausgemerzt werde, insultierte die belagerungskranken Deputierten der Linken usw. und harrte seines Triumphs.

Die Katastrophe nahte heran, die Frankfurter Kaiserdeputation war zu Berlin eingetroffen, und Vincke hatte am 2. April (1849) ein loyalstes Kaiserentwurfsamendement gestellt, wofür Manteuffel in aller Unschuld gestimmt hatte. Gleich nach Schluß der Sitzung stürzte Vincke mit tollem

Bockssprung in eine nachbarliche Altgewinnerbude, um dort eigenhändig ein Portefeuille zu erstehn, ein Portefeuille aus schwarzem Pappendeckel mit rotem Samtumschlag und goldnem Ränderwerk. Seelenvergnügt und mit faunenhaftem Triumphgeschmunzel saß der Ritter von der fröhlichen Gestalt am andern Morgen auf seinem Zentralkammersitz, aber - "Niemals, Niemals, Niemals" tönte es, Manteuffels Lippen zuckten hohngesättigt, und der furchtlose Junker, mit erbleichtem Mundwerk, wie ein Zitteraal vor innrer Aufregung zappelnd, schnappte seinen Freunden wild zu: "Haltet mir, sonst richte ich ein Unglück an." Um ihn zu halten, veröffentlichte die "Kreuz-Zeitung", deren Vorschriften Vincke seit Monaten ängstlich nachgelebt und zu deren Kammeradreßentwurf er Gevatter gestanden, tags darauf einen Artikel mit der Überschrift "Das Vaterland ist in Gefahr", worin es unter anderm hieß:

"
Das Ministerium bleibt
, und der König <Friedrich Wilhelm IV.>

antwortet Herrn von Vincke und Genossen, daß sie sich nicht um Dinge bekümmern mögen, die sie nichts angehen."

Und der geprellte Ritter sans peur et sans reproche trollte von Berlin nach Ickern ab mit einer längern Nase, als Levy sie jemals trug, und wie sie platterdings niemand angedreht werden kann außer einem -
Minister der Zukunft
!

Nachdem er lange bange Jahre in der praktischen Zoologie zu Ickern versauert war, erwachte der Cincinnatus von der roten Erde eines schönen Morgens zu Berlin als offizieller Oppositionschef des preußischen Abgeordnetenhauses. Da es ihm so schlecht geglückt war mit dem Rechtsreden zu Frankfurt, hielt er nun linkische Reden zu Berlin. Ob er die Opposition des Vertrauens oder das Vertrauen der Opposition vorstellte, war nicht genau zu ermitteln. Jedenfalls aber überspielte er seine Rolle wieder. Er hatte sich gar bald dem Kabinett so unentbehrlich auf der Oppositionsbank gemacht, daß ihm verboten ward, sie je wieder zu verlassen. Und so blieb der Junker von der roten Erde -
Minister der Zukunft.

Unter diesen Umständen wurde der Fink des Dings müde und schloß seinen berühmten Vertrag von Ickern.
Vogt
hat's ihm schwarz auf weiß gegeben; Sobald Plon-Plon die erste parlamentarische Insel Barataria auf dem deutschen Festland erobert, sie mit Sch-Oppenheimern bevölkert und seinen Falstaff zu ihrem Regenten bestallt hat, wird Vogt den westfälischen Bayard zu seinem Premierminister ernennen, ihn außerdem mit der höchsten Gerichtsbarkeit in allen Duellkonflikten belehnen, ihn ferner zum wirk-

lichen geheimen General-Oberweg-Baumeister
(11)
erhöhn, ihn obendrein in den Fürstenstand erheben unter dem Titel eines Fürsten von Thoren, und endlich auf das
Blech
, das in der insularen Vogtei jedenfalls an Geldesstatt zirkuliert, ein siamesisches Zwillingspaar einstechen lassen, Vogt rechts als Plon-Plons Regent, Vincke links als Vogts Minister, um die umfangreiche Doppelfigur die weinlaubumrankte Inschrift geschlungen:

"Maul zu Maul mit Dir

Fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken."

Fußnoten von Marx

(1)
Wie Palmerstons gespielte Russenfeindschaft einen Menschen von gewöhnlichem Verstand täuschen "könne", begriff Kossuth damals nicht. "
How could a man of any intellect
for a single moment believe that the Minister who allowed Russia's intervention in Hungary, would give the word of attack against her?" <"
Wie könnte ein Mann von einigem Verstand
auch nur einen einzigen Augenblick glauben, daß der Minister, der Rußlands Intervention in Ungarn zuließ, auffordern würde, Rußland anzugreifen?"> (Brief d.d. Kutayah, 17. Dez. 1850.
"Correspondence of Kossuth"
.)

(2)
Ich selbst hatte
Bangya
mit seinem damaligen Freunde, dem jetzigen
General Türr
, 1850 in London kennengelernt. Den Verdacht, den mir seine Mogeleien mit allen möglichen Parteien, Orleanisten, Bonapartisten usw. und sein Umgang mit Polizisten jeder "Nationalität" einflößten, schlug er einfach nieder durch Vorzeigung eines ihm von
Kossuth
eigenhändig ausgefertigten Patents, worin er, früher schon provisorischer Polizeipräsident zu Komorn unter Klapka, zum Polizeipräsidenten in partibus bestallt war. Geheimer Polizeichef im Dienste der Revolution, mußte er sich natürlich die Zugänge zur Polizei im Dienste der Regierungen "offen" halten. Im Laufe des Sommers 1852 entdeckte ich, daß er ein Manuskript, das ich ihm zur Besorgung an einen Buchhändler in Berlin anvertraut, unterschlagen und einer deutschen Regierung in die Hände gespielt hatte. Nachdem ich über diesen Vorfall und andere mir längst auffällige Eigentümlichkeiten des Mannes an einen Ungarn zu Paris geschrieben und durch die Intervention einer dritten, genau unterrichteten Person das Mysterium Bangya völlig gelöst worden war, sandte ich eine öffentliche Denunziation, unterzeichnet mit meinem Namen, Anfang 1853 der "New-Yorker
Criminal-Zeitung
" zu. Bangya, in einem noch in meinem Besitz befindlichen Rechtfertigungsschreiben, hob hervor, wie ich am wenigsten Grund hätte, ihn für einen Spion zu halten, da er stets (und dies war richtig) vermieden habe, mit mir über meine eignen Parteiangelegenheiten zu sprechen. Obgleich Kossuth und seine Anhänger damals den Bangya nicht fallenließen, erschwerte ihm dennoch meine Enthüllung in der
"Criminal-Zeitung"
fernere Operationen in London und ergriff er um so williger die Gelegenheit, die ihm die orientalische Wirre zur Verwertung seiner Talente auf einem andern Theater bot. Bald nach Abschluß des Friedens von Paris (1856) ersah ich aus englischen Zeitungen, daß ein gewisser
Mehemed Bei
, Oberst in türkischen Diensten, früher als Christ bekannt unter dem Namen Johann Bangya, mit einer Anzahl polnischer Flüchtlinge von Konstantinopel nach Zirkassien gesegelt war, wo er als Chef des Generalstabs von Sefer-Pascha und gewissermaßen als "Simon Bolivar" der Tscherkessen figurierte. Ich wies in der London "Free Press", die in zahlreichen Nummern nach Konstantinopel geht, auf die Vergangenheit des Liberators hin. Am 20. Januar 1858 wurde Bangya, wie im Text erwähnt ist, wegen beabsichtigten Verrats an Zirkassien von einem Kriegsgericht der polnischen Legion unter dem Befehl des Obersten Th. Lapinski in Aderbi zum Tode verurteilt. Da Bangya türkischer Oberst war, hielt Sefer-Pascha die Vollziehung dieses Urteils für unvereinbar mit den der Hohen Pforte schuldigen Rücksichten und verschiffte den Verurteilten daher nach Trebizond, von wo er bald wieder freien Fußes in Konstantinopel eintraf. Unterdes hatte die ungarische Emigration zu Konstantinopel leidenschaftlich für Bangya gegen die Polen Partei ergriffen. Durch den Schutz der russischen Gesandtschaft gegen den Diwan (der ihn noch obendrein als "Oberst" mitsamt seinem Harem füttern muß), durch das Vorurteil seiner Landsleute gegen die Polen gesichert, veröffentlichte Bangya mit großer Kühle eine Selbstapologie im
"Journal de Constantinople"
. Die baldige Ankunft einer zirkassischen Deputation machte jedoch dem Spiel ein Ende. Die ungarische Emigration ließ ihren Schützling offiziell fallen, obgleich de très mauvaise grâce <außerordentlich ungern>. Sämtliche Papiere des Kriegsgerichts zu Aderbi, darunter Bangyas Selbstbekenntnis, ebenso die später zu Konstantinopel gewechselten Schriftstücke wurden von der dortigen polnischen Emigration nach London geschickt, wo ein Auszug in der
"Free Press"
(Mai 1858) erschien. Ausführlicher sind diese Aktenstücke von mir veröffentlicht worden in der
"New-York

[
Daily
]
Tribune"
vom 16. Juni 1858.

(3)
Daß solche Dinge ans Tageslicht kommen, scheint minder sonderbar, wenn man erwägt, daß hier mindestens zwei redselige Parteien im Spiel waren. Übrigens wurden die Tatsachen wahrend Kossuths Anwesenheit zu London (im Spätsommer 1859) in englischen Blättern veröffentlicht.

(4)
Obgleich ich einen solchen Standpunkt von seiten Klapkas verstehe, befremdete es mich, Annäherndes zu finden in der oben zitierten Schrift Szemeres und habe ich ihm in dieser Beziehung meine Ansicht offen mitgeteilt. Noch weniger verstehe ich seine letzte Erklärung über die östreichische Konzession.

Ich weiß, daß Szemere sich in öffentlichen Dingen nicht durch Privatmotive bestimmen läßt und sehr wichtige Gründe für seine Erklärung hatte; daß die Ungarn mit dem, was von Wien gegeben, alles in Pest holen können; daß jede Insurrektion Ungarns von außen, und namentlich mit französischem Beistand, eine russische Intervention in Ungarn, für oder gegen Östreich, notwendig nachzieht; daß endlich die Autonomie, die Transsylvanien, Slawonien und Kroatien sowie der Woiwodina verliehen ist, dem Wiener Kabinett in diesem Augenblick jene "Nationalitäten" ganz so gegen die Magyaren sichern würde wie 1848/49. Alles das ist richtig, konnte aber gesagt werden ohne den Schein, die ungarische Konstitution in der Wiener verstümmelten Ausgabe "in usum Delphini" anzuerkennen.

(5)
Willkomm und Friede dieser holden Rotte,

Ich komm' mit Gruß und nicht mit Spotte.

(6)
Neu will ihr altes Reich sie restaurieren,

Gott von Geburt, kann Dullness nie krepieren.

Es ist unmöglich, Dullness zu verdeutschen. Es ist mehr als Langeweile, ist zum Prinzip erhobenes ennui, einschläfernde Leblosigkeit, abgestumpfte Dumpfheit. Als Stileigenheit ist Dullness, was die "Neue Rheinische Zeitung" den "inhaltschweren Ausdruck der Inhaltlosigkeit" nennt.

(7)
Und so besitzt Kastor ein vielanstelliges Rüstzeug,

Tragend die Nase einher fügsam zu jeglichem Werk.

(8)
Ein Wunder das, ich sag' es ohne Spaß,

Kein Stank verletzt die naseweise Nas'.

(9)
Kein Krebs so munter in dem schmutz'gen Tanz,

Rückwärts den Kopf und vorwärts mit dem Schwanz.

(10)
Industriöse Wanze.
(Pope)

(11)
Siehe das Schriftlein: "Auch eine Charakteristik des liberalen Abgeordneten von Vincke und erbauliche Geschichte des Sprochhövel-Elberfelder Wegbaues", Hagen 1849.

[Herr Vogt - Teil 13]

X. Patrone und Mitstrolche
XII. Beilagen

XI. Ein Prozeß

 Ende Januar 1860 langten zu London 2 Nummern der
Berliner "National-Zeitung"
an mit 2 Leitartikeln, der erste betitelt:
"Karl Vogt und die 'Allgemeine Zeitung'"
(No. 37 der "National-Zeitung"), der zweite:
"Wie man radikale Flugblätter macht"
. (No. 41 der "National-Zeitung".) Unter diesen verschiednen Titeln brachte
F. Zabel
eine in usum delphini verarbeitete Ausgabe von Vogts
"Hauptbuch"
. Letzteres selbst traf viel später in London ein. Ich beschloß sofort eine Verleumdungsklage wider den F. Zabel in Berlin anhängig zu machen.

Massenhafte, während 10 Jahren in der deutschen und deutseh-amerikanischen Presse gegen mich aufgetürmte Schimpfereien hatte ich nur in ganz seltnen Ausnahmsfällen, wo ein Parteiinteresse im Spiel schien, wie bei Gelegenheit des Kölner Kommunistenprozesses, literarisch berücksichtigt. Nach meiner Ansicht besitzt die Presse
das Recht
, Schriftsteller, Politiker, Komödianten und andre öffentliche Charaktere zu
beleidigen
. Achtete ich den Angriff einer Notiz wert, so galt mir in solchen Fällen der Wahlspruch: a corsaire, corsaire et demi <auf einen Schelmen anderthalbe>.

Hier stand die Sache anders.
Zabel
beschuldigte mich einer Reihe
krimineller
und
infamierender
Handlungen, und zwar vor einem Publikum, das aus Parteivorurteilen geneigt, die größte Ungeheuerlichkeit zu glauben, andrerseits, bei meiner 11jährigen Abwesenheit aus Deutschland, ohne den geringsten Anhaltspunkt zu meiner persönlichen Beurteilung war. Von allen politischen Rücksichten abgesehn schuldete ich also schon meiner Familie, Frau und Kindern, Zabels
infamierende
Anklagen einer gerichtlichen Prüfung zu unterwerfen.

Die Art und Weise meiner Klage schloß jede gerichtliche Komödie der Irrungen, ähnlich dem Vogtschen Prozeß gegen die "Allgemeine Zeitung",

von vornherein aus. Hätte ich selbst die fabelhafte Absicht hegen können, wider Vogt an dasselbe Fazysche Gericht zu appellieren, das in Vogts Interesse bereits eine Kriminaluntersuchung niedergeschlagen hatte, so waren entscheidend wichtige Punkte
nur
in Preußen, nicht in Genf zu erledigen, während umgekehrt die einzige Angabe Zabels, wofür er Beweise bei Vogt suchen mochte, auf angeblichen Schriftstücken beruht, die Zabel ebenso leicht zu Berlin als sein Freund Vogt zu Genf vorlegen konnte. Meine "Beschwerde" gegen Zabel enthielt folgende Punkte: 1. Zabel sagt in Nr. 37 der "National-Zeitung" vom 22. Januar 1860 in dem Artikel, betitelt "Karl Vogt und die 'Allgemeine Zeitung'":

"
Vogt
berichtet S[eite] 136 u. f.g.d.: Unter dem Namen der
Schwefelbande
oder auch der
Bürstenheimer
war unter der Flüchtlingsschaft von 1849 eine Anzahl von Leuten bekannt, die, anfangs in der Schweiz, Frankreich und England zerstreut, sich allmählich in London sammelten und
dort als ihr sichtbares Oberhaupt Herrn Marx verehrten
. Politisches Prinzip
dieser Gesellen
war die 'Diktatur des Proletariats', und mit diesem Blendwerk täuschten sie anfangs nicht nur manche der bessern unter den Flüchtlingen, sondern auch die Arbeiter aus den Freischaren des Willichschen Korps.
Unter der Flüchtlingsschaft setzten sie das Werk

der 'Rheinischen Zeitung' fort, die 1849 von jeder Teilnahme an der Bewegung abmahnte, wie sie ja auch sämtliche Parlamentsmitglieder beständig angriff, weil die Bewegung ja doch nur die Reichsverfassung zum Inhalt habe.
Eine furchtbare Zucht übte die Schwefelbande über ihre Anhänger.
Wer von diesen auf irgendeine Weise sich ein bürgerliches Fortkommen zu erringen suchte, war schon dadurch, daß er sich unabhängig zu machen suchte, an und für sich ein Verräter an der Revolution, deren erneutes Ausbrechen jeden Augenblick erwartet werden und die darum ihre Soldaten mobil machen müsse, um sie in das Feld zu schicken. Zwietracht, Schlägereien, Duelle wurden unter dieser sorgfältig erhaltenen Klasse von Bummlern erzeugt durch ausgestreute Gerüchte, Korrespondenzen usw. Einer verdächtigte den andern als Spion und Reaktionär, Mißtrauen bestand unter allen wider alle.
Eine der Hauptbeschäftigungen der Schwefelbande war, Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimnis ohne Kompromittierung bewahre. Nicht einer, sondern Hunderte von Briefen wurden nach Deutschland geschrieben, daß man die Beteiligung an diesem oder jenem Akte der Revolution denunzieren würde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse gelange.
Nach dem Grundsatz, 'wer nicht unbedingt für uns ist, ist wider uns', wurde jeder, der diesem Treiben entgegentrat, unter den Flüchtlingen nicht bloß, sondern mittelst der Presse 'ruiniert'.
Die 'Proletarier' füllten die Spalten der reaktionären Presse in Deutschland mit ihren Angebereien gegen diejenigen Demokraten, welche ihnen nicht huldigten, sie wurden die Verbündeten der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland.
Zur
weitern
Charakterisierung teilt Vogt u.a. einen langen Brief des ehemaligen Lieutenants Techow vom 26. August 1850 mit, worin die Grundsätze, das Treiben, die Feindschaften, die einander bekämpfenden Geheimbünde der 'Proletarier' geschildert

werden und worin man Marx erblickt, wie er im napoleonischen Hochmut auf seine geistige Überlegenheit
die Fuchtel unter der Schwefelbande schwingt
."

Zum Verständnis des Spätern sei hier gleich bemerkt, daß
Zabel
, der in der oben abgedruckten Stelle angeblich den
Vogt
"berichten" ließ, nun in eignem Namen zur weitern Illustration der Schwefelbande den Prozeß Cherval zu Paris, den Kommunistenprozeß zu Köln, die darüber von mir veröffentlichte Schrift, Liebknechts Revolutionstag zu Murten und sein durch mich mit der "Allgemeinen Zeitung" vermitteltes Verhältnis, Ohly, "ebenfalls ein Kanal der Schwefelbande", Schlag auf Schlag aufführt, endlich Biscamps Brief an die
"Allgemeine Zeitung"
vom 20. Oktober 1859, und dann mit den Worten abschließt:

"Acht Tage nach Biscamp schrieb auch
Marx
an
die 'Allgemeine Zeitung'
und bot ein 'gerichtliches Dokument' zum Beweise gegen Vogt an, von dem wir vielleicht ein andermal reden.
Dies sind die Korrespondenten der 'Allgemeinen Zeitung'
."

Von diesem ganzen Leitartikel Nr. I machte ich nur den sub 1. abgedruckten Passus zum Gegenstand der Klage, und zwar nur folgende darin befindliche Sätze:

"Eine der Hauptbeschäftigungen der" (von
Marx
kommandierten) .Schwefelbande war, Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimnis ohne Kompromittierung bewahre. Nicht einer, sondern Hunderte von Briefen wurden nach Deutschland geschrieben, daß man die Beteiligung an diesem oder jenem Akte der Revolution denunzieren werde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse gelange."

Hier verlangte ich natürlich von Zabel
den Beweis der Wahrheit
. In der ersten Information für meinen Rechtsanwalt, Herrn Justizrat
Weber
zu Berlin, schrieb ich, ich verlange von Zabel nicht "Hunderte von Drohbriefen", auch nicht einen, sondern eine einzige Zeile, worin irgendeiner meiner notorischen Parteigenossen sich der angeschuldigten Infamie schuldig gemacht habe. Zabel brauchte sich ja nur an Vogt zu wenden, der ihm umgehend durch die Post die "Drohbriefe" dutzendweis zuschicken würde. Und sollte Vogt zufällig von den Hunderten von Drohbriefen nicht eine Zeile aufweisen können, so konnte er unter allen Umständen mehrere hundert "Leute im Vaterlande" nennen, die in der angegebenen Weise gebrandschatzt worden. Da die Leute sich in "Deutschland" befinden, waren sie einem Gericht zu Berlin jedenfalls eher zugänglich als einem Gericht zu Genf. Meine Klage gegen Zabels Leitartikel Nr. I beschränkte sich also auf einen einzigen Punkt -
die politische Kompromittierung von Leuten in Deutsch-

land, um ihnen Geld abzupressen
. Zur gleichzeitigen Widerlegung der übrigen Angaben seines Leitartikels Nr. I brachte ich eine Reihe von Tatsachen vor. Hier verlangte ich nicht den
Beweis der Wahrheit
, sondern führte den
Beweis der Falschheit
. Über die
Schwefelbande oder auch Bürstenheimer
klärte
Johann Philipp Beckers
Brief genügend auf. Was den
Charakter des Bundes der Kommunisten
anbetraf und die Art meiner Beteiligung an demselben, so konnte u.a.
H. Bürgers
von Köln, einer der im Kölner Kommunistenprozeß Verurteilten, als Zeuge nach Berlin zitiert und während der Gerichtsverhandlungen eidlich vernommen werden.
Friedrich Engels
hatte ferner unter seinen Papieren einen von November 1852 datierten und durch die Poststempel London und Manchester
authentizierten
Brief vorgefunden, worin ich ihm die auf meinen Antrag erfolgte Auflösung des Bundes mitteilte, ebenso die im Beschluß über die Auflösung geltend gemachten Motive: daß seit der Verhaftung der Kölner Angeklagten alle Verbindung mit dem Kontinent abgebrochen worden und eine derartige Propagandagesellschaft überhaupt nicht mehr zeitgemäß sei. Was Zabels schamlose Angabe über meine Verbindung "mit der geheimen Polizei in Deutschland und Frankreich" betraf, so sollte sie teils durch den Kölner Kommunistenprozeß, teils durch den Prozeß Cherval zu Paris erwiesen sein. Auf den letztern komme ich später zurück. In bezug auf den erstern sandte ich meinem Verteidiger meine 1853 erschienenen "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß in Köln" und machte ihn aufmerksam, daß Herr Advokat Schneider II von Köln nach Berlin zitiert und eidlich über meinen Anteil an der Aufdeckung der Polizeiinfamien vernommen werden könne. Zabels Behauptung, ich und meine Parteigenossen hätten "die Spalten der reaktionären Presse in Deutschland mit Angebereien gegen diejenigen Demokraten", welche uns "nicht huldigten", "gefüllt", - stellte ich die Tatsache entgegen, daß ich
niemals
, weder direkt noch indirekt, vom Ausland in deutsche Zeitungen korrespondierte, mit einziger Ausnahme der
"Neuen Oder-Zeitung"
. Meine in diesem Blatt gedruckten Beiträge und nötigenfalls die Zeugenaussage eines ihrer Redakteure, des Dr. Elsner, würden beweisen, daß ich es
niemals
der Mühe wert hielt, auch nur den
Namen
eines "Demokraten" zu erwähnen. Was
Liebknechts
Korrespondenz in die "Allgemeine Zeitung" betraf, so begann sie im Frühling 1855, drei Jahre nach Auflösung des "Bundes", und
zwar ohne mein Vorwissen
, enthielt übrigens, wie die Jahrgänge der "Allgemeinen Zeitung" beweisen, seinem Parteistandpunkt angemessene Berichte über englische Politik, aber kein Sterbenswort über "Demokraten". Wenn Liebknecht während meiner Abwesenheit von London ein zu London gegen

den "Demokraten" Vogt erschienenes Flugblatt der "Allgemeinen Zeitung" zusandte, war er vollständig dazu berechtigt, denn er wußte, daß das Flugblatt einen "Demokraten" zum Herausgeber hatte, den der "Demokrat" Vogt selbst zur Mitarbeit an seiner "demokratischen" Propaganda aufgefordert, also als sich ebenbürtigen "Demokraten" anerkannt hatte. Zabels Schnurre, mich selbst zum "Korrespondenten der 'Allgemeinen Zeitung'" zu ernennen, wurde schlagend widerlegt durch einen Brief, den
Herr Orges
(Beilage 10) mir wenige Tage vor Eröffnung des Augsburger Prozesses schrieb, und worin er u.a. meine präsumierten "liberalen" Vorurteile gegen die "Allgemeine Zeitung" zu berichtigen sucht. Endlich Zabels Lüge, daß "acht Tage
nach
Biscamp auch Marx an die 'Allgemeine Zeitung' schrieb", zerfiel in sich selbst, da Biscamps Brief vom 20. Oktober 1859 datiert und die wenigen Begleitzeilen, womit ich Herrn Orges das verlangte "Dokument" zuschickte, am 24. Oktober 1859 dem Bezirksgericht zu Augsburg vorlagen, also nicht am 29. Oktober 1859 in London geschrieben sein konnten.

Dem Gericht gegenüber schien es passend, dem angeführten Beweismaterial einige wenige Dokumente zuzufügen, die das grotesk infame Licht, welches "Demokrat" Zabel auf meine Stellung innerhalb der Emigration und mein "Treiben" im Ausland zu werfen sucht, auf den Verleumder zurückwerfen.

Ich lebte erst zu Paris von Ende 1843 bis Anfang 1845, als Guizot mich auswies. Zur Charakteristik meiner Stellung in der französischen Revolutionspartei während meines Pariser Aufenthalts sandte ich meinem Verteidiger einen Brief
Flocons
, der im Namen der provisorischen Regierung von 1848 Guizots Ausweisungsbefehl zurücknimmt und mich zur Rückkehr von Belgien nach Frankreich einlud. (Beilage 14.) In Brüssel lebte ich von Anfang 1845 bis Ende Februar 1848, zu welcher Zeit Rogier mich aus Belgien auswies. Die Brüsseler Munizipalität setzte nachträglich den Polizeikommissär ab, der meine Frau und mich bei Gelegenheit jener Ausweisung verhaftet hatte. Zu Brüssel bestand eine internationale demokratische Gesellschaft, deren Ehrenpräsident der greise General
Mellinet
war, der Retter Antwerpens gegen die Holländer. Präsident war Advokat
Jottrand
, früher Mitglied der belgischen provisorischen Regierung; Vizepräsident für die Polen
Lelewel
, früher Mitglied der polnischen provisorischen Regierung; Vizepräsident für die Franzosen
Imbert
, nach der Februarrevolution von 1848 Gouverneur der Tuilerien, und als Vizepräsident der Deutschen funktionierte ich, erwählt durch ein öffentliches Meeting, das aus den Mitgliedern des deutschen Arbeitervereins und der gesamten deutschen Emigration zu Brüssel bestand. Ein Brief Jottrands an mich zur Zeit der Stif-

tung der "Neuen Rheinischen Zeitung" (Jottrand gehört zur sogenannten amerikanischen Schule der Republikaner, also einer mir fremden Richtung) und ein paar sonst indifferente Zeilen meines Freundes Lelewel zeigen hinreichend meine Stellung in der demokratischen Partei zu Brüssel. Ich legte sie also den Verteidigungsstücken bei. (Beilage 14.)

Nachdem ich Frühling 1849 aus Preußen und Spätsommer 1849 aus Frankreich verjagt worden war, begab ich mich nach London, wo ich seit Auflösung des Bundes (1852) und nachdem die meisten meiner Freunde London verlassen,
allen
öffentlichen und geheimen Gesellschaften, ja aller Gesellschaft fern lebe, wohl aber von Zeit zu Zeit, mit Erlaubnis des "Demokraten" Zabel, einem auserwählten Kreis von Arbeitern Gratisvorlesungen über politische Ökonomie halte.
Der Londoner deutsche Arbeiterbildungsverein
, aus dem ich am 15. Sept. 1850 ausschied, feierte am 6. Februar 1860 sein zwanzigjähriges Stiftungsfest, wozu er mich einlud und auf dem er den einstimmigen Beschluß faßte, Vogts Angabe, ich habe die deutschen Arbeiter im allgemeinen und die Londoner Arbeiter im besondren "ausgebeutet", als
"Verleumdung zu brandmarken"
. Der damalige Präsident des Arbeitervereins, Herr Müller, ließ diesen Beschluß am 1. März 1860 vor dem Polizeigericht zu Bow Street authentizieren. Neben diesem Dokument schickte ich meinem Rechtsanwalt einen Brief des englischen Advokaten und Führers der Chartistenpartei Ernest Jones (Beilage 14), worin er seine Entrüstung über die "infamous articles" (die infamen Artikel) der "National-Zeitung" (Ernest Jones, zu Berlin geboren und auferzogen, versteht mehr deutsch als Zabel) ausspricht und unter anderm meiner jahrelangen Gratismitarbeit an den Londoner Organen der Chartistenpartei gedenkt. Ich darf hier wohl erwähnen, daß, als ein englisches Arbeiterparlament Ende 1853 in Manchester tagte, Louis Blanc und ich allein unter den Mitgliedern der Londoner Emigration eine Einladung als Ehrenmitglieder erhielten.

Schließlich, da Ehrenvogt mich "vom Schweiße der Arbeiter", von denen ich niemals einen Centime erhalten oder verlangt habe, "leben", und "Demokrat" Zabel mich "Leute im Vaterland" politisch "so kompromittieren" läßt, daß "sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimnis ohne Kompromittierung bewahre", ersuchte ich Herrn
Charles A. Dana
, den managing editor <verantwortlicher Redakteur>der "New York Tribune", des ersten englisch-amerikanischen Blattes, das 200.000 Abonnenten zählt und daher beinahe so verbreitet ist als der Bieler "Commis voyageur" und Zabels "Organ der Demokratie",

um eine schriftliche Erklärung über meine nun zehnjährige bezahlte Mitarbeit an der "Tribune", der "Cyclopædia Americana" usw. Sein für mich ehrenvoller Brief (s. Beilage 14) war das letzte Dokument, das ich meinem Rechtsanwalt zur Abwehr der Vogt-Zabelschen Stankkugeln Nr. I zustellen zu müssen glaubte.

2. In Zabels Leitartikel Nr. II, "Wie man radikale Flugblätter macht" (Nr. 41 der "National-Zeitung" vom 25. Januar 1860), heißt es:

"
Woher
das
Geld
für dies freigebig verteilte Blatt" (nämlich das "Volk") "
kam
, wissen die Götter, daß
Marx
und Biscamp kein überflüssiges Geld haben, das wissen die Menschen."

