London, 30. September 1859

In einem früheren Artikel behauptete ich, daß der Peiho-Konflikt kein unbeabsichtigter Zwischenfall sei, sondern daß ihn umgekehrt Lord Elgin

von langer Hand vorbereitet habe, wobei er nach geheimen Instruktionen Palmerstons handelte und Lord Malmesbury, dem Außenminister der Tories, das Projekt des edlen Viscount, der zu dieser Zeit Führer der Opposition war, anhängte. Zunächst einmal sind die Mutmaßungen, daß die "Zwischenfälle" in China auf Grund von "Instruktionen" des jetzigen britischen Premierministers entstehen, so wenig neu, daß sie schon während der Debatten über den Lorcha-Krieg von einer so gut unterrichteten Persönlichkeit wie Disraeli im Unterhaus angedeutet und merkwürdigerweise von keinem Geringeren als Lord Palmerston selbst bestätigt wurden. Am 3. Februar 1857 warnte Herr Disraeli das Unterhaus mit folgenden Worten:

"Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Vorfälle in China nicht auf den angeführten Vorwand zurückzuführen sind, sondern tatsächlich auf vor geraumer Zeit aus
England erhaltenen Instruktionen
. Sollte das der Fall sein, so ist meiner Ansicht nach der Zeitpunkt eingetreten, da das Haus seiner Pflicht nicht mehr genügt, wenn es nicht ernsthaft überlegt, ob es nicht Mittel besitzt, die Kontrolle über eine Politik auszuüben, deren Beibehaltung meiner Meinung nach für die Interessen unseres Landes verhängnisvoll wäre."

Und Lord Palmerston erwiderte gelassen:

"Der sehr ehrenwerte Gentleman sagt, der Verlauf der Ereignisse scheine das Ergebnis
einer von der englischen Regierung vorher

festgelegten Politik
zu sein. Das ist zweifellos richtig."

Im vorliegenden Falle wird bereits eine flüchtige Durchsicht des Blaubuchs "Correspondence relating to the Earl of Elgin's special missions to China and Japan, 1857-59" zeigen, daß der Vorfall, der sich am 25. Juni am Peiho zutrug, von Lord Elgin bereits am 2. März vermerkt war. Auf Seite 484 dieser Korrespondenz finden wir die beiden folgenden Depeschen:

"
Earl of Elgin an Konteradmiral Sir Michael Seymour

'Furious', 2. März 1859

Sir, mit Bezugnahme auf meine Depesche vom 17. v.M. an Ew. Exzellenz möchte ich mir die Feststellung erlauben, daß ich gewisse Hoffnungen hege, die von der Regierung Ihrer Majestät getroffene Entscheidung in der Angelegenheit des ständigen Aufenthalts eines britischen gesandten in Peking, von der ich Ew. Exzellenz gestern in einer Unterredung Mitteilung machte, könnte die chinesische Regierung dazu bewegen, den Vertreter Ihrer Majestät in geziemender Weise zu empfangen, wenn er sich zum Austausch der Ratifikationen des Vertrags von Tientsin nach Peking begibt. Indessen ist es zweifellos möglich, daß sich diese Hoffnung nicht erfüllt; auf jeden Fall

nehme ich an,
die Regierung Ihrer Majestät wird wünschen
, daß der Gesandte von einer
achtunggebietenden Streitmacht
begleitet wird,
wenn er sich nach Tientsin begibt
. Unter diesen Umständen gestatte ich mir, der Erwägung Ew. Exzellenz anheimzustellen, ob es nicht ratsam wäre, sobald sich eine Möglichkeit bietet, in Schanghai ein
ausreichen
des Kanonenbootgeschwader
für dieses Unternehmen
zu konzentrieren, da Herrn Bruces Ankunft in China wohl bald zu erwarten ist.

Ich habe usw.

Elgin and Kincardine"

"
Earl of Malmesbury an Earl of Elgin

Außenministerium, 2. Mai 1859

Mylord, ich habe die Depesche Ew. Exzellenz vom 7. März 1859 erhalten und bin beauftragt, Sie davon zu unterrichten, daß die Regierung Ihrer Majestät die von Ihnen in einer Abschrift beigefügte Note billigt, in der Ew. Exzellenz den kaiserlichen Bevollmächtigten erklärte, die Regierung Ihrer Majestät würde nicht darauf bestehen, daß Peking für den ständigen Aufenthalt des Gesandten Ihrer Majestät vorgesehen wird.

Die Regierung Ihrer Majestät billigt auch
Ihren Vorschlag
an Konteradmiral Seymour, ein Kanonenbootgeschwader vor Schanghai zusammenzuziehen, um Herrn Bruce
den Peiho aufwärts
zu begleiten.

Ich verbleibe usw.

