Band 7, S. 9-107

Karl Marx

Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850

Geschrieben 1850.

Erstmals veröffentlicht in: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue",
Hamburg 1850, unter der Überschrift "1848 bis 1849".

In der Zeitschrift erschienen die Abschnitte wie folgt:

I - Erstes Heft, Januar 1850

II - Zweites Heft, Februar 1850

III - Drittes Heft, März 1850

IV - Fünftes und Sechstes Heft, Mai bis Oktober 1850

Der vorliegende Text fußt auf der von Friedrich Engels besorgten Ausgabe von
1895.

Friedrich Engels: Einleitung zu "Die
Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 von Karl Marx (Ausgabe 1895)

Mit Ausnahme einiger weniger Kapitel trägt jeder bedeutendere Abschnitt
der Revolutionsannalen von 1848 bis 1849 trägt die Überschrift:
Niederlage der
Revolution!

Was in diesen Niederlagen erlag, war nicht die Revolution. Es waren die vorrevolutionären
traditionellen Anhängsel, Resultate gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich noch
nicht zu scharfen Klassengegensätzen zugespitzt hatten - Personen, Illusionen,
Vorstellungen, Projekte, wovon die revolutionäre Partei vor der Februarrevolution nicht frei
war, wovon nicht der
Februarsieg
, sondern nur eine Reihe von
Niederlagen
sie
befreien konnte.

Mit einem Worte: Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der
revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt, in der Erzeugung einer geschlossenen,
mächtigen Kontrerevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung
erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei heranreifte.

Dies nachzuweisen, ist die Aufgabe der folgenden Blätter.

I - Die Juniniederlage 1848
II - Der 13. Juni 1849
III -
Folgen des 13. Juni 1849
IV - Die Abschaffung
des allgemeinen Stimmrechts 1850

[Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 - Teil 2]

Einleitung (1895)

Inhalt und Einleitung
II - Der 13. Juni 1849

Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850", S. 12-34

I

Die Juniniederlage 1848

Vom Februar bis Juni 1848

Nach der Julirevolution, als der liberale Bankier Lafitte
seinen compère <Gefatter; Helfershelfer>, den Herzog von Orléans, im Triumph
auf das Hôtel de Ville <Stadthaus von Paris> geleitete, ließ er das Wort
fallen:
"Von nun an werden die Bankiers herrschen."
Lafitte hatte das Geheimnis der
Revolution verraten.

Nicht die französische Bourgeoisie herrschte unter Louis-Philippe, sondern
eine
Fraktion
derselben, Bankiers, Börsenkönige, Eisenbahnkönige, Besitzer von
Kohlen- und Eisenbergwerken und Waldungen, ein Teil des mit ihnen ralliierten Grundeigentums -
die sogenannte
Finanzaristokratie
. Sie saß auf dem Throne, sie diktierte in den
Kammern Gesetze, sie vergab die Staatsstellen vom Ministerium bis zum Tabaksbüro.

Die eigentliche
industrielle Bourgeoisie
bildete einen Teil der offiziellen Opposition,
d.h., sie war in der Kammer nur als Minorität vertreten. Ihre Opposition trat um so
entschiedener hervor, je reiner sich die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie entwickelte und
je mehr sie selbst nach den in Blut erstickten Emeuten 1832, 1834 und 1839 ihre Herrschaft
über die Arbeiterklasse gesichert wähnte.
Grandin
, Fabrikant von Rouen, in der
konstituierenden wie in der legislativen Nationalversammlung das fanatische Organ der
bürgerlichen Reaktion, war in der Deputiertenkammer der heftigste Widersacher Guizots.

Léon Faucher
, später durch seine ohnmächtigen Anstrengungen bekannt, sich
zum Guizot der französischen Kontrerevolution aufzuschwingen, führte in den letzten
Zeiten Louis-Philippes einen Federkrieg für die Industrie gegen die Spekulation und ihren
Schleppenträger, die Regierung.
Bastiat
agitierte im Namen von Bordeaux und des
ganzen weinproduzierenden Frankreichs gegen das herrschende System.

Die
kleine Bourgeoisie
in allen ihren Abstufungen, ebenso die
Bauernklasse
waren
vollständig von der politischen Macht ausgeschlossen. Es befanden

sich endlich in der offiziellen Opposition oder gänzlich
außerhalb des pays légal <des Kreises der Wahlberechtigten> die

ideologischen
Vertreter und Wortführer der angeführten Klassen, ihre Gelehrten,
Advokaten, Ärzte usw., mit einem Worte: ihre sogenannten
Kapazitäten
.

Durch ihre Finanznot war die Julimonarchie von vorn herein abhängig von der hohen
Bourgeoisie, und ihre Abhängigkeit von der hohen Bourgeoisie wurde die unerschöpfliche
Quelle einer wachsenden Finanznot. Unmöglich, die Staatsverwaltung dem Interesse der
nationalen Produktion unterzuordnen, ohne das Gleichgewicht im Budget herzustellen, das
Gleichgewicht zwischen Staatsausgaben und Staatseinnahmen. Und wie dies Gleichgewicht herstellen
ohne Beschränkung des Staatsaufwandes, d.h. ohne Interessen zu verletzen, die ebenso viele
Stützen des herrschenden Systems waren, und ohne die Steuerverteilung neu zu regeln, d.h.
ohne einen bedeutenden Teil der Steuerlast auf die Schultern der hohen Bourgeoisie selbst zu
wälzen?

Die Verschuldung des Staates
war vielmehr das
direkte Interesse
der durch die
Kammern herrschenden und gesetzgebenden Bourgeoisfraktion. Das
Staatsdefizit
, es war eben
der eigentliche Gegenstand ihrer Spekulation und die Hauptquelle ihrer Bereicherung. Nach jedem
Jahre ein neues Defizit. Nach dem Verlaufe von vier bis fünf Jahren eine neue Anleihe. Und
jede neue Anleihe bot der Finanzaristokratie neue Gelegenheit, den künstlich in der Schwebe
des Bankerotts gehaltenen Staat zu prellen - er mußte unter den ungünstigsten
Bedingungen mit den Bankiers kontrahieren. Jede neue Anleihe gab eine zweite Gelegenheit, das
Publikum, das seine Kapitalien in Staatspapiere angelegt, durch Börsenoperationen zu
plündern, in deren Geheimnis Regierung und Kammermajorität eingeweiht waren.
Überhaupt bot der schwankende Stand des Staatskredits und der Besitz der Staatsgeheimnisse
den Bankiers wie ihren Affiliierten in den Kammern und auf dem Throne die Möglichkeit,
außerordentliche, plötzliche Schwankungen im Kurse der Staatspapiere hervorzurufen,
deren stetes Resultat der Ruin einer Masse kleinerer Kapitalisten sein mußte und die
fabelhafte schnelle Bereicherung der großen Spieler. War das Staatsdefizit das direkte
Interesse der herrschenden Bourgeoisfraktion, so erklärt es sich, wie die

außerordentlichen
Staatsverwendungen in den letzten Regierungsjahren Louis-Philippes
bei weitem um das Doppelte die außerordentlichen Staatsverwendungen unter Napoleon
überstiegen, ja beinah jährlich die Summe von 400 Millionen frs. erreichten,
während die jährliche Gesamtausfuhr Frankreichs im Durchschnitt sich selten zur
Höhe von 750 Millionen frs. erhob. Die enormen Summen, die so durch

die Hände des Staates flossen, gaben überdem Gelegenheit zu
gaunerischen Lieferungskontrakten, Bestechungen, Unterschleifen, Spitzbübereien aller Art.
Die Übervorteilung des Staates, wie sie durch die Anleihen im Großen geschah,
wiederholte sich bei den Staatsarbeiten im Detail. Das Verhältnis zwischen Kammer und
Regierung vervielfältigte sich als Verhältnis zwischen den einzelnen Administrationen
und den einzelnen Unternehmern.

Wie die Staatsverwendungen überhaupt und die Staatsanleihen, so exploitierte die
herrschende Klasse die
Eisenbahnbauten
. Dem Staate wälzten die Kammern die
Hauptlasten zu, und der spekulierenden Finanzaristokratie sicherten sie die goldenen
Früchte. Man erinnert sich der Skandale in der Deputiertenkammer, wenn es gelegentlich zu
Vorschein kam, daß sämtliche Mitglieder der Majorität, ein Teil der Minister
eingerechnet, als Aktionäre bei denselben Eisenbahnbauten beteiligt waren, die sie hinterher
als Gesetzgeber auf Staatskosten ausführen ließen.

Die kleinste finanzielle Reform scheiterte dagegen an dem Einflusse der Bankiers. So z.B. die

Postreform
. Rothschild protestierte. Durfte der Staat Einnahmequellen schmälern, aus
denen seine wachsende Schuld zu verzinsen war?

Die Julimonarchie war nichts als eine Aktienkompanie zur Exploitation des französischen
Nationalreichtums, deren Dividenden sich verteilten unter Minister, Kammern, 240.000 Wähler
und ihren Anhang. Louis-Philippe war der Direktor dieser Kompanie - Robert Macaire auf dem
Throne. Handel, Industrie, Ackerbau, Schiffahrt, die Interessen der industriellen Bourgeois
mußten beständig unter diesem System gefährdet und beeinträchtigt werden.
Wohlfeile Regierung, gouvernement à bon marché, hatte sie in den Julitagen auf ihre
Fahne geschrieben.

Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über
sämtliche organisierte öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung
durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sphären, vom
Hofe bis zum Café Borgne <Bezichnung für verrufene Kaffehäuser und Kneipen in
Paris> dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht, sich zu bereichern,
nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtums,
brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den
bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden
und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum
naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux
<ausschweifend> wird, wo Geld, Schmutz und Blut

zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen,
ist nichts als die
Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der
bürgerlichen Gesellschaft
.

Und die nicht herrschenden Fraktionen der französischen Bourgeoisie schrien

Korruption!
Das Volk schrie:
À bas les grands voleurs! À bas les
assassins!
<
Nieder mit den großen Dieben! Nieder mit den Mördern!
>
als im Jahre 1847 auf den erhabensten Bühnen der bürgerlichen Gesellschaft dieselben
Szenen öffentlich aufgeführt wurden, welche das Lumpenproletariat regelmäßig
in die Bordells, in die Armen- und Irrenhäuser, vor den Richter, in die Bagnos und auf das
Schafott führen. Die industrielle Bourgeoisie sah ihre Interessen gefährdet, die kleine
Bourgeoisie war moralisch entrüstet, die Volksphantasie war empört, Paris war von
Pamphlets überflutet - "La dynastie Rothschild", "Les juifs rois de l'époque"
<"Die Dynastie Rothschild", "Die Juden - Könige unserer Zeit"> etc. -, worin die
Herrschaft der Finanzaristokratie mit mehr oder weniger Geist denunziert und gebrandmarkt
wurde.

Rien pour la gloire! <Nichts für den Ruhm!> Der Ruhm bringt nichts ein! La paix
partout et toujours! <>Friede überall und immer!> Der Krieg drückt den Kurs
der drei- und vierprozentigen! - hatte das Frankreich der Börsenjuden auf seine Fahne
geschrieben. Seine auswärtige Politik verlor sich daher in eine Reihe von Kränkungen
des französischen Nationalgefühls, das um so lebhafter auffuhr, als mit der
Einverleibung Krakaus in Österreich der Raub an Polen vollendet wurde und Guizot im
schweizerischen Sonderbundskrieg aktiv auf seiten der Heiligen Allianz trat. Der Sieg der
Schweizer Liberalen in diesem Scheinkriege hob das Selbstgefühl der bürgerlichen
Opposition in Frankreich, die blutige Erhebung des Volkes zu Palermo wirkte wie ein elektrischer
Schlag auf die paralysierte Volksmasse und rief ihre großen revolutionären
Erinnerungen und Leidenschaften wach.
(1)

Der Ausbruch des allgemeinen Mißbehagens wurde endlich beschleunigt, die Verstimmung zur
Revolte gereift durch zwei
ökonomische Weltereignisse
.

Die
Kartoffelkrankheit
und
Mißernten
von 1845 und 1846 steigerten die
allgemeine Gärung im Volke. Die Teuerung von 1847 rief in Frankreich wie auf dem
übrigen Kontinente blutige Konflikte hervor. Gegenüber den schamlosen Orgien der
Finanzaristokratie - der Kampf des Volkes um die ersten Lebensmittel! Zu Buzançais die
Emeutiers des Hungers hingerichtet, zu

Paris
übersättigte Escrocs <Gauner> den Gerichten durch die königliche Familie
entrissen!

Das zweite große ökonomische Ereignis, welches den Ausbruch der Revolution
beschleunigte, war eine
allgemeine Handels- und Industriekrise
in England; schon Herbst
1845 angekündigt durch die massenhafte Niederlage der Eisenbahnaktien-Spekulaten,
hingehalten während des Jahres 1846 durch eine Reihe von Inzidenzpunkten wie die
bevorstehende Abschaffung der Kornzölle, eklatierte sie endlich Herbst 1847 in den
Bankerotten der großen Londoner Kolonialwarenhändler, denen die Falliten der
Landbanken und das Schließen der Fabriken in den englischen Industriebezirken auf dem
Fuße nachfolgten. Noch war die Nachwirkung dieser Krise auf dem Kontinent nicht
erschöpft, als die Februarrevolution ausbrach.

Die Verwüstung des Handels und der Industrie durch die ökonomische Epidemie machte
die Alleinherrschaft der Finanzaristokratie noch unerträglicher. In ganz Frankreich rief die
oppositionelle Bourgeoisie die
Bankettagitation
für eine
Wahlreform
hervor,
welche ihr die Majorität in den Kammern erobern und das Ministerium des Börse
stürzen sollte. Zu Paris hatte die industrielle Krisis noch speziell die Folge, eine Masse
Fabrikanten und Großhändler, die auf dem auswärtigen Markte unter den
gegenwärtigen Umständen keine Geschäfte mehr machen konnten, auf den inneren
Handel zu werfen. Sie errichteten große Etablissements, deren Konkurrenz Épiciers
und Boutiquiers <Krämer und Kleinhändler> massenhaft ruinierte. Daher eine Unzahl
Falliten in diesem Teile der Pariser Bourgeoisie, daher ihr revolutionäres Auftreten im
Februar.. Es ist bekannt, wie Guizot und die Kammern die Reformvorschläge mit einer
unzweideutigen Herausforderung beantworteten, wie Louis-Philippe sich zu spät zu einem
Ministerium Barrot entschloß, wie es zum Handgemenge zwischen dem Volke und der Armee kam,
wie die Armee durch die passive Haltung der Nationalgarde entwaffnet wurde, wie die Julimonarchie
einer provisorischen Regierung den Platz räumen mußte.

Die
provisorische Regierung
, die sich auf den Februarbarrikaden erhob, spiegelte in
ihrer Zusammensetzung notwendig die verschiedenen Parteien ab, worunter sich der Sieg verteilte.
Sie konnte nichts anderes sein als ein
Kompromiß der verschiedenen Klassen
, die
gemeinsam den Julithron umgestürzt, deren Interessen sich aber feindlich
gegenüberstanden. Ihre
große Majorität
bestand aus Vertretern der
Bourgeoisie. Das republikanische Kleinbürgertum vertreten in Ledru-Rollin und Flocon, die
republikanische Bourgeoisie in den Leuten vom "National", die dynastische Opposition in

Crémieux, Dupont de l'Eure usw. Die Arbeiterklasse besaß
nur zwei Repräsentanten, Louis Blanc und Albert. Lamartine endlich in der provisorischen
Regierung, das war zunächst kein wirkliches Interesse, keine bestimmte Klasse, das war die
Februarrevolution selbst, die gemeinsame Erhebung mit ihren Illusionen, ihrer Poesie, ihrem
eingebildeten Inhalt und ihrer Phrase. Übrigens gehörte der Wortführer der
Februarrevolution, seiner Stellung wie seinen Ansichten nach, der
Bourgeoisie
an.

Wenn Paris infolge der politischen Zentralisation Frankreich beherrscht, beherrschen die
Arbeiter in Augenblicken revolutionärer Erdbeben Paris. Der erste Lebensakt der
provisorischen Regierung war der Versuch, sich diesem überwältigenden Einflusse zu
entziehen durch einen Appell von dem trunkenen Paris an das nüchterne Frankreich. Lamartine
bestritt den Barrikadenkämpfern das Recht, die Republik auszurufen, dazu sei nur die
Majorität der Franzosen befugt; ihre Stimmgebung sei abzuwarten, das Pariser Proletariat
dürfe seinen Sieg nicht beflecken durch eine Usurpation. Die Bourgeoisie erlaubte dem
Proletariat nur
eine
Usurpation - die des Kampfes.

Um die Mittagsstunde des 25. Februar war die Republik noch nicht ausgerufen, waren dagegen
sämtliche Ministerien schon verteilt unter die bürgerlichen Elemente der provisorischen
Regierung und unter die Generale, Bankiers und Advokaten des "National". Aber die Arbeiter waren
entschlossen, diesmal keine ähnliche Eskamotage zu dulden wie im Juli 1830. Sie waren
bereit, von neuem den Kampf aufzunehmen und die Republik durch Waffengewalt zu erzwingen. Mit
dieser Botschaft begab sich
Raspail
auf das Hôtel de Ville: Im Namen des Pariser
Proletariats
befahl
er der provisorischen Regierung, die Republik auszurufen.; sei dieser
Befehl des Volkes im Laufe von zwei Stunden nicht vollstreckt, so werde er an der Spitze von
200.000 Mann zurückkehren. Noch waren die Leichen der Gefallenen kaum erkaltet , die
Barrikaden nicht weggeräumt, die Arbeiter nicht entwaffnet, und die einzige Macht, die man
ihnen entgegenstellen konnte, war die Nationalgarde. Unter diesen Umständen verschwanden
plötzlich die staatsklugen Bedenken und juristischen Gewissensskrupel der provisorischen
Regierung. Die Frist von zwei Stunden war nicht abgelaufen, und schon prangten an allen Mauern
von Paris die historischen Riesenworte:

République français! Liberté, Egalité,
Fraternité!

Mit der Proklamation der Republik auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts war selbst die
Erinnerung an die beschränkten Zwecke und Motive ausgelöscht, welche die Bourgeoisie in
die Februarrevolution gejagt hatten.

Statt einer weniger
Fraktionen des Bürgertums - sämtliche Klassen der französischen Gesellschaft
plötzlich in den Kreis der politischen Macht hineingeschleudert, gezwungen, die Logen, das
Parterre, die Galerie zu verlassen und in eigener Person auf der revolutionären Bühne
mitzuspielen! Mit dem konstitutionellen Königtum auch der Schein einer eigenmächtig der
bürgerlichen Gesellschaft gegenüberstehenden Staatsmacht verschwunden und die ganze
Reihe von untergeordneten Kämpfen, welche diese Scheinmacht herausfordert!

Das Proletariat, indem es der provisorischen Regierung und durch die provisorische Regierung
ganz Frankreich die Republik diktierte, trat sofort als selbständige Partei in den
Vordergrund, aber es forderte zugleich das ganze bürgerliche Frankreich gegen sich in die
Schranken. Was es eroberte, war das Terrain für den Kampf um seine revolutionäre
Emanzipation, keineswegs diese Emanzipation selbst.

Die Februarrepublik mußte zunächst vielmehr die
Herrschaft der Bourgeoisie
vervollständigen
, indem sie neben der Finanzaristokratie
sämtliche besitzenden
Klassen
in den Kreis der politischen Macht eintreten ließ. Die Majorität der
großen Grundbesitzer, die Legitimisten wurden von der politischen Nichtigkeit emanzipiert,
wozu die Julimonarchie sie verurteilt hatte. Nicht umsonst hatte die "Gazette de France"
gemeinsam mit den Oppositionsblättern agitiert, nicht umsonst La Rochejaquelein in der
Sitzung der Deputiertenkammer vom 24. Februar die Partei der Revolution ergriffen. Durch das
allgemeine Wahlrecht wurden die nominellen Eigentümer, welche die große Majorität
der Franzosen bilden, die
Bauern
, zu Schiedsrichtern über das Schicksal Frankreichs
eingesetzt. Die Februarrepublik ließ endlich die Bourgeoisherrschaft rein hervortreten,
indem sie die Krone abschlug, hinter der sich das Kapital versteckt hielt.

Wie die Arbeiter in den Julitagen die
bürgerliche Monarchie
, hatten sie in den
Februartagen die
bürgerliche Republik
erkämpft. Wie die Julimonarchie gezwungen
war, sich anzukündigen als eine
Monarchie, umgeben von republikanischen
Institutionen
, so die Februarrepublik als eine
Republik, umgeben von sozialen
Institutionen
. Das Pariser Proletariat
erzwang
auch diese Konzession.

Marche, ein Arbeiter, diktierte das Dekret, worin die eben erst gebildete provisorische
Regierung sich verpflichtete, die Existenz der Arbeiter durch die Arbeit sicherzustellen, allen
Bürgern Arbeit zu verschaffen usw. Und als sie wenige Tage später ihre Verpflichtung
vergaß und aus den Augen verloren zu haben schien, marschierte eine Masse von 20.000
Arbeitern auf das Hôtel de Ville mit dem Rufe:
Organisation der Arbeit! Bildung eines
eigenen Ministeriums der Arbeit!
Widerstrebend und nach langen Debat-

ten ernannte die provisorische Regierung eine permanente
Spezialkommission, beauftragt, die Mittel zur Verbesserung der arbeitenden Klassen

auszufinden
! Diese Kommission wurde gebildet aus Delegierten der Pariser
Handwerkskorpoationen und präsidiert von Louis Blanc und Albert. Das Luxembourg wurde ihr
als Sitzungssaal angewiesen. So waren die Vertreter der Arbeiterklasse von dem Sitze der
provisorischen Regierung verbannt, der bürgerliche Teil derselben behielt die wirkliche
Staatsmacht und die Zügel der Verwaltung ausschließlich in den Händen, und

neben
den Ministerien der Finanzen, des Handels, der öffentlichen Arbeiten,

neben
der Bank und der Börse erhob sich eine
sozialistische Synagoge
, deren
Hohepriester, Louis Blanc und Albert, die Aufgabe hatten, das gelobte Land zu entdecken, das neue
Evangelium zu verkünden und das Pariser Proletariat zu beschäftigen. Zum Unterschiede
von jeder profanen Staatsmacht stand ihnen kein Budget, keine exekutive Gewalt zur
Verfügung. Mit dem Kopfe sollten sie die Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft
einrennen. Während das Luxembourg den Stein der Weisen suchte, schlug man im Hôtel de
Ville die kurshabende Münze.

Und dennoch, die Ansprüche des Pariser Proletariats, soweit sie über die
bürgerliche Republik hinausgingen, sie konnte keine andere Existent gewinnen als die
nebelhafte des Luxembourg.

Gemeinsam mit der Bourgeoisie hatten die Arbeiter die Februarrevolution gemacht,
neben

der Bourgeoisie suchten sie ihre Interessen durchzusetzen, wie sie in der provisorischen
Regierung selbst neben die bürgerliche Majorität einen Arbeiter installiert hatten.

Organisation der Arbeit!
Aber die Lohnarbeit, das ist die vorhandene bürgerliche
Organisation der Arbeit. Ohne sie kein Kapital, keine Bourgeoisie, keine bürgerliche
Gesellschaft. Ein
eigenes Ministerium der Arbeit!
Aber die Ministerien der Finanzen, des
Handels, der öffentlichen Arbeiten, sind sie nicht die
bürgerlichen
Ministerien
der Arbeit? Und
neben
ihnen ein
proletarisches
Ministerium des Arbeit, es
mußte ein Ministerium der Ohnmacht sein, ein Ministerium der frommen Wünsche, eine
Kommission des Luxembourg. Wie die Arbeiter glaubten, neben der Bourgeoisie sich emanzipieren, so
meinten sie, neben den übrigen Bourgeoisienationen innerhalb der nationalen Wände
Frankreichs eine proletarische Revolution vollziehen zu können. Aber die französischen
Produktionsverhältnisse sind bedingt durch den auswärtigen Handel Frankreichs, durch
seine Stellung auf dem Weltmarkt und die Gesetze desselben; wie sollte Frankreich sie brechen
ohne einen europäischen Revolutionskrieg, der auf den Despoten des Weltmarkts, England,
zurückschlüge?

Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft konzentrieren,
sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen

Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären
Tätigkeit: Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfnis des Kampfes gegebene
Maßregeln zu ergreifen; die Konsequenzen ihrer eigenen Taten treiben sie weiter. Sie stellt
keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an. Die französische
Arbeiterklasse befand sich aber nicht auf diesem Standpunkte, sie war noch unfähig, ihre
eigene Revolution durchzuführen.

Die Entwicklung des industriellen Proletariats ist überhaupt bedingt durch die
Entwicklung der industriellen Bourgeoisie. Unter ihrer Herrschaft gewinnt es erst die ausgedehnte
nationale Existenz, die seine Revolution zu einer nationalen erheben kann, schafft es selbst erst
die modernen Produktionsmittel, welche ebenso viele Mittel seiner revolutionären Befreiung
werden. Ihre Herrschaft reißt erst die materiellen Wurzeln der feudalen Gesellschaft aus
und ebnet das Terrain, worauf allein eine proletarische Revolution möglich ist. Die
französische Industrie ist ausgebildeter und die französische Bourgeoisie
revolutionärer entwickelt als die des übrigen Kontinents. Aber die Februarrevolution,
war sie nicht unmittelbar gegen die Finanzaristokratie gerichtet? Diese Tatsache bewies,
daß die industrielle Bourgeoisie Frankreich nicht beherrschte. Die industrielle Bourgeoisie
kann nur da herrschen, wo die moderne Industrie alle Eigentumsverhältnisse sich
gemäß gestaltet, und nur da kann die Industrie diese Gewalt gewinnen, wo sie den
Weltmarkt erobert hat, denn die nationalen Grenzen genügen ihrer Entwicklung nicht.
Frankreichs Industrie aber, zum großen Teil, behauptet selbst den nationalen Markt nur
durch ein mehr oder minder modifiziertes Prohibitivsystem. Wenn das französische Proletariat
daher in dem Augenblicke einer Revolution zu Paris eine faktische Gewalt und einen Einfluß
besitzt, die es zu einem Anlaufe über seine Mittel hinaus anspornen, so ist es in dem
übrigen Frankreich an einzelnen zerstreuten industriellen Zentralpunkten
zusammengedrängt, fast verschwindend unter einer Überzahl von Bauern und
Kleinbürgern. Der Kampf gegen das Kapital in seiner entwickelten modernen Form, in seinem
Springpunkt, der Kampf des industriellen Lohnarbeiters gegen den industriellen Bourgeois ist in
Frankreich ein partielles Faktum, das nach den Februartagen um so weniger den nationalen Inhalt
der Revolution abgeben konnte, als der Kampf gegen die untergeordneten Exploitationsweisen des
Kapitals, des Bauern gegen den Wucherer und die Hypotheke, des Kleinbürgers gegen den
Großhändler, Bankier und Fabrikanten, mit einem Worte, gegen den Bankerott, noch
eingehüllt war in die allgemeine Erhebung gegen die Finanzaristokratie. Nichts
erklärlicher also, als daß das Pariser Proletariat sein Interesse
neben
dem
bürgerlichen durchzusetzen suchte, statt es als das revolutionäre Interesse der
Gesellschaft selbst zur Geltung zu bringen, daß

es die

rote
Fahne vor der
trikoloren
fallen ließ. Die französischen Arbeiter
konnten keinen Schritt vorwärts tun, kein Haar der bürgerlichen Ordnung krümmen,
bevor der Gang der Revolution die zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie stehende Masse der
Nation, Bauern und Kleinbürger, nicht gegen diese Ordnung, gegen die Herrschaft des Kapitals
empört, sie gezwungen hatte, sich den Proletariern als ihren Vorkämpfern
anzuschließen. Nur durch die ungeheure Niederlage im Juni konnten die Arbeiter diesen Sieg
erkaufen.

Die Kommission des Luxembourg, diesem Geschöpfe der Pariser Arbeiter, bleibt das
Verdienst, das Geheimnis der Revolution des neunzehnten Jahrhunderts von einer europäischen
Tribüne herab verraten zu haben:
die Emanzipation des Proletariat
. Der "Moniteur"
errötete, als er die "wilden Schwärmereien" offiziell propagieren mußte, die
bisher vergraben lagen in den apokryphischen Schriften der Sozialisten und nur von Zeit zu Zeit
als ferne, halb fürchterliche, halb lächerliche Sagen an das Ohr der Bourgeoisie
anschlugen. Europa fuhr überrascht aus seinem bürgerlichen Halbschlummer auf. In der
Idee der Proletarier also, welche die Finanzaristokratie mit der Bourgeoisie überhaupt
verwechselten; in der Einbildung republikanischer Biedermänner, welche die Existenz selbst
der Klassen leugneten oder höchstens als Folge der konstitutionellen Monarchie zugaben; in
den heuchlerischen Phrasen der bisher von der Herrschaft ausgeschlossenen bürgerlichen
Fraktionen war die
Herrschaft der Bourgeoisie
abgeschafft mit der Einführung der
Republik. Alle Royalisten verwandelten sich damals in Republikaner und alle Millionäre von
Paris in Arbeiter. Die Phrase, welche dieser eingebildeten Aufhebung der Klassenverhältnisse
entsprach, war die
fraternité
, die allgemeine Verbrüderung und
Brüderschaft. Diese gemütliche Abstraktion von den Klassengegensätzen, diese
sentimentale Ausgleichung der sich widersprechenden Klasseninteressen, diese schwärmerische
Erhebung über den Klassenkampf, die fraternité , sie war das eigentliche Stichwort
der Februarrevolution. Die Klassen waren durch ein bloßes
Mißverständnis

gespalten und Lamartine taufte die provisorische Regierung am 24. Februar: "un gouvernement qui
suspende
ce malentendu terrible qui existe entre les différent classes"
. <"eine
Regierung, die
dieses fürchterliche Mißverständnis aufhebt
, das

zwischen den verschiedenen Klassen besteht
"> Das Pariser Proletariat schwelgte in
diesem großmütigen Fraternitätsrausche.

Die provisorische Regierung ihrerseits, einmal gezwungen, die Republik zu proklamieren, tat
alles, um sie der Bourgeoisie und den Provinzen annehm

bar zu
machen. Die blutigen Schrecken der ersten französischen Republik wurden desavouiert durch
die Abschaffung der Todesstrafe für politische Verbrechen, die Presse wurde allen Meinungen
freigegeben, die Armee, die Gerichte, die Administration blieben mit wenigen Ausnahmen in den
Händen ihrer alten Würdenträger, keiner der großen Schuldigen der
Julimonarchie wurde zur Rechenschaft gezogen. Die bürgerlichen Republikaner des "National"
amüsierten sich damit, monarchische Namen und Kostüme mit altrepublikanischen zu
vertauschen. Für sie war die Republik nichts als ein neuer Ballanzug für die alte
bürgerliche Gesellschaft. Ihr Hauptverdienst suchte die junge Republik darin, nicht
abzuschrecken, vielmehr selbst beständig zu erschrecken und durch die weiche Nachgiebigkeit
und Widerstandslosigkeit ihrer Existenz Existenz zu gewinnen und den Widerstand zu entwaffnen.
Den privilegierten Klassen im Innern, den despotischen Mächten nach außen wurde laut
verkündet, die Republik sei friedfertiger Natur. Leben und leben lassen sei ihr Motto. Es
kam hinzu, daß kurz nach der Februarrevolution Deutsche, Polen, Österreicher, Ungarn,
Italiener, jedes Volk seiner unmittelbaren Situation gemäß revoltierte. Rußland
und England waren, letzteres selbst bewegt und das andere eingeschüchtert, nicht
vorbereitet. Die Republik fand also vor sich keinen
nationalen
Feind. Also keine
großartigen auswärtigen Verwicklungen, welche die Tatkraft entzünden, den
revolutionären Prozeß beschleunigen, die provisorische Regierung vorwärtstreiben
oder über Bord werfen konnten. Das Pariser Proletariat, das in der Republik seine eigene
Schöpfung erblickte, akklamierte natürlich jedem Akt der provisorischen Regierung, der
sie leichter in der bürgerlichen Gesellschaft Platz greifen ließ. Von
Caussidière ließ es sich willig zu Polizeidiensten verwenden, um das Eigentum in
Paris zu beschützen, wie es die Lohnzwiste zwischen Arbeitern und Meistern von Louis Blanc
schlichten ließ. Es war sein Point d'honneur, vor den Augen von Europa die bürgerliche
Ehre der Republik unangetastet zu erhalten.

Die Republik fand keinen Widerstand, weder von außen noch von innen. Damit war sie
entwaffnet. Ihre Aufgabe bestand nicht mehr darin, die Welt revolutionär umzugestalten, sie
bestand nur noch darin, sich den Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft
anzupassen. Mit welchem Fanatismus sich die provisorische Regierung dieser Aufgabe unterzog,
dafür gibt es keine sprechenderen Zeugnisse als ihre
finanziellen
Maßregeln
.

Der
öffentliche Kredit
und der
Privatkredit
waren natürlich
erschüttert. Der
öffentliche Kredit
beruhte auf dem Vertrauen, daß sich
der Staat durch die Juden der Finanz exploitieren läßt. Aber der alte Staat war
verschwunden, und die Revolution war vor allem gegen die Finanzaristokratie gerichtet. Die

Schwingungen der letzten europäischen Handelskrise
hatten noch nicht ausgeschlagen: Noch folgten Bankerotte auf Bankerotte.

Der
Privatkredit
war also paralysiert, die Zirkulation gehemmt, die Produktion
gestockt, ehe die Februarrevolution ausbrach. Die revolutionäre Krise steigerte die
kommerzielle. Und wenn der Privatkredit auf dem Vertrauen beruht, daß die bürgerliche
Produktion in dem ganzen Umfange ihrer Verhältnisse, daß die bürgerliche Ordnung
unangetastet und unantastbar ist, wie mußte eine Revolution wirken, welche die Grundlage
der bürgerlichen Produktion, die ökonomische Sklaverei des Proletariats in Frage
stellte, welche der Börse gegenüber die Sphinx des Luxembourg aufrichtet? Die Erhebung
des Proletariats, das ist die Abschaffung des bürgerlichen Kredits; denn es ist die
Abschaffung der bürgerlichen Produktion und ihrer Ordnung. Der öffentliche Kredit und
der Privatkredit sind der ökonomische Thermometer, woran man die Intensität einer
Revolution messen kann.
In demselben Grade, worin sie fallen, steigt die Glut und die
Zeugungskraft der Revolution.

Die provisorische Regierung wollte der Republik den antibürgerlichen Schein abstreifen.
Sie mußte daher vor allem den
Tauschwert
dieser neuen Staatsform, ihren
Kurs

auf der Börse zu sichern suchen. Mit dem Preiskurant der Republik auf der Börse hob
sich notwendig wieder der Privatkredit.

Um selbst den
Verdacht
zu beseitigen, als wolle oder könne sie den von der
Monarchie übernommenem Verpflichtungen nicht nachkommen, um an die bürgerliche Moral
und Zahlungsfähigkeit der Republik glauben zu machen, nahm die provisorische Regierung zu
einer ebenso würdelosen als kindischen Renommage ihre Zuflucht.
Vor
dem gesetzlichen
Zahlungstermin zahlte sie den Staatsgläubigern die Zinsen der 5%, 41/2%, 4% aus. Das
bürgerliche Aplomb, das Selbstgefühl der Kapitalisten erwachte plötzlich, als sie
die ängstliche Hast sahen, womit man ihr Vertrauen zu erkaufen suchte.

Die Geldverlegenheit der provisorischen Regierung verminderte sich natürlich nicht durch
einen Theaterstreich, der sie des vorrätigen baren Geldes beraubte. Die Finanzklemme war
nicht länger zu verbergen, und
Kleinbürger
,
Dienstboten, Arbeiter

mußten die angenehme Überraschung zahlen, welche man den Staatsgläubigern
bereitet hatte.

