Die Artikel der Indienbill werden nacheinander angenommen; die Debatte hierzu weist kaum irgendwelche bemerkenswerten Züge auf, ausgenommen die Inkonsequenz der sogenannten Indienreformer. Da ist z.B. Mylord Jocelyn, Mitglied des Parlaments, der seine periodischen Enthüllungen indischer Übelstände und der Mißwirtschaft der Ostindischen Kompanie zu einer Art Lebensunterhalt gemacht hat. Was glauben Sie wohl, worauf sein

Antrag hinauslief? Auf eine Verlängerung der Charte der Ostindischen Kompanie auf zehn Jahre. Glücklicherweise hat er sich nur. allein damit bloßgestellt. Ein weiterer berufsmäßiger "Reformer" ist Herr Jos[eph] Hume, dem es während seiner langen parlamentarischen Laufbahn gelungen ist, die Opposition in eine besondere Form der Unterstützung des Kabinetts zu verwandeln. Er schlug vor, nicht die Anzahl der Direktoren der Ostindischen Kompanie von 24 auf 18 zu reduzieren. Das einzige vernünftige Amendement, dem jetzt zugestimmt wurde, war das des Herrn Bright, in der die von der Regierung ernannten Direktoren von der Qualifikation durch den Besitz von Ostindienaktien befreit werden, die von den durch den Aufsichtsrat gewählten Direktoren eingeführt worden war. Lesen Sie die von der Gesellschaft zugunsten von Reformen in Ostindien veröffentlichten Schriften, und Sie werden ein ähnliches Gefühl verspüren, als wenn Sie von einer einzigen großen Anklageschrift gegen Bonaparte hören, die von Legitimisten, Orleanisten, Blauen und Roten Republikanern und sogar enttäuschten Bonapartisten gemeinsam zusammengestellt wurde. Das einzige Verdienst dieser Schriften war bis jetzt, die Öffentlichkeit ganz allgemein auf die Zustände in Indien aufmerksam gemacht zu haben, und bei ihrer augenblicklichen Form eklektischer Opposition können sie nicht weiter gehen. Während sie z.B. einerseits das Treiben der englischen Aristokratie in Indien angreifen, protestieren sie andrerseits gegen die Vernichtung der indischen Aristokratie, d.h. der einheimischen Fürsten.

Nachdem die britischen Eindringlinge einmal indischen Boden betreten hatten und entschlossen waren, ihn zu behaupten, blieb kein anderer Weg, als die Macht der einheimischen Fürsten mit Gewalt oder durch Intrigen zu brechen. Da sich die Engländer ihnen gegenüber in einer ähnlichen Situation befanden wie die alten Römer in bezug auf ihre Verbündeten, folgten sie den Spuren römischer Politik. "Es war", so schreibt ein englischer Autor, "eine Methode, die Verbündeten zu mästen, wie wir Ochsen mästen, bis sie verschlungen werden können." Nachdem sie ihre Verbündeten nach dem Vorbild des alten Roms für sich eingenommen hatte, rechnete die Ostindische Kompanie mit ihnen auf die moderne Art der Change alley ab. Um sich ihrer Verpflichtungen zu entledigen, die sie der Kompanie gegenüber eingegangen waren, mußten die einheimischen Fürsten riesige Summen zu Wucherzinsen von Engländern bergen. Wenn ihre Notlage den höchsten Punkt erreicht hatte, wurde der Gläubiger unerbittlich, "die Schraube wurde angezogen", und die Fürsten waren gezwungen, entweder ihre Territorien "freiwillig" der Kompanie abzutreten oder einen Krieg zu beginnen; im ersten Falle werden sie zu Pensionären ihrer Usurpatoren; im andern Falle

werden sie als Verräter ihres Thrones beraubt. Im gegenwärtigen Zeitpunkt nehmen die einheimischen Fürstenstaaten eine Fläche von 699.961 Quadratmeilen mit einer Bevölkerung von 52.941.263 Seelen ein; aber das sind schon keine Verbündeten mehr, sondern auf Grund mannigfaltiger Bedingungen und unter den verschiedenartigen Formen des Subsidien- und des Schutzsystems nur die Vasallen der britischen Regierung. Diese Systeme haben eins gemeinsam: Sie verweigern gern den Eingeborenenstaaten das Recht auf selbständige Verteidigung, auf Aufrechterhaltung diplomatischer Beziehungen und auf die Regelung von Streitfragen untereinander ohne Einmischung des Generalgouverneurs. Sie alle müssen einen Tribut zahlen, entweder in Bargeld oder in Form von Truppenkontingenten, die von britischen Offizieren befehligt werden. Die endgültige Eingliederung oder Annexion dieser Fürstenstaaten ist im Augenblick Thema einer heftigen Kontroverse zwischen den Reformern, die eine solche Annexion als Verbrechen verurteilen, und den Geschäftsleuten, die sie als Notwendigkeit rechtfertigen.