Malmesbury"

Lord Elgin weiß also schon vorher, daß die britische Regierung "wünschen wird, eine achtunggebietende Streitmacht" von "Kanonenbooten" solle seinen Bruder, Herrn Bruce, den Peiho aufwärts begleiten, und er befiehlt Admiral Seymour, alles "für dieses Unternehmen" vorzubereiten. Der Earl of Malmesbury billigt in seiner Depesche vom 2. Mai den Vorschlag, den Lord Elgin dem Admiral nahegelegt hat. Die ganze Korrespondenz zeigt Lord Elgin als den Herrn und Lord Malmesbury als den Lakaien. Während jener ständig die Initiative ergreift und nach den ursprünglich von Palmerston erhaltenen Instruktionen handelt, ohne auch nur auf neue Instruktionen au der Downing Street zu warten, gibt sich Lord Malmesbury damit zufrieden, "den Wünschen" nachzukommen, die ihm sein anmaßender Untergebener in den Mund legt. Er nickt zustimmend, wenn Elgin feststellt, sie hätten kein Recht, chinesische Flüsse zu befahren, da der Vertrag noch nicht ratifiziert sei; er nickt zustimmend, wenn Elgin meint, sie sollten bei der Ausführung des im Vertrag enthaltenen Artikels über die Gesandtschaft in Peking den Chinesen gegenüber große Nachsicht walten lassen; und ohne Zögern nickt er zustimmend, wenn Elgin, in direktem Widerspruch zu seinen eigenen früheren Feststellungen, das

Recht beansprucht, mit Hilfe eines "achtunggebietenden Kanonenbootgeschwaders" die Fahrt den Peiho aufwärts zu erzwingen. Er nickt ebenso zustimmend wie Dogberry zu den Ausführungen des Schreibers.

Die traurige Figur, die der Earl of Malmesbury abgibt, und seine unterwürfige Haltung sind leicht zu verstehen, wenn man sich an das Geschrei erinnert, das die Londoner "Times" und andere einflußreiche Zeitungen beim Amtsantritt des Tory-Kabinetts über die große Gefahr erhoben, die den glänzenden Erfolg in China bedrohe, den Lord Elgin unter Palmerstons Anleitung schon fast gesichert hätte, den aber die Tory-Regierung - wenn auch nur aus Trotz und um ihr Tadelsvotum anläßlich Palmerstons Bombardement von Kanton zu rechtfertigen - wahrscheinlich vereiteln würde. Malmesbury ließ sich durch dieses Geschrei einschüchtern. Überdies hatte er das Schicksal des Lord Ellenborough vor Augen und im Herzen, der es gewagt hatte, sich der Indienpolitik des edlen Viscount <Palmerston> offen zu widersetzen, und der zum Lohn für seinen patriotischen Mut von seinen eigenen Kollegen im Kabinett Derby geopfert worden war. Infolgedessen überließ Malmesbury die ganze Initiative Lord Elgin und setzte letzteren damit in den Stand, Palmerstons Plan auszuführen, während die Tories, dessen offizielle Gegner, die Verantwortung dafür trugen. Eben dieser Umstand hat die Tories gegenwärtig vor die unglückselige Alternative gestellt, entscheiden zu müssen, welcher Kurs in der Peiho-Affäre eingeschlagen werden soll. Entweder müssen sie mit Palmerston die Kriegstrommel rühren und ihn so im Amt halten, oder sie müssen Malmesbury, den sie während des letzten italienischen Krieges mit solch widerlichen Schmeicheleien überhäuften, den Rücken kehren.

Diese Alternative ist um so peinlicher, als der drohende dritte Krieg mit China in britischen Handelskreisen alles andere als populär ist. Im Jahre 1857 bestiegen sie den britischen Löwen, da sie von einer gewaltsamen Öffnung des chinesischen Marktes große Handelsprofite erhofften. Jetzt sind sie umgekehrt recht erbost darüber, daß alle Früchte des Vertrags plötzlich ihrem Zugriff entzogen werden. Sie wissen, daß die Lage in Europa und Indien, auch ohne weitere Komplikationen durch einen chinesischen Krieg großen Ausmaßes, schon bedrohlich genug aussieht. Sie haben nicht vergessen, daß 1857 die Einfuhren an Tee, dem Artikel, der fast ausschließlich aus Kanton, dem damals einzigen Kriegsschauplatz, exportiert wurde, um mehr als 24 Millionen Pfund fielen, und sie befürchten, daß diese Unterbrechung des Handels durch den Krieg jetzt auf Schanghai und

auf andere Handelshäfen des Reichs des Himmels übergreifen könnte. Nach dem ersten chinesischen Krieg, den die Engländer im Interesse des Opiumschmuggels unternommen hatten, und einem zweiten Krieg, der zu Verteidigung der Lorcha eines Piraten geführt wurde, fehlte zur Krönung des Ganzen nur noch ein zu dem Zweck improvisierter Krieg, China die Plage ständiger Gesandtschaften in seiner Hauptstadt aufzubürden.