Neue Oder-Zeitung.
[QA: garble stripped 2026-06-23]
Mittagblatt

X. London, 8. Mai. (Die Belagerung von Sebastopol.) Die Eröffnung der
telegraphischen Communication von Balaklawa nach London und Paris
hat, so weit das Publikum betheiligt ist, bisher nur dazu gedient, größere
Verwirrung in das ihm mitgetheilte Material zu bringen. Die englische
Regierung veröffentlicht Nichts oder höchstens einige unbestimmte Ver- 5
Sicherungen über erreichte Erfolge; die französische Regierung veröffentlicht Depeschen unter dem Namen Canrobert, aber so beschnitten und
verfälscht, daß es fast unmöglich ist, irgend etwas aus ihnen zu entnehmen. Zum Beispiel: Die Bastion, wogegen der französische Hauptangriff
gerichtet ist, hieß bisher unabänderlich die Flagstaffbastion oder Bastion 10
du Mät. Jetzt erfahren wir, große Vortheile seien davongetragen worden
gegen die Centrai-Bastion, dann gegen Bastion Nr. 4. Nach langem Vergleichen mit früheren Berichten, besonders auch den russischen, stellt
sich heraus, daß noch fortwährend von unserer alten bekannten, der Bastion du Mät, aber unter verschiedenen neuen Titeln und Nomenclaturen 15
die Rede ist. Diese Art Mystification ist durchaus tendenziell und so
gewissermaßen auch „providentiell".

Aber wenn der Telegraph dem Publikum nicht zu Gute kommt, hat er
unstreitig einiges Leben in das alliirte Heerlager gebracht. Es kann nicht
bezweifelt werden, daß die ersten Depeschen, die Canrobert empfing, 20
gemessenen Befehl ertheilten, mit größerer Entschiedenheit zu handeln
und um jeden Preis irgend welche Erfolge zu gewinnen. Ein nicht officieller Bericht behauptet, daß alle vorgeschobenen Werke, Selenginsk,
Wolhynsk und Kamtschatka, ebenso wie die Schützengräben in Front
der ganzen Linie von den Russen geräumt worden sind. Die Russen wä- 25
ren so auf ihre ursprüngliche Vertheidigungslinie zurückgeworfen, obgleich es dann sehr auffallend bleibt, daß Berichte über die Einnahme des
Berges Sapun und des Mamelon durch die Alliirten bisher noch fehlen.
Gesetzt aber auch, die Redouten auf diesen Hügeln befanden sich nicht
länger in den Händen der Russen, so kann Niemand leugnen, daß sie 30

große Vortheile von ihnen gezogen haben. Sie haben Sapun vom 20.
Februar und Mamelon vom 12. März bis Ende April gehalten, während
welcher Zeit die Laufgräben der Alliirten von hier aus enfilirt oder anhaltendem Feuer in der Fronte ausgesetzt waren, während der Schlüssel

5 der ganzen Position - Malakoff - vollständig durch sie geschützt wurde
während der fünfzehntägigen Kanonade.

Durch die letzten Erfolge der Alliirten ist die Entfernung zwischen den
feindlichen Heeren hier und dort reducirt auf die Weite von Handgranaten, d.h. zu 20-30 Yards von dem russischen gedeckten Wege oder von

10 40-60 Yards von dem Hauptwalle. Dies scheint besonders der Fall in
Front der Flagstaff-Bastion und des Redan. Indeß, so lange die Batterien
der Alliirten an 4-500 Yards hinter den vorgeschobenen Laufgräben sich
befinden, ist nicht einzusehen, wie die Anglo-Franzosen so ausgesetzte
Positionen zu behaupten erwarten gegen plötzliche und mit genügender

15 Stärke unternommene Ausfälle; und nach dem anerkannten Mißlingen
des „großen" Bombardements wird es Zeit kosten bis neue und weiter
vorgeschobene Batterien ins Spiel gebracht werden können. Selbst dies
plötzliche Vorrücken der Alliirten bildet nur einen Ring in der Kette von
planlosen Einfallen, die diese Belagerung auszeichnen - wo bunt durch-

20 einander laufen regelmäßige Blockade, gewaltsamer Angriff, Träume von
coups de main. Dem ersten Bombardement vom 17. October bis 5. November war schon der Beschluß der Alliirten vorausgegangen, keine
Rücksicht auf die Nordseite der Stadt zu nehmen und einen abgesonderten Angriff auf die Südseite zu unternehmen, d.h. die Gefahr zu laufen

