Karl Marx/Friedrich Engels
Rezensionen aus Heft 4 der „Neuen Rheinischen Zeitung.

Politisch-ökonomische Revue"

Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.4, April 1850

In! Literatur.

Latter-Day Pamphlets. Edited by Thomas Carlyle. No.l: The Present
Time.-No.2: Model Prisons.-London, 1850.

Thomas Carlyle ist der einzige englische Schriftsteller, auf den die deutsche
Literatur einen direkten und sehr bedeutenden Einfluß ausgeübt hat. Schon
aus Höflichkeit darf der Deutsche seine Schriften nicht unbeachtet vorüber
gehen lassen.

Wir haben an der neuesten Schrift von Guizot (2s Heft III. der N. Rh. Z.)
gesehn, wie die Capacitäten der Bourgeoisie im Untergehn begriffen sind.
In den vorliegenden zwei Broschüren von Carlyle erleben wir den Untergang
des literarischen Genies an den akut gewordenen geschichtlichen Kämpfen,
gegen die es seine verkannten, unmittelbaren, prophetischen Inspirationen
geltend zu machen sucht.

Thomas Carlyle hat das Verdienst, literarisch gegen die Bourgeoisie aufge-
treten zu sein, zu einer Zeit wo ihre Anschauungen, Geschmacksrichtungen
und Ideen die ganze offizielle englische Literatur vollständig unterjochten,
und in einer Weise, die mitunter sogar revolutionär ist. So in seiner franzö-
sischen Revolutionsgeschichte, in seiner Apologie Cromwells, in dem

Pamphlet über den Chartismus, in „Past and Present". Aber in allen diesen
Schriften hängt die Kritik der Gegenwart eng zusammen mit einer seltsam
unhistorischen Apotheose des Mittelalters, auch sonst häufig bei englischen
Revolutionären, z.B. bei Cobbett und einem Theil der Char||l8[tisten.
Während er in der Vergangenheit wenigstens die klassischen Epochen einer
bestimmten Gesellschaftsphase bewundert, bringt ihn die Gegenwart zur
Verzweiflung, graut ihm vor der Zukunft. Wo er die Revolution anerkennt

Karl Marx/Friedrich Engels

oder gar apotheosirt, konzentrirt sie sich ihm in ein einzelnes Individuum,
einen Cromwell oder Danton. Ihnen widmet er denselben Heroencultus, den
er in seinen „Lectures on Heroes and Hero-Worship", als einzige Zuflucht
aus der verzweiflungsschwangern Gegenwart als neue Religion gepredigt
hat.

Wie die Ideen, so der Styl Carlyles. Er ist eine direkte, gewaltsame
Reaktion gegen den modern-bürgerlichen englischen Pecksniff-Styl, dessen
gespreizte Schlaffheit, vorsichtige Weitschweifigkeit und moralisch-senti-
mentale zerfahrene Langweiligkeit von den ursprünglichen Erfindern, den
gebildeten Cockneys, auf die ganze englische Literatur übergegangen ist. Ihr
gegenüber behandelte Carlyle die englische Sprache wie ein vollständig rohes
Material, das er von Grund aus umzuschmelzen hatte. Veraltete Wendungen
und Worte wurden wieder hervorgesucht und neue erfunden nach deutschem
und speciell Jean Paulschem Muster. Der neue Styl war ofthimmelstürmend
und geschmacklos, aber häufig brillant und immer originell. Auch hierin
zeigen die Latter-Day Pamphlets einen merkwürdigen Rückschritt.

Uebrigens ist es bezeichnend daß aus der ganzen deutschen Literatur
derjenige Kopf der am meisten Einfluß auf Carlyle geübt hat, nicht Hegel
war, sondern der literarische Apotheker Jean Paul.

Dem Kultus des Genius, den Carlyle mit Strauß theilt, istin den vorliegen-
den Brochüren der Genius abhanden gekommen. Der Kultus ist geblieben.

„Ihe Present Time" beginnt mit der Erklärung, daß die Gegenwart die
Tochter der Vergangenheit und die Mutter der Zukunft, jedenfalls aber eine
neue Aera ist.

Die erste Erscheinung dieser neuen Aera ist ein reformirender Papst. Das
Evangelium in der Hand, wollte Pius IX. vom Vatikan herab der Christenheit
„das Gesetz der Wahrheit" verkünden. „Vor mehr als dreihundert Jahren
erhielt der Thron Sankt Peters peremptorische gerichtliche Aufkündigung,
authentische Ordre, registrirt in der Kanzlei des Himmels, und seitdem lesbar
in den Herzen aller ||19] wackern Männer, sich auf und davon zu machen,
zu verschwinden, und uns nichts mehr zu thun zu machen mit ihm und seinen
Täuschungen und gottlosen Delirien; — und seitdem blieb er stehn auf seine
eigne Gefahr, und wird exakten Schadenersatz zu leisten haben für jeden
Tag den er so gestanden hat. Gesetz der Wahrheit? Was dieses Papstthum
dem Gesetz der Wahrheit gemäß zu thun hatte, das war, aufzugeben sein
faules galvanisirtes Leben, diese Schmach vor Gott und dem Menschen,
ehrbar zu sterben und sich begraben zu lassen. Fern hiervon war, was der
arme Papst unternahm; und doch war es im Ganzen wesentlich nur das. Ein

reformirender Papst? Turgot und Necker waren nichts dagegen. Gott ist
groß, und wenn ein Aergerniß enden soll, beruft er dazu einen gläubigen
Mann, der Hand ans Werk legt in Hoffnung, nicht in Verzweiflung." p. 3.

Rezensionen ¢ I. Latter-Day Pamphlets. Edited by Thomas Carlyle

Mit seinen Ref ormmanif esten hatte der Papst Fragen auf erweckt, ,,Mütter
von Wirbelwinden, Weltbränden, Erdbeben ... Fragen, welche alle offiziel-
len Männer wünschten und meist auch hofften, aufzuschieben bis zum
jüngsten Tag. Der jüngste Tag selbst war gekommen, das war die schreckli-
che Wahrheit." p. 4.

Das Gesetz der Wahrheit war proklamirt. Die Sizilianer „waren das erste
Volk, das sich daran gab diese neue, vom heiligen Vater sanktionirte Regel
anzuwenden: Wir gehören nicht durch das Gesetz der Wahrheit Neapel an
und diesen neapolitanischen Beamten. Wir wollen, mit der Gunst des Him-

mels und des Papstes, uns von diesen befreien." Daher die sizilische Re-
volution.

Das französische Volk, das sich selbst als eine „Art von Messiasvolk"
betrachtet, als der „auserwählte Soldat der Freiheit", fürchtete daß die
armen verachteten Sizilianer ihm diesen Industriezweig (trade) aus der Hand
nehmen möchten — Februarrevolution. „Wie durch sympathetische unterir-
dische Elekricitäten explodirte ganz Europa, schrankenlos, uncontrollirbar;
und wir hatten das Jahr 1848, eins der seltsamsten, unheilvollsten, erstaun-
lichsten und im Ganzen demüthigendsten Jahre, welche die europäische Welt
jemals sah___ Die Könige überall und die regierenden Personen stierten in
plötzlichem Schrecken, als die Stimme der ganzen Welt in ihre Ohren bellte:
Hebt Euch von dannen, | ihr Schwachköpfe, Heuchler, Histrionen, nicht
Heroen! Weg mit euch, weg! Und was eigenthümlich war, und in diesem Jahr
zuerst erhört: die Könige alle beschleunigten sich zu gehn, als wenn sie
ausriefen: Wir sind arme Histrionen, das sind wir — braucht Ihr Heroen?

Bringt uns nicht um, was können wir dafür! — Nicht Einer von ihnen wandte
sich rückwärts und stand fest auf seinem Königthum als auf einem Recht
wofür er sterben oder seine Haut riskiren könne. Das, wiederhole ich, ist
die beängstigende Besonderheit der Gegenwart. Die Demokratie, bei dieser
neuen Gelegenheit, findet alle Könige bewußt, daß sie nichts Andres sind
als Komödianten. Sie flohen jählings, Einige von ihnen mit sozusagen ausge-
suchter Schmach — in Angst vor dem Zuchthaus oder Schlimmerem. Und
das Volk, oder der Pöbel, übertrug allerorten seine eigne Regierung sich
selbst, und offne Königslosigkeit (Kinglessness), was wir Anarchie nennen
— glücklich, wenn Anarchie plus einem Straßenkonstabler — ist überall an
der Tagesordnung. Solches war die Geschichte vom baltischen bis zum
Mittelmeer, in Italien, Frankreich, Preußen, Oestreich, von einem Ende
Europas bis zum andern in jenen Märztagen von 1848. Und so blieb kein
König in Europa, kein König, außer dem öffentlichen ‚Haranguer', harangui-
rend auf dem Bierfaß, im Leitartikel, oder sich mit seines Gleichen versam-
melnd im Nationalparlament. Und für ungefähr vier Monate war ganz
Frankreich und in einem hohen Grade ganz Europa, abgehetzt durch jede

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Art von Delirium, ein auf und nieder wogender Pöbel, präsidirt von Herrn
von Lamartine auf dem Hotel de Ville. Ein sorgenschwangeres Schauspiel
für denkende Männer, so lange er währte, dieser arme Herr von Lamartine,
mit nichts in ihm, außer melodischem Wind und weichlichem Speichelfluß.
Traurig genug: Die beredteste, letzte Verkörperung des rehabilitirten
‚Chaos', fähig für sich selbst zu sprechen und mit glatten Worten einzu-
reden, es sei ,Kosmos'! Aber Ihr braucht nur kurze Zeit zu harren in solchen
Fällen; alle Luftballone müssen ihr Gas von sich geben unter dem Druck
der Dinge und fallen widerlich schlaff zusammen bevor lange." p. 5—8.

Wer war es, der diese allgemeine Revolution schürte, zu der der Stoff
allerdings vorhanden war? „Studenten, (j211 junge Literaten, Advokaten,
Zeitungsschreiber, heißblütige unerfahrene Enthusiasten und wilde, mit
Recht bankrotte Desperados. Nimmer bis jetzt haben junge Leute und
beinahe Kinder solch ein Commando geführt in den menschlichen Dingen.
Veränderte Zeit, seit das Wort senior, seigneur oder Aeltermann zuerst
erdacht wurde um Herr oder Vorgesetzter zu bedeuten, wie wir es in den
Sprachen aller Menschen finden! ... Wenn Ihr genauer zuseht, werdet Ihr
finden, daß der Alte aufgehört hat, ehrwürdig, und daß er begonnen hat
verächtlich zu sein, ein thörichter Knabe noch, aber ein Knabe ohne die
Anmuth, den Großsinn und die üppige Kraft der jungen Knaben. — Dieser
wahnsinnige Stand der Dinge wird natürlich binnen Kurzem sich selbst
Erleichterung verschaffen, wie er das überall schon zu thun begonnen hat;
die gewöhnlichen Nothwendigkeiten des täglichen Lebens können nicht mit
ihm bestehn und diese, was sonst auch bei Seite geworfen werden mag, gehn
ihren Weg fort. Eine beliebige Reparatur der alten Maschine unter neuen
Farben und veränderten Formen wird wahrscheinlich bald in den meisten
Ländern erfolgen; die alten Theater könige werden wieder zugelas sen werden
unter Bedingungen, unter Konstitutionen mit nationalen Parlamenten oder
dergl. fashionablem Zubehör, und allerorten wird das alte tägliche Leben
versuchen, von Anfang wieder anzufangen. Aber dermalen ist keine Hoff-
nung, daß solche Ausgleichungen Dauer haben kénnten____In solchen fluch-
bringenden Schwingungen, treibend wie unter abgrundlos tobenden Strudeln
und sich bekriegenden Seeströmungen, nicht stehend auf festgegründeten
Fundamenten, muß die europäische Gesellschaft fortfahren zu taumeln, —
bald heillos stolpernd, dann wieder mühselig sich aufraffend in immer kürze-
ren Intervallen, bis endlich einmal die neue Felsenbasis ans Tageslicht
kommt und die auf und nieder wogenden Sündf luthen der Meuterei und der
Nothwendigkeit der Meuterei sich wieder verlaufen." p. 8—10.

Soweit die Geschichte, die auch in dieser Form wenig tröstlich ist für die
alte Welt. Jetzt kommt die Moral:

„Die allgemeine Demokratie, was man auch von ihr denken möge, ist das

Rezensionen ¢ |. Latter-Day Pamphlets. Edited by Thomas Carlyle

unvermeidliche Faktum der Tage worin wir leben." p. 10. Was ist die De-
mokratie? Eine Bedeutung muß sie haben, oder sie wäre nicht da. Es kommt |
 also alles darauf an, die wahre Bedeutung der Demokratie zu finden.
Gelingt uns dies, so können wir mit ihr fertig werden; wo nicht, sind wir
verloren. Die Februarrevolution war „ein allgemeiner Bankerutt dels Be-
trugs; das ist ihre kurze Erklärung", (p. 14.) Der Schein und Scheingestalten,
„shams", „delusions", „phantasms", bedeutungslos gewordne Namen an-
statt der wirklichen Verhältnisse und Dinge, mit einem Wort der Lug anstatt
der Wahrheit hat in der modernen Zeit geherrscht. Die individuelle und
soziale Ehescheidung von diesen Scheingestalten und Gespenstern, das ist
die Aufgabe der Reform, und die Nothwendigkeit, daß aller sham, aller
Betrug aufhöre, ist unläugbar. „Allerdings mag dies Manchem befremdlich
erscheinen; und manch einem soliden Engländer, der mit gesundem Behagen
seinen Pudding verdaut unter den sogenannten gebildeten Klassen, scheint
es über die Maßen befremdlich, eine verrückte unwissende Vorstellung,
durchaus heterodox und schwanger nur mit Ruin. Ihm sind angewöhnt
worden Formen des Anstands, denen seit langer Zeit ihre Bedeutung abhan-
den gekommen ist, plausible Verhaltungsweisen, rein ceremoniell gewordne
Feierlichkeiten — was Ihr in Eurem bilderstiirmenden Humor shams nennt
— sein ganzes Leben durch; nimmer hörte er, daß irgend ein Harm in ihnen
wäre, daß irgend ein Vorankommen wäre ohne sie. Spann nicht die Baum-
wolle sich selbst, mästete sich nicht das Vieh, und Kolonialwaaren und
Spezereien kamen sie nicht von Osten und Westen herein durchaus comfor-
tabel an der Seite der shams?" (p. 15.)

