Friedrich Engels

Der deutsche Bauernkrieg

Erstmalig veröffentlicht in:

"Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue",

Fünftes und Sechstes Heft, Mai bis Oktober 1850.

Nach der letzten von Friedrich Engels besorgten Ausgabe von 1875. Auf
Abweichungen von der Erstveröffentlichung wird in Fußnoten verwiesen.

Vorbemerkung zum Zweiten Abdruck (1870) "Der deutsche
Bauernkrieg"

Ergänzung der Vorbemerkung von 1870 zu "Der deutsche
Bauernkrieg"

I. Die ökonomische Lage und der soziale Schichtenbau
Deutschlands

II. Die großen oppositionellen Gruppierungen und ihre Ideologien -
Luther und Münzer

III. Vorläufer des großen Bauernkrieges zwischen 1476 und
1517

IV. Der Adelsaufstand

V. der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg

VI. Der thüringische, elsässische und östreichische
Bauernkrieg

VII. Die Folgen des Bauernkriegs

Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab eine
Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten Leuten der Revolutionen
anderer Länder an die Seite stellen können, wo das deutsche Volk eine Ausdauer und
Energie entwickelte, die bei einer zentralisierteren Nation die großartigsten Resultate
erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer mit Ideen und Plänen schwanger gingen,
vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern.

Es ist an der Zeit, gegenüber der augenblicklichen Erschlaffung, die sich nach zwei
Jahren des Kampfes fast überall zeigt, die ungefügen, aber kräftigen und
zähen Gestalten des großen Bauernkriegs dem deutschen Volke wieder vorzuführen.
Drei Jahrhunderte sind seitdem verflossen, und manches hat sich geändert; und doch steht der
Bauernkrieg unsern heutigen Kämpfen so überaus fern nicht, und die zu bekämpfenden
Gegner sind großenteils noch dieselben. Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49
überall verraten haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren
Entwicklungsstufe, als Verräter vorfinden. Und wenn der robuste Vandalismus des Bauernkriegs
in der Bewegung der letzten Jahre nur stellenweise, im Odenwald, im Schwarzwald, in Schlesien, zu
seinem Rechte kam, so ist das jedenfalls kein Vorzug der modernen Insurrektion.

## I. Die ökonomische Lage und der soziale Schichtenbau Deutschlands

Gehen wir zunächst kurz zurück auf die
Verhältnisse Deutschlands zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.

Die deutsche Industrie hatte im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert einen bedeutenden
Aufschwung genommen. An die Stelle der feudalen, ländlichen Lokalindustrie war der
zünftige Gewerbebetrieb der Städte getreten, der für weitere Kreise und selbst
für entlegnere Märkte produzierte. Die Weberei von groben Wollentüchern und
Leinwand war jetzt ein stehender, weitverbreiteter Industriezweig; selbst feinere Wollen- und
Leinengewebe sowie Seidenstoffe wurden schon in Augsburg verfertigt. Neben der Weberei hatte sich
besonders jene an die Kunst anstreifende Industrie gehoben, die in dem geistlichen und weltlichen
Luxus des späteren Mittelalters ihre Nahrung fand: die der Gold- und Silberarbeiter, der
Bildhauer und Bildschnitzer, Kupferstecher und Holzschneider, Waffenschmiede <(
1850
)
fehlt: Waffenschmiede>, Medaillierer, Drechsler etc. etc. Eine Reihe von mehr oder minder
bedeutenden Erfindungen, deren historische Glanzpunkte die des Schießpulvers
(1)
und der Buchdruckerei bildeten, hatte zur Hebung der Gewerbe
wesentlich beigetragen. Der Handel ging mit der Industrie gleichen Schritt. Die Hanse hatte durch
ihr hundertjähriges Seemonopol die Erhebung von ganz Norddeutschland aus der
mittelalterlichen Barbarei sichergestellt; und wenn sie auch schon seit Ende des fünfzehnten
Jahrhunderts der Konkurrenz der Engländer und Holländer rasch zu erliegen anfing, so
ging doch trotz Vasco da Gamas Entdeckungen der große Handelsweg von Indien nach dem Norden
immer noch durch Deutschland,

war Augsburg noch immer der
große Stapelplatz für italienische Seidenzeuge, indische Gewürze und alle
Produkte der Levante. Die oberdeutschen Städte, namentlich Augsburg und Nürnberg, waren
die Mittelpunkte eines für jene Zeit ansehnlichen Reichtums und Luxus. Die Gewinnung der
Rohprodukte hatte sich ebenfalls bedeutend gehoben. Die deutschen Bergleute waren im
fünfzehnten Jahrhundert die geschicktesten der Welt, und auch den Ackerbau hatte das
Aufblühen der Städte aus der ersten mittelalterlichen Roheit herausgerissen. Nicht nur
waren ausgedehnte Strecken urbar gemacht worden, man baute auch Farbekräuter und andere
eingeführte Pflanzen, deren sorgfältigere Kultur auf den Ackerbau im allgemeinen
günstig einwirkt

Der Aufschwung der nationalen Produktion Deutschlands hatte indes noch immer nicht Schritt
gehalten mit dem Aufschwung anderer Länder. Der Ackerbau stand weit hinter dem englischen
und niederländischen, die Industrie hinter der italienischen, flämischen und englischen
zurück, und im Seehandel fingen die Engländer und besonders die Holländer schon
an, die Deutschen aus dem Felde zu schlagen. Die Bevölkerung war immer noch sehr dünn
gesäet. Die Zivilisation in Deutschland existierte nur sporadisch, um einzelne Zentren der
Industrie und des Handels gruppiert; die Interessen dieser einzelnen Zentren selbst gingen weit
auseinander, hatten kaum hie und da einen Berührungspunkt. Der Süden hatte ganz andere
Handelsverbindungen und Absatzmärkte als der Norden; der Osten und der Westen standen fast
außer allem Verkehr. Keine einzige Stadt kam in den Fall, der industrielle und kommerzielle
Schwerpunkt des ganzen Landes zu werden, wie London dies z.B. für England schon war. Der
ganze innere Verkehr beschränkte sich fast ausschließlich auf die Küsten- und
Flußschiffahrt und auf die paar großen Handelsstraßen, von Augsburg und
Nürnberg über Köln nach den Niederlanden und über Erfurt nach dem Norden.
Weiter ab von den Flüssen und Handelsstraßen lag eine Anzahl kleinerer Städte,
die, vom großen Verkehr ausgeschlossen, ungestört in den Lebensbedingungen des
späteren Mittelalters fortvegetierten, wenig auswärtige Waren brauchten, wenig
Ausfuhrprodukte lieferten. Von der Landbevölkerung kam nur der Adel in Berührung mit
ausgedehnteren Kreisen und neuen Bedürfnissen; die Masse der Bauern kam nie über die
nächsten Lokalbeziehungen und den damit verbundenen lokalen Horizont hinaus.

Während in England und Frankreich das Emporkommen des Handels und der Industrie die
Verkettung der Interessen über das ganze Land und damit die politische Zentralisation zur
Folge hatte, brachte Deutschland es nur zur Gruppierung der Interessen nach Provinzen, um
bloß lokale Zentren, und da-

mit zur politischen
Zersplitterung; einer Zersplitterung, die bald darauf durch den Ausschluß Deutschlands vom
Welthandel sich erst recht festsetzte. In demselben Maß, wie das
reinfeudale
Reich
zerfiel, löste sich der Reichsverband überhaupt auf, verwandelten sich die großen
Reichslehenträger in beinahe unabhängige Fürsten, schlossen einerseits die
Reichsstädte, andererseits die Reichsritter Bündnisse, bald gegeneinander, bald gegen
die Fürsten oder den Kaiser. Die Reichsgewalt, selbst an ihrer Stellung irre geworden,
schwankte unsicher zwischen den verschiedenen Elementen, die das Reich ausmachten, und verlor
dabei immer mehr an Autorität; ihr Versuch, in der Art Ludwigs XI. zu zentralisieren, kam
trotz aller Intrigen und Gewalttätigkeiten nicht über die Zusammenhaltung der
östreichischen Erblande hinaus. Wer in dieser Verwirrung, in diesen zahllosen sich
durchkreuzenden Konflikten schließlich gewann und gewinnen mußte, das waren die
Vertreter der Zentralisation innerhalb der Zersplitterung, der lokalen und provinziellen
Zentralisation, die
Fürsten
, neben denen der Kaiser selbst immer mehr ein Fürst
wie die andern wurde.

Unter diesen Verhältnissen hatte sich die Stellung der aus dem Mittelalter
überlieferten Klassen wesentlich verändert, und neue Klassen hatten sich neben den
alten gebildet.

Aus dem hohen Adel waren die
Fürsten
hervorgegangen. Sie waren schon fast ganz
unabhängig vom Kaiser und im Besitz der meisten Hoheitsrechte. Sie machten Krieg und Frieden
auf eigne Faust, hielten stehende Heere, riefen Landtage zusammen und schrieben Steuern aus.
Einen großen Teil des niederen Adels und der Städte hatten sie bereits unter ihre
Botmäßigkeit gebracht; sie wandten fortwährend jedes Mittel an, um die noch
übrigen reichsunmittelbaren Städte und Baronien ihrem Gebiet einzuverleiben. Diesen
gegenüber zentralisierten sie, wie sie gegenüber der Reichsgewalt dezentralisierend
auftraten. Nach innen war ihre Regierung schon sehr willkürlich. Sie riefen die Stände
meist nur zusammen, wenn sie sich nicht anders helfen konnten. Sie schrieben Steuern aus und
nahmen Geld auf, wenn es ihnen gutdünkte; das Steuerbewilligungsrecht der Stände wurde
selten anerkannt und kam noch seltener zur Ausübung. Und selbst dann hatte der Fürst
gewöhnlich die Majorität durch die beiden steuerfreien und am Genuß der Steuern
teilnehmenden Stände, die Ritterschaft und die Prälaten. Das Geldbedürfnis der
Fürsten wuchs mit dem Luxus und der Ausdehnung des Hofhaltes, mit den stehenden Heeren, mit
den wachsenden Kosten der Regierung. Die Steuern wurden immer drückender. Die Städte
waren meist dagegen geschützt durch ihre Privilegien; die ganze Wucht der Steuerlast fiel
auf die Bauern, sowohl auf die Dominialbauern der Fürsten selbst wie auch auf die
Leibeigenen, Hörigen

und Zinsbauern <(
1850
)
nur: Leibeigne und Hörige> der lehnspflichtigen Ritter. Wo die direkte Besteurung nicht
ausreichte, trat die indirekte ein; die raffiniertesten Manöver der Finanzkunst wurden
angewandt, um den löchrigen Fiskus zu füllen. Wenn alles nicht half, wenn nichts mehr
zu versetzen war und keine freie Reichsstadt mehr Kredit geben wollte, so schritt man zu
Münzoperationen der schmutzigsten Art, schlug schlechtes Geld, machte hohe oder niedrige
Zwangskurse, je nachdem es dem Fiskus konvenierte. Der Handel mit städtischen und sonstigen
Privilegien, die man nachher gewaltsam wieder zurücknahm, um sie abermals für teures
Geld zu verkaufen, die Ausbeutung jedes Oppositionsversuchs zu Brandschatzungen und
Plünderungen aller Art etc. etc. waren ebenfalls einträgliche und alltägliche
Geldquellen für die Fürsten jener Zeit. Auch die Justiz war ein stehender und nicht
unbedeutender Handelsartikel für die Fürsten. Kurz, die damaligen Untertanen, die
außerdem noch der Privathabgier der fürstlichen Vögte und Amtleute zu
genügen hatten, bekamen alle Segnungen des "väterlichen" Regierungssystems im vollsten
Maße zu kosten.

Aus der feudalen Hierarchie des Mittelalters war der mittlere Adel fast ganz verschwunden; er
hatte sich entweder zur Unabhängigkeit kleiner Fürsten emporgeschwungen oder war in die
Reihen des niederen Adels herabgesunken. Der
niedere Adel
,
die Ritterschaft
, ging
ihrem Verfall rasch entgegen. Ein großer Teil war schon gänzlich verarmt und lebte
bloß von Fürstendienst in militärischen oder bürgerlichen Ämtern; ein
andrer stand in der Lehnspflicht und Botmäßigkeit der Fürsten; der kleinere war
reichsunmittelbar. Die Entwicklung des Kriegswesens, die steigende Bedeutung der Infanterie, die
Ausbildung der Feuerwaffe beseitigte die Wichtigkeit ihrer militärischen Leistungen als
schwere Kavallerie und vernichtete zugleich die Uneinnehmbarkeit ihrer Burgen. Gerade wie die
Nürnberger Handwerker wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie
überflüssig gemacht. Das Geldbedürfnis der Ritterschaft trug zu ihrem Ruin
bedeutend bei. Der Luxus auf den Schlössern, der Wetteifer in der Pracht bei den Turnieren
und Festen, der Preis der Waffen und Pferde stieg mit den Fortschritten der gesellschaftlichen
Entwicklung <(
1850
) der Zivilisation (statt: der gesellschaftlichen Entwicklung)>,
während die Einkommenquellen der Ritter und Barone wenig oder gar nicht zunahmen. Fehden mit
obligater Plünderung und Brandschatzung, Wegelagern und ähnliche noble
Beschäftigungen wurden mit der Zeit zu gefährlich. Die Abgaben und Leistungen der
herrschaftlichen Untertanen brachten kaum mehr ein als früher. Um ihre zunehmenden
Bedürfnisse zu decken, mußten die gnädigen Herren zu denselben Mitteln ihre
Zuflucht nehmen wie die Fürsten.

Die Bauernschinderei
durch den Adel wurde mit jedem Jahre weiter ausgebildet. Die Leibeigenen wurden bis auf den
letzten Blutstropfen ausgesogen, die Hörigen mit neuen Abgaben und Leistungen unter allerlei
Vorwänden und Namen belegt. Die Fronden, Zinsen, Gülten, Laudemien, Sterbfallabgaben,
Schutzgelder usw. wurden allen alten Verträgen zum Trotz willkürlich erhöht. Die
Justiz wurde verweigert und verschachert, und wo der Ritter dem Gelde des Bauern sonst nicht
beikommen konnte, warf er ihn ohne weiteres in den Turm und zwang ihn, sich loszukaufen.

Mit den übrigen Ständen lebte der niedere Adel ebenfalls auf keinem
freundschaftlichen Fuß. Der lehnspflichtige Adel suchte sich reichsunmittelbar zu machen,
der reichsunmittelbare seine Unabhängigkeit zu wahren; daher fortwährende
Streitigkeiten mit den Fürsten. Der Geistlichkeit, die dem Ritter in ihrer damaligen
aufgeblähten Gestalt als ein rein überflüssiger Stand erschien, beneidete er ihre
großen Güter, ihre durch das Zölibat und die Kirchenverfassung zusammengehaltenen
Reichtümer. Mit den Städten lag er sich fortwährend in den Haaren; er war ihnen
verschuldet, er nährte sich von der Plünderung ihres Gebiets, von der Beraubung ihrer
Kaufleute, vom Lösegeld der ihnen in den Fehden abgenommenen Gefangenen. Und der Kampf der
Ritterschaft gegen alle diese Stände wurde um so heftiger, je mehr die Geldfrage auch bei
ihr eine Lebensfrage wurde.

Die
Geistlichkeit
, die Repräsentantin der Ideologie des mittelalterlichen
Feudalismus, fühlte den Einfluß des geschichtlichen Umschwungs nicht minder. Durch die
Buchdruckerei und die Bedürfnisse des ausgedehnteren Handels war ihr das Monopol nicht nur
des Lesens und Schreibens, sondern der höheren Bildung genommen. Die Teilung der Arbeit trat
auch auf intellektuellem Gebiet ein. Der neuaufkommende Stand der Juristen verdrängte sie
aus einer Reihe der einflußreichsten Ämter. Auch sie fing an, zum großen Teil
überflüssig zu werden, und erkannte dies selbst an durch ihre stets wachsende Faulheit
und Unwissenheit. Aber je überflüssiger sie wurde, desto zahlreicher wurde sie - dank
ihren enormen Reichtümern, die sie durch Anwendung aller möglichen Mittel noch
fortwährend vermehrte.

In der Geistlichkeit gab es zwei durchaus verschiedene Klassen. Die geistliche
Feudalhierarchie bildete die
aristokratische
Klasse: die Bischöfe und
Erzbischöfe, die Äbte, Prioren und sonstigen Prälaten. Diese hohen
Würdenträger der Kirche waren entweder selbst Reichsfürsten, oder sie beherrschten
als Feudalherren, unter der Oberhoheit andrer Fürsten, große Strecken Landes mit
zahlreichen Leibeignen und Hörigen. Sie exploitierten ihre Untergebenen nicht nur ebenso
rücksichtslos wie der Adel und die Fürsten, sie gingen noch viel schamloser zu Werke.
Neben der brutalen Gewalt wurden

alle Schikanen der
Religion, neben den Schrecken der Folter alle Schrecken des Bannfluchs und der verweigerten
Absolution, alle Intrigen des Beichtstuhl in Bewegung gesetzt, um den Untertanen den letzten
Pfennig zu entreißen oder das Erbteil der Kirche zu mehren. Urkundenfälschung war bei
diesen würdigen Männern ein gewöhnliches und beliebtes Mittel der Prellerei. Aber
obgleich sie außer den gewöhnlichen Feudalleistungen und Zinsen noch den Zehnten
bezogen, reichten alle diese Einkünfte noch nicht aus. Die Fabrikation wundertätiger
Heiligenbilder und Reliquien, die Organisation seligmachender Betstationen, der
Ablaßschacher wurden zu Hülfe genommen, dem Volk vermehrte Abgaben zu entreißen,
und lange Zeit mit bestem Erfolg.

Diese Prälaten und ihre zahllose, mit der Ausbreitung der politischen und religiösen
Hetzereien stets verstärkte Gendarmerie von Mönchen waren es, auf die der
Pfaffenhaß nicht nur des Volks, sondern auch des Adels sich konzentrierte. Soweit sie
reichsunmittelbar <(
1850
) souverän>, standen sie dem Fürsten im Wege. Das
flotte Wohlleben der beleibten Bischöfe und Äbte und ihrer Mönchsarmee erregte den
Neid des Adels und empörte das Volk, das die Kosten davon tragen mußte, um so mehr, je
schreiender es ihren Predigten ins Gesicht schlug.

Die
plebejische
Fraktion der Geistlichkeit bestand aus den Predigern auf dem Lande und
in den Städten. Sie standen außerhalb der feudalen Hierarchie der Kirche und hatten
keinen Anteil an ihren Reichtümern. Ihre Arbeit war weniger kontrolliert und, so wichtig sie
der Kirche war, im Augenblick weit weniger unentbehrlich als die Polizeidienste der
einkasernierten Mönche. Sie wurden daher weit schlechter bezahlt, und ihre Pfründen
waren meist sehr knapp. Bürgerlichen oder plebejischen Ursprungs, standen sie der Lebenslage
der Masse nahe genug, um trotz ihres Pfaffentums bürgerliche und plebejische Sympathien zu
bewahren. Die Beteiligung an den Bewegungen der Zeit, bei den Mönchen nur Ausnahme, war bei
ihnen Regel. Sie lieferten die Theoretiker und Ideologen der Bewegung, und viele von ihnen,
Repräsentanten der Plebejer und Bauern, starben dafür auf dem Schafott. Der
Volkshaß gegen die Pfaffen wendet sich auch nur in einzelnen Fällen gegen sie.

Wie über den Fürsten und dem Adel der Kaiser, so stand über den hohen und
niederen Pfaffen der
Papst
. Wie dem Kaiser der "gemeine Pfennig", die Reichssteuern,
bezahlt wurden, so dem Papst die allgemeinen Kirchensteuern, aus denen er den Luxus am
römischen Hofe bestritt. In keinem Lande

wurden diese
Kirchensteuern - dank der Macht und Zahl der Pfaffen - mit größerer Gewissenhaftigkeit
und Strenge eingetrieben als in Deutschland. So besonders die Annaten bei Erledigung der
Bistümer. Mit den steigenden Bedürfnissen wurden dann neue Mittel zur Beschaffung des
Geldes erfunden: Handel mit Reliquien, Ablaß- und Jubelgelder usw. Große Summen
wanderten so alljährlich aus Deutschland nach Rom, und der hierdurch vermehrte Druck
steigerte nicht nur den Pfaffenhaß, er erregte auch das Nationalgefühl, besonders des
Adels, des damals nationalsten Standes.

Aus den ursprünglichen Pfahlbürgern der mittelalterlichen
Städte
hatten
sich mit dem Aufblühen des Handels und der Gewerbe drei scharf gesonderte Fraktionen
entwickelt.

An der Spitze der städtischen Gesellschaft standen die
patrizischen Geschlechter
,
die sogenannte
"Ehrbarkeit"
. Sie waren die reichsten Familien. Sie allein saßen im
Rat und in allen städtischen Ämtern. Sie verwalteten daher nicht bloß die
Einkünfte der Stadt, sie verzehrten sie auch. Stark durch ihren Reichtum, durch ihre
althergebrachte, von Kaiser und Reich anerkannte aristokratische Stellung, exploitierten sie
sowohl die Stadtgemeinde wie die der Stadt untertänigen Bauern auf jede Weise. Sie trieben
Wucher in Korn und Geld, oktroyierten sich Monopole aller Art, entzogen der Gemeinde nacheinander
alle Anrechte auf Mitbenutzung der städtischen Wälder und Wiesen und benutzten diese
direkt zu ihrem eigenen Privatvorteil, legten willkürlich Weg-, Brücken- und
Torzölle und andere Lasten auf und trieben Handel mit Zunftprivilegien, Meisterschafts- und
Bürgerrechten und mit der Justiz. Mit den Bauern des Weichbilds gingen sie nicht schonender
um als der Adel oder die Pfaffen; im Gegenteil, die städtischen Vögte und Amtleute auf
den Dörfern, lauter Patrizier, brachten zu der aristokratischen Härte und Habgier noch
eine gewisse bürokratische Genauigkeit in der Eintreibung mit. Die so zusammengebrachten
städtischen Einkünfte wurden mit der höchsten Willkür verwaltet; die
Verrechnung in den städtischen Büchern, eine reine Förmlichkeit, war
möglichst nachlässig und verworren; Unterschleife und Kassendefekte waren an der
Tagesordnung. Wie leicht es damals einer von allen Seiten mit Privilegien umgebenen, wenig
zahlreichen und durch Verwandtschaft und Interesse eng zusammengehaltenen Kaste war, sich aus den
städtischen Einkünften enorm zu bereichern, begreift man, wenn man an die zahlreichen
Unterschleife und Schwindeleien denkt, die das Jahr 1848 in so vielen städtischen
Verwaltungen an den Tag gebracht hat.

Die Patrizier hatten Sorge getragen, die Rechte der Stadtgemeinde besonders in Finanzsachen
überall einschlafen zu lassen. Erst später, als die Prellereien dieser Herren zu arg
wurden, setzten sich die Gemeinden wieder

in Bewegung, um
wenigstens die Kontrolle über die städtische Verwaltung an sich zu bringen. Sie
erlangten in den meisten Städten ihre Rechte wirklich wieder. Aber bei den ewigen
Streitigkeiten der Zünfte unter sich, bei der Zähigkeit der Patrizier und dem Schutz,
den sie beim Reich und den Regierungen der ihnen verbündeten Städte fanden, stellten
die patrizischen Ratsherren sehr bald ihre alte Alleinherrschaft faktisch wieder her, sei es
durch List, sei es durch Gewalt. Im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts befand sich die Gemeinde
in allen Städten wieder in der Opposition.

Die städtische Opposition gegen das Patriziat teilte sich in zwei Fraktionen, die im
Bauernkrieg sehr bestimmt hervortreten.

Die
bürgerliche Opposition
, die Vorgängerin unsrer heutigen Liberalen,
umfaßte die reicheren und mittleren Bürger sowie einen nach den Lokalumständen
größeren oder geringeren Teil der Kleinbürger. Ihre Forderungen hielten sich rein
auf verfassungsmäßigem Boden. Sie verlangten die Kontrolle über die
städtische Verwaltung und einen Anteil an der gesetzgebenden Gewalt, sei es durch die
Gemeindeversammlung selbst oder durch eine Gemeindevertretung (großer Rat,
Gemeindeausschuß); ferner Beschränkung des patrizischen Nepotismus und der Oligarchie
einiger weniger Familien, die selbst innerhalb des Patriziats immer offener hervortrat.
Höchstens verlangten sie außerdem noch die Besetzung einiger Ratsstellen durch
Bürger aus ihrer eignen Mitte. Diese Partei, der sich hier und da die unzufriedene und
heruntergekommene Fraktion des Patriziats anschloß, hatte in allen ordentlichen
Gemeindeversammlungen und auf den Zünften die große Majorität. Die Anhänger
des Rats und die radikalere Opposition zusammen waren unter den wirklichen
Bürgern

bei weitem die Minderzahl.

Wir werden sehen, wie während der Bewegung des sechzehnten Jahrhunderts diese
"gemäßigte", "gesetzliche", "wohlhabende" und "intelligente" Opposition genau dieselbe
Rolle spielt, und genau mit demselben Erfolg, wie ihre Erbin, die konstitutionelle Partei, in der
Bewegung von 1848 und 1849.

Im übrigen eiferte die bürgerliche Opposition noch sehr ernstlich wider die Pfaffen,
deren faules Wohlleben und lockere Sitten ihr großes Ärgernis gaben. Sie verlangte
Maßregeln gegen den skandalösen Lebenswandel dieser würdigen Männer. Sie
forderte, daß die eigene Gerichtsbarkeit und die Steuerfreiheit der Pfaffen abgeschafft und
die Zahl der Mönche überhaupt beschränkt werde.

Die
plebejische Opposition
bestand aus den heruntergekommenen Bürgern und der
Masse der städtischen Bewohner, die vom Bürgerrechte ausgeschlossen war: den
Handwerksgesellen, den Taglöhnern und den zahlreichen

Anfängen des Lumpenproletariats, die sich selbst auf den untergeordneten Stufen der
städtischen Entwicklung vorfinden. Das Lumpenproletariat ist überhaupt eine
Erscheinung, die, mehr oder weniger ausgebildet, in fast allen bisherigen Gesellschaftsphasen
vorkommt. Die Menge von Leuten ohne bestimmten Erwerbszweig oder festen Wohnsitz wurde gerade
damals sehr vermehrt durch das Zerfallen des Feudalismus in einer Gesellschaft, in der noch jeder
Erwerbszweig, jede Lebenssphäre hinter einer Unzahl von Privilegien verschanzt war. In allen
entwickelten Ländern war die Zahl der Vagabunden nie so groß gewesen wie in der ersten
Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Ein Teil dieser Landstreicher trat in Kriegszeiten in
die Armeen, ein anderer bettelte sich durchs Land, der dritte endlich suchte in den Städten
durch Taglöhnerarbeit und was sonst gerade nicht zünftig war, seine notdürftige
Existenz. Alle drei spielen eine Rolle im Bauernkrieg: der erste in den Fürstenarmeen, denen
die Bauern erlagen, der zweite in den Bauernverschwörungen und Bauernhaufen, wo sein
demoralisierender Einfluß jeden Augenblick hervortritt, der dritte in den Kämpfen der
städtischen Parteien. Es ist übrigens nicht zu vergessen, daß ein großer
Teil dieser Klasse, namentlich der in den Städten lebende, damals noch einen bedeutenden
Kern gesunder Bauernnatur besaß und noch lange nicht die Käuflichkeit und
Verkommenheit des heutigen zivilisierten Lumpenproletariats entwickelt hatte.

Man sieht, die plebejische Opposition der damaligen Städte bestand aus sehr gemischten
Elementen. Sie vereinigte die verkommenen Bestandteile der alten feudalen und zünftigen
Gesellschaft mit dem noch unentwickelten, kaum emportauchenden proletarischen Element der
aufkeimenden, modernen bürgerlichen Gesellschaft. Verarmte Zunftbürger, die noch durch
das Privilegium mit der bestehenden bürgerlichen Ordnung zusammenhingen, auf der einen
Seite; verstoßene Bauern und abgedankte Dienstleute, die noch nicht zu Proletariern werden
konnten, auf der andern. Zwischen beiden die Gesellen, momentan außerhalb der offiziellen
Gesellschaft stehend und sich in ihrer Lebenslage dem Proletariat so sehr nähernd, wie dies
bei der damaligen Industrie und unter dem Zunftprivilegium möglich; aber, zu gleicher Zeit,
fast lauter zukünftige bürgerliche Meister, kraft eben dieses Zunftprivilegiums. Die
Parteistellung dieses Gemisches von Elementen war daher notwendig höchst unsicher und je
nach der Lokalität verschieden. Vor dem Bauernkriege tritt die plebejische Opposition in den
politischen Kämpfen nicht als Partei, sie tritt nur als turbulenter,
plünderungssüchtiger, mit einigen Fässern Wein an- und abkäuflicher Schwanz
der bürgerlichen Opposition auf. Erst die Aufstände der Bauern machen sie zur Partei,
und auch da ist sie fast überall in ihren Forderungen und ihrem Auftreten abhängig von
den Bauern - ein merk-

würdiger Beweis, wie sehr
damals die Stadt noch abhängig vom Lande war. Soweit sie selbständig auftritt, verlangt
sie die Herstellung der städtischen Gewerksmonopole auf dem Lande, will sie die
städtischen Einkünfte nicht durch Abschaffung der Feudallasten im Weichbild
geschmälert wissen usw.; kurz, so weit ist sie reaktionär, ordnet sie sich ihren
eigenen kleinbürgerlichen Elementen unter und liefert damit ein charakteristisches Vorspiel
zu der Tragikomödie, die die moderne Kleinbürgerschaft seit drei Jahren unter der Firma
der Demokratie aufführt.

Nur in Thüringen unter dem direkten Einfluß Münzers und an einzelnen andern
Orten unter dem seiner Schüler wurde die plebejische Fraktion der Städte von dem
allgemeinen Sturm so weit fortgerissen, daß das embryonische proletarische Element in ihr
momentan die Oberhand über alle andern Fraktionen <(
1850
) Faktoren> der
Bewegung bekam. Diese Episode, die den Kulminationspunkt des ganzen Bauernkriegs bildet und sich
um seine großartigste Gestalt, um
Thomas Münzer
, gruppiert, ist zugleich die
kürzeste. Es versteht sich, daß sie am schnellsten zusammenbrechen und daß sie
zu gleicher Zeit ein vorzugsweise phantastisches Gepräge tragen, daß der Ausdruck
ihrer Forderungen höchst unbestimmt bleiben muß; gerade sie fand am wenigsten festen
Boden in den damaligen Verhältnissen.

