Band 7, S. 109-197

Friedrich Engels

Die deutsche Reichsverfassungskampagne

In der Zeitschrift erschienen die Abschnitte wie folgt:

Einleitung, I, II - Erstes Heft, Januar 1850

III - Zweites Heft, Februar 1850

IV - Drittes Heft, März 1850

IV - Fünftes und Sechstes Heft, Mai bis Oktober 1850

Einleitung

I - Rheinpreußen
II - Karlsruhe
III - Die
Pfalz
IV - Für Republik zu
sterben!

[Die deutsche Reichsverfassungskampagne - Teil 2]

I - Rheinpreussen

Reichsverfassungskampagne", S. 111-114

Einleitung

Hecker, Struve, Blenker, Zitz und Blum,

Bringt die deutschen Fürsten um!

In diesem Refrain, den die süddeutsche
"Volkswehr" von der Pfalz bis zur Schweizer Grenze auf allen Chausseen und in allen
Wirtshäusern erschallen ließ nach der bekannten meerumschlungenen Melodie, halb
Choral, halb Drehorgelleier - in diesem Refrain ist der ganze Charakter der "großartigen
Erhebung für die Reichsverfassung" zusammengefaßt. Hier habt ihr in zwei Zeilen ihre
großen Männer, ihre letzten Zwecke, ihre brave Gesinnungstüchtigkeit, ihren edlen
Haß gegen die "Tyrannen" und zugleich ihre gesamte Einsicht in die gesellschaftlichen und
politischen Verhältnisse.

Unter allen den Bewegungen und Zuckungen, die in Deutschland durch die Februarrevolution und
ihre weitere Entwickelung hervorgerufen wurden, zeichnet sich die Reichsverfassungskampagne durch
ihren klassisch deutschen Charakter aus. Ihre Veranlassung, ihr Auftreten, ihre Haltung, ihr
ganzer Verlauf waren durch und durch deutsch. Wie die Junitage 1848 den gesellschaftlichen und
politischen Entwickelungsgrad Frankreichs, so bezeichnet die Reichsverfassungskampagne den
gesellschaftlichen und politischen Entwickelungsgrad Deutschlands, und namentlich
Süddeutschlands.

Die Seele der ganzen Bewegung war die Klasse der
kleinen Bourgeoisie
, der vorzugsweise
sogenannte
Bürgerstand
, und diese Klasse ist gerade in Deutschland, namentlich im
Süden, vorherrschend. Die Kleinbürgerschaft war es, die in Märzvereinen,
demokratisch-konstitutionellen Vereinen, vaterländischen Vereinen, in sehr vielen
sogenannten demokratischen Vereinen und in beinahe der ganzen demokratischen Presse der
Reichsverfassung ebenso massenhafte wie unschädliche Grütlischwüre geleistet und
einen Kampf gegen die "renitenten" Fürsten geführt hatte, dessen einziges Resultat
zunächst freilich nur das eigene erhebende Bewußtsein erfüllter
Bürgerpflicht war. Die Kleinbürgerschaft war es, die durch die entschiedene und
sogenannte

äußerste Linke der
Frankfurter Versammlung, also speziell durch das Stuttgarter Parlament und die
"Reichsregentschaft" vertreten, der ganzen Bewegung die offizielle Spitze lieferte; die
Kleinbürgerschaft endlich herrschte in den lokalen Landesausschüssen,
Sicherheitsausschüssen, provisorischen Regierungen und Konstituanten, die in Sachsen, am
Rhein und in Süddeutschland sich größere oder geringere Verdienste um die
Reichsverfassung erwarben.

Die kleine Bourgeoisie, hätte es von ihr abgehangen, würde schwerlich den
Rechtsboden des gesetzlichen, friedlichen und tugendhaften Kampfes verlassen und statt der
sogenannten Waffen des Geistes die Musketen und den Pflasterstein ergriffen haben. Die Geschichte
aller politischen Bewegungen seit 1830 in Deutschland wie in Frankreich und England zeigt uns
diese Klasse stets großprahlerisch, hochbeteuernd und stellenweise selbst extrem in der
Phrase, solange sie keine Gefahr sieht; furchtsam, zurückhaltend und abwiegend, sobald die
geringste Gefahr herannaht; erstaunt, besorgt, schwankend, sobald die von ihr angeregte Bewegung
von andern Klassen aufgegriffen und ernsthaft genommen wird; um ihrer kleinbürgerlichen
Existenz willen die ganze Bewegung verratend, sobald es zum Kampfe mit den Waffen in der Hand
kommt - und schließlich infolge ihrer Unentschlossenheit stets vorzugsweise geprellt und
mißhandelt, sobald die reaktionäre Partei gesiegt hat.

Hinter der kleinen Bourgeoisie stehen aber überall andere Klassen, die die von ihr und in
ihrem Interesse provozierte Bewegung aufnehmen, ihr einen bestimmteren, energischeren Charakter
geben und sich ihrer womöglich zu bemächtigen suchen: das
Proletariat
und ein
großer Teil der
Bauern
, denen sich außerdem die avanciertere Fraktion der
Kleinbürgerschaft eine Zeitlang anzuschließen pflegt.

Diese Klassen, das Proletariat der größeren Städte an der Spitze, nahmen die
hochbeteuernden Versicherungen im Interesse der Reichsverfassung ernsthafter, als es den
kleinbürgerlichen Agitatoren lieb war. Wollten die Kleinbürger, wie sie jeden
Augenblick schwuren, für die Reichsverfassung "Gut und Blut einsetzen", so waren die
Arbeiter und in vielen Gegenden auch die Bauern bereit, dasselbe zu tun unter der zwar
stillschweigenden, aber allen Parteien vollkommen bekannten Bedingung, daß nach dem Siege
die Kleinbürgerschaft dieselbe Reichsverfassung gegen ebendieselben Proletarier und Bauern
zu verteidigen haben würde. Diese Klassen trieben die kleine Bourgeoisie bis zum offenen
Bruch mit der bestehenden Staatsgewalt. Konnten sie es nicht verhindern, daß sie von ihren
krämerhaften Bundesgenossen noch während des Kampfes verraten wurden, so hatten sie
wenigstens die Satis-

faktion, daß dieser
Verrat nach dem Siege der Kontrerevolution von den Kontrerevolutionären selbst
gezüchtigt wurde.

Auf der andern Seite schloß sich im Beginn der Bewegung die entschiedenere Fraktion der
größeren und mittleren Bourgeoisie ebenfalls an die Kleinbürgerschaft an, gerade
wie wir dies in allen früheren kleinbürgerlichen Bewegungen in England und Frankreich
finden. Die Bourgeoisie herrscht nie in ihrer Gesamtheit; abgesehen von den Kasten des
Feudalismus, die sich etwa noch einen Teil der politischen Gewalt aufbewahrt haben, spaltet sich
selbst die große Bourgeoisie, sowie sie den Feudalismus besiegt hat, in eine regierende und
eine opponierende Partei, die gewöhnlich durch die Bank auf der einen, die Fabrikanten auf
der andern Seite repräsentiert werden. Die opponierende, progressive Fraktion der
großen und mittleren Bourgeoisie hat dann gegenüber der herrschenden Fraktion mit der
Kleinbürgerschaft gemeinsame Interessen und vereinigt sich mit ihr zum gemeinschaftlichen
Kampfe. In Deutschland, wo die bewaffnete Kontrerevolution die fast ausschließliche
Herrschaft der Armee, der Bürokratie und des Feudaladels wiederhergestellt hat, wo die
Bourgeoisie trotz der noch bestehenden konstitutionellen Formen nur eine sehr untergeordnete und
bescheidene Rolle spielt, sind noch viel mehr Motive für diese Allianz vorhanden. Dafür
ist die deutsche Bourgeoisie aber auch unendlich zaghafter als die englische und
französische, und sowie sich nur die geringste Chance der rückkehrenden Anarchie, d.h.
des wirklichen, entscheidenden Kampfes zeigt, tritt sie schaudernd vom Schauplatz zurück. So
auch diesmal.

Der Moment war übrigens keineswegs zum Kampf ungünstig. In Frankreich standen die
Wahlen bevor; sie mochten den Monarchisten oder den Roten die Majorität geben, sie
mußten die Zentren der Konstituante verdrängen, die extremen Parteien verstärken
und eine rasche Entscheidung des akuter gewordenen parlamentarischen Kampfes durch eine
Volksbewegung, mit einem Worte, sie mußten eine "journée" <einen großen
Tag> herbeiführen. In Italien schlug man sich unter den Mauern von Rom, und die
römische Republik hielt sich gegen die französische Invasionsarmee. In Ungarn drangen
die Magyaren unaufhaltsam vor; die Kaiserlichen waren über die Waag und die Leitha gejagt;
in Wien, wo man täglich Kanonendonner zu hören glaubte, wurde die ungarische
Revolutionsarmee jeden Augenblick erwartet; in Galizien stand die Ankunft Dembinskis mit einer
polnisch-magyarischen Armee bevor, und die russische Intervention, weit entfernt, den Magyaren
gefährlich zu werden, schien vielmehr den ungarischen Kampf in einen europäischen zu
verwandeln. Deutsch-

land endlich war in der
höchsten Aufregung; die Fortschritte der Kontrerevolution, die wachsende
Unverschämtheit der Soldateska, der Bürokratie und des Adels, die stets sich
erneuernden Verrätereien der alten Liberalen in den Ministerien, die rasch
aufeinanderfolgenden Wortbrüche der Fürsten warfen der Bewegungspartei ganze Klassen
von bisherigen Ordnungsmännern in die Arme.

Unter diesen Umständen kam der Kampf zum Ausbruche, den wir in den folgenden
Bruchstücken schildern werden.

Die Unvollständigkeit und Verwirrung, die noch in den Materialien herrscht, die totale
Unzuverlässigkeit fast aller mündlich zu sammelnden Nachrichten, der rein
persönliche Zweck, der allen über diesen Kampf bisher veröffentlichten Schriften
zugrunde liegt, machen eine kritische Darstellung des ganzen Verlaufs unmöglich. Unter
diesen Umständen bleibt uns nichts übrig, als uns rein auf die Erzählung dessen zu
beschränken, was wir selbst gesehen und gehört haben. Glücklicherweise reicht dies
vollständig hin, um den Charakter der ganzen Kampagne hervortreten zu lassen; und wenn uns
außer der eignen Anschauung der sächsischen Bewegung auch die des Mieroslawskischen
Feldzugs am Neckar fehlt, so wird die "Neue Rheinische Zeitung" vielleicht bald Gelegenheit
finden, wenigstens über letzteren die nötigen Aufklärungen zu geben.

Von den Teilnehmern an der Reichsverfassungskampagne sind viele noch im Gefängnis. Andre
haben Gelegenheit gefunden, nach Hause zurückzukehren, andre, noch im Auslande, erwarten sie
täglich - und unter ihnen sind nicht die Schlechtesten. Man wird die Rücksichten
begreifen, die wir diesen Mitkämpfern schuldig sind, man wird es natürlich finden, wenn
wir manches verschweigen; und mancher, der jetzt wieder ruhig in der Heimat ist, wird es uns
nicht verdenken, wenn wir ihn auch nicht durch Erzählung derjenigen Vorfälle
kompromittieren wollen, bei denen er wirklich glänzenden Mut bewiesen hat.

[Die deutsche Reichsverfassungskampagne - Teil 3]

Einleitung
II -
Karlsruhe

Reichsverfassungskampagne", S. 115-132

I

Rheinpreußen

Man erinnert sich, wie der bewaffnete Aufstand für
die Reichsverfassung anfangs Mai zuerst in
Dresden
zum Ausbruch kam. Man weiß, wie
die Dresdner Barrikadenkämpfer, vom Landvolk unterstützt, von den Leipziger
Spießbürgern verraten, nach sechstägigem Kampfe der Übermacht erlagen. Sie
hatten nie mehr als 2.500 Kombattanten mit sehr gemischten Waffen und als ganze Artillerie zwei
oder drei kleine Böller. Die königlichen Truppen bestanden, außer den
sächsischen Bataillonen, aus zwei Regimentern Preußen. Sie hatten Kavallerie,
Artillerie, Büchsenschützen und ein Bataillon mit Zündnadelgewehren zu ihrer
Verfügung. Die königlichen Truppen scheinen sich in Dresden noch feiger als anderswo
aufgeführt zu haben; zu gleicher Zeit aber steht fest, daß die Dresdner Kämpfer
sich gegen diese Übermacht tapferer geschlagen haben, als es sonst wohl in der
Reichsverfassungskampagne geschehen ist. Aber freilich, ein Straßenkampf ist auch etwas
ganz andres als ein Gefecht im offenen Felde.

Berlin blieb ruhig unter dem Belagerungszustand und der Entwaffnung. Nicht einmal die
Eisenbahn wurde aufgerissen, um den preußischen Zuzug bei Berlin schon aufzuhalten. Breslau
versuchte einen schwachen Barrikadenkampf, auf den die Regierung längst vorbereitet war, und
geriet nur dadurch um so sichrer unter die Säbeldiktatur. Das übrige Norddeutschland,
ohne revolutionäre Zentren, war gelähmt. Auf Rheinpreußen und Süddeutschland
allein war noch zu rechnen, und in Süddeutschland setzte sich soeben schon die Pfalz in
Bewegung.

Rheinpreußen hat seit 1815 als eine der fortgeschrittensten Provinzen Deutschlands
gegolten, und mit Recht. Es vereinigt zwei Vorzüge, die sich in keinem andern Teil
Deutschlands vereinigt finden.

Rheinpreußen teilt mit Luxemburg, Rheinhessen und der Pfalz den Vorteil, seit 1795 die
Französische Revolution und die gesellschaftliche, administrative und legislative
Konsolidierung ihrer Resultate unter Napoleon mitgemacht zu haben. Als die revolutionäre
Partei in Paris erlag, trugen die

Armeen die Revolution
über die Grenzen. Vor diesen kaum befreiten Bauernsöhnen zerstoben nicht nur die Armeen
des Heiligen Römischen Reichs, sondern auch die Feudalherrschaft des Adels und der Pfaffen.
Seit zwei Generationen kennt das linke Rheinufer keinen Feudalismus mehr; der Adlige ist seiner
Privilegien beraubt, der Grundbesitz ist aus seinen Händen und denen der Kirche in die
Hände des Bauern übergegangen; der Boden ist parzelliert, der Bauer ist freier
Grundbesitzer wie in Frankreich. In den Städten verschwanden die Zünfte und die
patriarchalische Patrizierherrschaft zehn Jahre früher als irgendwo in Deutschland vor der
freien Konkurrenz, und der Code Napoléon sanktionierte schließlich den ganzen
veränderten Zustand in der Zusammenfassung der gesamten revolutionären
Institutionen.

Rheinpreußen besitzt aber zweitens - und darin liegt sein Hauptvorzug vor den
übrigen Ländern des linken Rheinufers - die ausgebildetste und mannigfachste Industrie
von ganz Deutschland. In den drei Regierungsbezirken Aachen, Köln und Düsseldorf sind
fast alle Industriezweige vertreten: Baumwollen-, Wollen- und Seidenindustrie aller Art nebst den
davon abhängigen Branchen der Bleicherei, Druckerei und Färberei, der
Eisengießerei und Maschinenfabrikation, ferner Bergbau, Waffenschmieden und sonstige
Metallindustrie finden sich hier auf dem Raum weniger Quadratmeilen konzentriert und
beschäftigen eine Bevölkerung von in Deutschland unerhörter Dichtigkeit. An die
Rheinprovinz schließt sich unmittelbar, sie mit einem Teil der Rohstoffe versorgend und
industriell zu ihr gehörend, der märkische Eisen-und Kohlendistrikt an. Die beste
Wasserstraße Deutschlands, die Nähe des Meeres, der mineralische Reichtum der Gegend
begünstigen die Industrie, die außerdem zahlreiche Eisenbahnen erzeugt hat und ihr
Eisenbahnnetz noch täglich vervollständigt. Mit der Industrie in Wechselwirkung steht
ein für Deutschland sehr ausgedehnter Ausfuhr- und Einfuhrhandel nach allen Weltteilen, ein
bedeutender direkter Verkehr mit allen großen Stapelplätzen des Weltmarkts und eine
verhältnismäßige Spekulation in Rohprodukten und Eisenbahnaktien. Kurz, die
industrielle und kommerzielle Entwicklungsstufe der Rheinprovinz ist, wenn auch auf dem Weltmarkt
ziemlich unbedeutend, doch für Deutschland einzig.

Die Folge dieser - ebenfalls unter der revolutionären französischen Herrschaft
aufgeblühten - Industrie und des mit ihr zusammenhängenden Handels in
Rheinpreußen ist die Erzeugung einer mächtigen industriellen und kommerziellen
großen
Bourgeoisie
und, im Gegensatz zu ihr, eines zahlreichen industriellen

Proletariats
, zweier Klassen, die im übrigen Deutschland nur sehr stellenweise und
embryonisch existieren, die aber die besondre politische Entwicklung der Rheinprovinz fast
ausschließlich beherrschen.

Vor den übrigen durch die Franzosen
revolutionierten deutschen Ländern hat Rheinpreußen die
Industrie
, vor den
übrigen deutschen Industriebezirken (Sachsen und Schlesien) die
Französische
Revolution
voraus. Es ist der einzige Teil Deutschlands, dessen gesellschaftliche
Entwickelung fast ganz die Höhe der modernen bürgerlichen Gesellschaft erreicht hat:
ausgebildete Industrie, ausgedehnter Handel, Anhäufung der Kapitalien, Freiheit des
Grundeigentums; starke Bourgeoisie und massenhaftes Proletariat in den Städten, zahlreiche
und verschuldete Parzellenbauern auf dem Lande vorherrschend; Herrschaft der Bourgeoisie
über das Proletariat durch das Lohnverhältnis, über den Bauern durch die Hypothek,
über den Kleinbürger durch die Konkurrenz und endlich Sanktion der Bourgeoisherrschaft
durch die Handelsgerichte, die Fabrikgerichte, die Bourgeoisjury und die ganze materielle
Gesetzgebung.

Begreift man jetzt den Haß des Rheinländers gegen alles, was preußisch
heißt? Preußen hatte mit der Rheinprovinz die Französische Revolution seinen
Staaten inkorporiert und behandelte die Rheinländer nicht nur wie Unterjochte und Fremde,
sondern sogar wie besiegte Rebellen. Weit entfernt, die rheinische Gesetzgebung im Sinne der sich
immer weiter entwickelnden modernen bürgerlichen Gesellschaft auszubilden, wollte es den
Rheinländern sogar den pedantisch-feudal-spießbürgerlichen Mischmasch des
preußischen Landrechts aufbürden, der selbst kaum noch für Hinterpommern
paßt.

Der Umschwung nach dem Februar 1848 zeigte deutlich die exzeptionelle Stellung der
Rheinprovinz. Sie lieferte nicht nur der preußischen, sondern überhaupt der deutschen
Bourgeoisie ihre klassischen Vertreter:
Camphausen
und
Hansemann
; sie lieferte dem
deutschen Proletariat das einzige Organ, in dem es nicht nur der Phrase oder dem guten Willen,
sondern seinen wirklichen Interessen nach vertreten war: die
"Neue Rheinische
Zeitung"
.

Wie kommt es aber, daß Rheinpreußen sich trotz alledem so wenig bei den
revolutionären Bewegungen Deutschlands beteiligt hat?

Man vergesse nicht, daß die 1830er Bewegung im Interesse des Phrasen- und
Advokatenkonstitutionalismus für die mit viel reelleren, industriellen Unternehmungen
beschäftigte rheinische Bourgeoisie Deutschlands kein Interesse haben konnte; daß,
während man in den deutschen Kleinstaaten noch von einem deutschen Kaiserreiche
träumte, in Rheinpreußen das Proletariat schon anfing, gegen die Bourgeoisie offen
aufzutreten; daß von 1840 bis 1847 zur Zeit der bürgerlichen, wirklich
konstitutionellen Bewegung die rheinische Bourgeoisie an der Spitze stand und daß sie im
März 1848 in Berlin ein entscheidendes Gewicht in die Waagschale legte. Warum aber
Rheinpreußen nie in einer offenen Insurrektion etwas durchsetzen, warum es nicht

einmal eine allgemeine Insurrektion der ganzen Provinz zustande
bringen konnte, das wird die einfache Darstellung der rheinischen Reichsverfassungskampagne am
besten nachweisen.

Der Kampf in Dresden kam eben zum Ausbruch; in der Pfalz konnte er jeden Augenblick
losbrechen. In Baden, in Württemberg, in Franken wurden Monsterversammlungen angesetzt, und
man verhehlte kaum noch, daß man entschlossen sei, es auf Entscheidung durch die Waffen
ankommen zu lassen. In ganz Süddeutschland waren die Truppen schwankend. Preußen war
nicht minder aufgeregt. Das Proletariat wartete nur auf eine Gelegenheit, Rache zu nehmen
für die Eskamotierung der Vorteile, die es im März 1848 erobert zu haben glaubte. Die
Kleinbürgerschaft war überall in Tätigkeit, sämtliche unzufriedenen Elemente
zu einer großen Reichsverfassungspartei zu kondensieren, deren Leitung sie zu erhalten
hoffte. Die Schwüre, mit der Frankfurter Versammlung zu stehen und zu fallen, Gut und Blut
für die Reichsverfassung einzusetzen, füllten alle Zeitungen, ertönten in allen
Klubsälen und Bierlokalen.

Da eröffnete die preußische Regierung die Feindseligkeiten, indem sie einen
großen Teil der Landwehr, namentlich in Westfalen und am Rhein, einberief. Die
Einberufungsordre war mitten im Frieden ungesetzlich, und nicht nur die kleine, auch die
größere Bourgeoisie erhob sich dagegen.

Der Kölner Gemeinderat schrieb einen Kongreß von Deputierten der rheinischen
Gemeinderäte aus. Die Regierung verbot ihn; man ließ die Form fallen und hielt den
Kongreß trotz des Verbots ab. Die Gemeinderäte, Vertreter der großen und
mittleren Bourgeoisie, erklärten ihre Anerkennung der Reichsverfassung, forderten Annahme
derselben durch die preußische Regierung und Entlassung des Ministeriums sowie
Zurücknahme der Einberufung der Landwehr und drohten im Falle der Verweigerung ziemlich
deutlich mit dem Abfall der Rheinprovinzen von Preußen.

"Da die preußische Regierung die zweite Kammer, nachdem dieselbe sich
für die unbedingte Annahme der deutschen Verfassung vom 28. März d.J. ausgesprochen
hatte, aufgelöst und dadurch das Volk seiner Vertretung und Stimme in dem gegenwärtigen
entscheidenden Augenblicke beraubt hat, sind die unterzeichneten Verordneten der Städte und
Gemeinden der Rheinprovinz zusammengetreten, um zu beraten, was dem Vaterlande not
tue.

Die Versammlung hat unter dem Vorsitze der Stadtverordneten Zell von Trier und
Werner von Koblenz und in Assistenz der Protokollführer, der Stadtverordneten Boekker von
Köln und Bloem II von Düsseldorf,

beschlossen, wie folgt
:

1. Sie erklärt, daß sie die Verfassung des deutschen Reiches, wie
solche am 28. März d. J. von der Reichsversammlung verkündet worden, als
endgültiges Gesetz anerkennt

und bei dem von
der preußischen Regierung erhobenen Konflikte auf der Seite der deutschen Reichsversammlung
steht.

2. Die Versammlung fordert das gesamte Volk der Rheinlande und namentlich alle
waffenfähigen Männer auf, durch Kollektiverklärungen in kleineren und
größeren Kreisen seine Verpflichtung und seinen unverbrüchlichen Willen, an der
deutschen Reichsverfassung festzuhalten und den Anordnungen der Reichsverfassung Folge zu
leisten, auszusprechen.

3. Die Versammlung fordert die deutsche Reichsversammlung auf, nunmehr schleunigst
kräftigere Anstrengungen <In der "Kölnischen Zeitung": Anordnungen> zu treffen,
um dem Widerstande des Volkes in den einzelnen deutschen Staaten und namentlich auch in der
Rheinprovinz jene Einheit und Stärke zu gehen, die allein imstande ist, die wohlorganisierte
Gegenrevolution zuschanden [zu] machen.

4. Sie fordert die Reichsgewalt auf, die Reichstruppen baldmöglichst auf die Verfassung
zu beeidigen und eine Zusammenziehung derselben anzuordnen.

5. Die Unterzeichneten verpflichten sich, der Reichsverfassung durch alle ihnen zu Gebote
stehenden Mittel in dem Bereiche ihrer Gemeinden Geltung zu verschaffen.

6. Die Versammlung erachtet die Entlassung des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel und die
Einberufung der Kammern ohne Abänderung des bestehenden Wahlmodus für unbedingt
notwendig.

7. Sie erblickt insbesondere in der jüngst erfolgten, teilweisen Einberufung der Landwehr
eine unnötige, den inneren Frieden in hohem Grade gefährdende Maßregel und
erwartet deren sofortige Zurücknahme.

8. Die Unterzeichneten sprechen schließlich ihre Überzeugung dahin aus, daß
bei Nichtbeachtung des Inhaltes dieser Erklärung dem Vaterlande die größten
Gefahren drohen, durch die selbst dar Bestand Preußens in seiner gegenwärtigen
Zusammensetzung gefährdet werden kann.

Beschlossen am 8. Mai 1849 zu Köln."

(Folgen die Unterschriften.)

Wir fügen nur noch hinzu, daß derselbe Herr Zell, der dieser Versammlung
präsidierte, wenige Wochen später als Reichskommissär des Frankfurter
Reichsministeriums nach Baden ging, um dort nicht nur abzuwiegeln, sondern auch um mit den
dortigen Reaktionären jene kontrerevolutionären Coups zu verabreden, die später in
Mannheim und Karlsruhe zum Ausbruch kamen. Daß er auch dem Reichsgeneral Peucker zu
gleicher Zeit als militärischer Spion Dienste geleistet, ist wenigstens wahrscheinlich.

Wir halten darauf, dies Faktum wohl zu konstatieren. Die große Bourgeoisie, die
Blüte des vormärzlichen rheinischen Liberalismus, suchte sich in Rhein-

preußen gleich anfangs an die Spitze der Bewegung für
die Reichsverfassung zu stellen. Ihre Reden, ihre Beschlüsse, ihr ganzes Auftreten machte
sie solidarisch für die späteren Ereignisse. Es gab Leute genug, die die Phrasen der
Herren Gemeinderäte, namentlich die Drohung mit dem Abfall der Rheinprovinz, ernsthaft
nahmen. Ging die große Bourgeoisie mit, so war die Sache von vornherein so gut wie
gewonnen, so hatte man alle Klassen der Bevölkerung mit sich, so konnte man schon etwas
riskieren. So kalkulierte der Kleinbürger und beeilte sich, eine heroische Positur
anzunehmen. Es versteht sich, daß sein angeblicher Associé, der große
Bourgeois, sich dadurch keineswegs abhalten ließ, ihn bei der ersten Gelegenheit zu
verraten und nachher, als die ganze Sache höchst kläglich geendet hatte, ihn
nachträglich wegen seiner Dummheit zu verspotten.

Die Aufregung wuchs inzwischen fortwährend; die Nachrichten aus allen Gegenden
Deutschlands lauteten höchst kriegerisch. Endlich sollte zur Einkleidung der Landwehr
geschritten werden. Die Bataillone traten zusammen und erklärten kategorisch, daß sie
sich nicht einkleiden lassen würden. Die Majore, ohne hinreichende militärische
Unterstützung, konnten nichts ausrichten und waren froh, wenn sie ohne Drohungen und
tätliche Angriffe davonkamen. Sie entließen die Leute und setzten einen neuen Termin
zur Einkleidung fest.

Die Regierung, die den Landwehroffizieren leicht die nötige Unterstützung hätte
geben können, ließ es absichtlich so weit kommen. Sie wandte jetzt sofort Gewalt
an.

Die widersetzlichen Landwehren gehörten namentlich dem bergisch-märkischen
Industriebezirk an. Elberfeld und Iserlohn, Solingen und die Enneper Straße waren die
Zentren des Widerstandes. Sofort wurden nach den beiden ersteren Städten Truppen
beordert.

Nach Elberfeld zogen ein Bataillon Sechzehner, eine Schwadron Ulanen und zwei Geschütze.
Die Stadt war in der höchsten Verwirrung. Die Landwehr hatte bei reiflicher Überlegung
doch gefunden, daß sie ein gewagtes Spiel spiele. Viele Bauern und Arbeiter waren politisch
indifferent und hatten nur keine Lust gehabt, irgendwelchen Regierungslaunen zu Gefallen auf
unbestimmte Zeit sich vom Hause zu entfernen. Die Folgen der Widersetzlichkeit fielen ihnen
schwer aufs Herz: species facti <Tatbestand>, Kriegsrecht, Kettenstrafe und vielleicht gar
Pulver und Blei! Genug, die Anzahl der Landwehrmänner, die unter den Waffen standen - ihre
Waffen hatten sie -, schmolz immer mehr zusammen, und es blieben ihrer zuletzt noch etwa vierzig
übrig. Sie hatten

in einem öffentlichen
Lokal vor der Stadt ihr Hauptquartier aufgeschlagen und warteten dort auf die Preußen. Um
das Rathaus stand die Bürgerwehr und zwei Bürgerschützenkorps, schwankend, mit der
Landwehr unterhandelnd, jedenfalls entschlossen, ihr Eigentum zu schützen. In den
Straßen wogte die Bevölkerung, Kleinbürger, die im politischen Klub der
Reichsverfassung Treue geschworen hatten, Proletarier aller Stufen, vom entschiedenen,
revolutionären Arbeiter bis zum schnapstrunkenen Karrenbinder. Kein Mensch wußte, was
zu tun sei, keiner, was kommen werde.

Der Stadtrat wollte mit den Truppen unterhandeln. Der Kommandierende wies alles ab und
marschierte in die Stadt. Die Truppen paradieren durch die Straßen und stellen sich am
Rathause auf, gegenüber der Bürgerwehr. Man unterhandelt. Aus der Menge fallen
Steinwürfe auf das Militär. Die Landwehr, wie gesagt, etwa vierzig Mann stark, zieht
von der andern Seite der Stadt her nach langem Beraten ebenfalls dem Militär entgegen.

Auf einmal ruft man im Volk nach Befreiung der Gefangenen. Im Arresthaus, das dicht am Rathaus
liegt, saßen nämlich seit einem Jahr 69 Solinger Arbeiter in Verhaft wegen Demolierung
der Stahlgußfabnk an der Burg. Ihr Prozeß sollte in wenig Tagen verhandelt werden.
Diese zu befreien, stürzt das Volk nach dem Gefängnis. Die Türen weichen, das Volk
dringt ein, die Gefangenen sind frei. Aber zu gleicher Zeit rückt das Militär vor, eine
Salve fällt, und der letzte Gefangene, der aus der Tür eilt, stürzt mit
zerschmettertem Schädel nieder.

Das Volk weicht zurück, aber mit dem Ruf: Zu den Barrikaden! In einem Nu sind die
Zugänge zur innern Stadt verschanzt. Unbewaffnete Arbeiter sind genug vorhanden, bewaffnete
sind höchstens fünfzig hinter den Barrikaden.

Die Artillerie rückt vor. Wie vorher die Infanterie, so feuert auch sie zu hoch,
wahrscheinlich mit Absicht. Beide Truppenteile bestanden aus Rheinländern oder Westfalen und
waren gut. Endlich rückt der Hauptmann von Uttenhoven an der Spitze der 8. Kompanie des 16.
Regiments vor.

Drei Bewaffnete waren hinter der ersten Barrikade. "Schießt nicht auf uns", rufen sie,
"wir schießen nur auf die Offiziere!" - Der Hauptmann kommandiert Halt. "Kommandierst du
Fertig, so liegst du da", ruft ihm ein Schütze hinter der Barrikade zu. - "Fertig - An -
Feuer!" - Die Salve kracht, aber auch in demselben Augenblick stürzt der Hauptmann zusammen.
Die Kugel hatte ihn mitten durchs Herz getroffen.

Das Peloton zieht sich eiligst zurück; nicht einmal die Leiche des Hauptmanns wird
mitgenommen. Noch einige Schüsse fallen, einige Soldaten werden verwundet, und der
kommandierende Offizier, der die Nacht nicht in der empörten Stadt zubringen will, zieht
wieder hinaus, um mit seinen Truppen

eine Stunde vor der
Stadt zu biwakieren. Hinter den Soldaten erheben sich sogleich von allen Seiten Barrikaden.

Noch denselben Abend kam die Nachricht vom Rückzuge der Preußen nach
Düsseldorf. Zahlreiche Gruppen bildeten sich auf den Straßen; die kleine Bourgeoisie
und die Arbeiter waren in der höchsten Aufregung. Da gab das Gerücht, daß neue
Truppen nach Elberfeld abgeschickt werden sollten, das Signal zum Losbruch. Ohne den Mangel an
Waffen - die Bürgerwehr war seit November 1848 entwaffnet -, ohne die
verhältnismäßig starke Garnison und die ungünstigen breiten und graden
Straßen der kleinen Exresidenz zu bedenken, riefen einige Arbeiter zu den Barrikaden. In
der Neustraße, Bolkerstraße kamen einige Verschanzungen zustande; die übrigen
Teile der Stadt wurden teils durch die schon im voraus konsignierten Truppen, teils durch die
Furcht der großen und kleinen Bürgerschaft frei gehalten.

