London, 16. September 1859

Für morgen ist eine Kabinettssitzung anberaumt, um den Kurs zu beschließen, der hinsichtlich der chinesischen Katastrophe eingeschlagen werden soll. Die Elaborate des französischen "Moniteur" und der Londoner "Times" lassen keinen Zweifel an der Art der Beschlüsse, zu denen Palmerston und Bonaparte gelangt sind. Sie wollen einen neuen chinesischen Krieg. Nach Informationen, die mir aus authentischer Quelle zugegangen sind, wird Herr Milner Gibson in der bevorstehenden Kabinettssitzung zuerst die Stichhaltigkeit der für einen Krieg ins Feld geführten Argumente anfechten und zweitens gegen jede Kriegserklärung protestieren, die nicht vorher beide Häusern des Parlaments gebilligt worden ist. Sollte seine Auffassung durch Stimmenmehrheit abgelehnt werden, so wird er aus dem Kabinett austreten und damit wiederum das Signal zu einem neuen heftigen Angriff gegen die Regierung Palmerstons geben und zur Sprengung der liberalen Koalition, die seinerzeit den Sturz des Kabinetts Derby herbeigeführt hatte. Palmerston soll etwas nervös sein wegen des beabsichtigten Vorgehens von Herrn Milner Gibson, des einzigen seiner Kollegen, den er fürchtet und den er wiederholt als einen Menschen bezeichnet hat, der es besonders gut verstehe, "einem etwas am Zeuge zu flicken". Möglicherweise werden Sie gleichzeitig mit diesem Brief aus Liverpool die Nachrichten über die Ergebnisse der Kabinettssitzung erhalten. Inzwischen kann man sich über den wahren Sachverhalt der fraglichen Angelegenheit am besten ein Urteil bilden, nicht auf Grund des veröffentlichten Materials, sondern auf Grund dessen, was die Palmerston-Organe bei ihrer ersten Veröffentlichung der mit der letzten Überlandpost eingetroffenen Nachrichten absichtlich verschwiegen haben.

Zunächst einmal verschwiegen sie die Meldung, daß der russische Vortrag bereits ratifiziert war und daß der Kaiser von China seine Mandarine angewiesen hatte, die amerikanischen Gesandten zu empfangen und in die Hauptstadt zu geleiten, um die ratifizierten Exemplare des Vortrages mit Amerika auszutauschen. Diese Tatsachen wurden mit der Absicht verschwiegen, den notwendig aufkommenden Verdacht zu entkräften, daß die englischen und französischen Gesandten und nicht der Pekinger Hof für die Schwierigkeiten verantwortlich seien, die sich ihnen bei der Erfüllung ihrer Mission in den Weg stellten und denen weder ihre russischen noch ihre amerikanischen Kollegen begegneten. Der andere, noch wichtigere Umstand, den die "Times" und die anderen Palmerston-Organe anfänglich verschwiegen hatten, ist die jetzt von ihnen offen zugegebene Tatsache, daß die chinesischen Behörden ihre Bereitschaft erklärt hatten, die englischen und französischen Gesandten nach Peking zu geleiten, daß sie tatsächlich bereit standen, sie an einer der Flußmündungen zu empfangen, und ihnen eine Eskorte anboten, wenn sie sich nur bereit erklären wollten, ihre Schiffe und Truppen zurückzulassen. Da nun der Vertrag von Tientsin keine Klausel enthält, die den Engländern und Franzosen das Recht zubilligt, mit einem Geschwader von Kriegsschiffen den Peiho aufwärts zu fahren, ist es offensichtlich, daß nicht die Chinesen, sondern die Engländer den Vertrag verletzt haben und daß die letzteren von vornherein entschlossen waren, kurz vor dem Zeitpunkt, der für den Austausch der ratifizierten Urkunden festgesetzt war, einen Streit vom Zaun zu brechen. Niemand wird auf die Idee kommen, daß der ehrenwerte Herr Bruce auf eigene Verantwortung handelte, als er auf diese Weise das vorgebliche Ziel des letzten chinesischen Krieges vereitelte; er führte im Gegenteil lediglich geheime Instruktionen aus London aus. Es stimmt zwar, daß Herr Bruce nicht von Palmerston, sondern von Derby entsandt worden war; aber in diesem Zusammenhang brauche ich doch nur daran zu erinnern, daß während der ersten Amtsperiode Sir Robert Peels, als Lord Aberdeen Außenminister war, Sir Henry Bulwer, der englische Gesandte in Madrid, einen Streit mit dem spanischen Hof vom Zaun brach, der seine Ausweisung aus Spanien zur Folge hatte, und daß im Verlauf der Debatten im Oberhaus über dieses "unliebsame Vorkommnis" bewiesen wurde, daß Bulwer, anstatt die offiziellen Instruktionen Aberdeens zu befolgen, nach den Geheiminstruktionen Palmerstons gehandelt hatte, der damals der Opposition angehörte.