Wird nun die Demokratie, diese nothwendige Reform, die Befreiung von
den shams, vollbringen? „Die Demokratie, wenn sie organisirt ist vermittelst
des allgemeinen Stimmrechts, wird sie diesen heilenden allgemeinen
Uebergang von der Illusion zum Wirklichen, vom Falschen zum Wahren
durchführen und nach und nach eine gesegnete Welt schaffen?" (p. 17.)
Carlyle läugnet dies. Er sieht überhaupt in der Demokratie und in dem allge-
meinen Stimmrecht nur eine Ansteckung aller Völker durch den englischen
Aberglauben an die Unfehlbarkeit der parlamentarischen Regierung. Die
Bemannung jenes Schiffs, das den Weg um Cap Horn verloren hatte, und
statt nach Wind und Wetter auszuschauen und den Sextanten zu gebrauchen,
über den einzuschlagenden Weg abstimmte und ||23] die Entscheidung der
Majorität für unfehlbar erklärte — das ist das allgemeine Stimmrecht das den
Staat lenken will. Wie für jeden Einzelnen, so für die Gesellschaft kommt
es nur darauf an, die wahren Regulationen des Universums, die ewig währen-
den Gesetze der Natur mit Bezug auf die jedesmal vorliegende Aufgabe zu
entdecken und darnach zu handeln. Wer uns diese ewigen Gesetze enthüllt,
dem folgen wir, „sei es der Czar von Rußland oder das chartistische Parla-

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ment, der Erzbischof von Canterbury oder der Dalai-Lama". Wie aber
entdecken wir diese ewigen Vorschriften Gottes? Jedenfalls ist das allge-
meine Stimmrecht, das Jedem einen Stimmzettel gibt und die Köpfe zählt,
der schlechteste Weg dazu. Das Universum ist sehr exclusiver Natur, und
hat von jeher seine Geheimnisse nur wenigen Auserwählten, nur einer klei-
nen Minorität von Edlen und Weisen mitgetheilt. Es hat daher auch nie eine
Nation auf der Grundlage der Demokratie existiren können. Griechen und
Römer? Jeder weiß heutzutage daß sie keine Demokratieen bildeten, daß die
Sklaverei die Grundlage ihrer Staaten war. Von den verschiedenen französi-
schen Republiken ist es ganz überflüssig zu sprechen. Und die nordamerika-

nische Musterrepublik? Von den Amerikanern kann bis jetzt nicht einmal
gesagt werden daß sie eine Nation, einen Staat bilden. Die amerikanische
Bevölkerung lebt ohne Regierung; was hier konstituirt, ist die Anarchie plus
einem Straßenkonstabler. Was diesen Zustand möglich macht, sind die
enormen Strecken noch unbebauten Landes und der aus England herüberge-

brachte Respekt vor dem Konstablerstock. Mit dem Wachsen der Bevölke-
rung hat auch das ein Ende. „Welche große menschliche Seele, welchen
großen Gedanken, welche große edle Sache die man anbeten oder der man
loyale Bewunderung zollen könnte, hat Amerika noch erzeugt." (p. 25.) — Es
hat seine Bevölkerung alle zwanzig Jahre verdoppelt — voilä tout.

Also diesseits und jenseits des atlantischen Oceans ist die Demokratie für
immer unmöglich. Das Universum selbst ist eine Monarchie und eine Hierar-
chie. Keine Nation, worin die göttliche immerwährende Pflicht der Leitung
und Controllirung der Unwissenden nicht dem Edelsten mit seiner auser-
wählten Reihe von Edleren anvertraut ist, hat das Reich Gottes, entspricht
den ewigen Naturgesetzen. |

 Jetzt erfahren wir auch das Geheimniß, den Ursprung und die Noth-
wendigkeit der modernen Demokratie. Es besteht einfach darin, daß der
Falsche Edle (sham-noble) erhöht und durch Tradition oder neuerfundene
Täuschungen konsekrirt worden ist.

Und wer soll den wahren Edelstein entdecken mit seiner ganzen Einfas-
sung von kleineren Menschenjuwelen und Perlen? sicher nicht das allge-
meine Stimmrecht; denn nur der Edle kann den Edlen ausfinden. Und so
erklärt Carlyle, daß England noch eine Menge solcher Edlen und „Könige"
besitze und fordert diese p. 38 auf, sich bei ihm zu melden.

Man sieht, wie der „Edle" Carlyle von einer durchaus pantheistischen
Anschauungsweise ausgeht. Der ganze geschichtliche Prozeß wird bedingt
nicht durch die Entwicklung der lebendigen Massen selbst, die natürlich von
bestimmten, aber selbst wieder historisch erzeugten wechselnden Voraus-
setzungen abhängig ist; er wird bedingt durch ein ewiges, für alle Zeiten
unveränderliches Naturgesetz, von dem er sich heute entfernt und dem er

Rezensionen I. Latter-Day Pamphlets. Edited by Thomas Carlyle

sich morgen wieder nähert, und auf dessen richtige Erkenntniß Alles an-
kommt. Diese richtige Erkenntniß des ewigen Naturgesetzes ist die ewige
Wahrheit, alles Andre ist falsch. Mit dieser Anschauungsweise lösen sich die
wirklichen Klassengegensätze, so verschieden sie in verschiednen Epochen
sind, sämmtlich auf in den Einen großen und ewigen Gegensatz derer, die
das ewige Naturgesetz ergründet haben und darnach handeln, der Weisen
und Edlen, und derer die es falsch verstehn, es verdrehn und ihm entgegen
wirken, der Thoren und Schurken. Der historisch erzeugte Klassenunter-
schied wird so zu einem natürlichen Unterschied, den man selbst als einen
Theil des ewigen Naturgesetzes anerkennen und verehren muß, indem man
sich vor den Edlen und Weisen der Natur beugt: Kultus des Genius. Die
ganze Anschauung des historischen Entwicklungsprozesses verflacht sich
zur platten Trivialität der Illuminaten- und Freimaurer-Weisheit des vorigen
Jahrhunderts, zur einfachen Moral aus der Zauberflöte und zu einem unend-
lieh verkommenen und banalisirten Saint-Simonismus. Damit kommt natür-
lich die alte Frage, wer denn eigentlich herrschen soll, die mit hochwichtiger
Seichtigkeit des Breitesten diskutirt und endlich dahin beantwortet wird, daß
die Edlen, Weisen und | Wissenden herrschen sollen; woran sich dann
ganz ungezwungen die Folgerung anschließt, daß viel, sehr viel regiert
werden müsse; daß nie zu viel regiert werden könne, daja das Regieren die
stete Enthüllung und Geltendmachung des Naturgesetzes gegenüber der
Masse ist. Wie aber sollen die Edlen und Weisen entdeckt werden? Kein
überirdisches Wunder enthüllt sie, man muß sie suchen. Und hier kom-
men die zu rein natürlichen Unterschieden gemachten historischen Klas-
senunterschiede wieder zum Vorschein. Der Edle ist edel, weil er Weiser,
Wissender ist. Er wird also zu suchen sein unter den Klassen, die das
Monopol der Bildung haben — unter den privilegirten Klassen; und dieselben
Klassen werden es sein, die ihn in ihrer Mitte auszufinden, die über seine
Ansprüche auf den Rang eines Edlen und Weisen zu entscheiden haben.
Damit werden die privilegirten Klassen sofort, wenn nicht geradezu zur edlen
und weisen, doch zur „artikulirten" Klasse; die unterdrückten Klassen sind
natürlich die „stummen unartikulirten" und so ist die Klassenherrschaft neu
sanktionirt. Die ganze hochentrüstete Polterei verwandelt sich in eine etwas
versteckte Anerkennung der bestehenden Klassenherrschaft, die bloß dar-
über grämelt und murrt, daß die Bourgeois ihren verkannten Genies keine
Stelle an der Spitze der Gesellschaft anweisen und aus sehr praktischen
Rücksichten nicht auf die schwärmerischen Faseleien dieser Herren eingehn.
Wie übrigens auch hier die hochtrabende Salbaderei in ihr Gegentheil
umschlägt, wie der Edle, Wissende und Weise in der Praxis sich in den
Gemeinen, Unwissenden und Narren verwandelt, davon liefert uns Carlyle
schlagende Exempel.

Karl Marx/Friedrich Engels

Er wendet sich, da bei ihm auf die starke Regierung Alles ankommt, mit
höchster Entrüstung gegen das Geschrei nach Befreiung und Eman-
cipation:

„Laßt uns Alle frei sein, der Eine von dem Andern. Frei ohne Band oder
Verschlingung, ausgenommen der der baaren Zahlung; ehrlicher Tageslohn
für ehrliches Tageswerk, festgesetzt durch freiwilligen Vertrag und durch
das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr; dies bildet man sich ein, sei die wahre
Lösung aller Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten, die zwischen Mensch
und Mensch vorgefallen sind. Um das Verhältniß, das zwischen zwei Men-
schen existirt, zu berichtigen, giebt es [ keine andere Methode als es ganz
und gar zu beseitigen?" (p. 29.)

Diese vollständige Auflösung aller Bande, aller Verhältnisse zwischen den
Menschen erreicht natürlich ihre Spitze in der Anarchie, dem Gesetz der
Gesetzlosigkeit, dem Zustand in dem das Band der Bänder, die Regierung,
vollständig zerschnitten ist. Und dahin strebt man in England wie auf dem
Kontinent, ja sogar in dem „soliden Germanien".

So poltert Carlyle mehrere Seiten hindurch fort, indem er auf eine höchst
befremdliche Weise rothe Republik, Fraternité, Louis Blanc u. s. w. mit dem
Free Trade, der Abschaffung der Kornzölle etc. zusammenwirft. Vergl.
p. 29—42. Die Vernichtung der traditionell noch forterhaltenen Reste des
Feudalismus, die Reduktion des Staats auf das unumgänglich Nöthige und
Allerwohifeilste, die vollständige Durchführung der freien Konkurrenz
durch die Bourgeois vermischt und identificirt Carlyle also mit der Aufhe-
bung eben dieser Bourgeoisverhältnisse, mit der Abschaffung des Gegensat-
zes von Kapital und Lohnarbeit, mit dem Sturz der Bourgeoisie durch das
Proletariat. Glänzende Rückkehr zu der „Nacht des Absoluten", in der alle
Kühe grau sind! Tiefe Wissenschaft des „Wissenden", der nicht das erste
Wort von dem weiß was um ihn vorgeht! Seltsamer Scharfsinn, der mit der
Abschaffung des Feudalismus oder der freien Konkurrenz alle Beziehungen
zwischen den Menschen abgeschafft glaubt! Gründliche Ergründung des
„ewigen Naturgesetzes" die in allem Ernst glaubt, daß keine Kinder mehr
zur Welt kommen, sobald die Eltern nicht vorher auf die Mairie gehn um
sich ehelich zu „verbinden" !

Nach diesem erbaulichen Beispiel von der Weisheit, die auf die pure
Unwissenheit hinausläuft, gibt uns Carlyle auch noch den Beweis, wie der
hochbetheuernde Edelmuth sofort in die unverhüllte Niedertracht um-
schlägt, sobald er aus seinem Phrasen- und Sentenzenhimmel in die Welt der
wirklichen Verhältnisse hinabsteigt.

„In allen europäischen Ländern, speciell in England, hat eine Klasse von
Hauptleuten und Kommandeuren von Menschen, erkennbar als der Beginn
einer neuen, realen und nicht imaginären Aristokratie sich bereits einiger-

212.

fa

Rezensionen ¢ I. Latter-Day Pamphlets. Edited by Thomas Carlyle

maßen entwickelt: Die Hauptleute der Industrie, glücklicher Weise die
Klasse, | welche vor allen Andern in diesen Zeiten Noth thut. Und sicher,
von der andern Seite ist kein Mangel an Menschen, die nöthig haben kom-
mandirt zu werden: Diese traurige Klasse von Brudermenschen, die wir
beschrieben haben als Hodge's emancipate Pferde, reduzirt zu va-
gabondirender Hungerleiderei; diese Klasse ebenfalls hat sich in allen Län-
dern entwickelt, und entwickelt sich immer mehr in unheilschwangrer geo-
metrischer Progression mit beängstigender Geschwindigkeit. Auf diesen
Grund hin kann es mit Wahrheit gesagt werden, daß die Organisation der
Arbeit die allgemeine Lebensaufgabe der Welt ist." (p. 42, 43.)

Nachdem Carlyle auf den ersten vierzig Seiten seinen ganzen tugendhaften
Grimm gegen den Egoismus, die freie Konkurrenz, Abschaffung der feuda-
len Bande zwischen Mensch und Mensch, Nachfrage und Zufuhr, Laisser
faire, Baumwollspinnen, baare Zahlungetc. etc. aberund abermals ausgepol-

tert hat, finden wir jetzt auf einmal, daß die Hauptvertreter aller dieser
shams, die industriellen Bourgeois, nicht nur zu den gefeierten Heroen und
Genien gehören, sondern sogar den zunächst nothwendigen Theil dieser
Heroen ausmachen, daß der Trumpf aller seiner Angriffe gegen die Bour-
geois-Verhältnisse und Ideen die Apotheose der Bourgeoispersonen ist.
Sonderbarer erscheintes, daß Carlyle, nachdem er die Kommandirenden und
die Kommandirten der Arbeit vorgefunden hat, also eine bestimmte Or-
ganisation der Arbeit, dennoch diese Organisation für ein noch zu lösendes
großes Problem erklärt. Aber man täusche sich nicht. Es handelt sich nicht
um die Organisation der einregimentirten, sondern um die der nicht einre-
gimentirten, der führerlosen Arbeiter, und diese hat Carlyle sich selbst
vorbehalten. Wir sehn ihn am Schluß seiner Brochure plötzlich als briti-
schen Premierminister in partibus auftreten, die drei Millionen irische und
andre Bettler, arbeitsfähige Habenichtse nomadisch oder stationär, und die
allgemeine Nationalversammlung der britischen Paupers außer dem Work-
hause und im Workhause zusammenrufen, und in einer Rede „haranguiren"
worin er den Habenichtsen erstlich alles wiederholt was er dem Leser schon
früher anvertraut hat und dann die auserlesene Gesellschaft anredet wie
folgt: I

 „Vagabondirende Habe- und Taugenichtse, thöricht Manche von
Euch, Verbrecher viele von Euch, Elende Alle! Euer Anblick erfüllt mich
mit Staunen und Verzweiflung. Hier sind an die drei Millionen von Euch,
Manche von Euch in den Abgrund des direkten Bettlerthums gefallen, und
schrecklich zu sagen, jeder, der fällt, beschwert mit seinem Gewicht um
soviel mehr die Kette die die Andern herüberzieht. Am Rande dieses Ab-
grunds hangen ungezählte Millionen, die sich vermehren, wie man mir sagt,
um zwölfhundert jeden Tag, fallend, fallend Einer nach dem Andern, und