Gegen Abend entspann sich der Kampf. Die Barrikadenkämpfer waren, hier wie überall,
wenig zahlreich. Wo sollten sie auch Waffen und Munition hernehmen? Genug, sie leisteten der
Übermacht langen und tapfern Widerstand, und erst nach ausgedehnter Anwendung der
Artillerie, gegen Morgen, war das halbe Dutzend Barrikaden, das sich verteidigen ließ, in
den Händen der Preußen. Man weiß, daß diese vorsichtigen Helden am
folgenden Tage an Dienstmädchen, Greisen und friedlichen Leuten überhaupt blutige
Revanche nahmen.

An demselben Tage, an dem die Preußen aus Elberfeld zurückgeschlagen wurden, sollte
auch ein Bataillon, wenn wir nicht irren des 13. Regiments, nach Iserlohn einrücken und die
dortige Landwehr zur Räson bringen. Aber auch hier wurde dieser Plan vereitelt; sowie die
Nachricht vom Anrücken des Militärs bekannt wurde, verschanzte Landwehr und Volk alle
Zugänge der Stadt und erwartete den Feind mit geladener Büchse. Das Bataillon wagte
keinen Angriff und zog sich wieder zurück.

Der Kampf in Elberfeld und Düsseldorf und die Verbarrikadierung Iserlohns gaben das
Signal zum Aufstand des größten Teils der bergisch-märkischen Industriegegend.
Die Solinger stürmten das Gräfrather Zeughaus und bewaffneten sich mit den daraus
entnommenen Gewehren und Patronen; die Hagener schlossen sich in Masse der Bewegung an,
bewaffneten sich, besetzten die Zugänge der Ruhr und schickten Rekognoszierungspatrouillen
aus; Solingen, Ronsdorf, Remscheid, Barmen usw. stellten ihre Kontingente nach Elberfeld. An den
übrigen Orten der Gegend erklärte sich die Landwehr für die Bewegung und stellte
sich zur Verfügung der Frankfurter Versammlung. Elberfeld, Solingen, Hagen, Iserlohn setzten
Sicherheitsausschüsse an die Stelle der vertriebenen Kreis- und Lokalbehörden.

Die Nachrichten von diesen Ereignissen wurden
natürlich noch ungeheuer übertrieben. Man schilderte die ganze Wupper- und Ruhrgegend
als ein großes, organisiertes Lager des Aufstandes, man sprach von fünfzehntausend
Bewaffneten in Elberfeld, von ebensoviel in Iserlohn und Hagen. Der plötzliche Schreck der
Regierung, der alle ihre Tätigkeit gegenüber diesem Aufstande der treuesten Bezirke mit
einem Schlage lähmte, trug nicht wenig dazu bei, diesen Übertreibungen Glauben zu
verschaffen.

Alle billigen Abzüge für wahrscheinliche Übertreibungen gemacht, blieb das eine
Faktum unleugbar, daß die Hauptorte des bergisch-märkischen Industriebezirks im offnen
und bis dahin siegreichen Aufstande begriffen waren. Dies Faktum war da. Dazu kamen die
Nachrichten, daß Dresden sich noch hielt, daß Schlesien gäre, daß die
Pfälzer Bewegung sich konsolidiere, daß in Baden eine siegreiche Militärrevolte
ausgebrochen und der Großherzog geflohen sei, daß die Magyaren am Jablunka und der
Leitha ständen. Kurz, von allen revolutionären Chancen, die sich der demokratischen und
Arbeiterpartei seit März 1848 geboten hatten, war dies bei weitem die vorteilhafteste, und
sie mußte natürlich ergriffen werden. Das linke Rheinufer durfte das rechte nicht im
Stich lassen,

Was war nun zu tun?

Alle größeren Städte der Rheinprovinz sind entweder von starken Zitadellen und
Forts beherrschte Festungen, wie Köln und Koblenz, oder haben zahlreiche Garnisonen, wie
Aachen, Düsseldorf und Trier. Außerdem wird die Provinz noch durch die Festungen
Wesel, Jülich, Luxemburg, Saarlouis und selbst durch Mainz und Minden im Zaum gehalten. In
diesen Festungen und Garnisonen lagen zusammen mindestens dreißigtausend Mann. Köln,
Düsseldorf, Aachen, Trier waren endlich seit längerer Zeit entwaffnet. Die
revolutionären Zentren der Provinz waren also gelähmt. Jeder Aufstandsversuch
mußte hier, wie dies sich schon in Düsseldorf gezeigt, mit dem Siege des Militärs
endigen; noch ein solcher Sieg, z.B. in Köln, und der bergisch-märkische Aufstand war
trotz der sonst günstigen Nachrichten moralisch vernichtet. Auf dem linken Rheinufer war an
der Mosel, in der Eifel und dem Krefelder Industriebezirk eine Bewegung möglich; aber diese
Gegend war von sechs Festungen und drei Garnisonsstädten umzingelt. Das rechte Rheinufer bot
dagegen in den bereits insurgierten Bezirken ein dichtbevölkertes, ausgedehntes, durch Wald
und Gebirge zum Insurrektionskriege wie geschaffenes Terrain dar.

Wollte man also die aufgestandenen Bezirke unterstützen, so war nur eins
möglich:

vor allen Dingen in den Festungen und Garnisonsstädten jeden unnützen Krawall
vermeiden;

auf dem linken Rheinufer in den kleineren Städten,
in den Fabrikorten und auf dem Lande eine Diversion machen, um die rheinischen Garnisonen im
Schach zu halten;

endlich alle disponiblen Kräfte in den insurgierten Bezirk des rechten Rheinufers werfen,
die Insurrektion weiter verbreiten und versuchen, hier vermittelst der Landwehr den Kern einer
revolutionären Armee zu organisieren.

Die neuen preußischen Enthüllungshelden mögen nicht zu früh frohlocken
über das hier enthüllte hochverräterische Komplott. Leider hat kein Komplott
existiert. Die obigen drei Maßregeln sind kein Verschwörungsplan, sondern ein
einfacher Vorschlag, der vom Schreiber dieser Zeilen ausging, und zwar in dem Augenblick, als er
selbst nach Elberfeld abreiste, um die Ausführung des dritten Punkts zu betreiben. Dank der
zerfallenen Organisation der demokratischen und Arbeiterpartei, dank der Unschlüssigkeit und
klugen Zurückhaltung der meisten aus der kleinen Bourgeoisie hervorgegangenen
Lokalführer, dank endlich dem Mangel an Zeit kam es gar nicht zum Konspirieren. Wenn daher
auf dem linken Rheinufer allerdings der Anfang einer Diversion zustande kam, wenn in Kempen,
Neuß und Umgegend Unruhen ausbrachen und in Prüm das Zeughaus gestürmt wurde, so
waren diese Tatsachen keineswegs Folgen eines gemeinsamen Plans, sie wurden nur durch den
revolutionären Instinkt der Bevölkerung hervorgerufen.

In den insurgierten Bezirken sah es inzwischen ganz anders aus, als die übrige Provinz
voraussetzte. Elberfeld mit seinen - übrigens höchst planlosen und eilig
zusammengerafften - Barrikaden, mit den vielen Wachtposten, Patrouillen und sonstigen
Bewaffneten, mit der ganzen Bevölkerung auf den Straßen, wo nur die große
Bourgeoisie zu fehlen schien, mit den roten und trikoloren Fahnen nahm sich zwar gar nicht
übel aus, im übrigen aber herrschte in der Stadt die größte Verwirrung. Die
kleine Bourgeoisie hatte durch den gleich im ersten Moment gebildeten Sicherheitsausschuß
die Leitung der Angelegenheiten in die Hand genommen. Kaum war sie soweit, als sie auch schon vor
ihrer eignen Macht, so gering sie war, erschrak. Ihre erste Handlung war, sich durch den
Stadtrat, d.h. durch die große Bourgeoisie, legitimieren zu lassen und zum Dank für
die Gefälligkeit des Stadtrats fünf seiner Mitglieder in den Sicherheitsausschuß
aufzunehmen. Dieser so verstärkte Sicherheitsausschuß entledigte sich denn sofort
aller gefährlichen Tätigkeit, indem er die Sorge für die Sicherheit nach
außen einer Militärkommission überwies, sich selbst aber über diese
Kommission eine mäßigende und hemmende Aufsicht vorbehielt. Somit vor aller
Berührung mit dem Aufstande gesichert, durch die Väter der Stadt selbst auf den
Rechtsboden verpflanzt,

konnten die zitternden
Kleinbürger des Sicherheitsausschusses sich darauf beschränken, die Gemüter zu
beruhigen, die laufenden Geschäfte zu besorgen, "Mißverständnisse"
aufzuklären, abzuwiegeln, die Sache in die Lange zu ziehn und jede energische Tätigkeit
unter dem Vorwande zu lähmen, man müsse vorerst die Antwort auf die nach Berlin und
Frankfurt geschickten Deputationen abwarten. Die übrige Kleinbürgerschaft ging
natürlich Hand in Hand mit dem Sicherheitsausschuß, wiegelte überall ab,
verhinderte möglichst alle Fortführung der Verteidigungsmaßregeln und der
Bewaffnung und schwankte fortwährend über die Grenze ihrer Beteiligung am Aufstande.
Nur ein kleiner Teil dieser Klasse war entschlossen, sich mit den Waffen in der Hand zu
verteidigen, falls die Stadt angegriffen würde. Die große Mehrzahl suchte sich selbst
einzureden, ihre bloßen Drohungen und die Scheu vor dem fast unvermeidlichen Bombardement
Elberfelds werde die Regierung zu Konzessionen bewegen; im übrigen aber hielt sie sich
für alle Fälle den Rücken frei.

Die große Bourgeoisie war im ersten Augenblick nach dem Gefecht wie niedergedonnert. Sie
sah Brandstiftung, Mord, Plünderung und wer weiß welche Greuel vor ihrer erschreckten
Phantasie aus der Erde wachsen. Die Konstituierung des Sicherheitsausschusses, dessen
Majorität - Stadträte, Advokaten, Staatsprokuratoren, gesetzte Leute - ihr
plötzlich eine Garantie für Leben und Eigentum bot, erfüllte sie daher mit einem
mehr als fanatischen Entzücken. Dieselben großen Kaufleute,
Türkischrotfärber, Fabrikanten, die bisher die Herren Karl Hecker, Riotte,
Höchster usw. als blutdürstige Terroristen verschrien hatten, stürzten jetzt in
Masse aufs Rathaus, umarmten ebendieselbigen angeblichen Blutsäufer mit der fieberhaftesten
Innigkeit und deponierten Tausende von Talern auf dem Tische des Sicherheitsausschusses. Es
versteht sich von selbst, daß ebendieselben begeisterten Bewunderer und Unterstützer
des Sicherheitsausschusses nach dem Ende der Bewegung nicht nur über die Bewegung selbst,
sondern auch über den Sicherheitsausschuß und seine Mitglieder die abgeschmacktesten
und gemeinsten Lügen verbreiteten und den Preußen mit derselben Innigkeit für die
Befreiung von einem Terrorismus dankten, der nie existiert hatte. Unschuldige konstitutionelle
Bürger, wie die Herren Heeker, Höchster und der Staatsprokurator Heintzmann, wurden
wieder als Schreckensmänner und Menschenfresser geschildert, denen die Verwandtschaft mit
Robespierre und Danton auf dem Gesicht geschrieben stand. Wir halten es für unsre
Schuldigkeit, unsrerseits genannte Biedermänner von dieser Anklage vollständig
freizusprechen. Im übrigen begab sich der größte Teil der hohen Bourgeoisie
möglichst rasch mit Weib und Kind unter den Schutz des Düsseldorfer
Belagerungszustandes, und nur der kleinere couragiertere Teil blieb zurück, um sein Eigentum
auf

alle Fälle zu schützen. Der
Oberbürgermeister saß während des Aufstandes verborgen in einer umgeworfenen, mit
Mist bedeckten Droschke. Das Proletariat, einig im Moment des Kampfes, spaltete sich, sobald das
Schwanken des Sicherheitsausschusses und der Kleinbürgerschaft hervortrat. Die Handwerker,
die eigentlichen Fabrikarbeiter, ein Teil der Seidenweber waren entschieden für die
Bewegung; aber sie, die den Kern des Proletariats bildeten, hatten fast gar keine Waffen. Die
Rotfärber, eine robuste, gut bezahlte Arbeiterklasse, roh und deshalb reaktionär wie
alle Fraktionen von Arbeitern, bei deren Geschäft es mehr auf Körperkraft als auf
Geschicklichkeit ankommt, waren schon in den ersten Tagen gänzlich gleichgültig
geworden. Sie allein von allen Industriearbeitern arbeiteten während der Barrikadenzeit
fort, ohne sich stören zu lassen. Das Lumpenproletariat endlich war wie überall vom
zweiten Tage der Bewegung an käuflich, verlangte morgens vom Sicherheitsausschuß
Waffen und Sold und ließ sich nachmittags von der großen Bourgeoisie erkaufen, um
ihre Gebäude zu schützen oder um abends die Barrikaden niederzureißen. Im ganzen
stand es auf der Seite der Bourgeoisie, die ihm am besten zahlte und mit deren Geld es
während der Dauer der Bewegung sich flotte Tage machte.

Die Nachlässigkeit und Feigheit des Sicherheitsausschusses, die Uneinigkeit der
Militärkommission, in der die Partei der Untätigkeit anfangs die Majorität hatte,
verhinderten von vornherein jedes entschiedene Auftreten. Vom zweiten Tage an trat die Reaktion
ein. Von Anfang an zeigte es sich, daß in Elberfeld nur unter der Fahne der
Reichsverfassung, nur im Einverständnisse mit der kleinen Bourgeoisie auf Erfolg zu rechnen
war. Das Proletariat war einerseits gerade hier erst zu kurze Zeit aus der Versumpfung des
Schnapses und des Pietismus herausgerissen, als daß die geringste Anschauung von den
Bedingungen seiner Befreiung hätte in die Massen dringen können, andrerseits hatte es
einen zu instinktiven Haß gegen die Bourgeoisie, war es viel zu gleichgültig gegen die
bürgerliche Frage der Reichsverfassung, als daß es sich für dergleichen trikolore
Interessen hätte enthusiasmieren können. Die entschiedene Partei, die einzige, der es
mit der Verteidigung Ernst war, kam dadurch in eine schiefe Stellung. Sie erklärte sich
für die Reichsverfassung. Aber die kleine Bourgeoisie traute ihr nicht, verlästerte sie
in jeder Weise beim Volke, hemmte alle ihre Maßregeln zur Bewaffnung und Befestigung. Jeder
Befehl, der dazu dienen konnte, die Stadt wirklich in Verteidigungszustand zu setzen, wurde
sofort kontremandiert vom ersten besten Mitglied des Sicherheitsausschusses. Jeder
Spießbürger, dem man eine Barrikade vor die Türe setzte, lief sogleich aufs
Rathaus und verschaffte sich einen Gegenbefehl. Die Geldmittel zur Bezahlung der
Barrikadenarbeiter - und sie verlangten nur

das
Nötigste, um nicht zu verhungern - waren nur mit Mühe und im knappsten Maß vom
Sicherheitsausschuß herauszupressen. Der Sold und die Verpflegung der Bewaffneten wurde
unregelmäßig besorgt und war oft unzureichend. Während fünf bis sechs Tage
war weder Revue noch Appell der Bewaffneten zustande zu bringen, so daß kein Mensch
wußte, auf wieviel Kämpfer man für den Notfall rechnen konnte. Erst am
fünften Tage wurde eine Einteilung der Bewaffneten versucht, die aber nie zur
Ausführung kam und auf einer totalen Unkenntnis der Streitkräfte beruhte. Jedes
Mitglied des Sicherheitsausschusses agierte auf eigene Faust. Die widersprechendsten Befehle
durchkreuzten sich, und nur darin stimmten die meisten dieser Befehle überein, daß sie
die gemütliche Konfusion vermehrten und jeden energischen Schritt verhinderten. Dem
Proletariat wurde dadurch vollends die Bewegung verleidet, und nach wenigen Tagen erreichten die
großen Bourgeois und die Kleinbürger ihren Zweck, die Arbeiter möglichst
gleichgültig zu machen.

Als ich am 11. Mai nach Elberfeld kam, waren wenigstens 2.500-3.000 Bewaffnete vorhanden. Von
diesen Bewaffneten waren aber nur die fremden Zuzüge und die wenigen bewaffneten Elberfelder
Arbeiter zuverlässig. Die Landwehr schwankte; die Mehrzahl hatte ein gewaltiges Grauen vor
der Kettenstrafe. Sie waren anfangs wenig zahlreich, verstärkten sich aber durch den Zutritt
aller Unentschiedenen und Furchtsamen aus den übrigen Detachements. Die Bürgerwehr
endlich, hier vom Anfang an reaktionär und direkt zur Unterdrückung der Arbeiter
errichtet, erklärte sich neutral und wollte bloß ihr Eigentum schützen. Alles
dies stellte sich indes erst im Laufe der nächsten Tage heraus; inzwischen aber verlief sich
ein Teil der fremden Zuzüge und der Arbeiter, schmolz die Zahl der wirklichen
Streitkräfte infolge des Stillstandes der Bewegung zusammen, während die
Bürgerwehr immer mehr zusammenhielt und mit jedem Tage ihre reaktionären Gelüste
unverhohlener aussprach. Sie riß in den letzten Nächten schon eine Anzahl Barrikaden
nieder. Die bewaffneten Zuzüge, die im Anfang gewiß über 1.000 Mann betrugen,
hatten sich am 12. oder 13. schon auf die Hälfte reduziert, und als es endlich zu einem
Generalappell kam, stellte sich heraus, daß die ganze bewaffnete Macht, auf die man rechnen
konnte, höchstens noch 700 bis 800 Mann betrug. Landwehr und Bürgerwehr weigerten sich,
auf diesem Appell zu erscheinen.

Damit nicht genug. Das insurgierte Elberfeld war von lauter angeblich "neutralen" Orten
umgeben. Barmen, Kronenberg, Lennep, Lüttringhausen usw. hatten sich der Bewegung nicht
angeschlossen. Die revolutionären Arbeiter dieser Orte, soweit sie Waffen hatten, waren nach
Elberfeld marschiert. Die Bürgerwehr, in allen diesen Orten reines Instrument in den
Händen der

Fabrikanten zur Niederhaltung der Arbeiter,
aus den Fabrikanten, ihren Fabrikaufsehern und den von den Fabrikanten gänzlich
abhängigen Krämern zusammengesetzt, beherrschte diese Orte im Interesse der "Ordnung"
und der Fabrikanten. Die Arbeiter selbst, durch ihre mehr ländliche Zerstreuung der
politischen Bewegung ziemlich fremd gehalten, waren durch Anwendung der bekannten Zwangsmittel
und durch Verleumdung über den Charakter der Elberfelder Bewegung teilweise auf die Seite
der Fabrikanten gebracht; bei den Bauern wirkte die Verleumdung vollends unfehlbar. Dazu kam,
daß die Bewegung in eine Zeit fiel, wo nach fünfzehnmonatlicher Geschäftskrise
die Fabrikanten endlich wieder Aufträge vollauf hatten, und daß, wie bekannt, mit gut
beschäftigten Arbeitern keine Revolution zu machen ist - ein Umstand, der auch in Elberfeld
sehr bedeutend wirkte. Daß unter allen diesen Umständen die "neutralen" Nachbarn nur
ebensoviel versteckte Feinde waren, liegt auf der Hand.

Noch mehr. Die Verbindung mit den übrigen insurgierten Bezirken war keineswegs
hergestellt. Von Zeit zu Zeit kamen einzelne Leute von Hagen herüber; von Iserlohn
wußte man so gut wie gar nichts. Es boten sich einzelne Leute zu Kommissären an, aber
keinem war zu trauen. Mehrere Boten zwischen Elberfeld und Hagen sollen in Barmen und Umgegend
von der Bürgerwehr arretiert worden sein. Der einzige Ort, mit dem man in Verbindung stand,
war Solingen, und dort sah es geradeso aus wie in Elberfeld. Daß es nicht schlimmer dort
aussah, war nur der guten Organisation und der Entschlossenheit der Solinger Arbeiter zu
verdanken, die 400 bis 500 Bewaffnete nach Elberfeld geschickt hatten, [aber] immer noch stark
genug waren, ihrer Bourgeoisie und ihrer Bürgerwehr zu Hause das Gleichgewicht zu halten.
Wären die Elberfelder Arbeiter so entwickelt und so organisiert gewesen wie die Solinger,
die Chancen hätten ganz anders gestanden.

Unter diesen Umständen war nur noch eins möglich: Ergreifung einiger rascher,
energischer Maßregeln, die der Bewegung wieder Leben verliehen, ihr neue Streitkräfte
zuführten, ihre inneren Gegner lähmten und sie im ganzen bergisch-märkischen
Industriebezirk möglichst kräftig organisierten. Der erste Schritt war die Entwaffnung
der Elberfelder Bürgerwehr und die Verteilung ihrer Waffen unter die Arbeiter und die
Erhebung einer Zwangssteuer zum Unterhalt der so bewaffneten Arbeiter. Dieser Schritt brach
entschieden mit der ganzen bisherigen Schlaffheit des Sicherheitsausschusses, gab dem Proletariat
neues Leben und lähmte die Widerstandsfähigkeit der "neutralen" Distrikte. Was nachher
zu tun war, um auch aus diesen Distrikten Waffen zu erhalten, die Insurrektion weiter auszudehnen
und die Verteidigung des ganzen Bezirks regelmäßig zu organisieren, hing von dem Er-

folge dieses ersten Schrittes ab. Mit einem Beschluß
des Sicherheitsausschusses in der Hand und mit den vierhundert Solingern allein wäre
übrigens die Elberfelder Bürgerwehr im Nu entwaffnet gewesen. Ihr Heldenmut war nicht
der Rede wert.

Der Sicherheit der noch im Gefängnis gehaltenen Elberfelder Maiangeklagten bin ich die
Erklärung schuldig, daß alle diese Vorschläge einzig und allein von mir
ausgingen. Die Entwaffnung der Bürgerwehr vertrat ich vom ersten Augenblicke an, als die
Geldmittel des Sicherheitsausschusses zu schwinden begannen.

Aber der löbliche Sicherheitsausschuß fand sich durchaus nicht gemüßigt,
auf dergleichen "terroristische Maßregeln" einzugehen. Das einzige, was ich durchsetzte,
oder vielmehr mit einigen Korpsführern - die alle glücklich entkamen und teilweise
schon in Amerika sind - auf eigene Faust ausführen ließ, war die Abholung von etwa
achtzig Gewehren der Kronenberger Bürgerwehr, die auf dem dortigen Rathaus aufbewahrt
wurden. Und diese Gewehre, höchst leichtsinnig verteilt, kamen meistens in die Hände
von schnapslustigen Lumpenproletariern, die sie denselben Abend noch an die Bourgeois verkauften.
Diese Herren Bourgeois nämlich schickten Agenten unter das Volk, um möglichst viele
Gewehre aufzukaufen, und zahlten einen ziemlich hohen Preis dafür. Das Elberlelder
Lumpenproletariat hat so mehrere Hundert Gewehre den Bourgeois abgeliefert, die ihm durch die
Nachlässigkeit und Unordnung der improvisierten Behörden in die Hände geraten
waren. Mit diesen Gewehren wurden die Fabrikaufseher, die zuverlässigsten Färber etc.
etc. bewaffnet, und die Reihen der "gutgesinnten" Bürgerwehr verstärkten sich von Tage
zu Tage.

Die Herren vom Sicherheitsausschuß antworteten auf jeden Vorschlag zur bessern
Verteidigung der Stadt, das sei ja alles unnütz, die Preußen würden sich sehr
hüten zu kommen, sie würden sich nicht in die Berge wagen usw. Sie selbst wußten
sehr gut, daß sie damit die plumpsten Märchen verbreiteten, daß die Stadt von
allen Höhen selbst mit Feldgeschütz zu beschießen, daß gar nichts auf eine
nur einigermaßen ernsthafte Verteidigung eingerichtet war und daß bei dem Stillstand
der Insurrektion und der kolossalen preußischen Übermacht nur noch ganz
außerordentliche Ereignisse den Elberfelder Aufstand retten konnten.

Die preußische Generalität schien indes auch keine rechte Lust zu haben, sich auf
ein ihr so gut wie gänzlich unbekanntes Terrain zu begeben, bevor sie eine in jedem Fall
wahrhaft erdrückende Streitmacht zusammengezogen. Die vier offnen Städte Elberfeld,
Hagen, Iserlohn und Solingen imponierten diesen vorsichtigen Kriegshelden so sehr, daß sie
eine vollständige Armee von

zwanzigtausend Mann nebst
zahlreicher Kavallerie und Artillerie aus Wesel, Westfalen und den östlichen Provinzen, zum
Teil mit der Eisenbahn, herankommen und, ohne einen Angriff zu wagen, hinter der Ruhr eine
regelrechte strategische Aufstellung formieren ließen. Oberkommando und Generalstab,
rechter Flügel, Zentrum, alles war in der schönsten Ordnung, gerade als habe man eine
kolossale feindliche Armee sich gegenüber, als gelte es eine Schlacht gegen einen Bem oder
Dembinski, nicht aber einen ungleichen Kampf gegen einige hundert unorganisierter Arbeiter,
schlecht bewaffnet, fast ohne Führer und im Rücken verraten von denen, die ihnen die
Waffen in die Hand gegeben hatten.

Man weiß, wie die Insurrektion geendigt hat. Man weiß, wie die Arbeiter,
überdrüssig des ewigen Hinhaltens, der zaudernden Feigheit und des verräterischen
Einschläferns der Kleinbürgerschaft, endlich von Elberfeld auszogen, um sich nach dem
ersten besten Lande durchzuschlagen, in dem die Reichsverfassung ihnen irgendwelchen Schutz
böte. Man weiß, welche Hetzjagd auf sie durch preußische Ulanen und
aufgestachelte Bauern gemacht worden ist. Man weiß, wie sogleich nach ihrem Abzug die
große Bourgeoisie wieder hervorkroch, die Barrikaden abtragen ließ und den
herannahenden preußischen Helden Ehrenpforten baute. Man weiß, wie Hagen und Solingen
durch direkten Verrat der Bourgeoisie den Preußen in die Hände gespielt wurde und nur
Iserlohn den mit Beute schon beladenen Siegern von Dresden, dem 24. Regiment, einen
zweistündigen ungleichen Kampf lieferte.

Ein Teil der Elberfelder, Solinger und Mülheimer Arbeiter kam glücklich durch nach
der Pfalz. Hier fanden sie ihre Landsleute, die Flüchtlinge vom Prümer Zeughaussturm.
Mit diesen zusammen bildeten sie eine fast nur aus Rheinländern bestehende Kompanie im
Willichschen Freikorps. Alle ihre Kameraden müssen ihnen das Zeugnis geben, daß sie
sich, wo sie ins Feuer kamen, und namentlich in dem letzten entscheidenden Kampf an der Murg,
sehr brav geschlagen haben.

Die Elberfelder Insurrektion verdiente schon deshalb eine ausführlichere Schilderung,
weil gerade hier die Stellung der verschiedenen Klassen in der Reichsverfassungsbewegung am
schärfsten ausgesprochen, am weitesten entwickelt war. In den übrigen
bergisch-märkischen Städten glich die Bewegung vollständig der Elberfelder, nur
daß dort die Beteiligung oder Nichtbeteiligung der verschiedenen Klassen an der Bewegung
mehr durcheinanderläuft, weil dort die Klassen selbst nicht so scharf geschieden sind wie im
industriellen Zentrum des Bezirks. In der Pfalz und in Baden, wo die konzentrierte große
Industrie, mit ihr die entwickelte große Bourgeoisie fast gar nicht existiert, wo die
Klassenverhältnisse viel gemütlicher und patriarchalischer durch-

einanderschwimmen, war die Mischung der Klassen, die die
Träger der Bewegung waren, noch viel verworrener. Wir werden dies später sehen, wir
werden aber auch zugleich sehen, wie alle diese Beimischungen des Aufstandes sich
schließlich ebenfalls um die Kleinbürgerschaft als den Kristallisationskern der ganzen
Reichsverfassungsherrlichkeit gruppieren.

Die Aufstandsversuche in Rheinpreußen im Mai v.J. stellen deutlich heraus, welche
Stellung dieser Teil Deutschlands in einer revolutionären Bewegung einnehmen kann. Umzingelt
von sieben Festungen, davon drei für Deutschland ersten Ranges, fortwährend besetzt von
fast dem dritten Teil der ganzen preußischen Armee, durchschnitten in allen Richtungen von
Eisenbahnen, mit einer ganzen Dampftransportflotte zur Verfügung der Militärmacht, hat
ein rheinischer Aufstand nur unter ganz außerordentlichen Bedingungen Chance des Erfolgs.
Nur wenn die Zitadellen in den Händen des Volks sind, können die Rheinländer mit
den Waffen in der Hand etwas ausrichten. Und dieser Fall kann nur eintreten, entweder wenn die
Militärgewalt durch gewaltige äußere Ereignisse terrorisiert und kopflos gemacht
wird oder wenn das Militär sich ganz oder teilweise für die Bewegung erklärt. In
jedem andern Falle ist ein Aufstand in der Rheinprovinz von vornherein verloren. Ein rascher
Marsch der Badenser nach Frankfurt und der Pfälzer nach Trier hätte wahrscheinlich die
Wirkung gehabt, daß der Aufstand an der Mosel und in der Eifel, in Nassau und den beiden
Hessen sofort losgebrochen wäre, daß die damals noch gutgestimmten Truppen der
mittelrheinischen Staaten sich der Bewegung angeschlossen hätten. Es ist keinem Zweifel
unterworfen, daß alle rheinischen Truppen, und namentlich die ganze 7. und 8.
Artilleriebrigade, ihrem Beispiele gefolgt wären, daß sie wenigstens ihre Gesinnung
laut genug kundgegeben hätten, um der preußischen Generalität den Kopf verlieren
zu machen. Wahrscheinlich wären mehrere Festungen in die Hände des Volkes gefallen, und
wenn auch nicht Elberfeld, so war doch jedenfalls der größte Teil des linken
Rheinufers gerettet. Alles das, und vielleicht noch viel mehr, ist verlorengegangen durch die
schäbige, pfahlbürgerlich-feige Politik des hochweisen badischen Landesausschusses.

Mit der Niederlage der rheinischen Arbeiter ging auch das Blatt zugrunde, in dem allein sie
ihre Interessen offen und entschieden vertreten sahen - die "Neue Rhein[ische] Zeitung". Der
Redakteur en chef, obwohl geborner Rheinpreuße, wurde aus Preußen ausgewiesen, den
andern Redakteuren stand, den einen direkte Verhaftung, den andern sofortige Ausweisung bevor.
Die Kölner Polizei erklärte dies mit der größten Naivetät und bewies
ganz detailliert, daß sie gegen jeden genug Tatsachen wisse, um in der einen oder andern
Weise einschreiten zu können. Somit mußte das Blatt in dem Augen-

blick, wo die unerhört rasch gewachsene Verbreitung seine
Existenz mehr als sicherstellte, aufhören zu erscheinen. Die Redakteure verteilten sich auf
die verschiedenen insurgierten oder noch zu insurgierenden deutschen Länder; mehrere gingen
nach Paris, wo ein abermaliger Wendepunkt bevorstand. Es ist keiner unter ihnen, der nicht
während oder infolge der Bewegungen dieses Sommers verhaftet oder ausgewiesen worden
wäre und so das Schicksal erreicht hätte, das die Kölner Polizei so gütig
war, ihm zu bereiten. Ein Teil der Setzer ging nach der Pfalz und trat in die Armee.

Auch die rheinische Insurrektion hat tragisch enden müssen. Nachdem drei Viertel der
Rheinprovinz in Belagerungszustand versetzt, nachdem Hunderte ins Gefängnis geworfen worden,
schließt sie mit der
Erschießung dreier Prümer Zeughausstürmer am
Vorabend des Geburtstags Friedrich Wilhelms III. von Hohenzollern
. Vae victis! <Wehe den
Besiegten!>

[Die deutsche Reichsverfassungskampagne - Teil 4]

I - Rheinpreußen

III - Die Pfalz

Reichsverfassungskampagne", S. 133-145

II

Karlsruhe

Der Aufstand in Baden kam unter den günstigsten
Umständen zustande, in denen eine Insurrektion sich nur befinden kann. Das ganze Volk war
einig in dem Haß gegen eine wortbrüchige, achselträgerische und in ihren
politischen Verfolgungen grausame Regierung. Die reaktionären Klassen, Adel, Bürokratie
und große Bourgeoisie, waren wenig zahlreich. Eine große Bourgeoisie besteht
überhaupt in Baden nur embryonisch. Mit Ausnahme dieser wenigen Adeligen, Beamten und
Bourgeois, mit Ausnahme der Karlsruher und Baden-Badener vom Hof und von reichen Fremden lebenden
Krämer, mit Ausnahme einiger Heidelberger Professoren und eines halben Dutzend
Bauerndörfer um Karlsruhe war das ganze Land ungeteilt für die Bewegung. Die Armee, die
in andern Aufständen erst besiegt werden mußte, die Armee, von ihren adligen
Offizieren mehr als irgendwo anders schikaniert, seit einem Jahre von der demokratischen Partei
bearbeitet, seit kurzem durch Einführung einer Art allgemeiner Wehrpflicht noch mehr mit
rebellischen Elementen versetzt, die Armee stellte sich hier an die Spitze der Bewegung und trieb
sie sogar weiter, als die bürgerlichen Leiter der Offenburger Versammlung wollten. Die Armee
gerade war es, die in Rastatt und Karlsruhe die "Bewegung" in eine Insurrektion verwandelte.