Unter allen diesen Klassen, mit Ausnahme der letzten, stand die große exploitierte Masse
der Nation: die
Bauern
. Auf dem Bauer lastete der ganze Schichtenbau der Gesellschaft:
Fürsten, Beamte, Adel, Pfaffen, Patrizier und Bürger. Ob er der Angehörige eines
Fürsten, eines Reichsfreiherrn, eines Bischofs, eines Klosters, einer Stadt war, er wurde
überall wie eine Sache, wie ein Lasttier behandelt, und schlimmer. War er Leibeigner, so war
er seinem Herrn auf Gnade und Ungnade zur Verfügung gestellt. War er Höriger, so waren
schon die gesetzlichen, vertragsmäßigen Leistungen hinreichend, ihn zu erdrücken;
aber diese Leistungen wurden täglich vermehrt. Den größten Teil seiner Zeit
mußte er auf den Gütern des Herrn arbeiten; von dem, was er sich in den wenigen freien
Stunden erwarb, mußten Zehnten, Zins, Gült, Bede, Reisegeld (Kriegssteuer),
Landessteuer und Reichssteuer gezahlt werden. Er konnte nicht heiraten und nicht sterben, ohne
daß dem Herrn gezahlt wurde. Er mußte, außer den regelmäßigen
Frondiensten, für den gnädigen Herrn Streu sammeln, Erdbeeren sammeln, Heidelbeeren
sammeln, Schneckenhäuser sammeln, das Wild zur Jagd treiben, Holz hacken usw. Fischerei und
Jagd gehörten dem Herrn, der Bauer mußte ruhig zusehen, wenn das Wild seine Ernte
zerstörte. Die Gemeindeweiden und Waldungen der Bauern waren

fast überall gewaltsam von den Herren weggenommen worden. Und
wie über das Eigentum, so schaltete der Herr willkürlich über die Person des
Bauern, über die seiner Frau und seiner Töchter. Er hatte das Recht der ersten Nacht.
Er warf ihn in den Turm, wenn's ihm beliebte, wo ihn mit derselben Sicherheit, wie jetzt der
Untersuchungsrichter, damals die Folter erwartete. Er schlug ihn tot oder ließ ihn
köpfen, wenn's ihm beliebte. Von jenen erbaulichen Kapiteln der Carolina, die da "von
Ohrenabschneiden", "von Nasenabschneiden", "von Augenausstechen", "von Abhacken der Finger und
der Hände", "von Köpfen", "von Rädern", "von Verbrennen", "von Zwicken mit
glühenden Zangen", "von Vierteilen" usw. handeln, ist kein einziges, das der gnädige
Leib- oder Schirmherr nicht nach Belieben gegen seine Bauern angewandt hätte. Wer sollte ihn
schützen? In den Gerichten saßen Barone, Pfaffen, Patrizier oder Juristen, die wohl
wußten, wofür sie bezahlt wurden. Alle offiziellen Stände des Reichs lebten ja
von der Aussaugung der Bauern.

Die Bauern, knirschend unter dem furchtbaren Druck, waren dennoch schwer zum Aufstand zu
bringen. Ihre Zersplitterung erschwerte jede gemeinsame Übereinkunft im höchsten Grade.
Die lange Gewohnheit der von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten Unterwerfung, die
Entwöhnung vom Gebrauch der Waffen in vielen Gegenden, die je nach der Persönlichkeit
der Herren bald ab-, bald zunehmende Härte der Ausbeutung trug dazu bei, die Bauern ruhig zu
erhalten. Wir finden daher im Mittelalter Lokalinsurrektionen der Bauern in Menge, aber -
wenigstens in Deutschland - vor dem Bauernkrieg keinen einzigen allgemeinen, nationalen
Bauernaufstand. Dazu waren die Bauern allein nicht imstande, eine Revolution zu machen, solange
ihnen die organisierte Macht der Fürsten, des Adels und der Städte verbündet und
geschlossen entgegenstand. Nur durch eine Allianz mit andern Ständen konnten sie eine Chance
des Sieges bekommen; aber wie sollten sie sich mit andern Ständen verbinden, da sie von
allen gleichmäßig ausgebeutet wurden?

Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs: Fürsten, Adel, Prälaten,
Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern bildeten im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine
höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen
durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem andern im Wege, lag mit allen andern in
einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf. Jene Spaltung der ganzen Nation in zwei
große Lager, wie sie beim Ausbruch der ersten Revolution in Frankreich bestand, wie sie
jetzt auf einer höheren Entwicklungsstufe in den fortgeschrittensten Ländern besteht,
war unter diesen Umständen rein unmöglich; sie konnte selbst an-

nähernd nur dann zustande kommen, wenn die unterste, von allen
übrigen Ständen exploitierte Schichte der Nation sich erhob: die Bauern und die
Plebejer. Man wird die Verwirrung der Interessen, Ansichten und Bestrebungen jener Zeit leicht
begreifen, wenn man sich erinnert, welche Konfusion in den letzten zwei Jahren die jetzige, weit
weniger komplizierte Zusammensetzung der deutschen Nation aus Feudaladel, Bourgeoisie,
Kleinbürgerschaft, Bauern und Proletariat hervorgebracht hat.

Fußnoten

(1)
Das Schießpulver wurde, wie jetzt zweifellos nachgewiesen, von
China über Indien zu den Arabern gebracht und kam von diesen, nebst den Feuerwaffen,
über Spanien nach Europa. [
Fußnote 1875
.]

## II. Die großen oppositionellen Gruppierungen und ihre Ideologien - Luther und Münzer

Die Gruppierung der damals so mannigfaltigen Stände
zu größeren Ganzen wurde schon durch die Dezentralisation und die lokale und
provinzielle Selbständigkeit, durch die industrielle und kommerzielle Entfremdung der
Provinzen voneinander, durch die schlechten Kommunikationen fast unmöglich gemacht. Diese
Gruppierung bildet sich erst heraus mit der allgemeinen Verbreitung revolutionärer
religiös-politischer Ideen in der Reformation. Die verschiedenen Stände, die sich
diesen Ideen anschließen oder entgegenstellen, konzentrieren, freilich nur sehr mühsam
und annähernd, die Nation in drei große Lager, in das katholische oder
reaktionäre, das lutherische bürgerlich-reformierende und das revolutionäre. Wenn
wir auch in dieser großen Zerklüftung der Nation wenig Konsequenz entdecken, wenn wir
in den ersten beiden Lagern zum Teil dieselben Elemente finden, so erklärt sich dies aus dem
Zustand der Auflösung, in dem sich die meisten, aus dem Mittelalter überlieferten
offiziellen Stände befanden, und aus der Dezentralisation, die denselben Ständen an
verschiedenen Orten momentan entgegengesetzte Richtungen anwies. Wir haben in den letzten Jahren
so häufig ganz ähnliche Fakta in Deutschland zu sehen Gelegenheit gehabt, daß uns
eine solche scheinbare Durcheinanderwürfelung der Stände und Klassen unter den viel
verwickelteren Verhältnissen des 16. Jahrhunderts nicht wundern kann.

Die deutsche Ideologie sieht, trotz der neuesten Erfahrungen, in den Kämpfen, denen das
Mittelalter erlag, noch immer weiter nichts als heftige theologische Zänkereien. Hätten
die Leute jener Zeit sich nur über die himmlischen Dinge verständigen können, so
wäre, nach der Ansicht unsrer vaterländischen Geschichtskenner und Staatsweisen, gar
kein Grund vorhanden gewesen, über die Dinge dieser Welt zu streiten. Diese Ideologen sind
leichtgläubig genug, alle Illusionen für bare Münze zu nehmen, die sich eine
Epoche über sich selbst macht oder die die Ideologen einer Zeit sich über diese Zeit
machen. Dieselbe Klasse von Leuten sieht z.B. in der Revolution

von 1789 nur eine etwas hitzige Debatte über die Vorzüge
der konstitutionellen vor der absoluten Monarchie, in der Julirevolution eine praktische
Kontroverse über die Unhaltbarkeit des Rechts "von Gottes Gnaden", in der Februarrevolution
den Versuch zur Lösung der Frage "Republik oder Monarchie?" usw. Von den

Klassenkämpfen
, die in diesen Erschütterungen ausgefochten werden und deren
bloßer Ausdruck die jedesmal auf die Fahne geschriebene politische Phrase ist, von diesen
Klassenkämpfen haben selbst heute noch unsre Ideologen kaum eine Ahnung, obwohl die Kunde
davon vernehmlich genug nicht nur vorn Auslande herüber, sondern auch aus dem Murren und
Grollen vieler tausend einheimischen Proletarier herauf erschallt.

Auch in den sogenannten Religionskriegen des sechzehnten Jahrhunderts handelte es sich vor
allem um sehr positive materielle Klasseninteressen, und diese Kriege waren Klassenkämpfe,
ebensogut wie die späteren inneren Kollisionen in England und Frankreich. Wenn diese
Klassenkämpfe damals religiöse Schibboleths trugen, wenn die Interessen,
Bedürfnisse und Forderungen der einzelnen Klassen sich unter einer religiösen Decke
verbargen, so ändert dies nichts an der Sache und erklärt sich leicht aus den
Zeitverhältnissen.

Das Mittelalter hatte sich ganz aus dem Rohen entwickelt. Über die alte Zivilisation, die
alte Philosophie, Politik und Jurisprudenz hatte es reinen Tisch gemacht, um in allem wieder von
vorn anzufangen. Das einzige, das es aus der untergegangenen alten Welt übernommen hatte,
war das Christentum und eine Anzahl halbzerstörter, ihrer ganzen Zivilisation entkleideter
Städte. Die Folge davon war, daß, wie auf allen ursprünglichen
Entwicklungsstufen, die Pfaffen das Monopol der intellektuellen Bildung erhielten und damit die
Bildung selbst einen wesentlich theologischen Charakter bekam. Unter den Händen der Pfaffen
blieben Politik und Jurisprudenz, wie alle übrigen Wissenschaften, bloße Zweige der
Theologie und wurden nach denselben Prinzipien behandelt, die in dieser Geltung hatten. Die
Dogmen der Kirche waren zu gleicher Zeit politische Axiome, und Bibelstellen hatten in jedem
Gerichtshof Gesetzeskraft. Selbst als ein eigner Juristenstand sich bildete, blieb die
Jurisprudenz noch lange unter der Vormundschaft der Theologie. Und diese Oberherrlichkeit der
Theologie auf dem ganzen Gebiet der intellektuellen Tätigkeit war zugleich die notwendige
Folge von der Stellung der Kirche als der allgemeinsten Zusammenfassung und Sanktion der
bestehenden Feudalherrschaft.

Es ist klar, daß hiermit alle allgemein ausgesprochenen Angriffe auf den Feudalismus,
vor allem Angriffe auf die Kirche, alle revolutionären, gesellschaftlichen und politischen
Doktrinen zugleich und vorwiegend theologische

Ketzereien
sein mußten. Damit die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse angetastet werden
konnten, mußte ihnen der Heiligenschein abgestreift werden.

Die revolutionäre Opposition gegen die Feudalität geht durch das ganze Mittelalter.
Sie tritt auf, je nach den Zeitverhältnissen, als Mystik, als offene Ketzerei, als
bewaffneter Aufstand. Was die Mystik angeht, so weiß man, wie abhängig die
Reformatoren des 16. Jahrhunderts von ihr waren; auch Münzer hat viel aus ihr genommen Die
Ketzereien waren teils der Ausdruck der Reaktion der patriarchalischen Alpenhirten gegen die zu
ihnen vordringende Feudalität (die Waldenser; teils der Opposition der dem Feudalismus
entwachsenen Städte gegen ihn (die Albigenser, Arnold von Brescia etc.); teils direkter
Insurrektionen der Bauern (John Ball, der Meister aus Ungarn <Jakob>, in der Pikardie
etc.). Die patriarchalische Ketzerei der Waldenser können wir hier, ganz wie die
Insurrektion der Schweizer, als einen nach Form und Inhalt reaktionären Versuch der
Absperrung gegen die geschichtliche Bewegung, und von nur lokaler Bedeutung, beiseite lassen. In
den beiden übrigen Formen der mittelalterlichen Ketzerei finden wir schon im zwölften
Jahrhundert die Vorläufer des großen Gegensatzes zwischen bürgerlicher und
bäurisch-plebejischer Opposition, an dem der Bauernkrieg zugrunde ging. Dieser Gegensatz
zieht sich durchs ganze spätere Mittelalter.

Die Ketzerei der Städte - und sie ist die eigentlich offizielle Ketzerei des Mittelalters
- wandte sich hauptsächlich gegen die Pfaffen, deren Reichtümer und politische Stellung
sie angriff. Wie jetzt die Bourgeoisie ein gouvernement à bon marché, eine
wohlfeile Regierung fordert, so verlangten die mittelalterlichen Bürger zunächst eine
eglise à bon marché, eine wohlfeile Kirche. Der Form nach reaktionär, wie jede
Ketzerei, die in der Fortentwicklung der Kirche und der Dogmen nur eine Entartung sehen kann,
forderte die bürgerliche Ketzerei Herstellung der urchristlichen einfachen Kirchenverfassung
und Aufhebung des exklusiven Priesterstandes. Diese wohlfeile Einrichtung beseitigte die
Mönche, die Prälaten, den römischen Hof, kurz alles, was in der Kirche kostspielig
war. Die Städte, selbst Republiken, wenn auch unter dem Schutz von Monarchen, sprachen durch
ihre Angriffe gegen das Papsttum zum ersten Male in allgemeiner Form aus, daß die normale
Form der Herrschaft des Bürgertums die Republik ist. Ihre Feindschaft gegen eine Reihe von
Dogmen und Kirchengesetzen erklärt sich teils aus dem Gesagten, teils aus ihren sonstigen
Lebensverhältnissen. Warum sie z.B. so heftig gegen das Zölibat auftraten, darüber
gibt niemand besser Aufschluß als Boccaccio.

Arnold
von Brescia in Italien und Deutschland, die Albigenser in Südfrankreich, John Wycliffe in
England, Hus und die Calixtiner in Böhmen waren die Hauptrepräsentanten dieser
Richtung. Daß die Opposition gegen den Feudalismus hier nur als Opposition gegen die

geistliche
Feudalität auftritt, erklärt sich sehr einfach daraus, daß die
Städte überall schon anerkannter Stand waren und die weltliche Feudalität mit
ihren Privilegien, mit den Waffen oder in den ständischen Versammlungen hinreichend
bekämpfen konnten.

Auch hier sehen wir schon, sowohl in Südfrankreich wie in England und Böhmen,
daß der größte Teil des niederen Adels sich den Städten im Kampf gegen die
Pfaffen und in der Ketzerei anschließt - eine Erscheinung, die sich aus der
Abhängigkeit des niederen Adels von den Städten und aus der Gemeinsamkeit der
Interessen beider gegenüber den Fürsten und Prälaten erklärt und die wir im
Bauernkrieg wiederfinden werden.

Einen ganz verschiedenen Charakter hatte die Ketzerei, die der direkte Ausdruck der
bäurischen und plebejischen Bedürfnisse war und sich fast immer an einen Aufstand
anschloß. Sie teilte zwar alle Forderungen der bürgerlichen Ketzerei in betreff der
Pfaffen, des Papsttums und der Herstellung der urchristlichen Kirchenverfassung, aber sie ging
zugleich unendlich weiter. Sie verlangte die Herstellung des urchristlichen
Gleichheitsverhältnisses unter den Mitgliedern der Gemeinde und seine Anerkennung als Norm
auch für die bürgerliche Welt. Sie zog von der "Gleichheit der Kinder Gottes" den
Schluß auf die bürgerliche Gleichheit und selbst teilweise schon auf die Gleichheit
des Vermögens. Gleichstellung des Adels mit den Bauern, der Patrizier und bevorrechteten
Bürger mit den Plebejern, Abschaffung der Frondienste, Grundzinsen, Steuern, Privilegien und
wenigstens der schreiendsten Vermögensunterschiede waren Forderungen, die mit mehr oder
weniger Bestimmtheit aufgestellt und als notwendige Konsequenzen der urchristlichen Doktrin
behauptet wurden. Diese bäurisch-plebejische Ketzerei, in der Blütezeit des
Feudalismus, z.B. bei den Albigensern, kaum noch zu trennen von der bürgerlichen, entwickelt
sich zu einer scharf geschiedenen Parteiansicht im 14. und 15. Jahrhundert, wo sie
gewöhnlich ganz selbständig neben der bürgerlichen Ketzerei auftritt. So John
Ball, der Prediger des Wat-Tylerschen Aufstandes in England neben der Wycliffeschen Bewegung, so
die Taboriten neben Calixtinern in Böhmen. Bei den Taboriten tritt sogar schon die
republikanische Tendenz unter theokratischer Verbrämung hervor, die am Ende des 15. und
Anfang des 16. Jahrhunderts durch die Vertreter der Plebejer in Deutschland weiter ausgebildet
wurde.

An diese Form der Ketzerei schließt sich die Schwärmerei mystizisieren-

der Sekten, der Geißler, Lollards etc., die in Zeiten der
Unterdrückung die revolutionäre Tradition fortpflanzen.

Die Plebejer waren damals die einzige Klasse, die ganz außerhalb der offiziell
bestehenden Gesellschaft stand. Sie befand sich außerhalb des feudalen und außerhalb
des bürgerlichen Verbandes. Sie hatte weder Privilegien noch Eigentum; sie hatte nicht
einmal, wie die Bauern und Kleinbürger, einen mit drückenden Lasten beschwerten Besitz.
Sie war in jeder Beziehung besitzlos und rechtlos; ihre Lebensbedingungen kamen direkt nicht
einmal in Berührung mit den bestehenden Institutionen, von denen sie vollständig
ignoriert wurden. Sie war das lebendige Symptom der Auflösung der feudalen und
zunftbürgerlichen Gesellschaft und zugleich der erste Vorläufer der
modern-bürgerlichen Gesellschaft.

Aus dieser Stellung erklärt es sich, warum die plebejische Fraktion schon damals nicht
bei der bloßen Bekämpfung des Feudalismus und der privilegierten Pfahlbürgerei
stehenbleiben konnte, warum sie, wenigstens in der Phantasie, selbst über die kaum
empordämmernde modern-bürgerliche Gesellschaft hinausgreifen, warum sie, die
vollständig besitzlose Fraktion, schon Institutionen, Anschauungen und Vorstellungen in
Frage stellen mußte, welche allen auf Klassengegensätzen beruhenden
Gesellschaftsformen gemeinsam sind. Die chiliastischen Schwärmereien des ersten Christentums
boten hierzu einen bequemen Anknüpfungspunkt. Aber zugleich konnte dies Hinausgehen nicht
nur über die Gegenwart, sondern selbst über die Zukunft, nur ein gewaltsames,
phantastisches sein und mußte beim ersten Versuch der praktischen Anwendung
zurückfallen in die beschränkten Grenzen, die die damaligen Verhältnisse allein
zuließen. Der Angriff auf das Privateigentum, die Forderung der Gütergemeinschaft,
mußte sich auflösen in eine rohe Organisation der Wohltätigkeit; die vage
christliche Gleichheit konnte höchstens auf die bürgerliche "Gleichheit vor dem Gesetz"
hinauslaufen; die Beseitigung aller Obrigkeit verwandelt sich schließlich in die
Herstellung vom Volke gewählter republikanischer Regierungen. Die Antizipation des
Kommunismus durch die Phantasie wurde in der Wirklichkeit eine Antizipation der modernen
bürgerlichen Verhältnisse.

Diese gewaltsame, aber dennoch aus der Lebenslage der plebejischen Fraktion sehr
erklärliche Antizipation auf die spätere Geschichte finden wir zuerst in

Deutschland
, bei
Thomas Münzer
und seiner Partei. Bei den Taboriten hatte
allerdings eine Art chiliastischer Gütergemeinschaft bestanden, aber nur als rein
militärische Maßregel. Erst bei Münzer sind diese kommunistischen Anklänge
Ausdruck der Bestrebungen einer wirklichen Gesellschaftsfraktion, erst bei ihm sind sie mit einer
gewissen Bestimmtheit formuliert, und seit ihm

finden wir
sie in jeder großen Volkserschütterung wieder, bis sie allmählich mit der
modernen proletarischen Bewegung zusammenfließen; geradeso wie im Mittelalter die
Kämpfe der freien Bauern gegen die sie mehr und mehr umstrickende Feudalherrschaft
zusammenfließen mit den Kämpfen der Leibeigenen und Hörigen um den
vollständigen Bruch der Feudalherrschaft.

Während sich in dem ersten der drei großen Lager, im

konservativ-katholischen
, alle Elemente zusammenfanden, die an der Erhaltung des
Bestehenden interessiert waren, also die Reichsgewalt, die geistlichen und ein Teil der
weltlichen Fürsten, der reichere Adel, die Prälaten und das städtische Patriziat,
sammeln sich um das Banner der
bürgerlich-gemaßigten lutherischen
Reform die
besitzenden Elemente der Opposition, die Masse des niederen Adels, die Bürgerschaft und
selbst ein Teil der weltlichen Fürsten, der sich durch Konfiskation der geistlichen
Güter zu bereichern hoffte und die Gelegenheit zur Erringung größerer
Unabhängigkeit vom Reich benutzen wollte. Die Bauern und Plebejer endlich schlossen sich zur

revolutionären
Partei zusammen, deren Forderungen und Doktrinen am schärfsten
durch Münzer ausgesprochen wurden.

Luther und Münzer repräsentieren nach ihrer Doktrin wie nach ihrem Charakter und
ihrem Auftreten jeder seine Partei vollständig.

Luther
hat in den Jahren 1517 bis 1525 ganz dieselben Wandlungen durchgemacht, die die
modernen deutschen Konstitutionellen von 1846 bis 1849 durchmachten und die jede bürgerliche
Partei durchmacht, welche, einen Moment an die Spitze der Bewegung gestellt, in dieser Bewegung
selbst von der hinter ihr stehenden plebejischen oder proletarischen Partei überflügelt
wird.

Als Luther 1517 zuerst gegen die Dogmen und die Verfassung der katholischen Kirche auftrat,
hatte seine Opposition durchaus noch keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen
der früheren bürgerlichen Ketzerei hinauszugehn, schloß sie keine einzige
weitergehende Richtung aus und konnte es nicht. Im ersten Moment mußten alle
oppositionellen Elemente vereinigt, mußte die entschiedenste revolutionäre Energie
angewandt, mußte die Gesamtmasse der bisherigen Ketzerei gegenüber der katholischen
Rechtgläubigkeit vertreten werden. Geradeso waren unsere liberalen Bourgeois noch 1847
revolutionär, nannten sich Sozialisten und Kommunisten und schwärmten für die
Emanzipation der Arbeiterklasse. Die kräftige Bauernnatur Luthers machte sich in dieser
ersten Periode seines Auftretens in der ungestümsten Weise Luft.

"Wenn ihr" (der römischen Pfaffen) "rasend Wüten einen Fortgang haben
sollte, mich es wäre schier kein besserer Rat und Arznei, ihm zu steuern, denn daß

Könige und Fürsten mit Gewalt dazutäten,
sich rüsteten und diese schädlichen Leute, so alle Welt vergiften, angriffen und einmal
des Spiels ein Ende machten,
mit Waffen, nicht mit Worten
. So wir Diebe mit Schwert,
Mörder mit Strang <Bei Zimmermann: Diebe mit Strang, Mörder mit Schwert>, Ketzer
mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht vielmehr an diese schädlichen Lehrer des
Verderbens, als Päpste, Kardinäle, Bischöfe und das [ganze] Geschwärm der
römischen Sodoma mit
allerlei Waffen und waschen unsere Hände in ihrem
Blut?
"

Aber dieser erste revolutionäre Feuereifer dauerte nicht lange. Der Blitz schlug ein, den
Luther geschleudert hatte. Das ganze deutsche Volk geriet in Bewegung. Auf der einen Seite sahen
Bauern und Plebejer in seinen Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner Predigt von der christlichen
Freiheit das Signal zur Erhebung; auf der andern schlossen sich die gemäßigteren
Bürger und ein großer Teil des niederen Adels ihm an, wurden selbst Fürsten vom
Strom mit fortgerissen. Die einen glaubten den Tag gekommen, wo sie mit allen ihren
Unterdrückern Abrechnung halten könnten, die andern wollten nur die Macht der Pfaffen,
die Abhängigkeit von Rom, die katholische Hierarchie brechen und sich aus der Konfiskation
des Kirchengutes bereichern. Die Parteien sonderten sich und fanden ihre Repräsentanten.
Luther mußte zwischen ihnen wählen. Er, der Schützling des Kurfürsten von
Sachsen, der angesehene Professor von Wittenberg, der über Nacht mächtig und
berühmt gewordene, mit einem Zirkel von abhängigen Kreaturen und Schmeichlern umgebene
große Mann zauderte keinen Augenblick. Er ließ die populären Elemente der
Bewegung fallen und schloß sich der bürgerlichen, adligen und fürstlichen Seite
an. Die Aufrufe zum Vertilgungskampfe gegen Rom verstummten; Luther predigte jetzt die

friedliche Entwicklung
und den
passiven Widerstand
(vgl. z.B. "An den Adel
teutscher Nation", 1520 etc.). Auf Huttens Einladung, zu ihm und Sickingen auf die Ebernburg, den
Mittelpunkt der Adelsverschwörung gegen Pfaffen und Fürsten, zu kommen, antwortete
Luther:

"Ich möchte nicht, daß man das Evangelium
mit Gewalt und
Blutvergießen verfechte
. Durch das Wort ist die Welt überwunden worden, durch das
Wort ist die Kirche erhalten, durch das Wort wird sie auch wieder in den Stand kommen, und der
Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen."

Von dieser Wendung, oder vielmehr von dieser bestimmteren Feststellung der Richtung Luthers,
begann jenes Markten und Feilschen um die beizubehaltenden oder zu reformierenden Institutionen
und Dogmen, jenes widerwärtige Diplomatisieren, Konzedieren, Intrigieren und Vereinbaren,

dessen Resultat die Augsburgische Konfession war, die
schließlich erhandelte Verfassung der reformierten Bürgerkirche. Es ist ganz derselbe
Schacher, der sich neuerdings in deutschen Nationalversammlungen, Vereinbarungsversammlungen,
Revisionskammern und Erfurter Parlamenten in politischer Form bis zum Ekel wiederholt hat. Der
spießbürgerliche Charakter der offiziellen Reformation trat in diesen Verhandlungen
aufs offenste hervor.

Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen Reform,
den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten Gründe. Die Masse der Städte
war der gemäßigten Reform zugefallen; der niedere Adel schloß sich ihr mehr und
mehr an, ein Teil der Fürsten fiel zu, ein anderer schwankte. Ihr Erfolg war so gut wie
gesichert, wenigstens in einem großen Teile von Deutschland. Bei fortgesetzter friedlicher
Entwicklung konnten die übrigen Gegenden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten
Opposition nicht widerstehn. Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die
gemäßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen und Bauernpartei,
mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte der Bewegung entfremden und
ließ nur die Chance entweder der Überflügelung der bürgerlichen Partei durch
die Bauern und Plebejer oder der Unterdrückung sämtlicher Bewegungsparteien durch die
katholische Restauration. Und wie die bürgerlichen Parteien, sobald sie die geringsten Siege
erfochten haben, vermittelst des gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der Revolution und
der Charybdis der Restauration durchzulavieren suchen, davon haben wir in der letzten Zeit
Exempel genug gehabt.

Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen der damaligen
Zeit die Resultate jeder Veränderung notwendig den Fürsten zugute kommen und ihre Macht
vermehren mußten, so mußte die bürgerliche Reform, je schärfer sie sich von
den plebejischen und bäurischen Elementen schied, immer mehr unter die Kontrolle der
reformierten Fürsten geraten. Luther selbst wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk
wußte sehr gut, was es tat, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die
andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte.

Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden, wo Fürsten und Adel
größtenteils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung einzunehmen.
Er griff die Regierungen entschieden an. Sie seien schuld am Aufstand durch ihre
Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie, sondern Gott selbst. Der Aufstand sei
freilich auch ungöttlich und wider das Evangelium, hieß es auf der andern Seite.
Schließlich riet er beiden Parteien, nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.

Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden
Vermittlungsvorschläge, dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische, von
lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden und wuchs der
bürgerlichen, "besonnenen" Reform rasch über den Kopf. In Luthers nächster
Nähe, in Thüringen, schlug die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter
Münzer ihr Hauptquartier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland stand in Flammen,
Luther war umzingelt, vielleicht als Verräter durch die Spieße gejagt, und die
bürgerliche Reform weggeschwemmt von der Sturmflut der bäurisch-plebejischen
Revolution. Da galt kein Besinnen mehr. Gegenüber der Revolution wurden alle alten
Feindschaften vergessen; im Vergleich mit den Rotten der Bauern waren die Diener der
römischen Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmütige Kinder Gottes; und Bürger
und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Papst verbanden sich "wider die mörderischen
und räuberischen Rotten der Bauern".

"Man soll sie zerschmeißen,
würgen
und
stechen
,

heimlich
und
öffentlich,
wer da kann, wie man einen
tollen Hund

totschlagen muß!" schrie Luther. "Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche,
schlage, würge sie, wer da kann, bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst
du nimmermehr überkommen."

Man solle nur keine falsche Barmherzigkeit mit den Bauern haben. Die mengen sich selber unter
die Aufrührischen, die sich derer erbarmen, welcher sich Gott nicht erbarmt, sondern welche
er gestraft und verderbet haben will. Nachher werden die Bauern selber Gott danken lernen, wenn
sie die eine Kuh hergeben müssen, auf daß sie die andre in Frieden genießen
können; und die Fürsten werden durch den Aufruhr erkennen, wes Geistes der Pöbel
sei, der nur mit Gewalt zu regieren.

"Der weise Mann sagt: Cibus, onus et virga asino <Der Esel braucht Futter,
Bürde und Stockschläge> - in einen Bauern gehört Haberstroh, sie hören
nicht das Wort und sind unsinnig, so müssen sie die virgam, die Büchse, hören, und
geschieht ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, daß sie gehorchen; wo nicht, so
gilt's hier nicht viel Erbarmens.
Lasset nur die Büchsen unter
sie
sausen
, sie
machen's sonst tausendmal ärger."

Geradeso sprachen unsere weiland sozialistischen und philanthropischen Bourgeois, als das
Proletariat nach den Märztagen seinen Anteil an den Früchten des Siegs reklamieren
kam.

Luther hatte der plebejischen Bewegung ein mächtiges Werkzeug in die Hand gegeben durch
die Übersetzung der Bibel. In der Bibel hatte er dem feudalisierten Christentum der Zeit das
bescheidene Christentum der ersten

Jahrhunderte, der
zerfallenden feudalen Gesellschaft das Abbild einer Gesellschaft entgegengehalten, die nichts von
der weitschichtigen, kunstmäßigen Feudalhierarchie wußte. Die Bauern hatten dies
Werkzeug gegen Fürsten, Adel, Pfaffen, nach allen Seiten hin benutzt. Jetzt kehrte Luther es
gegen sie und stellte aus der Bibel einen wahren Dithyrambus auf die von Gott eingesetzte
Obrigkeit zusammen, wie ihn kein Tellerlecker der absoluten Monarchie je zustande gebracht hat.
Das Fürstentum von Gottes Gnaden, der passive Gehorsam, selbst die Leibeigenschaft wurde mit
der Bibel sanktioniert. Nicht nur der Bauernaufstand, auch die ganze Auflehnung Luthers selbst
gegen die geistliche und weltliche Autorität war hierin verleugnet; nicht nur die
populäre Bewegung, auch die bürgerliche war damit an die Fürsten verraten.