Karl Marx/Friedrich Engels

die Kette wird immer schwerer, und wer zuletzt wird noch stehn können?
— Was nun mit Euch anfangen? ... Die Andern, die noch stehn, ringen mit
ihren eignen Nöthen, das kann ich Euch sagen; aber Ihr, durch mangelhafte
Energie und überflüssigen Appetit, durch zu wenig gethane Arbeit und zu
viel getrunkenes Bier, Ihr habt bewiesen daß Ihr es nicht könnt. Wißt, daß
wer auch immer die Söhne der Freiheit sein mögen, Ihr für Euren Theil seid
es nicht und könnt es nicht sein; Ihr seid handgreiflich Gefangene, nicht

Freie Ihr habt die Natur von Sklaven, oder wenn Ihr lieber wollt, von
nomadisch vagabundirenden Knechten, die keinen Herrn zu finden wis-
sen Nicht als glorreich unglückliche Söhne der Freiheit, sondern als

notorische Gefangene, als unglückliche gefallne Brüder, die verlangen, daß
ich sie kommandiren und wenn nöthig, sie kontrolliren und unterjochen soll,
könnt Ihr von nun an mit mir in Verbindung treten____Vor dem Himmel und
der Erde, und Gott, dem Schöpfer unser Aller, erkläre ich es ein Aergerniß,
solch ein Leben in Euch erhalten zu sehn, durch den Schweiß und das

Herzblut Eurer Brüder, und daß wenn wir es nicht bessern können, der Tod
vorzuziehen wäre___ Schreibt Euch ein in meine irischen, meine schotti-
schen, meine englischen Regimenter der neuen Aera, Ihr armen wandernden
Banditen, gehorcht, arbeitet, duldet, fastet, wie Alle von uns thun mußten _
Industrielle Obersten, Werkmeister, Aufseher, Herren über Leben und Tod,

billig wie Rhadamanth und unbeugsam wie er, die thun Euch Noth, und sie
werden für Euch findbar sein, sobald Ihr einmal unter den Kriegsartikeln
steht___Zu jedem von Euch werde ich dann sagen: Hier ist Werk für Euch;
macht Euch tapfer dran, mit männlichem, soldatischem Gehorsam und
gu|(29|tem Muth, und fügt Euch gemäß den Methoden, die ich hier diktire,

— Lohn folgt für Euch ohne Schwierigkeit___Weigert Euch, bebt vor saurer
Arbeit zurück, gehorcht nicht den Vorschriften, und ich werde Euch ermah-
nen und anzustacheln suchen; wenn vergeblich, werde ich Euch peitschen;
wenn immer noch vergeblich, werde ich Euch endlich niederschießen."
(p. 46-55.)

Die „neue Aera", worin der Genius herrscht, unterscheidet sich von der
alten Aera also hauptsächlich dadurch, daß die Peitsche sich einbildet genial
zu sein. Der Genius Carlyle unterscheidet sich vom ersten besten Gef ängniß-
cerberus oder Armenvogt durch die tugendhafte Entrüstung und das morali-
sche Bewußtsein, daß er die Paupers nur schindet um sie zu seiner Höhe zu
erheben. Wir sehen hier den hochbetheuernden Genius in seinem welterlö-
senden Zorn die Infamieen des Bourgeois phantastisch rechtfertigen und
übertreiben. Hatte die englische Bourgeoisie die Paupers den Verbrechern
assimilirt, um vom Pauperismus abzuschrecken, hatte sie das Armengesetz
von 1833 geschaffen, so klagt Carlyle die Paupers des Hochverraths an, weil
der Pauperismus den Pauperismus erzeugt. Wie vorhin die historisch ent-

Rezensionen ° II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

standene herrschende Klasse, die industrielle Bourgeoisie, schon weil sie
herrschte des Genius theilhaftig war, so ist jetzt jede unterdrückte Klasse,
je tiefer sie unterdrückt ist, desto mehr vom Genius ausgeschlossen, desto
mehr der tobenden Wuth unsres verkannten Reformators ausgesetzt. So hier
die Paupers. Aber sein sittlich-edler Grimm erreicht die höchste Spitze
gegenüber den absolut Niederträchtigen und Ignobeln, den „Schurken", d. h.
den Verbrechern. Von diesen handelt er in der Brochüre über die Mu-
stergefängnisse.
Diese Brochüre unterscheidet sich von der ersten nur durch eine noch viel
größere Wuth, um so wohlfeiler, als sie sich gegen die von der bestehenden
Gesellschaft offiziell Ausgestoßenen, gegen Leute unter Schloß und Riegel
richtet; eine Wuth, die selbst das Wenige von Scham abstreift, was die
gewöhnlichen Bourgeois Anstands halber noch zur Schau tragen. Wie Car-
lyle im ersten Pamphlet eine vollständige Hierarchie der Edeln aufstellt und
dem Edelsten der Edeln nachspürt, so arrangirt er hier eine ebenso komplete
Hierarchie der Schurken und Niederträchtigen und trachtet danach, den |
 Schlechtesten der Schlechten, den größten Schurken in England zu erja-
gen, um die Wollust zu haben ihn zu hängen. Gesetzt er finge ihn und hing'
ihn auf; so istnun ein Andrer der Schlechteste und muß wieder gehangen wer-
den und dann wieder ein Anderer, bis die Reihe endlich an die Edlen, und
dann an die Edleren kömmt und zuletzt Niemand übrig blieb als Carlyle, der
Edelste, der als Verfolger der Schurken zugleich Mörder der Edlen ist, und
auch in den Schurken das Edle gemordet hat, der Edelste der Edeln, der sich
plötzlich in den Niederträchtigsten der Schurken verwandelt, und als solcher
sich selbst zu hängen hat. Damit wären dann alle Fragen über die Regierung,
den Staat, die Organisation der Arbeit, die Hierarchie des Edlen gelöst, und
das ewige Naturgesetz endlich verwirklicht.

u.

Les Conspirateurs, par A. Chenu, ex-capitaine des gardes du citoyen
Caussidiere. — Les sociétés secretes; la préfecture de police sous
Caussidiere; les corps-francs. — Paris, 1850.

La naissance de la République en Février 1848. Par Lucien de la Hodde.
- Paris, 1850.

Nichts ist wünschenswerther als daß die Leute, die an der Spitze der Bewe-
gungs-Partei standen, sei es vor der Revolution in den geheimen Geseilschaf -

Karl Marx/Friedrich Engels

ten oder in der Presse, sei es später in offiziellen Stellungen, endlich einmal
mit derben rembrandtschen Farben geschildert werden, in ihrer ganzen
Lebendigkeit. Die bisherigen Darstellungen malen uns diese Persönlichkei-
ten nie in ihrer wirklichen, nur in ihrer offiziellen Gestalt, mit dem Kothurn
am Fuß und der Aureole | um den Kopf. In diesen verhimmelten ra-
phael'schen Bildern geht alle Wahrheit der Darstellung verloren.

Die beiden vorliegenden Schriften entfernen zwar den Kothurn und die
Aureole, mit denen die „großen Männer" der Februarrevolution bisher zu
erscheinen pflegten. Sie dringen in das Privatleben dieser Personen ein, sie
zeigen sie uns im Negligé, mit ihrer ganzen Umgebung von subalternen
Subjekten sehr verschiedener Art. Aber darum sind sie nicht weniger weit
entfernt von einer wirklichen, treuen Darstellung der Personen und Ereig-
nisse. Von ihren Verfassern ist der Eine ein eingestandner langjähriger
Mouchard Louis Philippes, der Andre ein alter Verschwörer von Profession,
dessen Beziehungen zur Polizei ebenfalls sehr zweideutig sind, und dessen
Auffassungsfähigkeit schon dadurch charakterisirt wird, daß er zwischen
Rheinf elden und Basel „jene prächtige Alpenkette, deren silberne Gipfel das
Auge blenden" und zwischen Kehl und Karlsruhe „die rheinischen Alpen,
deren ferne Gipfel sich im Horizont verloren", gesehn haben will. Von
solchen Leuten besonders wenn sie obendrein zu ihrer persönlichen Recht-
fertigung schreiben, ist allerdings nur eine mehr oder minder chargirte
Chronique scandaleuse der Februarrevolution zu erwarten.

Herr de la Hodde sucht sich in seiner Brochüre als den Spion des
Cooper'schen Romans darzustellen. Er habe, behauptet er, sich um die
Gesellschaft verdient gemacht, indem er die geheimen Gesellschaften wäh-
rend acht Jahren paralysirte. Aber vom Cooper'schen Spion bis zu Herrn
de la Hodde ist weit, sehr weit. Herr de la Hodde, Mitarbeiter am „Cha-
rivari", Mitglied des Centralkomités der „societe des nouvelles saisons" seit
1839, Mitredakteur der „Reforme" seit ihrer Gründung, und gleichzeitig

bezahlter Spion des Polizeipräf ecten Delessert, ist durch Niemanden mehr 30

kompromittirt als durch Chenu. Seine Schrift ist direkt provocirt durch
Chenu's Enthüllungen, hütet sich aber sehr wohl, auch nur eine Sylbe auf
das zu erwidern, was Chenu über de la Hodde selbst sagt. Dieser Theil der
Chenu'schen Memoiren wenigstens ist also authentisch.

„In einer meiner nächtlichen Wanderungen", erzählt Chenu, „bemerkte
ich de la Hodde wie er den Quai Voltaire auf- und abwandelte. Der Regen
floß stromweise, und dieser |32[ Umstand machte mich nachdenklich. Sollte
zufällig dieser theure de la Hodde auch in der Kasse der geheimen Fonds
schöpfen? Aber ich erinnerte mich seiner Gesänge, seiner herrlichen Stro-
phen über Irland und Polen, und namentlich der heftigen Artikel die er im
Journal ‚La Reforme' schrieb" (während Herr de la Hodde sich als den

Rezensionen ¢ II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

Besänftiger der Reforme hinzustellen sucht). „Guten Abend, de la Hodde,
was Teufel treibst Du hier zu dieser Stunde und in diesem schauderhaften
Wetter? — Ich warte auf einen Schwerenöther, der mir Geld schuldig ist,
und da er alle Abend zu dieser Stunde hier vorüber kommt, wird er mir
zahlen, oder — und er schlug heftig mit seinem Stock auf die Brustwehr des
Quais."

De la Hodde sucht ihn los zu werden und gehtnach dem Pont du Carrousel
zu. Chenu entfernt sich nach der entgegengesetzten Seite, aber nur, um sich
unter den Arkaden des Instituts zu verbergen. De la Hodde kommt bald

zurück, sieht sich sorgfältig nach allen Seiten um, und spaziert von Neuem
auf und ab.

„Eine Viertelstunde nachher bemerkte ich den Wagen mit den zwei kleinen
grünen Laternen, den mir mein Ex-Agent signalisirt hatte" (ein ehemaliger
Spion, der Chenu im Gef ängniß eine Menge Polizeigeheimnisse und Erken-

nungszeichen verrathen hatte). „Er hielt an der Ecke der Rue des Vieux-

Augustins. Ein Mann stieg aus; de la Hodde ging gerades Wegs auf ihn zu;
sie sprachen einen Augenblick zusammen, und ich sah de la Hodde die
Bewegung eines Menschen machen der Geld in seine Tasche steckt. — Nach
diesem Vorfall wandte ich Alles an, um de la Hodde aus unsern Zusammen-
künften zu entfernen, und vor Allem Albert zu verhindern in eine Schlinge
zu fallen, denn er war der Eckstein unsres Gebäudes. Einige Tage nachher
wies die Reforme einen Artikel des Herrn de la Hodde zurück. Seine literari-
sche Eitelkeit wurde dadurch verletzt. Ich rieth ihm sich zu rächen durch
Gründung eines andern Journals. Er folgte diesem Rath, und publicirte mit
Pilhes und Dupoty sogar den Prospectus eines Blattes ‚Le Peuple', und
während dieser Zeit waren wir ihn fast ganz los." — Chenu, p. 46—48.

Wir sehn: Der Cooper'sche Spion verwandelt sich in den politischen
Prostituirten der gemeinsten Art, der auf der Straße im Regenwetter auf die
Auszahlung seines cadeau j J33 f durch den ersten besten officier de paix

lauert. Wir sehn ferner: Nicht de la Hodde, wie er glauben machen möchte,
sondern Albert stand an der Spitze der geheimen Gesellschaften. Dies folgt
überhaupt aus der ganzen Darstellung Chenu's. Der Mouchard „im Interesse
der Ordnung" verwandelt sich hier plötzlich in den beleidigten Schriftsteller,
der sich ärgert, daß auf der Reforme die Artikel des Mitarbeiters am Cha-
rivari nicht ohne Weiteres aufgenommen werden, und der deßhalb bricht mit
der Reforme, einem wirklichen Parteiorgan, bei dem er der Polizei nützlich
werden konnte, um ein neues Blatt zu gründen, wo er höchstens seine Li-
terateneitelkeit befriedigen konnte. Wie die Prostituirten durch ein gewisses
Sentiment, so suchte der Mouchard sich durch seine schriftstellerischen
Ansprüche aus seiner schmutzigen Stellung zu retten. Der Haß gegen die
Reforme, der durch sein ganzes Pamphlet geht, löst sich auf in die trivialste

Karl Marx/Friedrich Engels

Schriftstellerrancüne. Endlich sehen wir, daß de la Hodde in der wichtigsten
Zeit der geheimen Gesellschaften, kurz vor der Februarrevolution, mehr und
mehr aus ihnen verdrängt wurde; und hieraus erklärt sich, warum sie, ganz
im Gegensatz zu Chenu, in dieser Zeit nach seiner Darstellung mehr und mehr
verfallen.