Die insurrektionelle Regierung fand also bei ihrem Amtsantritt eine fertige Armee, reichlich
versehene Arsenal, eine vollständig organisierte Staatsmaschine, einen gefüllten
Staatsschatz und eine so gut wie einstimmige Bevölkerung vor. Sie fand ferner auf dem linken
Rheinufer, in der Pfalz, eine bereits fertige Insurrektion vor, die ihr die linke Flanke deckte;
in Rheinpreußen eine Insurrektion, die zwar stark bedroht, aber noch nicht besiegt war; in
Württemberg, in Franken, in beiden Hessen und Nassau eine allgemeine Aufregung, selbst unter
der Armee, die nur eines Funkens bedurfte, um den badischen Aufstand in ganz Süd- und
Mitteldeutschland zu wiederholen und wenigstens 50.000 bis 60.000 Mann regulärer Truppen der
Empörung zu Gebot zu stellen.

Was unter diesen Umständen zu tun war, ist so
einfach und handgreiflich, daß jetzt nach der Unterdrückung des Aufstandes jedermann
es weiß, jedermann es gleich von Anfang gesagt haben will. Es handelte sich darum, sofort
und ohne einen Augenblick zu zaudern, den Aufstand weiterzutragen nach Hessen, Darmstadt,
Frankfurt, Nassau und Württemberg. Es handelte sich darum, sofort von den disponiblen
regulären Truppen 8.000 bis 10.000 Mann zusammenzuraffen - mit der Eisenbahn konnte das in
zwei Tagen geschehen - und sie nach Frankfurt zu werfen - "zum Schutz der Nationalversammlung".
Die erschrockene hessische Regierung war durch die Schlag auf Schlag einander folgenden
Fortschritte des Aufstandes wie festgebannt; ihre Truppen waren notorisch günstig gestimmt
für die Badenser; sie, sowenig wie der Frankfurter Senat, konnten den mindesten Widerstand
leisten. Die in Frankfurt stationierten kurhessischen, württembergischen und
Darmstädter Truppen waren für die Bewegung; die dortigen Preußen - meist
Rheinländer - schwankten; die Österreicher waren wenig zahlreich. Die Ankunft der
Badenser, man mochte nun versuchen, sie zu verhindern oder nicht, mußte die Insurrektion
bis ins Herz beider Hessen und Nassaus tragen, den Rückzug der Preußen und
Östreicher nach Mainz erzwingen und die zitternde deutsche sogenannte Nationalversammlung
unter den terrorisierenden Einfluß einer insurgierten Bevölkerung und einer
insurgierten Armee stellen. Brach dann der Aufstand an der Mosel, in der Eifel, in
Württemberg und Franken nicht sofort los, so waren Mittel genug vorhanden, ihn auch in diese
Provinzen zu tragen.

Man mußte ferner die Macht der Insurrektion zentralisieren, ihr die nötigen
Geldmittel zur Verfügung stellen und durch sofortige Abschaffung aller Feudallasten die
große ackerbautreibende Mehrzahl der Bevölkerung bei der Insurrektion interessieren.
Herstellung einer gemeinsamen Zentralmacht für Krieg und Finanzen mit der Vollmacht,
Papiergeld
(1)
auszugeben, zunächst für Baden und
die Pfalz, Aufhebung aller Feudallasten in Baden und jedem von der Insurrektionsarmee besetzten
Bezirk hätten vorderhand hingereicht, um dem Aufstand einen ganz anders energischen
Charakter zu geben.

Alles das mußte jedoch im ersten Augenblick geschehen, um mit der Schnelligkeit
durchgeführt zu werden, die allein den Erfolg sichern konnte. Acht Tage nach Einsetzung des
Landesausschusses war es schon zu spät. Die rheinische Insurrektion war unterdrückt,
Württemberg und Hessen rührten sich nicht, die anfangs günstig gestimmten
Truppenteile wurden unsicher,

sie folgten schließlich
wieder ganz ihren reaktionären Offizieren. Der Aufstand hatte seinen allgemeindeutschen
Charakter verloren, er war ein rein badischer oder badisch-pfälzischer Lokalaufstand
geworden.

Wie ich nach Beendigung des Kampfes erfahren, hatte der ehemalige badische Unterleutnant F.
Sigel, der während des Aufstandes als "Oberst" und später als "Obergeneral" sich einen
mehr oder weniger zweideutigen Zwerglorbeer errang, gleich im Anfang dem Landesausschuß
einen Plan vorgelegt, nach dem man die Offensive ergreifen sollte. Dieser Plan hat das Verdienst,
den richtigen Gedanken zu enthalten, daß unter allen Umständen angegriffen werden
müsse; im übrigen ist er der abenteuerlichste, der nur vorgeschlagen werden konnte.
Sigel wollte mit einem badischen Korps zuerst nach Hohenzollern rücken und die
Hohenzollersche Republik proklamieren, sodann Stuttgart nehmen und von da, nach Insurgierung
Württembergs, auf Nürnberg marschieren und im Herzen des ebenfalls insurgierten
Frankens ein großes Lager aufschlagen. Man sieht, daß dieser Plan die moralische
Wichtigkeit Frankfurts, dessen Besitz der Insurrektion erst einen allgemeindeutschen Charakter
gab, und die strategische Wichtigkeit der Mainlinie gänzlich unberücksichtigt
ließ. Man sieht, daß er ganz andre Streitkräfte voraussetzte, als wirklich
disponibel waren, und daß er sich schließlich, nach einem vollständig
Don-Quijoteschen oder Schillschen Streifzug, ins Blaue verlief, um dem Aufstand die
stärkste, die unter allen süddeutschen Armeen einzig entschieden feindliche Armee, die

bayrische
, sofort auf die Fersen zu hetzen, noch ehe er sich durch den Übertritt der
hessischen und nassauischen Truppen verstärken konnte.

Die neue Regierung ließ sich auf gar keine Offensive ein, unter dem Vorwand, die
Soldaten seien fast sämtlich auseinander- und nach Hause gegangen. Abgesehen davon,
daß dies nur bei einzelnen wenigen Truppenteilen, namentlich beim Leibregiment, der Fall
war, so waren selbst diese auseinandergegangenen Soldaten binnen drei Tagen fast alle wieder bei
ihren Fahnen.

Die Regierung hatte übrigens ganz andere Gründe, sich gegen jede Offensive zu
sträuben.

An der Spitze der ganzen badischen Reichsverfassungsagitation stand Herr
Brentano
, ein
Advokat, der mit dem immer etwas mesquinen Ehrgeiz eines deutschen Kleinstaatenvolksmannes und
mit der anscheinenden Gesinnungstüchtigkeit, die in Süddeutschland überhaupt die
erste Bedingung aller Popularität ist, eine gewisse diplomatische Schlauheit verband, die
hinreichte, seine ganze Umgebung, mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, vollständig zu
beherrschen. Herr Brentano - es ist jetzt trivial geworden, aber

es ist richtig -, Herr Brentano und seine Partei, die stärkste
im Lande, verlangte auf der Offenburger Versammlung weiter nichts als Veränderungen der
großherzoglichen Politik, die nur mit einem
Ministerium Brentano
möglich waren.
Die Antwort des Großherzogs, die allgemeine Agitation, riefen die Rastatter
Militärrevolte hervor - gegen den Willen und die Absichten Brentanos. In dem Augenblick, als
Herr Brentano an die Spitze des Landesausschusses gesetzt wurde, war er schon überholt von
der Bewegung, mußte er sie schon zu hemmen suchen. Da kam der Krawall in Karlsruhe hinzu;
der Großherzog floh, und derselbe Umstand, der Herrn Brentano an die Spitze der Verwaltung
rief, der ihm sozusagen diktatorische Gewalt gab, vereitelte alle seine Pläne, brachte ihn
dahin, diese Gewalt gegen dieselbe Bewegung zu verwenden, die ihm die Gewalt verschafft hatte.
Während das Volk über die Entfernung des Großherzogs jubelte, saßen Herr
Brentano und sein getreuer Landesausschuß wie auf Kohlen.

Dieser Landesausschuß, fast ausschließlich aus badischen Biedermännern mit
der tüchtigsten Gesinnung und mit den unklarsten Köpfen bestehend, aus "reinen
Republikanern", die vor der Proklamierung der Republik zitterten und vor der geringsten
energischen Maßregel sich bekreuzten - dieser echte Spießbürgerausschuß
war natürlich ganz von Brentano abhängig. Die Rolle, die in Elberfeld der Advokat
Höchster übernommen hatte, diese Rolle übernahm hier auf einem etwas
größeren Terrain der Advokat Brentano. Von den drei <In der "Revue": beiden>
fremdartigen Elementen, die aus dem Gefängnis in den Landesausschuß kamen, Blind,
Fickler und Struve, wurde Blind so sehr von Brentanoschen Intrigen umsponnen, daß ihm, der
ganz allein stand, nichts übrigblieb, als in der Eigenschaft eines Vertreters von Baden ins
Exil nach Paris zu wandern; Fickler mußte eine gefährliche Mission nach Stuttgart
übernehmen; Struve erschien Herrn Brentano so wenig gefährlich, daß er ihn ruhig
im Landesausschuß duldete, ihn überwachte und ihn unpopulär zu machen suchte, was
ihm auch vollständig gelang. Man weiß, wie Struve mit mehren andern einen "Klub des
entschiedenen (oder vielmehr besonnenen) Fortschritts" stiftete, der nach einer verfehlten
Demonstration aufgelöst wurde. Wenige Tage nachher war Struve in der Pfalz, mehr oder
weniger "Flüchtling", und versuchte dort abermals seinen "Deutschen Zuschauer"
herauszugeben. Die Probenummer war kaum erschienen, als die Preußen einrückten.

Der Landesausschuß, von vornherein ein reines Werkzeug Brentanos, erwählte ein
Exekutivkomitee, an dessen Spitze abermals Brentano stand. Dieses

Exekutivkomitee ersetzte sehr bald den Landesausschuß fast
ganz, ließ sich höchstens von ihm die Kredite und die getroffenen Maßregeln
bestätigen und entfernte die mehr oder weniger unzuverlässigen Mitglieder des
größeren Ausschusses durch allerlei untergeordnete Missionen in die Kreise oder zur
Armee. Endlich beseitigte es den Landesausschuß vollständig durch die ganz unter
Brentanos Einfluß gewählte "Konstituante" und verwandelte sich in eine "provisorische
Regierung", deren Haupt natürlich abermals Herr Brentano war. Er war es, der die Minister
ernannte. Und welche Minister - Florian Mördes und Mayerhofer!

Herr Brentano war der vollkommenste Repräsentant des badischen Kleinbürgertums. Er
unterschied sich von der Masse der Kleinbürger und ihren sonstigen Repräsentanten nur
dadurch, daß er zu einsichtig war, um alle ihre Illusionen zu teilen. Herr Brentano hat die
badische Insurrektion vom ersten Augenblick an verraten, und gerade deswegen,
weil
er die
Lage der Dinge vom ersten Augenblick an richtiger erkannte als irgendeine andere offizielle
Person in Baden, weil er die einzigen Maßregeln ergriff, die der Kleinbürgerschaft die
Herrschaft bewahren, aber ebendeshalb auch die ganze Insurrektion zugrunde richten mußten.
Dies ist das Geheimnis der damaligen grenzenlosen Popularität Brentanos und zugleich das
Geheimnis der Beschimpfungen, die seit Juli von seinen ehemaligen Verehrern auf ihn gehäuft
werden. Die badischen Kleinbürger waren der Masse nach ebensogut Verräter wie Brentano;
sie waren zu gleicher Zeit düpiert, was er nicht war. Sie verrieten aus Feigheit, sie
ließen sich düpieren aus Dummheit.

In Baden, wie überhaupt in Süddeutschland, gibt es fast gar keine große
Bourgeoisie. Die Industrie und der Handel des Landes sind unbedeutend. Es gibt daher auch nur ein
sehr wenig zahlreiches, sehr zersplittertes, wenig entwickeltes Proletariat. Die Masse der
Bevölkerung teilt sich in Bauern (die Mehrzahl), Kleinbürger und Handwerksgesellen. Die
letzteren, die städtischen Arbeiter, in kleinen Städten zerstreut, ohne irgendein
größeres Zentrum, in dem sich eine selbständige Arbeiterpartei ausbilden
könnte, stehen oder standen wenigstens bisher unter dem vorwiegenden gesellschaftlichen und
politischen Einfluß der Kleinbürger. Die Bauern, noch mehr über die
Oberfläche des Landes zerstreut, ohne Bildungsmittel, haben mit den Kleinbürgern
ohnehin teils zusammenfallende, teils sozusagen parallellaufende Interessen und standen daher
ebenfalls unter ihrer politischen Vormundschaft. Die Kleinbürger, vertreten durch Advokaten,
Ärzte, Schulmeister, einzelne Kaufleute und Buchhändler, beherrschten also teils
direkt, teils durch ihre Vertreter die ganze politische Bewegung in Baden seit dem März
1848.

Dieser Abwesenheit des Gegensatzes von Bourgeoisie und Proletariat und

dem daraus hervorgehenden politischen Übergewicht der
Kleinbürgerschaft ist es zuzuschreiben, daß eine sozialistische Agitation in Baden
eigentlich nie existiert hat. Die sozialistischen Elemente, die von außen hineinkamen, sei
es durch Arbeiter, die in entwickelteren Ländern gewesen waren, sei es durch den
Einfluß der französischen oder deutschen sozialistischen und kommunistischen
Literatur, konnten sich nie Bahn brechen. Das rote Band und die rote Fahne bedeuteten in Baden
nichts andres als die bürgerliche Republik, wenn es hoch kam, mit etwas Terrorismus
versetzt, und die von Herrn Struve entdeckten "sechs Geißeln der Menschheit", so
bürgerlich unschuldig sie sind, waren das Äußerste, das bei der Masse noch
Anklang finden konnte. Das höchste Ideal des badischen Kleinbürgers und Bauern blieb
immer die kleine bürgerlich-bäuerliche Republik, wie sie in der Schweiz seit 1830
besteht. Ein kleines Tätigkeitsfeld für kleine, bescheidene Leute, der Staat eine etwas
vergrößerte Gemeinde, ein "Kanton"; eine kleine, stabile, auf Handarbeit
gestützte Industrie, die einen ebenso stabilen und schläfrigen Gesellschaftszustand
bedingt; wenig Reichtum, wenig Armut, lauter Mittelstand und Mittelmäßigkeit; kein
Fürst, keine Zivilliste, keine stehende Armee, fast keine Steuern; keine aktive Beteiligung
an der Geschichte, keine auswärtige Politik, lauter inländischer kleiner Lokalklatsch
und kleine Zänkereien en famille <unter sich>; keine große Industrie, keine
Eisenbahnen, kein Welthandel, keine sozialen Kollisionen zwischen Millionären und
Proletariern, sondern ein stilles, gemütliches Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit,
in der kleinen, geschichtslosen Bescheidenheit zufriedener Seelen - das ist das sanfte Arkadien,
das im größten Teile der Schweiz existiert und für dessen Einführung der
badische Kleinbürger und Bauer seit Jahren geschwärmt hat. Und erweitert sich in
Momenten kühnerer Begeisterung der Gedanke des badischen und, sagen wir es, des
süddeutschen Kleinbürgers überhaupt zu der Vorstellung von ganz Deutschland, so
schwebt ihm das Ideal von Deutschlands Zukunft vor in der Gestalt einer vergrößerten
Schweiz, in der Gestalt der Föderativrepublik. So hat auch Herr Struve in einer
Broschüre Deutschland bereits in 24 Kantone mit ebensoviel Landammännern und
großen und kleinen Räten eingeteilt und sogar die Landkarte mit der fertigen
Einteilung der Broschüre beigeheftet. Könnte Deutschland sich jemals in ein solches
Arkadien verwandeln, so wäre es damit auf einer Stufe der Erniedrigung angekommen, von der
es bisher selbst in seinen schmachvollsten Zeiten keine Ahnung hatte.

Die süddeutschen Kleinbürger hatten inzwischen schon mehr als einmal die Erfahrung
gemacht, daß eine Revolution, und trüge sie auch ihre eigene

bürgerlich-republikanische Fahne, ihr geliebtes stilles
Arkadien sehr leicht im Strudel weit kolossalerer Konflikte, wirklicher Klassenkämpfe, mit
wegschwemmen könnte. Daher die Furcht der Kleinbürger nicht nur vor jeder
revolutionären Erschütterung, sondern auch vor ihrem eignen Ideal der föderierten
Tabak- und Bierrepublik. Daher ihre Begeisterung für die Reichsverfassung, die wenigstens
ihre nächsten Interessen befriedigte und ihnen Hoffnung gab, bei dem bloß suspensiven
Veto des Kaisers die Republik zu gelegener Zeit auf gesetzlichem Wege einzuführen. Daher
ihre Überraschung, als das badische Militär ihnen ungefragt eine fertige Insurrektion
auf dem Präsentierteller überreichte, daher ihre Furcht, die Insurrektion über die
Grenzen des zukünftigen Kantons Baden hinaus zu verbreiten. Die Feuersbrunst hätte ja
auch einmal Gegenden ergreifen können, in denen es große Bourgeois und massenhaftes
Proletariat gab, Gegenden, in denen sie dem Proletariat die Gewalt in die Hand legte, und dann -
wehe dem Eigentum!

Was tat unter diesen Umständen Herr Brentano?

Was die Kleinbürgerschaft in Rheinpreußen mit Bewußtsein getan hatte, tat er
in Baden für die Kleinbürgerschaft: Er verriet die Insurrektion, aber er rettete die
Kleinbürgerschaft.

Keineswegs durch seine letzten Handlungen, durch seine Flucht nach der Niederlage an der Murg,
wie der endlich enttäuschte badische Kleinbürger sich einbildete, sondern vom ersten
Augenblick an verriet Brentano die Insurrektion. Gerade die Maßregeln, denen die badischen
Spießbürger und mit ihnen ein Teil der Bauern und selbst die Handwerker am meisten
zujubelten, gerade diese Maßregeln verrieten die Bewegung an Preußen. Gerade dadurch,
daß Brentano verriet, wurde er so populär, kettete er den fanatischen Enthusiasmus des
Spießbürgers an seine Fersen. Der kleine Bürger übersah den Verrat an der
Bewegung über der raschen Herstellung der Ordnung und Sicherheit, über der
augenblicklichen Hemmung der Bewegung selbst; und als es zu spät war, als er, in der
Bewegung kompromittiert, die Bewegung und sich mit ihr verloren sah, schrie er über Verrat,
fiel er mit der ganzen Entrüstung des geprellten Biedermannes über seinen treuesten
Diener her.

Herr Brentano freilich ist auch geprellt worden. Er hoffte als großer Mann der
"gemäßigten" Partei, d.h. eben der Kleinbürgerschaft, aus der Bewegung
hervorzugehn, und er hat bei Nacht und Nebel schmählich ausreißen müssen vor
seiner eignen Partei, vor seinen besten Freunden, denen plötzlich ein erschreckendes Licht
aufging. Er hoffte sich sogar die Möglichkeit eines großherzoglichen Ministerpostens
offenhalten zu können und hat zum Dank für seine Klugheit die Fußtritte aller
Parteien, die Unmöglichkeit, jemals auch nur noch irgendeine Rolle spielen zu können.
Aber freilich, man

kann gescheuter sein als sämtliche
Kleinbürger irgendeines deutschen Raubstaats und darum doch seine schönsten Hoffnungen
geknickt, seine edelsten Absichten mit Kot beworfen sehn!

Von dem ersten Tage seiner Regierung an tat Herr Brentano alles, um die Bewegung in das
spießbürgerliche Bett einzudämmen, das sie zu überschreiten kaum versucht
hatte. Unter dem Schutz der Karlsruher, dem Großherzog ergebenen Bürgerwehr, derselben
Bürgerwehr, die sich den Tag zuvor noch gegen die Bewegung geschlagen hatte, zog er ins
Ständehaus ein, um von hier aus die Bewegung zu zügeln. Die Rückberufung der
desertierten Soldaten geschah mit möglichster Schläfrigkeit; die Reorganisierung der
Bataillone wurde nicht rascher betrieben. Dagegen bewaffnete man sofort die Mannheimer
entwaffneten Spießbürger, von denen jeder wußte, daß sie sich nicht
schlagen würden, und die nach dem Waghäuseler Gefecht sich sogar dem Verrat Mannheims
durch ein Dragonerregiment zum großen Teil angeschlossen haben. Von einem Marsche nach
Frankfurt oder Stuttgart, von einer Verbreitung der Insurrektion nach Nassau oder Hessen war gar
nicht die Rede. Wurde ein Vorschlag der Art gemacht, so war er auch sogleich beseitigt, wie der
Sigelsche. Von der Emittierung von Papiergeld zu sprechen, hätte für ein
Staatsverbrechen, für kommunistisch gegolten. Die Pfalz schickte Gesandte über
Gesandte: Sie sei waffenlos, sie habe keine Gewehre, von Artillerie gar nicht zu sprechen, keine
Munition, sie bedürfe alles dessen, was zur Durchführung einer Insurrektion und
namentlich zur Einnahme der Festungen Landau und Germersheim nötig sei; aber von Herrn
Brentano war nichts zu erhalten. Sie trug auf sofortige Einsetzung eines gemeinsamen
Militärkommandos, ja auf Vereinigung beider Länder unter einer einzigen gemeinsamen
Regierung an. Alles wurde verschleppt und verzögert. Ein kleiner Geldzuschuß ist,
glaube ich, das einzige, was die Pfalz bekommen konnte; später, als es zu spät war,
kamen acht Geschütze mit etwas Munition, ohne Bedienung und Bespannung, und endlich auf
Mieroslawskis direkten Befehl ein badisches Bataillon und zwei Mörser, von denen, wenn ich
mich recht erinnere, einer einen Schuß getan hat.

Mit dieser Verschleppung und Beseitigung der notwendigsten Maßregeln, die die
Insurrektion hätten weitertragen können, war die ganze Bewegung schon verraten. Nach
innen wurde mit derselben Nonchalance verfahren. Von Aufhebung der Feudallasten war keine Rede;
Herr Brentano wußte sehr gut, daß in den Bauern mehr revolutionäre Elemente
steckten, namentlich im Oberland, als ihm lieb war, und daß er sie daher eher
zurückhalten als noch tiefer in die Bewegung schleudern müsse. Die neuen Beamten waren
meist Kreaturen Brentanos oder total unfähig; die alten Beamten, mit Ausnahme

derer, die zu direkt bei der Reaktion der letzten zwölf Monate
kompromittiert und daher von selbst desertiert waren, behielten sämtlich ihre Stellen, zum
großen Entzücken aller ruhigen Bürger. Sogar Herr Struve fand noch in den letzten
Tagen des Mai an der "Revolution" zu loben, daß alles so hübsch ruhig abgegangen sei
und fast alle Beamten in ihren Stellen hätten bleiben können. - Im übrigen wirkten
Herr Brentano und seine Agenten dahin, daß alles, wo möglich, ins alte Geleis
zurückkehre, daß möglichst wenig Unruhe und Aufregung herrsche und das
revolutionäre Exterieur des Landes baldigst verschwinde.

In der Militärorganisation herrschte derselbe Schlendrian. Man tat nicht mehr, als was
man unmöglich unterlassen konnte. Die Truppen wurden ohne Führer, ohne
Beschäftigung, ohne Ordnung gelassen; der unfähige "Kriegsminister" Eichfeld und sein
Nachfolger, der Verräter Mayerhofer, wußten sie nicht einmal erträglich zu
dislozieren. Die Truppenkonvois kreuzten sich auf der Eisenbahn, ohne Zweck, ohne Resultat. Die
Bataillone wurden heute hierhin geführt, morgen wieder zurück, kein Mensch konnte
absehen, weshalb. In den Garnisonen zogen sie von einem Wirtshaus ins andere, weil sie nichts
anderes zu tun hatten. Es schien, als sollten sie absichtlich demoralisiert werden, als wolle die
Regierung ihnen den letzten Rest von Disziplin geradezu austreiben. Die Organisation des ersten
Aufgebots der sogenannten Volkswehr, d.h. aller waffenfähigen Mannschaft bis zu 30 Jahren,
wurde dem bekannten Joh. Ph. Becker, einem naturalisierten Schweizer und Offizier der
eidgenössischen Armee, übertragen. Inwieweit Becker von Brentano in der Ausführung
seiner Mission gehemmt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, daß Brentano nach
dem Rückzuge der Pfälzer Armee auf badisches Gebiet, als die gebieterischen Forderungen
der schlechtbekleideten und schlechtbewaffneten Pfälzer sich nicht mehr zurückweisen
ließen - daß Brentano damals mit folgenden Worten seine Hände in Unschuld wusch:
"Meinetwegen gebt ihnen, was ihr wollt; aber wenn der Großherzog wiederkommt, so soll er
wenigstens wissen, wer ihm seine Vorräte so verschleudert hat!" Wenn also die badische
Volkswehr teils schlecht, teils gar nicht organisiert war, so ist nicht zu zweifeln, daß
die Hauptschuld auch hier auf Brentano und auf den schlechten Willen oder die Ungeschicklichkeit
seiner Kommissäre in den einzelnen Kreisen fällt.

Als Marx und ich nach der Unterdrückung der "Neuen Rheinischen Zeitung" zuerst auf
badisches Gebiet kamen - es mochte der 20. oder 21. Mai sein, also mehr als acht Tage nach der
Flucht des Großherzogs -, waren wir erstaunt über die enorme Sorglosigkeit, mit der
die Grenze bewacht oder vielmehr nicht bewacht wurde. Von Frankfurt bis Heppenheim die ganze
Eisen-

bahn mit württembergischen und hessischen
Reichstruppen besetzt; Frankfurt und Darmstadt selbst voll von Militär; alle Bahnhöfe,
alle Ortschaften von starken Detachements okkupiert; regelmäßige Vorposten
vorgeschoben bis an die Grenze. Von der Grenze bis Weinheim dagegen auch nicht ein Mann zu sehen;
in Weinheim ebenso. Die einzigste Vorsichtsmaßregel war die Demolierung einer kurzen
Strecke der Eisenbahn zwischen Heppenheim und Weinheim. Erst während unsrer Anwesenheit traf
ein schwaches Detachement des Leibregiments, höchstens 25 Mann, in Weinheim ein. Von
Weinheim bis Mannheim herrschte wieder der tiefste Friede; höchstens hier und da ein
einzelner, überlustiger Volkswehrmann, der eher versprengt oder desertiert als im Dienst
befindlich schien. Von Grenzkontrolle war natürlich erst recht keine Rede. Man ging hinein
oder heraus, wie man wollte.

In Mannheim sah es allerdings schon etwas kriegerischer aus. Haufen von Soldaten standen auf
der Straße oder saßen in den Wirtshäusern. Die Volkswehr und Bürgerwehr
exerzierte im Park, meist freilich noch sehr unbeholfen und mit schlechten Instruktoren. Auf dem
Rathaus saßen eine Menge Komitees, alte und neue Offiziere, Uniformen und Blusen. Das Volk
mischte sich unter die Soldaten und Freischärler, es wurde viel gezecht, viel gelacht, viel
karessiert. Aber man sah gleich, daß der erste Aufschwung schon vorüber, daß
viele unangenehm enttäuscht waren. Die Soldaten waren malkontent; wir haben die Insurrektion
gemacht, sagten sie, und jetzt, wo die Bürgerlichen an die Reihe kommen und die Leitung
übernehmen sollen, jetzt lassen sie alles ins Stocken geraten und verderben! Die Soldaten
waren mit ihren neuen Offizieren auch nicht recht zufrieden; die neuen Offiziere waren gespannt
mit den früheren großherzoglichen, deren damals noch viele da waren, obwohl
täglich einige desertierten; die alten Offiziere fanden sich wider Willen in eine fatale
Stellung versetzt, aus der sie nicht wußten, wie sie herauskommen sollten. Über den
Mangel an energischer und fähiger Leitung endlich wurde überall geklagt.

Auf der andern Rheinseite, in Ludwigshafen, trat uns die Bewegung in einer viel heiteren
Gestalt entgegen. Während in Mannheim noch eine Masse junger Leute, die offenbar zum ersten
Aufgebot gehörten, ruhig ihren Geschäften nachgingen, als ob gar nichts geschehen sei,
war hier alles bewaffnet. Es war freilich nicht überall so in der Pfalz, wie sich
später zeigte. Die größte Einstimmigkeit herrschte in Ludwigshafen zwischen
Freischärlern und Militär. In den Wirtshäusern, die natürlich auch hier
überfüllt waren, ertönten die Marseillaise und andre derartige Lieder. Man klagte
nicht, man murrte nicht, man lachte, man war mit Leib und Seele bei der Bewegung und machte sich
damals, besonders beim Füsilier und Freischärler, noch sehr

verzeihliche und unschuldige Illusionen über seine eigne
Unüberwindlichkeit.

In Karlsruhe nahm die Sache schon größere Feierlichkeit an. Im Pariser Hof war
Table d'hôte <gemeinschaftliche Gasthaustafel> um ein Uhr angesagt. Aber es wurde
nicht angefangen, bis "die Herren vom Landesausschuß" gekommen waren. Dergleichen kleine
Aufmerksamkeiten gaben der Bewegung schon einen wohltuenden bürokratischen Anstrich.

Wir sprachen gegen verschiedene Herren vom Landesausschuß die oben entwickelte Ansicht
aus, daß gleich im Anfang nach Frankfurt hätte marschiert und dadurch die Insurrektion
weiter ausgedehnt werden müssen, daß es jetzt höchstwahrscheinlich schon zu
spät und daß ohne entscheidende Schläge in Ungarn oder ohne eine neue Revolution
in Paris die ganze Bewegung schon jetzt rettungslos verloren sei. Man kann sich die
Entrüstung nicht denken, die bei solchen ketzerischen Behauptungen unter diesen Bürgern
vom Landesausschuß losbrach. Blind und Goegg allein waren auf unsrer Seite. Jetzt, nachdem
die Ereignisse uns recht gegeben, haben dieselben Herren natürlich von jeher auf die
Offensive gedrungen.

In Karlsruhe traf man damals schon die ersten Anfänge jener großartigen
Stellenjägerei, die sich unter dem ebenso großartigen Titel einer "Konzentrierung
aller demokratischen Kräfte Deutschlands" als Vaterlandsrettung brüstete. Wer nur
jemals in irgendeinem Klub mehr oder minder konfus deklamiert, im entferntesten demokratischen
Winkelblättchen einmal zum Haß gegen Tyrannen aufgefordert hatte, eilte nach Karlsruhe
oder Kaiserslautern, um dort sogleich ein großer Mann zu werden. Daß die Leistungen
den hier konzentrierten Kräften vollständig entsprachen, braucht wohl nicht erst
ausdrücklich versichert zu werden. - So befand sich hier in Karlsruhe ein bekannter,
angeblich philosophischer Atta Troll, Exabgeordneter zur Frankfurter Versammlung und Exredakteur
eines von Manteuffel trotz der Anerbietungen unsers Atta Troll unterdrückten, angeblich
demokratischen Blättchens. Atta Troll angelte mit großer Emsigkeit nach dem
Pöstchen des badischen Gesandten in Paris, zu dem er sich besonders berufen hielt, weil er
seinerzeit zwei Jahre in Paris gewesen war und dort kein Französisch gelernt hatte. Er war
auch wirklich so glücklich, Herrn Brentano das Kreditiv abzulocken, und packte eben seine
Koffer, als Brentano ihn plötzlich rufen ließ und ihm das Beglaubigungsschreiben
wieder aus der Tasche nahm. Es versteht sich, daß Atta Troll jetzt, Herrn Brentano zum
Trotz, erst recht nach Paris reiste. - Ein anderer gesinnungstüchtiger Bürger, der
schon seit

einigen Jahren Deutschland mit Revolutionierung
und Republikanisierung gedroht hatte, Herr Heinzen, befand sich ebenfalls in Karlsruhe. Dieser
Biedermann hatte bekanntlich vor der Februarrevolution überall und immer zum "Dreinschlagen"
aufgerufen, hatte es aber nach dieser Revolution für geratener gehalten, den verschiedenen
deutschen Insurrektionen von den neutralen Hochgebirgen der Schweiz aus zuzusehen. Jetzt endlich
schien ihm die Lust zu kommen, auch einmal auf die "Dränger" dreinzuschlagen. Nach seinem
früheren Ausspruche: "Kossuth ist ein großer Mann, aber Kossuth hat das

Knallsilber
vergessen", war zu erwarten, daß er
sofort
die kolossalsten,
bisher ungeahnten Zerstörungskräfte gegen die Preußen organisieren werde.
Keineswegs. Da höherstrebende Pläne nicht anwendbar schienen, begnügte sich unser
Tyrannenhasser, wie es heißt, mit der Bildung eines republikanischen Elitekorps, schrieb
inzwischen Artikel zugunsten Brentanos in die "Karlsruher Zeitung" und besuchte den Klub des
entschiedenen Fortschritts. Der Klub wurde aufgelöst, die republikanische Elite kam nicht,
und Herr Heinzen merkte endlich, daß selbst er die Brentanosche Politik nicht länger
verteidigen könne. Verkannt, verbraucht, verdrießlich ging er zunächst ins
badische Oberland und von da in die Schweiz, ohne einen einzigen Dränger erschlagen zu
haben. Er rächt sich jetzt an ihnen, indem er sie von London aus in effigie <im
Geiste> millionenweise guillotiniert.