Meiner Meinung nach ist die Fragestellung selbst völlig ungenau. Was die einheimischen Fürstenstaaten betrifft, so haben sie tatsächlich in dem Augenblick zu bestehen aufgehört, als sie zu Vasallen der Kompanie wurden oder unter ihren Schutz gestellt wurden. Wenn man das Nationaleinkommen eines Landes unter zwei Regierungen aufteilt, lähmt man notwendigerweise die Hilfsquellen der einen und die Verwaltung von beiden. Unter dem gegenwärtigen System erliegen die einheimischen Fürstenstaaten einem doppelten Alpdruck: dem ihrer eignen Verwaltung und dem der Tribute und unmäßigen Militärdienstleistungen, die ihnen von der Kompanie auferlegt werden. Die Bedingungen, unter denen sie ihre scheinbare Unabhängigkeit aufrechterhalten dürfen, sind gleichzeitig die Bedingungen, die zu ihrem andauernden Verfall und zu einer völligen Unfähigkeit, ihre Lage zu verbessern, führen. Organische Schwäche ist das Grundgesetz ihres Daseins wie bei jedem Organismus, der nur existiert, weil man ihn duldet. Die Frage dreht sich also nicht um die Aufrechterhaltung der einheimischen
Staaten
, sondern der einheimischen
Fürsten
und ihrer Höfe. Und ist es nicht seltsam, daß dieselben Männer, die "den barbarischen Prunk der Krone und der Aristokratie Englands" verurteilen, heute Tränen vergießen über den Sturz indischer Nabobs, Radschas und Dschagirdare, die in der überwiegenden Mehrzahl sich nicht einmal ihres alten Geschlechts rühmen können, da sie im allgemeinen Usurpatoren jüngsten Datums sind, die durch englisches Intrigenspiel auf den Thron gebracht wurden! Auf der ganzen Welt gibt es keinen lächerlicheren, unsinnigeren und kindischeren Despotismus als den jener
Schachsenans
und
Schachriars
aus "Tausendundeiner Nacht". Der Herzog von

Wellington, Sir J[ohn] Malcolm, Sir Henry Russell, Lord Ellenborough, General Briggs und andere Autoritäten haben sich für die Erhaltung des Status quo ausgesprochen. Doch mit welcher Begründung? Weil die indischen Truppen unter englischem Kommando Beschäftigung in den kleinen Kriegsunternehmen gegen ihre eigenen Landsleute haben müssen, um zu verhindern, daß sie ihre Kraft gegen ihre europäischen Herren kehren; weil das Bestehen unabhängiger Staaten den englischen Truppen ab und zu Beschäftigung gibt; weil die Erbfürsten die unterwürfigsten Werkzeuge des englischen Despotismus sind und den Aufstieg jener kühnen militärischen Abenteurer hemmen, an denen Indien reich ist und immer reich sein wird; weil die unabhängigen Territorien einen Zufluchtsort für alle unzufriedenen und wagemutigen Geister des indischen Volkes bieten. Wenn ich all diese Argumente beiseite lasse, die so beredt davon zeugen, daß die einheimischen Fürsten die Pfeiler des heutigen scheußlichen englischen Herrschaftssystems und das größte Hindernis für den Fortschritt Indiens sind, komme ich auf Sir Thomas Munro und Lord Elphinstone zu sprechen, die zumindest Männer von ausgezeichneter Denkungsart und von wirklichem Mitgefühl für das indische Volk waren. Sie waren der Meinung, daß es ohne eine einheimische Aristokratie keine Lebenskraft in irgendeiner anderen Klasse der Gesellschaft geben kann und daß der Sturz jener Aristokratie ein ganzes Volk nicht erhöhen, sondern erniedrigen wird. Sie mögen recht haben, solange man in Betracht zieht, daß unter der unmittelbaren Herrschaft der Engländer die indische Bevölkerung systematisch von allen höheren Militär- und Zivilämtern ausgeschlossen wird. Wo es keine großen Männer auf Grund eigener Leistung geben kann, muß es große Männer auf Grund von Geburt geben, um einem unterworfenen Volk wenigstens etwas eigene Größe zu lassen. Dieser Ausschluß der einheimischen Bevölkerung von höheren Stellungen auf englischem Gebiet ist aber nur durch die Erhaltung der Erbfürsten in den sogenannten unabhängigen Territorien erreicht worden. Und eines dieser beiden Zugeständnisse mußte der Eingeborenenarmee gemacht werden, auf deren Stärke die gesamte britische Herrschaft in Indien beruht. Ich glaube, wir können der Versicherung des Herrn Campbell Glauben schenken, daß die einheimische indische Aristokratie am wenigsten dazu befähigt ist, höhere Stellen auszufüllen; daß es für alle neuen Erfordernisse notwendig ist, eine neue Klasse zu schaffen und daß "dies wegen der Auffassungsgabe und des Lernvermögens der niederen Klassen in Indien wie in keinem anderen Lande möglich ist".

