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Berlin 1983.

Teil 2

[Bastiat

und

Carey
]

Bastiat. Harmonies Économiques.
2 édit.

Paris. 1851.

Avantpropos

Die Geschichte der modernen politischen Ökonomie endet
mit Ricardo und Sismondi, Gegensätze, von denen der eine englisch, der andre
französisch spricht – ganz wie sie am Ende des 17. Jahrhunderts beginnt mit
Petty und Boisguillebert. Die spätere politischökonomische Literatur verläuft
sich entweder in eklektische, synkretistische Kompendien, wie z.B. das Werk von
J. St. Mill, oder in tiefere Ausarbeitung einzelner Zweige, wie z.B. Tookes
„History of Prices“ und im allgemeinen die neueren englischen Schriften über
Zirkulation – der einzige Zweig, worin wirklich neue Entdeckungen gemacht
worden sind, da die Schriften über Kolonisation, Grundeigentum (in seinen
verschiednen Formen), Population usw. eigentlich nur durch größere stoffliche
Fülle sich vor den ältern auszeichnen – oder Reproduktion alter ökonomischer
Streitfragen für ein ausgedehnteres Publikum und die praktische Lösung von
Tagesfragen, wie die Schriften über free trade

und protection

– oder endlich in tendenziöse Zuspitzungen der
klassischen Richtungen, ein Verhältnis, worin z.B. Chalmers zu Malthus und
Gülich

zu Sismondi stehn und in
gewisser Hinsicht MacCulloch und Senior in ihren ältren Schriften zu Ricardo.
Es ist durchaus eine Epigonenliteratur, Reproduktion, größere Ausbildung der
Form, breitere Aneignung des Stoffs, Pointierung, Popularisierung, Zusammenfassung,
Ausarbeitung der Details, Mangel an springenden und entscheidenden
Entwicklungsphasen, Aufnehmen des Inventariums auf der einen Seite, Zuwachs im
einzelnen auf der

andren.

Ausnahme machen scheinbar nur die Schriften von Carey,
dem Yankee, und Bastiat, dem Franzosen, von denen der letztre gesteht, daß er
sich auf den erstren stützt. Beide begreifen, daß der Gegensatz gegen die
politische Ökonomie – Sozialismus und Kommunismus – seine theoretische
Voraussetzung in den Werken der klassischen Ökonomie selbst findet, speziell in

Ricardo,
der als ihr vollendetster und letzter Ausdruck betrachtet werden muß. Beide
finden es daher nötig, den theoretischen Ausdruck, den die bürgerliche
Gesellschaft in der modernen Ökonomie geschichtlich gewonnen hat, als
Mißverständnis anzugreifen und die Harmonie der Produktionsverhältnisse da zu
beweisen, wo die klassischen Ökonomen naiv ihren Antagonismus zeichneten. Die

durchaus verschiedne, selbst
widersprechende nationale Umgebung, aus der heraus beide schreiben, treibt sie
nichtsdestoweniger zu denselben

Bestrebungen.

Carey ist der einzige originelle
Ökonom der Nordamerikaner. Einem Land gehörig, wo die bürgerliche Gesellschaft
nicht auf der Grundlage des Feudalwesens sich entwickelt, sondern von sich
selbst begonnen hat; wo sie nicht als das überlebende Resultat einer
jahrhundertalten Bewegung erscheint, sondern als der Ausgangspunkt einer neuen
Bewegung; wo der Staat, im Unterschied von allen frühren nationalen
Gestaltungen, von vornherein der bürgerlichen Gesellschaft, deren Produktion
untergeordnet war und nie die Prätention eines Selbstzwecks machen konnte; wo
endlich die bürgerliche Gesellschaft selbst, die Produktivkräfte einer alten
Welt mit dem ungeheuren Naturterrain einer neuen verbindend, sich in bisher
unbekannten Dimensionen und unbekannter Freiheit der Bewegung entwickelt, alle
bisherige Arbeit in
Überwältigung
der Naturkräfte weit überflügelt hat und wo endlich die Gegensätze der
bürgerlichen Gesellschaft selbst nur als verschwindende Momente erscheinen. Daß
die Produktionsverhältnisse, in denen diese ungeheure neue Welt so rasch, so
überraschend und glücklich sich entwickelt hat, von Carey als die ewigen
Normalverhältnisse gesellschaftlicher Produktion und Verkehrs betrachtet
werden, in Europa, speziell England, was für ihn eigentlich Europa ist, nur
gehemmt und beeinträchtigt durch die übermachten Schranken der Feudalperiode,
daß ihm diese Verhältnisse von den englischen Ökonomen nur verzerrt und
verfälscht angeschaut, wiedergegeben, oder verallgemeinert erscheinen, indem
sie zufällige Verkehrungen derselben mit ihrem immanenten Charakter verwechselten
– was natürlicher? Amerikanische Verhältnisse gegen englische: Darauf reduziert
sich seine Kritik der englischen Theorie vom Grundeigentum, Salair, Population,
Klassengegensätzen usw. Die bürgerliche Gesellschaft existiert nicht rein,
nicht ihrem Begriff entsprechend, nicht sich selbst adäquat in England. Wie
sollten die Begriffe der englischen Ökonomen von der bürgerlichen Gesellschaft
der wahre, ungetrübte Ausdruck einer Realität sein, die sie nicht kannten? Die
störende Einwirkung traditioneller, nicht aus dem Schoß der bürgerlichen
Gesellschaft selbst hervorgewachsner Einflüsse auf ihre
natürlichen
Verhältnisse
reduziert sich in letzter Instanz für Carey im Einfluß des Staats auf die

