Neue Rheinische Zeitung.
Politisch-ökonomische Revue.
H.5/6. Mai-Oktober 1850

Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab eine Zeit,
wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten Leuten der
Revolutionen anderer Länder an die Seite stellen können, wo das deutsche
Volk eine Ausdauer und Energie entwickelte, die bei einer centralisirteren
Nation die großartigsten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und
Plebejer mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern.

Es ist an der Zeit, gegenüber der momentanen Erschlaffung, die sich nach
zwei Jahren des Kampfes fast überall zeigt, die ungefügen, aber kräftigen
und zähen Gestalten des großen Bauernkriegs dem deutschen Volke wieder
vorzuführen. Drei Jahrhunderte sind seitdem verflossen, und Manches hat
sich geändert; und doch steht der Bauernkrieg unsern heutigen Kämpfen so

überaus fern nicht, und die zu bekämpfenden Gegner sind großentheils noch
dieselben. Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall
verrathen haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren
Entwicklungsstufe als Verräther vorfinden. Und wenn derrobuste Vandalismus des Bauernkriegs in der Bewegung der letzten Jahre nur stellenweise,
im Odenwald, im Schwarzwald, in Schlesien zu seinem Rechte kam, so ist
das jedenfalls kein Vorzug der modernen Insurrektion.

l2ji.

Gehen wir zunächst kurz zurück auf die Verhältnisse Deutschlands zu
Anfang des sechszehnten Jahrhunderts.

Die deutsche Industrie hatte im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert
einen bedeutenden Aufschwung genommen. An die Stelle der feudalen,
ländlichen Lokalindustrie war der zünftige Gewerbbetrieb der Städte getreten, der für weitere Kreise und selbst für entlegnere Märkte produzirte. Die
Weberei von groben Wollentüchern und Leinwand war ein stehender,
weitverbreiteter Industriezweig geworden, und selbst feinere Wollen- und
Leinengewebe, sowie Seidenstoffe wurden schon in Augsburg verfertigt.
Neben der Weberei hatte sich besonders jene an die Kunst anstreifende Industrie gehoben, die in dem geistlichen und weltlichen Luxus des späteren
Mittelalters ihre Nahrung fand: Die der Gold- und Silberarbeiter, der Bildhauer und Bildschnitzer, Kupferstecher und Holzschneider, Medaillirer,
Drechsler etc. etc. Eine Reihe von mehr oder minder bedeutenden Erfindungen, deren historische Glanzpunkte die des Schießpulvers und der Buchdrukkerei bildeten, hatte zur Hebung der Gewerbe wesentlich beigetragen. Der
Handel ging mit der Industrie gleichen Schritt. Die Hanse hatte durch ihr
hundertjähriges Seemonopol die Erhebung von ganz Norddeutschland aus
der mittelaltrigen Barbarei sicher gestellt; und wenn sie auch schon seit Ende
des fünfzehnten Jahrhunderts der Konkurrenz der Engländer und Holländer
rasch zu erliegen anfing, so ging doch trotz Vasco de Gama's Entdeckungen
der große Handelsweg von Indien nach dem Norden immer noch durch
Deutschland, so war Augsburg noch immer der große Stapelplatz für italienische Seidenzeuge, indische Gewürze, und alle Produkte der Levante. Die
oberdeutschen Städte, namentlich Augsburg und Nürnberg, waren die Centren eines für jene Zeit ansehnlichen Reichthums und Luxus. Die Gewinnung
der Rohprodukte hatte sich ebenfalls bedeutend gehoben. Die deutschen
Bergleute waren im fünfzehnten Jahrhundert die geschicktesten der Welt,
und auch den Ackerbau hatte das Aufblühen der Städte aus der ersten
mittelalterlichen Rohheit herausgerissen. Nicht nur waren ausgedehnte
Strecken urbar gemacht worden, man baute auch Farbekräuter und andere
eingeführte Pflanzen, deren sorgfartigere Kultur auf den Ackerbau im
Allgemeinen günstig einwirkte.

Der Aufschwung der nationalen Produktion Deutschlands hatte indeß
noch immer nicht Schritt gehalten mit dem Aufschwung andrer Länder. Der
Ackerbau stand weit hinter dem englischen und niederländischen, die Industrie hinter der italienischen, flämischen und englischen zurück, und im
Seehandel fingen die Engländer und besonders die Holländer schon an, die
Deutschen aus dem Felde zu schlagen. Die Bevölkerung war immer noch
sehr dünn gesäet. Die Civilisation in Deutschland existirte nur sporadisch,
um einzelne Centren der Industrie und des Handels gruppirt; die Interessen
dieser einzelnen Centren selbst gingen weit auseinander, hatten kaum hie und
da einen Berührungspunkt. Der Süden hatte ganz andre Handelsverbindungen und Absatzmärkte als der Norden; der Osten und der Westen standen
fast außer allem Verkehr. Keine einzige Stadt kam in den Fall, der industrielle
und kommerzielle Schwerpunkt des ganzen Landes zu werden, wie London
dies z.B. für England schon war. Der ganze innere Verkehr beschränkte sich
fast ausschließlich auf die Küsten- und Flußschifffahrt und auf die paar
großen Handelsstraßen, von Augsburg und Nürnberg über Köln nach den
Niederlanden und über Erfurt nach dem Norden. Weiter ab von den Flüssen
und Handelsstraßen lag eine Anzahl kleinerer Städte, die vom großen Verkehr ausgeschlossen, ungestört in den Lebensbedingungen des späteren
Mittelalters fortvegetirten, wenig auswärtige Waaren brauchten, wenig
Ausfuhrprodukte lieferten. Von der Landbevölkerung kam nur der Adel in
Berührung mit ausgedehnteren Kreisen und neuen Bedürfnissen; die Masse
der Bauern kam nie über die nächsten Lokalbeziehungen und den damit
verbundnen lokalen Horizont hinaus.

Während in England und Frankreich das Emporkommen des Handels und
der Industrie die Verkettung der Interessen über das ganze Land und damit
die politische Centralisation zur Folge hatte, brachte Deutschland es nur zur
Gruppirung der Interessen nach Provinzen, um bloß lokale Centren, und
damit zur politischen Zersplitterung; einer Zersplitterung, die bald darauf

durch den Ausschluß Deutschlands vom Welthandel sich erst recht festsetzte. In demselben Maß, wie das reinfeudale Reich zerfiel, löste sich

der Reichsverband überhaupt auf, verwandelten sich die großen Reichslehenträger in beinahe unabhängige Fürsten, schlossen einerseits die Reichsstädte, andrerseits die Reichsritter Bündnisse, bald gegen einander, bald

gegen die Fürsten oder den Kaiser. Die Reichsgewalt, selbst an ihrer Stellung
irre geworden, schwankte unsicher zwischen den verschiednen Elementen

die das Reich ausmachten, und verlor dabei immer mehr an Autorität; ihrVersuch in der Art Ludwigs XI. zu centralisiren, kam trotz aller Intriguen

und Gewaltthätigkeiten nicht über die Zusammenhaltung der österreichisehen Erblande hinaus. Wer in dieser Verwirrung, in diesen zahllosen sich
durchkreuzenden Konflikten schließlich gewann und gewinnen mußte,

waren die Vertreter der Centralisation innerhalb der Zersplitterung, der

lokalen und provinziellen Centralisation, die Fürsten, neben denen der Kaiser
selbst immer mehr ein Fürst wie die andern wurde.

Unter diesen Verhältnissen hatte sich die Stellung der aus dem Mittelalter
überlieferten Klassen wesentlich verändert, und neue Klassen hatten sich
neben den alten gebüdet.

Aus dem hohen Adel waren die Fürsten hervorgegangen. Sie waren schon
fast ganz unabhängig vom Kaiser und im Besitz der meisten Hoheitsrechte.

Sie machten Krieg und Frieden auf eigne Faust, hielten stehende Heere,
riefen Landtage zusammen und schrieben Steuern aus. Einen großen Theil

des niederen Adels und der Städte hatten sie bereits in ihre Botmäßigkeit
gebracht; sie wandten fortwährend jedes Mittel an um die noch übrigen
reichsunmittelbaren Städte und Baronien ihrem Gebiet einzuverleiben.
Diesen gegenüber centralisirten sie, wie sie gegenüber der Reichsgewalt
decentralisirend auftraten. Nach innen war ihre Regierung schon sehr willkürlich. Sie riefen die Stände meistnurzusammen, wenn sie sich nicht anders
helfen konnten. Sie schrieben Steuern aus und nahmen Geld auf, wenn es
ihnen gutdünkte; das Steuerbewilligungsrecht der Stände wurde selten
anerkannt und kam noch seltner zur Ausübung. Und selbst dann hatte der
Fürst gewöhnlich die Majorität durch die beiden steuerfreien und am Genuß

der Steuern theilnehmenden Stände, die Ritterschaft und die Prälaten. Das
Geldbedürfniß der Fürsten wuchs mit dem Luxus und der Ausdehnung des
Hofhaltes, mit den stehenden Heeren, mit den wachsenden Kosten der
Regierung. Die Steuern wurden immer drückender. Die Städte waren meist
dagegen geschützt durch ihre Privilegien; die ganze Wucht der Steuerlast fiel

auf die Bauern, sowohl auf die Domanialbauern der Fürsten selbst, wie auch
auf die Leibeignen und Hörigen der lehnspflichtigen Ritter. Wo die direkte
Besteurung nicht ausreichte, trat die indirekte ein; die raff inirtesten Manöver
der Finanzkunst wurden angewandt um den löchrigen Fiskus zu füllen. Wenn
Alles nicht half, wenn nichts mehr zu versetzen war und keine freie ReichsStadt mehr Credit geben wollte, so schritt man zu Münzoperationen der
schmutzigsten Art, schlug schlechtes Geld, machte hohe oder niedrige
Zwangskurse, je nachdem es dem Fiskus konvenirte. Der Handel mit städtischen und sonstigen Privilegien, die man nachher gewaltsam wieder zurücknahm um sie abermals für theures Geld zu verkaufen, die Ausbeutung jedes
Oppositionsversuchs zu Brandschatzungen und Plünderungen aller Art etc.
etc. waren ebenfalls einträgliche und alltägliche Geldquellen für die Fürsten
jener Zeit. Auch die Justiz war ein stehender und nicht unbedeutender
Handelsartikel für die Fürsten. Kurz die damaligen Unterthanen, die außerdem noch der Privathabgier der fürstlichen Vögte und Amtleute zu genügen

hatten, bekamen alle Segnungen des väterlichen Regierungssystems im
vollsten Maße zu kosten.

Aus der feudalen Hierarchie des Mittelalters war der mittlere Adel fast
ganz verschwunden; er hatte sich entweder zur Unabhängigkeit kleiner
Fürsten emporgeschwungen oder war in die Reihen des niedern Adels herabgesunken. Der niedere Adel, die Ritterschaft, ging ihrem Verfall rasch entgegen. Ein großer Theil war schon gänzlich verarmt und lebte bloß von Für stendienst in militärischen oder bürgerlichen Ämtern; ein andrer stand in der
Lehenspflicht und Botmäßigkeit der Fürsten; der kleinere war reichsunmittelbar. Die Entwicklung des Kriegswesens, die steigende Bedeutung der
Infanterie, die Ausbildung der Feuerwaffe beseitigte die Wichtigkeit ihrer

militärischen Leistungen als schwere Kavallerie, und vernichtete zugleich
die Uneinnehmbarkeit ihrer Burgen. Gerade wie die nürnberger Handwerker, wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie überflüssig gemacht. Das Geldbedürfniß der Ritterschaft trug zu ihrem Ruin bedeutend
bei. Der Luxus auf den Schlössern, der Wetteifer in der Pracht bei den
Turnieren und Festen, der Preis der Waffen und Pferde stieg mit den Fortschritten der Civilisation, während die Einkommenquellen der Ritter und
Barone wenig oder gar nicht zunahmen. Fehden mit obligater Plünderung
und Brandschatzung, Wegelagern und ähnliche noble Beschäftigungen
wurden mit der Zeit zu gefährlich. Die Abgaben und Leistungen der herrschaftlichen Unterthanen brachten kaum mehr ein als früher. Um ihre
zunehmenden Bedürfnisse zu decken mußten die gnädigen Herrn zu denselben Mitteln ihre Zuflucht nehmen wie die Fürsten. Die Bauernschinderei
durch den Adel wurde mit jedem Jahr weiter ausgebildet. Die Leibeigenen
wurden bis auf den letzten Blutstropfen ausgesogen, die Hörigen mit neuen
Abgaben und Leistungen unter allerlei Vorwänden und Namen belegt. Die
Frohnden, Zinsen, Gülten, Laudemien, Sterbfallabgaben, Schutzgelder
u.s.w. wurden allen alten Verträgen zum Trotz willkührlich erhöht. Die
Justiz wurde verweigert oder verschachert, und wo der Ritter dem Geld des
Bauern sonst nicht beikommen konnte, warf er ihn ohne Weiteres in den
Thurm und zwang ihn sich loszukaufen.

Mit den übrigen Ständen lebte der niedere Adel ebenfalls auf keinem
freundschaftlichen Fuß. Der lehnspf lichtige Adel suchte sich reichsunmittelbar zu machen, der reichsunmittelbare seine Unabhängigkeit zu wahren;
daher fortwährende Streitigkeiten mit den Fürsten. Der Geistlichkeit, die
dem Ritter in ihrer damaligen aufgeblähten Gestalt als ein rein überflüssiger
Stand erschien, beneidete er ihre großen Güter, ihre durch das Cölibat und
die Kirchenverfassung zusammengehaltenen Reichthümer. Mit den Städten
lag er sich fortwährend in den Haaren; er war ihnen verschuldet, er nährte
sich von der Plünderung ihres Gebiets, von der Beraubung ihrer Kaufleute,
vom Lösegeld der ihnen in den Fehden abgenommenen Gefangenen. Und
der Kampf der Ritterschaft gegen alle diese Stände wurde um so heftiger,
je mehr die Geldfrage auch bei ihr eine Lebensfrage wurde.

Die Geistlichkeit, die Repräsentantin der Ideologie des mittelaltrigen
Feudalismus, fühlte den Einfluß des geschichtlichen Umschwungs nicht
minder. Durch die Buchdruckerei und die Bedürfnisse des ausgedehnteren
Handels war ihr das Monopol nicht nur des Lesens und Schreibens, sondern
der j höheren Bildung genommen. Die Theilung der Arbeit trat auch auf
intellektuellem Gebiet ein. Der neuaufkommende Stand der Juristen verdrängte sie aus einer Reihe der einflußreichsten Ämter. Auch sie fing an zum
großen Theü überflüssig zu werden, und erkannte dies selbst an durch ihre

stets wachsende Faulheitund Unwissenheit. Aber je überflüssiger sie wurde,
desto zahlreicher wurde sie — Dank ihren enormen Reichthümern, die sie
durch Anwendung aller möglichen Mittel noch fortwährend vermehrte.

In der Geistlichkeit gab es zwei durchaus verschiedne Klassen. Die geistliche Feudalhierarchie bildete die aristokratische Klasse: die Bischöfe und
Erzbischöfe, die Äbte, Prioren und sonstigen Prälaten. Diese hohen Würdenträger der Kirche waren entweder selbst Reichsfürsten, oder sie beherrschten als Feudalherren unter der Oberhoheit andrer Fürsten große
Strecken Landes mit zahlreichen Leibeignen und Hörigen. Sie exploitirten
ihre Untergebnen nicht nur ebenso rücksichtslos wie der Adel und die
Fürsten, sie gingen noch viel schamloser zu Werke. Neben der brutalen
Gewalt wurden alle Chikanen der Religion, neben den Schrecken der Folter
alle Schrecken des Bannfluchs und der verweigerten Absolution, alle Intriguen des Beichtstuhls in Bewegung gesetzt um den Unterthanen den letzten
Pfennig zu entreißen oder das Erbtheil der Kirche zu mehren. Urkundenfälschung war bei diesen würdigen Männern ein gewöhnliches und beliebtes
Mittel der Prellerei. Aber obgleich sie außer den gewöhnlichen Feudalleistungen und Zinsen noch den Zehnten bezogen, reichten alle diese Einkünfte
noch nicht aus. Die Fabrikation wunderthätiger Heiligenbilder und Reliquien, die Organisation seligmachender Betstationen, der Ablaßschacher
wurde zu Hülfe genommen, um dem Volk vermehrte Abgaben zu entreißen,
und lange Zeit mit bestem Erfolg.

Diese Prälaten und ihre zahllose, mit der Ausbreitung der politischen und
religiösen Hetzereien stets verstärkte Gensdarmerie von Mönchen waren es,
auf die der Pfaffenhaß nicht nur des Volks sondern auch des Adels sich
konzentrirte. Soweit sie souverän, standen sie den Fürsten im Weg. Das
flotte Wohlleben der beleibten Bischöfe und Aebte und ihrer Mönchsarmee
erregte den Neid des Adels und empörte das Volk, das die Kosten davon
tragen mußte, um so mehr, je schreiender es ihre Predigten ins Gesicht
schlug.

Die plebejische Fraktion der Geistlichkeit bestand aus den Predigern auf
dem Lande und in den Städten. Sie standen außerhalb der feudalen Hierarchie der Kirche und hatten keinen Antheil an ihren Reichthümern. Ihre
Arbeit war weniger kontrollirt und, so wichtig sie der Kirche war, im Augenblick weit weniger unentbehrlich als die Polizeidienste der einkasernirten
Mönche. Sie wurden daher weit schlechter bezahlt, und ihre Pfründen waren
meist sehr knapp. Bürgerlichen oder plebejischen Ursprungs standen sie so
der Lebenslage der Masse nahe genug, um trotz ihres Pfaffenthums bürgerliche und plebejische Sympathieen zu bewahren. Die Betheiligung an den
Bewegungen der Zeit, bei den Mönchen nur Ausnahme, war beiihnen Regel.
Sie lieferten die Theoretiker und Ideologen der Bewegung, und viele von

ihnen, Repräsentanten der Plebejer und Bauern, starben dafür auf dem
Schaffot. Der Volkshaß gegen die Pfaffen wendet sich auch nur in einzelnen
Fällen gegen sie.

Wie über den Fürsten und dem Adel der Kaiser, so stand über den hohen
und niedrigen Pfaffen der Pabst. Wie dem Kaiser der „gemeine Pfennig",
die Reichssteuern bezahlt wurden, so dem Papst die allgemeinen Kirchensteuern, aus denen er den Luxus am römischen Hof bestritt. In keinem Lande
wurden diese Kirchensteuern — Dank der Macht und Zahl der Pfaffen — mit
größerer Gewissenhaftigkeit und Strenge eingetrieben als in Deutschland.

So besonders die Annaten bei Erledigung der Bisthümer. Mit den steigenden
Bedürfnissen wurden dann neue Mittel zur Beischaffung des Geldes erfunden: Handel mit Reliquien, Ablaß- und Jubelgelder u. s. w. Große Summen
wanderten so jährlich aus Deutschland nach Rom, und der hiedurch vermehrte Druck steigerte nicht nur den Pfaffenhaß, er erregte auch das Nationalgefühl, besonders des Adels, des damals nationalsten Standes.

Aus den ursprünglichen Pfahlbürgern der mittelalterlichen Städte hatten
sich mit dem Aufblühen des Handels und der Gewerbe drei scharfgesonderte
Fraktionen entwickelt.

An der Spitze der städtischen Gesellschaft standen die patrizischen Geschlechter, die sogenannte „Ehrbarkeit". Sie waren die reichsten Familien. Sie allein saßen im Rath und in allen städtischen Ämtern. Sie verwalteten
daher nicht bloß die Einkünfte der Stadt, sie verzehrten sie auch. Stark durch
ihren Reichthum, durch ihre althergebrachte, von Kaiser und Reich anerkannte aristokratische Stellung, exploitirten sie sowohl die Stadtgemeinde
wie die der Stadt unterthänigen Bauern auf jede Weise. Sie trieben Wucher
in Korn und Geld, oktroyirten sich Monopole aller Art, entzogen der Gemeinde nacheinander alle Anrechte auf Mitbenutzung der städtischen
Wälder und Wiesen, und benutzten diese direkt zu ihrem eignen Privatvortheil, legten willkührlich Weg-, Brücken- und Thorzölle und andre Lasten

auf, und trieben Handel mit Zunftprivilegien, Meisterschafts- und Bürgerrechten und mit der Justiz. Mit den Bauern des Weichbilds gingen sie nicht
schonender um als der Adel oder die Pfaffen; im Gegentheil, die städtischen
Vögte und Amtleute auf den Dörfern, lauter Patrizier, brachten zu der aristokratischen Härte und Habgier noch eine gewisse büreaukratische Genauigkeit in der Eintreibung mit. Die so zusammengebrachten städtischen Einkünfte wurden mit der höchsten Willkühr verwaltet; die Verrechnung in den
städtischen Büchern, eine reine Förmlichkeit, war möglichst nachlässig und
verworren; Unterschleife und Kassendefekte waren an der Tagesordnung.
Wie leicht es damals einer von allen Seiten mit Privilegien umgebenen, wenig

zahlreichen und durch Verwandtschaft und Interesse eng zusammengehaltenen Kaste war, sich aus den städtischen Einkünften enorm zu bereichern,

begreift man, wenn man an die zahlreichen Unterschleife und Tripotagen
denkt, die das Jahr 1848 in so vielen städtischen Verwaltungen an den Tag
gebracht hat.

Die Patrizier hatten Sorge getragen, die Rechte der Stadtgemeinde besonders in Finanzsachen überall obsolet werden zu lassen. Erst später, als die
Prellereien dieser Herren zu arg wurden, setzten sich die Gemeinden wieder
in Bewegung, um wenigstens die Kontrolle über die städtische Verwaltung
an sich zu bringen. Sie erlangten in den meisten Städten ihre Rechte wirklich
wieder. Aber bei den ewigen Streitigkeiten der Zünfte unter sich, bei der
Zähigkeit der Patrizier, und dem Schutz den sie beim Reich und den Regierungen der ihnen verbündeten Städte fanden, stellten die patrizischen
Rathsherren sehr bald ihre alte Alleinherrschaft faktisch wieder her, sei es
durch List, sei es durch Gewalt. Im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts
befand sich die Gemeinde in allen Städten wieder in der Opposition.

Die städtische Opposition gegen das Patriziat theilte sich in zwei Fraktionen, die im Bauernkrieg sehr bestimmt hervortreten.

Die bürgerliche Opposition, die Vorgängerin unsrer heutigen Liberalen,
umfaßte die reicheren und mittleren Bürger, sowie einen nach den Lokalumständen größeren oder geringeren Theil der Kleinbürger. Ihre Forderungen hielten sich rein auf verfassungsmäßigem Boden. Sie verlangten die
Kontrolle über die städtische Verwaltung und einen Antheil an der gesetzgebenden Gewalt, sei es durch die Gemeindeversammlung selbst oder durch
eine Gemeindevertretung (großer Rath, Gemeindeausschuß); ferner Beschränkung des patrizischen Nepotismus und der Oligarchie einiger wenigen
Familien, die selbst innerhalb des Patriziats immer offener hervortrat.
Höchstens verlangten sie außerdem noch die Besetzung einiger Rathsstellen
durch Bürger aus ihrer eignen Mitte. Diese Partei, der sich hier und da die
malkontente und heruntergekommene Fraktion des Patriziats anschloß,
hatte in allen ordentlichen Gemeindeversammlungen und auf den Zünften
die große Majorität. Die Anhänger des Raths und die radikalere Opposition
zusammen waren unter den wirklichen Bürgern bei weitem die Minderzahl.

Wir werden sehn, wie während der Bewegung des sechszehnten Jahrhunderts diese „gemäßigte", „gesetzliche", „wohlhabende" und ,,intelligente"
Opposition genau dieselbe Rolle spielt, und genau mit demselben Erfolg,
wie ihre Erbin, die konstitutionelle Partei, in der Bewegung von 1848 und
1849.

Im Übrigen eiferte die bürgerliche Opposition noch sehr ernstlich wider
die Pfaffen, deren faules Wohlleben und lockere Sitten ihr großes Ärgerniß
gaben. Sie verlangte Maßregeln gegen den skandalösen Lebenswandel dieser
würdigen Männer. Sie forderte daß die eigne Gerichtsbarkeit und die

Steuerfreiheit der Pfaffen abgeschafft, und die Zahl der Mönche überhaupt
beschränkt werde.

Die plebejische Opposition bestand aus den heruntergekommenen
Bürgern und der Masse der städtischen Bewohner, die vom Bürgerrecht

ausgeschlossen war: den Handwerksgesellen, den Taglöhnern und den zahlreichen Anfängen des Lumpenproletariats, die sich selbst auf den untergeordneten Stufen der städtischen Entwicklung vorfinden. Das Lumpenproletariat ist überhaupt eine Erscheinung die mehr oder weniger ausgebildet in
fast allen bisherigen Gesellschaftsphasen vorkommt. Die Menge von Leuten
ohne bestimmten Erwerbszweig oder festen Wohnsitz wurde gerade damals
sehr vermehrt durch das Zerfallen des Feudalismus in einer Gesellschaft,
in der noch jeder Erwerbszweig, jede Lebenssphäre hinter einer Unzahl von
Privilegien verschanzt war. In allen entwickelten Ländern war die Zahl der
Vagabunden nie so groß gewesen wie in der ersten Hälfte des sechszehnten
Jahrhunderts. Ein Theil dieser Landstreicher trat in Kriegszeiten in die
Armeen, ein anderer bettelte sich durchs Land, der dritte suchte in den
Städten durch Taglöhnerarbeit und was sonst gerade nicht zünftig war, seine
nothdürftige Existenz. Alle drei spielen eine Rolle im Bauernkrieg: der erste
in den Fürstenarmeen, denen die Bauern erlagen, der zweite in den BauernVerschwörungen und Bauernhaufen, wo ihr demoralisirender Einfluß jeden
Augenblick hervortritt, der dritte in den Kämpfen der städtischen Parteien.
Es ist übrigens nicht zu vergessen, daß ein großer Theil dieser Klasse,
namentlich der in den Städten lebende, damals noch einen bedeutenden Kern
gesunder Bauernnatur besaß und noch lange nicht die Käuflichkeit und
Verkommenheit des heutigen, civilisirten Lumpenproletariats entwickelt
hatte.

Man sieht, die plebejische Opposition der damaligen Städte bestand aus
sehr gemischten Elementen. Sie vereinigte die verkommenen Bestandtheile
der alten, feudalen und zünftigen Gesellschaft mit dem noch unentwickelten,

kaum emportauchenden proletarischen Element der aufkeimenden, modernen bürgerlichen Gesellschaft. Verarmte Zunftbürger, die noch durch das
Privilegium mit der bestehenden bürgerlichen Ordnung zusammenhingen,
auf der einen Seite; verstoßene Bauern und abgedankte Dienstleute, die noch
nicht zu Proletariern werden konnten, auf der andern. Zwischen beiden die
Gesellen, momentan außerhalb der offiziellen Gesellschaft stehend und sich in ihrer Lebenslage dem Proletariat so sehr nähernd wie dies bei
der damaligen Industrie und unter dem Zunftprivilegium möglich; aber zu
gleicher Zeit, fast lauter zukünftige, bürgerliche Meister, Kraft eben dieses
Zunftprivilegiums. Die Parteistellung dieses Gemisches von Elementen war
daher nothwendig höchst unsicher und je nach der Lokalität verschieden.
Vor dem Bauernkriege tritt die plebejische Opposition in den politischen

Kämpfen nicht als Partei, sie tritt nur als turbulenter, plünderungssüchtiger,
mit einigen Fässern Wein an- und abkäuflicher Schwanz der bürgerlichen
Opposition auf. Erst die Aufstände der Bauern machen sie zur Partei, und
auch da ist sie fast überall in ihren Forderungen und ihrem Auftreten abhängig von den Bauern — ein merkwürdiger Beweis wie sehr damals die Stadt
noch abhängig vom Lande war. Soweit sie selbstständig auftritt, verlangt sie
die Herstellung der städtischen Gewerbsmonopole auf dem Lande, will sie
die städtischen Einkünfte nicht durch Abschaffung der Feudallasten im
Weichbild geschmälert wissen, u. s. w; kurz, soweit ist sie reaktionär, ordnet
sie sich ihren eignen kleinbürgerlichen Elementen unter und liefert damit ein
charakteristisches Vorspiel zu der Tragikomödie, die die moderne Kleinbürgerschaft seit drei Jahren unter der Firma der Demokratie aufführt.