Die
Sparkassenbücher
über den Betrag von 100 frs. hinaus wurden für
nicht mehr in Geld einwechselbar erklärt. Die in den Sparkassen niedergelegten Summen wurden
konfisziert und durch ein Dekret in eine nicht rückzahlbare Staatsschuld verwandelt. Damit
wurde der ohnehin bedrängte
Kleinbürger
gegen die Republik erbittert. Indem er
an die Stelle seiner Sparkassenbücher Staatsschuldscheine erhielt, wurde er gezwungen, auf
die Börse

zu gehen, um sie zu verkaufen und sich so
direkt in die Hände der Börsenjuden zu liefern, gegen die er die Februarrevolution
gemacht hatte.

Die Finanzaristokratie, welche unter der Julimonarchie herrschte, hatte ihre Hochkirche in der

Bank
. Wie die Börse den Staatskredit regiert, so die Bank den

Handelskredit
.

Durch die Februarrevolution direkt bedroht, nicht nur in ihrer Herrschaft, sondern in ihrer
Existenz, suchte die Bank von vornherein die Republik zu diskreditieren, indem sie die
Kreditlosigkeit allgemein machte. Den Bankiers, den Fabrikanten, den Kaufleuten kündigte sie
plötzlich den Kredit auf. Dieses Manöver, indem es nicht sofort eine Kontrerevolution
hervorrief, schlug notwendig auf die Bank selbst zurück. Die Kapitalisten zogen das Geld
zurück, das sie in den Kellern der Bank niedergelegt hatten. Die Inhaber von Banknoten
stürzten an ihre Kasse, um sie gegen Gold und Silber auszuwechseln.

Ohne gewaltsame Einmischung, auf legale Weise konnte die provisorische Regierung die Bank zum

Bankerott
zwingen; sie hatte sich nur passiv zu verhalten und die Bank ihrem Schicksale zu
überlassen. Der
Bankerott der Bank
- das war die Sündflut, welche die
Finanzaristokratie, die mächtigste und gefährlichste Feindin der Republik, das goldene
Piedestal der Julimonarchie, in einem Nu von dem französischen Boden wegfegte. Und die Bank
einmal bankerott, mußte die Bourgeoisie selbst es als einen letzten verzweifelten
Rettungsversuch betrachten, wenn die Regierung eine Nationalbank schuf und den nationalen Kredit
der Kontrolle der Nation unterwarf.

Die provisorische Regierung gab dagegen den Noten der Bank
Zwangskurs
. Sie tat mehr.
Sie verwandelte alle Provinzialbanken in Zweiginstitute der Banque de France und ließ sie
ihr Netz über ganz Frankreich auswerfen. Sie versetzte ihr später die

Staatswaldungen
als Garantie für eine Anleihe, die sie bei ihr kontrahierte. So
befestigte und erweiterte die Februarrevolution unmittelbar die Bankokratie, die sie stürzen
sollte.

Unterdessen krümmte sich die provisorische Regierung unter dem Alp eines wachsenden
Defizits. Vergebens bettelte sie um patriotische Opfer. Nur die Arbeiter warfen ihr Almosen hin.
Er mußte zu einem heroischen Mittel geschritten werden, zur Ausschreibung einer
neuen
Steuer
. Aber wen besteuern? Die Börsenwölfe, die Bankkönige, die
Staatsgläubiger, die Rentiers, die Industriellen? Das war kein Mittel, die Republik bei der
Bourgeoisie einzuschmeicheln. Das hieß von der einen Seite des Staatskredit und den
Handelskredit gefährden, während man ihn von der anderen Seite mit so großen
Opfern und Demütigungen zu erkaufen suchte. Aber jemand mußte blechen. Wer wurde dem
bürgerlichen Kredit geopfert? Jacques le bonhomme, der
Bauer
.

Die provisorische Regierung schrieb eine Zusatzsteuer von
45 Centimes pro Franc auf die vier direkten Steuern aus. Dem Pariser Proletariat schwindelte die
Regierungspresse vor, diese Steuer falle vorzugsweise auf das große Grundeigentum, auf die
Inhaber der von der Restauration oktroyierten Milliarde. In der Wirklichkeit traf sie aber vor
allem die
Bauernklasse
, d.h. die große Majorität des französischen Volkes.

Sie mußten die Kosten der Februarrevolution zahlen
, an ihnen gewann die
Kontrerevolution ihr Hauptmaterial. Die 45-Centimes-Steuer, das war eine Lebensfrage für den
französischen Bauer, er machte sie zur Lebensfrage für die Republik. Die

Republik
für den französischen Bauer, das war von diesem Augenblicke an die

45-Centimes-Steuer
, und in dem Pariser Proletariat erblickte er den Verschwender, der sich
auf seine Kosten gemütlich tat.

Während die Revolution von 1789 damit begann, den Bauern die Feudallasten
abzuschütteln, kündigte sich die Revolution von 1848, um das Kapital nicht zu
gefährden und seine Staatsmaschinerie im Gange zu halten, mit einer neuen Steuer bei der
Landbevölkerung an.

Nur durch
ein
Mittel konnte die provisorische Regierung alle diese Ungelegenheiten
beseitigen und den Staat aus seiner alten Bahn herausschleudern - durch die
Erklärung des
Staatsbankerotts
. Man erinnert sich, wie Ledru-Rollin in der Nationalversammlung
nachträglich die tugendhafte Entrüstung rezitierte, womit er diese Zumutung des
Börsenjuden Fould, jetzigen französischen Finanzministers, von sich abwies. Fould hatte
ihm den Apfel vom Baume der Erkenntnis gereicht.

Indem die provisorische Regierung die Wechsel anerkannte, welche die alte bürgerliche
Gesellschaft auf den Staat gezogen hatte, war sie ihr verfallen. Sie war zum bedrängten
Schuldner der bürgerlichen Gesellschaft geworden, statt ihr als drohender Gläubiger
gegenüberzustehen, der vieljährige revolutionäre Schuldforderungen einzukassieren
hatte. Sie mußte die wankenden bürgerlichen Verhältnisse befestigen, um
Verpflichtungen nachzukommen, die nur innerhalb dieser Verhältnisse zu erfüllen sind.
Der Kredit ward zu ihrer Lebensbedingung und die Konzessionen an das Proletariat, die ihm
gemachten Verheißungen, zu ebenso vielen
Fesseln
, die gesprengt werden

mußten
. Die Emanzipation der Arbeiter - selbst als
Phrase
- wurde zu einer
unerträglichen Gefahr für die neue Republik, denn sie war eine beständige
Protestation gegen die Herstellung des Kredits, der auf der ungestörten und ungetrübten
Anerkennung der bestehenden ökonomischen Klassenverhältnisse beruhte. Es mußte
also mit
den Arbeitern geendet werden.

Die Februarrevolution hatte die Armee aus Paris hinausgeworfen. Die Nationalgarde, d.h. die
Bourgeoisie in ihren verschiedenen Abstufungen,

bildete die
einzige Macht. Allein fühlte sie sich indes dem Proletariat nicht gewachsen. Überdem
war sie gezwungen, wenngleich nach dem zähesten Widerstande, hundert verschiedene
Hindernisse entgegenhaltend, allmählich und bruchweise ihre Reihen zu öffnen und
bewaffnete Proletarier in dieselben eintreten zu lassen. Es blieb also nur ein Ausweg übrig:

einen Teil der Proletarier dem andren entgegenzustellen
.

Zu diesem Zwecke bildete die provisorische Regierung 24 Bataillone
Mobilgarden
, jedes
zu tausend Mann, aus jungen Leuten von 15 bis 20 Jahren. Sie gehörten
größtenteils dem
Lumpenproletariat
an, das in allen großen Städten
eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedende Masse bildet, ein Rekrutierplatz
für Diebe und Verbrecher aller Art, von den Abfällen der Gesellschaft lebend, Leute
ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, gens sans feu et sans aveu <dunkle Existenzen
(Menschen ohne Heim und ohne gesellschaftliche Anerkennung)>, verschieden nach dem
Bildungsgrade der Nation, der sie angehören, nie den Lazzaronicharakter verleugnend; in dem
jugendlichen Alter, worin die provisorische Regierung sie rekrutierte, durchaus bestimmbar, der
größten Heldentaten und der exaltiertesten Aufopferung fähig, wie der gemeinsten
Banditenstreiche und der schmutzigsten Bestechlichkeit. Die provisorische Regierung zahlte ihnen
pro Tag 1 fr. 50 cts., d.h., sie erkaufte sie. Sie gab ihnen eine eigene Uniform, d.h., sie
unterschied sie äußerlich von der Bluse. Zu Führern wurden ihnen teils Offiziere
aus dem stehenden Heere zugeordnet, teils wählten sie selbst junge Bourgeoissöhne,
deren Rodomontaden vom Tode fürs Vaterland und Hingebung für die Republik
bestachen.

So stand dem Pariser Proletariat eine aus seiner eigenen Mitte gezogene Armee von 24.000
jugendlich kräftigen, tollkühnen Männern gegenüber. Es schrie der Mobilgarde
auf ihren Zügen durch Paris
Vivats
! zu. Es erkannte in ihr seine Vorkämpfer auf
den Barrikaden. Es betrachtete sie als die
proletarische
Garde im Gegensatze zur
bürgerlichen Nationalgarde. Sein Irrtum war verzeihlich.

Neben der Mobilgarde beschloß die Regierung noch eine industrielle Arbeiterarmee um sich
zu scharen. Hunderttausend durch die Krise und die Revolution auf das Pflaster geworfene Arbeiter
einrollierte der Minister Marie in sogenannte Nationalateliers. Unter diesem prunkenden Namen
versteckte sich nichts anderes als die Verwendung der Arbeiter zu langweiligen, eintönigen,
unproduktiven
Erdarbeiten
für einen Arbeitslohn von 23 Sous.
Englische workhouses
im Freien
- weiter waren diese Nationalateliers nichts. In ihnen glaubte die provisorische
Regierung eine
zweite proletarische Armee

gegen die
Arbeiter selbst
gebildet zu haben. Diesmal irrte sich die Bourgeoisie in den
Nationalateliers, wie sich die Arbeiter in der Nationalgarde irrten. Sie hatte eine
Armee
für die Emeute
geschaffen.

Aber
ein
Zweck war erreicht.

Nationalateliers
- das war der Name der Volkswerkstätten, die Louis Blanc im
Luxembourg predigte. Die Ateliers Maries, im direkten
Gegensatze
zum Luxembourg entworfen,
boten durch die gemeinsame Firma den Anlaß zu einer Intrige der Irrungen, würdig der
spanischen Bedientenkomödie. Die provisorische Regierung selbst verbreitete unter der Hand
das Gerücht, diese Nationalateliers seien die Erfindung Louis Blanc, und es schien dies um
so glaublicher, als Louis Blanc, der Prophet der Nationalateliers, Mitglied der provisorischen
Regierung war. Und in der halb naiven, halb absichtlichen Verwechslung der Pariser Bourgeoisie,
in der künstlich unterhaltenen Meinung Frankreichs, Europas waren jene workhouses die erste
Verwirklichung des Sozialismus, der mit ihnen an den Pranger gestellt wurde.

Nicht durch ihren Inhalt, aber durch ihren Titel waren die
Nationalateliers
die
verkörperte Protestation des Proletariats gegen die bürgerliche Industrie, den
bürgerlichen Kredit und die bürgerliche Republik. Auf sie wälzte sich also der
ganze Haß der Bourgeoisie. In ihnen hatte sie zugleich den Punkt gefunden, worauf sie den
Angriff richten konnte, sobald sie genug erstarkt war, offen mit der Februarrevolution zu
brechen. Alles Unbehagen, aller Mißmut der
Kleinbürger
richtete sich
gleichzeitig auf diese Nationalateliers, die gemeinsame Zielscheibe. Mit wahrem Grimme
berechneten sie die Summen, welche die proletarischen Tagediebe verschlangen, während ihre
eigene Lage täglich unerträglicher wurde. Eine Staatspension für eine
Scheinarbeit, das ist der Sozialismus! knurrten sie in sich hinein. Die Nationalateliers, die
Deklamationen des Luxembourg, die Züge der Arbeiter durch Paris - in ihnen suchten sie den
Grund ihrer Misere. Und niemand fanatisierte sich mehr gegen die angeblichen Machinationen der
Kommunisten als der Kleinbürger, der rettungslos am Abgrunde des Bankerotts schwebte.

So waren im bevorstehenden Handgemenge zwischen Bourgeoisie und Proletariat alle Vorteile,
alle entscheidenden Posten, alle Mittelschichten der Gesellschaft in den Händen der
Bourgeoisie zur selben Zeit, als die Wellen der Februarrevolution über den ganzen Kontinent
hoch zusammenschlugen und jede neue Post ein neues Revolutionsbulletin brachte, bald aus Italien,
bald aus Deutschland, bald aus dem fernsten Südosten von Europa, und den allgemeinen Taumel
des Volkes unterhielt, ihm beständiges Zeugnisse eines Sieges bringend, den es schon
verwirkt hatte.

Der
17. März
und der
16. April
waren die ersten Plänklergefechte in
dem

großen Klassenkampfe, den die bürgerliche
Republik unter ihren Fittichen verbarg.

Der
17. März
offenbarte die zweideutige, keine entscheidende Tat zulassende
Situation des Proletariats. Seine Demonstration bezweckte ursprünglich, die provisorische
Regierung auf die Bahn der Revolution zurückzuwerfen, nach Umständen die
Ausschließung ihrer bürgerlichen Glieder zu bewirken und die Aufschiebung der Wahltage
für die Nationalversammlung und die Nationalgarde zu erzwingen. Aber am 16. März machte
die in der Nationalgarde vertretene Bourgeoisie eine der provisorischen Regierung feindselige
Demonstration. Unter dem Rufe: À bas Ledru-Rollin! <Nieder mit Ledru-Rollin!> drang
sie zum Hôtel de Ville. Und das Volk war gezwungen, am 17. März zu rufen: Es lebe
Ledru-Rollin! Es lebe die provisorische Regierung! Es war gezwungen,
gegen
das
Bürgertum die Partei der bürgerlichen Republik zu ergreifen, die ihm in Frage gestellt
schien. Der 17. März verpuffte in eine melodramatische Szene, und wenn das Pariser
Proletariat an diesem Tage noch einmal seinen Riesenleib zur Schau trug, war die Bourgeoisie
innerhalb und außerhalb der provisorischen Regierung um so entschlossener, ihn zu
brechen.

Der
16. April
war ein durch die provisorische Regierung mit der Bourgeoisie
veranstaltetes
Mißverständnis
. Die Arbeiter hatten sich zahlreich auf dem
Marsfelde versammelt und im Hippodrom, um ihre Wahlen für den Generalstab der Nationalgarde
vorzubereiten. Plötzlich verbreitete sich in ganz Paris, von einem Ende bis zum anderen, mit
Blitzesschnelle das Gerücht, die Arbeiter hätten sich im Marsfeld bewaffnet versammelt,
unter der Abführung Louis Blanc, Blanquis, Cabets und Raspails, um von da auf das
Hôtel de Ville zu ziehen, die provisorische Regierung zu stürzen und eine
kommunistische Regierung zu proklamieren. Der Generalmarsch wird geschlagen - Ledru-Rollin,
Marrast, Lamartine machten sich später die Ehre seiner Initiative streitig -, in einer
Stunde stehen 100.000 Mann unter den Waffen, das Hôtel e Ville ist an allen Punkten von
Nationalgarden besetzt, der Ruf: Nieder mit den Kommunisten! Nieder mit Louis Blanc, mit Blanqui,
mit Raspail, mit Cabet! donnerte durch ganz Paris, und der provisorischen Regierung wird von
einer Unzahl Deputationen gehuldigt, alle bereit, das Vaterland und die Gesellschaft zu retten.
Als die Arbeiter endlich vor dem Hôtel de Ville erscheinen, um der provisorischen Regierung
eine patriotische Kollekte zu überreichen, die sie auf dem Marsfelde gesammelt hatten,
erfahren sie zu ihrer Verwunderung, daß das bürgerliche Paris in einem höchst
behut-

sam angelegten Scheinkampfe ihren Schatten geschlagen
hat. Das furchtbare Attentat vom 16. April gab den Vorwand
zur Zurückberufung der Armee
nach Paris
- der eigentliche Zweck der plump angelegten Komödie - und zu den
reaktionären föderalistischen Demonstrationen der Provinzen.

Am 4. Mai trat die aus den
direkten allgemeinen Wahlen
hervorgegangene

Nationalversammlung
zusammen. Das allgemeine Stimmrecht besaß nicht die magische
Kraft, welche ihm die Republikaner alten Schlages zugetraut hatten. In ganz Frankreich,
wenigstens in der Majorität der Franzosen, erblickten sie
Citoyens
mit denselben
Interessen, derselben Einsicht usw. Es war dies ihr
Volkskultus
. Statt ihres

eingebildeten
Volkes brachten die Wahlen das
wirkliche
Volk ans Tageslicht, d.h.
Repräsentanten der verschiedenen Klassen, worin es zerfällt. Wir haben gesehen, warum
Bauern und Kleinbürger unter der Leitung der kampflustigen Bourgeoisie und der
restaurationswütigen großen Grundeigentümer wählen mußten. Aber wenn
das allgemeine Stimmrecht nicht die wundertätige Wünschelrute war, wofür
republikanische Biedermänner es angesehen hatten, besaß es das ungleich höhere
Verdienst, den Klassenkampf zu entfesseln, die verschiedenen Mittelschichten der
bürgerlichen Gesellschaft ihre Illusionen und Enttäuschungen rasch durchleben zu
lassen, sämtliche Fraktionen der exploitierenden Klasse in einem Wurfe auf die
Staatsbühne zu schleudern und ihnen so die trügerische Larve abzureißen,
während die Monarchie mit ihrem Zensus nur bestimmte Fraktionen der Bourgeoisie sich
kompromittieren und die anderen hinter den Kulissen im Versteck ließ und sie mit dem
Heiligenschein einer gemeinsamen Opposition umgab.

In der konstituierenden Nationalversammlung, die am 4. Mai zusammentrat, besaßen die

Bourgeoisrepublikaner
, die Republikaner des "National" die Oberhand. Legitimisten und
Orleanisten selbst wagten sich zunächst nur unter der Maske des bürgerlichen
Republikanismus zu zeigen. Nur im Namen der Republik konnte der Kampf gegen das Proletariat
aufgenommen werden.

Vom 4. Mai
,
nicht vom 25. Februar, datiert die Republik
, d.h. die vom
französischen Volke anerkannte Republik; es ist nicht die Republik, welche das Pariser
Proletariat der provisorischen Regierung aufdrang, nicht die Republik mit sozialen Institutionen,
nicht das Traumbild, das des Barrikadenkämpfern vorschwebte. Die von der Nationalversammlung
proklamierte, die einzig legitime Republik, es ist die Republik, welche keine revolutionäre
Waffe gegen die bürgerliche Ordnung, vielmehr ihre politische Rekonstitution, die politische
Wiederbefestigung der bürgerlichen Gesellschaft ist, mit einem Worte:
die
bürgerliche Republik
. Von der Tribüne der Nationalversammlung erscholl

diese Behauptung, in der gesamten republikanischen und
antirepublikanischen Bürgerpresse fand sie ihr Echo.

Und wie haben gesehen, wie die Februarrepublik wirklich nichts anderes war und sein konnte als
eine
bürgerliche
Republik, wie aber die provisorische Regierung unter dem
unmittelbaren Drucke des Proletariats gezwungen war, sie als eine
Republik mit sozialen
Institutionen
anzukündigen, wie das Pariser Proletariat noch unfähig war, anders
als in der
Vorstellung
, in der
Einbildung
über die bürgerliche Republik
hinauszugehen, wie es überall in ihrem Dienste handelte, wo es wirklich zur Handlung kam,
wie die ihm gemachten Verheißungen zur unerträglichen Gefahr für die neue
Republik wurden, wie der ganze Lebensprozeß der provisorischen Regierung sich in einen
fortdauernden Kampf gegen die Forderungen des Proletariats zusammenfaßte.

In der Nationalversammlung saß ganz Frankreich zu Gericht über das Pariser
Proletariat. Sie brach sofort mit den sozialen Illusionen der Februarrevolution, sie proklamierte
rundheraus die
bürgerliche Republik
, nichts als die bürgerliche Republik. Sofort
schloß sie aus der von ihr ernannten Exekutivkommission die Vertreter des Proletariats aus:
Louis Blanc und Albert; sie verwarf den Vorschlag eines besondern Arbeitsministeriums, sie
empfing mit stürmischen Beifallsrufen die Erklärung des Ministers Trélat: "Es
handelt sich nur noch darum,
die Arbeit auf ihre alten Bedingungen
zurückzuführen
."

Aber das alles genügte nicht. Die Februarrevolution war von den Arbeitern erkämpft
unter dem passiven Beistande der Bourgeoisie. Die Proletarier betrachteten sich mit Recht als die
Sieger des Februar, und sie machten die hochmütigen Ansprüche des Siegers. Sie
mußten auf der Straße besiegt, es mußte ihnen gezeigt werden, daß sie
unterlagen, sobald sie nicht
mit
der Bourgeoisie, sondern
gegen
die Bourgeoisie
kämpften. Wie die Februarrepublik mit ihren sozialistischen Zugeständnissen einer
Schlacht des mit der Bourgeoisie gegen das Königtum vereinten Proletariats bedurfte, so war
eine zweite Schlacht nötig, um die Republik von den sozialistischen Zugeständnissen zu
scheiden, um die
bürgerliche Republik
offiziell als die herrschende herauszuarbeiten.
Mit den Waffen in der Hand mußte die Bourgeoisie die Forderungen des Proletariats
widerlegen. Und die wirkliche Geburtsstätte der bürgerlichen Republik, es ist nicht der

Februarsieg
, es ist die
Juniniederlage
.

Das Proletariat beschleunigte die Entscheidung, als es den 15. Mai in die Nationalversammlung
drang, seinen revolutionären Einfluß erfolglos wiederzuerobern suchte und nur seine
energischen Führer den Kerkermeistern der Bourgeoisie ausgeliefert hatte.
Il faut en
finir!
Diese Situation muß endigen! In diesem Schrei machte die Nationalversammlung
ihrem Entschlusse Luft, das Proletariat zum entscheidenden Kampfe zu zwingen. Die Exekutiv-

kommission erließ eine Reihe herausfordernder Dekrete,
wie das Verbot der Volkszusammenscharungen usw. Von der Tribüne der konstituierenden
Nationalversammlung herab wurden die Arbeiter direkt provoziert, beschimpft, verhöhnt. Aber
der eigentliche Angriffspunkt war, wie wir gesehen haben, in den
Nationalateliers
gegeben.
Auf sie wies die konstituierende Versammlung gebieterisch die Exekutivkommission hin, die nur
darauf harrte, ihren eigenen Plan als Gebot der Nationalversammlung ausgesprochen zu
hören.

Die Exekutivkommission begann damit, den Zutritt in die Nationalateliers zu erschweren, den
Taglohn in Stücklohn zu verwandeln, die nicht in Paris gebürtigen Arbeiter nach der
Sologne, angeblich zur Ausführung von Erdarbeiten, zu verbannen. Diese Erdarbeiten waren nur
eine rhetorische Formel, womit man ihre Verjagung beschönigte, wie die enttäuschten
zurückkehrenden Arbeiter ihren Genossen verkündeten. Endlich am 21. Juni erschien ein
Dekret im "Moniteur", welches die gewaltsame Austreibung aller unverheirateten Arbeiter aus den
Nationalateliers verordnete oder ihre Einrollierung in die Armee.

Es blieb den Arbeitern keine Wahl, sie mußten verhungern oder losschlagen. Sie
antworteten am 22. Juni mit der ungeheuren Insurrektion, worin die erste große Schlacht
geliefert wurde zwischen den beiden Klassen, welche die moderne Gesellschaft spalten. Es war der
Kampf um die Erhaltung oder Vernichtung der
bürgerlichen
Ordnung. Der Schleier, der
die Republik verhüllte, zerriß.

Es ist bekannt, wie die Arbeiter mit beispielloser Tapferkeit und Genialität, ohne Chefs,
ohne gemeinsamen Plan, ohne Mittel, zum größten Teil der Waffen entbehrend, die Armee,
die Mobilgarde, die Pariser Nationalgarde und die aus der Provinz hinzuströmende
Nationalgarde während fünf Tagen im Schach hielten. Es ist bekannt, wie die Bourgeoisie
für die ausgestandene Todesangst sich in unerhörter Brutalität entschädigte
und über 3.000 Gefangene massakrierte.

So sehr waren die offiziellen Vertreter der französischen Demokratie in der
republikanischen Ideologie befangen, daß sie erst einige Wochen später den Sinn des
Junikampfes zu ahnen begannen. Sie waren wie betäubt von dem Pulverdampfe, worin ihre
phantastische Republik zerrann.

Der unmittelbare Eindruck, den die Nachricht von der Juniniederlage auf uns hervorbrachte, der
Leser wird uns erlauben, ihn mit den Worten der "Neuen Rheinischen Zeitung" zu schildern:

"Der letzte offizielle Rest der Februarrevolution, die Exekutivkommission, ist vor dem Ernst
der Ereignisse wie ein Nebelbild zerflossen. Lamartines Leuchtkugeln haben sich verwandelt in die
Brandraketen Cavaignacs. Die

Fraternité, die
Brüderlichkeit der entgegengesetzten Klassen, wovon die eine die andere exploitiert, die
Fraternité, im Februar proklamiert, mit großen Buchstaben auf die Stirne von Paris
geschrieben, auf jedes Gefängnis, auf jede Kaserne - ihr wahrer, unverfälschter, ihr
prosaischer Ausdruck, das ist der
Bürgerkrieg
, der Bürgerkrieg in seiner
fürchterlichsten Gestalt, der Krieg der Arbeit und des Kapitals. Diese Brüderlichkeit
flammte vor allen Fenstern von Paris am Abend des 25. Juni, als das Paris der Bourgeoisie
illuminierte, während das Paris des Proletariats verbrannte, verblutete, verächzte. Die
Brüderlichkeit währte gerade so lange, als das Interesse der Bourgeoisie mit dem
Interesse des Proletariats verbrüdert war. - Pedanten der alten revolutionären
Überlieferung von 1793, sozialistische Systematiker, die bei der Bourgeoisie für das
Volk bettelten und denen erlaubt worden wurde, lange Predigten zu halten und sich so lange zu
kompromittieren, als der proletarische Löwe in Schlaf gelullt werden mußte,
Republikaner, welche die ganze alte bürgerliche Ordnung mit dem Abzug des gekrönten
Kopfes verlangten, dynastische Oppositionelle, denen der Zufall an die Stelle eines
Ministerwechsels den Sturz einer Dynastie unterschob, Legitimisten, welche die Livrée
nicht abwerfen, sondern ihren Schnitt verändern wollten, das waren die Bundesgenossen, womit
das Volk seinen Februar machte ... Die Februarrevolution war die
schöne
Revolution,
die Revolution der allgemeinen Sympathie, weil die Gegensätze, die in ihr gegen das
Königtum eklatierten,
unentwickelt
, einträchtig nebeneinander schlummerten, weil
der soziale Kampf, der ihren Hintergrund bildete, nur eine luftige Existenz gewonnen hatte, die
Existenz der Phrase, des Worts. Die
Junirevolution
ist die
häßliche

Revolution, die abstoßende Revolution, weil an die Stelle der Phrase die Sache getreten
ist, weil die Republik das Haupt des Ungeheuers selbst entblößte, indem sie ihm die
schirmende und versteckende Krone abschlug. -
Ordnung!
war der Schlachtruf Guizots.

Ordnung!
schrie Sébastiani, der Guizotin, als Warschau russisch wurde.

Ordnung!
schreit Cavaignac, das brutale Echo der französischen Nationalversammlung
und der republikanischen Bourgeoisie.
Ordnung!
donnerten seine Kartätschen, als sie
den Leib des Proletariats zerrissen. Keine der zahlreichen Revolutionen der französischen
Bourgeoisie seit 1789 war ein Attentat auf die
Ordnung
, denn sie ließ die

bürgerliche
Ordnung bestehen, sooft auch die politische Form dieser Herrschaft und
dieser Sklaverei wechselte. Der Juni hat diese Ordnung angetastet. Wehe über den Juni!" ("N.
Rh. Z.", 29. Juni 1848)

Wehe über den Juni! schallt das europäische Echo zurück.

Von der Bourgeoisie wurde das Pariser Proletariat zur
Juniinsurrektion
gezwungen
. Schon darin lag sein Verdammungsurteil. Weder sein
unmittelbares eingestandenes Bedürfnis trieb es dahin, den Sturz der Bourgeoisie gewaltsam
erkämpfen zu wollen, noch war es dieser Aufgabe gewachsen. Der
"Moniteur"
mußte
ihm offiziell eröffnen. daß die Zeit vorüber, wo die Republik vor seinen
Illusionen die Honneurs zu machen sich veranlaßt sah, und erst seine Niederlage
überzeugte es von der Wahrheit, daß die geringste Verbesserung seiner Lage eine

Utopie
bleibt
innerhalb
der bürgerlichen Republik, eine Utopie, die zum
Verbrechen wird, sobald sie sich verwirklichen will. An die Stelle seiner, der Form nach
überschwenglichen, dem Inhalte nach kleinlichen und selbst noch bürgerlichen
Forderungen, deren Konzession es der Februarrepublik abdingen wollte, trat die kühne
revolutionäre Kampfparole:
Sturz der Bourgeoisie! Diktatur der Arbeiterklasse!

Indem das Proletariat seine Leichenstätte zur Geburtsstätte der
bürgerlichen
Republik
machte, zwang es sie sogleich, in ihrer reinen Gestalt herauszutreten als der Staat,
dessen eingestandener Zweck ist, die Herrschaft des Kapitals, die Sklaverei der Arbeit zu
verewigen. Im steten Hinblicke auf den narbenvollen, unversöhnbaren, unbesiegbaren Feind -
unbesiegbar, weil seine Existenz die Bedingung ihres eigenen Lebens ist - mußte die von
allen Fesseln befreite Bourgeoisherrschaft sofort in den
Bourgeoisterrorismus
umschlagen.
Das Proletariat einstweilen von der Bühne beseitigt, die Bourgeoisdiktatur offiziell
anerkannt, mußten die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft,
Kleinbürgertum und Bauernklasse, in dem Maße, als ihre Lage unerträglicher und
ihr Gegensatz gegen die Bourgeoisie schroffer wurde, mehr und mehr sich an das Proletariat
anschließen. Wie früher in seinem Aufschwunge, mußten sie jetzt in seiner
Niederlage den Grund ihrer Misere finden.

Wenn die Juniinsurrektion überall auf dem Kontinent das Selbstgefühl der Bourgeoisie
hob und sie offen in einen Bund mit dem feudalen Königtum gegen das Volk treten ließ,
wer war das erste Opfer diese Bundes? Die kontinentale Bourgeoisie selbst. Die Juniniederlage
verhinderte sie, ihre Herrschaft zu befestigen und das Volk auf der untergeordnetsten Stufe der
bürgerlichen Revolution halb befriedigt, halb verstimmt, stillstehn zu machen.

Endlich verriet die Juniniederlage den despotischen Mächten Europas das Geheimnis,
daß Frankreich unter allen Bedingungen den Frieden nach außen aufrechterhalten
müsse, um den Bürgerkrieg nach innen führen zu können. So wurden die
Völker, die den Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit begonnen hatten, der
Übermacht Rußlands, Österreichs und Preußens preisgegeben., aber
gleichzeitig wurde das Schicksal dieser nationalen Revolutionen

dem Schicksal der proletarischen Revolution unterworfen, ihrer
scheinbaren Selbständigkeit, ihrer Unabhängigkeit von der großen sozialen
Umwälzung beraubt. Der Ungar soll nicht frei sein, nicht der Pole, nicht der Italiener,
solange der Arbeiter Sklave bleibt!

Endlich nahm Europa durch die Siege der Heiligen Allianz eine Gestalt an, die jede neue
proletarische Erhebung in Frankreich mit einem
Weltkriege
unmittelbar zusammenfallen
läßt. Die neue französische Revolution ist gezwungen, sofort den nationalen Boden
zu verlassen und das
europäische Terrain zu erobern
, auf dem allein die soziale
Revolution des 19. Jahrhunderts sich durchführen kann.

Erst durch die Juniniederlage also wurden alle Bedingungen geschaffen, innerhalb deren
Frankreich die
Initiative
der europäischen Revolution ergreifen kann. Erst in das
Blut der
Juniinsurgenten
getaucht, wurde die Trikolore zur Fahne der europäischen
Revolution - zur
roten Fahne!

Und wir rufen:
Die Revolution ist tot! - Es lebe die Revolution!

Anmerkungen von Friedrich Engels zur Ausgabe von 1895

(1)
Annexion von Krakau durch Österreich im Einverständnis mit
Rußland und Preußen 11. November 1846. - Schweizer Sonderbundskrieg 4. bis 28.
November 1847. - Aufstand in Palermo 12. Januar 1848, Ende Januar neuntägiges Bombardement
der Stadt durch die Neapolitaner.

[Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 - Teil 3]

I - Die Juniniederlage 1848

Inhalt und Einleitung
III - Folgen des 13. Juni 1849

Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850", S. 35-63

II

Der 13. Juni 1849

Vom Juni 1848 bis 13. Juni 1849

Der 25. Februar 1848 hatte Frankreich die
Republik

oktroyiert, der 25. Juni drang ihm die
Revolution
auf. Und Revolution bedeutete nach dem
Juni:
Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft
, während es vor dem Februar
bedeutet hatte:
Umwälzung der Staatsform
.

Der Junikampf war durch die
republikanische
Fraktion der Bourgeoisie geleitet worden,
mit dem Siege fiel ihr notwendigerweise die Staatsmacht anheim. Der Belagerungszustand legte ihr
das geknebelte Paris widerstandslos vor die Füße, und in den Provinzen herrschte ein
moralische Belagerungszustand, der drohend brutale Siegesübermut der Bourgeoisie und der
entfesselten Eigentumsfanatismus der Bauern. Von
unten
also keine Gefahr!

Mit der revolutionären Gewalt der Arbeiter zerbrach gleichzeitig der politische
Einfluß der
demokratischen Republikaner
, d.h. der Republikaner im Sinne des

Kleinbürgertums
, vertreten in der Exekutivkommission durch Ledru-Rollin, in der
konstituierenden Nationalversammlung durch die Partei der Montagne, in der Presse durch die
"Réforme". Gemeinsam mit den Bourgeoisrepublikanern hatten sie am 16. April konspiriert
gegen das Proletariat, in den Junitagen es gemeinsam mit ihnen bekriegt. So sprengten sie selbst
den Hintergrund, worauf ihre Partei sich als Macht abhob, denn nur solange kann das
Kleinbürgertum eine revolutionäre Stellung gegen die Bourgeoisie behaupten, als das
Proletariat hinter ihm steht. Sie wurde abgedankt. Die mit ihnen widerstrebend und hinterhaltig
während der Epoche der provisorischen Regierung und der Exekutivkommission eingegangene
Scheinallianz wurde offen von den Bourgeoisierepublikanern gebrochen. Als Bundesgenossen
verschmäht und zurückgestoßen, sanken sie zu untergeordneten Trabanten der
Trikoloren herab, denen sie kein Zugeständnis abringen konnten, deren Herrschaft sie aber
jedesmal unterstützen mußten, sooft dieselbe, und mit ihr die Republik, von den
antirepublikanischen Bourgeoisiefraktionen in Frage gestellt schien. Diese Fraktionen endlich,
Orleanisten und Legitimisten, befanden

sich von vornherein in
der konstituierenden Nationalversammlung in der Minorität. Vor den Junitagen wagten sie
selbst nur unter der Maske des bürgerlichen Republikanismus zu reagieren, der Junisieg
ließ einen Augenblick des ganze bürgerliche Frankreich in Cavaignac seinen Heiland
begrüßen, und als kurz nach den Junitagen die antirepublikanische Partei sich wieder
verselbständigte, erlaubten ihr die Militärdiktatur und der Belagerungszustand von
Paris, nur sehr schüchtern und vorsichtig die Fühlhörner auszustrecken.