25 sich in einen Platz hineinzuwagen, der durch eine für sie uneinnehmbare
Befestigung beherrscht bliebe. Dann zeichnete sich schon das erste Bombardement aus durch Zersplitterung des Feuers auf einer enormen Linie,
statt es auf einen oder zwei Punkte zu concentriren. Die 5 Monate zwischen dem ersten und zweiten Bombardement wurden nicht dazu be-

30 nutzt, Hauptpunkte des Angriffs auszufinden, sondern nur um den ursprünglichen Fehler, den gleichmäßigen Angriff von allen Punkten eines
enormen Halbkreises, ins Detail und möglichst schläfrig auszuarbeiten.
Alles wurde erwartet von dem Wiedereröffnen des Feuers. Das war die
allgemeine Entschuldigung für jedes Zögern und Nichtsthun. Wartet nur,

35 bis die Batterien eröffnet werden! Obgleich es in der That schwer ist zu
sagen, was von diesem großen Ereigniß erwartet wurde - von Batterien
auf 600-1000 Yards von ihrem Angriffsgegenstand entfernt! Endlich wurde das Feuer eröffnet. Ungefähr 150 Schüsse per Kanone die ersten 2
oder 3 Tage, dann 120 Schüsse, dann 80, dann 50, schließlich 30, wonach

40 die Kanonade suspendirt ward. Der Effect war kaum sichtbar, außer in
den unbrauchbar gewordenen Kanonen und ausgeleerten Magazinen der

Alliirten. Eine 5-6tägige Kanonade mit voller Wucht würde den Russen
mehr Schaden gethan und den Alliirten mehr Chancen des Erfolgs eröff-

net haben, als 15 Tage eines Feuers, das mit großer Wucht begann, um
sofort wieder zu erschlaffen. Diese Verlängerung der Kanonade durch
Abschwächung ihrer Intensivkraft ist eine so große und unerklärliche 5, |
Abweichung von allen Kriegsregeln, daß sie nur aus politischen Gründen 1
zu erklären ist. Die Nothwendigkeit, den Schein einer Kanonade wäh- |
rend der Wiener Conferenzen aufrecht zu erhalten, muß dahinterliegen. |
Die Kanonade endigt, die Wiener Conferenzen sind suspendirt, der Te- -J
legraph ist vollendet. Scenenwechsel. Befehle langen von Paris an, rasch 10 ^
und entscheidend zu handeln. Das alte System des Angriffs wird aufge- Jj
geben; Stürme im Kleinen, Logirungen durch Minenexplosionen, Kampf |
mit Büchsen und Bayonetten folgen dem resultatlosen Gebrüll der Artil- \
lerie. Vorgeschobene Punkte werden gewonnen und selbst behauptet .%
gegen die Ausfälle der Belagerten. Aber falls nicht Batterien in kurzer 15 c
Entfernung von den russischen Linien errichtet, und zu heiß für die Be- I
lagerten gemacht werden, ist mit alle dem nichts gewonnen. Diese vorge- 5
schobenen Punkte können nicht gehalten werden ohne große und täglich “~
wiederholte Verluste, und ohne regelmäßig wiederkehrende Gefechte von "
zweifelhaftem und schwankendem Ausgang. Und gesetzt selbst, daß diese 20¢f
Batterien der 2. und 3. Parallele errichtet werden sollen, daß es für ihr j
Eröffnen nöthig war, die Russen erst aus ihren Schützengräben zu ver- !,
jagen, wie lange wird es währen, bis diese neuen Batterien Kanonen ge- ;
nug erhalten haben, um erfolgreich das Feuer der Russen zu vermindern,
das während der zwei Bombardements dem Feuer der Alliirten die Stan- 25 ?
ge hielt? Je näher Batterien den feindlichen Werken rücken, ein desto t
destructiveres Kreuzfeuer kann auf sie concentrirt werden und desto be- '
schränkter wird der Raum für Aufstellung von Kanonen: in andern Worten, desto gleicher wird das Feuer des Angriffes dem Feuer der Vertheidigung, es sei denn, daß letzteres zuvor zum Schweigen gebracht durch 30f
die entfernteren Batterien, wovon hier nicht die Rede ist.