bürgerliche Gesellschaft, in seinen Übergriffen und Eingriffen. Das Salair z.B.
wächst naturgemäß mit der Produktivität der Arbeit. Finden wir die Realität
diesem Gesetz nicht entsprechend, so haben wir nur, sei es in Hindostan oder
England, die Einflüsse der Regierung zu abstrahieren, Steuern, Monopole etc.
Die bürgerlichen Verhältnisse an sich selbst betrachtet, d.h. nach Abzug der
Staatseinflüsse, werden in der Tat immer die harmonischen Gesetze der
bürgerlichen Ökonomie bestätigen. Inwiefern diese Staatseinflüsse, public debt,

taxes

etc. selbst aus den
bürgerlichen Verhältnissen hervorwachsen und daher in England z.B. keineswegs
als Resultate des
Feudalismus,
sondern vielmehr seiner Auflösung und Überwältigung erscheinen und in
Nordamerika selbst die Macht der Zentralregierung mit der Zentralisation des
Kapitals wächst –, untersucht Carey natürlich nicht. Während so Carey den
englischen Ökonomen gegenüber die höhere Potenz der bürgerlichen Gesellschaft
in Nordamerika geltend macht, macht Bastiat
den
französischen Sozialisten gegenüber die niedre Potenz der bürgerlichen
Gesellschaft in Frankreich geltend. Ihr glaubt gegen die Gesetze der
bürgerlichen Gesellschaft zu revoltieren in einem Lande, wo diesen Gesetzen nie
erlaubt war, sich zu realisieren! Ihr kennt sie nur in der verkümmerten
französischen Form und betrachtet als immanente Form derselben, was nur ihre
nationale französische Verzerrung ist. Seht nach England herüber. Hierzuland
gilt es, die bürgerliche Gesellschaft von den Fesseln, die ihr der Staat
anlegt, zu befreien. Ihr wollt diese Fesseln vermehren. Arbeitet erst die
bürgerlichen Verhältnisse rein heraus, und dann wollen wir uns wieder sprechen.
(Bastiat hat insofern recht, als in Frankreich infolge seiner eigentümlichen
sozialen Gestaltung manches für Sozialismus gilt, was in England politische
Ökonomie

ist.)

Carey indes, dessen Ausgangspunkt die amerikanische
Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft vom Staat, endet mit dem Postulat
der Staatseinmischung, damit die reine Entwicklung der bürgerlichen
Verhältnisse nicht, wie es in Amerika faktisch geschehn, durch Einfluß von
außen gestört werde. Er ist Protektionist, während Bastiat Freetrader ist. Die
Harmonie der ökonomischen Gesetze erscheint in der ganzen Welt als Disharmonie,
und die Anfänge dieser Disharmonie frappieren Carey selbst in den Vereinigten
Staaten. Woher dieses sonderbare Phänomen? Carey erklärt es aus der
vernichtenden Einwirkung Englands mit seinem Streben nach industriellem Monopol
auf den Weltmarkt. Ursprünglich sind die englischen Verhältnisse durch die
falschen Theorien seiner Ökonomen verrückt worden, im Innern. Jetzt, nach außen
hin,
als die gebietende Macht des
Weltmarkts, verrückt

England die Harmonie der ökonomischen
Verhältnisse in allen Ländern der Welt. Diese Disharmonie ist eine wirkliche,
keine bloß in der subjektiven Auffassung der Ökonomen gegründete. Was Rußland
politisch für Urquhart, ist England ökonomisch für Carey. Die Harmonie der
ökonomischen Verhältnisse basiert nach Carey auf der harmonischen Kooperation
von Stadt und Land, Industrie und Agrikultur. Diese Grundharmonie, die England
in seinem eignen Innern aufgelöst hat, zerstört es durch seine Konkurrenz
überall auf dem Weltmarkt und ist so das destruktive Element der allgemeinen
Harmonie. Schutz dagegen können nur die Schutzzölle – die gewaltsame, nationale
Absperrung gegen die Destruktivkraft

der

englischen

großen

Industrie

bilden.