Brauchen wir die Bourgeois zu nennen, die auch von dieser Verleugnung ihrer eignen
Vergangenheit uns kürzlich wieder Beispiele gegeben haben?

Stellen wir nun dem bürgerlichen Reformator Luther den plebejischen Revolutionär

Münzer
gegenüber.

Thomas Münzer
war geboren zu
Stolberg
am Harz, um das Jahr 1498. Sein Vater
soll, ein Opfer der Willkür der Stolbergschen Grafen, am Galgen gestorben sein. Schon in
seinem fünfzehnten Jahre stiftete Münzer auf der Schule zu Halle einen geheimen Bund
gegen den Erzbischof von Magdeburg und die römische Kirche überhaupt. Seine
Gelehrsamkeit in der damaligen Theologie verschaffte ihm früh den Doktorgrad und eine Stelle
als Kaplan in einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und Ritus der Kirche
mit der größten Verachtung, bei der Messe ließ er die Worte der Wandlung ganz
aus und aß, wie Luther von ihm erzählt, die Herrgötter ungeweiht. Sein
Hauptstudium waren die mittelalterlichen Mystiker, besonders die chiliastischen Schriften
Joachims des Calabresen. Das Tausendjährige Reich, das Strafgericht über die entartete
Kirche und die verderbte Welt, das dieser verkündete und ausmalte, schien Münzer mit
der Reformation und der allgemeinen Aufregung der Zeit nahe herbeigekommen. Er predigte in der
Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er als erster evangelischer Prediger nach Zwickau.
Hier fand er eine jener schwärmerischen chiliastischen Sekten vor, die in vielen Gegenden im
stillen fortexistierten, hinter deren momentaner Demut und Zurückgezogenheit sich die
fortwuchernde Opposition der untersten Gesellschaftsschichten gegen die bestehenden Zustände
verborgen hatte und die jetzt mit der wachsenden Agitation immer offener und beharrlicher ans
Tageslicht hervortraten. Es war die Sekte der Wiedertäufer, an deren Spitze Niklas

Storch
stand. Sie predigten das Nahen des Jüngsten Gerichts und des
Tausendjährigen Reichs; sie

hatten "Gesichte,
Verzückungen und den Geist der Weissagung". Bald kamen sie in Konflikt mit dem Zwickauer
Rat; Münzer verteidigte sie, obwohl er sich ihnen nie unbedingt anschloß, sondern sie
vielmehr unter seinen Einfluß bekam. Der Rat schritt energisch gegen sie ein; sie
mußten die Stadt verlassen, und Münzer mit ihnen. Es war Ende 1521.

Er ging nach Prag und suchte, an die Reste der hussitischen Bewegung anknüpfend, hier
Boden zu gewinnen; aber seine Proklamation hatte nur den Erfolg, daß er auch aus
Böhmen wieder fliehen mußte. 1522 wurde er Prediger zu Allstedt in Thüringen.
Hier begann er damit, den Kultus zu reformieren. Noch ehe Luther so weit zu gehen wagte, schaffte
er die lateinische Sprache total ab und ließ die ganze Bibel, nicht bloß die
vorgeschriebenen sonntäglichen Evangelien und Episteln verlesen. Zu gleicher Zeit
organisierte er die Propaganda in der Umgegend. Von allen Seiten lief das Volk ihm zu, und bald
wurde Allstedt das Zentrum der populären Antipfaffenbewegung von ganz Thüringen.

Noch war Münzer vor allem Theologe; noch richtete er seine Angriffe fast
ausschließlich gegen die Pfaffen. Aber er predigte nicht, wie Luther damals schon, die
ruhige Debatte und den friedlichen Fortschritt, er setzte die früheren gewaltsamen Predigten
Luthers fort und rief die sächsischen Fürsten und das Volk auf zum bewaffneten
Einschreiten gegen die römischen Pfaffen.

"Sagt doch Christus, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das
Schwert. Was sollt ihr" (die sächsischen Fürsten) "aber mit demselben machen? Nichts
anders, denn die Bösen, die das Evangelium verhindern, wegtun und absondern, wollt ihr
anders Diener Gottes sein. Christus hat mit großem Ernst befohlen, Luc. 19,27, nehmt meine
Feinde und würget sie vor meinen Augen ... Gebet uns keine schalen Fratzen vor, daß
die Kraft Gottes es tun soll ohne euer Zutun des Schwertes, es möchte euch sonst in der
Scheide verrosten. Die, welche Gottes Offenbarung zuwider sind, soll man wegtun, ohne alle Gnade,
wie Hiskias, Cyrus, Josias, Daniel und Elias die Baalspfaffen verstöret haben, anders mag
die christliche Kirche zu ihrem Ursprung nicht wieder kommen. Man muß das Unkraut ausraufen
aus dem Weingarten Gottes in der Zeit der Ernte. Gott hat 5. Mose 7 gesagt, ihr sollt euch nicht
erbarmen über die Abgöttischen, zerbrecht ihre Altäre, zerschmeißt ihre
Bilder und verbrennet sie, auf daß ich nicht mit euch zürne."

Aber diese Aufforderungen an die Fürsten blieben ohne Erfolg, während gleichzeitig
unter dem Volk die revolutionäre Aufregung von Tag zu Tag wuchs. Münzer, dessen Ideen
immer schärfer ausgebildet, immer kühner wurden, trennte sich jetzt entschieden von der
bürgerlichen Reformation und trat von nun an zugleich direkt als politischer Agitator
auf.

Seine theologisch- philosophische Doktrin griff alle
Hauptpunkte nicht nur des Katholizismus, sondern des Christentums überhaupt an. Er lehrte
unter christlichen Formen einen Pantheismus, der mit der modernen spekulativen Anschauungsweise
eine merkwürdige Ähnlichkeit hat und stellenweise sogar an Atheismus anstreift. Er
verwarf die Bibel sowohl als ausschließliche wie als unfehlbare Offenbarung. Die
eigentliche, die lebendige Offenbarung sei die Vernunft, eine Offenbarung, die zu allen Zeiten
und bei allen Völkern existiert habe und noch existiere. Der Vernunft die Bibel
entgegenhalten, heiße den Geist durch den Buchstaben töten. Denn der Heilige Geist,
von dem die Bibel spreche, sei nichts außer uns Existierendes; der Heilige Geist ist sei
eben die Vernunft. Der Glaube sei nichts anderes als das Lebendigwerden der Vernunft im Menschen,
und daher könnten auch die Heiden den Glauben haben. Durch diesen Glauben, durch die
lebendig gewordene Vernunft werde der Mensch vergöttlicht und selig. Der Himmel sei daher
nichts Jenseitiges, er sei in diesem Leben zu suchen, und der Beruf der Gläubigen sei,
diesen Himmel, das Reich Gottes, hier auf der Erde herzustellen. Wie keinen jenseitigen Himmel,
so gebe es auch keine jenseitige Hölle oder Verdammnis. Ebenso gebe es keinen Teufel als die
bösen Lüste und Begierden der Menschen. Christus sei ein Mensch gewesen wie wir, ein
Prophet und Lehrer, und sein Abendmahl sei ein einfaches Gedächtnismahl, worin Brot und Wein
ohne weitere mystische Zutat genossen werde.

Diese Lehren predigte Münzer meist versteckt unter denselben christlichen Redeweisen,
unter denen sich die neuere Philosophie eine Zeitlang verstecken mußte. Aber der
erzketzerische Grundgedanke blickt überall aus seinen Schriften hervor, und man sieht
daß es ihm mit dem biblischen Deckmantel weit weniger ernst war als manchem Schüler
Hegels in neuerer Zeit. Und doch liegen drei hundert Jahre zwischen Münzer und der modernen
Philosophie.

Seine politische Doktrin schloß sich genau an diese revolutionäre religiöse
Anschauungsweise an und griff ebensoweit über die unmittelbar vorliegenden
gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hinaus wie seine Theologie über die
geltenden Vorstellungen seiner Zeit. Wie Münzers Religionsphilosophie an den Atheismus, so
streifte sein politisches Programm an den Kommunismus, und mehr als eine moderne kommunistische
Sekte hatte noch am Vorabend der Februarrevolution über kein reichhaltigeres theoretisches
Arsenal zu verfügen als die "Münzerschen" des sechzehnten Jahrhunderts. Dies Programm,
weniger die Zusammenfassung der Forderungen der damaligen Plebejer als die geniale Antizipation
der Emanzipationsbedingungen der kaum sich entwickelnden proletarischen Elemente unter diesen
Plebejern - dies Programm forderte die sofortige Herstellung des Reiches Gottes, des prophe-

zeiten Tausendjährigen Reichs auf Erden, durch
Zurückführung der Kirche auf ihren Ursprung und Beseitigung aller Institutionen, die
mit dieser angeblich urchristlichen, in Wirklichkeit aber sehr neuen Kirche in Widerspruch
standen. Unter dem Reich Gottes verstand Münzer aber nichts anderes als einen
Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den
Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbständige, fremde Staatsgewalt mehr bestehen.
Sämtliche bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fügen und der Revolution
anschließen wollten, sollten gestürzt, alle Arbeiten und alle Güter gemeinsam und
die vollständigste Gleichheit durchgeführt werden. Ein Bund sollte gestiftet werden, um
dies durchzusetzen, nicht nur über ganz Deutschland, sondern über die ganze
Christenheit; Fürsten und Herren sollten eingeladen werden, sich anzuschließen; wo
nicht, sollte der Bund sie bei der ersten Gelegenheit mit den Waffen in der Hand stürzen
oder töten.

Münzer setzte sich gleich daran, diesen Bund zu organisieren. Seine Predigten nahmen
einen noch heftigeren, revolutionäreren Charakter an; neben den Angriffen auf die Pfaffen
donnerte er mit gleicher Leidenschaft gegen die Fürsten, den Adel, das Patriziat, schilderte
er in glühenden Farben den bestehenden Druck und hielt dagegen sein Phantasiebild des
Tausendjährigen Reichs der sozial-republikanischen Gleichheit. Zugleich veröffentlichte
er ein revolutionäres Pamphlet nach dem andern und sandte Emissäre nach allen 3
Richtungen aus, während er selbst den Bund in Allstedt und der Umgegend organisierte.

Die erste Frucht dieser Propaganda war die Zerstörung der Marienkapelle zu Mellerbach bei
Allstedt, nach dem Gebot: "Ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Säulen
zerbrechen und ihre Götzen mit Feuer verbrennen, denn ihr seid ein heilig Volk" (Deut. 7, 6
<Deuteronomium (5. Buch Mose) 7,5-6>). Die sächsischen Fürsten kamen selbst nach
Allstedt, um den Aufruhr zu stillen, und ließen Münzer aufs Schloß rufen. Dort
hielt er eine Predigt, wie sie deren von Luther, "dem sanftlebenden Fleisch zu Wittenberg", wie
Münzer ihn nannte, nicht gewohnt waren. Er bestand darauf, daß die gottlosen Regenten,
besonders Pfaffen und Mönche, die das Evangelium als Ketzerei behandeln, getötet werden
müßten, und berief sich dafür aufs Neue Testament. Die Gottlosen hätten kein
Recht zu leben, es sei denn durch die Gnade der Auserwählten. Wenn die Fürsten die
Gottlosen nicht vertilgen, so werde Gott ihnen das Schwert nehmen,
denn die ganze Gemeinde
habe die Gewalt des Schwerts
. Die Grundsuppe < alter Kraftausdruck; Inbegriff alles
Schlechten> des Wuchers, der

Dieberei und Räuberei
seien die Fürsten und Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum, die Fische im Wasser,
die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und dann predigen sie gar noch den Armen
das Gebot: Du sollst nicht stehlen, sie selber aber nehmen, wo sie's finden, schinden und schaben
den Bauer und den Handwerker; wo aber dieser am Allergeringsten sich vergreife, so müsse er
hängen, und zu dem allen sage dann der Doktor Lügner: Amen.

"Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feind wird. Die
Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es in die Länge gut werden? Ach,
liebe Herren, wie hübsch wird der Herr unter die alten Töpfe schmeißen mit einer
eisernen Stange! So ich das sage, werde ich aufrührisch sein. Wohl hin!" (Vgl. Zimmermann,
"Bauernkrieg", II, S. 75)

Münzer ließ die Predigt drucken; sein Drucker in Allstedt wurde zur Strafe vom
Herzog Johann von Sachsen gezwungen, das Land zu verlassen, und ihm selbst wurde für alle
seine Schriften die Zensur der herzoglichen Regierung zu Weimar auferlegt. Aber diesen Befehl
achtete er nicht. Er ließ gleich darauf eine höchst aufregende Schrift in der
Reichsstadt Mühlhausen drucken, worin er das Volk aufforderte,

"das Loch weit zu machen, auf daß alle Welt sehen und greifen möge,
wer unsre großen Hansen sind, die Gott also lästerlich zum gemalten Männlein
gemacht haben", und die er mit den Worten beschloß: "Die ganze Welt muß einen
großen Stoß aushalten; es wird ein solch Spiel angehn, daß die Gottlosen vom
Stuhl gestürzt, die Niedrigen aber erhöhet werden."

Als Motto schrieb "Thomas Münzer mit dem Hammer" auf den Titel:

"Nimm wahr, ich habe meine Worte in deinen Mund gesetzt, ich habe dich heute
über die Leute und über die Reiche gesetzt <(
1895
) fehlt: ich habe die heute
über die Leute und über die Reiche gesetzt>, auf daß du auswurzlest,
zerbrechest, zerstreuest und verstürzest, und bauest und pflanzest. Eine eiserne Mauer wider
die Könige, Fürsten, Pfaffen und wider das Volk ist dargestellt. Die mögen
streiten, der Sieg ist wunderlich zum Untergang der starken gottlosen Tyrannen."

Der Bruch Münzers mit Luther und seiner Partei war schon lange vorhanden. Luther hatte
manche Kirchenreformen selbst annehmen müssen, die Münzer, ohne ihn zu fragen,
eingeführt hatte. Er beobachtete Münzers Tätigkeit mit dem ärgerlichen
Mißtrauen des gemäßigten Reformers gegen energischere, weitertreibende Partei.
Schon im Frühjahr 1524 hatte Münzer an Melanchthon, dieses Urbild des
philiströsen, hektischen Stubenhockers, geschrieben, er und Luther verständen die
Bewegung gar nicht. Sie suchten sie

im biblischen
Buchstabenglauben zu ersticken, ihre ganze Doktrin sei wurmstichig.

"Lieben Brüder, laßt euer Warten und Zaudern, es ist Zeit, der
Sommer ist vor der Tür. Wollet nicht Freundschaft halten mit den Gottlosen, sie hindern,
daß das Wort nicht wirke in voller Kraft. Schmeichelt nicht euren Fürsten, sonst
werdet ihr selbst mit ihnen verderben. Ihr zarten Schriftgelehrten, seid nicht unwillig, ich kann
es nicht anders machen."

Luther fordert Münzer mehr als einmal zur Disputation heraus; aber dieser, bereit, den
Kampf jeden Augenblick vor dem Volk aufzunehmen, hatte nicht die geringste Lust, sich in eine
theologische Zänkerei vor dem parteiischen Publikum der Wittenberger Universität
einzulassen. Er wollte "das Zeugnis des Geistes nicht ausschließlich auf die hohe Schule
bringen". Wenn Luther aufrichtig sei, so solle er seinen Einfluß dahin verwenden, daß
die Schikanen gegen Münzers Drucker und das Gebot der Zensur aufhöre, damit der Kampf
ungehindert in der Presse ausgefochten werden könne.

Jetzt, nach der erwähnten revolutionären Broschüre Münzers, trat Luther
öffentlich als Denunziant gegen ihn auf. In seinem gedruckten "Brief an die Fürsten zu
Sachsen wider den aufrührerischen Geist" erklärte er Münzer für ein Werkzeug
des Satans und forderte die Fürsten auf, einzuschreiten und die Anstifter des Aufruhrs zum
Lande hinauszujagen, da sie sich nicht begnügen, ihre schlimmen Lehren zu predigen, sondern
zum Aufstand und zur gewaltsamen Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit aufrufen.

Am 1. August mußte Münzer sich vor den Fürsten auf dem Schloß zu Weimar
gegen die Anklage aufrührerischer Umtriebe verantworten. Es lagen höchst
kompromittierende Tatsachen gegen ihn vor; man war seinem geheimen Bund auf die Spur gekommen,
man hatte in den Verbindungen der Bergknappen und Bauern seine Hand entdeckt. Man bedrohte ihn
mit Verbannung. Kaum nach Allstedt zurück, erfuhr er, daß Herzog Georg von Sachsen
seine Auslieferung verlangte; Bundesbriefe von seiner Handschrift waren aufgefangen worden, worin
er Georgs Untertanen zu bewaffnetem Widerstand gegen die Feinde des Evangeliums aufforderte. Der
Rat hätte ihn ausgeliefert, wenn er nicht die Stadt verlassen hätte.

Inzwischen hatte die steigende Agitation unter Bauern und Plebejern die Münzersche
Propaganda ungemein erleichtert. Für diese Propaganda hatte er an den Wiedertäufern
unschätzbare Agenten gewonnen. Diese Sekte, ohne bestimmte positive Dogmen, zusammengehalten
nur durch ihre gemeinsame Opposition gegen alle herrschenden Klassen und durch das gemeinsame
Symbol der Wiedertaufe, asketisch-streng im Lebenswandel, unermüdlich, fanatisch und
unerschrocken in der Agitation, hatte sich mehr und mehr um

Münzer gruppiert. Durch die Verfolgungen von jedem festen Wohnsitz ausgeschlossen, streifte
sie über ganz Deutschland und verkündete überall die neue Lehre, in der
Münzer ihnen ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche klargemacht hatte.
Unzählige wurden gefoltert, verbrannt oder sonst hingerichtet, aber der Mut und die Ausdauer
dieser Emissäre war unerschütterlich, und der Erfolg ihrer Tätigkeit, bei der
schnell wachsenden Aufregung des Volks, war unermeßlich. Daher fand Münzer bei seiner
Flucht aus Thüringen den Boden überall vorbereitet, er mochte sich hinwenden, wohin er
wollte.

Bei Nürnberg, wohin Münzer zuerst ging, war kaum einen Monat vorher ein
Bauernaufstand im Keime erstickt worden. Münzer agitierte hier im stillen; bald traten Leute
auf, die seine kühnsten theologischen Sätze von der Unverbindlichkeit der Bibel und der
Nichtigkeit der Sakramente verteidigten, Christus für einen bloßen Menschen und die
Gewalt der weltlichen Obrigkeit für ungöttlich erklärten. "Da sieht man den Satan
umgehn, den Geist aus Allstedt!" rief Luther. Hier in Nürnberg ließ Münzer seine
Antwort an Luther drucken. Er klagte ihn geradezu an, daß er den Fürsten heuchle und
die reaktionäre Partei mit seiner Halbheit unterstütze. Aber das Volk werde trotzdem
frei werden, und dem Doktor Luther werde es dann gehen wie einem gefangenen Fuchs. - Die Schrift
wurde von Rats wegen mit Beschlag belegt, und Münzer mußte Nürnberg
verlassen.

Er ging jetzt durch Schwaben nach dem Elsaß, der Schweiz und zurück nach dem oberen
Schwarzwald, wo schon seit einigen Monaten der Aufstand ausgebrochen war, beschleunigt zum
großen Teil durch seine wiedertäuferischen Emissäre. Diese Propagandareise
Münzers hat offenbar zur Organisation der Volkspartei, zur klaren Feststellung ihrer
Forderungen und zum endlichen allgemeinen Ausbruch des Aufstandes im April 1525 wesentlich
beigetragen. Die doppelte Wirksamkeit Münzers, einerseits für das Volk, dem er in der
ihm damals allein verständlichen Sprache des religiösen Prophetismus zuredete, und
andrerseits für die Eingeweihten, gegen die er sich offen über seine schließliche
Tendenz aussprechen konnte, tritt hier besonders deutlich hervor. Hatte er schon früher in
Thüringen einen Kreis der entschiedensten Leute, nicht nur aus dem Volk, sondern auch aus
der niedrigen Geistlichkeit, um sich versammelt und an die Spitze der geheimen Verbindung
gestellt, so wird er hier der Mittelpunkt der ganzen revolutionären Bewegung von
Südwestdeutschland, so organisiert er die Verbindung von Sachsen und Thüringen
über Franken und Schwaben bis nach dem Elsaß und der Schweizer Grenze und zählt
die süddeutschen Agitatoren, wie Hubmaier in Waldshut, Konrad Grebel von Zürich, Franz
Rabmann zu Grießen, Schappeler zu Mem-

mingen, Jakob
Wehe zu Leipheim, Doktor Mantel in Stuttgart, meist revolutionäre Pfarrer, unter seine
Schüler und unter die Häupter des Bundes. Er selbst hielt sich meist in Grießen
an der Schaffhausener Grenze auf und durchstreifte von da den Hegau, Klettgau etc. Die blutigen
Verfolgungen, die die beunruhigten Fürsten und Herren überall gegen diese neue
plebejische Ketzerei unternahmen, trugen nicht wenig dazu bei, den rebellischen Geist zu
schüren und die Verbindung fester zusammenzuschließen. So agitierte Münzer gegen
fünf Monate in Oberdeutschland und ging um die Zeit, wo der Ausbruch der Verschwörung
herannahte, wieder nach Thüringen zurück, wo er den Aufstand selbst leiten wollte und
wo wir ihn wiederfinden werden.

Wir werden sehen, wie treu der Charakter und das Auftreten der beiden Parteichefs die Haltung
ihrer Parteien selbst widerspiegeln; wie die Unentschiedenheit, die Furcht vor der ernsthaft
werdenden Bewegung selbst, die feige Fürstendienerei Luthers ganz der zaudernden,
zweideutigen Politik der Bürgerschaft entsprach und wie die revolutionäre Energie und
Entschlossenheit Münzers in der entwickeltsten Fraktion der Plebejer und Bauern sich
reproduzieren. Der Unterschied ist nur, daß, während Luther sich begnügte, die
Vorstellungen und Wünsche der Majorität seiner Klasse auszusprechen und sich damit eine
höchst wohlfeile Popularität bei ihr zu erwerben, Münzer im Gegenteil weit
über die unmittelbaren Vorstellungen und Ansprüche der Plebejer und Bauern hinausging
und sich aus der Elite der vorgefundenen revolutionären Elemente erst eine Partei bildete,
die übrigens, soweit sie auf der Höhe seiner Ideen stand und seine Energie teilte,
immer nur eine kleine Minorität der insurgierten Masse blieb.

## III. Vorläufer des großen Bauernkriegs zwischen 1476 und 1517

Ungefähr fünfzig Jahre nach der
Unterdrückung der hussitischen Bewegung zeigten sich die ersten Symptome des aufkeimenden
revolutionären Geistes unter den deutschen Bauern.
(1)

Im Bistum Würzburg, einem durch die Hussitenkriege, "durch schlechte Regierung, durch
vielfältige Steuern, Abgaben, Fehde, Feindschaft, Krieg, Brand, Mord, Gefängnis und
dergleichen" schon früher verarmten und fortwährend von Bischöfen, Pfaffen und
Adel schamlos ausgeplünderten Lande entstand 1476 die erste Bauernverschwörung. Ein
junger Hirte und Musikant,
Hans Böheim von Niklashausen
, auch Pauker und

Pfeiferhänslein
genannt, trat plötzlich im Taubergrund als Prophet auf. Er
erzählte, die Jungfrau Maria sei ihm erschienen; sie habe ihm geboten, seine Pauke zu
verbrennen, dem Tanz und den sündigen Wollüsten nicht ferner zu dienen, sondern das
Volk zur Buße zu ermahnen. So solle denn jeder von seinen Sünden und von der eitlen
Lust dieser Welt ablassen, allen Schmuck und Zierat ablegen und zur Mutter Gottes von
Niklashausen wallfahrten, um die Vergebung seiner Sünden zu erlangen.

Wir finden schon hier, bei dem ersten Vorläufer der Bewegung, jenen Asketismus, den wir
bei allen mittelalterlichen Aufständen mit religiöser Färbung und in der neueren
Zeit im Anfang jeder proletarischen Bewegung antreffen. Diese asketische Sittenstrenge, diese
Forderung der Lossagung von allen Lebensgenüssen und Vergnügungen stellt einerseits
gegenüber den herrschenden Klassen das Prinzip der spartanischen Gleichheit auf und ist
andrerseits eine notwendige Durchgangsstufe, ohne die die unterste Schicht der Gesellschaft sich
nie in Bewegung setzen kann. Um ihre revolutionäre Energie zu

entwickeln, um über ihre feindselige Stellung gegenüber
allen andern Elementen der Gesellschaft sich selbst klarzuwerden, um sich als Klasse zu
konzentrieren, muß sie damit anfangen, alles das von sich abzustreifen, was sie noch mit
der bestehenden Gesellschaftsordnung versöhnen könnte, muß sie den wenigen
Genüssen entsagen, die ihr die unterdrückte Existenz noch momentan erträglich
machen und die selbst der härteste Druck ihr nicht entreißen kann. Dieser

plebejische und proletarische Asketismus
unterscheidet sich sowohl seiner wild-fanatischen
Form wie seinem Inhalt nach durchaus von dem bürgerlichen Asketismus, wie ihn die
bürgerliche, lutherische Moral und die englischen Puritaner (im Unterschied von den
Independenten und weitergehenden Sekten) predigten, und dessen ganzes Geheimnis die

bürgerliche Sparsamkeit
ist. Es versteht sich übrigens, daß dieser
plebejisch-proletarische Asketismus in demselben Maße seinen revolutionären Charakter
verliert, in welchem einerseits die Entwicklung der modernen Produktivkräfte das Material
des Genießens ins Unendliche vermehrt und damit die spartanische Gleichheit
überflüssig macht und andrerseits die Lebensstellung des Proletariats und damit das
Proletariat selbst immer revolutionärer wird. Er verschwindet dann allmählich aus der
Masse und verläuft sich bei den Sektierern, die sich auf ihn steifen, entweder direkt in die
bürgerliche Knickerei oder in ein hochtrabendes Tugendrittertum, das in der Praxis ebenfalls
auf eine spießbürgerliche oder zunfthandwerkermäßige Knauserwirtschaft
hinauskommt. Der Masse des Proletariats braucht die Entsagung um so weniger gepredigt zu werden,
als sie fast nichts mehr hat, dem sie noch entsagen könnte.

Die Bußpredigt Pfeiferhänsleins fand großen Anklang; alle Aufstandspropheten
begannen mit ihr, und in der Tat konnte nur eine gewaltsame Anstrengung, eine plötzliche
Lossagung von der ganzen gewohnten Daseinsweise dies zersplitterte, dünngesäete, in
blinder Unterwerfung herangewachsene Bauerngeschlecht in Bewegung setzen. Die Wallfahrten nach
Niklashausen begannen und nahmen rasch überhand; und je massenhafter das Volk
hinströmte, desto offener sprach der junge Rebell seine Pläne aus. Die Mutter Gottes
von Niklashausen habe ihm verkündet, predigte er, daß fortan kein Kaiser noch
Fürst, noch Papst, noch andere geistliche oder weltliche Obrigkeit mehr sein sollte; ein
jeder solle des andern Bruder sein, sein Brot mit seiner Hände Arbeit gewinnen und keiner
mehr haben als der andere. Alle Zinsen, Gülten, Fronden, Zoll, Steuer und andre Abgaben und
Leistungen sollten für ewig ab, und Wald, Wasser und Weide überall frei sein.

Das Volk nahm dies neue Evangelium mit Freuden auf. Rasch breitete sich der Ruhm des
Propheten, "unsrer Frauen Botschaft", in die Ferne aus; vom Odenwald, vom Main, Kocher und Jagst,
ja von Bayern, Schwaben und

vom Rhein zogen ihm Haufen von
Pilgern zu. Man erzählte sich Wunder, die er getan haben sollte; man fiel auf die Knie vor
ihm und betete ihn an wie einen Heiligen; man riß sich um die Zotteln von seiner Kappe, als
ob es Reliquien und Amulette wären. Vergeblich traten die Pfaffen gegen ihn auf, schilderten
seine Gesichte als Blendwerk des Teufels, seine Wunder als höllische Betrügereien. Die
Masse der Gläubigen nahm reißend zu, die revolutionäre Sekte fing an sich zu
bilden, die sonntäglichen Predigten des rebellischen Hirten riefen Versammlungen von 40.000
und mehr Menschen nach Niklashausen zusammen.

Mehrere Monate predigte Pfeiferhänslein vor den Massen. Aber er hatte nicht die Absicht,
bei der Predigt zu bleiben. Er stand in geheimem Verkehr mit dem Pfarrer von Niklashausen und mit
zwei Rittern, Kunz von Thunfeld und seinem Sohn, die zur neuen Lehre hielten und die
militärischen Führer des beabsichtigten Aufstandes werden sollten. Endlich am Sonntag
vor St. Kilian, als seine Macht groß genug zu sein schien, gab er das Signal.

"Und nun", schloß er seine Predigt, "gehet heim und erwäget, was
euch die allerheiligste Mutter Gottes verkündet hat; und lasset am nächsten Samstag
Weiber und Kinder und Greise daheim bleiben, aber ihr, ihr Männer, kommet wieder her nach
Niklashausen auf St. Margarethentag, das ist nächsten Samstag; und bringt mit eure
Brüder und Freunde soviel ihrer sein mögen. Kommt aber nicht mit dem Pilgerstab,
sondern angetan mit Wehr und Waffen, in der einen Hand die Wallkerze, in der andern Schwert und
Spieß oder Hellebarde; und die heilige Jungfrau wird euch alsdann verkünden, was ihr
Wille ist, das ihr tun sollt."

Aber ehe die Bauern in Massen ankamen, hatten die Reiter des Bischofs <Rudolf II von
Scherenberg> den Aufruhrpropheten nächtlicherweile abgeholt und auf das Würzburger
Schloß gebracht. Am bestimmten Tage kamen an 34.000 bewaffnete Bauern, aber diese Nachricht
wirkte niederschlagend auf sie. Der größte Teil verlief sich; die Eingeweihteren
hielten gegen 16.000 zusammen und zogen mit ihnen vor das Schloß, unter der Führung
Kunzens von Thunfeld und Michaels, seines Sohnes. Der Bischof brachte sie durch Versprechungen
wieder zum Abzug; aber kaum hatten sie angefangen sich zu zerstreuen, so wurden sie von des
Bischofs Reitern überfallen und mehrere zu Gefangenen gemacht. Zwei wurden enthauptet,
Pfeiferhänslein selbst aber wurde verbrannt. Kunz von Thunfeld wurde flüchtig und erst
gegen Abtretung aller seiner Güter an das Stift wieder angenommen. Die Wallfahrten nach
Niklashausen dauerten noch einige Zeit fort, wurden aber schließlich auch
unterdrückt.