Isoliert betrachtet könnte diese Stelle als unbefangener Ausruf der Verwunderung gelten, wie wenn ich z.B. sagte: "Wie ein gewisser Fettbildner, den ich während meiner Studentenzeit in Berlin als geistig und materiell verwahrlosten Dunce kannte - er war Besitzer einer Kleinkinderbewahranstalt, und seine literarischen Leistungen vor der Revolution von 1848 beschränkten sich auf einige verstohlene Beiträge in ein belletristisches Winkelblättchen - wie besagter fettbildender Dunce es angefangen hat, Hauptredakteur der 'National-Zeitung', ihr Mitaktionär und 'überflüssiges Geld habender Demokrat' zu werden, mögen die Götter wissen. Die Menschen, die einen gewissen Roman von Balzac und die Periode Manteuffel studiert haben, können es ahnen."

Einen ganz anders bösartigen Sinn erhielt Zabels Äußerung dadurch, daß sie seinen Angaben über meine Verbindungen mit der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland und meine polizistisch-konspiratorischen Gelderpressungsdrohbriefe nachfolgt und sich direkt anschließt an die sub 3. zu erwähnende "massenhafte Verfertigung von falschem Papiergeld". Es sollte offenbar angedeutet werden, daß ich dem "Volk" auf unehrenhafte Weise Geldzuschüsse verschafft habe.

Zu Zabels gerichtlicher Widerlegung diente ein Manchester Affidavit vom 3. März 1860, wonach alles von mir dem "Volk" übermachte Geld, mit Ausnahme eines aliquoten Teils, den ich selbst zahlte, nicht, wie Vogt meint, von "über dem Kanal", sondern aus Manchester floß und zwar aus den Taschen meiner Freunde. (S. die Augsburger Kampagne.)

3. "Zur Charakteristik" der "Taktik" der
"Partei der 'Proletarier'

unter Marx
" erzählt F. Zabel, Leitartikel Nr. II u.a.

"In dieser Art wurde 1852 eine Verschwörung der schändlichsten Art, mit
massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld
,
man sehe das Nähere bei Vogt
, gegen die schweizerischen Arbeitervereine eingefädelt etc."

So verarbeitet Zabel Vogts Angaben über das
Cherval-Abenteuer
und macht mich zum moralischen Urheber und kriminellen Teilnehmer von "massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld". Mein Beweismaterial zur Widerlegung dieser Angabe des "Demokraten" Zabel erstreckte sich über die ganze Periode von Chervals Eintritt in den "Bund der Kommunisten" bis zu seiner Flucht von Genf 1854. Ein Affidavit, welches
Karl Schapper
am 1. März 1860 vor dem Polizeigericht zu Bow Street gab, bewies, daß Chervals Eintritt in den Bund zu London
vor
meinem Eintritt in den Bund stattfand, daß er von Paris aus, wo er Sommer 1850 bis Frühling 1852 hauste, nicht mit mir, sondern mit dem mir feindlichen Gegenbund unter Schapper und Willich in Verbindung trat, nach seiner Scheinflucht aus dem Gefängnis von St. Pelagie und seiner Wiederankunft in London (Frühling 1852) in den dortigen öffentlichen
Deutschen Arbeiterbildungsverein
, dem ich seit September 1850 nicht mehr angehöre, eintrat, bis er hier endlich entlarvt, infam erklärt und ausgestoßen wurde. Ferner konnte Advokat Schneider II in Köln eidlich darüber vernommen werden, daß die
während
des Kölner Kommunistenprozesses gemachten Enthüllungen über Cherval, sein Verhältnis zur preußischen Polizei in London usw. von mir herrührten. Meine 1853 veröffentlichten "Enthüllungen" bewiesen, daß ich ihn
nach
Schluß des Prozesses öffentlich denunziert hatte. Endlich gab Joh. Philipp Beckers Brief Auskunft über Chervals Genfer Periode.

4. Nachdem
"Demokrat"
F. Zabel in Leitartikel No. II das gegen Vogt gerichtete Flugblatt "Zur Warnung" mit echt duncischer Logik befaselt und das
auf den Ursprung
desselben bezügliche, der "Allgemeinen Zeitung" von mir übersandte Zeugnis Vögeles möglichst verdächtigt hat, schließt er ab wie folgt:

"Er" (Blind) "ist offenbar kein Mitglied der
engern Partei Marx
. Uns scheint, daß es für
diese
nicht allzu schwer war, ihn zum Sündenbock zu machen, und wenn die Anklage gegen Vogt Gewicht haben sollte, so mußte sie notwendig auf eine bestimmte Person zurückgeführt werden, welche dafür einzustehen hatte. Die
Partei Marx
konnte nun sehr leicht die Autorschaft des Flugblatts auf Blind wälzen, eben weil und nachdem dieser im Gespräch
mit Marx
und in dem Artikel der 'Free Press' sich in ähnlichem Sinne geäußert hatte;
mit Benutzung dieser Blindschen Aussagen und Redewendungen konnte das Flugblatt

geschmiedet
werden, so
daß es wie

sein
Fabrikat aussah
... Jedermann mag nun nach Belieben
Marx
oder Blind für den Verfasser halten" etc.

Zabel beschuldet mich hier, ein Aktenstück, das Flugblatt "Zur Warnung", im Namen Blinds geschmiedet und ihn später durch ein von mir der "Allgemeinen Zeitung" zugeschicktes falsches Zeugnis als Verfasser des von mir
geschmiedeten Flugblatts
hingestellt zu haben. Die gerichtliche

Widerlegung dieser Angaben des "Demokraten" Zabel war ebenso schlagend als einfach. Sie bestand aus Blinds früher zitiertem Brief an Liebknecht, Blinds Artikel in der "Free Press", den beiden Affidavits Wiehes und Vögeles (Beilagen 12 und 13) und der gedruckten Erklärung von M. D. Schaible.

Vogt, der bekanntlich in seinen "Studien" die bayrische Regierung verhöhnt, reichte eine Klage gegen die "Allgemeine Zeitung" Ende August 1859 ein. Schon im folgenden September mußte die "Allgemeine Zeitung" um Ausstand der öffentlichen Gerichtsverhandlung einkommen, und trotz des gewährten Ausstands fand die Verhandlung wirklich statt
am 24. Oktober 1859
. Wenn solches im
Dunkelstaat Bayern
geschah, was stand nicht im
Lichtstaat

Preußen
zu gewarten, ganz davon abgesehn, daß es sprich wörtlich "in Berlin Richter gibt".

Mein Rechtsanwalt,
Herr Justizrat Weber
, formulierte meine Klage dahin:

"Der Redakteur der 'National-Zeitung', Dr. Zabel, hat mich in den in den diesjährigen Nummern 37 und 41 dieser Zeitung enthaltenen Leitartikeln wiederholt öffentlich verleumdet und mich insbesondere beschuldigt: l. auf unehrenhafte und verbrecherische Weise Geld zu erwerben und erworben zu haben; 2. das anonyme Flugblatt 'Zur Warnung' geschmiedet und der 'Allgemeinen Zeitung' gegenüber, wider besseres Wissen, nicht nur einen gewissen Blind als den Verfasser ausgegeben, sondern auch den Beweis dafür durch ein Dokument, von dessen unrichtigem Inhalt ich hätte überzeugt sein müssen, versucht zu haben."

Herr Justizrat Weber wählte zuerst das
Untersuchungsverfahren
, d.h. er denunzierte Zabels Verleumdungen dem Staatsanwalt, damit nun von Amts wegen gegen Zabel eingeschritten werde.
Am 18. April 1860
erfolgte nachstehende
"Verfügung"
:

"Urschriftlich an den Herrn Dr. Karl Marx, zu Händen des Herrn Justizrats Weber, mit dem Eröffnen zurück, daß
kein öffentliches Interesse
vorliegt, welches mir Anlaß gäbe einzuschreiten. (Artikel XVI des Einführungsgesetzes zum Strafgesetzbuch vom 14. April 1851,) Berlin, den 18. April.

Der Staatsanwalt beim Königl. Stadtgericht

gez.
Lippe
"

Mein Verteidiger appellierte an den Oberstaatsanwalt und erzielte am
26. April 1860
eine zweite
"Verfügung"
des Wortlauts:

"An den königl. Justizrat Herrn Weber als Mandatar des Herrn Dr. Karl Marx zu London hier. Sie erhalten die mit der Beschwerde vom 20. April c. in der Denunziationssache wider den Dr. Zabel hierselbst eingereichten Schriftstücke mit dem Bemerken zurück, daß allerdings die einzige Rücksicht, durch welche der Staatsanwalt

in dem ihm durch Artikel XVI des Einführungsgesetzes zum Strafgesetzbuche gewährten diskretionären Ermessen sich nur leiten lassen kann, die Frage ist, ob die Verfolgung durch irgendein erkennbares öffentliches Interesse gefordert werde?

Diese Frage muß ich im vorliegenden Fall übereinstimmend mit dem königl. Staatsanwalt verneinen und weise daher Ihre Beschwerde zurück. Berlin, den 26. April 1860.

Der Oberstaatsanwalt bei dem Königl. Kammergericht

gez.
Schwarck
"

Diese beiden abschlägigen Bescheide von Staatsanwalt
Lippe
und Oberstaatsanwalt
Schwarck

fand ich völlig berechtigt. In allen Staaten der Welt, also wohl auch im pr[eußischen] Staat, versteht man unter öffentlichem Interesse das
Regierungsinteresse
.
"Irgendein erkennbares öffentliches Interesse
", den "Demokrat" Zabel wegen Verleumdung gegen meine Person zu
verfolgen
, lag nicht auf seiten der pr[eußischen] Regierung und konnte nicht vorliegen. Das Interesse lag vielmehr umgekehrt. Zudem besitzt der Staatsanwalt nicht die richterliche Befugnis zu urteilen; er hat, selbst wider seine Überzeugung oder Ansicht, der Vorschrift seines Vorgesetzten, in letzter Instanz des
Justizministers
, blind zu folgen. Tatsächlich stimme ich also durchaus überein mit den Bescheiden der Herren Lippe und Schwarck, hege jedoch einen juristischen Skrupel über Lippes Berufung auf Artikel XVI des Einführungsgesetzes zum Strafgesetzbuch vom 14. April 1851. Zur Angabe der Motive, weshalb sie von ihrer Gewalt einzuschreiten
keinen
Gebrauch macht, ist die Staatsanwaltschaft durch keine Vorschrift des preußischen Gesetzbuchs verpflichtet. Auch der von Lippe zitierte Artikel XVI enthält keine Silbe in dieser Beziehung. Wozu ihn also zitieren?

Mein Rechtsanwalt schlug nun das
Zivilprozeßverfahren
ein, und ich atmete auf. Wenn die preußische Regierung kein öffentliches Interesse hatte, den F. Zabel zu verfolgen, so hatte ich das desto lebhaftere Privatinteresse der Selbstwehr. Und ich trat jetzt in meinem eignen Namen auf. Wie das
Urteil
ausfalle, war mir gleichgültig, sobald es nur gelang, den F. Zabel vor die Schranken eines öffentlichen Gerichts zu bannen. Nun denke man sich mein Erstaunen! Es handelte sich, wie ich erfuhr, noch nicht um gerichtliche Einleitung meiner Klage, sondern um gerichtliche Einleitung der Frage, ob mir das
Recht
zustehe, den F. Zabel zu
verklagen
?

Nach der pr[eußischen] Gerichtsverfassung, erfuhr ich zu meinem Schrecken, muß jeder Kläger, bevor der Richter die Klage einleitet, d.h. zum wirklichen Richterspruch vorbereiten läßt, den Fall demselben Richter so vorlegen, daß letzterer ersieht, ob überhaupt ein
Klagerecht
vorhanden ist. Bei dieser vorläufigen Prüfung der Akten mag der Richter neue Beweis-

mittel verlangen oder einen Teil der alten Beweismittel unterdrücken oder finden, daß überhaupt kein
Klage
recht
existiert. Beliebt es ihm, dem Kläger das Recht der Klage zuzugestehn, so leitet der Richter die Klage ein, das kontradiktorische Verfahren beginnt, und die Sache wird durch Urteil entschieden. Verweigert der Richter das Klagerecht, so weist er den Kläger einfach per decretum, durch
Verfügung
ab. Dies Verfahren ist nicht nur dem Injurienprozesse, sondern dem Zivilprozesse überhaupt eigen. Eine Injurienklage, wie jede andre Zivilklage, kann daher möglicherweise in allen Instanzen durch solche amtliche
Verfügung
abgewiesen und demgemäß niemals abgemacht werden.

Man wird zugeben, daß eine Gesetzgebung, die das
Klagerecht
der Privatperson in ihren eignen Privatangelegenheiten nicht anerkennt, die allereinfachsten Grundgesetze der bürgerlichen Gesellschaft noch verkennt. Aus einem selbstverständlichen Recht der selbständigen Privatperson wird das Klagerecht ein vom Staat durch seine richterlichen Beamten erteiltes Privilegium. In jedem einzelnen Rechtszwist schiebt sich der Staat zwischen die Privatperson und die Gerichtstüre, die sein
Privateigentum ist
und die er nach Gutdünken öffnet oder schließt. Erst
verfügt
der Richter als Beamter, um später zu
urteilen
als Richter. Derselbe Richter, der ohne Verhör des Angeklagten, ohne kontradiktorisches Verfahren
vorurteilt
, ob ein Recht der Klage existiert, der sich etwa auf Seite des Anklägers stellt, also in einem gewissen Grade
für
die Berechtigung der Klage, also in gewissem Grad gegen den Angeklagten entscheidet, ebenderselbe Richter soll nun später bei der wirklichen Gerichtsverhandlung
parteilos
zwischen Kläger und Angeklagtem
urteilen
, also über sein eignes Vorurteil aburteilen. B. beohrfeigt A. A. kann den Ohrfeiggeber nicht verklagen, bevor er eine Lizenz dazu vom richterlichen Beamten höflichst eingelöst hat. A. hält dem B. ein Grundstück vor. B. bedarf einer vorläufigen Konzession zur gerichtlichen Geltendmachung seiner Eigentumsansprüche. Er mag sie erhalten oder nicht erhalten. B. verleumdet den A. in der öffentlichen Presse, und im geheimen "verfügt" ein richterlicher Beamter vielleicht, daß A. den B. nicht verfolgen darf. Man begreift, welche Ungeheuerlichkeiten ein solches Verfahren schon im eigentlichen Zivilprozesse erzeugen kann. Und nun gar bei Verleumdungen unter politischen Parteien durch das Organ der Presse! In allen Ländern, und selbst in Preußen, sind Richter bekanntlich Menschen wie andre. Hat doch sogar einer der Vizepräsidenten des Königl.-Preußischen Obertribunals, Herr
Dr. Götze
, im preußischen Herrenhause erklärt, die preußische Jurisprudenz sei durch die Verwirrungen der Jahre 1848, 1849 und 1850 in Verlegenheit geraten und habe einige Zeit bedurft,

um sich zu orientieren. Wer bürgt dem Dr. Götze dafür, daß er sich nicht in der Zeit der Orientierung verrechnet? Daß in Preußen das Recht der Klage, gegen einen Verleumder z.B., von der
vorläufigen "Verfügung"
eines Beamten abhängt, den die Regierung noch obendrein (siehe vorläufige Verordnung vom 10. Juli 1849 und Disziplinargesetz vom 7. Mai 1851 ) wegen sogenannter "Pflichtverletzung im Amt" mit Verweisen, Geldbußen, unfreiwilligen Versetzungen auf eine andre Stelle und sogar schimpflicher Entlassung aus dem Justizdienst bestrafen kann - wie werde ich es nur anfangen, das den Engländern nicht klar, sondern glaublich zu machen?

Ich bezwecke nämlich die Veröffentlichung einer englischen Broschüre über meinen Casus contra F. Zabel. Und Edmond About, als er "La Prusse en 1860" schrieb, was hätte er nicht um die Notiz gegeben, daß in dem Gesamtumfang der preußischen Monarchie nirgendwo das
Klagerecht
existiert außer in der mit dem Code Napoléon "gesegneten" Rheinprovinz!
Leiden
müssen die Menschen überall unter den Gerichten, aber nur in wenigen Ländern ist es ihnen untersagt zu
klagen
.

Unter diesen Umständen begreift man, daß
mein Prozeß
gegen
Zabel
vor
preußischem Gericht
sich unter der Hand verwandeln mußte in
meinen Prozeß

über
Zabel mit den preußischen Gerichten
. Von der theoretischen Schönheit der Gesetzgebung weg werfe man nun einen Blick auf die praktischen Reize ihrer Anwendung.

Am 8. Juni 1860 erließ das königl.
Stadtgericht
zu Berlin folgende
"Verfügung"
:

"
Verfügung auf die Klage vom 5. Juni 1860 in Injuriensachen

Marx contra Zabel.
M. 38 de 1860.

1. Die Klage wird wegen
mangelnden Tatbestandes
zurückgewiesen, weil die beiden inkriminierten Leitartikel der hiesigen 'National-Zeitung'
lediglich die politische Haltung der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung'
und die
Geschichte des anonymen Flugblatts 'Zur Warnung'
zum Gegenstand der Besprechung machen und
die darin enthaltenen Äußerungen und Behauptungen, insofern dieselben von dem Verfasser selbst

gemacht worden sind und
nicht in bloßen Zitaten anderer Personen bestehen
, die
Grenzen einer erlaubten Kritik

nicht überschreiten und daher nach der Bestimmung des § 154 des Strafgesetzbuchs,
da auch die Absicht zu beleidigen
weder aus
der gebrauchten Form
dieser Äußerungen
noch aus den Umständen
, unter denen sie erfolgt sind, hervorgeht, für strafbar nicht erachtet werden können.

Berlin, 8. Juni 1860

Kgl. Stadtgericht, Abt. für Kriminalsachen.

Kommission I für Injuriensachen. (L. S. < loco sigilli - an Stelle des Siegels >)"

Also das
Stadtgericht
verbietet mir, den
F. Zabel
zu
verklagen
, und enthebt den
Zabel
der Verdrießlichkeit, für seine öffentlichen Verleumdungen Rede zu stehn! Und warum?
"Wegen mangelnden Tatbestandes."
Die Staatsanwaltschaft verweigerte für mich, gegen Zabel einzuschreiten, weil
kein irgend erkennbares öffentliches Interesse vorlag
. Das
Stadtgericht
verbietet mir, in eigner Person gegen den Zabel einzuschreiten, weil
kein Tatbestand
vorliege. Und warum liegt kein Tatbestand vor?

Erstens: "Weil die beiden Leitartikel der 'National-Zeitung'
lediglich die politische Haltung der 'Allgemeinen Zeitung' betreffen
."

Weil Zabel mich vorläufig in einen
"Korrespondenten der 'Allgemeinen Zeitung'"
umlügt, hat Zabel das Recht, mich zum Prügeljungen seines Konkurrenzkrakeels mit der
"Allgemeinen Zeitung"
zu machen, und ich besitze nicht einmal das Recht, über diese "Verfügung" des gewaltigen Zabel zu klagen! Schwefelbande, Bürstenheimer, Complot franco-allemand <französisch-deutscher Komplott>, Revolutionstag von Murten, Kölner Kommunistenprozeß, Genfer Geldpapierfälschung,
"Werk

der 'Rheinischen Zeitung'"
usw. usw. - alles das
betrifft
"
lediglich
die politische Haltung der 'Allgemeinen Zeitung'
".

Zweitens: F. Zabel hatte
"nicht die Absicht zu beleidigen"
. Beileibe nicht! Der gute Kerl hatte nur die Absicht, mich politisch und moralisch totzulügen.

Wenn "Demokrat" F. Zabel in der "National-Zeitung" behauptet, ich habe Geld massenhaft gefälscht, Dokumente im Namen dritter Personen geschmiedet, Leute im Vaterlande politisch kompromittiert, um ihnen Geld abzupressen unter der Drohung der Denunziation usw., so kann Zabel, juristisch gesprochen, mit diesen Angaben nur eins oder das andre bezwecken. Mich zu verleumden oder mich zu denunzieren. Im ersten Fall ist Zabel gerichtlich strafbar, im zweiten hat er gerichtlich den Beweis der Wahrheit zu liefern. Was scheren mich die sonstigen Privatabsichten des "Demokraten" F. Zabel?

Zabel verleumdet, aber ohne "die Absicht zu beleidigen". Er schneidet mir die Ehre ab, wie jener Türke dem Griechen den Kopf abschnitt ohne die Absicht, wehe zu tun.

Die spezifische
"Absicht"
des Zabel, zu
"beleidigen",
wenn bei Infamien, wie "Demokrat" F. Zabel sie mir andichtet, wenn einmal von "beleidigen" und "Absicht zu beleidigen" die Rede sein soll, die
bitterböse Absicht
des
guten
Zabel dunstet aus allen Poren seiner Leitartikel No. I und No. II.

Vogts "Hauptbuch", Beilagen eingerechnet, zählt nicht weniger als

278 Seiten. Und F. Zabel, gewohnt "to draw out the thread of his verbosity finer than the staple of his argument" <"den Faden seiner Geschwätzigkeit feiner auszuspinnen als der Wollenvorrath seiner Gedanken verträgt">, der breitspurige F. Zabel, Dunce Zabel bringt es fertig, diese 278 Seiten in ungefähr 5 kleine Zeitungsspalten zu verdichten, ohne daß eine
einzige
Verleumdung Vogts gegen mich und meine Partei verlorenginge. Aus den schmutzigsten Partien gibt F. Zabel eine Blumenlese, von den minder drastischen eine Inhaltsanzeige. F. Zabel, gewohnt, aus zwei Gedanken-molecules 278 Seiten herauszuziehn, kondensiert 278 Seiten in zwei Leitartikel, ohne daß ihm bei diesem Prozeß ein einziges Gemeinheitsatom entfällt. Ira facit poetam. <Der Zorn macht den Poeten>

Wie intensiv denn mußte die Bosheit sein, die Zabels Wasserkopf in eine hydraulische Presse von solcher Kompressivkraft umzaubern konnte!

Andrerseits verdunkelt ihm die Bosheit den Blick so völlig, daß er mir Wundermacht zuschreibt, wirkliche Wundermacht, nur damit er eine Gemeinheit mehr insinuieren kann.

Nachdem er in dem ersten Leitartikel mit der Schilderung der Schwefelbande unter meinem Kommando begonnen und mich und meine Parteigenossen glücklich
zu "Verbündeten der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland"
gemacht, nachdem er u.a. erzählt, daß "diese Leute" den Vogt haßten, weil er ihnen gegenüber beständig die Schweiz rettete, fährt er fort:

"Als nun Vogt im vorigen Jahr seine Klage gegen die
'Allgemeine Zeitung'
erhoben hatte, meldete sich
bei dieser brieflich
ein
andrer
Londoner
Spießgeselle
,
Biscamp
... In der schamlosesten Weise bietet der Schreiber in dem Briefe seine ... Feder als zweiter Korrespondent neben Herrn Liebknecht an.
Acht Tage nach Biscamp schrieb

auch

Marx
an
die 'Allgemeine Zeitung' und bot ein 'gerichtliche Dokument'
zum Beweise gegen Vogt an, von
dem
" (Dokument, Beweis oder Vogt?) "
wir vielleicht ein andermal
reden."

Letzteres Versprechen gibt Zabel am 22. Januar und löst es schon am 25. Januar in Nr. 41 der "National-Zeitung", wo es heißt:

"Also Blind will nicht der Verfasser des Flugblatts sein; als solcher wird er ... zum ersten Mal in
Biscamps Brief an die 'Allgemeine Zeitung' vom 24. Oktober
bezeichnet... Um für Blinds Autorschaft
weiter zu plädieren, schreibt am 29. Oktober Marx an die 'Allgemeine Zeitung'
."

Also nicht einmal, zweimal, erst am 22. Januar und dann wieder am 25. Januar, nachdem er 3 Tage Bedenkzeit hatte, traut mir F. Zabel die Wundermacht zu, in London am
29. Oktober 1859
einen Brief zu schreiben, der dem Bezirksgericht zu Augsburg am
24. Oktober 1859
vorlag, und beide-

mal traut er mir die Wundermacht zu, um eine Verbindung herzustellen zwischen dem von mir der
"Allgemeinen Zeitung"
eingesandten "Dokument" und Biscamps anstößigem Brief an die "Allgemeine Zeitung", um meinen Brief als den pedisequus <die Folgeerscheinung>

von Biscamps Brief erscheinen zu lassen. Und es war nicht Bosheit, verbiesterte Bosheit, die diesen F. Zabel so bis zum Wunderglauben stockdumm machte, weit über das normale Dunzmaß hinaus?

Aber, "plädiert" das
Stadtgericht
"weiter", Zabels Leitartikel No. II macht "
lediglich die Geschichte des anonymen
Flugblatts 'Zur Warnung'" zum "Gegenstand der Besprechung". Zum
Gegenstand
?

Soll heißen: zum
Vorwand
.

Eisele-Beisele, diesmal versteckt unter dem Namen der
"Vaterlandsfreunde"
, hatten, wie es scheint, im November 1859 dem "Nationalverein "' einen "offnen Brief" zugeschickt, der in der reaktionären "Neuen Hannoverschen Zeitung" abgedruckt ward. Der "offne Brief" verletzte das Maß der "Demokratie" Zabel, die ihrem Löwenmut gegen die Dynastie Habsburg das Gleichgewicht hält durch ihre Kriecherei vor der Dynastie Hohenzollern. Die "Neue Preußische Zeitung" nahm von dem "offnen Brief" Anlaß zu der jedenfalls nicht originellen Entdeckung, daß, wenn die Demokratie einmal anfängt, sie nicht notwendig endet in -
F. Zabel
und seinem "Organ der Demokratie". Zabel ergrimmte und schrieb Leitartikel Nr. II:
"Wie man radikale Flugblätter macht"
.

"Indem", sagt der gewichtige Zabel, "indem wir die 'Kreuz-Zeitung' einladen, die Geschichte des Flugblatts ('Zur Warnung')
an der Hand der von Vogt
mitgeteilten Aktenstücke und
Erläuterungen
mit uns durchzugehn, hoffen wir auf ihr schließliches Zugeständnis, daß wir doch recht hatten, vor acht Wochen zu sagen, der offne Brief an den Nationalverein sei etwas für sie, nicht für uns, er
sei für ihre Spalten
verfertigt worden, nicht für die unsrigen."

Der in die Geheimnisse des Radikalismus von Vogt radicaliter <mit aller Gründlichkeit>

eingeweihte "Demokrat" Zabel will also seinerseits das Geheimnis "Wie man radikale Flugblätter macht" der "Kreuz-Zeitung" vordozieren oder, wie das Stadtgericht dies ausdrückt, "
lediglich
die Geschichte des Flugblatts 'Zur Warnung' zum Gegenstande der Besprechung machen"
. Und wie fängt F. Zabel das an?

Er beginnt mit der "Taktik" der "Partei der 'Proletarier'
unter Marx
". Erst erzählt er, wie die "Proletarier
unter Marx
" hinter dem Rücken, aber
im Namen
eines Arbeitervereins, mit auswärtigen Arbeitervereinen, "auf

deren
Kompromittierung
es
abgesehn
ist", von London aus Korrespondenzen führen, "Umtriebe", Organisierung des Geheimbunds usw. ins Werk setzen und schließlich "Schriftstücke" abfassen lassen, die den Vereinen, "auf deren Kompromittierung es abgesehn ist... unausbleiblich Reklamationen der Polizei zuziehn". Um also die "Kreuz-Zeitung" zu belehren, "wie man radikale Flugblätter macht", lehrt Zabel zunächst, wie "die Partei der 'Proletarier'
unter Marx
" polizistische "Korrespondenzen" und "Schriftstücke" macht, die keine "Flugblätter" sind. Um zu erzählen, "wie man radikale Flugblätter macht", erzählt er weiter, wie die "Proletarier
unter Marx
" 1852 zu Genf
"massenhaft falsches Papiergeld"
machten, was wieder keine "radikalen Flugblätter" sind. Um zu erzählen, "wie man radikale Flugblätter macht", berichtet er, wie die "Proletarier
unter Marx
" auf dem Lausanner Zentralfest, 1859, schweizerfeindliche und vereinskompromittierliche
"Manöver"
machten, was wieder keine "radikalen Flugblätter sind; wie "Biscamp und
Marx
" mit nur "den Göttern" bekannten Geldquellen
"Das Volk"
machten, was wieder kein "radikales Flugblatt", sondern eine Wochenschrift war, und nach alledem legt er ein wohlmeinendes Wort ein für die unbefleckte Reinheit des Vogtschen Werbebüros, was wieder kein "radikales Flugblatt" war. So füllt er 2 von den 3
1
/
4
Spalten des Artikels
"Wie man radikale Flugblätter macht"
. Diesen zwei Dritteilen des Artikels dient also die
Geschichte
des anonymen Flugblatts nur als
Vorwand
, um die Vogtschen Infamien nachzuholen, die "Freund" und Mitstrolch
F. Zabel
unter der Rubrik
"Politische Haltung der Allgemeinen Zeitung"
noch nicht an den Mann gebracht hat. Endlich, zu guter Letzt, kommt Dunce I. auf die Kunst "radikale Flugblätter zu machen", nämlich auf "die Geschichte" des Flugblatts "Zur Warnung".

"Blind will nicht der Verfasser des Flugblatts sein; als solcher wird er dreist und zum ersten Male in Biscamps Brief an die 'Allgemeine Zeitung' vom 24. Oktober bezeichnet ... Um für Blinds Autorschaft
weiter zu plädieren
, schreibt am 29. Oktober
Marx
an die 'Allgemeine Zeitung': 'Ich habe mir
beifolgendes Dokument
verschafft, weil Blind verweigerte, für Äußerungen einzustehn, die er mir und andern gegenüber gemacht.'"

Zabel verdächtigt nun dies Dokument namentlich auch, weil Liebknecht ... "wunderbar" hinzufügt: "Wir wollten von dem Magistrat (?)" (dies Fragezeichen steht in Zabels Text) "unsre Unterschriften beglaubigen lassen", und Zabel ein für allemal entschlossen ist, neben dem Berliner Magistrat keinen andern Magistrat anzuerkennen. Zabel teilt ferner den Inhalt von Vögeles Erklärung mit, infolge deren Blind der "Allgemeinen Zeitung" die Zeugnisse Hollingers und Wiehes zugeschickt zum Beweis,
daß das Flugblatt nicht in Hollingers Druckerei gesetzt
, also auch nicht von Blind
verfaßt sei
, und fährt dann fort:

"
Marx, immer schlagfertig
, antwortet in der 'Allgemeinen Zeitung' am 15. November".