Nur in Thüringen unter dem direkten Einfluß Münzers und an einzelnen
andern Orten unter dem seiner Schüler wurde die plebejische Fraktion der
Städte von dem allgemeinen Sturm soweit fortgerissen, daß das embryonische, proletarische Element in ihr momentan die Oberhand über alle andern
Faktoren der Bewegung bekam. Diese Episode, die den Kulminationspunkt
des ganzen Bauernkriegs bildet und sich um seine großartigste Gestalt, um
Thomas Münzer, gruppirt, ist zugleich die Kürzeste. Es versteht sich daß
sie am schnellsten zusammenbrechen, und daß sie zu gleicher Zeit ein
vorzugsweise phantastisches Gepräge tragen, daß der Ausdruck ihrer Forderungen höchst unbestimmt bleiben muß; gerade sie fand am wenigsten festen
Boden in den damaligen Verhältnissen.

Unter allen diesen Klassen, mit Ausnahme der letzten, stand die große
exploitirte Masse der Nation: die Bauern. Auf dem Bauer lastete der ganze
Schichtenbau der Gesellschaft: Fürsten, Beamte, Adel, Pfaffen, Patrizier und Bürger. Ob er der Angehörige eines Fürsten, eines Reichsfreiherrn,
eines Bischofs, eines Klosters, einer Stadt war, er wurde überall wie eine
Sache, wie ein Lastthier behandelt, und schlimmer. War er Leibeigner, so
war er seinem Herrn auf Gnade und Ungnade zur Verfügung gestellt. War
er Höriger, so waren schon die gesetzlichen, vertragsmäßigen Leistungen
hinreichend ihn zu erdrücken; aber diese Leistungen wurden täglich vermehrt. Den größten Theil seiner Zeit mußte er auf den Gütern des Herrn
arbeiten; von dem was er sich in den wenigen freien Stunden erwarb, mußten
Zehnten, Zins, Gült, Bede, Reisegeld (Kriegssteuer), Landessteuer und
Reichssteuer gezahlt werden. Er konnte nicht heirathen und nicht sterben,
ohne daß dem Herrn gezahlt wurde. Er mußte, außer den regelmäßigen
Frohndiensten, für den gnädigen Herrn Streu sammeln, Erdbeeren sammeln,
Heidelbeeren sammeln, Schneckenhäuser sammeln, das Wild zur Jagd treiben, Holz hacken u. s. w., Fischerei und Jagd gehörten dem Herrn; der Bauer
mußte ruhig zusehn, wenn das Wild seine Ernte zerstörte. Die Gemeindeweiden und Waldungen der Bauern waren fast überall gewaltsam von den Herren
weggenommen worden. Und wie über das Eigenthum, so schaltete der Herr
willkührlich über die Person des Bauern, über die seiner Frau und seiner
Töchter. Er hatte das Recht der ersten Nacht. Er warf ihn in den Thurm,
wenns ihm beliebte, wo ihn mit derselben Sicherheit, wie jetzt der Untersuchungsrichter, damals die Folter erwartete. Er schlug ihn todt oder ließ ihn
köpfen, wenn's ihm beliebte. Von jenen erbaulichen Kapiteln der Carolina,
die da „von Ohrenabschneiden", „von Nasenabschneiden", „von Augenausstechen", „von Abhacken der Finger und der Hände", „von Köpfen", „von
Rädern", „von Verbrennen", „von Zwicken mit glühenden Zangen", „von
Viertheilen" u. s.w. handeln, ist kein einziges, das der gnädige Leib- oder
Schirmherr nicht nach Belieben gegen seine Bauern angewandt hätte. Wer
sollte ihn schützen? In den Gerichten saßen Barone, Pfaffen, Patrizier oder
Juristen, die wohl wußten wofür sie bezahlt wurden. Alle offiziellen Stände
des Reichs lebten ja von der Aussaugung der Bauern.

Die Bauern, knirschend unter dem furchtbaren Druck, waren dennoch
schwer zum Aufstand zu bringen. Ihre Zersplitterung erschwerte jede gemeinsame Uebereinkunf t im höchsten Grade. Die lange Gewohnheit der von
Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzten Unterwerfung, die Entwöhnung

vom Gebrauch der Waffen in vielen Gegenden, die je nach der Persönlichkeit der Herren bald ab-, bald zunehmende Härte der Ausbeutung trug dazu bei, die Bauern ruhig zu erhalten. Wir finden daher im Mittelalter Lokalinsurrektionen der Bauern in Menge, aber — wenigstens in Deutschland —
vor dem Bauernkrieg keinen einzigen allgemeinen, nationalen Bauernaufstand. Dazu waren die Bauern allein nicht im Stande eine Revolution
zu machen, solange ihnen die organisirte Macht der Fürsten, des Adels und
der Städte verbündet und geschlossen entgegenstand. Nur durch eine Allianz
mit andern Ständen konnten sie eine Chance des Siegs bekommen; aber wie
sollten sie sich mit andern Ständen verbinden, da sie von allen gleichmäßig
ausgebeutet wurden?

Wir sehen, die verschiedenen Stände des Reichs, Fürsten, Adel, Prälaten,
Patrizier, Bürger, Plebejer und Bauern bildeten im Anfang des sechszehnten
Jahrhunderts eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten,
sich nach allen Seiten hin durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war
dem andern im Wege, lag mit allen andern in einem fortgesetzten, bald
offnen, bald versteckten Kampf. Jene Spaltung der ganzen Nation in zwei
große Lager, wie sie beim Ausbruch der ersten Revolution in Frankreich
bestand, wie sie jetzt, auf einer höheren Entwicklungsstufe in den fortgeschrittensten Ländern besteht, war unter diesen Umständen rein unmöglich;

sie konnte selbst annähernd nur dann zu Stande kommen, wenn die unterste,
von allen übrigen Ständen exploitirte Schichte der Nation sich erhob: die

Bauern und die Plebejer. Man wird die Verwirrung der Interessen, Ansichten
und Bestrebungen jener Zeit leicht begreifen, wenn man sich erinnert, welche
Konfusion in den letzten zwei Jahren die jetzige, weit weniger komplicirte
Zusammensetzung der deutschen Nation aus Feudaladel, Bourgeoisie,
Kleinbürgerschaft, Bauern und Proletariat hervorgebracht hat.

[15].

Die Gruppirung der damals so mannichfaltigen Stände zu größeren Ganzen
wurde schon durch die Decentralisation und die lokale und provinzielle
Selbstständigkeit, durch die industrielle und kommerzielle Entfremdung der
Provinzen von einander, durch die schlechten Kommunikationen fast unmöglich gemacht. Diese Gruppirung bildet sich erst heraus mit der allgemeinen Verbreitung revolutionärer religio s-politischer Ideen in der Reformation.
Die verschiedenen Stände, die sich diesen Ideen anschließen oder entgegenstellen, konzentriren, freilich nur sehr mühsam und annähernd, die Nation
in drei große Lager, in das katholische oder reactionäre, das lutherische
bürgerlich-reformirende und das revolutionäre. Wenn wir auch in dieser
großen Zerklüftung der Nation wenig Konsequenz entdecken, wenn wir in
den ersten beiden Lagern zum Theil dieselben Elemente finden, so erklärt
sich dies aus dem Zustand der Auflösung in dem sich die meisten aus dem
Mittelalter überlieferten offiziellen Stände befanden, und aus der Decentralisation, die denselben Ständen an verschiednen Orten momentan
entgegengesetzte Richtungen anwies. Wir haben in den letzten Jahren so
häufig ganz ähnliche Fakta in Deutschland zu sehn Gelegenheit gehabt, daß
uns eine solche scheinbare Durcheinanderwürf elung der Stände und Klassen
unter den viel verwickeiteren Verhältnissen des 16. Jahrhunderts nicht
wundern kann.

Die deutsche Ideologie sieht, trotz der neuesten Erfahrungen, in den
Kämpfen denen das Mittelalter erlag, noch immer weiter nichts als heftige
theologische Zänkereien. Hätten die Leute jener Zeit sich nur über die
himmlischen Dinge verständigen können, so wäre, nach der Ansicht unsrer
vaterländischen Geschichtskenner und Staatsweisen, gar kein Grund vorhanden gewesen über die Dinge dieser Welt zu streiten. Diese Ideologen sind
leichtgläubig genug, alle Illusionen für baare Münze zu nehmen, die sich eine
Epoche über sich selbst macht, oder die die Ideologen einer Zeit sich über
diese Zeit machen. Dieselbe Klasse von Leuten sieht z. B. in der Revolution von 1789 nur eine etwas hitzige Debatte über die Vorzüge der konstitutionellen vor der absoluten Monarchie, in der Julirevolution eine praktisehe Kontroverse über die Unhaltbarkeit des Rechts „von Gottes Gnaden",
in der Februarrevolution den Versuch zur Lösung der Frage: „Republik oder
Monarchie?" u. s.w. Von den Klassenkämpfen, die in diesen Erschütterungen ausgefochten werden, und deren bloßer Ausdruck die jedesmal auf die
Fahne geschriebne politische Phrase ist, von diesen Klassenkämpfen haben
selbst heute noch unsre Ideologen kaum eine Ahnung, obwohl die Kunde
davon vernehmlich genug nicht nur vom Ausland herüber, sondern auch aus
dem Murren und Grollen vieler tausend einheimischen Proletarier herauf
erschallt.

Auch in den s. g. Religionskriegen des sechszehnten Jahrhunderts handelte
es sich vor Allem um sehr positive materielle Klasseninteressen, und diese
Kriege waren Klassenkämpfe, ebensogut wie die späteren inneren Kollisionen in England und Frankreich. Wenn diese Klassenkämpfe damals religiöse
Schiboleths trugen, wenn die Interessen, Bedürfnisse und Forderungen der

15 einzelnen Klassen sich unter einer religiösen Decke verbargen, so ändert dies

nichts an der Sache und erklärt sich leicht aus den Zeitverhältnissen.

Das Mittelalter hatte sich ganz aus dem Rohen entwickelt. Ueber die alte
Civilisation, die alte Philosophie, Politik und Jurisprudenz hatte es tabula
rasa gemacht und in Allem wieder von vorn angefangen. Das Einzige, was

es aus der untergegangnen alten Welt übernommen hatte, war das Christenthum und eine Anzahl halbzerstörter, ihrer ganzen Civilisation entkleideten
Städte. Die Folge davon war, daß, wie auf allen ursprünglichen Entwicklungsstufen, die Pfaffen das Monopol der intellektuellen Bildung erhielten,
und damit die Bildung selbst einen wesentlich theologischen Charakter

bekam. Unter den Händen der Pfaffen blieben Politik und Jurisprudenz, wie
alle übrigen Wissenschaften, bloße Zweige der Theologie, und wurden nach
denselben Prinzipien behandelt die in dieser Geltung hatten. Die Dogmen der
Kirche waren zu gleicher Zeit politische Axiome, und Bibelstellen hatten in
jedem Gerichtshof Gesetzeskraft. Selbst als ein eigner Juristenstand sich

30 bildete, blieb die Jurispru 11171 denz noch lange unter der Vormundschaft der

Theologie. Und diese Oberherrlichkeit der Theologie auf dem ganzen Gebiet
der intellectuellen Thätigkeit war zugleich die nothwendige Folge von der
Stellung der Kirche als der allgemeinsten Zusammenfassung und Sanktion
der bestehenden Feudalherrschaft.

Es ist klar, daß hiermit alle allgemein ausgesprochenen Angriffe auf den
Feudalismus, vor Allem Angriffe auf die Kirche, alle revolutionären gesellschaftlichen und politischen Doktrinen zugleich und vorwiegend theologische Ketzereien sein mußten. Damit die bestehenden gesellschaftlichen
Verhältnisse angetastet werden konnten, mußte ihnen der Heiligenschein
abgestreift werden.

Die revolutionäre Opposition gegen die Feudalität geht durch das ganze

Mittelalter. Sie tritt auf, je nach den Zeitverhältnissen, als Mystik, als offne
Ketzerei, als bewaffneter Aufstand. Was die Mystik angeht, so weiß man
wie abhängig die Reformatoren des 16. Jahrhunderts von ihr waren; auch
Münzer hat viel aus ihr genommen. Die Ketzereien waren der Ausdruck
theils der Reaktion der patriarchalischen Alpenhirten gegen die zu ihnen
vordringende Feudalität (die Waldenser); theils der Opposition der dem
Feudalismus entwachsenen Städte gegen ihn (die Albigenser, Arnold von
Brescia etc.); theils direkter Insurrektionen der Bauern (John Ball, der
Meister aus Ungarn in der Picardie etc.). Die patriarchalische Ketzerei der
Waldenser können wir hier, ganz wie die Insurrektion der Schweizer, als
einen, nach Form und Inhalt reaktionären Versuch der Absperrung gegen
die geschichtliche Bewegung von nur lokaler Bedeutung, bei Seite lassen.
In den beiden übrigen Formen der mittelaltrigen Ketzerei finden wir schon
im 12. Jahrhundert die Vorläufer des großen Gegensatzes zwischen bürgerlicher und bäurisch-plebejischer Opposition, an dem der Bauernkrieg zu
Grunde ging. Dieser Gegensatz zieht sich durchs ganze spätere Mittelalter.

Die Ketzerei der Städte — und sie ist die eigentlich offizielle Ketzerei
des Mittelalters — wandte sich hauptsächlich gegen die Pfaffen, deren Reichthümer und politische Stellung sie angriff. Wie jetzt die Bourgeoisie ein
gouvernement a bon marché, eine wohlfeile Regierung fordert, so
verlangten die mittelaltrigen Bürger zunächst eine église à bon marché, eine
wohlfeile Kirche. Der Form nach reaktionär, wie jede Ketzerei, die in der
Fortentwicklung der Kirche und der Dogmen nur eine Entartung sehen kann,
forderte die bürgerliche Ketzerei Herstellung der urchristlichen einfachen
Kirchenverfassung und Aufhebung des exklusiven Priesterstandes. Diese
wohlfeile Einrichtung beseitigte die Mönche, die Prälaten, den römischen
Hof, kurz, Alles was in der Kirche kostspielig war. Die Städte, selbst Republiken, wenn auch unter dem Schutz von Monarchen, sprachen durch ihre
Angriffe gegen das Pabstthum zum ersten Male in allgemeinerer Form aus,
daß die normale Form der Herrschaft des Bürgerthums die Republik ist. Ihre
Feindschaft gegen eine Reihe von Dogmen und Kirchengesetzen erklärt sich
theils aus dem Gesagten, theils aus ihren sonstigen Lebensverhältnissen.
Warum sie z. B. so heftig gegen das Cölibat auftraten, darüber gibt Niemand
besser Aufschluß als Boccaccio. Arnold von Brescia in Italien und Deutschland, die Albigenser in Südfrankreich, John Wycliffe in England, Huß und
die Calixtiner in Böhmen waren die Hauptrepräsentanten dieser Richtung.
Daß die Opposition gegen den Feudalismus hier nur als Opposition gegen
die geistliche Feudalität auftritt, erklärt sich sehr einfach daraus, daß die
Städte überall schon anerkannter Stand waren, und die weltliche Feudalität
mit ihren Privilegien, mit den Waffen oder in den ständischen Versammlungen hinreichend bekämpfen konnten.

Auch hier sehen wir schon, sowohl in Südfrankreich wie in England und
Böhmen, daß der größte Theil des niederen Adels sich den Städten im Kampf
gegen die Pfaffen in der Ketzerei anschließt — eine Erscheinung, die sich aus
der Abhängigkeit des niedern Adels von den Städten und aus der Gemeinschaft der Interessen Beider gegenüber den Fürsten und Prälaten erklärt, und
die wir im Bauernkrieg wiederfinden werden.

Einen ganz verschiedenen Charakter hatte die Ketzerei, die der direkte
Ausdruck der bäurischen und plebejischen Bedürfnisse war und sich fast
immer an einen Aufstand anschloß. Sie theilte zwar alle Forderungen

der bürgerlichen Ketzerei in Betreff der Pfaffen, des Pabstthums und der
Herstellung der urchristlichen Kirchenverfassung, aber sie ging zugleich
unendlich weiter. Sie verlangte die Herstellung des urchristlichen Gleichheitsverhältnisses unter den Mitgliedern der Gemeinde, und seine Anerkennung als Norm auch für die bürgerliche Welt. Sie zog von der „Gleichheit
der Kinder Gottes" den Schluß auf die bürgerliche Gleichheit und selbst
theilweise schon auf die Gleichheit des Vermögens. Gleichstellung des Adels
mit den Bauern, der Patrizier und bevorrechteten Bürger mit den Plebejern,
Abschaffung der Frohndienste, Grundzinsen, Steuern, Privilegien und
wenigstens der schreiendsten Vermögensunterschiede waren Forderungen,
die mit mehr oder weniger Bestimmtheit aufgestellt und als nothwendige
Konsequenzen der urchristlichen Doktrin behauptet wurden. Diese bäurisch-plebejische Ketzerei, in der Blüthenzeit des Feudalismus, z. B. bei den
Albigensern, kaum noch zu trennen von der bürgerlichen, entwickelt sich
zu einer scharf geschiedenen Parteiansicht im 14. und 15. Jahrhundert, wo
sie gewöhnlich und ganz selbstständig neben der bürgerlichen Ketzerei
auftritt. So John Ball, der Prediger des Wat-Tylerschen Aufstandes in
England neben der Wycliffeschen Bewegung, so die Taboriten neben den
Calixtinern in Böhmen. Bei den Taboriten tritt sogar schon die republikanische Tendenz unter theokratischer Verbrämung hervor, die am Ende des 15.
und Anfang des 16. Jahrhunderts durch die Vertreter der Plebejer in Deutschland weiter ausgebildet wurde.

An diese Form der Ketzerei schließt sich die Schwärmerei mysticisirender
Sekten, der Geißler, Lollards etc., die in Zeiten der Unterdrückung die
revolutionäre Tradition fortpflanzen.

Die Plebejer waren damals die einzige Klasse, die ganz außerhalb der
offiziell bestehenden Gesellschaft stand. Sie befand sich außerhalb des
feudalen und außerhalb des bürgerlichen Verbandes. Sie hatte weder Privilegien noch Eigenthum; sie hatte nicht einmal, wie die Bauern und Kleinbürger,
einen mitdrückenden Lasten beschwerten Besitz. Sie war in jeder Beziehung
besitzlos und rechtlos; ihre Lebensbedingungen kamen direkt nicht
einmal in Berührung mit den bestehenden Institutionen, von denen sie

vollständig ignorirt wurden. Sie war das lebendige Symptom der Auflösung
der feudalen und zunftbürgerlichen Gesellschaft, und zugleich der erste
Vorläufer der modern-bürgerlichen Gesellschaft.

Aus dieser Stellung erklärt es sich, warum die plebejische Fraktion schon
damals nicht bei der bloßen Bekämpfung des Feudalismus und der privilegirten Pf ahlbürgerei stehn bleiben konnte, warum sie, wenigstens in der Phantasie, selbst über die kaum empordämmernde modern-bürgerliche Gesellschaft
hinausgreif en, warum sie, die vollständig besitzlose Fraktion, schon die, allen
auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaftsformen, gemeinsamen
Institutionen, Anschauungen und Vorstellungen in Frage stellen mußte.
Die chiliastischen Schwärmereien des ersten Christenthums boten hierzu
einen bequemen Anknüpfungspunkt. Aber zugleich konnte dies Hinausgehn
nicht nur über die Gegenwart, sondern selbst über die Zukunft, nur ein
gewaltsames, phantastisches sein, und mußte beim ersten Versuch der praktischen Anwendung zurückfallen in die beschränkten Gränzen, die die damaligen Verhältnisse allein zuließen. Der Angriff auf das Privateigenthum, die
Forderung der Gütergemeinschaft, mußte sich auflösen in eine rohe Organisation der Wohlthätigkeit; die vage christliche Gleichheit konnte höchstens auf die bürgerliche „Gleichheit vor dem Gesetz" hinauslaufen; die
Beseitigung aller Obrigkeit verwandelt sich schließlich in die Herstellung
vom Volke gewählter republikanischer Regierungen. Die Anticipation des
Kommunismus durch die Phantasie wurde in der Wirklichkeit eine Anticipation der modernen bürgerlichen Verhältnisse.

Diese gewaltsame, aber dennoch aus der Lebenslage der plebejischen
Fraktion sehr erklärliche Anticipation auf die spätere Geschichte finden wir
zuerst in Deutschland, bei Thomas Münzer und seiner Partei. Bei den Taboriten hatte allerdings eine Art chiliastischer Gütergemeinschaft bestanden,
aber nur als rein militärische Maßregel. Erst bei Münzer sind diese kommunistischen Anklänge Ausdruck der Bestrebungen einer wirklichen Gesellschaftsfraktion, erst bei ihm sind sie mit einer gewissen Bestimmtheit f ormulirt, und seit ihm finden wir sie in jeder großen Volkserschütterung
wieder, bis sie allmählig mit der modernen proletarischen Bewegung zusammenfließen; gerade so wie im Mittelalter die Kämpfe der freien Bauern gegen
die sie mehr und mehr umstrickende Feudalherrschaft zusammenfließen mit
den Kämpfen der Leibeignen und Hörigen um den vollständigen Bruch der

Feudalherrschaft.

Während sich in dem ersten der drei großen Lager, im konservativ-katholischen, alle Elemente zusammenfanden die bei der Erhaltung des Bestehenden interessirt waren, also die Reichsgewalt, die geistlichen und ein Theil
der weltlichen Fürsten, der reichere Adel, die Prälaten und das städtische
Patriziat, sammeln sich um das Banner der bürgerlich-gemäßigten, lutherisehen Reform die besitzenden Elemente der Opposition, die Masse des
niedern Adels, die Bürgerschaft, und selbst ein Theil der weltlichen Fürsten,
der sich durch Konfiskation der geistlichen Güter zu bereichern hoffte und
die Gelegenheit zur Erringung größrer Unabhängigkeit vom Reich benutzen
wollte. Die Bauern und Plebejer endlich schlossen sich zur revolutionären
Partei zusammen, deren Forderungen und Doktrinen am schärfsten durch
Münzer ausgesprochen wurden.

Luther und Münzer repräsentiren nach ihrer Doktrin, wie nach ihrem
Charakter und ihrem Auftreten Jeder seine Partei vollständig.

Luther hat in den Jahren 1517 bis 1525 ganz dieselben Wandlungen durchgemacht, die die modernen deutschen Konstitutionellen von 1847 bis 1849
durchmachten, und die jede bürgerliche Partei durchmacht, welche einen
Moment an die Spitze der Bewegung gestellt, in dieser Bewegung selbst von
der hinter ihr stehenden plebejischen oder proletarischen Partei überflügelt
wird.

Als Luther 1517 zuerst gegen die Dogmen und die Verfassung der katholischen Kirche auftrat, hatte seine Opposition durchaus noch keinen bestimmten Charakter. Ohne über die Forderungen der früheren bürgerlichen Ketzerei hinauszugehn, schloß sie keine einzige weitergehende Richtung aus,
und konnte es nicht. Im ersten Moment mußten alle oppositionellen Momente vereinigt, mußte die entschiedenste revolutionäre Energie angewandt, mußte die Gesammtmasse der bisherigen Ketzerei gegenüber der
katholischen Rechtgläubigkeit vertreten werden. Gerade so waren unsre
liberalen Bourgeois noch 1847 revolutionär, nannten sich Sozialisten und

Kommunisten und schwärmten für die Emancipation der Arbeiterklasse. Die
kräftige Bauernnatur Luthers machte sich in dieser ersten Periode seines
Auftretens in der ungestümsten Weise Luft. „Wenn ihr (der römischen
Pfaffen) rasend Wüthen einen Fortgang haben sollte, so dünkt mich, es wäre
schier kein besserer Rath und Arznei, ihm zu steuern, denn daß Könige und

Fürsten mit Gewalt dazu thäten, sich rüsteten und diese schädlichen Leute,
so alle Welt vergiften, angriffen und einmal des Spiels ein End machten, mit
Waffen, nicht mit Worten. So wir Diebe mit Schwert, Mörder mit Strang,
Ketzer mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht vielmehr an diese schädlichen Lehrer des Verderbens, als Päbste, Kardinäle, Bischöfe und das ganze

Geschwärm der römischen Sodoma mit allerlei Waffen und waschen unsre
Hände in ihrem Blut?"

Aber dieser erste revolutionäre Feuereifer dauerte nicht lange. Der Blitz
schlug ein, den Luther geschleudert hatte. Das ganze deutsche Volk gerieth
in Bewegung. Auf der einen Seite sahen Bauern und Plebejer in seinen
Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner Predigt von der christlichen Freiheit
das Signal zur Erhebung; auf der andern schlossen sich die gemäßigteren

Bürger und ein großer Theil des niedern Adels ihm an, wurden selbst Fürsten
vom Strom mit fortgerissen. Die Einen glaubten den Tag gekommen, wo sie
mit allen ihren Unterdrückern Abrechnung halten könnten, die andern
wollten nur die Macht der Pfaffen, die Abhängigkeit von Rom, die katholische Hierarchie brechen und sich aus der Konfiskation des Kirchengutes
bereichern. Die Parteien sonderten sich und fanden ihre Repräsentanten.
Luther mußte zwischen ihnen wählen. Er, der Schützling des Kurfürsten von
Sachsen, der angesehene Professor von Wittenberg, der über Nacht mächtig
und berühmt gewordene, mit einem Zirkel von abhängigen Kreaturen und
Schmeichlern umgebne große Mann zauderte keinen Augenblick. Er ließ die
populären Elemente der Bewegung fallen und schloß sich der bürgerlichen,
adligen und fürstlichen Suite an. Die Aufrufe zum Vertilgungskampfe
gegen Rom verstummten; Luther predigte jetzt die friedliche Entwicklung
und den passiven Widerstand (vergl. z. B. an den Adel teutscher Nation, 1520
etc.). Auf Huttens Einladung, zu ihm und Sickingen auf die Ebernburg, den
Mittelpunkt der Adelsverschwörung gegen Pfaffen und Fürsten zu kommen,
antwortete Luther: „Ich möchte nicht, daß man das Evangelium mit Gewalt
und Blutvergießen verfechte. Durch das Wort ist die Welt überwunden
worden, durch das Wort ist die Kirche erhalten, durch das Wort wird sie auch
wieder in den Stand kommen, und der Antichrist, wie er Seines ohne Gewalt
bekommen, wird ohne Gewalt fallen."

Von dieser Wendung, oder vielmehr von dieser bestimmteren Feststellung der Richtung Luthers begann jenes Markten und Feilschen um die
beizubehaltenden oder zu reformirenden Institutionen und Dogmen, jenes
widerwärtige Diplomatisiren, Konzediren, Intriguiren und Vereinbaren,
dessen Resultat die Augsburgische Konfession war, die schließlich erhandelte Verfassung der reformirten Bürgerkirche. Es ist ganz derselbe Schacher der sich neuerdings in deutschen Nationalversammlungen, Vereinbarungsversammlungen, Revisionskammern und Erfurter Parlamenten in
politischer Form bis zum Ekel wiederholt hat. Der spießbürgerliche Charakter der offiziellen Reformation trat in diesen Verhandlungen aufs Offenste
hervor.