Seit 1830 hatte sich die
bourgeoisrepublikanische
Fraktion in ihren Schriftstellern,
ihren Wortführern, ihren Kapazitäten, ihren Ambitionen, ihren Deputierten, Generalen,
Bankiers und Advokaten um ein Pariser Journal gruppiert, um den
"National"
. In den
Provinzen besaß er seine Filialzeitungen. Die Koterie des "National", das war die

Dynastie der trikoloren Republik
. Sofort bemächtigten sie sich aller
Staatswürden, der Ministerien, der Polizeipräfektur, der Postdirektion, der
Präfektenstellen, der freigewordenen höheren Offiziersposten in der Armee. An der
Spitze der Exekutivgewalt stand ihr General,
Cavaignac
; ihr Redakteur en chef, Marrast,
wurde der permanente Präsident der konstituierenden Nationalversammlung. In seinen Salons
machte er als Zeremonienmeister zugleich die Honneurs der honetten Republik.

Selbst revolutionäre französische Schriftsteller haben den Irrtum befestigt, aus
einer Art Scheu vor der republikanischen Tradition, als hätten die Royalisten in der
konstituierenden Nationalversammlung geherrscht. Die konstituierende Versammlung blieb vielmehr
seit den Junitagen die
ausschließliche Vertreterin des Bourgeoisrepublikanismus
, und
um so entschiedener kehrte sie diese Seite hervor, je mehr der Einfluß der trikoloren
Republikaner außerhalb der Versammlung zusammenbrach. Galt es die
Form
der
bürgerlichen Republik behaupten, so verfügte sie über die Stimmen der
demokratischen Republikaner, galt es den
, so trennte selbst die Sprechweise sie
nicht mehr von den royalistischen Bourgeoisfraktionen, denn die Interessen der Bourgeoisie, die
materiellen Bedingungen ihrer Klassenherrschaft und Klassenexploitation bilden eben den Inhalt
der bürgerlichen Republik.

Nicht der Royalismus also, der Bourgeoisrepublikanismus verwirklichte sich im Leben und in den
Taten dieser konstituierenden Versammlung, die schließlich nicht starb, auch nicht
getötet wurde, sondern verfaulte.

Während der ganzen Dauer ihrer Herrschaft, solange sie im Proszenium die Haupt- und
Staatsaktion spielte, wurde im Hintergrund ein ununterbrochenes Opferfest aufgeführt - die
fortlaufende standrechtliche Verurteilung der gefangenen Juniinsurgenten oder ihre Deportation
ohne Urteil. Die konstituierende Versammlung hatte den Takt, zu gestehen, daß sie in den
Juniinsurgenten nicht Verbrecher richte, sondern Feinde ekrasiere.

Die erste Tat der konstituierenden Nationalversammlung war
die Niedersetzung einer
Untersuchungskommission
über die Ereignisse des Juni und des
15. Mai und über die Beteiligung der sozialistischen und demokratischen Parteichefs an
diesen Tagen. Die Untersuchung war direkt gerichtet gegen Louis Blanc, Ledru-Rollin und
Caussidière. Die Bourgeoisierepublikaner brannten vor Ungeduld, sich dieser Rivalen zu
entledigen. Die Durchführung ihrer Ranküne konnten sie keinem passenderen Subjekt
anvertrauen als Herrn
Odilon Barrot
, dem ehemaligen Chef der dynastischen Opposition, dem
leibgewordenen Liberalismus, der nullité grave <aufgeblasenen Null>, der
gründlichen Seichtigkeit, die nicht nur eine Dynastie zu rächen hatte, sondern sogar
den Revolutionären Rechenschaft abzuverlangen für eine vereitelte
Ministerpräsidentschaft. Sichere Garantie für seine Unerbittlichkeit. Dieser Barrot
also wurde zum Präsidenten der Untersuchungskommission ernannt, und er konstruierte einen
vollständigen Prozeß gegen die Februarrevolution, der sich dahin zusammenfaßt:
17. März
Manifestation
, 16. April
Komplott
, 15. Mai
Attentat
, 23. Juni

Bürgerkrieg!
Warum erstreckte er seine gelehrten und kriminalistischen Forschungen
nicht bis zum 24. Februar? Das "Journal des Débats" antwortete: Der 24. Februar, das ist
die
Gründung Roms
. Der Ursprung der Staaten verläuft sich in eine Mythe, an die
man glauben, die man nicht diskutieren darf. Louis Blanc und Caussidière wurden den
Gerichten preisgegeben. Die Nationalversammlung vervollständigte das Werk ihrer eigenen
Säuberung, das sie am 15. Mai begonnen hatte.

Der von der provisorischen Regierung gefaßte, von Goudchaux wiederaufgenommene Plan
einer Besteuerung des Kapitals - in der Form einer Hypothekensteuer - wurde von der
konstituierenden Versammlung verworfen, das Gesetz, welche die Arbeitszeit auf 10 Stunden
beschränkte, abgeschafft, die Schuldhaft wieder eingeführt, von der Zulassung zu der
Jury der große Teil der französischen Bevölkerung ausgeschlossen, der weder lesen
noch schreiben kann. Warum nicht auch vom Stimmrecht? Die Kaution für die Journale wurde
wieder eingeführt, das Assoziationsrecht beschränkt. -

Aber in ihrer Hast, den alten bürgerlichen Verhältnissen ihre alten Garantien
wiederzugeben und jede Spur auszulöschen, welche die Revolutionswellen zurückgelassen
hatten, stießen die Bourgeoisrepublikaner auf einen Widerstand, der mit unerwarteter Gefahr
drohte.

Niemand hatte fanatischer in den Junitagen gekämpft für die Rettung des Eigentums
und die Wiederherstellung des Kredits, als die Pariser Kleinbürger - Caféwirte,
Restauranten, marchands de vins <Schankwirte>, kleine Kaufleute, Krämer,

Professionisten usw. Die Boutique hatte sich aufgerafft und war gegen
die Barrikade marschiert, um die Zirkulation herzustellen, die von der Straße in die
Boutique führt, Aber hinter der Barrikade standen die Kunden und die Schuldner, vor ihr die
Gläubiger der Boutique. Und als die Barrikaden niedergeworfen und die Arbeiter ekrasiert
waren und die Ladenhüter siegestrunken zu ihren Läden zurückstürzten, fanden
sie den Eingang verbarrikadiert von einem Retter des Eigentums, einem offiziellen Agenten des
Kredits, der ihnen die Drohbriefe entgegenhielt: Verfallener Wechsel! Verfallener Hauszins!
Verfallender Schuldbrief! Verfallene Boutique! Verfallener Boutiquier!

Rettung des Eigentums!
Aber das Haus, das sie bewohnten, war nicht ihr Eigentum; der
Laden, den sie hüteten, war nicht ihr Eigentum; die Waren, die sie verhandelten, waren nicht
ihr Eigentum. Nicht ihr Geschäft, nicht der Teller, woraus sie aßen, nicht das Bett,
worin sie schliefen, gehörte ihnen noch. Ihnen gegenüber galt es gerade,
dies
Eigentum zu retten
für den Hausbesitzer, der das Haus verliehen, den Bankier, der den
Wechsel diskontiert, den Kapitalisten, der die baren Vorschüsse gemacht, den Fabrikanten,
der die Waren zum Verkaufe diesen Krämern anvertraut, den Großhändler, der die
Rohstoffe diesen Professionisten kreditiert hatte.
Wiederherstellung des Kredits!
Aber der
wieder erstarkte Kredit bewährte sich eben als ein lebendiger und eifriger Gott, indem er
den zahlungsunfähigen Schuldner aus seinen vier Mauern verjagte, mit Weib und Kind, seine
Scheinhabe dem Kapital preisgab und ihn selbst in den Schuldturm warf, der sich über den
Leichen der Juniinsurgenten drohend wieder aufgerichtet hatte.

Die Kleinbürger erkannten mit Schrecken, daß sie ihren Gläubigern sich
widerstandslos in die Hände geliefert, indem sie die Arbeiter niedergeschlagen hatten. Ihr
seit dem Februar chronisch sich hinschleppender und scheinbar ignorierter Bankerott wurde nach
dem Juni offen erklärt.

Ihr
nominelles Eigentum
hatte man so lange unangefochten gelassen, als es galt, sie auf
den Kampfplatz zu treiben, im
Namen des Eigentums
. Jetzt, nachdem die große
Angelegenheit mit dem Proletariat geregelt war, konnte auch das kleine Geschäft mit dem
Epiciér wieder geregelt werden. In Paris betrug die Masse der leidenden Papiere über
21 Millionen Francs, in den Provinzen über 11 Millionen. Geschäftliche Inhaber von mehr
als 7.000 Häusern hatten ihre Miete seit Februar nicht gezahlt.

Hatte die Nationalversammlung eine Enquête über die
politische Schuld
bis zu
den Grenzen des Februar hinauf angestellt, so verlangten nun die Kleinbürger ihrerseits eine
Enquête über die
bürgerlichen Schulden
bis zum 24. Februar. Sie
versammelten sich massenhaft in der Börsenhalle und forderten

drohend für jeden Kaufmann, der nachweisen könne, daß
er nur durch die von der Revolution hervorgerufene Stockung fallit geworden und sein
Geschäft am 24. Februar gut stand, Verlängerung des Zahlungstermins durch
handelsgerichtliches Urteil und Nötigung des Gläubigers, für eine
mäßige Prozentzahlung seine Forderung zu liquidieren. Als Gesetzesvorlage wurde diese
Frage in der Nationalversammlung verhandelt unter der Form der
"concordats à
l'amiable"
<
"freundschaftlichen Verständigung"
>. Die Versammlung schwankte;
da erfuhr sie plötzlich, daß gleichzeitig an der Porte St.Denis Tausende von Frauen
und Kindern der Insurgenten eine Amnestiepetition vorbereiteten.

In Gegenwart des wiedererstandenen Junigespenstes erzitterten die Kleinbürger und gewann
die Versammlung ihre Unerbittlichkeit wieder. Die concordats à l'amiable, die
freundschaftliche Verständigung zwischen Gläubiger und Schuldner wurde in ihren
wesentlichen Punkten verworfen.

Nachdem also längst innerhalb der Nationalversammlung die demokratischen Vertreter der
Kleinbürger von den republikanischen Vertretern der Bourgeoisie zurückgestoßen
waren, erhielt dieser parlamentarische Bruch seinen bürgerlichen, reellen ökonomischen
Sinn, indem die Kleinbürger als Schuldner den Bourgeois als Gläubigern preisgegeben
wurden. Ein großer Teil der ersteren wurde vollständig ruiniert und dem Rest nur
gestattet, sein Geschäft fortzuführen unter Bedingungen, die ihn zum unbedingten
Leibeigenen des Kapitals machten. Am 22. August 1848 verwarf die Nationalversammlung die
concordats à l'aimable, am 19. September 1848, mitten im Belagerungszustand, wurden der
Prinz Louis Bonaparte und der Gefangene von Vincennes, der Kommunist Raspail, zu
Repräsentanten von Paris gewählt. Die Bourgeoisie aber wählte den jüdischen
Wechsler und Orleanisten Fould. Also von allen Seiten auf einmal offene Kriegserklärung
gegen die konstituierende Nationalversammlung, gegen den Bourgeoisrepublikanismus, gegen
Cavaignac.

Es bedarf keiner Ausführung, wie der massenhafte Bankerott der Pariser Kleinbürger
seine Nachwirkungen weit über die unmittelbar Getroffenen fortwälzen und den
bürgerlichen Verkehr abermals erschüttern mußte, während das Staatsdefizit
durch die Kosten der Juniinsurrektion von neuem anschwoll, die Staatseinnahme durch die
aufgehaltene Produktion, den eingeschränkten Konsum und die abnehmende Einfuhr
beständig sank. Cavaignac und die Nationalversammlung konnten zu keinem anderen Mittel ihre
Zuflucht nehmen als zu einer neuen Anleihe, die sie noch tiefer in das Joch der
Finanzaristokratie hineinzwängte.

Hatten die Kleinbürger als Frucht des Junisieges den
Bankerott und die gerichtliche Liquidation geerntet, so fanden dagegen die Janitscharen
Cavaignacs, die
Mobilgarden
, ihren Lohn in den weichen Armen der Loretten und empfingen
sie, "die jugendlichen Retter der Gesellschaft", Huldigungen aller Art in den Salons von Marrast,
des gentilhomme <Ritters> der Trikolore, der zugleich den Amphitron und den Troubadour der
honetten Republik abgab. Unterdessen erbitterte diese gesellschaftliche Bevorzugung und der
ungleich höhere Sold der Mobilgarden die
Armee
, während gleichzeitig alle
nationalen Illusionen verschwanden, womit der Bourgeoisrepublikanismus durch sein Journal, den

"National"
, einen Teil der Armee und der Bauernklasse unter Louis-Philippe an sich zu
fesseln gewußt hatte. Die Vermittlungsrolle, welche Cavaignac und die Nationalversammlung
in
Norditalien
spielten, um es gemeinsam mit England an Österreich zu verraten -
dieser eine Tag der Herrschaft vernichtete achtzehn Oppositionsjahre des "National". Keine
Regierung weniger national als die des "National", keine abhängiger von England, und unter
Louis-Philippe lebte er von der täglichen Umschreibung des Catonischen : Carthaginem esse
delendam <Karthago muß zerstört werden>; keine serviler gegen die Heilige
Allianz, und von einem Guizot hatte er die Zerreißung der Wiener Verträge verlangt.
Die geschichtliche Ironie machte Bastide, den Exredakteur der auswärtigen Angelegenheiten
des "National", zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, damit er jeden
seiner Artikel durch jede seiner Depeschen widerlege.

Einen Augenblick hatten Armee und Bauernklasse geglaubt, mit der Militärdiktatur sei
gleichzeitig der Krieg nach außen und die "gloire" auf die Tagesordnung Frankreichs
gesetzt. Aber Cavaignac, das war nicht die Diktatur des Säbels über die
bürgerliche Gesellschaft, das war die Diktatur der Bourgeoisie durch den Säbel. Und sie
brauchten jetzt vom Soldaten nur noch den Gendarmen. Cavaignac verbarg unter den strengen
Zügen antik-republikanischer Resignation die fade Unterwürfigkeit unter die
demütigenden Bedingungen seines bürgerlichen Amtes. L'argent n'a pas de maître!
Das Geld hat keinen Herrn! Diesen alten Wahlspruch des tiers-état <dritten Standes>
idealisierte er, wie überhaupt die konstituierende Versammlung, indem sie ihn in die
politische Sprache übersetzten: Die Bourgeoisie hat keinen König, die wahre Form ihrer
Herrschaft ist die Republik.

Um diese
Form
ausarbeiten, eine republikanische
Konstitution
anfertigen, darin
bestand das "große organische Werk" der konstituierenden Nationalversammlung. Die Umtaufung
des christlichen Kalenders in einen republi-

kanischen, des
heiligen Bartholomäus in den heiligen Robespierre, ändert nicht mehr an Wind und
Wetter, als diese Konstitution an der bürgerlichen Gesellschaft veränderte oder
verändern sollte. Wo sie über
Kostümwechsel
hinausging, nahm sie

vorhandene
Tatsachen zu Protokoll. So registrierte sie feierlich die Tatsache der
Republik, die Tatsache des allgemeinen Stimmrechts, die Tatsache einer einzigen souveränen
Nationalversammlung an der Stelle der zwei beschränkten konstitutionellen Kammern. So
registrierte und regelte sie die Tatsache der Diktatur Cavaignacs, indem sie das stationäre,
unverantwortliche Erbkönigtum durch ein ambulantes, verantwortliches Wahlkönigtum
ersetzte, durch eine vierjährige Präsidentschaft. So erhob sie nicht minder zum
konstituierenden Gesetz die Tatsache der außerordentlichen Gewalt, womit die
Nationalversammlung nach dem Schrecken des 15. Mai und des 25. Juni im Interesse der eigenen
Sicherheit vorsorglich ihren Präsidenten bekleidet hatte. Der Rest der Konstitution war das
Werk der Terminologie. Von dem Räderwerk der alten Monarchie wurden die royalistischen
Etiketten abgerissen und republikanische aufgeklebt. Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des
"National", nunmehr Redakteur en chef der Konstitution, entledigte sich dieser akademischen
Aufgabe nicht ohne Talent.

Die konstituierende Versammlung glich jenem chilenischen Beamten, der die
Grundeigentumsverhältnisse durch eine Katastermessung fester regulieren wollte, in demselben
Augenblick, wo der unterirdische Donner schon die vulkanische Eruption angekündigt hatte,
die den Grund und Boden selbst unter seinen Füßen wegschleudern sollte. Während
sie in der Theorie die Formen abzirkelte, worin die Herrschaft der Bourgeoisie republikanisch
ausgedrückt wurde, behauptete sie sich in der Wirklichkeit nur durch die Aufhebung aller
Formeln, durch die Gewalt sans phrase <ohne Beschönigung>, durch den

Belagerungszustand
. Zwei Tage, bevor sie ihr Verfassungswerk begann, proklamierte sie
seine Fortdauer. Verfassungen wurden früher gemacht und angenommen, sobald der
gesellschaftliche Umwälzungsprozeß an einem Ruhepunkte angelangt war, die
neugebildeten Klassenverhältnisse sich befestigt hatten und die ringenden Fraktionen der
herrschenden Klasse zu einem Kompromiß flüchteten, der ihnen erlaubte, den Kampf unter
sich fortzusetzen und gleichzeitig die ermattete Volksmasse von demselben auszuschließen.
Dies Konstitution dagegen sanktionierte keine gesellschaftliche Revolution, sie sanktionierte den
augenblicklichen Sieg der alten Gesellschaft über die Revolution.

In dem ersten Konstitutionsentwurf, verfaßt vor den Junitagen, befand sich noch das
"
droit au travail"
, das Recht auf Arbeit, erste unbeholfene

Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des
Proletariats zusammenfassen. Es wurde verwandelt in das
droit à l'assistance
, in
das Recht auf öffentliche Unterstützung, und welcher moderne Staat ernährt nicht
in der einen oder andern Form seine Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn
ein Widersinn, ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem Rechte auf Arbeit steht die Gewalt
über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die Aneignung der
Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der
Lohnarbeit, des Kapitals und ihres Wechselverhältnisses. Hinter dem
"Recht auf
Arbeit"
stand die Juniinsurrektion. Die konstituierende Versammlung, welche das
revolutionäre Proletariat faktisch hors la loi, außerhalb des Gesetzes stellte, sie
mußte
seine
Formel prinzipiell aus der Konstitution, dem Gesetz der Gesetze,
herauswerfen, ihr Anathem verhängen über das "Recht auf Arbeit". Aber hier blieb sie
nicht stehn. Wie Plato in seiner Republik die Poeten, verbannte sie aus der ihrigen auf ewige
Zeiten -
die Progressivsteuer
. Und die Progressivsteuer ist nicht nur eine
bürgerliche Maßregel, ausführbar innerhalb der bestehenden
Produktionsverhältnisse auf größerer oder kleinerer Stufenleiter; sie war das
einzige Mittel, die mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft an die "honette"
Republik zu fesseln, die Staatsschuld zu reduzieren, der antirepublikanischen Majorität der
Bourgeoisie Schach zu bieten.

Bei Gelegenheit des concordats à l'amiable hatten die trikoloren Republikaner die
kleine Bourgeoisie tatsächlich der großen geopfert. Dies vereinzelte Faktum erhoben
sie zum Prinzip durch die gesetzliche Interdiktion der Progressivsteuer. Sie setzten die
bürgerliche Reform auf gleiche Stufe mit der proletarischen Revolution. Aber welche Klasse
blieb dann als Halt ihrer Republik? Die große Bourgeoisie. Und deren Masse war
antirepublikanisch. Wenn sie die Republikaner des "National" ausbeutete, um die alten
ökonomischen Lebensverhältnisse wieder zu befestigen, so gedachte sie die
wiederbefestigten gesellschaftlichen Verhältnisse andrerseits auszubeuten, um die ihnen
entsprechenden politischen Formen wiederherzustellen. Schon Anfang Oktober sah Cavaignac sich
gezwungen, Dufaure und Vivien, ehemalige Minister Louis-Philippes, zu Ministern der Republik zu
machen, so sehr die kopflosen Puritaner seiner eigenen Partei grollten und polterten.

Während dir trikolore Konstitution jeden Kompromiß mit der kleinen Bourgeoisie
verwarf und kein neues Element der Gesellschaft an die neue Staatsform zu fesseln wußte,
beeilte sie sich dagegen, einem Korps, worin der alte Staat seine verbissensten und fanatischsten
Verteidiger fand, die traditionelle Unantastbarkeit wiederzugeben. Sie erhob die von der
provisorischen Regierung in Frage gestellte
Unabsetzbarkeit der Richter
zum
konstituierenden

Gesetz. Der
eine
König, den sie
abgesetzt, erstand schockweise in diesen unabsetzbaren Inquisitoren der Legalität.

Die französische Presse hat vielseitig die Widersprüche der Konstitution des Herrn
Marrast auseinandergesetzt, z.B. das Nebeneinanderstehen von zwei Souveränen, der
Nationalversammlung und dem Präsidenten usw. usw.

Der umfassende Widerspruch aber dieser Konstitution besteht darin: Die Klassen, deren
gesellschaftliche Sklaverei sie verewigen soll, Proletariat, Bauern, Kleinbürger, setzte sie
durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und der Klasse, deren alte
gesellschaftliche Macht sie sanktionierte, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen
Garantien dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen,
die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und die Grundlagen der
bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage stellen. Von den einen verlangt sie, daß sie
von der politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, daß sie von der
sozialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.

Wenig kümmerten diese Widersprüche die Bourgeoisrepublikaner. In demselben
Maße, als sie aufhörten,
unentbehrlich
zu sein, und unentbehrlich waren sie nur
als die Vorkämpfer der alten Gesellschaft gegen das revolutionäre Proletariat, wenige
Wochen nach ihrem Siege, sanken sie von der Stellung einer
Partei
zu der einer

Koterie
herab. Und die Konstitution, sie behandelten sie als eine große

Intrige
. Was in ihr konstituiert werden sollte, war vor allem die Herrschaft der Koterie.
Der Präsident sollte der verlängerte Cavaignac sein, die legislative Versammlung eine
verlängerte Konstituante. Die politische Macht der Volksmassen hofften sie zur Scheinmacht
herabsetzen und mit dieser Scheinmacht selbst hinreichend spielen zu können, um über
die Majorität der Bourgeoisie fortdauernd das Dilemma der Junitage zu verhängen:

Reich des "National"
oder
Reich der Anarchie
.

Das am 4. September begonnene Verfassungswerk wurde am 23. Oktober beendet. Am 2. September
hatte die Konstituante beschlossen, sich nicht aufzulösen, bis die organischen, die
Konstitution ergänzenden Gesetze erlassen seien. Nichtsdestoweniger entschied sie sich nun,
ihr eigenstes Geschöpf, den Präsidenten, schon am 10. Dezember ins Leben zu rufen,
lange bevor der Kreislauf ihres eigenen Wirkens geschlossen war. So gewiß war sie, in dem
Konstitutions-Homunkulus den Sohn seiner Mutter zu begrüßen. Zur Vorsorge war die
Anstalt getroffen, daß, wenn keiner der Kandidaten zwei Millionen Stimmen zähle, die
Wahl von der Nation auf die Konstituante übergehe.

Vergebliche Vorkehrungen! Der erste Tag der Verwirklichung
der Konstitution war der letzte Tag der Herrschaft der Konstituante. Im Abgrunde der Wahlurne lag
ihr Todesurteil. Sie suchte den "Sohn seiner Mutter", und sie fand den "Neffen seines Onkels".
Saulus Cavaignac schlug eine Million Stimmen, aber David Napoleon schlug sechs Millionen.
Sechsmal war Saulus Cavaignac geschlagen.

Der 10. Dezember 1848 war der Tag der
Bauerninsurrektion
. Erst von diesem Tage an
datiert der Februar für die französischen Bauern. Das Symbol, das ihren Eintritt in die
revolutionäre Bewegung ausdrückte, unbeholfen-verschlagen, schurkisch-naiv,
tölpelhaft-sublim, ein berechneter Aberglaube, eine pathetische Burleske, ein
genial-alberner Anachronismus, eine weltgeschichtliche Eulenspiegelei, unentzifferbare
Hieroglyphe für den Verstand der Zivilisierten - trug dies Symbol unverkennbar die
Physiognomie der Klasse, welch innerhalb der Zivilisation die Barbarei vertritt. Die Republik
hatte sich bei ihr angekündigt mit dem
Steuerexekutor
, sie kündigte sich bei der
Republik an mit dem
Kaiser
. Napoleon war der einzige Mann, der die Interessen und die
Phantasie der 1789 neugeschaffnen Bauernklasse erschöpfend vertreten hatte. Indem sie seinen
Namen auf das Frontispiz der Republik schrieb, erklärte sie nach außen den Krieg, nach
innen die Geltendmachung ihres Klasseninteresses. Napoleon, das war für die Bauern keine
Person, sondern ein Programm. Mit Fahnen, mit klingendem Spiel zogen sie auf die Wahlstätte
unter dem Rufe: plus d'impôts, à bas les riches, à bas le République,
vive l'Empereur, Keine Steuern mehr, nieder mit den Reichen, nieder mit der Republik, es lebe der
Kaiser! Hinter dem Kaiser verbarg sich der Bauernkrieg. Die Republik, die sie niedervotierte, es
war die
Republik der Reichen
.

Der 10. Dezember war der coup d'état <Staatsstreich> der Bauern, der die
bestehende Regierung stürzte. Und von diesem Tage an, wo sie Frankreich eine Regierung
genommen, eine Regierung gegeben hatten, war ihr Auge unverrückt auf Paris gerichtet. Einen
Augenblick aktive Helden des revolutionären Dramas, konnten sie nicht mehr in die tat- und
willenlose Rolle des Chors zurückgedrängt werden.

Die übrigen Klassen trugen bei, den Wahlsieg der Bauern zu vervollständigen. Die
Wahl Napoleons, sie war für das
Proletariat
die Absetzung Cavaignacs, der Sturz der
Konstituante, die Abdankung des Bourgeoisrepublikanismus, die Kassation des Junisiegs. Für
die
kleine Bourgeoisie
war Napoleon die Herrschaft des Schuldners über den
Gläubiger. Für die Majorität der

großen Bourgeoisie
war die Wahl Napoleons der offene Bruch mit der Fraktion, deren
sie sich einen Augenblick gegen die Revolution bedienen mußte, die ihr aber
unerträglich wurde, sobald sie die Stellung des Augenblicks als konstitutionelle Stellung zu
befestigen suchte. Napoleon an der Stelle Cavaignacs, es war für sie die Monarchie an der
Stelle der Republik, der Beginn der royalistischen Restauration, der schüchtern angedeutete
Orléans, die unter Veilchen versteckte Lilie. Die
Armee
endlich stimmte in Napoleon
gegen die Mobilgarde, gegen die Friedensidylle, für den Krieg.

So geschah es, wie die "Neue Rheinische Zeitung" sagte, daß der einfältigste Mann
Frankreichs die vielfältigste Bedeutung erhielt. Eben weil er nichts war, konnte er alles
bedeuten, nur nicht sich selbst. So verschieden indessen der Sinn des Namens Napoleon im Munde
der verschiedenen Klassen sein mochte, jede schrieb mit diesem Namen auf ihr Bulletin: Nieder mit
der Partei des "National", nieder mit Cavaignac, nieder mit der Konstituante, nieder mit der
Bourgeoisrepublik. Der Minister Dufaure erklärte es öffentlich in der konstituierenden
Versammlung: Der 10. Dezember ist ein zweiter 24. Februar.

Kleinbürgerschaft und Proletariat hatten en bloc <geschlossen>
für

Napoleon gestimmt, um
gegen
Cavaignac zu stimmen und durch Zusammenhalten der Stimmen der
Konstituante die schließliche Entscheidung zu entreißen. Indes stellte der
fortgeschrittenste Teil beider Klassen seine eigenen Kandidaten auf. Napoleon war der

Kollektivname
aller gegen die Bourgeoisie koalisierten Parteien,
Ledru-Rollin
und

Raspail
waren die
Eigennamen
, jener der demokratischen Kleinbürgerschaft,
dieser des revolutionären Proletariats. Die Stimmen für Raspail - die Proletarier und
ihre sozialistischen Wortführer erklärten es laut - sollten eine bloße
Demonstration sein, ebenso viele Proteste gegen jede Präsidentur, d.h. gegen die
Konstitution selbst, ebenso viele Stimmen gegen Ledru-Rollin, der erste Akt, wodurch das
Proletariat sich als selbständige politische Partei von der demokratischen Partei lossagte.
Diese Partei dagegen - die demokratische Kleinbürgerschaft und ihr parlamentarischer
Repräsentant, die Montagne - behandelten die Kandidatur Ledru-Rollins mit all dem Ernste,
womit sie sich selbst zu düpieren die feierliche Angewohnheit haben. Es war dies
übrigens ihr letzter Versuch, sich als selbständige Partei dem Proletariat
gegenüber aufzuwerfen. Nicht nur die republikanische Bourgeoispartei, auch die demokratische
Kleinbürgerschaft und ihre Montagne wurden am 10. Dezember geschlagen.

Frankreich besaß jetzt neben einer
Montagne
einen
Napoleon
, Beweis,
daß beide nur die leblosen Zerrbilder der großen Wirklichkeiten waren, deren

Namen sie trugen. Louis-Napoleon mit dem Kaiserhut und dem Adler
parodierte nicht elender den alten Napoleon, als die Montagne mit ihren 1793 entlehnten Phrasen
und ihren demagogischen Posen die alte Montagne parodierte. Der traditionelle Aberglaube an 1793
wurde so gleichzeitig abgestreift mit dem traditionellen Aberglauben an Napoleon. Die Revolution
war erst bei sich selbst angelangt, sobald sie ihren
eigenen, originellen
Namen gewonnen
hatte, und das konnte sie nur, sobald die moderne revolutionäre Klasse, das industrielle
Proletariat, herrschend in den Vordergrund trat. Man kann sagen, daß der 10. Dezember die
Montagne schon darum verblüffte und an ihrem eigenen Verstand irre werden ließ, weil
er die klassische Analogie mit der alten Revolution durch einen schnöden Bauernwitz lachend
abbrach.

Am 20. Dezember legte Cavaignac sein Amt nieder, und die konstituierende Versammlung
proklamierte Louis-Napoleon als Präsidenten der Republik. Am 19. Dezember, dem letzten Tag
ihrer Alleinherrschaft, verwarf sie den Antrag auf eine Amnestie der Juniinsurgenten. Das Dekret
vom 27. Juni widerrufen, wodurch sie 15.000 Insurgenten mit Umgehung des richterlichen Urteils
zur Deportation verdammt hatte, hieß es nicht die Junischlacht selbst widerrufen?

Odilon Barrot, der letzte Minister Louis-Philippes, wurde der erste Minister Louis-Napoleons.
Wie Louis-Napoleon den Tag seiner Herrschaft nicht vom 10. Dezember datierte, sondern von einem
Senatus-Konsult von 1804, so fand er einen Ministerpräsidenten, der sein Ministerium nicht
vom 20. Dezember datierte, sondern von einem Königlichen Dekret vom 24. Februar. Als
legitimer Erbe Louis-Philippes milderte Louis-Napoleon den Regierungswechsel durch Beibehaltung
des alten Ministeriums, das zudem keine Zeit gewonnen hatte, sich abzunutzen, weil es keine Zeit
gefunden hatte, ins Leben zu treten.

Die Chefs der royalistischen Bourgeoisiefraktionen rieten ihm zu dieser Wahl. Das Haupt der
alten dynastischen Opposition, das bewußtlos den Übergang zu den Republikanern des
"National" gebildet hatte, war noch geeigneter, mit vollem Bewußtsein den Übergang von
der Bourgeoisrepublik zur Monarchie zu bilden.

Odilon Barrot war der Chef der einzigen alten Oppositionspartei, die, immer vergeblich nach
dem Ministerportefeuille ringend, sich noch nicht verschlissen hatte. In rascher Aufeinanderfolge
schleuderte die Revolution alle alten Oppositionsparteien auf die Staatshöhe, damit sie
nicht nur in der Tat, sondern mit der Phrase selbst ihre alten Phrasen verleugnen, widerrufen
mußten und schließlich, in einem widerlichen Mischkörper vereint, allzumal

von dem Volke auf den Schindanger der Geschichte geschleudert
würden. Und keine Apostasie wurde diesem Barrot erspart, dieser Inkorporation des
bürgerlichen Liberalismus, der achtzehn Jahre hindurch die schuftige Hohlheit seines Geistes
unter ein ernsttuendes Benehmen seines Körpers versteckt hatte. Wenn in einzelnen Momenten
der gar zu stechende Kontrast zwischen den Disteln der Gegenwart und den Lorbeeren der
Vergangenheit ihn selbst aufschreckte, gab ein Blick in den Spiegel die ministerielle Fassung und
die menschliche Selbstbewunderung zurück. Was ihm aus dem Spiegel entgegenstrahlte, war
Guizot, den er stets beneidet, der ihn stets gemeistert hatte, Guizot selbst, aber Guizot mit der
olympischen Stirne Odilons. Was er übersah, waren die Midasohren.

Der Barrot vom 24. Februar wurde erst offenbar in dem Barrot vom 20. Dezember. Ihm, dem
Orleanisten und Voltairianer, gesellte sich als Kultusminister bei - der Legitimist und Jesuit
Falloux.

Wenige Tage später wurde das Ministerium des Innern an Léon Faucher, den
Mathusianer überwiesen. Das Recht, die Religion, die politische Ökonomie! Das
Ministerium Barrot erhielt alles dies und zudem eine Vereinigung der Legitimisten und der
Orleanisten. Nur der Bonapartist fehlte. Noch versteckte Bonaparte das Gelüste, den Napoleon
zu bedeuten, denn
Soulouque
spielte noch nicht den Toussaint-Louverture.

Sofort wurde die Partei des "National" ausgehoben aus allen höheren Posten, worin sie
sich eingenistet. Polizeipräfektur, Postdirektion, Generalprokuratur, Mairie von Paris,
alles wurde mit alten Kreaturen der Monarchie besetzt. Changarnier, der Legitimist, erhielt das
vereinigte Oberkommando der Nationalgarde des Seine-Depatements, der Mobilgarde und der
Linientruppen der ersten Militärdivision; Bugeaud, der Orleanist, wurde zum Oberbefehlshaber
der Alpenarmee ernannt. Dieser Beamtenwechsel dauerte ununterbrochen fort unter der Regierung
Barrot. Der erste Akt seines Ministeriums war die Restauration der alten royalistischen
Administration. In einem Nu verwandelte sich die offizielle Szene - Kulissen, Kostüme,
Sprache, Schauspieler, Figuranten, Statisten, Souffleure, Stellung der Parteien, Motive des
Dramas, Inhalt der Kollision, die gesamte Situation. Nur die vorweltliche konstituierende
Versammlung befand sich noch auf ihrem Platz. Aber von der Stunde, wo die Nationalversammlung den
Bonaparte, wo Bonaparte den Barrot, wo Barrot den Changarnier installiert hatte, trat Frankreich
aus der Periode der republikanischen Konstituierung in die Perioden der konstituierten Republik.
Und in der konstituierten Republik, was sollte eine konstituierende Versammlung? Nachdem die Erde
geschaffen war, blieb ihrem Schöpfer nichts übrig, als in den Himmel zu flüchten.
Die konstituierende Versammlung war

entschlossen, nicht
seinem Beispiele zu folgen, die Nationalversammlung war das letzte Asyl der Partei der
Bourgeoisrepublikaner. Wenn ihr alle Handhaben der exekutiven Gewalt entrissen waren, blieb ihr
nicht die konstituierende Allmacht? Den souveränen Posten, den sie innehatte, unter allen
Umständen behaupten und von hier aus das verlorene Terrain wiedererobern, es war ihr erster
Gedanke. Das Ministerium Barrot durch ein Ministerium des "National" verdrängt, und das
royalistische Personal mußte sofort die Paläste der Administration räumen, und
das trikolore Personal zog triumphierend wieder ein. Die Nationalversammlung beschloß den
Sturz des Ministeriums, und das Ministerium selbst bot eine Gelegenheit des Angriffs, wie die
Konstituante sie nicht passender erfinden konnte.