Zabel zählt die verschiednen Punkte meiner Antwort auf. Marx sagt das ... Marx sagt das ... "
außerdem
beruft sich
Marx
". Also, da ich
"außerdem"
nichts sage, hat Zabel seinen Lesern natürlich
alle
Punkte meiner Antwort mitgeteilt? Da kennt ihr euren Zabel! Er verheimlicht, wegstibitzt,
unterschlägt
den schlagenden Punkt meiner Antwort. In meiner Erklärung vom 15. November führe ich verschiedne Punkte auf, und zwar numeriert. Also: "1. ... 2. ... endlich 3. ..." " ...Zufällig ist der Abdruck" (des Flugblatts) "im 'Volk' abgezogen von dem Satz des Flugblatts, der noch in Hollingers Druckerei stand. So wäre denn
ohne Zeugenaussage
, durch einfache Vergleichung zwischen dem Flugblatt und seinem Abdruck im 'Volk', der
Beweis gerichtlich zu liefern, daß

ersteres aus der Druckerei des F. Hollinger hervorgegangen
." Das entscheidet die Sache, sagte sich Zabel. Das dürfen meine Leser nicht erfahren. So eskamotiert er die Schlagkraft aus meiner Antwort, um mir eine verdächtige Schlagfertigkeit ins Gewissen zu schieben. So erzählt Zabel "die Geschichte des Flugblatts", indem er zweimal absichtlich fälscht, das eine Mal die Chronologie, das andre Mal den Inhalt meiner Erklärung vom 15. November. Seine
doppelte Fälschung
bahnt ihm den Weg zum Schluß,
daß ich das Flugblatt "geschmiedet"
, und zwar so, daß es wie Blinds "Fabrikat aussah", daß ich also auch in Vögeles Zeugnis der "Allgemeinen Zeitung" ein falsches Zeugnis, und zwar
wissentlich
, zuschickte. Die Beschuldigung, Dokumente zu schmieden mit der Absicht, sie einer dritten Person aufzubürden, "überschreitet" nach der Ansicht des Berliner
Stadtgerichts
"nicht die Grenzen einer erlaubten Kritik" und schließt noch weniger "die Absicht zu beleidigen" ein.

Am Ende seines Rezepts "Wie man radikale Flugblätter macht" fällt dem Zabel plötzlich ein, daß
eine
schamlose Erfindung Vogts noch nicht an den Mann gebracht ist, und flugs hinter seinen Leitartikel Nr. II wirft er noch in aller Hast die Notiz:

"1850 wurde eine andre Zirkulardepesche" (wie Vogt sich zu erinnern glaubt) "vom Parlaments-Wolf alias
Kasematten-Wolf
verfaßt, an die 'Proletarier' in Deutschland gesandt und
gleichzeitig
der hannöverschen Polizei in die Hände gespielt."

Mit dieser artigen Polizeianekdote über einen der ehemaligen Redakteure der "Neuen Rheinischen Zeitung" nimmt Fettbildner und Demokrat Zabel schmunzelnd von seinem Lesepublikum Abschied. Die Worte "alias Kasematten-Wolf" gehören nicht Vogt, sondern F. Zabel. Seine schlesischen Leser sollten ganz genau wissen, daß es sich um ihren Landsmann

W. Wolff
, den ehemaligen Mitredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung", handelt. Wie sorgsamlichst der gute Zabel bis ins Detail die Verbindung der "Neuen Rheinischen Zeitung" mit der Polizei in Frankreich und Deutschland herzustellen bemüht ist! Seine Schlesier konnten vielleicht glauben, es handle sich um Zabels eignen
B. Wolff
, Zabels natürlichen Vorgesetzten (natural superior), der bekanntlich im "Geheimbund" mit den bekannten Lügdepeschen-Fabrikanten Reuter zu London und Havas zu Paris Weltgeschichte zurechttelegraphiert.
Sigmund Engländer
, der notorische geheime Polizeiagent, ist aber die Seele des Reuterschen Büros, also die beseelende Einheit der Dreieinigkeit
B. Wolff-Reuter-Havas
.

Trotz alledem und trotz des Demokraten Zabel Absicht, nicht zu beleidigen, erklärt das Berliner
Stadtgericht
, daß allerdings in Zabels beiden Leitartikeln auch "Äußerungen und Behauptungen enthalten sind", welche "die Grenzen einer erlaubten Kritik überschreiten", daher "strafbar", also jedenfalls auch
verklagbar
sind. Also her mit dem Zabel! Liefert mir den Zabel aus, auf daß er vor Gericht zapple! Halt da! ruft das
Stadtgericht
. Die in den beiden Leitartikeln gemachten "Äußerungen und Behauptungen", sagt das Stadtgericht, "
soweit
dieselben von dem Verfasser" (Zabel) "selbst gemacht worden sind
und nicht in bloßen Zitaten andrer Personen bestehen
", überschreiten nicht "die Grenzen einer erlaubten Kritik", sind nicht "strafbar", und daher ist Zabel nicht nur nicht strafbar, sondern selbst nicht verklagter, und "die Akten sind à conto des Klägers zurückzulegen". Also der verleumderische Teil von Zabels Äußerungen und Behauptungen" ist
"bloßes Zitat"
. Voyons! <Wir werden sehen!>

Man erinnert sich aus dem Eingang dieses Abschnitts, daß meine Verleumdungsklage auf 4 Stellen in Zabels zwei Leitartikeln beruht. In der Stelle über die Geldquellen des "Volk" (sub 2 der oben angeführten Klagepunkte)
gibt Zabel selbst
nicht vor zu zitieren und zitiert in der Tat nicht, denn:

Zabel.
("National-Zeitung" Nr. 41.)

"Woher das Geld für das freigebig verteilte Blatt ('Volk') kam, wissen die Götter; daß Marx und Biscamp kein überflüssiges Geld haben, wissen die Menschen."

Vogt.
("Hauptbuch", p. 212.)

"Der ständige Korrespondent der 'Allgemeinen Zeitung' ist Mitarbeiter in diesem Blatte ('Volk'), das aus unbekannten Fonds gegründet wurde, denn weder Biscamp noch Marx besitzen
hierzu
" (nämlich dazu, ein Blatt aus
unbekannten Fonds
zu gründen?) "die erforderlichen Mittel."

In der zweiten inkriminierten Stelle (oben sub 4), worin mir Schmiedung eines Dokuments im Namen Blinds aufgebürdet wird, erklärt Zabel sogar
ausdrücklich
, daß er in
seinem
Namen als Zabel und nicht in Vogts Namen spricht.

"Uns"
, als Herrscher im Reich der Dullness braucht Zabel natürlich den pluralis majestatis <Plural der Majestät>, "uns
scheint
, daß es für diese" (die Partei Marx) "nicht allzu schwer war, ihn" (Blind) "zum Sündenbock zu machen ... mit Benutzung dieser Blindschen Aussagen und Redewendungen konnte das Flugblatt
geschmiedet
werden, so daß es wie
sein
" (Blinds) "Fabrikat
aussah
." (
"National-Zeitung"
No. 41.)

Die dritte von mir inkriminierte Stelle (oben sub 3) muß ich wieder ganz "zitieren":

"In dieser Art wurde 1852 eine Verschwörung der schändlichsten Art, mit massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld (
man sehe das Nähere bei Vogt
) gegen die schweizerischen Arbeitervereine eingefädelt, eine Verschwörung, welche den schweizerischen Behörden die äußersten Unannehmlichkeiten bereitet haben würde, wenn sie nicht zu rechter Zeit entdeckt worden wäre."

Ist dies
"bloßes Zitat"
wie das
Stadtgericht
behauptet, oder ist es überhaupt Zitat? Es ist zum Teil Plagiat aus Vogt, aber es ist in
keiner Weise Zitat
.

Zunächst behauptet
Zabel selbst
nicht zu zitieren, sondern im eignen Namen zu sprechen, indem er seinem Leser in Parenthese sagt: "Man sehe das Nähere bei Vogt." Und nun betrachte man die Stelle! Zu Genf wußte man, daß
Cherval
erst
Frühling 1853
nach Genf kam, daß seine "Verschwörung" und Flucht im
Frühling 1854
stattfand. Vogt in Genf wagt daher nicht zu sagen, die "'Verschwörung' sei
'1852'
... eingefädelt

worden". Diese Lüge überläßt er dem guten Zabel zu Berlin. Ferner: Vogt sagt:

"Schon waren verschiedne Stein- und Kupferplatten von Nugent" (Cherval) "selbst zu diesem Zwecke" (der Fabrizierung falscher Banknoten etc.)
"graviert."
("Hauptbuch", p. 175.)

Also
schon
waren verschiedne Stein- und Kupferplatten für die Falschmünzerei graviert,
noch
waren die Banknoten und Tresorscheine nicht fabriziert. Bei
Zabel
dagegen hat "die Verfertigung von falschem Papiergeld" bereits stattgefunden und zwar
"massenhaft"
. Vogt sagt, der statutenmäßige "Zweck" von Chervals Verschwörung sei gewesen:

"Bekämpfung des Despotismus durch seine eignen Mittel, und zwar durch massenhafte Fabrizierung falscher Banknoten und Tresorscheine." (l.c.)

Zabel streicht die Bekämpfung des Despotismus weg und hält sich an der "massenhaften Verfertigung von falschem Papiergeld". Also bei Zabel gemeines bürgerliches Verbrechen, vor den Mitgliedern des "Geheimbundes" nicht einmal beschönigt durch den falschen Vorwand politischer Zwecke. Und in
dieser
Art
"zitiert"
Zabel überhaupt das "Hauptbuch".
Vogt
mußte aus seinen Jagdgeschichten ein "Buch" machen. Er detailliert daher, spinnt aus, kleckst, fleckst, färbt, schmiert, hantiert, entwickelt, verwickelt, motiviert, dichtet, fa del cul trombetta <trompetet mit dem Steiß>, und so scheint die Falstaffsche Seele überall durch die angeblichen Tatsachen, die er durch seine eigne Erzählung unbewußt wieder in ihr ursprüngliches Nichts auflöst. Zabel dagegen, der das Buch in 2 Leitartikel zusammenpressen mußte und keine Gemeinheit verlorengehn lassen wollte, unterdrückt alles außer dem Caput mortuum jeder angeblichen "Tatsache", reiht diese trocknen Verleumdungsknochen den einen an den andern und betet dann diesen Rosenkranz mit pharisäischem Eifer ab.

Man nehme z.B. den vorliegenden Fall. An die von mir zuerst enthüllte Tatsache, daß Cherval ein geheimer, im Sold verschiedner Gesandtschaften stehender Polizeiagent und Agent provocateur ist, knüpft Vogt seine Dichtung an. Da lautet's denn unter anderm:

"
Schon
waren verschiedne Stein- und Kupferplatten von Nugent" (Cherval) "selbst zu diesem Zwecke" (Falschmünzerei) "graviert,
schon
waren die leichtgläubigen Mitglieder des Geheimbundes bestimmt, die mit Paketen dieser" (noch nicht fabrizierten) "falschen Banknoten nach Frankreich, der Schweiz und Deutschland gehen sollten; aber
schon waren auch die Denunziationen an die Polizei erfolgt
und einstweilen in dieselben schändlicherweise die Arbeitervereine hereingebracht etc." ("Hptb.", p. 175.)

Also
Vogt
läßt den Cherval seine eignen Operationen der Polizei
schon denunzieren
, nachdem er
nur noch
Kupferplatten und Steine für die beabsichtigte Falschmünzerei graviert hat, bevor der Zweck seiner Verschwörung erreicht, ein Corpus delicti vorhanden, irgend jemand außer ihm selbst kompromittiert ist. Aber es treibt den Vogtschen Cherval die Unruhe, "die Arbeitervereine schändlicherweise" in seine "Verschwörung" hineinzubringen. Die
auswärtigen Gesandtschaften
, die den Cherval anwenden, sind ganz ebenso dumm wie der Cherval und machen ebenso voreilig in

"vertraulichen Anfragen die eidgenössische Polizei darauf aufmerksam, daß politische Umtriebe in den Arbeitervereinen usw. vor sich gehen".

Gleichzeitig stellen diese Pinsel von Gesandten, die nicht die Geduld haben, die in ihrem Auftrag durch Cherval ausgeheckte Verschwörung

reifen zu lassen, und in kindischer Ungeduld ihren eignen Agenten nutzlos bloßstellen, an "den Grenzen" Gensd'armen auf, um Chervals Emissäre, "wäre die Sache so weit gediehen", wie sie sie nicht gedeihen ließen, "mit den falschen Banknoten", deren Fabrizierung sie vereiteln,

"in Empfang zu nehmen und die ganze Sache zu einer allgemeinen Hetze zu benutzen, in welcher Massen von Unschuldigen das Getriebe einiger Niederträchtigen hätten büßen müssen".

Wenn
Vogt
nun
weiter
sagt: "Der Plan dieser ganzen Verschwörung war in scheußlicher Weise angelegt", so wird jeder ihm zugeben, daß sie in
scheußlich dummer Weise
angelegt war, und wenn er renommierend abschließt:

"Ich leugne nicht, daß ich zur Vereitlung dieser
Teufelei

mein Wesentliches
beigetragen habe",

so wird jeder die Pointe verstehn und in Lachkrämpfe über den lustigen Teufel ausbrechen. Aber nun vergleiche man Zabels mönchsartige Annalenversion!

"In dieser Art wurde 1852 eine Verschwörung der schändlichsten Art mit massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld (man sehe das Nähere bei Vogt) gegen die schweizerischen Vereine eingefädelt, eine Verschwörung, welche den schweizerischen Behörden die äußersten Unannehmlichkeiten bereitet haben würde, wenn sie nicht zur rechten Zeit entdeckt worden wäre."

Hier ist ein ganzes Bündel gleich trockner und gleich schändlicher Tatsachen in einen einzigen kurzen Satz zusammengerollt. "Verschwörung der schändlichsten Art", mit dem Datum 1852. "Massenhafte Verfertigung von falschem Papiergeld". Also gemeines bürgerliches Verbrechen. Absichtliche Kompromittierung der "schweizerischen Arbeitervereine". Also Verrat an der eignen Partei. "Äußerste Unannehmlichkeiten", eventuell bereitet den "schweizerischen Behörden". Also Agent provocateur im Interesse der kontinentalen Despoten gegen die Schweizer Republik. Endlich "rechtzeitige Entdeckung der Verschwörung". Hier verliert die Kritik alle Anhaltspunkte, die ihr die Vogtsche Darstellung bietet, sie sind rein wegeskamotiert. Man muß glauben oder nicht glauben. Und in dieser Weise verarbeitet Zabel das ganze "Hauptbuch", soweit es mich und meine Partei genossen betrifft.
Heine
sagt mit Recht, daß kein Mensch so gefährlich ist wie ein horntoller Esel.

Endlich die vierte von mir inkriminierte Stelle (oben sub 1), womit Leitartikel No. I seine Enthüllungen über die "Schwefelbande" eröffnet, leitet
Zabel
allerdings ein mit den Worten:

"Vogt berichtet S. 136 und flgd."
Zabel läßt es dahingestellt, ob er selbst resümiert oder zitiert. Er hütet sich, Anführungszeichen zu brauchen. In der Tat
zitiert er nicht
. Dies war von vornherein außer Frage, da Zabel die Seiten 136, 137, 138, 139, 140 und 141 des "Hauptbuchs" in 51 Zeilen von ungefähr 48 Buchstaben jede zusammenpreßt, keine Lücken anzeigt, vielmehr die Sätze dicht aufeinanderpackt wie holländische Heringe und endlich in den 51 Zeilen noch Raum zu Eignem findet. Wo ihm ein besonders schmutziger Satz begegnet, nimmt er ihn so ziemlich unversehrt in sein Bündel. Im übrigen wirft er die Auszüge durcheinander, nicht wie sie der Seitenzahl nach im "Hauptbuch" folgen, sondern wie sie in seinen Kram passen. Den Kopf des einen Vogtschen Satzes versieht er mit dem Schwanz eines andern Vogtschen Satzes. Wiederum komponiert er
einen
Satz aus den Stichworten eines Dutzends Vogtscher Sätze. Wo bei Vogt irgendein stilistischer Schutt das Schlaglicht hindert, rein auf die Verleumdung zu fallen, räumt Zabel den Schutt weg.
Vogt
z.B. sagt:

"Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß
sie den Ausbeutungsversuchen nicht widerstehn
und Geld zahlen mußten".

Zabel aber:

"so zu kompromittieren, daß sie Geld zahlen mußten".

An andern Punkten
ändert
Zabel, was ihm
zweideutig
in Vogts Stillosigkeit erscheint. So
Vogt
:

"daß sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimnis
ihrer
Kompromittierung bewahre".

Dagegen
Zabel
:

"damit die Bande das Geheimnis
ohne
Kompromittierung bewahre".

Endlich interpoliert
Zabel
ganze Sätze
eigner
Fabrikation, wie:

"Eine furchtbare Zucht handhabte die Schwefelbande über ihre Anhanger" und "sie" - nämlich "die
Gesellen, die das Werk

der 'Rheinischen Zeitung' in
der
Flüchtlingschaft fortsetzten" -

"sie wurden die Verbündeten der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland."

Von den 4 von mir inkriminierten Stellen gehören also 3
nach Zabel selbst dem Zabel
, während das vierte angebliche "Zitat", obgleich mit Zitaten untermischt,
kein Zitat
ist und noch weniger
"ein bloßes Zitat"
, wie das
Stadtgericht
behauptet, und am allerwenigsten ein Zitat
"andrer Personen"
im Plural, wie dasselbe
Stadtgericht
behauptet. Umgekehrt findet sich dagegen in sämtlichen
"Äußerungen und Behauptungen"
Zabels über mich auch

nicht
eine einzige Zeile
, die "Kritik und Beurteilung" ( erlaubte" oder "unerlaubte") enthält.

Aber gesetzt,
die tatsächliche Voraussetzung des Stadtgerichts
sei ebenso wahr, wie sie falsch ist; gesetzt,
Zabel
habe seine Verleumdungen über mich nur
zitiert
, wäre das
Stadtgericht
durch diesen Umstand in der Tat
gesetzlich berechtigt
, mir die
Klage
gegen
F. Zabel
zu
verbieten
?

In einer gleich zu zitierenden "Verfügung" erklärt das
Kön. preuß. Kammergericht
vielmehr, daß

"es am Tatbestand des §

156 des Strafrechts
nichts
ändern
würde, ob die in den gedachten Artikeln vorgetragenen Tatsachen sich als
eigne Behauptungen des Verfassers
oder als Zitate von Behauptungen dritter Personen darstellen".

Also Zitat oder Nichtzitat: "Demokrat" Zabel bleibt verantwortlich für seine "Behauptungen". Das
Stadtgericht
hat bereits
erklärt
, Zabel habe an und für sich "strafbare" Behauptungen über mich vorgebracht,
nur
seien sie
zitiert
und daher
kugelfest
. Weg mit diesem Vorwand, der
juristisch falsch
ist, ruft das
Kammergericht
. Also endlich werde ich den Zabel zu packen kriegen, die Gerichtstür wird sich öffnen, Italiam, Italiam! <nach Italien, nach Italien!>

Mein Rechtsanwalt appellierte vom
Stadtgericht
an das
Kammergericht
und erhielt am
11. Juli 1860
folgende
"Verfügung"
:

"In den in den Nummern 37 und 41 der 'National-Zeitung' vom 22. und 25. Januar d.J. unter der Überschrift 'Karl Vogt und die Allgemeine Zeitung' und 'Wie man radikale Flugblätter macht' veröffentlichten Leitartikeln kann eine Verleumdung des Klägers Dr. Karl Marx zu London nicht gefunden werden. Wenngleich es am Tatbestande des §

136 des Strafrechts nichts ändern würde, ob die in den gedachten Artikeln vorgetragenen Tatsachen sich als eigne Behauptungen des Verfassers oder als Behauptungen dritter Personen darstellen, so kann es doch der Presse nicht verschränkt werden, das Treiben der Parteien und deren publizistische Streitigkeiten einer Besprechung und Kritik zu unterwerfen, insoweit aus der Form der Polemik nicht die
Absicht zu beleidigen
hervorgeht, was im vorliegenden Falle
nicht anzunehmen ist
.

In den erwähnten Artikeln werden vorzugsweise der Konflikt, welcher zwischen den Ansichten des Dr. Karl Vogt einerseits und der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung' andrerseits über die Parteinahme für die Interessen der Italiener und für die Interessen Östreichs aus Anlaß des jüngsten Kriegs obgewaltet hat, und hierbei die Beteiligung der sogenannten
deutschen Emigration
zu London zugunsten der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung' gegen Vogt sowie gelegentlich überhaupt die
Parteiungen
und Machinationen dieser Flüchtlinge unter- und gegeneinander beleuchtet!

Wenn im Verlaufe dieser Erörterungen das Verhältnis
des Klägers
zu jenen Parteien und seine teilweise Beteiligung an ihren Bestrebungen, insbesondere aber seine

Bemühungen, der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung'
in ihrer Polemik

gegen Vogt mit Beweismitteln hülfreich zur Hand zu gehn, in den Kreis der Besprechung gezogen worden sind, so finden die hierauf bezüglichen Anführungen der beiden Artikel
in den vom Kläger selbst in seiner Klage
vorgebrachten Tatsachen
weniger die Widerlegung, welche er dadurch beabsichtigt,
als
die Bestätigung
. Wenn er dagegen weiter behauptet, daß er in einer
für ihn ehrenrührigen
Weise mit dem in jenen Artikeln allerdings scharf gegeißelten als
exzentrisch
, beziehungsweise
charakterlos
und
unehrenhaft
bezeichneten Parteitreiben
identifiziert
worden sei, so kann diese Behauptung als begründet nicht anerkannt werden.
Denn
, wenn der erste Artikel aus Vogts Darstellung
anführt
: 'daß die Flüchtlingsschaft von 1849 sich allmählich in London gesammelt und dort den p. Marx als ihr sichtbares Oberhaupt verehrt habe', und von einem Briefe Techows spricht: 'Worin man Marx erblicke, wie er, in napoleonischem Hochmute auf seine geistige Überlegenheit, die Fuchtel unter der Schwefelbande schwinge', so liegt hierin wesentlich nur eine Charakteristik der von Vogt so genannten 'Schwefelbande', nicht aber eine Invektive gegen Marx, der vielmehr als der Zügelnde und Überlegene geschildert ist, und am allerwenigsten ist seine Person mit denjenigen Leuten in Verbindung gebracht, welche der Erpressung und Angeberei bezüchtigt werden. Ebenso ist im zweiten Artikel nirgends ausgesprochen, daß der Kläger
wider besseres Wissen
die Autorschaft des Flugblatts 'Warnung' dem p. Blind zugeschrieben und
wissentlich
unrichtige Zeugnisse dritter Personen hierfür an die Augsburger 'Allgemeine Zeitung' befördert habe. Daß aber das Zeugnis des Setzers Vögele ein bestrittenes gewesen, gibt der Kläger in der Klage selbst zu, indem er die entgegenstehenden Versicherungen des Druckers Hollinger und des Setzers Wiehe anführt. Überdies hat sich seiner eignen Angabe nach später ein gewisser Schaible als Verfasser des Flugblatts zu erkennen gegeben und zwar erst,
nachdem
die beiden Artikel der 'National-Zeitung' erschienen waren.

Die gegen die zurückweisende Verfügung des Kgl. Stadtgerichts vom 8. vor. Monats unterm 21. desselben Monats erhobene Beschwerde hat daher als unbegründet erachtet werden müssen und wird hierdurch zurückgewiesen. 25 Sgr. Kosten für die Zurückweisung der unbegründeten Beschwerde sind sofort bei Vermeidung der Exekution an die hiesige Stadtgerichtssalarienkasse zu entrichten.

Berlin, 11. Juli 1860

Krim. Senat des Kön. Kammergerichts

II. Abteilung

Guthschmidt Schultze

An den Dr. phil. Karl Marx.

Z.H. des Herrn Justizrats Weber hier"

Als ich diese
"Verfügung"
von meinem Herrn Rechtsanwalt zugeschickt erhielt, übersah ich Eingang und Schluß bei erster Lesung und, unbekannt wie ich mit dem preußischen Recht bin, glaubte ich die Kopie einer von "Demokrat" F. Zabel dem Kammergericht eingereichten
Verteidigungsschrift
vor mir liegen zu haben. Was Zabel, sagte ich mir, über "die Ansichten" (s. Beilage 15) "des Dr. Karl Vogt und der Augsburger 'Allgemeinen

Zeitung'", über "die Interessen der Italiener und die Interessen der Östreicher" anführt, hat sich wohl durch Zufall aus einem der "National-Zeitung" zugedachten Leitartikel in sein Plädoyer verirrt.

Jedenfalls erwähnt "Demokrat" F. Zabel jene Ansichten und diese Interessen mit
keiner Silbe
in den
mich
betreffenden 4 Spalten seiner beiden kaum 6 Spalten langen Leitartikel. Zabel sagt in seinem Plädoyer, ich sei "der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung' in ihrer
Polemik

gegen Vogt mit Beweismitteln hilfreich zur Hand gegangen".
Vogts Prozeß gegen die "Allgemeine Zeitung"
nennt er die
Polemik

der "Allgemeinen Zeitung" gegen Vogt
. Wären Prozeß und Polemik identische Dinge, wozu bedurfte ich der Erlaubnis von Staatsanwalt, Stadtgericht, Kammergericht usw. zu meiner "Polemik" gegen den Zabel? Und nun gar Zabels Versicherung, die auf mein Verhältnis zur "Allgemeinen Zeitung" "bezüglichen Anführungen" seiner beiden Leitartikel fänden in den von mir selbst "vorgebrachten Tatsachen
weniger
die Widerlegung, welche ich dadurch beabsichtigte,
als
die
Bestätigung
". Weniger - als! Entweder oder heißt's im jus. Und welches waren Zabels "bezügliche Anführungen"?

Die auf mein Verhältnis zur "Allgemeinen Zeitung" "bezüglichen Anführungen" Zabels in Leitartikel No. I waren:

1. Liebknecht sei infolge eines ihm von mir öffentlich ausgestellten Zeugnisses Korrespondent der "Allgemeinen Zeitung" geworden. Ich strafte den Zabel in meiner Klage der Lüge, hielt es aber ganz überflüssig, andre "Tatsachen" über diese Albernheit vorzubringen. 2. Zabel läßt mich am 29. Oktober der "Allgemeinen Zeitung" ein "gerichtliches Dokument" von London zusenden, das am 24. Okt. dem Bezirksgericht in Augsburg vorlag, und er fand die Bestätigung dieser "Anführung" in den von mir vorgebrachten "Tatsachen"! Aus den in meiner Klage vorgebrachten Tatsachen ersah Zabel allerdings, daß, von allen politischen Motiven abgesehn, meine Zusendung des
auf den Ursprung
der "Warnung" bezüglichen Dokuments notwendig geworden war, nachdem Vogt mir schon vor der Eröffnung des Prozesses die Urheberschaft des Flugblatts
öffentlich
aufzubürden versucht hatte. 3. Zabels "Anführung", ich sei einer der Korrespondenten der "Allgemeinen Zeitung", widerlegte ich durch authentische Schriftstücke. Zabels
Leitartikel No. II
"Wie man radikale Flugblätter macht", enthielt, wie früher gezeigt, über mein Verhältnis zur "Allgemeinen Zeitung" nur die "bezüglichen Anführungen", daß ich selbst die "Warnung" geschmiedet, sie Blind untergeschoben und als sein Machwerk durch Vögeles falsches Zeugnis zu erweisen suchte. Fanden diese "bezüglichen Anführungen durch die 'in meiner Klage' vorgebrachten Tatsachen weniger

die Widerlegung, welche ich dadurch beabsichtigte, als die Bestätigung"?

Zabel selbst gesteht das Gegenteil.

Konnte Zabel wissen, daß Schaible der Verfasser des Flugblatts "Zur Warnung" war?

Mußte Zabel glauben, daß das nach meiner eignen Angabe "bestrittene" Zeugnis des Setzers Vögele richtig war?

Aber wo in aller Welt habe ich dem Zabel jene Wissenschaft oder diesen Glauben zugemutet?

Meine Klage bezieht sich "vielmehr" auf Zabels "bezügliche Anführung", ich habe "das Flugblatt
geschmiedet
, so daß es wie
sein
" (Blinds) "Fabrikat
aussah
" und habe es später durch Vögeles Zeugnis als Blinds Machwerk zu erweisen gesucht.

Endlich traf ich auf eine Defensivstellung Zabels, die wenigstens interessant schien.

"Wenn", sagt er, "wenn er" (Kläger Marx) "dagegen weiter behauptet, daß er in einer für ihn
ehrenrührigen
Weise mit dem in jenen Artikeln" (Zabels Leitartikeln) "allerdings scharf gegeißelten als
exzentrisch
, beziehungsweise
charakterlos
und
unehrenhaft
bezeichneten Parteitreiben" (der Schwefelbande) "
identifiziert
worden sei, so kann diese Behauptung als begründet nicht anerkannt werden ...
am allerwenigsten ist seine Person mit denjenigen Leuten in Verbindung gebracht, welche der Erpressung und der Angeberei bezichtigt werden
."

Zabel gehört offenbar nicht zu den Römern, von denen es heißt: "memoriam quoque cum voce perdidissimus." <"Wir hätten auch das Gedächtnis mit der Stimme verloren"> Das Gedächtnis hat er verloren, aber nicht die Zunge. Zabel verwandelt nicht nur den Schwefel, sondern auch die Schwefelbande aus dem kristallinischen Zustand in den flüssigen und aus dem flüssigen in den dampfartigen, um mir mittelst des roten Dampfes blauen Dunst vorzumachen. Die Schwefelbande, behauptet er, ist eine "Partei", mit deren "Treiben" er mich niemals
"identifiziert"
hat und mit deren "Erpressungen und Angebereien" er sogar die mit mir in "Verbindung" stehenden Leute niemals verbunden hat. Es wird nötig sein, den Schwefeldampf in Schwefelblume zu verwandeln.

In
Leitartikel Nr. I
(
"National-Zeitung" Nr. 37, 1860
) eröffnet Zabel seine "bezüglichen Anführungen" über die
Schwefelbande
damit, daß er
"Marx"
ihr "sichtbares Oberhaupt" nennt. Das zweite Mitglied der Schwefelbande, das er "zur weitern Charakterisierung" derselben zwar nicht nennt, aber bezeichnet, ist Friedrich Engels. Er verweist nämlich auf den Brief, worin Techow über seine Zusammenkunft mit Fr. Engels, K. Schramm und mir berichtet. Auf die beiden letztern verweist Zabel als Illustrationen der "Schwefelbande". Gleich darauf

erwähnt er
Cherval
als Londoner Emissär. Dann kommt die Reihe an Liebknecht.