Daß Luther, als nunmehr erklärter Repräsentant der bürgerlichen Reform,
den gesetzlichen Fortschritt predigte, hatte seine guten Gründe. Die Masse
der Städte war der gemäßigten Reform zugefallen; der niedere Adel schloß
sich ihr mehr und mehr an, ein Theil der Fürsten fiel zu, ein andrer
schwankte. Ihr Erfolg war so gut wie gesichert, wenigstens in einem großen
Theil von Deutschland. Bei fortgesetzter friedlicher Entwicklung konnten
die übrigen Gegenden auf die Dauer dem Andrang der gemäßigten Opposition nicht widerstehn. Jede gewaltsame Erschütterung aber mußte die
gemäßigte Partei in Konflikt bringen mit der extremen, plebejischen und

Bauernpartei, mußte die Fürsten, den Adel und manche Städte der Bewegung
entfremden, und ließ nur die Chance entweder der Ueberflügelung der
bürgerlichen Partei durch die Bauern und Plebejer, oder Unterdrückung
sämmtlicher Bewegungsparteien durch die katholische Restauration.
Und wie die bürgerlichen Parteien, sobald sie die geringsten Siege erfochten
haben, vermittelst des gesetzlichen Fortschritts zwischen der Scylla der
Revolution und der Charybdis der Restauration durchzulaviren suchen,
davon haben wir in der letzten Zeit Exempel genug gehabt.

Wie unter den allgemein gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen
der damaligen Zeit die Resultate jeder Veränderung nothwendig den Fürsten
zu gut kommen und ihre Macht vermehren mußten, so mußte die bürgerliche
Reform, je schärfer sie sich von den plebejischen und bäurischen Elementen
schied, immer mehr unter die Kontrolle der reformirten Fürsten gerathen.
Luther selbst wurde mehr und mehr ihr Knecht, und das Volk wußte sehr
gut was es that, wenn es sagte, er sei ein Fürstendiener geworden wie die
Andern, und wenn es ihn in Orlamünde mit Steinwürfen verfolgte.

Als der Bauernkrieg losbrach, und zwar in Gegenden wo Fürsten und Adel
größtentheils katholisch waren, suchte Luther eine vermittelnde Stellung
einzunehmen. Er griff die Regierungen entschieden an. Sie seien Schuld am
Aufstand durch ihre Bedrückungen; nicht die Bauern setzten sich wider sie,
sondern Gott selbst. Der Aufstand sei freilich auch ungöttlich und wider das
Evangelium, hieß es auf der andern Seite. Schließlich rieth er beiden Parteien
nachzugeben und sich gütlich zu vertragen.

Aber der Aufstand, trotz dieser wohlmeinenden Vermittlungsvorschläge,
dehnte sich rasch aus, ergriff sogar protestantische, von lutherischen Fürsten, Herren und Städten beherrschte Gegenden, und wuchs der bürgerlichen, besonnenen Reform rasch über den Kopf. In Luthers nächster Nähe,
in Thüringen, schlug die entschiedenste Fraktion der Insurgenten unter
Münzer ihr Hauptquartier auf. Noch ein paar Erfolge, und ganz Deutschland
stand in Flammen, Luther war umzingelt, vielleicht als Verräther durch die
Spieße gejagt, und die bürgerliche Reform weggeschwemmt von der Sturmfluth der bäurisch-plebejischen Revolution. Da galt kein Besinnen mehr.
Gegenüber der Revolution wurden alle alten Feindschaften vergessen; im
Vergleich mit den Rotten der Bauern waren die Diener der römischen
Sodoma unschuldige Lämmer, sanftmüthige Kinder Gottes, und Bürger
und Fürsten, Adel und Pfaffen, Luther und Pabst verbanden sich „wider
die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern". „Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie
man einen tollen Hund todtschlagen muß!" schrie Luther. „Darum, liebe
Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, würge sie wer da kann, bleibst
du darüber todt, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen." Man solle nur keine falsche Barmherzigkeit mit den Bauern haben.
Die mengen sich selber unter die Aufrührischen, die sich derer erbarmen,
welcher sich Gott nicht erbarmt, sondern welche er gestraft und verderbet
haben will. Nachher werden die Bauern selber Gott danken lernen, wenn sie
die eine Kuh hergeben müssen, auf daß sie die andre in Frieden genießen
können; und die Fürsten werden durch den Aufruhr erkennen, wes Geistes
der Pöbel sei, der nur mit Gewalt zu regieren. „Der weise Mann sagt: cibus,
onus et virga asino, in einen Bauern gehört Haberstroh, sie hören nicht das
Wort und sind unsinnig, so müssen sie die Virgam, die Büchse hören, und
geschiehet ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, daß sie gehorchen; wo nicht,
so gilts hie nicht viel Erbarmens. Lasset nur die Büchsen unter sie sausen,
sie machens sonst tausendmal ärger."

Gerade so sprachen unsre weiland sozialistischen und philantropischen
Bourgeois, als das Proletariat nach den Märztagen seinen Antheil an den
Früchten des Siegs reklamiren kam.

Luther hatte der plebejischen Bewegung ein mächtiges Werkzeug in die
Hand gegeben durch die Uebersetzung der Bibel. In der Bibel hatte er dem
feudalisirten Christenthum der Zeit das bescheidne Christenthum der ersten
Jahrhunderte, der zerfallenden feudalen Gesellschaft das Abbild einer
Gesellschaft entgegengehalten, die nichts von der weitschichtigen, kunstmäBigen Feudalhierarchie wußte. Die Bauern hatten dies Werkzeug gegen
Fürsten, Adel, Pfaffen, nach allen Seiten hin benutzt. Jetzt kehrte Luther
es gegen sie, und stellte aus der Bibel einen wahren Dithyrambus auf die von
Gott eingesetzte Obrigkeit zusammen, wie ihn kein Tellerlecker der absoluten Monarchie je zu Stande gebracht hat. Das Fürstenthum von Gottes
Gnaden, der passive Gehorsam, selbst die Leibeigenschaft wurde mit
der Bibel sanktionirt. Nicht nur der Bauernaufstand, auch die ganze Auflehnung Luthers selbst gegen die geistliche und weltliche Autorität war hierin
verläugnet; nicht nur die populäre Bewegung, auch die bürgerliche war damit
an die Fürsten verrathen.

Brauchen wir die Bourgeois zu nennen, die auch von dieser Verläugnung
ihrer eignen Vergangenheit uns kürzlich wieder Beispiele gegeben haben?

Stellen wir nun dem bürgerlichen Reformator Luther den plebejischen
Revolutionär Münzer gegenüber.

Thomas Münzer war geboren zu Stolberg am Harz, um das Jahr 1498. Sein
Vater soll, ein Opfer der Willkühr der stolbergschen Grafen, am Galgen
gestorben sein. Schon in seinem fünfzehnten Jahr stiftete Münzer auf der
Schule zu Halle einen geheimen Bund gegen den Erzbischof von Magdeburg
und die römische Kirche überhaupt. Seine Gelehrsamkeit in der damaligen
Theologie verschaffte ihm früh den Doktorgrad und eine Stelle als Kaplan
in einem Nonnenkloster zu Halle. Hier behandelte er schon Dogmen und

Ritus der Kirche mit der größten Verachtung, bei der Messe ließ er die Worte
der Wandlung ganz aus und aß, wie Luther von ihm erzählt, die Herrgötter
ungeweiht. Sein Hauptstudium waren die mittelalterlichen Mystiker, besonders die chiliastischen Schriften Joachims des Calabresen. Das tausendjährige Reich, das Strafgericht über die entartete Kirche und die verderbte Welt,
das dieser verkündete und ausmalte, schien Münzer mit der Reformation und
der allgemeinen Aufregung der Zeit nahe herbei gekommen. Er predigte in
der Umgegend mit großem Beifall. 1520 ging er als erster evangelischer
Prediger nach Zwickau. Hier fand er eine jener schwärmerischen, chiliastisehen Sekten vor, die in vielen Gegenden im Stillen fortexistirten, hinter
deren momentaner Demuth und Zurückgezogenheit sich die fortwuchernde
Opposition der untersten Gesellschaftsschichten gegen die bestehenden
Zustände verborgen hatte, und die mit der wachsenden Agitation immer
offener und beharrlicher ans Tageslicht hervortraten. Es war die Sekte der
Wiedertäufer, an deren Spitze Niklas Storch stand. Sie predigten das Nahen
des jüngsten Gerichts und des tausendjährigen Reichs; sie hatten Gesichte,
Verzückungen und den Geist der Weissagung. Bald kamen sie in
Konflikt mit dem Zwickauer Rath; Münzer vertheidigte sie, obwohl er sich
ihnen nie unbedingt anschloß, sondern sie vielmehr unter seinen Einfluß
bekam. Der Rath schritt energisch gegen sie ein; sie mußten die Stadt verlassen, und Münzer mit ihnen. Es war Ende 1521.

Er ging nach Prag und suchte an die Reste der hussitischen Bewegung
anknüpfend, hier Boden zu gewinnen; aber seine Proklamationen hatten nur
den Erfolg, daß er auch Böhmen wieder fliehen mußte. 1522 wurde er Predi25 ger zu Allstedt in Thüringen. Hier begann er damit, den Kultus zu ref ormiren.

Noch ehe Luther soweit zu gehen wagte, schaffte er die lateinische Sprache
total ab und ließ die ganze Bibel, nicht bloß die vorgeschriebnen sonntäglichen Evangelien und Episteln verlesen. Zu gleicher Zeit organisirte er die
Propaganda in der Umgegend. Von allen Seiten lief das Volk ihm zu, und
bald wurde Allstedt das Centrum der populären Antipfaffen-Bewegung von
ganz Thüringen.

Noch war Münzer vor Allem Theologe; noch richtete er seine Angriffe
fast ausschließlich gegen die Pfaffen. Aber er predigte nicht, wie Luther
damals schon, die ruhige Debatte und den friedlichen Fortschritt, er setzte
die früheren gewaltsamen Predigten Luthers fort und rief die sächsischen
Fürsten und das Volk auf zum bewaffneten Einschreiten gegen die römischen Pfaffen. „Sagt doch Christus, ich bin nicht gekommen, Frieden zu
bringen, sondern das Schwert. Was sollt ihr (die sächsischen Fürsten) aber
mit demselben machen? Nichts anders, denn die Bösen, die das Evangelium
verhindern, wegthun und absondern, wollt ihr anders Diener Gottes sein.
Christus hat mit großem Ernst befohlen, Luc. 19, 27., nehmt meine Feinde

und würget sie mir vor meinen Augen ... Gebt uns keine schaalen Fratzen
vor, daß die Kraft Gottes es thun soll ohne euer Zuthun des Schwerts, es
möchte euch sonstin der Scheide verrosten. Die, welche Gottes Offenbarung
zuwider sind, soll man wegthun, ohne alle Gnade, wie Hiskias, Cyrus, Josias,

Daniel und Elias die Baalspfaffen ver störet haben, anders mag die christliche 5

Kirche zu ihrem Ursprung nicht wieder kommen. Man muß das Unkraut
ausraufen aus dem Weingarten Gottes in der Zeit der Ernte. Gott hat
5. Mose 7 gesagt, Ihr sollt euch nicht erbarmen über die Abgöttischen,
zerbrecht ihre Altäre, zerschmeißt ihre Bilder und verbrennet sie, auf daß
ich nicht mit euch zürne."

Aber diese Aufforderungen an die Fürsten blieben ohne Erfolg, während
gleichzeitig unter dem Volk die revolutionäre Aufregung von Tag zu Tage
wuchs. Münzer, dessen Ideen immer schärfer ausgebildet, immer kühner
wurden, trennte sich jetzt entschieden von der bürgerlichen Reformation und
trat von nun an zugleich direkt als politischer Agitator auf.

Seine theologisch-philosophische Doktrin griff alle Hauptpunkte nicht nur
des Katholizismus, sondern des Christenthums überhaupt an. Erlehrte unter
christlichen Formen einen Pantheismus, der mit der modernen spekulativen
Anschauungsweise eine merkwürdige Aehnlichkeit hat und stellenweise
sogar an Atheismus anstreift. Er verwarf die Bibel sowohl als ausschließliche, wie als unfehlbare Offenbarung. Die eigentliche, die lebendige Offenbarung sei die Vernunft, eine Offenbarung die zu allen Zeiten und bei allen
Völkern existirt habe und noch existire. Der Vernunft die Bibel entgegenhalten, heiße den Geist durch den Buchstaben tödten. Denn der heilige Geist,
von dem die Bibel spreche, sei nichts außer uns Existirendes; der heilige
Geist sei eben die Vernunft. Der Glaube sei nichts anders als das Lebendigwerden der Vernunft im Menschen, und daher könnten auch die Heiden den
Glauben haben. Durch diesen Glauben, durch die lebendiggewordene Vernunft werde der Mensch vergöttlicht und selig. Der Himmel sei daher nichts
Jenseitiges, er sei in diesem Leben zu suchen, und der Beruf der Gläubigen
sei, diesen Himmel, das Reich Gottes hier auf der Erde herzustellen. Wie
keinen jenseitigen Himmel, so gebe es auch keine jenseitige Hölle oder
Verdammniß. Ebenso gebe es keinen Teufel, als die bösen Lüste und Begierden der Menschen, Christus sei ein Mensch gewesen wie wir, ein Prophet
und Lehrer, und sein Abendmahl sei ein einfaches Gedächtnißmahl worin
Brot und Wein ohne weitere mystische Zuthat genossen werde.

Diese Lehren predigte Münzer meist versteckt unter denselben christlichen Redeweisen unter denen sich die neuere Philosophie eine Zeitlang
verstecken mußte. Aber der erzketzerische Grundgedanke blickt überall aus
seinen Schriften hervor, und man sieht, daß es ihm mit dem biblischen
Deckmantel weit weniger Ernst war als manchem Schüler Hegels in neuerer

Zeit. Und doch liegen dreihundert Jahre zwischen Münzer und der modernen
Philosophie.
Seine politische Doktrin schloß sich genau an diese revolutionäre religiöse
Anschauungsweise an, und griff ebenso weit über die unmittelbar vorliegenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hinaus, wie seine Theologie über die geltenden Vorstellungen seiner Zeit. Wie Münzers Religionsphilosophie an den Atheismus, so streifte sein politisches Programm an den
Kommunismus, und mehr als eine moderne kommunistische Sekte hatte
noch am Vorabend der Februarrevolution über kein reichhaltigeres theoretisches Arsenal zu verfügen als die „Münzerschen" des sechszehnten Jahrhunderts. Dies Programm, weniger die Zusammenfassung der Forderungen
der damaligen Plebejer, als die geniale Anticipation der Emancipationsbedingungen der kaum sich entwickelnden proletarischen Elemente unter diesen
Plebejern — dies Programm forderte die sofortige Herstellung des Reiches
Gottes, des prophezeiten tausendjährigen Reichs auf Erden, durch Zurückführung der Kirche auf ihren Ursprung und Beseitigung aller Institutionen,
die mit dieser angeblich urchristlichen, in Wirklichkeit aber sehr neuen
Kirche in Widerspruch standen. Unter dem Reich Gottes verstand Münzer
aber nichts anders, als einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede, kein Privateigenthum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbstständige, fremde Staatsgewalt mehr bestehen. Sämmtliche bestehende Gewalten, sofern sie nicht sich fügen und der Revolution
anschließen wollten, sollten gestürzt, alle Arbeiten und alle Güter gemeinsam
und die vollständigste Gleichheit durchgeführt werden. Ein Bund sollte
gestiftet werden, um dies durchzusetzen, nicht nur über ganz Deutschland,
sondern über die ganze Christenheit, Fürsten und Herren sollten eingeladen
werden sich anzuschließen; wo nicht, sollte der Bund sie bei der ersten
Gelegenheit mit den Waffen in der Hand stürzen oder tödten.
Münzer setzte sich gleich daran, diesen Bund zu organisiren. Seine Predigten nahmen einen noch heftigeren, revolutionäreren Charakter an;
neben den Angriffen auf die Pfaffen, donnerte er mit gleicher Leidenschaft
gegen die Fürsten, den Adel, das Patriziat, schilderte er in glühenden Farben
den bestehenden Druck und hielt dagegen sein Phantasiebild des tausendjährigen Reichs der sozial-republikanischen Gleichheit. Zugleich veröffentlichte er ein revolutionäres Pamphlet nach dem andern, und sandte Emissäre
nach allen Richtungen aus, während er selbst den Bund in Allstedt und der
Umgegend organisirte.
Die erste Frucht dieser Propaganda war die Zerstörung der Marienkapelle
zu Melierbach bei Allstedt, nach dem Gebot: „Ihre Altäre sollt ihr zerreißen,
ihre Säulen zerbrechen und ihre Götzen mit Feuer verbrennen, denn ihr seid
ein heilig Volk" (Deut. 7, 5.). Die sächsischen Fürsten kamen selbst nach

Allstedt um den Aufruhr zu stillen und ließen Münzer aufs Schloß rufen. Dort
hielt er eine Predigt wie sie deren von Luther, „dem sanftlebenden Fleisch
zu Wittenberg" wie Münzer ihn nannte, nicht gewohnt waren. Er bestand
darauf, daß die gottlosen Regenten, besonders Pfaffen und Mönche, die das
Evangelium als Ketzerei behandeln, getödtet werden müßten, und berief sich
dafür aufs neue Testament. Die Gottlosen hätten kein Recht zu leben, es sei
denn durch die Gnade der Auserwählten. Wenn die Fürsten die Gottlosen
nicht vertilgen, so werde Gott ihnen das Schwert nehmen, denn die ganze
Gemeinde habe die Gewalt des Schwerts. Die Grundsuppe des Wuchers, der
Dieberei und Räuberei seien die Fürsten und Herren; sienehmen alle Kreaturen zum Eigenthum, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das
Gewächs auf Erden. Und dann predigten sie noch gar den Armen das Gebot:
Du sollst nicht stehlen, sie selber aber nehmen wo sie's finden, schinden und
schaben den Bauer und den Handwerker; wo aber dieser am Allergeringsten
sich vergreife, so müsse er hängen, und zu dem Allen sage dann der Doktor
Lügner Amen. „Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann
Feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegthun, wie kann
es in die Länge gut werden? Ach liebe Herren, wie hübsch wird der Herr
unter die alten Töpfe schmeißen mit einer eisernen Stange! So ich das
sage, werde ich aufrührisch sein. Wohl hin!" (vergl. Zimmermanns
Bauernkrieg, II, S. 75.)

Münzer ließ die Predigt drucken; sein Drucker in Allstedt wurde zur Strafe
vom Herzog Johann von Sachsen gezwungen, das Land zu verlassen, und
ihm selbst wurde für alle seine Schriften die Censur der herzoglichen Regierung zu Weimar auferlegt. Aber diesen Befehl achtete er nicht. Er ließ gleich
darauf eine höchst aufregende Schrift in der Reichsstadt Mühlhausen drukken, worin er das Volk aufforderte, „das Loch weit zu machen, auf daß alle
Welt sehen und greifen möge, wer unsre großen Hansen sind, die Gott also
lästerlich zum gemalten Männlein gemacht haben", und die er mit den
Worten beschloß: „Die ganze Welt muß einen großen Stoß aushalten; es wird
ein solch Spiel angehn, daß die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die Niedrigen
aber erhöhet werden." Als Motto schrieb „Thomas Münzer mit dem Hammer" auf den Titel: „Nimm wahr, ich habe meine Worte in deinen Mund
gesetzt, ich habe dich heute über die Leute und über die Reiche gesetzt, auf
daß du auswurzlest, zerbrechest, zerstreuest und verwüstest, und bauest und
pflanzest. Eine eiserne Mauer wider die Könige, Fürsten, Pfaffen und wider
das Volk ist dargestellt. Die mögen streiten, der Sieg ist wunderlich zum
Untergang der starken gottlosen Tyrannen."

Der Bruch Münzers mit Luther und seiner Partei war schon lange vorhanden. Luther hatte manche Kirchenreformen selbst annehmen müssen, die
Münzer, ohne ihn zu fragen, eingeführt hatte. Er beobachtete Münzers

Thätigkeit mit dem ärgerlichen Mißtrauen des gemäßigten Reformers gegen
die energischere, weiter treibende Partei. Schon im Frühjahr 1524 hatte
Münzer an Melanchthon, dieses Urbild des philiströsen, hektischen Stubenhockers, geschrieben, er und Luther verständen die Bewegung gar nicht. Sie
suchten sie im biblischen Buchstabenglauben zu ersticken, ihre ganze Doktrin sei wurmstichig. „Lieben Brüder, laßt euer Warten und Zaudern, es ist
Zeit, der Sommer ist vor der Thür. Wollet nicht Freundschaft halten mit den
Gottlosen, sie hindern, daß das Wort nicht wirke in voller Kraft. Schmeichelt
nicht euren Fürsten, sonst werdet ihr selbst mit ihnen verderben. Ihr
zarten Schriftgelehrten, seid nicht unwillig, ich kann es nicht anders machen."

Luther forderte Münzer mehr als einmal zur Disputation heraus; aber
dieser, bereit den Kampf jeden Augenblick vor dem Volk aufzunehmen,
hatte nicht die geringste Lust, sich in eine theologische Zänkerei vor dem

parteiischen Publikum der Wittenberger Universität einzulassen. Er wollte
„das Zeugniß des Geistes nicht ausschließlich auf die hohe Schule bringen".
Wenn Luther aufrichtig sei, so solle er seinen Einfluß dahin verwenden, daß
die Chikanen gegen Münzers Drucker und das Gebot der Censur aufhöre,
damit der Kampf ungehindert in der Presse ausgefochten werden könne.

Jetzt, nach der erwähnten revolutionären Brochüre Münzers, trat Luther
öffentlich als Denunziant gegen ihn auf. In seinem gedruckten „Brief an die
Fürsten zu Sachsen wider den aufrührischen Geist" erklärte er Münzer für
ein Werkzeug des Satans, und forderte die Fürsten auf, einzuschreiten und
die Anstifter des Aufruhrs zum Land hinaus zu jagen, da sie sich nicht
begnügen, ihre schlimmen Lehren zu predigen, sondern zum Aufstand und
zur gewaltsamen Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit aufrufen.

Am 1. August mußte Münzer sich vor den Fürsten auf dem Schloß zu
Weimar gegen die Anklage aufrührerischer Umtriebe verantworten. Es lagen
höchst kompromittirende Thatsachen gegen ihn vor; man war seinem geheimen Bund auf die Spur gekommen, man hatte in den Verbindungen der
Bergknappen und Bauern seine Hand entdeckt. Man bedrohte ihn mit
Verbannung. Kaum nach Allstedt zurück, erfuhr er, daß Herzog Georg von
Sachsen seine Auslieferung verlangte; Bundesbriefe von seiner Handschrift
waren aufgefangen worden, worin er Georgs Unterthanen zu bewaffnetem
Widerstand gegen die Feinde des Evangeliums aufforderte. Der Rath hätte
ihn ausgeliefert, wenn er nicht die Stadt verlassen hätte.

Inzwischen hatte die steigende Agitation unter Bauern und Plebejern die
Münzersche Propaganda ungemein erleichtert. Für diese Propaganda hatte
er an den Wiedertäufern unschätzbare Agenten gewonnen. Diese Sekte, ohne

bestimmte positive Dogmen, zusammengehalten nur durch ihre gemeinsame
Opposition gegen alle herrschenden Klassen und durch J j331 das gemeinsame

Symbol der Wiedertaufe, ascetisch-streng im Lebenswandel, unermüdlich,
fanatisch und unerschrocken in der Agitation, hatte sich mehr und mehr um
Münzer gruppirt. Durch die Verfolgungen von jedem festen Wohnsitz ausgeschlossen, streifte sie über ganz Deutschland und verkündete überall die
neue Lehre, in der Münzer ihnen ihre eignen Bedürfnisse und Wünsche klar
gemacht hatte. Unzählige wurden gefoltert, verbrannt oder sonst hingerichtet, aber der Muth und die Ausdauer dieser Emissäre war unerschütterlich,
und der Erfolg ihrer Thätigkeit, bei der schnell wachsenden Aufregung des
Volks, war unermeßlich. Daher fand Münzer bei seiner Flucht aus Thüringen
den Boden überall vorbereitet, er mochte sich hinwenden wohin er wollte.

In Nürnberg, wohin Münzer zuerst ging, war kaum einen Monat vorher
ein Bauernaufstand im Keim erstickt worden. Münzer agitirte hier im Stillen;
bald traten Leute auf, die seine kühnsten theologischen Sätze, von der
Unverbindlichkeit der Bibel und der Nichtigkeit der Sakramente vertheidigten, Christus für einen bloßen Menschen und die Gewalt der weltlichen
Obrigkeit für ungöttlich erklärten. „Da siehet man den Satan umgehn, den
Geist aus Allstedt!" rief Luther. Hier in Nürnberg ließ Münzer seine Antwort
an Luther drucken. Er klagte ihn geradezu an, daß er den Fürsten heuchle
und die reaktionäre Partei mit seiner Halbheit unterstütze. Aber das Volk
werde trotz dem frei werden, und dem Doktor Luther werde es dann gehn
wie einem gefangnen Fuchs. — Die Schrift wurde von Rathswegen mit
Beschlag belegt, und Münzer mußte Nürnberg verlassen.

Er ging jetzt durch Schwaben nach dem Elsaß, der Schweiz und zurück
nach dem obern Schwarzwald, wo schon seit einigen Monaten der Aufstand
ausgebrochen war, beschleunigt zum großen Theil durch seine wiedertäufrisehen Emissäre. Diese Propagandareise Münzers hat offenbar zur Organisation der Volkspartei, zur klareren Feststellung ihrer Forderungen und
zum endlichen allgemeinen Ausbruch des Aufstands im April 1525 wesentlich beigetragen. Die doppelte Wirksamkeit Münzers, einerseits für das Volk,
dem er in der ihm damals allein verständlichen Sprache des religiösen Prophetismus zuredete, und andrerseits für die Eingeweihten, gegen die er sich
offen über seine schließliche Tendenz aussprechen konnte, tritt hier
besonders deutlich hervor. Hatte er schon früher in Thüringen einen Kreis
der entschiedensten Leute, nicht nur aus dem Volk, sondern auch aus der
niedern Geistlichkeit, um sich versammelt und an die Spitze der geheimen
Verbindung gestellt, so wird er hier der Mittelpunkt der ganzen revolutionären Bewegung von Südwestdeutschland, so organisirte er die Verbindung
von Sachsen und Thüringen über Franken und Schwaben bis nach dem Elsaß
und der Schweizer Gränze, und zählt die süddeutschen Agitatoren, wie
Hubmaier in Waldshut, Conrad Grebel von Zürich, Hans Rebmann zu
Griessen, Schappeler zu Memmingen, Jakob Wehe zu Leipheim, Doktor

Mantel in Stuttgart, meist revolutionäre Pfarrer, unter seine Schüler und
unter die Häupter des Bundes. Er selbst hielt sich meist in Griessen an der
schaffhausener Grenze auf und durchstreifte von da den Hegau, Klettgau
etc. Die blutigen Verfolgungen, die die beunruhigten Fürsten und Herren
überall gegen diese neue, plebejische Ketzerei unternahmen, trugen nicht
wenig dazu bei, den rebellischen Geist zu schüren und die Verbindung fester
zusammenzuschließen. So agitirte Münzer gegen fünf Monate in Oberdeutschland, und ging um die Zeit, wo der Ausbruch der Verschwörung
herannahte, wieder nach Thüringen zurück, wo er den Aufstand selb st leiten
wollte und wo wir ihn wiederfinden werden.

Wir werden sehen, wie treu der Charakter und das Auftreten der beiden
Parteichefs die Haltung ihrer Parteien selbst wieder spiegeln; wie die Unentschiedenheit, die Furcht vor der ernsthaft werdenden Bewegung selbst, die
feige Fürstendienerei Luthers ganz der zaudernden, zweideutigen Politik der

Bürgerschaft entsprach, und wie die revolutionäre Energie und Entschlossenheit Münzers in der entwickeltsten Fraktion der Plebejer und Bauern sich
reproduziren. Der Unterschied ist nur, daß während Luther sich begnügte,
die Vorstellungen und Wünsche der Majorität seiner Klasse auszusprechen
und sich damit eine höchst wohlfeile Popularität bei ihr zu erwerben, Münzer

im Gegentheil weit über die unmittelbaren Vorstellungen und Ansprüche der
Plebejer und Bauern hinausging und sich aus der Elite der vorgefundnen
revolutionären Elemente erst eine Partei büdete, die übrigens, soweit sie auf
der Höhe seiner Ideen stand und seine Energie theüte, immer nur eine
kleine Minorität der insurgirten Masse blieb.

HI.