Wir kommen jetzt zu der Scene, in der Chenu die Enthüllung der Verrä-
thereien de la Hodde's nach der Februarrevolution schildert. Die Partei der
Reforme war bei Albert im Luxembourg auf Caussidieres Einladung versam-
melt. Monnier, Sobrier, Grandmenil, de la Hodde, Chenu etc. waren erschie-
nen. Caussidiere eröffnete die Versammlung und sagte dann:

„Es befindet sich ein Verräther unter uns. Wir werden uns als geheimes
Tribunal konstituiren, um ihn zu richten." — Grandmenil als der älteste
Anwesende wurde zum Präsidenten, und Tiphaine zum Sekretär ernannt.
Bürger, fuhr Caussidiere als öffentlicher Ankläger fort, lange haben wir
brave Patrioten angeklagt. Wir waren weit entfernt, zu ahnen, welche
Schlange sich unter uns geschlichen hatte. Heute habe ich den wirklichen
Verräther entdeckt: es ist Lucien de la Hodde!—Dieser, der bisher ganz ruhig
gesessen hatte, sprang auf bei dieser direkten Anklage. Er machte eine
Bewegung gegen die Thür. Caussidiere schloß sie rasch, zog | eine Pistole
und rief: Wenn Du Dich rührst, zerschmettre ich Dir den Schädel! — De la
Hodde betheuerte feurig seine Unschuld. Gut, sagte Caussidiere. Hier ist ein
Aktenstoß der achtzehnhundert Berichte an den Polizeipräfekten enthält —
und er gab Jedem unter uns die ihn speciell betreffenden Berichte. De la
Hodde läugnete hartnäckig, daß diese Berichte, unterzeichnet Pierre, von
ihm herrührten, bis Caussidiere den in seinen Memoiren veröffentlichten
Brief vorlas, einen Brief, worin de la Hodde seine Dienste dem Polizeipräfek-
ten anbot, und den er mit seinem wahren Namen unterzeichnet hatte. Von
diesem Augenblick läugnete der Unglückliche nicht mehr, er suchte sich zu
entschuldigen durch das Elend, das ihm den fatalen Gedanken eingegeben,
sich in die Arme der Polizei zu werfen. Caussidiere reichte ihm die Pistole
dar, letztes Rettungsmittel das ihm bleibe. De la Hodde flehte darauf zu
seinen Richtern, er wimmerte um ihre Milde, aber sie blieben unbeugsam.
Bocquet, einer der Anwesenden, dem die Geduld ausging, ergriff die Pistole
und reichte sie ihm dreimal dar mit den Worten: Allons, zerschmettre Du-
den Schädel, Feigling, Feigling, oder ich selbst tödte Dich! — Albert riß sie
ihm aus der Hand: Aber bedenke, ein Pistolenschuß, hier im Luxembourg,
allarmirt alle Welt! — Richtig, rief Bocquet, wir müssen Gift haben. — Gift?
sagte Caussidiere, ich habe Gift mitgebracht, und zwar von allen Sorten. Er
nahm ein Glas, füllte es mit Wasser, das er zuckerte, schüttete dann ein
weißes Pulver hinein, bot es dem de la Hodde dar, der zurückschauderte:
Ihr wollt mich also meucheln? — Jawohl, sagte Bocquet, trink. — De la Hodde

Rezensionen ¢ II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

war schrecklich anzuschauen. Seine Züge wurden fahl, seine sehr krausen
und wohl frisirten Haare bäumten sich auf seinem Haupt. Der Schweiß
überschwemmte sein Gesicht. Er flehte, er weinte: Ich will nicht sterben!
Aber Bocquet, unbeugsam, hielt ihm immer noch das Glas dar. Allons, trink
doch, sagte Caussidiére, Du wirst zum Teufel sein, ehe Du Dich versiehst.
— Nein, nein, ich werde nicht trinken! Und in seiner Geisteszerrüttung fügte
er mit einer schrecklichen Geberde hinzu: O, ich werde mich rächen für alle
diese Martern!"

Als man sah, daß aller Appel ans Point d'Honneur nichts fruchtete, wurde

de la Hodde auf Alberts Fürsprache | endlich begnadigt und ins Gefäng-
niß der Conciergerie gebracht. (Chenu, p. 134—136.)

Der angeblich Cooper'sche Spion wird immer erbärmlicher. Wir sehn
ihn hier in seiner ganzen Verächtlichkeit, wie er seinen Gegnern bloß durch
seine Feigheit Widerstand zu leisten weiß. Wir werfen ihm vor, nicht daß er

nicht sich selbst, sondern daß er nicht den ersten besten seiner Gegner
niederschoß. Er sucht sich nachträglich durch eine Schrift zu retten, worin
er die ganze Revolution als eine bloße Escroquerie darzustellen sucht. Der
richtige Titel dieser Schrift ist: „Der enttäuschte Polizist". Sie weist nach,
daß eine wirkliche Revolution das gerade Gegentheil ist von den Vorstel-
lungen des Mouchards, der mit den „Männern der That" übereinstimmend
in jeder Revolution das Werk einer kleinen Coterie sieht. Während alle von
Coterieen mehr oder weniger willkührlich provocirten Bewegungen bloße
Erneuten blieben, geht aus de la Hodde's Darstellung selbst hervor, einer-
seits daß die offiziellen Republikaner im Anfang der Februartage noch an
der Eroberung der Republik verzweifelten, andrerseits, daß die Bourgeoisie
die Republik erobern helfen mußte ohne sie zu wollen, daß also die Februar-
republik nothwendig durch die Umstände herbeigeführt wurde, die die
Massen des außer allen Coterieen stehenden Proletariats in die Straßen
trieb und die Majorität der Bourgeoisie zu Hause hielt oder zu gemein-
samer Aktion mit ihm zwang. — Was de la Hodde im Uebrigen mittheilt,
ist äußerst dürftig und reduzirt sich auf die banalsten Klatschereien. Nur
eine Scene ist interessant: Die Zusammenkunft der offiziellen Demokraten
im Lokal der Réforme am 21. Februar Abends, in der die Chefs sich ent-
schieden gegen einen gewaltsamen Angriff aussprachen. Der Inhalt ihrer
Reden zeugt im Ganzen, für diesen Tag, noch von einer richtigen Auffas-
sung der Verhältnisse. Lächerlich ist nur die hochtrabende Form und die
spätere Prätension derselben Leute, die Revolution von Anfang an mit
Bewußtsein und Absicht herbeigeführt zu haben. Das Schlimmste was
de la Hodde ihnen übrigens nachsagen kann, ist, daß sie ihn so lange unter
sich duldeten.

Kommen wir zu Chenu. Wer ist Herr Chenu? Er ist ein alter Conspirateur,

Karl Marx/Friedrich Engels

seit 1832 in allen Erneuten betheiligt, und der Polizei wohlbekannt. Zur
Conscription herangezogen, | desertirt er bald und bleibt unentdeckt in
Paris, trotz seiner abermaligen Betheiligung an Verschwörungen und an der
Erneute von 1839. 1844 stellt er sich bei seinem Regiment und sonderbarer
Weise wird ihm, trotz seiner wohlbekannten Antecedentien, das Kriegsge-
rieht vom Divisionsgeneral erlassen. Noch mehr: er dient seine Zeit beim
Regiment nicht ab, sondern kann nach Paris zurückkehren. 1847 ist er in die
Brandbomben-Verschwörung verwickelt; er entkommt bei einem Verhaf-
tungsversuch, bleibt aber nichtsdestoweniger in Paris, obwohl er in contu-
maciam zu vier Jahren verurtheilt wird. Erst von seinen Mitverschwörern
angeklagt, mit der Polizei in Verbindung zu stehn, geht er nach Holland, von
wo er am 21. Februar 1848 zurückkommt. Nach der Februarrevolution wird
er Hauptmann in Caussidiéres Garden. Caussidiere hat ihn bald im Verdacht
(ein Verdacht, der viel Wahrscheinlichkeit besitzt) mit Marrasts Spe-
zialpolizei in Verbindung zu stehn, und entfernt ihn ohne viel Widerstand
nach Belgien, und später nach Deutschland. Herr Chenu läßt sich ziemlich
gutwillig nacheinander in die belgischen, deutschen und polnischen Frei-
corps einrangiren. Und Alles dies zu einer Zeit, wo Caussidiéres Macht schon
zu wanken begann, und obwohl Chenu ihn vollständig beherrscht haben will,
so behauptet er, ihn durch einen Drohbrief, als er einmal verhaftet war, zu
seiner sofortigen Freilassung gezwungen zu haben. Soviel über den Charak-
ter und die Glaubwürdigkeit unsres Autors.

Die Massen von Schminke und Patchouli, worunter die Prostituirten die
weniger anziehenden Seiten ihrer physischen Existenz zu ersticken suchen,
finden sich literarisch reproduzirt in dem bel-esprit, womit de la Hodde sein
Pamphlet parfürnirt. Der literarische Charakter des Chenu'schen Buchs
dagegen erinnert in der Naivetät und Lebendigkeit der Darstellung häufig
an Gil Blas. Wie Gil Blas in den verschiedensten Abentheuern stets Bedienter
bleibt und Alles nach dem Maßstab des Bedienten beurtheilt, so bleibt Chenu
von der Erneute von 1832 bis zu seiner Entfernung aus der Präfektur immer
derselbe subalterne Conspirateur, dessen specielle Bornirtheit sich übrigens
sehr genau unterscheiden läßt von den platten Reflexionen des ihm vom
Elysée zugewiesenen literarischen „Faiseurs". Es ist klar, daß auch bei
Chenu von einem Verständniß der revolutionären Bewegung nicht die Rede
sein ;37| kann. Interessant bleiben in seiner Schrift daher nur die Kapitel,
wo er mehr oder weniger unbefangen aus eigner Anschauung schildert: Die
Conspirateurs und Held Caussidiere.

Man kennt die Neigung der romanischen Völker zu Verschwörungen und
die Rolle, die die Verschwörungen in der modernen spanischen, italienischen
und französischen Geschichte gespielt haben. Nach den Niederlagen der
spanischen und italienischen Verschwörer im Anfang der zwanziger Jahre

Rezensionen ° I. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

wurden Lyon und namentlich Paris die Centren der revolutionären Verbin-
dungen. Es ist bekannt, wie bis 1830 die liberalen Bourgeois an der Spitze
der Verschwörung gegen die Restauration standen. Nach der Juli-
revolution trat die republikanische Bourgeoisie an ihre Stelle; das Proleta-
riat, schon unter der Restauration zum Conspiriren erzogen, tratindem Maße
in den Vordergrund, worin die republikanischen Bourgeois durch die ver-
geblichen Straßenkämpfe von den Conspirationen zurückgeschreckt wur-
den. Die société des saisons, mit der Barbes und Blanqui die Erneute von
1839 machten, war schon ausschließlich proletarisch, und ebenso waren es
die nach der Niederlage gebildeten nouvelles saisons, an deren Spitze Albert
trat, und woran Chenu, de la Hodde, Caussidiére etc. sich betheiligten. Die
Verschwörung stand durch ihre Chefs fortwährend in Verbindung mit den
in der Réforme repräsentirten kleinbürgerlichen Elementen, hielt sich jedoch
immer sehr unabhängig. Diese Conspirationen umfaßten natürlich nie die
große Masse des Pariser Proletariats. Sie beschränkten sich auf eine verhält-
nißmäßig kleine, stets schwankende Zahl von Mitgliedern, die theils aus
alten, stationären, von jeder geheimen Gesellschaft ihrer Nachfolgerin re-
gelmäßig überlieferten Verschwörern, theils aus neuangeworbenen Arbei-
tern bestand.

Unter diesen alten Verschwörern schildert Chenu fast ausschließlich nur
die Klasse zu der er selbst gehört: Die Conspirateurs von Profession. Mit
der Ausbildung der proletarischen Conspirationen trat das Bedürfniß der
Theilung der Arbeit ein; die Mitglieder theilten sich in Gelegenheitsver-
schwörer, conspirateurs d'occasion, d. h. Arbeiter, die die Verschwörung nur
neben ihrer sonstigen Beschäftigung betrieben, nur die Zusammenkünfte
besuchten und sich bereit hielten, ||38] auf den Befehl der Chefs am Sam-
melplatz zu erscheinen; und in Conspirateure von Profession, die ihre ganze
Thätigkeit der Verschwörung widmeten und von ihr lebten. Sie bildeten die
Mittelschichte zwischen den Arbeitern und den Chefs, und schmuggelten
sich häufig sogar unter diese.

Die Lebensstellung dieser Klasse bedingt schon von vorn herein ihren
ganzen Charakter. Die proletarische Conspiration bietet ihnen natürlich nur
sehr beschränkte und unsichre Existenzmittel. Sie sind daher fortwährend
gezwungen, die Kassen der Verschwörung anzugreifen. Manche von ihnen
kommen auch direkt in Collisionen mit der bürgerlichen Gesellschaft über-
haupt und f iguriren mit mehr oder weniger Anstand vor den Zuchtpolizeige-
richten. Ihre schwankende, im Einzelnen mehr vom Zufall als von ihrer
Thätigkeit abhängige Existenz, ihr regelloses Leben, dessen einzig fixe
Stationen die Kneipen der Marchands de Vin sind — die Rendezvoushäuser
der Verschwornen — ihre unvermeidlichen Bekanntschaften mit allerlei
zweideutigen Leuten rangiren sie in jenen Lebenskreis den man in Paris la

Karl Marx/Friedrich Engels

Bohème nennt. Diese demokratischen Bohemiens proletarischen Ursprungs
— es gibt auch eine demokratische BohSme bürgerlichen Ursprungs, die
demokratischen Bummler und piliers d'estaminet — sind also entweder
Arbeiter, die ihre Arbeit aufgegeben haben und dadurch dissolut geworden
sind, oder Subjekte, die aus dem Lumpenproletariat hervorgehn und alle
dissoluten Gewohnheiten dieser Klasse in ihre neue Existenz übertragen.
Man begreift, wie unter diesen Umständen fast in jeden Conspirationsprozeß
ein paar repris de justice sich verwickelt finden.

Das ganze Leben dieser Verschwörer von Profession trägt den ausgepräg-
testen Charakter der Boheme. Werbunteroffiziere der Verschwörung, zie-
hen sie von Marchand de Vin zu Marchand de Vin, fühlen den Arbeitern den
Puls, suchen ihre Leute heraus, cajoliren sie in die Verschwörung hinein, und
lassen entweder die Gesellschaftskasse oder den neuen Freund die Kosten
der dabei unvermeidlichen Consumtion von Litres tragen. Der Marchand de
Vin ist überhaupt ihr eigentlicher Herbergsvater. Beiihm hält der Verschwö-
rer sich meistens auf; hier hat er seine Rendezvous mit seinen Collegen, mit
den Leuten seiner Sektion, mit den Anzuwerbenden; hier endlich finden die
geheimen Zusammenkünfte der ||39] Sektionen und Sektionschefs (Gruppen)
statt. Der Conspirateur, ohnehin wie alle Pariser Proletarier sehr heitrer
Natur, entwickelt sich in dieser ununterbrochenen Kneipenatmosphäre bald
zum vollständigsten Bambocheur. Der finstre Verschwörer, der in den
geheimen Sitzungen eine spartanische Tugendstrenge an den Tag legt, thaut
plötzlich auf und verwandelt sich in einen überall bekannten Stammgast, der
den Wein und das weibliche Geschlecht sehr wohl zu schätzen versteht.
Dieser Kneipenhumor wird noch erhöht durch die fortwährenden Gefahren,
denen der Conspirateur ausgesetzt ist; jeden Augenblick kann er auf die
Barrikade gerufen werden und dort fallen, auf jedem Schritt und Tritt legt
ihm die Polizei Schlingen, die ihn ins Gefängniß oder gar auf die Galeeren
bringen können. Solche Gefahren machen eben den Reiz des Handwerks aus;
je größer die Unsicherheit, desto mehr beeilt sich der Verschwörer, den
Genuß des Moments festzuhalten. Zugleich macht ihn die Gewohnheit der
Gefahr im höchsten Grade gleichgültig gegen Leben und Freiheit. Im Ge-
fängniß ist er zu Hause wie beim Marchand de Vin. Jeden Tag erwartet er
den Befehl zum Losbruch. Die verzweifelte Tollkühnheit, die in jeder Pariser
Insurrektion hervortritt, wird gerade durch diese alten Verschwörer von
Profession, die hommes de coups de main hereingebracht. Sie sind es, die
die ersten Barrikaden auf werfen und kommandiren, die den Widerstand
organisiren, die Plünderung der Waffenläden, die Wegnahme der Waffen und
Munition aus den Häusern leiten, und mitten im Aufstand jene verwegnen
Handstreiche ausführen, die die Regierungspartei so oft in Verwirrung
bringen. Mit einem Wort, sie sind die Offiziere der Insurrektion.