Nach diesem ersten Versuch blieb Deutschland wieder
längere Zeit ruhig. Erst mit Ende der neunziger Jahre begannen neue Aufstände und
Verschwörungen der Bauern.

Wir übergehen den holländischen Bauernaufstand von 1491 und 92, der erst durch
Herzog Albrecht von Sachsen in der Schlacht bei Heemskerk unterdrückt wurde, den
gleichzeitigen Aufstand der Bauern der Abtei Kempten in Oberschwaben und den friesischen Aufstand
unter Syaard Aylva um 1497, der ebenfalls durch Albrecht von Sachsen unterdrückt wurde.
Diese Aufstände liegen teils zu weit vom Schauplatze des eigentlichen Bauernkriegs entfernt,
teils sind sie Kämpfe bisher freier Bauern gegen den Versuch, ihnen den Feudalismus
aufzudrängen. Wir gehen gleich über zu den beiden großen Verschwörungen, die
den Bauernkrieg vorbereiteten: dem
Bundschuh
und dem
Armen Konrad
.

Dieselbe Teurung, die in den Niederlanden den Aufstand der Bauern hervorgerufen hatte, brachte
1493 im Elsaß einen geheimen Bund von Bauern und Plebejern zustande, bei dem sich auch
Leute von der bloß bürgerlichen Opposition beteiligten und mit dem sogar ein Teil des
niederen Adels mehr oder weniger sympathisierte. Der Sitz des Bundes war die Gegend von
Schlettstadt, Sulz, Dambach, Rosheim, Scherweiler etc. etc. Die Verschwornen verlangten
Plünderung und Ausrottung der Juden, deren Wucher damals schon, so gut wie jetzt, die
Elsässer Bauern aussog, Einführung eines Jubeljahres, mit dem alle Schulden
verjähren sollten, Aufhebung des Zolls, Umgelds und anderer Lasten, Abschaffung des
geistlichen und rottweilschen (Reichs-)Gerichts, Steuerbewilligungsrecht, Beschränkung der
Pfaffen auf je eine Pfründe von 50-60 Gulden, Abschaffung der Ohrenbeichte und eigene,
selbstgewählte Gerichte für jede Gemeinde. Der Plan der Verschwornen war, sobald man
stark genug sei, das feste Schlettstadt zu überrumpeln, die Klöster- und Stadtkassen
mit Beschlag zu belegen und von hier aus das ganze Elsaß zu insurgieren. Die Bundesfahne,
die im Moment der Erhebung entfaltet werden sollte, enthielt einen Bauernschuh mit langen
Bindriemen, den sogenannten
Bundschuh
, der von nun an den Bauernverschwörungen der
nächsten 20 Jahre Symbol und Namen gab.

Die Verschwornen pflegten ihre Zusammenkünfte des Nachts auf dem einsamen Hungerberg zu
halten. Die Aufnahme in den Bund war mit den geheimnisvollsten Zeremonien und den härtesten
Strafandrohungen gegen die Verräter verknüpft. Aber trotzdem kam die Sache aus, gerade
als der Schlag gegen Schlettstadt geführt werden sollte, um die Karwoche 1493. Die
Behörden schritten schleunig ein; viele der Verschwornen wurden verhaftet und gefoltert, und
teils gevierteilt oder enthauptet, teils an Händen und Fingern

verstümmelt und des Landes verwiesen. Eine große Zahl
floh nach der Schweiz.

Aber mit dieser ersten Sprengung war der Bundschuh keineswegs vernichtet. Im Gegenteil, er
bestand im geheimen fort, und die vielen über die Schweiz und Süddeutschland
zerstreuten Flüchtlinge wurden ebenso viele Emissäre, die, überall mit dem
gleichen Druck die gleiche Neigung zum Aufstand vorfindend, den Bundschuh über das ganze
jetzige Baden verbreiteten. Die Zähigkeit und Ausdauer, mit der die oberdeutschen Bauern von
1493 an dreißig Jahre lang konspirierten, mit der sie alle aus ihrer
ländlich-zerstreuten Lebensweise hervorgehenden Hindernisse einer größeren,
zentralisierten Verbindung überwanden und nach unzähligen Sprengungen, Niederlagen,
Hinrichtungen der Führer immer von neuem wieder konspirierten, bis endlich die Gelegenheit
zum Aufstand in Masse kam - diese Hartnäckigkeit ist wirklich bewundernswert.

1502 zeigten sich im Bistum Speyer, das damals auch die Gegend von Bruchsal umfaßte,
Zeichen einer geheimen Bewegung unter den Bauern. Der Bundschuh hatte sich hier wirklich mit
bedeutendem Erfolg reorganisiert. An 7.000 Männer waren in der Verbindung, deren Zentrum zu
Untergrombach, zwischen Bruchsal und Weingarten, war und deren Verzweigungen sich den Rhein hinab
bis an den Main, hinauf bis über die Markgrafschaft Baden erstreckten. Ihre Artikel
enthielten: Es solle kein Zins noch Zehnt, Steuer oder Zoll mehr an Fürsten, Adel und
Pfaffen gezahlt werden; die Leibeigenschaft soll abgetan sein, die Klöster und sonstigen

geistlichen Güter eingezogen und unter das Volk verteilt und kein anderer Herr mehr
anerkannt werden als der Kaiser
.

Wir finden hier zum erstenmal bei den Bauern die beiden Forderungen der Säkularisation
der geistlichen Güter zum Besten des Volks und der einigen und unteilbaren deutschen
Monarchie ausgesprochen; zwei Forderungen, die von nun an bei der entwickelteren Fraktion der
Bauern und Plebejer regelmäßig wieder erscheinen, bis Thomas Münzer die

Teilung
der geistlichen Güter in ihre
Konfiskation
zum Besten der

Gütergemeinschaft
und das einige deutsche
Kaisertum
in die einige und
unteilbare
Republik
verwandelt.

Der erneuerte Bundschuh hatte, wie der alte, seinen geheimen Versammlungsort, seinen Eid der
Verschwiegenheit, seine Aufnahmezeremonien und seine Bundschuhfahne mit der Inschrift: "Nichts
denn die Gerechtigkeit Gottes!" Der Plan der Handlung war dem der Elsässer ähnlich;
Bruchsal, wo die Majorität der Einwohner im Bunde war, sollte überrumpelt, dort ein
Bundesheer organisiert und als wandelndes Sammlungszentrum in die umliegenden
Fürstentümer geschickt werden.

Der Plan wurde verraten durch einen Geistlichen, dem
einer der Verschwornen ihn gebeichtet hatte. Sogleich ergriffen die Regierungen
Gegenmaßregeln. Wie weit der Bund verzweigt war, zeigt sich aus dem Schrecken, der die
verschiedenen Elsässer Reichsstände und den Schwäbischen Bund ergriff. Man zog
Truppen zusammen und ließ massenhafte Verhaftungen bewerkstelligen. Kaiser Maximilian, der
"letzte Ritter", erließ die blutdürstigsten Strafverordnungen gegen das unerhörte
Unternehmen der Bauern. Hier und dort kam es zu Zusammenrottungen und bewaffnetem Widerstand;
doch hielten sich die vereinzelten Bauernhaufen nicht lange. Einige der Verschwornen wurden
hingerichtet, manche flohen; doch wurde das Geheimnis so gut bewahrt, daß die meisten,
selbst der Führer, entweder in ihren eigenen Ortschaften oder doch in benachbarter Herren
Ländern ganz ungestört bleiben konnten.

Nach dieser neuen Niederlage trat wieder eine längere scheinbare Stille in den
Klassenkämpfen ein. Aber unterderhand wurde fortgearbeitet. In Schwaben bildete sich,
offenbar in Verbindung mit den zersprengten Mitgliedern des Bundschuhs, schon in den ersten
Jahren des sechzehnten Jahrhunderts der
Arme Konrad
; im Schwarzwald bestand der Bundschuh
in einzelnen kleineren Kreisen fort, bis es nach zehn Jahren einem energischen Bauernchef gelang,
die einzelnen Fäden wieder zu einer großen Verschwörung zusammenzuknüpfen.
Beide Verschwörungen traten kurz nacheinander in die Öffentlichkeit und fallen in die
bewegten Jahre 1513-15, in denen gleichzeitig die Schweizer, ungarischen und slowenischen Bauern
eine Reihe von bedeutenden Insurrektionen machen.

Der Wiederhersteller des oberrheinischen Bundschuhs war
Joß Fritz
aus
Untergrombach, Flüchtling von der Verschwörung von 1502, ein ehemaliger Soldat und ein
in jeder Beziehung hervorragender Charakter. Er hatte sich seit seiner Flucht zwischen Bodensee
und Schwarzwald an verschiedenen Orten aufgehalten und sich schließlich in Lehen bei
Freiburg im Breisgau niedergelassen, wo er sogar Bannwart geworden war. Wie er von hier aus die
Verbindung reorganisierte, wie geschickt er die verschiedenartigsten Leute hineinzubringen
wußte, darüber enthalten die Untersuchungsakten die interessantesten Details. Es
gelang dem diplomatischen Talent und der unermüdlichen Ausdauer dieses Musterkonspirateurs,
eine ungemeine Anzahl von Leuten der verschiedensten Klassen in den Bund zu verwickeln: Ritter,
Pfaffen, Bürger, Plebejer und Bauern; und es scheint ziemlich sicher, daß er sogar
mehrere, mehr oder minder scharf geschiedne Grade der Verschwörung organisierte. Alle
brauchbaren Elemente wurden mit der größten Umsicht und Geschicklichkeit benutzt.
Außer den eingeweihteren Emissären, die in den

verschiedensten Verkleidungen das Land durchstreiften, wurden die Landstreicher und Bettler zu
den untergeordneteren Missionen verwandt. Mit den Bettlerkönigen stand Joß in direktem
Verkehr und hielt durch sie die ganze zahlreiche Vagabundenbevölkerung unter der Hand. Diese
Bettlerkönige spielen in seiner Verschwörung eine bedeutende Rolle. Es waren
höchst originelle Figuren: Einer zog mit einem Mädchen umher, auf dessen angeblich
wunde Füße er bettelte; er trug mehr als acht Zeichen am Hut, die vierzehn Nothelfer,
St. Ottilien, unsere Frauen u.a., dazu einen langen roten Bart und einen großen Knotenstock
mit Dolch und Stachel; ein anderer, der um St. Veltens willen heischte, hatte Gewürz und
Wurmsamen feil, trug einen eisenfarbnen langen Rock, ein rotes Barett und das Kindlein von Trient
daran, einen Degen an der Seite und viele Messer nebst einem Dolch im Gürtel; andre hatten
künstlich offengehaltene Wunden, dazu ähnliche abenteuerliche Kostüme. Es waren
ihrer mindestens zehn; sie sollten, gegen 2.000 Gulden Belohnung, zu gleicher Zeit im
Elsaß, in der Markgrafschaft Baden und im Breisgau Feuer anlegen und sich mit wenigstens
2.000 Mann der Ihrigen auf den Tag der Zaberner Kirchweih in Rosen unter das Kommando Georg
Schneiders, eines ehemaligen Landsknechthauptmanns stellen, um die Stadt einzunehmen. Unter den
eigentlichen Bundesmitgliedern wurde von Station zu Station ein Stafettendienst eingerichtet, und
Joß Fritz und sein Hauptemissär, Stoffel von Freiburg, ritten fortwährend von Ort
zu Ort und nahmen nächtliche Heerschau ab über die Neuangeworbenen. Über die
Verbreitung des Bundes am Oberrhein und im Schwarzwald legen die Untersuchungsakten hinreichend
Zeugnis ab; sie enthalten unzählige Namen von Mitgliedern, nebst den Signalements, aus den
verschiedensten Orten jener Gegend. Die meisten sind Handwerksgesellen, dann Bauern und Wirte,
einige Adelige, Pfaffen (so der von Lehen selbst) und brotlose Landsknechte. Man sieht schon aus
dieser Zusammensetzung den viel entwickelteren Charakter, den der Bundschuh unter Joß Fritz
angenommen hatte; das plebejische Element der Städte fing an sich mehr und mehr geltend zu
machen. Die Verzweigungen der Verschwörung gingen über den ganzen Elsaß, das
jetzige Baden, bis nach Württemberg und an den Main. Zuweilen wurden auf abgelegenen Bergen,
auf dem Kniebis etc. etc. größere Versammlungen gehalten und die Bundesangelegenheiten
beraten. Die Zusammenkünfte der Chefs, denen die Mitglieder der Lokalität sowie
Delegierte der entfernteren Ortschaften häufig beiwohnten, fanden auf der Hartmatte bei
Lehen statt, und hier wurden auch die vierzehn Bundesartikel angenommen. Kein Herr mehr als der
Kaiser und (nach einigen) der Papst; Abschaffung des rottweilschen, Beschränkung des
geistlichen Gerichts auf geistliche Sachen; Abschaffung

aller Zinsen, die so lange gezahlt seien, bis sie dem Kapital gleichkämen; fünf Prozent
Zinsen als höchster erlaubter Satz, Freiheit der Jagd, Fischerei, Weide und Holzung;
Beschränkung der Pfaffen auf je eine Pfründe; Konfiskation der geistlichen Güter
und Klosterkleinodien für die Bundeskriegskasse; Abschaffung aller unbilligen Steuern und
Zölle; ewiger Friede in der gesamten Christenheit; energisches Einschreiten gegen alle
Gegner des Bundes; Bundessteuer; Einnahme einer festen Stadt - Freiburgs -, um dem Bunde zum
Zentrum zu dienen; Eröffnung von Unterhandlungen mit dem Kaiser, sobald die Bundeshaufen
versammelt seien, und mit der Schweiz, im Fall der Kaiser abschlage - das sind die Punkte,
über die man übereinkam. Man sieht aus ihnen, wie einerseits die Forderungen der Bauern
und Plebejer eine immer bestimmtere und festere Gestalt annahmen, anderseits den
Gemäßigten und Zaghaften in demselben Maße Konzessionen gemacht werden
mußten.

Gegen Herbst 1513 sollte losgeschlagen werden. Es fehlte nur noch an der Bundesfahne, und
diese malen zu lassen, ging Joß Fritz nach Heilbronn. Sie enthielt neben allerlei Emblemen
und Bildern den Bundschuh und die Inschrift: Herr, steh deiner göttlichen Gerechtigkeit bei.
Aber während er fort war, wurde ein übereilter Versuch zur Überrumpelung von
Freiburg gemacht und vor der Zeit entdeckt; einige Indiskretionen bei der Propaganda halfen dem
Freiburger Rat und dem badischen Markgrafen auf die richtige Spur, und der Verrat zweier
Verschwornen vollendete die Reihe der Enthüllungen. Sofort sandten der Markgraf, der
Freiburger Rat und die kaiserliche Regierung zu Ensisheim ihre Häscher und Soldaten aus;
eine Anzahl Bundschuher wurde verhaftet, gefoltert und hingerichtet; doch auch diesmal entkamen
die meisten, namentlich Joß Fritz. Die Schweizer Regierungen verfolgten die
Flüchtlinge diesmal mit großer Heftigkeit und richteten selbst mehrere hin; aber sie
konnten ebensowenig wie ihre Nachbarn verhindern daß der größte Teil der
Flüchtigen fortwährend in der Nähe seiner bisherigen Wohnorte blieb und nach und
nach sogar zurückkehrte. Am meisten wütete die Elsässer Regierung in Ensisheim;
auf ihren Befehl wurden sehr viele geköpft, gerädert und gevierteilt. Joß Fritz
selbst hielt sich meist auf dem schweizerischen Rheinufer auf, ging aber häufig nach dem
Schwarzwald herüber, ohne daß man seiner je habhaft werden konnte.

Warum die Schweizer diesmal sich mit den Nachbarregierungen gegen die Bundschuher verbanden,
das zeigt der Bauernaufstand, der im nächsten Jahre, 1514, in Bern, Solothurn und Luzern zum
Ausbruch kam und eine Epuration der aristokratischen Regierungen und des Patriziats
überhaupt zur Folge hatte. Die Bauern setzten außerdem manche Vorrechte für sich
durch. Wenn diese schweizerischen Lokalaufstände gelangen, so lag dies einfach dar-

an, daß in der Schweiz noch weit weniger Zentralisation
bestand als in Deutschland. Mit ihren Lokalherren wurden die Bauern auch 1525 überall
fertig, aber den organisierten Heeresmassen der Fürsten erlagen sie, und gerade diese
existierten nicht in der Schweiz.

Gleichzeitig mit dem Bundschuh in Baden und offenbar in direkter Verbindung mit ihm hatte sich
in Württemberg eine zweite Verschwörung gebildet. Sie bestand urkundlich schon seit
1503, und da der Name Bundschuh seit der Sprengung der Untergrombacher zu gefährlich wurde,
nahm sie den des Armen Konrad an. Ihr Hauptsitz war das Remstal unterhalb des Hohenstaufenbergs.
Ihre Existenz war wenigstens unter dem Volk schon lange kein Geheimnis mehr. Der schamlose Druck
der Regierung Ulrichs und eine Reihe von Hungerjahren, die zum Ausbruch der Bewegungen von 1513
und 14 mächtig beitrugen, hatten die Zahl der Verbündeten verstärkt; die
neuaufgelegten Steuern auf Wein, Fleisch und Brot sowie eine Kapitalsteuer von einem Pfennig
jährlich für jeden Gulden provozierten den Ausbruch. Die Stadt Schorndorf, wo die
Häupter des Komplotts in des Messerschmieds Kaspar Pregizers Haus zusammenkamen, sollte
zuerst genommen werden. Im Frühjahr 1514 brach der Aufstand los. 3.000, nach andern 5.000
Bauern zogen vor die Stadt, wurden aber durch gütliche Versprechungen der herzoglichen
Beamten wieder zum Abzug bewogen: Herzog Ulrich eilte herbei mit achtzig Reitern, nachdem er die
Aufhebung der neuen Steuern zugesagt hatte, und fand infolge dieses Versprechens alles ruhig. Er
versprach einen Landtag zu berufen, um dort alle Beschwerden untersuchen zu lassen. Aber die
Chefs der Verbindung wußten sehr gut, daß Ulrich weiter nichts beabsichtige, als das
Volk so lange ruhig zu halten, bis er hinreichende Truppen angeworben und zusammengezogen habe,
um sein Wort brechen und die Steuern mit Gewalt eintreiben zu können. Sie ließen daher
von Kaspar Pregizers Haus, "des Armen Konrads Kanzlei", Aufforderungen zu einem
Bundeskongreß ausgehen, den Emissäre nach allen Richtungen hin unterstützten. Der
Erfolg der ersten Erhebung im Remstal hatte die Bewegung unter dem Volk überall gehoben; die
Schreiben und Emissäre fanden überall ein günstiges Terrain vor, und so wurde der
am 28. Mai in Untertürkheim abgehaltene Kongreß zahlreich von allen Teilen
Württembergs beschickt. Es wurde beschlossen, schleunig fortzuagitieren und bei der ersten
Gelegenheit im Remstal loszuschlagen, um von hier aus den Aufstand weiterzuverbreiten.
Während Bantelhans von Dettingen, ein ehemaliger Soldat, und Singerhans von Würtingen,
ein angesehener Bauer, die Schwäbische Alb in den Bund brachten, brach schon von allen
Seiten der Aufstand los. Singerhans wurde zwar überfallen und gefangen, aber die Städte
Backnang, Winnenden, Markgröningen

fielen in die
Hände der mit den Plebejern verbündeten Bauern, und das ganze Land von Weinsberg bis
Blaubeuren und von dort bis an die badische Grenze war in offener Insurrektion; Ulrich
mußte nachgeben. Während er aber den Landtag auf den 25. Juni einberief, schrieb er zu
gleicher Zeit an die umliegenden Fürsten und freien Städte um Hülfe gegen den
Aufstand, der alle Fürsten, Obrigkeit und Ehrbarkeit im Reich gefährde und "ein seltsam
bundschühlich Ansehn habe".

Inzwischen kam der Landtag, d.h. die Abgeordneten der Städte und viele Delegierte der
Bauern, die ebenfalls Sitz auf dem Landtag verlangten, schon am 18. Juni in Stuttgart zusammen.
Die Prälaten waren noch nicht da, die Ritter waren gar nicht eingeladen. Die Stuttgarter
städtische Opposition sowie zwei nahe, drohende Bauernhaufen, zu Leonberg und im Remstal,
unterstützten die Forderungen der Bauern. Ihre Delegierten wurden zugelassen, und man
beschloß, die drei verhaßten Räte des Herzogs, Lamparter, Thumb und Lorcher,
abzusetzen und zu bestrafen, einen Rat von vier Rittern, vier Bürgern und vier Bauern dem
Herzog beizugeben, ihm eine fixe Zivilliste zu bewilligen und die Klöster und Stifter zum
Besten des Staatsschatzes zu konfiszieren.

Herzog Ulrich setzte diesen revolutionären Beschlüssen einen Staatsstreich entgegen.
Er ritt am 21 Juni mit seinen Rittern und Räten nach Tübingen, wohin ihm die
Prälaten folgten, befahl der Bürgerschaft ebenfalls dorthin zu kommen, was auch
geschah, und setzte hier den Landtag ohne die Bauern fort. Hier verrieten die Bürger, unter
den militärischen Terrorismus gestellt, ihre Bundesgenossen, die Bauern. Am 8. Juli kam der
Tübinger Vertrag zustande, der dem Lande beinahe eine Million herzoglicher Schulden, dem
Herzog einige Beschränkungen auflegte, die er nie einhielt, und die Bauern mit einigen
dünnen allgemeinen Redensarten und einem sehr positiven Strafgesetz gegen Aufruhr und
Verbindungen abspeiste. Von Vertretung der Bauern auf dem Landtag war natürlich keine Rede
mehr. Das Landvolk schrie über Verrat; aber da der Herzog, seit der Übernahme seiner
Schulden durch die Stände, wieder Kredit hatte, so brachte er bald Truppen zusammen, und
auch seine Nachbarn, besonders der Kurfürst von der Pfalz, schickten Hülfstruppen. So
wurde bis Ende Juli der Tübinger Vertrag vom ganzen Lande angenommen und die neue Huldigung
geleistet. Nur im Remstal leistete der Arme Konrad Widerstand; der Herzog, der wieder selbst
hinritt, wurde fast ermordet und ein Bauernlager auf dem Kappelberg gebildet. Aber als die Sache
sich in die Länge zog, verliefen sich die meisten Insurgenten wieder aus Mangel an
Lebensmitteln, und der Rest ging infolge eines zweideutigen Vertrags mit einigen
Landtagsabgeordneten ebenfalls heim. Ulrich, dessen Heer in-

zwischen noch durch die bereitwillig gestellten Fähnlein der
Städte verstärkt wurde, die sich jetzt nach Erlangung ihrer Forderungen fanatisch gegen
die Bauern kehrten, Ulrich überfiel jetzt trotz des Vertrags das Remstal, dessen Städte
und Dörfer geplündert wurden. 1.600 Bauern wurden verhaftet, davon 16 sofort
enthauptet, die übrigen meist zu schweren Geldstrafen zum Besten von Ulrichs Kasse
verurteilt. Viele blieben lange im Gefängnis. Gegen die Erneuerung der Verbindung, gegen
alle Versammlungen der Bauern wurden strenge Strafgesetze erlassen, und der schwäbische Adel
schloß einen speziellen Bund zur Unterdrückung aller Aufstandsversuche. - Die
Hauptführer des Armen Konrad waren indes glücklich nach der Schweiz entkommen und kamen
von dort nach einigen Jahren meist einzeln wieder nach Hause.

Gleichzeitig mit der württembergischen Bewegung zeigten sich Symptome neuer
Bundschuhumtriebe im Breisgau und in der Markgrafschaft Baden. Bei Bühl wurde im Juni ein
Versuch zum Aufstand gemacht, aber vom Markgrafen Philipp gleich gesprengt und der Führer
Gugel-Bastian in Freiburg verhaftet und enthauptet.

In demselben Jahre 1514, ebenfalls im Frühjahr, kam in
Ungarn
ein allgemeiner
Bauernkrieg zum Ausbruch. Es wurde ein Kreuzzug wider die Türken gepredigt und wie
gewöhnlich den Leibeignen und Hörigen, die sich anschlössen, die Freiheit
zugesagt. Gegen 60.000 kamen zusammen und wurden unter das Kommando Georg Dózsas, eines
Szeklers, gestellt, der sich schon in früheren Türkenkriegen ausgezeichnet und den Adel
erworben hatte. Aber die ungarischen Ritter und Magnaten sahen nur ungern diesen Kreuzzug, der
ihnen ihr Eigentum, ihre Knechte, zu entziehen drohte. Sie eilten den einzelnen Bauernhaufen nach
und holten ihre Leibeignen mit Gewalt und unter Mißhandlungen zurück. Als dies im
Kreuzheer bekannt wurde, brach die Wut der unterdrückten Bauern los. Zwei der eifrigsten
Kreuzprediger, Laurentius und Barnabas, stachelten den Haß gegen den Adel im Heer durch
ihre revolutionären Reden noch heftiger an. Dózsa selbst teilte den Zorn seiner
Truppen gegen den verräterischen Adel; das Kreuzheer wurde eine Revolutionsarmee, und er
stellte sich an die Spitze dieser neuen Bewegung.

Er lagerte mit seinen Bauern auf dem Rákosfelde bei Pest. Die Feindseligkeiten wurden
eröffnet durch Streitigkeiten mit den Leuten der Adelspartei in den umliegenden Dörfern
und den Pester Vorstädten; bald kam es zu Scharmützeln, endlich zu einer Sizilianischen
Vesper für alle Adligen, die den Bauern in die Hände fielen; und zur Niederbrennung
aller umliegenden Schlösser. Der Hof drohte, aber umsonst. Als die erste Volksjustiz unter
den Mauern der Hauptstadt am Adel vollstreckt war, schritt Dózsa zu weiteren Operationen.
Er teilte sein Heer in fünf Kolonnen. Zwei wurden nach dem

oberungarischen Gebirge geschickt, um hier alles zu insurgieren und
den Adel auszurotten. Die dritte, unter Ambros Száleresi, einem Pester Bürger, blieb
zur Beobachtung der Hauptstadt auf dem Rákos; die vierte und fünfte führten
Dózsa und sein Bruder Gregor gegen Szegedin.

Inzwischen sammelte sich der Adel in Pest und rief den Woiwoden von Siebenbürgen, Johann
Zápolya, zu Hülfe. Der Adel, in Gemeinschaft mit den Bürgern von Budapest,
schlug und vernichtete das auf dem Rákos lagernde Korps, nachdem Szaleresi mit den
bürgerlichen Elementen des Bauernheers zum Feinde übergegangen war. Eine Menge
Gefangener wurden auf die grausamste Weise hingerichtet, der Rest mit abgeschnittenen Nasen und
Ohren nach Hause geschickt.

Dózsa scheiterte vor Szegedin und zog gegen Csanád, das er eroberte, nachdem er
ein Adelsheer unter Bátori István und dem Bischof Csáky geschlagen und an
den Gefangenen, worunter auch der Bischof und der königliche Schatzmeister Teleki, blutige
Repressalien für die Grausamkeiten auf dem Rákos genommen hatte. In Csanád
proklamierte er die Republik, die Abschaffung des Adels, die allgemeine Gleichheit und die
Souveränetät des Volks und zog dann gegen Temesvár, wohinein sich Bátori
geworfen hatte. Aber während er diese Festung zwei Monate lang belagerte und durch ein neues
Heer unter Anton Hosszu verstärkt wurde, erlagen die beiden oberungarischen Heerhaufen in
mehreren Schlachten vor dem Adel und rückte Johann Zápolya mit der
siebenbürgischen Armee gegen ihn an. Die Bauern wurden von Zápolya überfallen
und zersprengt, Dózsa selbst gefangen, auf einem glühenden Thron gebraten und von
seinen eigenen Leuten, die nur unter dieser Bedingung das Leben geschenkt erhielten, lebendig
gegessen. Die versprengten Bauern, von Laurentius und Hosszu wieder gesammelt, wurden nochmals
geschlagen und alles, was den Feinden in die Hände fiel, gepfählt oder gehängt. Zu
Tausenden hingen die Bauernleichen die Straßen entlang oder an den Eingängen
verbrannter Dörfer. An 60.000 sollen teils gefallen, teils massakriert sein. Der Adel aber
trug Sorge, auf dem nächsten Landtag die Knechtschaft der Bauern abermals als Gesetz des
Landes zur Anerkennung zu bringen.

Der Bauernaufstand in der "windischen Mark", d.h. in Kärnten, Kram und Steiermark, der um
dieselbe Zeit losbrach, beruhte auf einer bundschuhartigen Verschwörung, die sich in dieser
von Adel und kaiserlichen Beamten ausgesognen, von Türkeneinfällen verheerten und von
Hungersnot geplagten Gegend schon 1503 gebildet und einen Aufstand hervorgerufen hatte. Die
slowenischen Bauern dieser Gegend sowohl wie die deutschen erhoben schon 1513 wieder die
Kriegsfahne der stara prawa (der alten Rechte), und wenn sie auch in die-

sem Jahr sich nochmals beschwichtigen ließen, wenn sie 1514,
wo sie sich noch massenhafter zusammenrotteten, durch Kaiser Maximilians ausdrückliche
Zusage, die alten Rechte wiederherzustellen, zum Auseinandergehen bewogen wurden, so brach 1515
im Frühjahr der Rachekrieg des stets getäuschten Volks um so heftiger los. Wie in
Ungarn, wurden Schlösser und Klöster überall zerstört und die gefangenen
Adligen von Bauerngeschworenen gerichtet und enthauptet. In Steiermark und Kärnten gelang es
dem kaiserlichen Hauptmann Dietrichstein, den Aufstand bald zu dämpfen; in Krain wurde er
erst durch den Überfall von Rain (Herbst 1516) und durch die darauffolgenden, den Infamien
des ungarischen Adels sich würdig anschließenden, zahllosen östreichischen
Grausamkeiten unterdrückt.