Man erinnert sich, daß Louis Bonaparte für die Bauern bedeutete: Keine Steuern
mehr! Sechs Tage saß er auf dem Präsidentenstuhl, und am siebenten Tage, am 27.
Dezember, schlug sein Ministerium die
Beibehaltung der Salzsteuer
vor, deren Abschaffung
die provisorische Regierung dekretiert hatte. Die Salzsteuer teilt mit der Weinsteuer das
Privilegium, der Sündenbock des alten französischen Finanzsystems zu sein, besonders in
den Augen des Landvolkes. Dem Auserwählten der Bauern konnte das Ministerium Barrot kein
beißenderes Epigramm auf seine Wähler in den Mund legen als die Worte:

Wiederherstellung der Salzsteuer!
Mit der Salzsteuer verlor Bonaparte sein
revolutionäres Salz - der Napoleon der Bauerninsurrektion zerrann wie ein Nebelbild, und es
blieb nichts zurück als der große Unbekannte der royalistischen Bourgeoisintrige. Und
nicht ohne Absicht machte das Ministerium Barrot diesen Akt taktlos grober Enttäuschung zum
ersten Regierungsakt des Präsidenten.

Die Konstituante ihrerseits ergriff begierig die doppelte Gelegenheit, das Ministerium zu
stürzen und dem Erwählten der Bauern gegenüber sich als Vertreterin des
Bauerninteresses aufzuwerfen. Sie verwarf den Vorschlag des Finanzministers, reduzierte die
Salzsteuer auf ein Drittel ihres früheren Betrages, vermehrte so um 60 Millionen ein
Staatsdefizit von 560 Millionen und erwartete nach diesem
Mißtrauensvotum
ruhig den
Abtritt des Ministeriums. So wenig begriff sie die neue Welt, von der sie umgeben war, und die
eigene veränderte Stellung. Hinter dem Ministerium stand der Präsident, und hinter dem
Präsidenten standen 6 Millionen, die ebenso viele Mißtrauensvota gegen die
Konstituante in die Wahlurne niedergelegt hatten. Die Konstituante gab der Nation ihr
Mißtrauensvotum zurück. Lächerlicher Austausch! Sie vergaß, daß ihre
Vota den Zwangskurs verloren hatten. Die Verwerfung der Salzsteuer reifte nur den Entschluß
Bonapartes und seines Ministeriums, mit der konstituierende Versammlung
"zu enden"
. Jenes
lange Duell begann, das die

ganze letzte Lebenshälfte
der Konstituante ausfüllt. Der
29. Januar
, der 21. März, der 8. Mai sind die
journées, die großen Tage dieser Krise, ebenso viele Vorläufer des
13.
Juni
.

Die Franzosen, z.B. Louis Blanc, haben den 29. Januar als das Heraustreten eines
konstitutionellen Widerspruchs aufgefaßt, des Widerspruchs zwischen einer souveränen,
unauflösbaren, aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangenen Nationalversammlung und einem
Präsidenten, dem Wortlaut nach ihr verantwortlich, der Wirklichkeit nach nicht nur ebenfalls
sanktioniert durch das allgemeine Stimmrecht und zudem in seiner Person alle Stimmen vereinigend,
die sich auf die einzelnen Mitglieder der Versammlung verteilen und hundertfach zersplittern,
sondern auch im Vollbesitz der ganzen exekutiven Gewalt, über welcher die
Nationalversammlung nur als moralische Macht schwebt. Diese Auslegung des 29. Januar verwechselt
die Sprache des Kampfes auf der Tribüne, durch die Presse, in den Klubs mit seinem
wirklichen Inhalt. Louis Bonaparte gegenüber der konstituierenden Nationalversammlung, das
war nicht die vollziehende Gewalt gegenüber der gesetzgebenden, das war die konstituierte
Bourgeoisrepublik selbst gegenüber den Werkzeugen ihrer Konstituierung, gegenüber den
ehrsüchtigen Intrigen und den ideologischen Forderungen der revolutionären
Bourgeoisfraktion, welche sie begründet hatte und nun verwundert fand, daß ihre
konstituierte Republik wie eine restaurierte Monarchie aussah, und nun gewaltsam die
konstituierende Periode mit ihren Bedingungen, ihren Illusionen, ihrer Sprache und ihren Personen
festhalten und die reife Bourgeoisrepublik verhindern wollte, in ihrer vollständigen und
eigentümlichen Gestalt herauszutreten. Wie die konstituierende Nationalversammlung den in
sie zurückgefallenen Cavaignac vertrat, so Bonaparte die noch nicht von ihm losgeschiedene
gesetzgebende Nationalversammlung, d.h. die Nationalversammlung der konstituierten
Bourgeoisrepublik.

Die Wahl Bonapartes konnte sich erst auslegen, indem sie an die Stelle des
einen
Namens
seine vielsinnigen Bedeutungen setzte, indem sie sich wiederholte in der Wahl der neuen
Nationalversammlung. Das Mandat der alten hatte der 10. Dezember kassiert. Was sich also am 29.
Januar gegenübertrat, das waren nicht der Präsident und die Nationalversammlung

derselben
Republik, das war die Nationalversammlung der werdenden Republik und der
Präsident der gewordenen Republik, zwei Mächte, die ganz verschiedene Perioden des
Lebensprozesses der Republik verkörperten, das war die kleine republikanische Fraktion der
Bourgeoisie, welche allein die Republik proklamieren, sie dem revolutionären Proletariat
durch den Straßenkampf und durch die

Schreckensherrschaft abringen und in der Konstitution ihre idealen Grundzüge entwerfen
konnte, und andererseits die ganze royalistische Masse der Bourgeoisie, welche allein in dieser
konstituierten Bourgeoisrepublik herrschen, der Konstitution ihre ideologischen Zutaten
abstreifen und die unumgänglichen Bedingungen zur Unterjochung des Proletariats durch ihre
Gesetzgebung und durch ihre Administration verwirklichen konnte.

Das Ungewitter, das sich am 29. Januar entlud, sammelte seine Elemente während des ganzen
Monats Januar. Die Konstituante wollte durch ihr Mißtrauensvotum das Ministerium Barrot zur
Abdankung treiben. Das Ministerium Barrot schlug dagegen der Konstituante vor, sich selbst ein
definitives Mißtrauensvotum zu geben, ihren Selbstmord zu beschließen, ihre
eigene
Auflösung
zu dekretieren. Rateau, einer der obskursten Deputierten, stellte der
Konstituante, auf Befehl des Ministeriums, am 6. Januar diesen Antrag, derselben Konstituante,
die schon im August beschlossen hatte, sich nicht aufzulösen, bis sie eine ganze Reihe
organischer, die Konstitution ergänzender Gesetze erlassen hätte. Der ministerielle
Fould erklärte ihr geradezu, ihre Auflösung sei nötig
"zur Wiederherstellung
des gestörten Kredits"
. Und störte sie nicht den Kredit, indem sie das Provisorium
verlängerte und mit Barrot den Bonaparte und mit Bonaparte die konstituierte Republik wieder
in Frage stellte? Barrot, der Olympische, zum rasenden Roland geworden durch die Aussicht, die
endlich erhaschte Ministerpräsidentschaft, die ihm die Republikaner schon einmal um ein
Dezennium, d.h. um zehn Monate vertagt hatten, nach kaum zweiwöchentlichem Genusse sich
wieder entrissen zu sehen, Barrot übertyrranisierte dieser elenden Versammlung
gegenüber den Tyrannen. Das mildeste seiner Worte war, "mit ihr sein keine Zukunft
möglich". Und wirklich, sie vertrat nur noch die Vergangenheit. "Sie sei unfähig",
fügte er ironisch hinzu, "die Republik mit den Institutionen zu umgeben, die zu ihrer
Befestigung nötig seien." Und in der Tat! Mit dem ausschließlichen Gegensatz gegen das
Proletariat war gleichzeitig ihre Bourgeoisenergie gebrochen, und mit dem Gegensatz gegen die
Royalisten ihre republikanische Überschwenglichkeit neu aufgelebt. So war sie doppelt
unfähig, die Bourgeoisrepublik, die sie nicht mehr begriff, durch die entsprechenden
Institutionen zu befestigen.

Mit dem Vorschlag Rateaus beschwor das Ministerium gleichzeitig einen
Petitonssturm
im
ganzen Lande herauf, und täglich flogen aus allen Winkeln Frankreichs der Konstituante
Ballen von billets-doux <Liebesbriefen> an den Kopf, worin sie mehr oder minder kategorisch
ersucht wurde, sich
aufzulösen
und ihr Testa-

ment zu machen. Die Konstituante ihrerseits rief Gegenpetitionen hervor, worin sie sich
auffordern ließ, am Leben zu bleiben. Der Wahlkampf zwischen Bonaparte und Cavaignac
erneuerte sich als Petitionskampf für und gegen die Auflösung der Nationalversammlung.
Die Petitionen sollten die nachträglichen Kommentare des 10. Dezember sein. Während des
ganzen Januar dauerte diese Agitation fort.

In dem Konflikt zwischen der Konstituante und dem Präsidenten konnte sie nicht auf die
allgemeine Wahl als ihren Ursprung zurückgehen, denn man appellierte von ihr an das
allgemeine Stimmrecht. Sie konnte sich auf keine regelmäßige Gewalt stützen, denn
es handelte sich um den Kampf gegen die legale Gewalt. Sie konnte das Ministerium nicht durch
Mißtrauensvota stürzen, wie sie es noch einmal am 6. Januar und am 26. Januar
versuchte, denn das Ministerium verlangte ihr Vertrauen nicht. Es blieb nur eine
Möglichkeit, die der
Insurrektion
. Die Streitkräfte der Insurrektion waren der

republikanische Teil der Nationalgarde
, die
Mobilgarde
und die Zentren des
revolutionären Proletariats, die
Klubs
. Die Mobilgarden, diese Helden der Junitage,
bildeten ebenso im Dezember die organisierte Streitkraft der republikanischen

Bourgeoisfraktion
, wie vor dem Juni die
Nationalateliers
die organisierte
Streitkraft des revolutionären Proletariats gebildet hatten. Wie die exekutive Kommission
der Konstituante ihren brutalen Angriff auf die Nationalateliers richtete, als sie mit den
unerträglich gewordenen Ansprüchen des Proletariats enden mußte, so das
Ministerium Bonapartes auf die Mobilgarde, als es mit den unerträglichen Ansprüchen der
revolutionären Bourgeoisfraktion enden mußte. Es verordnete die
Auflösung der
Mobilgarde
. Die eine Hälfte derselben wurde entlassen und auf das Pflaster geworfen, die
andere erhielt an der Stelle der demokratischen Organisation eine monarchische, und ihr Sold
wurde auf den gewöhnlichen Sold der Linientruppen herabgesetzt. Die Mobilgarde fand sich in
der Lage der Juniinsurgenten, und täglich brachte die Zeitungspresse
öffentliche
Beichten
, worin sie ihre Schuld vom Juni bekannte und das Proletariat um Verzeihung
anflehte.

Und die
Klubs
? Von dem Augenblick, wo die konstituierende Versammlung in Barrot den
Präsidenten und in dem Präsidenten die konstituierte Bourgeoisrepublik und in der
konstituierten Bourgeoisrepublik die Bourgeoisrepublik überhaupt in Frage stellte, reihten
sich notwendig alle konstituierenden Elemente der Februarrepublik um sie zusammen, alle Parteien,
welche die vorhandene Republik umstürzen und sie durch einen gewaltsamen
Rückbildungsprozeß als die Republik ihrer Klasseninteressen und Prinzipien umgestalten
wollten. Das Geschehene war wieder ungeschehen, die Kristallisationen der revolutionären
Bewegung waren wieder flüssig geworden, die

Republik, um
die gekämpft wurde, war wieder die unbestimmte Republik der Februartage, deren Bestimmung
sich jede Partei vorbehielt. Die Parteien nahmen einen Augenblick wieder ihre alten
Februarstellungen ein, ohne die Illusionen des Februar zu teilen. Die trikoloren Republikaner des
"National" lehnten sich wieder auf die demokratischen Republikaner der "Réforme" und
drängten sie als Vorkämpfer in den Vordergrund des parlamentarischen Kampfes. Die
demokratischen Republikaner lehnten sich wieder auf die sozialistischen Republikaner - am 27.
Januar verkündete ein öffentliches Manifest ihre Aussöhnung und Vereinigung - und
bereiteten sich in den Klubs ihren insurrektionellen Hintergrund. Die ministerielle Presse
behandelte mit Recht die trikoloren Republikaner des "National" als die wiedererstandenen
Insurgenten des Juni. Um sich an der Spitze der Bourgeoisrepublik zu behaupten, stellten sie die
Bourgeoisrepublik selbst in Frage. Am 26. Januar schlug der Minister Faucher ein Gesetz über
das Assoziationsrecht vor, dessen erster Paragraph lautete:
"Die Klubs sind untersagt."
Er
stellte den Antrag, diesen Gesetzentwurf sofort als dringlich zur Diskussion zu bringen. Die
Konstituante verwarf den Dringlichkeitsantrag, und am 27. Januar deponierte Ledru-Rollin einen
Antrag auf Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand wegen Verletzung der Konstitution,
unterzeichnet von 230 Unterschriften. Die Versetzung des Ministeriums in Anklagezustand im
Augenblicke, wo ein solcher Akt die taktlose Enthüllung der Ohnmacht des Richters,
nämlich der Kammermajorität, war, oder ein ohnmächtiger Protest des Anklägers
gegen diese Majorität selbst, das war der große revolutionäre Trumpf, den die
nachgeborene Montagne von nun an auf jedem Höhepunkt der Krise ausspielte. Arme Montagne,
von der Wucht ihres eigenen Namens erdrückt!

Blanqui, Barbès, Raspail usw. hatten am 15. Mai die konstituierende Versammlung zu
sprengen versucht, indem sie an der Spitze des Pariser Proletariats in ihren Sitzungssaal
eindrangen. Barrot bereitete derselben Versammlung einen moralischen 15. Mai vor, indem er ihre
Selbstauflösung diktieren und ihren Sitzungssaal schließen wollte. Dieselbe
Versammlung hatte Barrot mit der Enquête gegen die Maiangeklagten beauftragt und jetzt, in
diesem Augenblicke, wo er ihr gegenüber als der royalistische Blanqui erschien, wo sie ihm
gegenüber in den Klubs, bei den revolutionären Proletariern, in der Partei Blanquis
ihre Alliierten suchte, in diesem Augenblick folterte der unerbittliche Barrot sie mit dem
Antrag, die Maigefangenen dem Geschworenengericht zu entziehen und dem von der Partei des
"National" erfundenen Hochgericht, der haute cour zu überweisen. Merkwürdig, wie die
aufgehetzte Angst um ein Ministerportefeuille aus dem Kopfe eines Barrot Pointen, würdig
eines Beaumarchais, herausschlagen konnte! Die Nationalversammlung nach langem

Schwanken nahm seinen Antrag an. Den Maiattentäter
gegenüber trat sie in ihren normalen Charakter zurück.

Wenn die Konstituante dem Präsidenten und den Ministern gegenüber zur

Insurrektion
, so wurde der Präsident und das Ministerium der Konstituante
gegenüber zum Staatsstreich gedrängt, denn sie besaßen kein gesetzliches Mittel,
sie aufzulösen. Aber die Konstituante war die Mutter der Konstitution, und die Konstitution
war die Mutter des Präsidenten. Mit dem Staatsstreich zerriß der Präsident die
Konstitution und löschte seinen republikanischen Rechtstitel aus. Er war dann gezwungen, den
imperialistischen Rechtstitel hervorzuziehen; aber der imperialistische rief den orleanistischen
wach, und beide erbleichten vor dem legitimistischen Rechtstitel. Der Niederfall der legalen
Republik konnte nur ihren äußersten Gegenpol in die Höhe schnellen, die
legitimistische Monarchie, in dem Augenblick, wo die orleanistische Partei nur noch die Besiegte
des Februar und Bonaparte nur noch der Sieger des 10. Dezember war, wo beide der republikanischen
Usurpation nur noch ihre ebenfalls usurpierten monarchischen Titel entgegenhalten konnten. Die
Legitimisten waren sich der Gunst des Augenblicks bewußt, sie konspirierten am offenen
Tage. In dem General Changarnier konnten sie hoffen ihren
Monk
zu finden. Die Herankunft
der
weißen Monarchie
wurde ebenso offen verkündet in ihren Klubs, wie in den
proletarischen die der
roten Republik
.

Durch eine glücklich unterdrückte Emeute wäre das Ministerium allen
Schwierigkeiten entgangen. "Die Gesetzlichkeit tötet uns", rief Odilon Barrot aus. Eine
Emeute hätte erlaubt, unter dem Vorwand des salut public <Staatswohls> die
Konstituante aufzulösen, die Konstitution im Interesse der Konstitution selbst zu verletzen.
Das brutale Auftreten Odilon Barrots in der Nationalversammlung, der Antrag auf Auflösung
der Klubs, die geräuschvolle Absetzung von 50 trikoloren Präfekten und ihre Ersetzung
durch Royalisten, die Mißhandlung ihrer Chefs durch Changarnier, die Wiedereinsetzung
Lerminiers, des schon unter Guizot unmöglichen Professors, die Duldung der legitimistischen
Renommistereien - es waren ebenso viele Herausforderungen der Emeute. Aber die Emeute blieb
stumm. Sie erwartete ihr Signal von der Konstituante und nicht vom Ministerium.

Endlich kam der 29. Januar, der Tag, an dem über Mathieus (de la Drôme) Antrag auf
unbedingte Verwerfung des Rateauschen Antrag entschieden werden sollte. Legitimisten,
Orleanisten, Bonapartisten, Mobilgarde, Montagne, Klubs, alles konspirierte an diesem Tage, jeder
ebensosehr gegen den

angeblichen Feind als gegen den
angeblichen Bundesgenossen. Bonaparte, hoch zu Roß, musterte einen Teil der Truppen auf dem
Konkordiaplatz, Changarnier schauspielerte mit einem Aufwand strategischer Manöver, die
Konstituante fand ihr Sitzungsgebäude militärisch besetzt. Sie, der Mittelpunkt aller
sich durchkreuzenden Hoffnungen, Befürchtungen, Erwartungen, Gärungen, Spannungen,
Verschwörungen, die löwenmütige Versammlung schwankte keinen Augenblick, als sie
dem Weltgeist näher trat denn sonst. Sie glich jenem Kämpfer, der nicht nur den
Gebrauch seiner eigenen Waffe fürchtete, sondern sich auch verpflichtet fühlte, die
Waffen seines Gegners unversehrt zu erhalten. Mit Todesverachtung unterzeichnete sie ihr eigenes
Todesurteil und verwarf die unbedingte Verwerfung des Rateauschen Antrages. Selbst im
Belagerungszustand setzte sie einer konstituierenden Tätigkeit Grenzen, deren notwendiger
Rahmen der Belagerungszustand von Paris gewesen war. Sie rächte sich ihrer würdig,
indem sie am anderen Tage eine Enquête über den Schrecken verhängte, den ihr das
Ministerium am 29. Januar eingejagt hatte. Die Montagne bewies ihren Mangel an
revolutionärer Energie und politischem Verstand, indem sie von der Partei des "National"
sich als Rufer im Streit in dieser großen Intrigenkomödie verbrauchen ließ. Die
Partei des "National" hatte den letzten Versuch gemacht, das Monopol der Herrschaft, das sie
während der Entstehungsperiode der Bourgeoisrepublik besaß, in der konstituierten
Republik weiter zu behaupten. Sie war gescheitert.

Handelte es sich in der Januarkrise um die Existenz der Konstituante, so in der Krise vom 21.
März um die Existenz der Konstitution, dort um das Personal der Nationalpartei, hier um ihr
Ideal. Es bedarf keiner Andeutung, daß die honetten Republikaner das Hochgefühl ihrer
Ideologie wohlfeiler preisgaben als den weltlichen Genuß der Regierungsgewalt.

Am 21. März stand auf der Tagesordnung der Nationalversammlung Fauchers Gesetzentwurf
gegen das Assoziationsrecht:
Die Unterdrückung der Klubs
. Artikel 8 der Konstitution
garantiert allen Franzosen das Recht, sich zu assoziieren. Die Untersagung der Klubs war also
eine unzweideutige Verletzung der Konstitution, und die Konstituante selbst sollte die
Schändung ihrer Heiligen kanonisieren. Aber die Klubs, das waren die Sammelpunkte, die
Konspirationssitze des revolutionären Proletariats. Die Nationalversammlung selbst hatte die
Koalition der Arbeiter gegen ihre Bourgeois untersagt. Und die Klubs, was waren sie anderes als
eine Koalition der gesamten Arbeiterklasse gegen die gesamte Bourgeoisklasse, die Bildung eines
Arbeiterstaats gegen den Bourgeoisstaat? Waren es nicht ebenso viele konstituierende
Versammlungen des Proletariats und ebenso viele schlagfertige Armeeabteilungen der Revolte? Was
die Konstitution vor allem konstituieren sollte, es war die

Herrschaft der Bourgeoisie. Die Konstitution konnte also offenbar unter dem Assoziationsrecht nur
die mit der Herrschaft der Bourgeoisie, d.h. mit der bürgerlichen Ordnung in Einklang
befindlichen Assoziationen verstehen. Wenn sie sich aus theoretischem Anstand allgemein
ausdrückte, war nicht die Regierung da und die Nationalversammlung, um sie im besonderen
Fall auszulegen und anzuwenden? Und wenn in der urweltlichen Epoche der Republik die Klubs
tatsächlich untersagt waren durch den Belagerungszustand, mußten sie nicht in der
geregelten, konstituierten Republik untersagt sein durch das Gesetz? Die trikoloren Republikaner
hatten dieser prosaischen Auslegung der Konstitution nichts entgegenzuhalten als die
überschwengliche Phrase der Konstitution. Ein Teil derselben, Pagnerre, Duclerc etc. stimmte
für das Ministerium und verschaffte ihm so die Majorität. Der andere Teil, den Erzengel
Cavaignac und den Kirchenvater Marrast an der Spitze, zog sich, nachdem der Artikel über die
Untersagung der Klubs durch durchgegangen war, mit Ledru-Rollin und der Montagne vereint, in
einen besonderen Bürosaal zurück - "und hielten einen Rat". - Die Nationalversammlung
war gelähmt, sie zählte nicht mehr die beschlußfähige Stimmzahl. Zur rechten
Zeit erinnerte Herr Crémieux in dem Bürosaal, daß von hier der Weg direkt auf
die Straße führe und daß man nicht mehr Februar 1848 zähle, sondern
März 1849. Die Partei des "National", plötzlich erleuchtet, kehrte in den Sitzungssaal
der Nationalversammlung zurück, hinter ihr die abermals düpierte Montagne, die,
beständig gequält von revolutionären Gelüsten, ebenso beständig nach
konstitutionellen Möglichkeiten haschte und sich immer noch mehr auf ihrem Platze
fühlte hinter den Bourgeoisrepublikanern als vor dem revolutionären Proletariat. So war
die Komödie gespielt. Und die Konstituante selbst hatte dekretiert, daß die Verletzung
des Wortlauts der Konstitution die einzig entsprechende Verwirklichung ihres Wortsinns sei.

Es blieb nur noch ein Punkt zu regeln, das Verhältnis der konstituierten Republik zur
europäischen Revolution, ihre
auswärtige Politik
. Am 8. Mai 1849 herrschte eine
ungewohnte Aufregung in der konstituierenden Versammlung, deren Lebenstermin in wenigen Tagen
ablaufen sollte. Der Angriff der französischen Armee auf Rom, ihre Zurücktreibung durch
die Römer, ihre politische Infamie und ihre militärische Blamage, der Meuchelmord der
römischen Republik durch die französische Republik, der erste italienische Feldzug des
zweiten Bonaparte stand auf der Tagesordnung. Die Montagne hatte abermals ihren großen
Trumpf ausgespielt, Ledru-Rollin hatte den unvermeidlichen Anklageakt gegen das Ministerium und
diesmal auch gegen Bonaparte wegen der Verletzung der Konstitution auf den Tisch des
Präsidenten niedergelegt.

Das Motiv des 8. Mai wiederholte sich später als
Motiv des 13. Juni. Verständigen wir uns über die römische Expedition.

Cavaignac hatte schon Mitte November 1848 eine Kriegsflotte nach Civitavecchia expediert, um
den Papst zu beschützen, an Bord zu nehmen und nach Frankreich überzusegeln. Der Papst
sollte die honette Republik einsegnen und die Wahl Cavaignacs zum Präsidenten sichern. Mit
dem Papst wollte Cavaignac die Pfaffen, mit den Pfaffen die Bauern und mit den Bauern die
Präsidentschaft angeln. Eine Wahlreklame ihrem nächsten Zwecke nach, war die Expedition
Cavaignacs gleichzeitig ein Protest und eine Drohung gegen die römische Revolution. Sie
enthielt im Keim die Intervention Frankreichs zugunsten des Papstes.

Diese Intervention für den Papst mit Österreich und Neapel gegen sie römische
Republik wurde beschlossen in der ersten Sitzung des Ministerrats Bonapartes am 23. Dezember.
Falloux im Ministerium, das war der Papst in Rom und im Rom - des Papstes. Bonaparte brauchte den
Papst nicht mehr, um der Präsident der Bauern zu werden, aber er brauchte die Konservation
des Papstes, um die Bauern des Präsidenten zu konservieren. Ihre Leichtgläubigkeit
hatte ihn zum Präsidenten gemacht. Mit dem Glauben verloren sie die Leichtgläubigkeit
und mit dem Papste den Glauben. Und die koalisierten Orleanisten und Legitimisten, die in
Bonapartes Namen herrschten! Ehe der König restauriert wurde, mußte die Macht
restauriert werden, welche die Könige heiligt. Abgesehen von ihrem Royalismus: ohne das
alte, seiner weltlichen Herrschaft unterworfene Rom kein Papst, ohne den Papst kein
Katholizismus, ohne den Katholizismus keine französische Religion, und ohne Religion, was
wurde aus der alten französischen Gesellschaft? Die Hypotheke, welche der Bauer auf die
himmlischen Güter besitzt, garantiert die Hypotheke, welche die Bourgeoisie auf die
Bauerngüter besitzt. Die römische Revolution war also ein Attentat auf das Eigentum,
auf die bürgerliche Ordnung, furchtbar wie die Julirevolution. Die wiederhergestellte
Bourgeoisherrschaft in Frankreich erheischte die Restauration der päpstlichen Herrschaft in
Rom. Endlich schlug man mit den römischen Revolutionären die Alliierten der
französischen Revolutionäre; die Allianz der kontrerevolutionären Klassen in der
konstituierten französischen Republik ergänzte sich notwendig in der Allianz der
französischen Republik mit der heiligen Allianz, mit Neapel und Österreich. Der
Ministerratsbeschluß vom 23. Dezember war kein Geheimnis für die Konstituante. Schon
am 8. Januar hatte Ledru-Rollin das Ministerium über denselben interpelliert, das
Ministerium hatte geleugnet, die Nationalversammlung war zur Tagesordnung übergegangen.
Traute sie den Worten des Ministeriums? Wir wissen, daß sie den ganzen Monat Januar damit
zu-

brachte, ihm Mißtrauensvota zu geben. Aber wenn es
in seiner Rolle war zu lügen, war es in ihrer Rolle, den Glauben an die Lüge zu
heucheln und damit die republikanischen dehors <den republikanischen Schein> zu retten.

Unterdessen war Piemont geschlagen, Karl Albert hatte abgedankt, die österreichische
Armee pochte an die Tore Frankreichs. Ledru-Rollin interpellierte heftig. Das Ministerium bewies,
daß es in Norditalien nur die Politik Cavaignacs und Cavaignac nur die Politik der
provisorischen Regierung, d.h. Ledru-Rollins fortgesetzt habe. Diesmal erntete es von der
Nationalversammlung sogar ein Vertrauensvotum und wurde autorisiert, einen gelegenen Punkt
Oberitaliens temporär zu besetzen, um so der friedlichen Unterhandlung mit Österreich
über die Integrität des sardinischen Gebiets und die römische Frage einen
Hinterhalt zu geben. Bekanntlich wird das Schicksal Italiens auf den Schlachtfeldern Norditaliens
entschieden. Mit der Lombardei und Piemont war daher Rom gefallen oder Frankreich mußte den
Krieg an Österreich und damit an die europäische Kontrerevolution erklären. Hielt
die Nationalversammlung plötzlich das Ministerium Barrot für den alten
Wohlfahrtsausschuß? Oder sich selbst für den Konvent? Wozu also die militärische
Besetzung eines Punktes in Oberitalien? Man versteckte unter diesem durchsichtigen Schleier die
Expedition gegen Rom.

Am 14. April segelten 14.000 Mann unter Oudinot nach Civitavecchia, am 16. April bewilligte
die Nationalversammlung dem Ministerium einen Kredit von 1.200.000 frs. zur dreimonatigen
Unterhaltung einer Interventionsflotte im Mittelmeer. So gab sie dem Ministerium alle Mittel,
gegen Rom zu intervenieren. Sie sah nicht, was das Ministerium tat, sie hörte nur, was es
sagte. Solcher Glaube ward nicht in Israel gefunden, die Konstituante war in die Lage geraten,
nicht wissen zu dürfen, was die konstituierte Republik tun mußte.

Endlich am 8. Mai wurde die letzte Szene der Komödie gespielt, die Konstituante forderte
das Ministerium zu schleunigsten Maßregeln auf, um die italienische Expedition auf das ihr
gesteckte Ziel zurückzuführen. Bonaparte inserierte denselben Abend einen Brief in den
"Moniteur", worin er Oudinot die größte Anerkennung spendete. Am 11. Mai verwarf die
Nationalversammlung den Anklageakt gegen denselben Bonaparte und sein Ministerium. Und die
Montagne, die, statt diese Gewebe des Betrugs zu zerreißen, die parlamentarische
Komödie tragisch nimmt, verriet sie nicht unter der erborgten Konvents-Löwenhaut das
angeborene kleinbürgerliche Kalbsfell!

Die letzte Lebenshälfte der Konstituante
resümiert sich dahin: Sie gesteht am 29. Januar, daß die royalistischen
Bourgeoisfraktionen die natürlichen Vorgesetzten der von ihr konstituierten Republik sind,
am 21. März, daß die Verletzung der Konstitution ihre Verwirklichung ist, und am 11.
Mai, daß die bombastisch angekündigte passive Allianz der französischen Republik
mit den ringenden Völkern ihre aktive Allianz mit der europäischen Kontrerevolution
bedeutet.

Diese elende Versammlung trat von der Bühne ab, nachdem sie noch zwei Tage vor der
Jahresfeier ihres Geburtstages, des 4. Mai, sich die Genugtuung gegeben hatte, den Antrag auf
Amnestie der Juniinsurgenten zu verwerfen. Ihre Macht zerbrochen, von dem Volke tödlich
gehaßt, zurückgestoßen, mißhandelt, verächtlich beiseite geworfen von
der Bourgeoisie, deren Werkzeug sie war, gezwungen, in der zweiten Hälfte ihrer Lebensepoche
die erste zu desavouieren, ihrer republikanischen Illusionen beraubt, ohne große
Schöpfungen in der Vergangenheit, ohne Hoffnung in der Zukunft, bei lebendigem Leibe
stückweise absterbend, wußte sie ihre eigne Leiche nur noch zu galvanisieren, indem
sie den Junisieg sich beständig zurückrief und nachträglich wieder durchlebte,
sich bestätigte durch die stets wiederholte Verdammung der Verdammten. Vampir, der von dem
Blut der Juniinsurgenten lebte!

Sie hinterließ das Staatsdefizit, vergrößert durch die Kosten der
Juniinsurrektion, durch den Ausfall der Salzsteuer, durch die Entschädigungen, die sie den
Plantagenbesitzern für die Aufhebung der Negersklaverei zuwies, durch die Kosten der
römischen Expedition, durch den Ausfall der Weinsteuer, deren Abschaffung sie, in den
letzten Zügen liegend, noch beschloß, ein schadenfroher Greis, glücklich, seinem
lachenden Erben eine kompromittierende Ehrenschuld aufzubürden.

Seit Anfang März hatte die Wahlagitation für die
gesetzgebende
Nationalversammlung
begonnen. Zwei Hauptgruppen traten sich gegenüber, die
Partei der
Ordnung
und die
demokratisch-sozialistische
oder
rote Partei
, zwischen beiden
standen die
Freunde der Konstitution
, unter welchem Namen die trikoloren Republikaner des
"National" eine Partei vorzustellen suchten. Die
Partei der Ordnung
bildete sich
unmittelbar nach den Junitagen; erst nachdem der 10. Dezember ihr erlaubt hatte, die Koterie des
"National", der Bourgeoisrepublikaner, von sich abzustoßen, enthüllte sich das
Geheimnis ihrer Existenz, die
Koalition der Orleanisten
und
Legitimisten
zu

einer
Partei
. Die Bourgeoisklasse zerfiel in zwei große Fraktionen, die
abwechselnd, das
große Grundeigentum
unter der
restaurierten Monarchie
, die

Finanzaristokratie
und die
industrielle Bourgeoisie
unter der
Julimonarchie
,
das Monopol der Herrschaft behauptet hatten.
Bourbon
war der königliche Name für
den überwiegenden

Einfluß der Interessen der einen
Fraktion,
Orléans
der königliche Name für den überwiegenden
Einfluß der Interessen der anderen Fraktion - das
namenlose Reich der Republik
war
das einzige, worin beide Fraktionen in gleichmäßiger Herrschaft das gemeinsame
Klasseninteresse behaupten konnten, ohne ihre wechselseitige Rivalität aufzugeben. Wenn die
Bourgeoisrepublik nichts anderes sein konnte, als die vervollständigte und rein
herausgetretene Herrschaft der gesamten Bourgeoisklasse, konnte sie etwas anderes sein als die
Herrschaft der durch die Legitimisten ergänzten Orleanisten und der durch die Orleanisten
ergänzten Legitimisten, die
Synthese der Restauration und der Julimonarchie
? Die
Bourgeoisrepublikaner des "National" vertraten keine auf ökonomischen Grundlagen beruhende
große Fraktion ihrer Klasse. Sie hatten nur die Bedeutung und den historischen Titel, unter
der Monarchie den beiden Bourgeoisfraktionen gegenüber, die nur ihr
besonderes
Regime
begriffen, das allgemeine Regime der Bourgeoisklasse geltend gemacht zu haben, das
namenlose
Reich der Republik
, das sie sich idealisierten und mit antiken Arabesken ausschmückten,
worin sie aber vor allem die Herrschaft ihrer Koterie begrüßten. Wenn die Partei des
"National" an ihrem eigenen Verstande irre wurde, als sie auf dem Gipfel der von ihr
begründeten Republik die koalisierten Royalisten erblickte, so täuschten diese selbst
sich nicht minder über die Tatsache ihrer vereinigten Herrschaft. Sie begriffen nicht,
daß, wenn jede ihrer Fraktionen, für sich getrennt betrachtet, royalistisch war, das
Produkt ihrer chemischen Verbindung notwendig
republikanisch
sein mußte, daß
die weiße und die blaue Monarchie sich neutralisieren mußten in der trikoloren
Republik. Gezwungen durch den Gegensatz zu dem revolutionären Proletariat und den mehr und
mehr um dasselbe als Zentrum sich hindrängenden Übergangsklassen, ihre vereinten Kraft
aufzubieten und die Organisation dieser vereinten Kraft zu konservieren, mußte jede der
Fraktionen der Ordnungspartei, den Restaurations- und Überhebungsgelüsten der andern
gegenüber, die gemeinsame Herrschaft, d.h. die
republikanische Form
der
Bourgeoisherrschaft geltend machen. So finden wir diese Royalisten im Anfang an eine unmittelbare
Restauration glaubend, später die republikanische Form konservierend mit Wutschaum, mit
tödlichen Invektiven gegen sie auf den Lippen, schließlich gestehen, daß sie
sich nur in der Republik vertragen können und die Restauration aufs Unbestimmte vertagen.
Der Genuß der vereinigten Herrschaft selbst stärkte jede der beiden Fraktionen und
machte sie noch unfähiger und unwilliger, sich der anderen unterzuordnen, d.h. die Monarchie
zu restaurieren.