Rezensionen » II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

Es versteht sich, daß diese Conspirateurs sich nicht darauf beschränken,
das revolutionäre Proletariat überhaupt zu organisiren. Ihr Geschäft besteht
gerade darin, dem revolutionären Entwicklungsproceß vorzugreifen, ihn
künstlich zur Krise zu treiben, eine Revolution aus dem Stegreif, ohne die
Bedingungen einer Revolution zu machen. Die einzige Bedingung der Re-
volution ist für sie die hinreichende Organisation ihrer Verschwörung. Sie
sind die Alchymisten der Revolution und theilen ganz die Ideenzerrüttung
und die Bornirtheit in fixen Vorstellungen der früheren Alchymisten. Sie
werfen sich auf |40J Erfindungen, die revolutionäre Wunder verrichten
sollen: Brandbomben, Zerstörungsmaschinen von magischer Wirkung,
Erneuten die um so wunderthätiger und überraschender wirken sollen, je
weniger sie einen rationellen Grund haben. Mit solcher Projektenmacherei
beschäftigt, haben sie keinen andern Zweck als den nächsten des Umsturzes
der bestehenden Regierung, und verachten aufs tiefste die mehr theoretische
Aufklärung der Arbeiter über ihre Klasseninteressen. Daher ihr nicht prole-
tarischer, sondern plebejischer Aerger über die habits noirs, die mehr oder
minder gebildeten Leute, die diese Seite der Bewegung vertreten, von denen
sie aber, als von den offiziellen Repräsentanten der Partei, sich nie ganz
unabhängig machen können. Die habits noirs müssen ihnen von Zeit zu Zeit
auch als Geldquelle dienen. Es versteht sich übrigens, daß die Conspirateurs
der Entwicklung der revolutionären Partei mit oder wider Willen folgen
müssen.

Der Hauptcharakterzug im Leben der Conspirateurs ist ihr Kampf mit der
Polizei, zu der sie grade dasselbe Verhältniß haben, wie die Diebe und die
Prostituirten. Die Polizei tolerirt die Verschwörungen, und zwar nicht bloß
als ein nothwendiges Uebel. Sie tolerirt sie als leicht zu überwachende
Centren, in denen sich die gewaltsamsten revolutionären Elemente der
Gesellschaft zusammenfinden, als Werkstätten der Erneute, die in
Frankreich ein ebenso nothwendiges Regierungsmittel geworden ist wie die
Polizei selbst, und endlich als Rekrutirungsplatz für ihre eignen politischen
Mouchards. Grade wie die brauchbarsten Spitzbubenfänger, die Vidocq und
Consorten, aus der Klasse der höheren und niederen Gauner, der Diebe,
Escrocs und falschen Bankeruttiers genommen werden, und oft wieder in
ihr altes Handwerk zurückfallen, geradeso rekrutirt sich die niedere politi-
sehe Polizei aus den Conspirateurs von Profession. Die Verschwörer behal-
ten unaufhörlich Fühlung mit der Polizei, sie kommen jeden Augenblick in
Collision mit ihr; sie jagen auf die Mouchards, wie die Mouchards auf sie
jagen. Die Spionage ist eine ihrer Hauptbeschäftigungen. Kein Wunder
daher, daß der kleine Sprung vom handwerksmäßigen Verschwörer zum

40 bezahlten Polizeispion, erleichtert durch das Elend und das Gef ängniß, durch

Drohungen und Versprechungen, sich so häufig macht. Daher das gränzen-

Karl Marx/Friedrich Engels

lose Verdachtsystem in den Ver|schwörungen, das die Mitglieder voll-
ständig blind macht, und sie in ihren besten Leuten Mouchards, und in den
wirklichen Mouchards ihre zuverlässigsten Leute erkennen läßt. Daß diese
aus den Verschwörern angeworbenen Spione sich mit der Polizei meist in
dem guten Glauben einlassen, sie düpiren zu können, daß es ihnen eine
Zeitlang gelingt eine doppelte Rolle zu spielen bis sie den Konsequenzen
ihres ersten Schritts mehr und mehr verfallen, und daß die Polizei wirklich
oft von ihnen düpirt wird, ist einleuchtend. Ob übrigens ein solcher Conspira-
teur den Schlingen der Polizei verfällt, hängt von rein zufälligen Umständen
ab und von einem mehr quantitativen als qualitativen Unterschied der
Charakterfestigkeit.

Das sind die Conspirateure, die uns Chenu oft sehr lebendig vorführt und
deren Charakter er bald mit, bald wider Willen schildert. Er selbst übrigens
ist, bis in seine nicht ganz klaren Verbindungen mit der Delessert'schen und
Marrast'schen Polizei hinein, das schlagendste Bild eines Conspirateurs von
Handwerk. —

In demselben Maß wie das Pariser Proletariat selbst als Partei in den
Vordergrund trat, verloren diese Conspirateurs an leitendem Einfluß, wur-
den sie zersprengt, fanden sie eine gefährliche Konkurrenz in proletarischen
geheimen Gesellschaften, die nicht die unmittelbare Insurrektion, sondern
die Organisation und Entwicklung des Proletariats zum Zweck hatten. Schon
die Insurrektion von 1839 hatte einen entschieden proletarischen und com-
munistischen Charakter. Nach ihr aber traten die Spaltungen ein, über die
die alten Conspirateure so viel klagen; Spaltungen die aus dem Bedürfniß
der Arbeiter hervorgingen, sich über ihre Klasseninteressen zu verständigen,
und die sich theils in den alten Verschwörungen selbst, theils in neuen
propagandistischen Verbindungen äußerten. Die kommunistische Agitation,
die Cabet bald nach 1839 mit Macht begann, die Streitfragen, die sich in-
nerhalb der kommunistischen Partei erhoben, wuchsen den Conspirateuren
bald über den Kopf. Chenu wie de la Hodde geben zu, daß die Kommunisten
zur Zeit der Februarrevolution bei weitem die stärkste Fraktion des re-
volutionären Proletariats gewesen seien. Die Conspirateure, um ihren Ein-
fluß auf die Arbeiter und damit ihr Gegengewicht gegen die habits noirs nicht
zu verlieren, mußten dieser Bewegung folgen und sozialistische | oder
kommunistische Ideen adoptiren. So entstand schon vor der Februarrevolu-
tion der Gegensatz der Arbeiterverschwörungen, die durch Albert re-
präsentirt wurden, gegen die Leute von der Reforme, derselbe Gegensatz,
der sich bald nachher in der provisorischen Regierung reproduzirte. Es fällt
uns übrigens nicht ein, Albert mit diesen Conspirateurs zu verwechseln. Aus
beiden Schriften geht hervor, daß Albert sich eine persönliche unabhängige
Stellung über diesen seinen Werkzeugen zu behaupten wußte und keines-

Rezensionen ° II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

wegs in die Klasse von Leuten gehört, die das Konspiriren als Nahrungs-
zweig betrieben.

Die Bombengeschichte von 1847, eine Angelegenheit in der die Polizei
mehr als in allen früheren direkt einwirkte, sprengte endlich die hartnäckig-

sten und widersinnigsten alten Conspirateurs und warf ihre bisherigen Sek-
tionen in die direkte proletarische Bewegung hinein. —

Diese Conspirateurs von Profession, die heftigsten Leute ihrer Sektionen
und die détenus politiques proletarischen Ursprungs, meist selbst alte Con-
spirateurs, finden wir nach der Februarrevolution als Montagnards in der

Polizeipräfektur wieder. Die Conspirateurs büden aber den Kern der ganzen
Gesellschaft. Man begreift, daß diese Leute, hier auf Einmal bewaffnet
zusammengedrängt, mit ihrem Präfekten und ihren Offiziren meist ganz
vertraut, ein ziemlich turbulentes Corps bilden mußten. Wie die Montagne
der Nationalversammlung die Parodie der alten Montagne war und durch ihre

Impotenz aufs Schlagendste bewies, daß die alten revolutionären Traditio-
nen von 1793 heute nicht mehr ausreichen, so bewiesen die Montagnards der
Polizeipräfektur, die Reproduktion der alten Sansculotten, daß in der moder-
nen Revolution auch dieser Theil des Proletariats nicht mehr hinreicht, und
daß allein das gesammte Proletariat sie durchführen kann.

Chenu schildert den sanscülottischen Lebenswandel dieser ehrenwerthen
Gesellschaft in der Präfektur höchst lebendig. Diese humoristischen Scenen,
wobei Herr Chenu offenbar selbst thätig mitgewirkt hat, sind zuweilen etwas
toll, aber bei dem Charakter der alten conspirirenden Bambocheurs höchst
erklärlich und bilden ein nothwendiges und selbst gesundes Gegenstück

gegen die Orgien der Bourgeoisie in den letzten Jahren Louis Philipps. |

 Wir citiren bloß ein Beispiel aus der Erzählung ihrer Installation in
der Präfektur.

„Als der Tag anbrach, sah ich nach und nach die Gruppenchefs mit ihren
Mannschaften ankommen, aber meist unbewaffnet. Ich machte Caussidiére
hierauf aufmerksam. Ich werde ihnen Waffen besorgen, sagte er. Suche
einen passenden Ort aus, um sie in der Präfektur zu caserniren. Ich führte
sofort diesen Auftrag aus, und schickte sie den Posten der alten Stadtser-
geanten zu besetzen, wo ich einst so unwürdig behandelt worden war. Einen
Augenblick nachher sah ich sie im Lauf zurückkommen. Wohin geht Ihr?
frug ich sie. — Der Posten ist besetzt durch einen Schwärm von Stadtsergean-
ten, antwortete mir Devaisse; sie schlafen ruhig, und wir suchen Instrumente
um sie zu wecken und herauszuwerfen. — Sie bewaffneten sich nun mit allem
was ihnen in die Hand fiel, Ladstöcken, Säbelscheiden, Riemen die sie
doppelt legten und Besenstielen. Dann fielen meine Jungen, die sich alle mehr

oder minder zu beklagen gehabt hatten über die Insolenz und Brutalität der
Schläfer, mit gehobenem Arm über sie her, und brachten ihnen während

Karl Marx/Friedrich Engels

mehr als einer halben Stunde eine so rauhe Lektion bei, daß Einige davon
längere Zeit krank waren. Auf ihren Angstschrei stürzte ich hinzu, und es
gelang mir nur mit Mühe, die Thüre zu öffnen, die die Montagnards wohl-
weislich von innen verschlossen hielten. Es war der Mühe werth, jetzt die
Stadtsergeanten halbnackt in den Hof stürzen zu sehen; sie sprangen mit
einem Satz die Treppe hinunter und wohl bekam es ihnen, alle Schliche der
Präfektur zu kennen, um aus den Augen ihrer sie hetzenden Feinde zu
verschwinden. Einmal Meister des Platzes, dessen Garnison sie mit so viel
Höflichkeit abgelöst hatten, schmückten sich unsre Montagnards siegesstolz
mit der Hinterlassenschaft der Besiegten und während langer Zeit sah man
sie auf- und abwandeln im Hof der Präfektur, den Degen an der Seite, den
Mantel um die Schulter und ihr Haupt geziert mit dem dreieckigen Hut, einst
so gefürchtet von der Mehrzahl unter ihnen." (p. 83—85.)

Wir haben die Montagnards kennen gelernt, wir kommen zu ihrem Chef,
dem Helden der Epopöe Chenu, zu Caussidiere. Chenu führt ihn uns um so
häufiger vor, als er es ist, gegen den das ganze Buch sich eigentlich richtet. |

 Die Hauptvorwürfe, die Caussidiere gemacht werden, beziehen sich
auf seinen moralischen Lebenswandel, Wechselreitereien und sonstige
kleine Versuche Geld aufzutreiben, wie sie jedem verschuldeten und lebens-
lustigen Commis-Voyageur in Paris vorkommen können und vorkommen.
Es hängt überhaupt nur von der Größe des Kapitals ab, ob die Prellereien,
Profitmachereien, Schwindeleien und Börsenspiele, auf denen der ganze
Handel beruht, mehr oder weniger an den Code pénal streifen. Ueber die
Börsencoups und den chinesischen Betrug, die speciell den französischen
Handel charakterisiren, vergleiche man z.B. Fouriers pikante Schilderungen
in den Quatre mouvements, der fausse Industrie, dem Traité de l'Unité
universelle und seinem Nachlaß. Herr Chenu versucht nicht einmal zu
beweisen, daß Caussidiere seine Stellung als Polizeipräfekt zu seinen Pri-
vatzwecken exploitirt habe. Ueberhaupt kann eine Partei sich Glück
wünschen, wenn ihre siegreichen Gegner auf die Enthüllung solcher handels-
moralischen Erbärmlichkeiten sich beschränken müssen. Die kleinen Expe-
rimente des Commis-Voyageur Caussidiere und die großartigen Skandale der
Bourgeoisie von 1847, welcher Kontrast! Der ganze Angriff hat nur einen
Sinn, insofern Caussidiere der Partei der Réforme angehörte, die ihren
Mangel an revolutionärer Energie und Verstand durch republikanische
Tugendbetheuerungen und einen f instern Ernst der Gesinnung zu verdecken
suchte.