"Dieser Liebknecht, in nomine omen <der Name sagt alles>, einer der servilsten Anhänger von
Marx
... Liebknecht nahm unmittelbar nach seiner Ankunft Dienste bei
Marx
, erwarb sich die volle Zufriedenheit seines Herrn."

Dicht hinter Liebknecht her marschiert
"Ohly"
, "
ebenfalls
ein Kanal der Schwefelbande". Endlich "ein andrer Londoner
Spießgeselle
,
Biscamp
". Alle diese Angaben folgen Schlag auf Schlag in Leitartikel Nr. I, aber am Schluß von Leitartikel Nr. II wird noch ein andres Mitglied der Schwefelbande nachträglich namhaft gemacht, W.
Wolff -
"Parlaments-Wolf alias Kasematten-Wolf" -, der mit dem wichtigen Geschäft betraut ist, "Zirkulardepeschen zu erlassen". Die
Schwefelbande
besteht also nach Zabels "bezüglichen Anführungen" aus: Marx, Oberhaupt der Schwefelbande; F, Engels. Illustration der Schwefelbande; Cherval, Londoner Emissär der Schwefelbande; Liebknecht, "einer der servilsten Anhänger von Marx"; Ohly, "
ebenfalls
ein Kanal der Schwefelbande"; Biscamp, ein "andrer" Londoner "Spießgeselle"; endlich Wolff, Depeschenschreiber der Schwefelbande.

Die so zusammengewürfelte
Schwefelbande
läßt Zabel gleich in den ersten 51 Zeilen abwechselnd figurieren unter den verschiednen
Namen
: "Schwefelbande oder auch Bürstenheimer", "Gesellen, die unter der Flüchtlingsschaft das Werk

der
'Rheinischen Zeitung'
fortsetzten", die
"Proletarier"
oder, wie es im Leitartikel Nr. II heißt, "die Partei der 'Proletarier' unter
Marx
".

Soweit Personal und Namen der Schwefelbande. Ihre
Organisation
schildert Zabel in seinen "bezüglichen Anführungen" kurz und schlagend.
"Marx"
ist das
"Oberhaupt"
. Die
"Schwefelbande"
selbst bildet den Kreis seiner
"engern"
Anhänger oder, wie Zabel im zweiten Leitartikel sagt,
"die engere Partei Marx"
. Zabel gibt sogar ein Prüfungszeichen, woran man
"die engere Partei Marx"
erkennen kann. Das Mitglied der engern Partei Marx muß nämlich wenigstens einmal in seinem Leben den Biscamp gesehn haben.

"Er", sagt Zabel in Leitartikel Nr. II, "er (Blind) erklärt, Biscamp in seinem Leben nicht gesehn zu haben, er ist
offenbar kein Mitglied

der engern Partei Marx
."

Die "engere Partei Marx" oder die eigentliche Schwefelbande ist also die Pairie der Bande, zu unterscheiden von der dritten Kategorie, dem Volke der
"Anhänger"
oder "dieser sorgfältig erhaltnen
Klasse von Bummlern
." Also erst Oberhaupt Marx, dann eigentliche "Schwefelbande" oder

"engere Partei Marx", endlich das Volk der "Anhänger" oder "Klasse von Bummlern". Die in diese drei Kategorien abgeteilte Schwefelbande erfreut sich einer wahrhaft spartanischen Disziplin. "Eine furchtbare Zucht", sagt Zabel, "handhabte die
Schwefelbande
über ihre
Anhänger"
, während andrerseits
"Marx
... die Fuchtel unter der
Schwefelbande
schwingt". Es versteht sich von selbst, daß in einer so wohlorganisierten "Bande" das charakteristische "Treiben" der Bande, ihre "Hauptbeschäftigungen", die Taten, die die Bande qua Bande verrichtet, auf Befehl ihres Oberhaupts erfolgen und von Zabel ausdrücklich als Taten dieses fuchtelschwingenden Oberhaupts dargestellt werden. Und welches war die sozusagen amtsmäßige Beschäftigung der Bande?

"Eine der Hauptbeschäftigungen der Schwefelbande war, Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß sie Geld zahlen mußten, damit die Bande das Geheimnis ohne Kompromittierung bewahre. Nicht einer, sondern Hunderte von Briefen wurden nach Deutschland geschrieben, daß man die Beteiligung an diesem oder jenem Akte der Revolution denunzieren werde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Summe an eine bezeichnete Adresse gelange ... Jeder, der diesem Treiben entgegentrat, wurde unter der Flüchtlingsschaft nicht bloß, sondern auch mittelst der Presse ruiniert. Die 'Proletarier' füllten die Spalten der reaktionären Presse in Deutschland mit
ihren Angebereien
gegen diejenigen Demokraten, welche ihnen nicht huldigten, sie wurden die
Verbündeten
der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland usw." (
"National-Zeitung"
Nr. 37.)

Nachdem Zabel diese "bezüglichen Anführungen" über die Schwefelbande mit dem Bemerken eröffnet hat, daß ich ihr "sichtbares Oberhaupt" sei, nachdem er dann die "Hauptbeschäftigungen" der Schwefelbande, nämlich Gelderpressungen, Angebereien usw. aufgezählt hat, schließt er seine allgemeine Schilderung der Schwefelbande mit den Worten:

"...
sie wurden die Verbündeten der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland
. Zur
weitern
Charakterisierung teilt Vogt einen Brief des ehemaligen Lieutenants Techow vom 26. August 1850 mit ..., worin man
Marx
erblickt,
wie er im napoleonischen Hochmut auf seine geistige Überlegenheit die Fuchtel unter der Schwefelbande schwingt
."

Nachdem Zabel im Eingang seiner Schilderung der Schwefelbande mich als ihr "sichtbares Oberhaupt" hat "verehren" lassen, ergreift ihn die Furcht, der Leser könne glauben, hinter dem sichtbaren Oberhaupt habe noch ein unsichtbares Oberhaupt gestanden oder ich habe mich damit begnügt, als Dalai Lama "verehrt" zu werden. Am Schluß seiner Schilderung verwandelt er mich daher (in
seinen
, nicht in
Vogts
Worten) aus dem bloß "sichtbaren" Oberhaupt in das fuchtelschwingende Oberhaupt, aus dem Dalai Lama in den Napoleon der "Schwefelbande". Und eben das zitiert

er in seinem Plädoyer als
Beweis
, daß er mich
nicht
mit dem in seinen Artikeln "scharf gegeißelten, als
exzentrisch
, beziehungsweise
charakterlos
und
unehrenhaft
bezeichneten Parteitreiben" der Schwefelbande
"identifiziert"
habe. Doch nein! Nicht ganz so! Er hat mich
"identifiziert",
aber
nicht
"in einer für
mich ehrenrührigen
Weise". Er hat mir ja "vielmehr" die
Ehre
an getan, mich zum Napoleon der Gelderpresser, Drohbriefschreiber, mouchards, agents provocateurs, Münzfälscher usw. zu ernennen. Zabel entlehnt offenbar seine Begriffe von Ehre dem Wörterbuch der
Dezemberbande
. Daher das Beiwort "napoleonisch". Aber ich verklage ihn ja eben wegen dieser Ehre, die er mir erwiesen hat! Ich habe durch die in meiner Klage vor gebrachten "Tatsachen"
bewiesen
, so schlagend bewiesen, daß Zabel mir durchaus vor kein öffentliches Gericht folgen will,
bewiesen
, daß alle seine "bezüglichen Anführungen" über die Schwefelbande Vogtsche Erfindungen und Lügen sind, die Zabel nur "anführt", um mich als den Napoleon dieser Schwefelbande
"ehren"
zu können. Aber werde ich nicht von ihm geschildert als "der Zügelnde und Überlegene"?

Läßt er mich nicht
Zucht
unter der Bande halten? Er selbst erzählt, worin die Zügelung, die Überlegenheit, die
Zucht
bestand.

"Eine
furchtbare Zucht
handhabte die Schwefelbande unter ihren Anhängern. Wer von diesen auf irgendeine Weise sich ein bürgerliches Fortkommen zu sichern suchte, war schon dadurch, daß er sich unabhängig zu machen strebte, an und für sich ein Verräter an der Revolution ... Zwietracht, Schlägereien, Duelle wurden unter dieser sorgfältig erhaltenen Klasse von Bummlern erzeugt durch ausgestreute Gerüchte, Korrespondenzen usw."

Aber Zabel begnügt sich nicht mit dieser
allgemeinen Schilderung
des "Parteitreibens" der Schwefelbande, womit er mich ehrenvoll "identifiziert".

Liebknecht, ein "notorisches Mitglied der Partei Marx", "einer der servilsten Anhänger von Marx, der sich die volle Zufriedenheit seines Herrn erwarb", kompromittiert absichtlich die Arbeiter in der Schweiz durch den "Revolutionstag von Murten", wo er sie den erwartenden "Gensd'armen" freudebrausend "in die Arme führt". Diesem "gewissen Liebknecht ward im Kölner Prozeß die Abfassung des falschen Protokollbuchs zugeschrieben". (Zabel vergißt natürlich zu sagen, daß diese Lüge Stiebers während der Verhandlungen selbst öffentlich als Stiebersche Lüge
bewiesen
ward.)
Wolff
, der ehemalige Mitredakteur der "Neuen Rheinischen Zeitung", entsendet von London aus "eine Zirkulardepesche an die Proletarier", die "er gleichzeitig der hannoverschen Polizei in die Hände spielt".

Während Zabel so "notorisch" mit mir verbundne Personen als Agenten der geh[eimen] Polizei aufführt, verbindet er mich andrerseits mit einem

"notorischen" geheimen Polizeiagenten, agent provocateur und Falschmünzer, nämlich mit Cherval. Gleich nach seiner allgemeinen Schilderung der Schwefelbande läßt er "mehrere Menschen", darunter den
Cherval
, "in der doppelten Eigenschaft als revolutionäre Verführer der Arbeiter und als Verbündete der geheimen Polizei" von London nach Paris gehn, dort den "sogenannten Kommunistenprozeß" anstiften usw. In Leitartikel Nr. II erzählt er weiter:

"In dieser Art wurde 1852 eine Verschwörung der schändlichsten Art mit massenhafter Verfertigung von falschem Papiergeld
(man siehe das Nähere bei Vogt)
eingefädelt usw."

Wenn der Leser der "National-Zeitung" nun Zabels gebieterischer Aufforderung nachkommt und
das Nähere bei Vogt sieht
, was findet er? Daß Cherval von mir nach Genf gesandt ward, unter meiner direkten Leitung "die schändliche Verschwörung mit dem falschen Papiergeld" ins Werk setzte usw. Der von Zabel auf Vogt verwiesene Leser findet ferner:

"Indessen ist das persönliche Verhältnis von Marx in dieser Beziehung vollkommen irrelevant, denn, wie schon bemerkt,
ob Marx selbst etwas tut oder durch die Mitglied seiner Bande tun läßt, ist vollkommen gleichgültig; er beherrscht seine Leute unbedingt
."

Aber noch immer hatte Zabel sich selbst nicht genug getan. Es drängte ihn, am Schluß seiner beiden Leitartikel dem Leser ein letztes Wort ins Ohr zu raunen. Er sagt:

"Er" (Blind) "erklärt zugleich, Biscamp in seinem Leben nicht gesehen zu haben, er ist offenbar kein Mitglied der
engern Partei Marx. Uns scheint,
daß es für diese" (die engere Partei Marx) "nicht allzu schwer war, ihn" (Blind) "zum Sündenbock zu machen... Die
Partei Marx
konnte nun sehr leicht die Autorschaft des Flugblatts auf Blind wälzen, eben weil ... dieser im Gespräch mit
Marx
und in dem Artikel der 'Free Press' sich in ähnlichem Sinne geäußert hatte; mit Benutzung dieser Blindschen Aussagen und Redewendungen konnte das
Flugblatt geschmiedet werden
, so daß es wie
sein
" (Blinds) "Fabrikat aussah."

Also
"die Partei Marx"
oder
"die engere Partei Marx"
alias die Schwefelbande hat das Flugblatt "geschmiedet", so daß es wie Blinds Fabrikat aussah?

Nach Entwicklung dieser Hypothese faßt Zabel ihren Sinn in folgenden Worten dürr zusammen:
"Jedermann mag nun nach Belieben

Marx
oder
Blind

für den Verfasser halten
."

Also nicht die Partei Marx oder Blind, auch nicht Blind oder die engere Partei Marx, vulgo Schwefelbande, sondern Blind oder Marx,
Marx
sans phrase. Die Partei Marx, die engere Partei Marx, die Schwefelbande usw. waren also nur pantheistische Namen für
Marx
, die Person Marx. Zabel
"identifiziert"
Marx nicht nur mit der "Partei" der Schwefelbande, er

personifiziert
die Schwefelbande in Marx. Und
derselbe
Zabel wagt vor den Gerichten zu behaupten, er habe in seinen Leitartikeln "den Kläger" Marx nicht mit dem "Treiben" der Schwefelbande in "ehrenrühriger Weise ...
identifiziert
". Er schlägt sich auf die Brust und beteuert, "am
allerwenigsten
" habe er meine "Person mit denjenigen Leuten in Verbindung gebracht", die er "der Erpressung und Angeberei bezüchtigt"! Welche Figur, dachte ich mir, wird Zabel in der öffentlichen Gerichtssitzung spielen! Welche Figur! Mit diesem tröstlichen Ausruf griff ich noch einmal das von meinem Rechtsanwalt mir übersandte Schriftstück auf, las es noch einmal durch, glaubte am Ende so etwas wie die Namen Müller und Schultze zu entdecken, fand aber bald meinen Irrtum aus. Was ich in der Hand hatte, war nicht ein Plädoyer Zabels, sondern - eine
"Verfügung"
des
Kammergerichts
, gez.
Guthschmidt und Schultze
, eine Verfügung, die mir das
Klagerecht
gegen Zabel abschneidet und mich obendrein, zur Strafe für meine "Beschwerde", sofort, bei Vermeidung der Exekution, 25 Sgr. an die Berliner Stadtgerichtssalarienkasse zu entrichten beordert. Ich war in der Tat attonitus <erschüttert>. Indes legte sich mein Erstaunen bei nochmaliger reifer Durchlesung der
"Verfügung".

Beispiel I

Zabel druckt im Leitartikel der "National-Zeitung"
Nr. 37, 1860:

"Vogt berichtet Seite 136 und flgd.: Unter dem Namen der Schwefelbande oder auch der Bürstenheimer war der Flüchtlingsschaft von 1849 eine Anzahl von Leuten bekannt, die, anfangs in der Schweiz, Frankreich und England zerstreut, sich allmählich in London sammelten und dort als ihr sichtbares Oberhaupt Herrn Marx verehrten."

Die Herren Guthschmidt u. Schultze lesen im Leitartikel der "National-Zeitung" Nr. 37, 1860:

"Denn wenn der erste Artikel aus unter Vogts Darstellung
anführt
: 'daß die
Flüchtlingsschaft von 1849
sich allmählich in London versammelte und dort den p. Marx als ihr sichtbares Oberhaupt verehrt habe.'"

Zabel sagt: Eine
unter dem Namen der Schwefelbande oder auch der Bürstenheimer unter
der Flüchtlingsschaft von 1849 bekannte
Anzahl von Leuten usw
. habe sich allmählich in London gesammelt und mich dort als ihr sichtbares Oberhaupt verehrt. Die Herren
Guthschmidt
und
Schultze
lassen den Zabel dagegen sagen:
Die Flüchtlingsschaft von 1849 habe sich allmählich in London versammelt
(was nicht einmal richtig ist, da ein großer Teil der Flüchtlingsschaft sich in Paris, New York, Jersey usw. versammelte) und

mich als ihr sichtbares Oberhaupt verehrt, eine Ehre, die mir weder angetan noch von Zabel und Vogt zugemutet ward. Die Herren
Guthschmidt und Schultze
resümieren nicht etwa, sie
zitieren mit Anführungszeichen
den von Zabel
nirgendwo
gedruckten Satz als einen in Zabels erstem Leitartikel "aus Vogts Darstellung"
angeführten
Satz. Den Herren
Guthschmidt und Schultze
lag also offenbar eine mir und dem Publikum gleich unbekannte
Geheimausgabe
von Nr. 37 der
"National-Zeitung"
vor. Das erklärt alle Mißverständnisse. Die
Geheimausgabe
von Nr. 37 der
"National-Zeitung"
unterscheidet sich nicht nur durch die
Lesart
einzelner Sätze von der Vulgärausgabe derselben Nummer. Der
ganze Zusammenhang
des ersten Leitartikels in der
Vulgärausgabe
hat mit seinem Zusammenhang in der
Geheimausgabe
durchaus nichts gemein außer ein paar Worten.

Beispiel II

Zabel druckt Nr. 37 der "National-Zeitung",
nachdem er mich zum
Oberhaupt der Schwefelbande ernannt hat:

"Diese Gesellen" (die Schwefelbande) " ... setzten unter der Flüchtlingsschaft das Werk der 'Rheinischen Zeitung' fort ... Eine der Hauptbeschäftigungen der Schwefelbande war, Leute im Vaterlande so zu kompromittieren, daß sie Geld zahlen mußten ... Die 'Proletarier' füllten die Spalten der reaktionären Presse in Deutschland mit ihren Angebereien ... sie wurden die Verbündeten der geheimen Polizei in Frankreich und Deutschland. Zur
weitern
Charakteristik" (dieser "Schwefelbande" oder "Proletarier") "teilt Vogt einen Brief des ... Techow ... mit, worin die Grundsätze, das
Treiben
usw. der 'Proletarier' geschildert werden und worin man Marx erblickt, wie er in napoleonischem Hochmut auf seine geistige Überlegenheit die Fuchtel unter der Schwefelbande schwingt."

Die Herren Guthschmidt und Schultze lesen Nr. 37 der "National-Zeitung", nachdem Zabel mich zum
Oberhaupt der Flüchtlingsschaft von 1849
ernannt hat:

"und wenn er" (der erste Artikel der "National-Zeitung") "
nun weiter
von einem Briefe Techows spricht: 'Worin man Marx erblicke, wie er, in napoleonischem Hochmute auf seine geistige Überlegenheit, die Fuchtel unter der Schwefelbande schwinge'."

Besitzen Richter einmal gesetzlich die Befugnis, Privatpersonen das Klagerecht zu gestatten oder zu entziehn, so waren die Herren
Guthschmidt und Schultze
nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, mir

das Klagerecht gegen Zabel zu versagen. Denn der von ihnen in nuce <in gedrängter Kürze> mitgeteilte Zusammenhang des Leitartikels in Nr. 37 der
Geheimausgabe
der "National-Zeitung" schließt jedes Corpus delicti platterdings aus. In der Tat, was druckt Zabel in dieser
Geheimausgabe
?

Zunächst erweist er mir die unverdiente Ehre, mich als "sichtbares Oberhaupt" von der gesamten zu London versammelten Flüchtlingsschaft von 1849 "verehren" zu lassen. Und deswegen sollte ich ihn
"verklagen"
?

Und zweitens erweist er mir die nicht minder unverdiente Ehre, mich über eine gewisse, sonst in gar keinen Zusammenhang mit mir gebrachte
Schwefelbande
die "Fuchtel schwingen" zu lassen, etwa wie ich 1848/49 die Fuchtel über Zabel und seine Konsorten schwang. Und deswegen sollte ich den Zabel
"verklagen"
?

Man sieht, zu welchen Wirren es führt, wenn die Gesetzgebung richterlichen Beamten erlaubt, zu
"verfügen"
und im geheimen zu
"verfügen"
, ob oder ob nicht eine Person das Recht besitzt, die andre zu verklagen, z.B. wegen Verleumdung in der "National-Zeitung". Der Kläger
klagt
auf Grund einer dem Publikum vielleicht in 10.000 Exemplaren vorliegenden Vulgärausgabe von Nummer 37 der "National-Zeitung", und der Richter
verfügt
auf Grund einer
für ihn allein
veranstalteten Geheimausgabe derselben Nummer. Sowenig ist in diesem Verfahren selbst die bloße Identität des Corpus delicti gesichert.

Die preuß. Gesetzgebung, indem sie das Klagerecht der Privatperson in jedem einzelnen Fall einer richterlichen Konzession unterwirft, geht von der Ansicht aus, daß der Staat als väterliche Gewalt das Zivilleben der Staatskinder bevormunden und bemaßregeln müsse. Aber selbst vom Standpunkte der pr. Gesetzgebung aus scheint die "Verfügung" des
Kammergerichts
befremdlich. Die pr. Gesetzgebung will offenbar frivole Klagen abschneiden und erteilt daher, wenn ich ihren Geist recht verstehe und mit Fug voraussetze, daß systematische Rechtsverweigerung nicht bezweckt ist, erteilt dem Richter das Recht, die Klage abzuweisen, aber nur, wenn prima facie <dem ersten Anschein nach>
kein Gegenstand der Klage
vorliegt, die Klage daher prima facie frivol ist. Kann dies im vorliegenden Fall gelten? Das
Stadtgericht
gibt zu, daß Zabels Leitartikel
tatsächlich
"ehrenrührige" und daher "strafbare" Äußerungen über mich enthalten. Es entzieht den
F. Zabel
meiner gesetzlichen Rache nur, weil
F. Zabel
seine Verleumdungen
"bloß zitiert"
habe. Das
Kammergericht
erklärt: Zitiert oder nicht zitiert, ehrenrührige Äußerungen bleiben gesetzlich gleich strafbar, aber seinerseits
leugnet es
nun, daß Zabels Leitartikel überhaupt ehrenrührige Äußerungen - zitierte oder unzitierte

ehrenrührige Äußerungen über meine Person enthalten.
Stadtgericht
und
Kammergericht
haben also nicht nur
verschiedne
, sondern direkt einander
widersprechende
Ansichten über den
Tatbestand selbst
. Das eine findet ehrenrührige Äußerungen über mich, wo das andre sie nicht findet. Der
Gegensatz
der richterlichen Ansichten über
den Tatbestand selbst
beweist schlagend, daß hier prima facie ein
Gegenstand
der Klage vorliegt. Wenn Papinian und Ulpian sagen: Diese gedruckte Äußerung ist ehrenrührig, Mucius Scävola und Manilius Brutus dagegen umgekehrt versichern: Diese gedruckte Äußerung ist nicht ehrenrührig, was wird das Volk der Quiriten denken?

Warum sollte das Volk nicht mit Ulpian und Papinian glauben, Zabel habe ehrenrührige Äußerungen über mich in No. 37 und 41 der "National-Zeitung" veröffentlicht?

Wenn ich dem Volk der Quiriten versichre, Mucius Scävola und Manilius Brutus hätten mir ein Geheimzeugnis ausgestellt, wonach Zabels
"ehrenrührige"
Äußerungen und Behauptungen in keiner Weise meine Person betreffen, so wird das Volk der Quiriten die Schultern zucken mit einem: à d'autres <mach das andern weis>.

Da das
Kammergericht
in letzter Instanz über den
Tatbestand
zu entscheiden hat, also hier in letzter Instanz zu entscheiden hatte, ob in Zabels beiden Leitartikeln
tatsächlich
eine Ehrenkränkung gegen mich vorliege und die Absicht mich zu beleidigen obwalte; da das
Kammergericht
diesen
Tatbestand
ableugnet, so ließ ein Rekurs an das
Oberttibunal
nur noch die Frage offen, ob die
tatsächliche Festsetzung
des Kammergerichts nicht auf einem
Rechtsirrtum
beruhe?

Das
Kammergericht selbst
hatte in seiner "Ver
fügung"

tatsächlich festgesetzt
, daß Zabel "charakterloses und unehrenhaftes Treiben", "Angebereien und Gelderpressungen" der
Schwefelbande
nachsagt, derselben Schwefelbande, die derselbe Zabel in demselben Leitartikel ausdrücklich als
"die Partei Marx"
oder
"die engere Partei Marx"
mit "Marx" als ihrem sichtbaren und fuchtelschwingenden "Oberhaupt" charakterisiert. War das Kammergericht
gesetzlich
befugt, hierin keine Ehrenkränkung meiner Person zu finden?

Mein Rechtsanwalt, Herr Justizrat
Weber,
bemerkt hierüber in seiner Beschwerdeschrift an das
Obertribunal u.a.
:

"Freilich ist nirgends direkt" (von Zabel) "gesagt, Marx habe Geld erpreßt, Angeberei und Münzfälschung betrieben. Aber bedarf es einer deutlicheren Erklärung, als zu sagen: Marx sei das Oberhaupt einer Partei gewesen, welche die angegebenen verbrecherischen und unsittlichen Zwecke verfolgte? Niemand, der ein unbefangenes und gesundes Urteil hat, kann leugnen, daß das Oberhaupt eines Vereins, dessen Zweck und vorzugsweise Tätigkeit der Ausführung von Verbrechen gewidmet ist, das Trei-

ben desselben nicht nur gutheißt, sondern es selbst anordnet, leitet und die Früchte desselben genießt; und dieses Oberhaupt ist deshalb ohne Frage nicht nur als Teilnehmer, sondern auch als intellektueller Urheber doppelt verantwortlich, selbst wenn ihm keine einzige Handlung nachgewiesen werden könnte, durch welche es sich unmittelbar an der Ausführung eines bestimmten Verbrechens beteiligt habe.
Die in der angefochtenen Verfügung
" (des Kammergerichts) "
ausgesprochene Ansicht würde dahin führen, den guten Namen eines Menschen ohne jeden Schutz demjenigen, der ihn ruinieren will, preiszugeben. Anstatt von A. fälschlich zu behaupten, er habe gemordet, brauchte der Verleumder nur zu sagen, es existiere da und dort eine Bande, welche das Mordgeschäft betreibe, und A. sei der Chef dieser Bande. Die Ansicht des Kammergerichts sichert diesen Verleumder vollkommene Straflosigkeit zu.
Nach der richtigen Ansicht wird aber die Strafe der Verleumdung den Verleumder gleichmäßig treffen, möge er einen Dritten wahrheitswidrig zum Räuber oder zum Räuberhauptmann stempeln."

Vom Standpunkt des
gesunden Menschenverstands
liegt tatsächlich eine Verleumdung vor. Liegt sie im
Sinne des preußischen Gesetzes
vor?

Das Kammergericht sagt Nein, mein Rechtsanwalt sagt Ja. Wenn das Kammergericht gegen das Stadtgericht entschieden hat, daß die
Form des Zitats
, warum sollte das Obertribunal nicht gegen das Kammergericht entscheiden, daß die
Bandwurmsform
den Verleumder nicht
unverfolgbar
macht?

Über diesen
Rechtspunkt
, über diesen
Rechtsirrtum
, den das Kammergericht in der Festsetzung des Tatbestandes begangen habe, appellierte mein Rechtsanwalt an das
Obertribunal
, also gewissermaßen an den
Areopag
. Das
Obertribunal "verfügte"
:

"I. Ihre Beschwerde vom 23. August c. über die Verfügung des Kriminalsenats des Königl. Kammergerichts in der Injurienprozeßsache des Dr. K. Marx wider den Redakteur der 'National-Zeitung' Dr. Zabel, vom 11. Juli c., wird, nach Einsicht der betreffenden Akten, als unbegründet hierdurch zurückgewiesen. II. Denn das Königl. Kammergericht hat in den beiden in Rede stehenden leitenden Artikeln der 'National-Zeitung' weder eine objektive Ehrenkränkung des Klägers gefunden noch angenommen, daß die Absicht, den letzteren zu beleidigen, dabei obgewaltet habe, und deshalb ist die Einleitung der angestellten Injurienklage mit Recht abgelehnt. Ob aber objektiv eine Ehrenkränkung vorliegt und ob die Absicht zu beleidigen obgewaltet hat, sind wesentlich tatsächliche Feststellungen, welche mit einer Beschwerde beim Königl. Obertribunal nur dann angegriffen werden können, wenn der Annahme des Appellationsrichters in dieser Beziehung ein Rechtsirrtum zugrunde liegt. III. Ein solcher erhellt jedoch im vorliegenden Falle nicht. IV. Die Kosten dieser Verfügung haben Sie mit 25 Sgr. an die Salarienkasse des hiesigen Königl. Stadtgerichts binnen 8 Tagen zu berichtigen.

Berlin, den 5. Okt. 1860.

Königl. Obertribunal. c.
Schlickmann

An den Justizrat
Weber
hierselbst"

Zur bequemeren Übersicht habe ich die verschiednen Bestandteile der
"Verfügung"
des
Obertribunals
numeriert.

Sub I. erzählt Herr
v. Schlickmann
, daß die Beschwerde gegen das Kammergericht
"zurückgewiesen"
ist. Sub II. belehrt Herr v.
Schlickmann
über das Kompetenzverhältnis von Kammergericht und Obertribunal - offenbar eine nicht zur Sache gehörige didaktische Digression. Sub IV. wird Herr Weber beordert, binnen 8 Tagen die Summe von 25 Sgr. an die Berliner Stadtgerichtssalarienkasse zu berichtigen, eine
Folge
der "Verfügung", aber sicher nicht ihr
Grund
.

Wo also bleibt die
Begründung
der "zurückweisenden"
Verfügung
?

Wo die Antwort auf die sehr ausführliche Beschwerdeschrift meines Rechtsanwalts?

Nämlich: Sub III. "Ein solcher (Rechtsirrtum)
erhellt
jedoch im vorliegenden Falle
nicht
."

Streicht man aus diesem Satze sub III. das Wörtchen
nicht
weg, so lautet die Motivierung: "Ein solcher (Rechtsirrtum)
erhellt
jedoch im vorliegenden Falle." Damit wäre die Verfügung des Kammergerichts über den Haufen geworfen. Aufrechterhalten wird sie also nur durch das am Ende aufpostierte Wörtchen
"nicht"
, womit Herr
v. Schlickmann
im Namen des Obertribunals die Beschwerdeschrift des Herrn Justizrat Weber "zurückweist".

Autotatoz ejh.
<Er selbst hat es gesagt.>
Nicht!
Herr
v. Schlickmann
widerlegt die von meinem Rechtsanwalt entwickelten Rechtsbedenken
nicht
, er bespricht sie
nicht
, ja
erwähnt
sie
nicht
. Herr
v. Schlickmann
hatte natürlich für seine "Verfügung" hinreichende Gründe, aber er verschweigt sie.
Nicht!
Die Beweiskraft dieses Wörtleins liegt ausschließlich in der Autorität, der hierarchischen Stellung der Person, die es in den Mund nimmt. An und für sich beweist Nicht nichts. Nicht!
Autotatoz ejh
.