Die

letzte

Zuflucht

der

„harmonies économiques“
ist daher der Staat, der u ursprünglich als der einzige Störenfried dieser
Harmonien gebrandmarkt wurde. Einerseits spricht Carey hier wieder die
bestimmte nationale Entwicklung der Vereinigten Staaten aus, ihren Gegensatz zu
und ihre Konkurrenz mit England. Es geschieht dies in der naiven Form, daß er
den Vereinigten Staaten vorschlägt, den von England propagierten
Industrialismus dadurch zu zerstören, daß sie ihn bei sich selbst durch
Schutzzölle rascher entwickeln. Von dieser Naivetät abgesehn, endet bei Carey
die Harmonie der bürgerlichen Produktionsverhältnisse mit der vollendetsten
Disharmonie dieser Verhältnisse, wo sie auf dem großartigsten Terrain, dem
Weltmarkt, in der großartigsten Entwicklung als die Verhältnisse produzierender
Nationen auftreten. Alle jene Verhältnisse, die ihm innerhalb bestimmter
Landesgrenzen oder auch in der abstrakten Form von allgemeinen Verhältnissen
der bürgerlichen Gesellschaft harmonisch erscheinen – Konzentration des
Kapitals, Teilung der Arbeit, Salariat etc. –, erscheinen ihm als
disharmonisch, wo sie in ihrer entwickeltsten Form – in ihrer Weltmarktsform
auftreten – als die innern Verhältnisse, die die englische Herrschaft auf dem
Weltmarkt produzieren und die als destruktive Wirkungen die Folge dieser Herrschaft
sind. Es ist harmonisch, wenn innerhalb eines Landes die patriarchalische
Produktion der industriellen Platz macht, und der Auflösungsprozeß, der diese
Entwicklung begleitet, wird nur nach seiner positiven Seite aufgefaßt. Aber es
wird disharmonisch, wenn die englische große Industrie die patriarchalischen
oder kleinbürgerlichen oder andre auf niederen Stufen sich befindenden Formen
fremder nationaler Produktion auflöst. Die Konzentration des Kapitals innerhalb
eines Landes und die auflösende Wirkung dieser Konzentration bietet ihm nur
positive Seite dar. Aber das Monopol des konzentrierten englischen Kapitals und
seine auf lösenden Wirkungen auf die kleinren nationalen Kapitalien andrer
Völker ist disharmonisch. Was Carey nicht begriffen hat, daß diese
weltmarktlichen Disharmonien nur die letzten adäquaten Ausdrücke der
Disharmonien sind,

die
in den ökonomischen Kategorien als abstrakte Verhältnisse fixiert [werden] oder
in dem kleinsten Umfang eine lokale Existenz besitzen. Kein Wunder, daß er
andrerseits den positiven Gehalt dieser Auflösungsprozesse – die einzige Seite,
die er den ökonomischen Kategorien in ihrer abstrakten Form oder den realen
Verhältnissen innerhalb bestimmter Länder, wovon sie abstrahiert sind, ansieht
– in ihrer weltmarktlichen, vollen Erscheinung vergißt. Wo ihm die ökonomischen
Verhältnisse in ihrer Wahrheit, d.h. in ihrer universellen Realität
gegenübertreten, schlägt er daher von seinem prinzipiellen Optimismus um in
einen denunzierenden und gereizten Pessimismus. Dieser Widerspruch bildet die
Originalität seiner Schriften und gibt ihnen ihre Bedeutung. Er ist ebensowohl
Amerikaner in seiner Behauptung der Harmonie innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft als in Behauptung der Disharmonie derselben Verhältnisse in ihrer
weltmarktlichen Gestalt. Bei Bastiat nichts von alledem. Die Harmonie dieser
Verhältnisse ist ein