Ungefähr fünfzig Jahre nach der Unterdrückung der hussitischen Bewegung
zeigten sich die ersten Symptome des aufkeimenden revolutionären Geistes
unter den deutschen Bauern.*)

Im Bisthum Würzburg, einem durch die Hussitenkriege, „durch schlechte
Regierung, durch vielfältige Steuer, Abgaben, Fehde, Feindschaft, Krieg,
Brand, Mord, Gefängniß und dergleichen" schon früher sehr verarmten und
fortwährend von Bischöfen, Pfaffen und Adel schamlos ausgeplünderten
Lande entstand 1476 die erste Bauernverschwörung. Ein junger Hirte und
Musikant, Hans Böheim von Nikiashausen, auch Pauker und Pfeiferhänslein

*) Wir folgen in den chronologischen Daten den Angaben Zimmermanns, auf die wir bei dem

Mangel ausreichender Quellen im Ausland angewiesen sind und die für den Zweck dieses
Artikels vollständig genügen.

genannt, trat plötzlich im Taubergrund als Prophet auf. Er erzählte, die
Jungfrau Maria sei ihm erschienen; sie habe ihm geboten, seine Pauke zu
verbrennen, dem Tanz und den sündigen Wollüsten nicht ferner zu dienen,
sondern das Volk zur Buße zu ermahnen. So solle denn Jeder von seinen
Sünden und von der eitlen Lust dieser Welt ablassen, allen Schmuck und
Zierrath ablegen und zur Mutter Gottes von Nikiashausen wallfahrten um
die Vergebung seiner Sünden zu erlangen.

Wir finden schon hier, bei dem ersten Vorläufer der Bewegung, jenen
Ascetismus, den wir bei allen mittelalterlichen Aufständen mit religiöser
Färbung und in der neueren Zeit im Anfang jeder proletarischen Bewegung
antreffen. Diese ascetische Sittenstrenge, diese Forderung der Lossagung
von allen Lebensgenüssen und Vergnügungen stellt einerseits gegenüber den
herrschenden Klassen das Prinzip der spartanischen Gleichheit auf und ist
andrerseits eine nothwendige Durchgangsstufe, ohne die die unterste
Schichte der Gesell schaff sich nie in Bewegung setzen kann. Um ihre
revolutionäre Energie zu entwickeln, um über ihre feindselige Stellung
gegenüber allen andern Elementen der Gesellschaft sich selbst klar zu
werden, um sich als Klasse zu konzentriren, muß sie damit anfangen, alles
das von sich abzustreifen was sie noch mit der bestehenden Gesellschaftsordnung versöhnen könnte, muß sie den wenigen Genüssen entsagen
die ihr die unterdrückte Existenz noch momentan erträglich machen und die
selbst der härteste Druck ihr nicht entreißen kann. Dieser plebejische und
proletarische Ascetismus unterscheidet sich sowohl seiner wild-fanatischen
Form wie seinem Inhalt nach durchaus von dem bürgerlichen Ascetismus,
wie ihn die bürgerliche, lutherische Moral und die englischen Puritaner (im
Unterschied von den Independenten und weiter gehenden Sekten) predigten,
und dessen ganzes Geheimniß die bürgerliche Sparsamkeit ist. Es versteht
sich übrigens, daß dieser plebejisch-proletarische Ascetismus in demselben
Maße seinen revolutionären Charakter verliert, in welchem einerseits die
Entwicklung der modernen Produktivkräfte das Material des Genießens ins
Unendliche vermehrt und damit die spartanische Gleichheit überflüssig
macht, und andrerseits die Lebensstellung des Proletariats, und damit das
Proletariat selbst immer revolutionärer wird. Er verschwindet dann allmählig
aus der Masse, und verläuft sich bei den Sektirern, die sich auf ihn steifen,
entweder direkt in die bürgerliche Knickerei oder in ein hochtrabendes
Tugendritterthum, das in der Praxis ebenfalls auf eine spießbürgerliche oder
zunfthandwerkermäßige Knauserwirthschaft hinauskommt. Der Masse des
Proletariats braucht die Entsagung um so weniger gepredigt zu werden, als
sie fast nichts mehr hat dem sie noch entsagen Könnte.

Die Bußpredigt Pfeiferhänsleins fand großen Anklang; alle Aufstandspropheten begannen mit ihr, und in der That konnte nur eine gewaltsame

Anstrengung, eine plötzliche Lossagung von der ganzen gewohnten Daseinsweise dies zersplitterte, dünngesäete, in blinder Unterwerfung herangewachsene Bauerngeschlecht in Bewegung setzen. Die Wallfahrten nach Nikiashausen begannen und nahmen rasch überhand; und je massenhafter das Volk
hinströmte, desto offener sprach der junge Rebell seine Pläne aus. Die Mutter
Gottes von Nikiashausen habe ihm verkündet, predigte er, daß fortan kein
Kaiser noch Fürst, noch Papst, noch andre geistliche oder weltliche
Obrigkeit mehr sein sollte; ein jeder solle des andern Bruder sein, sein Brot
mit seiner Hände Arbeit gewinnen und keiner mehr haben als der andre.
Alle Zinsen, Gülten, Frohnden, Zoll, Steuer und andre Abgaben und Leistungen sollten für ewig ab, und Wald, Wasser und Weide überall frei
sein.
Das Volk nahm dies neue Evangelium mit Freuden auf. Rasch breitete sich
der Ruhm des Propheten, „unsrer Frauen Botschaft", in die Ferne aus; vom
Odenwald, vom Main, Kocher und Jaxt, ja von Baiern, Schwaben und vom
Rhein zogen ihm Haufen von Pilgern zu. Man erzählte sich Wunder die er
gethan haben sollte; man fiel auf die Kniee vor ihm und betete ihn an wie
einen Heiligen; man riß sich um die Zotteln von seiner Kappe als ob es
Reliquien und Amulete wären. Vergeblich traten die Pfaffen gegen ihn auf,
schilderten seine Gesichte als Blendwerk des Teufels, seine Wunder als
höllische Betrügereien. Die Masse der Gläubigen nahm reißend zu, die revolutionäre Sekte fing an sich zu bilden, die sonntäglichen Predigten des
rebellischen Hirten riefen Versammlungen von 40 000 und mehr Menschen
nach Nikiashausen zusammen.

Mehrere Monate predigte Pfeiferhänslein vor den Massen. Aber er hatte
nicht die Absicht bei der Predigt zu bleiben. Er stand in geheimem Verkehr
mit dem Pfarrer von Nikiashausen und mit zwei Rittern, Kunz von Thunfeld
und seinem Sohn, die zur neuen Lehre hielten und die militärischen Führer
des beabsichtigten Aufstandes werden sollten. Endlich am Sonntag vor

St. Kilian, als seine Macht groß genug zu sein schien, gab er das Signal. „Und
nun, schloß er seine Predigt, gehet heim und erwäget wohl was Euch die
allerheiligste Mutter Gottes verkündet hat; und lasset am nächsten Samstag
Weiber und Kinder und Greise daheim bleiben, aber ihr, ihr Männer kommet
wieder her nach Nikiashausen auf St. Margarethen Tag, das ist nächsten

Samstag; und bringt mit Eure Brüder und Freunde, soviel ihrer sein mögen.
Kommt aber nicht mit dem Pilgerstab, sondern angethan mit Wehr und
Waffen, in der einen Hand die Wallkerze, in der andern Schwert und Spieß
oder Hellebarde; und die heilige Jungfrau wird Euch alsdann verkünden
was ihr Wille ist, das ihr thun sollt."

Aber ehe die Bauern in Massen ankamen, hatten die Reiter des Bischofs
den Aufruhrspropheten nächtlicher Weile abgeholt und aufs Würzburger

Schloß gebracht. Am bestimmten Tage kamen an 34 000 bewaffnete Bauern,
aber diese Nachricht wirkte niederschlagend auf sie. Der größte Theil verlief
sich; die Eingeweihteren hielten gegen 16000 zusammen und zogen mit ihnen
vor das Schloß, unter der Führung Kunzens von Thunfeld und Michaels,
seines Sohnes. Der Bischof brachte sie durch Versprechungen wieder zum
Abzug; aber kaum hatten sie angefangen sich zu zerstreuen, so wurden sie
von des Bischofs Reitern überfallen, und mehrere zu Gefangenen gemacht.
Zwei wurden enthauptet, Pfeiferhänslein selbst aber wurde verbrannt. Kunz
von Thunfeld wurde flüchtig und erst gegen Abtretung aller seiner Güter an
das Stift wieder angenommen. Die Wallfahrten nach Nikiashausen dauerten
noch einige Zeit fort, wurden aber schließlich auch unterdrückt.

Nach diesem ersten Versuch blieb Deutschland wieder längere Zeit ruhig.
Erst mit Ende der neunziger Jahre begannen neue Aufstände und Verschwörungen der Bauern.

Wir übergehen den holländischen Bauernaufstand von 1491 und 92, der
erst durch Herzog Albrecht von Sachsen in der Schlacht bei Heemskerk
unterdrückt wurde, den gleichzeitigen Aufstand der Bauern der Abtei Kempten in Oberschwaben, und den friesischen Aufstand unter Syaard Aylva um
1497, der ebenfalls durch Albrecht von Sachsen unterdrückt wurde. Diese
Aufstände liegen theils zu weit vom Schauplatz des eigentlichen Bauernkriegs entfernt, theils sind sie Kämpfe bisher freier Bauern gegen den
Versuch ihnen den Feudalismus aufzudrängen. Wir gehen gleich über zu den
beiden großen Verschwörungen die den Bauernkrieg vorbereiteten: dem
Bundschuh und dem armen Konrad.

Dieselbe Theurung, die in den Niederlanden den Aufstand der Bauern
hervorgerufen hatte, brachte 1493 im Elsaß einen geheimen Bund von Bauern
und Plebejern zu Stande, bei dem sich auch Leute von der bloß bürgerlichen
Oppositionspartei betheiligten und mit dem sogar ein Theil des niedern Adels
mehr oder weniger sympathisirte. Der Sitz des Bundes war die Gegend
von Schlettstadt, Sulz, Dambach, Stotzheim, Scherweiler etc. etc. Die
Verschwornen verlangten Plünderung und Ausrottung der Juden, deren
Wucher damals schon, sogut wie noch jetzt, den Elsasser Bauern aussog,
Einführung eines Jubeljahrs, mit dem alle Schulden verjähren sollten,
Aufhebung des Zolls, Umgelds und andrer Lasten, Abschaffung des geistlichen und rottweilschen (Reichs-) Gerichts, Steuerbewilligungsrecht, Beschränkung der Pfaffen auf je eine Pfriinde von 50—60 Gulden, Abschaffung
der Ohrenbeichte und eigne, selbstgewählte Gerichte für jede Gemeinde. Der
Plan der Verschwornen war, sobald man stark genug sei, das feste
Schlettstadt zu überrumpeln, die Klöster- und Stadtkassen mit Beschlag zu
belegen, und von hier aus das ganze Elsaß zu insurgiren. Die Bundesfahne,
die im Moment der Erhebung entfaltet werden sollte, enthielt einen Bauernschuh mit langen Binderiemen, den sogenannten Bundschuh, der von nun
an den Bauernverschwörungen der nächsten 20 Jahre Symbol und Namen
gab.

Die Verschwornen pflegten ihre Zusammenkünfte des Nachts auf dem
einsamen Hungerberg zu halten. Die Aufnahme in den Bund war mit den
geheimnißvollsten Ceremonien und den härtesten Strafandrohungen gegen
die Verräther verknüpft. Aber trotzdem kam die Sache aus, gerade als der
Schlag gegen Schlettstadt geführt werden sollte, um die Charwoche 1493.
Die Behörden schritten schleunig ein; viele der Verschwornen wurden
verhaftet und gefoltert, und theils geviertheilt oder enthauptet, theils an
Händen und Fingern verstümmelt und des Landes verwiesen. Eine große
Zahl floh nach der Schweiz.

Aber mit dieser ersten Sprengung war der Bundschuh keineswegs vernichtet. Im Gegentheil, er bestand im Geheimen fort, und die vielen über die
Schweiz und Süddeutschland zerstreuten Flüchtlinge wurden ebensoviel
Emissäre, die, überall mit dem gleichen Druck die gleiche Neigung zum
Aufstand vorfindend, den Bundschuh über das ganze jetzige Baden verbreiteten. Die Zähigkeit und Ausdauer, mit der die oberdeutschen Bauern von
1493 an dreißig Jahre lang konspirirten, mit der sie alle aus ihrer ländlichzerstreuten Lebensweise hervorgehenden Hindernisse einer größeren,
centralisirten Verbindung überwanden, und nach unzähligen Sprengungen, Niederlagen, Hinrichtungen der Führer, immer von Neuem wieder
konspirirten, bis endlich die Gelegenheit zum Aufstand in Masse kam — diese
Hartnäckigkeit ist wirklich bewundernswerth.

1502 zeigten sich im Bisthum Speyer, das damals auch die Gegend von
Bruchsal umfaßte, Zeichen einer geheimen Bewegung unter den Bauern. Der
Biindschuh hatte sich hier wirklich mit bedeutendem Erfolg reorganisirt. An
7000 Männer waren in der Verbindung, deren Centrum zu Untergrombach,
zwischen Bruchsal und Weingarten, war und deren Verzweigungen sich den

Rhein hinab bis an den Main, hinauf bis über die Markgrafschaft Baden

erstreckten. Ihre Artikel enthielten: Es solle kein Zins noch Zehnt, Steuer

oder Zoll mehr an Fürsten, Adel und Pfaffen bezahlt werden; die Leibeigenschaft solle abgethan sein; die Klöster und sonstigen geistlichen Güter eingezogen und unter das Volk vertheilt, und kein andrer Herr mehr anerkannt
werden als der Kaiser.

Wir finden hier zum Erstenmal bei den Bauern die beiden Forderungen
der Säkularisation der geistlichen Güter zum Besten des Volks, und der
einigen und untheilbaren deutschen Monarchie ausgesprochen; zwei Forderungen die von nun an bei der entwickelteren Fraktion der Bauern und
Plebejer regelmäßig wieder erscheinen, bis Thomas Münzer die Theilung der
geistlichen Güter in ihre Konfiskation zum Besten der Gütergemeinschaft,

und das einige deutsche Kaiserthum in die einige und untheilbare deutsche
Republik verwandelt.

Der erneuerte Bundschuh hatte wie der alte, seinen geheimen Versammlungsort, seinen Eid der Verschwiegenheit, seine Aufnahme-Ceremonien
und seine Bundschuhfahne mit der Inschrift: „Nichts denn die Gerechtigkeit
Gottes!" Der Plan der Handlung war dem der Elsasser ähnlich; Bruchsal,
wo die Majorität der Einwohner im Bunde war, sollte überrumpelt, dort ein
Bundesheer organisirt und als wandelndes Sammlungscentrum in die umliegenden Fürstenthümer geschickt werden.

Der Plan wurde verrathen durch einen Geistlichen, dem einer der Verschwornen ihn gebeichtet hatte. Sogleich ergriffen die Regierungen Gegenmaßregeln. Wie weit der Bund verzweigt war, zeigt sich aus dem Schrekken der die verschiedenen Elsasser Reichsstände und den schwäbischen
Bund ergriff. Man zog Truppen zusammen und ließ massenhafte Verhaftungen bewerkstelligen. Kaiser Maximilian, der „letzte Ritter", erließ die blutdürstigsten Straf Verordnungen gegen das unerhörte Unternehmen der Bauern. Hier und dort kam es zu Zusammenrottungen und bewaffnetem Widerstand; doch hielten sich die vereinzelten Bauernhaufen nicht lange. Einige
der Verschwornen wurden hingerichtet, manche flohen; doch wurde das
Geheimniß so gut bewahrt, daß die meisten, selbst der Führer, entweder in
ihren eignen Ortschaften oder doch in benachbarter Herren Ländern ganz
ungestört bleiben konnten.

Nach dieser neuen Niederlage trat wieder eine längere scheinbare Stille
in den Klassenkämpfen ein. Aber unter der Hand wurde fortgearbeitet. In
Schwaben bildete sich, offenbar in Verbindung mit den zersprengten Mitgliedern des Bundschuhs, schon in den ersten Jahren des sechszehnten Jahrhunderts der arme Konrad; im Schwarzwald bestand der Bundschuh in einzelnen
kleineren Kreisen fort, bis es nach zehn Jahren einem energischen Bauernchef gelang, die einzelnen Fäden wieder zu einer großen Verschwörung
zusammenzuknüpfen. Beide Verschwörungen traten kurz nach einander in
die Oeffentlichkeit, und fallen in die bewegten Jahre 1513—15, in denen
gleichzeitig die schweizer, ungarischen und slovenischen Bauern eine Reihe
von bedeutenden Insurrektionen machen.

Der Wiederhersteller des oberrheinischen Bundschuhs war Joß Fritz aus
Untergrombach, Flüchtling von der Verschwörung von 1502, ein ehemaliger
Soldat und ein in jeder Beziehung hervorragender Charakter. Er hatte sich
seit seiner Flucht zwischen Bodensee und Schwarzwald an verschiednen
Orten aufgehalten und sich schließlich in Lehen bei Freiburg im Breisgau
niedergelassen wo er sogar Bannwart geworden war. Wie er von hieraus die
Verbindung reorganisirte, wie geschickt er die verschiedenartigsten Leute
hineinzubringen wußte, darüber enthalten die Untersuchungsakten die interessantesten Details. Es gelang dem diplomatischen Talent und der unermüdlichen Ausdauer dieses Muster-Conspirateurs eine ungemeine Anzahl von
Leuten der verschiedensten Klassen in den Bund zu verwickeln, Ritter,
Pfaffen, Bürger, Plebejer und Bauern; und es scheint ziemlich sicher, daß
er sogar mehrere, mehr oder minder scharf geschiedne Grade der Verschwörung organisirte. Alle brauchbaren Elemente wurden mit der größten Umsicht und Geschicklichkeit benutzt. Außer den eingeweihteren Emissären,
die in den verschiedensten Verkleidungen das Land durchstreiften, wurden
die Landstreicher und Bettler zu den untergeordneteren Missionen ver1 o wandt. Mit den Bettlerkönigen stand Joß in direktem Verkehr und hielt durch

sie die ganze zahlreiche Vagabundenbevölkerung unter der Hand. Diese
Bettlerkönige spielen in seiner Verschwörung eine bedeutende Rolle. Es
waren höchst originelle Figuren; einer zog mit einem Mädchen umher, auf
dessen angeblich wunde Füße er bettelte; er trug mehr als acht Zeichen am
Hut, die vierzehn Nothhelfer, St. Ottilien, unsere Frauen u. A., dazu einen
langen rothen Bart, und einen großen Knotenstock mit Dolch und Stachel;
ein andrer, der um St. Veltenswillen heischte, hatte Gewürz und Wurmsamen
feil, trug einen eisenf arbnen langen Rock, ein rothes Barett und das Kindlein
von Trient daran, einen Degen an der Seite und viele Messer nebst einem
Dolch im Gürtel; andre hatten künstlich offen gehaltene Wunden, dazu
ähnliche abenteuerliche Kostüme. Es waren ihrer mindestens zehn; sie
sollten, gegen 2000 Gulden Belohnung, zu gleicher Zeit im Elsaß, in der
Markgrafschaft Baden und im Breisgau Feuer anlegen und sich mit wenigstens 2000 Mann der Ihrigen an dem Tag der Zaberner Kirchweih in Rosen
unter das Commando Georg Schneiders, eines ehemaligen Landsknechthauptmanns stellen um die Stadt einzunehmen. Unter den eigentlichen
Bundesmitgliedern wurde von Station zu Station ein Staffettendienst eingerichtet, und Joß Fritz und sein Hauptemissär, Stoffel von Freiburg, ritten
fortwährend von Ort zu Ort und nahmen nächtliche Heerschau ab über die
Neuangeworbenen. Ueber die Verbreitung des Bundes am Oberrhein und
im Schwarzwald legen die Untersuchungsakten hinreichend Zeugniß ab; sie
enthalten unzählige Namen von Mitgliedern, nebst den Signalements, aus
den verschiedensten Orten jener Gegend. Die meisten sind Handwerksgesellen, dann Bauern und Wirthe, einige Adlige, Pfaffen (so der von Lehen selbst)
und brotlose Landsknechte. Man sieht schon aus dieser Zusammensetzung den viel entwickelteren Charakter den der Bundschuh unter Joß Fritz
angenommen hatte; das plebejische Element der Städte fing an sich mehr
und mehr geltend zu machen. Die Verzweigungen der Verschwörung gingen
über den ganzen Elsaß, das jetzige Baden, bis nach Würtemberg und an den
Main. Zuweilen wurden auf abgelegenen Bergen, auf dem Kniebis etc. etc.
größere Versammlungen gehalten und die Bundesangelegenheiten berathen.

Die Zusammenkünfte der Chefs, denen die Mitglieder der Lokalität sowie
Delegirte der entfernteren Ortschaften häufig beiwohnten, fanden auf der
Hartmatte bei Lehen statt, und hier wurden auch die vierzehn Bundesartikel
angenommen. Kein Herr mehr als der Kaiser und (nach Einigen) der Pabst;
Abschaffung des rottweilschen, Beschränkung des geistlichen Gerichts auf
geistliche Sachen; Abschaffung aller Zinsen die solange gezahlt seien bis sie
dem Kapital gleichkämen; fünf Prozent Zinsen als höchster erlaubter Satz,
Freiheit der Jagd, Fischerei, Weide und Holzung; Beschränkung der Pfaffen
auf je eine Pfründe; Confiskation der geistlichen Güter und Klosterkleinodien für die Bundeskriegskasse; Abschaffung aller unbilligen Steuern und
Zölle; ewiger Friede in der gesammten Christenheit; energisches Einschreiten gegen alle Gegner des Bundes; Bundessteuer; Einnahme einer festen
Stadt — Freiburgs — um dem Bunde zum Centrum zu dienen; Eröffnung von
Unterhandlungen mit dem Kaiser, sobald die Bundeshaufen versammelt
seien, und mit der Schweiz, im Fall der Kaiser abschlage — das sind die
Punkte, über die man übereinkam. Man sieht aus ihnen, wie einerseits die
Forderungen der Bauern und Plebejer eine immer bestimmtere und festere
Gestalt annahmen, andrerseits den Gemäßigten und Zaghaften in demselben
Maße Konzessionen gemacht werden mußten.

Gegen Herbst 1513 sollte losgeschlagen werden. Es fehlte nur noch an der
Bundesfahne, und diese malen zu lassen, ging Joß Fritz nach Heilbronn. Sie
enthielt neben allerlei Emblemen und Bildern den Bundschuh und die Inschrift: Herr, steh deiner göttlichen Gerechtigkeit bei. Aber während er fort
war, wurde ein übereilter Versuch zur Ueberrumpelung von Freiburg gemacht und vor der Zeit entdeckt; einige Indiskretionen bei der
Propaganda halfen dem Freiburger Rath und dem badischen Markgrafen auf
die richtige Spur und der Verrath zweier Verschwornen vollendete die Reihe
der Enthüllungen. Sofort sandten der Markgraf, der Freiburger Rath und die
kaiserliche Regierung zu Ensisheim ihre Häscher und Soldaten aus; eine
Anzahl Bundschuher wurde verhaftet, gefoltert und hingerichtet; doch auch
diesmal entkamen die meisten, namentlich Joß Fritz. Die Schweizer Regierungen verfolgten die Flüchtlinge diesmal mit großer Heftigkeit und richteten
selbst mehrere hin; aber sie konnten ebensowenig wie ihre Nachbarn verhindern, daß der größte Theil der Flüchtigen fortwährend in der Nähe seiner
bisherigen Wohnorte blieb und nach und nach sogar zurückkehrte. Am
meisten wüthete die Elsasser Regierung in Ensisheim; auf ihren Befehl
wurden sehr viele geköpft, gerädert und geviertheilt. Joß Fritz selbst hielt
sich meist auf dem schweizerischen Rheinufer auf, ging aber häufig nach dem
Schwarzwald herüber, ohne daß man seiner je habhaft werden konnte.

Warum die Schweizer diesmal sich mit den Nachbarregierungen gegen die
Bundschuher verbanden, das zeigt der Bauernaufstand, der im nächsten

Jahr, 1514, in Bern, Solothurn und Luzern zum Ausbruch kam und eine
Epuration der aristokratischen Regierungen und des Patriziats überhaupt zur
Folge hatte. Die Bauern setzten außerdem manche Vorrechte für sich durch.
Wenn diese schweizerischen Lokalaufstände gelangen, so lag dies einfach
daran, daß in der Schweiz noch weit weniger Centralisation bestand als in
Deutschland. Mit ihren Lokalherren wurden die Bauern auch 1525 überall
fertig, aber den organisirten Heeresmassen der Fürsten erlagen sie, und
gerade diese existirten nicht in der Schweiz.
Gleichzeitig mit dem Bundschuh in Baden und offenbar in direkter Verbindung mit ihm hatte sich in Würtemberg eine zweite Verschwörung gebildet.
Sie bestand urkundlich schon seit 1503, und da der Name Bundschuh seit
der Sprengung der Untergrombacher zu gefährlich wurde, nahm sie den des
armen Konrad an. Ihr Hauptsitz war das Remsthal, unterhalb des Hohenstaufenbergs. Ihre Existenz war wenigstens unter dem Volk schon lange
kein Geheimniß mehr. Der schamlose Druck der Regierung Herzog
Ulrichs und eine Reihe von Hunger jahren, die zum Ausbruch der Bewegungen von 1513 und 14 mächtig beitrugen, hatten die Zahl der Verbündeten
verstärkt; die neuaufgelegten Steuern auf Wein, Fleisch und Brot sowie eine
Kapitalsteuer von einem Pfennig jährlich für jeden Gulden provocirten den
Ausbruch. Die Stadt Schorndorf, wo die Häupter des Complotts in des
Messerschmieds Kaspar Pregizers Haus zusammenkamen, sollte zuerst
genommen werden. Im Frühjahr 1514 brach der Aufstand los. 3000, nach
Andern 5000 Bauern zogen vor die Stadt, wurden aber durch gütliche Versprechungen der herzoglichen Beamten wieder zum Abzug bewogen. Herzog
Ulrich eilte herbei mit achtzig Reitern, nachdem er die Aufhebung derneuen
Steuern zugesagt hatte, und fand in Folge dieses Versprechens Alles ruhig.
Er versprach einen Landtag zu berufen um dort alle Beschwerden untersuchen zu lassen. Aber die Chefs der Verbindung wußten sehr gut, daß Ulrich
weiter nichts beabsichtigte als das Volk solange ruhig zu halten, bis er hinreichende Truppen angeworben und zusammengezogen habe, um sein Wort
brechen und die Steuern mit Gewalt eintreiben zu können. Sie ließen daher
von Kaspar Pregizers Haus, „des armen Konrads Kanzlei", Aufforderungen
zu einem Bundescongreß ausgehen, den Emissäre nach allen Richtungen hin
unterstützten. Der Erfolg der ersten Erhebung im Remsthal hatte die Bewegung unter dem Volk überall gehoben; die Schreiben und Emissäre fanden
überall ein günstiges Terrain vor, und so wurde der am 28. Mai in Untertürkheim abgehaltene Kongreß zahlreich von allen Theilen Würtembergs beschickt. Es wurde beschlossen, schleunig fortzuagitiren und bei der ersten
Gelegenheit im Remsthal loszuschlagen, um von hieraus den Aufstand weiter
zu verbreiten. Während Bantelhans von Dettingen, ein ehemaliger Soldat,
und Singerhans von Würtingen, ein angesehener Bauer, die schwäbische Alp

in den Bund brachten, brach schon von allen Seiten der Aufstand los. Singerhans wurde zwar überfallen und gefangen, aber die Städte Backnang, Winnenden, Markgröningen fielen in die Hände der mit den Plebejern verbündeten Bauern, und das ganze Land von Weinsberg bis Blaubeuren und von

dort bis an die badische Gränze war 1146 in offner Insurrektion, Ulrich mußte 5

nachgeben. Während er aber den Landtag auf den 25. Juni einberief, schrieb
er zu gleicher Zeit an die umliegenden Fürsten und freien Städte um Hülfe
gegen den Aufstand, der alle Fürsten, Obrigkeit und Ehrbarkeit im Reich
gefährde und „ein seltsam bundschühlich Ansehn habe".