Außerdem hat die Palmerston-Presse in diesen Tagen ein Manöver vollführt, das zumindest für diejenigen, die mit der Geschichte der englischen Geheimdiplomatie der letzten dreißig Jahre vertraut sind, keinen

Zweifel daran läßt, wer der wirkliche Urheber der Peiho-Katastrophe und des bevorstehenden dritten englisch-chinesischen Krieges ist. Die "Times" deutet an, daß die in den Taku-Forts aufgestellten Kanonen, die eine solche Verheerung unter dem britischen Geschwader angerichtet hatten, russischen Ursprungs waren und von russischen Offizieren befehligt wurden. Ein anderes Palmerston-Organ wird noch deutlicher. Ich zitiere:

"Wir sehen jetzt, wie eng die Politik Rußlands mit der Politik Pekings verflochten ist; wir entdecken große Bewegungen am Amur; wir beobachten die Operationen großer Kosakenarmeen weit über den Baikalsee hinaus in dem froststarren Traumland an den dämmrigen Grenzen der Alten Welt; wir verfolgen die Spuren zahlloser Karawanen; wir beobachten, wie ein russischer Sonderbeauftragter (General Murawjow, Gouverneur von Ostsibirien) mit geheimen Plänen aus dem fernen Ostsibirien nach der unzugänglichen chinesischen Hauptstadt unterwegs ist; und die öffentliche Meinung hierzulande kann sehr wohl bei dem Gedanken in Wallung geraten, daß ausländische Einflüsse mitschuldig sind an unserer Schmach und denn Tod unsere Soldaten und Matrosen."

Das ist ein alter Trick von Lord Palmerston. Als Rußland einen Handelsvertrag mit China abschließen wollte, trieb er China durch den Opiumkrieg seinem nördlichen Nachbarn in die Arme; als Rußland die Abtretung des Amur verlangte, brachte er dies durch den zweiten chinesischen Krieg. zuwege und jetzt, da Rußland seinen Einfluß in Peking festigen will, improvisiert er den dritten chinesischen Krieg. In all seinen Handlunge gegenüber den schwachen asiatischen Staaten, wie China, Persien, Zentralasien und der Türkei, verfuhr er stets und ständig nach der Regel, Rußlands Plänen scheinbar entgegen zu handeln, indem er nicht mit Rußland, sondern mit dem betreffenden asiatischen Staat einen Streit vom Zaun brach, um ihn dann durch räuberische Überfälle England zu entfremden und auf diesem Umweg zu den Konzessionen zu drängen, die er Rußland zu gewähren vorher nicht gewillt war. Sicherlich wird bei dieser Gelegenheit die gesamte bisherige Asienpolitik Palmerstons erneut überprüft werden, und ich verweise besonders auf die afghanischen Dokumente, deren Veröffentlichung das Unterhaus am 8. Juni 1859 angeordnet hatte. Sie werfen mehr Licht auf Palmerstons unheilvolle Politik und auf die Geschichte der Diplomatie in den letzten dreißig Jahren als alle bis dahin veröffentlichte Dokumente. Kurz gesagt geht es hier um folgendes: 1838 begann Palmerston gegen Dost Muhammad, den Herrscher von Kabul, einen Krieg, der zur Vernichtung einer englischen Armee führte und der unter dem Vorwand begonnen worden war, Dost Muhammad sei mit Persien und Rußland ein geheimes Bündnis gegen England eingegangen. Als Beweis für