Die
Partei der Ordnung
proklamierte direkt in ihrem Wahlprogramm die Herrschaft der
Bourgeoisklasse, d.h. die Aufrechterhaltung der Lebens-

bedingungen ihrer Herrschaft, des
Eigentums
, der
Familie
, der
Religion
, der

Ordnung
! Sie stellte ihre Klassenherrschaft und die Bedingungen ihrer Klassenherrschaft
natürlich als die Herrschaft der Zivilisation und als die notwendigen Bedingungen der
materiellen Produktion wie der aus ihr hervorgehenden gesellschaftlichen
Verkehrsverhältnisse dar. Die Partei der Ordnung gebot über ungeheure Geldmittel, sie
organisierte die Sukkursalen in ganz Frankreich, sie hatte sämtliche Ideologen der alten
Gesellschaft in ihrem Lohn, sie verfügte über den Einfluß der bestehenden
Regierungsgewalt, sie besaß ein Heer unbezahlter Vasallen in der ganzen Masse der
Kleinbürger und Bauern, die, der revolutionären Bewegung noch fernstehend, in den
Großwürdenträgern des Eigentums die natürlichen Vertreter ihres kleinen
Eigentums und seiner kleinen Vorurteile fanden; sie, die auf dem ganzen Lande in einer Unzahl
kleiner Könige vertreten, konnte die Verwerfung ihrer Kandidaten als Insurrektion bestrafen,
die rebellischen Arbeiter entlassen, die widerstrebenden Bauernknechte, Dienstboten, Kommis,
Eisenbahnbeamten, Schreiber, sämtliche ihr bürgerlich untergeordneten Funktionäre.
Sie konnte endlich stellenweise die Täuschung aufrechterhalten, daß die
republikanische Konstituante den Bonaparte des 10. Dezember an der Offenbarung seiner wunderbaren
Kräfte verhindert habe. Wir haben bei der Partei der Ordnung der Bonapartisten nicht
gedacht. Sie waren keine ernsthafte Fraktion der Bourgeoisklasse, sondern eine Sammlung alter,
abergläubischer Invaliden und junger, ungläubiger Glücksritter. - Die Partei der
Ordnung siegte in den Wahlen, sie sandte die große Majorität in die gesetzgebende
Versammlung.

Der koalisierten kontrerevolutionären Bourgeoisklasse gegenüber mußten sich
natürlich die schon revolutionierten Teile der kleinen Bourgeoisie und der Bauernklasse mit
dem Großwürdenträger der revolutionären Interessen, dem revolutionären
Proletariat, verbinden. Wir haben gesehen, wie die demokratischen Wortführer der
Kleinbürgerschaft im Parlament, d.h. die Montagne, durch parlamentarische Niederlagen zu den
sozialistischen Wortführern des Proletariats und wie die wirkliche Kleinbürgerschaft
außerhalb des Parlaments durch die concordats à l'amiable, durch die brutale
Geltendmachung der Bourgeoisinteressen, durch den Bankerott zu den wirklichen Proletariern
gedrängt wurden. Am 27. Januar hatten Montagne und Sozialisten ihre Aussöhnung
gefeiert, im großen Februarbankett 1849 wiederholten sie ihren Vereinigungsakt. Die soziale
und die demokratische, die Partei der Arbeiter und die der Kleinbürger, vereinigten sich zur

sozialdemokratischen Partei
, d.h. zur
roten
Partei.

Einen Augenblick durch die den Junitagen folgende Agonie gelähmt, hatte die
französische Republik seit der Aufhebung des Belagerungszustandes, seit

dem 19. Oktober, eine fortlaufende Reihe fieberhafter Aufregungen
erlebt. Erst der Kampf um die Präsidentschaft; dann der Kampf des Präsidenten mit der
Konstituante; der Kampf um die Klubs; der Prozeß in Bourges, der gegenüber den kleinen
Gestalten des Präsidenten, der koalisierten Royalisten, der honetten Republikaner, der
demokratischen Montagne, der sozialistischen Doktrinäre des Proletariats seine wirklichen
Revolutionäre als urweltliche Ungeheuer erscheinen ließ, wie sie nur eine
Sündflut auf der Gesellschaftsoberfläche zurückläßt oder wie sie nur
einer gesellschaftlichen Sündflut vorangehn können; die Wahlagitation; die Hinrichtung
der Bréa-Mörder; die fortlaufenden Preßprozesse; die gewaltsamen polizeilichen
Einmischungen der Regierung in die Banketts; die frechen royalistischen Provokationen; die
Ausstellung der Bilder Louis Blancs und Caussidières an dem Pranger; der ununterbrochene
Kampf zwischen der konstituierten Republik und der Konstituante, der jeden Augenblick die
Revolution auf ihren Ausgangspunkt zurückdrängte, der jeden Augenblick den Sieger zum
Besiegten, den Besiegten zum Sieger machte und im Nu die Stellung der Parteien und Klassen, ihre
Scheidungen und Bindungen umschwenkte; der rasche Gang der europäischen Kontrerevolution,
der glorreiche ungarische Kampf, die deutschen Schilderhebungen, die römische Expedition,
die schmähliche Niederlage der französischen Armee vor Rom - in diesem Wirbel der
Bewegung, in dieser Pein der geschichtlichen Unruhe, in dieser dramatischen Ebbe und Flut
revolutionärer Leidenschaften, Hoffnungen, Enttäuschungen mußten die
verschiedenen Klassen der französischen Gesellschaft ihre Entwicklungsepochen nach Wochen
zählen, wie sie sie früher nach halben Jahrhunderten gezählt hatten. Ein
bedeutender Teil der Bauern und der Provinzen war revolutioniert. Nicht nur waren sie über
den Napoleon enttäuscht, die rote Partei bot ihnen an der Stelle des Namens den Inhalt, an
der Stelle der illusorischen Steuerfreiheit die Rückzahlung der den Legitimisten gezahlten
Milliarde, die Regelung der Hypothek und die Aufhebung des Wuchers.

Die Armee selbst war von dem Revolutionsfieber angesteckt. Sie hatte in Bonaparte für den
Sieg gestimmt, und er gab ihr die Niederlage. Sie hatte in ihm für den kleinen Korporal
gestimmt, hinter dem der große revolutionäre Feldherr steckt, und er gab ihr die
großen Generale wieder, hinter denen der gamaschengerechte Korporal sich birgt. Kein
Zweifel, daß die rote Partei, d.h. die koalisierte demokratische Partei, wenn nicht den
Sieg, doch große Triumphe feiern mußte, daß Paris, daß die Armee,
daß ein großer Teil der Provinzen für sie stimmen würde.

Ledru-Rollin
, der Chef der Montagne, wurde von fünf Departements gewählt, kein
Chef der Ordnungspartei trug einen solchen Sieg davon, kein Name der eigentlich proletarischen
Partei. Diese Wahl ent-

hüllt uns das Geheimnis der
demokratisch-sozialistischen Partei. Wenn die Montagne, der parlamentarische Vorkämpfer der
demokratischen Kleinbürgerschaft, einerseits gezwungen war, sich mit den sozialistischen
Doktrinären des Proletariats zu vereinigen - das Proletariat, von der furchtbaren
materiellen Niederlage des Juni gezwungen, sich durch intellektuelle Siege wieder aufzurichten,
durch die Entwicklung der übrigen Klassen noch nicht befähigt, die revolutionäre
Diktatur zu ergreifen, mußte sich den Doktrinären seiner Emanzipation, den
sozialistischen Sektenstiftern in die Arme werfen -, stellten sich andererseits die
revolutionären Bauern, die Armee, die Provinzen hinter die Montagne, die so zum Gebieter im
revolutionären Heerlager wurde und durch die Verständigung mit den Sozialisten jeden
Gegensatz in der revolutionären Partei beseitigt hatte. In der letzten Lebenshälfte der
Konstituante vertrat sie das republikanische Pathos derselben und hatte ihre Sünden
während der provisorischen Regierung, wahrend der Exekutivkommission, während der
Junitage in Vergessenheit gebracht. In demselben Maße, als die Partei des "National" ihrer
halben Natur gemäß sich von dem royalistischen Ministerium niederdrücken
ließ, stieg die während der Allgewalt des "National" beseitigte Partei des Berges und
machte sich als die parlamentarische Vertreterin der Revolution geltend. In der Tat, die Partei
des "National" hatte gegen die anderen, royalistischen Fraktionen nichts einzuwenden als
ehrsüchtige Persönlichkeiten und idealistische Flausen. Die Partei des Berges dagegen
vertrat eine zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat schwebende Masse, deren materielle
Interessen demokratische Institutionen verlangten. Den Cavaignacs und Marrasts gegenüber
befanden sich Ledru-Rollin und die Montagne daher in der Wahrheit der Revolution, und aus dem
Bewußtsein dieser gewichtigen Situation schöpften sie um so größeren Mut,
je mehr die Äußerung der revolutionären Energie sich beschränkte auf
parlamentarische Ausfälle, Niederlegung von Anklageakten, Drohungen, Stimmerhöhungen.
donnernde Reden und Extreme, die nur bis zur Phrase getrieben wurden. Die Bauern befanden sich
ungefähr in derselben Lage wie die Kleinbürger, sie hatten ungefähr dieselben
sozialen Forderungen zu stellen. Sämtliche Mittelschichten der Gesellschaft, soweit sie in
die revolutionäre Bewegung getrieben waren, mußten daher in Ledru-Rollin ihren Helden
finden. Ledru-Rollin war die Personage des demokratischen Kleinbürgertums. Der Partei der
Ordnung gegenüber mußten zunächst die halb konservativen, halb
revolutionären und ganz utopistischen Reformatoren dieser Ordnung an die Spitze getrieben
werden.

Die Partei des "National", "die Freunde der Konstitution quand même" <um jeden
Preis>,

die républicains purs et simples
<Republikaner reinsten Wassers> wurden vollständig in den Wahlen geschlagen. Eine
winzige Minorität derselben wurde in die gesetzgebende Kammer geschickt, ihre notorischsten
Chefs verschwanden von der Bühne, sogar Marrast, der Redakteur en chef und der Orpheus der
honetten Republik.

Am 28. Mai kam die legislative Versammlung zusammen, am 11. Juni erneuerte sich die Kollision
vom 8. Mai, Ledru-Rollin legte im Namen der Montagne einen Anklageakt nieder gegen den
Präsidenten und das Ministerium wegen Verletzung der Konstitution, wegen des Bombardements
von Rom. Am 12. Juni verwarf die gesetzgebende Versammlung den Anklageakt, wie die
konstituierende Versammlung ihn am 11. Mai verworfen hatte, aber das Proletariat trieb diesmal
die Montagne auf die Straße, jedoch nicht zum Straßenkampf, sondern nur zur
Straßenprozession. Es genügt zu sagen, daß die Montagne an der Spitze dieser
Bewegung stand, um zu wissen, daß die Bewegung besiegt wurde und daß der Juni 1849
eine ebenso lächerliche als nichtswürdige Karikatur des Juni 1848 war. Verdunkelt wurde
die große Retirade vom 13. Juni nur durch den noch größeren Schlachtbericht
Changarniers, des großen Mannes, den die Partei der Ordnung improvisierte. Jede
Gesellschaftsepoche braucht ihre großen Männer, und wenn sie dieselben nicht findet,
erfindet sie sie, wie Helvétius sagt.

Am 20. Dezember existierte nur noch die eine Hälfte der konstituierten Bourgeoisrepublik,
der
Präsident
, am 28. Mai wurde sie ergänzt durch die andre Hälfte, durch
die
gesetzgebende Versammlung
. Juni 1848 hatte die sich konstituierende Bourgeoisrepublik
durch eine unsagbare Schlacht gegen das Proletariat, Juni 1849 die konstituierte
Bourgeoisrepublik durch eine unnennbare Komödie mit der Kleinbürgerschaft sich in das
Geburtsregister der Geschichte eingemeißelt. Juni 1849 war die Nemesis für Juni 1848.
Juni 1849 wurden nicht die Arbeiter besiegt, sondern die Kleinbürger gefällt, die
zwischen ihnen und der Revolution standen. Juni 1849 war nicht die blutige Tragödie zwischen
der Lohnarbeit und dem Kapital, sondern das gefängnisreiche und lamentable Schauspiel
zwischen dem Schuldner und dem Gläubiger. Die Partei der Ordnung hatte gesiegt, sie war
allmächtig, sie mußte nun zeigen, was sie war.

[Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 - Teil 4]

II - Der 13. Juni 1849

Inhalt und Einleitung
IV - Die Abschaffung des allgemeinen Stimmrechts
1850

Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850", S. 64-94

III

Folgen des 13. Juni 1849

Vom 13. Juni 1849 bis 10. März 1850

Am 20. Dezember hatte der Januskopf der

konstitutionellen Republik
nur noch
ein
Gesicht gezeigt, das exekutive Gesicht mit
den verschwimmend flachen Zügen L. Bonapartes, am 28. Mai 1849 zeigte er sein zweites
Gesicht, das
legislative
, übersäet von den Narben, welche die Orgien der
Restauration und der Julimonarchie zurückgelassen hatten. Mit der legislativen
Nationalversammlung war die Erscheinung der
konstitutionellen Republik
vollendet, d.h. der
republikanischen Staatsform, worin die Herrschaft der Bourgeoisklasse konstituiert ist, also die
gemeinschaftliche Herrschaft der beiden großen royalistischen Fraktionen, welche die
französische Bourgeoisie bilden, der koalisierten Legitimisten und Orleanisten, der

Partei der Ordnung
. Während so die französische Republik der Koalition der
royalistischen Parteien als Eigentum anheimfiel, unternahm gleichzeitig die europäische
Koalition der kontrerevolutionären Mächte einen allgemeinen Kreuzzug gegen die letzten
Zufluchtsstätten der Märzrevolutionen. Rußland fiel in Ungarn ein, Preußen
marschierte gegen die Reichsverfassungsarmee und Oudinot bombardierte Rom. Die europäische
Krise ging offenbar einem entscheidenden Wendepunkt zu, die Augen von ganz Europa richteten sich
auf Paris und die Augen von ganz Paris auf die
legislative Versammlung
.

Am 11. Juni bestieg Ledru-Rollin ihre Tribüne. Er hielt keine Rede, er formulierte ein
Requisitorium gegen die Minister, nackt, prunklos, tatsächlich, konzentriert, gewaltsam.

Der Angriff auf Rom ist ein Angriff auf die Konstitution, der Angriff auf die römische
Republik ein Angriff auf die französische Republik. Artikel V der Konstitution lautet: "Die
französische Republik verwendet ihre Streitkräfte niemals gegen die Freiheit
irgendeines Volkes" - und der Präsident verwendet die französische Armee gegen die
römische Freiheit. Artikel 54 der Konstitution verbietet der exekutiven Gewalt irgendeinen
Krieg zu erklären, ohne die Zustimmung der Nationalversammlung. Der Beschluß der
Konsti-

tuante vom 8. Mai befiehlt den Ministern
ausdrücklich, die römische Expedition schleunigst ihrer ursprünglichen Bestimmung
anzupassen, er untersagt ihnen also ebenso ausdrücklich den Krieg gegen Rom - und Oudinot
bombardiert Rom. So rief Ledru-Rollin die Konstitution selbst als Belastungszeugen gegen
Bonaparte und seine Minister auf. Der royalistischen Majorität der Nationalversammlung
schleuderte er, der Tribun der Konstitution, die drohende Erklärung zu: "Die Republikaner
werden der Konstitution Achtung zu verschaffen wissen, durch alle Mittel, sei es selbst durch die
Gewalt der Waffen!"
"Durch die Gewalt der Waffen!"
wiederholte das hundertfache Echo der
Montagne. Die Majorität antwortete mit einem furchtbaren Tumult, der Präsident der
Nationalversammlung rief Ledru-Rollin zur Ordnung, Ledru-Rollin wiederholte die herausfordernde
Erklärung und legte schließlich den Antrag auf Versetzung Bonapartes und seiner
Minister in Anklagezustand auf den Präsidententisch nieder. Die Nationalversammlung
beschloß mit 361 gegen 203 Stimmen über das Bombardement Roms zur einfachen
Tagesordnung überzugehen.

Glaubte Ledru-Rollin die Nationalversammlung durch die Konstitution, den Präsidenten
durch die Nationalversammlung schlagen zu können?

Die Konstitution untersagte allerdings jeden Angriff auf die Freiheit fremder Völker,
aber was die französische Armee zu Rom angriff, das war nach dem Ministerium nicht die
"Freiheit", sondern der "Despotismus der Anarchie". Hatte die Montagne, allen Erfahrungen in der
konstituierenden Versammlung zum Trotz, noch immer nicht begriffen, daß die Auslegung der
Konstitution nicht denen angehöre, die sie gemacht, sondern nur noch denen, die sie
akzeptiert hatten? Daß ihr Wortlaut in ihrem lebensfähigen Sinne gedeutet werden
müsse und daß der Bourgeoissinn ihr einzig lebensfähiger Sinn sei? Daß
Bonaparte und die royalistische Majorität der Nationalversammlung die authentischen
Dolmetscher der Konstitution waren, wie der Pfaffe der authentische Dolmetscher der Bibel und der
Richter der authentische Dolmetscher des Gesetzes ist? Sollte die eben frisch aus dem
Schoße der allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung sich durch die
testamentarische Verfügung der toten Konstituante gebunden fühlen, deren lebendigen
Willen ein Odilon Barrot gebrochen hatte? Indem sich Ledru-Rollin auf den Beschluß der
Konstituante vom 8. Mai berief, hatte er vergessen, daß dieselbe Konstituante am 11. Mai
seinen ersten Antrag auf Versetzung Bonapartes und der Minister in Anklagezustand verworfen,
daß sie den Präsidenten und die Minister freigesprochen, daß sie so den Angriff
auf Rom als "konstitutionell" sanktioniert hatte, daß er nur Appell einlegte gegen ein
schon gefälltes Urteil, daß er endlich von der republikanischen Konstituante an die

royalistische Legislative appellierte? Die Konstitution
selbst ruft die Insurrektion zur Hülfe, indem sie in einem besonderen Artikel jeden
Bürger zu ihrem Schutze aufruft. Ledru-Rollin stützte sich auf diesen Artikel. Aber
sind nicht gleichzeitig die öffentlichen Gewalten zum Schutze der Konstitution organisiert,
und die Verletzung der Konstitution, beginnt sie nicht erst von dem Augenblicke, wo die eine der
öffentlichen konstitutionellen Gewalten gegen die andere rebelliert? Und der Präsident
der Republik, die Minister der Republik, die Nationalversammlung der Republik befanden sich im
harmonischsten Verständnis.

Was die Montagne am 11. Juni versuchte, war
"eine Insurrektion innerhalb der Grenzen der
reinen Vernunft"
, d.h. eine rein
parlamentarische Insurrektion
. Die Majorität der
Versammlung sollte, durch die Aussicht auf bewaffnete Erhebung der Volksmassen
eingeschüchtert, in Bonaparte und den Ministern ihre eigene Macht und die Bedeutung ihrer
eigenen Wahl brechen. Hatte die Konstituante nicht ähnlich versucht, die Wahl Bonapartes zu
kassieren, als sie so hartnäckig auf der Entlassung des Ministeriums Barrot-Falloux
bestand?

Weder fehlte es aus der Zeit des Konvents an Vorbildern für parlamentarische
Insurrektionen, welche das Verhältnis der Majorität und Minorität plötzlich
von Grund aus umgewälzt hatten - und sollte der jungen Montagne nicht gelingen, was der
alten gelungen war? -, noch schienen die augenblicklichen Verhältnisse einem solchen
Unternehmen ungünstig. Die Volksaufregung hatte zu Paris einen bedenklichen Höhepunkt
erreicht, die Armee schien ihren Wahlabstimmungen nach der Regierung nicht geneigt, die
legislative Majorität selbst war noch zu jung, um sich konsolidiert zu haben, und zudem
bestand sie aus alten Herren. Wenn der Montagne eine parlamentarische Insurrektion gelang, fiel
ihr das Staatsruder unmittelbar zu. Die demokratische Kleinbürgerschaft ihrerseits
wünschte, wie immer, nichts sehnlicher, als den Kampf über ihren Häuptern in den
Wolken zwischen den abgeschiedenen Geistern des Parlaments ausgefochten zu sehen. Endlich
erreichten beide, die demokratische Kleinbürgerschaft und ihre Vertreter, die Montagne,
durch eine parlamentarische Insurrektion ihren großen Zweck, die Macht der Bourgeoisie zu
brechen, ohne das Proletariat zu entfesseln oder anders als in der Perspektive erscheinen zu
lassen; das Proletariat wäre benutzt worden, ohne gefährlich zu werden.

Nach dem Votum der Nationalversammlung vom 11. Juni fand eine Zusammenkunft statt zwischen
einigen Gliedern der Montagne und Delegierten der geheimen Arbeitergesellschaften. Letztere
drangen darauf, noch an demselben Abend loszuschlagen. Die Montagne wies diesen Plan entschieden
zurück. Sie wollte um keinen Preis die Leitung aus der Hand geben; ihre Bun-

desgenossen waren ihr ebenso verdächtig als ihre Gegner, und mit
Recht. Die Erinnerung an den Juni 1848 durchwogte lebendiger als je die Reihen des Pariser
Proletariats. Gleichwohl war es an die Allianz mit der Montagne gekettet. Sie vertrat den
größten Teil der Departements, sie übertrieb ihren Einfluß in der Armee,
sie verfügte über den demokratischen Teil der Nationalgarde, sie hatte die moralische
Macht der Boutique hinter sich. Wider ihren Willen in diesem Augenblick die Insurrektion
beginnen, das hieß für das Proletariat - überdem dezimiert durch die Cholera, in
bedeutender Masse aus Paris durch die Arbeitslosigkeit verjagt - die Junitage von 1848 nutzlos
wiederholen, ohne die Situation, welche zu dem verzweifelten Kampfe gedrängt hatte. Die
proletarischen Delegierten taten das einzig Rationelle. Sie verpflichteten die Montagne, sich zu

kompromittieren
, d.h. aus den Grenzen des parlamentarischen Kampfes herauszutreten
für den Fall, daß ihr Anklageakt verworfen würde. Während des ganzen 13.
Juni behauptete das Proletariat dieselbe skeptisch beobachtende Stellung und wartete ein
ernstlich engagiertes, unwiderrufliches Handgemenge zwischen der demokratischen Nationalgarde und
der Armee ab, um sich dann in den Kampf, und die Revolution über das ihr gesteckte
kleinbürgerliche Ziel hinaus zu stürzen. Für den Fall des Sieges war die
proletarische Kommune schon gebildet, die neben die offizielle Regierung treten sollte. Die
Pariser Arbeiter hatten gelernt in der blutigen Schule des Juni 1848.

Am 12. Juni stellte der Minister Lacrosse selbst in der legislativen Versammlung den Antrag,
sofort zur Diskussion des Anklageaktes überzugehen. Die Regierung hatte während der
Nacht alle Vorkehrungen zur Verteidigung und zum Angriffe getroffen; die Majorität der
Nationalversammlung war entschlossen, die rebellische Minorität auf die Straße
hinauszutreiben, die Minorität selbst konnte nicht mehr zurücktreten, die Würfel
waren gefallen, 377 Stimmen gegen 8 verwarfen den Anklageakt, der Berg, der sich der Abstimmung
enthalten hatte, stürzte grollend in die Propagandahallen der "friedfertigen Demokratie", in
die Zeitungsbüros der "Démocratie pacifique".

Die Entfernung aus dem Parlamentsgebäude brach seine Kraft, wie die Entfernung von der
Erde die Kraft des Antäus brach, ihres Riesensohnes. Simsons in den Räumen der
gesetzgebenden Versammlung, waren sie nur noch Philister in den Räumen der "friedfertigen
Demokratie". Eine lange, geräuschvolle, haltlose Debatte entspann sich. Die Montagne war
entschlossen, der Konstitution Achtung zu erzwingen mit allen Mitteln,
"nur nicht durch die
Gewalt der Waffen"
. In diesem Entschluß wurde sie unterstützt durch ein Manifest
und durch eine Deputation der "Verfassungsfreunde". "Freunde der Verfassung", so nannten sich die
Trümmer der Koterie des "National",

der
bourgeoisrepublikanischen Partei. Während von ihren übriggebliebenen parlamentarischen
Repräsentanten sechs
gegen
, die anderen insgesamt
für
die Verwerfung des
Anklageakts gestimmt hatten, während
Cavaignac
der Partei der Ordnung seinen
Säbel zur Verfügung stellte, ergriff der größere außerparlamentarische
Teil der Koterie gierig den Anlaß, aus seiner politischen Pariastellung herauszutreten und
sich in die Reihen der demokratischen Partei zu drängen. Erschienen sie nicht als die
natürlichen Schildhalter dieser Partei, die sich unter ihren Schild versteckte, unter ihr

Prinzip
, unter die
Konstitution
?

Bis Tagesanbruch kreißte der "Berg". Er gebar
"eine Proklamation an das Volk"
,
die am Morgen des 13. Juni in zwei sozialistischen Journalen eine mehr oder minder
verschämte Stelle einnahm. Sie erklärte den Präsidenten, die Minister, die
Majorität der gesetzgebenden Versammlung
"außerhalb der Konstitution"
(hors la
constitution) und rief die Nationalgarde, die Armee und schließlich auch das Volk auf,
"sich zu erheben".
"Es lebe die Konstitution!"
war die Parole, die sie austeilte, Parole,
die nichts anderes hieß, als
"Nieder mit der Revolution!"

Der konstitutionellen Proklamation des Berges entsprach am 13. Juni eine sogenannte

friedliche Demonstration
der Kleinbürger, d.h. eine Straßenprozession vom
Château d'Eau durch die Boulevards, 30.000 Mann, meist Nationalgarden, unbewaffnet,
untermischt mit Mitgliedern der geheimen Arbeitersektionen, sich hinwälzend unter dem Rufe:

"Es lebe die Konstitution!"
, mechanisch, eiskalt, mit bösem Gewissen
ausgestoßen von den Mitgliedern des Zuges selbst, vom Echo des Volkes, das auf den
Trottoirs wogte, ironisch zurückgeworfen, statt donnerartig aufzuschwellen. Es fehlte dem
vielstimmigen Gesang die Bruststimme. Und als der Zug vor dem Sitzungsgebäude der
"Verfassungsfreunde" vorbeischwankte und auf dem Giebel des Hauses ein gedungener
Verfassungsherold erschien, der mit seinem Claqueurhut gewaltig die Lüfte durchsägte
und aus einer ungeheuren Lunge das Stichwort
"Es lebe die Konstitution"
hageldick auf die
Köpfe der Wallfahrer niederplumpen ließ, schienen sie selbst einen Augenblick von der
Komik der Situation überwältigt. Es ist bekannt, wie der Zug, angekommen an der
Mündung der rue de la Paix, in den Boulevards von den Dragonern und Jägern Changarniers
durchaus unparlamentarisch empfangen, in einem Nu nach allen Seiten hin auseinanderstob und den
spärlichen Ruf "zu den Waffen" nur noch hinter sich warf, damit der parlamentarische
Waffenruf vom 11. Juni sich erfülle.

Die Mehrzahl der in der rue du Hasard versammelten Montagne verlief sich, als diese gewaltsame
Zersprengung der friedlichen Prozession, als dumpfe Gerüchte vom Morde unbewaffneter
Bürger auf den Boulevards, als der wach-

sende
Straßentumult das Herannahen einer Emeute zu verkünden schienen.
Ledru-Rollin
,
an der Spitze einer kleinen Schar von Deputierten, rettete die Ehre des Berges. Unter dem Schutze
der Pariser Artillerie, die sich im Palais National versammelt hatte, begaben sie sich nach dem
Conservatoire des arts et métiers <Kunst- und Gewerbemuseum>, wo die 5. und 6.
Legion der Nationalgarde eintreffen sollte. Aber die Montagnards harrten vergeblich auf die 5.
und 6. Legion; diese vorsichtigen Nationalgarden ließen ihre Repräsentanten im Stich,
die Pariser Artillerie selbst verhinderte das Volk, Barrikaden aufzuwerfen, ein chaotisches
Durcheinander machte jeden Beschluß unmöglich, die Linientruppen rückten an mit
gefälltem Bajonett, ein Teil der Repräsentanten wurde gefangengenommen, ein anderer
entkam. So endete der 13. Juni.

Wenn der 23. Juni 1848 die Insurrektion des revolutionären Proletariats, war der 13. Juni
1849 die Insurrektion der demokratischen Kleinbürger, jede dieser beiden Insurrektionen der

klassisch-reine
Ausdruck der Klasse, von der sie getragen wurde.

Nur zu Lyon kam es zu einem hartnäckigen, blutigen Konflikt. Hier, wo sich die
industrielle Bourgeoisie und das industrielle Proletariat unvermittelt gegenüberstehen, wo
die Arbeiterbewegung nicht wie in Paris von der allgemeinen Bewegung eingefaßt und bestimmt
ist, verlor der 13. Juni im Rückschlage den ursprünglichen Charakter. Wo er sonst in
die Provinzen einschlug, zündete er nicht - ein
kalter Blitz
.

Der 13. Juni schließt die erste
Lebensperiode der konstitutionellen Republik
, die
am 28. Mai 1849 mit dem Zusammentritt der legislativen Versammlung ihre normale Existenz gewonnen
hatte. Die ganze Dauer dieses Prologs ist erfüllt von dem geräuschvollen Kampfe
zwischen der Partei der Ordnung und der Montagne, zwischen der Bourgeoisie und dem
Kleinbürgertum, das sich vergebens gegen die Festsetzung der Bourgeoisrepublik sträubt,
für welche es selbst in der provisorischen Regierung, in der Exekutivkommission
ununterbrochen konspiriert, für welche es während der Junitage sich fanatisch gegen das
Proletariat geschlagen hatte. Der 13. Juni bricht seinen Widerstand und macht die
legislative
Diktatur
der vereinigten Royalisten zu einem fait accompli <zu einer vollendeten
Tatsache>. Von diesem Augenblick an ist die Nationalversammlung nur noch ein

Wohlfahrtsausschuß der Partei der Ordnung
.

Paris hatte den Präsidenten, die Minister und die Majorität der Nationalversammlung
in
"Anklagezustand"
versetzt, sie versetzten Paris in
"Belagerungszustand"
. Der
Berg hatte die Majorität der legislativen Versammlung
"außerhalb der
Konstitution"
erklärt, wegen Verletzung der Konstitution über-

antwortete die Majorität den Berg der haute-cour <dem
Hochgericht> und proskribierte alles, was noch Lebenskraft in ihm besaß. Bis auf einen
kopf- und herzlosen Rumpf wurde er dezimiert. Die Minorität war bis zum Versuche einer

parlamentarischen Insurrektion
gegangen, die Majorität erhob ihren

parlamentarischen Despotismus
zum Gesetz. Sie dekretierte eine neue

Geschäftsordnung
, welche die Freiheit der Tribüne vernichtet und den
Präsidenten der Nationalversammlung befugt, wegen Verletzung der Ordnung die
Repräsentanten mit Zensur, mit Geldstrafen, mit Entziehung der Indemnitätsgelder, mit
zeitweiliger Expulsion, mit dem Karzer zu bestrafen. Über den Rumpf des Berges hing sie
statt des Schwertes die Rute. Der Rest der Bergdeputierten hätte seiner Ehre geschuldet, in
Masse auszutreten. Durch einen solchen Akt wurde die Auflösung der Partei der Ordnung
beschleunigt. Sie mußte in ihre ursprünglichen Bestandteile zerfallen von dem
Augenblick, wo auch nicht mehr der Schein eines Gegensatzes sie zusammenhielt.

Gleichzeitig mit ihrer
parlamentarischen
, wurden die demokratischen Kleinbürger
ihrer
bewaffneten
Macht beraubt durch Auflösung der Pariser Artillerie wie der 8., 9.
und 12. Legion der Nationalgarde. Die Legion der hohen Finanz dagegen, welche am 13. Juni die
Druckereien von Boulé und Roux überfallen, die Pressen zertrümmert, die
Büros der republikanischen Journale verwüstet, Redakteure, Setzer, Drucker,
Expedienten, Laufburschen willkürlich verhaftet hatte, erhielt von der Tribüne der
Nationalversammlung herab ermunternden Zuspruch. Auf der ganzen Oberfläche von Frankreich
wiederholte sich die Auflösung der des Republikanismus verdächtigen Nationalgarden.

Neues
Preßgesetz
, neues
Assoziationsgesetz
, neues

Belagerungszustandsgesetz
, die Gefängnisse von Paris überfüllt, die
politischen Flüchtlinge verjagt, alle Journale, die über die Grenzen des "National"
hinausgehen, suspendiert, Lyon und die fünf umliegenden Departements den brutalen Schikanen
des Militärdespotismus preisgegeben, die Parketts allgegenwärtig, das so oft gereinigte
Heer der Beamten noch einmal gereinigt - es waren dies die unvermeidlichen, die stets
wiederkehrenden
Gemeinplätze
der siegreichen Reaktion, nach den Massacres und den
Deportationen des Juni nur noch erwähnenswert, weil sie diesmal nicht nur gegen Paris,
sondern auch gegen die Departements, nicht nur gegen das Proletariat, sondern vor allem gegen die
Mittelklassen gerichtet waren.

Die Repressionsgesetze, wodurch die Verhängung des Belagerungszustandes dem Gutachten der
Regierung anheimgestellt, die Presse noch fester

geknebelt
und das Assoziationsrecht vernichtet wurde, absorbierten die ganze legislative Tätigkeit der
Nationalversammlung während der Monate Juni, Juli und August.

Indes wird diese Epoche charakterisiert nicht durch die
tatsächliche
, sondern
durch die
prinzipielle
Ausbeutung des Sieges, nicht durch die Beschlüsse der
Nationalversammlung, sondern durch die Motivierung dieser Beschlüsse, nicht durch die Sache,
sondern durch die Phrase, nicht durch die Phrase, sondern durch den Akzent und die Geste, welche
die Phrase beleben. Das rücksichtslos unverschämte Aussprechen der
royalistischen
Gesinnung
, der verächtlich vornehme Insult gegen die Republik, das kokettierend frivole
Ausplaudern der Restaurationszwecke, mit einem Wort, die renommistische Verletzung des

republikanischen Anstandes
geben dieser Periode eigentümlichen Ton und Färbung.
Es lebe die Konstitution! war der Schlachtruf der
Besiegten
des 13. Juni. Die

Sieger
waren also entbunden von der Heuchelei der konstitutionellen, d.h. der
republikanischen Sprache. Die Kontrerevolution unterwarf Ungarn, Italien, Deutschland, und sie
glaubten die Restauration schon vor den Toren von Frankreich. Es entspann sich eine wahre
Konkurrenz unter den Reigenführern der Ordnungsfraktionen, ihren Royalismus durch den
"Moniteur" zu dokumentieren und ihre etwaigen unter der Monarchie begangenen liberalen
Sünden zu beichten, zu bereuen, vor Gott und vor den Menschen abzubitten. Kein Tag verging,
ohne daß die Februarrevolution auf der Tribüne der Nationalversammlung für ein
öffentliches Unglück erklärt wurde, ohne daß ein beliebiger legitimistischer
Provinzialkrautjunker feierlich konstatierte, die Republik niemals anerkannt zu haben, ohne
daß einer der feigen Ausreißer und Verräter der Julimonarchie die
nachträglichen Heldentaten erzählte, an deren Vollbringung ihn nur die Philanthropie
Louis-Philippes oder andere Mißverständnisse verhindert hatten. Was an den
Februartagen zu bewundern, es war nicht die Großmut des siegreichen Volkes, sondern die
Selbstaufopferung und Mäßigung der Royalisten, welche ihm erlaubt hatten zu siegen.
Ein Volksrepräsentant schlug vor, einen Teil der für die Februarverwundeten bestimmten
Unterstützungsgelder den
Munizipalgarden
zuzuwenden, die sich allein an jenen Tagen
um das Vaterland verdient gemacht. Ein anderer wollte dem Herzog von Orléans eine
Reiterstatue auf dem Karussellplatz dekretiert wissen. Thiers nannte die Konstitution ein
schmutziges Stück Papier. Der Reihe nach erschienen auf der Tribüne Orleanisten, um
ihre Konspiration gegen das legitime Königtum zu bereuen, Legitimisten, die sich vorwarfen,
durch Auflehnen gegen das illegitime Königtum den Sturz des Königtums überhaupt
beschleunigt, Thiers, der bereute, gegen Molé, Molé, der bereute gegen Guizot,
Barrot, der bereute, gegen alle drei intrigiert

zu haben. Der
Ruf: "Es lebe die sozial-demokratische Republik!" wurde für unkonstitutionell erklärt;
der Ruf: "Es lebe die Republik!" als sozial-demokratisch verfolgt. An dem Jahrestage der Schlacht
von Waterloo erklärte ein Repräsentant: "Ich fürchte weniger die Invasion der
Preußen als den Eintritt der revolutionären Flüchtlinge in Frankreich." Den
Klagen über den Terrorismus, der in Lyon und in den benachbarten Departements organisiert
sei, antwortete Baraguey-d'Hilliers: "Ich ziehe den blassen Schrecken dem roten Schrecken vor."
(J'aime mieux la terreur blanche que la terreur rouge). Und die Versammlung klatschte jedesmal
frenetischen Beifall, sooft ein Epigramm gegen die Republik, gegen die Revolution, gegen die
Konstitution, für das Königtum, für die Heilige Allianz von den Lippen ihrer
Redner fiel. Jede Verletzung der kleinsten republikanischen Formalitäten, z.B. der Anrede
der Repräsentanten mit "Citoyens" enthusiasmierte die Ritter von der Ordnung.