Inzwischen kam der Landtag, d. h. die Abgeordneten der Städte und viele
Delegirte der Bauern, die ebenfalls Sitz auf dem Landtag verlangten, schon
am 18. Juni in Stuttgart zusammen. Die Prälaten waren noch nicht da, die
Ritter waren gar nicht eingeladen. Die Stuttgarter städtische Opposition,
sowie zwei nahe, drohende Bauerhaufen, zu Leonberg und im Remsthal,
unterstützten die Forderungen der Bauern. Ihre Delegirten wurden zugelassen und man beschloß die drei verhaßten Räthe des Herzogs, Lamparter,
Thumb und Lorcher abzusetzen und zu bestrafen, einen Rath von vier
Rittern, vier Bürgern und vier Bauern dem Herzog beizugeben, ihm eine fixe
Civilliste zu bewilligen, und die Klöster und Stifter zum Besten des Staatsschatzes zu konfisziren.

Herzog Ulrich setzte diesen revolutionären Beschlüssen einen Staatsstreich entgegen. Er ritt am 21. Juni mit seinen Rittern und Rathen nach
Tübingen, wohin ihm die Prälaten folgten, befahl der Bürgerschaft ebenfalls
dorthin zu kommen, was auch geschah und setzte hier den Landtag ohne die
Bauern fort. Hier verriethen die Bürger, unter den militärischen Terrorismus
gestellt, ihre Bundesgenossen, die Bauern. Am 8. Juli kam der Tübinger
Vertrag zu Stande, der dem Lande beinahe eine Million herzoglicher Schulden, dem Herzog einige Beschränkungen auflegte die er nie einhielt, und die
Bauern mit einigen dünnen allgemeinen Redensarten und einem sehr positiven Strafgesetz gegen Aufruhr und Verbindungen abspeiste. Von Vertretung
der Bauern auf dem Landtag war natürlich keine Rede mehr. Das Landvolk
schrie über Verrath; aber da der Herzog, seit der Uebernahme seiner Schulden durch die Stände, wieder Credit hatte, so brachte er bald Truppen
zusammen, und auch seine Nachbarn, besonders der Kurfürst von der Pfalz,

schickten Hülf Struppen. So wurde bis Ende Juli der Tübinger Vertrag vom 35

ganzen Lande angenommen und die neue Huldigung geleistet. Nur im
Remsthal leistete der arme Konrad Widerstand; der Herzog, der wieder
selbst hinritt, wurde fast ermordet, und ein Bauernlager auf dem Kappelberg
gebildet. Aber als die Sache sich in die Länge zog, verliefen sich die meisten
Insurgenten wieder aus Mangel an Lebensmitteln, und der Rest ging in Folge
eines zweideutigen Vertrags mit einigen Landtagsabgeordneten ebenfalls

heim. Ulrich, dessen Heer inzwischen noch durch die bereitwillig gestellten
Fähnlein der Städte verstärkt wurde, die sich jetzt nach Erlangung ihrer
Forderungen fanatisch gegen die Bauern kehrten, Ulrich überfiel jetzt trotz
des Vertrags das Remsthal, dessen Städte und Dörfer geplündert wurden.
1600 Bauern wurden verhaftet, davon 16 sofort enthauptet, die Uebrigen
meist zu schweren Geldstrafen zum Besten von Ulrichs Kasse verurtheilt.
Viele blieben lange im Gefängniß. Gegen die Erneuerung der Verbindung,
gegen alle Versammlungen der Bauern wurden strenge Strafgesetze erlassen
und der schwäbische Adel schloß einen speziellen Bund zur Unterdrückung
aller Aufstandsversuche. — Die Hauptführer des armen Konrad waren indeß
glücklich nach der Schweiz entkommen, und kamen von dort nach einigen
Jahren meist einzeln wieder nach Hause.

Gleichzeitig mit der würtembergischen Bewegung zeigten sich Symptome
neuer Bundschuh-Umtriebe im Breisgau und in der Markgrafschaft Baden.
Bei Bühl wurde im Juni ein Versuch zum Aufstand gemacht, aber vom
Markgrafen Philipp gleich gesprengt und der Führer Gugel-Bastian in Freiburg verhaftet und enthauptet.

In demselben Jahr 1514, ebenfalls im Frühjahr, kam in Ungarn ein allgemeiner Bauernkrieg zum Ausbruch. Es wurde ein Kreuzzug wider die Türken
gepredigt und wie gewöhnlich den Leibeignen und Hörigen, die sich anschlössen, die Freiheit zugesagt. Gegen 60 000 kamen zusammen und wurden
unter das Commando Georg Dosa's, eines Szeklers gestellt, der sich schon
in früheren Türkenkriegen ausgezeichnet und den Adel erworben hatte. Aber
die ungarischen Ritter und Magnaten sahen nur ungern diesen Kreuzzug, der
ihnen ihr Eigenthum, ihre Knechte zu entziehen drohte. Sie eilten den einzelnen Bauernhaufen nach, und holten ihre Leibeigenen mit Gewalt und unter
Mißhandlungen zurück. Als dies im Kreuz-Heer bekannt wurde, brach
die Wuth der unterdrückten Bauern los. Zwei der eifrigsten Kreuzprediger,
Laurentius und Barnabas, stachelten den Haß gegen den Adel im Heer durch
ihre revolutionären Reden noch heftiger an. Dosa selbst theilte den Zorn
seiner Truppen gegen den verrätherischen Adel; das Kreuzheer wurde eine
Revolutionsarmee, und er stellte sich an die Spitze dieser neuen Bewegung.

Er lagerte mit seinen Bauern auf dem Rakosf elde bei Pesth. Die Feindseligkeiten wurden eröffnet durch Streitigkeiten mit den Leuten der Adelspartei
in den umliegenden Dörfern und den Pesther Vorstädten; bald kam es zu
Scharmützeln, endlich zu einer sizilianischen Vesper für alle Adligen die den
Bauern in die Hände fielen, und zur Niederbrennung aller umliegenden
Schlösser. Der Hof drohte, aber umsonst. Als die erste Volksjustiz unter den
Mauern der Hauptstadt am Adel vollstreckt war, schritt Dosa zu weiteren
Operationen. Er theilte sein Heer in fünf Colonnen. Zwei wurden nach dem

oberungarischen Gebirg geschickt, um hier alles zu insurgiren und den Adel
auszurotten. Die dritte, unter Ambros Szaleres, einem Pesther Bürger, blieb
zur Beobachtung der Hauptstadt auf dem Rakos; die vierte und fünfte
führten Dosa und sein Bruder Gregor gegen Szegedin.

Inzwischen sammelte sich der Adel in Pesth und rief den Wojwoden von
Siebenbürgen, Johann Zapolya, zu Hülfe. Der Adel, in Gemeinschaft mit den
Bürgern von Budapesth, schlug und vernichtete das auf dem Rakos lagernde
Corps, nachdem Szaleres mit den bürgerlichen Elementen des Bauernheers
zum Feinde übergegangen war. Eine Menge Gefangner wurden auf die
grausamste Weise hingerichtet, der Rest mit abgeschnittenen Nasen und
Ohren nach Hause geschickt.

Dosa scheiterte vor Szegedin und zog gegen Csanad, das er eroberte,
nachdem er ein Adelsheer unter Batory Istvan und dem Bischof Csakyi
geschlagen und an den Gefangenen, worunter auch der Bischof und der

königliche Schatzmeister Teleki, blutige Repressalien für die Grausamkeiten 15

auf dem Rakos genommen hatte. In Csanad proklamirte er die Republik, die
Abschaffung des Adels, die allgemeine Gleichheit und die Souverainetät des
Volks, und zog dann gegen Temesvar, wohinein sich Batory geworfen hatte.
Aber während er diese Festung zwei Monate lang belagerte und durch
ein neues Heer unter Anton Hosza verstärkt wurde, erlagen die beiden
oberungarischen Heerhaufen in mehreren Schlachten vor dem Adel, und
rückte Johann Zapolya mit der siebenbürgischen Armee gegen ihn an. Die
Bauern wurden von Zapolya überfallen und zersprengt, Dosa selbst gefangen, auf einem glühenden Thron gebraten und von seinen eignen Leuten, die
nur unter dieser Bedingung das Leben geschenkt erhielten, lebendig gegessen. Die versprengten Bauern, von Laurentius und Hosza wieder gesammelt,
wurden nochmals geschlagen und Alles, was den Feinden in die Hände fiel,
gepfählt oder gehangen. Zu Tausenden hingen die Bauernleichen die Straßen
entlang oder an den Eingängen verbrannter Dörfer. An 60000 sollen theils
gefallen, theils massakrirt sein. Der Adel aber trug Sorge, auf dem nächsten

Landtag die Knechtschaft der Bauern abermals als Gesetz des Landes zur
Anerkennung zu bringen.

Der Bauernaufstand in der „windischen Mark", d.h. in Kärnthen, Krain
und Steiermark, der um dieselbe Zeit losbrach, beruhte auf einer bundschuhartigen Verschwörung, die sich in dieser von Adel und kaiserlichen Beamten
ausgesognen, von Türkeneinfällen verheerten und von Hungersnoth geplagten Gegend schon 1503 gebildet und einen Aufstand hervorgerufen hatte. Die
slovenischen Bauern dieser Gegend sowohl wie die deutschen erhoben schon
1513 wieder die Kriegsfahne der stara prawa, der alten Gerechtsame, und
wenn sie auch in diesem Jahr sich nochmals beschwichtigen ließen, wenn
sie 1514, wo sie sich noch massenhafter zusammenrotteten, durch Kaiser

Maximilians ausdrückliche Zusage, die alten Gerechtsame wieder herzustellen, zum Auseinandergehn bewogen wurden, so brach 1515 im Frühjahr der
Rachekrieg des stets getäuschten Volks um so heftiger los. Wie in Ungarn,
wurden Schlösser und Klöster überall zerstört und die gefangnen Adligen
von Bauerngeschwornen gerichtet und enthauptet. In Steiermark und
Kärnthen gelang es dem kaiserlichen Hauptmann Dietrichstein, den Aufstand bald zu dämpfen; in Krain wurde er erst durch den Ueberfall von Rain
(Herbst 1516) und durch die darauf folgenden, den Infamieen des ungarischen Adels sich würdig anschliessenden, zahllosen östreichischen Grausamkeiten unterdrückt.
Man begreift, daß nach einer Reihe so entscheidender Niederlagen und
nach diesen massenhaften Grausamkeiten des Adels die Bauern in Deutschland eine längere Zeitruhig waren. Und doch hörten weder die Verschwörungen noch die Lokalaufstände ganz auf. Schon 1516 kamen die meisten
Flüchtlinge vom Bundschuh und armen Konrad nach Schwaben und dem
Oberrhein zurück, und 1517 war der Bundschuh im Schwarzwald wieder in
vollem Gange. Joß Fritz selbst, der noch immer die alte Bundschuhfahne von
1513 auf der Brust versteckt mit sich führte, durchstreifte den Schwarzwald
wieder und entwickelte große Thätigkeit. Die Verschwörung organisirte sich
aufs Neue. Wie vor vier Jahren, wurden wieder Versammlungen auf dem
Kniebis angesagt. Aber das Geheimniß wurde nicht gehalten, die Regierungen erfuhren die Sache, und schritten ein. Mehrere wurden gefangen und
hingerichtet; die thätigsten und intelligentesten Mitglieder mußten fliehen,
unter ihnen Joß Fritz, dessen man auch diesmal nicht habhaft wurde, der aber
bald darauf in der Schweiz gestorben zu sein scheint, da er von jetzt an
nirgends mehr genannt wird.

IV.

Um dieselbe Zeit, wo im Schwarzwald die vierte Bundschuhverschwörung
unterdrückt wurde, gab Luther in Wittenberg das Signal zu der Bewegung,
die alle Stände mit in den Strudel reißen und das ganze Reich erschüttern
sollte. Die Thesen des thüringischen Augustiners zündeten wie ein Blitz in
ein Pulverfaß. Die mannichfaltig durcheinander kreuzenden Bestrebungen
der Ritter wie der Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränetätssüchtigen Fürsten wie der niedern Geistlichkeit, der mysticisirenden verborgenen Sekten wie der gelehrtesten und satyrisch-burlesken Schriftstelleropposition erhielten in ihnen einen zunächst gemeinsamen, allgemeinen
Ausdruck, um den sie sich mit überraschender Schnelligkeit gruppirten.
Diese über Nacht gebüdete Allianz aller Oppositions-Elemente, so kurz ihre
Dauer war, enthüllte plötzlich die ungeheure Macht der Bewegung und trieb
sie um so rascher voran.|

 Aber eben diese rasche Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr
bald die Keime des Zwiespalts entwickeln die in ihr lagen, mußte wenigstens
die durch ihre ganze Lebensstellung direkt einander entgegenstehenden
Bestandtheile der erregten Masse wieder von einander reißen und in ihre
normale feindliche Stellung bringen. Diese Polarisation der bunten Oppositionsmasse um zwei Attraktionscentren trat schon in den ersten Jahren der
Reformation hervor; Adel und Bürger gruppirten sich unbedingt um Luther,
Bauern und Plebejer, ohne schon in Luther einen direkten Feind zu sehn,
büdeten wie früher eine besondre, revolutionäre Oppositionspartei. Nur daß
die Bewegung jetzt viel allgemeiner, viel tiefer greifend war als vor Luther,
und daß damit die Nothwendigkeit des scharf ausgesprochenen Gegensatzes,
der direkten Bekämpfung beider Parteien unter einander gegeben war. Dieser
direkte Gegensatz trat bald ein: Luther und Münzer bekämpften sich in der
Presse und auf der Kanzel, wie die größtentheils aus lutherischen oder
wenigstens zum Lutherthum hinneigenden Kräften bestehenden Heere der
Fürsten, Ritter und Städte die Haufen der Bauern und Plebejer zersprengten.

Wie sehr die Interessen und Bedürfnisse der verschiednen Elemente, die
die Reformation angenommen, auseinander gingen, zeigt schon vor dem
Bauernkrieg der Versuch des Adels, seine Forderungen gegenüber den
Fürsten und Pfaffen durchzusetzen.

Wir haben schon oben gesehn, welche Stellung der deutsche Adel im
Anfang des sechszehnten Jahrhunderts einnahm. Er war im Begriff, seine
Unabhängigkeit an die immer mächtiger werdenden weltlichen und geistlichen Fürsten zu verlieren. Er sah zu gleicher Zeit in demselben Maß wie er
sank, auch die Reichsgewalt sinken und das Reich sich in eine Anzahl souverainer Fürstenthümer auflösen. Sein Untergang mußte für ihn mit dem
Untergang der Deutschen als Nation zusammenfallen. Dazu kam, daß der
Adel, besonders der reichsunmittelbare Adel, derjenige Stand war, der
sowohl durch seinen militärischen Beruf, wie durch seine Stellung gegenüber
den Fürsten, das Reich und die Reichsgewalt besonders vertrat. Er war der
nationalste Stand, und je mächtiger die Reichsgewalt, je schwächer und je |
 weniger zahlreich die Fürsten, je einiger Deutschland, desto mächtiger
war er. Daher der allgemeine Unwille der Ritterschaft über die erbärmliche
politische Stellung Deutschlands, über die Ohnmacht des Reichs nach
Außen, die in demselben Maße zunahm als das Kaiserhaus durch Erbschaft
eine Provinz nach der andern an das Reich anhing; über die Intriguen fremder
Mächte im Innern Deutschlands und die Komplotte deutscher Fürsten mit

406

Der deutsche Bauernkrieg. IV

dem Ausland gegen die Reichsgewalt. Die Forderungen des Adels mußten
sich also vor Allem in der Forderung einer Reichsreform zusammenfassen,
deren Opfer die Fürsten und die höhere Geistlichkeit werden sollten. Diese
Zusammenfassung übernahm Ulrich von Hutten, der theoretische Repräsentant des deutschen Adels, in Gemeinschaft mit Franz von Sickingen, seinem
militärischen und staatsmännischen Repräsentanten.

Hutten hat seine im Namen des Adels geforderte Reichsreform sehr
bestimmt ausgesprochen und sehr radikal gefaßt. Es handelte sich um nichts
Geringeres als um die Beseitigung sämmtlicher Fürsten, die Säkularisation

sämmtlicher geistlichen Fürstenthümer und Güter, um die Herstellung einer
Adelsdemokratie mit monarchischer Spitze, ungefähr wie sie in den besten
Tagen der weiland polnischen Republik bestanden hat. Durch die Herstellung
der Herrschaft des Adels, der vorzugsweise militärischen Klasse, durch die
Entfernung der Fürsten, der Träger der Zersplitterung, durch die Vernichtung der Macht der Pfaffen und durch die Losreißung Deutschlands von der
geistlichen Herrschaft Roms glaubten Hutten und Sickingen das Reich
wieder einig, frei und mächtig zu machen.

Die auf der Leibeigenschaft beruhende Adelsdemokratie, wie siein Polen,
und in etwas modifizirter Form in den ersten Jahrhunderten der von den
Germanen eroberten Reiche bestanden hat, ist eine der rohesten Gesellschaftsformen, und entwickelt sich ganz normal weiter zur ausgebildeten
Feudalhierarchie, die schon eine bedeutend höhere Stufe ist. Diese reine
Adelsdemokratie war also in Deutschland im sechszehnten Jahrhundert
unmöglich. Sie war schon unmöglich, weil überhaupt bedeutende und mäch-

tige Städte in Deutschland bestanden. Auf der andern Seite war aber auch

jene Allianz des niedern Adels und der Städte unmöglich, die in England |
1531 die Verwandlung der feudalständischen Monarchie in die bürgerlichkonstitutionelle zu Stande brachte. In Deutschland hatte sich der alte Adel
erhalten, in England war er durch die Rosenkriege bis auf 28 Familien ausgerottet, und wurde durch einen neuen Adel, bürgerlichen Ursprungs und mit
bürgerlichen Tendenzen, ersetzt; in Deutschland bestand die Leibeigenschaft fort und der Adel hatte feudale Einkommenquellen, in England war
sie fast ganz beseitigt und der Adel war einfacher bürgerlicher Grundbesitzer
mit der bürgerlichen Einkommenquelle der Grundrente. Endlich war die
Centralisation der absoluten Monarchie, die in Frankreich seit Ludwig XI.
durch den Gegensatz von Adel und Bürgerschaft bestand und sich immer
weiter ausbildete, schon darum in Deutschland unmöglich, weil hier überhaupt die Bedingungen der nationalen Centralisation gar nicht oder nur
unentwickelt vorhanden waren.

Je mehr unter diesen Verhältnissen Hutten sich auf die praktische Durchführung seines Ideals einließ, desto mehr Konzessionen mußte er machen,

407

Friedrich Engels

und desto unbestimmter mußten die Umrisse seiner Reichsreform werden.
Der Adel allein war nicht mächtig genug, das Unternehmen durchzusetzen,
das bewies seine wachsende Schwäche gegenüber den Fürsten. Man mußte
Bundesgenossen haben, und die einzig möglichen waren die Städte, die
Bauern, und die einflußreichen Theoretiker der Reformationsbewegung.
Aber die Städte kannten den Adel hinreichend um ihm nicht zu trauen und
jedes Bündniß mit ihm zurückzuweisen. Die Bauern sahen im Adel, der sie
aussog und mißhandelte, mit vollem Recht ihren bittersten Feind. Und die
Theoretiker hielten es entweder mit den Bürgern, Fürsten, oder den Bauern.

Was sollte auch der Adel den Bürgern und B auern Positives versprechen von 10

einer Reichsreform, deren Hauptzweck immer die Hebung des Adels war?
Unter diesen Umständen blieb Hutten nichts übrig, als in seinen Propagandaschriften über die künftige gegenseitige Stellung des Adels, der Städte und
der Bauern wenig oder gar nichts zu sagen, alles Uebel auf die Fürsten und
Pfaffen und die Abhängigkeit von Rom zu schieben, und den Bürgern nach-

zuweisen, daß ihr Interesse ihnen gebiete, im bevorstehenden Kampf zwischen Fürsten und Adel sich mindestens neutral zu halten. Von Aufhebung
der | Leibeigenschaft und der Lasten die der Bauer dem Adel schuldig
war, ist bei Hutten nirgends die Rede.

Die Stellung des deutschen Adels gegenüber den Bauern war damals ganz
dieselbe, wie die des polnischen Adels zu seinen Bauern in den Insurrektionen seit 1830. Wie in den modernen polnischen Aufständen, war damals in
Deutschland die Bewegung nur durchzuführen durch eine Allianz aller
Oppositionsparteien, und namentlich des Adels und der Bauern. Aber grade
diese Allianz war in beiden Fällen unmöglich. Weder war der Adel in die
Nothwendigkeit versetzt, seine politischen Privilegien und seine Feudalgerechtsame gegenüber den Bauern aufzugeben, noch konnten die revolutionären Bauern sich auf allgemeine unbestimmte Aussichten hin in eine Allianz
mit dem Adel einlassen, mit dem Stand der sie gerade am meisten bedrückte.
Wie in Polen 1830, so konnte in Deutschland 1522 der Adel die Bauern nicht
mehr gewinnen. Nur die gänzliche Beseitigung der Leibeigenschaft und
Hörigkeit, das Aufgeben aller Adelsprivilegien hätte das Landvolk mit dem
Adel vereinigen können; aber der Adel, wie jeder privilegirte Stand, hatte
nicht die geringste Lust seine Vorrechte, seine ganze exceptionelle Stellung,
und den größten Theil seiner Einkommenquellen freiwillig aufzugeben.

Der Adel stand also schließlich, als es zum Kampfe kam, den Fürsten allein
gegenüber. Daß die Fürsten, die ihm seit zwei Jahrhunderten fortwährend
Terrain abgewonnen, ihn auch diesmal mit leichter Mühe erdrücken mußten,
war vorherzusehn.

Der Verlauf des Kampfes selbst ist bekannt. Hutten und Sickingen, der
schon als politisch-militärischer Chef des mitteldeutschen Adels anerkannt

408

Ii

Der deutsche Bauernkrieg. V

war, brachten 1522 zu Landau einen Bund des rheinischen, schwäbischen
und fränkischen Adels auf sechs Jahre zu Stande, angeblich zur Selbstvertheidigung; Sickingen zog ein Heer, theils aus eignen Mitteln, theils in
Verbindung mit den umliegenden Rittern zusammen, organisirte Werbungen
und Zuzüge in Franken, am Niederrhein, in den Niederlanden und Westphalen, und eröffnete im September 1522 die Feindseligkeiten mit einer Fehdeerklärung an den Kurfürsten Erzbischof von Trier. Aber während er vor Trier
lag, wurden seine Zuzüge durch rasches Einschreiten | der Fürsten
abgeschnitten; der Landgraf von Hessen und der Kurfürst von der Pfalz
zogen dem Trierer zu Hülfe und Sickingen mußte sich in sein Schloß
Landstuhl werfen. Trotz aller Bemühungen Huttens und seiner übrigen
Freunde ließ ihn hier der verbündete Adel, eingeschüchtert durch die
konzentrirte und rasche Aktion der Fürsten, im Stich; er selbst wurde
tödtlich verwundet, übergab dann Landstuhl, und starb gleich darauf. Hutten
mußte in die Schweiz flüchten und starb wenige Monate später auf der Insel
Ufnau im Zürchersee.

Mit dieser Niederlage und dem Tod der beiden Führer war die Macht des
Adels, als einer von den Fürsten unabhängigen Körperschaft gebrochen. Von
jetzt an tritt der Adel nur noch im Dienst und unter der Leitung der Fürsten

auf. Der Bauernkrieg, der gleich darauf ausbrach, zwang ihn noch mehr, sich
direkt oder indirekt unter den Schutz der Fürsten zu stellen und bewies zu
gleicher Zeit, daß der deutsche Adel es vorzog, lieber unter fürstlicher
Oberhoheit die Bauern fernerhin zu exploitiren, als die Fürsten und Pfaffen
durch ein offenes Bündniß mit den emancipirten Bauern zu stürzen.

V.

Von dem Augenblick an, wo Luthers Kriegserklärung gegen die katholische
Hierarchie alle Oppositionselemente Deutschlands in Bewegung setzte,
verging kein Jahr, in dem nicht die Bauern ebenfalls wieder mit ihren Forderungen hervortraten. Von 1518 bis 1523 folgte ein lokaler Bauernaufstand
im Schwarzwald und in Oberschwaben auf den andern. Seit Frühjahr 1524
nehmen diese Aufstände einen systematischen Charakter an. Im April dieses
Jahres verweigerten die Bauern der Abtei Marchthal die Frohndienste und
Leistungen; im Mai verweigerten die Sankt-Blasier Bauern die Leibeigenschaftsgebühren; im Juni erklärten die Bauern von Steinheim bei Memmingen weder Zehnten noch sonstige Gebühren zahlen zu wollen; im Juli und
August standen die Thurgauer Bauern auf, und wurden theils durch die
Vermittlung der Zürcher, theils durch die Brutalität der Eidgenossenschaft,

409

Friedrich Engels

die mehrere hinrichten ließ, wieder zur | Ruhe gebracht. Endlich erfolgte
in der Landgrafschaft Stühlingen ein entschiednerer Aufstand, der als der
unmittelbare Anfang des Bauernkriegs gelten kann.

Die Stühlinger Bauern verweigerten plötzlich die Leistungen an den
Landgrafen, rotteten sich in starken Haufen zusammen, und zogen unter
ihrem Hans Müller von Bulgenbach am 24. August 1524 nach Waldshut. Hier
stifteten sie in Gemeinschaft mit den Bürgern eine evangelische Brüderschaft. Die Bürger traten der Verbindung um so eher bei, als sie gleichzeitig
wegen religiöser Verfolgungen gegen Balthasar Hubmaier, ihren Prediger,
einen Freund und Schüler Thomas Münzers, mit der vorderöstreichischen
Regierung im Konflikt waren. Es wurde also eine Bundessteuer von drei
Kreuzern wöchentlich — ein enormer Betrag für den damaligen Geldwerth —
aufgelegt, Emissäre nach dem Elsaß, der Mosel, dem ganzen Oberrhein und
Franken geschickt, um die Bauern überall in den Bund zu bringen, und als
Zweck des Bundes die Abschaffung der Feudalherrschaft, die Zerstörung
aller Schlösser und Klöster, und die Beseitigung aller Herren außer dem
Kaiser proklamirt. Die Bundesfahne war die deutsche Tricolore.

Der Aufstand gewann rasch Terrain im ganzen jetzigen badischen Oberland. Ein panischer Schrecken ergriff den oberschwäbischen Adel, dessen
Streitkräfte fast sämmtlich in Italien, im Kriege gegen Franz I. von
Frankreich beschäftigt waren. Es blieb ihm nichts übrig, als die Sache durch
Unterhandlungen in die Länge zu ziehn und inzwischen Gelder aufzutreiben
und Truppen zu werben, bis er stark genug sei, die Bauern für ihre Vermessenheit mit „Sengen und Brennen, Plündern und Morden" zu züchtigen. Von
jetzt an begann jener systematische Verrath, jene konsequente Wortbrüchigkeit und Heimtücke, durch die der Adel und die Fürsten sich während des
ganzen Bauernkriegs auszeichneten und die gegenüber den decentralisirten
und schwer organisirbaren Bauern ihre stärkste Waffe war. Der schwäbische
Bund, der die Fürsten, den Adel und die Reichsstädte Südwestdeutschlands
umfaßte, legte sich ins Mittel, aber ohne den Bauern positive Konzessionen
zu garantiren. Diese blieben in Bewegung. Hans Müller von Bulgenbach zog
vom 30. September bis Mitte Oktober durch den Schwarzwald bis Urach |
 und Furtwangen, brachte seinen Haufen bis auf 3500 Mann, und nahm
mit diesen bei Ewatingen (nicht weit von Stühlingen) Position. Der Adel hatte
nicht über 1700 Mann zur Verfügung, und auch diese waren zersplittert. Er
war gezwungen sich auf einen Waffenstillstand einzulassen, der auch wirklich im Ewatinger Lager zu Stande kam. Gütlicher Vertrag, entweder direkt
zwischen den Betheiligten, oder durch Schiedsrichter, und Untersuchung der
Besehwerden durch das Landgericht zu Stockach wurden den Bauern
zugesagt. Sowohl die Adelstruppen wie die Bauern gingen auseinander.