Caussidiere ist unter den Chefs der Februarrevolution die einzige erhei-
ternde Figur. In seiner Eigenschaft als loustic der Revolution war er der ganz
passende Chef der alten Conspirateurs von Handwerk. Sinnlich und humori-
stisch, alter Stammgast in Cafés und Kneipen der verschiedensten Art, der

Rezensionen II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

selbst lebte und leben ließ, dabei militärisch muthig, unter einer breitschultri-
gen Bonhomie und Ungenirtheit eine große Geriebenheit, schlaue Reflexion
und feine Beobachtung verbergend, besaß er einen gewissen revolutionären
Takt und revolutionäre Energie. Caussidiere war damals ein ächter Plebejer,
der die Bourgeoisie instinktmäßig haßte und alle plebejischen Leidenschaf-
ten im höchsten Grade theilte. Kaum auf der Präfektur installirt, Konspirirt
er schon gegen den National, ohne darüber die Küche und den Keller seines
Vorgängers zu vernachlässigen. Er organisirt sich sofort eine mi||45]litäri-
sche Macht, sichert sich ein Journal, lancirt Clubs, vertheilt die Rollen und
agirt überhaupt im ersten Moment mit großer Sicherheit. In vierundzwanzig
Stunden ist die Präfektur in eine Festung verwandelt, in der er seinen Feinden
trotzen kann. Aber alle seine Pläne bleiben entweder bloße Projekte, oder
laufen in der Praxis auf pure plebejische Spaße ohne Resultat hinaus. Als
die Gegensätze sich schroffer gestalten, theilt er das Loos seiner Partei, die
zwischen den Leuten vom National und den proletarischen Revolutionären
wie Blanqui unentschieden in der Mitte stehn bleibt. Seine Montagnards
spalten sich; die alten Bambocheurs wachsen ihm über den Kopf und sind
nicht mehr zu zügeln, während der revolutionäre Theil zu Blanqui übergeht.
Caussidiere selbst verbürgert in seiner offiziellen Stellung als Präfekt und
Repräsentant immer mehr; am 15. Mai hält er sich vorsichtig zurück und
rechtfertigt sich in der Kammer auf eine unverantwortliche Weise; am
23. Juni läßt er die Insurrektion direkt im Stich. Zum Lohn wird er natürlich
von der Präfektur entfernt und bald darauf ins Exil geschickt.
Wir lassen einige der bezeichnendsten Stellen aus Chenu und de la Hodde
über Caussidiere folgen.
Kaum ist de la Hodde am Abend des 24. Februar als Generalsekretär der
Präfektur von Caussidiere installirt, so sagt ihm dieser:
„Ich brauche hier solide Leute. Die administrative Boutique wird immer
so ziemlich ihren Gang gehn; ich habe provisorisch die alten Beamten beibe-
halten; sobald sie die Patrioten gebildet haben, werden wir sie balanciren.
Das ist Nebensache. Es handelt sich darum aus der Präfektur die Citadelle
der Revolution zu machen; instruirt unsre Leute danach; sie sollen Alle
herkommen. Haben wir erst ein Tausend Stück handfester Kameraden hier,
so halten wir die Katze am Schwanz. Ledru-Rollin, Flocon, Albert und ich
verstehn uns, und ich hoffe daß die Sache sich machen wird. Der National
muß purzeln. Das geschehn, werden wir das Land schon republikanisiren,
es mag wollen oder nicht."
Gleich darauf kam Garnier-Pagés, Maire von Paris, unter dessen Befehl
der National die Polizei gestellt hatte, einen Besuch abstatten, und schlug
Caussidiere vor, anstatt des unangenehmen Postens auf der Präfektur lieber
die Com|mandantur des Schlosses von Compiègne anzunehmen. Caussi-

Karl Marx/Friedrich Engels

diere antwortete ihm mit der kleinen Flötenstimme, die ihm zu Gebot stand
und die so merkwürdig mit seinen breiten Schultern kontrastirte: „‚Ichnach
Compiegne? Unmöglich. Es ist nothwendig daß ich hier bleibe. Ich habe da
unten mehrere Hundert gemüthliche Jungen, die wacker arbeiten; ich er-
warte ihrer noch zweimal soviel. Wenn der gute Wille oder der Muth Euch
auf dem Hotel de Ville fehlt, so werde ich Euch helfen können. Ha, ha, la
revolution fera son petit bonhomme de chemin, il le faudra bien!' — ‚Die
Revolution? aber sie ist fertig!' — ,Bah, sie hat noch gar nicht angefangen!"
— Der arme Maire stand da wie ein Tölpel." — (De la Hodde, p. 72.)

Zu den heitersten Scenen, die Chenu schildert, gehört der Empfang der
Polizeikommissäre und officiers de paix durch den neuen Präfekten, der bei
ihrer Anmeldung gerade bei Tische war. „Sie sollen warten, sagte Caussidie-
re, der Präfekt arbeiter. Er arbeitete noch eine gute halbe Stunde, und ar-
rangirte dann die Scenerie für den Empfang der Herrn Commissäre, die
unterdessen die große Treppe entlang standen. Caussidiere setzte sich
majestätisch nieder in seinen Sessel, seinen großen Säbel an der Seite. Zwei
wüste Montagnards mit kannibalischer Miene bewachten die Thür, die
Muskete beim Fuß, die Pfeife im Mund. Zwei Hauptleute mit gezogenem
Säbel standen an jeder Seite seines Pults. Außerdem waren in dem Salon
gruppirt alle Sektionschefs und die Republikaner, die seinen Generalstab
bildeten; Alles bewaffnet mit großen Säbeln und Kavalleriepistolen, mit
Büchsen und Jagdflinten. Alle Welt rauchte, und die Rauchwolke, die den
Salon erfüllte, verfinsterte noch die Gesichter und gab dieser Scene eine
wirklich erschreckende Physiognomie. In der Mitte war ein Platz für die
Commissäre freigeblieben. Jeder bedeckte sich, und Caussidiere gab Befehl
sie einzuführen. Diese armen Commissäre verlangten nichts sehnlicher, denn
sie waren den Grobheiten und Drohungen der Montagnards ausgesetzt, die
sie in allen möglichen Saucen fricassiren wollten. Schurkenbande, brüllten
sie, jetzt halten wir Euch auch einmal! Ihr kommt nicht mehr fort, ihr müßt
Eure Haut hierlassen! — Bei ihrem Eintritt in das Cabinet des Präf ekten
glaubten sie von der Scylla in die Charybdis zu gerathen. | Der erste, der
seinen Fuß auf die Schwelle setzte, schien einen Augenblick zu schwanken.
Er wußte nichtrecht, sollte er vorwärts gehn oder zurück, so finster richteten
sich alle Blicke auf ihn. Endlich wagte er sich, that einen Schritt vor und
grüßte, noch einen Schritt und grüßte tiefer, einen andern Schritt, und grüßte
noch tiefer. Jeder machte sein Entrée mit tiefen Verbeugungen gegen den
schrecklichen Präfekten, der alle diese Huldigungen kalt und schweigend
empfing, die Hand gestützt auf den Griff seines Säbels. Die Commissäre
betrachteten diese sonderbare Schaustellung mit glotzigen Augen. Einige,
welche der Schrecken verwirrte, und welche uns zweifelsohne den Hof
machen wollten, fanden das Tableau imposant, majestätisch. — Stille! gebot

Rezensionen ¢ II. Les Conspirateurs, par A.Chenu/La naissance... Par L. De la Hodde

ein Montagnard mit Grabesstimme. — Als sie Alle eingetreten waren, brach
Caussidière, der bis dahin stumm und unbeweglich geblieben war, das
Schweigen und sagte mit seiner furchtbarsten Stimme:

‚Vor acht Tagen habt Ihr nichts weniger erwartet, als mich hier an diesem
Platz zu finden, umgeben von treuen Freunden. Sie sind also heute Eure
Gebieter, die Pappendeckelrepublikaner, wie Ihr sie einst nanntet. Ihr zittert
vor denen, die Ihr mit der unedelsten Behandlung überhäuft habt. Sie Vassal,
waren der niederträchtigste Seide der gestürzten Regierung, der heftigste
Verfolger der Republikaner, und jetzt sind Sie gefallen in die Hände Ihrer

unerbittlichsten Feinde, denn Keiner ist hier gegenwärtig, der Ihren Verfol-

gungen entgangen wäre. Wenn ich auf die gerechten Reklamationen hören
wollte, die man an mich richtet, würde ich Repressalien gebrauchen, ich ziehe
es vor, zu vergessen. Kehrt Alle zu Euren Funktionen zurück; aber wenn
ich jemals erfahre, daß Ihr die Hand bietet zu irgend einer reaktionären
Mogelei, werde ich Euch wie Ungeziefer zertreten. Geht!'

Die Commissäre hatten die ganze Stufenleiter des Schreckens durchlau-
fen, und zufrieden mit einer Strafpredigt des Präfekten davon zu kommen,
schoben sie ganz fidel ab. Die Montagnards, die sie unten an der Treppe
erwarteten, geleiteten sie mit einem lärmenden Charivari bis an das Ende
der Rue de Jérusalem. Kaum war der letzte verschwunden, als wir eine
ungeheure Lache aufschlugen. Caussidière strahlte Jj48j und lachte mehr als
alle andern über den herrlichen Streich, den er seinen Kommissären gespielt
hatte." - (Chenu, p. 87-90.)

Nach dem 17. März, an dem Caussidiére vielen Antheil hatte, sagte er zu
Chenu: „Ich kann nach meinem Belieben die Massen erheben und sie auf
die Bourgeoisie stürzen." (Chenu, p. 140.) Caussidiere brachte es überhaupt
nie weiter mit seinen Gegnern als Bangemachen mit ihnen zu spielen.

Endlich über das Verhältniß Caussidiéres zu den Montagnards sagt Chenu:
„Wenn ich zu Caussidiere von den Excessen sprach, denen sich seine Leute
überließen, seufzte er, aber die Hände waren ihm gebunden. Die größte Zahl
hatte sein Leben mitgelebt, er hatte ihr Elend getheilt und ihre Freuden,
mehrere hatten ihm Dienste erwiesen. Wenn er sie nicht niederhalten konnte,
war dies die Folge seiner eignen Vergangenheit." (p. 97.)

Wir erinnern unsre Leser, daß diese beiden Bücher geschrieben wurden
zur Zeit der Agitation für die Wahlen vom 10. März. Was ihre Wirkung war,
geht hervor aus dem Wahlresultat — dem glänzenden Sieg der Rothen.

Karl Marx/Friedrich Engels

II.

Le Socialisme et rimpöt. Par Emile de Girardin. Paris, 1850.

Es gibt zweierlei Arten von Sozialismus, den „guten" Sozialismus und den
„schlechten" Sozialismus.

Der schlechte Sozialismus, das ist „der Krieg der Arbeit gegen das Kapi-
tal". Auf seine Rechnung fallen alle die Schreckensbilder: gleiche Verthei-
lung der Ländereien, Aufhebung der Familienbande, organisirte Plünderung
u. s.w. |]49| Der gute Sozialismus, das ist „die Eintracht von Arbeit und
Kapital". In seinem Gefolge befinden sich die Abschaffung der Unwissen-
heit, die Entfernung der Ursachen des Pauperismus, die Constitution des
Credits, die Vervielfältigung des Eigenthums, die Reform der Steuer, mit
einem Wort „das Regime, das sich am meisten der Vorstellung nähert, die
sich der Mensch vom Reich Gottes auf Erden macht".

Man muß sich des guten Sozialismus bedienen um den schlechten zu
ersticken.

„Der Sozialismus hat einen Hebel; dieser Hebel war das Budget. Aber es
fehlte ihm ein Stützpunkt, um die Welt aus den Angeln zu heben. Dieser
Stützpunkt, die Revolution vom 24. Februar hat ihn gegeben: das allgemeine
Stimmrecht."

Die Quelle des Budgets ist die Steuer. Die Wirkung des allgemeinen
Stimmrechts auf das Budget soll also seine Wirkung auf die Steuer sein. Und
durch diese Wirkung auf die Steuer realisirt sich der „gute" Sozialismus.

„Frankreich kann nicht über 1200 Millionen Franken jährlicher Steuer
zahlen. Wie wollt Ihr es anfangen um die Ausgaben auf diese Summe zu
reduziren?"

„Seit fünfunddreißig Jahren habt Ihr dreimal, in zwei Charten und eine
Konstitution geschrieben, daß alle Franzosen im Verhältniß ihres Vermö-
gens zu den Staatslasten beitragen sollen. Seit fünfunddreißig Jahren ist diese
Gleichheit der Steuer eine Lüge___ Betrachten wir uns das französische
Steuersystem."

I. Grundsteuer. Die Grundsteuer trifft die Grundeigenthümer nicht gleich-
mäßig: „Wenn zwei benachbarte Grundstücke dieselbe Katasterschätzung
erhalten haben, so zahlen die zwei Grundeigenthümer dieselbe Steuer, ohne
Unterschied zwischen dem scheinbaren und dem reellen Eigenthümer", d. h.
dem hypothekenbeladenen und dem hypothekenfreien Eigenthümer.

Ferner: Die Grundsteuer steht nicht im Verhältniß zu den Steuern, die auf
die übrigen Arten des Eigenthums fallen. Als die Nationalversammlung 1790
sie einführte, stand sie unter dem Einfluß der physiokratischen Schule,

Rezensionen » III. Le Socialisme et l'impôt. Par Emile de Girardin

welche die Erde als die einzige Quelle des Netto-Einkommens j betrach-
tete und daher alle Steuerlast auf die Grundeigentümer wälzte. Die Grund-
steuer beruht also auf einem ökonomischen Irrthum. Bei einer gleichen
Vertheilung der Steuern würden auf den Grundbesitzer 20 % seines Einkom-
mens fallen, während er jetzt 53 % zahlt.

Endlich sollte die Grundsteuer, ihrer ursprünglichen Bestimmung nach,
nur den Eigentümer, nie den Pächter oder den Miether treffen. Statt dessen
trifft sie nach Herrn Girardin stets den Pächter und Miether.

Hier begeht Herr Girardin einen ökonomischen Irrthum. Entweder ist der

Pächter wirklicher Pächter, und dann trifft die Grundsteuer den Eigenthümer
oder den Konsumenten, aber nie ihn; oder er ist unter dem Schein des
Pachtverhältnisses im Grunde nur der Arbeiter des Eigenthümers, wie in
Irland und häufig in Frankreich, und dann werden die auf den Eigenthümer
gelegten Steuern immer ihn treffen, sie mögen heißen wie sie wollen.

II. Personal- und Mobiliarsteuer. Der Zweck dieser Steuer, die auch 1790
von der Nationalversammlung dekretirt wurde, war, das mobile Kapital
direkt zu treffen. Als Maßstab für die Höhe des Kapitals nahm man die
Wohnungsmiethe. Die Steuer trifft in Wirklichkeit den Grundeigenthumer,
den Bauern und den Industriellen, während sie den Rentier nur unbedeutend
oder gar nicht beschwert. Sie ist also die völlige Verkehrung der Absichten
ihrer Urheber. Ein Millionär kann außerdem in einem Dachkämmerchen mit
zwei gebrechlichen Stühlen wohnen — unbillig, etc.

IH. Thür- und Fenstersteuer. Attentat auf die Gesundheit des Volks.
Fiskalmaßregel gegen die Reinheit der Luft und das Tageslicht. „Beinahe

die Hälfte der Wohnungen in Frankreich hat entweder nur eine Thür und
kein Fenster, oder höchstens eine Thür und ein Fenster." Diese Steuer wurde
den 24. Vendémiaire des Jahres VII (14. Oktober 1799) angenommen aus
dringendem Geldbedürfniß, als nur vorübergehende, außerordentliche
Maßregel, im Prinzip aber verworfen.