Man begreift, daß nach einer Reihe so entscheidender Niederlagen und nach diesen
massenhaften Grausamkeiten des Adels die Bauern in Deutschland eine längere Zeit ruhig
waren. Und doch hörten weder die Verschwörungen noch die Lokalaufstände ganz auf.
Schon 1516 kamen die meisten Flüchtlinge vom Bundschuh und Armen Konrad nach Schwaben und
dem Oberrhein zurück, und 1517 war der Bundschuh im Schwarzwald wieder in vollem Gange.
Joß Fritz selbst, der noch immer die alte Bundschuhfahne von 1513 auf der Brust versteckt
mit sich führte, durchstreifte den Schwarzwald wieder und entwickelte große
Tätigkeit. Die Verschwörung organisierte sich aufs neue. Wie vor vier Jahren wurden
wieder Versammlungen auf dem Kniebis angesagt. Aber das Geheimnis wurde nicht gehalten, die
Regierungen erfuhren die Sache und schritten ein. Mehrere wurden gefangen und hingerichtet; die
tätigsten und intelligentesten Mitglieder mußten fliehen, unter ihnen Joß Fritz,
dessen man auch diesmal nicht habhaft wurde, der aber bald darauf in der Schweiz gestorben zu
sein scheint, da er von jetzt an nirgends mehr genannt wird.

Fußnoten

(1)
Wir folgen in den chronologischen Daten den Angaben Zimmermanns. auf die
wir bei dem Mangel ausreichender Quellen im Ausland angewiesen sind und die für den Zweck
dieses Artikels vollständig genügen. [
Fußnote 1850
]

## IV. Der Adelsaufstand

Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte
Bundschuhverschwörung unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu der
Bewegung, die alle Stände mit in den Strudel reißen und das ganze Reich
erschüttern sollte. Die Thesen des thüringischen Augustiners zündeten wie ein
Blitz in ein Pulverfaß Die mannigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie
der Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränetätssüchtigen
Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystizisierenden verborgenen Sekten wie der
gelehrten und satirisch-burlesken Schriftstelleropposition erhielten in ihnen einen zunächst
gemeinsamen allgemeinen Ausdruck, um den sie sich mit überraschender Schnelligkeit
gruppierten. Diese über Nacht gebildete Allianz aller Oppositionselemente, so kurz ihre
Dauer war, enthüllte plötzlich die ungeheure Macht der Bewegung und trieb sie um so
rascher voran.

Aber eben diese rasche Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr bald die Keime des
Zwiespalts entwickeln, die in ihr lagen, mußte wenigstens die durch ihre ganze
Lebensstellung direkt einander entgegenstehenden Bestandteile der erregten Masse wieder
voneinander reißen und in ihre normale feindliche Stellung bringen. Diese Polarisation der
bunten Oppositionsmasse um zwei Attraktionszentren trat schon in den ersten Jahren der
Reformation hervor; Adel und Bürger gruppierten sich unbedingt um Luther; Bauern und
Plebejer, ohne schon in Luther einen direkten Feind zu sehen, bildeten wie früher eine
besondere, revolutionäre Oppositionspartei. Nur daß die Bewegung jetzt viel
allgemeiner, viel tiefer greifend war als vor Luther, und daß damit die Notwendigkeit des
scharf ausgesprochenen Gegensatzes, der direkten Bekämpfung beider Parteien untereinander
gegeben war. Dieser direkte Gegensatz trat bald ein; Luther und Münzer bekämpften sich
in der Presse und auf der Kanzel, wie die größtenteils aus lutherischen oder
wenigstens zum Luthertum hinneigenden Kräften bestehenden Heere der Fürsten, Ritter und
Städte die Haufen der Bauern und Plebejer zersprengten.

Wie sehr die Interessen und Bedürfnisse der
verschiedenen Elemente, die die Reformation angenommen, auseinandergingen, zeigt schon vor dem
Bauernkrieg der Versuch des Adels, seine Forderungen gegenüber den Fürsten und Pfaffen
durchzusetzen.

Wir haben schon oben gesehen, welche Stellung der deutsche Adel im Anfang des 16. Jahrhunderts
einnahm. Er war im Begriff, seine Unabhängigkeit an die immer mächtiger werdenden
weltlichen und geistlichen Fürsten zu verlieren. Er sah zu gleicher Zeit, in demselben
Maß wie er sank, auch die Reichsgewalt sinken und das Reich sich in eine Anzahl
souveräner Fürstentümer auflösen. Sein Untergang mußte für ihn mit
dem Untergang der Deutschen als Nation zusammenfallen. Dazu kam, daß der Adel, besonders
der reichsunmittelbare Adel, derjenige Stand war, der sowohl durch seinen militärischen
Beruf wie durch seine Stellung gegenüber den Fürsten das Reich und die Reichsgewalt
besonders vertrat. Er war der nationalste Stand, und je mächtiger die Reichsgewalt, je
schwächer und je weniger zahlreich die Fürsten, je einiger Deutschland, desto
mächtiger war er. Daher der allgemeine Unwille der Ritterschaft über die
erbärmliche politische Stellung Deutschlands, über die Ohnmacht des Reichs nach
außen, die in demselben Maße zunahm, als das Kaiserhaus durch Erbschaft eine Provinz
nach der andern an das Reich anhing; über die Intrigen fremder Mächte im Innern
Deutschlands und die Komplotte deutscher Fürsten mit dem Ausland gegen die Reichsgewalt. Die
Forderungen des Adels mußten sich also vor allem in der Forderung einer Reichsreform
zusammenfassen, deren Opfer die Fürsten und die höhere Geistlichkeit werden sollten.
Diese Zusammenfassung übernahm
Ulrich von Hutten
, der theoretische Repräsentant
des deutschen Adels, in Gemeinschaft mit
Franz von Sickingen
, seinem militärischen
und staatsmännischen Repräsentanten.

Hutten hat seine im Namen des Adels geforderte Reichsreform sehr bestimmt ausgesprochen und
sehr radikal gefaßt. Es handelt sich um nichts Geringeres als um die Beseitigung
sämtlicher Fürsten, die Säkularisation sämtlicher geistlichen
Fürstentümer und Güter, um die Herstellung einer
Adelsdemokratie
mit
monarchischer Spitze, ungefähr wie sie in den besten Tagen der weiland polnischen Republik
bestanden hat. Durch die Herstellung der Herrschaft des Adels, der vorzugsweise
militärischen Klasse, durch die Entfernung der Fürsten, der Träger der
Zersplitterung, durch die Vernichtung der Macht der Pfaffen und durch die Losreißung
Deutschlands von der geistlichen Herrschaft Roms glaubten Hutten und Sickingen, das Reich wieder
einig, frei und mächtig zu machen.

Die auf der Leibeigenschaft beruhende Adelsdemokratie, wie sie in Polen

und in etwas modifizierter Form in den ersten Jahrhunderten der von
den Germanen eroberten Reiche bestanden hat, ist eine der rohesten Gesellschaftsformen und
entwickelt sich ganz normal weiter zur ausgebildeten Feudalhierarchie, die schon eine bedeutend
höhere Stufe ist. Diese reine Adelsdemokratie war also im 16. Jahrhundert unmöglich.
Sie war schon unmöglich, weil überhaupt bedeutende und mächtige Städte in
Deutschland bestanden. Auf der andern Seite war aber auch jene Allianz des niedern Adels und der
Städte unmöglich, die in England die Verwandlung der feudal-ständischen Monarchie
in die bürgerlich-konstitutionelle zustande brachte. In Deutschland hatte sich der alte Adel
erhalten, in England war er durch die Rosenkriege bis auf 28 Familien ausgerottet und wurde durch
einen neuen Adel bürgerlichen Ursprungs und mit bürgerlichen Tendenzen ersetzt; in
Deutschland bestand die Leibeigenschaft fort, und der Adel hatte
feudale
Einkommenquellen,
in England war sie fast ganz beseitigt, und der Adel war einfacher bürgerlicher
Grundbesitzer mit der
bürgerlichen
Einkommenquelle: der Grundrente. Endlich war die
Zentralisation der absoluten Monarchie, die in Frankreich seit Ludwig XI. durch den Gegensatz von
Adel und Bürgerschaft bestand und sich immer weiter ausbildete, schon darum in Deutschland
unmöglich, weil hier überhaupt die Bedingungen der nationalen Zentralisation gar nicht
oder nur unentwickelt vorhanden waren.

Je mehr unter diesen Verhältnissen Hutten sich auf die praktische Durchführung
seines Ideals einließ, desto mehr Konzessionen mußte er machen und desto unbestimmter
mußten die Umrisse seiner Reichsreform werden. Der Adel allein war nicht mächtig
genug, das Unternehmen durchzusetzen, das bewies seine wachsende Schwäche gegenüber den
Fürsten. Man mußte Bundesgenossen haben, und die einzig möglichen waren die
Städte, die Bauern und die einflußreichen Theoretiker der Reformationsbewegung. Aber
die Städte kannten den Adel hinreichend, um ihm nicht zu trauen und jedes Bündnis mit
ihm zurückzuweisen. Die Bauern sahen im Adel, der sie aussog und mißhandelte, mit
vollem Recht ihren bittersten Feind. Und die Theoretiker hielten es entweder mit den
Bürgern, Fürsten oder den Bauern. Was sollte auch der Adel den Bürgern und Bauern
Positives versprechen von einer Reichsreform, deren Hauptzweck immer die Hebung des Adels war?
Unter diesen Umständen blieb Hutten nichts übrig, als in seinen Propagandaschriften
über die künftige gegenseitige Stellung des Adels, der Städte und der Bauern wenig
oder gar nichts zu sagen, alles Übel auf die Fürsten und Pfaffen und die
Abhängigkeit von Rom zu schieben und den Bürgern nachzuweisen, daß ihr Interesse
ihnen gebiete, im bevorstehenden Kampf zwischen Fürsten und Adel sich mindestens neutral zu
halten. Von Aufhebung der Leibeigenschaft

und der Lasten,
die der Bauer dem Adel schuldig war, ist bei Hutten nirgends die Rede.

Die Stellung des deutschen Adels gegenüber den Bauern war damals ganz dieselbe wie die
des polnischen Adels zu seinen Bauern in den Insurrektionen 1830-46 <(
1850
) seit
1830>. Wie in den modernen polnischen Aufständen, war damals in Deutschland die Bewegung
nur durchzuführen durch eine Allianz aller Oppositionsparteien und namentlich des Adels mit
den Bauern. Aber grade diese Allianz war in beiden Fällen
unmöglich
. Weder war
der Adel in die Notwendigkeit versetzt, seine politischen Privilegien und seine Feudalgerechtsame
gegenüber den Bauern aufzugeben, noch konnten die revolutionären Bauern sich auf
allgemeine unbestimmte Aussichten hin in eine Allianz mit dem Adel einlassen, mit dem Stand, der
sie gerade am meisten bedrückte. Wie in Polen 1830, so konnte in Deutschland 1522 der Adel
die Bauern nicht mehr gewinnen. Nur die gänzliche Beseitigung der Leibeigenschaft und
Hörigkeit, das Aufgeben aller Adelsprivilegien hätte das Landvolk mit dem Adel
vereinigen können; aber der Adel, wie jeder privilegierte Stand, hatte nicht die geringste
Lust, seine Vorrechte, seine ganze exzeptionelle Stellung und den größten Teil seiner
Einkommenquellen freiwillig aufzugeben.

Der Adel stand also schließlich, als es zum Kampfe kam, den Fürsten allein
gegenüber. Daß die Fürsten, die ihm seit zwei Jahrhunderten fortwährend
Terrain abgewonnen, ihn auch diesmal mit leichter Mühe erdrücken mußten, war
vorherzusehen.

Der Verlauf des Kampfes selbst ist bekannt. Hutten und Sickingen, der schon als
politisch-militärischer Chef des mitteldeutschen Adels anerkannt war, brachten 1522 zu
Landau einen Bund des rheinischen, schwäbischen und fränkischen Adels auf sechs Jahre
zustande, angeblich zur Selbstverteidigung; Sickingen zog ein Heer, teils aus eignen Mitteln,
teils in Verbindung mit den umliegenden Rittern, zusammen, organisierte Werbungen und Zuzüge
in Franken, am Niederrhein, in den Niederlanden und Westfalen und eröffnete im September
1522 die Feindseligkeiten mit einer Fehdeerklärung an den Kurfürsten-Erzbischof von
Trier. Aber während er vor Trier lag, wurden seine Zuzüge durch rasches Einschreiten
der Fürsten abgeschnitten; der Landgraf von Hessen und der Kurfürst von der Pfalz zogen
den Trierern zu Hülfe, und Sickingen mußte sich in sein Schloß Landstuhl werfen.
Trotz aller Bemühungen Huttens und seiner übrigen Freunde ließ ihn hier der
verbündete Adel, eingeschüchtert durch die konzentrierte und rasche Aktion der
Fürsten, im Stich; er selbst wurde tödlich verwundet, über-

gab dann Landstuhl und starb gleich darauf. Hutten mußte in
die Schweiz flüchten und starb wenige Monate später auf der Insel Ufnau im
Zürchersee.

Mit dieser Niederlage und dem Tod der beiden Führer war die Macht des Adels als einer von
den Fürsten unabhängigen Körperschaft gebrochen. Von jetzt an tritt der Adel nur
noch im Dienst und unter der Leitung der Fürsten auf. Der Bauernkrieg, der gleich darauf
ausbrach, zwang ihn noch mehr, sich direkt oder indirekt unter den Schutz der Fürsten zu
stellen, und bewies zu gleicher Zeit, daß der deutsche Adel es vorzog, lieber unter
fürstlicher Oberhoheit die Bauern fernerhin zu exploitieren, als die Fürsten und
Pfaffen durch ein offenes Bündnis mit den
emanzipierten
Bauern zu stürzen.

## V. Der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg

Von dem Augenblick an, wo Luthers Kriegserklärung
gegen die katholische Hierarchie alle Oppositionselemente Deutschlands in Bewegung gesetzt,
verging kein Jahr, in dem nicht die Bauern ebenfalls wieder mit ihren Forderungen hervortraten.
Von 1518 bis 1523 folgte ein lokaler Bauernaufstand im Schwarzwald und in Oberschwaben auf den
andern. Seit Frühjahr 1524 nahmen diese Aufstände einen systematischen Charakter an. Im
April dieses Jahres verweigerten die Bauern der Abtei Marchthal die Frondienste und Leistungen;
im Mai verweigerten die Sankt-Blasier Bauern die Leibeigenschaftsgebühren; im Juni
erklärten die Bauern von Steinheim bei Memmingen, weder Zehnten noch sonstige Gebühren
zahlen zu wollen; im Juli und August standen die Thurgauer Bauern auf und wurden teils durch die
Vermittlung der Zürcher, teils durch die Brutalität der Eidgenossenschaft, die mehrere
hinrichten ließ, wieder zur Ruhe gebracht. Endlich erfolgte in der Landgrafschaft
Stühlingen ein entschiednerer Aufstand, der als der unmittelbare
Anfang des
Bauernkriegs
gelten kann.

Die Stühlinger Bauern verweigerten plötzlich die Leistungen an den Landgrafen,
rotteten sich in starken Haufen zusammen und zogen unter
Hans Müller von Bulgenbach

am 24. August <(
1850
und
1875
) irrtümlich: Oktober> 1524 nach Waldshut.
Hier stifteten sie in Gemeinschaft mit den Bürgern eine evangelische Brüderschaft. Die
Bürger traten der Verbindung um so eher bei, als sie gleichzeitig wegen religiöser
Verfolgungen gegen Balthasar
Hubmaier
, ihren Prediger, einen Freund und Schüler
Thomas Münzers, mit der vorderöstreichischen Regierung im Konflikt waren. Es wurde also
eine Bundessteuer von drei Kreuzern wöchentlich - ein enormer Betrag für den damaligen
Geldwert - aufgelegt, Emissäre nach dem Elsaß, der Mosel, dem ganzen Oberrhein und
Franken geschickt, um die Bauern überall in den Bund zu bringen, und als

Zweck des Bundes die Abschaffung der Feudalherrschaft, die
Zerstörung aller Schlösser und Klöster und die Beseitigung aller Herren
außer dem Kaiser proklamiert. Die Bundesfahne war die
deutsche Trikolore
<die
schwarzrotgoldene Fahne>.

Der Aufstand gewann rasch Terrain im ganzen jetzigen badischen Oberland. Ein panischer
Schrecken ergriff den oberschwäbischen Adel, dessen Streitkräfte fast sämtlich in
Italien, im Kriege gegen Franz I. von Frankreich, beschäftigt waren. Es blieb ihm nichts
übrig, als die Sache durch Unterhandlungen in die Länge zu ziehen und inzwischen Gelder
aufzutreiben und Truppen zu werben, bis er stark genug sei, die Bauern für ihre
Vermessenheit mit "Sengen und Brennen, Plündern und Morden" zu züchtigen. Von jetzt an
begann jener systematische Verrat, jene konsequente Wortbrüchigkeit und Heimtücke,
durch die der Adel und die Fürsten sich während des ganzen Bauernkriegs auszeichneten
und die gegenüber den dezentralisierten und schwer organisierbaren Bauern ihre stärkste
Waffe war. Der Schwäbische Bund, der die Fürsten, den Adel und die Reichsstädte
Südwestdeutschlands umfaßte, legte sich ins Mittel, aber ohne den Bauern positive
Konzessionen zu garantieren. Diese blieben in Bewegung. Hans Müller von Bulgenbach zog vom
30. September bis Mitte Oktober durch den Schwarzwald bis Urach und Furtwangen, brachte seinen
Haufen bis auf 3.500 Mann und nahm mit diesem bei Ewattingen (nicht weit von Stühlingen)
Position. Der Adel hatte nicht über 1.700 Mann zur Verfügung, und auch diese waren
zersplittert. Er war gezwungen, sich auf einen Waffenstillstand einzulassen, der auch wirklich im
Ewattinger Lager zustande kam. Gütlicher Vertrag, entweder direkt zwischen den Beteiligten
oder durch Schiedsrichter, und Untersuchung der Beschwerden durch das Landgericht zu Stockach
wurden den Bauern zugesagt. Sowohl die Adelstruppen wie die Bauern gingen auseinander.

Die Bauern vereinigten sich auf 16 Artikel, deren Bewilligung vom Stockacher Gericht verlangt
werden sollte. Sie waren sehr gemäßigt. Abschaffung des Jagdrechts, der Fronden, der
drückenden Steuern und Herrschaftsprivilegien überhaupt, Schutz gegen willkürliche
Verhaftung und gegen parteiische, nach Willkür urteilende Gerichte - weiter forderten sie
nichts.

Der Adel dagegen forderte, sobald die Bauern heimgegangen waren, sogleich sämtliche
streitige Leistungen wieder ein, so lange bis das Gericht entschieden habe. Die Bauern weigerten
sich natürlich und verwiesen die Herren an das Gericht. Der Streit brach von neuem aus; die
Bauern zogen sich wieder zusammen, die Fürsten und Herren konzentrierten ihre Truppen.
Diesmal ging die Bewegung wieder weiter, bis über den Breisgau und tief ins Württem-

bergische hinein. Die Truppen unter
Georg Truchseß
von Waldburg
, dem Alba des Bauernkriegs, beobachteten sie, schlugen einzelne Zuzüge,
wagten aber nicht, das Gros anzugreifen. Georg Truchseß unterhandelte mit den Bauernchefs
und brachte hier und da Verträge zustande.

Ende Dezember begannen die Verhandlungen vor dem Landgericht zu Stockach. Die Bauern
protestierten gegen die Zusammensetzung des Gerichts aus lauter Adligen. Ein kaiserlicher
Bestallungsbrief wurde ihnen als Antwort vorgelesen. Die Verhandlungen zogen sich in die
Länge, inzwischen rüsteten der Adel, die Fürsten, die schwäbischen
Bundesbehörden. Erzherzog Ferdinand, der außer den jetzt noch östreichischen
Erblanden auch Württemberg, den badischen Schwarzwald und den südlichen Elsaß
beherrschte, befahl die größte Strenge gegen die rebellischen Bauern. Man solle sie
fangen, foltern und ohne Gnade erschlagen, man solle sie, wie es am bequemsten sei, verderben,
ihr Hab und Gut verbrennen und veröden und ihre Weiber und Kinder aus dem Lande jagen. Man
sieht, wie die Fürsten und Herren den Waffenstillstand hielten und was sie unter
gütlicher Vermittlung und Untersuchung der Beschwerden verstanden. Erzherzog Ferdinand, dem
das Haus Welser in Augsburg Geld vorgeschossen, rüstete in aller Eile; der Schwäbische
Bund schrieb ein in drei Terminen zu stellendes Kontingent von Geld und Truppen aus.

Diese bisherigen Aufstände fallen zusammen mit der fünfmonatlichen Anwesenheit
Thomas Münzers im Oberland. Von dem Einfluß, den er auf den Ausbruch und Gang der
Bewegung gehabt, sind zwar keine direkten Beweise vorhanden, aber dieser Einfluß ist
indirekt vollständig konstatiert. Die entschiedneren Revolutionäre unter den Bauern
sind meist seine Schüler und vertreten seine Ideen. Die zwölf Artikel wie der
Artikelbrief der oberländischen Bauern werden ihm von allen Zeitgenossen zugeschrieben,
obwohl er wenigstens erstere gewiß nicht verfaßt hat. Noch auf seiner Rückreise
nach Thüringen erließ er eine entschieden revolutionäre Schrift an die
insurgierten Bauern.

Gleichzeitig intrigierte der seit 1519 aus Württemberg vertriebene Herzog Ulrich, um mit
Hülfe der Bauern wieder in den Besitz seines Landes zu kommen. Es ist faktisch, daß er
seit seiner Vertreibung die revolutionäre Partei zu benutzen suchte und sie fortwährend
unterstützte. In die meisten von 1520-24 vorgekommenen Lokalunruhen im Schwarzwald und in
Württemberg wird sein Name verwickelt, und jetzt rüstete er direkt zu einem Einfall von
seinem Schloß Hohentwiel aus nach Württemberg. Er wurde indes von den Bauern nur
benutzt, hatte nie Einfluß auf sie und noch weniger ihr Vertrauen.

So verging der Winter, ohne daß es von einer der
beiden Seiten zu etwas Entscheidendem kam. Die fürstlichen Herrn versteckten sich, der
Bauernaufstand gewann an Ausdehnung. Im Januar 1525 war das ganze Land zwischen Donau, Rhein und
Lech in voller Gärung, und im Februar brach der Sturm los.

Während der
Schwarzwald-Hegauer Haufe
unter Hans Müller von Bulgenbach mit
Ulrich von Württemberg konspirierte und zum Teil seinen vergeblichen Zug nach Stuttgart
mitmachte (Februar und März 1525), standen die Bauern im Ried, oberhalb Ulm, am 9. Februar
auf, sammelten sich in einem von Sümpfen gedeckten Lager bei Baltringen, pflanzten die

rote Fahne
auf und formierten, unter der Führung von Ulrich Schmid, den
Baltringer
Haufen
. Sie waren 10.000 bis 12.000 Mann stark.

Am 25. Februar zog sich der
Oberallgäuer Haufen
, 7.000 Mann stark, am Schussen
zusammen, auf das Gerücht hin, daß die Truppen gegen die auch hier aufgetretenen
Mißvergnügten heranzögen. Die Kemptner, die den ganzen Winter über mit ihrem
Erzbischof im Streit gewesen, traten am 26. zusammen und vereinigten sich mit ihnen. Die
Städte Memmingen und Kaufbeuren schlossen sich, unter Bedingungen, der Bewegung an; doch
trat schon hier die Zweideutigkeit der Stellung hervor, die die Städte in diesem Kampf
einnahmen. Am 7. März wurden in Memmingen die zwölf Memminger Artikel für alle
Oberallgäuer Bauern angenommen.

Auf Botschaft der Allgäuer bildete sich am Bodensee, unter Eitel Hans, der

Seehaufen
. Auch dieser Haufe verstärkte sich rasch. Das Hauptquartier war in
Bermatingen.

Ebenso standen im unteren Allgäu, in der Gegend von Ochsenhausen und Schellenberg, im
Zeilschen und Waldburgschen, den Herrschaften des Truchseß, die Bauern auf, und zwar schon
in den ersten Tagen des März. Dieser
Unterallgäuer Haufen
lagerte, 7.000 <Bei
Zimmermann: 5.000> Mann stark, bei Wurzach.

Diese vier Haufen nahmen alle die Memminger Artikel an, die übrigens noch viel
gemäßigter waren als die der Hegauer und auch in den Punkten, die sich auf das
Verhalten der bewaffneten Haufen zum Adel und den Regierungen bezogen, einen merkwürdigen
Mangel an Entschiedenheit zur Schau tragen. Die Entschiedenheit, wo sie kam, kam erst im Laufe
des Kriegs, nachdem die Bauern Erfahrungen über die Handlungsweise ihrer Feinde gemacht
hatten.

Gleichzeitig mit diesen Haufen bildete sich ein sechster an der Donau. Aus der ganzen Gegend
von Ulm bis Donauwörth, aus den Tälern der Iller, Roth

und Biber kamen die Bauern nach Leipheim und schlugen dort ein
Lager auf. Von 15 Ortschaften war jeder waffenfähige Mann, von 117 waren Zuzüge da. Der
Führer des
Leipheimer Haufens
war Ulrich Schön, sein Prediger Jakob Wehe, der
Pfarrer von Leipheim.

So standen anfangs März, in sechs Lagern, an 30.000 bis 40.000 insurgierte
oberschwäbische Bauern unter den Waffen. Der Charakter dieser Bauernhaufen war sehr
gemischt. Die revolutionäre - Münzersche - Partei war überall in der
Minorität. Trotzdem bildete sie überall den Kern und Halt der Bauernlager. Die Masse
der Bauern war immer bereit, sich auf ein Abkommen mit den Herren einzulassen, wenn ihr nur die
Konzessionen gesichert wurden, die sie durch ihre drohende Haltung zu ertrotzen hoffte. Dazu
wurde sie, als die Sache sich in die Lange zog und die Fürstenheere heranrückten, des
Kriegführens überdrüssig, und diejenigen, die noch etwas zu verlieren hatten,
gingen größtenteils nach Hause. Dabei hatte sich den Haufen das vagabundierende
Lumpenproletariat massenweise angeschlossen, das die Disziplin erschwerte, die Bauern
demoralisierte und ebenfalls häufig ab- und zulief. Schon hieraus erklärt sich,
daß die Bauernhaufen anfangs überall in der Defensive blieben, in den Feldlagern sich
demoralisierten und auch, abgesehen von ihrer taktischen Unzulänglichkeit und von der
Seltenheit guter Führer, den Armeen der Fürsten keineswegs gewachsen waren.

Noch während die Haufen sich zusammenzogen, fiel Herzog Ulrich mit geworbenen Truppen und
einigen Hegauer Bauern von Hohentwiel nach Württemberg ein. Der Schwäbische Bund war
verloren, wenn die Bauern jetzt von der andern Seite her gegen die Truppen des Truchseß von
Waldburg heranrückten. Aber bei der bloß defensiven Haltung der Haufen gelang es dem
Truchseß bald, mit den Baltringer, Allgäuer und Seebauern einen Waffenstillstand
abzuschließen, Verhandlungen einzuleiten und einen Termin zur Abmachung der Sache auf
Sonntag Judika (2. April) anzusetzen. Währenddes konnte er gegen Herzog Ulrich ziehn,
Stuttgart besetzen und ihn zwingen, schon am 17. März Württemberg wieder zu verlassen.
Dann wandte er sich gegen die Bauern; aber in seinem eignen Heer revoltierten die Landsknechte
und weigerten sich, gegen diese zu ziehn. Es gelang dem Truchseß, die Meuterer zu
beschwichtigen, und nun marschierte er nach Ulm, wo sich neue Verstärkungen sammelten. Bei
Kirchheim unter Teck hatte er ein Beobachtungslager zurückgelassen.

Der Schwäbische Bund, der endlich die Hände frei und seine ersten Kontingente
beisammen hatte, warf jetzt die Maske ab und erklärte, daß er "das, was die Bauern
eigenen Willens sich unterfangen, mit den Waffen und mit Gottes Hülfe zu wenden entschlossen
sei".

Die Bauern hatten sich inzwischen streng an den
Waffenstillstand gehalten. Sie hatten für die Verhandlung am Sonntag Judika ihre Forderungen
aufgesetzt, die berühmten
zwölf Artikel
. Sie verlangten Wahl und Absetzbarkeit
der Geistlichen durch die Gemeinden, Abschaffung des kleinen Zehnten und Verwendung des
großen zu öffentlichen Zwecken nach Abzug des Pfaffengehalts, Abschaffung der
Leibeigenschaft, des Fischerei- und Jagdrechts und des Todfalls, Beschränkung der
übermäßigen Fronden, Steuern und Gülten, Restitution der den Gemeinden und
einzelnen gewaltsam entzogenen Waldungen, Weiden und Privilegien und Beseitigung der Willkür
in Justiz und Verwaltung. Man sieht, die gemäßigte, verträgliche Partei wog noch
bedeutend vor unter den Bauernhaufen. Die revolutionäre Partei hatte schon früher im

"Artikelbrief"
ihr Programm aufgestellt. Dieser offne Brief an sämtliche
Bauernschaften fordert sie auf, einzutreten in die "christliche Vereinigung und
Brüderschaft" zur Entfernung aller Lasten, sei es durch Güte, "was nicht wohl sein
mag", sei es durch Gewalt, und bedroht alle Weigernden mit dem "weltlichen Bann", d.h. mit der
Ausstoßung aus der Gesellschaft und aus allem Verkehr mit den Bundesmitgliedern. Alle
Schlösser, Klöster und Pfaffenstifter sollen gleichfalls in den weltlichen Bann getan
werden, es sei denn, daß Adel, Pfaffen und Mönche sie freiwillig verlassen, in
gewöhnliche Häuser ziehn wie andre Leute und sich der christlichen Vereinigung
anschließen. - In diesem radikalen Manifest, das offenbar
vor
dem
Frühjahrsaufstand 1525 abgefaßt wurde, handelt es sich also vor allem um die
Revolution, die vollständige Besiegung der noch herrschenden Klassen, und der "weltliche
Bann" designiert nur die Unterdrücker und Verräter, die erschlagen, die Schlösser,
die verbrannt, die Klöster und Stifter, die konfisziert und deren Schätze in Geld
verwandelt werden sollen.

Ehe jedoch die Bauern dazu kamen, ihre zwölf Artikel den berufenen Schiedsrichtern
vorzulegen, kam ihnen die Nachricht von dem Vertragsbruch des Schwäbischen Bundes und dem
Herannahen der Truppen. Sogleich trafen sie ihre Maßregeln. Eine Generalversammlung der
Allgäuer, Baltringer und Seebauern wurde zu Gaisbeuren abgehalten. Die vier Haufen wurden
vermischt und vier neue Kolonnen aus ihnen organisiert, die Konfiskation der geistlichen
Güter, der Verkauf ihrer Kleinodien zum Besten der Kriegskasse und die Verbrennung der
Schlösser wurden beschlossen. So wurde neben den offiziellen zwölf Artikeln der
Artikelbrief die Regel ihrer Kriegsführung und der Sonntag Judika, der zum
Friedensschluß angesetzte Tag, das Datum der
allgemeinen Erhebung
.