Wir verließen Karlsruhe am nächsten Morgen, um die Pfalz zu besuchen. Von dem
weitern Verlauf der badischen Insurrektion brauche ich in bezug auf die Leitung der allgemeinen
Politik und der Zivilverwaltung nur noch wenig zu sagen. Als Brentano sich stark genug
fühlte, vernichtete er die zahme Opposition, die ihm der Klub des entschiedenen Fortschritts
machte, mit einem Schlage. Die "konstituierende Versammlung", unter dem Einfluß der
immensen Popularität Brentanos und der alles regierenden Kleinbürgerschaft
gewählt, gab ihr Ja und Amen zu allen seinen Schritten. Die "provisorische Regierung mit
diktatorischer Gewalt" (eine Diktatur unter einem angeblichen Konvent!) war ganz unter seiner
Leitung. So regierte er fort, hemmte die revolutionäre und militärische Entwicklung der
Insurrektion, ließ die laufenden Geschäfte tant bien que mal <recht und
schlecht> besorgen und bewachte eifersüchtig die Vorräte und das Privateigentum des
Großherzogs, den er fortwährend als seinen legitimen Souverän von Gottes Gnaden
behandelte. In der "Karlsruher Zeitung" erklärte er, der Großherzog könne jeden
Augenblick zurückkommen, und wirklich blieb das Schloß während der ganzen Zeit
verschlossen, als sei sein Bewohner bloß verreist. Die Pfälzer Abgesandten hielt

er mit unbestimmten Antworten von einem Tage zum andern
hin; das Höchste, was zu erreichen war, war das gemeinsame Militärkommando unter
Mieroslawski und - ein Vertrag wegen Aufhebung des Mannheim-Ludwigshafener Brückenzolls, der
Herrn Brentano indes nicht verhinderte, diesen Zoll auf der Mannheimer Seite forterheben zu
lassen.

Als endlich Mieroslawski nach dem Gefechte bei Waghäusel und Ubstadt die Trümmer
seiner Armee durch das Gebirg bis hinter die Murg zurückziehen mußte, als Karlsruhe
mit einer Masse Vorräten aufgegeben werden mußte, als die Niederlage an der Murg das
Schicksal der Bewegung entschied, da verschwanden die Illusionen der badischen Bürger,
Bauern und Soldaten, da erhob sich ein allgemeiner Ruf, Brentano habe verraten. Mit einem Schlage
war das ganze, durch die Feigheit der Kleinbürger, durch die Unselbständigkeit der
Bauern, durch den Mangel an Konzentrierung der Arbeiter aufrechtehaltene Gebäude der
Popularität Brentanos vernichtet. Brentano floh bei Nacht und Nebel nach der Schweiz,
verfolgt von dem Vorwurfe des Volksverrats, mit dem ihn seine eigene "Konstituante" brandmarkte,
und verbarg sich in Feuerthalen im Kanton Zürich.

Man könnte sich dabei beruhigen, daß Herr Brentano durch den gänzlichen Ruin
seiner politischen Stellung, durch die allgemeine Verachtung aller Parteien für seinen
Verrat genug gezüchtigt ist. An dem Untergang der badischen Bewegung liegt nicht viel. Der
13. Juni in Paris und die Weigerung Görgeys, auf Wien zu marschieren, vernichteten alle
Chancen, die Baden und die Pfalz noch hatten, selbst wenn es gelungen wäre, die Bewegung
nach Hessen, Württemberg und Franken zu verpflanzen. Man wäre ehrenvoller gefallen,
aber gefallen wäre man. Was aber die revolutionäre Partei Herrn Brentano nie vergessen
wird, was sie den feigen badischen Kleinbürgern, die ihn aufrechterhielten, nie vergessen
wird, das ist, daß sie direkt schuld sind an dem Tode der in Karlsruhe, in Freiburg und in
Rastatt Erschossenen und der zahllosen und namenlosen Opfer, die die Preußen vermittelst
des Typhus in den Rastatter Kasematten im stillen hingerichtet haben.

Im zweiten Hefte dieser "Revue" werde ich die Zustände in der Pfalz und zum
Beschluß die badisch-pfälzische Kampagne schildern.

Fußnoten

(1)
Die badischen Kammern hatten früher schon eine Emission von zwei
Millionen Papiergeld genehmigt, von denen noch kein Kreuzer ausgegeben war.

[Die deutsche Reichsverfassungskampagne - Teil 5]

II - Karlsruhe
IV -
Für Republik zu sterben!

Reichsverfassungskampagne", S. 133-161

III

Die Pfalz

Von Karlsruhe gingen wir nach der Pfalz, und zwar
zunächst nach Speyer, wo sich d'Ester und die provisorische Regierung befinden sollten. Sie
waren indes schon nach Kaiserslautern abgereist, wo die Regierung als am "strategisch gelegensten
Punkte der Pfalz" ihren endlichen Sitz aufschlug. Statt ihrer fanden wir in Speyer Willich mit
seinen Freischärlern. Er hielt mit einem Korps von ein paar hundert Mann die Garnisonen von
Landau und Germersheim, zusammen über 4.000 Mann, im Schach, schnitt ihnen die Zufuhren ab
und molestierte sie auf jede mögliche Weise. Denselben Tag hatte er mit ungefähr 80
Schützen zwei Kompanien der Germersheimer Garnison angegriffen und, ohne einen Schuß
zu tun, sie in die Festung zurückgejagt. Am nächsten Morgen fuhren wir mit Willich nach
Kaiserslautern, wo wir d'Ester, die provisorische Regierung und die Blüte der deutschen
Demokratie überhaupt antrafen. Von einer offiziellen Beteiligung an der Bewegung, die unsrer
Partei ganz fremd stand, konnte natürlich auch hier keine Rede sein. Wir gingen also nach
ein paar Tagen nach Bingen zurück, wurden unterwegs, in Gesellschaft mehrerer Freunde, von
den hessischen Truppen, als der Teilnahme am Aufstande verdächtig, verhaftet, nach Darmstadt
und von da nach Frankfurt transportiert und hier endlich wieder freigegeben.

Kurz nachher verließen wir Bingen, und Marx ging mit einem Mandat des demokratischen
Zentralausschusses nach Paris, wo ein entscheidendes Ereignis nahe bevorstand, um bei den
französischen Sozialdemokraten die deutsche revolutionäre Partei zu vertreten. Ich ging
nach Kaiserslautern zurück, um dort einstweilen als einfacher politischer Flüchtling zu
leben und später vielleicht, wenn sich eine passende Gelegenheit bieten sollte, beim
Ausbruch des Kampfes die einzige Stellung einzunehmen, die die "Neue Rheinische Zeitung" in
dieser Bewegung einnehmen konnte: die des Soldaten.

Wer die Pfalz nur einmal gesehen hat, begreift, daß eine Bewegung in diesem weinreichen
und weinseligen Lande einen höchst heitern Charakter

annehmen mußte. Man hatte sich endlich einmal die schwerfälligen, pedantischen
altbayrischen Bierseelen vom Halse geschafft und an ihrer Stelle fidele pfälzische
Schoppenstecher zu Beamten ernannt. Man war endlich jene tiefsinnig tuende bayrische
Polizeischikane los, die in den sonst so ledernen "Fliegenden Blättern" ergötzlich
genug persifliert wurde und die dem flotten Pfälzer schwerer auf dem Herzen lag als irgend
etwas andres. Die Herstellung der Kneipfreiheit war der erste revolutionäre Akt des
pfälzischen Volks: Die ganze Pfalz verwandelte sich in eine große Schenke, und die
Massen geistigen Trankes, die "im Namen des pfälzischen Volks" während dieser sechs
Wochen verzehrt wurden, übersteigen alle Berechnung. Obwohl in der Pfalz die aktive
Teilnahme an der Bewegung lange nicht so groß war als in Baden, obwohl es hier viele
reaktionäre Bezirke gab, war doch die ganze Bevölkerung einstimmig in dieser
allgemeinen Schoppenstecherei, wurde selbst der reaktionärste Spießbürger und
Bauer hineingerissen in die allgemeine Heiterkeit.

Man brauchte eben keinen großen Scharfblick, um zu erkennen, welche unangenehme
Enttäuschung in wenigen Wochen die preußische Armee über diese vergnügten
Pfälzer bringen werde. Und doch waren die Leute in der Pfalz zu zählen, die nicht in
der größten Sicherheit schwelgten. Daß die Preußen kommen würden,
daran glaubten die wenigsten, daß sie aber, wenn sie kämen, mit der größten
Leichtigkeit wieder hinausgeschlagen würden, das stand allgemein fest. Jene
gesinnungstüchtige Finsterkeit, deren Motto "Ernst ist der Mann" allen badischen
Volkswehroffizieren auf der Stirn geschrieben stand und die dennoch keineswegs alle jene
Wunderdinge verhinderte, von denen ich später zu erzählen haben werde - jene biedre
Feierlichkeit, die der spießbürgerliche Charakter der Bewegung der Mehrzahl ihrer
Teilnehmer in Baden aufgedrückt hatte, existierte hier zwar nicht. In der Pfalz war der Mann
nur nebenbei "ernst". Die "Begeisterung" und der "Ernst" dienten hier nur dazu, die allgemeine
Lustigkeit zu beschönigen. Aber man war immer "ernst" und "begeistert" genug, um sich allen
Mächten der Welt, und namentlich der preußischen Armee gegenüber,
unüberwindlich zu glauben; und wenn in stillen Stunden der Sammlung einmal ein leiser
Zweifel aufstieg, so wurde er mit dem unwiderleglichen Argument beseitigt: Wenn dem auch so
wäre, so dürfte man es doch nicht sagen. Je länger die Bewegung sich hinausspann,
je unleugbarer und massenhafter die preußischen Bataillone sich von Saarbrücken bis
Kreuznach konzentrierten, desto häufiger wurden freilich diese Zweifel, desto heftiger wurde
aber auch, grade bei den Zweifelnden und Ängstlichen, die Renommage mit der
Unüberwindlichkeit eines "Volks, das für seine Freiheit begeistert ist", wie man die
Pfälzer nannte. Diese Renommage entwickelte sich bald zu einem vollständigen
Einschläferungssystem, das, von der

Regierung nur zu
sehr begünstigt, alle Tätigkeit in den Verteidigungsmaßregeln erschlaffte und
jeden, der dagegen opponierte, der Gefahr einer Verhaftung als Reaktionär aussetzte.

Diese Sicherheit, diese Renommage mit der "Begeisterung" und ihrer Allmacht, verbunden mit
ihren winzigen materiellen Mitteln und mit dem kleinen Terrainwinkel, auf dem sie sich geltend
machte, lieferte die komische Seite der pfälzischen "Erhebung" und bot den wenigen Leuten,
deren avancierte Ansichten und unabhängige Stellung ein freies Urteil erlaubten, Stoff genug
zur Erheiterung.

Die ganze äußere Erscheinung der Pfälzer Bewegung trug einen heitern,
sorglosen und ungenierten Charakter. Während in Baden jeder neuernannte Unterleutnant, Linie
und Volkswehr, sich in eine schwere Uniform einschnürte und mit silbernen Epauletten
paradierte, die später, am Tage des Gefechts, sofort in die Taschen wanderten, war man in
der Pfalz viel vernünftiger. Sowie die große Hitze der ersten Junitage sich
fühlen ließ, verschwanden alle Tuchröcke, Westen und Krawatten, um einer leichten
Bluse Platz zu machen. Mit der alten Bürokratie schien man auch den ganzen alten
ungeselligen Zwang losgeworden zu sein. Man kleidete sich ganz ungeniert, nur nach der
Bequemlichkeit und der Jahreszeit; und mit dem Unterschied der Kleidung verschwand momentan jeder
andre Unterschied im geselligen Verkehr. Alle Klassen der Gesellschaft kamen in denselben
öffentlichen Lokalen zusammen. und ein sozialistischer Schwärmer hätte in diesem
ungebundenen Verkehr die Morgenröte der allgemeinen Brüderlichkeit sehen
können.

Wie die Pfalz, so ihre provisorische Regierung. Sie bestand fast nur aus gemütlichen
Schoppenstechern, die über nichts mehr erstaunt waren, als daß sie plötzlich die
provisorische Regierung ihres bacchusgeliebten Vaterlandes vorstellen sollten. Und doch ist nicht
zu leugnen, daß diese lachenden Regenten sich besser benommen und
verhältnismäßig mehr geleistet haben als ihre badischen Nachbarn unter der
Führung des "gesinnungstüchtigen" Brentano. Sie hatten wenigstens guten Willen und
trotz der Schoppenstecherei mehr nüchternen Verstand als die
spießbürgerlich-ernsten Herren in Karlsruhe, und die wenigsten von ihnen
entrüsteten sich, wenn man sich über ihre bequeme Manier des Revolutionierens und
über ihre impotenten kleinen Maßregelchen lustig machte.

Die provisorische Regierung der Pfalz konnte nichts ausrichten, solange sie von der badischen
Regierung im Stich gelassen wurde. Und in Beziehung auf Baden hat sie vollkommen ihre
Schuldigkeit getan. Sie schickte Gesandte über Gesandte, machte eine Konzession nach der
andern, um nur ein Einverständnis zu erzielen: umsonst, Herr Brentano wollte ein für
allemal nicht.

Während die badische Regierung alles vorfand, fand
die pfälzische nichts vor. Sie hatte kein Geld, keine Waffen, eine Menge reaktionärer
Bezirke und zwei feindliche Festungen im Lande. Frankreich verbot sofort die Waffenausfuhr nach
Baden und der Pfalz, Preußen und Hessen ließen alle dorthin speditierten Waffen mit
Beschlag belegen. Die pfälzische Regierung schickte sogleich Agenten nach Frankreich und
Belgien, um Waffen aufzukaufen und hereinzubesorgen; die Waffen wurden gekauft, kamen aber nicht.
Man kann der Regierung vorwerfen, daß sie nicht energisch genug hierin verfuhr, daß
sie namentlich mit der großen Menge Kontrebandiers an der Grenze keinen Schmuggel von
Gewehren organisierte; die größere Schuld fällt aber auf ihre Agenten, die sehr
lässig verfuhren und sich teilweise mit leeren Versprechungen hinhalten ließen, statt
die französischen Waffen wenigstens nach Saargemünd und Lauterburg zu schaffen.

Was die Geldmittel anging, so war in der kleinen Pfalz mit Papiergeld wenig zu machen. Als die
Regierung sich in pekuniärer Verlegenheit sah, hatte sie wenigstens den Mut, zu einer
Zwangsanleihe mit, wenn auch schwach steigenden, progressiven Sätzen ihre Zuflucht zu
nehmen.

Die Vorwürfe, die der pfälzischen Regierung gemacht werden können,
beschränken sich darauf, daß sie im Gefühl ihrer Impotenz sich zu sehr von der
allgemeinen Sorglosigkeit und den damit verbundenen Illusionen über ihre eigne Sicherheit
anstecken ließ; daß sie daher, statt die freilich beschränkten Mittel zur
Verteidigung des Landes energisch in Bewegung zu setzen, sich lieber auf den Sieg der Montagne in
Paris, auf die Einnahme von Wien durch die Ungarn oder gar auf wirkliche Wunder verließ,
die irgendwo zur Rettung der Pfalz geschehen sollten - Aufstände in der preußischen
Armee usw. Daher die Fahrlässigkeit in der Herbeischaffung von Waffen, in einem Lande, wo
schon tausend brauchbare Musketen mehr oder weniger unendlich viel ausmachten und wo
schließlich an dem Tage, wo die Preußen einrückten, die ersten und letzten

vierzig
Gewehre aus dem Auslande, nämlich aus der Schweiz, ankamen. Daher die
leichtsinnige Auswahl der Zivil- und Militärkommissäre, die meist aus den
unfähigsten, verworrensten Schwärmern bestanden, und die Beibehaltung so vieler alten
Beamten und sämtlicher Richter. Daher endlich die Vernachlässigung aller, selbst der
nächstliegenden Mittel zur Belästigung und vielleicht zur Einnahme von Landau, auf die
ich später zurückkommen werde.

Hinter der provisorischen Regierung stand d'Ester als eine Art geheimer Generalsekretär
oder, wie Herr Brentano es nannte, als "rote Kamarilla, welche die gemäßigte Regierung
von Kaiserslautern umgab". Zu dieser "roten Kamarilla" gehörten übrigens noch andre
deutsche Demokraten, namentlich

Dresdner Flüchtlinge.
In d'Ester fanden die Pfälzer Regenten jenen administrativen Überblick, der ihnen
abging, und zugleich einen revolutionären Verstand, der ihnen dadurch imponierte, daß
er sich stets nur auf das Zunächstliegende, unleugbar Mögliche beschränkte und
daher nie um Detailmaßregeln verlegen war. D'Ester erlangte hierdurch einen bedeutenden
Einfluß und das unbedingte Vertrauen der Regierung. Wenn auch er zuweilen die Bewegung zu
ernsthaft nahm und z.B. durch Einführung seiner für den Moment total unpassenden
Gemeindeordnung etwas Wichtiges leisten zu können glaubte, so ist doch gewiß,
daß d'Ester die provisorische Regierung zu allen einigermaßen energischen Schritten
forttrieb und namentlich in Detailkonflikten stets passende Lösungen zur Hand hatte.

Wenn in Rheinpreußen reaktionäre und revolutionäre Klassen von vornherein sich
gegenüberstanden, wenn in Baden eine anfangs für die Bewegung schwärmende Klasse,
die Kleinbürgerschaft, sich allmählich beim Heranrücken der Gefahr zuerst zur
Gleichgültigkeit, später zur Feindseligkeit gegen die von ihr selbst provozierte
Bewegung herüberführen ließ, so waren es in der Pfalz weniger einzelne Klassen
der Bevölkerung als einzelne Distrikte, die sich, durch Lokalinteressen geleitet, teils von
Anfang an, teils nach und nach gegen die Bewegung erklärten. Allerdings war in Speyer von
vornherein die Bürgerschaft reaktionär, wurde sie es mit der Zeit in Kaiserslautern,
Neustadt, Zweibrücken usw.; aber die Hauptmacht der reaktionären Partei saß in
den über die ganze Pfalz verteilten Ackerbaubezirken. Diese konfuse Gestaltung der Parteien
hätte nur durch eine Maßregel beseitigt werden können: durch einen direkten
Angriff auf das in den Hypotheken und im Hypothekenwucher angelegte Privateigentum zugunsten der
verschuldeten, von Wucherern ausgesogenen Bauern. Diese eine Maßregel, die sofort die ganze
Landbevölkerung am Aufstand interessiert hätte, setzt aber ein viel größeres
Terrain und viel entwickeltere Gesellschaftszustände in den Städten voraus, als die
Pfalz sie besitzt. Sie war nur möglich im Anfang der Insurrektion, zugleich mit einer
Ausdehnung des Aufstandes nach der Mosel und Eifel, wo dieselben Zustände auf dem Lande
existieren und in der industriellen Entwicklung der rheinischen Städte ihre Ergänzung
finden. Und ebensowenig wie von Baden war von der Pfalz aus die Bewegung nach außen
getrieben worden.

Die Regierung hatte unter diesen Umständen nur wenig Mittel, die reaktionären
Bezirke zu bekämpfen: einzelne militärische Expeditionen in die widersetzlichen
Ortschaften, Verhaftungen, besonders der katholischen Pfarrer, die an die Spitze des Widerstands
traten usw.; Ernennung von tätigen Zivil- und Militärkommissären und endlich die
Propaganda. Die Expeditionen, meistens sehr komischer Natur, hatten nur momentane Wirkung, die
Propa-

ganda hatte gar keine, und die Kommissäre
begingen meistens in ihrer wichtigtuenden Ungeschicklichkeit Schnitzer über Schnitzer oder
beschränkten sich auf eine großartige Konsumtion Pfälzer Weins nebst der
unvermeidlichen Wirtshausrenommage.

Unter den Propagandisten, den Kommissären und den Beamten der Zentraladministration
nahmen die in der Pfalz noch mehr als in Baden versammelten Demokraten einen sehr bedeutenden
Platz ein. Es hatten sich hier nicht nur die Flüchtlinge aus Dresden und Rheinpreußen,
sondern auch sonst noch eine Menge mehr oder weniger begeisterter "Volksmänner" eingefunden,
um sich hier dem Dienste des Vaterlandes zu weihen. Die Pfälzer Regierung, die ungleich der
Karlsruher den richtigen Instinkt hatte, daß die Kapazitäten der Pfalz allein der Last
selbst dieser Bewegung nicht gewachsen seien, nahm sie mit Freuden auf. Man konnte keine zwei
Stunden in der Pfalz sein, ohne ein Dutzend der verschiedensten und im ganzen sehr ehrenvollen
Ämter angetragen zu bekommen. Die Herren Demokraten, die in der pfälzisch-badischen
Bewegung nicht einen täglich lokaler und unbedeutender werdenden Lokalaufstand, sondern die
glorreiche Morgenröte der glorreichen Erhebung der gesamten deutschen Demokratie sahen, die
überhaupt in der Bewegung
ihre
mehr oder weniger kleinbürgerliche Tendenz
herrschend sahen, beeiferten sich, auf diese Anerbietungen einzugehen. Zugleich aber glaubte
jeder, nur eine solche Stellung einnehmen zu dürfen, in der er seinen natürlich
meistens sehr hohen Ansprüchen bei einer allgemeinen deutschen Bewegung nichts vergebe. Im
Anfang ging das. Wer sich meldete, wurde sofort Bürochef, Regierungskommissär, Major
oder Oberstleutnant. Allmählich aber nahm die Zahl der Konkurrenten zu, die Stellen wurden
seltner, und es entwickelte sich eine kleinliche, spießbürgerliche
Stellenjägerei, die für den unbeteiligten Zuschauer ein höchst ergötzliches
Schauspiel bot. Daß bei dem seltnen Mischmasch von Industrialismus und Konfusion, von
Aufdringlichkeit und Inkapazität, den die "Neue Rheinische Zeitung" bei der deutschen
Demokratie so oft zu bewundern Gelegenheit hatte, daß da die Beamten und Propagandisten der
Pfalz ein getreuer Abklatsch dieses unangenehmen Gemenges war, brauche ich wohl nicht erst
ausdrücklich zu versichern.

Es versteht sich, daß auch mir Zivil- und militärische Stellen in Menge angetragen
wurden, Stellen, die ich in einer proletarischen Bewegung anzunehmen keinen Augenblick gezaudert
hätte. Ich lehnte sie unter diesen Umständen sämtlich ab. Das einzige, worauf ich
einging, war, einige aufregende Artikel für ein kleines Blättchen zu schreiben, das die
provisorische Regierung in Massen in der Pfalz verbreiten ließ. Ich wußte, daß
auch dies nicht gehen würde, nahm den Antrag aber auf d'Esters und mehrerer Mitglieder

der Regierung dringende Aufforderung endlich an, um
wenigstens meinen guten Willen zu beweisen. Da ich mich natürlich wenig genierte, so fand
schon der zweite Artikel als zu "aufregend" Anstoß, ich verlor weiter kein Wort, nahm den
Artikel zurück, zerriß ihn in d'Esters Gegenwart, und damit hörte die Sache
auf.

Unter den auswärtigen Demokraten in der Pfalz waren übrigens diejenigen besten, die
soeben aus dem Kampf in ihrer Heimat kamen: die Sachsen und die Rheinpreußen. Die wenigen
Sachsen waren meistens in den Zentralbüros beschäftigt, arbeiteten fleißig und
zeichneten sich durch administrative Kenntnisse, ruhigen, klaren Verstand und Abwesenheit aller
Ansprüche und Illusionen aus. Die Rheinländer, meistens Arbeiter, gingen in Masse zur
Armee; die wenigen, die anfangs in den Büros arbeiteten, ergriffen später ebenfalls die
Muskete.

Auf den Büros der Zentralverwaltung, in der Fruchthalle zu Kaiserslautern, ging es
höchst gemütlich her. Bei dem allgemeinen laisser aller <Sichgehenlassen>, bei
der gänzlichen Abwesenheit jedes aktiven Eingreifens in die Bewegung, bei der ungemeinen
Anzahl von Beamten war im ganzen wenig zu tun. Es handelte sieh fast nur um die laufenden
Verwaltungsgeschäfte, und diese wurden taut bien que mal besorgt. Wenn nicht irgendeine
Stafette ankam, ein patriotischer Bürger einen tiefsinnigen Vorschlag zur Rettung des
Vaterlandes zu machen hatte, ein Bauer sieh beschwerte oder eine Gemeinde eine Deputation
schickte, hatten die meisten Büros nichts zu tun. Man gähnte, man schwatzte, man
erzählte sich Anekdoten, man machte schlechte Witze oder strategische Pläne, man ging
von einem Büro ins andre und suchte die Zeit so gilt wie möglich totzuschlagen. Das
Hauptgespräch waren natürlich die politischen Tagesereignisse, über die die
widersprechendsten Gerüchte im Umlauf waren. Die Herbeischaffung von Nachrichten war im
höchsten Grade vernachlässigt. Die alten Postbeamten waren fast ohne Ausnahme im Amt
geblieben und natürlich sehr unzuverlässig. Neben ihnen war eine "Feldpost" errichtet,
die von den übergegangnen Pfälzer Chevaulegers besorgt wurde. Die Kommandanten und
Kommissäre der Grenzbezirke kümmerten sich nicht im mindesten um das was jenseits der
Grenze vorging. Auf der Regierung hatte man nur das "Frankfurter Journal" und die "Karlsruher
Zeitung", und ich erinnere mich noch mit Vergnügen der Verwunderung, die darüber
entstand als ich auf dem Kasino in einer schon vor mehreren Tagen angekommener Nummer der
"Kölnischen Zeitung" die Nachricht von der Zusammenziehung von 27 preußischen
Bataillonen, 9 Batterien und 9 Regimenter

Kavallerie nebst
ihrer genauen Dislozierung zwischen Saarbrücken und Kreuznach entdeckt hatte.

Ich komme endlich zur Hauptsache, zur militärischen Organisation. Ungefähr
dreitausend Pfälzer aus der bayrischen Armee waren mit Sack und Pack übergegangen. Eine
Anzahl Freiwilliger, Pfälzer und Nichtpfälzer, hatten sich zu gleicher Zeit unter die
Waffen gestellt. Zudem dekretierte die provisorische Regierung die Aushebung des ersten
Aufgebots, zunächst aller Unverheirateten vom achtzehnten bis zum dreißigsten Jahre.
Diese Aushebung ging aber nur auf dem Papier vor sich, teils aus Unfähigkeit und
Nachlässigkeit der Militärkommissäre, teils aus Mangel an Waffen, teils durch die
Indolenz der Regierung selbst. Wo, wie in der Pfalz, der Mangel an Waffen das Haupthindernis
aller Verteidigung war, mußten alle Mittel aufgeboten werden, um Waffen aufzubringen. Waren
vom Ausland keine herbeizuschaffen, so mußte jede Muskete, jede Büchse, jede
Jagdflinte, die in der Pfalz aufzutreiben war, hervorgeholt und in die Hände der aktiven
Kämpfer gegeben werden. Es waren aber nicht nur sehr viele Privatwaffen vorhanden, sondern
auch noch wenigstens 1.500 bis 2.000 Gewehre, die Karabiner ungerechnet, in den Händen der
verschiednen Bürgerwehren. Man konnte mindestens verlangen, daß die Privatwaffen und
die Gewehre derjenigen Bürgerwehrmänner abgeliefert würden die zum Eintritt ins
erste Aufgebot nicht verpflichtet waren oder die nicht als Freiwillige darunter eintreten
wollten. Aber nichts der Art geschah. Nach vielem Drängen wurde endlich ein derartiger
Beschluß wegen der Bürgerwehrwaffen gefaßt, aber nie ausgeführt; die
Kaiserslauterer Bürgerwehr, über 300 Philister zählend, paradierte täglich in
Uniform und Waffen als Wache an der Fruchthalle, und als die Preußen einrückten,
hatten sie noch das Vergnügen, diese Herren entwaffnen zu können. Und so war es
überall.

Man erließ im Amtsblatt eine Aufforderung an die Forstbeamten und Waldhüter, sich
in Kaiserslautern zur Bildung eines Schützenkorps zu stellen; wer nicht kam, waren die
Forstbeamten.

Man ließ im ganzen Lande Sensen schmieden, oder man forderte wenigstens dazu auf, einige
Sensen wurden wirklich angefertigt. Bei dem rheinhessischen Korps in Kirchheimbolanden sah ich
mehrere Fässer mit Sensenklingen aufladen und nach Kaiserslautern spedieren. - Die
Entfernung ist etwa sieben bis acht Stunden; vier Tage nachher mußte die Regierung
Kaiserslautern den Preußen überlassen, und die Sensen waren noch nicht angekommen.
Hätte man diese Sensen der nicht mobilen Bürgerwehr, dem sogenannten zweiten Aufgebot,
als Entschädigung für ihre abzuliefernden Flinten gegeben, so wäre die Sache gut
gewesen; statt dessen behielten die faulen Philister ihre

Perkussionsflinten, und die jungen Rekruten sollten mit Sensen gegen die preußischen
Kanonen und Zündnadelmusketen marschieren.

Während an Gewehren ein allgemeiner Mangel war, herrschte dagegen ein ebenso
merkwürdiger Überfluß an Schleppsäbeln. Wer kein Gewehr bekommen konnte,
hing sich um so eifriger ein klirrendes Schlachtschwert um, als er sich dadurch allein schon zum
Offizier gestempelt glaubte. In Kaiserslautern namentlich waren diese selbstgestempelten
Offiziere gar nicht zu zählen, ertönten die Straßen Tag und Nacht vom Gerassel
ihrer fürchterlichen Waffen. Besonders waren es die Studenten, die sich durch diese neue
Manier, dem Feinde Schrecken einzujagen, und durch ihre Prätention, eine akademische Legion
von lauter Kavalleristen zu Fuß zu bilden, seltene Verdienste um die Rettung des
Vaterlandes erwarben.

Außerdem war noch eine halbe Schwadron übergegangener Chevaulegers vorhanden, die
aber durch ihre Zersplitterung im Feldpostdienst usw. nie dazu kam, ein besonders fechtendes
Korps zu bilden. Die Artillerie, unter dem Kommando des "Oberstleutnants" Anneke, bestand aus ein
paar Dreipfündern, deren Bespannung ich mich nie gesehen zu haben erinnere, und aus einer
Anzahl Böller. Vor der Fruchthalle in Kaiserslautern lag die schönste Sammlung alter
eiserner Böllerrohre, die man sich wünschen konnte. Die meisten blieben natürlich
unbenutzt liegen. Die beiden größten wurden auf kolossale, eigens angefertigte
Lafetten gelegt und mitgenommen. Die badische Regierung verkaufte der Pfalz endlich eine
ausgeschossene sechspfündige Batterie nebst etwas Munition; aber Bespannung, Bedienung und
zureichende Munition fehlte. Die Munition wurde, soweit möglich, angefertigt; die Bespannung
wurde tant bien que mal durch requirierte Bauern und Pferde besorgt; zu der Bedienung suchte man
sich einige alte bayrische Artilleristen zusammen und übte die Leute mit dem
schwerfälligen und komplizierten bayrischen Exerzitium ein.

Die obere Leitung der Militärangelegenheiten war in den schlechtesten Händen. Herr
Reichardt, der in der provisorischen Regierung das Militärdepartement übernommen hatte,
war tätig, aber ohne Energie und Sachkenntnisse. Der erste Oberkommandant der Pfälzer
Streitkräfte, der Industrielle Fenner von Fenneberg, wurde zwar bald wegen zweideutigen
Benehmens abgesetzt; an seine Stelle trat für den Augenblick ein polnischer Offizier,
Raquilliet. Endlich erfuhr man, Mieroslawski werde das Oberkommando für Baden und die Pfalz
übernehmen und der Befehl der Pfälzer Truppen sei dem "General" Sznayde, ebenfalls
einem Polen, anvertraut.

Der General Sznayde kam an. Es war ein kleiner, dicker Mann, der eher wie ein bejahrter
Bonvivant als wie ein "Rufer im Streit Menelaos" aus-

sah.
Der General Sznayde übernahm das Kommando mit vieler Würde, ließ sich Bericht
über den Stand der Angelegenheiten abstatten und erließ sofort eine Reihe
Tagesbefehle. Die meisten dieser Befehle erstreckten sich auf die Uniformierung - die Bluse, und
die Abzeichen für Offiziere - trikolore Armbinden oder Schärpen, auf Aufforderungen an
gediente Kavalleristen und Schützen, sich freiwillig zu stellen - Aufforderungen, die schon
zehnmal fruchtlos gemacht worden waren, u. dgl. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran, indem er
sieh sofort einen Attila mit trikoloren Schnüren anschaffte, um der Armee Respekt
einzuflößen. Was in seinen Tagesbefehlen wirklich Praktisches und Wichtiges war,
beschränkte sich auf Wiederholung längst erlassener Befehle und auf Vorschläge,
die von den wenigen anwesenden guten Offizieren schon früher gemacht, aber nie durchgesetzt
worden waren und die erst jetzt vermittelst der Autorität eines kommandierenden Generals
durchgesetzt werden konnten. Im übrigen verließ sich der General Sznayde auf Gott und
Mieroslawski und lebte den Freuden der Tafel, das einzig Vernünftige, das ein so total
unfähiges Individuum tun konnte.