IV. Patentsteuer (Gewerbsteuer). Steuer nicht auf den Gewinn, sondern
auf die Ausübung der Industrie. Strafe für die Arbeit. Wo sie den Industriel-
len treffen soll, trifft sie größtentheils den Konsumenten. Ueberhaupt han-
delte es | sich bei Auflegung dieser Steuer im Jahr 1791 auch nur um die
Befriedigung eines augenblicklichen Geldbedürfnisses.

V. Enregistrement und Stempel. Das droit d'enregistrement stammt von
Franz I. her und hatte zunächst keinen fiskalischen Zweck (?). 1790 wurde
der Einschreibungszwang für Kontrakte, die das Eigenthum betrafen, ausge-
dehnt, und die Gebühr erhöht. Die Steuer ist so eingerichtet, daß Kauf und
Verkauf mehr zahlen als Schenkungen und Erbschaften. Der Stempel ist eine

rein fiskalische Erfindung, welche gleichmäßig ungleiche Profite trifft.

VI. Getränkesteuer. Inbegriff aller Unbilligkeit, Hemmung der Produk-

Karl Marx/Friedrich Engels

tion, vexatorisch, die theuerste in der Eintreibung. (Siehe übrigens Heft III:
1848 bis 49, Folgen des 13. Juni).

VII. Zölle. Planloser, traditionell akkumulirter Wust von einander wider-
sprechenden, zwecklosen, der Industrie schädlichen Zollsätzen. Z.B. die
rohe Baumwolle zahlt in Frankreich per 100 Kilogr. eine Steuer von 22 Fr.
50 Cts. Passons outre.

VIII. Octroi. Hat nicht einmal den Vorwand, einen nationalen Industrie-
zweig zu schützen. Douane im Innern des Landes. Ursprünglich lokale
Armensteuer, jetzt hauptsächlich auf die ärmeren Klassen drückend und ihre
Lebensmittel verfälschend. Setzt der nationalen Industrie ebenso viel Bar-
rieren entgegen als es Städte gibt.

Soweit Girardin über die einzelnen Steuern. Der Leser wird bemerkt
haben, daß seine Kritik ebenso flach als richtig ist. Sie reduzirt sich auf drei
Argumente:

1) daß jede Steuer nie die Klasse trifft, die sie in der Absicht der Steuer-
aufleger treffen soll, sondern einer andern Klasse aufgewälzt wird;

2) daß jede temporäre Steuer sich festsetzt und verewigt;

3) daß keine Steuer dem Vermögen proportionell, gerecht, gleichmäßig,
billig ist.

Diese allgemein-ökonomischen Einwürfe gegen die bestehenden Steuern
wiederholen sich in allen Ländern. Das französische Steuersystem hat aber
eine charakteristische Eigenthümlichkeit. Wie die Engländer für das öffentli-
che und Privatrecht, so sind die Franzosen, die sonst überall von allgemeinen
Gesichtspunkten aus codifiziert, vereinfacht und mit der Tra|52]dition
gebrochen haben, für das Steuersystem das eigentlich historische Volk.
Girardin sagt über diesen Punkt:

„In Frankreich leben wir unter der Herrschaft fast aller fiskalischen
Prozeduren des alten Regimes. Taille, Kopfsteuer, Aide, Douanen, Salz-
steuer, Steuer auf die Kontrolle, Insinuationen, Greffe, Tabaksmonopol,
übertriebne Profite auf den Postdienst und Pulververkauf, Lotterie, Ge-
meinde- oder Staatsfrohnden, Einquartirung, Oktrois, Fluß- und Stra-
Benzölle, außerordentliche Auflagen — Alles das hat seinen Namen verän-
dern können, aber Alles das besteht der Sache nach fort und ist weder minder
drückend für das Volk, noch mehr produktiv für den Staatsschatz geworden.
Unser Finanzsystem beruht auf durchaus keiner wissenschaftlichen Basis.
Es reflektirt einzig und allein die Ueberlieferungen des Mittelalters, welche
selbst wieder die Hinterlassenschaft der unwissenden und raubgierigen
römischen Fiskalität sind."

Dennoch haben unsre Väter schon in der Nationalversammlung der ersten
Revolution gerufen: „Wir haben die Revolution nur gemacht um die Steuer
in unsre Hand zu bekommen."

Rezensionen * Mi. Le Socialisme et l'impôt. Par Emile de Girardin

Aber wenn dieser Zustand fortdauern Konnte unter dem Kaiserreich, unter
der Restauration, unter der Julimonarchie, jetzt hat seine Stunde geschla-
gen:

„Die Abschaffung des Wahlprivilegiums zieht nothwendig nach sich die

Abschaffung jeder fiskalischen Ungleichheit. Es ist also durchaus keine Zeit
zu verlieren um die Finanzreform in Angriff zu nehmen, wenn nicht die
Gewalt an die Stelle der Wissenschaft treten soll___ Die Steuer ist beinahe
die einzige Grundlage, auf der unsre Gesellschaft beruht Man sucht sehr
in der Ferne und sehr in der Höhe die sozialen und politischen Reformen;

die wichtigsten sind enthalten in der Steuer. Suchet hier, so werdet Ihr fin-
den."

Was finden wir nun?

„Wie wir die Steuer begreifen, soll die Steuer eine Assekuranzprämie sein,
bezahlt durch die, welche besitzen, um sich zu versichern gegen alle Risikos,

welche sie in ihrem Besitz und ihrem Genuß stören könnten ... Diese Prämie
muß proportionell sein, und von einer strengen Genauigkeit. Jede Steuer,
welche nicht die Garantie für ein | Risiko ist, der Preis für eine Waare,
oder das Aequivalent für eine Dienstleistung, muß aufgegeben werden — wir
lassen nur zwei Ausnahmen zu: Steuer auf das Ausland (Douane) und Steuer

auf den Tod (Enregistrement) So tritt an die Stelle des Steuerpflichtigen
der Assekurirte ... Jeder, der ein Interesse hat zu zahlen, zahlt und zahlt nur
nach dem Maß seines Interesses____Wir gehn noch weiter, und sagen: Jede
Steuer verdammt sich schon dadurch daß sie den Namen Steuer, Auflage
trägt. Jede Steuer muß abgeschafft werden, denn das Eigenthümliche der
Steuer ist, gezwungen zu sein, der Charakter der Assekuranz ist, freiwillig
zu sein."

Man muß diese Assekuranzprämie nicht mit einer Steuer auf das Einkom-
men verwechseln; sie ist vielmehr eine Steuer auf das Kapital, wie denn die
Assekuranzprämie nicht das Einkommen garantirt, sondern den ganzen

Stock des Vermögens. Der Staat macht es gerade wie die Assekuranzkom-
pagnieen, die von der versicherten Sache wissen wollen nicht was sie ein-
bringt, sondern was sie werth ist.

„Das französische Nationalvermögen wird auf ein Aktivum von 134 Mil-
liarden geschätzt, wovon ein Passivum von 28 Milliarden abzuziehen ist.
Wenn das Ausgabebudget auf 1200 Millionen reduzirt wird, wäre also bloß
1 % vom Kapital zu erheben, um den Staat auf die Höhe einer kolossalen
wechselseitigen Assekuranzkompagnie zu bringen."

Von diesem Moment an — „keine Revolution mehr!"

„An die Stelle des Worts Autorität tritt das Wort Solidarität; das gemein-

schaftliche Interesse wird zum Band der Gesellschaftsmitglieder."

Herr Girardin begnügt sich nicht mit diesem allgemeinen Vorschlag, son-

Karl Marx/Friedrich Engels

dem gibt uns zugleich das Schema einer Assekuranzpolice oder Inskription,
wie sie jeder Bürger vom Staat ausgestellt erhalten soll.

Jedes Jahr gibt der frühere Steuereinnehmer dem Versicherten eine Police,
die „aus vier Seiten von der Größe eines Passes" besteht. Auf der ersten Seite
befindet sich der Name des Versicherten mit seiner Immatrikulationsnum-
mer, nebst dem Schema für die Quittungen der Prämienraten. Auf der
zweiten Seite befindet sich die genaue Personalbe | Schreibung des Versi-
cherten und seiner Familie, nebst der richtig certificirten detaillirten Selbst-
einschätzung seines Gesammtvermögens; auf der dritten Seite das Staats-
budget nebst einer Generalbilanz von Frankreich, und auf der vierten allerlei
mehr oder weniger nützliche statistische Nachrichten. Diese Police dient als
Paß, als Wahlkarte, als Wanderbuch für Arbeiter u. s. w. Die Register über
diese Policen dienen dem Staat wieder zur Anfertigung der vier großen
Bücher, des großen Buchs der Bevölkerung, des großen Buchs der öffentli-
chen Schuld, und des großen Buchs der Hypothekarschuld, welche zusam-
men eine vollständige Statistik über alle Ressourcen Frankreichs enthal-
ten.

Die Steuer ist also nur mehr die Prämie, welche der Versicherte zahlt, um
zur Theilnahme an folgenden Vortheilen zugelassen zu werden: 1) Recht auf
öffentlichen Schutz, auf unentgeltliche Rechtspflege, unentgeltliche Re-
ligionsübung, unentgeltlichen Unterricht, Credit auf Unterpfand, Sparkas-
senpension; 2) Entbindung von der Militärpflicht in Friedenszeit; 3) Bewah-
rung vor dem Elend; 4) Entschädigung bei Verlusten durch Feuersbrunst,
Ueberschwemmungen, Hagelschlag, Viehseuchen, Schiffbruch.

Wir bemerken noch, daß Herr Girardin die Entschädigungsgelder die der
Staat bei Verlusten der Versicherten zu zahlen hat, durch verschiedne
Geldstrafen etc., durch den Ertrag der Nationaldomainen und der beibehalte-
nen Enregistrements- und Douanengebühren, sowie der Staatsmonopole
decken will. —

Die Steuerreform ist das Steckenpferd aller radikalen Bourgeois, das
specifische Element aller bürgerlich-ökonomischen Reformen. Von den
ältesten mittelalterlichen Spießbürgern bis zu den modernen englischen
Freetradern dreht sich der Hauptkampf um die Steuern.

Die Steuerreform bezweckt entweder Abschaffung traditionell überkom-
mener Steuern, die der Entwickelung der Industrie im Wege stehn, wohlfeile-
ren Staatshaushalt, oder gleichmäßigere Vertheilung. Der Bourgeois jagt
dem chimärischen Ideal der gleichen Steuervertheilung um so eifriger nach,
je mehr es in der Praxis seinen Händen entschwindet.

Die Distributionsverhältnisse, die unmittelbar auf der bürgerlichen Pro-
duktion beruhen, die Verhältnisse zwischen | Arbeitslohn und Profit,
Profit und Zins, Grundrente und Profit, können durch die Steuer höchstens

coe ; :
p aa Pe a a a a r ee

Rezensionen ° III. Le Socialisme et l'impôt. Par Emile de Girardin

in Nebenpunkten modifizirt, nie aber in ihrer Grundlage bedroht werden.
Alle Untersuchungen und Debatten über die Steuer setzen den ewigen
Bestand dieser bürgerlichen Verhältnisse voraus. Selbst die Aufhebung der
Steuern könnte die Entwicklung des bürgerlichen Eigenthums und seiner
Widersprüche nur beschleunigen.

Die Steuer kann einzelne Klassen bevorzugen und andre besonders drük-
ken, wie wir dies z. B. unter der Herrschaft der Finanzaristokratie sehn. Sie
ruinirt nur die Mittelschichten der Gesellschaft zwischen Bourgeoisie und
Proletariat, deren Stellung nicht erlaubt, die Last der Steuer einer andern
Klasse zuzuwälzen.

Das Proletariat wird durch jede neue Steuer eine Stufe tiefer herabge-
drückt; die Abschaffung einer alten Steuer erhöht nicht den Arbeitslohn,
sondern den Profit. In der Revolution kann die zu kolossalen Proportionen
geschwellte Steuer als eine Form des Angriffs gegen das Privateigenthum
dienen; aber selbst dann muß sie zu neuen, revolutionäreren Maßregeln
weiter treiben, oder schließlich auf die alten bürgerlichen Verhältnisse
zurückführen.

Die Verminderung, die billigere Vertheilung etc. etc. der Steuer, das ist
die banale bürgerliche Reform. Die Abschaffung der Steuer, das ist der bür-

gerliche Sozialismus. Dieser bürgerliche Sozialismu s wendet sich namentlich
an die industriellen und kommerziellen Mittelstände und an die Bauern. Die
große Bourgeoisie, die schon jetzt in ihrer besten Welt lebt, verschmäht
natürlich die Utopie einer besten Welt.

Herr Girardin schafft die Steuer ab, indem er sie in eine Assekuranzprämie
verwandelt. Die Mitglieder der Gesellschaft versichern sich wechselseitig,
gegen Zahlung gewisser Prozente, ihr Vermögen gegen Feuerschaden und
Wassersnoth, gegen Hagelschlag und Bankerutt, gegen alle nur möglichen
Risikos, die heutzutage die Ruhe des bürgerlichen Genießens stören. Der
jährliche Beitrag wird nicht nur durch sämmtliche Versicherte festgesetzt,

er wird von jedem Einzelnen selbst bestimmt. Er selbst schätzt sein Vermö-
gen. Die Handels- und Ackerbaukrisen, die massenhaften Verluste und
Falliten, | die sämmtlichen Schwankungen und Wechself alle der bürgerli-
chen Existenz, epidemisch seit der Einführung der modernen Industrie, die
ganze poetische Seite der bürgerlichen Gesellschaft verschwindet. Die allge-
meine Sicherheit und Versicherung realisirt sich. Der Bürger hat es schrift-
lich vom Staat, daß er unter keinen Umständen ruinirt werden kann. Alle
Schattenseiten der bestehenden Welt sind entfernt, alle ihre Lichtseiten
bestehn in höherem Glänze fort, kurz, das Regime istrealisirt, „das sich am
meisten der Vorstellung nähert, die sich der Bürger vom Reich Gottes auf
Erden macht". Statt der Autorität, die Solidarität; statt des Zwangs, die
Freiheit; statt des Staats, ein Verwaltungsausschuß — und das Ei des Colum-

Karl Marx/Friedrich Engels

bus ist gefunden, der mathematisch genaue Beitrag jedes „Versicherten"
nach seinem Vermögen. Jeder „Versicherte" trägt einen vollständigen kon-
stitutionellen Staat, ein ausgebildetes Zweikammersystem in seiner Brust.
Die Besorgniß, dem Staat zu viel zu zahlen, die bürgerliche Opposition der
Deputirtenkammer, treibt ihn, sein Vermögen zu niedrig anzugeben. Das
Interesse an der Erhaltung seines Besitzes, das konservative Element der
Pairskammer, macht ihn geneigt es zu überschätzen. Aus dem konstitutionel-
len Spiel dieser entgegengesetzten Richtungen geht nothwendig das wahre
Gleichgewicht der Gewalten hervor, die genau-richtige Angabe des Vermö-
gens, die exakte Verhältnißmäßigkeit des Beitrags.