So verbot mir auch das
Obertribunal
, den "Demokrat"
F. Zabel
zu
verklagen
.

So endete mein Prozeß mit den preußischen Gerichten.

[Herr Vogt - Teil 14]

XI. Ein Prozeß

XII. Beilagen

1. Schilys Ausweisung aus der Schweiz

Einen Brief Schilys über seine Ausweisung aus der Schweiz, worin die Behandlung der nicht parlamentarischen Flüchtlinge an einem Beispiele illustriert wird, kann ich wegen Raummangel leider nur auszugsweise mitteilen. Der Brief beginnt mit der Erzählung, daß zwei deutsche Flüchtlinge, B. und I. <Biscamp und Imandt>, Freunde von Schily, Genf verlassen hatten, auf ihrer Tour durch die Schweiz verhaftet, von Druey wieder in Freiheit gesetzt, nach
Genf
zurückkehrten.

"In ihrem Auftrag", fahrt Schily fort, "ging ich zu Fazy, um zu hören, ob auf sie gefahndet werde, erhielt von ihm die Beruhigung, daß er von Kantons wegen ihr Inkognito nicht stören werde, Bundesrequisition aber nicht zugegangen sei, ich übrigens wohltun werde, mich mit Berufung auf ihn und seine Mitteilungen an den Chef du département de justice et de police <Leiter der Justiz- und Polizeiabteilung>, M. Girard, zu wenden, was ich denn auch tat, mit ungefähr gleichem Erfolg, meine Adresse hinterlassend für den Fall etwaiger Bundesrequisitionen. Nach einigen Wochen kommt ein Polizeibeamter zu mir und verlangt die Adresse von B. und I. Ich verweigere dieselbe, laufe zu besagtem Girard, exponiere ihm, auf seine Drohung, mich ausweisen zu lassen, falls ich ihm die Adresse nicht gebe, daß ich nach unserer früheren Absprache wohl als intermédiaire <Mittelsperson>, nicht aber als dénonciateur <Denunziant> in Requisition genommen werden könne. Worauf er: 'Vous avez l'air de vouloir vous interposer comme ambassadeur entre moi et ces réfugiés, pour traiter de puissance à puissance.' <'Es hat den Anschein, als wollten Sie sich als Gesandter zwischen mir und diesen Flüchtlingen ins Mittel legen, um wie mit Ihresgleichen zu verhandeln.'> Ich: 'Je n'ai pas l'ambition d'être accrédité ambassadeur près de vous' <'Ich habe nicht den Ehrgeiz, bei Ihnen als Gesandter akkreditiert zu werden'>.

In der Tat wurde ich nunmehr ohne alles ambassadorische Zeremoniell entlassen. Auf dem Rückweg erfuhr ich, daß die beiden, B. und I., soeben gefunden, verhaftet und abgeführt worden seien, und somit konnte ich obige Androhung als erledigt betrachten. Ich hatte aber ohne den 1. April gerechnet, denn unter diesem ominösen Datum 1852 wurde ich von einem Polizeibeamten auf der Straße ersucht, ihn auf das

Hôtel de ville zu begleiten, wo man mich etwas fragen wolle. Hier erklärte mir Herr Staatsrat Tourte, Genfer Flüchtlingsausweisungs-Kommissar ad latus <Helfer> des damals dort anwesenden eidgenössischen dito Trog: daß ich ausgewiesen sei und er mich daher sofort nach Bern dirigieren müsse, alles zu seinem größten Bedauern, indem von Kantons wegen nichts gegen mich vorliege, der eidgenössische Kommissär aber auf meiner Ausweisung bestehe. Auf mein Verlangen, diesem vorgeführt zu werden, erwiderte er: 'Non, nous ne voulons pas que le commissaire fédéral fasse la police ici.' <'Nein, wir wollen nicht, daß der eidgenössische Kommissär hier Polizei spielt'.> Hiermit widersprach er also dem oben Gesagten und fiel überhaupt aus seiner Genfer Staatsratsrolle, die darin bestand, gegen die eidgenössischen Ausweisungszumutungen sich mit liberaler Prüderie zu sträuben, nur der Gewalt nachzugeben, aber auch wohl einer gentle pressure <einem sanften Druck> mit Lust oder Resignation zu weichen. Ein anderes Merkmal dieser Rolle bestand darin, dem Ausgewiesenen nachzusagen, er sei ein Spion, man habe ihn im Interesse der 'guten Sache' fortschaffen müssen ... So erzählte Tourte den Flüchtlingen hinterher, er habe mich fortschaffen müssen, weil ich mit dem eidgenössischen Kommissär unter einer Decke gesteckt und mit diesem
seinen
(Tourtes) flüchtlingsschützenden Maßregeln entgegengewirkt habe, also mit demselben Kommissär, der zu
seinem
großen Bedauern mich hatte ausweisen lassen. Quelles tartines! <Welche Dummheiten!>

Welche Lügen und Widersprüche! Alles für ein bißchen aura popularis <Volksgunst>! Freilich ist Wind eben das Mittel, wodurch jener Herr seinen Ballon in der Höhe hält. Genfer Groß- und Staatsrat, Schweizer Stände- oder Nationalrat, geborner Konfusionsrat, fehlt er nur noch im Bundesrat, um der Schweiz ruhige Tage zu sichern, indem geschrieben steht: Providentia Dei et confusione hominum Helvetia salva fuit. <Die Vorsehung Gottes und die Verwirrung der Menschen haben die Schweiz gerettet.>"

Eine Reklamation gegen Tourtes Verleumdung, die Schily bei seiner Ankunft in London dem Genfer "Indépendant" einsandte, der unter dem Einflusse des später zu erwähnenden
Raisin
stand und die Verleumdungs-Eselsfußtritte, womit "die liberalen faiseurs <Macher> die Flüchtlinge aus der Schweiz trieben", kurz vorher scharf gegeißelt hatte, wurde
nicht
aufgenommen.

"Vom Hôtel de ville zu Genf", fährt Schily fort, "ging's nun ins Gefängnis, andern Tags per Post unter Polizeibegleitung nach Bern, wo mich Hr. Druey 14 Tage lang im sog. alten Turm in strengem Gewahrsam hielt ..."

Druey, in seiner später zu erwähnenden Korrespondenz mit dem gefangnen Schily, schob alle Schuld auf den Kanton Genf, während Tourte seinerseits versichert hatte, die ganze Schuld liege an der eidgenössischen Behörde, von
Seite des Kantons Genf liege keine Beschwerde gegen ihn vor
. Eine übereinstimmende Versicherung hatte ihm kurz vorher der Genfer Instruktionsrichter
Raisin
gemacht. Über letztern Herrn schreibt Schily u.a.:

"Bei Gelegenheit des im Sommer 1851 zu Genf abgehaltnen eidgenössischen Schießens hatte
Raisin
die Redaktion des französisch und deutsch geschriebenen 'Journal du tir fédéral' übernommen und mich gegen Versprechung eines Honorars von 300 Fcs. zum Mitarbeiter engagiert, wobei ich ihm denn u.a. auch die deutschen Willkomms- und Abschiedsreden des Komiteepräsidenten Tourte flagranti delicto <auf frischer Tat> zu notieren hatte, was mir, dankend sei es Tourte nachgerühmt, dadurch sehr erleichtert ward, daß er jedesmal ungefähr dieselben begeisterten Worte mit leichten Varianten, je nachdem er den Mutz von Bern, den Stier von Uri oder sonstige Eidgenossen zu bekomplimentieren hatte, an die verschiednen Schützendeputationen richtete, so daß ich namentlich beim Refrain 'Sollte aber der Tag der Gefahr kommen, dann werden wir etc.' ruhig die Feder niederlegen

und auf
Raisins
Frage
warum
, antworten konnte: c'est le refrain du danger, je le sais par coeur. <Das ist der immer wiederkehrende Reim von der Gefahr, den weiß ich schon auswendig.>

Statt meines sauer verdienten Honorars von 300 Fcs. erhielt ich aber von
Raisin
mit Ach und Krach nur 100, jedoch mit der Anwartschaft auf weitere Kollaboration, nämlich für eine politische Revue, die er in Genf gründen wollte, um unabhängig von allen bestehenden Parteien nach allen Seiten hin Front zu machen, namentlich gegen die damalige 'liberale' Regierung Fazy-Tourte, wiewohl er selbst dazu gehörte. Er war ganz der Mann zu einem solchen Unternehmen - fähig, wie er sich zu rühmen pflegte, 'd'arracher la peau à qui que ce soit' <"einem jeden das Fell über die Ohren zu ziehen, wer es auch sei> ... Demnach erteilte er mir den Auftrag, auf einer Schweizer Reise, die ich nach meinen Tir-fédéral-Strapazen <Bundesschießen-Strapazen>

antrat, Verbindungen für jenes Unternehmen anzuknüpfen, was ich denn auch tat und worüber ich ihm bei meiner Rückkehr einen schriftlichen Bericht erstattete. Mittlerweile war aber ein ganz andrer Wind eingetreten und hatte ihn mit allen Segeln von seiner Korsarenexpedition in den ruhigen Hafen der bestehenden Regierung getrieben. J'en étais donc pour mes frais et honoraires <So war ich dann um meine Auslagen und Honorare gekommen>, mit deren Forderung ich ihn vergebens importunierte und bis zur Stunde noch, obgleich er ein reicher Mann geworden, vergeblich importuniere ... Kurz vor meiner Verhaftung hatte er mir noch beteuert, daß von meiner Ausweisung nicht die Rede sei, wie sein Freund Tourte selbst ihm versichert habe, daß ich keine Präventivschritte behufs der Girardschen Drohung zu tun brauche usw. ... Auf einen Brief, den ich ihm de profundis <aus den Tiefen>

meines alten Kerkerturms schrieb, ihn um eine kleine Abschlagszahlung des mir geschuldeten Geldes und um Aufklärung über den Vorfall (meiner Verhaftung usw.) bat, schwieg er hartnäckig, wiewohl er dem Überbringer die Versichrung gab, meinen Forderungen entsprechen zu wollen ..."

"... Daß die flüchtigen
Parlamentler
meine Ausweisung ins Werk gesetzt hatten, schrieb mir einige Monate später K., ein zuverlässiger, vorurteilsfreier Mann, und es ward dies mordicus <eindringlich> bestätigt in einigen von
Ranickel
beigelegten Zeilen. Auch wurde mir dieselbe Ansicht vielfach von Sachkennern bestätigt, mit denen ich später Gelegenheit hatte, mich mündlich über den Hergang zu erkundigen... Dennoch war ich

eigentlich kein Parlamentsfresser wie die Hyäne
Reinach
, die tagtäglich den seligen Reichsregenten
Vogt
aus der Reichsgruft an die Mittagstafel zu Bern, wo jener selbst gleichsam als 'gefesselter Prometheus' reinkarniert mit ansaß, herumzerrte, und entre poire et fromage <beim Nachtisch> zum allgemeinen Schrecken jedesmal, so Mumie wie Inkarnation, grausamlich hinunterwürgte. Nun war ich freilich kein Bewundrer der Parlamentstaten, im Gegenteil! Sollten aber die Herren das durch Reichsbann - die Schweiz zum Reich rechnend, weil die Reichskonstitution samt jüngstem Reichstagsabschied darin begraben liegt - an mir haben ahnden wollen?

Eher glaube ich, daß der Verdacht ihrer Verfolgung gegen mich auf der in meinem frühern Brief erwähnten Parlamentsemeute gegen das von mir, Becker und einigen Genfer Bürgern gebildete Genfer Flüchtlingskomitee beruht ... Weshalb die Herren die Verteilung der Flüchtlingsgelder usurpieren wollten, darüber waren sie selbst nicht einig. Die einen, darunter Dentzel aus dem badischen Kämmerlein, wollten, abweichend von
unsrer
Praxis, welche besonders brotlosen Arbeitern unter die Arme griff,
vorzugsweise
Duldern von Profession, Heroen der Revolution, Söhnen des Vaterlands, die beßre Tage gesehn, Tränen trocknen ... Is fecit cui prodest <Der hat es getan, dem es nützt>, heißt's im Handwerk, und da nun meine Exerzitien jenen Herren allerdings unbequem waren, griff der Verdacht um sich, daß sie ihren Einfluß in maßgebenden Kreisen zu meiner Beseitigung benutzt hätten. Wußte man doch, daß sie aurem principis <das Ohr der Obrigkeit>

hatten, diesem Ohr jedenfalls nahe genug standen, um etwas von meiner
Unruhigkeit
hineinzublasen, daß namentlich princeps <das Oberhaupt> Tourte sie mehrmals um sich geschart hatte ..."

Nachdem Schily seine Wegspedierung aus dem alten Turm von Bern nach Basel über die französische Grenze erzählt hat, bemerkt er:

"Mit Bezug auf die Flüchtlingsausweisungsspesen hege ich die Hoffnung, daß diese Kosten keineswegs aus dem eidgenossischen Ärar, sondern aus dem der Heiligen Allianz bestritten wurden. Eines Tags nämlich, geraume Zeit nach unserm Übertritt in die Schweiz, saß
Prinzessin

Olga
in einem Berner Gasthof mit dem dortigen
russischen
Geschäftsträger an der Mittagstafel. Entre poire et fromage (sans comparaison <ohne Vergleich> mit dem schrecklichen
Reinach
), sagte Höchstdieselbe zu ihrem Tischgenossen: 'Eh bien, Monsieur le baron, avez-vous encore beaucoup de réfugiés ici?' <Nun Herr Baron, gibt es noch viele Flüchtlinge hier?> 'Pas mal, Princesse' <'Nicht wenige, Kaiserliche Hoheit'>, spricht jener, 'bien que nous en ayons déjà beaucoup renvoyé. M. Druey fait de son mieux à cet égard,
et si de nouveaux fonds nous arrivent
, nous en renverrons bien encore'. <'obwohl wir viele von ihnen schon zurückgeschickt haben. Herr Druey tut in dieser Hinsicht sein Bestes, und wenn wir neue Mittel erhalten, werden wir noch mehr zurückschicken'.> Solches hörte und erzählte mir der diensttuende Kellner, weiland Reichskampagne-Freischärler unter meinem hohen Kommando."

Bei Schilys Expedition verschwanden seine Reiseeffekten mysteriös und unwiederbringlich.

"Bis jetzt bleibt es rätselhaft, wie es kommen konnte, daß dieselben aus dem Chaos von Kollis eines deutschen Auswanderungszuges (dem wir in Basel durch den Auswanderungsagenten
Klenk
, welchem die eidgenössische Behörde uns zum Transport bis Havre in Verding gegeben hatte, einverleibt worden waren, und zwar mit völliger Vermischung der sämtlichen Flüchtlings- und Auswanderungsbagage) in Havre plötzlich verschwinden konnten
anders als mit Hülfe einer Liste der Flüchtlinge und ihrer Kollis
. Vielleicht weiß der eidgenössische Konsul, Kaufherr
Wanner
zu Havre, dem wir zum weitern Versand zugewiesen waren, Näheres. Er versprach uns volle Entschädigung. Druey bestätigte mir später dies Versprechen durch einen Brief, den ich zur Betreibung meiner Reklamation beim Bundesrat an
Advokat Vogt zu Bern
schickte, von ihm jedoch bis zur Stunde nicht wiedererlangen noch überhaupt
auf alle meine an ihn gerichteten Briefe eine Antwort erhalten konnte
. Dagegen wurde ich im Sommer 1856 vom Bundesrat mit einer Reklamation ab- und zur Ruhe gewiesen, ohne irgendwelche Motivierung dieses Bescheids ...

Das alles und überhaupt alle mit noch so viel Landjägern, Handschellen usw. verbundenen Ausweisungen sind aber Kleinigkeiten gegen die in eigentümlich gemütlicher Weise unter freundnachbarlichem Einvernehmen praktizierten Heimweisungen s.g. minder Gravierter aus dem Badischen, mit eigens hierzu verfertigten Reisescheinen und der Weisung, sich bei ihrem Eintreffen in der Heimat bei den Ortsbehörden zu melden, wo sie dann, statt, wie sie meinten, ihrem Berufe nachgehn zu können, allerlei unerwartete Bußübungen zu durchlaufen hatten. Die stillen Leiden dieser also Ausgelieferten (denn Auslieferung ist das rechte Wort) erwarten noch ihren Historiker und Rächer.

Es ist ein Lob für einen Mann, 'wenn man seine Fehler sagen darf, ohne daß er groß zu sein aufhört', sagt der Schweizer Tacitus von der Schweiz. An Stoff zu derartigem Lobe fehlt's nun nicht; es ihr zu spenden, verdirbt ihr die Taille nicht ... qui aime bien châtie bien. <Wer sein Kind liebt, züchtigt es.> Und in der Tat habe ich für meinen Teil eine unverwüstliche Zuneigung für die Schweiz im ganzen und großen. Land und Volk gefällt mir wohl. Den Schießprügel im Hausrat führend, stets bereit und geschickt zu dessen Handhabung für Wahrung historischer Überlieferungen von gutem Klang und moderner Errungenschaften von tüchtiger Hausmache, ist mir der Schweizer eine durchaus respektable Erscheinung. Er hat Anspruch auf fremde Sympathien, weil er sie selber hegt für fremdes Ringen nach bessern Zuständen. 'Da wollt' ich doch lieber, daß unserem lieben Herrgott das beste Paar Engel verreckt wär', sagte ein Schweizer Landwirt in seinem Verdruß über das Mißlingen der süddeutschen Erhebung. Ein
eignes
Gespann hätte derselbe vielleicht nicht dafür riskiert, eher die eigne Haut mit Schießprügelbegleitung. So ist der Schweizer im Grund seines Herzens nicht
neutral
, wenn auch auf Grund und zur Wahrung seines überkommenen Besitztums. Übrigens wird diese alte Kruste der Neutralität, welche seinen bessern Kern umhüllt, von all dem fremden Getrampel darauf - und das ist doch in der Tat das Wesen der Neutralität - wohl bald bersten, und dann wird's krachen, und das reinigt die Luft."

So weit Schilys Brief. In der Tour des Prisons zu Bern konnte er es nicht zu einer persönlichen Zusammenkunft mit Druey bringen, wohl aber zu einer Korrespondenz mit diesem Herrn. Auf einen Brief, worin Schily ihn über die Motive seiner Verhaftung befragt und um die Erlaubnis einer Rechtskonsultation mit Advokat Wyß in Bern angeht, antwortet Druey unter dem 9.
April 1852
:

"... L'autorité

genèvoise a ordonné votre renvoi du Canton, vous a fait arrêter et conduire à Berne a la disposition de mon département, parce que vous vous êtes montré

un des réfugiés les plus remuants et que vous avez cherché à

cacher I. et B., que vous vous étiez engagé

a représenter à l'autorité. Pour ce motif et parce que votre séjour ultérieur en Suisse nuirait
aux relations internationales de la Confédération
, le Conseil fédéral a ordonné

votre renvoi du territoire suisse, etc. ... Comme votre arrestation n'a pas pour but un procès criminel ou correctionnel, mais une mesure
de haute police
... il n'est pas nécessaire que vous consultiez l'avocat.
D'ailleurs, avant de ... autoriser l'entrevue que vous me demandes avec M. l'avocat Wyss, je désire savoir le but de cette entrevue.
" <"... Die Genfer Behörden haben Ihre Ausweisung aus dem Kanton angeordnet, sie haben Sie verhaften lassen und nach Bern bringen lassen und meiner Abteilung zur Verfügung gestellt, weil Sie sich als einer der unruhigsten Flüchtlinge erwiesen und versucht haben, I. und B. zu verbergen, deren Aufenthalt Sie den Behörden mitzuteilen verpflichtet waren. Aus diesem Grunde und weil Ihr weiterer Verbleib in der Schweiz den
internationalen Beziehungen der Eidgenossenschaft
nachteilig sein würde, hat der Bundesrat Ihre Ausweisung aus dem Gebiet der Schweiz beschlossen usw. ... Da Ihre Verhaftung nicht den Zweck hat, einen Prozeß vor dem Kriminal- oder Zuchtpolizeigericht gegen Sie einzuleiten, sondern eine staatspolizeiliche Maßnahme darstellt ..., ist es nicht notwendig, daß Sie einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen.
Im übrigen will ich, ehe ich ... die von Ihnen erbetene Besprechung mit Herrn Rechtsanwalt Wyß gestatte, erst wissen, welchen Zweck diese Besprechung haben soll.
">

Die Briefe, die Schily nach mehrfacher Reklamation an seine Freunde in Genf schreiben durfte, hatten alle vorher Herrn Druey zur Einsicht mitgeteilt zu werden. In einem dieser Briefe brauchte Schily den Ausdruck:
"Vae Victis."
Druey schreibt ihm darüber unter dem Datum
19. April 1852
:

"Dans le billet que vous avez adressé

a M. J. <Jakobi>, se trouvent les mots:
vae victis
... Cela veut-il dire que les autorités fédérales vous traitent en vaincu?

S'il en était ainsi, ce serait
une accusation mensongère
, contre laquelle je devrais protester." <"In dem Schreiben, das Sie an Herrn J. gerichtet haben, finden sich die Worte:
vae victis
... Soll das etwa heißen, daß die Bundesbehörden Sie als Besiegten behandeln? Wenn dem so sein sollte, so wäre das eine
lügenhafte Beschuldigung
, gegen die ich protestieren müßte."

Schily antwortete dem gewaltigen Druey unter dem Datum
21. April 1852
u.a.:

"Je ne pense pas, M. le conseiller fédéral, que cette manière de caractériser les mesures prises à mon égard, puisse me valoir le reproche d'une
accusation mensongère
; du moins un pareil reproche ne serait pas de nature à me faire revenir de l'idée que je suis traité

avec dureté; au contraire, adressé

a un
prisonnier, par celui qui le tient en prison
, une telle réponse me paraîtrait une dureté de plus." <"Ich glaube nicht, Herr Bundesrat, daß die Art und Weise, wie ich die in bezug auf mich getroffenen Maßnahmen kennzeichne, mir den Vorwurf
lügenhafter Beschuldigungen
eintragen können; zum mindesten wäre ein solcher Vorwurf nicht geeignet, mich von dem Gedanken abzubringen, daß ich mit Härte behandelt werde; im Gegenteil, wenn ich als
Gefangener von meinem Kerkermeister
eine solche Antwort erhalte, so scheint mir das eine weitere Härte zu sein.">

Gegen Ende
März
1852, kurz vor Schilys Verhaftung und der Wegmaßreglung andrer
unparlamentarischer
Flüchtlinge, hatte das reaktionäre "Journal de Genève" allerlei buntes Zeug geklatscht von kommunistischen Komplotten unter den Genfer deutschen Flüchtlingen: Herr Trog sei damit beschäftigt, ein deutsches Kommunistennest mit einer Brut von 84 Kommunistendrachen auszuheben usw. Neben diesem reaktionären Genfer Blatt war ein der Parlamentsbande angehöriger Scribler in Bern - man muß annehmen, daß es
Karl Vogt
war, da er im "Hauptbuch" die Rettung der Schweiz vor den kommunistischen Flüchtlingen wiederholt beansprucht - im
"Frankfurter Journal"
unter dem Korrespondenzzeichen -ss-damit beschäftigt, ähnliche Nachrichten zu verbreiten, z.B. daß das Genfer, aus Kommunisten bestehende Komitee zur Unterstützung deutscher Flüchtlinge wegen unrechtmäßiger Verteilung der Gelder gestürzt und durch brave Männer (Parlamentler) ersetzt worden sei, die dem Unwesen dann bald ein Ende machen würden; ferner daß der Diktator von Genf den Anordnungen der eidgenössischen Kommissäre nun doch endlich sich zu fügen scheine, indem neulich zwei zur kommunistischen Fraktion gehörige deutsche Flüchtlinge gefänglich von Genf nach Bern gebracht worden seien usw. Die zu Basel erscheinende
"Schweizerische National-Zeitung"
brachte in ihrer Nr. 72, vom
25. März 1852
, eine Antwort von Genf, worin es u.a. heißt:

"Jeder Unbefangene weiß, daß so wie die Schweiz nur mit der Befestigung und verfassungsmäßigen Entwicklung ihrer politischen Errungenschaften beschäftigt ist, so die schwachen Überreste der hiesigen deutschen Emigration sich nur auf den täglichen Broterwerb und völlig harmlose Beschäftigungen verlegen und daß die Märchen über Kommunismus nur durch die Phantasie spießbürgerlicher Gestaltenseher und durch politisch oder persönlich interessierte
Denunzianten
ausgeheckt werden."

Nachdem der Berner parlamentarische Korrespondent des
"Frankfurter Journal"
als einer dieser
Denunzianten
bezeichnet ist - schließt der Artikel:

"Die hiesigen Flüchtlinge meinen, daß sich unter ihnen mehrere sogenannte 'brave Männer' nach dem Muster der weiland 'Reichs-Bieder- und Bassermanner' befinden, welche, getrieben von der Sehnsucht nach den heimatlichen Fleischtöpfen, sich den Weg der Gnade bei ihren Landesvätern durch dergleichen reaktionäre Expektorationen anzubahnen suchen; man wünscht ihnen Glück zur baldigen Abreise, damit sie nicht langer die Emigration und die asylgebende Regierung kompromittieren."

Schily war den flüchtigen
Parlamentlern
als Verfasser dieses Artikels bekannt. Letzterer erschien in der Basler "National-Zeitung" am
25. März
, und am
1. April
fand Schilys gänzlich unmotivierte Verhaftung statt. "Tantaene animis celestibus irae?" <"So heftiger Zorn in der Seele der Götter?">

2. Revolutionstag zu Murten

Nach dem Murtener Skandal erließ die deutsche Flüchtlingsschaft zu Genf, mit Ausschluß der flüchtigen
Parlamentler
, einen Protest "An ein hohes Departement der Justiz und Polizei der Eidgenossenschaft". Ich gebe daraus nur eine Stelle:

"... Die Monarchen begnügten sich nicht mit ihren bisherigen diplomatischen Errungenschaften. Sie erhoben Kriegsgerassel um die Schweiz herum, drohten mit militärischer Okkupation zur Aufräumung der Flüchtlinge, wenigstens hat der Bundesrat in einem offiziellen Aktenstücke seine Besorgnis wegen dieser Gefahr ausgesprochen. Und siehe da, es erfolgten wieder Ausweisungen, diesmal motiviert durch die bekannte Murtener Versammlung und die Angabe, man sei infolge der darauf eingeleiteten Prozedur politisch-propagandistischen Tendenzen auf die Spur gekommen. In tatsächlicher Beziehung muß diese Angabe durchaus bestritten werden ... In rechtlicher Beziehung dürfte aber festzuhalten sein, daß überall, wo gesetzliche Zustände bestehn,
nur gesetzliche Strafen für gesetzlich vorhergesehne Straffälle
eintreten können, was auch von der Landesverweisung gilt, soll sie sich nicht offenbar als Polizeiwillkür charakterisieren. Oder wollte man etwa
die Diplomatie
auch hier gegen uns anpreisen und sagen: Man habe aus
Rücksichten für die auswärtigen Mächte
, man habe zur Aufrechterhaltung der internationalen Beziehungen so handeln müssen?

Nun wohlan denn, wenn dem so ist, so verhülle sich das
eidgenössische Kreuz
vor dem
türkischen Halbmond
, der, wenn der Flüchtlingshäscher an der Pforte klopft, die Hörner zeigt und nicht zu Kreuze kriecht, so gebe man uns denn unsere Pässe nach der
Türkei
, und nachdem man die Türe hinter uns geschlossen hat, überreiche man die Schlüssel der schweizerischen Freiheitsveste als feudum oblatum <Lehnsgut>
der Heiligen Allianz
, um dieselben fortan als Kammerherrn-Insignien von dieser zu Lehn zu tragen, mit der Devise: Finis Helvetiae! <Das Ende der Schweiz!>"

3. Cherval

Aus Joh. Ph. Beckers Brief ersah ich, daß der vom Reichs-Vogt erwähnte "Marxsche Affiliierte" oder [die] "Affiliierten" Chervals niemand anders sein konnte als der jetzt zu London lebende Herr
Stecher
. Ich hatte bis dahin nicht die Ehre seiner persönlichen Bekanntschaft, obgleich viel Rühmliches über sein großes und allseitiges Künstlertalent gehört. Infolge von Beckers Brief trafen wir zusammen. Das Folgende ist ein Schreiben meines "Affiliierten" an mich .

"London, 17, Sussex Street, W. C., 14. Oktober 1860

Lieber Herr Marx! Mit Vergnügen gebe ich Ihnen einige Erklärungen über den Artikel
Nugent
(Cherval-Crämer) in Vogts Broschüre, wovon Sie so gefällig waren mir einen Auszug zu senden. Im März 1853 kam ich von einer Reise in Italien zu Genf an. Nugent kam ungefähr zur selben Zeit nach Genf, und ich machte seine Bekanntschaft in einer lithographischen Anstalt. Ich hatte soeben das Lithographieren angefangen, und da Nugent umfassende Kenntnisse darin besitzt und äußerst gefälliger und tätiger, ja fleißiger Natur ist, so nahm ich sein Anerbieten an, in einem Atelier mit ihm zusammen zu arbeiten. Was Vogt von dem Treiben Nugents in Genf sagt, ist ungefähr, was ich damals davon hörte, wenn man das übliche Übertreiben des Feuilletonisten oder Broschürenschreibers davon abzieht. Der Erfolg war äußerst gering. Ich kannte bloß einen der Gesellschaft, ein gutmütiger und fleißiger, sonst aber unbedachtsam leichtsinniger junger Mann: Und da dieser eine der Hauptpersonen war, so kann man leicht schließen, daß N. alles in der Gesellschaft war und die andern nur neugierige Zuhörer. Ich bin überzeugt, es war weder Stein- noch Kupferplatte graviert, ich hörte aber N. von ähnlichen Dingen sprechen. Meine Bekannten waren meist Genfer und Italiener. Ich wußte, daß ich später von Vogt und andern deutschen Flüchtlingen, die ich nicht kannte, als Spion angesehn war, ich störte mich aber nicht daran - die Wahrheit kommt immer an den Tag; ich nahm es ihnen nicht einmal übel, es war so leicht, Verdacht zu erregen, da es an Spionen nicht fehlte und es nicht immer leicht war, sie herauszufinden. Ich bin beinahe sicher, daß Nugent mit niemand in Genf korrespondierte, nachdem er von dort ausgewiesen wurde. Ich erhielt später zwei Briefe von ihm, worin er mich einlud, nach Paris zu kommen, um die Ausführung eines Werkes über mittelaltrige Architektur zu übernehmen, was ich auch tat. Ich fand Nugent zu Paris ganz außerhalb Politik und Korrespondenz. Aus Obigem ist allerdings zu erklären, daß ich als 'die
Marxschen Affiliierten'
gemeint sein könnte, denn ich sah und hörte von
niemand anderm, den Nugent nach Paris gezogen hatte
. Herr Vogt konnte natürlich nicht wissen, daß ich nie, weder mittelbar noch unmittelbar, mit Ihnen in Berührung kam und wahrscheinlich nie gekommen wäre, hätte ich meinen Wohnsitz nicht in London aufgeschlagen, wo ich durch Zufall das Vergnügen hatte, Sie und Ihre verehrte Familie kennenzulernen.

