Neue Oder-Zeitung.
Nr. 409, 3. September 1855.
Mittagblatt

X. London, 31. Aug. (Ueber die Schlacht an der Tschernaja.) Wenn wir
noch ohne detaillirten russischen Bericht tiber die Schlacht an der Tschernaja (vom 16. August) sind, erlauben diesmal die französischen und englischen Berichte ein ziemlich genaues Urtheil über diese Affaire zu bilden.
5 Die Niederlage vom 18. Juni scheint zu einem gewissen Grad die Tendenz
zur Renommisterei in Schach gehalten zu haben, die so auffällig in Pelissier's ersten Bulletins war. Sein Bericht über die Tschernaja-Affaire ist
ungewöhnlich klar, geschäftsmäßig und einfach; er erkennt selbst die bei
dieser Gelegenheit entwickelte Bravour der Russen an und contrastirt
10 vortheilhaft mit General Simpson's komischen Berechnungen über die
Zahl der wechselseitig engagirten Kräfte, denen zufolge etwa 15 000
Franzosen und Sardinier ohne irgend welche besondere Anstrengung
60 000 Russen geschlagen hätten. Am Morgen des 16., vor Tagesanbruch, stiegen die Russen von den Mackenzie's Höhen und nahmen eine
15 Position am Saum der Hügel ein, die nach der Tschernaja herabsinken.
Sie waren commandirt von General Gortschakoff in Person, unter dem
General Read den rechten Flügel commandirte (7. und 12. Division),
während Liprandi das Centrum eingenommen zu haben scheint, und die
17. Division den russischen linken Flügel bildete. Theile der 4. und 6. Di20 vision waren ebenfalls gegenwärtig in der Rolle von Reserven, wie es
scheint. Die 5. Division, ebenso wie die zur 4. und 6, gehörigen Truppen,
sind Bestandtheile des 2. Corps (Paniutins), das eben erst in der Krim
angelangt war; den Rest bilden alte Krim-Truppen, deren Divisionen mit
sehr geschwächter Effectivzahl agirt haben müssen. Der Boden auf der
25 entgegengesetzten Seite der Tschernaja ist meist flach, eine Fortsetzung
der Ebene von Balaklawa nach dem Flusse, aber dicht an seinen Ufern
wird diese Ebene unterbrochen von zwei Gruppen von kleinen Hügeln,
die stufenweis aufsteigen von der Balaklawaseite, aber nach der Tschernaja hin ohne Uebergang niedersinken, und so eine gute Defensivpositi-