Jenseits“

das

grade

da

anfängt,

wo

die

französischen

Grenzen

aufhören,

das

in

England und Amerika existiert. Es ist bloß
die eingebildete, ideale Form der unfranzösischen englisch-amerikanischen
Verhältnisse, nicht die wirkliche, wie sie ihm auf seinem eignen Grund und
Boden gegenübertritt. Während daher bei ihm die Harmonie keineswegs aus der
Fülle lebendiger Anschauung hervorgeht, sondern vielmehr das gespreizte Produkt
einer dünnen und gespannten, gegensätzlichen Reflexion ist, ist das einzige
Moment der Realität bei ihm die Forderung an den französischen Staat, seine
ökonomischen Grenzen aufzugeben. Carey sieht die Widersprüche der ökonomischen
Verhältnisse, sobald sie als
englische
Verhältnisse erscheinen, auf dem
Weltmarkt. Bastiat, der sich die Harmonie bloß einbildet, fängt nur da an, ihre
Realisation zu sehn, wo Frankreich aufhört und alle national getrennten
Bestandteile der bürgerlichen Gesellschaft, von der Oberaufsicht des Staats
befreit, untereinander konkurrieren. Diese seine letzte Harmonie selbst – und
die Voraussetzung aller seiner frühern, eingebildeten – ist indes selbst wieder
ein bloßes Postulat, das durch die Freihandelsgesetzgebung realisiert werden
soll.

Wenn Carey daher, ganz abgesehn von dem
wissenschaftlichen Wert seiner Forschungen, wenigstens das Verdienst besitzt,
in abstrakter Form die großen amerikanischen Verhältnisse auszusprechen, und
zwar im Gegensatz zur alten Welt, so wäre der einzig reale Hintergrund bei
Bastiat die Kleinheit der französischen Verhältnisse, die überall aus seinen
Harmonien ihre langen Ohren herausstrecken. Indes ist das Verdienst
überflüssig, weil die Verhältnisse eines so alten Landes hinlänglich bekannt
sind und am wenigsten nötig haben, auf solch negativem Umweg bekannt zu werden.
Carey ist daher reich an sozusagen Bonafide-Forschungen in der ökonomischen
Wissenschaft, wie

über den Kredit, Rente, etc. Bastiat ist nur
beschäftigt mit zufriedenstellenden Paraphrasen im Kontrast endender
Forschungen; l’hypocrisie du contentement
.
Careys Allgemeinheit ist Yankeesche Universalität. Frankreich und China sind
ihm gleich nah. Allemal der Mann, der am Stillen Ozean und am Atlantik wohnt.
Bastiats Allgemeinheit ist Wegsehn von allen Ländern. Als echter Yankee nimmt
Carey den massenhaften Stoff von allen Seiten auf, den ihm die alte Welt
bietet, nicht um die immanente Seele dieses Stoffs zu erkennen und ihm so sein
Recht des eigentümlichen Lebens zuzugestehn, sondern um ihn für seine Zwecke,
seine von seinem Yankeestandpunkt abstrahierten Sätze als tote Belege, als
gleichgültiges Material zu verarbeiten. Daher sein Herumstreichen in allen
Ländern, massenhafte und unkritische Statistik, katalogartige Belesenheit.
Bastiat gibt dagegen phantastische Geschichte, seine Abstraktionen einmal in
der Form von Räsonnement und das andremal in der Form von supponierten
Ereignissen, die indes niemals und nirgends passiert sind, so wie der

Theolog

die

Sünde

einmal

als

Gesetz

des

menschlichen

Wesens,

das

andremal

als

die Geschichte vom
Sündenfall behandelt. Beide sind daher gleich unhistorisch und antihistorisch.
Aber das ungeschichtliche Moment in Carey ist das gegenwärtige geschichtliche
Prinzip von Nordamerika, während das ungeschichtliche Element in Bastiat bloß
Reminiszenz der französischen Verallgemeinerungsmanier des 18. Jahrhunderts
ist. Carey ist daher formlos und diffus, Bastiat affektiert und formell
logisch. Das Höchste, wozu er es bringt, sind Gemeinplätze, paradox
ausgedrückt, en facettes geschleift
.
Bei Carey ein paar allgemeine Thesen, in lehrsatzartiger Form vorausgeschickt.
Ihnen nachfolgend ein ungestaltiges Material, Sammelwerk als Beleg – der Stoff
seiner Thesen keineswegs verarbeitet. Bei Bastiat besteht das einzige Material
– abstrahiert von einigen Lokalexempeln oder phantastisch zugestutzten
englischen Normalerscheinungen – nur in den allgemeinen Thesen der Ökonomisten.
Careys Hauptgegensatz Ricardo, kurz die modernen englischen Ökonomisten;
Bastiats die französischen Sozialisten.

Vorwort

Freihandel

Schutzzoll

in der
Handschrift: Jülich

Staatsschuld

Steuern

in der
Handschrift: macht ihnen. Bastiat

Heuchelei der
Befriedigung

wie die Seiten von
Edelsteinen geschliffen