Jener Römer wünschte, sein Haus möchte von Glas sein, damit jede seiner
Handlungen vor Aller Augen offen daliege. Der Bürger wünscht nicht daß
sein Haus, sondern das seines Nachbarn von Glas sei. Auch dieser Wunsch
wird erfüllt. Zum Beispiel: Ein Bürger will Vorschüsse von mir haben oder
sich mit mir associiren. Ich fordere seine Police, und in ihr habe ich seine
vollständige detaillirte Beichte über alle seine bürgerlichen Verhältnisse,
garantirt durch sein wohlverstandnes Interesse und contrasignirt vom Ver-
waltungsrath der Assekuranz. Ein Bettler klopft an meine Thür und verlangt
ein Almosen. Heraus mit der Police! Der Bürger muß wissen, daß er sein
Almosen an den rechten Mann bringt. Man nimmt einen Domestiken, man
führt ihn bei sich ein, man überliefert sich ihm auf den Zufall hin: Her-
aus mit der Police! — „Wie viel Ehen werden geschlossen, ohne daß man |
 von der einen und der andern Seite genau weiß, woran sich halten über
die Realität des Zugebrachten oder die wechselseitig übertriebnen Erwar-
tungen": Heraus mit der Police! Der Austausch der schönen Seelen wird sich
in Zukunft beschränken auf den Austausch der beiderseitigen Policen. So
verschwindet die Prellerei, die heutzutage den Genuß und die Pein des
Lebens bildet, und das Reich der Wahrheit im eigentlichen Sinne des Worts
verwirklicht sich. Noch mehr: „In dem gegenwärtigen System kosten die
Gerichte dem Staat an 7V2 Millionen, in unserm System bringen die Vergehen
ihm ein, statt ihm zu kosten, denn sie verwandeln sich alle in Geldbußen und
in Schadenersatz — welche Idee!" — In dieser besten Weltist Alles profitlich:
Die Verbrechen vergehen, und die Vergehen bringen Geld ein. Endlich, da
in diesem System das Eigenthum gegen alle Risikos geschützt, und der Staat
nur noch eine allgemeine Assekuranz aller Interessen ist, so sind die Arbeiter
stets beschäftigt: „Keine Revolutionen mehr!"

Wenn das nicht gut für den Bürger ist,
Dann weiß ich nicht was besser ist! —

Der bürgerliche Staat ist weiter nichts als eine wechselseitige Assekuranz
der Bourgeoisklasse gegen ihre einzelnen Mitglieder wie gegen die exploitirte

Rezensionen ¢ IM. Le Socialisme et l'impôt. Par Emile de Girardin

Klasse, eine Assekuranz, die immer kostspieliger und scheinbar immer
selbstständiger gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft werden muß, weil
die Niederhaltung der exploitirten Klasse immer schwieriger wird. Die
Veränderung des Namens ändert nicht das Mindeste an den Bedingungen
dieser Assekuranz. Die scheinbare Selbstständigkeit, die Herr Girardin den
Einzelnen gegenüber der Assekuranz einen Augenblick zuschreibt, muß er
selbst sogleich wieder aufgeben. Wer sein Vermögen zu niedrig taxirt, ver-
fällt in Strafe: Die Assekuranzkasse kauft ihm sein Eigenthum zum angege-
benen Werth ab, und provocirt sogar durch Belohnungen die Denunciation.
Noch mehr: Wer sein Vermögen lieber gar nicht versichert, wird außerhalb
der Gesellschaft stehend, wird direkt vogelfrei erklärt. Die Gesellschaft kann
natürlich nicht dulden, daß sich in ihr eine Klasse bildet, die sich gegen ihre
Existenzbedingungen auflehnt. Der Zwang, die Autorität, die bureaukrati-
sche Einmischung, die Girardin gerade entfernen will, kehren wieder in die
Gesellschaft ein. | Wenn er einen Augenblick von den Bedingungen der
bürgerlichen Gesellschaft abstrahirt hat, so geschah es nur, um auf einem
Umweg zu ihnen zurückzukommen.
Hinter der Abschaffung der Steuer verbirgt sich die Abschaffung des
Staats. Die Abschaffung des Staats hat nur einen Sinn bei den Kommunisten
als nothwendiges Resultat der Abschaffung der Klassen, mit denen von
selbst das Bedürfniß der organisirten Macht einer Klasse zur Niederhaltung
der andern wegfällt. In bürgerlichen Ländern bedeutet die Abschaffung des
Staats die Zurückführung der Staatsgewalt auf den Maaßstab von Nord-
amerika. Hier sind die Klassengegensätze nur unvollständig entwickelt; die
Klassenkollisionen werden jedesmal vertuscht durch den Abzug der proleta-
rischen Ueberbevölkerung nach dem Westen; das Einschreiten der Staats-
macht im Osten auf ein Minimum reduzirt, existirt im Westen gar nicht. In
feudalen Ländern bedeutet die Abschaffung des Staats die Abschaffung des
Feudalismus und die Herstellung des gewöhnlichen bürgerlichen Staats. In
Deutschland verbirgt sich hinter ihr entweder die feige Flucht aus den
unmittelbar vorliegenden Kämpfen, die überschwängliche Verschwindelung
der bürgerlichen Freiheit zur absoluten Unabhängigkeit und Selbstständig-
keit des Einzelnen, oder endlich die Gleichgültigkeit des Bürgers gegen jede
Staatsform, vorausgesetzt daß die bürgerlichen Interessen in ihrer Entwick-
lung nicht gehemmt werden. Daß diese Abschaffung des Staats „im höheren
Sinn" in so alberner Weise gepredigt wird, dafür können natürlich die
Berliner Stirner und Faucher nicht. La plus belle fille de la France ne peut
donner que ce qu'elle a.
Was von der Assekuranzkompagnie des Herrn Girardin tibrig bleibt, ist
die Steuer aufdas Kapital im Unterschied von der Steuer auf das Einkommen
und an der Stelle aller übrigen Steuern. Das Kapital des Herrn Girardin

Karl Marx/Friedrich Engels

beschränkt sich nicht auf das in der Produktion beschäftigte Kapital, es
umfaßt alles bewegliche und unbewegliche Hab und Gut. Von dieser Steuer
auf das Kapital rühmt er: „Sie ist das Ei des Columbus, sie ist die Pyramide
die auf der Basis steht und nicht auf der Spitze, der Strom der sein eignes
Bette gräbt, die Revolution ohne die Revolutionäre, der Fortschrittohne den
Rückschritt, die Bewegung ohne Stoß, sie ist endlich die einfache Idee und
das wahre Gesetz." |

 Von allen marktschreierischen Reklamen, die Herr Girardin je ge-
macht hat — und ihre Zahl ist bekanntlich Legion — ist dieser Prospektus der
Kapitalsteuer jedenfalls das Meisterstück.

Uebrigens hat die Steuer auf das Kapital als einzige Steuer ihre Vorzüge.
Alle Oekonomen, namentlich Ricardo, haben die Vortheile einer einzigen
Steuer nachgewiesen. Die Kapitalsteuer als einzige Steuer beseitigt mit
einem Schlage das zahlreiche und kostspielige Personal der bisherigen
Steuerverwaltung, greift am wenigsten ein in den regelmäßigen Gang der
Produktion, Cirkulation und Konsumtion, und trifft allein von allen Steuern
das Luxuskapital.

Aber darauf beschränkt sich bei Herrn Girardin die Kapitalsteuer nicht.
Sie hat noch ganz besondre Gnadenwirkungen.

Kapitalien von gleicher Größe werden gleiche Steuerprocente an den Staat
zahlen müssen, gleichviel ob sie 6 %, 3 % oder gar kein Einkommen tragen.
Die Folge davon ist, daß die unthätigen Kapitalien in Thätigkeit gesetzt
werden, also die Masse der produktiven Kapitalien vermehren; und daß die
schon thätigen sich noch mehr anstrengen, d. h. in weniger Zeit mehr produ-
ziren. Das Resultat von Beidem, ist der Fall des Profits und des Zinsfußes.
Herr Girardin dagegen behauptet, daß dann Profit und Zins steigen werden
— ein wahres ökonomisches Wunder. Die Verwandlung unproduktiver
Kapitalien in produktive und die wachsende Produktivität der Kapitalien
überhaupt, hat den Lauf der industriellen Entwicklung der Krisen vermehrt
und gesteigert, und den Profit und Zinsfuß herabgedrückt. Die Kapitalsteuer
kann nur diesen Prozeß beschleunigen, die Krisen verschärfen, und damit
die Anhäufung revolutionärer Elemente vermehren. „Keine Revolutionen
mehr!"

Eine zweite wunderthätige Wirkung der Kapitalsteuer ist nach Herrn
Girardin, daß sie die Kapitalien von wenig einträglichem Grund und Boden
zur einträglicheren Industrie hinüberziehn, die Bodenpreise zum Fallen
bringen, die Konzentrirung des Grundbesitzes, die große englische Kultur,
und damit die ganze entwickelte englische Industrie nach Frankreich ver-
pflanzen würde. Abgesehn davon, daß dazu die übrigen Bedingungen der
englischen Industrie ebenfalls nach Frankreich einwandern müßten, begeht
Herr Girardin hier ganz eigenthümliche Irrthümer. In Frankreich leidet der

Rezensionen ° III. Le Socialisme et l'impôt. Par Emile de Girardin

Ackerbau nicht | am Ueberfluß, sondern am Mangel an Kapital. Nicht
durch Wegziehn des Kapitals vom Ackerbau, sondern im Gegentheil durch
Hinüberwerfen des industriellen Kapitals auf den Grund und Boden ist die
englische Konzentration und der englische Ackerbau zu Stande gekommen.
Der Bodenpreis in England ist bei weitem höher als in Frankreich; der
Gesammtwerth des englischen Grundes und Bodens ist fast so hoch wie der
ganze französische Nationalreichthum nach Girardins Schätzung. Der Bo-
denpreis in Frankreich müßte mit der Konzentrirung also nicht nur nicht
fallen, er müßte im Gegentheil steigen. Die Konzentration des Grundeigen-
thums in England hat ferner ganze Generationen der Bevölkerung vollständig
weggeschwemmt. Dieselbe Konzentration, zu der die Kapitalsteuer durch
schnelleren Ruin der Bauern allerdings beitragen muß, würde in Frank-
reich diese große Masse der Bauern in die Städte treiben und die Revo-
lution nur um so unvermeidlicher machen. Und endlich, wenn in Frankreich
die Umkehr aus der Parzellirung zur Konzentration schon angefangen hat,
so geht in England das große Grundeigenthum mit Riesenschritten seiner
abermaligen Zerschlagung entgegen, und beweist unwiderleglich, wie der
Ackerbau sich fortwährend in diesem Kreislauf von Konzentrirung und
Zersplitterung des Bodens bewegen muß, solange die bürgerlichen Verhält-
nisse überhaupt fortbestehn.

Genug von diesen Wundern. Kommen wir zum Credit auf Unterpfand.

Der Credit gegen Unterpfand wird zunächst nur dem Grundbesitz eröffnet.
Der Staat gibt Hypothekenscheine aus, die ganz den Banknoten entsprechen,
nur daß nicht baares Geld oder Barren, sondern der Grund und Boden die
Garantie dafür bildet. Diese Hypothekenscheine werden den verschuldeten
Bauern zu 4% vom Staat vorgeschossen, um damit ihre Hypothekengläubi-
ger zu befriedigen; statt des Privatgläubigers hat nun der Staat Hypothek auf
das Grundstück und konsolidirt die Schuld, so daß er sie nie zurückfordern
kann. Die gesammte Hypothekarschuld in Frankreich beläuft sich auf
14 Milliarden. Girardin rechnet zwar nur auf die Ausgabe von 5 Milliarden
Hypothekenscheine; aber die Vermehrung des Papiergelds um eine solche
Summe würde hinreichen, nicht um das Kapital wohlfeiler zu machen,
sondern um das Papiergeld vollständig zu entwerthen. Dabei wagt Girardin |
 nicht diesem neuen Papier Zwangskurs zu geben. Um die Entwerthung
zu vermeiden, schlägt er den Inhabern dieser Scheine vor, sie gegen 3 %
Staatsschuldscheine al pari umzutauschen. Das Ende von der Transaktion
ist also dies: Der Bauer, der früher 5 % Zinsen und 1 % Umschreibe-, Er-
neuerungs- etc. Gebühr zahlte, zahlt nur noch 4 %, gewinnt also 2 % ; der Staat
leiht zu 3% an und leiht zu 4% aus, gewinnt also 1%; der Ex-Hy-
pothekargläubiger, der früher 5 % erhielt, wird durch die drohende Entwer-
thung der Hypothekenscheine gezwungen, die ihm vom Staat gebotenen 3 %

Karl Marx/Friedrich Engels

dankbar anzunehmen; er verliert also 2%. Außerdem braucht der Bauer
seine Schuld nicht zu zahlen und kann der Gläubiger seine Forderung an den
Staat nie eintreiben. Das Geschäft läuft also hinaus auf eine direkte, durch
die Hypothekenscheine schlecht verhüllte Beraubung der Hypothekargläubi-
ger um 2% aus 5. Das einzige Mal also, wo Herr Girardin, außer der Steuer,
die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst verändern will, ist er zu einem
direkten Angriff auf das Privateigenthum gezwungen, muß er revolutionär
werden, und seine ganze Utopie aufgeben. Und dieser Angriff rührt nicht
einmal von ihm her. Er hat ihn von den deutschen Kommunisten entlehnt,
die nach der Februarrevolution zuerst die Verwandlung der Hypothekar-
schuld in eine Schuld an den Staat forderten, freilich in ganz andrer Weise
wie Herr Girardin, der sogar dagegen auftrat. Es ist bezeichnend, daß das
einzige Mal wo Herr Girardin eine einigermaßen revolutionäre Maßregel
vorschlägt, er nicht den Muth hat, etwas Andres als ein Palliativ aufzustellen,
das die Entwicklung der Parzellirung in Frankreich nur chronischer machen,
um nur einige Decennien zurückschrauben kann, um schließlich wieder den
heutigen Stand herbeizuführen.

Das Einzige, was der Leser in der ganzen Darstellung Girardins vermißt
haben wird, sind die Arbeiter. Aber der bürgerliche Sozialismus unterstellt
ja überall, daß die Gesellschaft aus lauter Kapitalisten besteht, um nachher,
von diesem Standpunkt aus, die Frage zwischen Kapital und Lohnarbeit
lösen zu können.