diese Behauptung legte Palmerston 1839 dem Parlament ein Blaubuch vor, dessen Hauptinhalt die Korrespondenz des britischen Gesandten in Kabul, Sir A. Burnes, mit der Regierung in Kalkutta bildete. Burnes wurde in Kabul während eines Aufstandes gegen die britischen Eindringlinge ermordet, hatte aber aus Mißtrauen gegen den britischen Außenminister seinem Bruder in London, Dr. Burnes, Kopien einiger seiner offiziellen Briefe geschickt. Nach der von Palmerston besorgten Veröffentlichung der "Afghanischen Dokumente" im Jahre 1839 beschuldigte Dr. Burnes Palmerston, "die Korrespondenz des verstorbenen Sir A. Burnes verstümmelt und verfälscht" zu haben, und zur Bekräftigung seiner Behauptung ließ er einige der echten Schriftstücke drucken. Aber erst im vergangenen Sommer kam die Wahrheit ans Licht. Unter dem Kabinett Derby ordnete das Unterhaus auf Antrag von Herrn Hadfield an, alle afghanischen Dokumente vollinhaltlich zu veröffentlichen, und diese Anordnung wurde in einer Form ausgeführt, die auch dem Einfältigsten die Richtigkeit der Beschuldigung, die Dokumente seien
im Interesse Rußlands
verstümmelt und verfälscht worden, vor Augen führte. Auf der Titelseite des Blaubuchs steht folgendes:

"Zur Beachtung: Die Korrespondenz, die in früheren Ausgaben nur auszugsweise wiedergegeben wurde, wird hier vollinhaltlich veröffentlicht. Die ausgelassenen Stellen sind durch Klammern {} kenntlich gemacht."

Der Name des Beamten, der für die wahrheitsgetreue Wiedergabe bürgt, ist "J. W. Kaye, Sekretär der Abteilungen für politische und vertrauliche Angelegenheiten", der als der "zuverlässige Geschichtsschreiber des Krieges in Afghanistan" gilt.

Ein Beispiel mag vorläufig genügen, um die wirklichen Beziehungen Palmerstons zu Rußland zu veranschaulichen, gegen das er den afghanischen Krieg inszeniert haben will. Der russische Sonderbeauftragte Witkewitsch, der 1837 in Kabul eintraf, überbrachte Dost Muhammad einen Brief des Zaren. Sir Alexander Burnes gelangte in den Besitz einer Kopie des Briefes und schickte sie an Lord Auckland, den Generalgouverneur von Indien. In seinen eigenen Depeschen und in mehreren Dokumenten, die er beifügte, wird auf diese Tatsache immer und immer wieder hingewiesen. Aber die Kopie des Zarenbriefs war in den Dokumenten, die Palmerston 1839 vorlegte, völlig unterschlagen worden, und in jedem Schriftstück, das darauf Bezug nahm, wurden die notwendigen Änderungen vorgenommen, um die Tatsache zu vertuschen, daß der "Kaiser von Rußland" mit der Mission nach Kabul im Zusammenhang stand. Diese Fälschung wurde begangen,

um das Beweisstück für die Verbindung des Selbstherrschers mit Witkewitsch zu unterschlagen, den nach seiner Rückkunft nach Petersburg formell zu desavouieren Nikolaus für angebracht hielt. So findet man zum Beispiel auf Seite 82 des Blaubuchs die Übersetzung eines Briefes an Dost Muhammad, der jetzt folgendermaßen lautet, wobei die Worte, die Palmerston ursprünglich unterschlagen hatte, in Klammern gesetzt sind:

"Ein Abgesandter {des Zaren} von Rußland kam {aus Moskau} nach Teheran und war beauftragt worden, dem Sirdar von Kandahar <Kohal Dil Chan> seine Aufwartung zu machen und sich von dort zur Audienz beim Emir zu begeben. Er ist der Überbringer von {vertraulichen Botschaften vom Kaiser und von} Briefen des russischen Botschafters in Teheran. Der russische Botschafter empfiehlt den Mann als höchst vertrauenswürdig; er habe unbedingte Vollmacht, Verhandlungen {im Namen des Kaisers und des Botschafters} zu führen, usw., usw."

Diese und ähnliche Fälschungen, die Palmerston beging, um die Ehre des Zaren zu schützen, sind nicht das einzige Kuriosum, das durch die "Afghanischen Dokumente" enthüllt wird. Den Einfall in Afghanistan rechtfertigte Palmerston mit der Begründung, daß Sir Alexander Burnes ihn als ein geeignetes Mittel empfohlen hätte, um russische Intrigen in Zentralasien zu vereiteln. Sir A. Burnes hatte aber das gerade Gegenteil getan; und deshalb wurden in Palmerstons Ausgabe des "Blaubuchs" alle seine Einsprüche zugunsten Dost Muhammads verschwiegen und der Inhalt der Korrespondenz mit Hilfe von Verstümmlungen und Fälschungen in sein direktes Gegenteil verkehrt. Das ist also der Mann, der jetzt im Begriff ist, unter dem fadenscheinigen Vorwand, die russischen Pläne in jenem Gebiet vereiteln zu wollen, einen dritten chinesischen Krieg zu beginnen.