Mit herzlichem Gruße an Sie und Ihre werten Damen

H. Cal. Stecher"

4. Kölner Kommunistenprozeß

 Die in diesem Abschnitt (des "Herr Vogt") von mir gemachten Mitteilungen über die preußische Gesandtschaft zu London und ihren Briefwechsel mit preußischen Behörden auf dem Kontinent während der Kölner Prozeßverhandlungen beruhn auf den von
A. Willich
in der
"New-Yorker Criminal-Zeitung"
April 1853 unter dem Titel
"Die Opfer der Moucharderie, Rechtfertigungsschrift von Wilhelm Hirsch"
veröffentlichten Selbstbekenntnissen des jetzt zu Hamburg gefangensitzenden Hirsch, der das Hauptinstrument des Polizeileutnants Greif und seines Agenten Fleury war, auch in ihrem Auftrage und unter ihrer Leitung das während des Kommunistenprozesses von Stieber vorgelegte
falsche
Protokollbuch schmiedete. Ich gebe hier einige Auszüge aus Hirschs Memoiren.

"Die deutschen Vereine wurden gemeinschaftlich (während der Industrieausstellung) von einem Polizeitriumvirat, dem Polizeirat Stieber für Preußen, einem Herrn Kubesch für Ostreich und dem Polizeidirektor Huntel aus Bremen überwacht."

Hirsch beschreibt folgendermaßen die erste Szene, die er infolge seines Angebots als Mouchard mit dem preußischen Gesandtschaftssekretär Alberts zu London hatte.

"Die Rendezvous, welche die preußische Gesandtschaft in London ihren geheimen Agenten gibt, finden in einem dazu geeigneten Lokale statt. Die Gastwirtschaft 'The Cock', Fleet Street, Temple Bar, fällt so wenig in die Augen, daß, wenn nicht ein goldener Hahn, Aushängeschild, ihren Eingang zeigte, ein Nichtsuchender sie schwerlich entdecken würde. Ein schmaler Eingang führte mich in das Innere dieser altenglischen Taverne, und auf meine Frage nach Mr. Charles präsentierte sich mir unter dieser Firma eine wohlbeleibte Persönlichkeit mit einem so freundlichen Lächeln, als ob wir beide bereits alte Bekannte wären. Der Beauftragte der Gesandtschaft, denn dieser war es, schien sehr heiter gestimmt, und seine Laune stärkte sich noch dermaßen in Brandy und Wasser, daß er darüber eine ganze Weile den Zweck unserer Zusammenkunft zu vergessen schien. Mr. Charles, oder wie er sich mir gleich bei seinem richtigen Namen nannte,
der Gesandtschaftsschreiber Alberts
, machte mich zunächst damit bekannt, daß er eigentlich nichts mit Polizeisachen zu tun habe, aber dennoch wolle er die Vermittlung übernehmen ... Ein zweites Rendezvous fand in seiner damaligen Wohnung, Brewer Street 39, Golden Square, statt, hier lernte ich zuerst den Polizeileutnant
Greif
kennen; eine Figur nach echtem Polizeischnitte, mittlerer Größe mit dunklem Haar und einem gleichfarbigen par ordre zugeschnittenen Barte, so daß der Schnurr- sich mit dem Backenbart verbindet, und freiem Kinn. Seine Augen, die nichts weniger als Geist verraten, scheinen sich durch den häufigen Umgang mit Dieben und Gaunern an ein scharfes Herausglotzen gewöhnt zu haben ... Herr Greif hüllte sich, wie zu Anfang Herr Alberts, in denselben Pseudonym-Mantel und nannte sich Mr. Charles. Der

neue Mr. Charles war wenigstens ernster gestimmt; er glaubte zunächst mich examinieren zu müssen ... Unsere erste Zusammenkunft schloß damit, daß er mir den Auftrag erteilte, ihm genauen Bericht über alle Tätigkeit der revolutionären Emigration abzustatten ... Herr Greif stellte mir das nächste Mal 'seine rechte Hand', wie er es nannte, 'nämlich einen seiner Agenten', fügte er hinzu, vor. Der also Genannte war ein großer junger Mann in eleganter Kleidung, der sich mir wieder als ein Mr. Charles präsentierte; die gesamte politische Polizei scheint diesen Namen als Pseudonymus adoptiert zu haben, ich hatte es jetzt bereits mit drei Charles zu tun. Der Neuhinzugekommene schien indes bei weitem der berichtenswerteste. 'Er sei', wie er sagte, 'auch Revolutionär gewesen, aber es lasse sich alles machen, ich solle nur mit ihm zusammengehn.'"

Greif verließ London für einige Zeit und schied von Hirsch

"mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß der neue Mr. Charles stets in seinem Auftrage handle, ich dürfe kein Bedenken tragen, mich ihm zu vertrauen, wenn auch manches mir seltsam vorkommen sollte; ich dürfte daran keinen Anstoß nehmen; um mir dies deutlicher zu machen, fügte er hinzu: 'Das Ministerium bedarf zuweilen dieser oder jener Gegenstände;
Dokumente sind die Hauptsache, kann man sie nicht schaffen, muß man sich doch zu helfen wissen!
"

Hirsch erzählt weiter: Der letzte Charles sei
Fleury
gewesen,

"früher beschäftigt bei der Expedition der von L. Wittig redigierten 'Dresdner Zeitung'. In Baden wurde er auf Grund überbrachter Empfehlungen aus Sachsen von der provisorischen Regierung nach der Pfalz geschickt, um die Organisation des Landsturms zu betreiben usw. Als die Preußen in Karlsruhe einrückten, wurde er gefangen usw. Er erschien plötzlich wieder in London Ende 1850 oder anfangs 1851; hier trägt er von Anfang an den Namen de Fleury und befindet sich als solcher unter den Flüchtlingen in einer, wenigstens scheinbar, schlechten Lage, bezieht mit ihnen die vom Flüchtlingskomitee errichtete Flüchtlingskaserne und genießt die Unterstützung. Anfangs Sommer 1851 verbessert sich plötzlich seine Lage, er bezieht eine anständige Wohnung und verheiratet sich Ende des Jahrs mit der Tochter eines englischen Ingenieurs. Wir sehn ihn später als Polizeiagenten in Paris ... Sein wirklicher Name ist
Krause
, und zwar ist er der Sohn des Schuhmachers Krause, der vor etwa 15 bis 18 Jahren, wegen Ermordung der Gräfin Schönberg und deren Kammerfrau in Dresden, daselbst mit Backhof und Beseler hingerichtet wurde ... Oft hat mir Fleury-Krause gesagt, er habe schon seit seinem 14. Jahre für die Regierungen gearbeitet."

Es ist dieser
Fleury-Krause
, den Stieber in der öffentlichen Gerichtssitzung zu Köln als direkt unter Greif dienenden geheimen preußischen Polizeiagenten eingestand. Ich sage von Fleury in meinen
"Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß"
: "Fleury ist zwar nicht die Fleur de Marie der Prostituierten der Polizei, aber Blume ist er und Blüten wird er treiben, wenn auch nur Fleurs-de-lys." Dies hat sich gewissermaßen erfüllt.

Einige Monate nach dem Kommunistenprozeß ward Fleury wegen Fälschung in England zu einigen Jahren hulks <Strafabbüßung auf abgetakelten Schiffen, die als Gefängnisse verwendet wurden> verurteilt.

"Als die rechte Hand des Polizeileutnant Greif", sagt Hirsch, "verkehrte Fleury in dessen Abwesenheit mit der preußischen Gesandtschaft direkt."

Mit Fleury stand in Verbindung Max Reuter, der bei Oswald Dietz, damals Archivar des Schapper-Willichschen Bundes, den Briefdiebstahl vollführte.

"Stieber", sagt Hirsch, "war durch den Agenten des preußischen Gesandten Hatzfeldt in Paris, jenen berüchtigten
Cherval
, über die Briefe, welche dieser letztere selbst nach London geschrieben, unterrichtet, und ließ sich durch Reuter nur den Aufenthaltsort desselben ermitteln, worauf Fleury in Stiebers Auftrag jenen Diebstahl mit Hülfe Reuters vollführte. Dies sind die gestohlenen Briefe, die Herr Stieber sich nicht entblödet hat, offen
'als solche'
vor dem Geschworenengericht in Köln zu deponieren ... Im Herbst 1851 war Fleury gemeinsam mit Greif und Stieber in Paris gewesen, nachdem der letztere dort bereits, durch die Vermittlung des Grafen Hatzfeldt, mit jenem
Cherval
oder richtiger
Joseph Crämer
in Verbindung getreten war, mit dessen Hülfe er ein Komplott zustande zu bringen hoffte. Zu dem Ende berieten die Herren Stieber, Greif, Fleury, ferner zwei andre Polizeiagenten, Beckmann
(1)
und Sommer in Paris, gemeinsam mit dem famosen französischen Spion
Lucien de la Hodde
(unter dem Namen Duprez) und erteilten ihre Instruktionen an Cherval, nach denen er seine Korrespondenzen zuzuschneiden hatte. Oft genug hat sich Fleury mir gegenüber über jene provozierte Attacke zwischen Stieber und Cherval amüsiert; und jener Schmidt, der sich in der von Cherval
auf polizeilichen Befehl
gegründeten Verbindung als Sekretär eines revolutionären Bundes von Straßburg und Köln einführte, jener Schmidt ist kein andrer als Herr de Fleury ... Fleury war in London unzweifelhaft der einzige Agent der preußischen geheimen Polizei, und alle Anerbietungen und Vorschläge, welche der Gesandtschaft gemacht wurden, gingen durch seine Hand ... seinem Urteile vertrauten sich die Herren Greif und Stieber in vielen Fällen an."

Fleury eröffnet dem Hirsch:

"Herr Greif hat Ihnen gesagt, wie man handeln muß ... Die Zentralpolizei in Frankfurt ist selbst der Ansicht, daß es sich vor allem darum handelt,
die Existenz der politischen Polizei sicherzustellen
, durch welche Mittel wir dies tun, ist gleichgültig;
ein Schritt ist getan
durch das Septemberkomplott in Paris."

Greif kehrt nach London zurück, spricht seine Zufriedenheit über Hirschs Arbeiten aus, verlangt aber mehr, namentlich Berichte über
"die geheimen Bundessitzungen der Partei Marx"
.

"A tout prix, <Um jeden Preis>, schloß der Polizeileutnant, müssen wir Berichte über die Bundessitzungen aufstellen, machen Sie es nun, wie Sie wollen, nur die Wahrscheinlichkeit müssen Sie stets nicht überschreiten, ich selbst bin zu sehr
beschäftigt
. Herr de Fleury wird mit Ihnen in meinem Namen zusammenarbeiten."

Greifs damalige Beschäftigung bestand, wie Hirsch sagt, in einer Korrespondenz mit Maupas durch de la Hodde-Duprez über die zu veranstaltende Scheinflucht von Cherval und Gipperich aus dem Gefängnis St. Pélagie. Auf Hirschs Versicherung, daß

"Marx in London keinen neuen Bundes-Zentralverein gegründet habe ... verabredete Greif mit Fleury, daß wir unter den gegebenen Umständen vorderhand selbst Berichte über Bundessitzungen anfertigen sollten; er, Greif, wollte die Echtheit übernehmen und vertreten, und was er vorlege, werde sowieso akzeptiert".

Fleury und Hirsch setzen sich also an die Arbeit. "Der Inhalt" ihrer Berichte über die von Marx gehaltnen Geheim-Bundessitzungen "wurde damit ausgefüllt", sagt Hirsch,

"daß hin und wieder Diskussionen stattgefunden, Bundesmitglieder aufgenommen, in irgendeinem Winkel Deutschlands sich eine neue Gemeinde gegründet, irgendeine neue Organisation stattgefunden, in Köln die gefangnen Freunde von Marx Aussicht oder keine Aussicht auf Befreiung hätten, daß Briefe von dem oder dem angekommen usw. Was das letztre betraf, so nahm Fleury dabei gewöhnlich Rücksicht auf Personen in Deutschland, welche bereits durch politische Untersuchungen verdächtig waren oder irgendwie eine politische Tätigkeit entfaltet hatten; sehr häufig jedoch mußte auch die Phantasie aushelfen und kam dann auch wohl einmal ein Bundesmitglied vor, dessen Namen vielleicht gar nicht in der Welt existierte. Herr Greif meinte dennoch, die Berichte wären gut und man müsse ja einmal à tout prix welche schaffen. Teilweis übernahm Fleury allein die Abfassung, meistenteils aber mußte ich ihm dabei behülflich sein, da es ihm unmöglich war, die geringste Kleinigkeit richtig zu stilisieren. So kamen die Berichte zustande, und ohne Bedenken übernahm Herr Greif die Garantie ihrer Wahrheit."

Hirsch erzählt nun weiter, wie er und Fleury A. Ruge zu Brighton und Eduard Meyen (Tobyschen Andenkens) besuchen und ihnen Briefe und lithographierte Korrespondenzen stehlen. Nicht genug damit. Greif-Fleury mieten in der Stanburyschen Druckerei, Fetter Lane, eine lithographische Presse und machen mit Hirsch zusammen nun selbst "radikale Flugblätter", Hier gibt es etwas zu lernen für "Demokrat"
F. Zabel
. Er höre:

"Das erste Flugblatt, von mir" (Hirsch) "verfaßt, war nach Fleurys Angabe
'An das Landproletariat'
betitelt, und es gelang, einige gute Abzüge davon zustande zu bringen. Herr Greif sandte diese Abzüge als von der
Marxschen Partei
ausgehend ein und fügte über die Entstehungsweise, um noch wahrscheinlicher zu werden, in den

auf die bezeichnete Weise fabrizierten Berichten der sogenannten Bundessitzungen einige Worte über die Versendung einer solchen Flugschrift ein. Noch einmal geschah eine ähnliche Anfertigung unter dem Namen
'An die Kinder des Volkes'
, und ich weiß nicht, unter welcher Firma Herr Greif diesmal dieselbe eingeliefert hat; später hörte dieses Kunststück auf, hauptsächlich, weil soviel Geld dabei zugesetzt ist."

Cherval trifft nun in London ein nach seiner Scheinflucht aus Paris, wird vorläufig mit Salär von 1 Pfd. 10 sh. wöchentlich an Greif attachiert,

"wofür er verpflichtet war, Berichte über den Verkehr zwischen der deutschen und französischen Emigration abzustatten".

Im Arbeiterverein öffentlich enthüllt und als Mouchard ausgestoßen,

"stellte Cherval aus sehr erklärlichen Gründen die deutsche Emigration und ihre Organe so unbeachtenswert als möglich dar, weil es ihm ja nach dieser Seite hin total unmöglich war, auch nur etwas zu liefern. Dafür entwarf er dem Greif einen Bericht über die nichtdeutsche revolutionäre Partei, der über Münchhausen ging."

Hirsch kehrt nun zu dem Kölner Prozeß zurück.

"Schon oftmals war Herr Greif über den Inhalt der in seinem Auftrag von Fleury verfertigten Bundesberichte, soweit sie den Kölner Prozeß betrafen, interpelliert worden ... Auch bestimmte Aufträge liefen über diesen Gegenstand ein, einmal sollte Marx mit
Lassalle
unter einer Adresse 'Trinkhaus' korrespondieren, und der Herr Staatsprokurator wünschte darüber Recherchen angestellt zu sehn ... Naiver erscheint ein Gesuch des Herrn Staatsprokurators, in welchem er gern genaue Aufklärung über die Geldunterstützungen die Lassalle in Düsseldorf dem gefangnen Röser in Köln zukommen lasse, zu erhalten wünschte ... das Geld sollte nämlich eigentlich aus London kommen."

Es ist bereits Abschnitt III, 4 (des "Herr Vogt") erwähnt, wie Fleury in Hinckeldeys Auftrag eine Person in London auftreiben sollte, die den verschwundenen Zeugen Haupt vor dem Kölner Geschworenengericht vorstelle usw. Nach ausführlicher Darstellung dieses Zwischenfalls fährt Hirsch fort:

"Herr Stieber hatte inzwischen an Greif das dringende Verlangen gestellt, womöglich Originalprotokolle über die von ihm eingesandten Bundessitzungen zu liefern. Fleury meinte, wenn man nur irgendwie Leute zur Verfügung hätte, würde er ein Originalprotokoll zustande bringen. Namentlich aber müsse man die
Handschriften einiger Freunde von Marx haben
. Diese letztere Bemerkung benutzte ich und wies meinerseits die Zumutung zurück; nur noch einmal kam Fleury auf diesen Gegenstand zu sprechen, dann aber schwieg er davon. Plötzlich trat um diese Zeit Herr Stieber in Köln mit einem Protokollbuch des in London tagenden Bundes-Zentralvereins hervor... Noch mehr erstaunte ich, als ich in den durch die Journale auszüglich mitgeteilten Protokollen fast aufs Haar die in Greifs Auftrag durch Fleury gefälschten Berichte erkannte. Herr Greif oder Herr Stieber selbst hatten also doch auf irgendeinem Wege

eine
Abschrift
bewerkstelligt,
denn die Protokolle in diesem angeblichen Originale trugen Unterschriften, die von Fleury eingereichten waren nie mit solchen versehn
. Von Fleury selbst erfuhr ich über diese wunderbare Erscheinung nur, 'daß Stieber alles zu machen wisse, die Geschichte werde Furore machen'!"

Sobald Fleury erfuhr, daß "Marx" die wirklichen Handschriften der angeblichen Protokollunterzeichner (Liebknecht, Rings, Ulmer etc.) vor einem Londoner Policecourt <Polizeigericht> legalisieren ließ. verfaßte er folgenden Brief:

"
An das hohe Königl. Polizeipräsidium in Berlin.
London d. d. In der Absicht, die Unterschriften der Unterzeichner der Bundesprotokolle als gefälscht darzustellen, beabsichtigen Marx und seine Freunde hier die Legalisation von Handschriften zu bewerkstelligen, die dann als die wirklich echten Signaturen dem Assisenhofe vorgelegt werden sollen. Jeder, der die englischen Gesetze kennt, weiß auch, daß sie sich in dieser Beziehung wenden und drehn lassen und daß derjenige, welcher die Echtheit garantiert, im Grunde genommen eigentlich keine Bürgschaft leistet. Derjenige, welcher diese Mitteilung macht, scheut sich nicht, in einer Sache, wo es sich um die Wahrheit handelt, seinen Namen zu unterzeichnen.
Becker
, 4, Utchfield Street." "Fleury wußte die Adresse Beckers, eines deutschen Flüchtlings, der mit
Willich
in demselben Hause wohnte, so daß späterhin leicht der Verdacht der Urheberschaft auf diesen, als einen Gegner von Marx, fallen konnte ... Fleury freute sich schon im voraus über den Skandal, den das dann anrichten werde. Der Brief würde dann natürlich so spät verlesen werden, meinte er, daß etwaige Zweifel über seine Echtheit erst dann erledigt werden könnten, wenn der Prozeß bereits beendigt sei ... Der Brief, unterzeichnet Becker, war an das
Polizeipräsidium in Berlin
gerichtet, ging aber nicht nach Berlin, sondern 'an den Polizeibeamten Goldheim, Frankfurter Hof in Köln', und ein
Kuvert zu diesem Brief
ging an das Polizeipräsidium zu Berlin mit der Bemerkung auf einem einliegenden Zettel:
'Herr Stieber zu Köln wird genaue Auskunft über

den Zweck geben'
... Herr Stieber hat keinen Gebrauch von dem Briefe gemacht; er konnte keinen Gebrauch davon machen, weil er gezwungen war, das ganze
Protokollbuch
fallenzuassen."

In bezug auf letztres sagt Hirsch:

"Herr Stieber erklärt" (vor Gericht), "er habe dasselbe vierzehn Tage vorher in Händen gehabt und sich besonnen, ehe er Gebrauch davon gemacht; er erklärt weiter, es sei ihm durch einen Kurier in der Person Greifs zugekommen ... Greif hätte ihm mithin seine eigne Arbeit überbracht; - wie stimmt dies aber mit einem Schreiben des Herrn
Goldheim
überein? Herr Goldheim schreibt an die Gesandtschaft: 'Man habe das Protokollbuch nur deshalb so spät gebracht, um dem Erfolge etwaiger Interpellationen über seine Echtheit zu entgehn.' ..."

Freitag, den 29. Oktober, langte Herr Goldheim in London an.

"Herr Stieber hatte nämlich die Unmöglichkeit vor Augen, die Echtheit des Protokollbuchs aufrechterhalten zu können, er schickte deshalb einen Deputierten, um an Ort und Stelle mit Fleury darüber zu verhandeln; die Frage war, ob man nicht

auf irgendeinem Wege eine Beweisführung herbeischaffen könne. Seine Besprechungen blieben fruchtlos, und er reiste resultatlos wieder ab, indem er Fleury in einer verzweifelten Stimmung zurückließ; Stieber war nämlich entschlossen, in dem Falle, um nicht die Polizeichefs zu kompromittieren, ihn bloßzustellen. Daß dies der Grund der Unruhe Fleurys war, lehrte mich erst die bald darauf folgende Erklärung des Herrn Stieber. Bestürzt griff Herr Fleury nun zu einem letzten Mittel; er brachte mir eine Handschrift, nach welcher ich eine Erklärung kopieren und mit dem Namen Liebknecht versehn dann vor dem Lord Mayor von London, unter der Angabe, daß ich Liebknecht sei, beschwören solle ... Fleury sagte mir, die Handschrift rühre von demjenigen her, der das Protokollbuch geschrieben habe, und
Herr Goldheim habe sie
" (
aus Köln
)
mitgebracht
. Wie aber, wenn Herr Stieber das Protokollbuch per Kurier Greif aus London empfangen hatte, wie konnte Herr Goldheim in dem Augenblicke, als Greif bereits wieder in London war, eine Handschrift des angeblichen Protokollisten aus Köln überbringen? ... Was Fleury mir gab, waren nur einige Worte und die Signatur ..." Hirsch "kopierte die Handschrift möglichst ähnlich und erklärte in derselben, daß der Unterzeichnete, Liebknecht nämlich, die von Marx und Konsorten geschehene Legalisation seiner Unterschrift für falsch und diese, seine Signatur, für die einzig richtige erkläre. Als ich meine Arbeit vollendet und die Handschrift in Händen hatte" (nämlich die ihm zur Kopie von Fleury übergebne Handschrift), "die ich glücklicherweise noch gegenwärtig besitze, äußerte ich Fleury zu seinem nicht geringen Erstaunen mein Bedenken und schlug ihm sein Gesuch rundweg ab. Untröstlich anfangs, erklärte er mir dann, daß er selbst die Beeidigung leisten werde ... Der Sicherheit halber, meinte er, werde er die
Handschrift vom preußischen Konsul kontrasignieren lassen,
und er begab sich deshalb zunächst auf das Büro desselben. Ich erwartete ihn in einer Taverne; als er zurückkam, hatte er die Kontrasignatur bewerkstelligt, worauf er sich in der Absicht der Beeidigung zum Lord Mayor begab. Aber die Sache ging nicht auf dem Wege; der Lord Mayor verlangte weitere Bürgschaften, die Fleury nicht leisten konnte, und der Eidschwur unterblieb ... Spätabends sah ich noch einmal und damit zum letztenmal den Herrn de Fleury. Grade heute hatte er die üble Überraschung gehabt, in der 'Kölnischen Zeitung' die ihn betreffende Erklärung des Herrn Stieber zu lesen! 'Aber ich weiß, Stieber konnte nicht anders, er hätte sich sonst selbst kompromittieren müssen', trostphilosophierte Herr de Fleury sehr richtig ...
'In Berlin werde ein Schlag geschehn,
wenn
die Kölner verurteilt wären'
, sagte mir Herr de Fleury an einem der letzten Tage, die ich ihn sah."

Fleurys letzte Zusammenkünfte mit Hirsch fanden statt
Ende Oktober 1852
; Hirschs Selbstbekenntnisse sind datiert
Ende November 1852
; und
Ende März 1853
geschah der
"Schlag in Berlin"
(Ladendorfsche Verschwörung).
(2)

Fußnoten von Marx

(1)
Dasselbe Individuum, welches im Prozeß Arnim figurierte. [
Anmerkung von Marx zur Ausgabe von 1875.
] Er war schon damals, und noch lange Jahre nachher Pariser Korrespondent der "Kölnischen Zeitung". [
Zusatz von Engels zur Ausgabe von l885.
]

(2)
Es wird nun den Leser interessieren, zu sehn, welches Zeugnis Stieber selbst seinen beiden Spießgesellen Fleury-Krause und Hirsch ausstellt. Über ersteren heißt es im Schwarzen Buch, II, S. 69:

"Nr. 345.
Krause,
Carl Friedrich August, aus Dresden. Er ist der Sohn des im Jahre 1834 wegen Teilnahme an der Ermordung der Gräfin Schönberg zu Dresden hingerichteten früheren Ökonomen, dann" (nach seiner Hinrichtung?) "Getreidemäklers Friedrich August Krause und der noch lebenden Witwe desselben, Johanna Rosine geb. Göllnitz, und am 9. Januar 1824 in den Weinbergshäusern bei Coswig ohnweit Dresden geboren. Seit 1. Oktober 1832 besuchte er die Armenschule zu Dresden, wurde 1836 in das Waisenhaus zu Antonstadt-Dresden aufgenommen und 1840 konfirmiert. Dann kam er zum Kaufmann Gruhle zu Dresden in die Lehre, im folgenden Jahre aber schon wegen
mehrfacher Entwendungen
beim Stadtgerichte in Dresden in Untersuchung und Haft, worauf ihm der erlittene Arrest als Strafe angerechnet wurde. Nach der Entlassung hielt er sich bei seiner Mutter geschäftslos auf, kam im März 1842 wegen eines
Diebstahls mit Einbruch
wieder in Haft und Untersuchung und erlitt eine ihm zuerkannte
vierjährige Zuchthausstrafe
. Am 23. Oktober 1846 kam er aus der Strafanstalt nach Dresden zurück und
verkehrte nun unter den berüchtigtsten Dieben
. Darauf nahm der Verein für entlassene Sträflinge sich seiner an und brachte ihn als Zigarrenmacher unter, als welcher er bis März 1848 ohne Unterbrechung mit leidlichem Betragen gearbeitet hat. Doch nun gab er sich von neuem dem Hang zur Arbeitslosigkeit hin und besuchte die politischen Vereine" (als Regierungsspion, wie er selbst dem Hirsch in London gestand, s. oben). "Anfang 1849 wurde er Kolporteur der von dem jetzt in Amerika befindlichen republikanischen Literaten E. L. Wittig aus Dresden redigierten 'Dresdner Zeitung', beteiligte sich im Mai 1849 als Kommandant der Barrikade an der Sophienstraße am Dresdner Aufstand und floh nach Unterdrückung desselben nach Baden, wo er namentlich mit Vollmachten der provisorischen badischen Regierung vom 10. und 23. Juni 1849 behufs Ausführung des Aufgebots zum Landsturm und behufs Erpressung von Lebensmitteln für die Insurgenten auftrat, vom preußischen Militär gefangengenommen wurde, am 8. Oktober 1849 aus Rastatt entsprang." (Ganz wie später Cherval aus Paris "entsprang". Nun kommt aber das echte duftige Polizeiblümlein - man vergesse nicht, daß dies zwei Jahre nach dem Kölner Prozeß gedruckt wurde.) "Zufolge einer in Nr. 39 des 'Berliner Publizisten' vom 15. Mai 1853 enthaltnen Nachricht, welche aus dem in New York im Druck erschienenen Werk des Handlungsdieners Wilhelm Hirsch aus Hamburg 'Die Opfer der Spionage' entnommen ist" (du ahnungsvoller Engel, du Stieber!), "trat Krause Ende 1850 oder anfangs 1851 in London unter dem Namen
Charles de Fleury
als politischer Flüchtling auf und hat zuerst in ärmlichen Verhältnissen gelebt, ist seit 1851 aber in bessere Lage gekommen, indem er nach seiner Aufnahme in den Kommunistenbund" (die Stieber hinzulügt) "verschiedenen Regierungen als Agent gedient hat, wobei er sich aber mannigfache Schwindeleien hat zuschulden kommen lassen."

So bedankt sich Stieber bei seinem Freund Fleury, der übrigens, wie oben erwähnt, wenige Monate nach dem Kölner Prozeß in London wegen Fälschung zu verschiedenen Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Von Ehren-Hirsch heißt es ebendaselbst, S. 58:

"Nr. 265.
Hirsch
, Wilhelm, Handlungsdiener aus Hamburg. Er hat sich, wie es scheint, nicht als Flüchtling" (wozu diese ganz zwecklose Lüge? Goldheim hatte ihn ja in Hamburg verhaften wollen!), "sondern freiwillig nach London gewendet, dort aber viel mit den Flüchtlingen verkehrt, namentlich hatte er sich der Kommunistenpartei angeschlossen. Er entwickelte eine doppelte Rolle. Einmal nahm er teil an den Bestrebungen der Umsturzpartei, zum andern bot er sich den Kontinentalregierungen als Spion sowohl gegen politische Verbrecher als auch gegen Falschmünzer an. Er hat in dieser letzten Beziehung aber die
ärgsten Betrügereien
und Schwindeleien, namentlich
Fälschungen
, verübt, so
daß vor ihm
nicht genug gewarnt werden kann. Er hat sogar im Verein mit ähnlichen Subjekten selbst
falsches Papiergeld gemacht
, nur um für hohe Bezahlung den Polizeibehörden angeblich Falschmünzereien zu entdecken. Er wurde allmählich von beiden Seiten" (von den polizeilichen wie von den unpolizeilichen Falschmünzern?) "erkannt und hat sich jetzt von London nach Hamburg zurückgezogen, wo er in dürftigen Umständen lebt."