Unter den übrigen Offizieren in Kaiserslautern war der einzig tüchtige Techow,
derselbe, der als preußischer Premierleutnant mit Natzmer beim Berliner Zeughaussturm das
Zeughaus dem Volk übergeben hatte und, zu 15 Jahren Festung verurteilt, von Magdeburg
entkommen war. Techow, Chef des pfälzischen Generalstabs, bewies sich überall
kenntnisreich, umsichtig und ruhig, vielleicht etwas zu ruhig, als daß man ihm die
Raschheit des Entschlusses zutrauen könnte, die auf dem Schlachtfeld oft alles entscheidet.
"Oberstleutnant" Anneke bewies sich unfähig und indolent in der Organisation der Artillerie
obwohl er im Laboratorium gute Dienste leistete. Bei Ubstadt hat er als Feldherr keine Lorbeeren
geerntet, und aus Rastatt, wo ihm Mieroslawski für die Belagerung den Befehl über das
Material übertrug, ist er auf seltsame Weise und mit Hinterlassung seiner Pferde noch vor
der Zernierung über den Rhein entkommen.

An den Offizieren in den einzelnen Bezirken war auch nicht viel. Eine Anzahl von Polen war
teils schon vor Sznayde, teils mit ihm gekommen. Da die besten Leute der polnischen Emigration
schon in Ungarn waren, so läßt sich denken, daß diese polnischen Offiziere von
ziemlich gemischter Gattung waren. Die meisten beeilten sich, für eine gehörige Anzahl
Reitpferde zu sorgen und einige Befehle zu geben, und kümmerten sich um die Ausführung
nicht viel. Sie traten ziemlich herrisch auf, wollten den Pfälzer Bauern wie den
knechtischen polnischen Leibeigenen traktieren, kannten weder das Land noch die Sprache, noch das
Kommando und richteten daher als Militärkömmissäre, d.h. als Organisatoren von
Bataillonen, wenig oder gar nichts aus.

Im Laufe des
Feldzugs verliefen sie sich bald in den Sznaydeschen Stab und verschwanden kurz nachher ganz, als
Sznayde von seinen Soldaten angefallen und mißhandelt wurde. Die Besseren unter ihnen kamen
zu spät, um noch etwas organisieren zu können

Unter den deutschen Offizieren waren auch nicht viel brauchbare Köpfe. Das rheinhessische
Korps, das sonst manche auch militärisch bildungsfähige Elemente enthielt, stand unter
der Führung eines gewissen Häusner, eines gänzlich unbrauchbaren Menschen, und
unter dem noch viel erbärmlicheren moralischen und politischen Einfluß der beiden
Helden Zitz und Bamberger, die sich später in Karlsruhe so glorreich aus der Affäre
zogen. In der Hinterpfalz organisierte ein ehemaliger preußischer Offizier,
Schimmelpfennig, ein Korps.

Die einzigen beiden Offiziere, die sich schon vor dem Einfall der Preußen im aktiven
Dienst auszeichneten, waren Willich und Blenker.

Willich übernahm mit einem kleinen Freikorps die Beobachtung und später die
Zernierung von Landau und Germersheim. Eine Kompanie Studenten, eine Kompanie Arbeiter, die mit
ihm in Besançon zusammen gelebt hatten, drei schwache Kompanien Turner - aus Landau,
Neustadt und Kaiserslautern -, zwei aus Freiwilligen der umliegenden Ortschaften gebildete
Kompanien und endlich eine mit Sensen bewaffnete Kompanie Rheinpreußen, die meisten von den
Prümer und Elberfelder Aufständen her flüchtig, fanden sich nach und nach unter
seinem Kommando zusammen. Es waren zuletzt zwischen 700 bis 800 Mann, jedenfalls die
zuverlässigsten Soldaten der ganzen Pfalz, die Unteroffiziere meist gediente, teilweise in
Algerien an den kleinen Krieg gewöhnte Leute. Mit diesen wenigen Streitkräften legte
sich Willich mitten zwischen Landau und Germersheim, organisierte die Bürgerwehren in den
Dörfern, benutzte sie zur Bewachung der Straßen und zum Vorpostendienst, schlug alle
Ausfälle aus beiden Festungen trotz der Überlegenheit, namentlich der Germersheimer
Garnison, zurück, zernierte Landau derart, daß so gut wie alle Zufuhren abgeschnitten
waren, schnitt ihm die Wasserleitungen ab, stauchte die Queich auf, so daß alle Keller der
Festung überschwemmt waren und doch Mangel an Trinkwasser eintrat, und beunruhigte die
Garnison jede Nacht durch Patrouillen, die nicht nur die verlassenen Außenwerke
ausräumten und die dort gefundenen Wachtstubenöfen für fünf Gulde per
Stück versteigerten, sondern auch bis in die Festungsgräben selbst vordrangen und die
Garnison häufig veranlaßten auf einen Gefreiten und zwei Mann ein ebenso gewaltiges
wie harmloses Feuer aus Vierundzwanzigpfündern zu eröffnen. Diese Epoche war bei weitem
die glänzendste während der Existenz des Willischen Freikorps. Hätten ihm damals

nur einige Haubitzen zu Gebote gestanden, und wären es
nur Feldgeschütze gewesen, so war nach den Berichten der täglich nach Landau aus- und
eingehenden Spione die Festung bei ihrer demoralisierten, schwachen Garnison und ihrer
rebellischen Einwohnerschaft in wenig Tagen genommen. Selbst ohne Artillerie hätte eine
Fortsetzung der Zernierung in acht Tagen die Kapitulation erzwungen. In Kaiserslautern waren zwei
siebenpfündige Haubitzen, gut genug, um während der Nacht einige Häuser in Landau
in Brand zu schießen. Wären sie an Ort und Stelle gewesen, so war das Unerhörte
wahrscheinlich, daß eine Festung wie Landau mit ein paar Feldgeschützen eingenommen
wurde. Ich predigte täglich dem Generalstab in Kaiserslautern die Notwendigkeit vor,
wenigstens den Versuch zu machen. Umsonst. Die eine Haubitze blieb in Kaiserslautern, die andere
wanderte nach Homburg, wo sie fast den Preußen in die Hände fiel. Beide kamen
über den Rhein, ohne einen Schuß getan zu haben

Noch mehr aber als Willich zeichnete sich der "Oberst" Blenker aus. Der "Oberst" Blenker, ein
ehemaliger Weinreisender, der in Griechenland als Philhellene gewesen war und sich später
als Weinhändler in Worms etabliert hatte, gehört jedenfalls zu den hervorragendsten
militärischen Persönlichkeiten dieser ganzen glorreichen Kampagne. Stets hoch zu
Roß, von einem zahlreichen Stab umgeben, groß, stark, mit einem trutzigen Antlitz,
einem imponierenden Heckerbart, einer allgewaltigen Stimme und allen übrigen Eigenschaften
begabt, die den süddeutschen "Volksmann" ausmachen und zu denen bekanntlich der Verstand
nicht gerade gehört, machte "Oberst" Blenker den Eindruck eines Mannes, vor dessen
bloßem Anblick Napoleon sich verkriechen müßte und der würdig war, in jenem
Refrain zu figurieren, mit dem wir diese Schilderungen eröffnet haben. "Oberst" Blenker
fühlte das Zeug in sich, auch ohne "Hecker, Struve, Zitz und Blum" die deutschen
Fürsten umzuschmeißen, und gab sich sofort ans Werk. Seine Meinung war, den Krieg
nicht als Soldat, sondern als Weinreisender zu führen, und zu diesem Zweck nahm er sich vor,
Landau zu erobern. Willich war damals noch nicht da. Er raffte alles zusammen, was in der Pfalz
disponibel war, Linie und Volkswehr, und organisierte durcheinanderbummelnde Truppen, Kavallerie
und Artillerie, und rückte auf Landau los. Vor der Festung wurde Kriegsrat gehalten, die
Angriffskolonnen formiert, die Stellung der Artillerie bestimmt. Die Artillerie bestand aber aus
einigen Böllern, deren Kaliber von
1
/
2
Pfund bis 1
3
/
8
Pfund
variierten, und wurde auf einem Heuwagen nachgefahren, der zugleich zum Munitionswagen diente.
Die Munition dieser verschiednen Böller bestand nämlich in
einer,
sage

einer
vierundzwanzigpfündigen Kugel; von Pulver war keine Rede. Nachdem alles
geordnet, rückte man voll Todes-

verachtung vor. Man
kam bis ans Glacis, ohne Widerstand zu finden; man marschierte weiter, bis man ans Tor kam. Voran
die aus Landau übergegangenen Soldaten. Auf den Wällen zeigten sich einige Soldaten als
Parlamentäre. Man rief ihnen zu, das Tor zu öffnen. Es entspann sich bereits ein ganz
gemütliches Zwiegespräch, und alles schien nach Wunsch zu gehen. Auf einmal ertönt
vom Wall ein Kanonenschuß, Kartätschen sausen über den Köpfen der Angreifer
weg, und in einem Nu löst sich die ganze heldenmütige Armee samt ihrem pfälzischen
Prinzen Eugen in wilde Flucht auf. Alles läuft, läuft, läuft mit einer so
unwiderstehlichen Heftigkeit, daß die bald nachher von den Wällen abgeschossenen paar
Kanonenkugeln schon nicht mehr über den Köpfen der Fliehenden, daß sie nur noch
über ihren weggeworfenen Flinten, Patronentaschen und Tornistern dahinsausen. Einige Stunden
von Landau wird endlich haltgemacht, die Armee wieder gesammelt und von Herrn "Oberst" Blenker
ohne die Schlüssel von Landau, aber darum nicht minder stolz wieder heimgeführt. Das
war die noch nie dagewesene Eroberung Landaus mit drei Böllern und einer
vierundzwanzigpfündigen Kugel.

Der Kartätschschuß war von einigen bayrischen Offizieren in der Eile abgefeuert
worden, als sie sahen, daß ihre Soldaten Lust hatten, das Tor zu öffnen. Daß
Geschütz wurde von den Soldaten selbst aus der Richtung gebracht, und daher kam es,
daß niemand getroffen wurde. Als die Besatzung von Landau aber sah, welche Wirkung dieser
Schuß ins Blaue machte, war von Übergabe natürlich keine Rede mehr.

Held Blenker war aber nicht der Mann, für solches Mißgeschick keine Revanche zu
nehmen. Er beschloß, nunmehr Worms zu erobern. Von Frankenthal, wo er ein Bataillon
befehligte, rückte er vor. Die paar hessischen Soldaten, die in Worms lagen, machten sich
auf und davon, und Held Blenker zog mit klingendem Spiel in seine Vaterstadt ein. Nachdem die
Befreiung von Worms mit einem solennen Frühstück gefeiert war, schritt man zur
Hauptfeierlichkeit, nämlich zur Vereidigung von zwanzig krank zurückgebliebenen
hessischen Soldaten auf die Reichsverfassung. In der Nacht aber nach diesen gewaltigen Resultaten
fuhren die Peuckerschen Reichstruppen auf dem rechten Rheinufer Geschütz auf und weckten die
siegreichen Eroberer höchst unsanft durch frühen Kanonendonner. Es war kein
Mißverständnis: Die Reichstruppen schossen Vollkugeln und Granaten herüber. Ohne
ein Wort zu sagen, versammelte Held Blenker seine Tapfern und zog in aller Stille von Worms
wieder nach Frankenthal ab. Von seinen späteren Heldentaten wird die Muse am gehörigen
Orte ein Weiteres berichten.

Während so in den Distrikten die verschiedenartigsten Charaktere sich jeder in seiner
Weise Luft machten, während die Soldaten und Volkswehr-

männer, statt zu exerzieren, in den Schenken saßen und
sangen, beschäftigten sich in Kaiserslautern die Herren Offiziere mit der Erfindung der
tiefsinnigsten strategischen Pläne. Es handelte sich um nichts Geringeres als um die
Möglichkeit, eine von mehreren Seiten zugängliche kleine Provinz wie die Pfalz mit
einer fast ganz imaginären Streitmacht gegen eine höchst reelle Armee von über
30.000 Mann und 60 Kanonen zu halten. Grade weil hier jedes Projekt gleich nutzlos, gleich absurd
war, grade weil hier alle Bedingungen jedes strategischen Plans fehlten, grade deswegen nahmen
sich die tiefen Kriegsmänner, die denkenden Köpfe der Pfälzer Armee erst recht
vor, ein strategisches Wunder auszutüfteln, das den Preußen den Weg in die Pfalz
versperren sollte. Jeder neugebackene Leutnant, jeder Säbelschlepper von der unter den
Auspizien des Herrn Sznayde endlich, nebst dem Leutnantsrang für jedes Mitglied, zustande
gekommenen akademischen Legion, jeder Büroschreiber stierte tiefsinnig auf die Karte der
Pfalz in der Hoffnung, den strategischen Stein der Weisen zu finden. Man kann sich leicht denken,
welche ergötzlichen Dinge dabei herauskamen. Namentlich die ungarische Methode der
Kriegführung war sehr beliebt. Vom "General" Sznayde bis herab zum annoch verkanntesten
Napoleon der Armee konnte man stündlich die Phrase hören: "Wir müssen es machen
wie Kossuth, wir müssen einen Teil unsres Terrains aufgeben und uns - hierhin oder dahin, in
die Berge oder in die Ebene, je nachdem - zurückziehen." "Wir müssen es machen wie
Kossuth", hieß es in allen Wirtshäusern. "Wir müssen es machen wie Kossuth",
wiederholte jeder Korporal, jeder Soldat, jeder Gassenjunge. "Wir müssen es machen wie
Kossuth", wiederholte gutmütig die provisorische Regierung, die am besten wußte,
daß sie sich in diese Sachen nicht zu mischen hatte, und der es am Ende gleichgültig
war, wie man's machte. "Wir müssen es machen wie Kossuth, sonst sind wir verloren." - Die
Pfalz und Kossuth!

Ehe ich zur Schilderung des Feldzugs selbst übergehe, muß ich noch kurz einer
Angelegenheit erwähnen, die in verschiedenen Blättern berührt worden ist: meine
momentane Verhaftung in Kirchheim. Wenige Tage vor dem Einrücken der Preußen
begleitete ich meinen Freund Moll auf einer von ihm übernommenen Mission bis an die Grenze,
bis Kirchheimbolanden. Hier stand ein Teil des rheinhessischen Korps, bei dem wir Bekannte
hatten. Wir saßen abends mit diesen und mehreren andern Freischärlern des Korps im
Gasthof. Unter den Freischärlern waren einige jener ernsten, begeisterten "Männer der
Tat", von denen schon mehrfach die Rede war und die gar keine Schwierigkeiten darin sahen, mit
wenig Waffen und viel Begeisterung jede beliebige Armee der Welt zu schlagen. Es sind Leute, die
vom Militär höchstens die Wachtparade gesehen haben, die sich überhaupt nie um die
materiellen Mittel

zur Erreichung irgendeines Zwecks
bekümmern und die daher meistens, wie ich später mehrfach zu beobachten Gelegenheit
hatte, im ersten Gefecht eine so niederschmetternde Enttäuschung erleben, daß sie sich
eiligst auf und davon machen. Ich frug einen dieser Helden, ob er wirklich vorhabe, mit den in
der Pfalz vorhandenen dreißigtausend Schleppsäbeln und viertehalb Flinten, worunter
mehrere verrostete Karabiner, die Preußen zu schlagen, und war überhaupt im besten
Zuge, mich über die heilige Entrüstung des in seiner edelsten Begeisterung verwundeten
Mannes der Tat zu amüsieren, als die Wache eintritt und mich für verhaftet
erklärt. Zu gleicher Zeit sehe ich hinter mir zwei Leute wutschnaubend auf mich losspringen.
- Der eine gab sich als Zivilkommissär Müller zu erkennen, der andre war Herr Greiner,
das einzige Mitglied der Regierung, mit dem ich wegen seiner häufigen Abwesenheit von
Kaiserslautern - der Mann machte in der Stille sein Vermögen mobil - und wegen seines
verdächtigen, heulerisch-finstern Aussehens nicht in nähere Berührung getreten
war. Zugleich stand ein alter Bekannter von mir, Hauptmann im rheinhessischen Korps, auf und
erklärte, wenn ich verhaftet würde, werde er und eine bedeutende Anzahl der besten
Leute das Korps sofort verlassen. Moll und andre wollten mich sogleich mit Gewalt schützen.
Die Anwesenden spalteten sich in zwei Parteien, die Szene drohte interessant zu werden, und ich
erklärte, ich werde mich natürlich mit Vergnügen verhaften lassen: Mau werde
endlich sehen, welche Farbe die Pfälzer Bewegung habe. Ich ging mit der Wache.

Am nächsten Morgen wurde ich nach einem komischen Verhör, das mich Herr Zitz bestehn
ließ, dem Zivilkommissär und von diesem einem Gendarmen übergeben. Der Gendarm,
dem eingeschärft worden war, mich als
Spion
zu behandeln, schloß mir beide
Hände zusammen und führte mich zu Fuß nach Kaiserslautern, angeklagt der
Herabwürdigung der Erhebung des pfälzischen Volks und der Aufreizung gegen die
Regierung, von der ich beiläufig kein Wort gesagt hatte. Unterwegs setzte ich durch,
daß ich einen Wagen bekam. In Kaiserslautern, wohin Moll mir vorausgeeilt war, traf ich
natürlich die Regierung höchst bestürzt über die Bévue des wackern
Greiner, noch bestürzter über die mir widerfahrene Behandlung. Man begreift, daß
ich den Herren in Gegenwart des Gendarmen eine artige Szene machte. Da noch kein Bericht von
Herrn Greiner eingetroffen war, bot man mir an, mich auf Ehrenwort freizulassen. Ich verweigerte
das Ehrenwort und ging ins Kantonalgefängnis - ohne Begleitung, was auf d'Esters Antrag
angenommen wurde. D'Ester erklärte, nachdem einem Parteigenossen solche Behandlung
widerfahren, nicht länger bleiben zu können. Tzschirner, der eben ankam, trat auch sehr
entschieden auf. Die Sache wurde denselben Abend stadtkundig, und

alle, die der entschiedenen Richtung angehörten, ergriffen
sofort meine Partei. Dazu kam, daß die Nachricht eintraf, im rheinhessischen Korps seien
wegen dieser Angelegenheit Unruhen ausgebrochen, und ein großer Teil des Korps wolle sich
auflösen. Weniger als das hätte hingereicht, den provisorischen Regenten, mit denen ich
täglich zusammen gewesen war, die Notwendigkeit zu zeigen, mir Satisfaktion zu geben.
Nachdem ich mich 24 Stunden im Gefängnis ganz gut amüsiert hatte, kamen d'Ester und
Schmitt zu mir; Schmitt erklärte mir, ich sei ohne alle Bedingung frei, und die Regierung
hoffe, ich werde mich nicht abhalten lassen, mich fernerhin bei der Bewegung zu beteiligen.
Außerdem sei der Befehl gegeben, daß von nun an kein politischer Gefangener
geschlossen eingebracht werde, und die Untersuchung gegen den Urheber der infamen Behandlung
sowie über die Verhaftung und deren Ursache gehe fort. Nachdem somit die Regierung, da Herr
Greiner noch immer keinen Bericht geschickt, mir alle ihr augenblicklich mögliche Genugtuung
gegeben, wurden beiderseits die feierlichen Gesichter abgesetzt und im Donnersberg einige
Schoppen zusammen getrunken. Tzschirner ging am nächsten Morgen zum rheinhessischen Korps
ab, um es zu beruhigen, und ich gab ihm einige Zeilen mit. Herr Greiner trat, als er wiederkam,
so erschrecklich heulerisch auf, daß er von seinen Kollegen erst recht doppelt den Kopf
gewaschen bekam. Von Homburg aus rückten gleichzeitig die Preußen ein, und da hiermit
die Sache eine interessante Wendung bekam, da ich die Gelegenheit, ein Stück Kriegsschule
durchzumachen, nicht versäumen wollte und da endlich die "Neue Rheinische Zeitung" honoris
causa auch in der pfälzisch-badischen Armee vertreten sein mußte, so schnallte ich mir
auch ein Schlachtschwert um und ging zu Willich.

[Die deutsche Reichsverfassungskampagne - Teil 6]

III - Die Pfalz

Reichsverfassungskampagne", S. 162-197

IV

Für Republik zu sterben!

Nur im Sturz von sechsunddreißig Thronen

Kann die deutsche Republik gedeihn;

Darum, Brüder, stürzt sie ohne Schonen,

Setzet Gut und Blut und Leben ein.

Für Republik zu sterben,

Ist ein Los, hehr und groß, ist das Ziel unsres Muts!

So sangen die Freischärler auf der
Eisenbahn, als ich nach Neustadt fuhr, um dort Willichs momentanes Hauptquartier zu erfragen.

Für Republik zu sterben, war also von nun an das Ziel meines Muts oder sollte es
wenigstens sein. Ich kam mir sonderbar vor mit diesem neuen Ziel. Ich sah mir die
Freischärler an, junge, hübsche, flotte Burschen. Sie sahen gar nicht aus, als ob der
Tod für Republik vorderhand das Ziel ihres Mutes sei.

Von Neustadt aus fuhr ich mit einem requirierten Bauerwagen nach Offenbach, zwischen Landau
und Germersheim, wo Willich noch war. Dicht hinter Edenkoben stieß ich auf die ersten, von
den Bauern auf seinen Befehl ausgestellten Wachtposten, die sich von nun an beim Ein- und Ausgang
jedes Dorfs und auf allen Kreuzwegen wiederholten und niemanden ohne schriftliche Legitimation
von den Insurrektionsbehörden durchließen. Man sah, daß man dem Kriegszustand
etwas näher kam. Spät in der Nacht traf ich in Offenbach ein und übernahm sogleich
bei Willich Adjutantendienste.

Während dieses Tages - es war der 13. Juni - hatte ein kleiner Teil des Willichschen
Korps ein glänzendes Gefecht bestanden. Willich hatte zu seinem Freikorps einige Tage vorher
noch ein badisches Volkswehrbataillon, das Bataillon Dreher-Obermüller, als Verstärkung
bekommen und von diesem Bataillon etwa fünfzig Mann gegen Germersheim, nach Bellheim
vorgeschoben. Hinter ihnen lag noch in Knittelsheim eine Kompanie des Freikorps nebst einigen
Sensenmännern. Ein Bataillon Bayern mit zwei Geschützen und

einer Schwadron Chevaulegers machten einen Ausfall. Die Badenser
flohen, ohne Widerstand zu leisten; nur einer von ihnen, von drei reitenden Gendarmen
überholt, verteidigte sich wütend, bis er endlich, ganz zerhackt von Säbelhieben,
hinfiel und von den Angreifern vollends getötet wurde. Als die Flüchtigen in
Knittelsheim ankamen, brach der dort stationierte Hauptmann mit nicht ganz 50 Mann, von denen
einige noch Sensen hatten, gegen die Bayern auf. Er verteilte seine Leute geschickt in mehre
Detachements und ging in Tirailleurlinie mit solcher Entschiedenheit vor, daß die mehr als
zehnfach überlegnen Bayern nach zweistündigem Kampf in das von den Badensern im Stich
gelassene Dorf zurückgedrängt und endlich, als noch einige Verstärkung vom
Willichschen Korps ankam, aus dem Dorf wieder hinausgeworfen wurden. Mit einem Verlust von etwa
zwanzig Toten und Verwundeten zogen sie sich nach Germersheim zurück. Es tut mir leid,
daß ich den Namen dieses tapfern und talentvollen jungen Offiziers nicht nennen darf, da er
sich wahrscheinlich noch nicht in Sicherheit befindet. Seine Leute hatten nur fünf
Verwundete, unter denen keiner gefährlich. Der eine dieser fünf, ein französischer
Freiwilliger, hatte einen Schuß in den Oberarm bekommen, ehe er selbst zum Feuern kam.
Trotzdem verschoß er noch seine sämtlichen sechzehn Patronen, und als seine Wunde ihn
am Laden hinderte, ließ er sein Gewehr durch einen Sensenmann laden, um nur feuern zu
können. Am nächsten Tage gingen wir nach Bellheim, um den Kampfplatz anzusehen und neue
Dispositionen zu treffen. Die Bayern hatten mit Vollkugeln und Kartätschen auf unsre
Tirailleurei gefeuert, aber nichts getroffen als die Zweige der Bäume, mit denen die ganze
Straße übersät war, und den Baum, hinter dem der Hauptmann stand.

Das Bataillon Dreher-Obermüller war heute vollzählig gegenwärtig, um sich jetzt
ganz in Bellheim und Umgegend festzusetzen. Es war ein schönes, gutbewaffnetes Bataillon,
und namentlich die Offiziere sahen mit ihren Knebelbärten und braunen Gesichtern voll Ernst
und Begeisterung wie wahre denkende Menschenfresser aus. Zum Glück waren sie so
gefährlich nicht, wie wir mehr und mehr sehen werden.

Zu meiner Verwunderung erfuhr ich, daß fast gar keine Munition vorhanden sei, daß
die meisten Leute nur fünf bis sechs, einige wenige zwanzig Patronen besäßen und
daß der Vorrat nicht einmal ausreiche, um die ganz leeren Patrontaschen der gestern im
Feuer gewesenen Mannschaft zu füllen. Ich erbot mich sogleich, nach Kaiserslautern zu gehen,
um Munition zu holen, und machte mich denselben Abend noch auf den Weg.

Die Bauerwagen fahren schlecht; die Notwendigkeit, stationsweise neue Wagen zu requirieren,
die Unkenntnis der Wege usw. halten ebenfalls auf.

Es war Tagesanbruch, als ich nach Maikammer, etwa halbwegs
Neustadt, kam. Hier stieß ich auf eine Abteilung Pirmasenser Volkswehr nebst den vier nach
Homburg geschickten Kanonen, die man in Kaiserslautern schon verloren geglaubt hatte. Über
Zweibrücken und Pirmasens, von da auf den elendesten Bergwegen war es ihnen gelungen, bis
hierher durchzukommen, wo sie endlich in die Ebene debouchierten. Die Herren Preußen waren
so eilig mit der Verfolgung nicht, obgleich unsere Pirmasenser, durch Strapazen,
Nachtmärsche und Wein aufgeregt, sie schon auf ihren Fersen glaubten.

Einige Stunden später - es war am 15. Juni - kam ich nach Neustadt. Die ganze
Bevölkerung war auf den Straßen, dazwischen Soldaten und Freischärler, wie man in
der Pfalz alle Volkswehren in Blusen ohne Unterschied nannte. Wagen, Kanonen und Pferde
versperrten die Zugänge. Kurz, ich war mitten in die Retirade der gesamten pfälzischen
Armee geraten. Die provisorische Regierung, der General Sznayde, der Generalstab, die Büros,
alles war da. Kaiserslautern war aufgegeben, die Fruchthalle, der "Donnersberg", die
Bierhäuser, der "strategisch gelegenste Punkt der Pfalz", und für den Moment war
Neustadt das Zentrum der pfälzischen Verwirrung, die erst jetzt, wo es zum Kampf kam, ihren
Höhepunkt erreichte. Genug, ich unterrichtete mich über alles, nahm möglichst
viele Fässer Pulver, Blei und fertige Patronen mit - was sollte die Munition auch dieser
ohne eine Schlacht in Trümmer aufgelösten Armee weiter nützen? -, schaffte mir
nach zahllosen vergeblichen Versuchen endlich in einem benachbarten Dorfe einen Leiterwagen und
fuhr mit meiner Beute und einigen Mann Bedeckung abends wieder ab.

Vorher ging ich zu Herrn Sznayde und frug, ob er nichts für Willich zu bestellen habe.
Der alte Gourmand gab mir einige nichtssagende Bescheide und fügte mit wichtiger Miene
hinzu: "Sehen Sie, wir machen es jetzt gerade wie Kossuth."

Wie die Pfälzer aber dazu kamen, es geradeso wie Kossuth zu machen, das hing
folgendermaßen zusammen. Die Pfalz besaß in der blühendsten Epoche der
"Erhebung", d.h. am Tage vor dem Einrücken der Preußen, etwa 5.000 bis 6.000 Mann, die
mit Gewehren aller Art bewaffnet waren, und an 1.000 bis 1.500 Sensenmänner. Diese 5.000 bis
6.000 möglichen Kombattanten bestanden erstens aus dem Willichschen und rheinhessischen
Freikorps und zweitens aus der sogenannten Volkswehr. In jedem Landkommissariatsbezirk war ein
Militärkommissär mit dem Auftrage, ein Bataillon zu organisieren. Als Kern und
Instruktoren dienten die dem Bezirk angehörigen übergegangenen Soldaten. Dies System
der Vermischung der Linientruppen mit den neuausgehobenen Rekruten, das während eines
aktiven Feldzugs mit strenger Disziplin und fortwährender Waffenübung zu den besten
Resultaten geführt

hätte, verdarb hier
alles. Die Bataillone kamen aus Mangel an Waffen nicht zustande; die Soldaten, die nichts zu tun
hatten, verbummelten alle Disziplin und kriegerische Haltung und liefen großenteils
auseinander. Endlich kam in einigen Bezirken eine Art Bataillon zusammen, in den andern
existierten nur einige bewaffnete Haufen. Mit den Sensenmännern war vollends nichts
anzufangen; überall im Wege, nie wirklich zu gebrauchen, hatte man sie teils als
interimistisches Anhängsel bei ihren respektiven Bataillonen gelassen, bis man Gewehre
für sie bekäme, teils in ein besondres Korps unter dem halbnärrischen Hauptmann
Zinn vereinigt. Der Bürger Zinn, der vollständigste Shakespearesche Pistol, den man
sehen kann, der beim Ausreißen vor Landau unter Held Blenker über seine
Säbelscheide gestolpert war, daß sie zerbrach, der aber nachher mit großem
Pathos schwor, eine "vierundzwanzigpfündige feurige Bombenkugel" habe sie ihm
entzweigerissen, dieser selbe unüberwindliche Pistol wurde bisher zu Exekutionen gegen
reaktionäre Dörfer verwandt. Er unterzog sich diesem Amte mit großem Eifer, so
daß die Bauern zwar sehr großen Respekt vor ihm und seinem Korps hatten, ihn aber
auch jedesmal gehörig durchprügelten, wo sie ihn allein zu fassen bekamen. Auf ihrer
Rückkehr von solchen Fahrten mußten dann die Sensenmänner ihre Sensen in Scharten
und Splitter schlagen, und wenn er nach Kaiserslautern kam, erzählte er mörderliche
Falstaffiaden von seinen Kämpfen mit den Bauern.

Da mit solchen Kräften natürlich wenig auszurichten war, so befahl Mieroslawski, der
erst am 10. im badischen Hauptquartier eintraf, daß die Pfälzer sich fechtend an den
Rhein zurückziehen; womöglich den Rheinübergang bei Mannheim gewinnen, sonst aber
bei Speyer oder Knielingen auf das rechte Rheinufer gehen und sodann von Baden aus die
Rheinübergänge verteidigen sollten. Gleichzeitig mit diesem Befehl traf die Nachricht
ein, daß die Preußen von Saarbrücken aus in die Pfalz eingedrungen seien und
unsre wenigen an der Grenze aufgestellten Leute nach einigen Flintenschüssen gegen
Kaiserslautern zurückgeworfen hätten. Zugleich konzentrierten sich fast alle mehr oder
weniger organisierten Truppenteile in der Richtung auf Kaiserslautern und Neustadt; es entstand
eine grenzenlose Verwirrung, und ein großer Teil der Rekruten lief auseinander. Ein junger
Offizier der schleswigholsteinischen Freischaren von 1848, Rakow, ging mit 30 Mann aus, die
Deserteure wieder zu sammeln, und brachte in zweimal vierundzwanzig Stunden ihrer 1.400 zusammen,
die er in ein "Bataillon Kaiserslautern" formierte und bis zum Ende des Feldzugs führte.

Die Pfalz ist in strategischer Beziehung ein so einfaches Terrain, daß selbst die
Preußen hier keine Schnitzer machen konnten. Längs dem Rhein liegt

ein vier bis fünf Stunden breites Tal ohne alle
Terrainhindernisse. In drei bequemen Tagemärschen kamen die Preußen von Kreuznach und
Worms bis nach Landau und Germersheim. Über die gebirgige Hinterpfalz führt die
"Kaiserstraße" von Saargemünd nach Mainz, meist auf dem Bergrücken oder durch ein
breites Bachtal. Auch hier sind so gut wie gar keine Terrainhindernisse, hinter denen eine
numerisch schwache und taktisch ungebildete Armee sich nur einigermaßen halten könnte.
Von der Kaiserstraße endlich trennt sich hart an der preußischen Grenze, bei Homburg,
eine vortreffliche Straße, die teils durch Flußtäler, teils über den
Rücken der Vogesen über Zweibrücken und Pirmasens direkt nach Landau führt.
Diese Straße bietet freilich größere Schwierigkeiten dar, ist aber auch mit
wenig Truppen und ohne Artillerie nicht zu versperren, besonders wenn ein feindliches Korps in
der Ebene manöveriert und den Rückzug über Landau und Bergzabern verlegen
kann.