30 on gegen einen den Fluß überschreitenden Feind bilden. Zwischen diesen

zwei Gruppen von Hügeln liegt das Thal, in welches die britische leichte
Cavalerie in der Schlacht von Balaklawa ihre berühmte Charge machte.
Die östliche Hügelgruppe, die den rechten Flügel der Position bildet, war
besetzt von General Deila Marmora mit seinen 2 sardinischen Divisionen; die andere, von Nordwest, von 3 französischen Divisionen, die so 5
das Centrum und den linken Flügel der Position bildeten. Die Franzosen
waren commandirt von General d'Herbillon, der Camous' Division auf
dem linken, Faucheux' auf dem rechten Flügel postirt hatte, und seine
eigene ins Centrum. Faucheux' Division dehnte sich auf dem rechten
Flügel bis zu dem Punkte aus, wo sie die sardinische Division von Trotti 10
berührte. Die Position gegen einen Zuwachs von Stärke und zwei Hindernissen unmittelbar vor ihrer Front: erstens die Tschernaja, welcher
Fluß zur Zeit zwar durchwatbar war, aber dennoch die Russen nÖthigte
ihn nur an gewissen Punkten und mit einer schmalen Front zu überschreiten; zweitens der Aquaduct an den meisten Plätzen in den Felsen 15
hereingehauen und so, selbst nach seiner Passage, einen steilen Felswall
zum Erklimmen entgegenhaltend. An dem Rand der Hügel hatten die
Franzosen und Piemontesen einige leichte Brustwerke aufgeworfen, grade hinreichend ihre Artillerie zu bergen. Die zwei Hügelgruppen bildeten
so zu sagen verschiedene Bastionen, die sich wechselseitig mit ihrer Ar- 20
tillerie flankirten. Jenseits der Tschernaja, die überschritten wurde durch
Brücken bei Tschorgun auf dem sardinischen äußersten rechten Flügel
und bei Traktir in Front von dem französischen Centrum, hatten die
Piemontesen zwei Compagnien Vorposten, während die Brücke von
Traktir gedeckt war durch einen schwachen von den Franzosen besetzten 25
Brückenkopf. Die französischen Vorposten standen weiter dahinter. Am
Morgen des 16., nachdem die Russen ihre Artillerie in Position gebracht
hatten auf den Höhen östlich von der Tschernaja, sandten sie ihre vorgeschobenen Truppen hinunter in das Thal. Der Tag war noch nicht
angebrochen und dichter Nebel erleichterte eine Ueberraschung, wie bei 30
Inkermann. Die alliirten Vorposten waren in einem Augenblick zurückgetrieben, und bei Tagesanbruch war der Brückenkopf und die ganze
Ostseite des Flusses in ihren Händen, während sie mit 2 franz. Regimentern um den Brückenübergang fochten. Darauf stiegen die 7. und
12. Division direct gegenüber gestellt den französischen Divisionen Ca- 35
mou und d'Herbillon, in zwei geschlossenen Kolonnen ins Thal herab;
hier bildeten sie ihre Angriffskolonnen und avancirten in zwei unterschiedenen Massen. Die 7. Division überschritt den Fluß theils watend,
theils in aller Eile construirte fliegende Brücken aufwerfend, und marschirte gegen Camou vor. Die 12. Division, wovon ein Theil als Reserve 40
zurückblieb, avancirte gegen d’Herbillon über die Brücke von Traktir,

deren Vertheidiger in einem Augenblick durch die überwältigenden Massen der Russen zurückgeworfen wurden. Sie avancirten mit mehr Raschheit und Feuer als die Russen je zuvor gezeigt durch den Aquaduct und
die Hiigelseite herauf. Die 7. Division (russische) hatte ziemlich nahe den
Rand des Hügels erreicht, als Camou's Truppen deployirt in Linie, eine
Salve auf sie gaben und dann auf der Flanke und im Rücken mit solcher
Heftigkeit angriffen, daß die Russen sofort umkehrten und den Fluß
unter einem mörderischen Feuer wieder überschritten. Wenn wir Pélissier
glauben, hat sich diese 7. Division während der Schlacht nicht wieder
10 gezeigt. Im Centrum gelang es der 12. Division die Höhen zu ersteigen
und verschiedene französische Regimenter zurück zu treiben. Das
Schicksal der Schlacht schien einen Augenblick ungewiß, als d'Herbillon
eine Brigade von Faucheux' Division zum Angriff auf die linke Flanke
der russischen Kolonnen abordnete, und nach kurzem Kampfe die Rus15 sen den Abhang hinuntergetrieben wurden, gefolgt von den Franzosen,
die für kurze Zeit die Brücke wiedernahmen. Gortschakoffjedoch hatte
eine neue Attaque vorbereitet. Der Rest der 12. Division und die 5. Division waren in das Thal herabgestiegen, sie unterstützten die Flüchtigen,
die ihre Reihen von Neuem formirten und nun bewegten sich die 12. und
20 5. Division zusammen voran zu einem zweiten Angriff. Sie passirten über
die Brücke und dicht zur Rechten und Linken derselben und avancirten
mit großer Lebhaftigkeit gegen das alliirte Centrum (d'Herbillons und
Faucheux' Divisionen). Aber um diese Zeit hatten die Franzosen ihre
ganze Artillerie in Position gebracht; sie feuerten in Front gegen die rus25 sischen Colonnen, während die sardinische Artillerie sie in die Flanke
nahm. Trotz dieses mörderischen Feuers avancirten sie stetig und rasch
voran und erreichten wieder die Höhen. Hier fanden sie die Franzosen
concentrirt, deployirt in Linie etwas hinter den Säumen des Hügels. Sobald die Köpfe der Colonnen den Rand erreicht hatten, gaben die Fran30 zosen ihnen eine Salve und griffen sie dann mit dem Bayonnet an, in
Front und Flanken. Der Kampf war so kurz wie zuvor. Die Russen
wichen und flohen in Unordnung über den Fluß, verfolgt vom Musketenfeuer und der Artillerie der Alliirten. Diese zweite Niederlage der Russen entschied faktisch die Schlacht. Die Russen hatten Ys ihrer Infanterie
35 engagirt und konnten nicht hoffen frische Verstärkungen auf dem
Schlachtfelde zu empfangen. Die Alliirten hatten zwar auch 3 von ihren
5 Divisionen engagirt, aber frische Truppen eilten zu ihrer Unterstützung
von dem Lager vor Sebastopol herbei. Pélissier hatte nach zwei weiteren
Divisionen der Linie und einer Division Garden gesandt, und sie beweg40 ten sich heran. Dies war ungefähr um 8 Uhr Morgens. Gortschakoff,
trotz dieser drohenden Conjunctur, beschloß einen dritten Angriff. Die