Die Bauern vereinigten sich auf 16 Artikel, deren Bewilligung vom Stocka-

410

Der deutsche Bauernkrieg. V

eher Gericht verlangt werden sollte. Sie waren sehr gemäßigt. Abschaffung
des Jagdrechts, der Frohnden, der drückenden Steuern und der Herrschaftsprivilegien überhaupt, Schutz gegen willkührliche Verhaftung und
gegen parteiische, nach Willkühr urtheilende Gerichte — weiter forderten sie
nichts.

Der Adel dagegen forderte, sobald die Bauern heimgegangen waren,
sogleich sämmtliche streitige Leistungen wieder ein, solange bis das Gericht
entschieden habe. Die Bauern weigerten sich natürlich und verwiesen die
Herren an das Gericht. Der Streit brach von neuem aus; die Bauern zogen

sich wieder zusammen, die Fürsten und Herren konzentrirten ihre Truppen.

Diesmal ging die Bewegung wieder weiter, bis über den Breisgau und tief
ins Würtembergische hinein. Die Truppen unter Georg Truchseß von Waldburg, dem Alba des Bauernkriegs, beobachteten sie, schlugen einzelne
Zuzüge, wagten aber nicht das Gros anzugreifen. Georg Truchseß unterhandelte mit den Bauernchefs, und brachte hier und da Verträge zu Stande.

Ende December begannen die Verhandlungen vor dem Landgericht zu
Stockach. Die Bauern protestirten gegen die Zusammensetzung des Gerichts
aus lauter Adligen. Ein kaiserlicher Bestellungsbrief wurde ihnen als Antwort vorgelesen. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, inzwischen
rüsteten der Adel, die Fürsten, die schwäbischen Bundesbehörden. Erzherzog Ferdinand, der außer den jetzt noch östreichischen Erblanden auch
Würtemberg, den badischen Schwarzwald und den südlichen Elsaß beherrschte, befahl die größte Strenge gegen die rebellischen Bauern. Man solle
sie fangen, foltern | und ohne Gnade erschlagen, man solle sie, wie es
am bequemsten sei, verderben, ihr Hab und Gut verbrennen und veröden,
und ihre Weiber und Kinder aus dem Lande jagen. Man sieht wie die Fürsten
und Herren den Waffenstillstand hielten und was sie unter gütlicher Vermittlung und Untersuchung der Beschwerden verstanden. Der Erzherzog Ferdinand, dem das Haus Welser in Augsburg Geld vorgeschossen, rüstete in
aller Eile, der schwäbische Bund schrieb ein in drei Terminen zu stellendes
Contingent von Geld und Truppen aus.

Diese bisherigen Aufstände fallen zusammen mit der fünfmonatlichen
Anwesenheit Thomas Münzers im Oberland. Von dem Einfluß, den er auf
den Ausbruch und Gang der Bewegung gehabt, sind zwar keine direkten
Beweise vorhanden, aber dieser Einfluß ist indirekt vollständig konstatirt.
Die entschiedneren Revolutionäre unter den Bauern sind meist seine Schüler
und vertreten seine Ideen. Die zwölf Artikel wie der Artikelbrief der oberländischen Bauern werden ihm von allen Zeitgenossen zugeschrieben, obwohl
er wenigstens erstere gewiß nicht verfaßt hat. Noch auf seiner Rückreise
nach Thüringen erließ er eine entschiedne revolutionäre Schrift an die insurgirten Bauern.

411

Friedrich Engels

Gleichzeitig intriguirte der seit 1519 aus Würtemberg vertriebne Herzog
Ulrich, um mit Hülfe der Bauern wieder in den Besitz seines Landes zu
kommen. Es ist faktisch, daß er seit seiner Vertreibung die revolutionäre
Partei zu benutzen suchte und sie fortwährend unterstützte. In die meisten
von 1520—24 vorgekommenen Lokalunruhen im Schwarzwald und in Würtemberg wird sein Name verwickelt, und jetzt rüstete er direkt zu einem
Einfall von seinem Schloß Hohentwiel aus nach Würtemberg. Er wurde
indeß von den Bauern nur benutzt, hatte nie Einfluß auf sie, und noch
weniger ihr Vertrauen.

So verging der Winter, ohne daß es von einer der beiden Seiten zu etwas
Entscheidendem kam. Die fürstlichen Herrn versteckten sich, der Bauernaufstand gewann an Ausdehnung. Im Januar 1525 war das ganze Land
zwischen Donau, Rhein und Lech in voller Gährung, und im Februar brach
der Sturm los.|

 Während der Schwarzwald-Hegauer Haufe unter Hans Müller von
Bulgenbach mit Ulrich von Würtemberg konspirirte und zum Theil seinen
vergeblichen Zug nach Stuttgart mitmachte (Februar und März 1525), standen die Bauern im Ried, oberhalb Ulm, am 9. Februar auf, sammelten sich
in einem von Sümpfen gedeckten Lager bei Baltringen, pflanzten die rothe

Fahne auf und f ormirten, unter der Führung von Ulrich Schmid, den Baltrin- 20

ger Haufen. Sie waren 10—12 000 Mann stark.

Am 25. Februar zog sich der Oberallgäuer Haufen, 7000 Mann stark, am
Schüssen zusammen, auf das Gerücht hin, daß Truppen gegen die auch hier
aufgetretenen Mißvergnügten heranzögen. Die Kemptner, die den ganzen
Winter über mitihrem Erzbischof im Streit gewesen, traten am 26. zusammen
und vereinigten sich mit ihnen. Die Städte Memmingen und Kaufbeuren
schlossen sich, unter Bedingungen, der Bewegung an; doch trat schon hier
die Zweideutigkeit der Stellung hervor, die die Städte in diesem Kampf
einnahmen. Am 7. März wurden in Memmingen die zwölf Memminger
Artikel für alle oberallgäuer Bauern angenommen.

Auf Botschaft der Allgäuer bildete sich am Bodensee, unter Eitel Hans,
der Seehaufen. Auch dieser Haufe verstärkte sich rasch. Das Hauptquartier
war in Bermatingen.

Ebenso standen im unteren Allgäu, in der Gegend von Ochsenhausen und
Schellenberg, im Zeilschen und Waldburgschen, den Herrschaften des
Truchseß, die Bauern auf, und zwar schon in den ersten Tagen des März.
Dieser unterallgäuer Haufen lagerte, 7000 Mann stark, bei Wurzach.

Diese vier Haufen nahmen alle die Memminger Artikel an, die übrigens
noch viel gemäßigter waren als die der Hegauer, und auch in den Punkten
die sich auf das Verhalten der bewaffneten Haufen zum Adel und den
Regierungen bezogen, einen merkwürdigen Mangel an Entschiedenheit zur

412

Der deutsche Bauernkrieg. V

Schau tragen. Die Entschiedenheit, wo sie kam, kam erst im Laufe des
Kriegs, nachdem die Bauern Erfahrungen über die Handlungsweise ihrer
Feinde gemacht hatten.

Gleichzeitig mit diesen Haufen bildete sich ein sechster an der Donau. Aus

der ganzen Gegend von Ulm bis Donauwörth, aus den Thälern der liier, Roth

und Biber 1160| kamen die Bauern nach Leipheim und schlugen dort ein Lager
auf. Von 15 Ortschaften war jeder waffenfähige Mann, von 117 waren
Zuzüge da. Der Führer des Leipheimer Haufens war Ulrich Schön, sein
Prediger Jakob Wehe, der Pfarrer von Leipheim.

So standen Anfangs März in sechs Lagern, an 30—40000 insurgirte oberschwäbische Bauern unter den Waffen. Der Charakter dieser Bauernhaufen war sehr gemischt. Die revolutionäre — Münzersche — Partei war überall
in der Minorität! Trotzdem bildete sie überall den Kern und Halt der Bauernlager. Die Masse der Bauern war immer bereit sich auf ein Abkommen mit

den Herren einzulassen, wenn ihr nur die Konzessionen gesichert wurden
die sie durch ihre drohende Haltung zu ertrotzen hoffte. Dazu wurde sie, als
die Sache sich in die Länge zog und die Fürstenheere heranrückten, des
Kriegsführens überdrüssig und diejenigen, die noch Etwas zu verlieren
hatten, gingen großentheils nach Hause. Dabei hatte sich den Haufen das
vagabundirende Lumpenproletariat massenweise angeschlossen, das die
Disciplin erschwerte, die Bauern demoralisirte, und ebenfalls häufig ab- und
zulief. Schon hieraus erklärt sich, daß die Bauernhaufen Anfangs überall auf
der Defensive blieben, in den Feldlagern sich demoralisirten, und auch
abgesehen von ihrer taktischen Unzulänglichkeit und von der Seltenheit

guter Führer, den Armeen der Fürsten keineswegs gewachsen waren.
Noch während die Haufen sich zusammenzogen, fiel Herzog Ulrich mit
geworbenen Truppen und einigen Hegauer Bauern von Hohentwiel nach
Würtemberg ein. Der schwäbische Bund war verloren, wenn die Bauern jetzt
von der andern Seite her gegen die Truppen des Truchseß von Waldburg
heranrückten. Aber bei der bloß defensiven Haltung der Haufen gelang es
dem Truchseß bald, mit den Baltringer, Allgäuer und Seebauern einen
Waffenstillstand abzuschließen, Verhandlungen einzuleiten, und einen
Termin zur Abmachung der Sache auf Sonntag Judica (2. April) anzusetzen.
Während deß konnte er gegen Herzog Ulrich ziehn, Stuttgart besetzen und
ihn zwingen, schon am 17. März Würtemberg wieder zu verlassen. Dann
wandte er sich gegen die Bauern; aber in seinem eignen Heer revoltirten die |
|611 Landsknechte und weigerten sich, gegen diese zu ziehn. Es gelang dem
Truchseß auch diese zu beschwichtigen, und nun marschirte er nach Ulm,
wo sich neue Verstärkungen sammelten. Bei Kirchheim unter Teck hatte er
ein Beobachtungslager zurückgelassen.

Der schwäbische Bund, der endlich die Hände frei und seine ersten

413

Friedrich Engels

Kontingente beisammen hatte, warf jetzt die Maske ab und erklärte, daß er
„das was die Bauern eigenen Willens sich unterfangen, mit den Waffen und
mit Gottes Hülfe zu wenden entschlossen sei".

Die Bauern hatten sich inzwischen streng an den Waffenstillstand gehalten. Sie hatten für die Verhandlung am Sonntag Judica ihre Forderungen
aufgesetzt, die berühmten zwölf Artikel. Sie verlangten Wahl und Absetzbarkeit der Geistlichen durch die Gemeinden, Abschaffung des kleinen Zehnten
und Verwendung des großen zu Öffentlichen Zwecken, nach Abzug des
Pfarrgehalts, Abschaffung der Leibeigenschaft, des Fischerei- und Jagdrechts und des Todfalls, Beschränkung der übermäßigen Frohnden, Steuern
und Gülten, Restitution der den Gemeinden und Einzelnen gewaltsam entzogenen Waldungen, Weiden und Privilegien, und Beseitigung der Willkühr in
Justiz und Administration. Man sieht, die gemäßigte, verträgliche Parteiwog
noch bedeutend vor unter den Bauernhaufen. Die revolutionäre Partei hatte
schon früher, im „Artikelbrief" ihr Programm aufgestellt. Dieser offne Brief
an sämmtliche Bauernschaften fordert sie auf, einzutreten in die „christliche
Vereinigung und Brüderschaft" zur Entfernung aller Lasten, sei es durch
Güte, „was nicht wohl sein mag", sei es durch Gewalt, und bedroht alle
Weigernden mit dem „weltlichen Bann", d.h. mit der Ausstoßung aus der
Gesellschaft und aus allem Verkehr mit den Bundesmitgliedern. Alle Schlösser, Klöster und Pfaffenstifter sollen gleichfalls in den weltlichen Bann
gethan werden, es sei denn, daß Adel, Pfaffen und Mönche sie freiwillig
verlassen, in gewöhnliche Häuser ziehn wie andre Leute, und sich der
christlichen Vereinigung anschließen. — In diesem radikalen Manifest, das
offenbar vor dem Frühjahrsaufstand 1525 abgefaßt wurde, handelt es sich
also vor Allem um die Revolution, die vollständige Besiegung der noch
herrschenden Klassen, und der „weltliche Bann" designirt nur die
Unterdrücker und Verräther, die erschlagen, die Schlösser, die verbrannt,
die Klöster und Stifter, die konfiszirt und deren Schätze in Geld verwandelt
werden sollen.

Ehe jedoch die Bauern dazu kamen, ihre zwölf Artikel den berufenen
Schiedsrichtern vorzulegen, kam ihnen die Nachricht von dem Vertragsbruch des schwäbischen Bundes und dem Herannahen der Truppen. Sogleich
trafen sie ihre Maßregeln. Eine Generalversammlung der Allgäuer, Baltringer und Seebauern, wurde zu Gaisbeuren abgehalten. Die vier Haufen
wurden vermischt und vier neue Kolonnen aus ihnen organisirt, die Konfiskation der geistlichen Güter, der Verkauf ihrer Kleinodien zum Besten der
Kriegskasse, und die Verbrennung der Schlösser wurden beschlossen. So
wurde neben den offiziellen zwölf Artikeln der Artikelbrief die Regel ihrer
Kriegsführung, und der Sonntag Judica, der zum Friedensschluß angesetzte
Tag, das Datum der allgemeinen Erhebung.

414

Der deutsche Bauernkrieg. V

Die überall wachsende Aufregung, die fortwährenden Lokalkonflikte der
Bauern mit dem Adel, die Nachricht von dem seit sechs Monaten immer
wachsenden Aufstand im Schwarzwald und von seiner Verbreitung bis an
die Donau und den Lech reichen allerdings hin, um die rasche Auf einanderfolge der Bauernaufstände in zwei Dritteln von Deutschland zu erklären.
Aber daß Leute an der Spitze der Bewegung standen, die sie durch wiedertäuferische und sonstige Emissäre organisirt hatten, das beweist das Faktum
der Gleichzeitigkeit aller partiellen Aufstände. In der letzten Hälfte des März
waren schon Unruhen im Würtembergischen, am untern Neckar, im Odenwald, in Unter- und Mittelfranken ausgebrochen; aber überall wurde schon
vorher der zweite April, der Sonntag Judica, als Tag des allgemeinen Losbruchs angegeben, geschah überall der entscheidende Schlag, der Aufstand
in Masse, in der ersten Woche des April. Auch die Allgäuer, Hegauer und
Seebauern riefen am 1. April durch Sturmläuten und Massenversammlungen
alle waffenfähigen Männer ins Lager, und eröffneten, gleichzeitig mit den
Baltringern, die Feindseligkeiten gegen die Schlösser und Klöster. |
 In Franken wo sich die Bewegung um sechs Centren gruppirte, brach
der Aufstand überall in den ersten Tagen des April los. BeiNördlingen bildeten sich um diese Zeit zwei Bauernlager, mit deren Hülfe die revolutionäre
Partei in der Stadt, deren Chef Anton Forner war, die Oberhand erhielt und
Forners Ernennung zum Bürgermeister, sowie den Anschluß der Stadt an
die Bauern durchsetzte. Im Anspachschen standen die Bauern vom 1. bis
7. April überall auf, und der Aufstand verbreitete sich von hier bis nach
Baiern hinüber. Im Rothenburgschen standen die Bauern schon seit dem
22. März unter den Waffen; in der Stadt Rothenburg wurde am 27. März die
Herrschaft der Ehrbarkeit durch die Kleinbürger und Plebejer unter Stephan
von Menzingen gestürzt; aber da gerade die Leistungen der Bauern hier die
Haupteinkünfte der Stadt waren, hielt sich auch die neue Regierung sehr
schwankend und zweideutig gegenüber den Bauern. Im Hochstift Würzburg
erhoben sich Anfangs April die Bauern und die kleinen Städte allgemein, und
im Bisthum Bamberg zwang die allgemeine Insurrektion binnen fünf Tagen
den Bischof zur Nachgiebigkeit. Endlich im Norden, an der thüringschen
Gränze, zog sich das starke Bildhäuser Bauernlager zusammen.
Im Odenwald, wo WendelHipler, ein Adliger und ehemaliger Kanzler der
Grafen von Hohenlohe, und Georg Metzler, Wirth zu Ballenberg bei
Krautheim, an der Spitze der revolutionären Partei standen, brach der Sturm
schon am 26. März los. Die Bauern zogen von allen Seiten nach der Tauber.
Auch 2000 Orenbacher, aus dem Lager vor Rothenburg, schlossen sich an.
Georg Metzler übernahm die Hauptmannschaft, und marschirte, nachdem
alle Verstärkungen eingetroffen, am 4. Aprilnach dem Kloster Schönthal an
der Jaxt, wo die Neckarthaler zu ihm stießen. Diese, von Jäcklein Rohrbach,

415

Friedrich Engels

Wirth zu Böckingen bei Heilbronn geführt, hatten am Sonntag Judica in
Flein, Sontheim u. s.w. die Insurrektion proklamirt, während gleichzeitig
Wendel Hipler mit einer Anzahl Verschworner Oehringen überrumpelt und
die umwohnenden Bauern in die Bewegung hineingerissen hatte. Zu Schönthal wurden von den beiden zum „hellen Haufen " vereinigten Bauernkolon-

nen die zwölf Artikel angenommen und Streif|ziige gegen Schlösser und
Klöster organisirt. Der helle Haufen war an 8000 Mann stark und hatte
Kanonen und 3000 Handbüchsen. Auch Florian Geyer, ein fränkischer
Ritter, schloß sich ihm an und bildete die schwarze Schaar, ein Elitenkorps
das besonders aus der rothenburger und oehringer Landwehr sich re-

krutirte.

Der würtembergsche Vogt in Neckarsulm, Graf Ludwig von Helfenstein,
eröffnete die Feindseligkeiten. Er ließ alle Bauern, die ihm in die Hände
fielen, ohne Weiteres niedermachen. Der helle Haufen zog ihm entgegen.
Diese Metzeleien, sowie die eben eingetroffene Nachricht von der Niederläge des Leipheimer Haufens, von Jakob Wehes Hinrichtung und den Grausamkeiten des Truchseß, erbitterten die Bauern. Der Helfensteiner, der sich
nach Weinsberg hineingeworfen hatte, wurde hier angegriffen. Das Schloß
wurde von Florian Geyer gestürmt, die Stadt nach längerem Kampf genommen, und Graf Ludwig nebst mehreren Rittern gefangen. Am nächsten Tag,
am 17. April, hielt Jäcklein Rohrbach mit den entschiedensten Leuten des
Haufens Gericht über die Gefangnen und ließ ihrer vierzehn, den Helfensteiner an der Spitze, durch die Spieße jagen — den scliimpflichsten Tod,
den er sie erdulden lassen konnte. Die Einnahme von Weinsberg und die
terroristische Rache Jäckleins an dem Helfensteiner verfehlten ihre Wirkung
auf den Adel nicht. Die Grafen von Löwenstein traten der Bauernverbindung
bei, die von Hohenlohe, die schon früher zugetreten waren, aber noch keine
Hülfe geleistet hatten, schickten sofort das verlangte Geschütz und Pulver.

Die Hauptleute beriethen darüber ob sie nicht Götz von Berlichingen zum
Hauptmann nehmen sollten, „da dieser den Adel zu ihnen bringen könne".
Der Vorschlag fand Anklang; aber Florian Geyer, der in dieser Stimmung
der Bauern und Hauptleute den Anfang einer Reaktion sah, trennte sich
hierauf mit seiner schwarzen Schaar vom Haufen, durchstreifte auf eigne
Faust zuerst die Neckargegend, dann das Würzburgische und zerstörte
überall die Schlösser und Pfaffennester.

Der Rest des Haufens zog nun zunächst gegen Heilbronn. In dieser
mächtigen freien Reichsstadt stand wie fast überall, der Ehrbarkeit eine
bürgerliche und eine revolutio|nére Opposition entgegen. Die letztere,
im geheimen Einverständniß mit den Bauern, öffnete während eines Tumults
schon am 17. April G. Metzler und Jäcklein Rohrbach die Thore. Die Bauernchef s nahmen mit ihren Leuten Besitz von der Stadt, die in die Brüderschaft

416

Der deutsche Bauernkrieg. V

aufgenommen wurde und 1200 Gulden Geld, sowie ein Fähnlein Freiwilliger
stellte. Nur die Geistlichkeit und die Besitzungen der Deutschordensherren
wurden gebrandschatzt. Am 22. zogen die Bauern wieder ab, nachdem sie
eine kleine Besatzung hinterlassen hatten. Heilbronn sollte das Centrum der
verschiednen Haufen werden, die auch wirklich Delegirte hinschickten und
über gemeinsame Aktion und gemeinsame Forderungen der Bauernschaften
beriethen. Aber die bürgerliche Opposition und die seit dem Einmarsch der
Bauern mit ihr verbündete Ehrbarkeit hatten jetzt wieder die Oberhand in
der Stadt, verhinderten alle energischen Schritte und warteten nur auf das
Herannahen der fürstlichen Heere, um die Bauern definitiv zu verrathen.
Die Bauern zogen dem Odenwald zu. Am 24. April mußte Götz von Berlichingen, der sich wenige Tage vorher zuerst dem Kurfürsten von der Pfalz,
dann den Bauern, dann wieder dem Kurfürsten angetragen hatte, in die
evangelische Brüderschaft treten und das Oberkommando des hellen lichten
Haufens (im Gegensatz zum schwarzen Haufen Florian Geyers) übernehmen. Er war aber zu gleicher Zeit Gefangner der Bauern, die ihn mißtrauisch
überwachten und ihn an den Beirath der Hauptleute banden, ohne die er
nichts thun konnte. Götz und Metzler zogen nun mit der Masse der Bauern
über Buchen nach Amorbach, wo sie vom 30. April bis 5. Mai blieben und
das ganze Mainzische insurgirten. Der Adel wurde überall zum Anschluß
gezwungen und seine Schlösser dadurch geschont; nur die Klöster wurden
verbrannt und geplündert. Der Haufe hatte sich zusehends demoralisirt; die
energischsten Leute waren mit Florian Geyer oder mit Jäcklein Rohrbach
fort, denn auch dieser hatte sich nach der Einnahme Heilbronns getrennt,
offenbar weil er, der Richter des Grafen Helfenstein, nicht länger bei einem
Haufen bleiben konnte der sich mit dem Adel vertragen wollte. Dies Dringen
auf eine Verständigung | mit dem Adel war selbst schon ein Zeichen von
Demoralisation. Bald darauf schlug Wendel Hipler eine sehr passende
Reorganisation des Haufens vor: man solle die sich täglich anbietenden
Landsknechte in Dienst nehmen und den Haufen nicht wie bisher monatlich
durch Einziehung von neuen und Entlassung der alten Kontingente erneuern,
sondern die einmal unter den Waffen befindliche einigermaßen geübte
Mannschaft behalten. Aber die Gemeindeversammlung verwarf beide Anträge; die Bauern waren bereits übermüthiggeworden, und sahen den ganzen
Krieg als einen Beutezug an, wobei ihnen die Konkurrenz der Landsknechte
nicht zusagen Konnte und wobei es ihnen freistehen mußte nach Hause zu
ziehn, sobald ihre Taschen gefüllt waren. In Amorbach kam es sogar soweit,
daß der Heilbronner Rathsherr Hans Berlin die „Deklaration der zwölf
Artikel", ein Aktenstück, worin selbst die letzten Spitzen der zwölf Artikel
abgebrochen und den Bauern eine demüthig supplicirende Sprache in den
Mund gelegt wurde, bei den Hauptleuten und Rathen des Haufens durch-

417

Friedrich Engels

setzte. Diesmal war die Sache den Bauern doch zu stark; sie verwarfen die
Deklaration unter großem Lärm und beharrten auf den ursprünglichen
Artikeln.

Inzwischen war im Würzburgischen eine entscheidende Wendung eingetreten. Der Bischof, der sich bei dem ersten Bauernaufstand Anfangs April
auf den festen Frauenberg bei Würzburg zurückgezogen und nach allen
Seiten, aber vergeblich um Hülfe geschrieben hatte, war endlich zur momentanen Nachgiebigkeit gezwungen worden. Am 2. Mai wurde ein Landtag
eröffnet, auf dem auch die Bauern vertreten waren. Aber ehe irgend ein
Resultat gewonnen werden konnte, wurden Briefe aufgefangen, die die
verrätherischen Umtriebe des Bischofs konstatirten. Der Landtag ging gleich
auseinander und die Feindseligkeiten begannen zwischen den insurgirten
Städtern und Bauern und den Bischöflichen. Der Bischof selbst entfloh am
5. Mai nach Heidelberg; am nächsten Tag schon kam Florian Geyer und die
schwarze Schaar in Würzburg an, mit ihm die fränkischen Tauberhaufen,
die sich aus Mergentheimer, Rothenburger und Ansbachschen Bauern gebildet hatten. Am 7. Mai rückte auch Götz von Berlichingen mit dem hellen
lichten Haufen ein, und die Belagerung des Frauenbergs begann. |

 Im Limpurgischen und in der Gegend von Ellwangen und Hall bildete

sich ein andrer, der Gaildorf er oder gemeine helle Haufen schon Ende März 20

und Anfang April. Er trat sehr gewaltsam auf, insurgirte die ganze Gegend,
verbrannte viele Klöster und Schlösser, u. A. auch das Schloß Hohenstaufen,
zwang alle Bauern zum Mitzug und alle Adligen, selbst die Schenken von
Limpurg, zum Eintritt in die christliche Verbrüderung. Anfangs Mai machte
er einen Einfall nach Würtemberg, wurde aber zum Rückzug bewogen. Der
Partikularismus der deutschen Kleinstaaterei erlaubte damals sowenig wie
1848, daß die Revolutionäre verschiedner Staatsgebiete gemeinsam agirten.
Die Gaildorf er, auf ein kleines Terrain beschränkt, fielen nothwendig in sich
zusammen, nachdem sie allen Widerstand auf diesem Terrain besiegt hatten.
Sie vertrugen sich mit der Stadt Gmünd, und gingen mit Hinterlassung von
nur 500 Bewaffneten, auseinander.

In der Pfalz hatten sich auf beiden Rheinufern gegen Ende April Bauernhaufen gebildet. Sie zerstörten viele Schlösser und Klöster, und nahmen am
1. Mai Neustadt a. d. Hardt, nachdem die herübergekommenen Bruchrainer

schon Tags vorher Speier zu einem Vertrag gezwungen hatten. Der Marschall 35

von Habern konnte mit den wenigen kurfürstlichen Truppen nichts gegen
sie ausrichten, und am 10. Mai mußte der Kurfürst mit den insurgirten Bauern
einen Vertrag abschließen, in welchem er ihnen Abstellung ihrer Beschwerden auf einem Landtag garantirte.

In Würtemberg endlich, war der Aufstand schon früh in einzelnen Gegenden losgebrochen. Auf der Uracher Alp hatten schon die Bauern im Februar

418

Der deutsche Bauernkrieg. V

einen Bund gegen die Pfaffen und Herren geschlossen, und Ende März
erhoben sich die Blaubeurer, Uracher, Münsinger, Baiinger und Rosenfelder
Bauern. Die Gaildorfer fielen bei Göppingen, Jäcklein Rohrbach bei Brakkenheim, die Trümmer des geschlagnen Leipheimer Haufens bei Pfullingen
in würtembergisches Gebiet ein und insurgirten das Landvolk. Auch in
andern Gegenden brachen ernsthafte Unruhen aus. Schon am 6. April mußte
Pfullingen mit den Bauern kapituliren. Die Regierung des östreichischen
Erzherzogs war in der größten Verlegenheit. | Sie hatte gar kein Geld und
sehr wenig Truppen. Die Städte und Schlösser waren im schlechtesten
Zustand und hatten weder Besatzung noch Munition. Selbst der Asperg war
fast schutzlos.