So weit Stieber über seine Londoner Handlanger, deren "Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit" zu beschwören er nicht müde wird. Interessant ist dabei besonders die absolute Unmöglichkeit, in der sich dieser Musterpreuße befindet, die einfache Wahrheit zu sagen. Zwischen die aus den Akten hineingenommenen - wahren und falschen - Tatsachen kann er es nicht lassen, selbst ganz zwecklose Lügen hineinzustiebern. Und darin, daß auf die Aussagen solcher gewerbsmäßigen Lügner - sie sind heute zahlreicher als je - Hunderte von Leuten zu Gefängnis verurteilt werden, darin besteht das, was man heute Staatsrettung nennt.

5. Verleumdungen

Nach Schluß des Kölner Kommunistenprozesses wurden Vogtartige Verleumdungen über meine "Ausbeutung" der Arbeiter lebhaft kolportiert, namentlich in der deutsch-amerikanischen Presse. Einige meiner in Amerika lebenden Freunde - die Herren J. Weydemeyer, Dr. A. Jacobi (praktischer Arzt zu New York, einer der Angeklagten im Kölner Kommunistenprozeß) und A. Cluß (Beamter bei der U.St. Navy Yard in Washington) - veröffentlichten unter dem Datum New York, 7. November 1853, eine detaillierte Widerlegung der Albernheit mit dem Bemerken, daß ich recht habe, über meine Privatangelegenheiten zu
schweigen
, soweit es sich um die

Gunst
des Spießbürgers handle. "Aber
gegenüber
der crapule <dem Gesindel>, dem Spießbürger und dem verkommenen Bummler schadet es unserer Ansicht nach der Sache, und
wir
brechen das Schweigen."

6. Froschmäuslerkrieg

In meinem früher zitierten Pamphlet "Der Ritter usw." liest man S. 5: " ... Am 20. Juli 1851 wurde der 'Agitationsverein' gestiftet und am

27. Juli 1851 der deutsche 'Emigrations-Klub'. Von diesem Tage an ... datiert ... der auf beiden Seiten des Ozeans geführte Kampf zwischen 'Emigration' und 'Agitation', der große Froschmäuslerkrieg begann.

"Wer gibt die Worte mir und wer die Stimme,

Das Größte groß und würdig zu berichten?

Denn stolzerer Kampf, geführt mit wilderem Grimme,

Ward seit der Welt Beginn gesehen mitnichten;

Die andern Schlachten, wenn auch noch so schlimme,

Sind Veilchen nur und Rosen, und mein Dichten

Versagt mir, wo Bravour und Ehrenglorie

Gleich herrlich strahlt in dieses Kampfs Historie.

(Nach Bojardo, 'Orlando innam[orato]'. Canto 27)"

Es ist nun keineswegs mein Zweck, hier näher einzugehn auf "dieses Kampfs Historie", nicht einmal auf die zwischen
Gottfried Kinkel
, im Namen des Emigrationsvereins, mit
A. Goegg
, im Namen des "Revolutionsbundes beider Welten", am 13. August 1852 vereinbarten "Präliminarien eines
Unionsvertrags
" (verbotenus <wortgetreu> und unter dieser Firma veröffentlicht in der ganzen deutsch-amerik[anischen] Presse). Ich bemerke nur, daß die gesamte
parlamentarische
Flüchtlingsschaft mit wenigen Ausnahmen (Namen wie
K. Vogt
vermied damals jede Partei schon aus Anstandsgefühl) sich von der einen oder der andern Seite am Mummenschanz beteiligte.

Gottfried Kinkel, die Passionsblume des deutschen Philisteriums, sprach am Schlusse seiner Revolutionslustfechtreise durch die Ver[einigten] Staaten in der "
Denkschrift über das deutsche Nationalanlehn zur Förderung
der
Revolution
, d.d. Elmira im Staate New York, 22. Febr. 1852" Ansichten aus, die wenigstens das Verdienst höchster Einfachheit besitzen. Gottfried meint, es verhalte sich mit der Revolutionsmacherei wie mit der Eisenbahnmacherei. Sei einmal das Geld vorhanden, so finde sich die Bahn in dem einen Fall und die Revolution in dem andern. Während die Nation Revolutionsbedürfnisgefühle in der Brust, müßten die Revolutionsmacher Bares in der Tasche tragen, und es komme daher alles an auf eine "kleine, wohlausgerüstete Schar, mit Gelde
reichlich
versehen". Man sieht, in welche Ideenirrgänge der merkantile Wind von England selbst melodramatische Köpfe hineinbläst. <so in der Erstausgabe>

Da hier alles durch Aktien gemacht wird, selbst "public opinion " <"öffentliche Meinung">, warum nicht eine Aktiengesellschaft "Zur Förderung der Revolution"?

Bei einem öffentlichen Zusammentreffen mit
Kossuth
, der damals auch grade Revolutionsfechterei in den Ver[einigten] St[aaten] betrieb, äußerte
Gottfried
sehr ästhetisch:

"Auch aus Ihrer reinen Hand, Gouverneur, wäre geschenkte Freiheit mir ein harter Bissen Brotes, den ich netzen würde
mit den Tränen

meiner Scham
."

Gottfried, der dem geschenkten Gaul so scharf ins Maul sah, versicherte daher den Gouverneur, daß, wenn dieser ihm die "Revolution aus dem Osten" mit seiner Rechten darreiche, er, Gottfried, mit seiner Rechten nun wiederum dem Gouverneur als Äquivalent "die Revolution aus dem Westen" einhändige. Sieben Jahre später, in dem von ihm selbst gestifteten
"Hermann"
, versichert derselbe Gottfried, er sei ein Mann von seltner Konsequenz, und wie er vor dem Kriegsgericht zu Rastatt den Prinzregenten als Kaiser von Deutschland ausrief, habe er stets an diesem Wahlspruch festgehalten.

Graf Oskar Reichenbach, einer der ursprünglichen drei Regenten und der Kassierer der Revolutionsanleihe, veröffentlichte unter dem Datum
London, 8. Oktober 1852
eine Rechenablage nebst Erklärung, worin er sich von dem Unternehmen lossagt, zugleich aber ausspricht: "Jedenfalls kann und werde ich den Bürgern Kinkel usw. das Geld nicht übergeben." Dagegen forderte er die Aktionäre auf, die provisorischen Darlehnsscheine gegen das in Kassa befindliche Geld auszulösen. Zur Niederlegung der Kassenverwaltung usw., sagt er,

"bestimmen mich politische und rechtliche Gründe ... Die Voraussetzungen, auf denen die Idee des Anleihens beruhte, sind nicht zugetroffen. Die Summe von 20.000 Dollars, nach deren Realisierung erst mit dem Anlehn vorangegangen werden sollte, ist darum nicht erreicht worden ... Der Vorschlag, eine Zeitschrift zu gründen und geistig zu agitieren, findet keinen Anklang. Nur politischer Scharlatanismus oder revolutionäre Monomanie können aber die Anleihe jetzt für ausführbar und eine allen Parteifraktionen gleich gerechte, also unpersönliche, tätig-revolutionäre Verwendung

der Gelder im Augenblicke für möglich erklären."

Gottfrieds Revolutionsglaube jedoch war nicht so leicht zu erschüttern, und er verschaffte sich zu dem Behufe einen "Beschluß", der ihm erlaubte, das Geschäft unter anderer Firma fortzuführen.

Reichenbachs Rechnungsablage enthält interessante Data.

"Für Beiträge", sagte er, "die später etwa von den Komitees
an andre als an mich
gezahlt wurden, können die Garanten nicht verantwortlich gemacht werden, worauf ich die Komitees bei der Einziehung der Scheine und bei der Abrechnung Rücksicht zu nehmen bitte."

Die
Einnahme
betrug nach seinem compte rendu <Rechenschaftsbericht> £

1.587 6 s.

4 d., wozu London £ 2 5 s. und
"Deutschland"
£ 9 beigetragen hatten. Die
Ausgabe
belief sich auf £ 584 18 s. 5 d. und wird gebildet wie folgt:
Reisekosten Kinkels
und
Hillgärtners
: £

220;
andere Reisende
: £ 54; lithographische Presse: £ 11; Anfertigung der provisorischen Scheine: £ 14;
lithographische Korrespondenz, Portos etc.
: £

106 1 s. 6 d.
Auf Anweisung von Kinkel, usw.
: £ 100.

Die Revolutionsanleihe endete in £ 1.000, die Gottfried Kinkel in der Westminster Bank als Handgeld für die erste deutsche provisorische Regierung bereithält. Und trotz alledem immer noch keine provisorische Regierung?

Deutschland glaubt vielleicht, daß es genug hat an 36 definitiven Regierungen.

Einzelne amerikanische Anlehnfonds, die der Londoner Zentralkasse nicht einverleibt wurden, fanden hie und da wenigstens eine patriotische Anwendung, so z.B. die £ 100, die Gottfried Kinkel Herrn Karl Blind im Frühjahr 1858 zur Verwandlung in "radikale Flugblätter" usw. übermachte.

7. Palmerston-Polemik

"
Council Hall, Sheffield, May 6th, 1856

Doctor,

The Sheffield Foreign Affairs Committee instruct me to convey to you an expression of their warm thanks for the great public service you have rendered by your admirable
exposé
of the Kars-Papers published in the 'People's Paper'. I have the honour, &c.

Wm. Cyples,
Secrdary

Dr. Karl Marx" '

<"
Council Hall, Sheffield, 6. Mai 1856

Herr Doktor,

Das Sheffielder Komitee für Auswärtige Angelegenheiten beauftragt mich, Ihnen seinen aufrichtigen Dank für die großen Dienste zu übermitteln, die Sie der Öffentlichkeit durch Ihr in 'People's Paper' veröffentlichtes bewundernswertes Exposé

über die auf Kars bezüglichen Dokumente geleistet haben.

Ich habe die Ehre usw.

W[illia]m Cyples,
Sekretär

Dr. Karl Marx">

8. Erklärung des
Herrn A. Scherzer

Herr
A. Scherzer
, der seit den 30er Jahren einen rühmlichen Anteil an der Arbeiterbewegung genommen, schreibt mir unter dem Datum London, 22. April 1860:

"Geehrter Bürger! Ich kann es nicht unterlassen, gegen eine Stelle, die mich unter dem scheußlichen Lügengewebe und den infamen Verleumdungen der Vogtschen Broschüre persönlich betrifft, zu protestieren. Nämlich in dem abgedruckten Dokument No. 7, 'Schweizer Handels-Courier' Nr. 150 vom 2. Juni, Beilage, heißt es: 'Wir wissen, daß gegenwärtig wieder neue Anstrengungen von London aus gemacht werden. Briefe, A. Sch... unterzeichnet, werden an Vereine und Personen von dort aus gerichtet usw.' Diese 'Briefe' scheinen die Ursache zu sein, die Herrn K. Vogt veranlassen, an einer andern Stelle seines Buchs zu schreiben: 'Im Beginn dieses Jahres (1859) schien sich indes ein neuer Boden für politische Agitation herzustellen, Augenblicklich wurde diese Gelegenheit ergriffen, um womöglich einigen Einfluß wieder zu gewinnen. Die Taktik hat sich in dieser Beziehung seit Jahren nicht geändert. Ein Komitee, von dem, wie es in dem alten Liede heißt, "niemand nichts weiß", schickt durch einen übrigens auch ganz unbekannten Präsidenten oder Schriftführer Briefe umher usw. usw. Wenn auf diese Weise das Terrain sondiert ist, so schneien einige "reisende Brüder" in das Land hinein, die sich augenblicklich mit Organisierung eines Geheimbundes beschäftigen. Der Verein selbst, auf dessen Kompromittierung es abgesehn ist, erfährt nichts von diesen Umtrieben, die eine Sonderbündelei einiger Individuen bleiben; meistens sogar ist die Korrespondenz, die im Namen des Vereins geführt wird, diesem gänzlich unbekannt, aber in den Briefen heißt es dennoch stets "unser Verein" usw., und die Reklamationen der Polizei, die später unausbleiblich erfolgen und auf abgefaßte Schriftstücke sich gründen, gehn stets auf den ganzen Verein usw.'

Warum hat Herr K. Vogt nicht
den ganzen Brief
, auf welchen er im Dokument No. 7 hindeutet,
abgedruckt
?

Warum nicht die Quelle 'sondiert', von welcher er ausging?

Es wäre ihm ein leichtes gewesen zu erfahren, daß der öffentliche
Londoner Arbeiterbildungsverein
in
öffentlicher
Sitzung ein Korrespondenzkomitee ernannte, in welches ich die Ehre hatte gewählt zu werden. Wenn Herr Vogt von unbekannten Schriftführern u.dgl. spricht, so ist es mir sehr lieb, von ihm nicht gekannt zu sein, freut mich aber sagen zu können, daß ich von Tausenden deutschen Arbeitern gekannt bin, die alle aus der Wissenschaft der Männer geschöpft haben, welche er jetzt begeifert. Die Zeiten haben sich geändert. Die Periode der geheimen Gesellschaften ist vorüber. Es ist absurd, von Geheimbund oder Sonderbündelei zu sprechen, wenn eine Sache offen in einem Arbeitervereine verhandelt ist, wo in jeder Sitzung Fremde als Besucher beiwohnen. Die von mir unterzeichneten Briefe waren in der Art abgefaßt, daß auch niemandem ein Haar hätte darum gekrümmt werden können. Es war uns deutschen Arbeitern in London nur einzig darum zu tun, die Stimmung der Arbeitervereine auf dem Kontinent kennenzulernen und eine Zeitung zu gründen, die das Interesse der arbeitenden Klasse vertrete und gegen die in fremdem Solde stehenden Federn zu Felde ziehe. Es fiel natürlich keinem deutschen Arbeiter ein, im Interesse eines Bonaparte zu handeln, wozu nur ein Vogt oder seinesgleichen fähig. Wir verabscheuen den Despotismus Östreichs sicher ernsthafter, als Herr Vogt tut, aber wir suchen seine Niederlage nicht durch den Sieg eines fremden Despoten. Jedes Volk muß sich selbst befreien.

Ist es nicht auffallend, daß grade Hr. Vogt für sich das Mittel beansprucht, welches er gegen sein Treiben gekehrt zu haben uns zum Verbrechen macht?

Wenn Hr. Vogt angibt, daß er nicht von Bonaparte bezahlt ist, sondern nur Gelder zur Gründung einer Zeitung aus demokratischen Händen empfing, und sich dadurch reinwaschen wollte, wie kann er denn trotz seiner Gelehrsamkeit so vernagelt sein, Arbeiter, die sich um das Wohl ihres Vaterlandes bekümmern und Propaganda für die Gründung einer Zeitung machen, anzuklagen und zu verdächtigen?

Mit ergebenster Hochachtung
A. Scherzer
."

9. Blinds Artikel in der "Free Press" vom 27. Mai 1859

"
The Grand Duke

Constantine to be King of Hungary

A Correspondent, who encloses his card, writes as follows: -

Sir, - Having been present at the last meeting in the Music Hall, I heard the statement made concerning the Grand Duke Constantine. I am able to give you another fact: -

So far back as last summer, Prince Jérôme-Napoleon detailed to some of his confidants at Geneva a plan of attack against Austria, and prospective rearrangement of the map of Europe. I know the name of a Swiss senator to whom he broached the subject. Prince Jérôme, at that time, declared that, according to the plan made,
Grand Duke
Constantine
was to become King of Hungary
.

I know further of attempts made, in the beginning of the present year, to win over to the Russo-Napoleonic scheme some of the exiled German Democrats, as well as some influential Liberals in Germany. Large pecuniary advantages were held out to them as a bribe. f am glad to say that these offers were rejected with indignation."

10. Briefe des Herrn Orges

"Hochgeehrtester Herr! Von Herrn Liebknecht geht mir heute die Nachricht zu, daß Sie die Güte haben wollen, uns ein gerichtliches Dokument über das Flugblatt gegen Vogt,
in bezug auf seine Entstehungsgeschichte
, freundlichst zur Disposition zu stellen. Ich bitte dringend, mir dasselbe zu überschicken, und zwar so schnell als irgend möglich, damit wir es produzieren können. Ich bitte, das Dokument gegen Schein abzusenden und alle etwaigen Unkosten uns zu berechnen. Übrigens, hochgeehrtester Herr, verkennt die liberale Partei zuweilen die 'Allgemeine Zeitung';

wir (die Redaktion) haben alle die Feuer- und Wasserprobe der politischen Überzeugungstreue bestanden. Betrachten Sie nur nicht das Werkstück, den einzelnen Artikel, sondern die

Gesamttätigkeit, dann werden Sie wohl zu der Überzeugung kommen, daß kein deutsches Blatt in solcher Weise, ohne Hast, aber auch ohne Rast, für Einheit und Freiheit, für Macht und Bildung, für geistigen und materiellen Fortschritt, für Hebung des Nationalgefühls und der Sittlichkeit im deutschen Volke strebt, daß keines mehr erreicht als wir. Sie müssen unser Tun nach unserem Wirken messen. Noch einmal auf das dringendste um freundliche Gewährung meiner Bitte nachsuchend, unterzeichne ich mit der größten Hochachtung

als Ihr ganz ergebener
Hermann Orges
.

Augsburg, 16./10."

Der zweite Brief, vom
selben
Datum, war nur ein
Extrakt
aus dem ersten, "der größern Vorsicht halber", wie Herr Orges schreibt, "ebenfalls abgesendet" und verlangt dito "die schleunigste Übersendung des uns, wie Herr Liebknecht schreibt, gütigst zur Disposition gestellten Dokuments
über den Ursprung
des bekannten Flugblatts gegen Vogt".

11. Zirkular gegen K. Blind

Von meinem vom
4.
Februar 1860 datierten englischen
Zirkular gegen Blind
gebe ich hier nur den Schluß:

"Now, before taking any further step, I want to show up the fellows who evidently have played into the hands of Vogt. I, therefore, publicly declare that the statement of Blind, Wiehe and Hollinger, according to which the anonymous pamphlet was
not
printed in Hollinger's office, 3, Litchfield Street, Soho, is a
deliberate lie
. First, Mr. Vögele, one of the compositors, formerly employed by Hollinger, will declare upon oath that the said pamphlet
was
printed in Hollinger's office, was written in the hand-writing of Mr.
Blind
, and partly composed by Hollinger himself. Secondly, it can be judicially proved that the pamphlet and the article in
'Das Volk'
have been taken off the same types. Thirdly, it will be shown that Wiehe was
not
employed by Hollinger for eleven consecutive months, and, especially, was
not
employed by him at the time of the pamphlet's publication. Lastly, witnesses may be summoned in whose presence Wiehe himself confessed having been persuaded by Hollinger to sign the
wilfully false declaration in the Augsburg Gazette
. Consequently, I again declare the above said
Charles Blind
to be a
deliberate liar. Karl Marx
."

From the London "Times", February 3rd.

"Vienna, January 30th. - The Swiss Professor Vogt pretends to know that France will procure for Switzerland Faucigny, Chablais, and the Genevese, the neutral provinces of Savoy, if the Grand Council of the Republic will let her have the free use of the Simplon."

12. Vögeles Affidavit

" I declare herewith; that the German flysheet 'Zur Warnung' (A Warning) which was afterwards reprinted in No. 7 (d.d. 18th June 1859) of 'Das Volk' (a German paper which was then published in London) and which was again reprinted in the 'Allgemeine Zeitung' of Augsburg (the Augsburg Gazette) - that this flysheet was composed partly by Mr. Fidelio Hollinger of 3, Litchfield Street, Soho, London, partly by myself, who was then employed by Mr. Fidelio Hollinger, and that the flysheet was published in Mr. F. Hollinger's Printing office, 3, Litchfield Street, Soho, London; that the manuscript of the said flysheet was in the handwriting of Mr. Charles Blind; that I saw Mr. F. Hollinger give to Mr. William Liebknecht of 14, Church Street, Soho, London, the proofsheet of the flysheet 'Zur Warnung'; that Mr. F. Hollinger hesitated at first giving the proofsheet to Mr. W. Liebknecht, and, that, when Mr. W. Liebknecht had withdrawn, he, Mr. F. Hollinger, expressed to me, and to my fellow workman J. F. Wiehe, his regret for having given the proofsheet out of his hands.

Declared at the Police Court, Bow Street, in the County of Middlesex, the eleventh day of February 1860, before me.
Th. Henry,
one of the Police Magistrates of the Metropolis.

L. S.

A. Vögele."

<"Hiermit gebe ich folgende Erklärung ab: Das deutsche Flugblatt 'Zur Warnung', das später in Nr. 7 der in London erscheinenden deutschen Zeitung 'Das Volk' vom 18. Juni 1859 abgedruckt und nochmals in der Augsburger 'Allgemeinen Zeitung' nachgedruckt wurde, ist zum Teil von Herrn Fidelio Hollinger, 3, Litchfield Street, Soho, London, und zum Teil von mir selbst in meiner damaligen Eigenschaft als Angestellter des Herrn Fidelio

Hollinger gesetzt und in der Druckerei des Herrn F. Hollinger, 3, Litchfield Street, Soho, London, verlegt worden. Des Manuskript des besagten Flugblatte war in der Handschrift des Herrn Karl Blind geschrieben. Ich habe gesehen, wie Herr F. Hollinger den Korrekturbogen des Flugblatts 'Zur Warnung' Herrn Wilhelm Liebknecht, 14, Church Street, Soho, London, übergab. Herr F. Hollinger hatte anfangs Bedenken, den Korrekturbogen Herrn W. Liebknecht auszuhändigen, und als Herr Liebknecht sich entfernt hatte, brachte er mir und meinem Arbeitskollegen J. F. Wiehe gegenüber sein Bedauern darüber zum Ausdruck, daß er den Korrekturbogen aus der Hand gegeben habe.

Diese Erklärung ist abgegeben vor dem Polizeigericht Bow Street in der Grafschaft Middlesex am elften Februar l860 vor mir, Th. Henry, einem der Polizeirichter der Hauptstadt.

L. S.

A. Vögele.">

13. Wiehes Affidavit

"One of the first days of November last - I do not recollect the exact date - in the evening between nine and ten o'clock I was taken out of bed by Mr. F. Hollinger, in whose house I then lived, and by whom I was employed as compositor. He presented to me a paper to the effect, that, during the preceding eleven months I had been continuously employed by him, and that during all that time a certain German flysheet 'Zur Warnung' (A Warning) had not been composed and printed in Mr. Hollinger's Office, 3, Litchfield Street, Soho. In my perplexed state, and not aware of the importance of the transaction, I complied with his wish, and copied, and signed the document. Mr. Hollinger promised me money, but I never received anything. During that transaction Mr. Charles Blind, as my wife informed me at the time, was waiting in Mr. Hollinger's room. A few days later, Mrs. Hollinger called me down from dinner and led me into her husband's room, where I found Mr. Charles Blind alone. He presented me the same paper which Mr. Hollinger had presented me before, and entreated me to write, and sign a second copy, as he wanted two, the one for himself, and the other for publication in the Press. He added that he would show himself grateful to me. I copied and signed again the paper.

I herewith declare the truth of the above statements and that:

1) During the 11 months mentioned in the document I was for
six
weeks
not
employed by Mr. Hollinger, but by a Mr. Ermani. 2) I did not work in Mr. Hollinger's Office just at that time when the Flysheet 'Zur Warnung' (A Warning) was published. 3) I heard at the time from Mr. Vögele, who then worked for Mr. Hollinger, that he, Vögele, had, together with Mr. Hollinger himself, composed the flysheet in question, and that the manuscript was in Mr. Blind's handwriting. 4) The types of the pamphlet were still standing when I returned to Mr. Hollinger's service. I myself broke them into columns for the reprint of the flysheet (or pamphlet) 'Zur Warnung' (A Warning) in the German paper 'Das Volk' published at London, by Mr. Fidelio Hollinger, 3, Litchfield Street, Soho. The flysheet appeared in No. 7, d.d. 18th June 1859, of 'Das Volk' (The People). 5) I saw Mr. Hollinger give to Mr. William Liebknecht of 14, Church Street, Soho, London, the proofsheet of the pamphlet 'Zur Warnung', on which proofsheet Mr. Charles Blind with his own hand had corrected four or five mistakes. Mr. Hollinger hesitated at first giving the proofsheet to Mr. Liebknecht, and when Mr. Liebknecht had withdrawn, he, F, Hollinger, expressed to me and my fellow workman Vögele his regret for having given the proofsheet out of his hands.

Declared and signed by the said Johann Friedrich Wiehe at the Police Court, Bow Street, this 8th day of February, 1860, before me
Th. Henry
, Magistrate of the said court.

L. S.

Johann Friedrich Wiehe."

14. Aus den Prozeßpapieren

"
Gouvernement Provisoire

République Française. Liberté, Égalité, Fraternité.

Au nom du Peuple Français

Paris, 1 Mars 1848

Brave et loyal Marx,

Le sol de la république française est un champ d'asyle pour tous les amis de la liberté. La tyrannie vous a banni, la France libre vous rouvre ses portes, à vous et à tous ceux qui combattent pour la cause sainte, la cause fraternelle de tous les peuples. Tout agent du gouvernement français doit interpréter sa mission dans se sens. Salut et fraternité.

Ferdinand Flocon, Membre du Gouvernement Provisoire."

<"
Provisorische Regierung

Französische Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Im Namen des französischen Volkes

Paris, 1. März 1848

<Wackerer, aufrichtiger Marx,

Der Boden der französischen Republik ist eine Freistätte für alle Freunde der Freiheit. Tyrannenmacht hat Sie verbannt, das freie Frankreich öffnet Ihnen seine Tore wieder, Ihnen und all denen, die für die heilige Sache, die brüderliche Sache aller Völker kämpfen. Alle Beamten der französischen Regierung sollen ihre Aufgabe in diesem Sinne verstehen. Mit brüderlichem Gruß!

Ferdinand Flocon, Mitglied der provisorischen Regierung">

"Bruxelles, le 19 Mai 1848

Mon cher Monsieur Marx,

J'entends avec un grand plaisir par notre ami Weerth que vous allez faire paraître a Cologne une
Nouvelle Gazette Rhénane
dont il m'a remis le prospectus. Il est bien nécessaire que cette feuille nous tienne au courant en Belgique des affaires de la démocratie allemande, car il est impossible d'en rien savoir de certain ici par la
Gazette de Cologne
, la
Gazette Universelle d'Augsbourg
et les autres gazettes aristocratiques de l'Allemagne que nous recevons à Bruxelles, non plus que par notre
Indépendance Belge
dont toutes les correspondances particulières sont con
ç
ues au point de vue des intérêts de notre aristocratie bourgeoise, M. Weerth me dit qu'il va vous joindre à Cologne pour contribuer à l'entreprise de la
Nouvelle Gazette Rhénane
: et il me promet en votre nom l'envoi de cette feuille en échange du
Débat social
que je vous enverrai de mon côté. Je ne demande pas mieux aussi que d'entretenir avec vous une correspondance sur les affaires communes à nos deux pays. Il est indispensable que les Belges et les Allemands ne restent pas trop étrangers les uns aux autres, dans l'intérêt commun des deux pays: car il se prépare en France des événements qui ne tarderont pas à mettre en jeu des questions qui toucheront les deux pays ensemble. Je reviens de Paris où j'ai passé une

dizaine de jours que j'ai employés de mon mieux a me rendre compte de la situation de cette grande capitale. Je me suis trouvé, à la fin de mon séjour, juste au milieu des affaires du 15 mai. J'assistais même à la séance où s'est passé le fait de l'irruption du peuple dans l'assemblée nationale ... Tout ce que j'ai compris, a voir l'attitude du peuple parisien et à entendre parler les principaux personnages qui sont en ce moment dans les affaires de la république française, c'est qu'on s'attend à une forte réaction de l'esprit bourgeois contre les événements de février dernier; les affaires du 15 mai précipiteront sans doute cette réaction. Or, celle-ci amènera indubitablement dans peu de temps un nouveau soulèvement du peuple ... La France devra bientôt recourir à la guerre. C'est pour ce cas-là que nous aurons à aviser, ici et chez vous, sur ce que nous aurons à faire ensemble. Si la guerre se porte d'abord vers l'Italie nous aurons du répit ... Mais si elle se porte sur-le-champ vers ce pays-ci je ne sais pas trop encore ce que nous aurons à faire, et alors nous aurons besoin du conseil des Allemands ... En attendant j'annoncerai dans le
Débat Social
de dimanche la publication prochaine de votre nouvelle feuille ... Je compte aller à Londres vers la fin du mois de juin prochain. Si vous avec

occasion d'écrire à Londres a quelques amis, veuillez les prier de m'y faire accueil. Tout à vous cordialement,

L. Jottrand, Avt."

<"Brüssel, den 19. Mai 1848

Lieber Herr Marx,

Mit großem Vergnügen erfahre ich durch unseren Freund Weerth, daß Sie in Köln eine
'Neue Rheinische Zeitung'
herausgeben wollen, deren Prospekt er mir zugesandt hat. Es ist höchst notwendig, daß dieses Blatt uns in Belgien über die Angelegenheiten der deutschen Demokratie auf dem laufenden hält, denn durch die
'Kölnische Zeitung'
, die Augsburger
'Allgemeine Zeitung'
und einige andere aristokratische deutsche Zeitungen, die wir in Brüssel erhalten, ist es ebensowenig möglich, darüber etwas Sicheres zu erfahren, als durch unsere
'Indépendance Belge'
, deren Sonderberichte alle unter dem Gesichtspunkt der Interessen unserer bürgerlichen Aristokratie abgefaßt sind. Herr Weerth teilt mir mit, daß er nach Köln gehen wird, um sich mit Ihnen zu vereinigen zwecks Mitwirkung an der
'Neuen Rheinischen Zeitung'
; er hat mir in Ihrem Namen versprochen, mir dieses Blatt im Austausch gegen den
'Débat social'

zu schicken, den ich meinerseits Ihnen zusenden werde. Es entspricht völlig meinen Wünschen, mit Ihnen über die Angelegenheiten, die unseren beiden Ländern gemeinsam sind, zu korrespondieren. Es ist im gemeinsamen Interesse der beiden Länder unbedingt notwendig, daß Belgier und Deutsche sich nicht allzu fremd bleiben, denn in Frankreich bereiten sich Ereignisse vor, die binnen kurzem auch Fragen aufrollen werden, die unsere beiden Länder zusammen berühren. Ich komme eben von Paris, wo ich zehn Tage verbracht habe, die ich nach besten Kräften dazu verwendet habe, mir über die Lage dieser Weltstadt klarzuwerden. Am Ende meines Aufenthalts geriet ich mitten in die Vorgänge vom 15. Mai hinein. Ich wohnte selbst der Sitzung der Nationalversammlung bei, in die das Volk eindrang ... Soviel ich beim Betrachten der Haltung der Pariser Bevölkerung und beim Hören der Reden der im Augenblick maßgebenden Staatsmänner der französischen Republik verstanden habe, erwartet man, eine heftige Reaktion der bürgerlichen Stimmungen auf die Ereignisse des letzten Februar; die Vorgänge vom 15. Mai werden diese Reaktion zweifellos beschleunigen. Das wird aber unzweifelhaft binnen kurzem zu einer neuen Volkserhebung führen ... Frankreich muß bald zu einem Krieg seine Zuflucht nehmen. Wir müssen deshalb hier und bei Ihnen daheim darauf bedacht sein, was wir in diesem Falle gemeinsam zu tun hätten. Wenn sich der Krieg zuerst gegen Italien richtet, werden wir einen Aufschub haben; ... wenn er sich aber sofort gegen unser Land wendet, weiß ich noch nicht, was wir tun sollen, und dann brauchen wir Rat von den Deutschen ... Mittlerweile werde ich im
'Débat social'
vom Sonntag das demnächstige Erscheinen Ihres neuen Blattes ankündigen ... Ich beabsichtige, gegen Ende Juni nach London zu reisen. Sollten Sie Gelegenheit haben, einigen Freunden nach London zu schreiben, dann haben Sie die Güte, sie zu bitten, mich gut aufzunehmen.