Hiernach war der Angriff der Preußen sehr einfach. Der erste Einfall geschah von
Saarbrücken gegen Homburg; von hier aus marschierte eine Kolonne direkt auf Kaiserslautern,
die andre über Pirmasens auf Landau. Gleich darauf griff ein zweites Korps im Rheintal an.
Dies Korps fand in Kirchheimbolanden den ersten heftigen Widerstand an den dort liegenden
Rheinhessen. Die Mainzer Schützen verteidigten den Schloßgarten mit großer
Hartnäckigkeit und trotz bedeutender Verluste. Sie wurden endlich umgangen und zogen sich
zurück. Ihrer siebenzehn fielen den Preußen in die Hände. Sie wurden sogleich an
die Bäume gestellt und von den schnapstrunkenen Heroen des "herrlichen Kriegsheers" ohne
weiteres erschossen. Mit dieser Niederträchtigkeit begannen die Preußen ihren "zwar
kurzen, aber ruhmvollen Feldzug" in der Pfalz.

Hiermit war die ganze nördliche Hälfte der Pfalz gewonnen und die Verbindung der
beiden Hauptkolonnen hergestellt. Sie brauchten jetzt nur noch in der Ebene vorzugehen und Landau
und Germersheim zu entsetzen, um sich die ganze übrige Pfalz zu sichern und alle im Gebirg
sich etwa noch haltenden Korps gefangenzunehmen.

Es waren etwa 30.000 Preußen in der Pfalz, mit zahlreicher Kavallerie und Artillerie
versehen. In der Ebene, wo der Prinz von Preußen und Hirschfeld mit dem stärksten
Korps vordrangen, stand zwischen ihnen und Neustadt nichts als ein paar widerstandsunfähige,
schon halb aufgelöste Volkswehrabteilungen und ein Teil der Rheinhessen. Ein rascher Marsch
auf Speyer und Germersheim, und die ganzen bei Neustadt und Landau konzentrierten oder vielmehr
verworren durcheinanderzottelnden 4.000 bis 5.000 Mann Pfälzer waren verloren, zersprengt,
aufgelöst und gefangen. Aber die Herren Preußen,

so aktiv, wenn es ans Füsilieren wehrloser Gefangener ging,
waren höchst zurückhaltend im Gefecht, höchst schläfrig in der
Verfolgung.

Wenn ich im ganzen Lauf des Feldzugs auf diese höchst seltsame Lauheit der Preußen
und übrigen Reichstruppen, sowohl im Angriff wie in der Verfolgung, gegenüber einer
meist sechsfach, stets wenigstens dreifach geringeren, schlecht organisierten und stellenweise
erbärmlich kommandierten Armee, wenn ich auf diesen Umstand häufiger zurückkommen
muß, so ist es klar, daß ich ihn nicht auf Rechnung einer aparten Feigheit der
preußischen Soldaten schiebe, um so weniger, als man schon gesehen haben wird, daß
ich mir über die besondre Tapferkeit unsrer Truppen durchaus keine Illusionen mache.
Ebensowenig führe ich ihn, wie dies von Reaktionären geschieht, auf eine Art von
Großmut oder auf den Wunsch zurück, sich nicht mit zu vielen Gefangenen zu
belästigen. Die preußische bürgerliche und militärische Bürokratie hat
von jeher ihren Ruhm darin gesucht, Triumphe über schwache Feinde mit großem Eklat
davonzutragen und sich an den Wehrlosen mit der ganzen Wollust des Blutdurstes zu rächen.
Sie hat dies auch in Baden und der Pfalz getan - Beweis: die Füsilladen von Kirchheim, die
nächtlichen Erschießungen in der Fasanerie von Karlsruhe, die zahllosen
Niedermetzelungen von Verwundeten und sich Ergebenden auf allen Schlachtfeldern, die
Mißhandlungen der wenigen, die zu Gefangenen gemacht wurden, die standrechtlichen Morde in
Freiburg und Rastatt und endlich die langsame, heimliche und darum um so grausamere Tötung
der Rastatter Gefangenen durch Mißhandlung, Hunger, Aufhäufung in feuchten,
erstickenden Löchern und den durch alles dies hervorgebrachten Typhus. Die laue
Kriegführung der Preußen hatte ihren Grund allerdings in der Feigheit, und zwar in der
Feigheit der Kommandierenden. Abgesehen von der langsamen, ängstlichen Präzision unsrer
preußischen Gamaschen- und Manöverhelden, die allein jeden kühnen Zug, jeden
raschen Entschluß unmöglich macht, abgesehen von den umständlichen
Dienstreglements, die die Wiederkehr so vieler schmählicher Niederlagen auf Umwegen
hintertreiben sollen - wo würden die Preußen jemals diese für uns so
unerträglich langweilige, für sie so höchst blamable Kriegführung angewandt
haben, wenn sie ihrer eignen Laute sicher gewesen wären? Aber darin lag die Ursache. Die
Herren Generäle wußten, daß ein Drittel ihrer Armee aus widerspenstigen
Landwehrregimentern bestand, die nach dem ersten Sieg der Insurrektionsarmee sich zu ihr schlagen
und sehr bald den Abfall der Hälfte auch der Linie und namentlich aller Artillerie nach sich
ziehen würde. Und wie es dann um das Haus Hohenzollern und die ungeschwächte Krone
gestanden haben würde, ist wohl ziemlich klar.

In Maikammer, wo ich auf neue Fuhre und Bedeckung bis zum Morgen

des 16. warten mußte, holte mich die in aller Frühe von
Neustadt aufgebrochne Armee schon wieder ein. Man hatte tags vorher noch von einem Marsch auf
Speyer gesprochen, dieser Plan war also aufgegeben, und man zog direkt nach der Knielinger
Brücke. Mit fünfzehn Pirmasensern, halbwilden Bauernjungen aus den Urwäldern der
Hinterpfalz, marschierte ich ab. Erst in der Nähe von Offenbach erfuhr ich, daß
Willich mit allen seinen Truppen nach Frankweiler, einem nordwestlich <In der "Revue":
nordöstlich> von Landau gelegenen Ort, abmarschiert sei. Ich kehrte also um und kam gegen
Mittag in Frankweiler an. Hier fand ich nicht nur Willich, sondern abermals den ganzen Vortrab
der Pfälzer, die, um nicht zwischen Landau und Germersheim durchzumarschieren, den Weg
westlich <In der "Revue": östlich> von Landau eingeschlagen hatten. Im Wirtshaus
saß die provisorische Regierung mit ihren Beamten, der Generalstab und die zahlreichen
demokratischen Bummler, die sich an beide angeschlossen hatten. Der General Sznayde
frühstückte. Alles lief durcheinander - im Gasthof die Regenten, Kommandanten und
Bummler, auf der Straße die Soldaten. Allmählich zog das Gros der Armee ein: Herr
Blenker, Herr Trocinski, Herr Straßer und wie sie alle heißen, hoch zu Roß, an
der Spitze ihrer Tapfern. Die Verwirrung wurde immer größer. Nach und nach gelang es,
einzelne Korps weiter fortzuschicken, in der Richtung auf Impflingen und Kandel zu.

Man sah es dieser Armee nicht an, daß sie auf dem Rückzug war. Die Unordnung war
von Anfang an bei ihr zu Hause, und wenn die jungen Krieger auch schon anfingen, über das
ungewohnte Marschieren zu jammern, so hielt sie das nicht ab, in den Wirtshäusern nach
Herzenslust zu zechen, zu lärmen und den Preußen mit baldigster Vernichtung zu drohen.
Trotz dieser Siegesgewißheit hätte ein Regiment Kavallerie mit einigen reitenden
Geschützen hingereicht, die ganze heitre Gesellschaft in alle vier Winde zu zersprengen und
das "rheinpfälzische Freiheitsheer" total aufzulösen. Es gehörte nichts dazu als
ein rascher Entschluß und etwas Verwegenheit; aber von beidem war im preußischen
Lager keine Rede.

Am nächsten Morgen brachen wir auf. Während das Gros der Flüchtigen nach der
Knielinger Brücke abzog, marschierte Willich mit seinem Korps und dem Bataillon Dreher ins
Gebirge gegen die Preußen. Eine unsrer Kompanien, etwa fünfzig Landauer Turner, waren
ins höchste Gebirg, nach Johanniskreuz, vorgegangen. Schimmelpfennig stand mit seinem Korps
auch noch auf der Straße von Pirmasens nach Landau. Es galt, die Preußen aufzuhalten
und ihnen in [Hinter]weidenthal die Straßen nach Bergzabern und ins Lautertal zu
verlegen.

Schimmelpfennig hatte indes [Hinter]weidenthal
schon aufgegeben und stand in Rinnthal und Annweiler. Die Straße macht hier eine Biegung,
und grade in dieser Biegung bilden die das Queichtal einschließenden Berge eine Art
Defilee, hinter dem das Dorf Rinnthal liegt. Dies Defilee war mit einer Art Feldwache besetzt. In
der Nacht hatten seine Patrouillen gemeldet, daß auf sie geschossen worden sei;
frühmorgens brachten der Exzivilkommissär Weiß von Zweibrücken und ein
junger Rheinländer, M. J. Becker, die Nachricht, daß die Preußen
heranrückten, und forderten zu Rekognoszierungspatrouillen auf. Aber weder Rekognoszierungen
wurden vorgenommen noch die Höhen zu beiden Seiten des Defilees besetzt, so daß
Weiß und Becker sich entschlossen, auf eigne Faust rekognoszieren zu gehen. Als sich die
Berichte vom Herannahen des Feindes mehrten, fingen Schimmelpfennigs Leute an, das Defilee zu
verbarrikadieren; Willich kam an, rekognoszierte die Position, gab einige Befehle zur Besetzung
der Höhen und ließ die ganz nutzlose Barrikade wieder forträumen. Er ritt dann
rasch nach Annweiler zurück und holte seine Truppen.

Als wir durch Rinnthal marschierten, hörten wir die ersten Schüsse fallen. Wir
eilten durchs Dorf und sahen auf der Chaussee Schimmelpfennigs Leute aufgestellt, viel
Sensenmänner, wenig Flinten, einige schon vor ins Gefecht. Die Preußen rückten
tiraillierend auf den Höhen vor; Schimmelpfennig hatte sie rühig in die Position kommen
lassen, die er selbst besetzen sollte. Noch fiel keine Kugel in unsre Kolonnen; sie flogen alle
hoch über uns weg. Wenn eine Kugel über die Sensenmänner hinpfiff, schwankte die
ganze Linie, schrie alles durcheinander.

Mit Mühe kamen wir an diesen Truppen vorbei, die fast die ganze Straße versperrten,
alles in Unordnung brachten und mit ihren Sensen doch ganz nutzlos waren. Die Kompanieführer
und Leutnants waren so ratlos und verwirrt wie die Soldaten selbst. Unsre Schützen wurden
vorkommandiert, einige rechts, einige links auf die Höhen, dazu links noch zwei Kompanien
zur Verstärkung der Schützen und zur Umgehung der Preußen. Die Hauptkolonne blieb
im Tal stehen. Einige Schützen postierten sich hinter die Trümmer der Barrikade in der
Biegung der Straße und schossen auf die preußische Kolonne, die einige Hundert
Schritt weiter zurück stand. Ich ging links mit einigen Leuten den Berg hinauf.

Wir hatten kaum den buschigen Abhang erklettert, als wir auf ein freies Feld stießen,
von dessen jenseitigem, waldigem Rand uns preußische Schützen ihre Spitzkugeln
herüberschickten. Ich holte noch einige der ratlos und etwas scheu am Abhang
herumkletternden Freischärler hinauf, stellte sie möglichst gedeckt auf und sah mir das
Terrain näher an. Vorgehen konnte ich nicht mit

den paar Mann über ein ganz offenes Feld von 200 bis 250
Schritt Breite, solange nicht das weiter links vorgeschickte Umgehungsdetachement die Flanke der
Preußen erreicht hatte; wir konnten uns höchstens halten, da wir ohnehin nur schlecht
gedeckt waren. Die Preußen schossen trotz ihrer Spitzkugelbüchsen übrigens
herzlich schlecht; wir standen fast gar nicht gedeckt über eine halbe Stunde im heftigsten
Tirailleurfeuer, und die feindlichen Scharfschützen trafen nur einen Flintenlauf und einen
Blusenzipfel.

Ich mußte endlich sehn, wo Willich war. Meine Leute versprachen, sich zu halten, ich
kletterte den Abhang wieder hinab. Unten stand alles gut. Die Hauptkolonne der Preußen, von
unsern Schützen auf der Straße und rechts von der Straße beschossen, mußte
sich etwas weiter zurückziehn. Auf einmal springen links, wo ich gestanden hatte, unsre
Freischärler eilig den Abhang hinunter und lassen ihre Position im Stich. Die auf dem
äußersten linken Flügel vorgegangenen Kompanien, durch Hinterlassung zahlreicher
Tirailleure geschwächt, fanden den Weg durch ein weiter liegendes Gehölz zu lang; den
Hauptmann, der das Gefecht von Bellheim gewonnen, an der Spitze, gingen sie quer über die
Felder vor. Ein heftiges Feuer empfing sie; der Hauptmann und mehrere andere stürzten, und
der Rest, ohne Führer, wich der Übermacht. Die Preußen gingen nun vor, nahmen
unsre Tirailleure in die Flanke, schossen von oben auf sie herab und zwangen sie so zum
Rückzug. Der ganze Berg war bald in den Händen der Preußen. Sie schossen von oben
in unsre Kolonnen; es war nichts mehr zu machen, und wir traten den Rückzug an. Die
Straße war versperrt durch die Schimmelpfennigschen Truppen und durch das Bataillon
Dreher-Obermüller, das nach löblicher badischer Sitte nicht in Sektionen von vier bis
sechs, sondern in Halbzügen von zwölf bis fünfzehn Mann Front marschierte und die
ganze Breite der Chaussee einnahm. Durch sumpfige Wiesen mußten unsre Leute ins Dorf
marschieren. Ich blieb bei den Schützen, die den Rückzug deckten.

Das Gefecht war verloren, teils dadurch, daß Schimmelpfennig gegen Willichs Befehl die
Höhen nicht hatte besetzen lassen, die wir mit den wenigen verwendbaren Truppen den
Preußen nicht wieder abnehmen konnten, teils durch die gänzliche Unbrauchbarkeit der
Schimmelpfennigschen Leute und des Bataillons Dreher, teils endlich durch die Ungeduld des zur
Umgehung der Preußen kommandierten Hauptmanns, die ihm fast das Leben kostete und unsern
linken Flügel bloßstellte. Es war übrigens unser Glück, daß wir
geschlagen wurden; eine preußische Kolonne war schon auf dem Weg nach Bergzabern, Landau
war entsetzt, und so wären wir in [Hinter]weidenthal von allen Seiten umzingelt gewesen.

Auf dem Rückzug verloren wir mehr Leute als im Gefecht. Von Zeit zu

Zeit schlugen die preußischen Büchsenkugeln in die
dichte Kolonne, die sich größtenteils in erbaulicher Unordnung, schreiend und polternd
fortbewegte. Wir hatten etwa fünfzehn Verwundete, darunter Schimmelpfennig, der ziemlich im
Anfang des Gefechts einen Schuß ins Knie erhalten hatte. Die Preußen verfolgten uns
wieder sehr lau und hörten bald auf zu schießen. Es waren nur einige Tirailleure an
den Bergabhängen, die uns nachfolgten. In Annweiler, eine halbe Stunde vom Kampfplatz,
nahmen wir sehr ruhig einige Erfrischungen zu uns und marschierten dann nach Albersweiler. Die
Hauptsache hatten wir: 3.000 Gulden Einzahlungen für die Zwangsanleihe, die in Annweiler
bereitgelegen hatten. Die Preußen nannten das nachher Kassenraub. Sie behaupteten auch in
ihrem Siegesrausch, den Hauptmann Manteuffel von unserm Korps, Vetter Ehren-Manteuffels in Berlin
und übergegangnen preußischen Unteroffizier, bei Rinnthal getötet zu haben. Herr
Manteuffel ist so wenig tot, daß er seitdem in Zürich noch einen Turnpreis gewonnen
hat.

In Albersweiler stießen zwei badische Geschütze zu uns, ein Teil der von
Mieroslawski gesandten Verstärkung. Wir wollten sie benutzen, um uns in der Nähe noch
einmal zu stellen; da brachte man uns die Nachricht, die Preußen seien schon in Landau, und
hiernach blieb uns nichts, als direkt nach Langenkandel abzumarschieren.

In Albersweiler wurden wir glücklich die unbrauchbaren Truppen los, die mit uns
marschierten. Das Korps Schimmelpfennig hatte sich nach dem Verlust seines Führers schon
teilweise aufgelöst und marschierte auf eigene Faust seitwärts nach Kandel ab. Es
ließ noch jeden Augenblick Marode und sonstige Nachzügler in den Wirtshäusern
zurück. Das Bataillon Dreher fing in Albersweiler an, rebellisch zu werden. Willich und ich
gingen hin und frugen, was sie wollten. Allgemeines Schweigen. Endlich rief ein schon ziemlich
bejahrter Freischärler: "Man will uns auf die Schlachtbank führen!" Diese Exklamation
war höchst komisch bei einem Korps, das gar nicht einmal im Gefecht gewesen war und auf dem
Rückzug zwei, höchstens drei Leichtverwundete gehabt hatte. Willich ließ den Mann
vortreten und sein Gewehr abgeben. Der etwas angetrunkene Graubart tat es, machte eine
tragikomische Szene und heulte eine lange Rede, deren kurzer Sinn war, daß ihm das noch nie
passiert sei. Darüber erhob sich eine allgemeine Entrüstung unter diesen sehr
gemütlichen, aber schlecht disziplinierten Kämpfern, so daß Willich der ganzen
Kompanie befahl, sofort abzumarschieren, er sei des Schwatzens und Murrens satt und wolle solche
Soldaten keinen Augenblick länger führen. Die Kompanie ließ sich das nicht
zweimal sagen, schwenkte rechts ab und setzte sich in Marsch. Fünf Minuten darauf folgte ihr
der Rest des Bataillons,

dem Willich noch zwei
Geschütze beigab. Das war ihnen zu arg, daß sie "auf die Schlachtbank geführt"
werden und Disziplin halten sollten! Wir ließen sie mit Vergnügen ziehn.

Wir schlugen uns rechts ins Gebirg in der Richtung auf Impflingen zu. Bald kamen wir in die
Nähe der Preußen; unsre Schützen wechselten einige Kugeln mit ihnen.
Überhaupt wurde den ganzen Abend von Zeit zu Zeit geschossen. Im ersten Dorf blieb ich
zurück, um unsrer Landauer Turnerkompanie durch Boten Nachrichten zuzuschicken; ob sie sie
erhielt, weiß ich nicht, doch ist sie glücklich nach Frankreich und von da nach Baden
herübergekommen. Durch diesen Aufenthalt verlor ich das Korps und mußte meinen Weg
nach Kandel selbst suchen. Die Wege waren bedeckt mit Nachzüglern der Armee; alle
Wirtshäuser lagen voll; die ganze Herrlichkeit schien in Wohlgefallen aufgelöst.
Offiziere ohne Soldaten hier, Soldaten ohne Offiziere dort, Freischärler aller Korps bunt
durcheinander eilten zu Fuß und zu Wagen nach Kandel zu. Und die Preußen dachten gar
nicht an ernsthafte Verfolgung! Impflingen liegt nur eine Stunde von Landau, Wörth (vor der
Knielinger Brücke) nur vier bis fünf Stunden von Germersheim; und die Preußen
schickten weder nach dem einen noch nach dem andern Punkt rasch Truppen hin, die hier die
Zurückgebliebenen, dort die ganze Armee abschneiden konnten. In der Tat, die Lorbeeren des
Prinzen von Preußen sind auf eine eigene Art errungen worden!

In Kandel fand ich Willich, aber nicht das Korps, das weiter zurück einquartiert war.
Dafür fand ich wieder die provisorische Regierung, den Generalstab und das zahlreiche
Gefolge von Bummlern. Dieselbe Überfüllung von Truppen, nur eine noch viel
größere Unordnung und Verwirrung als gestern in Frankweiler. Jeden Augenblick kamen
Offiziere, die nach ihren Korps, Soldaten, die nach ihren Führern frugen. Kein Mensch
wußte ihnen Bescheid zu geben. Die Auflösung war komplett.

Am nächsten Morgen, 18. Juni, defilierte die ganze Gesellschaft durch Wörth und
über die Knielinger Brücke. Trotz der vielen Versprengten und Heimgegangenen betrug die
Armee mit den aus Baden gekommenen Verstärkungen doch an 5.000 bis 6.000 Mann. Sie
marschierten so stolz durch Wörth, als hätten sie das Dorf soeben erobert und
zögen neuen Triumphen entgegen. Sie machten es noch immer wie Kossuth. Ein badisches
Linienbataillion war übrigens das einzige, das militärische Haltung hatte und das an
einer Kneipe vorbeimarschieren konnte, ohne daß einige davon hineinsprangen. Endlich kam
unser Korps. Wir blieben zur Deckung zurück, bis die Brücke abgefahren werden konnte;
als alles in Ordnung war, marschierten wir nach Baden hinüber und halfen die Joche
ausfahren

Die badische Regierung, um die braven
Karlsruher Spießbürger zu schonen, die sich am 6. Juni so tapfer gegen die
Republikaner gehalten hatten, quartierte die ganze pfälzische Gesellschaft in der Umgegend
ein. Wir hatten gerade darauf gedrungen, mit unserm Korps nach Karlsruhe zu kommen; wir hatten
eine Menge Reparaturen und Kleidungsgegenstände nötig und hielten außerdem die
Anwesenheit eines zuverlässigen, revolutionären Korps in Karlsruhe für sehr
wünschenswert. Aber Herr Brentano hatte für uns gesorgt. Er dirigierte uns auf
Daxianden, ein Dorf anderthalb Stunden von Karlsruhe, das uns als ein wahres Eldorado geschildert
wurde. Wir marschieren hin und finden das reaktionärste Nest der ganzen Gegend. Nichts zu
essen, nichts zu trinken, kaum etwas Stroh; das halbe Korps mußte auf dem harten
Fußboden schlafen. Dazu saure Gesichter an allen Türen und Fenstern. Wir machten
kurzen Prozeß. Herr Brentano wurde avertiert: Wenn uns nicht vorher ein anderes, besseres
Quartier angewiesen sei, würden wir am nächsten Morgen, den 19. Juni, in Karlsruhe
sein. Gesagt, getan. Um neun Uhr morgens wird abmarschiert. Noch keinen Büchsenschuß
vor dem Dorf kommt uns Herr Brentano mit einem Stabsoffizier entgegen und bietet alle
Schmeicheleien, alle Künste der Beredsamkeit auf, um uns von Karlsruhe entfernt zu halten.
Die Stadt beherberge schon 5.000 Mann, die reichere Klasse sei fortgereist, der Mittelstand mit
Einquartierung überladen; er werde nicht dulden, daß das tapfre Willichsche Korps, des
Lob auf allen Zungen sei, schlecht untergebracht werde, usw. Half alles nichts. Willich forderte
einige leere Paläste fortgereister Aristokraten, und als Brentano sie nicht geben wollte,
gingen wir in Karlsruhe in Quartiere.

In Karlsruhe erhielten wir Gewehre für unsre Sensenkompanie und einiges Tuch zu
Mänteln. Wir ließen Schuhe und Kleider so rasch wie möglich reparieren. Auch neue
Leute kamen zu uns, mehre Arbeiter, die ich vom Elberfelder Aufstand her kannte, ferner Kinkel,
der als Musketier in die Besançoner Arbeiterkompanie eintrat, und Zychlinski, Adjutant des
Oberkommandos im Dresdner Aufstand und Führer der Arrieregarde beim Rückzug der
Insurgenten. Er trat als Schütze in die Studentenkompanie.

Neben der Vervollständigung der Ausrüstung wurde die taktische Ausbildung nicht
vergessen. Es wurde fleißig exerziert und am zweiten Tage unsrer Anwesenheit ein
simulierter Sturm auf Karlsruhe vom Schloßplatz aus vorgenommen. Die Spießbürger
bewiesen durch ihre allgemeine und tiefgefühlte Entrüstung über dies Manöver,
daß sie die Drohung vollständig verstanden hatten.

Man faßte endlich den kühnen Entschluß, die Waffensammlung des
Großherzogs in Requisition zu setzen, die bisher wie ein Heiligtum unangetastet

geblieben war. Wir waren eben im Begriff, zwanzig daraus
erhaltene Büchsen pistonieren zu lassen, als die Nachricht kam, die Preußen seien bei
Germersheim über den Rhein gegangen und ständen in Graben und Bruchsal.

Wir marschierten sogleich - am 20. Juni abends - nebst zwei pfälzischen Kanonen ab. Als
wir nach Blankenloch kamen, anderthalb Stunden von Karlsruhe gegen Bruchsal zu, fanden wir dort
Herrn Clement mit seinem Bataillon und erfuhren, daß die preußischen Vorposten bis
etwa eine Stunde von Blankenloch vorgeschoben seien. Während unsre Leute unterm Gewehr zu
Abend speisten, hielten wir Kriegsrat. Willich schlug vor, die Preußen sogleich
anzugreifen. Herr Clement erklärte, mit seinen ungeübten Truppen keinen
nächtlichen Angriff machen zu können. Es wurde also beschlossen, daß wir sogleich
auf Karlsdorf vorgehn, etwas vor Tagesanbruch angreifen und die preußische Linie zu
durchbrechen suchen sollten. Gelang uns dies, so wollten wir auf Bruchsal marschieren und uns
womöglich hineinwerfen. Herr Clement sollte dann bei Tagesanbruch über Friedrichsthal
angreifen und unsre linke Flanke unterstützen.

Es war etwa Mitternacht, als wir aufbrachen. Unser Unternehmen war passabel verwegen. Wir
waren nicht ganz siebenhundert Mann mit zwei Kanonen; unsre Truppen waren besser exerziert und
zuverlässiger als der Rest der Pfälzer Truppen, auch ziemlich ans Feuer gewöhnt.
Wir wollten mit ihnen ein feindliches Korps angreifen, das jedenfalls viel geübter und mit
geübtern Subalternoffizieren versehen war als wir, bei denen einzelne Hauptleute kaum in der
Bürgerwehr gewesen waren; ein Korps, dessen Stärke wir nicht genau kannten, das aber
nicht unter 4.000 Mann zählte. Unser Korps hatte indessen schon ungleichere Kämpfe
bestanden, und auf minder ungünstige Zahlenverhältnisse war ja in diesem Feldzug
überhaupt nicht zu rechnen.

Wir schickten zehn Studenten als Avantgarde hundert Schritt vor; dann folgte die erste
Kolonne, an der Spitze ein halbes Dutzend badische Dragoner, die uns zum Stafettendienst
zugeteilt waren, dahinter drei Kompanien. Die Geschütze nebst den drei übrigen
Kompanien blieben etwas weiter zurück, die Schützen bildeten den Schluß. Der
Befehl war gegeben, unter keiner Bedingung zu schießen, mit der größten Stille
zu marschieren und, sowie der Feind sich zeige, mit dem Bajonett auf ihn loszugehn.

Bald sahen wir in der Ferne den Schein der preußischen Wachtfeuer. Wir kommen
unangefochten bis Spöck. Das Gros hält; die Avantgarde allein marschiert vor.
Plötzlich fallen Schüsse; auf der Straße am Eingang des Dorfes flackert ein
helles Strohfeuer auf, die Glocke läutet Sturm. Rechts und links gehen unsre Plänkler
um das Dorf, und die Kolonne marschiert hinein.

Drinnen brennen ebenfalls große Feuer; an jeder Ecke erwarten wir eine Salve. Aber alles
ist still, und nur eine Art Wachtposten von Bauern kampiert vor dem Rathaus. Der preußische
Posten hatte sich bereits davongemacht.

Die Herren Preußen - das sahen wir hier - hielten sich trotz ihrer kolossalen
Überzahl nicht für sicher, wenn sie nicht ihre pedantischen Vorpostendienstreglements
bis ins langweiligste Detail ausgeführt hatten. Eine ganze Stunde weit von ihrem Lager stand
dieser äußerste Posten. Hätten wir unsre, an Kriegsstrapazen ungewohnten Leute in
derselben Weise durch Vorpostendienst abmatten wollen, wir hätten zahllose Marode gehabt.
Wir verließen uns auf die preußische Ängstlichkeit und waren der Meinung, sie
würden mehr Respekt vor uns haben als wir vor ihnen. Und mit Recht. Unsre Vorposten wurden
bis an die Schweizer Grenze nie angegriffen, unsre Quartiere nie überfallen.

Jedenfalls waren die Preußen jetzt avertiert. Sollten wir umkehren? Wir waren nicht der
Ansicht, wir marschierten durch.

Bei Neuthard <In der "Revue": Neithart> abermals die Sturmglocke; diesmal aber weder
Signalfeuer noch Schüsse. Wir marschieren in etwas geschlossener Ordnung auch hier durch das
Dorf und die Höhe gegen Karlsdorf hinan. Unsre Avantgarde, jetzt nur noch dreißig
Schritt vor, ist kaum auf der Höhe angekommen, als sie die preußische Feldwache dicht
vor sich sieht und von ihr angerufen wird. Ich höre das "Wer da?"' und springe vor. Einer
meiner Kameraden sagte: "Der ist verloren, den sehn wir auch nicht wieder." Aber gerade mein
Vorgehn war meine Rettung.

In demselben Augenblick nämlich gibt die feindliche Feldwache eine Salve, und unsre
Avantgarde, statt sie mit dem Bajonett über den Haufen zu werfen, feuert wieder. Die
Dragoner, neben denen ich marschiert hatte, machen mit ihrer gewöhnlichen Feigheit sofort
kehrt, sprengen im Galopp in die Kolonne hinein, reiten eine Anzahl Leute nieder, sprengen die
ersten vier bis sechs Sektionen total auseinander und galoppieren davon. Zugleich geben die in
den Feldern rechts und links aufgestellten feindlichen Vedetten Feuer auf uns, und um die
Verwirrung vollständig zu machen, fangen mitten in unsrer Kolonne einige Tölpel an, auf
ihre eigne Spitze zu feuern, und andere Tölpel machen es ihnen nach. In einem Nu ist die
erste Hälfte der Kolonne zersprengt, teils in den Feldern zerstreut, teils auf der Flucht,
teils auf der Straße in verworrenem Knäul zusammengeballt. Verwundete, Tornister,
Hüte, Flinten liegen bunt durcheinander im jungen Korn. Dazwischen wildes, verworrenes
Geschrei, Schüsse und Kugelpfeifen in allen möglichen Rich-

tungen. Und wie der Lärm etwas nachläßt, höre
ich weit hinten unsre Kanonen in eiliger Flucht davonrollen. Sie hatten der zweiten Hälfte
der Kolonne denselben Dienst geleistet wie die Dragoner der ersten.

So wütend ich in diesem Augenblick über den kindischen Schrecken war, der unsre
Soldaten ergriffen hatte, so erbärmlich kamen mir die Preußen vor, die, avertiert, wie
sie von unsrer Ankunft waren, das Feuer nach ein paar Schüssen einstellten und ebenfalls
eiligst ausrissen. Unsre Avantgarde stand noch auf ihrem alten Platz, und ganz unangegriffen.
Eine Schwadron Kavallerie oder ein erträglich genährtes Tirailleurfeuer hätte uns
in die wildeste Flucht aufgelöst.

Willich kam von der Avantgarde eilig herangesprungen. Die Besançoner Kompanie war
zuerst wieder formiert; die andern, mehr oder minder beschämt, schlossen sich an. Es wurde
eben Tag. Unser Verlust betrug sechs Verwundete, worunter einer unsrer Stabsoffiziere, der an
derselben Stelle von einem Dragonerpferd zu Boden gestampft war, die ich den Augenblick vorher
verlassen hatte, um zur Avantgarde zu eilen. Mehrere andere waren offenbar von den Kugeln unsrer
eignen Leute getroffen. Wir sammelten sorgfältig alle weggeworfenen Armaturstücke auf,
damit den Preußen auch nicht die geringste Trophäe zufiele, und zogen uns dann langsam
nach Neuthard zurück. Die Schützen postierten sich zur Deckung hinter die ersten
Häuser. Aber kein Preuße kam; und als Zychlinski noch einmal rekognoszieren ging, fand
er sie noch hinter der Höhe, von woher sie ihm ein paar Kugeln sandten, ohne etwas zu
treffen.

Die Pfälzer Bauern, die unsre Geschütze fuhren, waren mit der einen Kanone bis durch
das Dorf gefahren; die andere hatte umgeworfen, und die Führer waren mit fünf Pferden,
deren Stränge sie abhieben, fortgeritten. Wir mußten das Geschütz aufrichten und
mit dem einen Stangenpferde allein fortschaffen.