Die Pariser Nachwahlen vom 8. Juli, vorgenommen unter dem Einfluß des
Belagerungszustandes und der Enthaltung eines großen Teiles des Proletariats von der
Stimmurne, die Einnahme Roms durch die französische Armee, der Einzug der roten Eminenzen
und in ihrem Gefolge die Inquisition und der Mönchsterrorismus in Rom fügten neue Siege
dem Siege vom Juni hinzu und steigerten den Rausch der Ordnungspartei.

Endlich Mitte August, halb in der Absicht, den eben versammelten Departementsräten
beizuwohnen, halb ermüdet von der vielmonatlichen Tendenzorgie, dekretierten die Royalisten
eine zweimonatliche Vertagung der Nationalversammlung. Eine Kommission von 25
Repräsentanten, die Creme der Legitimisten und Orleanisten, einen Molé, Changarnier
ließen sie mit durchsichtiger Ironie als Stellvertreter der Nationalversammlung und als

Wächter der Republik
zurück. Die Ironie war tiefer als sie ahnten. Sie, von der
Geschichte verurteilt, das Königtum, das sie liebten, stürzen zu helfen, waren von ihr
bestimmt, die Republik, die sie haßten, zu konservieren.

Mit der
Vertagung
der legislativen Versammlung
schließt die zweite
Lebensperiode der konstitutionellen Republik
, ihre
royalistische Flegelperiode
.

Der Belagerungszustand von Paris war wieder aufgehoben, die Aktion der Presse hatte wieder
begonnen. Während der Suspension der sozialdemokratischen Blätter, während der
Periode der Repressivgesetzgebung und der royalistischen Poltereien
republikanisierte
sich
der "Siècle", der alte literarische Repräsentant der
monarchisch-konstitutionellen
Kleinbürger
,
demokratisierte
sich die "Presse", der alte literarische Ausdruck
der
bürgerlichen Reformers
, sozialisierte sich der "National", das alte klassische
Organ der
republikanischen Bourgeois
.

Die
geheimen Gesellschaften
wuchsen an Ausdehnung
und Intensität in dem Maße, als die
öffentlichen Klubs
unmöglich
wurden. Die industriellen
Arbeiterassoziationen
, als reine Handelskompanien geduldet,
ökonomisch nichtig, wurden politisch ebenso viele Bindemittel des Proletariats. Der 13. Juni
hatte den verschiedenen halbrevolutionären Parteien die offiziellen Köpfe abgeschlagen,
die übrigbleibenden Massen gewannen ihren eigenen Kopf. Die Ordnungsritter hatten mit den
geweissagten Schrecken der roten Republik eingeschüchtert, die gemeinen Exzesse, die
hyperboreischen Greuel der siegreichen Kontrerevolution in Ungarn, in Baden, in Rom wuschen die

"rote Republik"
weiß. Und die malkontenten Zwischenklassen der französischen
Gesellschaft begannen die Verheißungen der roten Republik mit ihren problematischen
Schrecken, den Schrecken der roten Monarchie mit ihrer tatsächlichen Hoffnungslosigkeit
vorzuziehen. Kein Sozialist machte in Frankreich mehr revolutionäre Propaganda als

Haynau
. A chaque capacité selon ses œuvres. <Jedem nach seinen
Taten.>

Unterdessen beutete Louis Bonaparte die Ferien der Nationalversammlung aus, um prinzliche
Reisen in den Provinzen zu machen, die heißblütigsten Legitimisten pilgrimten nach Ems
zu dem Enkel des heiligen Ludwig, und die Masse der ordnungsfreundlichen Volksrepräsentanten
intrigierte in den Departementsräten, die eben zusammengekommen waren. Es galt, sie
aussprechen zu machen, was die Majorität der Nationalversammlung noch nicht auszusprechen
wagte, den
Dringlichkeitsantrag auf unmittelbare Revision der Verfassung
. Der Konstitution
gemäß konnte die Verfassung erst 1852 revidiert werden durch eine eigens zu diesem
Behufe zusammengerufene Nationalversammlung. Wenn aber die Mehrzahl der Departementsräte in
diesem Sinne sich aussprach, mußte die Nationalversammlung nicht der Stimme Frankreichs die
Jungfräulichkeit der Konstitution opfern? Die Nationalversammlung hegte dieselben Hoffnungen
von diesen Provinzialversammlungen, welche die Nonnen in Voltaires "Henriade" von den Panduren
hegten. Aber die Potiphars der Nationalversammlung hatten es, einige Ausnahmen abgerechnet, mit
ebenso vielen Josephs der Provinzen zu tun. Die ungeheure Mehrzahl wollte die zudringliche
Insinuation nicht verstehen. Die Revision der Verfassung wurde vereitelt durch die Werkzeuge
selbst, wodurch sie ins Leben gerufen werden sollte, durch die Abstimmungen der
Departementsräte. Die Stimme Frankreichs, und zwar des bürgerlichen Frankreichs, hatte
gesprochen und hatte gegen die Revision gesprochen.

Anfang Oktober trat die legislative Nationalversammlung wieder zusammen - tantum mutatus ab
illo <wie anders seit damals>. Ihre Physiognomie war durchaus verändert.

Die unerwartete Verwerfung der Revision von seiten der
Departementsräte hatte sie in die Grenzen der Konstitution zurück und auf die Grenzen
ihrer Lebensdauer hingewiesen. Die Orleanisten waren mißtrauisch geworden durch die
Wallfahrten der Legitimisten nach Ems, die Legitimisten hatten Verdacht geschöpft aus den
Verhandlungen der Orleanisten mit London, die Journale beider Fraktionen hatten das Feuer
geschürt und die wechselseitigen Ansprüche ihrer Prätendenten abgewogen.
Orleanisten und Legitimisten vereint grollten über die Umtriebe der Bonapartisten, die in
den prinzlichen Reisen hervortraten, in den mehr oder minder durchsichtigen
Emanzipationsversuchen des Präsidenten, in der anspruchsvollen Sprache der bonapartistischen
Zeitungen; Louis Bonaparte grollte über eine Nationalversammlung, die nur die
legitimistisch-orleanistische Konspiration gerecht erfand, über ein Ministerium, das ihn
beständig an diese Nationalversammlung verriet. Das Ministerium endlich war in sich selbst
gespalten über die römische Politik und über die von dem Minister
Passy

vorgeschlagene, von den Konservativen als sozialistisch verschriene
Einkommensteuer
.

Eine der ersten Vorlagen des Ministeriums Barrot an die wiederversammelte Legislative war eine
Kreditforderung von 300.000 frs. zur Zahlung des Witwengehaltes der
Herzogin von
Orléans
. Die Nationalversammlung bewilligte es und fügte dem Schuldregister der
französischen Nation eine Summe von 7 Millionen frs. hinzu. Während so Louis-Philippe
mit Erfolg die Rolle des "pauvre honteux", des verschämten Bettlers fortspielte, wagte das
Ministerium weder die Gehaltszulage für Bonaparte zu beantragen, noch schien die Versammlung
geneigt, sie zu geben. Und Louis Bonaparte schwankte wie von jeher im Dilemma:
Aut Caesar aut
Clichy!
<
Entweder Cäsar oder Clichy!
(
Clichy -
Pariser Gefängnis
für bankrotte, zahlungsunfähige Schuldner)>

Die zweite Kreditforderung des Ministers von 9 Millionen frs. für
die Kosten der
römischen Expedition
vermehrte die Spannung zwischen Bonaparte einerseits und den
Ministern und der Nationalversammlung andererseits. Louis Bonaparte hatte einen Brief an seinen
Ordonnanzoffizier Edgar Ney in den "Moniteur" eingerückt, worin er die päpstliche
Regierung an konstitutionelle Garantien band. Der Papst seinerseits hatte eine Ansprache
erlassen: "motu proprio", worin er jede Beschränkung der restaurierten Herrschaft
zurückwies. Der Brief Bonapartes lüftete mit absichtlicher Indiskretion den Vorhang
seines Kabinetts, um sich selbst als wohlwollendes, aber im eigenen Hause verkanntes und
gefesseltes Genie den Blicken der Galerie auszusetzen. Er kokettierte nicht das erstemal mit den
"verstohlenen Flügel-

schlägen einer freien Seele".

Thiers
, der Berichterstatter der Kommission, ignorierte vollständig Bonapartes
Flügelschlag und begnügte sich, die päpstliche Allokution französisch zu
verdolmetschen. Nicht das Ministerium, sondern
Victor Hugo
suchte den Präsidenten zu
retten durch eine Tagesordnung, worin die Nationalversammlung ihre Zustimmung zu dem Briefe
Napoleons aussprechen sollte.
Allons donc! Allons donc!
<
Ach gehn Sie! Ach gehn
Sie!
> Unter dieser unehrerbietig leichtfertigen Interjektion begrub die Majorität den
Antrag Hugos. Die Politik des Präsidenten? Der Brief des Präsidenten? Der
Präsident selbst?
Allons donc! Allons donc!
Wer Teufel nimmt denn Monsieur Bonaparte
au serieux <ernst> ? Glauben Sie, Monsieur Victor Hugo, daß wir Ihnen glauben,
daß Sie an den Präsidenten glauben?
Allons donc! Allons donc!

Endlich wurde der Bruch zwischen Bonaparte und der Nationalversammlung beschleunigt durch die
Diskussion über die
Rückberufung der Orléans und Bourbons
. In Ermangelung
des Ministeriums hatte der Vetter des Präsidenten, der Sohn des Exkönigs von Westfalen,
diesen Antrag gestellt, der nichts anderes bezweckte, als die legitimistischen und
orleanistischen Prätendenten auf gleiche Stufe oder vielmehr
unter
den
bonapartistischen Prätendenten herabzudrücken, der wenigstens faktisch auf dem Gipfel
des Staates stand.

Napoleon Bonaparte war unehrerbietig genug, die
Zurückberufung der verjagten
Königsfamilien
und die
Amnestie der Juniinsurgenten
zu Gliedern eines und
desselben Antrages zu machen. Die Indignation der Majorität nötigte ihn sofort, diese
frevelhafte Verkettung des Heiligen und des Verruchten, der Königsracen und der
proletarischen Brut, der Fixsterne der Gesellschaft und ihrer Sumpflichter abzubitten und jedem
der beiden Anträge den ihm gebührenden Rang anzuweisen. Energisch stieß sie die
Zuruckrufung der königlichen Familie zurück, und
Berryer,
der Demosthenes der
Legitimisten, ließ keinen Zweifel über den Sinn dieses Votums. Die bürgerliche
Degradation der Prätendenten, das ist es, was man bezweckt! Man will sie des Heiligenscheins
berauben, der letzten Majestät, die ihnen geblieben ist, der
Majestät des Exils
!
Was, rief Berryer aus, würde man von dem unter den Prätendenten denken, der, seinen
erlauchten Ursprung vergessend, hierher käme, um als einfacher Privatmann zu leben!
Deutlicher konnte dem Louis Bonaparte nicht gesagt werden, daß er durch seine Gegenwart
nicht gewonnen hatte, daß, wenn die koalisierten Royalisten ihn hier in Frankreich als

neutralen Mann
auf dem Präsidentenstuhl brauchten, die ernsthaften
Kronprätendenten durch die Nebel des Exils den profanen Blicken entrückt bleiben
mußten.

Am 1. November antwortete Louis Bonaparte der legislativen Versamm-

lung durch eine Botschaft, welche in ziemlich barschen Worten die
Entlassung des Ministeriums Barrot und die Bildung eines neuen Ministeriums anzeigte. Das
Ministerium Barrot-Falloux war das Ministerium der royalistischen Koalition, das Ministerium
d'Hautpoul war das Ministerium Bonapartes, das Organ des Präsidenten gegenüber der
legislativen Versammlung, das
Ministerium der Kommis
.

Bonaparte war nicht mehr der bloß
neutrale Mann
des 10. Dezembers 1848. Der
Besitz der exekutiven Gewalt hatte eine Anzahl von Interessen um ihn gruppiert, der Kampf mit der
Anarchie zwang die Partei der Ordnung selbst, seinen Einfluß zu vermehren, und wenn er

nicht mehr
populär war, war sie
unpopulär
. Die Orleanisten und
Legitimisten, konnte er nicht hoffen, durch ihre Rivalität wie durch die Notwendigkeit
irgendeiner monarchischen Restauration sie zur Anerkennung des
neutralen Prätendenten

zu zwingen?

Vom 1. November 1849 datiert die dritte Lebensperiode der konstitutionellen Republik, Periode,
die mit dem 10. März 1850 schließt. Nicht nur beginnt das regelmäßige Spiel
der konstitutionellen Institutionen, das Guizot so sehr bewundert, der Krakeel zwischen der
exekutiven und gesetzgebenden Gewalt. Den Restaurationsgelüsten der vereinigten Orleanisten
und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner tatsächlichen Macht, die
Republik; den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber vertritt die Partei der
Ordnung den Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft, die Republik; den Orleanisten gegenüber
vertreten die Legitimisten, den Legitimisten gegenüber vertreten die Orleanisten den Status
quo, die Republik. Alle diese Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eigenen König
und ihre eigene Restauration in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und
Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen gegenüber die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie,
die Form geltend, worin die besonderen Ansprüche neutralisiert und vorbehalten bleiben -

die Republik
.

Wie Kant die Republik als einzig rationelle Staatsform zu einem Postulat der praktischen
Vernunft macht, deren Verwirklichung nie erreicht wird, deren Erreichung aber stets als Ziel
angestrebt und in der Gesinnung festgehalten werden muß, so diese Royalisten
das
Königtum
.

So wurde de konstitutionelle Republik, als hohle ideologische Formel aus den Händen der
Bourgeoisrepublikaner hervorgegangen, in den Händen der koalisierten Royalisten zur
inhaltsvollen lebendigen Form. Und Thiers sprach wahrer, als er ahnte, wenn er sagte: "Wir, die
Royalisten, sind die wahren Stützen der konstitutionellen Republik."

Der Sturz des Ministeriums der Koalition, das Erscheinen des Ministeriums der Kommis hat eine
zweite Bedeutung. Sein Finanzminister hieß

Fould
. Fould Finanzminister, das ist die offizielle Preisgebung des französischen
Nationalreichtums an die Börse, die Verwaltung des Staatsvermögens durch die Börse
und im Interesse der Börse. Mit der Ernennung Foulds zeigte die Finanzaristokratie ihre
Restauration im "Moniteur" an. Diese Restauration ergänzte notwendig die übrigen
Restaurationen, die ebenso viele Ringe an der Kette der konstitutionellen Republik bilden.

Louis-Philippe hatte nie gewagt, einen wirklichen loup-cervier (Börsenwolf) zum
Finanzminister zu machen. Wie sein Königtum der ideale Name für die Herrschaft der
hohen Bourgeoisie war, mußten in seinen Ministerien die privilegierten Interessen
ideologisch-uninteressierte Namen tragen. Die Bourgeoisrepublik trieb überall in den
Vordergrund, was die verschiedenen Monarchien, die legitimistische wie die orleanistische, im
Hintergrund versteckt hielten. Sie verirdischte, was jene verhimmelt hatten. An die Stelle der
Heiligennamen setzte sie die bürgerlichen Eigennamen der herrschenden Klasseninteressen.

Unsere ganze Darstellung hat gezeigt, wie die Republik vom ersten Tage ihres Bestehens an die
Finanzaristokratie nicht stürzte, sondern befestigte. Aber die Konzessionen, die man ihr
machte, waren ein Schicksal, dem man sich unterwarf, ohne es herbeiführen zu wollen. Mit
Fould fiel die Regierungsinitiative an die Finanzaristokratie zurück.

Man wird fragen, wie die koalisierte Bourgeoisie die Herrschaft der Finanz ertragen und dulden
konnte, die unter Louis-Philippe auf der Ausschließung oder Unterordnung der übrigen
Bourgeoisfraktionen beruhte?

Die Antwort ist einfach.

Zunächst bildet die Finanzaristokratie selbst einen maßgebend gewichtigen Teil der
royalistischen Koalition, deren gemeinsame Regierungsgewalt Republik heißt. Sind nicht die
Wortführer und Kapazitäten der Orleanisten die alten Verbündeten und Mitschuldigen
der Finanzaristokratie? Ist sie selbst nickt die goldene Phalanx des Orleanismus? Was die
Legitimisten betrifft, schon unter Louis-Philippe hatten sie sich praktisch an allen Orgien der
Börsen-, Minen- und Eisenbahnspekulationen beteiligt. Überhaupt ist die Verbindung des
großen Grundeigentums mit der hohen Finanz ein
normales Faktum
. Beweis:

England
, Beweis: selbst
Österreich
.

In einem Lande wie Frankreich, wo die Größe der nationalen Produktion in
unverhältnismäßig untergeordnetem Maße zur Größe der
Nationalschuld steht, wo die Staatsrente den bedeutendsten Gegenstand der Spekulation und die
Börse den Hauptmarkt für die Anlegung des Kapitals bildet, das sich auf eine
unproduktive Weise verwerten will, in einem solchen Land muß eine zahllose Masse von Leuten
aus allen bürgerlichen oder halbbürgerlichen Klas-

sen an der Staatsschuld, am Börsenspiel, an der Finanz beteiligt sein. Alle diese
subalternen Beteiligten, finden sie nicht ihre natürlichen Stützen und Befehlshaber in
der Fraktion, die dieses Interesse in den kolossalsten Umrissen, die es im großen und
ganzen vertritt?

Das Heimfallen des Staatsvermögens an die hohe Finanz, wodurch ist es bedingt? Durch die
beständig anwachsende Verschuldung des Staates. Und die Verschuldung des Staates? Durch das
beständige Übergewicht seiner Ausgaben über seine Einnahmen, ein
Mißverhältnis, welches zugleich die Ursache und die Wirkung des Systems der
Staatsanleihen ist.

Um dieser Verschuldung zu entgehen, muß der Staat entweder seine Ausgaben
einschränken, d.h. den Regierungsorganismus vereinfachen, verkürzen, möglichst
wenig regieren, möglichst wenig Personal beschäftigen, möglichst wenig in
Beziehung zur bürgerlichen Gesellschaft treten. Dieser Weg war unmöglich für die
Partei der Ordnung, deren Repressionsmittel, deren offizielle Einmischung von Staats wegen, deren
allseitige Gegenwart durch Staatsorgane in demselben Maße zunehmen mußten, als ihre
Herrschaft und die Lebensbedingungen ihrer Klasse vielseitiger bedroht wurden. Man kann die
Gendarmerie nicht in demselben Maße vermindern, als die Angriffe auf Personen und Eigentum
sich vermehren.

Oder der Staat muß die Schulden zu umgehen suchen und ein augenblickliches, aber
vorübergehendes Gleichgewicht in dem Budget hervorbringen dadurch, daß er

außerordentliche Steuern
auf die Schultern der reichsten Klassen wälzt. Um den
Nationalreichtum der Börsenexploitation zu entziehen, sollte die Partei der Ordnung ihren
eigenen Reichtum auf dem Altare des Vaterlandes opfern? Pas si bête! <So dumm ist sie
nicht!>

Also ohne gänzliche Umwälzung des französischen Staats keine Umwälzung des
französischen Staatshaushaltes. Mit diesem Staatshaushalt notwendig die Staatsverschuldung,
und mit der Staatsverschuldung notwendig die Herrschaft des Staatsschuldenhandels, der
Staatsgläubiger, der Bankiers, der Geldhändler, der Börsenwölfe. Nur eine
Fraktion der Ordnungspartei war direkt am Sturze der Finanzaristokratie beteiligt, die

Fabrikanten
. Wir sprechen nicht von den mittleren, von den kleineren Industriellen, wir
sprechen von den Regenten des Fabrikinteresses, die unter Louis-Philippe die breite Basis der
dynastischen Opposition gebildet hatten. Ihr Interesse ist unzweifelhaft Verminderung der
Produktionskosten, also Verminderung der Steuern, die in die Produktion, also Verminderung der
Staatsschulden, deren Zinsen in die Steuern eingehen, also Sturz der Finanzaristokratie.

In England - und die größten französischen
Fabrikanten sind Kleinbürger gegen ihre englischen Rivalen - finden wir wirklich die
Fabrikanten, einen Cobden, einen Bright, an der Spitze des Kreuzzuges gegen die Bank und die
Börsenaristokratie. Warum nicht in Frankreich? In England herrscht die Industrie, in
Frankreich die Agrikultur vor. In England bedarf die Industrie des free trade
<Freihandels>, in Frankreich des Schutzzolls, des nationalen Monopols neben den anderen
Monopolen. Die französische Industrie beherrscht nicht die französische Produktion, die
französischen Industriellen beherrschen daher nicht die französische Bourgeoisie. Um
ihr Interesse gegen die übrigen Fraktionen der Bourgeoisie durchzusetzen, können sie
nicht wie die Engländer an die Spitze der Bewegung treten und gleichzeitig ihr
Klasseninteresse auf die Spitze treiben; sie müssen in das Gefolge der Revolution treten und
Interessen dienen, die den Gesamtinteressen ihrer Klasse entgegenstehen. Im Februar hatten sie
ihre Stellung verkannt, der Februar witzigte sie. Und wer ist direkter bedroht von den Arbeitern
als der Arbeitgeber, der industrielle Kapitalist? Der Fabrikant wurde daher notwendig in
Frankreich zum fanatischsten Gliede der Ordnungspartei. Die Schmälerung seines

Profits
durch die Finanz,
was ist sie gegen die Aufhebung des Profits durch das
Proletariat
?

In Frankreich tut der Kleinbürger, was normalerweise der industrielle Bourgeois tun
müßte; der Arbeiter tut, was normalerweise die Aufgabe des Kleinbürgers
wäre, und die Aufgabe des Arbeiters, wer löst sie? Niemand. Sie wird nicht in
Frankreich gelöst, sie wird in Frankreich proklamiert. Sie wird nirgendwo gelöst
innerhalb der nationalen Wände, der Klassenkrieg innerhalb der französischen
Gesellschaft schlägt um in einen Weltkrieg, worin sich die Nationen gegenübertreten.
Die Lösung, sie beginnt erst in dem Augenblick, wo durch den Weltkrieg das Proletariat an
die Spitze des Volks getrieben wird, das den Weltmarkt beherrscht, an die Spitze Englands. Die
Revolution, die hier nicht ihr Ende, sondern ihren organisatorischen Anfang findet, ist keine
kurzatmige Revolution. Das jetzige Geschlecht gleicht den Juden, die Moses durch die Wüste
führt. Es hat nicht nur eine neue Welt zu erobern, es muß untergehen, um den Menschen
Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind.

Kommen wir auf Fould zurück.

Am 14. November 1849 bestieg Fould die Tribüne der Nationalversammlung und setzte sein
Finanzsystem auseinander: Apologie des alten Steuersystems! Beibehaltung der Weinsteuer!
Zurückziehen der Einkommensteuer Passys!

Auch Passy war kein Revolutionär,
er war ein alter Minister Louis-Philippes. Er gehörte zu den Puritanern von der Force
Dufaures und zu den intimsten Vertrauten Testes, des Sündenbocks der Julimonarchie
(1)
. Auch Passy hatte das alte Steuersystem gelobt, die Beibehaltung
der Weinsteuer empfohlen, aber er hatte gleichzeitig den Schleier vom Staatsdefizit weggerissen.
Er hatte die Notwendigkeit einer neuen Steuer, der Einkommensteuer erklärt, wolle man nicht
den Staatsbankerott. Fould, der Ledru-Rollin den Staatsbankerott empfahl, empfahl der Legislative
das Staatsdefizit. Er versprach Ersparungen, deren Geheimnis sich später dahin
enthüllte, daß sich z.B. die Ausgaben um 60 Millionen verminderten und die schwebende
Schuld sich um 200 Millionen vermehrte - Taschenspielerkünste in der Gruppierung der Zahlen,
in der Aufstellung der Rechnungsablage, die alle schließlich auf neue Anleihen
hinausliefen.

Unter Fould trat die Finanzaristokratie, neben den übrigen eifersüchtigen
Bourgeoisfraktionen, natürlich nicht so schamlos korrupt auf wie unter Louis-Philippe. Aber
einmal war das System dasselbe, stete Vermehrung der Schulden, Verkleidung des Defizits. Und mit
der Zeit trat die alte Börsenschwindelei unverhüllter hervor. Beweis: das Gesetz
über die Eisenbahn von Avignon, die mysteriösen Schwankungen der Staatspapiere, einen
Augenblick das Tagesgespräch von ganz Paris, endlich die mißglückten
Spekulationen Foulds und Bonapartes auf die Wahlen vom 10. März.

Mit der offiziellen Restauration der Finanzaristokratie mußte das französische Volk
bald wieder vor einem 24. Februar ankommen.

Die Konstituante, in einem Anfall von Misanthropie gegen ihre Erbin, hatte die Weinsteuer
abgeschafft für das Jahr des Herrn 1850. Mit der Abschaffung alter Steuern konnten neue
Schulden nicht bezahlt werden.
Creton
, ein Kretin der Ordnungspartei, hatte die
Beibehaltung der Weinsteuer schon vor Vertagung der legislativen Versammlung beantragt. Fould
nahm diesen Antrag auf, im Namen des bonapartistischen Ministeriums, und am 20. Dezember 1849, am
Jahrestage der Proklamation Bonapartes zum Präsidenten, dekretierte die Nationalversammlung
die
Restauration der Weinsteuer
.

Der Vorredner dieser Restauration war kein Finanzier, es war der Jesuiten-

chef
Montalembert
. Seine Deduktion war schlagend einfach: Die Steuer, das ist die
Mutterbrust, woran sich die Regierung stillt. Die Regierung, das sind die Werkzeuge der
Repression, das sind die Organe der Autorität, das ist die Armee, das ist die Polizei, das
sind die Beamten, die Richter, die Minister, das sind die
Priester
. Der Angriff auf die
Steuer, das ist der Angriff der Anarchisten auf die Schildwachen der Ordnung, die die materielle
und geistige Produktion der bürgerlichen Gesellschaft vor den Eingriffen der proletarischen
Vandalen beschützen. Die Steuer, das ist der fünfte Gott, neben dem Eigentum, der
Familie, der Ordnung und der Religion. Und die Weinsteuer ist unstreitig eine Steuer, und zudem
keine gewöhnliche, sondern eine altherkömmliche, eine monarchisch gesinnte, eine
respektable Steuer. Vive I'impôt des boissons! Three cheers and one cheer more! <Es lebe
die Getränkesteuer! Dreimal Hoch und noch einmal Hoch!>

Der französische Bauer, wenn er sich den Teufel an die Wand malt, malt ihn unter der
Gestalt des Steuerexekutors. Von dem Augenblick an, wo Montalembert die Steuer zum Gott erhob,
wurde der Bauer gottlos, Atheist, und warf sich dem Teufel in die Arme, dem
Sozialismus
.
Die Religion der Ordnung hatte ihn verscherzt, die Jesuiten hatten ihn verscherzt, Bonaparte
hatte ihn verscherzt. Der 20. Dezember 1849 hatte den 20. Dezember 1848 unwiderruflich
kompromittiert. Der "Neffe seines Onkels" war nicht der erste seiner Familie, den die Weinsteuer
schlug, diese Steuer, die nach dem Ausdruck Montalemberts das Revolutionsunwetter wittert. Der
wirkliche, der große Napoleon erklärte auf St. Helena, daß die
Wiedereinführung der Weinsteuer mehr zu seinem Sturze beigetragen als alles andere, indem
sie ihm die Bauern Südfrankreichs entfremdet habe. Schon unter Louis XIV. die Favoritin des
Volkshasses (siehe die Schriften von Boisguillebert und Vauban), von der ersten Revolution
abgeschafft, hatte Napoleon sie 1808 unter modifizierter Form wieder eingeführt. Als die
Restauration in Frankreich einzog, trabten vor ihr her nicht allein die Kosaken, sondern auch die
Verheißungen von der Abschaffung der Weinsteuer. Die gentilhommene <Der Adel>
brauchte natürlich der gent taillable à merci et misericorde <dem auf Gnade und
Ungnade steuerpflichtigen Volk> nicht Wort zu halten. 1830 versprach die Abschaffung der
Weinsteuer. Es war nicht seine Art, zu tun, was es sagte, und zu sagen, was es tat. 1848
versprach die Abschaffung der Weinsteuer, wie es alles versprach. Die Konstituante endlich, die
nichts versprach, machte, wie erwähnt, eine testamentarische Verfügung, wonach die
Weinsteuer am 1. Januar 1850 verschwinden sollte. Und gerade 10 Tage vor dem 1. Januar 1850
führte die Legislative sie wieder ein, so daß das französische Volk ihr

beständig nachjagte, und wenn es sie zur Türe
hinausgeworfen hatte, sie durch das Fenster wieder hereinkommen sah.

Der populäre Haß gegen die Weinsteuer erklärt sich daraus, daß sie alle
Gehässigkeiten des französischen Steuersystems in sich vereinigt. Die Weise ihrer
Erhebung ist gehässig, die Weise ihrer Verteilung ist aristokratisch, denn die
Steuerprozente sind dieselben für die gewöhnlichsten, wie für die kostbarsten
Weine. Sie nimmt also in geometrischem Verhältnis zu, wie das Vermögen der Konsumenten
abnimmt, eine umgekehrte Progressivsteuer. Sie provoziert daher direkt die Vergiftung der
arbeitenden Klassen als Prämie auf verfälschte und nachgemachte Weine. Sie vermindert
die Konsumtion, indem sie an den Toren aller Städte über 4.000 Einwohner Oktrois
errichtet und jede Stadt in ein fremdes Land mit Schutzzöllen gegen den französischen
Wein verwandelt. Die großen Weinhändler, noch mehr aber die kleinen, die marchands de
vins, die Weinschenken, deren Erwerb von dem Konsum des Weins unmittelbar abhängt, sind
ebenso viele erklärte Gegner der Weinsteuer. Und endlich, indem sie den Konsum vermindert,
schneidet die Weinsteuer der Produktion den Absatzmarkt ab. Während sie die städtischen
Arbeiter unfähig macht, den Wein zu bezahlen, macht sie die Weinbauern unfähig, ihn zu
verkaufen. Und Frankreich zählt eine weinbauende Bevölkerung von ungefähr 12
Millionen. Man begreift daher den Haß des Volks im allgemeinen, man begreift namentlich den
Fanatismus der Bauern gegen die Weinsteuer. Und zudem sahen sie in ihrer Restauration kein
vereinzeltes, mehr oder minder zufälliges Ereignis. Die Bauern haben eine eigene Art
historischer Überlieferung, die vom Vater auf den Sohn vererbt, und in dieser historischen
Schule munkelte es, daß jede Regierung, solange sie die Bauern betrügen will, die
Abschaffung der Weinsteuer verspricht, und sobald sie die Bauern betrogen hat, die Weinsteuer
beibehält oder wieder einführt. An der Weinsteuer erprobt der Bauer das Bukett der
Regierung, ihre Tendenz. Die Restauration der Weinsteuer am 20. Dezember hieß:
Louis
Bonaparte ist wie die anderen
; aber er war nicht wie die anderen, er war eine

Bauernerfindung
, und in den Millionen Unterschriften zählenden Petitionen gegen die
Weinsteuer nahmen sie die Stimmen zurück, die sie ein Jahr vorher dem "Neffen seines Onkels"
gegeben hatten.

Die Landbevölkerung, über zwei Dritteile der französischen
Gesamtbevölkerung, besteht größtenteils aus sogenannten freien

Grundeigentümern
. Die erste Generation, durch die Revolution von 1789 unentgeltlich
von den Feudallasten befreit, hatte keinen Preis für die Erde gezahlt. Aber die folgenden
Generationen zahlten unter der Gestalt des
Bodenpreises
, was ihre halbleibeigenen
Vorfahren unter der Form der Rente, der Zehnten, der Fron-

dienste usw. gezahlt hatten. Je mehr einerseits die Bevölkerung wuchs, je mehr andererseits
die Teilung der Erde stieg - um so teurer wurde der Preis der Parzelle, denn mit ihrer Kleinheit
nahm der Umfang der Nachfrage für sie zu. In dem Verhältnis aber, worin der Preis
stieg, den der Bauer für die Parzelle zahlte, sei es, daß er sie direkt kaufte oder
daß er sie von seinen Miterben sich als Kapital anrechnen ließ, in demselben
Verhältnisse stieg notwendig die
Verschuldung des Bauern
, d.h. die
Hypothek
.
Der auf dem Grund und Boden haftende Schuldtitel heißt nämlich
Hypotheke
,
Pfandzettel auf den Grund und Boden. Wie auf dem mittelaltrigen Grundstücke die

Privilegien
, akkumulieren sich auf der modernen Parzelle
die Hypotheken
. -
Andererseits: In dem Regime der Parzellierung ist die Erde für ihren Eigentümer ein
reines
Produktionsinstrument
. In demselben Maße nun, worin der Grund und Böden
geteilt wird, nimmt seine Fruchtbarkeit ab. Die Anwendung der Maschinerie auf Grund und Boden,
die Teilung der Arbeit, die großen Veredlungsmittel der Erde, wie Anlegung von Abzugs- und
Bewässerungskanälen u.dgl., werden mehr und mehr unmöglich, während die

falschen Kosten
der Bebauung in demselben Verhältnisse wachsen wie die Teilung des
Produktionsinstrumentes selbst. Alles dies, abgesehen davon, ob der Besitzer der Parzelle Kapital
besitzt oder nicht. Aber je mehr die Teilung steigt, um so mehr bildet das Grundstück mit
dem allerjämmerlichsten Inventarium das ganze Kapital des Parzellenbauers, um so mehr
fällt die Kapitalanlage auf Grund und Boden weg, um so mehr fehlen dem Kotsassen Erde, Geld
und Bildung, um die Fortschritte der Agronomie anzuwenden, um so mehr macht die Bodenbebauung
Rückschritte. Endlich vermindert sich
der Reinertrag
in demselben Verhältnis,
als der
Bruttokonsum
wächst, als die ganze Familie des Bauern durch ihren Besitz von
anderen Beschäftigungen zurückgehalten wird und doch nicht befähigt ist, von ihm
zu leben.

In demselben Maße also, worin die Bevölkerung und mit ihr die Teilung des Grund und
Bodens zunimmt, in demselben Maße
verteuert sich das Produktionsinstrument
, die
Erde, und nimmt
ihre Fruchtbarkeit
ab, in demselben Maße
verfällt der
Ackerbau und verschuldet sich der Bauer
. Und was Wirkung war, wird seinerseits zur Ursache.
Jede Generation läßt die andere verschuldeter zurück, jede neue Generation
beginnt unter ungünstigeren und erschwerenderen Bedingungen, die Hypothezierung erzeugt die
Hypothezierung, und wenn es dem Bauer unmöglich wird, in seiner Parzelle ein Unterpfand
für
neue Schulden
zu bieten, d.h. sie mit neuen Hypotheken zu belasten, verfällt
er direkt dem
Wucher
, um so enormer werden die
Wucherzinsen
.