a

17. Division wurde vorbeordert; sie hatte zugleich den Kern zu bilden für
den Theil der geschlagenen Truppen, der noch fähig war, gegen den
Feind geführt zu werden. Die Angriffslinie wurde wieder nach der Linken
geschoben. Es war Faucheux' Division, auf die die Russen diesmal fielen.
Aber vergeblich. Das Kreuzfeuer der französischen und sardinischen Ar- 5
tillerie decimirte sie, ehe sie den Gipfel der Hügel erreichen konnten,
wieder brachen die französischen Linien ihre Colonnen und trieben sie
nach der andern Seite des Flusses, während die Piemontesen (Trotti's
Division) sie in der Flanke angriffen und den Sieg vollendeten. Es blieben
nur noch die Truppen von der 4. und 6. Division unversehrt, zusammen 10
etwa von der Effektivkraft einer Division. Sie zu lanciren wäre durchaus
nutzlos gewesen.

Neue Oder-Zeitung.
Nr. 411, 4. September 1855.
Mittagblatt

X. London, 1. September, (lieber die Schlacht an der Tschernaja.)
(Schluß). Wir haben gestern den einfachen Hergang der Schlacht an der
Tschernaja erzählt. Für eine richtige Schätzung der wechselseitig enga- 15
girten Zahl von Truppen ist es nöthig die russischen Berichte abzuwarten.
Was aber die wechselseitigen Verluste angeht, so können wir unbedingt
annehmen, daß die Zahl der Todten, Verwundeten und Gefangenen auf
russischer Seite mindestens 5000, auf Seite der Alliirten höchstens 1500
beträgt. Dies ungeheure Mißverhältniß erklärt sich daraus, daß die Rus- 20
sen beständig unter dem heftigen Artilleriefeuer der Alliirten ihre Attaquen machten und besonders von den piemontesischen 16-Pfündern litten - ein Geschütz, das sehr schwer beweglich, aber, einmal in Position
gebracht, von höchster Wirksamkeit ist.

Die Russen machten einen einfachen Frontangriff. Es standen ihnen 25
zwei Wege zum Umgehen offen. Sie konnten dem französischen linken
Flügel in die Flanke fallen von Inkerman aus, oder dem französischen
rechten Flügel, indem sie mit dem Gros ihrer Angriffs-Colonne in das
Thal von Baidar herabstiegen. Die erste Operation erschien unmöglich,
weil die auf dem Gipfel des Bergrückens gegenüber Inkerman aufge- 30
pflanzte französische Artillerie die Position beherrscht. Das Letztere war
unthubar mit so schwerfälligen Truppen, wie die Russen, wegen des
durchbrochenen und schwierigen Thalterrains. Die Russen waren daher
auf einen Frontangriff angewiesen und suchten diesen, wie in der Ordnung, durch eine Ueberraschung zu bewerkstelligen. Die Ueberraschung 35
gelang theilweise, wurde aber nicht mit der gehörigen Energie ausgeführt.