Bei Spöck angekommen, hörten wir rechts, nach Friedrichsthal zu, eine
allmählich lebhafter werdende Füsillade. Herr Clement hatte, eine Stunde später
als verabredet, endlich angegriffen. Ich schlug vor, ihn durch einen Flankenangriff zu
unterstützen, um die erhaltene Scharte auszuwetzen. Willich war derselben Meinung und
befahl, den ersten Weg rechts einzuschlagen. Ein Teil unsres Korps hatte schon eingebogen, als
ein Ordonnanzoffizier von Clement meldete, dieser ziehe sich zurück. Wir gingen also nach
Blankenloch. Bald begegnete uns Herr Beust vom Generalstab und war höchst erstaunt, uns am
Leben und das Korps in bester Ordnung zu sehn. Die schuftigen Dragoner hatten auf ihrer Flucht,
die bis Karlsruhe ging, überall erzählt, Willich sei tot, die Offiziere seien alle tot
und das Korps in alle vier Winde zersprengt und

vernichtet. Man habe mit Kartätschen und "feurigen Bombenkugeln" auf uns geschossen.

Vor Blankenloch kamen uns pfälzische und badische Truppen entgegen und endlich Herr
Sznayde mit seinem Stab. Der alte Kauz, der die Nacht wahrscheinlich sehr ruhig im Bette
zugebracht hatte, war unverschämt genug, uns zuzurufen: "Meine Herren, wo gehen Sie hin?
Dort ist der Feind!" Wir antworteten ihm natürlich, wie sich's gebührte, marschierten
vorbei und sorgten in Blankenloch für etwas Ruhe und Erfrischung. Nach zwei Stunden kam Herr
Sznayde mit seiner Truppe zurück, natürlich ohne den Feind gesehen zu haben, und
frühstückte.

Herr Sznayde hatte jetzt mit den aus Karlsruhe und Umgegend erhaltenen Verstärkungen
ungefähr 8.000 bis 9.000 Mann unter seinem Befehl, darunter drei badische Linienbataillone
und zwei badische Batterien. Im ganzen mochten 25 Geschütze dabeisein. Infolge der etwas
unbestimmten Befehle Mieroslawskis und noch mehr der totalen Unfähigkeit des Herrn Sznayde
blieb die ganze pfälzische Armee in der Gegend von Karlsruhe stehn, bis die Preußen
unter dem Schutz des Germersheimer Brückenkopfs über den Rhein gegangen waren.
Mieroslawski (s. seine Rapporte über den Feldzug in Baden) hatte den allgemeinen Befehl
gegeben, nach dem Rückzug aus der Pfalz die Rheinübergänge von Speyer bis
Knielingen zu verteidigen, und den speziellen, Karlsruhe zu decken und die Knielinger Brücke
zum Sammelplatz des ganzen Armeekorps zu machen. Herr Sznayde legte dies so aus, daß er bis
auf weiteres bei Karlsruhe und Knielingen stehnbleiben sollte. Hätte er, wie die allgemeinen
Befehle Mieroslawskis implizierten, ein starkes Korps mit Artillerie gegen den Germersheimer
Brückenkopf geschickt, so wäre nicht der Unsinn passiert, daß man dem Major
Mniewski, mit 450 Rekruten ohne Geschütz, den Befehl gab, den Brückenkopf wegzunehmen,
so wären nicht 30.000 Preußen unangefochten über den Rhein gekommen, so wäre
nicht die Verbindung mit Mieroslawski abgeschnitten worden, so hätte die Pfälzer Armee
rechtzeitig auf dem Schlachtfeld von Waghäusel erscheinen können. Statt dessen trieb
sie sich am Tage des Waghäuseler Gefechts, am 21. Juni, ratlos zwischen Friedrichsthal,
Weingarten und Bruchsal umher, verlor den Feind aus den Augen und vergeudete die Zeit mit Kreuz-
und Quermärschen.

Wir erhielten Befehl, nach dem rechten Flügel aufzubrechen und über Weingarten am
Bergrande vorzugehn. Wir brachen also an demselben Mittag - den 21. Juni - von Blankenloch und
abends gegen fünf von Weingarten auf. Die Pfälzer Truppen fingen endlich an, unruhig zu
werden; sie merkten, welche Überzahl ihnen entgegenstand, und verloren die prahlerische
Sicherheit, die sie bisher wenigstens vor dem Gefecht gehabt hatten. Von jetzt

an begann bei der pfälzischen und badischen Volkswehr und
allmählich auch bei der Linie und Artillerie jene Preußenriecherei, jene
alltägliche Wiederholung blinden Lärms, die alles in Verwirrung brachte und zu den
ergötzlichsten Szenen Anlaß gab. Gleich auf der ersten Höhe hinter Weingarten
stürzten uns Patrouillen und Bauern mit dem Ruf entgegen: Die Preußen sind da! Unser
Korps formierte sich in Schlachtordnung und ging vor. Ich ging ins Städtchen zurück, um
dort Alarm schlagen zu lassen, und verlor dadurch das Korps. Der ganze Lärm war
natürlich grundlos. Die Preußen hatten sich gegen Waghäusel zurückgezogen,
und Willich rückte noch denselben Abend in Bruchsal ein.

Ich brachte die Nacht mit Herrn Oswald und seinem Pfälzer Bataillon in Obergrombach zu
und marschierte mit diesem am nächsten Morgen nach Bruchsal. Vor der Stadt kommen uns Wagen
mit Nachzüglern entgegen: Die Preußen sind da! Sogleich geriet das ganze Bataillon ins
Schwanken, und nur mit Mühe war es vorwärts zu bringen. Natürlich wieder blinder
Lärm; in Bruchsal lag Willich und der Rest der Pfälzer Avantgarde; die übrigen
rückten nach der Reihe ein, und von den Preußen war keine Spur. Außer der Armee
und ihren Führern waren d'Ester, die pfälzische Exregierung und Goegg dort, der
überhaupt seit Brentanos unwidersprechlich gewordener Diktatur sich fast
ausschließlich bei der Armee aufhielt und die laufenden Zivilgeschäfte besorgen half.
Die Verpflegung war schlecht, die Verwirrung groß. Nur im Hauptquartier wurde, wie immer,
gut gelebt.

Wir erhielten abermals eine ansehnliche Zahl Patronen aus den Karlsruher Vorräten und
marschierten abends ab, mit uns die ganze Avantgarde. Während diese in Ubstadt ihr Quartier
aufschlug, zogen wir nach Unteröwisheim rechts ab, um im Gebirg die Flanke zu decken.

Wir waren jetzt, dem Ansehen nach, eine ganz respektable Macht. Unser Korps hatte sich durch
zwei neue Abteilungen verstärkt. Erstens durch das Bataillon Langenkandel, das auf dem Wege
von seiner Heimat bis zur Knielinger Brücke auseinandergelaufen war und dessen beaux restes
<schöne Überreste> sich uns angeschlossen hatten; sie bestanden aus einem
Hauptmann, einem Leutnant, einem Fahnenträger, einem Feldwebel, einem Unteroffizier und zwei
Mann. Zweitens die "Kolonne Robert Blum" mit einer roten Fahne, ein Korps von ungefähr
sechzig Mann, die wie die Kannibalen aussahen und im Requirieren bedeutende Heldentaten
verrichtet hatten. Außerdem waren uns noch vier badische Geschütze und ein Bataillon
badischer Volkswehr zugeteilt, das Bataillon Kniery, Knüry oder Knierim (die richtige Lesart
des Namens war

nicht zu entdecken). Das Bataillon
Knierim war seines Führers, und Herr Knierim war seines Bataillons würdig. Beide waren
gesinnungstüchtig, erschreckliche Maulhelden und Lärmschläger und stets besoffen.
Die bekannte "Begeisterung" durchzuckte ihre Herzen, wie wir sehen werden, zu den gewaltigsten
Heldentaten.

Am Morgen des 23. erhielt Willich ein Billett von Anneke, der die pfälzische Avantgarde
in Ubstadt kommandierte, des Inhalts: Der Feind rücke heran, man habe Kriegsrat gehalten und
beschlossen, sich zurückzuziehn. Willich, im höchsten Grade erstaunt über diese
seltsame Nachricht, ritt sogleich hinüber, bewog Anneke und seine Offiziere, das Gefecht bei
Ubstadt anzunehmen, rekognoszierte selbst die Position und gab die Aufstellung der Geschütze
an. Er kam dann zurück und ließ seine Leute unters Gewehr treten. Während unsre
Truppen sich aufstellten, erhielten wir folgenden Befehl aus dem Hauptquartier Bruchsal,
unterzeichnet von Techow: Das Gros der Armee werde auf der Straße nach Heidelberg vorgehn
und hoffe, denselben Tag noch bis Mingolsheim zu kommen, und wir sollten gleichzeitig über
Odenheim auf Waldangelloch marschieren und dort übernachten. Weitere Nachrichten über
die Erfolge des Hauptkorps und Befehle über unser ferneres Verhalten würden uns dorthin
nachgeschickt werden.

Herr Struve hat in seiner abenteuerlichen "Geschichte der drei Volkserhebungen in Baden", p.
311-317, einen Bericht über die Operationen der Pfälzer Armee vom 20. bis 26. Juni
veröffentlicht, der nur eine Apologie des unfähigen Sznayde ist und von Unrichtigkeiten
und Entstellungen wimmelt. Schon aus dem Erzählten geht hervor, 1. daß Sznayde
keineswegs "einige Stunden nach seinem Einrücken in Bruchsal (am 22.) sichere Kunde
über das Treffen von Waghäusel und dessen Ausgang erhielt"; 2. daß also
keineswegs "hierdurch sein Plan ein andrer wurde und daß er, statt nach Mingolsheim zu
marschieren, wie anfangs die Absicht gewesen", keineswegs schon am 22. "beschloß, mit dem
Gros seiner Division in Bruchsal zu bleiben" (das erwähnte Billett von Techow war in der
Nacht vom 22. auf den 23. geschrieben); 3. daß keineswegs "am Morgen des 23. eine
große Rekognoszierung vorgenommen werden sollte", sondern allerdings der Marsch auf
Mingolsheim. Daß 4. "alle Detachements Befehl erhielten, sobald sie feuern hörten, in
der Richtung des Feuers zu marschieren", und 5. "das Detachement des rechten Flügels
(Willich) sein Nichterscheinen beim Gefecht von Ubstadt damit entschuldigte, es habe vom Feuern
nichts gehört", sind, wie sich zeigen wird, grobe Lügen.

Wir marschierten sogleich ab. In Odenheim sollte gefrühstückt werden. Einige
bayrische Chevaulegers, die uns zum Stafettendienst zugeteilt waren,

ritten links um das Dorf, um etwaige feindliche Korps zu
rekognoszieren. Preußische Husaren waren im Dorf gewesen und hatten Fourage requiriert, die
sie später abholen wollten. Während wir diese Fourage mit Beschlag belegten und unsre
Leute unterm Gewehr Wein und Eßwaren verteilt erhielten, kam einer der Chevaulegers
hereingesprengt und schrie: Die Preußen sind da! In einem Nu war das Bataillon Knierim, das
zunächst stand, aus den Gliedern und wälzte sich in einem wilden Knäuel schreiend,
fluchend und polternd in allen Richtungen durcheinander, während der Herr Major über
seinem scheu gewordnen Pferd seine Leute im Stich lassen mußte. Willich kam herangeritten,
stellte die Ordnung wieder her, und wir marschierten ab. Die Preußen waren natürlich
nicht da.

Auf der Höhe hinter Odenheim hörten wir den Kanonendonner von Ubstadt herüber.
Die Kanonade wurde bald lebhafter. Geübtere Ohren konnten schon die Kugelschüsse von
den Kartätschenschüssen unterscheiden. Wir hielten Rat, ob unser Marsch fortgesetzt
oder die Richtung des Feuers eingeschlagen werden sollte. Da unser Befehl positiv war und da das
Feuer sich nach der Richtung von Mingolsheim zu ziehen schien, was ein Vorrücken der Unsern
bezeichnete, entschlossen wir uns für den gefährlicheren Marsch, den auf Waldangelloch.
Wurden die Pfälzer bei Ubstadt geschlagen, so waren wir dort oben im Gebirg so gut wie
abgeschnitten und in einer ziemlich kritischen Position.

Herr Struve behauptet, das Gefecht bei Ubstadt hätte "zu glänzenden Resultaten
führen können, wenn die Seitendetachements im gehörigen Moment eingegriffen
hätten" (p. 314). Die Kanonade dauerte keine Stunde, und wir hätten zwei bis
zweieinhalb Stunden gebraucht, um zwischen Stettfeld <In der "Revue": "Mattfeld"> und
Ubstadt auf dem Kampfplatz erscheinen zu können, daß heißt anderthalb Stunden,
nachdem er aufgegeben war. So schreibt Herr Struve "Geschichte".

In der Nähe von Tiefenbach wurde haltgemacht. Während unsre Truppen sich
erfrischten, expedierte Willich einige Depeschen. Das Bataillon Knierim entdeckte in Tiefenbach
eine Art Gemeindekeller, belegte ihn mit Beschlag, holte die Weinfässer heraus, und in Zeit
von einer Stunde war alles berauscht. Der Ärger über den Preußenschrecken vom
Morgen, der Kanonendonner von Ubstadt, das geringe Vertrauen dieser Helden ineinander und in ihre
Offiziere, alles das, durch den Wein gesteigert, brach plötzlich in offene Rebellion aus.
Sie verlangten, es solle sofort zurückmarschiert werden; das ewige Marschieren in den Bergen
vor dem Feind gefalle ihnen nicht. Als davon natürlich keine Rede war, machten sie kehrt und
marschierten auf eigene

Faust ab. Die
menschenfressende "Kolonne Robert Blum" schloß sich ihnen an. Wir ließen sie ziehn
und marschierten nach Waldangelloch.

Hier, in einem tiefen Talkessel, war es unmöglich, mit einiger Sicherheit zu
übernachten. Es wurde also haltgemacht und Nachrichten über die
Terrainverhältnisse der Umgegend und die Stellung des Feindes eingezogen. Inzwischen hatten
sich durch Bauern einzelne vage Gerüchte vom Rückzug der Neckararmee verbreitet. Man
wollte wissen, daß über Sinsheim und Eppingen bedeutende badische Korps auf Bretten zu
marschiert seien, daß Mieroslawski selbst in strengstem Inkognito durchgekommen sei und man
ihn in Sinsheim habe verhaften wollen. Die Artillerie wurde unruhig, und selbst unsere Studenten
fingen an zu murren. Die Artillerie wurde also zurückgeschickt, und wir marschierten auf
Hilsbach. Hier erfuhren wir Näheres über den seit 48 Stunden bewerkstelligten
Rückzug der Neckararmee und über die anderthalb Stunden von uns, in Sinsheim, stehenden
Bayern. Ihre Zahl wurde auf 7.000 angegeben, war aber, wie wir später erfuhren, gegen
10.000. Wir waren nur 700 Mann höchstens. Unsre Leute konnten nicht weitermarschieren. Wir
quartierten sie also in Scheunen ein, wie immer, wenn wir sie möglichst zusammenhalten
mußten, stellten starke Feldwachen aus und legten uns schlafen. Als wir am nächsten
Morgen, dem 24., ausmarschierten, hörten wir ganz deutlich bayrischen Feldschritt schlagen.
Eine gute Viertelstunde nach unserm Abmarsch waren die Bayern in Hilsbach.

Mieroslawski hatte zwei Tage vorher, am 22., in Sinsheim übernachtet und war bereits mit
seinen Truppen in Bretten, als wir in Hilsbach einrückten. Becker, der die Arrieregarde
führte, war ebenfalls schon durch. Er kann also nicht, wie Herr Struve p. 308 behauptet, die
Nacht vom 23. auf den 24. in Sinsheim zugebracht haben, denn dort standen abends acht Uhr, und
wahrscheinlich schon früher, die Bayern, die schon den Abend vorher Mieroslawski ein kleines
Gefecht geliefert hatten. Der Rückzug Mieroslawskis von Waghäusel über Heidelberg
nach Bretten wird von den Beteiligten als ein höchst gefährliches Manöver
dargestellt. Die Operationen Mieroslawskis vom 20. Juni bis zum 24., die rasche Konzentrierung
eines Korps bei Heidelberg, mit dem er sich auf die Preußen warf, und sein rascher
Rückzug nach dem Verlust des Gefechts bei Waghäusel, bilden allerdings den
glänzendsten Teil seiner gesamten Tätigkeit in Baden; daß aber gegenüber
einem so schläfrigen Feind dies Manöver keineswegs so gefährlich war, beweist
unser mit einem kleinen Korps von Hilsbach aus 24 Stunden später ganz unbelästigt
bewerkstelligter Rückzug. Selbst durch das Defilee von Flehingen <In der "Revue":
Fleingen>, wo schon

Mieroslawski am 23. einen
Angriff erwartet hatte, kamen wir unangegriffen und marschierten auf Büchig. Hier wollten
wir bleiben, um das von Mieroslawski bei Bretten aufgeschlagene Lager vor einem ersten Angriff zu
decken.

Überall auf unserm Marsch, der über Eppingen, Zaisenhausen und Flehingen ging,
erregten wir Verwunderung, da schon alle Korps der Neckararmee, auch die Arrieregarde,
durchmarschiert waren. Als wir in Büchig einmarschierten und unser Hornist anblies, erregten
wir dort einen Preußenschrecken. Ein Kommando Brettener Bürgerwehr, das Lebensmittel
für Mieroslawskis Lager requirierte, hielt uns für Preußen und bot das
schönste Beispiel von Verwirrung dar, bis wir um die Ecke bogen und der Anblick unsrer
Blusen sie beruhigte. Wir nahmen die Lebensmittel sogleich in Beschlag und hatten sie kaum
verzehrt, als die Nachricht, Mieroslawski sei mit allen Truppen von Bretten aufgebrochen, unsern
Abzug nach Bretten veranlaßte.

In Bretten blieben wir über Nacht, während die Bürgerwehr Vorposten ausstellte.
Für den nächsten Morgen waren Wagen requiriert, um das ganze Korps nach Ettlingen zu
führen. Da Bruchsal schon am 24. von den Preußen genommen war und wir uns für den
Fall, daß die Straße über Diedelsheim nach Durlach vom Feinde besetzt war (sie
war es, wie wir später erfuhren, wirklich), in kein Gefecht einlassen konnten, so blieb uns
kein andrer Weg zur Hauptarmee.

In Bretten kam eine Deputation der Studenten zu uns mit der Erklärung, das ewige
Marschieren vor dem Feinde gefalle ihnen nicht und sie bäten um ihre Entlassung. Sie
erhielten, wie sich versteht, zur Antwort, vor dem Feinde werde niemand entlassen; wenn sie aber
desertieren wollten, so stehe ihnen das frei. Ungefähr die Hälfte der Kompanie
marschierte darauf ab; der Rest schmolz durch Einzeldesertion bald so zusammen, daß nur
noch die Schützen übrigblieben. Überhaupt zeigten sich die Studenten während
des ganzen Feldzugs als malkontente, ängstliche junge Herrchen, die immer in alle
Operationspläne eingeweiht sein wollten, über wunde Füße klagten und
murrten, wenn der Feldzug nicht alle Annehmlichkeiten einer Ferienreise bot. Unter diesen
"Vertretern der Intelligenz" waren nur einige, die durch wirklich revolutionären Charakter
und glänzenden Mut eine Ausnahme machten.

Eine halbe Stunde nach unserm Abmarsch, wurde uns später berichtet, rückte der Feind
in Bretten ein. Wir kamen nach Ettlingen, wo uns Herr Corvin-Wiersbitzki aufforderte, nach
Durlach zu marschieren, wo Becker den Feind aufhalten solle, bis Karlsruhe ausgeräumt sei.
Willich schickte einen Chevauleger mit einem Billett an Becker, um zu erfahren, ob er sich noch

einige Zeit halten wolle; der Mann kam in einer
Viertelstunde mit der Nachricht zurück, die Truppen Beckers seien ihm schon in vollem
Rückzug entgegengekommen. Wir marschierten also nach Rastatt ab, wo sich alles
konzentrierte.

Die Straße nach Rastatt bot das Bild der schönsten Unordnung dar. Eine Menge der
verschiedensten Korps marschierten oder lagerten bunt durcheinander, und nur mit Mühe
hielten wir unter der glühenden Sonnenhitze und der allgemeinen Verwirrung unsre Leute
zusammen. Auf dem Glacis von Rastatt lagerten die Pfälzer Truppen und einige badische
Bataillone. Die Pfälzer waren sehr zusammengeschmolzen. Das beste Korps, das rheinhessische,
war vor dem Gefecht von Ubstadt durch die Herren Zitz und Bamberger in Karlsruhe zusammenberufen
worden. Diese tapfern Freiheitskämpfer eröffneten dem Korps: Es sei alles verloren, die
Übermacht sei zu groß, noch könnten sie alle ungefährdet heimkehren; sie,
der Parlamentspolterer Zitz und der mutige Bamberger, wollten ihr Gewissen frei halten von
unschuldig vergossenem Blut und sonstigem Unheil und erklärten damit das Korps für
aufgelöst. Die Rheinhessen waren über diese infame Zumutung natürlich so
entrüstet, daß sie die beiden Verräter arretieren und erschießen wollten;
auch d'Ester und die Pfälzer Regierung stellten ihnen nach, um sie zu verhaften. Aber die
ehrenwerten Bürger waren bereits entflohen, und der tapfere Zitz sah sich schon vom sichern
Basel aus den weitern Verlauf der Reichsverfassungskampagne an. Wie im September 1848 mit seiner
"Frakturschrift", so im Mai 1849 hatte Herr Zitz zu denjenigen Parlamentsrenommisten gehört,
die das Volk am meisten zum Aufstand gereizt hatten, und beide Male nahm er einen rühmlichen
Platz unter denen ein, die es im Aufstand zuerst im Stich ließen. Auch bei
Kirchheimbolanden war Herr Zitz unter den ersten Ausreißern, während seine
Schützen sich schlugen und füsiliert wurden. - Das rheinhessische Korps, ohnehin wie
alle Korps durch Desertion schon sehr geschwächt, durch den Rückzug nach Baden
entmutigt, verlor momentan allen Halt. Ein Teil löste sich auf und ging nach Hause; der Rest
formierte sich neu und focht bis ans Ende des Feldzugs mit. Die übrigen Pfälzer wurden
bei Rastatt durch die Nachricht demoralisiert, daß alle, die bis zum 5. Juli nach Hause
zurückkehrten, Amnestie erhalten sollten. Mehr als die Hälfte lief auseinander,
Bataillone schmolzen zu Kompanien zusammen, die Subalternoffiziere waren zum großen Teil
fort, und die etwa 1.200 Mann, die noch zusammenblieben, waren fast gar nichts mehr wert. Auch
unser Korps, wenn auch keineswegs entmutigt, war doch durch Verluste, Krankheiten und die
Desertion der Studenten auf wenig mehr als 500 Mann zusammengeschmolzen.

Wir kamen nach Kuppenheim, wo schon andre
Truppen standen, ins Quartier. Am nächsten Morgen ging ich mit Willich nach Rastatt und traf
dort
Moll
wieder.

Den mehr oder weniger gebildeten Opfern des badischen Aufstandes sind von allen Seiten in der
Presse, in den demokratischen Vereinen, in Versen und in Prosa Denksteine gesetzt worden. Von den
Hunderten und Tausenden von Arbeitern, die die Kämpfe ausgefochten, die auf den
Schlachtfeldern gefallen, die in den Rastatter Kasematten lebendig verfault sind oder jetzt im
Auslande allein von allen Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des Elends durchzukosten
haben - von denen spricht niemand. Die Exploitation der Arbeiter ist eine althergebrachte, zu
gewohnte Sache, als daß unsre offiziellen "Demokraten" die Arbeiter für etwas andres
ansehen sollten als für agitablen, exploitablen und exlosiblen Rohstoff, für pures
Kanonenfutter. Um die revolutionäre Stellung des Proletariats, um die Zukunft der
Arbeiterklasse zu begreifen, dazu sind unsre Demokraten viel zu unwissend und bürgerlich.
Deswegen sind ihnen auch jene echt proletarischen Charaktere verhaßt, die, zu stolz, um
ihnen zu schmeicheln, zu einsichtig, um sich von ihnen benutzen zu lassen, dennoch jedesmal mit
den Waffen in der Hand dastehn, wenn es sich um den Umsturz einer bestehenden Gewalt handelt, und
die in jeder revolutionären Bewegung die Partei des Proletariats direkt vertreten. Liegt es
aber nicht im Interesse der sog. Demokraten, solche Arbeiter anzuerkennen, so ist es Pflicht der
Partei des Proletariats, sie so zu ehren, wie sie es verdienen. Und zu den besten dieser Arbeiter
gehörte
Joseph Moll von Köln
.

Moll war Uhrmacher. Er hatte Deutschland seit Jahren verlassen und in Frankreich. Belgien und
England an allen revolutionären öffentlichen und geheimen Gesellschaften teilgenommen.
Den deutschen Arbeiterverein in London hatte er 1840 mit stiften helfen. Nach der
Februarrevolution kam er nach Deutschland zurück und übernahm bald mit seinem Freunde
Schapper die Leitung des Kölner Arbeitervereins. Flüchtig in London seit dem
Kölner Septemberkrawall von 1848, kam er bald unter falschem Namen nach Deutschland
zurück, agitierte in den verschiedensten Gegenden und übernahm Missionen, deren
Gefährlichkeit jeden andren zurückschreckte. In Kaiserslautern traf ich ihn wieder.
Auch hier übernahm er Missionen nach Preußen, die ihm, wäre er entdeckt worden,
sofortige Begnadigung zu Pulver und Blei zuziehen mußten. Von seiner zweiten Mission
zurückkehrend, kam er durch alle feindlichen Armeen glücklich durch bis Rastatt, wo er
sofort in die Besançoner Arbeiterkompanie unsres Korps eintrat. Drei Tage nachher war er
gefallen. Ich verlor in ihm einen alten Freund, die Partei einen ihrer unermüdlichsten,
unerschrockensten und zuverlässigsten Vorkämpfer.

Die Partei des Proletariats war ziemlich stark
in der badisch-pfälzischen Armee vertreten, besonders in den Freikorps, wie im unsrigen, in
der Flüchtlingslegion usw., und sie kann ruhig alle andern Parteien herausfordern, auf nur
einen einzigen ihrer Angehörigen den geringsten Tadel zu werfen. Die entschiedensten
Kommunisten waren die couragiertesten Soldaten.

Am nächsten Tage, am 27., wurden wir etwas weiter ins Gebirg, nach Rothenfels verlegt.
Die Einteilung der Armee und die Dislozierung der verschiedenen Korps wurde allmählich
festgestellt. Wir gehörten zur Division des rechten Flügels, die von Oberst Thome,
demselben, der Mieroslawski in Meckesheim hatte verhaften wollen und dem man kindischerweise sein
Kommando gelassen hatte, und vom 27. an von Mersy befehligt wurde. Willich, der das ihm von Sigel
angebotene Kommando der Pfälzer ausgeschlagen hatte, fungierte als Chef des Divisionsstabs.
Die Division stand von Gernsbach und der württembergischen Grenze bis jenseits Rothenfels
und lehnte sich links an die Division Oborski, die um Kuppenheim konzentriert war. Die Avantgarde
war bis an die Grenze sowie nach Sulzbach, Michelbach und Winkel vorgeschoben. Die Verpflegung,
anfangs regellos und schlecht, wurde vom 27. an besser. Unsre Division bestand aus mehreren
badischen Linienbataillonen, dem Rest der Pfälzer unter Held Blenker, unsrem Korps und einer
oder anderthalb Batterien Artillerie. Die Pfälzer lagen in Gernsbach und Umgegend, die Linie
und wir in und um Rothenfels. Das Hauptquartier war in dem gegenüber Rothenfels liegenden
Hotel zur Elisabethenquelle.

Wir saßen - der Divisionsstab und der unsres Korps nebst Moll, Kinkel und andern
Freischärlern - in diesem Hotel am 28. nach Tische eben beim Kaffee, als die Nachricht
ankam, unsre Vorhut bei Michelbach sei von den Preußen angegriffen. Wir brachen gleich auf,
obwohl wir alle Ursache hatten zu vermuten, daß der Feind nur eine Rekognoszierung
beabsichtige. Es war in der Tat weiter nichts. Das von den Preußen momentan eroberte, unten
im Tal gelegene Dorf Michelbach war ihnen bei unsrer Ankunft schon wieder abgenommen. Man
schoß von beiden Bergabhängen über das Tal hin aufeinander und verschoß
nutzlos viel Munition. Ich sah nur einen Toten und einen Verwundeten. Während die Linie ihre
Patronen auf Entfernungen von 600 bis 800 Schritt zwecklos verschoß, ließ Willich
unsre Leute sehr ruhig die Gewehre zusammenstellen und sich dicht neben den angeblichen
Kämpfern und im angeblichen Feuer ausruhen. Nur die Schützen gingen den waldigen Abhang
hinab und vertrieben, von einigen Linientruppen unterstützt, die Preußen von der
gegenüberliegenden Höhe. Einer unsrer Schützen schoß mit seinem kolossalen
Standrohr, einer wahren tragbaren Kanone, auf

ungefähr 900 Schritt einen preußischen Offizier vom Pferde; seine ganze Kompanie
machte sofort rechtsum und marschierte in den Wald zurück. Eine Anzahl preußischer
Toten und Verwundeten sowie zwei Gefangene fielen in unsre Hände.

Am nächsten Tag fand der allgemeine Angriff auf der ganzen Linie statt. Diesmal
störten uns die Herren Preußen beim Mittagessen. Der erste Angriff, der uns gemeldet
wurde, war gegen Bischweier, also gegen den Verbindungspunkt der Division Oborski mit der
unsrigen. Willich drang darauf, daß unsre Truppen bei Rothenfels möglichst disponibel
gehalten werden sollten, da der Hauptangriff jedenfalls in der entgegengesetzten Richtung, bei
Gernsbach, zu erwarten sei. Aber Mersy antwortete: Man wisse ja, wie es gehe; wenn eines unsrer
Bataillone angegriffen werde und die übrigen kämen ihm nicht gleich in Masse zur
Hülfe, so würde über Verrat geschrieen, und alles risse aus. Es wurde also gegen
Bischweier zu marschiert.

Willich und ich gingen mit der Schützenkompanie auf der Straße nach Bischweier auf
dem rechten Murgufer vor. Eine halbe Stunde von Rothenfels stießen wir auf den Feind. Die
Schützen verteilten sich in Tirailleurlinie, und Willich ritt zurück, um das Korps, das
etwas zurückstand, in die Linie zu holen. Eine Zeitlang hielten unsre Schützen, hinter
Obstbäumen und Weinbergen gedeckt, ein ziemlich lebhaftes Feuer aus, das sie ebenso lebhaft
erwiderten. Als aber eine starke feindliche Kolonne auf der Straße vorrückte, um ihre
Tirailleure zu unterstützen, gab der linke Flügel unsrer Schützen nach und war
trotz alles Zuredens nicht mehr zum Stehen zu bringen. Der rechte war weiter hinauf gegen die
Höhen vorgegangen und wurde später von unserm Korps aufgenommen.

Als ich sah, daß mit den Schützen nichts zu machen war, überließ ich sie
ihrem Schicksal und ging nach den Höhen zu, wo ich die Fahnen unsres Korps sah. Eine
Kompanie war zurückgeblieben; ihr Hauptmann, ein Schneider, sonst ein braver Kerl,
wußte sich nicht zu helfen. Ich nahm sie mit zu den übrigen und traf Willich, als er
eben die Besançoner Kompanie in Tirailleurlinie vorschickte und die übrigen dahinter
in zwei Treffen, nebst einer zur Flankendeckung rechts gegen das Gebirg vorgeschickten Kompanie,
aufstellte.

Unsre Tirailleure wurden von einem heftigen Feuer empfangen. Es waren preußische
Schützen, die ihnen gegenüberstanden, und unsre Arbeiter hatten den
Spitzkugelbüchsen nur Musketen gegenüberzustellen. Sie gingen aber, unterstützt
von dem rechten Flügel unsrer Schützen, der zu ihnen stieß, so entschlossen vor,
daß die kurze Entfernung sehr bald, namentlich auf dem rechten Flügel, die schlechtere
Qualität der Waffe ausglich und die Preußen geworfen wurden. Die beiden Treffen
blieben ziemlich dicht hinter der

Tirailleurlinie. Inzwischen waren auch zwei badische Geschütze links von uns, im Murgtal,
aufgefahren und eröffneten das Feuer gegen preußische Infanterie und Artillerie, die
auf der Straße stand.

Ungefähr eine Stunde mochte der Kampf hier unter dem lebhaftesten Gewehr- und
Büchsenfeuer und unter fortwährendem Zurückgehen der Preußen gedauert haben
- einige unsrer Schützen waren bereits bis nach Bischweier hereingekommen -, als die
Preußen Verstärkung erhielten und ihre Bataillone vorschickten. Unsre Tirailleure
zogen sich zurück; das erste Treffen gab Pelotonfeuer, das zweite zog sich eine Strecke
links in einen Hohlweg und gab ebenfalls Feuer. Aber die Preußen drangen in dichten Massen
auf der ganzen Linie nach; die beiden badischen Geschütze, die unsre linke Flanke deckten,
waren schon zurückgegangen, in der rechten Flanke kamen die Preußen vom Gebirg
herunter, und wir mußten zurück.

