London, 20. September 1859

Daß es einen neuen Krieg im Namen der Zivilisation gegen die "Himmlischen" geben wird, scheint nunmehr für die englische Presse im allgemeinen eine ausgemachte Sache zu sein. Dennoch haben seit der Sitzung des Kabinetts am vergangenen Sonnabend gerade jene Zeitungen, die am meisten nach Blut geschrien hatten, ihren Ton merklich geändert. Zuerst

wetterte die Londoner "Times" offensichtlich in einem Rausch patriotischer Begeisterung, gegen den zwiefachen Verrat, begangen einerseits von feigen Mongolen, die diesen bonhomme <Biedermann> von einem britischen Admiral <James Hope> in eine Falle lockten, indem sie ihre Stellungen und ihre Kanonen geflissentlich tarnten, andererseits vom Pekinger Hof, der mit noch verworfenerem Machiavellismus jene mongolischen Ungeheuer zu ihrem verruchten Schabernack angestiftet hatte. Es ist merkwürdig, daß die "Times", obwohl aufgewühlt von den Wogen der Leidenschaft, es fertigbrachte, in ihrer Veröffentlichung der Originalberichte alle Stellen zu streichen, die für die bereits verurteilten Chinesen sprechen. Dinge zu verwechseln, kann das Werk der Leidenschaft sein, aber sie zu verstümmeln, scheint eher das Werk kühlen Verstandes. Wie dem auch sein mag, am 16. September, genau einen Tag vor der Kabinettssitzung, riß die "Times" das Steuer herum und hieb ohne viel Aufhebens ihrer janusköpfigen Beschuldigung den einen Kopf ab.

"
Wir fürchten
", schrieb sie" daß wir die
Mongolen.,
die unserem Angriff auf die Forts am Peiho Widerstand entgegensetzten, nicht des Verrats bezichtigen können";

aber dann, um dieses unangenehme Zugeständnis wettzumachen, klammerte sie sich um so verzweifelter an "die willkürliche und perfide Vergewaltigung eines feierlichen Vertrags durch den
Hof von Peking
".

Drei Tage darauf, nachdem Kabinettssitzung stattgefunden hatte, fand die "Times" nach weiteren Erwägungen

"
keinen Grund, daran zu zweifeln
, daß, wenn die Herren Bruce und de Bourboulon die Mandarine ersucht hätten, sie nach Peking zu geleiten, es ihnen gestattet worden wäre, die Ratifikation des Vertrag vorzunehmen".

Was bleibt da noch vom Verrat des Pekinger Hofes übrig? Nicht einmal ein Schatten. Aber statt dessen hat die "Times" noch zwei Bedenken.

"Es ist", sagt sie, "doch wohl
zweifelhaft
, ob es als
militärische
Maßnahme klug war, mit einem solchen Geschwader zu versuchen, nach Peking zu gelangen. Es ist noch
zweifelhafter
, ob es als
diplomatische
Maßnahme wünschenswert war, überhaupt Gewalt anzuwenden."

Das ist nun das jämmerliche Ende des ganzen Entrüstungssturms, zu dem sich das "führende Organ" hat hinreißen lassen. Doch mit der ihr eigenen Logik laßt die "Times" die Gründe für den Krieg fallen, ohne den Krieg selbst fallenzulassen. Ein anderes offiziöses Regierungsblatt, der "Economist", der sich durch seine leidenschaftliche Rechtfertigung des Kantoner Bombardements auszeichnete, scheint jetzt, da Herr J. Wilson

zum Schatzkanzler für Indien ernannt worden ist, eine mehr ökonomische und weniger rhetorische Haltung zu den Dingen zu beziehen. Der "Economist" bringt zu dem Thema zwei Artikel, einen politischen und einen wirtschaftlichen. Der erstere schließt mit folgenden Sätzen:

"Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände ist es offensichtlich, daß der Artikel des Vertrags, der unserem Gesandten das Recht einräumte, Peking zu besuchen oder dort zu residieren, der chinesischen Regierung buchstäblich
aufgezwungen
worden war; sollte man aber der Meinung sein, daß die Einhaltung dieser Bestimmung für unsere Interessen absolut notwendig sei, so glauben wir, daß es durchaus möglich gewesen wäre, Rücksicht und Geduld walten zu lassen, als man auf ihrer Durchführung beharrte. Man könnte zweifellos anführen, daß von solch einer Regierung wie der chinesischen Aufschub und Geduld als Zeichen ernster Schwäche aufgefaßt würden, und dies daher die schädlichste Politik sei, die wir verfolgen könnten. Aber wie weit sind wir berechtigt, auf Grund dieses Arguments von den Prinzipien, an die wir uns zweifellos gegenüber jeder zivilisierten Nation halten würden, bei der Behandlung dieser orientalischen Regierungen abzuweichen? Wenn wir ihnen auf Grund ihrer Furcht eine unangenehme Konzession entwunden haben, so mag es vielleicht die konsequenteste Politik sein, ihnen ebenfalls auf Grund ihrer Furcht die sofortige Erfüllung des Vertrags in der uns günstigsten Art zu erzwingen. Wenn wir das aber nicht fertigbringen, wenn in der Zwischenzeit die Chinesen ihre Furcht überwinden und mit einer gehörigen Demonstration ihrer Stärke darauf bestehen, daß wir mit ihnen über die Art und Weise beraten, wie unser Vertrag wirksam zu machen ist - können wir sie dann gerechterweise des Verrats bezichtigen? Praktizieren sie eigentlich nicht an uns unsere eigenen Methoden der Überzeugung? Die chinesische Regierung mag beabsichtigt haben - und höchstwahrscheinlich ist es so -, uns in diese mörderische Falle zu locken, und vielleicht niemals vorgehabt haben, den Vertrag zu erfüllen. Sollte sich das herausstellen, so müssen und sollen wir Wiedergutmachung fordern. Aber es könnte sich auch herausstellen, daß die Absicht, die Mündung des Peiho zu verteidigen, um es nicht erneut zu einem solchen gewaltsamen Eindringen wie im vorigen Jahr durch Lord Elgin kommen zu lassen, keineswegs von dem Wunsch begleitet war, die allgemeinen Artikel des Vertrags zu verletzen. Da die Feindseligkeiten ausschließlich von unserer Seite ausgingen und unsere Befehlshaber natürlich jederzeit in der Lage waren, sich aus dem mörderischen Feuer zurückzuziehen, das lediglich zur Verteidigung der Forts eröffnet wurde, so können wir den Chinesen nicht mit Bestimmtheit die Absicht nachweisen, den Vertrag zu verletzen. Solange wir für die vorsätzliche Absicht zum Vertragsbruch keine Beweise in Händen halten, haben wir unserer Meinung nach guten Grund, mit unserem Urteil zurückzuhalten, und sollten überlegen, ob wir nicht bei der Behandlung von Barbaren Prinzipien anwandten, die sich von den gegen uns angewandten kaum unterscheiden."

In einem zweiten Artikel zum gleichen Thema verweilt der "Economist" bei der direkten und indirekten Bedeutung des englischen China-Handels.

Im Jahre 1858 waren die britischen Exporte nach China auf 2.876.000 Pfd.St. angestiegen, während der Wert der britischen Importe aus China in jedem der letzten drei Jahre durchschnittlich über 9 Millionen Pfd.St. betragen hatte, so daß der gesamte direkte Handel Englands mit China auf ungefähr 12 Millionen Pfd.St. veranschlagt werden kann. Aber außer diesen direkten Handelsbeziehungen gibt es noch drei andere wichtige Handelsverbindungen, mit denen England in der Austauschsphäre mehr oder weniger eng verbunden ist, und zwar den Handel zwischen Indien und China, den Handel zwischen China und Australien und den Handel zwischen China und den Vereinigten Staaten.

"Australien", schreibt der "Economist", bezieht jährlich von China große Mengen Tee und hat nichts im Austausch anzubieten, wofür sich in China ein Markt fände. Auch Amerika bezieht große Mengen Tee und etwas Seide zu einem Wert, der den Wert seiner direkten Exporte nach China weit übersteigt."