Von Herzen ganz der Ihre

L. Jottrand, Advokat">

"Bruxelles, 10 Fevr., 1860

Mon cher Marx,

N'ayant pas de vos nouvelles, depuis très longtemps, j'ai reçu votre dernière avec la plus vive satisfaction. Voua vous plaignez du retard des choses, et du peu d'empressement de ma part de vous répondre à la question que vous m'aviez faite. Que faire: l'âge ralentit la plume; j'espère cependant que vous trouverez mes avis et mon sentiment toujours les mêmes. Je vois que votre dernière est tracée a la dictée par la main de votre secrétaire intime, de votre adorable moitié: or Madame Marx ne cesse de se rappeler du vieux hermite de Bruxelles. Qu'elle daigne recevoir avec bonté mes salutations respectueuses.

Conservez-moi, cher confrère, dans vos amitiés. Salut et fraternité.

Lelewel."

<"Brüssel, 10. Februar 1860

Mein lieber Marx,

Nachdem ich von Ihnen seit sehr langer Zeit nichts gehört hatte, empfing ich Ihr letztes Schreiben mit größter Befriedigung. Sie beklagen sich über die Verzögerung der Dinge und geringen Eifer meinerseits, Ihnen die Frage zu beantworten, die Sie mir gestellt haben. Was soll man machen: Das Alter läßt die Feder langsamer werden; ich hoffe jedoch, daß Sie meine Ansichten und mein Empfinden für stets unverändert halten werden. Ich sehe, daß Ihr letztes Schreiben nach Ihrem Diktat von der Hand Ihres Geheimsekretärs, Ihrer liebenswürdigen Gemahlin, geschrieben ist; also Frau Marx erinnert sich immer wieder des alten Brüsseler Einsiedlers. Wollen Sie ihr bitte meine ergebensten Grüße übermitteln.

Bewahren Sie mir, lieber Kollege, auch ferner Ihre Freundschaft. Mit brüderlichem Gruß

Lelewel.">

"5, Cambridge Place, Kensington, London,

Feb. 11th, 1860

My dear Marx, I have read a series of infamous articles against you in the
National-Zeitung
and am utterly astonished at the falsehood and malignity of the writer. I really feel it duty that every one who is acquainted with you, should, however unnecessary such a testimony must be, pay a tribute to the worth, honour and disinterestedness of your character. It becomes doubly incumbent in me to do so, when I recollect how many articles you contributed to my little magazine, the 'Notes to the People', and subsequently to the

'People's Paper', for a series of years, utterly gratuitously; articles which were of such high value to the people's cause, and of such great benefit to the paper. Permit me to hope that you will severely punish your dastardly and unmanly libeller.

Believe me, my dear Marx, most sincerely, yours,

Ernest Jones

Dr. Karl Marx"

<"5, Cambridge Place, Kensington, London,

11, Februar 1860

Mein lieber Marx, ich habe eine Reihe unerhört frecher Artikel gegen Sie in der
'National-Zeitung'
gelesen und bin aufs tiefste betroffen von der Verlogenheit und Gehässigkeit des Verfassers. Ich habe wirklich das Empfinden, daß jeder Ihrer Bekannten verpflichtet ist, so wenig ein solches Zeugnis auch notwendig

sein sollte, Ihrem würdigen, ehrenhaften und uneigennützigen Charakter seinen Tribut zu zollen. Ich fühle mich dazu doppelt verpflichtet, wenn ich mir vergegenwärtige, wie viele Artikel für meine kleine Zeitschrift 'Notes to the People' und weiterhin für 'People's Paper' Sie während einer Reihe von Jahren vollständig unentgeltlich beigesteuert haben; Artikel, die von so hohem Wert für die Sache des Volkes und von so großem Nutzen für das Blatt waren. Gestatten Sie mir, die Hoffnung auszusprechen, daß Sie den feigen und unmännlichen Verfasser dieser Schmähartikel ohne Nachsicht züchtigen werden.

Genehmigen Sie, mein lieber Marx, den Ausdruck der aufrichtigen Ergebenheit Ihres

Ernest Jones

Herrn Dr. Karl Marx">

"Tribune Office, New York, March 8th, 1860

My dear Sir,

In reply to your request I am very happy to state the facts of your connection with various publications in the United States concerning which I have had a personal knowledge. Nearly nine years ago I engaged you to write for the
New York

Tribune, and the engagement has been continued ever since. You have written for us constantly, without a single weeks' interruption, that I can remember; and you are not only one of the most highly valued, but one of the best paid contributors attached to the journal. The only fault I have had to find with you has been that you have occasionally exhibited too German a tone of feeling for an American newspaper. This has been the case with reference both to Russia and France. In questions relating to both, Czarism and Bonapartism, I have sometimes thought that you manifested too much interest and too great anxiety for the unity and independence of Germany. This was more striking perhaps in connection with the late Italian war than on any other occasion. In that I agreed perfectly with you:
sympathy with the Italian people
. I had as little confidence as you in the sincerity of the French Emperor, and believed as little as you that
Italian liberty
was to be expected from him; but I did not think that Germany had any such ground for alarm as you, in common with other patriotic Germans, thought she had.

I must add that in all your writings which have passed through my hands, you have always manifested the most cordial interest in the welfare and progress of the labouring classes; and that you have written much with direct reference to that end.

I have also at various times within the past five or six years been the medium through which contributions of yours have been furnished to
Putnam's Monthly
, a literary magazine of high character; and also to the
New American Cyclopædia
, of which I am also an editor, and for which you have furnished some very important articles.

If any other explanations are needed I shall be happy to furnish them. Meanwhile I remain, yours very faithfully,

Charles A. Dana, Managing Editor of the
N. Y. Tribune

Dr. Charles Marx"

<"Verlagsbüro der 'Tribune', New York, 8. März 1860

Sehr geehrter Herr,

In Beantwortung Ihrer Anfrage stelle ich mit großem Vergnügen fest, in welcher Verbindung Sie zu verschiedenen Veröffentlichungen in den Vereinigten Staaten standen, von denen ich persönlich Kenntnis habe. Vor fest neun Jahren verpflichtete ich Sie, für die
'New York

Tribune' zu schreiben, und diese Beschäftigung hat seither ununterbrochen fortgedauert. Soweit ich mich entsinnen kann, haben Sie ständig, ohne eine Woche Unterbrechung. für uns geschrieben. Und Sie sind nicht nur einer der höchstgeschatzten, sondern auch einer der bestbezahlten ständigen Mitarbeiter unseres Blattes. Das einzige, was ich en Ihnen aussetzen mußte, war, daß Sie gelegentlich eine für eine amerikanische Zeitung zu stark betonte Note deutschen Empfindens an den Tag gelegt haben. Das ist in bezug auf Rußland und Frankreich der Fall gewesen. In Fragen, die den Zarismus wie den Bonapartismus betreffen, war ich zuweilen der Meinung, daß Sie zu viel Interesse und zu große Besorgnis für die Einheit und Unabhängigkeit Deutschlands bekundeten. Im Zusammenhang mit dem kürzlichen Krieg in Italien trat das vielleicht noch mehr in Erscheinung als bei anderen Gelegenheiten. In der
Sympathie mit dem italienischen Volk

war ich mit Ihnen allerdings vollständig einig. Ich hatte ebensowenig Vertrauen wie Sie in die Aufrichtigkeit des französischen Kaisers und glaubte ebensowenig wie Sie, daß von ihm die
Befreiung Italiens
erwartet werden dürfe; ich dachte aber nicht, daß für Deutschland derart Grund zur Beunruhigung bestehe, wie Sie, gemeinsam mit anderen deutschen Patrioten, angenommen haben.

Ich muß hinzufügen, daß Sie in allen Ihren Artikeln, die durch meine Hand gegangen sind, immer das lebhafteste Interesse für das Wohlergehen und den Fortschritt der Arbeiterklasse bekundet haben und daß Sie sehr viel geschrieben haben mit direkter Beziehung auf dieses Ziel.

Im Laufe der letzten fünf oder sechs Jahre habe ich auch zu verschiedener Zeit die Lieferung von Beiträgen durch Sie für
'Putnam's Monthly'
, eine literarische Zeitschrift von hohem Niveau, vermittelt, ebenso für die
'New

American Cyclopædia', deren Herausgeber ich gleichfalls bin und für die Sie einige sehr wichtige Artikel geliefert haben. Wenn Sie noch weitere Erklärungen benötigen, stehe ich Ihnen gern damit zur Verfügung. Inzwischen verbleibe ich Ihr sehr ergebener

Charles A. Dana, stellvertr. Chefredakteur der
'New-York

Tribune'.

Herrn Dr. Karl Marx.">

15. Dentu-Pamphlets

Ich habe gezeigt, daß die Dentu-Pamphlets die Quelle sind, woraus der deutsche Dâ-Dâ seine Weisheit über die Weltgeschichte im allgemeinen

und
"Napoleons heilsame Politik"
im besondren schöpft. Die
"heilsame Politik

Napoleons"
ist eine Phrase aus einem neulichen Leitartikel des "Demokraten"
F. Zabel
. Was die
Franzosen selbst
über diese Pamphlets denken und wissen, ersehe man aus folgendem Auszug aus dem Pariser Wochenblatt
"Courrier du Dimanche" Nr. 42, 14. Oktober 1860.
.

"Pour ce qui regarde le moment actuel, prenez dix brochures au hasard, et vous reconnaîtrez que neuf au moins ont été

pensées, élaborées, écrites ... par qui?

par des romanciers de profession, par des chansonniers, par des vaudevillistes, par des sacristains!

Parle-t-on dans les gazettes de mystérieuses entrevues entre les puissances du Nord, de la Sainte-Alliance qui ressuscite? Vite voilà un faiseur agréable de couplets assez littéraires, et même (jadis) passablement libéraux, qui court chez l'inévitable
M. Dentu
et lui apporte sous ce titre ronflant: La coalition, une longue et fade paraphrase des articles de M. Grandguillot. L'alliance anglaise semble déplaire parfois a M. Limayrac?

Vite, un M. Châtelet, chevalier de l'ordre de Grégoire le Grand, et qui doit être sacristain quelque part, si j'en crois son style, publie ou republie un long et ridicule factum:
Crimes et délits de l'Angleterre contre la France
. Déjà l'auteur du
Compère Guillery
(Edmond About) avait jugé à propos de nous édifier sur les arcanes politiques de la monarchie prussienne, et avait donné du haut de ses chutes théâtrales, des conseils de prudence aux chambres de Berlin. On annonce que M. Clairville va prochainement élucider la question de l'isthme de Panama, si fort embrouillée par M. Belly; et sans doute quelques jours après la conférence royale du 21 Octobre, on verra paraître a toutes les vitrines de nos libraires une splendide brochure rose qui portera ce titre;
Mémoire sur l'entrevue de Varsovie par le
corps
de ballet de l'Opéra.

Cette invasion, en apparence inexplicable, des questions politiques par les
dii minores
de la littérature, se rattache à bien des causes. Nous en citerons ici une seule, mais qui est la plus immédiate et la plus incontestable.

Dans le marasme presque universel d'esprit et de cœur, ces messieurs, qui font le triste métier d'amuseurs publics, ne savent plus par quel moyen secouer et réveiller leurs lecteurs. Les vieilles gaîtés de leurs refrains et de leurs anecdotes leur reviennent sans cesse. Eux-mêmes se sentent aussi mornes, aussi tristes, aussi ennuyés que ceux qu'ils entreprennent de dérider. Voilà pourquoi à bout de ressources, ils se sont mis, en désespoir de cause, à écrire les uns des mémoires de courtisanes, les autres des brochures diplomatiques.

Puis, un beau matin, un aventurier de la plume, qui n'a jamais fait a la politique le sacrifice d'une heure sérieuse d'étude, qui n'a pas même au cœur le semblant d'une conviction, quelle qu'elle soit, se lève et se dit: 'J'ai besoin de frapper un grand coup! Voyons! que ferai-je pour attirer sur moi l'attention générale qui me fuit d'instinct? Écrirai-je un opuscule sur la question Léotard ou sur la question d'Orient? Révélerai-je au monde surpris le secret de boudoirs ou je n'entrai jamais, ou celui de la politique russe qui m'est plus étrange encore?

Dois-je m'attendrir en prose voltairienne sur
les femmes éclaboussées
ou en prose évangélique sur les malheureuses populations maronites

traquées, dépouillées, massacrées

par le fanatisme mahométan? Lancerai-je une apologie de mademoiselle Rigolboche ou un plaidoyer en faveur du pouvoir temporel? Décidément, j'opte pour la politique. J'amuserai encore mieux mon public avec les rois et les empereurs, qu'avec les lorettes.' Cela dit, notre surnuméraire de la littérature bohème compulse le
Moniteur,
hante quelques jours les colonnades de la Bourse, rend visite à quelques fonctionnaires et sait enfin de quel côte souffle le vent de la curiosité à la ville, ou celui de la faveur à la cour; il choisit alors un titre que ce vent puisse enfler d'une façon suffisante et se repose content sur les lauriers. Aussi bien son œuvre est faite désormais; car aujourd'hui, en matière de brochure, il n'y a que deux choses qui comptent, le titre et les relations que l'on suppose entre l'écrivain et 'de hauts personnages'.

Est-il nécessaire de dire, après cela, ce que valent les brochures qui nous inondent? Ramassez un jour tout ce que vous avez de courage, tâchez de les lire jusqu'au bout et vous serez effrayés de l'ignorance inouïe, de la légèreté intolérable, voire même de l'amoindrissement de sens moral qu'elles décèlent dans leurs auteurs. Et je ne parle pas ici des plus mauvaises ... Et chaque année nous courbe plus bas, chaque année voit apparaître un nouveau signe de décadence intellectuelle, chaque année ajoute une honte littéraire nouvelle a celles dont il nous faut déjà rougir. De telle sorte que les plus optimistes se prennent quelquefois à douter de demain, et se demandent avec angoisse: Sortirons-nous de là?"

<"Was den gegenwärtigen Augenblick anbelangt, nehme man aufs Geratewohl zehn Broschüren, und man wird erkennen, daß mindestens neun davon erdacht, ausgearbeitet, niedergeschrieben sind ... von wem?

von berufsmäßigen Romanschriftstellern, von Chansonniers, von Lustspieldichtern, von Kirchendienern.

Spricht man in den Zeitungen von geheimnisvollen Zusammenkünften unter den Mächten des Nordens, von der Heiligen Allianz, die wiederersteht?

Schon findet sich eiligst ein liebenswürdiger Verfertiger ziemlich literarischer und selbst (einstmals) leidlich liberaler Liedchen, der zu dem unvermeidlichen
Herrn Dentu
läuft und ihm unter dem hochtrabenden Titel 'Die Koalition' eine weitschweifige, fade Wiedergabe der Artikel des Herrn Grandguillot liefert. Das Bündnis mit England scheint Herrn Limayrac zuweilen zu mißfallen? Schnell publiziert oder publiziert von neuem ein Herr Châtelet, Ritter des Ordens von Gregor dem Großen, der seinem Stil nach zu schließen irgendwo Kirchendiener sein muß, eine lange, lächerliche Geschichte
'Verbrechen und Missetaten Englands gegen Frankreich'
. Schon der Verfasser des
'Compère Guillery'
(Edmond About)

hat für gut befunden, uns mit den politischen Geheimnissen der preußischen Monarchie zu erbauen, und hat den Berliner Kammern, von der Höhe seiner Durchfälle im Theater herab, lebenskluge Ratschläge erteilt. Man kündigt an, daß Herr Clairville demnächst die Frage der Meerenge von Panama aufklären wird, die von Herrn Belly so stark verwirrt worden ist; und zweifellos wird man einige Tage nach der Fürstenzusammenkunft vom 21. Oktober in den Schaufenstern aller unserer Buchläden eine prächtige rosa Broschüre auftauchen sehen, die den Titel trägt:
'Denkschrift über die Warschauer Zusammenkunft mit dem Ballettkorps der Oper.'

Dieses dem Anschein nach unerklärliche Eindringen der
kleineren Gottheiten
der Literatur in die Fragen der Politik hängt mit vielen Ursachen zusammen. Wir wollen hier nur eine einzige anführen, die jedoch die handgreiflichste und unbestreitbarste ist.

Bei dem fast in der ganzen Welt zu beobachtenden Verfall des Geistes und des Herzens wissen diese Herren, die das traurige Gewerbe öffentlicher Possenreißer betreiben, nicht mehr, wie sie ihre Leser ermuntern und wachrütteln sollen. Die alten Späße ihrer Kehrreime und Anekdoten geben sie immer wieder zum besten. Sie selbst sind in ebenso trübseliger, so trauriger, so gelangweilter Stimmung wie die Leute, die sie aufzuheitern suchen. Und gerade weil sie am Ende ihrer Mittel sind, haben sie sich aus lauter Verzweiflung darangemacht, die einen, die Erinnerungen von Kurtisanen, die andern, diplomatische Broschüren zu schreiben.

Dann, eines schönen Morgens, erhebt sich ein Abenteurer der Feder, der der Politik niemals auch nur eine Stunde ernsthaften Studiums gewidmet, der nie auch nur die geringste Spur irgendeiner inneren Überzeugung gehabt hat, und sagt sich: 'Ich muß zu einem großen Schlag ausholen! Sehen wir einmal zu! Was läßt sich tun, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich zu lenken, das instinktiv nichts von mir wissen will? Soll ich einen Artikel über den Fall Léotard oder über die orientalische Frage schreiben?

Soll ich der überraschten Welt die Geheimnisse von Frauengemächern enthüllen, zu denen ich niemals Zutritt gehabt habe, oder die Geheimnisse der russischen Politik, die mir noch fremder sind?

Soll ich in Voltaireschem Stile in Rührung über
gefallene Frauen
zerfließen oder im Stile des Evangeliums über die unglückliche maronitische Bevölkerung, die durch mohammedanischen Fanatismus gehetzt, ausgeplündert, hingemordet wurde?

Soll ich ein Loblied auf Fräulein Rigolboche singen oder ein Plädoyer zugunsten der weltlichen Macht halten?

Jetzt weiß ich's, ich entscheide mich für die Politik. Ich werde meinem Publikum mit Königen und Kaisern noch mehr Spaß bereiten als mit lockeren Damen. Als er dies gesagt hat, wälzt unser Supernumerarius der Bohemeliteratur den
'Moniteur'
, treibt sich ein paar Tage in den Säulengängen der Börse umher, besucht einige Beamte und weiß zum Schluß, von welcher Seite der Wind weht, worauf man in der Stadt neugierig ist oder was man bei Hofe gern hört: er wählt dann eine Überschrift, in der genügend von diesem Wind eingefangen ist, und ruht zufrieden auf seinen Lorbeeren aus. Jetzt hat er schon alles Nötige geleistet; denn heutzutage zählen bei Broschüren nur zwei Dinge: der Titel und die Beziehungen, die man zwischen dem Verfasser und 'hohen Persönlichkeiten' vermutet.

Muß man hiernach noch ausdrücklich sagen, was die Broschüren wert sind, mit denen der Markt überschwemmt wird? Man nehme eines Tages seinen ganzen Mut zusammen, bemühe sich, sie bis zu Ende zu lesen, und man wird entsetzt sein über die unerhörte Unwissenheit, die unerträgliche Leichtfertigkeit, ja die geradezu minderwertige Moral, die diese Autoren verraten. Und dabei spreche ich hier nicht von den schlechtesten ... Und jedes Jahr wird das Niveau niedriger, jedes Jahr enthüllt neue Anzeichen geistigen Verfalls, jedes Jahr fügt einen neuen literarischen Schandfleck denen hinzu, über die wir bereits erröten müssen, derart, daß die größten Optimisten manchmal von Zweifeln an der nächsten Zukunft befallen werden und sich angstvoll fragen: Wird es einen Ausweg hieraus geben?">

Ich habe oben die Phrase
"die heilsame Politik

Napoleons"
aus der
"National-Zeitung"
zitiert. Sonderbarerweise schreibt der Pariser Korrespondent des
"Manchester Guardian"
- in ganz England anerkannt wegen seiner meist genauen Information - folgendes Kuriosum unter:

"Paris, November 8. ... Louis-Napoleon spends his gold in vain in supporting such newspapers as the
'National-Zeitung'
." (Louis-Napoleon vergeudet sein Geld umsonst in der Unterstützung solcher Zeitungen wie der
"National-Zeitung"
.) (
"Manchester Guardian"
vom 12. Nov. 1860.)

Indessen glaube ich, daß der sonst wohlunterrichtete Korrespondent des
"Manchester Guardian"
sich diesmal irrt. F. Zabel soll nämlich ins bonapartistische Lager übergelaufen sein, um zu beweisen, daß er
nicht von Östreich gekauft
ist. Wenigstens wurde mir so aus Berlin berichtet, und paßt das in die -
Dunciade
.

16. Nachtrag

a) K. Vogt und "La Cimentaire"

Während des Drucks dieser letzten Bogen fiel mir das
Oktoberheft
(1860) der
"Stimmen der Zeit"
zufällig in die Hand.
A. Kolatschek
, früher Herausgeber des Organs der flüchtigen Parlamentler, die
"Deutsche Monatsschrift"
, und so gewissermaßen der literarische Vorgesetzte des "flüchtigen Reichsregenten", erzählt p. 37 folgendes von seinem
Freunde Karl Vogt
:

"Die Genfer Aktiengesellschaft 'La Cimentaire', zu deren
Direktion
niemand anders gehörte als Herr
Karl Vogt
selbst, wurde 1857 gegründet, und 1858 hatten die Aktionäre keinen Kreuzer mehr, und der Staatsanwalt steckte sofort einen der Direktoren unter der Anklage des Betrugs ins Loch. Herr Vogt war im Augenblick der Verhaftung grade in Bern, er kam eiligst zurück, der Verhaftete wurde losgelassen, der Prozeß unterdrückt, 'um keinen Skandal zu machen', die Aktionäre aber verloren alles. Nach solchem Beispiel kann man aber wohl nicht grade behaupten, daß in Genf der Schutz des Eigentums sehr groß sei, und der Irrtum des Herrn
Karl Vogt
in dieser Beziehung ist um so seltsamer, als er, wie gesagt,
Mitdirektor der besagten Gesellschaft
war und man selbst in Frankreich bei ähnlichen Prozessen die Schuldigen selbst unter den Direktoren aufsucht, ins Zuchthaus steckt und mit ihrem Vermögen die Zivilansprüche der Aktionäre deckt."

Man vergleiche hiermit, was J. Ph. Becker in seinem Briefe (Abschnitt X) über das Bankereignis sagt, das Herrn
James Fazy
in die Arme des Dezember trieb. Dergleichen Details tragen viel zur Lösung des Rätsels bei, wie "Napoléon le Petit" der größte Mann seiner Zeit wurde. "Napoléon le Petit" selbst hatte bekanntlich zu wählen zwischen coup d'état und - Clichy.

b) Kossuth

Der nachfolgende Auszug aus einem Memorandum über eine Unterhaltung mit
Kossuth
beweist schlagend, wie genau Kossuth weiß, daß
Rußland
Ungarns Hauptgefahr ist. Das Memorandum rührt von einem der berühmtesten radikalen Mitglieder des jetzigen House of Commons <Unterhauses> her.

"
Memorandum of a conversation with M. Kossuth on the evening of May 30th. 1854,
at ...

... A return to strict legality in Hungary (said he, viz.
Kossuth)
might renew the union of Hungary and Austria,
and would prevent Russia from finding any partisan in Hungary
. He (Kossuth) would not offer any opposition to a return to legality. He would advise his countrymen to accept with good faith such a restauration, if it could be obtained, and would pledge himself not in any way to be an obstacle to such an arrangement. He would not himself return to Hungary. He would not put himself forward such a course of Austria as he had no belief in Austria's return to legality, except under pressure of dire necessity. He gave me authority to say, such were his sentiments, and if appealed to, he should avow them, though he could not commit himself to any proposal, as he should not expect Austria to abandon her traditional scheme of centralisation till forced to do so ... He would have consented in 1848 to Hungarian troops being sent to resist attacks of the Piedmontese (Herr Kossuth ging 1848 viel weiter, indem er die Sendung ungarischer Truppen gegen die italienischen 'Rebellen' durch eine heftige Rede im Reichstag zu Pest durchsetzte), but would not employ them to coerce Austrian Italy, as he would not consent to foreign troops in Hungary."

<"
Denkschrift über ein Gespräch mit Herrn Kossuth am 30. Mai I854 abends zu
...

... Die Rückkehr zu strikter Legalität in Ungarn (sagte er, d.h. Kossuth) könnte die Union zwischen Ungarn und Österreich wiederherstellen
und würde Rußland daran hindern, in Ungarn Anhänger zu finden.
Er (Kossuth) würde gegen die Rückkehr zur Legalität keine Opposition machen. Er würde seinen Landsleuten raten, eine solche Restauration, falls sie erreichbar sein sollte, vertrauensvoll hinzunehmen, und er bürge dafür, daß er einer solchen Regelung keinerlei Hindernisse bereiten würde. Er selbst werde nicht nach Ungarn zurückkehren. Er werde von sich aus auch nicht ein solches Vorgehen Österreichs fördern, denn er glaube nicht an Österreichs Rückkehr zur Legalität, es sei denn unter dem Druck der harten Notwendigkeit. Er ermächtigte mich zu erklären, daß dies seine Auffassung sei, und wenn man ihn dazu auffordere, werde er sich zu ihr bekennen, obwohl er sich zu keinem Vorschlag entschließen könne, denn er erwarte nicht, daß Österreich seine herkömmlichen Zentralisierungsabsichten aufgebe, wenn es nicht dazu gezwungen werde ... Im Jahre 1848 würde er sich mit der Entsendung ungarischer Truppen zur Abwehr des Angriffs der Piemontesen einverstanden erklärt haben (...), aber er wolle sie nicht zur Niederwerfung von Österreichisch-Italien verwendet sehen, wie er dem Erscheinen ausländischer Truppen in Ungarn nicht zustimmen würde.">

Die mythenbildende Kraft der Volksphantasie hat sich zu allen Zeiten in der Erfindung "großer Männer" bewährt. Das schlagendste Beispiel dieser Art ist unstreitig
Simon Bolivar
. Was
Kossuth
angeht, so wird er z.B. gefeiert als der Mann, der den Feudalismus in Ungarn abschaffte. Dennoch ist er an den drei großen Maßregeln - allgemeine Besteurung, Aufhebung der feudalbäuerlichen Lasten und unentgeltliche Beseitigung des Kirchenzehnten - durchaus unschuldig. Die Motion für
allgemeine Besteurung
(der

Adel war früher eximiert) wurde vom
Szemere
gestellt; die Motion für Aufhebung des Robots usw. durch
Bonis
, Szabolczer Deputierten, und die Geistlichkeit selbst durch das Organ des Deputierten und Domherrn Jekelfalussy verzichtete freiwillig auf den Zehnten.

c) Edmond Abouts "La Prusse en 1860"

Am Schluß von Abschnitt VIII spreche ich die Ansicht aus, daß
E. Abouts
Pamphlet
"La Prusse en 1860"
oder, wie es ursprünglich hieß,
"Napoleon III et la Prusse"
ein ins Französische rückübersetzter Auszug aus Dâ-Dâ Vogts verdeutschter Kompilation der Dentu-Pamphlets sei. Das einzige Bedenken, das sich dieser Ansicht entgegenstellte, war des durchgefallenen Komödienschreibers E. About gänzliche Unkenntnis der deutschen Sprache. Indes, warum sollte der
compère
<Gevatter>
Guillery
nicht eine
commère allemande
<deutsche Gevatterin> zu Paris aufgetrieben haben?

Wer diese
commère
sei, blieb ein Gegenstand der Konjekturalkritik.
"La Prusse en 1860"
wurde bekanntlich als Vademecum zu Louis Bonapartes Reise nach Baden-Baden veröffentlicht, sollte sein Anliegen beim Prinzregenten bevorworten und Preußen klarmachen, daß, wie die Schlußworte des Pamphlets sagen, Preußen in dem 2. Dezember einen "allié très utile" besitze, "qui est peut-être appelé à lui (Preußen) rendre de grands services,
pourvu qu'elle s'y prête un peu
". <"sehr nützlichen Verbündeten" besitze, "der vielleicht dazu berufen ist, ihm (Preußen) große Dienste zu leisten, unter der Voraussetzung,
daß es ein wenig entgegenkommt"
.> Daß das
"pourvu qu'elle s'y prête un peu"
zu deutsch hieß: "unter der Voraussetzung, daß Preußen die Rheinprovinz an Frankreich verkauft", hatte E. About französisch (siehe oben Abschnitt IX, Agentur) bereits im Frühling 1860 durch die "Opinion nationale" verraten. Unter diesen erschwerenden Umständen durfte ich auf bloße Vermutung hin keine Person als den deutschen Souffleur des durchgefallenen Komödienschreibers und Dentu-Pamphletisten E. About namentlich bezeichnen. Jetzt jedoch bin ich zur Erklärung berechtigt, daß des compère Guillery deutsche commère niemand anders ist als Vogts sanfte Kunigunde -
Herr Ludwig Simon von Trier
. Das ahnte wohl kaum der deutsche Flüchtling <S. L. Borkheim> in London, der die bekannte Antwort auf Abouts Pamphlet schrieb!