Die überall wachsende Aufregung, die fortwährenden Lokalkonflikte der Bauern mit dem
Adel, die Nachricht von dem seit sechs Monaten immer

wachsenden Aufstand im Schwarzwald und von seiner Verbreitung bis an die Donau und den Lech
reichen allerdings hin, um die rasche Aufeinanderfolge der Bauernaufstände in zwei Dritteln
von Deutschland zu erklären. Aber daß Leute an der Spitze der Bewegung standen, die
diese durch wiedertäuferische und sonstige Emissäre organisiert hatten, das beweist das
Faktum der Gleichzeitigkeit aller einzelnen Aufstände. In der letzten Hälfte des
März waren schon Unruhen im Württembergischen, am untern Neckar, im Odenwald, in Unter-
und Mittelfranken ausgebrochen; aber überall wurde schon vorher der 2. April, der Sonntag
Judika, als Tag des allgemeinen Losbruchs angegeben, überall geschah der entscheidende
Schlag, der Aufstand in Masse, in der ersten Woche des April. Auch die Allgäuer, Hegauer und
Seebauern riefen am 1. April durch Sturmläuten und Massenversammlungen alle
waffenfähigen Männer ins Lager und eröffneten, gleichzeitig mit den Baltringern,
die Feindseligkeiten gegen die Schlösser und Klöster.

In
Franken
, wo sich die Bewegung um sechs Zentren gruppierte, brach der Aufstand
überall in den ersten Tagen des April los. Bei
Nördlingen
bildeten sich um diese
Zeit zwei Bauernlager, mit deren Hülfe die revolutionäre Partei in der Stadt, deren
Chef
Anton Forner
war, die Oberhand erhielt und Forners Ernennung zum Bürgermeister
sowie den Anschluß der Stadt an die Bauern durchsetzte. Im
Ansbachschen
standen die
Bauern vom 1. bis 7. April überall auf, und der Aufstand verbreitete sich von hier bis nach
Bayern hinüber. Im
Rothenburgschen
standen die Bauern schon seit dem 22. März
unter den Waffen; in der Stadt Rothenburg wurde am 27. März die Herrschaft der Ehrbarkeit
durch die Kleinbürger und Plebejer unter Stephan von
Menzingen
gestürzt; aber da
gerade die Leistungen der Bauern hier die Haupteinkünfte der Stadt waren, hielt sich auch
die neue Regierung sehr schwankend und zweideutig gegenüber den Bauern. Im Hochstift

Würzburg
erhoben sich anfangs April die Bauern und die kleinen Städte allgemein,
und im Bistum
Bamberg
zwang die allgemeine Insurrektion binnen fünf Tagen den Bischof
zur Nachgiebigkeit. Endlich im Norden, an der thüringischen Grenze, zog sich das starke

Bildhäuser Bauernlager
zusammen.

Im
Odenwald
, wo
Wendel Hipler
, ein Adliger und ehemaliger Kanzler der Grafen von
Hohenlohe, und
Georg Metzler
, Wirt zu Ballenberg bei Krautheim, an der Spitze der
revolutionären Partei standen, brach der Sturm schon am 26. März los. Die Bauern zogen
von allen Seiten nach der Tauber. Auch 2.000 Mann aus dem Lager vor Rothenburg schlossen sich an.
Georg Metzler übernahm die Führung und marschierte, nachdem alle Verstärkungen
eingetroffen, am 4. April nach dem Kloster Schöntal an der Jagst, wo die
Neckartaler

zu ihm stießen. Diese, von
Jäcklein Rohrbach,
Wirt zu Böckingen bei

Heilbronn, geführt, hatten am Sonntag Judika in Flein,
Sontheim usw. die Insurrektion proklamiert, während gleichzeitig Wendel Hipler mit einer
Anzahl Verschworner Öhringen überrumpelt und die umwohnenden Bauern in die Bewegung
hineingerissen hatte. Zu Schöntal wurden von den beiden, zum
"hellen Haufen"

vereinigten Bauernkolonnen die zwölf Artikel angenommen und Streifzüge gegen
Schlösser und Klöster organisiert. Der helle Haufen war an 8.000 Mann stark und hatte
Kanonen und 3.000 Handbüchsen. Auch
Florian Geyer
, ein fränkischer Ritter,
schloß sich ihm an und bildete die Schwarze Schar, ein Elitekorps, das besonders aus der
Rothenburger und Öhringer Landwehr sich rekrutierte.

Der württembergsche Vogt in Neckarsulm, Graf Ludwig von Helfenstein, eröffnete die
Feindseligkeiten. Er ließ alle Bauern, die ihm in die Hände fielen, ohne weiteres
niedermachen. Der helle Haufen zog ihm entgegen. Diese Metzeleien sowie die eben eingetroffene
Nachricht von der Niederlage des Leipheimer Haufens, von Jakob Wehes Hinrichtung und den
Grausamkeiten des Truchseß erbitterten die Bauern. Der Helfensteiner, der sich nach
Weinsberg hineingeworfen hatte, wurde hier angegriffen. Das Schloß wurde von Florian Geyer
gestürmt, die Stadt nach längerem Kampf genommen und Graf Ludwig nebst mehreren Rittern
gefangen. Am nächsten Tag, am 17. April, hielt Jäcklein Rohrbach mit den
entschiedensten Leuten des Haufens Gericht über die Gefangenen und ließ ihrer
vierzehn, den Helfensteiner an der Spitze, durch die Spieße jagen - den schimpflichsten
Tod, den er sie erdulden lassen konnte. Die Einnahme von Weinsberg und die terroristische Rache
Jäckleins an dem Helfensteiner verfehlten ihre Wirkung auf den Adel nicht. Die Grafen von
Löwenstein traten der Bauernverbindung bei, die von Hohenlohe, die schon früher
zugetreten waren, aber noch keine Hülfe geleistet hatten, schickten sofort das verlangte
Geschütz und Pulver.

Die Hauptleute berieten darüber, ob sie nicht Götz von Berlichingen zum Hauptmann
nehmen sollten, "da dieser den Adel zu ihnen bringen könne". Der Vorschlag fand Anklang;
aber Florian Geyer, der in dieser Stimmung der Bauern und Hauptleute den Anfang einer Reaktion
sah, trennte sich hierauf mit seiner Schwarzen Schar vom Haufen, durchstreifte auf eigne Faust
zuerst die Neckargegend, dann das Würzburgische und zerstörte überall die
Schlösser und Pfaffennester.

Der Rest des Haufens zog nun zunächst gegen Heilbronn. In dieser mächtigen freien
Reichsstadt stand, wie fast überall, der Ehrbarkeit eine bürgerliche und eine
revolutionäre Opposition entgegen. Die letztere, im geheimen Einverständnis mit den
Bauern, öffnete während eines Tumults schon am 17. April G[eorg] Metzler und
Jäcklein Rohrbach die Tore. Die Bauernchefs nahmen

mit
ihren Leuten Besitz von der Stadt, die in die Brüderschaft aufgenommen wurde und 1.200
Gulden Geld sowie ein Fähnlein Freiwilliger stellte. Nur die Geistlichkeit und die
Besitzungen der Deutschordensherren wurden gebrandschatzt. Am 22. zogen die Bauern wieder ab,
nachdem sie eine kleine Besatzung hinterlassen hatten. Heilbronn sollte das Zentrum der
verschiedenen Haufen werden, die auch wirklich Delegierte hinschickten und über gemeinsame
Aktion und gemeinsame Forderungen der Bauernschaften berieten. Aber die bürgerliche
Opposition und die seit dem Einmarsch der Bauern mit ihr verbündete Ehrbarkeit hatten jetzt
wieder die Oberhand in der Stadt, verhinderten alle energischen Schritte und warteten nur auf das
Herannahen der fürstlichen Heere, um die Bauern definitiv zu verraten.

Die Bauern zogen dem Odenwald zu. Am 24. April mußte Götz von Barlichingen, der
sich wenige Tage vorher zuerst dem Kurfürsten von der Pfalz, dann den Bauern, dann wieder
dem Kurfürsten angetragen hatte, in die evangelische Brüderschaft treten und das
Oberkommando des hellen
lichten
Haufens (im Gegensatz zum
schwarzen
Haufen Florian
Geyers) übernehmen. Er war aber zu gleicher Zeit Gefangener der Bauern, die ihn
mißtrauisch überwachten und ihn an den Beirat der Hauptleute banden, ohne die er
nichts tun konnte. Götz und Metzler zogen nun mit der Masse der Bauern über Buchen nach
Amorbach, wo sie vom 30. April bis 5. Mai blieben und das ganze Mainzische insurgierten. Der Adel
wurde überall zum Anschluß gezwungen und seine Schlösser dadurch geschont; nur
die Klöster wurden verbrannt und geplündert. Der Haufen hatte sich zusehends
demoralisiert; die energischsten Leute waren mit Florian Geyer oder mit Jäcklein Rohrbach
fort, denn auch dieser hatte sich nach der Einnahme Heilbronns getrennt. offenbar weil er, der
Richter des Grafen Helfenstein, nicht länger bei einem Haufen bleiben konnte, der sich mit
dem Adel vertragen wollte. Dies Dringen auf eine Verständigung mit dem Adel war selbst schon
ein Zeichen von Demoralisation. Bald darauf schlug Wendel Hipler eine sehr passende
Reorganisation das Haufens vor: Man solle die sich täglich anbietenden Landsknechte in
Dienst nehmen und den Haufen nicht wie bisher monatlich durch Einziehung von neuen und Entlassung
der alten Kontingente erneuern, sondern die einmal unter den Waffen befindliche,
einigermaßen geübte Mannschaft behalten. Aber die Gemeindeversammlung verwarf beide
Anträge; die Bauern waren bereits übermütig geworden und sahen den ganzen Krieg
als einen Beutezug an, wobei ihnen die Konkurrenz der Landsknechte nicht zusagen konnte und wobei
es ihnen freistehen mußte, nach Hause zu ziehen, sobald ihre Taschen gefüllt waren. In
Amorbach kam es sogar so weit, daß der Heilbronner Ratsherr Hans Berlin die "Deklaration
der zwölf Artikel", ein Akten-

stück, worin
selbst die letzten Spitzen der zwölf Artikel abgebrochen und den Bauern eine demütig
supplizierende Sprache in den Mund gelegt wurde, bei den Hauptleuten und Räten des Haufens
durchsetzte. Diesmal war die Sache den Bauern doch zu stark; sie verwarfen die Deklaration unter
großem Lärm und beharrten auf den ursprünglichen Artikeln.

Inzwischen war im Würzburgischen eine entscheidende Wendung eingetreten. Der Bischof, der
sich bei dem ersten Bauernaufstand anfangs April auf den festen Frauenberg bei Würzburg
zurückgezogen und nach allen Seiten, aber vergeblich, um Hülfe geschrieben hatte, war
endlich zur momentanen Nachgiebigkeit gezwungen worden. Am 2. Mai wurde ein Landtag
eröffnet, auf dem auch die Bauern vertreten waren. Aber ehe irgendein Resultat gewonnen
werden konnte, wurden Briefe aufgefangen, die die verräterischen Umtriebe des Bischofs
konstatierten. Der Landtag ging gleich auseinander, und die Feindseligkeiten begannen zwischen
den insurgierten Städtern und Bauern und den Bischöflichen. Der Bischof selbst entfloh
am 5. Mai nach Heidelberg; am nächsten Tag schon kam Florian Geyer und die Schwarze Schar in
Würzburg an, mit ihm
der fränkische Tauberhaufen
, der sich aus Mergentheimer,
Rothenburger und ansbachschen Bauern gebildet hatte. Am 7. Mai rückte auch Götz von
Berlichingen mit dem hellen lichten Haufen ein, und die Belagerung des Frauenbergs begann.

Im Limpurgischen und in der Gegend von Ellwangen und Hall bildete sich ein andrer, der
Gaildorfer oder
gemeine helle Haufen
, schon Ende März und Anfang April. Er trat sehr
gewaltsam auf, insurgierte die ganze Gegend, verbrannte viele Klöster und Schlösser,
u.a. auch das Schloß Hohenstaufen, zwang alle Bauern zum Mitzug und alle Adligen, selbst
die Schenken von Limpurg, zum Eintritt in die christliche Verbrüderung. Anfang Mai machte er
einen Einfall nach Württemberg, wurde aber zum Rückzug bewogen. Der Partikularismus der
deutschen Kleinstaaterei erlaubte damals sowenig wie 1848, daß die Revolutionäre
verschiedner Staatsgebiete gemeinsam agierten. Die Gaildorfer, auf ein kleines Terrain
beschränkt, fielen notwendig in sich zusammen, nachdem sie allen Widerstand auf diesem
Terrain besiegt hatten. Sie vertrugen sich mit der Stadt Gmünd und gingen mit Hinterlassung
von nur 500 Bewaffneten auseinander.

In der
Pfalz
hatten sich auf beiden Rheinufern gegen Ende April Bauernhaufen gebildet.
Sie zerstörten viele Schlösser und Klöster und nahmen am 1. Mai Neustadt a.d.
Haardt, nachdem die herübergekommenen Bruchrainer schon tags vorher Speyer zu einem Vertrag
gezwungen hatten. Der Marschall von Habern konnte mit den wenigen kurfürstlichen Truppen
nichts gegen sie ausrichten, und am 10. Mai mußte der Kurfürst mit den insurgierten
Bauern

einen Vertrag abschließen, in welchem er ihnen
Abstellung ihrer Beschwerden auf einem Landtag garantierte.

In
Württemberg
endlich war der Aufstand schon früh in einzelnen Gegenden
losgebrochen. Auf der Uracher Alb hatten die Bauern schon im Februar einen Bund gegen die Pfaffen
und Herren geschlossen, und Ende März erhoben sich die Blaubeurer, Uracher, Münsinger,
Balinger und Rosenfelder Bauern. Die Gaildorfer fielen bei Göppingen, Jäcklein Rohrbach
bei Brackenheim, die Trümmer des geschlagenen Leipheimer Haufens bei Pfullingen in
württembergisches Gebiet ein und insurgierten das Landvolk. Auch in andern Gegenden brachen
ernsthafte Unruhen aus. Schon am 6. April mußte Pfullingen mit den Bauern kapitulieren. Die
Regierung des östreichischen Erzherzogs war in der größten Verlegenheit. Sie
hatte gar kein Geld und sehr wenig Truppen. Die Städte und Schlösser waren im
schlechtesten Zustand und hatten weder Besatzung noch Munition. Selbst der Asperg war fast
schutzlos.

Der Versuch der Regierung, die Aufgebote der Städte gegen die Bauern zusammenzuziehn,
entschied ihre momentane Niederlage. Am 16. April weigerte sich das Bottwarer Aufgebot zu
marschieren und zog, statt nach Stuttgart, auf den Wunnenstein bei Bottwar, wo es den Kern eines
Lagers von Bürgern und Bauern bildete, das sich rasch vermehrte. An demselben Tage brach der
Aufstand im Zabergäu aus; das Kloster Maulbronn wurde geplündert und eine Anzahl von
Klöstern und Schlössern vollständig verwüstet. Aus dem benachbarten Bruchrain
zogen den Gäubauern Verstärkungen zu.

An die Spitze des Haufens auf dem Wunnenstein trat
Matern Feuerbacher
, Ratsherr von
Bottwar, einer der Führer der bürgerlichen Opposition, aber hinreichend kompromittiert,
um mit den Bauern gehn zu müssen. Er blieb indes fortwährend sehr gemäßigt,
verhinderte die Vollziehung des Artikelbriefs an den Schlössern und suchte überall
zwischen den Bauern und der gemäßigten Bürgerschaft zu vermitteln. Er verhinderte
die Vereinigung der Württemberger mit dem hellen lichten Haufen und bewog später
ebenfalls die Gaildorfer zum Rückzug aus Württemberg. Wegen seiner bürgerlichen
Tendenzen wurde er am 19 April abgesetzt, aber bereits am nächsten Tag wieder zum Hauptmann
ernannt. Er war unentbehrlich, und selbst als Jäcklein Rohrbach am 22. mit 200 Mann
entschlossenen Leuten den Württembergern zuzog, blieb ihm nichts übrig, als jenen in
seiner Stelle zu lassen und sich auf genaue Überwachung seiner Handlungen zu
beschränken.

Am 18. April versuchte die Regierung mit den Bauern auf dem Wunnenstein zu unterhandeln. Die
Bauern bestanden darauf, die Regierung müsse die zwölf Artikel annehmen, und dies
konnten die Bevollmächtigten natürlich nicht. Der Haufen setzte sich nun in Bewegung.
Am 20. war er in Lauffen, wo

die Abgeordneten der Regierung
zum letztenmal zurückgewiesen wurden. Am 22. stand er, 6.000 Mann stark, in Bietigheim und
bedrohte Stuttgart. Hier war der Rat größtenteils geflohen und ein
Bürgerausschuß an die Spitze der Verwaltung gesetzt. In der Bürgerschaft waren
dieselben Parteispaltungen zwischen Ehrbarkeit, bürgerlicher Opposition und
revolutionären Plebejern wie überall. Die letzteren öffneten am 25. April den
Bauern die Tore, und Stuttgart wurde sogleich besetzt. Hier wurde die Organisation des
hellen
christlichen Haufens
, wie sich die württembergischen Insurgenten jetzt nannten,
vollständig durchgeführt und Löhnung, Beuteverteilung und Verpflegung etc. in
feste Regeln gebracht. Ein Fähnlein Stuttgarter unter Theus Gerber schloß sich an.

Am 29. April zog Feuerbacher mit dem ganzen Haufen gegen die bei Schorndorf ins
Württembergische eingefallenen Gaildorfer, nahm die ganze Gegend in die Verbindung auf und
bewog dadurch die Gaildorfer zum Rückzug. Er verhinderte so, daß durch die Vermischung
mit den rücksichtslosen Gaildorfern das revolutionäre Element in seinem Haufen, an
dessen Spitze Rohrbach stand, eine gefährliche Verstärkung erhielt. Von Schorndorf zog
er auf die Nachricht, daß der Truchseß heranziehe, diesem entgegen und lagerte am 1.
Mai bei Kirchheim unter Teck.

Wir haben hiermit das Entstehen und die Entwickelung des Aufstandes in demjenigen Teil
Deutschlands geschildert, den wir als das Terrain der ersten Gruppe der Bauernhaufen betrachten
müssen. Ehe wir auf die übrigen Gruppen (Thüringen und Hessen, Elsaß,
Östreich und die Alpen) eingehn, müssen wir den Feldzug des Truchseß berichten,
in dem er, anfangs allein, später unterstützt von verschiedenen Fürsten und
Städten, diese erste Gruppe von Insurgenten vernichtete.

Wir verließen den Truchseß bei Ulm, wohin er sich Ende März wandte, nachdem
er bei Kirchheim unter Teck ein Beobachtungskorps unter Dietrich Spät zurückgelassen.
Das Korps des Truchseß, nach Herbeiziehung der in Ulm konzentrierten bündischen
Verstärkungen nicht ganz 10.000 Mann stark, wovon 7.200 Mann Infanterie, war das einzige zum
Angriffskrieg gegen die Bauern disponible Heer. Die Verstärkungen kamen nur sehr langsam
nach Ulm zusammen, teils wegen der Schwierigkeit der Werbung in insurgierten Ländern, teils
wegen des Geldmangels der Regierungen, teils weil überall die wenigen Truppen zur Besatzung
der Festungen und Schlösser mehr als unentbehrlich waren. Wie wenig Truppen die Fürsten
und Städte disponibel hatten, die nicht zum Schwäbischen Bund gehörten, haben wir
schon gesehn. Von den Erfolgen, die Georg Truchseß mit seiner Bundesarmee erfechten
würde, hing also alles ab.

Der Truchseß wandte sich zuerst gegen den

Baltringer Haufen
, der inzwischen begonnen hatte, Schlösser und Klöster in der
Umgehung des Ried zu verwüsten. Die Bauern, beim Herannahen der Bundestruppen
zurückgegangen, wurden aus den Sümpfen durch Umgehung vertrieben, gingen über die
Donau und warfen sich in die Schluchten und Wälder der Schwäbischen Alb. Hier, wo ihnen
die Reiterei und das Geschütz, die Hauptstärke der hündischen Armee, nichts
anhaben konnte, verfolgte sie der Truchseß nicht weiter. Er zog gegen die Leipheimer, die
mit 5.000 Mann bei Leipheim, mit 4.000 im Mindeltal und mit 6.000 bei Illertissen standen, die
ganze Gegend insurgierten, Klöster und Schlösser zerstörten und sich
vorbereiteten, mit allen drei Kolonnen gegen Ulm zu ziehn. Auch hier scheint bereits einige
Demoralisation unter den Bauern eingerissen zu sein und die militärische
Zuverlässigkeit des Haufens vernichtet zu haben; denn Jakob Wehe suchte von vornherein mit
dem Truchseß zu unterhandeln. Dieser aber ließ sich jetzt, wo er eine hinreichende
Truppenmacht hinter sich hatte, auf nichts ein, sondern griff am 4. April den Haupthaufen bei
Leipheim an und zersprengte ihn vollständig. Jakob Wehe und Ulrich Schön sowie zwei
andere Bauernführer wurden gefangen und enthauptet; Leipheim kapitulierte, und mit einigen
Streifzügen in der Umgegend war der ganze Bezirk unterworfen.

Eine neue Rebellion der Landsknechte, durch das Verlangen der Plünderung und einer
Extralöhnung veranlaßt, hielt den Truchseß abermals bis zum 10. April auf. Dann
zog er südwestlich
gegen die Baltringer
, die inzwischen in seine Herrschaften
Waldburg, Zeil und Wolfegg eingefallen waren und seine Schlösser belagerten. Auch hier fand
er die Bauern zersplittert und schlug sie am 11. und 12. April nacheinander in einzelnen
Gefechten, die den Baltringer Haufen ebenfalls vollständig auflösten. Der Rest zog sich
unter dem Pfaffen Florian auf den
Seehaufen
zurück. Gegen diesen wandte sich nun der
Truchseß. Der Seehaufen, der inzwischen nicht nur Streifzüge gemacht, sondern auch die
Städte Buchhorn (Friedrichshafen) und Wollmatingen in die Verbrüderung gebracht hatte,
hielt am 13. großen Kriegsrat im Kloster Salem und beschloß, dem Truchseß
entgegenzuziehn. Sofort wurde überall Sturm geläutet, und 10.000 Mann, zu denen noch
die geschlagenen Baltringer stießen, versammelten sich im Bermatinger Lager. Sie bestanden
am 15. April ein günstiges Gefecht mit dem Truchseß, der seine Armee hier nicht in
einer Entscheidungsschlacht aufs Spiel setzen wollte und vorzog zu unterhandeln, um so mehr, als
er erfuhr, daß die Allgäuer und Hegauer ebenfalls heranrückten. Er schloß
also am 17. April mit den Seebauern und Baltringern zu Weingarten einen für sie scheinbar
ziemlich günstigen Vertrag, auf den die Bauern ohne Bedenken eingingen. Er brachte es ferner
dahin, daß die Dele-

gierten der Ober- und
Unterallgäuer diesen Vertrag ebenfalls annahmen, und zog dann nach Württemberg ab.

Die List des Truchseß rettete ihn hier vor sicherem Untergang. Hätte er nicht
verstanden, die schwachen, beschränkten, größtenteils schon demoralisierten
Bauern und ihre meist unfähigen, ängstlichen und bestechlichen Führer zu
betören, so war er mit seiner kleinen Armee zwischen vier Kolonnen, zusammen mindestens
25.000 bis 30.000 Mann stark, eingeschlossen und unbedingt verloren. Aber die bei Bauernmassen
immer unvermeidliche Borniertheit seiner Feinde machte es ihm möglich, sich ihrer gerade in
dem Moment zu entledigen, wo sie den ganzen Krieg, wenigstens für Schwaben und Franken, mit
einem Schlage beendigen konnten. Die Seebauern hielten den Vertrag, mit dem sie schließlich
natürlich geprellt wurden, so genau, daß sie später gegen ihre eignen
Bundesgenossen, die Hegauer, die Waffen ergriffen; die Allgäuer, durch ihre Führer in
den Verrat verwickelt, sagten sich zwar gleich davon los, aber inzwischen war der Truchseß
aus der Gefahr.

Die Hegauer, obwohl nicht in den Weingarter Vertrag eingeschlossen, gaben gleich darauf einen
neuen Beleg von der grenzenlosen Lokalborniertheit und dem eigensinnigen Provinzialismus, der den
ganzen Bauernkrieg zugrunde richtete. Nachdem der Truchseß vergeblich mit ihnen
unterhandelt hatte und nach Württemberg abmarschiert war, zogen sie ihm nach und blieben ihm
fortwährend in der Flanke; es fiel ihnen aber nicht ein, sich mit dem württembergischen
hellen christlichen Haufen zu vereinigen, und zwar aus dem Grunde, weil die Württemberger
und Neckartaler ihnen auch einmal Hülfe abgeschlagen hatten. Als daher der Truchseß
sich weit genug von ihrer Heimat entfernt hatte, kehrten sie ruhig wieder um und zogen gegen
Freiburg.

Wir verließen die Württemberger unter Matern Feuerbacher bei Kirchheim unter Teck,
von wo das vom Truchseß zurückgelassene Beobachtungskorps unter Dietrich Spät
sich nach Urach zurückgezogen hatte. Nach einem vergeblichen Versuch auf Urach wandte sich
Feuerbacher nach Nürtingen und schrieb an alle benachbarten Insurgentenhaufen um Zuzug
für die Entscheidungsschlacht. Es kamen in der Tat sowohl aus dem württembergischen
Unterland wie aus dem Gäu bedeutende Verstärkungen. Namentlich rückten die
Gäubauern, die sich um die bis nach Westwürttemberg zurückgegangenen Trümmer
der Leipheimer gesammelt und das ganze obere Neckar- und Nagoldtal bis nach Böblingen und
Leonberg insurgiert hatten, in zwei starken Haufen heran und vereinigten sich am 5. Mai in
Nürtingen mit Feuerbacher. Bei Böblingen stieß der Truchseß auf die
vereinigten Haufen. Ihre Zahl, ihr Geschütz und ihre Stellung machten ihn stutzig; er fing
nach seiner üblichen

Methode sofort Unterhandlungen an
und schloß einen Waffenstillstand mit den Bauern. Kaum hatte er sie hierdurch sicher
gemacht, so überfiel er sie am 12. Mai
während des Waffenstillstandes
und zwang
sie zu einer Entscheidungsschlacht. Die Bauern leisteten langen und tapferen Widerstand, bis
endlich Böblingen dem Truchseß durch den Verrat der Bürgerschaft überliefert
wurde. Der linke Flügel der Bauern war hiermit seines Stützpunktes beraubt, wurde
geworfen und umgangen. Hierdurch war die Schlacht entschieden. Die undisziplinierten Bauern
gerieten in Unordnung und bald in wilde Flucht; was nicht von den bündischen Reitern
niedergemacht oder gefangen wurde, warf die Waffen weg und eilte nach Hause. Der "helle
christliche Haufen", und mit ihm die ganze württembergische Insurrektion, war
vollständig aufgelöst. Theus Gerber entkam nach Eßlingen, Feuerbacher floh nach
der Schweiz, Jäcklein Rohrbach wurde gefangen und in Ketten bis Neckargartach mitgeschleppt,
wo ihn der Truchseß an einen Pfahl ketten, ringsherum Holz aufschichten und so bei
langsamem Feuer lebendig braten ließ, während er selbst, mit seinen Rittern zechend,
sich an diesem ritterlichen Schauspiel weidete.

Von Neckargartach aus unterstützte der Truchseß durch einen Einfall in den
Kraichgau die Operationen des Kurfürsten von der Pfalz. Dieser, der inzwischen Truppen
gesammelt, brach auf die Nachricht von den Erfolgen des Truchseß sofort den Vertrag mit den
Bauern, überfiel am 23. Mai den Bruchrain, nahm und verbrannte Malsch nach heftigem
Widerstande, plünderte eine Anzahl von Dörfern und besetzte Bruchsal. Zu gleicher Zeit
überfiel der Truchseß Eppingen und nahm den dortigen Chef der Bewegung, Anton
Eisenhut, gefangen, den der Kurfürst nebst einem Dutzend anderer Bauernführer sogleich
hinrichten ließ. Der Bruchrain und Kraichgau waren hiermit pazifiziert und mußten
gegen 40.000 Gulden Brandschatzung zahlen. Die beiden Heere des Truchsessen - auf 6.000 Mann
reduziert durch die bisherigen Schlachten - und des Kurfürsten (6.500 Mann) vereinigten sich
nun und zogen den Odenwäldern entgegen.

Die Nachricht von der Böblinger Niederlage hatte überall Schrecken unter den
Insurgenten verbreitet. Die freien Reichsstädte, soweit sie unter die drückende Hand
der Bauern geraten waren, atmeten plötzlich wieder auf. Heilbronn war die erste, die zur
Versöhnung mit dem Schwäbischen Bund Schritte tat. In Heilbronn saßen die
Bauernkanzlei und die Delegierten der verschiedenen Haufen, um die Anträge zu beraten, die
im Namen sämtlicher Insurgierten Bauern an Kaiser und Reich gestellt werden sollten. In
diesen Verhandlungen, die ein allgemeines, für ganz Deutschland gültiges Resultat haben
sollten, stellte sich abermals heraus, wie kein einzelner Stand, auch der der Bauern nicht, weit
genug entwickelt war, um von seinem Standpunkt aus

die
gesamten deutschen Zustände neu zu gestalten. Es zeigte sich sogleich, daß man zu
diesem Zweck den Adel und ganz besonders die Bürgerschaft gewinnen mußte.
Wendel
Hipler
bekam hiermit die Leitung der Verhandlungen in seine Hände. Wendel Hipler
erkannte von allen Führern der Bewegung die bestehenden Verhältnisse am richtigsten. Er
war kein weitgreifender Revolutionär wie Münzer, kein Repräsentant der Bauern wie
Metzler oder Rohrbach. Seine vielseitige Erfahrung, seine praktische Kenntnis der Stellung der
einzelnen Stände gegeneinander verhinderte ihn, einen der in der Bewegung verwickelten
Stände gegen die andern ausschließlich zu vertreten. Gerade wie Münzer, als
Repräsentant der ganz außer dem bisherigen offiziellen Gesellschaftsverband stehenden
Klasse, der Anfänge des Proletariats, zur Vorahnung des Kommunismus getrieben wurde,
geradeso kam Wendel Hipler, der Repräsentant sozusagen des Durchschnitts aller progressiven
Elemente der Nation, bei der Vorahnung der
modernen bürgerlichen Gesellschaft
an. Die
Grundsätze, die er vertrat, die Forderungen, die er aufstellte, waren zwar nicht das
unmittelbar Mögliche, sie waren aber das, etwas idealisierte, notwendige Resultat der
bestehenden Auflösung der feudalen Gesellschaft; und die Bauern, sobald sie sich darangaben,
für das ganze Reich Gesetzentwürfe zu machen, waren genötigt, darauf einzugehn. So
nahm die Zentralisation, die von den Bauern gefordert wurde, hier in Heilbronn eine positivere
Gestalt an, eine Gestalt, die von der Vorstellung der Bauern über sie indes himmelweit
verschieden war. So wurde sie z.B. in der Herstellung der Einheit von Münze, Maß und
Gewicht, in der Aufhebung der inneren Zölle etc. näher bestimmt, kurz, in Forderungen,
die weit mehr im Interesse der Städtebürger als der Bauern waren. So wurden dem Adel
Konzessionen gemacht, die sich den modernen Ablösungen bedeutend nähern und die auf die
schließliche Verwandlung des feudalen Grundbesitzes in bürgerlichen hinausliefen.
Kurz, sobald die Forderungen der Bauern zu einer "Reichsreform" zusammengefaßt wurden,
mußten sie sich nicht den momentanen Forderungen, aber den definitiven Interessen der
Bürger unterordnen.