So kam es, daß der französische Bauer unter der Form von
Zinsen
für die
auf der Erde haftenden
Hypotheken
, unter der Form von Zinsen für
nicht ver
-

hypothezierte Vorschüsse des Wuchers
, nicht nur
eine Grundrente, nicht nur den industriellen Profit, mit einem Wort, nicht nur den
ganzen
Reingewinn
an den Kapitalisten abtritt, sondern selbst
einen Teil des Arbeitslohnes
,
daß er also auf die Stufe des
irischen Pächters
herabsank - und alles unter dem
Vorwande,
Privateigentümer
zu sein.

Dieser Prozeß wurde in Frankreich beschleunigt durch die stets wachsende

Steuerlast
und durch die
Gerichtskosten,
teils direkt hervorgerufen durch die
Formalitäten selbst, womit die französische Gesetzgebung das Grundeigentum umgibt,
teils durch die unzähligen Konflikte der überall sich begrenzenden und durchkreuzenden
Parzellen, teils durch die Prozeßwut der Bauern, deren Eigentumsgenuß sich auf die
fanatische Geltendmachung des vorgestellten Eigentums, des
Eigentumsrechts

beschränkt.

Nach einer statistischen Aufstellung von 1840 betrug das Bruttoprodukt des französischen
Grund und Bodens 5.237.178.000 frs. Es gehn hiervon ab 3.552.000.000 frs. für Kosten der
Bearbeitung, eingeschlossen den Konsum der arbeitenden Menschen. Bleibt ein Nettoprodukt von
1.685.178.000 frs., wovon 550 Millionen für Hypothekenzinsen, 100 Millionen für
Justizbeamte, 350 Millionen für Steuern und 107 Millionen für Einschreibungsgeld,
Stempelgeld, Hypothezierungsgebühren usw. abzuziehen. Bleibt der dritte Teil des
Nettoprodukts, 538 Millionen, auf den Kopf der Bevölkerung verteilt, noch nicht 25 frs.
Nettoprodukt. In dieser Rechnung findet natürlich weder der außerhypothekarische
Wucher sich aufgeführt, noch die Kosten für Advokaten usw.

Man begreift die Lage der französischen Bauern, als die Republik ihren alten Lasten noch
neue hinzugefügt hatte. Man sieht, daß ihre Exploitation von der Exploitation des
industriellen Proletariats sich nur durch die
Form
unterscheidet. Der Exploiteur ist
derselbe:
das Kapital
. Die einzelnen Kapitalisten exploitieren die einzelnen Bauern durch
die
Hypotheke
und den
Wucher
, die Kapitalistenklasse exploitiert die Bauernklasse
durch die
Staatssteuer
. Der Eigentumstitel der Bauern ist der Talisman, womit das Kapital
ihn bisher bannte, der Vorwand, unter dem es ihn gegen das industrielle Proletariat auf hetzte.
Nur der Fall des Kapitals kann den Bauern steigen machen, nur eine antikapitalistische, eine
proletarische Regierung kann sein ökonomisches Elend, seine gesellschaftliche Degradation
brechen. Die
konstitutionelle Republik
, das ist die Diktatur seiner vereinigten
Exploiteurs;
die sozial-demokratische
,
die rote
Republik, das ist die Diktatur
seiner Verbündeten. Und die Waage steigt oder fällt je nach den Stimmen, welche der
Bauer in die Wahlurne wirft. Er selbst hat über sein Schicksal zu entscheiden. - So sprachen
die Sozialisten in Pamphlets, in Almanachs, in Kalendern, in Flugschriften aller

Art. Verständlicher wurde ihm diese Sprache durch die
Gegenschriften der Partei der Ordnung, die sich ihrerseits an ihn wandte und durch die grobe
Übertreibung, durch die brutale Auffassung und Darstellung der Absichten und Ideen der
Sozialisten den wahren Bauernton traf und seine Lüsternheit nach der verbotenen Frucht
überreizte. Am verständlichsten aber sprachen die Erfahrungen selbst, welche die
Bauernklasse von dem Gebrauch des Stimmrechts gemacht hatte, und die in revolutionärer Hast
Schlag auf Schlag ihn überstürzenden Enttäuschungen.
Die Revolutionen sind die
Lokomotiven der Geschichte.

Die allmähliche Umwälzung der Bauern trat in verschiedenen Symptomen hervor. Sie
zeigte sich schon in den Wahlen zur legislativen Versammlung, sie zeigte sich in dem
Belagerungszustand der fünf Lyon begrenzenden Departements, sie zeigte sich einige Monate
nach dem 13. Juni in der Wahl eines Montagnards an der Stelle des ehemaligen Präsidenten der
Chambre introuvable
(2)
durch das Departement der Gironde, sie
zeigte sich am 20. Dezember 1849 in der Wahl eines Roten an der Stelle eines verstorbenen
legitimistischen Deputierten im Departement
du Gard
, diesem gelobten Lande der
Legitimisten, der Szene der furchtbarsten Schandtaten gegen die Republikaner 1794 und 1795, dem
Zentralsitz der terreur blanche <des weißen Terrors> von 1815, wo Liberale und
Protestanten öffentlich gemordet wurden. Diese Revolutionierung der stationärsten
Klasse tritt am augenscheinlichsten hervor nach der Wiedereinführung der Weinsteuer. Die
Regierungsmaßregeln und Gesetze während des Januars und Februars 1850 sind fast
ausschließlich gegen die
Departemente
und die
Bauern
gerichtet. Schlagendster
Beweis ihres Fortschrittes.

Zirkular Hautpouls
, wodurch der Gendarm zum Inquisitoren des Präfekten, des
Unterpräfekten und vor allem des Maire ernannt, wodurch die Spionage bis in die
Schlupfwinkel der entlegensten Dorfgemeinde organisiert wurde;
Gesetz gegen die
Schulmeister
, wodurch sie, die Kapazitäten, die Wortführer, die Erzieher und die
Dolmetscher der Bauernklasse, der Willkür der Präfekten unterworfen, sie, die
Proletarier der Gelehrtenklasse, gleich gehetztem Wild aus einer Gemeinde in die andere gejagt
wurden;
Gesetzesvorschlag gegen die Maires
, wodurch das Damoklesschwert der Absetzung
über ihre Häupter verhängt und sie, die Präsidenten der Bauerngemeinden,
jeden Augenblick dem Präsidenten der Republik und der Ordnungspartei gegen-

übergestellt wurden;
Ordonnanz
, welche die 17
Militärdivisionen Frankreichs in vier Paschaliks verwandelte und die Kaserne und das Biwak
den Franzosen als Nationalsalon oktroyierte;
Unterrichtsgesetz
, wodurch die Ordnungspartei
die Bewußtlosigkeit und die gewaltsame Verdummung Frankreichs als ihre Lebensbedingung
unter dem Regime des allgemeinen Wahlrechts proklamierte - was waren alle diese Gesetze und
Maßregeln? Verzweifelte Versuche, die Departemente und die Bauern der Departemente der
Partei der Ordnung wieder zu erobern.

Als
Repression
betrachtet, jämmerliche Mittel, die ihrem eigenen Zweck den Hals
umdrehten. Die großen Maßregeln, wie die Beibehaltung der Weinsteuer, der
45-Centimes-Steuer, die höhnische Verwerfung der Bauernpetitionen um Rückzahlung der
Milliarde usw., alle diese gesetzgeberischen Donnerschläge trafen die Bauernklasse nur
einmal, im großen, vom Zentralsitz aus; die angeführten Gesetze und Maßregeln
machten den Angriff und den Widerstand
allgemein
, zum Tagesgespräch jeder Hütte,
sie inokulierten die Revolution jedem Dorf, sie
lokalisierten und verbauerten die
Revolution
.

Andererseits, beweisen nicht diese Vorschläge Bonapartes, ihre Annahme von der
Nationalversammlung, die Einigkeit der beiden Gewalten der konstitutionellen Republik, soweit es
sich um Repression der Anarchie handelt, d.h. aller Klassen, die sich gegen die Bourgeoisdiktatur
auflehnen? Hatte
Soulouque
nicht gleich nach seiner barschen Botschaft die Legislative
seines Dévouements für die Ordnung versichert durch die unmittelbar nachfolgende
Botschaft
Carliers
, dieser schmutzig-gemeinen Karikatur Fouchés, wie Louis
Bonaparte selbst die plattgedrückte Karikatur Napoleons war?

Das
Unterrichtsgesetz
zeigt uns die Allianz der jungen Katholiken und der alten
Voltairianer. Die Herrschaft der vereinigten Bourgeois, konnte sie etwas anderes sein als der
koalisierte Despotismus der jesuitenfreundlichen Restauration und der freigeistigtuenden
Julimonarchie? Die Waffen, welche die eine Bourgeoisfraktion gegen die andere unter das Volk
verteilt hatte in ihrem wechselseitigen Ringen um die Oberherrschaft, mußten sie dem Volke
nicht wieder entrissen werden, seitdem es ihrer vereinigten Diktatur gegenüberstand? Nichts
hat den Pariser Boutiquier mehr empört als diese kokette Etalage des
Jesuitismus
,
selbst nicht die Verwerfung der concordats à l'amiable.

Unterdessen gingen die Kollisionen fort zwischen den verschiedenen Fraktionen der
Ordnungspartei wie zwischen der Nationalversammlung und Bonaparte. Wenig gefiel der
Nationalversammlung, daß Bonaparte gleich nach seinem coup d'état, nach seiner
Beschaffung eines eigenen bonapartistischen Ministeriums die neu zu Präfekten ernannten
Invaliden der Monarchie vor

sich beschied und ihre
konstitutionswidrige Agitation für seine Wiederwählung als Präsident zur Bedingung
ihres Amtes machte, daß Carlier seine Inauguration feierte mit der Aufhebung eines
legitimistischen Klubs, daß Bonaparte ein eigenes Journal "Le Napoleon" stiftete, das die
geheimen Gelüste des Präsidenten dem Publikum verriet, während seine Minister auf
der Bühne der Legislativen sie verleugnen mußten; wenig gefiel ihr die trotzige
Beibehaltung des Ministeriums, ungeachtet ihrer verschiedenen Mißtrauensvota, wenig der
Versuch, die Gunst der Unteroffiziere durch eine tägliche Zulage von vier Sous und die Gunst
des Proletariats durch ein Plagiat aus den "Mystères" Eugène Sues zu gewinnen,
durch eine Ehrenleihbank, wenig endlich die Unverschämtheit, womit man die Deportation der
übrigbleibenden Juniinsurgenten nach Algier durch die Minister beantragen ließ, um der
Legislativen die Unpopularität en gros aufzuwälzen, während der Präsident
sich selbst die Popularität en detail vorbehielt durch einzelne Begnadigungsakte.

Thiers
ließ drohende Worte fallen von "coups d'état" und "coups de
tête" <"Staatsstreichen" und "unüberlegten Streichen">, und die Legislative
rächte sich an Bonaparte, indem sie jeden Gesetzesvorschlag, den er für sich selbst
stellte, verwarf, jeden, den er im gemeinsamen Interesse vorschlug,
geräuschvoll-mißtrauisch untersuchte, ob er durch die Vermehrung der Exekutivgewalt
nicht der persönlichen Gewalt Bonapartes zu profitieren strebe. In einem Worte, sie

rächte sich durch die Konspiration der Verachtung
.

Die Legitimistenpartei ihrerseits sah mit Verdruß die befähigteren Orleanisten sich
fast aller Posten wieder bemächtigen und die
Zentralisation
wachsen, während sie
ihr Heil prinzipiell in der
Dezentralisation
suchte. Und wirklich. Die Kontrerevolution

zentralisierte gewaltsam
, d.h., sie bereitete den Mechanismus der Revolution vor. Sie

zentralisierte
sogar durch den Zwangskurs der Banknoten das Gold und Silber Frankreichs in
der Pariser Bank und schuf so den
fertigen Kriegsschatz
der Revolution.

Die Orleanisten endlich sahen mit Verdruß das auftauchende Prinzip der Legitimität
ihrem Bastardprinzip entgegengehalten und sich selbst jeden Augenblick zurückgesetzt und
malträtiert als bürgerliche Mesalliance von dem adeligen Gatten.

Nach und nach sahen wir Bauern, Kleinbürger, die Mittelstände überhaupt, neben
das Proletariat treten, gegen die offizielle Republik in offenen Gegensatz getrieben, als Gegner
von ihr behandelt.
Auflehnung gegen die Bourgeoisdiktatur, Bedürfnis einer
Veränderung der Gesellschaft, Festhaltung der demokratisch- republikanischen Institutionen
als ihrer Bewegungsorgane, Grup-

pierung um das
Proletariat als die entscheidende revolutionäre Macht -
das sind die gemeinschaftlichen
Charakterzüge der
sogenannten Partei der Sozialdemokratie, der Partei der roten
Republik
. Diese
Partei der Anarchie
, wie ihre Gegner sie taufen, ist nicht minder eine
Koalition verschiedener Interessen als
die Partei der Ordnung
. Von der kleinsten Reform
der alten gesellschaftlichen Unordnung bis zur Umwälzung der alten gesellschaftlichen
Ordnung, von dem bürgerlichen Liberalismus bis zum revolutionären Terrorismus, so weit
liegen die Extreme auseinander, welche den Ausgangspunkt und den Endpunkt der Partei der
"Anarchie" bilden.

Abschaffung der Schutzzölle - Sozialismus! denn sie greift das Monopol der

industriellen
Fraktion der Ordnungspartei an. Regelung des Staatshaushaltes - Sozialismus!
denn sie greift das Monopol der
finanziellen
Fraktion der Ordnungspartei an. Freie
Einlassung von fremdem Fleisch und Getreide - Sozialismus! denn sie greift das Monopol der
dritten Fraktion der Ordnungspartei an, des
großen Grundeigentums
. Die Forderungen
der Freetrader-Partei, d.h. der fortgeschrittensten englischen Bourgeoispartei, sie erscheinen in
Frankreich als ebenso viele sozialistische Forderungen. Voltairianismus - Sozialismus! denn er
greift eine vierte Fraktion der Ordnungspartei an, die
katholische
. Preßfreiheit,
Assoziationsrecht, allgemeiner Volksunterricht - Sozialismus, Sozialismus! Sie greifen das
Gesamtmonopol der Ordnungspartei an.

So rasch hatte der Gang der Revolution die Zustände gereift, daß die Reformfreunde
aller Schattierungen, daß die bescheidensten Ansprüche der Mittelklassen gezwungen
waren, sich um die Fahne der äußersten Umsturzpartei zu gruppieren, um die
rote
Fahne
.

So mannigfaltig indes der
Sozialismus
der verschiedenen großen Glieder der Partei
der Anarchie war, je nach den ökonomischen Bedingungen und den daraus hervorfließenden
revolutionären Gesamtbedürfnissen ihrer Klasse oder Klassenfraktion, in
einem

Punkte kommt er überein: sich als
Mittel der Emanzipation des Proletariats
und die
Emanzipation desselben als seinen
Zweck
zu verkünden. Absichtliche Täuschung der
einen, Selbsttäuschung der anderen, die die nach ihren Bedürfnissen umgewandelte Welt
als die beste Welt für alle ausgeben, als die Verwirklichung aller revolutionären
Ansprüche und die Aufhebung aller revolutionären Kollisionen.

Unter den ziemlich gleichlautenden
allgemeinen
sozialistischen Phrasen der
"Partei
der Anarchie"
verbirgt sich
der Sozialismus des "National"
,
der "Presse" und des
"Siècle"
, der mehr oder minder konsequent die Herrschaft der Finanzaristokratie
stürzen und Industrie und Verkehr von ihren bisherigen Fesseln befreien will. Es ist dies
der Sozialismus der Industrie, des Handels und der

Agrikultur, deren Regenten in der Partei der Ordnung diese Interessen verleugnen, soweit sie
nicht mehr mit ihren Privatmonopolen zusammenfallen. Von diesem
bürgerlichen
Sozialismus
, der natürlich, wie jede der Abarten des Sozialismus, einen Teil der
Arbeiter und Kleinbürger ralliiert, scheidet sich der eigentliche, der

kleinbürgerliche Sozialismus
, der Sozialismus par excellence <schlechthin>. Das
Kapital hetzt diese Klasse hauptsächlich als
Gläubiger
, sie verlangt

Kreditinstitute
; es ekrasiert sie durch die
Konkurrenz
, sie verlangt

Assoziationen
vom Staate unterstützt; es überwältigt sie durch die

Konzentration
, sie verlangt
Progressivsteuern
, Erbschaftsbeschränkungen,
Übernahme der großen Arbeiten durch den Staat und andere Maßregeln, die das

Wachstum des Kapitals gewaltsam aufhalten
. Da sie die friedliche Durchführung ihres
Sozialismus träumt - abgerechnet etwa eine kurztägige zweite Februarrevolution -,
erscheint ihr natürlich der kommende geschichtliche Prozeß als die
Anwendung von
Systemen
, welche die Denker der Gesellschaft, sei es in Kompanie, sei es als einzelne
Erfinder, aussinnen oder ausgesonnen haben. So werden sie die Eklektiker oder Adepten der
vorhandenen sozialistischen
Systeme
, des
doktrinären Sozialismus
, der nur so
lange der theoretische Ausdruck des Proletariats war, als es noch nicht zur freien
geschichtlichen Selbstbewegung sich fortentwickelt hatte.

Während so die
Utopie
, der
doktrinäre Sozialismus
, der die
Gesamtbewegung einem ihrer Momente unterordnet, der an die Stelle der gemeinschaftlichen,
gesellschaftlichen Produktion die Hirntätigkeit des einzelnen Pedanten setzt und vor allem
den revolutionären Kampf der Klassen mit seinen Notwendigkeiten durch kleine
Kunststücke oder große Sentimentalitäten wegphantasiert, während dieser
doktrinäre Sozialismus, der im Grunde nur die jetzige Gesellschaft idealisiert, ein
schattenloses Bild von ihr aufnimmt und sein Ideal gegen ihre Wirklichkeit durchsetzen will,
während dieser Sozialismus von dem Proletariat an das Kleinbürgertum abgetreten wird,
während der Kampf der verschiedenen Sozialistenchefs unter sich selbst jedes der sogenannten
Systeme als anspruchsvolle Festhaltung des einen der Durchgangspunkte der sozialen Umwälzung
gegen den anderen herausstellt - gruppiert sich das
Proletariat
immer mehr um den

revolutionären Sozialismus
, um den
Kommunismus
, für den die Bourgeoisie
selbst den Namen
Blanqui
erfunden hat. Dieser Sozialismus ist die

Permanenzerklärung der Revolution
, die
Klassendiktatur
des Proletariats als
notwendiger Durchgangspunkt zur
Abschaffung der Klassenunterschiede überhaupt
, zur
Abschaffung sämtlicher Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, zur Abschaffung
sämtlicher gesell-

schaftlichen Beziehungen, die diesen
Produktionsverhältnissen entsprechen, zur Umwälzung sämtlicher Ideen, die aus
diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgehen.

Der Raum dieser Darstellung erlaubt nicht, diesen Gegenstand weiter auszuführen.

Wir haben gesehen: wie in der Partei der
Ordnung
die
Finanzaristokratie

notwendig an die Spitze trat, so in der Partei der
"Anarchie"
das
Proletariat
.
Während die verschiedenen zu einer revolutionären Ligue verbundenen Klassen sich um das
Proletariat gruppierten, während die Departemente immer unsicherer wurden und die
legislative Versammlung selbst immer mürrischer gegen die Prätensionen des
französischen Soulouque, nahten die lange aufgeschobenen und hingehaltenen Ersatzwahlen
für die proskribierten Montagnards des 13. Juni heran.

Die Regierung, verachtet von ihren Feinden, mißhandelt und täglich gedemütigt
von ihren angeblichen Freunden, sah nur
ein
Mittel, aus der widerlichen und unhaltbaren
Situation herauszutreten - die
Emeute
. Eine Erneute zu Paris hätte erlaubt, den
Belagerungszustand über Paris und die Departemente zu verhängen und so die Wahlen zu
kommandieren. Andererseits waren die Freunde der Ordnung, einer Regierung gegenüber, die den
Sieg über die Anarchie erfochten, zu Konzessionen gezwungen, wollten sie nicht selbst als
Anarchisten erscheinen.

Die Regierung begab sich ans Werk. Anfang Februar 1850 Provokationen des Volks durch
Niedermetzeln der Freiheitsbäume. Vergeblich. Wenn die Freiheitsbäume ihren Platz
verloren, verlor sie selbst den Kopf und trat erschrocken vor ihrer eigenen Provokation
zurück. Die Nationalversammlung aber nahm diesen ungeschickten Emanzipationsversuch
Bonapartes mit eiskaltem Mißtrauen auf. Nicht erfolgreicher die Entfernung der
Immortellenkränze von der Julisäule. Sie gab einem Teil der Armee zu
revolutionären Demonstrationen Anlaß und der Nationalversammlung zu einem mehr oder
minder versteckten Mißtrauensvotum gegen das Ministerium. Vergebens die Drohung der
Regierungspresse mit Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts, mit der Invasion der Kosaken.
Vergebens die direkte Aufforderung d'Hautpouls, mitten in der Legislative an die Linke, sich auf
die Straße zu begeben, und seine Erklärung, die Regierung sei bereit, sie zu
empfangen. Hautpoul empfing nichts als einen Ordnungsruf des Präsidenten, und die
Ordnungspartei ließ mit stiller Schadenfreude einen Deputierten der Linken die
usurpatorischen Gelüste Bonapartes persiflieren. Vergebens endlich die Prophezeiung einer
Revolution für den 24. Februar. Die Regierung machte, daß der 24. Februar vom Volk
ignoriert wurde.

Das Proletariat ließ sich zu keiner
Erneute

provozieren. weil es im Begriff war, eine
Revolution
zu machen.

Ungehindert durch die Provokationen der Regierung, die nur die allgemeine Gereiztheit gegen
den bestehenden Zustand erhöhten, stellte das Wahlkomitee, ganz unter dem Einflusse der
Arbeiter, drei Kandidaten für Paris auf:
de Flotte, Vidal
und
Carnot
.
De
Flotte
war ein Junideportierter, amnestiert durch einen der Popularitätseinfälle
Bonapartes, er war ein Freund Blanquis und hatte sich an dem Attentat vom 15. Mai beteiligt.

Vidal
, als kommunistischer Schriftsteller bekannt durch sein Buch "Über die
Verteilung des Reichtums", ehemaliger Sekretär Louis Blancs in der Kommission des
Luxembourg;
Carnot
, Sohn des Konventsmannes, der den Sieg organisiert hatte, das wenigst
kompromittierte Glied der Nationalpartei, Unterrichtsminister in der provisorischen Regierung und
Exekutivkommission, durch seine demokratische Gesetzvorlage über den Volksunterricht ein
lebendiger Protest gegen das Unterrichtsgesetz der Jesuiten. Diese drei Kandidaten
repräsentierten die drei verbündeten Klassen: an der Spitze der Juniinsurgent, der
Vertreter des revolutionären Proletariats, neben ihm der doktrinäre Sozialist, der
Vertreter der sozialistischen Kleinbürgerschaft, der dritte endlich Vertreter der
republikanischen Bourgeoispartei, deren demokratische Formeln der Ordnungspartei gegenüber
einen sozialistischen Sinn gewonnen und ihren eigenen Sinn längst verloren hatten. Es war
dies eine
allgemeine Koalition gegen die Bourgeoisie und die Regierung
,
wie im
Februar
. Aber diesmal war das
Proletariat der Kopf der revolutionären Ligue
.

Allen Anstrengungen zum Trotz siegten die sozialistischen Kandidaten. Die Armee selbst stimmte
für den Juniinsurgenten gegen ihren eigenen Kriegsminister La Hitte. Die Ordnungspartei war
wie vom Donner gerührt. Die Departementswahlen trösteten sie nicht, sie ergaben eine
Majorität von Montagnards.

Die Wahl vom 10. März 1850! Es war die Zurücknahme des Juni 1848:
Die
Massacreurs und Deporteurs der Juniinsurgenten kehrten in die Nationalversammlung zurück,
aber gebeugt, im Gefolge der Deportierten, und ihre Prinzipien auf den Lippen.
Es war die
Zurücknahme des 13. Juni 1849:
Die von der Nationalversammlung proskribierte Montagne
kehrte in die Nationalversammlung zurück, aber als vorgeschobene Trompeter der Revolution,
nicht mehr als ihre Kommandeure.
Es war die Zurücknahme des 10. Dezember:
Napoleon
war durchgefallen mit seinem Minister La Hitte. Die parlamentarische Geschichte Frankreichs kennt
nur ein Analogon: das Durchfallen d'Haussez', Ministers Karls X., 1830. Die Wahl vom 10.
März 1850 war endlich die Kassation der Wahl vom 13. Mai, welche der Partei der Ordnung die
Majorität

gegeben hatte. Die Wahl vom 10. März
protestierte gegen die Majorität vom 13. Mai. Der 10. März war eine Revolution. Hinter
den Wahlzetteln liegen die Pflastersteine.

"Das Votum des 10. März ist der Krieg", rief Ségur d'Aguesseau aus, eines der
fortgeschrittensten Glieder der Ordnungspartei.

Mit dem 10. März 1850 tritt die konstitutionelle Republik in eine neue Phase,
in die
Phase ihrer Auflösung
. Die verschiedenen Fraktionen der Majorität sind wieder unter
sich und mit Bonaparte vereinigt, sie sind wieder die Retter der Ordnung, er wieder ihr

neutraler Mann
. Wenn sie sich erinnern, Royalisten zu sein, so geschieht es nur noch aus
Verzweiflung an der Möglichkeit der Bourgeoisrepublik, wenn er sich erinnert,
Prätendent zu sein, so geschieht es nur noch, weil er verzweifelt, Präsident zu
bleiben.

Die Wahl
de Flottes
, des Juniinsurgenten, beantwortet Bonaparte aufs Kommando der
Ordnungspartei durch die Ernennung
Baroches
zum Minister des Innern, Baroches, des
Anklägers von Blanqui und Barbés, von Ledru-Rollin und Guinard. Die Wahl

Carnots
beantwortet die Legislative durch die Annahme des Unterrichtsgesetzes, die Wahl

VidaIs
durch die Unterdrückung der sozialistischen Presse. Durch den
Trompetenstoß ihrer Presse sucht die Partei der Ordnung ihre eigene Furcht wegzuschmettern.
"Das Schwert ist heilig", ruft eines ihrer Organe; "die Verteidiger der Ordnung müssen die
Offensive gegen die rote Partei ergreifen", ein anderes; "zwischen dem Sozialismus und der
Sozietät existiert ein Duell auf den Tod, ein rastlos unbarmherziger Krieg; in diesem Duell
der Verzweiflung muß der eine oder der andere untergehen; wenn die Gesellschaft den
Sozialismus nicht vernichtet, vernichtet der Sozialismus die Gesellschaft", kräht ein
dritter Ordnungshahn. Werft die Barrikaden der Ordnung, die Barrikaden der Religion, die
Barrikaden der Familie auf! Es muß geendet werden mit den 127.000 Wählern von Paris!
Bartholomäusnacht der Sozialisten! Und die Partei der Ordnung glaubt einen Augenblick an
ihre eigene Siegesgewißheit.

Am fanatischsten ergehen sich ihre Organe gegen die
"Boutiquiers von Paris"
. Der
Juniinsurgent von Paris als Repräsentant erwählt von den Boutiquiers von Paris! das
heißt, ein zweiter Juni 1848 ist unmöglich, das heißt, ein zweiter 13. Juni 1849
ist unmöglich, das heißt, der moralische Einfluß des Kapitals ist gebrochen,
d.h., die Bourgeoisversammlung vertritt nur noch die Bourgeoisie, d.h., das große Eigentum
ist verloren, weil sein Lehensträger, das kleine, im Lager der Eigentumslosen seine Rettung
sucht.

Die Partei der Ordnung kehrt natürlich zu ihrem unvermeidlichen
Gemeinplatze

zurück.
"Mehr Repression!"
ruft sie, "
Verzehnfachte Repression!"
, aber ihre
Repressionskraft hat sich um das Zehnfache vermindert, während

der Widerstand sich verhundertfacht hat. Das Hauptwerkzeug der
Repression selbst, die Armee, muß sie nicht reprimiert werden? Und die Partei der Ordnung
spricht ihr letztes Wort: "Der eiserne Ring einer erstickenden Legalität muß gebrochen
werden. Die
konstitutionelle Republik
ist
unmöglich
. Wir müssen mit
unseren wahren Waffen kämpfen, wir haben seit Februar 1848 die Revolution mit
ihren

Waffen und auf
ihrem
Terrain bekämpft, wir haben
ihre
Institutionen
akzeptiert, die Konstitution ist eine Festung, die nur die Belagernden beschützt, nicht die
Belagerten! Indem wir uns im Bauche des trojanischen Pferdes in das heilige Ilion
einschmuggelten, haben wir ungleich unseren Vorfahren, den
Grecs

(3)
, nicht die feindliche Stadt erobert, sondern uns selbst zu Gefangenen gemacht."

Die Grundlage der Konstitution ist aber das
allgemeine Wahlrecht
.
Die Vernichtung
des allgemeinen Wahlrechts
, es ist das letzte Wort der Partei der Ordnung, der
Bourgeoisdiktatur.

Das allgemeine Wahlrecht gab ihnen recht am 4. Mai 1848, am 20. Dezember 1848, am 13. Mai
1849, am 8. Juli 1849. Das allgemeine Wahlrecht hat sich selbst unrecht gegeben am 10. März
1850. Die Bourgeoisherrschaft als Ausfluß und Resultat des allgemeinen Stimmrechts, als
ausgesprochener Akt des souveränen Volkswillens, das ist der Sinn der Bourgeoiskonstitution.
Aber von dem Augenblick an, wo der Inhalt dieses Stimmrechts, dieses souveränen Willens
nicht mehr die Bourgeoisherrschaft ist, hat die Konstitution noch einen Sinn? Ist es nicht die
Pflicht der Bourgeoisie, das Stimmrecht so zu regeln, daß es das Vernünftige will,
ihre Herrschaft? Das allgemeine Wahlrecht, indem es die vorhandene Staatsmacht beständig
wieder aufhebt und von neuem aus sich erschafft, hebt es nicht alle Stabilität auf, stellt
es nicht jeden Augenblick alle bestehenden Gewalten in Frage, vernichtet es nicht die
Autorität, droht es nicht die Anarchie selbst zur Autorität zu erheben? Nach dem 10.
März 1850, wer sollte noch zweifeln?

Die Bourgeoisie, indem sie das allgemeine Wahlrecht, mit dem sie sich bisher drapiert hatte,
aus dem sie ihre Allmacht saugte, verwirft, gesteht unverhohlen:
"Unsere Diktatur hat bisher
bestanden durch den Volkswillen, sie muß jetzt befestigt werden wider den Volkswillen."

Und konsequenterweise sucht sie ihre Stützen nicht mehr in
Frankreich
, sondern
außerhalb, in der Fremde, in der
Invasion
.

Mit der Invasion ruft sie, ein zweites Koblenz, das seinen Sitz in Frankreich selbst
aufgeschlagen hat, alle nationalen Leidenschaften gegen sich

wach. Mit dem Angriff auf das allgemeine Stimmrecht gibt sie der neuen Revolution einen

allgemeinen Vorwand
, und die Revolution bedarf eines solchen Vorwandes. Jeder

besondere
Vorwand würde die Fraktionen der revolutionären Ligue trennen und ihre
Unterschiede hervortreten lassen. Der
allgemeine
Vorwand, er betäubt die
halbrevolutionären Klassen, er erlaubt ihnen, sich selbst zu täuschen über den

bestimmten Charakter
der kommenden Revolution, über die Konsequenzen ihrer eigenen
Tat. Jede Revolution bedarf einer Bankettfrage. Das allgemeine Stimmrecht, es ist die
Bankettfrage der neuen Revolution.

Die koalisierten Bourgeoisfraktionen aber sind schon verurteilt, indem sie von der einzig
möglichen Form ihrer
vereinten
Macht, von der gewaltigsten und vollständigsten
Form ihrer
Klassenherrschaft
, der
konstitutionellen Republik

zurückflüchten zu der untergeordneten, unvollständigen, schwächeren Form der

Monarchie
. Sie gleichen jenem Greise, der, um seine Jugendkraft wiederzugewinnen, seinen
Kinderstaat hervorholte und seinen welken Gliedern anzuquälen suchte. Ihre Republik hatte
nur
ein
Verdienst, das
Treibhaus der Revolution zu sein
.

Der 10. März 1850 trägt die Inschrift:

Après moi le déluge, nach mir die Sündflut!

[Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1895.]

(1)
Am 8. Juli 1847 begann vor der Pairskammer in Paris der Prozeß
gegen Parmentier und General Cubières wegen Beamtenbestechung behufs Erlangung einer
Salzwerkskonzession, und gegen den damaligen Minister der öffentlichen Arbeiten, Teste,
wegen Annahme solcher Bestechungsgelder. Letzterer machte während des Prozesses einen
Selbstmordversuch. Alle wurden zu schweren Geldstrafen verurteilt, Teste außerdem noch zu
drei Jahren Gefängnis.

(2)
So heißt in der Geschichte die unmittelbar nach dem zweiten Sturz
Napoleons 1815 gewählte, fanatisch ultaroyalistische und reaktionäre Deputiertenkammer.

(3)

Grecs -
Wortspiel: Griechen, aber auch: Falschspieler von
Profession.

[Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 - Teil 5]

III - Folgen des 13. Juni 1849

Inhalt und Einleitung

Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850", S. 95-107

IV

Die Abschaffung des allgemeinen Stimmrechts 1850

(Die Fortsetzung der vorstehenden drei Kapitel findet sich
in der "Revue" des letzten erschienenen, fünften und sechsten Doppelheftes der "Neuen
Rheinischen Zeitung". <Siehe Band 7, S. 438-440 und 446-456> Nachdem hier zuerst die
große, 1847 in England ausgebrochene Handelskrise geschildert und aus ihren
Rückwirkungen auf den europäischen Kontinent die Zuspitzung der dortigen politischen
Verwicklungen zu den Revolutionen des Februar und März 1848 erklärt worden, wird dann
dargestellt, wie die im Laufe von 1848 wieder eingetretene, 1849 noch höher gesteigerte
Prosperität des Handels und der Industrie den revolutionären Aufschwung lähmte und
die gleichzeitigen Siege der Reaktion möglich machte. Speziell von Frankreich heißt es
dann:) <Geschrieben von Engels zur Ausgabe von 1895>

Dieselben Symptome zeigten sich in
Frankreich
seit 1849 und besonders seit Anfang 1850.
Die Pariser Industrien sind vollauf beschäftigt, und auch die Baumwollfabriken von Rouen und
Mülhausen gehen ziemlich gut, obwohl hier die hohen Preise des Rohstoffes, wie in England,
hemmend eingewirkt haben. Die Entwicklung der Prosperität in Frankreich wurde zudem
besonders befördert durch die umfassende Zollreform in Spanien und durch die Herabsetzung
der Zölle auf verschiedene Luxusartikel in Mexiko; nach beiden Märkten hat die Ausfuhr
französischer Waren bedeutend zugenommen. Die Vermehrung der Kapitalien führte in
Frankreich zu einer Reihe von Spekulationen, denen die Ausbeutung der kalifornischen Goldminen
auf großem Fuß zum Vorwand diente. Eine Menge von Gesellschaften tauchte auf, deren
niedrige Aktienbeträge und deren sozialistisch gefärbte Prospekte direkt an den
Geldbeutel der Kleinbürger und Arbeiter appellieren, die aber samt und sonders auf jene
reine Prellerei hinauslaufen, welche den Franzosen und Chinesen allein eigentümlich ist.
Eine dieser Gesellschaften wird sogar direkt von der

Regierung protegiert. Die Einfuhrzölle in Frankreich in den ersten neun Monaten betrugen
1848 - 63 Millionen Francs, 1849 - 95 Millionen Francs und 1850 - 93 Millionen Francs. Sie
stiegen übrigens im Monat September 1850 wieder um mehr als eine Million gegen den gleichen
Monat 1849. Die Ausfuhr ist ebenfalls 1849 und noch mehr 1850 gestiegen. Der schlagendste Beweis
der wiederhergestellten Prosperität ist die Wiedereinführung der Barzahlungen der Bank
durch das Gesetz vom 6. August 1850. Am 15. März 1848 war die Bank bevollmächtigt
worden, ihre Barzahlungen einzustellen. Ihre Notenzirkulation, mit Einschluß der
Provinzialbanken, betrug damals 373 Millionen Francs (14.920.000 £). Am 2. November 1849
betrug diese Zirkulation 482 Millionen Francs oder 19.280.000 £; Zuwachs von 4.360.000
£, und am 2. September 1850 - 496 Millionen Francs oder 19.840.000 £; Zuwachs von
etwa 5 Millionen Pfund. Es trat dabei keine Depreziation der Noten ein; umgekehrt, die vermehrte
Zirkulation der Noten war begleitet von beständig wachsender Aufhäufung von Gold und
Silber in den Kellern der Bank, so daß im Sommer 1850 der Barvorrat sich auf ungefähr
14 Millionen £ belief, eine in Frankreich unerhörte Summe. Daß die Bank so in
den Stand gesetzt wurde, ihre Zirkulation und damit ihr tätiges Kapital um 123 Millionen
Francs oder 5 Millionen Pfund zu erhöhen, beweist schlagend, wie richtig
unsre Behauptung in einem früheren Heft
war, daß die
Finanzaristokratie durch die Revolution nicht nur nicht gestürzt, sondern sogar noch
verstärkt worden ist. Noch augenscheinlicher wird dies Resultat durch folgende
Übersicht über die französische Bankgesetzgebung der letzten Jahre. Am 10. Juni
1847 wurde die Bank bevollmächtigt, Noten von 200 Francs auszugeben; die niedrigste Note war
bisher 500 Francs. Ein Dekret vom 15. März 1848 erklärte die Noten der Bank von
Frankreich für gesetzliche Münze und enthob die Bank der Verpflichtung, sie gegen bar
einzulösen. Ihre Notenausgabe wurde beschränkt auf 350 Millionen Francs. Sie wurde
gleichzeitig bevollmächtigt, Noten von 100 Francs auszugeben. Ein Dekret vom 27. April
verfügte die Verschmelzung der Departementalbanken mit der Bank von Frankreich; ein andres
Dekret vom 2. Mai 1848 erhöhte ihre Notenausgabe auf 452 Millionen Francs. Ein Dekret vom
22. Dezember 1849 steigerte das Maximum der Notenausgabe auf 525 Millionen Francs. Endlich
führte das Gesetz vom 6. August 1850 die Austauschbarkeit der Noten gegen Geld wieder ein.
Diese Tatsachen, die fortwährende Steigerung der Zirkulation, die Konzentration des ganzen
französischen Kredits in den Händen der Bank und die Anhäufung alles
französischen Goldes und Silbers in den Bankgewölben,

führten Herrn Proudhon zu dem Schluß, daß die Bank
jetzt ihre alte Schlangenhaut abstreifen und sich in eine Proudhonsche Volksbank metamorphosieren
müsse. Er brauchte nicht einmal die Geschichte der englischen Bankrestriktion von 1797-1819
zu kennen, er brauchte nur seinen Blick über den Kanal zu richten, um zu sehen, daß
dies für ihn in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft unerhörte Faktum
weiter nichts war, als ein höchst normales bürgerliches Ereignis, das jetzt nur in
Frankreich zum erstenmal eintrat. Man sieht, daß die angeblich revolutionären
Theoretiker, die nach der provisorischen Regierung in Paris das große Wort führten,
ebenso unwissend waren über die Natur und die Resultate der ergriffenen Maßregeln wie
die Herren von der provisorischen Regierung selbst.

Trotz der industriellen und kommerziellen Prosperität, deren sich Frankreich momentan
erfreut, laboriert die Masse der Bevölkerung, die 25 Millionen Bauern, an großer
Depression. Die guten Ernten der letzten Jahre haben die Getreidepreise in Frankreich noch viel
tiefer gedrückt als in England, und die Stellung verschuldeter, vom Wucher ausgesogener und
von Steuern gedrückter Bauern kann dabei nichts weniger als glänzend sein. Die
Geschichte der letzten drei Jahre hat indes zur Genüge bewiesen, daß diese Klasse der
Bevölkerung durchaus keiner revolutionären Initiative fähig ist.

Wie die Periode der Krise später eintritt auf dem Kontinent als in England, so die der
Prosperität. In England findet stets der ursprüngliche Prozeß statt; es ist der
Demiurg des bürgerlichen Kosmos. Auf dem Kontinent treten die verschiedenen Phasen des
Zyklus, den die bürgerliche Gesellschaft immer von neuem durchläuft, in sekundärer
und tertiärer Form ein. Erstens führte der Kontinent nach England
unverhältnismäßig mehr aus als nach irgendeinem anderen Land. Diese Ausfuhr nach
England hängt aber wieder ab von dem Stand Englands, besonders zum überseeischen Markt.
Dann führt England nach den überseeischen Ländern
unverhältnismäßig mehr aus als der gesamte Kontinent, so daß die
Quantität des kontinentalen Exports nach diesen Ländern immer abhängig ist von der
jedesmaligen überseeischen Ausfuhr Englands. Wenn daher die Krisen zuerst auf dem Kontinent
Revolutionen erzeugen, so ist doch der Grund derselben stets in England gelegt. In den
Extremitäten des bürgerlichen Körpers muß es natürlich eher zu
gewaltsamen Ausbrüchen kommen als in seinem Herzen, da hier die Möglichkeit der
Ausgleichung größer ist als dort. Andererseits ist der Grad, worin die kontinentalen
Revolutionen auf England zurückwirken, zugleich der Thermometer, an dem es sich zeigt,
inwieweit diese Revolutionen wirklich die bürgerlichen Lebensverhältnisse in Frage
stellen, oder wieweit sie nur ihre politischen Formationen treffen.

Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die
Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies
innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer
wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution ist nur in den Perioden
möglich, wo diese
beiden Faktoren
, die
modernen
Produktivkräfte und die

bürgerlichen Produktionsformen
, miteinander
in Widerspruch
geraten. Die
verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die Repräsentanten der einzelnen
Fraktionen der kontinentalen Ordnungspartei ergehen und gegenseitig kompromittieren, weit
entfernt zu neuen Revolutionen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich, weil die
Grundlage der Verhältnisse momentan so sicher und, was die Reaktion nicht weiß, so

bürgerlich
ist. An ihr werden alle die bürgerliche Entwicklung aufhaltenden
Reaktionsversuche ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle begeisterten
Proklamationen der Demokraten.
Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer
neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.

Gehen wir nun nach
Frankreich
über.

Der Sieg, den das Volk in Verbindung mit den Kleinbürgern in den Wahlen vom 10. März
errungen hatte, wurde von ihm selbst annulliert, indem es die neue Wahl vom 28. April
provozierte. Vidal war, außer in Paris, auch im Niederrhein gewählt. Das Pariser
Komitee, in dem die Montagne und die Kleinbürgerschaft stark vertreten waren,
veranlaßte ihn, für den Niederrhein zu akzeptieren. Der Sieg vom 10. März
hörte auf ein entscheidender zu sein; der Termin der Entscheidung wurde abermals
hinausgeschoben, die Spannkraft des Volks wurde erschlafft, es wurde an legale Triumphe
gewöhnt statt der revolutionären. Der revolutionäre Sinn des 10. März, die
Rehabilitierung der Juniinsurrektion, wurde endlich vollständig vernichtet durch die
Kandidatur Eugène Sues, des sentimental-kleinbürgerlichen Sozialphantasten, die das
Proletariat höchstens als einen Witz, den Grisetten zu Gefallen akzeptieren konnte. Dieser
wohlmeinenden Kandidatur gegenüber stellte die Ordnungspartei, kühner geworden durch
die schwankende Politik der Gegner, einen Kandidaten auf, der den Junisieg repräsentieren
sollte. Dieser komische Kandidat war der spartanische Familienvater Leclerc, dem indes die
heroische Rüstung durch die Presse Stück für Stück vom Leibe gerissen wurde
und der bei der Wahl auch eine glänzende Niederlage erlebte. Der neue Wahlsieg am 28. April
machte die Montagne und die Kleinbürgerschaft übermütig. Sie frohlockte schon in
dem Gedanken, auf rein legalem Wege und ohne durch eine neue Revolution das Proletariat wieder in
den Vordergrund zu schieben, am Ziel ihrer Wünsche ankommen zu können; sie rechnete
fest darauf, bei den neuen Wahlen von 1852 durch das allgemeine Stimmrecht Herrn Ledru-

Rollin in den Präsidentenstuhl und eine Majorität von
Montagnards in die Versammlung zu bringen. Die Ordnungspartei, durch die Erneuerung der Wahl,
durch die Kandidatur Sues und durch die Stimmung der Montagne und Kleinbürgerschaft
vollkommen sichergestellt, daß diese unter allen Umständen entschlossen seien, ruhig
zu bleiben, antwortete auf die beiden Wahlsiege mit dem
Wahlgesetz
, das das allgemeine
Stimmrecht abschaffte.

Die Regierung hütete sich wohl, diesen Gesetzvorschlag auf ihre eigene Verantwortlichkeit
hin zu machen. Sie machte der Majorität eine scheinbare Konzession, indem sie den
Großwürdenträgern dieser Majorität, den siebzehn Burggrafen, seine
Ausarbeitung übertrug. Nicht die Regierung schlug also der Versammlung, die Majorität
der Versammlung schlug sich selbst die Aufhebung des allgemeinen Stimmrechts vor.

Am 8. Mai wurde das Projekt in die Kammer gebracht. Die ganze sozialdemokratische Presse erhob
sich wie ein Mann, um dem Volk würdevolle Haltung, calme majestueux <majestätische
Ruhe>, Passivität und Vertrauen auf seine Vertreter zu predigen. Jeder Artikel dieser
Journale war ein Geständnis, daß eine Revolution vor allem die sogenannte
revolutionäre Presse vernichten müsse und daß es sich also jetzt um ihre
Selbsterhaltung handle. Die angeblich revolutionäre Presse verriet ihr ganzes Geheimnis. Sie
unterzeichnete ihr eigenes Todesurteil.

Am 21. Mai brachte die Montagne die vorläufige Frage zur Debatte und trug auf Verwerfung
des ganzen Projekts an, weil es die Verfassung verletze. Die Ordnungspartei antwortete, man werde
die Verfassung verletzen, wenn es nötig sei, man brauche es jetzt indes nicht, weil die
Verfassung jeder Deutung fähig sei und weil die Majorität über die richtige
Deutung allein kompetent entscheide. Den zügellos wilden Angriffen von Thiers und
Montalembert setzte die Montagne einen anständigen und gebildeten Humanismus entgegen. Sie
berief sich auf den Rechtsboden; die Ordnungspartei verwies sie auf den Boden, worauf das Recht
wächst, auf das bürgerliche Eigentum. Die Montagne wimmerte: Ob man denn wirklich mit
aller Gewalt Revolutionen heraufbeschwören wolle? Die Ordnungspartei erwiderte: Man werde
sie abwarten.

Am 22. Mai wurde die vorläufige Frage erledigt mit 462 gegen 227 Stimmen. Dieselben
Männer, die mit so feierlicher Gründlichkeit bewiesen hatten, daß die
Nationalversammlung und jeder einzelne Deputierte abdanke, wenn er das Volk, seinen
Vollmachtgeber, abdanke, harrten auf ihren Sitzen aus, suchten nun plötzlich statt ihrer das
Land, und zwar durch Petitionen, handeln

zu lassen und
saßen noch ungerührt da, als am 31. Mai das Gesetz glänzend durchging. Sie
suchten sich zu rächen durch einen Protest, worin sie ihre Unschuld an der Notzucht der
Konstitution zu Protokoll gaben, einen Protest, den sie nicht einmal offen niederlegten, sondern
dem Präsidenten hinterrücks in die Tasche schmuggelten.

Eine Armee von 150.000 Mann in Paris, die lange Verschleppung der Entscheidung, die
Abwiegelung der Presse, die Kleinmütigkeit der Montagne und der neugewählten
Repräsentanten, die majestätische Ruhe der Kleinbürger, vor allem aber die
kommerzielle und industrielle Prosperität verhinderten jeden Revolutionsversuch von seiten
des Proletariats.

Das allgemeine Wahlrecht hatte seine Mission erfüllt. Die Majorität des Volkes hatte
die Entwicklungsschule durchgemacht, zu der es allein in einer revolutionären Epoche dienen
kann. Es mußte beseitigt werden durch eine Revolution oder durch die Reaktion.

Einen noch größeren Aufwand von Energie entwickelte die Montagne bei einer bald
darauf vorkommenden Gelegenheit. Der Kriegsminister d'Hautpoul hatte von der Tribüne herab
die Februarrevolution eine unheilvolle Katastrophe genannt. Die Redner der Montagne, die, wie
immer, sich durch sittlich entrüstetes Gepolter auszeichneten, wurden vom Präsidenten
Dupin nicht zum Wort zugelassen. Girardin schlug der Montagne vor, sofort in Masse auszutreten.
Resultat: Die Montagne blieb sitzen, aber Girardin wurde als unwürdig aus ihrem Schoß
hinausgeworfen.

Das Wahlgesetz bedurfte noch einer Vervollständigung, eines neuen

Preßgesetzes
. Dies ließ nicht lange auf sich warten. Ein Vorschlag der
Regierung, vielfach verschärft durch Amendements der Ordnungspartei, erhöhte die
Kautionen, setzte einen Extrastempel auf die Feuilletonromane (Antwort auf die Wahl von
Eugène Sue), besteuerte alle in wöchentlichen oder monatlichen Lieferungen
erscheinenden Schriften bis zu einer gewissen Bogenzahl und verfügte schließlich,
daß jeder Artikel eines Journals mit der Unterschrift des Verfassers versehen sein
müsse. Die Bestimmungen über die Kaution töteten die sogenannte revolutionäre
Presse; das Volk betrachtete ihren Untergang als eine Genugtuung für die Abschaffung des
allgemeinen Wahlrechts. Indes erstreckte sich weder die Tendenz noch die Wirkung des neuen
Gesetzes allein auf diesen Teil der Presse. Solange die Zeitungspresse anonym war, erschien sie
als Organ der zahl- und namenlosen öffentlichen Meinung; sie war die dritte Macht im Staate.
Durch die Unterzeichnung jedes Artikels wurde eine Zeitung zu einer bloßen Sammlung von
schriftstellerischen Beiträgen mehr oder minder bekannter Individuen. Jeder Artikel sank zu
einer Annonce herab. Bisher hatten die Zeitungen als das Papiergeld der öffentlichen Meinung

zirkuliert; jetzt lösten sie sich auf in mehr oder
minder schlechte Solawechsel, deren Güte und Zirkulation von dem Kredit nicht nur des
Ausstellers, sondern auch des Indossenten abhing. Die Presse der Ordnungspartei hatte, wie zur
Aufhebung des allgemeinen Wahlrechts, so auch zu den äußersten Maßregeln gegen
die schlechte Presse provoziert. Indes war die gute Presse selbst in ihrer unheimlichen
Anonymität der Ordnungspartei und noch mehr ihren einzelnen provinzialen Repräsentanten
unbequem. Sie verlangte sich gegenüber nur noch den bezahlten Schriftsteller mit Namen,
Wohnort und Signalement. Vergebens jammerte die gute Presse über den Undank, mit dem man
ihre Dienste belohne. Das Gesetz ging durch, die Bestimmung der Namennennung traf sie vor allem.
Die Namen der republikanischen Tagesschriftsteller waren ziemlich bekannt; aber die respektablen
Firmen des "Journal des Débats", der "Assemblée Nationale", des "Constitutionnel"
usw. usw. machten eine jämmerliche Figur mit ihrer hochbeteuernden Staatsweisheit, als sich
die mysteriöse Kompanie auf einmal zersetzte in käufliche Penny-a-liners
<Zeilenschinder> von langer Praxis, die für bares Geld alle möglichen Sachen
verteidigt hatten, wie Granier de Cassagnac, oder in alte Waschlappen, die sich selbst
Staatsmänner nannten, wie Capefigue, oder in kokettierende Nußknacker, wie Herr
Lemoinne vom "Débats".

In der Debatte über das Preßgesetz war die Montagne bereits auf einen solchen Grad
moralischer Verkommenheit herabgesunken, daß sie sich darauf beschränken mußte,
den glänzenden Tiraden einer alten louis-philippistischen Notabilität, des Herrn Victor
Hugo, Beifall zuzuklatschen.

Mit dem Wahlgesetz und dem Preßgesetz tritt die revolutionäre und demokratische
Partei von der offiziellen Schaubühne ab. Vor ihrem Aufbruch nach Hause, kurz nach
Schluß der Session, erließen die beiden Fraktionen der Montagne, die sozialistischen
Demokraten und die demokratischen Sozialisten, zwei Manifeste, zwei testimonia paupertatis
<Armutszeugnisse>, worin sie bewiesen, daß, wenn nie die Gewalt und der Erfolg auf
ihrer Seite, sie sich doch stets auf der Seite des ewigen Rechts und aller übrigen ewigen
Wahrheiten befunden hätten.

Betrachten wir nun die Partei der Ordnung. Die "N. Rh. Z." sagte
Heft 3, pag. 16
: "Den Restaurationsgelüsten der vereinigten
Orleanisten und Legitimisten gegenüber vertritt Bonaparte den Titel seiner
tatsächlichen Macht, die Republik; den Restaurationsgelüsten Bonapartes gegenüber
vertritt die Partei der Ordnung den Titel ihrer gemeinsamen Herrschaft, die Republik; den
Orleanisten gegenüber vertreten die Legitimisten, den Legitimisten gegenüber

vertreten die Orleanisten den Status quo, die Republik. Alle diese
Fraktionen der Ordnungspartei, deren jede ihren eigenen König und ihre eigene Restauration
in petto hat, machen wechselseitig den Usurpations- und Erhebungsgelüsten ihrer Rivalen
gegenüber die gemeinsame Herrschaft der Bourgeoisie, die Form geltend, worin die besonderen
Ansprüche neutralisiert und vorbehalten bleiben - die Republik ... Und Thiers sprach wahrer,
als er ahnte, wenn er sagte: 'Wir, die Royalisten, sind die wahren Stützen der
konstitutionellen Republik'."

Diese Komödie der républicains malgré eux <Republikaner wider
Willen>, der Widerwille gegen den Status quo und die beständige Befestigung desselben;
die unaufhörlichen Reibungen Bonapartes und der Nationalversammlung; die stets erneuerte
Drohung der Ordnungspartei, sich in ihre einzelnen Bestandteile zu sondern, und das stets
wiederholte Zusammenschließen ihrer Fraktionen; der Versuch jeder Fraktion, jeden Sieg
gegen den gemeinsamen Feind in eine Niederlage der zeitweiligen Alliierten zu verwandeln; die
wechselseitigen Eifersüchtelei, Ranküne, Abhetzung, das unermüdliche Ziehen der
Schwerter, das immer wieder mit einem baisser-Lamourette endigt - diese ganze unerquickliche
Komödie der Irrungen entwickelte sich nie klassischer als während der letzten sechs
Monate.

Die Partei der Ordnung betrachtete das Wahlgesetz zugleich als einen Sieg gegen Bonaparte.
Hatte die Regierung nicht abgedankt, indem sie der Siebzehnerkommission die Redaktion und die
Verantwortlichkeit ihres eignen Vorschlags überließ? Und beruhte nicht die
Hauptstärke Bonapartes gegenüber der Versammlung darauf, daß er der Erwählte
der sechs Millionen war? - Bonaparte seinerseits behandelte das Wahlgesetz als eine Konzession an
die Versammlung, womit er die Harmonie der legislativen mit der exekutiven Gewalt erkauft habe.
Zum Lohn verlangte der gemeine Aventurier eine Vermehrung seiner Zivilliste um drei Millionen.
Durfte die Nationalversammlung in einen Konflikt mit der Exekutiven treten in einem Augenblick,
wo sie die große Majorität der Franzosen in den Bann erklärt hatte? Sie fuhr
ärgerlich auf, sie schien es auf das Äußerste treiben zu wollen, ihre Kommission
verwarf den Antrag, die bonapartistische Presse drohte und verwies auf das enterbte, seines
Stimmrechts beraubte Volk, eine Menge geräuschvoller Transaktionsversuche fanden statt, und
die Versammlung gab schließlich nach in der Sache, rächte sich aber zugleich im
Prinzip. Statt der jährlichen prinzipiellen Vermehrung der Zivilliste um drei Millionen
bewilligte sie ihm eine Aushülfe von 2.160.000 frs. Nicht zufrieden damit, machte sie selbst
erst diese Konzession,

nachdem Changarnier sie
unterstützt hatte, der General der Ordnungspartei und der aufgedrungene Protektor
Bonapartes. Sie bewilligte also die 2 Millionen eigentlich nicht dem Bonaparte, sondern dem
Changarnier.

Dies de mauvaise grâce <widerstrebend> hingeworfene Geschenk wurde von Bonaparte
ganz im Sinne des Gebers aufgenommen. Die bonapartistische Presse polterte von neuem gegen die
Nationalversammlung. Als nun erst bei der Debatte des Preßgesetzes das Amendement wegen der
Namennennung gemacht wurde, das sich wieder speziell gegen die untergeordneten Blätter, die
Vertreter der Privatinteressen Bonapartes richtete, brachte das bonapartistische Hauptblatt, das
"Pouvoir" einen offenen und heftigen Angriff gegen die Nationalversammlung. Die Minister
mußten das Blatt vor der Versammlung verleugnen; der Gerant des Pouvoir wurde vor die
Schranken der Nationalversammlung zitiert und zur höchsten Geldstrafe, zu 5.000 frs.
verurteilt. Den anderen Tag brachte das "Pouvoir" einen noch viel frecheren Artikel gegen die
Versammlung, und als Revanche der Regierung verfolgte das Parkett sogleich mehrere
legitimistische Journale wegen Verletzung der Konstitution.

Endlich kam man an die Frage von der Vertagung der Kammer. Bonaparte wünschte sie, um
ungehindert von der Versammlung operieren zu können. Die Ordnungspartei wünschte sie,
teils zur Durchführung ihrer Fraktionsintrigen, teils zur Verfolgung der Privatinteressen
der einzelnen Deputierten. Beide bedurften ihrer, um in den Provinzen die Siege der Reaktion zu
befestigen und weiterzutreiben. Die Versammlung vertagte sich daher vom 11. August bis zum 11.
November. Da aber Bonaparte keineswegs verhehlte, daß es ihm nur darum zu tun sei, die
lästige Aufsicht der Nationalversammlung loszuwerden, drückte die Versammlung dem
Vertrauensvotum selbst den Stempel des Mißtrauens gegen den Präsidenten auf. Von der
permanenten Kommission von 28 Mitgliedern, die als Tugendwächter der Republik während
der Ferien ausharrten, wurden alle Bonapartisten ferngehalten. Statt ihrer wurden sogar einige
Republikaner vom "Siècle" und "National" hineingewählt, um dem Präsidenten die
Anhänglichkeit der Majorität an die konstitutionelle Republik darzutun.

Kurz vor und besonders unmittelbar nach der Vertagung der Kammer schienen die beiden
großen Fraktionen der Ordnungspartei, die Orleanisten und die Legitimisten, sich
versöhnen zu wollen, und zwar durch eine Verschmelzung der beiden Königshäuser,
unter deren Fahnen sie kämpfen. Die Blätter waren voll von
Versöhnungsvorschlägen, die am Krankenbett Louis-Philippes zu St Leonards diskutiert
worden seien, als der Tod Louis-Philippes

plötzlich
die Situation vereinfachte. Louis-Philippe war der Usurpator, Heinrich V. der Beraubte, der Graf
von Paris dagegen, bei der Kinderlosigkeit Heinrichs V., sein rechtmäßiger Thronerbe.
Jetzt war der Verschmelzung der beiden dynastischen Interessen jeder Vorwand genommen. Gerade
jetzt aber entdeckten die beiden Fraktionen der Bourgeoisie erst, daß nicht die
Schwärmerei für ein bestimmtes Königshaus sie trennte, sondern daß vielmehr
ihre getrennten Klasseninteressen die beiden Dynastien auseinanderhielten. Die Legitimisten, die
ins Hoflager Heinrichs V. nach Wiesbaden gepilgert waren, gerade wie ihre Konkurrenten nach St.
Leonards, erhielten hier die Nachricht vom Tode Louis-Philippes. Sogleich bildeten sie ein
Ministerium in partibus infidelium, das meist aus Mitgliedern jener Kommission von
Tugendwächtern der Republik bestand und das bei Gelegenheit eines im Schoß der Partei
vorkommenden Haders mit der unumwundensten Proklamation des Rechts von Gottes Gnaden hervortrat.
Die Orleanisten jubelten über den kompromittierenden Skandal, den dies Manifest in der
Presse hervorrief, und verhehlten keinen Augenblick ihre offene Feindschaft gegen die
Legitimisten.

Während der Vertagung der Nationalversammlung traten die Departementalvertretungen
zusammen. Ihre Majorität sprach sich für eine mehr oder weniger verklausulierte
Revision der Verfassung aus, d.h., sie sprach sich aus für eine nicht näher bestimmte
monarchische Restauration, für eine
"Lösung"
, und gestand zugleich, daß
sie zu inkompetent und zu feig sei, diese Lösung zu finden. Die bonapartistische Fraktion
legte diesen Wunsch der Revision sogleich im Sinne der Verlängerung der Präsidentschaft
Bonapartes aus.

Die verfassungsmäßige Lösung, die Abdankung Bonapartes im Mai 1852, die
gleichzeitige Wahl eines neuen Präsidenten durch sämtliche Wähler des Landes, die
Revision der Verfassung durch eine Revisionskammer in den ersten Monaten der neuen
Präsidentschaft ist für die herrschende Klasse durchaus unzulässig. Der Tag der
neuen Präsidentenwahl wäre der Tag des Rendezvous für sämtliche feindliche
Parteien, der Legitimisten, der Orleanisten, der Bourgeoisrepublikaner, der Revolutionäre.
Es müßte zu einer gewaltsamen Entscheidung zwischen den verschiedenen Fraktionen
kommen. Gelänge es selbst der Ordnungspartei, über die Kandidatur eines neutralen
Mannes außerhalb der dynastischen Familien sich zu vereinigen, so träte ihm wieder
Bonaparte gegenüber. Die Ordnungspartei ist in ihrem Kampf mit dem Volk genötigt,
beständig die Gewalt der Exekutive zu vermehren. Jede Vermehrung der Gewalt der Exekutive
vermehrt die Gewalt ihres Trägers Bonaparte. In demselben Maße daher, wie die
Ordnungspartei ihre gemeinsame Macht verstärkt, verstärkt sie die Kampfmittel der
dynastischen Präten-

sionen Bonapartes, verstärkt
sie seine Chance, am Tage der Entscheidung gewaltsam die konstitutionelle Lösung zu
vereiteln. Er wird sich dann ebensowenig der Ordnungspartei gegenüber an dem einen
Grundpfeiler der Verfassung stoßen, als sie dem Volk gegenüber beim Wahlgesetz an dem
anderen. Er würde scheinbar sogar der Versammlung gegenüber an das allgemeine Wahlrecht
appellieren. Mit einem Wort, die konstitutionelle Lösung stellt den ganzen politischen
Status quo in Frage, und hinter der Gefährdung des Status quo sieht der Bürger das
Chaos, die Anarchie, den Bürgerkrieg. Er sieht seine Einkäufe und Verkäufe, seine
Wechsel, seine Heiraten, seine notariellen Verträge, seine Hypotheken, seine Grundrenten,
Mietzinse, Profite, seine sämtlichen Kontrakte und Erwerbsquellen auf den ersten Sonntag im
Mai 1852 in Frage gestellt, und diesem Risiko kann er sich nicht aussetzen. Hinter der
Gefährdung des politischen Status quo verbirgt sich die Gefahr des Zusammenbrechens der
ganzen bürgerlichen Gesellschaft. Die einzig mögliche Lösung im Sinne der
Bourgeoisie ist die Aufschiebung der Lösung. Sie kann die konstitutionelle Republik nur
retten durch eine Verletzung der Konstitution, durch die Verlängerung der Gewalt des
Präsidenten. Dies ist auch das letzte Wort der Ordnungspresse nach den langwierigen und
tiefsinnigen Debatten über die "Lösungen", denen sie sich nach der Session der
Generalräte hingab. Die großmächtige Ordnungspartei sieht sich so zu ihrer
Beschämung genötigt, die lächerliche, ordinäre und ihr verhaßte Person
des Pseudo-Bonaparte ernsthaft zu nehmen.

Diese schmutzige Figur täuschte sich ebenfalls über die Ursachen, die sie mehr und
mehr mit dem Charakter des notwendigen Mannes bekleideten. Während seine Partei Einsicht
genug hatte, die wachsende Bedeutung Bonapartes den Verhältnissen zuzuschreiben, glaubte er,
sie allein der Zauberkraft seines Namens und seiner ununterbrochenen Karikierung Napoleons zu
verdanken. Er wurde täglich unternehmender. Den Wallfahrten nach St. Leonards und Wiesbaden
setzte er seine Rundreisen durch Frankreich entgegen. Die Bonapartisten hatten so wenig Vertrauen
auf den magischen Effekt seiner Persönlichkeit, daß sie ihm überall Leute der
Gesellschaft vom 10. Dezember, dieser Organisation des Pariser Lumpenproletariats, massenweise in
Eisenbahnzüge und Postchaisen verpackt, als Claqueure mitschickten. Sie legten ihrer
Marionette Reden in den Mund, die je nach dem Empfang in den verschiednen Städten die
republikanische Resignation oder die ausdauernde Zähigkeit als den Wahlspruch der
präsidentiellen Politik proklamierten. Trotz aller Manöver waren diese Reisen nichts
weniger als Triumphzüge.

Nachdem Bonaparte so das Volk begeistert zu haben glaubte, setzte er sich in Bewegung, die
Armee zu gewinnen. Er ließ auf der Ebene von Satory bei

Versailles große Revuen abhalten, bei denen er die Soldaten
durch Knoblauchwürste, Champagner und Zigarren zu kaufen suchte. Wenn der echte Napoleon in
den Strapazen seiner Eroberungszüge seine ermatteten Soldaten durch momentane
patriarchalische Vertraulichkeit aufzumuntern wußte, so glaubte der Pseudo-Napoleon, die
Truppen riefen zum Dank: Vive Napoleon, vive le saucisson! <Es lebe Napoleon, es lebe die
Wurst> d.h.: Es lebe die Wurst, es lebe der Hanswurst!

Diese Revuen brachten den lange verhaltenen Zwiespalt zwischen Bonaparte und seinem
Kriegsminister d'Hautpoul einerseits und Changarnier andererseits zum Ausbruch. In Changarnier
hatte die Ordnungspartei ihren wirklichen neutralen Mann gefunden, bei dem von eigenen
dynastischen Ansprüchen keine Rede sein konnte. Ihn hatte sie zum Nachfolger Bonapartes
bestimmt. Changarnier war dazu durch sein Auftreten am 29. Januar und 13. Juni 1849 der
große Feldherr der Ordnungspartei geworden, der moderne Alexander, dessen brutales
Dazwischenfahren in den Augen des zaghaften Bürgers den gordischen Knoten der Revolution
zerhauen hatte. Im Grunde ebenso lächerlich wie Bonaparte, war er so auf höchst
wohlfeile Weise zu einer Macht geworden und wurde von der Nationalversammlung dem
Präsidenten zur Überwachung gegenübergestellt. Er selbst kokettierte, z.B. bei der
Dotationsfrage mit der Protektion, die er Bonaparte schenkte, und trat immer
übermächtiger gegen ihn und die Minister auf. Als bei Gelegenheit des Wahlgesetzes eine
Insurrektion erwartet wurde, verbot er seinen Offizieren, vom Kriegsminister oder vom
Präsidenten irgendwelche Befehle anzunehmen. Die Presse trug noch dazu bei, die Gestalt
Changarniers zu vergrößern. Bei dem gänzlichen Mangel an großen
Persönlichkeiten sah sich natürlich die Ordnungspartei gedrungen, die ihrer ganzen
Klasse fehlende Kraft einem einzelnen Individuum anzudichten und dies so zum Ungeheuren
aufzuschwellen. So entstand der Mythus von Changarnier, dem
"Bollwerk der Gesellschaft"
.
Die anmaßende Scharlatanerie, die geheimnisvolle Wichtigtuerei, womit Changarnier sich dazu
herabließ, die Welt auf seinen Schultern zu tragen, bildet den lächerlichsten Kontrast
mit den Ereignissen wahrend und nach der Revue von Satory, die unwiderleglich bewiesen, daß
es nur eines Federstrichs Bonapartes des unendlich Kleinen, bedürfe, um diese phantastische
Ausgeburt der bürgerlichen Angst, um den Koloß Changarnier auf die Dimensionen der
Mittelmäßigkeit zurückzuführen und ihn, den gesellschaftsrettenden Heros, in
einen pensionierten General zu verwandeln.

Bonaparte hatte sich schon seit längerer Zeit an Changarnier gerächt, indem er den
Kriegsminister zu Disziplinarstreitigkeiten mit dem unbequemen

Protektor provozierte. Die letzte Revue bei Satory brachte endlich
den alten Groll zum Eklat. Die konstitutionelle Entrüstung Changarniers kannte keine Grenze
mehr, als er die Kavallerieregimenter mit dem verfassungswidrigen Ruf: Vive l'Empereur! <Es
lebe der Kaiser!> vorbeidefilieren sah. Bonaparte, um allen unangenehmen Debatten über
diesen Ruf in der bevorstehenden Kammersession zuvorzukommen, entfernte den Kriegsminister
d'Hautpoul, indem er ihn zum Gouverneur von Algier ernannte. An seine Stelle setzte er einen
zuverlässigen alten General aus der Kaiserzeit, der an Brutalität Changarnier
vollständig gewachsen war. Damit aber die Entlassung d'Hautpouls nicht als eine Konzession
an Changarnier erscheine, versetzte er zu gleicher Zeit den rechten Arm des großen
Gesellschaftsretters, den General Neumayer, von Paris nach Nantes. Neumayer war es gewesen, der
bei der letzten Revue die gesamte Infanterie bewogen hatte, mit eisigem Stillschweigen an dem
Nachfolger Napoleons vorbeizudefilieren. Changarnier, in Neumayer selbst getroffen, protestierte
und drohte. Umsonst Nach zweitägigen Verhandlungen erschien das Versetzungsdekret Neumayers
im "Moniteur", und dem Heros der Ordnung blieb nichts übrig, als sich der Disziplin zu
fügen oder abzudanken.

Der Kampf Bonapartes mit Changarnier ist die Fortsetzung seines Kampfes mit der Partei der
Ordnung. Die Wiedereröffnung der Nationalversammlung am 11. November findet daher unter
drohenden Auspizien statt. Es wird der Sturm im Glase Wasser sein. Im wesentlichen muß das
alte Spiel fortgehen. Die Majorität der Ordnungspartei wird indes trotz des Geschreies der
Prinzipienritter ihrer verschiedenen Fraktionen gezwungen sein, die Gewalt des Präsidenten
zu verlängern. Ebensosehr wird Bonaparte, trotz aller vorläufigen Protestationen, schon
durch den Geldmangel geknickt, diese Verlängerung der Gewalt als einfache Delegation aus den
Händen der Nationalversammlung hinnehmen. So wird die Lösung hinausgeschoben, der
Status quo forterhalten, eine Fraktion der Ordnungspartei von der anderen kompromittiert,
geschwächt, unmöglich gemacht, die Repression gegen den gemeinsamen Feind, die Masse
der Nation, ausgedehnt und erschöpft, bis die ökonomischen Verhältnisse selbst
wieder den Entwicklungspunkt erreicht haben, wo eine neue Explosion diese sämtlichen
hadernden Parteien mit ihrer konstitutionellen Republik in die Luft sprengt.

Zur Beruhigung des Bürgers muß übrigens gesagt werden, daß der Skandal
zwischen Bonaparte und der Ordnungspartei das Resultat hat, eine Menge kleiner Kapitalisten auf
der Börse zu ruinieren und ihr Vermögen in die Taschen der großen
Börsenwölfe zu spielen.