Diese beiden Bilanzen zugunsten Chinas müssen von England wieder geglichen werden, das für diese Regulierung des Austauschs mit dem Golde Australiens und der Baumwolle der Vereinigten Staaten bezahlt wird. England muß daher, unabhängig von seinem Schuldensaldo gegenüber China, diesem Lande auch große Summen für das aus Australien importierte Gold und für die Baumwolle aus Amerika zahlen. Nun wird dieser Saldo, den England, Australien und die Vereinigten Staaten China schulden, von China zu einem großen Teil auf Indien übertragen zur Begleichung des Betrags, den China Indien für Opium und Baumwolle schuldet. Es sei en passant bemerkt, daß die Importe Indiens aus China bisher noch niemals den Betrag von 1 Million Pfd.St. erreicht haben, während die Exporte Indiens nach China fast 10 Millionen Pfd.St. einbringen. Aus diesen ökonomischen Beobachtungen zieht der "Economist" die Schlußfolgerung, daß jede ernsthafte Unterbrechung des britischen Handels mit China "eine Kalamität von größerer Tragweite wäre, als die bloßen Export- und Importzahlen es auf den ersten Blick vermuten lassen", und daß die Schwierigkeit infolge einer solchen Störung nicht nur im britischen Tee- und Seidenhandel fühlbar würde, sondern auch die britische Transaktionen mit Australien und den Vereinigten Staaten "beeinträchtigen" müßte. Der "Economist" ist sich natürlich der Tatsache bewußt daß während des letzten chinesischen Krieges dem Handel nicht so übel mitgespielt wurde, wie man befürchtet hatte, und daß er im Hafen von Schanghai überhaupt nicht beeinträchtigt worden war. Aber dann weist der "Economist" auf "zwei neue Merkmale der augenblicklichen Auseinandersetzung" hin, die die

Auswirkungen eines neuen chinesischen Krieges auf den Handel wesentlich modifizieren könnten. Diese beiden neuen Merkmale seien der "gesamtchinesische" und nicht "lokale" Charakter des bestehenden Konflikts und der "außergewöhnliche Erfolg ", den die Chinesen zum erstenmal über europäische Streitkräfte errungen hätten.

Wie grundverschieden ist doch diese Sprache von dem fröhlichen Kriegsgeschrei, das der "Economist" in der Zeit der Lorcha-Affäre anstimmte!

Wie ich in meinem letzten Brief bereits ankündigte, brachte Herr Milner Gibson in der Kabinettssitzung seinen Protest gegen den Krieg und seine Drohung vor, aus dem Kabinett auszutreten, sollte Palmerston entsprechend seinem vorgefaßten Entschluß handeln, den der französische "Moniteur" ausgeplaudert hatte. Im Moment verhinderte Palmerston jegliche Spaltung des Kabinetts und der liberalen Koalition durch die Erklärung, daß die für den Schutz des britischen Handels unentbehrlichen Streitkräfte in den chinesischen Gewässern zusammengezogen werden sollten, während vor dem Eintreffen ausführlicherer Berichte des britischen Gesandten kein Beschluß in der Kriegsfrage gefaßt werden sollte. Somit wurde die brennende Frage hinausgeschoben. Palmerstons wirkliche Absicht jedoch kann man zwischen den Zeilen seines Revolverblattes "The Daily Telegraph" entdecken, das in einer seiner letzten Nummern schreibt:

"Sollte irgendein Ereignis im Verlaufe des nächsten Jahres zu einer für die Regierung ungünstigen Abstimmung führen, so wird man sicherlich an die Wählerschaft appellieren ... Das Unterhaus wird das Ergebnis seiner Tätigkeit an dem Entscheid über die chinesische Frage prüfen, da zu den professionell Böswilligen unter Führung des Herrn Disraeli noch die Kosmopoliten gezählt werden müssen, welche erklären, die Mongolen seien vollkommen im Recht."

Ich werde vielleicht noch Gelegenheit finden, über die Klemme zu berichten, in der die Tories stecken, weil sie sich verleiten ließen, für Ereignisse verantwortlich zu zeichnen, die Palmerston geplant und zwei seiner Werkzeuge, Lord Elgin und Herr Bruce (Lord Elgins Bruder), ausgeführt hatten.