So gewann der Feind die Zeit, die erheischt war, um seine Truppen herbeizubringen und seine Artillerie in Position zu stellen. Die Ueberraschung, die den Russen die französischen Höhen in die Hände spielen
konnte, hörte in der That beinahe schon auf, als sie nur noch die Tscher5 naja erreicht hatten. Ein neuer Beweis dies, wie schwer russische Truppen
in Bewegung zu setzen, wo rasche Action und selbstständiges Eingreifen
der untern Befehlshaber erheischt werden.
Die Franzosen waren von je berüchtigt wegen einer gewissen Verachtung des Vorpostendienstes. Selbst in ihren besten Zeiten war es einem
10 activen Feind möglich, Vorposten zu überraschen und dadurch augenblicklichen Allarm in ihre Reihen zu werfen. Diesmal war die Vernachlässigung um so augenfälliger, als Pélissier von russischen Deserteuren
wiederholt und noch am Vorabend der Schlacht über die russischen Pläne
unterrichtet war. Außerdem waren die Franzosen auf den Höhen encam15 pirt, ohne irgend welche verhältnißmäßige Avantgarde, so daß der Feind
avanciren konnte, bevor sie selbst befähigt waren, ihre volle Widerstandskraft ins Spiel zu bringen. Dies konnte entscheidend sein einem
activen Feinde gegenüber. Die Russen selbst scheinen sich gefürchtet zu
haben eine oder zwei Divisionen in einem Kampfe während des unsi20 ehern Zwielichts zu riskiren. So verloren sie alle Vortheile der Ueberraschung. Die raschen Erfolge der Franzosen im Vertreiben der Russen von
den Hügelreihen sind einer Nachahmung englischer Kriegsführung geschuldet. Die eigenen Truppen in Linie hinter den Kanten der Hügel
deployiren, ruhig abwarten, bis sich die Köpfe der feindlichen Colonnen
25 zeigen, sie dann mit einer Salve begrüßen, die sie nur mit schwächlichem
Musketenfeuer erwidern können, darauf mit dem Bayonnet angreifen -
diese Vertheidigungsart einer Reihe von Hügeln schien in der continentalen Praxis gänzlich verloren gegangen und nur noch in Lehrbüchern
der Taktik aufbewahrt zu sein. Die Engländer dagegen wandten sie fort30 während mit demselben Erfolg an bei Busaco, Pampluna, Waterloo und
in andern Schlachten. Die Schlacht an der Tschernaja bildet die dritte
„große" Schlacht des Krimfeldzugs. Sie reiht sich an die Schlachten an
der Alma und bei Inkerman. Was alle diese Schlachten charakterisirt, ist
ihre ungeheure Einfachheit, wir möchten fast sagen Einfältigkeit. Kein
35 langes Manövriren, einige Hauptattaquen, rasche Entscheidung. In den
napoleonischen Schlachten finden wir dagegen einen großen Theil von
Scharmützeln, vielseitige Manöver und erst den Hauptschlag unerwartet
geführt, nachdem der größere Theil der Truppen provisorisch engagirt
war. Die Krim-Manier sieht tapfrer aus, beweist in der That aber nur die
40 Mittelmäßigkeit der Generale auf beiden Seiten und bestätigt unsere Ansicht, daß in modernen Zeiten die Kriegskunst sich im umgekehrten Ver-

hältniß zum Kriegsmaterial entwickelt hat. Wenn die Schlacht an der
Tschernaja keineswegs so entscheidend gegen die Russen zeugt, wie die
Schlacht bei Inkerman, beweist sie jedoch unstreitig von neuem die Ueberlegenheit der westlichen Armeen. Sie weis't die Propheten, die unter
dem Vorwand ein „neues" Element in der Geschichte entdeckt zu haben,
nur ihren alten Schulerinnerungen über den Untergang des römischen
Reichs moderne Farbe und Gestalt zu geben, darauf hin, die Ersatzmänner für die Gothen anderswo zu suchen als bei den Moskovitern.

Im Morning Advertiser veröffentlicht Sir Charles Napier, wie er lange
gedroht hatte, die zwischen ihm und Sir James Graham geführte Correspondenz.