Sobald wir aus dem feindlichen Kreuzfeuer waren, nahmen wir neue Aufstellung am Gebirgsrand.
Hatten wir bisher Front gegen die Rheinebene, gegen Bischweier und Niederweier gemacht, so
machten wir jetzt Front gegen das Gebirg, das die Preußen von Oberweier her besetzt hatten.
Jetzt endlich kamen auch die Linienbataillone in der Schlachtlinie an und nahmen den Kampf auf,
in Gemeinschaft mit zwei Kompanien unsres Korps, die abermals zum Tiraillieren vorgeschickt
wurden.

Wir hatten starke Verluste gehabt. Ungefähr dreißig fehlten, darunter Kinkel und
Moll - die versprengten Schützen nicht zu rechnen. Die beiden Genannten waren mit dem
rechten Flügel ihrer Kompanie und einigen Schützen zu weit vor gegangen. Der
Schützenhauptmann, Oberförster Emmermann aus Thronecken in Rheinpreußen, der
gegen die Preußen marschierte, als ging er auf die Hasenjagd, hatte sie an eine Stelle
geführt, wo sie in einen Zug preußischer Artillerie hineinfeuerten und ihn zum eiligen
Rückzug brachten. Sogleich aber debouchierte eine Kompanie Preußen aus einem Hohlweg
und schoß auf sie. Kinkel stürzte, am Kopf getroffen, und wurde solange mitgeschleppt,
bis er wieder allein gehen konnte; bald aber gerieten sie in ein Kreuzfeuer und mußten
sehen, wie sie davonkamen. Kinkel konnte nicht mit und ging in einen Bauernhof, wo er von den
Preußen gefangengenommen und gemißhandelt wurde; Moll erhielt einen Schuß durch
den Unterleib, wurde ebenfalls gefangen und starb nachher an seiner Wunde. Auch Zychlinski hatte
einen Prellschuß in den Nacken erhalten, der ihn indes nicht hinderte, beim Korps zu
bleiben.

Während das Gros stehenblieb und Willich nach einer andern Gegend des Kampfplatzes ritt,
eilte ich nach der Murgbrücke unterhalb Rothenfels, die eine Art Sammelplatz bildete. Ich
wollte Nachrichten von Gernsbach haben.

Aber
schon ehe ich hinkam, sah ich den Rauch des brennenden Gernsbach aufsteigen, und an der
Brücke selbst erfuhr ich, daß man den Kanonendonner von dorther gehört habe. Ich
ging später noch einigemal nach dieser Brücke; jedesmal schlimmere Nachrichten von
Gernsbach <In der "Revue": Gernsberg>, jedesmal mehr badische Linientruppen hinter der
Brücke versammelt, die, kaum im Feuer gewesen, schon demoralisiert waren. Der Feind war
schon in Gaggenau, erfuhr ich zuletzt. Jetzt war hohe Zeit, ihm dort entgegenzutreten. Willich
marschierte mit dem Korps über die Murg, um gegenüber Rothenfels Position zu fassen,
und nahm noch vier Geschütze mit, die ihm gerade in den Wurf kamen. Ich ging, unsre beiden
tiraillierenden Kompanien zu holen, die inzwischen weit vorgegangen waren. Überall kamen mir
Linientruppen, großenteils ohne Offiziere, entgegen. Ein Detachement wurde von einem Arzt
geführt, der die Gelegenheit benutzte, um sich mir mit folgenden Worten zu introduzieren:
"Sie werden mich kennen, ich bin Neuhaus, der Chef der thüringischen Bewegung!" Die guten
Leute hatten die Preußen überall geschlagen und kamen jetzt zurück, weil sie
keinen Feind mehr sahen. Ich fand unsre Kompanien nirgends - sie waren durch Rothenfels aus
demselben Grunde zurückgegangen - und begab mich wieder nach der Brücke. Hier traf ich
Mersy mit seinem Stab und seinen Truppen. Ich bat ihn, mir wenigstens ein paar Kompanien zur
Unterstützung Willichs mitzugeben. "Nehmen Sie die ganze Division, wenn Sie mit den Leuten
noch etwas anfangen können", war die Antwort. Dieselben Soldaten, die den Feind auf allen
Punkten zurückgetrieben hatten, die erst seit fünf Stunden auf den Beinen waren, lagen
jetzt aufgelöst, demoralisiert, zu nichts brauchbar auf den Wiesen. Die Nachricht, daß
sie in Gernsbach umgangen seien, hatte sie vernichtet. Ich ging meiner Wege. Eine von Michelbach
zurückkommende Kompanie, die mir begegnete, war ebenfalls zu nichts zu bewegen. Als ich an
unserm alten Hauptquartier das Korps wiederfand, drängten von Gaggenau die flüchtigen
Pfälzer - Pistol Zinn mit seiner Schar, die jetzt übrigens Musketen hatte - heran.
Während Willich eine Position für die Geschütze gesucht und gefunden hatte, eine
Position, die das Murgtal beherrschte und bedeutende Vorteile für ein gleichzeitiges
Tirailleurgefecht bot, waren die Artilleristen mit den Kanonen durchgegangen, ohne daß der
Hauptmann sie halten konnte. Sie war[en] schon wieder bei Mersy an der Brücke. Zugleich
zeigte mir Willich ein Billett von Mersy, worin ihm dieser anzeigte, alles sei verloren, er werde
sich nach Oos zurückziehen. Uns blieb nichts übrig, als dasselbe zu tun, und wir
marschierten sofort ins Gebirg. Es war etwa sieben Uhr.

Bei Gernsbach war es folgendermaßen
zugegangen. Die Peuckerschen Reichstruppen, die unsre Patrouillen schon tags vorher bei Herrenalb
auf württembergischem Gebiet gesehen hatten, nahmen die an der Grenze aufgestellten
Württemberger mit und griffen am 29. nachmittags Gernsbach an, nachdem sie unsre Vorposten
durch Verrat zum Weichen gebracht hatten; sie näherten sich ihnen mit dem Ruf, nicht zu
schießen, sie seien Brüder, und gaben dann auf achtzig Schritt eine Salve. Dann
schossen sie Gernsbach mit Granaten in Brand, und als den Flammen kein Einhalt mehr zu tun war,
gab Herr Sigel, den Mieroslawski hingeschickt hatte, um den Posten um jeden Preis zu

halten
, gab Herr Sigel
selbst
den Befehl, Herr Blenker solle sich mit seinen
Truppen fechtend zurückziehn. Herr Sigel wird dies nicht leugnen, ebensowenig wie er es in
Bern tat, als ein Adjutant des Herrn Blenker in seiner, des Herrn Sigel, und Willichs Gegenwart
dies Kuriosum erzählte. Mit diesem Befehl, den Schlüssel der ganzen Murgposition
"fechtend" (!) aufzugeben, war natürlich das Treffen auf der ganzen Linie, war die letzte
Position der badischen Armee verloren.

Die Preußen haben sich übrigens durch das gewonnene Treffen von Rastatt keinen
besondern Ruhm erworben. Wir hatten 13.000 größtenteils demoralisierte und mit wenigen
Ausnahmen erbärmlich geführte Truppen; ihre Armee zählte mit den Reichstruppen,
die auf Gernsbach vorgingen, mindestens 60.000 Mann. Trotz dieser kolossalen Überzahl wagten
sie keinen ernstlichen Frontangriff, sondern schlugen uns durch feigen Verrat, indem sie das
neutrale, uns verschlossene württembergische Gebiet verletzten. Und selbst dieser Verrat
hätte ihnen, wenigstens zunächst, nicht viel genutzt, hätte ihnen
schließlich doch einen entscheidenden Frontangriff nicht erspart, wenn nicht Gernsbach so
unbegreiflich schlecht besetzt gewesen wäre und wenn nicht Herr Sigel den obigen erbaulichen
Befehl gegeben hätte. Die ohnehin gar nicht so formidable Position wäre uns am
nächsten Tage entrissen worden, das kann nicht bezweifelt werden; aber der Sieg hätte
den Preußen ganz andre Opfer gekostet, hätte ihrem militärischen Ruf unendlich
geschadet. Und deshalb zogen sie es vor, die Neutralität Württembergs zu verletzen, und
Württemberg ließ es ruhig geschehn.

Wir zogen uns, kaum noch 450 Mann stark, durchs Gebirge nach Oos zurück. Hier war die
Straße bedeckt mit Truppen in wildester Auflösung, mit Wagen, Geschützen etc. in
der größten Verwirrung. Wir marschierten durch und rasteten in Sinzheim. Am
nächsten Morgen sammelten wir hinter Bühl eine Anzahl der Flüchtigen und
übernachteten in Oberachern. An diesem Tage fand das letzte Gefecht statt; die
deutsch-polnische Legion nebst einigen andern Truppen von der Beckerschen Division schlug bei Oos
die Reichs-

truppen zurück und nahm ihnen
eine (mecklenburgische) Haubitze ab, die auch richtig bis in die Schweiz gebracht wurde.

Die Armee war vollständig aufgelöst. Mieroslawski und die übrigen Polen legten
ihre Kommandos nieder; Oberst Oborski hatte schon auf dem Schlachtfeld, am Abend des 29., seinen
Posten verlassen. Doch hatte diese momentane Auflösung nicht viel zu bedeuten. Die
Pfälzer waren schon drei- bis viermal aufgelöst gewesen und hatten sich jedesmal tant
bien que mal <recht und schlecht> wieder formiert. Möglichst langsamer Rückzug
unter Anschluß aller Aufgebote aus den aufzugebenden Gebietsstrecken, rasche Konzentrierung
der Aufgebote des Oberlandes bei Freiburg und Donaueschingen, das waren zwei Mittel, die noch zu
versuchen waren. Sie hätten die Ordnung und Disziplin bald wieder auf einen
erträglichen Punkt gebracht und einen letzten hoffnungslosen, aber ehrenvollen Kampf, am
Kaiserstuhl vor Freiburg oder bei Donaueschingen, möglich gemacht. Aber die Chefs, sowohl
der bürgerlichen wie der Militärverwaltung, waren demoralisierter als die Soldaten. Sie
überließen die Armee und die ganze Bewegung ihrem Schicksal und gingen
niedergeschlagen, ratlos, vernichtet immer weiter zurück.

Seit dem Angriff auf Gernsbach war die Furcht vor der Umgehung durch württembergisches
Gebiet allgemein eingerissen und trug sehr zur allgemeinen Demoralisation bei. Das Willichsche
Korps ging nun, um die württembergische Grenze zu decken, mit zwei Berghaubitzen - mehrere
andere uns zugeteilte Geschütze wollten von Kappel aus nicht weiter mit - durch das Kappeler
Tal ins Gebirg. Unser Marsch durch den Schwarzwald, auf dem wir keinen Feind zu sehen bekamen,
war eine wahre Vergnügungstour. Wir kamen über Allerheiligen am 1. Juli nach Oppenau,
über den Hundskopf am 2. nach Wolfach. Hier erfuhren wir am 3. Juli, daß die Regierung
in Freiburg sei und daß man daran denke, auch diese Stadt aufzugeben. Dies veranlaßte
uns sogleich, dorthin aufzubrechen. Wir wollten die Herren Regenten und das Oberkommando, das
Held Sigel jetzt führte, zwingen, Freiburg nicht ohne Kampf aufzugeben. Es war schon
spät, als wir von Wolfach abmarschierten, und so kamen wir erst spät abends nach
Waldkirch. Hier erfuhren wir, daß Freiburg schon aufgegeben und daß Regierung und
Hauptquartier nach Donaueschingen verlegt sei. Zugleich erhielten wir den positiven Befehl, das
Simonswalder Tal zu besetzen und zu verschanzen und in Furtwangen unser Hauptquartier
aufzuschlagen. Wir mußten also zurück nach Bleibach.

Herr Sigel hatte seine Truppen jetzt hinter dem Bergrücken des Schwarzwaldes aufgestellt.
Die Verteidigungslinie sollte von Lörrach über Todtnau

und Furtwangen nach der württembergischen Grenze gehn, in der
Richtung auf Schramberg. Den linken Flügel bildeten Mersy und Blenker, die sich durch das
Rheintal auf Lörrach zogen; dann folgte Herr Doll, ehemaliger commis voyageur
<Handlungsreisender>, der in seiner Eigenschaft als Heckerscher General zum Divisionär
ernannt worden war und in der Gegend des Höllentals stand; dann unser Korps in Furtwangen
und dem Simonswalder Tal und endlich auf dem rechten Flügel Becker bei Sankt Georgen und
Triberg. Hinter dem Gebirge stand Herr Sigel mit der Reserve bei Donaueschingen. Die
Streitkräfte, durch Desertion bedeutend geschwächt, durch keine herangezogenen
Aufgebote verstärkt, betrugen immer noch an 9.000 Mann mit 40 Kanonen.

Die Befehle, die uns vom Hauptquartier aus Freiburg, Neustadt an der Gutach <In der
"Revue": Wutach> und Donaueschingen nacheinander zukamen, atmeten die entschlossenste
Todesverachtung. Man erwartete zwar, daß der Feind abermals durch Württemberg
über Rottweil und Villingen uns in den Rücken fallen werde; man war aber entschlossen,
ihn zu schlagen und den Kamm des Schwarzwaldes unter allen Umständen zu behaupten, und zwar,
wie es in einem dieser Befehle heißt, "fast ohne alle Rücksicht auf die Bewegungen des
Feindes", d.h., Herr Sigel hatte sich von Donaueschingen aus einen in vier Stunden zu
bewerkstelligenden glorreichen Rückzug auf Schweizer Gebiet gesichert; was aus uns, den im
Gebirg Umzingelten, geworden wäre, konnte er dann in Schaffhausen mit aller Gemütsruhe
abwarten. Welch ein heitres Ende diese Todesverachtung nahm, wird sich bald zeigen.

Am 4. kamen wir nach Furtwangen mit zwei Kompanien (160 Mann), der Rest war zur Besetzung des
Simonswalder Tals und der Pässe von Gütenbach und St. Märgen <In der "Revue":
St, Mörgen> verwandt. Über letztem Orte standen wir mit dem Dollschen Korps,
über Schönwald mit Becker in Verbindung. Alle Pässe wurden verbarrikadiert. - Wir
blieben den 5. in Furtwangen stehn. Am 6. kam die Nachricht von Becker, die Preußen
rückten auf Villingen, nebst der Aufforderung, sie über Vöhrenbach anzugreifen, um
Sigels Operation zu unterstützen. Zugleich zeigte er uns an, sein Hauptkorps stehe
gehörig verschanzt in Triberg, wohin er selbst gehen werde, sobald Villingen von Sigel
besetzt sei.

An einen Angriff von unsrer Seite konnte nicht gedacht werden. Mit weniger als 450 Mann hatten
wir drei Quadratmeilen besetzt zu halten und konnten also keinen Mann entbehren. Wir mußten
stehenbleiben und setzten Becker davon in Kenntnis. Bald darauf traf eine Depesche aus dem
Hauptquartier ein: Willich solle sofort nach Donaueschingen kommen und den Befehl über die
gesamte Artillerie übernehmen. Wir bereiteten uns eben,

schnell hinüberzufahren, als eine Kolonne Volkswehr, gefolgt
von Artillerie und mehreren anderen Bataillonen Volkswehr, nach Furtwangen hineinmarschiert kam.
Es war Becker mit seinem Korps. Die Leute seien rebellisch geworden, hieß es. Ich
erkundigte mich bei einem mir befreundeten Stabsoffizier, "Major" Nerlinger, und erfuhr
folgendes: Er, Nerlinger, hatte die Position bei Triberg unter seinem Befehl und ließ eben
die Schanzen aufwerfen, als das Offizierkorps ihm eine schriftliche, von ihnen allen
unterzeichnete Erklärung überreichte: Die Leute seien rebellisch, und wenn nicht sofort
der Befehl zum Abmarsch gegeben würde, so würden sie mit allen Truppen abmarschieren.
Ich sah mir die Unterschriften an: Es war abermals das tapfre Bataillon Dreher-Obermüller!
Nerlinger konnte nichts andres tun, als Becker hiervon in Kenntnis setzen und nach Furtwangen
marschieren. Becker brach gleich auf, um sie einzuholen, und so kam er mit seiner ganzen Truppe
nach Furtwangen, wo die furchtsamen Offiziere und Soldaten von unsern Freischärlern mit
immensem Gelächter empfangen wurden. Sie schämten sich, und am Abend konnte Becker sie
wieder in ihre Position zurückführen.

Wir fuhren indes, gefolgt von der Besançoner Kompanie, nach Donaueschingen. Die
Preußen schwärmten schon bis hart an die Chaussee; Villingen war von ihnen besetzt.
Doch kamen wir unangefochten durch, und gegen zehn Uhr abends langten auch die Besançoner
an. In Donaueschingen fand ich d'Ester und erfuhr von ihm, daß Herr Struve in der
Konstituante in Freiburg verlangt habe, man solle sofort nach der Schweiz gehn, alles sei
verloren, und daß Held Blenker diesem Rate gefolgt und schon heute morgen bei Basel auf
Schweizer Gebiet übergetreten sei. Beides war ganz richtig. Held Blenker war am 6. Juli nach
Basel gegangen, obwohl er gerade am weitesten vom Feinde stand. Er hatte sich bloß noch die
Zeit genommen, schließlich eine Anzahl Requisitionen eigener Art vorzunehmen, die zwischen
ihm und Herrn Sigel und später den Schweizer Behörden einigen üblen Geruch
verursachten. Und Held Struve, derselbe, der am 29. Juni noch Herrn Brentano und jeden, der mit
dem Feinde unterhandeln wollte, für einen Volksverräter erklärte, war drei Tage
später, am 2. Juli, so vernichtet, daß er sich nicht schämte, in einer
vertraulichen Sitzung der badischen Konstituante den Antrag zu stellen:

"Damit nicht das Oberland gleichwie das Unterland die Schrecknisse des Kriegs
empfinde und noch viel kostbares Blut vergossen werde und da man retten müsse, was noch zu
retten sei (!), so solle, wie der Landesversammlung, jedem bei der Revolution Beteiligten sein
Gehalt oder Sold bis zum 10. Juli nebst entsprechendem Reisegeld ausgezahlt werden und alles sich
mit Kassen, Vorräten, Waffen etc. auf Schweizer Gebiet zurückziehen!"

Diesen saubern Antrag stellte der tapfre
Struve am 2. Juli, als wir in Wolfach oben im Schwarzwald standen, zehn Stunden vor Freiburg und
zwanzig Stunden von der Schweizer Grenze! Herr Struve ist naiv genug, in einer "Geschichte", p.
237 ff., diesen Vorfall selbst zu erzählen und sich seiner noch zu rühmen. Die einzige
Folge, die die Annahme eines solchen Antrags haben konnte, war, daß die Preußen uns
so sehr wie möglich drängten, um "zu retten, was noch zu retten war", um uns
nämlich Kassen, Geschütze und Vorräte abzujagen, da die Gefahrlosigkeit einer
lebhaften Verfolgung nach diesem Beschluß feststand; und dann, daß unsre Truppen
sofort massenhaft debandierten und ganze Korps auf eigne Faust nach der Schweiz ausrissen, wie
dies wirklich geschah. Unser Korps hätte sich am schlechtesten dabei gestanden; es war bis
zum 12. auf badischem Gebiet und erhielt seinen Sold bis zum 17. ausbezahlt.

Herr Sigel, statt Villingen wieder zu nehmen, beschloß anfangs, hinter Donaueschingen
bei Hüfingen Position zu fassen und den Feind zu erwarten. Aber noch an demselben Abend
wurde beschlossen, nach Stühlingen zu marschieren, hart an die Schweizer Grenze. Wir
schickten eilig reitende Boten nach Furtwangen, um unser Korps und das Beckersche zu avertieren.
Beide sollten über Neustadt und Bonndorf ebenfalls nach Stühlingen gehn. Willich ging
nach Neustadt dem Korps entgegen, ich blieb bei der Besançoner Kompanie. Wir
übernachteten in Riedböhringen und kamen am nächsten Nachmittag, 7. Juli, in
Stühlingen an. Am 8. hielt Herr Sigel Revue über seine halbauseinandergelaufene Armee,
empfahl ihr, in Zukunft nicht mehr zu fahren, sondern zu marschieren (an der Grenze!), und zog
ab. Uns hinterließ er eine halbe Batterie und einen Befehl für Willich.

Inzwischen war von Furtwangen aus die Nachricht vom allgemeinen Rückzug zuerst an Becker
und sodann an unsere vorwärts stationierten Kompanien geschickt worden. Unser Korps war
zuerst in Furtwangen zusammen und traf in Neustadt Willich an. Becker, der näher an
Furtwangen stand als unsre vorgeschobnen Korps, traf dennoch erst später dort ein und folgte
auf demselben Wege. Er stieß auf Verschanzungen, die seinen Marsch aufhielten und von denen
es später in Schweizer Blättern hieß, sie seien von unserm Korps aufgeworfen.
Dies ist irrig; unser Korps hat nur jenseits des Schwarzwaldkamms, und zwar nicht auf der
Straße von Triberg nach Furtwangen, die es gar nicht besetzt hielt, die Wege verrammelt.
Außerdem marschierten unsre Freischärler erst dann von Furtwangen ab, als Beckers
Avantgarde dort eingetroffen war.

In Donaueschingen war abgemacht, daß die Trümmer der ganzen Armee hinter der
Wutach, von Eggingen bis Thiengen sammeln und dort die

Annäherung des Feindes erwarten sollten. Hier, die Flanken an
Schweizer Gebiet gelehnt, konnten wir mit unsrer bedeutenden Artillerie noch ein letztes Gefecht
versuchen. Man konnte es sogar abwarten, ob nicht die Preußen das Schweizer Gebiet
verletzen und dadurch die Schweiz in den Krieg hineinziehen würden. Aber wie erstaunten wir,
als wir bei Willichs Ankunft in dem Befehl des tapfern Sigel lasen: "Das Gros geht nach Thiengen
und Waldshut und nimmt dort feste Position (!!). Suchen Sie die Stellung (bei Stüblingen und
Eggingen) so lange als möglich zu behaupten." - "Feste Position" bei Thiengen und Waldshut,
den Rhein im Rücken, dem Feind zugängliche Höhen vor der Front! Das hieß
weiter nichts als: Wir wollen über die Säckinger Brücke in die Schweiz gehn. Und
dennoch hatte Held Sigel bei Gelegenheit des Struveschen Antrags gesagt: Werde dieser angenommen,
so werde er, Sigel, der erste sein, der rebelliere.

Wir bezogen nun die Stellung hinter der Wutach selbst und verteilten unsre Truppen von
Eggingen bis Wutöschingen, wo unser Hauptquartier war. Hier erhielten wir folgendes noch
erbaulichere Aktenstück von Herrn Sigel:

"Befehl. Hauptquartier Thiengen, 8. Juli 1849. - An den Obersten Willich in
Eggingen. Da der Kanton Schaffhausen schon jetzt in einer feindseligen Weise gegen mich auftritt,
so ist es mir unmöglich, die von uns besprochene Position einzunehmen. Du wirst danach Deine
Bewegungen richten und Dich gegen Griessen, Lauchringen und Thiengen zu bewegen. Ich marschiere
morgen von hier ab, um entweder nach Waldshut oder hinter die Alb" (d.h. nach Säckingen) "zu
gehn ... Der Obergeneral,
Sigel
."

Das überstieg alles. Am Abend fuhren Willich und ich nach Thiengen, wo uns der
"Generalquartiermeister" Schlinke gestand, es gehe richtig nach Säckingen und dort über
den Rhein. Sigel wollte anfangs etwas den "Obergeneral" vorwiegen lassen, aber Willich ließ
sich hierauf nicht ein und brachte ihn endlich dahin, daß der Befehl zur Umkehr und zum
Marsch auf Griessen gegeben wurde. Der Vorwand für den Marsch nach Säckingen war die
Vereinigung mit Doll, der dorthin marschiert sei, und eine angeblich starke Position. Die
Position, offenbar dieselbe, von der aus Moreau 1800 dort ein Gefecht lieferte, hatte nur den
Nachteil, daß sie nach einer ganz andern Seite Front machte, als woher
uns
der Feind
kam; und was den edlen Doll betrifft, so säumte dieser nicht, zu beweisen, daß er auch
ohne Herrn Sigel in die Schweiz gehen könne.

Zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen liegt ein kleiner Strich badischen Gebiets
mit den Ortschaften Jestetten und Lottstetten, der bis auf einen schmalen Zugang, bei
Baltersweil, ganz von der Schweiz umschlossen ist. Hier sollte die letzte Position gefaßt
werden. Die Höhen hinter Balters-

weil zu
beiden Seiten der Straße boten vortreffliche Stellungen für unsre Geschütze, und
unsre Infanterie war noch zahlreich genug, sie zu decken, bis sie im Notfall das Schweizer Gebiet
erreicht hätten. Hier, so wurde ausgemacht, sollten wir erwarten, ob die Preußen uns
angreifen oder aushungern würden. Das Gros, dem Becker sich angeschlossen hatte, bezog hier
ein Lager. Willich hatte die Position für die Geschütze ausgesucht (später fanden
wir dort ihre Parks, wo ihre Gefechtstellung sein sollte). Wir selbst bildeten die Arrieregarde
und zogen langsam dem Gros nach. Am 9. abends gingen wir nach Erzingen, am 10. nach Riedern. An
diesem Tage wurde im Lager ein allgemeiner Kriegsrat gehalten, Willich allein sprach für die
weitere Verteidigung, Sigel, Becker und andre für den Rückzug auf Schweizer Gebiet. Ein
Schweizer Kommissär, ich glaube Oberst Kurz, war dagewesen und hatte erklärt, falls
noch ein Kampf angenommen würde, werde die Schweiz kein Asyl geben. Bei der Abstimmung blieb
Willich mit zwei oder drei Offizieren allein. Von unserm Korps war außer ihm niemand
zugegen.

Noch während Willich im Lager war, erhielt die bei uns befindliche halbe Batterie Befehl
zum Abmarsch und entfernte sich, ohne daß uns die geringste Anzeige gemacht wurde. Auch
alle andern Truppen außer uns erhielten Befehl, ins Lager zu kommen. In der Nacht fuhr ich
abermals mit Willich ins Hauptquartier nach Lottstetten; als wir bei Tagesanbruch
zurückfuhren, begegneten wir auf der Straße der ganzen Gesellschaft, die aus dem Lager
aufgebrochen war und sich in der wildesten Verwirrung der Grenze zuwälzte. An demselben
Tage, am 11. frühmorgens, ging Herr Sigel mit seinen Leuten bei Rafz, Herr Becker mit den
seinigen bei Rheinau auf Schweizer Gebiet. Wir konzentrierten unser Korps, folgten ins Lager und
von da nach Jestetten. Hier erhielten wir gegen Mittag durch einen Ordonnanzoffizier einen Brief
Sigels von Eglisau, daß er sich bereits glücklich in der Schweiz befinde, daß
die Offiziere ihre Säbel behielten und daß wir möglichst bald nachkommen sollten.
Man dachte erst an uns, als man auf neutralem Boden war!

Wir marschierten durch Lottstetten bis an die Grenze, biwakierten die Nacht noch auf deutschem
Boden, schossen am Morgen des 12. unsre Gewehre ab und betraten dann, die letzten der
badisch-pfälzischen Armee, das Schweizer Gebiet. An demselben Tage, gleichzeitig mit uns,
wurde auch Konstanz von dem dortigen Korps verlassen. Eine Woche später fiel Rastatt durch
Verrat, und die Kontrerevolution hatte für den Moment wieder Deutschland bis auf den letzten
Winkel erobert.

*

Die Reichsverfassungskampagne ging zugrunde an
ihrer eignen Halbheit und innern Misere. Seit der Juniniederlage 1848 steht die Frage für
den zivilisierten Teil des europäischen Kontinents so: entweder Herrschaft des
revolutionären Proletariats oder Herrschaft der Klassen, die vor dem Februar herrschten. Ein
Mittelding ist nicht mehr möglich. In Deutschland namentlich hat sich die Bourgeoisie
unfähig gezeigt zu herrschen; sie konnte ihre Herrschaft nur dadurch gegenüber dem Volk
erhalten, daß sie sie an den Adel und die Bürokratie wieder abtrat. In der
Reichsverfassung versuchte die Kleinbürgerschaft, verbündet mit der deutschen
Ideologie, eine unmögliche Ausgleichung, die den Entscheidungskampf aufschieben sollte. Der
Versuch mußte scheitern: denjenigen, denen es ernst war mit der Bewegung, war es nicht
ernst mit der Reichsverfassung, und denen es ernst war mit der Reichsverfassung, war es nicht
ernst mit der Bewegung.

Die Reichsverfassungskampagne hat aber darum nicht minder bedeutende Resultate gehabt. Sie hat
vor allem die Situation vereinfacht. Sie hat eine endlose Reihe von Vermittlungsversuchen
abgeschnitten; nachdem sie verloren ist, kann nur die etwas konstitutionalisierte
feudal-bürokratische Monarchie siegen oder die wirkliche Revolution. Und die Revolution kann
in Deutschland nicht eher mehr abgeschlossen werden als mit der vollständigen Herrschaft des
Proletariats.

Die Reichsverfassungskampagne hat ferner in den deutschen Ländern, wo die
Klassengegensätze noch nicht scharf entwickelt waren, zu ihrer Entwicklung bedeutend
beigetragen. Namentlich in Baden. In Baden bestanden, wie wir sehen, vor der Insurrektion fast
gar keine Klassengegensätze. Daher die anerkannte Herrschaft der Kleinbürger über
alle Oppositionsklassen, daher die scheinbare Einstimmigkeit der Bevölkerung, daher die
Raschheit, mit der die Badenser wie die Wiener von der Opposition in die Insurrektion
übergehn, bei jeder Gelegenheit einen Aufstand versuchen und selbst den Kampf im offnen Feld
mit einer regelmäßigen Armee nicht scheuen. Sobald aber die Insurrektion ausgebrochen
war, traten die Klassen bestimmt hervor, schieden sich die Kleinbürger von den Arbeitern und
Bauern. In ihrem Repräsentanten Brentano blamierten sie sich auf ewige Zeiten. Sie selbst
sind durch die preußische Säbelherrschaft so zur Verzweiflung getrieben, daß sie
jetzt jedes Regime, selbst das der Arbeiter, dem jetzigen Druck vorziehn; sie werden einen viel
tätigeren Anteil an der nächsten Bewegung nehmen als an jeder bisherigen; aber
glücklicherweise werden sie nie wieder die selbständige, herrschende Rolle spielen
können wie unter der Diktatur Brentanos. Die Arbeiter und Bauern, die unter der jetzigen
Säbelherrschaft ebensosehr leiden wie die Kleinbürger, haben die Erfahrung des letzten
Aufstands nicht umsonst

gemacht; sie, die
außerdem ihre gefallenen und gemordeten Brüder zu rächen haben, werden schon
dafür sorgen, daß bei der nächsten Insurrektion
sie
und nicht die
Kleinbürger das Heft in die Hand bekommen. Und wenn auch keine insurrektionellen Erfahrungen
die Klassenentwickelung ersetzen können, die nur durch einen langjährigen Betrieb der
großen Industrie erreicht wird, so ist doch Baden durch seinen letzten Aufstand und dessen
Folgen in die Reihe
der
deutschen Provinzen getreten, die bei der bevorstehenden
Revolution eine der wichtigsten Stellen einnehmen werden.

Politisch betrachtet, war die Reichsverfassungskampagne von vornherein verfehlt.
Militärisch betrachtet, war sie es ebenfalls. Die einzige Chance ihres Gelingens lag
außerhalb Deutschlands, im Sieg der Republikaner in Paris am 13. Juni - und der 13. Juni
schlug fehl. Nach diesem Ereignis konnte die Kampagne nichts mehr sein als eine mehr oder minder
blutige Posse. Sie war weiter nichts. Dummheit und Verrat ruinierten sie vollends. Mit Ausnahme
einiger weniger waren die militärischen Chefs Verräter oder unberufene, unwissende und
feige Stellenjäger, und die wenigen Ausnahmen wurden überall von den übrigen wie
von der Brentanoschen Regierung im Stich gelassen. Wer bei der bevorstehenden Erschütterung
keine anderen Titel aufzuweisen hat als die, Heckerscher General oder Reichsverfassungsoffizier
gewesen zu sein, verdient, sogleich die Tür gewiesen zu bekommen. Wie die Chefs, so die
Soldaten. Das badische Volk hat die besten kriegerischen Elemente in sich; in der Insurrektion
wurden diese Elemente von vornherein so verdorben und vernachlässigt, daß die Misere
daraus entstand, die wir des breiteren geschildert haben. Die ganze "Revolution" löste sich
in eine wahre Komödie auf, und es war nur der Trost dabei, daß der sechsmal
stärkere Gegner selbst noch sechsmal weniger Mut hatte.

Aber diese Komödie hat ein tragisches Ende genommen, dank dem Blutdurst der
Kontrerevolution. Dieselben Krieger, die auf dem Marsch oder dem Schlachtfelde mehr als einmal
von panischem Schrecken ergriffen wurden - sie sind in den Gräben von Rastatt gestorben wie
die Helden. Kein einziger hat gebettelt, kein einziger hat gezittert. Das deutsche Volk wird die
Füsilladen und die Kasematten von Rastatt nicht vergessen; es wird die großen Herren
nicht vergessen, die diese Infamien befohlen haben, aber auch nicht die Verräter, die sie
durch ihre Feigheit verschuldeten: die Brentanos von Karlsruhe und von
Frankfurt
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