Die einheimischen Fürsten selbst verschwinden schnell durch das Aussterben ihrer Geschlechter. Doch seit Beginn dieses Jahrhunderts hat die britische Regierung die Politik verfolgt, ihnen zu gestatten,
Erben durch

Adoption
zu schaffen, oder ihre frei gewordenen Herrschaftssitze mit Marionetten englischer Schöpfung zu besetzen. Der bekannte Generalgouverneur Lord Dalhousie war der erste, der offen gegen dieses System protestierte. Würde dem natürlichen Lauf der Dinge nicht künstlich Einhalt geboten, bedürfte es weder Kriege noch Geldausgaben, um die einheimischen Fürsten hinwegzufegen.

Was die
auf Pension gesetzten Fürsten
angeht, so sind die 2.468.969 Pfd.St., die ihnen für ihren Unterhalt von der britischen Regierung aus dem indischen Nationaleinkommen zugeteilt werden, eine äußerst schwere Bürde für ein Volk, das von Reis lebt und das der Mittel zur Befriedigung der notwendigsten Lebensbedürfnisse beraubt ist. Wenn diese Fürsten für irgend etwas gut sind, so dafür, ein Königtum in seiner tiefsten Stufe von Erniedrigung und Lächerlichkeit zur Schau zu stellen. Nehmen Sie z.B. den Großmogul <Mohammmed Bahadur Schah II.>, den Nachfahren Timur Tamerlans. Er erhält 120.000 Pfd.St. im Jahr. Seine Macht reicht nicht über die Mauern seines Palastes hinaus, in dem sich die königliche Idiotenbrut, sich selbst überlassen, wie die Kaninchen stark vermehrt. Sogar die Polizei in Delhi wird von Engländern gestellt und steht außerhalb seiner Kontrolle. Da sitzt er auf seinem Thron, ein verhutzeltes, gelbes altes Männchen, theatralisch aufgeputzt, in goldbestickter Kleidung wie die der Tanzmädchen von Hindustan. Bei gewissen Staatsaktionen stellt sich die mit Flitter behängte Marionette zur Schau, um die Herzen seiner "Untertanen" zu erfreuen. An seinen Empfangstagen müssen die Ausländer ein Eintrittsgeld in Form von Guineen zahlen wie bei irgendeinem anderen Gaukler, der sich öffentlich zur Schau stellt; während er seinerseits ihnen Turbane, Diamanten usw. als Geschenke überreicht. Wenn man sie allerdings näher betrachtet, entdeckt man, daß die königlichen Diamanten nichts weiter als gewöhnliche Glasstückchen sind, die grob bemalt und so plump wie möglich Edelsteine imitieren und so erbärmlich zusammengefügt sind, daß sie in der Hand wie Pfefferkuchen zerbrechen.

Wir müssen zugehen, daß die englischen Wucherer im Verein mit der englischen Aristokratie sich auf die Kunst der Erniedrigung königlicher Hoheiten verstehen, wenn sie sie im Mutterlande auf die Nichtigkeit des Konstitutionalismus und außerhalb auf das abgeschlossene Dasein der Etikette beschränken. Und dennoch sind die Radikalen gerade über dieses Schauspiel erbittert!