Der Versuch der Regierung, die Aufgebote der Städte gegen die Bauern
zusammenzuziehen, entschied ihre momentane Niederlage. Am 16. April
weigerte sich das Bottwarer Aufgebot zu marschiren, und zog, statt nach

Stuttgart, auf den Wunnenstein bei Bottwar, wo es den Kern eines Lagers
von Bürgern und Bauern bildete, das sich rasch vermehrte. An demselben
Tage brach der Aufstand im Zabergau aus; das Kloster Maulbronn wurde
geplündert, und eine Anzahl von Klöstern und Schlössern vollständig verwüstet. Aus dem benachbarten Bruchrain zogen den Gäubauern Verstärkungen zu.

An die Spitze des Haufens auf dem Wunnenstein trat Matern Feuerbacher,
Rathsherr von Bottwar, einer der Führer der bürgerlichen Opposition, aber
hinreichend kompromittirt um mit den Bauern gehn zu müssen. Er blieb
indeß fortwährend sehr gemäßigt, verhinderte die Vollziehung des Artikel-

25 brief s an den Schlössern, und suchte überall zwischen den Bauern und der

gemäßigten Bürgerschaft zu vermitteln. Er verhinderte die Vereinigung der
Würtemberger mit dem hellen lichten Haufen und bewog später ebenfalls
die Gaildorfer zum Rückzug aus Würtemberg. Wegen seiner bürgerlichen
Tendenzen wurde er schon am 19. April abgesetzt, aber am nächsten Tag
bereits wieder zum Hauptmann ernannt. Er war unentbehrlich, und als selbst
Jäcklein Rohrbach am 22. mit 200 Mann entschlossnen Leuten den Würtembergern zuzog, blieb ihm nichts übrig, als ihn in seiner Stelle zu lassen, und
sich auf genaue Ueberwachung seiner Handlungen zu beschränken.

Am 18. April versuchte die Regierung mit den Bauern auf dem Wunnenstein zu unterhandeln. Die Bauern bestanden darauf, die Regierung
müsse die zwölf Artikel annehmen, und dies konnten die Bevollmächtigten
natürlich nicht. Der Haufen setzte sich nun in Bewegung. Am 20. war er in
Lauff en, wo die Abgeordneten der Regierung zum letzten Mal zurückgewiesen wurden. Am 22. stand er, 6000 Mann stark, in Bietigheim und bedrohte
Stuttgart. Hier war der | Rath größtentheils geflohen und ein Bürgerausschuß an die Spitze der Verwaltung gesetzt. In der Bürgerschaft waren

419

Friedrich Engels

dieselben Parteispaltungen zwischen Ehrbarkeit, bürgerlicher Opposition
und revolutionären Plebejern wie überall. Die letzteren öffneten am 25. April
den Bauern die Thore, und Stuttgart wurde sogleich besetzt. Hier wurde die
Organisation des hellen christlichen Haufens, wie sich die würtembergischen
Insurgenten jetzt nannten, vollständig durchgeführt, und Löhnung, Beutevertheilung und Verpflegung etc. in feste Regeln gebracht. Ein Fähnlein
Stuttgarter unter Theus Gerber schloß sich an.

Am 29. April zog Feuerbacher mit dem ganzen Haufen gegen die bei
Schorndorf ins Würtembergische eingefallenen Gaildorfer, nahm die ganze
Gegend in die Verbindung auf und bewog dadurch die Gaildorfer zum
Rückzug. Er verhinderte so, daß durch die Vermischung mit den rücksichtslosen Gaildorfern das revolutionäre Element in seinem Haufen, an dessen
Spitze Rohrbach stand, eine gefährliche Verstärkung erhielt. Von Schorndorf zog er auf die Nachricht, daß der Truchseß heranziehe, diesem entgegen,
und lagerte am 1. Mai bei Kirchheim unter Teck.

Wir haben hiermit das Entstehen und die Entwicklung des Aufstandes in
demjenigen Theil Deutschlands geschildert, den wir als das Terrain der
ersten Gruppe der Bauernhaufen betrachten müssen. Ehe wir auf die übrigen
Gruppen (Thüringen und Hessen, Elsaß, Oestreich und die Alpen) eingehn,
müssen wir den Feldzug des Truchseß berichten, in dem er anfangs allein,
später unterstützt von verschiednen Fürsten und Städten, diese erste Gruppe
von Insurgenten vernichtete.

Wir verließen den Truchseß bei Ulm, wohin er sich Ende März wandte,
nachdem er bei Kirchheim unter Teck ein Beobachtungscorps unter Dietrich
Spät zurückgelassen. Das Corps des Truchseß, nach Herbeiziehung der in
Ulm concentrirten bündischen Verstärkungen nicht ganz 10000 Mann stark,
wovon 7200 Mann Infanterie, war das einzige zum Angriffskrieg gegen die
Bauern disponible Heer. Die Verstärkungen kamen nur sehr langsam nach
Ulm zusammen, theils wegen der Schwierigkeit der Werbung in insurgirten
Ländern, theils wegen des Geldmangels der Regierungen, | theils weil
überall die wenigen Truppen zur Besatzung der Festungen und Schlösser
mehr als unentbehrlich waren. Wie wenig Truppen die Fürsten und Städte
disponibel hatten, die nicht zum schwäbischen Bund gehörten, haben wir
schon gesehn. Von den Erfolgen, die Georg Truchseß mit seiner Bundesarmee erfechten würde, hing also Alles ab.

Der Truchseß wandte sich zuerst gegen den Baltringer Häufen, der inzwischen begonnen hatte, Schlösser und Klöster in der Umgebung des Ried zu
verwüsten. Die Bauern, beim Herannahen der Bundestruppen ins Ried
zurückgegangen, wurden aus den Sümpfen durch Umgehung vertrieben,
gingen über die Donau und warfen sich in die Schluchten und Wälder der
schwäbischen Alp. Hier, wo ihnen die Reiterei und das Geschütz, die Haupt-

420

Der deutsche Bauernkrieg. V

stärke der bündischen Armee, nichts anhaben konnte, verfolgte sie der
Truchseß nicht weiter. Er zog gegen die Leipheimer, die mit 5000 Mann bei
Leipheim, mit 4000 im Mindelthal und mit 6000 bei Illertissen standen, die
ganze Gegend insurgirten, Klöster und Schlösser zerstörten und sich vorbereiteten mit allen drei Kolonnen gegen Ulm zu ziehn. Auch hier scheint
bereits eine Demoralisation unter den Bauern eingerissen zu sein, und die
militärische Zuverlässigkeit des Haufens vernichtet zu haben; denn Jakob
Wehe suchte von vorn herein mit dem Truchseß zu unterhandeln. Dieser aber
ließ sich jetzt, wo er eine hinreichende Truppenmacht hinter sich hatte, auf
Nichts ein, sondern griff am 4. April den Haupthaufen bei Leipheim an und
zersprengte ihn vollständig. Jakob Wehe und Ulrich Schön, sowie zwei andre
Bauernführer, wurden gefangen und enthauptet; Leipheim kapitulirte, und
mit einigen Streifzügen in der Umgegend war der ganze Bezirk unterworfen.

Eine neue Rebellion der Landsknechte, durch das Verlangen der Plünderung und einer Extralöhnung veranlaßt, hielt den Truchseß abermals bis zum
10. April auf. Dann zog er südwestlich gegen die Baltringer, die inzwischen
in seine Herrschaften Waldburg, Zeil und Wolfegg eingefallen waren und
seine Schlösser belagerten. Auch hier fand er die Bauern zersplittert und
schlug sie am 11. und 12. April nacheinander in einzelnen Gefechten, die den
Baltringer Haufen ebenfalls vollständig auflösten. Der Rest zog sich unter
dem | Pfaffen Florian auf den Seehaufen zurück. Gegen diesen wandte
sich nun der Truchseß. Der Seehaufen, der inzwischen nicht nur Streifzüge
gemacht, sondern auch die Städte Buchhorn (Friedrichshafen) und Wollmatingen in die Verbrüderung gebracht hatte, hielt am 13. großen Kriegsrath
im Kloster Salem und beschloß dem Truchseß entgegen zu ziehn. Sofort
wurde überall Sturm geläutet, und 10 000 Mann, zu denen noch die geschlagnen Baltringer stießen, versammelten sich im Bermatinger Lager. Sie bestanden ani 15. April ein günstiges Gefecht mit dem Truchseß, der seine Armee

hier nicht in einer Entscheidungsschlacht aufs Spiel setzen wollte und vorzog

zu unterhandeln, um so mehr als er erfuhr, daß die Allgäuer und Hegauer
ebenfalls heranrückten. Er schloß also am 17. April mit den Seebauern und
Baltringern zu Weingarten einen für sie scheinbar ziemlich günstigen Vertrag, auf den die Bauern ohne Bedenken eingingen. Er brachte es ferner
dahin, daß die Delegirten der Ober- und Unterallgäuer diesen Vertrag ebenfalls annahmen, und zog dann nach Würtemberg ab.

Die List des Truchseß rettete ihn hier vor sicherm Untergang. Hätte er
nicht verstanden die schwachen, beschränkten, größtentheils schon demoralisirten Bauern, und ihre meist unfähigen, ängstlichen und bestechlichen

Führer zu bethören, so war er mit seiner kleinen Armee zwischen vier Kolonnen, zusammen mindestens 25—30000 Mann stark, eingeschlossen und

421

Friedrich Engels

unbedingt verloren. Aber die, bei Bauernmassen immer unvermeidliche
Bornirtheit seiner Feinde machte es ihm möglich, sich ihrer grade in dem
Moment zu entledigen, wo sie den ganzen Krieg, wenigstens für Schwaben
und Franken, mit Einem Schlage beendigen konnten. Die Seebauern hielten
den Vertrag, mit dem sie schließlich natürlich geprellt wurden, so genau, daß
sie später gegen ihre eignen Bundesgenossen, die Hegauer, die Waffen
ergriffen; die Allgäuer, durch ihre Führer in den Verrath verwickelt, sagten
sich zwar gleich davon los, aber inzwischen war der Truchseß aus der
Gefahr.

Die Hegauer, obwohl nicht in den Weingarter Vertrag eingeschlossen,
gaben gleich darauf einen neuen Beleg von der gränzenlosen Lokalbornirtheit und dem eigensinnigen Provinzialismus der den ganzen Bauernkrieg zu
Grunde richtete. Nachdem der Truchseß vergeblich mit ihnen unterhandelt |
 hatte und nach Würtemberg abmarschirt war, zogen sie ihm nach und
blieben ihm fortwährend in der Flanke; es fiel ihnen aber nicht ein sich mit
dem Würtembergischen hellen christlichen Haufen zu vereinigen, und zwar
aus dem Grunde, weil die Würtemberger und Neckarthaler ihnen auch einmal
Hülfe abgeschlagen hatten. Als daher der Truchseß sich weit genug von ihrer
Heimath entfernt hatte, kehrten sie ruhig wieder um und zogen gegen Freiburg.

Wir verließen die Würtemberger unter Matern Feuerbacher bei Kirchheim
unter Teck, von wo das vom Truchseß zurückgelassene Beobachtungscorps
unter Dietrich Spät sich nach Urach zurückgezogen hatte. Nach einem
vergeblichen Versuch auf Urach wandte sich Feuerbacher nach Nürtingen
und schrieb an alle benachbarten Insurgentenhaufen um Zuzug für die
Entscheidungsschlacht. Es kamen in der That sowohl aus dem Würtembergischen Unterland wie aus dem Gäu bedeutende Verstärkungen. Namentlich
rückten die Gäubauern, die sich um die bis nach Ostwiirtemberg zurückgegangenen Trümmer der Leipheimer gesammelt, und das ganze obere
Neckar- und Nagoldthal, bis nach Böblingen und Leonberg insurgirt hatten,
in zwei starken Haufen heran, und vereinigten sich am 5. Mai in Nürtingen
mit Feuerbacher. Bei Böblingen stieß der Truchseß auf die vereinigten
Haufen. Ihre Zahl, ihr Geschütz und ihre Stellung machten ihn stutzig; er
fing nach seiner üblichen Methode sofort Unterhandlungen an und schloß
einen Waffenstillstand mit den Bauern. Kaum hatte er sie hierdurch sicher
gemacht, so überfiel er sie am 12. Mai während des Waffenstillstandes und
zwang sie zu einer Entscheidungsschlacht. Die Bauern leisteten langen und
tapfern Widerstand, bis endlich Böblingen dem Truchseß durch den Verrath
der Bürgerschaft überliefert wurde. Der linke Flügel der Bauern war hiermit
seines Stützpunkts beraubt, und wurde geworfen und umgangen. Hierdurch
war die Schlacht entschieden. Die undisziplinirten Bauern geriethen in

422

Der deutsche Bauernkrieg. V

Unordnung und bald in wilde Flucht; was nicht von den bündischen Reitern
niedergemacht oder gefangen wurde, warf die Waffen weg und eilte nach
Hause. Der „helle christliche Haufen", und mit ihm die ganze würtembergische Insurrektion, war vollständig aufgelöst. Theus Gerber entkam nach
Eßlingen, Feuerbacher j731 floh nach der Schweiz, Jäcklein Rohrbach wurde
gefangen, und in Ketten bis Neckargartach mitgeschleppt, wo ihn der Truchseß an einen Pfahl ketten, ringsherum Holz aufschichten, und so bei langsamen Feuer lebendig braten ließ, während er selbst mit seinen Rittern zechend, sich an diesem ritterlichen Schauspiel weidete.
Von Neckargartach aus unterstützte der Truchseß durch einen Einfall in
den Kraichgau die Operationen des Kurfürsten von der Pfalz. Dieser, der
inzwischen Truppen gesammelt, brach auf die Nachricht von den Erfolgen
des Truchseß sofort den Vertrag mit den Bauern, überfiel am 23. Mai den
Bruchrain, nahm und verbrannte Malsch nach heftigem Widerstande, plünderte eine Anzahl von Dörfern und besetzte Bruchsal. Zu gleicher Zeit
überfiel der Truchseß Eppingen und nahm den dortigen Chef der Bewegung,
Anton Eisenhut, gefangen, den der Kurfürst nebst einem Dutzend anderer
Bauernführer sogleich hinrichten ließ. Der Bruchrain und Kraichgau waren
hiermit pacificirt und mußten gegen 40000 Gulden Brandschatzung zahlen.
Die beiden Heere des Truchsessen — auf 6000 Mann reduzirt durch die
bisherigen Schlachten — und des Kurfürsten (6500 Mann) vereinigten sich
nun und zogen den Oberwäldern entgegen.
Die Nachricht von der Böblinger Niederlage hatte überall Schrecken unter
den Insurgenten verbreitet. Die freien Reichsstädte, soweit sie unter die
drückende Hand der Bauern gerathen waren, athmeten plötzlich wieder auf.
Heilbronn war die erste, die zur Versöhnung mit dem schwäbischen Bund
Schritte that. In Heilbronn saßen die Bauernkanzlei und die Delegirten der
verschiednen Haufen, um die Anträge zu berathen, die im Namen sämmtlicher insurgirten Bauern an Kaiser und Reich gestellt werden sollten. In
diesen Verhandlungen, die ein allgemeines, für ganz Deutschland gültiges
Resultat haben sollten, stellte sich abermals heraus, wie kein einzelner Stand,
auch der der Bauern nicht, weit genug entwickelt war, um von seinem Standpunkt aus die gesammten deutschen Zustände neu zu gestalten. Es zeigte
sich sogleich, daß man zu diesem Zweck den Adel und ganz besonders die

35 Bürgerschaft gewinnen mußte. Wendel Hipler bekam hiermit die Leitung der

Verhandlungen in seine Hände. | Wendel Hipler erkannte von allen
Führern der Bewegung die bestehenden Verhältnisse am richtigsten. Er war
kein weitgreifender Revolutionär wie Münzer, kein Repräsentant der Bauern
wie Metzler oder Rohrbach. Seine vielseitige Erfahrung, seine praktische

Kenntniß der Stellung der einzelnen Stände gegen einander verhinderte ihn,
einen der in der Bewegung verwickelten Stände gegen die andern ausschließ-

423

Friedrich Engels

lieh zu vertreten. Gerade wie Münzer, als Repräsentant der ganz außer dem
bisherigen offiziellen Gesellschaftsverband stehenden Klasse, der Anfänge
des Proletariats, zur Vorahnung des Kommunismus getrieben wurde, geradeso kam Wendel Hipler, der Repräsentant so zu sagen des Durchschnitts
aller progressiven Elemente in der Nation, bei der Vorahnung der modernen

bürgerlichen Gesellschaft an. Die Grundsätze die er vertrat, die Forderungen
die er aufstellte, waren zwar nicht das unmittelbar Mögliche, sie waren aber
das etwas idealisirte nothwendige Resultat der bestehenden Auflösung der
feudalen Gesellschaft, und die Bauern, sobald sie sich daran gaben für das
ganze Reich Gesetzentwürfe zu machen, waren genöthigt darauf einzugehn.

So nahm die Centralisation, die von den Bauern gefordert wurde, hier in
Heilbronn eine positivere Gestalt an, eine Gestalt, die von der Vorstellung
der Bauern über sie indeß himmelweit verschieden war. So wurde sie z.B.
in der Herstellung der Einheit von Münze, Maß und Gewicht, in der Aufhebung der inneren Zölle etc. näher bestimmt, kurz in Forderungen, die weit
mehr im Interesse der Städtebürger als der Bauern waren. So wurden dem
Adel Konzessionen gemacht, die sich den modernen Ablösungen bedeutend
nähern, und die auf die schließliche Verwandlung des feudalen Grundbesitzes
in bürgerlichen hinausliefen. Kurz, sobald die Forderungen der Bauern zu
einer „Reichsreform" zusammengefaßt wurden, mußten sie sich, nicht den
momentanen Forderungen, aber den definitiven Interessen der Bürger unterordnen.

Während diese Reichsreform in Heilbronn noch debattirt wurde, reiste der
Verfasser der „Declaration der zwölf Artikel", Hans Berlin, schon dem
Truchseß entgegen, um im Namen der Ehrbarkeit und Bürgerschaft wegen
Uebergabe der Stadt zu unterhandeln. Reaktionäre Bewegungen in der Stadt
unterstützten den Verrath, und Wendel Hipler mußte | mit den Bauern
fliehen. Er ging nach Weinsberg, wo er die Trümmer der Würtemberger und
die wenige mobile Mannschaft der Gaildorfer zu sammeln suchte. Aber das
Herannahen des Kurfürsten von der Pfalz und des Truchseß vertrieb ihn
auch von hier, und so mußte er nach Würzburg gehn, um den hellen lichten
Haufen in Bewegung zu bringen. Die bündischdn und kurfürstlichen Truppen
unterwarfen indeß die ganze Neckargegend, zwangen die Bauern neu zu
huldigen, verbrannten viele Dörfer und erstachen oder hingen alle flüchtigen
Bauern deren sie habhaft wurden. Weinsberg wurde, zur Rache für die
Hinrichtung des Helfensteiners, niedergebrannt.

Die vor Würzburg vereinigten Haufen hatten inzwischen den Frauenberg
belagert und am 15. Mai, noch ehe die Bresche geschossen war, einen tapf ern,
aber vergeblichen Sturm auf die Festung versucht. 400 der besten Leute,
meist von Florian Geyers Schaar, bliebenin den Gräben todt oder verwundet
liegen. Zwei Tage später, am 17., kam Wendel Hipler an und ließ einen

424

Der deutsche Bauernkrieg. V

Kriegsrath halten. Er schlug vor, nur 4000 Mann vor dem Frauenberg zu
lassen, und mit der ganzen, an 20 000 Mann starken Hauptmacht unter den
Augen des Truchseß bei Krautheim an der Jaxt ein Lager zu beziehen, auf
das sich alle Verstärkungen konzentriren könnten. Der Plan war vortrefflich;
nur durch Zusammenhalten der Massen und durch Ueberzahl konnte man
hoffen, das jetzt an 13000 Mann starke fürstliche Heer zu schlagen. Aber
schon war die Demoralisation und Entmuthigung unter den Bauern zu groß
geworden, um noch irgend eine energische Aktion zuzulassen. Götz von
Berlichingen, der bald darauf offen als Verräther auftrat, mag auch dazu

10 beigetragen haben den Haufen hinzuhalten, und so wurde der Hipler sehe

Plan nie ausgeführt. Statt dessen wurden die Haufen, wie immer, zersplittert.
Erst am 23. Mai setzte sich der helle lichte Haufe in Bewegung, nachdem die
Franken versprochen hatten schleunigst zu folgen. Am 26. wurden die in
Würzburg lagernden markgräflich-anspachschen Fähnlein heimgerufen
durch die Nachricht, daß der Markgraf die Feindseligkeiten gegen die Bauern
eröffnet habe. Der Rest des Belagerungsheers, nebst Florian Geyers schwarzer Schaar, nahm Position bei Heidingsfeld, nicht weit von Würzburg. |
 Der helle lichte Haufe kam am 24. Mai in Krautheim an, in einem wenig
schlagfertigen Zustand. Hier hörten viele, daß ihre Dörfer inzwischen dem
Truchseß gehuldigt hatten, und nahmen dies zum Vorwand um nach Hause
zu gehn. Der Haufe zog weiter nach Neckarsulm, und unterhandelte am 28.
mit dem Truchseß. Zugleich wurden Boten an die Franken, Elsasser und
Schwarzwald-Hegauer mit der Aufforderung zu schleunigem Zuzug geschickt. Von Neckarsulm marschirte Götz auf Oehringen zurück. Der Haufe
schmolz täglich zusammen; auch Götz von Berlichingen verschwand während des Marsches; er war heimgeritten, nachdem er schon früher durch
seinen alten Waffengefährten Dietrich Spät mit dem Truchseß wegen seines
Uebertritts unterhandelt hatte. Bei Oehringen, in Folge falscher Nachrichten
über das Herannahen des Feindes, ergriff plötzlich ein panischer Schreck
die rath- und muthlose Masse; der Haufen lief in voller Unordnung auseinander, und nur mit Mühe konnten Metzler und Wendel Hipler etwa 2000 Mann
zusammenhalten, die sie wieder auf Krautheim führten. Inzwischen war das
fränkische Aufgebot, 5000 Mann stark, herangekommen, aber durch einen
von Götz offenbar in verrätherischer Absicht angeordneten Seitenmarsch
über Löwenstein nach Oehringen, verfehlte es den hellen Haufen, und zog
auf Neckarsulm. Dies Städtchen, von einigen Fähnlein des hellen lichten
Haufens besetzt, wurde vom Truchseß belagert. Die Franken kamen in der
Nacht an und sahen die Feuer des bündischen Lagers; aber ihre Führer
hatten nicht den Muth, einen Ueberfall zu wagen, und zogen sich nach
Krautheim zurück, wo sie endlich den Rest des hellen lichten Haufens
fanden. Neckarsulm ergab sich, als kein Entsatz kam, am 29. an die Bündi-

425

Friedrich Engels

sehen, der Truchseß ließ sofort dreizehn Bauern hinrichten und zog dann
sengend und brennend, plündernd und mordend, den Haufen entgegen. Im
ganzen Neckar-, Kocher- und Jaxtthal bezeichneten Schutthaufen und an
den Bäumen aufgehangne Bauern seinen Weg.

Bei Krautheim stieß das bündische Heer auf die Bauern, die sich durch
eine Flankenbewegung des Truchseß gezwungen, auf Königshofen an der
Tauber zurückgezogen. Hier faßten sie, 8000 Mann mit 32 Kanonen Position.
Der Truchseß | näherte sich ihnen hinter Hügeln und Wäldern versteckt,
ließ Umgehungskolonnen vorrücken, und überfiel sie am 2. Juni mit solcher
Uebermacht und Energie, daß sie trotz der hartnäckigsten, bis in die Nacht
fortgesetzten Gegenwehr mehrerer Kolonnen, vollständig geschlagen und
aufgelöst wurden. Wie immer, trug auch hier die bündische Reiterei, „der
Bauern Tod", hauptsächlich zur Vernichtung des Insurgentenheers bei,
indem sie sich auf die durch Artillerie, Büchsenfeuer und Lanzenangriffe
erschütterten Bauern warf, sie vollständig zersprengte und einzeln niedermachte. Welche Art von Krieg der Truchseß mit seinen Reitern führte,
beweist das Schicksal der 300 Königshof er Bürger, die beim Bauernheer
waren. Sie wurden während der Schlacht bis auf fünfzehn niedergehauen,
und von diesen fünfzehn wurden nachträglich noch vier enthauptet.

Nachdem er so mit den Odenwäldern, Neckarthalern und Niederfranken
fertig geworden, paeificirte der Truchseß durch Streifzüge, Verbrennung
ganzer Dörfer und zahllose Hinrichtungen, die ganze Umgegend und zog
dann gegen Würzburg. Unterwegs erfuhr er, daß der zweite fränkische Haufe
unter Florian Geyer und Gregor von Burg-Bernheim bei Sulzdorf stand, und
sofort wandte er sich gegen diesen.

Florian Geyer, der seit dem vergeblichen Sturm auf den Frauenberg
hauptsächlich mit den Fürsten und Städten, namentlich mit Rothenburg und
dem Markgrafen Casimir von Anspach, wegen ihres Beitritts zur Bauernverbrüderung unterhandelt hatte, wurde durch die Nachricht der Königshofener
Niederlage plötzlich abgerufen. Mit seinem Haufen vereinigte sich der
anspachsche unter Gregor von Burg-Bernheim. Dieser Haufe hatte sich erst
neuerdings gebildet. Der Markgraf Casimir hatte in acht Hohenzollerscher
Weise den Bauernaufstand in seinem Gebiet theils durch Versprechungen,
theils durch drohende Truppenmassen im Schach zu halten gewußt. Er hielt
vollständig Neutralität gegen alle fremde Haufen, solange sie keine anspachschen Unterthanen an sich zogen. Er suchte den Haß der Bauern
hauptsächlich auf die geistlichen Stifter zu lenken, durch deren schließliche
Confiskation er sich zu bereichern gedachte. Dabei rüstete er fortwährend
und wartete die Ereignisse ab. Kaum war die Nachricht | von der Schlacht
bei Böblingen eingetroffen, als er sofort die Feindseligkeiten gegen seine
rebellischen Bauern eröffnete, ihnen die Dörfer plünderte und verbrannte

426

Der deutsche Bauernkrieg. V

und viele von ihnen hängen und niedermachen ließ. Die Bauern jedoch zogen
sich rasch zusammen, und schlugen ihn, unter Gregor von Burg-Bernheim,
am 29. Mai bei Windsheim. Während sie ihn noch verfolgten, erreichte sie
der Ruf der bedrängten Odenwälder, und sofort wandten sie sich nach
Heidingsfeld, und von dort mit Florian Geyer wieder nach Würzburg
(2. Juni). Hier üeßen sie, stets ohne Nachricht von den Odenwäldern,
5000 Bauern zurück und zogen mit 4000 Mann—der Rest war auseinandergelaufen — den Uebrigen nach. Durch falsche Nachrichten über den Ausfall
der Schlacht bei Königshofen sicher gemacht, wurden sie bei Sulzdorf vom
Truchseß überfallen und total geschlagen. Wie gewöhnlich richteten die
Reiter und Knechte des Truchsessen ein furchtbares Blutbad an. Florian
Geyer hielt den Rest seiner schwarzen Schaar, 600 Mann, zusammen und
schlug sich durch nach dem Dorf Ingolstadt. Zweihundert Mann besetzten
die Kirche und den Kirchhof, 400 das Schloß. Die Pfälzer hatten ihn verfolgt,
eine Kolonne von 1200 Mann nahm das Dorf und zündete die Kirche an; was
nicht in den Flammen unterging, wurde niedergemacht. Dann schössen die
Pfälzer Bresche in die baufällige Mauer des Schlosses, und versuchten den
Sturm. Zweimal von den Bauern, die hinter einer inneren Mauer gedeckt
standen, zurückgeschlagen, schössen sie auch diese zweite Mauer zusammen, und versuchten dann den dritten Sturm, der auch gelang. Die Hälfte
von Geyers Leuten wurde zusammengehauen; mit den letzten Zweihundert
entkam er glücklich. Aber sein Zufluchtsort wurde schon am nächsten Tage
(Pfingstmontag) entdeckt; die Pfälzer umzingelten den Wald, in dem er
versteckt lag, und hieben den ganzen Haufen nieder. Nur 17 Gefangne
wurden während dieser zwei Tage gemacht. Florian Geyer hatte sich mit
wenigen der Entschlossensten wieder durchgeschlagen und wandte sich nun
zu den Gaildorf ern, die wieder an 7000 Mann stark zusammengetreten
waren. Aber als er hinkam fand er sie, in Folge der niederschlagenden
Nachrichten von allen Seiten, größtentheils wieder aufgelöst. Er | machte
noch den Versuch, die Versprengtenin den Wäldern zu sammeln, wurde aber
am 9. Juni bei Hall von Truppen überrascht und fiel fechtend.