Während diese Reichsreform in Heilbronn noch debattiert wurde, reiste der Verfasser der
"Deklaration der zwölf Artikel", Hans Berlin, schon dem Truchseß entgegen, um im Namen
der Ehrbarkeit und Bürgerschaft wegen Übergabe der Stadt zu unterhandeln.
Reaktionäre Bewegungen in der Stadt unterstützten den Verrat, und Wendel Hipler
mußte mit den Bauern fliehen. Er ging nach Weinsberg, wo er die Trümmer der
Württemberger und die wenige mobile Mannschaft der Gaildorfer zu sammeln suchte. Aber das
Herannahen des Kurfürsten von der Pfalz und des Truchseß vertrieb ihn auch von hier,
und so mußte er nach Würzburg gehn, um den hellen lichten Haufen

in Bewegung zu bringen. Die bündischen und kurfürstlichen
Truppen unterwarfen indes die ganze Neckargegend, zwangen die Bauern, neu zu huldigen,
verbrannten viele Dörfer und erstachen oder hängten alle flüchtigen Bauern, deren
sie habhaft wurden. Weinsberg wurde, zur Rache für die Hinrichtung des Helfensteiners,
niedergebrannt.

Die vor Würzburg vereinigten Haufen hatten inzwischen den Frauenberg belagert und am 15.
Mai, noch ehe die Bresche geschossen war, einen tapfern, aber vergeblichen Sturm auf die Festung
versucht. 400 der besten Leute, meist von Florian Geyers Schar, blieben in den Gräben tot
oder verwundet liegen. Zwei Tage später, am 17., kam Wendel Hipler an und ließ einen
Kriegsrat halten. Er schlug vor, nur 4.000 Mann vor dem Frauenberg zu lassen und mit der ganzen,
an 20.000 Mann starken Hauptmacht unter den Augen des Truchseß bei Krautheim an der Jagst
ein Lager zu beziehen, auf das sich alle Verstärkungen konzentrieren könnten. Der Plan
war vortrefflich; nur durch Zusammenhalten der Massen und durch Überzahl konnte man hoffen,
das jetzt an 13.000 Mann starke fürstliche Heer zu schlagen. Aber schon war die
Demoralisation und Entmutigung unter den Bauern zu groß geworden, um noch irgendeine
energische Aktion zuzulassen. Götz von Berlichingen, der bald darauf offen als Verräter
auftrat, mag auch dazu beigetragen haben, den Haufen hinzuhalten, und so wurde der Hiplersche
Plan nie ausgeführt. Statt dessen wurden die Haufen, wie immer, zersplittert. Erst am 23.
Mai setzte sich der helle lichte Haufen in Bewegung, nachdem die Franken versprochen hatten,
schleunigst zu folgen. Am 26. wurden die in Würzburg lagernden
markgräflich-ansbachschen Fähnlein heimgerufen durch die Nachricht, daß der
Markgraf die Feindseligkeiten gegen die Bauern eröffnet habe. Der Rest des Belagerungsheers,
nebst Florian Geyers Schwarzer Schar, nahm Position bei Heidingsfeld, nicht weit von
Würzburg.

Der helle lichte Haufen kam am 24. Mai in Krautheim an, in einem wenig schlagfertigen Zustand.
Hier hörten viele, daß ihre Dörfer inzwischen dem Truchseß gehuldigt
hatten, und nahmen dies zum Vorwand, um nach Hause zu gehn. Der Haufe zog weiter nach Neckarsulm
und unterhandelte am 28. mit dem Truchseß. Zugleich wurden Boten an die Franken,
Elsässer und Schwarzwald-Hegauer mit der Aufforderung zu schleunigem Zuzug geschickt. Von
Neckarsulm marschierte Götz [von Berlichingen] auf Öhringen zurück. Der Haufe
schmolz täglich zusammen; auch Götz von Berlichingen verschwand während des
Marsches; er war heimgeritten, nachdem er schon früher durch seinen alten
Waffengefährten Dietrich Spät mit dem Truchseß wegen seines Übertritts
unterhandelt hatte. Bei Öhringen, infolge falscher Nachrichten über das Herannahen des
Feindes, ergriff plötzlich ein panischer

Schreck die
rat- und mutlose Masse; der Haufen lief in voller Unordnung auseinander, und nur mit Mühe
konnten Metzler und Wendel Hipler etwa 2.000 Mann zusammenhalten, die sie wieder auf Krautheim
führten. Inzwischen war das fränkische Aufgebot, 5.000 Mann stark, herangekommen, aber
durch einen von Götz offenbar in verräterischer Absicht angeordneten Seitenmarsch
über Löwenstein nach Öhringen verfehlte es den hellen Haufen und zog auf
Neckarsulm. Dies Städtchen, von einigen Fähnlein des hellen lichten Haufens besetzt,
wurde vom Truchseß belagert. Die Franken kamen in der Nacht an und sahen die Feuer des
bündischen Lagers; aber ihre Führer hatten nicht den Mut, einen Überfall zu wagen,
und zogen sich nach Krautheim zurück, wo sie endlich den Rest des hellen lichten Haufens
fanden. Neckarsulm ergab sich, als kein Entsatz kam, am 29. an die Bündischen, der
Truchseß ließ sofort dreizehn Bauern hinrichten und zog dann sengend und brennend,
plündernd und mordend den Haufen entgegen. Im ganzen Neckar-, Kocher- und Jagsttal
bezeichneten Schutthaufen und an den Bäumen aufgehängte Bauern seinen Weg.

Bei Krautheim stieß das bündische Heer auf die Bauern, die sich, durch eine
Flankenbewegung des Truchseß gezwungen, auf Königshofen an der Tauber
zurückgezogen. Hier faßten sie, 8.000 Mann mit 32 Kanonen, Position. Der
Truchseß näherte sich ihnen hinter Hügeln und Wäldern versteckt, ließ
Umgehungskolonnen vorrücken und überfiel sie am 2. Juni mit solcher Übermacht und
Energie, daß sie trotz der hartnäckigsten, bis in die Nacht fortgesetzten Gegenwehr
mehrerer Kolonnen vollständig geschlagen und aufgelöst wurden. Wie immer, trug auch
hier die bündische Reiterei, "der Bauern Tod", hauptsächlich zur Vernichtung des
Insurgentenheers bei, indem sie sich auf die durch Artillerie, Büchsenfeuer und
Lanzenangriffe erschütterten Bauern warf, sie vollständig zersprengte und einzeln
niedermachte. Welche Art von Krieg der Truchseß mit seinen Reitern führte, beweist das
Schicksal der 300 Königshofener Bürger, die beim Bauernheer waren. Sie wurden
während der Schlacht bis auf fünfzehn niedergehauen, und von diesen fünfzehn
wurden nachträglich noch vier enthauptet.

Nachdem er so mit den Odenwäldern, Neckartalern und Niederfranken fertig geworden,
pazifizierte der Truchseß durch Streifzüge, Verbrennung ganzer Dörfer und
zahllose Hinrichtungen die ganze Umgegend und zog dann gegen Würzburg. Unterwegs erfuhr er,
daß der zweite fränkische Haufe unter Florian Geyer und Gregor von Burgbernheim bei
Sulzdorf stand, und sofort wandte er sich gegen diesen.

Florian Geyer, der seit dem vergeblichen Sturm auf den Frauenberg hauptsächlich mit den
Fürsten und Städten, namentlich mit Rothenburg und

dem Markgrafen Kasimir von Ansbach, wegen ihres Beitritts zur
Bauernverbrüderung unterhandelt hatte, wurde durch die Nachricht der Königshofener
Niederlage plötzlich abgerufen. Mit seinem Haufen vereinigte sich der ansbachsche unter
Gregor von Burgbernheim. Dieser Haufe hatte sich erst neuerdings gebildet. Der Markgraf Kasimir
hatte in echt hohenzollerscher Weise den Bauernaufstand in seinem Gebiet teils durch
Versprechungen, teils durch drohende Truppenmassen im Schach zu halten gewußt. Er hielt
vollständige Neutralität gegen alle fremden Haufen, solange sie keine ansbachschen
Untertanen an sich zogen. Er suchte den Haß der Bauern hauptsächlich auf die
geistlichen Stifter zu lenken, durch deren schließliche Konfiskation er sich zu bereichern
gedachte. Dabei rüstete er fortwährend und wartete die Ereignisse ab. Kaum war die
Nachricht von der Schlacht bei Böblingen eingetroffen, als er sofort die Feindseligkeiten
gegen seine rebellischen Bauern eröffnete, ihnen die Dörfer plünderte und
verbrannte und viele von ihnen hängen und niedermachen ließ. Die Bauern jedoch zogen
sich rasch zusammen und schlugen ihn, unter Gregor von Burgbernheim, am 29. Mai bei Windsheim.
Während sie ihn noch verfolgten, erreichte sie der Ruf der bedrängten Odenwälder,
und sofort wandten sie sich nach Heidingsfeld und von dort mit Florian Geyer wieder nach
Würzburg (2. Juni). Hier ließen sie, stets ohne Nachricht von den Odenwäldern,
5.000 Bauern zurück und zogen mit 4.000 Mann - der Rest war auseinandergelaufen - den
übrigen nach. Durch falsche Nachrichten über den Ausfall der Schlacht bei
Königshofen sicher gemacht, wurden sie bei
Sulzdorf
vom Truchseß
überfallen und total geschlagen. Wie gewöhnlich richteten die Reiter und Knechte des
Truchsessen ein furchtbares Blutbad an. Florian Geyer hielt den Rest seiner Schwarzen Schar, 600
Mann, zusammen und schlug sich durch nach dem Dorf Ingolstadt. 200 Mann besetzten die Kirche und
den Kirchhof, 400 das Schloß. Die Pfälzer hatten ihn verfolgt, eine Kolonne von 1.200
Mann nahm das Dorf und zündete die Kirche an; was nicht in den Flammen unterging, wurde
niedergemacht. Dann schossen die Pfälzer Bresche in die baufällige Mauer des Schlosses
und versuchten den Sturm. Zweimal von den Bauern, die hinter einer inneren Mauer gedeckt standen,
zurückgeschlagen, schossen sie auch diese zweite Mauer zusammen und versuchten dann den
dritten Sturm, der auch gelang. Die Hälfte von Geyers Leuten wurde zusammengehauen; mit den
letzten zweihundert entkam er glücklich. Aber sein Zufluchtsort wurde schon am nächsten
Tage (Pfingstmontag) entdeckt; die Pfälzer umzingelten den Wald, in dem er versteckt lag,
und hieben den ganzen Haufen nieder. Nur 17 Gefangene wurden während dieser zwei Tage
gemacht. Florian Geyer hatte sich mit wenigen der Entschlossensten wieder durchgeschlagen und

wandte sich nun zu den Gaildorfern, die wieder an 7.000
Mann stark zusammengetreten waren. Aber als er hinkam, fand er sie, infolge der niederschlagenden
Nachrichten von allen Seiten, größtenteils wieder aufgelöst. Er machte noch den
Versuch, die Versprengten in den Wäldern zu sammeln, wurde aber am 9. Juni bei Hall von
Truppen überrascht und fiel fechtend.

Der Truchseß, der schon gleich nach dem Sieg von Königshofen den Belagerten auf dem
Frauenberg Nachricht gegeben hatte, rückte nun auf Würzburg. Der Rat verständigte
sich heimlich mit ihm, so daß das bündische Heer in der Nacht des 7. Juni die Stadt
nebst den darin befindlichen 5.000 Bauern umzingeln und am nächsten Morgen in die vom Rat
geöffneten Tore ohne Schwertstreich einziehen konnte. Durch diesen Verrat der
Würzburger "Ehrbarkeit" wurde der letzte fränkische Bauernhaufe entwaffnet und
sämtliche Führer gefangen. Der Truchseß ließ sogleich 81 enthaupten. Hier
in Würzburg trafen nun nacheinander die verschiedenen fränkischen Fürsten ein; der
Bischof von Würzburg selbst, der von Bamberg und der Markgraf von Brandenburg-Ansbach. Die
gnädigen Herren verteilten unter sich die Rollen. Der Truchseß zog mit dem Bischof von
Bamberg, der jetzt sofort den mit seinen Bauern abgeschlossenen Vertrag brach und sein Land den
wütenden Mordbrennerhorden des bündischen Heeres preisgab. Der Markgraf Kasimir
verwüstete sein eigenes Land. Deiningen wurde verbrannt; zahllose Dörfer wurden
geplündert oder den Flammen preisgegeben; dabei hielt der Markgraf in jeder Stadt ein
Blutgericht ab. In Neustadt an der Aisch ließ er achtzehn, in Bergel dreiundvierzig
Rebellen enthaupten. Von da zog er nach Rothenburg, wo die Ehrbarkeit bereits eine
Kontrerevolution gemacht und Stephan von Menzingen verhaftet hatte. Die Rothenburger
Kleinbürger und Plebejer mußten jetzt schwer dafür büßen, daß
sie sich den Bauern gegenüber so zweideutig benommen, daß sie ihnen bis ganz zuletzt
alle Hülfe abgeschlagen, daß sie in ihrem lokalbornierten Eigennutz auf
Unterdrückung der ländlichen Gewerbe zugunsten der städtischen Zünfte
bestanden und nur widerwillig die aus den Feudalleistungen der Bauern fließenden
städtischen Einkünfte aufgegeben hatten. Der Markgraf ließ ihrer sechzehn
köpfen, voran natürlich Menzingen. - Der Bischof von Würzburg durchzog in gleicher
Weise sein Gebiet, überall plündernd, verwüstend und sengend. Er ließ auf
seinem Siegeszug 256 Rebellen hinrichten und krönte sein Werk, bei seiner Rückkehr nach
Würzburg, durch die Enthauptung von noch dreizehn Würzburgern.

Im Mainzischen stellte der Statthalter, Bischof Wilhelm von Straßburg, die Ruhe ohne
Widerstand her. Er ließ nur vier hinrichten. Der Rheingau, der ebenfalls erregt gewesen, wo
aber längst alles nach Hause gegangen war, wurde nachträglich von Frowin von Hutten,
Ulrichs Vetter, überfallen und durch

Hinrichtung von
zwölf Rädelsführern vollends "beruhigt". Frankfurt, das auch bedeutende
revolutionäre Bewegungen erlebt hatte, war anfangs durch Nachgiebigkeit des Rats,
später durch angeworbene Truppen im Zaum gehalten worden. In der Rheinpfalz hatten sich seit
dem Vertragsbruch des Kurfürsten wieder an 8.000 Bauern zusammengerottet und von neuem
Klöster und Schlösser verbrannt; aber der Trierer Erzbischof zog den Marschall von
Habern zu Hülfe und schlug sie schon am 23. Mai bei Pfeddersheim. Eine Reihe von
Grausamkeiten (in Pfeddersheim allein wurden 82 hingerichtet) und die Einnahme von
Weißenberg am 7. Juli beendeten hier den Aufstand.

Von sämtlichen Haufen blieben jetzt nur noch zwei zu besiegen: die
Hegeu-Schwarzwälder und die Allgäuer. Mit beiden hatte der Erzherzog Ferdinand
intrigiert. Wie Markgraf Kasimir und andere Fürsten den Aufstand zur Aneignung der
geistlichen Ländereien und Fürstentümer, so suchte er ihn zur
Vergrößerung der östreichischen Hausmacht zu benutzen. Er hatte mit dem
Allgäuer Hauptmann Walter Bach und mit dem Hegauer Hans Müller von Bulgenbach
unterhandelt, um die Bauern dahin zu bringen, sich für den Anschluß an Östreich
zu erklären, aber obwohl beide Chefs käuflich waren, konnten sie bei den Haufen weiter
nichts durchsetzen, als daß die Allgäuer mit dem Erzherzog einen Waffenstillstand
schlossen und die Neutralität gegen Östreich beobachteten.

Die
Hegauer
hatten auf ihrem Rückzug aus dem Württembergischen eine Anzahl
Schlösser zerstört und Verstärkungen aus den markgräflich-badischen
Ländern an sich gezogen. Sie marschierten am 13. Mai gegen Freiburg, beschossen es vom 18.
an und zogen am 23., nachdem die Stadt kapituliert hatte, mit fliegenden Fahnen hinein. Von dort
zogen sie gegen Stockach und Radolfzell und führten lange einen erfolglosen kleinen Krieg
gegen die Besatzungen dieser Städte. Diese, sowie der Adel und die umliegenden Städte,
riefen kraft des Weingarter Vertrags die Seebauern um Hülfe an, und die ehemaligen Rebellen
des Seehaufens erhoben sich, 5.000 Mann stark, gegen ihre Bundesgenossen. So stark war die
Lokalborniertheit dieser Bauern. Nur 600 weigerten sich, wollten sich den Hegauern
anschließen und wurden massakriert. Die Hegauer jedoch, durch den abgekauften Hans
Müller von Bulgenbach veranlaßt, hatten bereits die Belagerung aufgehoben und waren,
als Hans Müller gleich darauf floh, meist auseinandergegangen. Der Rest verschanzte sich an
der Hilzinger Steige, wo er am 16. Juli von den inzwischen disponibel gewordenen Truppen
geschlagen und vernichtet wurde. Die Schweizer Städte vermittelten einen Vertrag für
die Hegauer, der indes nicht verhinderte, daß Hans Müller trotz seines Verrats zu
Laufenburg verhaftet und enthauptet wurde. Im Breisgau fiel nun auch Freiburg (17. Juli) vom
Bunde der Bauern

ab und schickte Truppen gegen sie; doch
auch hier kam bei der Schwäche der fürstlichen Streitkräfte am 18. September ein
Vertrag zu Offenburg zustande, in den auch der Sundgau eingeschlossen wurde. Die acht Einungen
des Schwarzwalds und die Klettgauer, die noch nicht entwaffnet waren, wurden durch die Tyrannei
des Grafen von Sulz abermals zum Aufstand getrieben und im Oktober geschlagen. Am 13. November
wurden die Schwarzwälder zu einem Vertrag gezwungen, und am 6. Dezember fiel Waldshut, das
letzte Bollwerk der Insurrektion am Oberrhein.

Die
Allgäuer
hatten seit dem Abzug des Truchseß ihre Kampagne gegen
Klöster und Schlösser wieder aufgenommen und für die Verwüstungen der
Bündischen energische Repressalien geübt. Sie hatten wenig Truppen sich gegenüber,
die nur einzelne kleine Überfälle unternahmen, ihnen aber nie in die Wälder folgen
konnten. Im Juni brach in Memmingen, das sich ziemlich neutral gehalten hatte, eine Bewegung
gegen die Ehrbarkeit aus, die nur durch die zufällige Nähe einiger bündischen
Truppen, welche der Ehrbarkeit noch zur rechten Zeit zu Hülfe kommen konnten,
unterdrückt wurde. Schappeler, der Prediger und Führer der plebejischen Bewegung,
entkam nach Sankt Gallen. Die Bauern zogen nun vor die Stadt und wollten eben mit dem
Brescheschießen beginnen, als sie erfuhren, daß der Truchseß von Würzburg
heranzog. Am 27. Juli marschierten sie ihm in zwei Kolonnen über Babenhausen und
Obergünzburg entgegen. Der Erzherzog Ferdinand versuchte nochmals die Bauern für das
Haus Östreich zu gewinnen. Gestützt auf den Waffenstillstand, den er mit ihnen
abgeschlossen, forderte er den Truchseß auf, nicht weiter gegen sie vorzurücken. Der
Schwäbische Bund jedoch befahl ihm, sie anzugreifen und nur das Sengen und Brennen zu
lassen; der Truchseß war indes viel zu klug, um auf sein erstes und entscheidendstes
Kriegsmittel zu verzichten, selbst wenn es ihm möglich gewesen wäre, die vom Bodensee
bis an den Main von Exzeß zu Exzeß geführten Landsknechte im Zaum zu halten. Die
Bauern faßten Position hinter der Iller und Leubas, an 23.000 Mann stark. Der
Truchseß stand ihrer Front gegenüber mit 11.000 Mann. Die Stellungen beider Heere
waren stark; die Reiterei konnte auf dem vorliegenden Terrain nicht wirken, und wenn die
Landsknechte des Truchseß an Organisation, militärischen Hülfsquellen und
Disziplin den Bauern überlegen waren, so zählten die Allgäuer eine Menge gedienter
Soldaten und erfahrener Hauptleute in ihren Reihen und hatten zahlreiches, gut bedientes
Geschütz. Am 19. Juli eröffneten die Bündischen eine Kanonade, die von beiden
Seiten am 20. fortgesetzt wurde, jedoch ohne Resultat. Am 21. stieß Georg von Frundsberg
mit 3.000 Landsknechten zum Truchseß. Er kannte viele der Bauernhauptleute, die unter ihm
in den italienischen Feldzügen gedient hatten, und

knüpfte Unterhandlungen mit ihnen an. Der Verrat gelang, wo die militärischen
Hülfsmittel nicht ausreichten. Walter Bach, mehrere andere Hauptleute und
Geschützmeister ließen sich kaufen. Sie ließen den ganzen Pulvervorrat der
Bauern in Brand stecken und bewegten den Haufen zu einem Umgehungsversuch. Kaum aber waren die
Bauern aus ihrer festen Stellung heraus, so fielen sie in den Hinterhalt, den ihnen der
Truchseß nach Verabredung mit Bach und den anderen Verrätern gelegt hatte. Sie konnten
sich um so weniger verteidigen, als ihre Hauptleute, die Verräter, sie unter dem Vorwand
einer Rekognoszierung verlassen hatten und schon auf dem Wege nach der Schweiz waren. Zwei der
Bauernkolonnen wurden so vollständig zersprengt, die dritte, unter dem Knopf von Leubas,
konnte sich noch geordnet zurückziehen. Sie stellte sich wieder auf dem Kollenberg bei
Kempten, wo der Truchseß sie einschloß. Auch hier wagte er nicht, sie anzugreifen; er
schnitt ihr die Zufuhr ab und suchte sie zu demoralisieren, indem er an 200 Dörfer in der
Umgegend niederbrennen ließ. Der Hunger und der Anblick ihrer brennenden Wohnungen brachte
die Bauern endlich dahin, daß sie sich ergaben (25. Juli). Mehr als zwanzig wurden sogleich
hingerichtet. Der Knopf von Leubas, der einzige Führer dieses Haufens, der seine Fahne nicht
verraten hatte, entkam nach Bregenz; aber hier wurde er verhaftet und nach langem Gefängnis
gehängt.

Damit war der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg beendet.

## VI. Der thüringische, elsässische und östreichische Bauernkrieg

Gleich beim Ausbruch der ersten Bewegungen in Schwaben
war
Thomas Münzer
wieder nach
Thüringen
geeilt und hatte seit Ende
Februar oder anfangs März seinen Wohnsitz in der freien Reichsstadt
Mühlhausen

genommen, wo seine Partei am stärksten war. Er hatte die Fäden der ganzen Bewegung in
der Hand; er wußte, welch allgemeiner Sturm in Süddeutschland auszubrechen im Begriff
war, und hatte es übernommen, Thüringen in das Zentrum der Bewegung für
Norddeutschland zu verwandeln. Er fand einen höchst fruchtbaren Boden. Thüringen
selbst, der Hauptsitz der Reformationsbewegung, war im höchsten Grade aufgeregt; und die
materielle Not der unterdrückten Bauern nicht minder als die kursierenden
revolutionären, religiösen und politischen Doktrinen hatten auch die benachbarten
Länder, Hessen, Sachsen und die Harzgegend, für einen allgemeinen Aufstand vorbereitet.
In Mühlhausen namentlich war die ganze Masse der Kleinbürgerschaft für die
extreme, Münzersche Richtung gewonnen und konnte kaum den Moment erwarten, an dem sie ihre
Überzahl gegen die hochmütige Ehrbarkeit geltend machen sollte. Münzer selbst
mußte, um dem richtigen Moment nicht vorzugreifen, besänftigend auftreten; doch sein
Schüler Pfeifer, der hier die Bewegung dirigierte, hatte sich schon so kompromittiert,
daß er den Ausbruch nicht zurückhalten konnte, und schon am 17. März 1525, noch
vor dem allgemeinen Aufstand in Süddeutschland, machte Mühlhausen seine Revolution. Der
alte patrizische Rat wurde gestürzt und die Regierung in die Hände des
neugewählten "ewigen Rats" gelegt, dessen Präsident Münzer war.

Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er
gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif
ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der
Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. Was er tun
kann
, hängt
nicht von seinem Willen ab, sondern

von der Höhe, auf
die der Gegensatz der verschiedenen Klassen getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der
materiellen Existenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf dem der
jedesmalige Entwicklungsgrad der Klassengegensätze beruht. Was er tun
soll
, was seine
eigne Partei von ihm verlangt, hängt wieder nicht von ihm ab, aber auch nicht von dem
Entwicklungsgrad des Klassenkampfs und seiner Bedingungen; er ist gebunden an seine bisherigen
Doktrinen und Forderungen, die wieder nicht aus der momentanen Stellung der gesellschaftlichen
Klassen gegeneinander und aus dem momentanen, mehr oder weniger zufälligen Stande der
Produktions- und Verkehrsverhältnisse hervorgehn, sondern aus seiner größeren
oder geringeren Einsicht in die allgemeinen Resultate der gesellschaftlichen <(
1850
)
industriellen> und politischen Bewegung. Er findet sich so notwendigerweise in einem
unlösbaren Dilemma: Was er tun
kann
, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten,
seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei; und was er tun
soll
, ist
nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse,
sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er
muß im Interesse der Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse
durchführen und seine eigne Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung
abfertigen, daß die Interessen jener fremden Klasse ihre eignen Interessen sind. Wer in
diese schiefe Stellung gerät, ist unrettbar verloren. In der neuesten Zeit noch haben wir
Beispiele davon erlebt; wir erinnern nur an die Stellung, die in der letzten französischen
provisorischen Regierung die Vertreter des Proletariats einnahmen, obwohl sie selbst nur eine
sehr untergeordnete Entwicklungsstufe des Proletariats repräsentierten. Wer nach den
Erfahrungen der Februarregierung - von unsern edlen deutschen provisorischen Regierungen und
Reichsregentschaften nicht zu sprechen - noch auf offizielle Stellungen spekulieren kann,
muß entweder über die Maßen borniert sein oder der extrem-revolutionären
Partei höchstens mit der Phrase angehören.

Die Stellung Münzers an der Spitze des ewigen Rats von Mühlhausen war indes noch
viel gewagter als die irgendeines modernen revolutionären Regenten. Nicht nur die damalige
Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert war nicht reif für die Durchführung der Ideen,
die er selbst erst dunkel zu ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentierte, weit
entfernt, vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung und Umbildung
<(
1850
) fehlt: und Unterjochung> der ganzen Gesellschaft zu sein, war eben erst im
Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch
so wenig in den
vor-

liegenden materiellen
Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine Gesellschaftsordnung vorbereiteten,
die das gerade Gegenteil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war. Dabei aber blieb er an
seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen
Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens den Versuch ihrer Durchführung
machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die
Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamiert. Aber in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen
eine republikanische Reichsstadt mit etwas demokratisierter Verfassung, mit einem aus allgemeiner
Wahl hervorgegangenen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer eilig
improvisierten Naturalverpflegung der Armen. Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen
bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich vorkam, ging in der Tat nie hinaus über einen
schwachen und unbewußten Versuch zur übereilten Herstellung der späteren
bürgerlichen Gesellschaft.

Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar
vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen
bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse
seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit einem selbst bei ihm
unerhörten Eifer auf die Ausbreitung und Organisation der Bewegung; er schrieb Briefe und
sandte Boten und Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und Predigten atmen einen
revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen früheren Schriften in Erstaunen
setzt. Der naive jugendliche Humor der revolutionären <(
1850
)
vorrevolutionären> Münzerschen Pamphlete ist ganz verschwunden; die ruhige,
entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher nicht fremd war, kommt nicht mehr vor.
Münzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet; er schürt unaufhörlich den Haß
gegen die herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften auf und spricht nur noch
in den gewaltsamen Wendungen, die das religiöse und nationale Delirium den
alttestamentarischen Propheten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich jetzt
hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er zu wirken
hatte.

Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch in die Ferne. In

Thüringen
, im
Eichsfeld
, im
Harz
, in den
sächsischen
Herzogtümern
, in
Hessen
und
Fulda
, in
Oberfranken
und im

Vogtland
standen überall Bauern auf, zogen sich in Haufen zusammen und verbrannten
Schlösser und Klöster. Münzer war mehr oder weniger als Führer der ganzen
Bewegung anerkannt, und Mühlhausen blieb Zentralpunkt, während in Erfurt eine rein
bürgerliche

Bewegung siegte und die dort herrschende
Partei fortwährend eine zweideutige Stellung gegen die Bauern beobachtete.

Die Fürsten waren in Thüringen anfangs geradeso ratlos und ohnmächtig
gegenüber den Bauern wie in Franken und Schwaben. Erst in den letzten Tagen des April gelang
es dem Landgrafen von Hessen, ein Korps zusammenzuziehn - demselben Landgrafen Philipp, von
dessen Frömmigkeit die protestantischen und bürgerlichen Reformationsgeschichten so
viel zu rühmen wissen und von dessen Infamien gegen die Bauern wir sogleich ein geringes
Wörtlein vernehmen werden. Der Landgraf Philipp unterwarf durch ein paar rasche Züge
und durch bestimmtes Auftreten bald den größten Teil seines Landes, zog neue Aufgebote
heran und wandte sich dann ins Gebiet des Abts von Fulda, seines bisherigen Lehnsherrn. Er schlug
den Fuldaer Bauernhaufen am 3. Mai am Frauen-Berg, unterwarf das ganze Land und benutzte die
Gelegenheit, nicht nur sich von der Oberhoheit des Abts loszumachen, sondern sogar die Abtei
Fulda in ein hessisches Lehen zu verwandeln - vorbehaltlich ihrer späteren
Säkularisierung natürlich. Dann nahm er Eisenach und Langensalza und zog, mit den
herzoglich-sächsischen Truppen vereinigt, gegen den Hauptsitz der Rebellion, gegen
Mühlhausen. Münzer zog seine Streitkräfte, an 8.000 Mann mit einigem
Geschütz, bei Frankenhausen zusammen. Der thüringische Haufe war weit entfernt davon,
die Schlagfähigkeit zu besitzen, die ein Teil der oberschwäbischen und fränkischen
Haufen dem Truchseß gegenüber entwickelte; er war schlecht bewaffnet und schlecht
diszipliniert, er zählte wenig gediente Soldaten und ermangelte aller Führer.
Münzer selbst besaß offenbar nicht die geringsten militärischen Kenntnisse.
Dennoch fanden es die Fürsten angemessen, auch hier die Taktik anzuwenden, die dem
Truchseß so oft zum Sieg verholfen hatte: die Wortbrüchigkeit. Am 16. Mai leiteten sie
Unterhandlungen ein, schlossen einen Waffenstillstand und überfielen dann plötzlich die
Bauern, noch ehe der Stillstand abgelaufen war.

Münzer stand mit den Seinen auf dem noch jetzt so genannten Schlachtberg, verschanzt
hinter einer Wagenburg. Die Entmutigung unter dem Haufen war schon sehr im Zunehmen. Die
Fürsten versprachen Amnestie, wenn der Haufe ihnen Münzer lebendig ausliefern wolle.
Münzer ließ einen Kreis bilden und die Anträge der Fürsten debattieren. Ein
Ritter und ein Pfaff sprachen sich für die Kapitulation aus; Münzer ließ sie
beide sofort in den Kreis führen und enthaupten. Dieser von den entschlossenen
Revolutionären mit Jubel aufgenommene Akt terroristischer Energie brachte wieder einigen
Halt in den Haufen; aber schließlich wäre er doch zum größten Teil ohne
Widerstand auseinandergegangen, wenn man nicht bemerkt hätte, daß die

fürstlichen Landsknechte, nachdem sie den ganzen Berg
umstellt, trotz des Stillstands in geschlossenen Kolonnen heranrückten. Schnell wurde die
Front hinter den Wagen formiert, aber schon schlugen die Geschütz- und Büchsenkugeln in
die halb wehrlosen, kampfungewohnten Bauern, schon waren die Landsknechte bei der Wagenburg
angelangt. Nach kurzem Widerstand war die Wagenlinie durchbrochen, die Kanonen der Bauern waren
erobert und sie selbst versprengt. Sie flohen in wilder Unordnung, um den Umgehungskolonnen und
der Reiterei um so sicherer in die Hände zu fallen, die ein unerhörtes Blutbad unter
ihnen anrichteten. Von achttausend Bauern wurden über fünftausend erschlagen; der Rest
kam nach Frankenhausen hinein und gleichzeitig mit ihm die fürstlichen Reiter. Die Stadt war
genommen. Münzer, am Kopf verwundet, wurde in einem Hause entdeckt und gefangengenommen. Am
25. Mai ergab sich auch Mühlhausen; Pfeifer, der dort geblieben war, entkam, wurde aber im
Eisenachschen verhaftet.

Münzer wurde in Gegenwart der Fürsten auf die Folter gespannt und dann enthauptet.
Er ging mit demselben Mut auf den Richtplatz, mit dem er gelebt hatte. Er war höchstens
achtundzwanzig Jahre alt, als er hingerichtet wurde. Auch Pfeifer wurde enthauptet; außer
diesen beiden aber noch zahllose andre. In Fulda hatte der Mann Gottes, Philipp von Hessen, sein
Blutgericht begonnen; er und die sächsischen Fürsten ließen unter andern in
Eisenach 24, in Langensalza 41, nach der Frankenhauser Schlacht 300, in Mühlhausen über
100, bei Görmar 26, bei Tüngeda 50, bei Sangerhausen 12, in Leipzig 8 Rebellen mit dem
Schwert hinrichten, von Verstümmelungen und anderen gelindern Mitteln, von Plünderungen
und Verbrennungen der Dörfer und Städte gar nicht zu reden

Mühlhausen mußte sich seiner Reichsfreiheit begeben und wurde den sächsischen
Ländern einverleibt, gerade wie die Abtei Fulda der Landgrafschaft Hessen.

Die Fürsten zogen nun über den Thüringer Wald, wo fränkische Bauern aus
dem Bildhäuser Lager sich mit den Thüringern verbunden und viele Schlösser
verbrannt hatten. Vor Meiningen kam es zum Gefecht; die Bauern wurden geschlagen und zogen sich
auf die Stadt zurück. Diese verschloß ihnen plötzlich die Tore und drohte sie im
Rücken anzugreifen. Der Haufe, durch diesen Verrat seiner Bundesgenossen ins Gedränge
gebracht, kapitulierte mit den Fürsten und lief noch während der Verhandlung
auseinander. Das Bildhäuser Lager hatte sich längst zerstreut, und so war mit der
Zersprengung dieses Haufens der letzte Rest der Insurgenten aus Sachsen, Hessen, Thüringen
und Oberfranken vernichtet.

Im
Elsaß
war der Aufstand später losgebrochen als auf der rechten Rhein-

seite. Erst gegen die Mitte des April erhoben sich die
Bauern im Bistum Straßburg, und bald nach ihnen die Oberelsässer und Sundgauer. Am 18.
April plünderte ein niederelsässischer Bauernhaufe das Kloster Altdorf; andere Haufen
bildeten sich bei Ebersheim und Barr sowie im Willertal und Urbistal. Sie konzentrierten sich
bald zum großen Niederelsässer Haufen und organisierten die Einnahme der Städte
und Flecken sowie die Zerstörung der Klöster. Überall wurde der dritte Mann zum
Heer eingefordert. Die zwölf Artikel dieses Haufens sind bedeutend radikaler als die
schwäbisch-fränkischen.

Während eine Kolonne der Niederelsässer sich anfangs Mai bei St. Hippolyte
konzentrierte und nach einem vergeblichen Versuch, diese Stadt zu gewinnen, am 10. Mai Bercken,
am 13. Rappoltsweiler, am 14. Reichenweier durch Einverständnis mit den Bürgern in ihre
Gewalt bekam, zog eine zweite unter Erasmus Gerber aus, um Straßburg zu überrumpeln.
Der Versuch mißlang, die Kolonne wandte sich nun den Vogesen zu, zerstörte das Kloster
Maursmünster und belagerte Zabern, das sich am 13. Mai ergab. Von hier zog sie an die
lothringische Grenze und insurgierte den anstoßenden Teil des Herzogtums, während sie
zugleich die Gebirgspässe verschanzte. Bei Herbitzheim an der Saar und bei Neuburg wurden
große Lager gebildet; bei Saargemünd verschanzten sich 4.000 deutsch-lothringische
Bauern; zwei vorgeschobene Haufen endlich, der Kolbenhaufen in den Vogesen bei Stürzelbronn,
der Kleeburger Haufe bei Weißenburg, deckten Front und rechte Flanke, während sich die
linke Flanke an die Oberelsässer anlehnte.

Diese, seit dem 20. April in Bewegung, hatten am 10. Mai Sulz, am 12. Gebweiler, am 15.
Sennheim und Umgegend in die Bauernverbrüderung gezwungen. Die östreichische Regierung
und die umliegenden Reichsstädte verbanden sich zwar sogleich gegen sie, waren aber zu
schwach, ihnen ernsthaften Widerstand zu leisten, geschweige sie anzugreifen. So war, mit
Ausnahme weniger Städte, bis Mitte Mai das ganze Elsaß in den Händen der
Inurgenten.

Aber schon nahte das Heer, das den Frevelmut der Elsässer Bauern brechen sollte. Es waren

Franzosen
, die hier die Restauration der Adelsherrschaft vollzogen. Der Herzog Anton von
Lothringen setzte sich bereits am 6. Mai mit einer Armee von 30.000 Mann in Bewegung, darunter
die Blüte des französischen Adels und spanische, piemontesische, lombardische,
griechische und albanesische Hülfstruppen. Am 16. Mai stieß er bei Lützelstein
auf 4.000 Bauern, die er ohne Mühe schlug, und am 17. schon zwang er das von den Bauern
besetzte Zabern zur Kapitulation. Aber noch während des Einzugs der Lothringer in die Stadt
und der Entwaffnung der Bauern wurde die

Kapitulation
gebrochen; die wehrlosen Bauern wurden von den Landsknechten überfallen und
größtenteils niedergemacht. Die übrigen niederelsässischen Kolonnen
zerstreuten sich, und Herzog Anton zog nun den Oberelsässern entgegen. Diese, die sich
geweigert hatten, den Niederelsässern nach Zabern zuzuziehn, wurden nun bei Scherweiler von
der ganzen Macht der Lothringer angegriffen. Sie wehrten sich mit großer Tapferkeit, aber
die enorme Übermacht - 30.000 gegen 7.000 - und der Verrat einer Anzahl Ritter, besonders
des Vogts von Reichenweier, vereitelte alle Bravour. Sie wurden vollständig geschlagen und
zersprengt. Der Herzog pazifizierte nun den ganzen Elsaß mit üblicher Grausamkeit. Nur
der Sundgau blieb von seiner Anwesenheit verschont. Die östreichische Regierung brachte hier
durch die Drohung, ihn ins Land zu rufen, ihre Bauern anfangs Juni zum Abschluß des
Vertrags von Ensisheim. Sie selbst aber brach diesen Vertrag sogleich wieder und ließ die
Prediger und Führer der Bewegung massenweise hängen. Die Bauern machten hierauf einen
neuen Aufstand, der endlich damit endigte, daß die Sundgauer Bauern in den Vertrag zu
Offenburg (18. September) eingeschlossen wurden.

Es bleibt uns jetzt noch der Bauernkrieg in den
östreichischen Alpenländern

zu berichten. Diese Gegenden sowie das anstoßende
Erzbistum Salzburg
waren seit der

stara prawa
in fortwährender Opposition gegen Regierung und
Adel, und die reformierten Lehren hatten auch hier einen günstigen Böden gefunden.
Religiöse Verfolgungen und willkürliche Steuerbedrückungen brachten den Aufstand
zum Losbruch.

Die Stadt
Salzburg
, unterstützt von den Bauern und Bergknappen, hatte schon seit
1522 mit dem Erzbischof wegen ihrer städtischen Privilegien und wegen der
Religionsübung im Streit gelegen. Ende 1524 überfiel der Erzbischof die Stadt mit
angeworbnen Landsknechten, terrorisierte sie durch die Kanonen des Schlosses und verfolgte die
ketzerischen Prediger. Zugleich schrieb er neue, drückende Steuern aus und reizte die ganze
Bevölkerung dadurch aufs äußerste. Im Frühjahr 1525, gleichzeitig mit der
schwäbisch-fränkischen und thüringischen Insurrektion, erhoben sich plötzlich
die Bauern und Bergleute des ganzen Landes, organisierten sich in Haufen unter den Hauptleuten

Praßler
und
Weitmoser
, befreiten die Stadt und belagerten das Schloß
Salzburg. Sie schlossen, wie die westdeutschen Bauern, einen christlichen Bund und faßten
ihre Forderungen in Artikeln zusammen, deren hier vierzehn waren.

Auch in
Steiermark
,
Oberöstreich
,
Kärnten
und
Krain
, wo
neue ungesetzliche Steuern, Zölle und Verordnungen das Volk in seinen nächsten
Interessen

schwer verletzt hatten, standen die Bauern im
Frühjahr 1525 auf. Sie nahmen eine Anzahl Schlösser und schlugen den Besieger der stara
prawa, den alten Feldhauptmann Dietrichstein, bei Gryß. Obgleich es den Vorspiegelungen der
Regierung gelang, einen Teil der Insurgenten zu beschwichtigen, blieb die Masse doch zusammen und
vereinigte sich mit den Salzburgern, so daß das ganze Salzburgische und der
größte Teil von Oberöstreich, Steiermark, Kärnten und Krain in den
Händen der Bauern und Bergknappen war.

In Tirol hatten ebenfalls die reformierten Lehren großen Anhang gefunden; hier waren
sogar, noch mehr als in den übrigen östreichischen Alpenländern, Münzersche
Emissäre mit Erfolg tätig gewesen. Der Erzherzog Ferdinand verfolgte die Prediger der
neuen Lehre auch hier und griff ebenfalls durch neue willkürliche Finanzregulationen in die
Vorrechte der Bevölkerung ein. Die Folge war, wie überall, der Aufstand im
Frühling desselben Jahres 1525. Die Insurgenten, deren oberster Hauptmann ein
Münzerscher war, Geismaier, das einzige bedeutende militärische Talent unter
sämtlichen Bauernchefs, nahmen eine Menge Schlösser und verfuhren namentlich im
Süden, im Etschgebiet, sehr energisch gegen die Pfaffen. Auch die Vorarlberger standen auf
und schlossen sich den Allgäuern an.

Der Erzherzog, von allen Seiten bedrängt, machte den Rebellen, die er noch kurz vorher
mit Sengen und Brennen, Plündern und Morden hatte ausrotten wollen, Konzession über
Konzession. Er berief die Landtage der Erblande ein und schloß bis zu ihrem Zusammentritt
Waffenstillstand mit den Bauern. Inzwischen rüstete er nach Kräften, um möglichst
bald eine andre Sprache mit den Frevlern führen zu können.

Der Waffenstillstand wurde natürlich nicht lange gehalten. In den Herzogtümern fing
Dietrichstein, dem das Geld ausging, an zu brandschatzen. Seine slawischen und magyarischen
Truppen erlaubten sich zudem die schamlosesten Grausamkeiten gegen die Bevölkerung. Die
Steirer standen also wieder auf, überfielen in der Nacht vom 2. zum 3. Juli den
Feldhauptmann Dietrichstein in Schladming und machten alles nieder, was nicht deutsch sprach.
Dietrichstein selbst wurde gefangen; am Morgen des 3. wurde von den Bauern ein Geschwornengericht
eingesetzt und 40 tschechische und kroatische Adlige aus den Gefangnen zum Tode verurteilt. Sie
wurden sofort enthauptet. Das wirkte; der Erzherzog genehmigte sofort alle Forderungen der
Stände der fünf Herzogtümer (Ober- und Niederöstreich, Steiermark,
Kärnten und Krain).

Auch in Tirol wurden die Forderungen des Landtags bewilligt und dadurch der Norden
pazifiziert. Der Süden jedoch, auf seinen ursprünglichen Forderungen gegenüber den
abgeschwächten Landtagsbeschlüssen beharrend,

blieb unter den Waffen. Erst im Dezember konnte der Erzherzog hier die Ordnung durch Gewalt
wiederherstellen. Er unterließ nicht, eine große Anzahl der in seine Hände
gefallenen Anstifter und Führer des Aufruhrs hinrichten zu lassen.

Gegen Salzburg zogen nun im August 10.000 Bayern unter Georg von Frundsberg. Diese imposante
Truppenmacht sowie Zwistigkeiten, die unter den Bauern ausgebrochen waren, bewogen die Salzburger
zum Abschluß eines Vertrags mit dem Erzbischof, der am 1. September zustande kam und den
auch der Erzherzog annahm. Die beiden Fürsten, die inzwischen ihre Truppen genügend
verstärkt hatten, brachen diesen Vertrag jedoch sehr bald und trieben dadurch die Salzburger
Bauern zu einem erneuerten Aufstand. Die Insurgenten hielten sich den Winter über; im
Frühjahr kam Geismaier zu ihnen und eröffnete eine glänzende Kampagne gegen die
von allen Seiten heranrückenden Truppen. In einer Reihe brillanter Gefechte schlug er - im
Mai und Juni 1526 - nacheinander Bayern, Östreicher, schwäbische Bundestruppen und
erzbischöflich-salzburgische Landsknechte und hinderte lange die verschiednen Korps an ihrer
Vereinigung. Dazwischen fand er noch Zeit, Radstadt zu belagern. Von der Übermacht endlich
auf allen Seiten umzingelt, mußte er abziehn, schlug sich durch und führte die Truppen
seines Korps mitten durch die östreichischen Alpen auf venetianisches Gebiet. Die Republik
Venedig und die Schweiz boten dem unermüdlichen Bauernchef Anhaltspunkte zu neuen Intrigen;
er versuchte noch ein Jahr lang, sie in einen Krieg gegen Östreich zu verwickeln, der ihm zu
einem wiederholten Bauernaufstand Gelegenheit bieten sollte. Aber während dieser
Unterhandlungen erreichte ihn die Hand eines Mörders; der Erzherzog Ferdinand und der
salzburgische Erzbischof waren nicht ruhig, solange Geismaier am Leben war: Sie bezahlten einen
Banditen, und diesem gelang es, den gefährlichen Rebellen 1527 aus der Welt zu schaffen.

## VII. Die Folgen des Bauernkriegs

Mit dem Rückzuge Geismaiers auf venetianisches
Gebiet hatte das letzte Nachspiel des Bauernkriegs sein Ende erreicht. Die Bauern waren
überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adligen oder
patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie und da mit ihnen abgeschlossen waren,
wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzungen, die
die Sieger den Besiegten auferlegten. Der großartigste Revolutionsversuch des deutschen
Volks endigte mit schmählicher Niederlage und momentan verdoppeltem Druck. Auf die Dauer
jedoch verschlimmerte sich die Lage der Bauernklasse nicht durch die Unterdrückung des
Aufstandes. Was Adel, Fürsten und Pfaffen aus ihnen jahraus, jahrein herausschlagen konnten,
das wurde schon vor dem Krieg sicher herausgeschlagen; der deutsche Bauer von damals hatte dies
mit dem modernen Proletarier gemein, daß sein Anteil an den Produkten seiner Arbeit sich
auf das Minimum von Subsistenzmitteln beschränkte, das zu seinem Unterhalt und zur
Fortpflanzung der Bauernrace erforderlich war. Im Durchschnitt war also hier nichts mehr zu
nehmen. Manche wohlhabenderen Mittelbauern sind freilich ruiniert, eine Menge von Hörigen in
die Leibeigenschaft hineingezwungen, ganze Striche Gemeindeländereien konfisziert, eine
große Anzahl Bauern durch die Zerstörung ihrer Wohnungen und die Verwüstung ihrer
Felder sowie durch die allgemeine Unordnung in die Vagabondage oder unter die Plebejer der
Städte geworfen worden. Aber Kriege und Verwüstungen gehörten zu den
alltäglichen Erscheinungen jener Zeit, und im allgemeinen stand die Bauernklasse eben zu
tief für eine dauernde Verschlechterung ihrer Lage durch erhöhte Steuern. Die folgenden
Religionskriege und endlich der Dreißigjährige Krieg mit seinen stets wiederholten,
massenhaften Verwüstungen und Entvölkerungen haben die Bauern weit schwerer getroffen
als der Bauernkrieg; namentlich der Dreißigjährige Krieg vernichtete den bedeutendsten
Teil der im Ackerbau angewandten Produktivkräfte und brachte dadurch und durch

die gleichzeitige Zerstörung vieler Städte die Bauern,
Plebejer und ruinierten Bürger auf lange Zeit bis zum irischen Elend in seiner schlimmsten
Form herab.

Wer an den Folgen des Bauernkriegs am meisten litt, war die
Geistlichkeit
. Ihre
Klöster und Stifter waren verbrannt, ihre Kostbarkeiten geplündert, ins Ausland
verkauft oder eingeschmolzen, ihre Vorräte waren verzehrt worden. Sie hatte überall am
wenigsten Widerstand leisten können, und zu gleicher Zeit war die ganze Wucht des
Volkshasses am schwersten auf sie gefallen. Die andern Stände, Fürsten, Adel und
Bürgerschaft, hatten sogar eine geheime Freude an der Not der verhaßten Prälaten.
Der Bauernkrieg hatte die Säkularisation der geistlichen Güter zugunsten der Bauern
populär gemacht, die weltlichen Fürsten und zum Teil die Städte gaben sich daran,
diese Säkularisation zu
ihrem
Besten durchzuführen, und bald waren in
protestantischen Ländern die Besitzungen <(
1850
) Bistümer> der
Prälaten in den Händen der Fürsten oder der Ehrbarkeit. Aber auch die Herrschaft
der geistlichen Fürsten war angetastet worden, und die weltlichen Fürsten verstanden
es, den Volkshaß nach dieser Seite hin zu exploitieren. So haben wir gesehen, wie der Abt
von Fulda vom Lehnsherrn zum Dienstmann Philipps von Hessen degradiert wurde. So zwang die Stadt
Kempten den Fürstabt, ihr eine Reihe wertvoller Privilegien, die er in der Stadt
besaß, für einen Spottpreis zu verkaufen.

Der
Adel
hatte ebenfalls bedeutend gelitten. Die meisten seiner Schlösser waren
vernichtet, eine Anzahl der angesehensten Geschlechter war ruiniert und konnte nur im
Fürstendienst eine Existenz finden. Seine Ohnmacht gegenüber den Bauern war
konstatiert; er war überall geschlagen und zur Kapitulation gezwungen worden; nur die Heere
der Fürsten hatten ihn gerettet. Er mußte mehr und mehr seine Bedeutung als
reichsunmittelbarer Stand verlieren und unter die Botmäßigkeit der Fürsten
geraten.

Die
Städte
hatten im ganzen auch keinen Vorteil vom Bauernkrieg. Die Herrschaft
der Ehrbarkeit wurde fast überall wieder befestigt; die Opposition der Bürgerschaft
blieb für lange Zeit gebrochen. Der alte patrizische Schlendrian schleppte sich so, Handel
und Industrie nach allen Seiten hin fesselnd, bis in die französische Revolution fort. Von
den Fürsten wurden zudem die Städte verantwortlich gemacht für die momentanen
Erfolge, die die bürgerliche oder plebejische Partei in ihrem Schoß während des
Kampfes errungen hatte. Städte, die schon früher den Gebieten der Fürsten
angehörten, wurden schwer gebrandschatzt, ihrer Privilegien beraubt und schutzlos unter die
habgierige Willkür der Fürsten geknechtet (Frankenhausen, Arnstadt, Schmalkalden,
Würzburg etc. etc.), Reichsstädte wurden fürstlichen Territorien ein-

verleibt (z.B. Mühlhausen) oder doch in die moralische
Abhängigkeit von angrenzenden Fürsten gebracht, wie viele fränkische
Reichsstädte.

Wer unter diesen Umständen vom Ausgang des Bauernkriegs allein Vorteil zog, waren die

Fürsten
. Wir sahen schon gleich im Anfang unserer Darstellung, wie die mangelhafte
industrielle, kommerzielle und agrikole Entwicklung Deutschlands alle Zentralisation der
Deutschen zur
Nation
unmöglich machte, wie sie nur eine lokale und provinzielle
Zentralisation zuließ und wie daher die Repräsentanten dieser Zentralisation innerhalb
der Zersplitterung, die Fürsten, den einzigen Stand bildeten, dem jede Veränderung der
bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zugute kommen mußte. Der
Entwicklungsgrad des damaligen Deutschlands war so niedrig und zu gleicher Zeit so
ungleichförmig in den verschiedenen Provinzen, daß neben den weltlichen
Fürstentümern noch geistliche Souveränetäten, städtische Republiken und
souveräne Grafen und Barone bestehen konnten; aber sie drängte zu gleicher Zeit, wenn
auch sehr langsam und matt, doch immer auf die
provinzielle
Zentralisation, d.h. auf die
Unterordnung der übrigen Reichsstände <(
1875
) irrtümlich:
Reichsstädte> unter die Fürsten hin. Daher konnten am Ende des Bauernkriegs nur die
Fürsten gewonnen haben. So war es auch in der Tat. Sie gewannen nicht nur relativ, dadurch
daß ihre Konkurrenten, die Geistlichkeit, der Adel, die Städte, geschwächt
wurden; sie gewannen auch absolut, indem sie die spolia opima (Hauptbeute) von allen übrigen
Ständen davontrugen. Die geistlichen Güter wurden zu ihrem Besten säkularisiert;
ein Teil des Adels, halb oder ganz ruiniert, mußte sich nach und nach unter ihre Oberhoheit
geben; die Brandschatzungsgelder der Städte und Bauernschaften flossen in ihren Fiskus, der
obendrein durch die Beseitigung so vieler städtischen Privilegien weit freieren Spielraum
für seine beliebten Finanzoperationen gewann.

Die Zersplitterung Deutschlands, deren Verschärfung und Konsolidierung das Hauptresultat
des Bauernkriegs war, war auch zu gleicher Zeit die Ursache seines Mißlingens.

Wir haben gesehen, wie Deutschland zersplittert war, nicht nur in zahllose unabhängige,
einander fast total fremde Provinzen, sondern auch wie die Nation in jeder dieser Provinzen in
eine vielfache Gliederung von Ständen und Ständefraktionen auseinanderfiel. Außer
Fürsten und Pfaffen finden wir Adel und Bauern auf dem Land, Patrizier, Bürger und
Plebejer in den Städten, lauter Stände, deren Interessen einander total fremd waren,
wenn sie sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Über allen diesen komplizierten
Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des Papstes. Wir haben gesehen,

wie schwerfällig, unvollständig und je nach den
Lokalitäten ungleichförmig diese verschiedenen Interessen sich schließlich in
drei große Gruppen formierten; wie trotz dieser mühsamen Gruppierung jeder Stand gegen
die der nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung opponierte, seine
Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht nur mit allen konservativen, sondern auch mit
allen übrigen opponierenden Ständen in Kollision geriet und schließlich
unterliegen mußte. So der Adel im Aufstand Sickingens, die Bauern im Bauernkrieg, die
Bürger in ihrer gesamten zahmen Reformation. So kamen selbst Bauern und Plebejer in den
meisten Gegenden Deutschlands nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege. Wir
haben auch gesehn, aus welchen Ursachen diese Zersplitterung des Klassenkampfs und die damit
gegebene vollständige Niederlage der revolutionären und halbe Niederlage der
bürgerlichen Bewegung hervorging.

Wie die lokale und provinzielle Zersplitterung und die daraus notwendig hervorgehende lokale
und provinzielle Borniertheit die ganze Bewegung ruinierte; wie weder die Bürger noch die
Bauern, noch die Plebejer zu einem konzentrierten, nationalen Auftreten kamen; wie die Bauern
z.B. in jeder Provinz auf eigne Faust agierten, den benachbarten insurgierten Bauern stets die
Hülfe verweigerten und daher in einzelnen Gefechten nacheinander von Heeren aufgerieben
wurden, die meist nicht dem zehnten Teil der insurgierten Gesamtmasse gleichkamen - das wird wohl
aus der vorhergehenden Darstellung jedem klar sein. Die verschiedenen Waffenstillstände und
Verträge der einzelnen Haufen mit ihren Gegnern konstituieren ebensoviel Akte des Verrats an
der gemeinsamen Sache, und die einzig mögliche Gruppierung der verschiedenen Haufen nicht
nach der größeren oder geringeren Gemeinsamkeit ihrer eignen Aktion, sondern nach der
Gemeinsamkeit des speziellen Gegners, dem sie erlagen, ist der schlagendste Beweis für den
Grad der Fremdheit der Bauern verschiedner Provinzen gegeneinander.

Auch hier bietet sich die Analogie mit der Bewegung von 1848-50 wieder von selbst dar. Auch
1848 kollidierten die Interessen der oppositionellen Klassen untereinander, handelte jede
für sich. Die Bourgeoisie, zu weit entwickelt, um sich den feudal-bürokratischen
Absolutismus noch länger gefallen zu lassen, war doch noch nicht mächtig genug, die
Ansprüche andrer Klassen den ihrigen sofort unterzuordnen. Das Proletariat, viel zu schwach,
um auf ein rasches Überhüpfen der Bourgeoisperiode und auf seine eigne baldige
Eroberung der Herrschaft rechnen zu können, hatte schon unter dem Absolutismus die
Süßigkeiten des Bourgeoisregiments zu sehr kennengelernt und war überhaupt viel
zu entwickelt, um auch nur für einen Moment in der Emanzipation der Bourgeoisie seine eigne
Emanzipation zu sehen. Die Masse

der Nation,
Kleinbürger, Kleinbürgergenossen (Handwerker) und Bauern, wurde von ihrem zunächst
noch natürlichen Alliierten, der Bourgeoisie, als schon zu revolutionär, und
stellenweise vom Proletariat, als noch nicht avanciert genug, im Stich gelassen; unter sich
wieder geteilt, kam auch sie zu nichts und opponierte rechts und links ihren Mitopponenten. Die
Lokalborniertheit endlich kann 1525 unter den Bauern nicht größer gewesen sein, als
sie unter den sämtlichen in der Bewegung beteiligten Klassen von 1848 war. Die hundert
Lokalrevolutionen, die daran sich anknüpfenden hundert ebenso ungehindert
durchgeführten Lokalreaktionen, die Aufrechthaltung der Kleinstaaterei etc. etc. sind
Beweise, die wahrlich laut genug sprechen.
Wer nach den beiden deutschen Revolutionen von 1525
und 1848 und ihren Resultaten noch von Föderativrepublik faseln kann, verdient nirgend
anders hin als ins Narrenhaus.

Aber die beiden Revolutionen, die des sechzehnten Jahrhunderts und die von 1848-50, sind trotz
aller Analogien doch sehr wesentlich voneinander verschieden. Die Revolution von 1848 beweist,
wenn auch nichts für den Fortschritt Deutschlands, doch für den Fortschritt
Europas.

Wer profitierte von der Revolution von 1525? Die Fürsten. - Wer profitierte von der
Revolution von 1848? Die
großen
Fürsten, Östreich und Preußen.
Hinter den kleinen Fürsten von 1525 standen, sie an sich kettend durch die Steuer, die
kleinen Spießbürger, hinter den großen Fürsten von 1850, hinter
Östreich und Preußen, sie rasch unterjochend durch die Staatsschuld, stehen die
modernen großen Bourgeois. Und hinter den großen Bourgeois stehn die Proletarier.

Die Revolution von 1525 war eine deutsche Lokalangelegenheit. Engländer, Franzosen,
Böhmen, Ungarn hatten ihre Bauernkriege schon durchgemacht, als die Deutschen den ihrigen
machten. War schon Deutschland zersplittert, so war Europa es noch weit mehr. Die Revolution von
1848 war keine deutsche Lokalangelegenheit, sie war ein einzelnes Stück eines großen
europäischen Ereignisses. Ihre treibenden Ursachen, während ihres ganzen Verlaufs, sind
nicht auf den engen Raum eines einzelnen Landes, nicht einmal auf den eines Weltteils
zusammengedrängt. Ja, die Länder, die der Schauplatz dieser Revolution waren, sind
gerade am wenigsten bei ihrer Erzeugung beteiligt. Sie sind mehr oder weniger bewußt- und
willenlose Rohstoffe, die umgemodelt werden im Verlauf einer Bewegung, an der jetzt die ganze
Welt teilnimmt, einer Bewegung, die uns unter den bestehenden gesellschaftlichen
Verhältnissen allerdings nur als eine fremde Macht erscheinen kann, obwohl sie
schließlich nur unsre eigne Bewegung ist. Die Revolution von 1848 bis 1850 kann daher nicht
enden wie die von 1525.