Der Truchseß, der schon gleich nach dem Sieg von Königshofen den
Belagerten auf dem Frauenberg Nachricht gegeben hatte, rückte nun auf
Würzburg. Der Rath verständigte sich heimlich mitihm, so daß das bündische
Heer in der Nacht des 7.Juni die Stadt nebst den darin befindlichen
5000 Bauern umzingeln und am nächsten Morgen in die vom Rath geöffneten
Thore ohne Schwertstreich einziehen konnte. Durch diesen Verrath der
Würzburger „Ehrbarkeit" wurde der letzte fränkische Bauernhaufe entwaffnet und sämmtliche Führer gefangen. Der Truchseß ließ sogleich 81 enthaupten. Hier in Würzburg trafen nun nach einander die verschiedenen fränkischen Fürsten ein; der Bischof von Würzburg selbst, der von Bamberg, und

427

Friedrich Engels

der Markgraf von Brandenburg-Anspach. Die gnädigen Herren vertheilten
unter sich die Rollen. Der Truchseß zog mit dem Bischof von Bamberg, der
jetzt sofort den mit seinen Bauern abgeschlossenen Vertrag brach, und sein
Land den wüthenden Mordbrennerhorden des bündischen Heeres preisgab.
Der Markgraf Casimir verwüstete sein eignes Land. Deiningen wurde
verbrannt; zahllose Dörfer wurden geplündert oder den Flammen preisgegeben; dabei hielt der Markgraf in jeder Stadt ein Blutgericht ab. In Neustadt
an der Aisch ließ er achtzehn, in Markt Bergel dreiundvierzig Rebellen
enthaupten. Von da zog er nach Rothenburg, wo die Ehrbarkeit bereits eine
Contrerevolution gemacht und Stephan von Menzingen verhaftet hatte. Die

Rothenburger Kleinbürger und Plebejer mußten jetzt schwer dafür büßen,
daß sie sich den Bauern gegenüber so zweideutig benommen, daß sie ihnen
bis ganz zuletzt alle Hülfe abgeschlagen, daß sie in ihrem lokalbornirten
Eigennutz auf Unterdrückung der ländlichen Gewerbe zu Gunsten der städtischen Zünfte bestanden und nur widerwillig die aus den Feudalleistungen

der Bauern fließenden städtischen Einkünfte aufgegeben hatten. Der Markgraf ließ ihrer sechszehn köpfen, voran natürlich Menzingen. — Der Bischof
von Würzburg durchzog in gleicher Weise sein Gebiet, überall plündernd,
verwüstend und sengend. Er ließ auf seinem Siegeszug 256 Rebellen hinrichten und krönte sein Werk, bei | seiner Rückkehr nach Würzburg, durch

die Enthauptung von noch dreizehn Würzburgern.

Im Mainzischen stellte der Statthalter, Bischof Wilhelm von Straßburg,
die Ruhe ohne Widerstand her. Er ließ nur vier hinrichten. Das Rheingau,
das ebenfalls erregt gewesen, wo aber längst Alles nach Hause gegangen war,
wurde nachträglich von Frowin von Hutten, Ulrichs Vetter, überfallen und
durch Hinrichtung von zwölf Rädelsführern vollends „beruhigt". Frankfurt, das auch bedeutende revolutionäre Bewegungen erlebt hatte, war
Anfangs durch Nachgiebigkeit des Raths, später durch angeworbne Truppen im Zaum gehalten worden. In der Rheinpfalz hatten sich seit dem
Vertragsbruch des Kurfürsten wieder an 8000 Bauern zusammengerottet
und von neuem Klöster und Schlösser verbrannt; aber der Trierer Erzbischof zog dem Marschall von Habern zu Hülfe und schlug sie schon am
23. Mai bei Pfedersheim. Eine Reihe von Grausamkeiten (in Pfedersheim
allein wurden 82 hingerichtet) und die Einnahme von Weissenburg am
7. Juli beendeten hier den Aufstand.

Von sämmtlichen Haufen blieben jetzt nur noch zwei zu besiegen: die
Hegau-Schwarzwälder und die Allgäuer. Mit beiden hatte der Erzherzog
Ferdinand intriguirt. Wie Markgraf Casimir und andre Fürsten den Aufstand
zur Aneignung der geistlichen Ländereien und Fürstenthümer, so suchte er
ihn zur Vergrößerung der östreichischen Hausmacht zu benutzen. Er hatte
mit dem allgäuer Hauptmann Walter Bach und mit dem Hegauer Hans Müller

428

Der deutsche Bauernkrieg. V

von Bulgenbach unterhandelt, um die Bauern dahin zu bringen, sich für den
Anschluß an Oestreich zu erklären, aber obwohl beide Chefs käuflich waren,
konnten sie bei den Haufen weiter nichts durchsetzen als daß die Allgäuer
mit dem Erzherzog einen Waffenstillstand schlossen und die Neutralität
gegen Oestreich beobachteten.
Die Hegauer hatten auf ihrem Rückzug aus dem Würtembergischen eine
Anzahl Schlösser zerstört und Verstärkungen aus den markgräflich-badischen Ländern an sich gezogen. Sie marschirten am 13. Mai gegen Freiburg,
beschossen es vom 18. an, und zogen am 23., nachdem die Stadt kapitulirt
hatte, mit fliegenden Fahnen hinein. Von dort zogen sie gegen Stockach und
Radolfzell, und führten lange einen erfolglosen kleinen Krieg gegen die
Besatzungen | dieser Städte. Diese, sowie der Adel und die umliegenden
Städte, riefen kraft des Weingarter Vertrags die Seebauern um Hülfe an, und
die ehemaligen Rebellen des Seehaufens erhoben sich, 5000 Mann stark,
gegen ihre Bundesgenossen. So stark war die Lokalbornirtheit dieser Bauern.
Nur 600 weigerten sich, wollten sich den Hegauern anschließen und wurden
massakrirt. Die Hegauer jedoch, durch den abgekauften Hans Müller von
Bulgenbach veranlaßt, hatten bereits die Belagerung aufgehoben und waren,
als Hans Müller gleich darauf floh, meist auseinander gegangen. Der Rest
verschanzte sich an der Hilzinger Steige, wo er am 16. Juli von den inzwischen disponibel gewordenen Truppen geschlagen und vernichtet wurde. Die
Schweizer Städte vermittelten einen Vertrag für die Hegauer, der indeß nicht
verhinderte, daß Hans Müller trotz seines Verraths zu Laufenburg verhaftet
und enthauptet wurde. Im Breisgau fiel nun auch Freiburg (17. Juli) vom
Bunde der Bauern ab, und schickte Truppen gegen sie; doch auch hier kam
bei der Schwäche der fürstlichen Streitkräfte am 18. September ein Vertrag
zu Offenburg zu Stande, in den auch der Sundgau eingeschlossen wurde. Die
acht Einungen des Schwarzwalds und die Klettgauer die noch nicht entwaffnet waren, wurden durch die Tyrannei des Grafen von Sulz abermals zum
Aufstand getrieben, und im Oktober geschlagen. Am 13. November wurden
die Schwarzwälder zu einem Vertrag gezwungen, und am 6. Dezember fiel
Waldshut, das letzte Bollwerk der Insurrektion am Oberrhein.
Die Allgäuer hatten seit dem Abzug des Truchseß ihre Campagne gegen
Klöster und Schlösser wieder aufgenommen, und für die Verwüstungen der
Bündischen energische Repressalien geübt. Sie hatten wenig Truppen sich
gegenüber, die nur einzelne kleine Ueberfälle unternahmen, ihnen aber nie
in die Wälder folgen konnten. Im Juni brach in Memmingen, das sich ziemlich
neutral gehalten hatte, eine Bewegung gegen die Ehrbarkeit aus, die nur
durch die zufällige Nähe einiger bündischen Truppen, Welche der Ehrbarkeit

40 noch zur rechten Zeit zu Hülfe kommen konnten, unterdrückt wurde. Schap-

peler, der Prediger und Führer der plebejischen Bewegung, entkam nach

429

Friedrich Engels

Sankt Gallen. Die Bauern zogen nun vor die Stadt und wollten eben mit dem
Bresche | schießen beginnen, als sie erfuhren daß der Truchseß von
Würzburg heranzog. Am 27. Juni marschirten sie ihm in zwei Kolonnen,
über Babenhausen und Obergünzburg entgegen. Der Erzherzog Ferdinand
versuchte nochmals die Bauern für das Haus Oestreich zu gewinnen. Gestützt auf den Waffenstillstand den er mit ihnen abgeschlossen, forderte
er den Truchseß auf, nicht weiter gegen sie vorzurücken. Der schwäbische
Bund jedoch befahl ihm sie anzugreifen und nur das Sengen und Brennen
zu lassen; der Truchseß war indeß viel zu klug, um auf sein erstes und
entscheidenstes Kriegsmittel zu verzichten, selbst wenn es ihm möglich
gewesen wäre, die vom Bodensee bis an den Main von Exceß zu Exceß
geführten Landsknechte im Zaum zu halten. Die Bauern faßten Position
hinter der Hier und Leubas, an 23 000 Mann stark. Der Truchseß stand ihrer
Front gegenüber mit 11000 Mann. Die Stellungen beider Heere waren stark;
die Reiterei konnte auf dem vorliegenden Terrain nicht wirken; und wenn
die Landsknechte des Truchseß an Organisation, militärischen Hülf squellen
und Disziplin den Bauern überlegen waren, so zählten die Allgäuer eine
Menge gedienter Soldaten und erfahrner Hauptleute in ihren Reihen und
hatten zahlreiches, gut bedientes Geschütz. Am 19. Juli eröffneten die
Bündischen eine Kanonade, die von beiden Seiten am 20. fortgesetzt wurde,
jedoch ohne Resultat. Am 21. stieß Georg von Frundsberg mit 300 Landsknechten zum Truchseß. Er kannte viele der Bauernhauptleute, die unter ihm
in den italiänischen Feldzügen gedient hatten, und knüpfte Unterhandlungen
mit ihnen an. Der Verrath gelang, wo die militärischen Hülf smittel nicht
ausreichten. Walter Bach, mehrere andre Hauptleute und Geschützmeister
ließen sich kaufen. Sie ließen den ganzen Pulvervorrath der Bauern in Brand
stecken und bewegten den Haufen zu einem Umgehungsversuch. Kaum aber
waren sie aus ihrer festen Stellung heraus, so fielen sie in den Hinterhalt,
den ihnen der Truchseß nach Verabredung mit Bach und den andern Verräthern gelegt hatte. Sie konnten sich um so weniger vertheidigen, als ihre
Hauptleute, die Verräther, sie unter dem Vorwand einer Rekognoscirung
verlassen hatten und schon auf dem Wege nach der Schweiz waren. Zwei
der Bauernkolonnen wurden so vollständig zersprengt, die dritte, ||83] unter
dem Knopf von Leubas, konnte sich noch geordnet zurückziehen. Sie stellte
sich wieder auf dem Kohlenberg bei Kempten, wo der Truchseß sie
einschloß. Auch hier wagte er nicht sie anzugreifen; er schnitt ihr die Zufuhr
ab und suchte sie zu demoralisiren, indem er an 200 Dörfer in der Umgegend
niederbrennen ließ. Der Hunger und der Anblick ihrer brennenden Wohnungen brachte die Bauern endlich dahin daß sie sich ergaben (25. Juli). Mehr
als zwanzig wurden sogleich hingerichtet. Der Knopf von Leubas, der einzige
Führer dieses Haufens der seine Fahne nicht verrathen hatte, entkam nach

430

Der deutsche Bauernkrieg. VI

Bregenz; aber hier wurde er verhaftet und nach langem Gefängniß gehangen.
Damit war der schwäbisch-fränkische Bauernkrieg beendet.

VI.

Gleich beim Ausbruch der ersten Bewegungen in Schwaben war Thomas
Münzer wieder nach Thüringen geeilt, und hatte seit Ende Februar oder
Anfangs März seinen Wohnsitz in der freien Reichsstadt Mühlhausen genommen, wo seine Partei am stärksten war. Er hatte die Fäden der ganzen
Bewegung in der Hand; er wußte, welch allgemeiner Sturm in Süddeutschland auszubrechen im Begriff war, und hatte es übernommen, Thüringen in
das Centrum der Bewegung für Norddeutschland zu verwandeln. Er fand
einen höchst fruchtbaren Boden. Thüringen selbst, der Hauptsitz der Reformationsbewegung, war im höchsten Grade aufgeregt; und die materielle
Noth der unterdrückten Bauern nicht minder als die cursirenden revolutionären religiösen und politischen Doktrinen hatten auch die benachbarten
Länder, Hessen, Sachsen und die Harzgegend für einen allgemeinen Aufstand vorbereitet. In Mühlhausen namentlich war die ganze Masse der
Kleinbürgerschaft für die extreme, Münzersche Richtung gewonnen und
konnte kaum den Moment erwarten an dem sie ihre Ueberzahl gegen die
hochmüthige Ehrbarkeit geltend machen sollte. Münzer selbst mußte, um
dem richtigen Moment nicht vorzugreifen, besänftigend auftreten; doch sein
Schüler Pfeifer, der hier die | Bewegung dirigirte, hatte sich schon so
kompromittirt daß er den Ausbruch nicht zurückhalten konnte, und schon
am 17. März 1525, noch vor dem allgemeinen Aufstand in Süddeutschland,
machte Mühlhausen seine Revolution. Der alte patrizische Rath wurde
gestürzt und die Regierung in die Hände des neugewählten „ewigen Raths"
gelegt, dessen Präsident Münzer war.

Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei wiederfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse
die er vertritt und für die Durchführung der Maßregeln die die Herrschaft
dieser Klasse erfordert. Was er thun kann, hängt nicht von seinem Willen
ab, sondern von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen
getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der materiellen Existenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf dem der jedesmalige
Entwicklungsgrad der Klassengegensätze beruht. Was er thun soll, was seine
eigne Partei von ihm verlangt, hängt wieder nicht von ihm ab, aber auch nicht

431

Friedrich Engels

von dem Entwicklungsgrad des Klassenkampfs und seiner Bedingungen; er
ist gebunden an seine bisherigen Doktrinen und Forderungen, die wieder
nicht aus der momentanen Stellung der gesellschaftlichen Klassen gegeneinander und aus dem momentanen, mehr oder weniger zufälligen Stande der
Produktions- und Verkehrsverhältnisse hervorgehn, sondern aus seiner
größern oder geringeren Einsicht in die allgemeinen Resultate der industriellen und politischen Bewegung. Er findet sich so nothwendiger Weise in einem
unlösbaren Dilemma: was er thun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien, und den unmittelbaren Interessen seiner
Partei; und was er thun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist mit einem Wort

gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten,
für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muß im Interesse der
Bewegung selbst die Interessen einer ihm fremden Klasse durchführen, und
seine eigne Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Betheurung
abfertigen, daß die Interessen jener fremden Klasse ihre eignen Interessen

sind. Wer in diese schiefe Stellung geräth, ist unrettbar verloren. In der
neuesten | Zeit noch haben wir Beispiele dafür erlebt, wir erinnern nur
an die Stellung die in der letzten französischen provisorischen Regierung die
Vertreter des Proletariats einnahmen, obwohl sie selbst nur eine sehr untergeordnete Entwicklungsstufe des Proletariats repräsentirten. Wer nach den

Erfahrungen der Februarregierung — von unsern edlen deutschen provisorischen Regierungen und Reichsregentschaften nicht zu sprechen — noch auf
offizielle Stellungen spekuliren kann, muß entweder über die Maßen bornirt
sein oder der extremrevolutionären Partei höchstens mit der Phrase angehören.

Die Stellung Münzers an der Spitze des ewigen Raths von Mühlhausen war
indeß noch viel gewagter als die irgend eines modernen revolutionären
Regenten. Nicht nur die damalige Bewegung, auch sein ganzes Jahrhundert
war nicht reif für die Durchführung der Ideen, die er selbst erst dunkel zu
ahnen begonnen hatte. Die Klasse, die er repräsentirte, weit entfernt vollständig entwickelt und fähig zur Unterjochung der ganzen Gesellschaft zu
sein, war eben erst im Entstehen begriffen. Der gesellschaftliche Umschwung, der seiner Phantasie vorschwebte, war noch so wenig in den
vorliegenden materiellen Verhältnissen begründet, daß diese sogar eine
Gesellschaftsordnung vorbereiteten, die das gerade Gegentheil seiner geträumten Gesellschaftsordnung war. Dabei aber blieb er an seine bisherigen Predigten von der christlichen Gleichheit und der evangelischen Gütergemeinschaft gebunden; er mußte wenigstens den Versuch ihrer Durchführung machen. Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung
Aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde proklamirt. Aber
in der Wirklichkeit blieb Mühlhausen eine republikanische Reichsstadt mit

432

Der deutsche Bauernkrieg. VI

etwas demokratischer Verfassung, mit einem aus allgemeiner Wahl hervorgegangnen Senat, der unter der Kontrolle des Forums stand, und mit einer
eilig improvisirten Naturalverpflegung der Armen. Der Gesellschaftsumsturz, der den protestantischen bürgerlichen Zeitgenossen so entsetzlich
vorkam, ging in der That nie hinaus über einen schwachen und unbewußten
Versuch zur übereilten Herstellung der späteren bürgerlichen Gesellschaft.

Münzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der
unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft die ihm
um so weniger verborgen | bleiben konnte, je verzerrter seine genialen
Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mußten. Er warf sich mit einem selbst bei ihm unerhörten Eifer auf
die Ausbreitung und Organisation der Bewegung; er schrieb Briefe und
sandte Boten und Emissäre nach allen Seiten aus. Seine Schreiben und
Predigten athmen einen revolutionären Fanatismus, der selbst nach seinen
früheren Schriften in Erstaunen setzt. Der naive jugendliche Humor der
vorrevolutionären Münzer sehen Pamphlete ist ganz verschwunden; die
ruhige, entwickelnde Sprache des Denkers, die ihm früher nicht fremd war,
kommt nicht mehr vor. Münzer ist jetzt ganz Revolutionsprophet; er schürt
unaufhörlich den Haß gegen die herrschenden Klassen, er stachelt die wildesten Leidenschaften auf, und spricht nur noch in den gewaltsamen Wendungen, die das religiöse und nationale Delirium den alttestamentarischen Propheten in den Mund legte. Man sieht aus dem Stil, in den er sich jetzt hineinarbeiten mußte, auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er zu
wirken hatte.

Das Beispiel Mühlhausens und die Agitation Münzers wirkten rasch in die
Ferne. In Thüringen, im Eichsfeld, im Harz, in den sächsischen Herzogthümern, in Hessen und Fulda, in Oberfranken und im Vogtland standen überall
Bauern auf, zogen sich in Haufen zusammen und verbrannten Schlösser und

Klöster. Münzer war mehr oder weniger als Führer der ganzen Bewegung
anerkannt und Mühlhausen blieb Centraipunkt, während in Erfurt eine rein
bürgerliche Bewegung siegte, und die dort herrschende Partei fortwährend
eine zweideutige Stellung gegen die Bauern beobachtete.

Die Fürsten waren in Thüringen anfangs gerade so rathlos und ohnmächtig
gegenüber den Bauern wie in Franken und Schwaben. Erst in den letzten
Tagen des April gelang es dem Landgrafen von Hessen ein Corps zusammenzuziehn — demselben Landgrafen Philipp, von dessen Frömmigkeit die
protestantischen und bürgerlichen Reformationsgeschichten soviel zu rühmen wissen und von dessen Infamien gegen die Bauern wir sogleich ein
geringes Wörtlein vernehmen werden. Der Landgraf Philipp unterwarf durch
ein paar rasche Züge und durch bestimmtes Auftreten bald den größten Theil

Friedrich Engels

seines |[87| Landes, zog neue Aufgebote heran und wandte sich dann ins
Gebiet des Abts von Fulda, seines bisherigen Lehnsherrn. Er schlug den
Fuldaer Bauernhaufen am 3. Mai am Frauenberg, unterwarf das ganze Land
und benutzte die Gelegenheit, nicht nur sich von der Oberhoheit des Abts
loszumachen, sondern sogar die Abtei Fulda in ein hessisches Lehen zu
verwandeln — vorbehaltlich ihrer späteren Säkularisirung natürlich. Dann
nahm er Eisenach und Langensalza, und zog, mit den herzoglich sächsischen
Truppen vereinigt, gegen den Hauptsitz der Rebellion, gegen Mühlhausen.
Münzer zog seine Streitkräfte, an 8000 Mann mit einigem Geschütz, bei
Frankenhausen zusammen. Der thüringische Haufe war weit entfernt davon,
die Schlagfähigkeit zu besitzen, die ein Theil der oberschwäbischen und
fränkischen Haufen dem Truchseß gegenüber entwickelte; er war schlecht
bewaffnet und schlecht disziplinirt, er zählte wenig gediente Soldaten und
ermangelte aller Führer. Münzer selbst besaß offenbar nicht die geringsten
mihtärischen Kenntnisse. Dennoch fanden es die Fürsten angemessen, auch
hier die Taktik anzuwenden die dem Truchseß so oft zum Sieg verholten
hatte: die Wortbrüchigkeit. Am 16. Mai leiteten sie Unterhandlungen ein,
schlossen einen Waffenstillstand, und überfielen dann plötzlich die Bauern
noch ehe der Stillstand abgelaufen war.

Münzer stand mit den Seinen auf dem noch jetzt so genannten Schlachtberg, verschanzt hinter einer Wagenburg. Die Entmuthigung unter dem
Haufen war schon sehr im Zunehmen. Die Fürsten versprachen Amnestie,
wenn der Haufe ihnen Münzer lebendig ausliefern wolle. Münzer ließ einen
Kreis bilden und die Anträge der Fürsten debattiren. Ein Ritter und ein Pfaff
sprachen sich für die Kapitulation aus; Münzer ließ sie beide sofort in den
Kreis führen und enthaupten. Dieser, von den entschlossenen Revolutionären mit Jubel aufgenommene Akt terroristischer Energie brachte wieder
einigen Halt in den Haufen; aber schließlich wäre er doch zum größten Theil
ohne Widerstand auseinandergegangen, wenn man nicht bemerkt hätte, daß
die fürstlichen Landsknechte, nachdem sie den ganzen Berg umstellt, trotz
des Stillstands in geschlossenen Kolonnen heranrückten. Schnell wurde die
Front hinter den Wagen formirt, aber schon schlugen die Geschütz- und
Büchsenkugeln in die halb wehr|losen, kampfungewohnten Bauern,
schon waren die Landsknechte bei der Wagenburg angelangt. Nach kurzem
Widerstand war die Wagenlinie durchbrochen, die Kanonen der Bauern
waren erobert, und sie selbst versprengt. Sie flohen in wilder Unordnung,
um den Umgehungskolonnen und der Reiterei um so sicherer in die Hände
zu fallen, die ein unerhörtes Blutbad unter ihnen anrichteten. Von achttausend Bauern wurden über fünftausend erschlagen; der Rest kam nach Frankenhausen hinein, und gleichzeitig mit ihm die fürstlichen Reiter. Die Stadt
war genommen. Münzer, am Kopf verwundet, wurde in einem Hause ent-

434

Der deutsche Bauernkrieg. VI

deckt und gefangen genommen. Am 25. Mai ergab sich auch Mühlhausen;
Pfeifer, der dort geblieben war, entkam, wurde aber im Eisenachschen
verhaftet.

Münzer wurde in Gegenwart der Fürsten auf die Folter gespanntund dann
enthauptet. Er ging mit demselben Muth auf den Richtplatz, mit dem er gelebt
hatte. Er war höchstens achtundzwanzig Jahre alt, als er hingerichtet wurde.
Auch Pfeifer wurde enthauptet; außer diesen Beiden aber noch zahllose
andre. In Fulda hatte der Mann Gottes Philipp von Hessen sein Blutgericht
begonnen; er und die sächsischen Fürsten ließen unter Andern in Eisenach
24, in Langensalza 41, nach der frankenhauser Schlacht 300, in Mühlhausen
über 100, bei Görmar 26, bei Tüngeda 50, bei Sangerhausen 12, in Leipzig
8 Rebellen mit dem Schwert hinrichten, von Verstümmelungen und andern
gelindern Mitteln, von Plünderungen und Verbrennungen der Dörfer und
Städte gar nicht zu reden.

Mühlhausen mußte sich seiner Reichsfreiheit begeben und wurde den
sächsischen Ländern einverleibt, grade wie die Abtei Fulda der Landgrafschaft Hessen.

Die Fürsten zogen nun über den thüringer Wald, wo fränkische Bauern
aus dem Bildhäuser Lager sich mit den Thüringern verbunden und viele
Schlösser verbrannt hatten. Vor Meiningen kam es zum Gefecht; die Bauern
wurden geschlagen und zogen sich auf die Stadt zurück. Diese verschloß
ihnen plötzlich die Thore und drohte sie im Rücken anzugreifen. Der Haufe,
durch diesen Verrath seiner Bundesgenossen ins Gedränge gebracht, kapitulirte mit den Fürsten und lief noch während der Verhandlung auseinander. Das | Bildhäuser Lager hatte sich längst zerstreut, und so war mit
der Zersprengung dieses Haufens der letzte Rest der Insurgenten aus Sachsen, Hessen, Thüringen und Oberfranken vernichtet.

Im Elsaß war der Aufstand später losgebrochen als auf der rechten
Rheinseite. Erst gegen die Mitte des April erhoben sich die Bauern im Bisthum Straßburg, und bald nach ihnen die Oberelsasser und Sundgauer. Am
18. April plünderte ein niederelsassischer Bauernhaufe das Kloster Altorf;
andre Haufen bildeten sich bei Ebersheim und Barr, sowie im Willerthal und
Urbisthai. Sie konzentrirten sich bald zum großen niederelsasser Haufen,
und organisirten die Einnahme der Städte und Flecken, sowie die Zerstörung
der Klöster. Ueberau wurde der dritte Mann zum Heer eingefordert. Die
zwölf Artikel dieses Haufens sind bedeutend radikaler als die schwäbischfränkischen.

Während eine Kolonne der Niederelsasser sich Anfangs Mai bei St. Hippolyt konzentrirte, und nach einem vergeblichen Versuch diese Stadt zu
gewinnen, am 10. Mai Bergheim, am 13. Rappoltsweiler, am 14. Reichenweyer durch Einverständniß mit den Bürgern in ihre Gewalt bekam, zog eine

435

Friedrich Engels

zweite unter Erasmus Gerber aus, um Straßburg zu überrumpeln. Der
Versuch mißlang, die Kolonne wandte sich nun den Vogesen zu, zerstörte
das Kloster Maursmünster und belagerte Zabern, das sich am 13. Mai ergab.
Von hier aus zog sie an die lothringische Gränze, und insurgirte den ansto-
ßenden Theil des Herzogthums, während sie zugleich die Gebirgspässe
verschanzte. Bei Herbitzheim an der Saar und bei Neuburg wurden große
Lager gebildet; bei Saargemünd verschanzten sich 4000 deutsch-lothringische Bauern; zwei vorgeschobne Haufen endlich, der Kolbenhaufen in den
Vogesen bei Stürzelbronn, der Kleeburger Haufe bei Weissenburg deckten
Front und rechte Flanke, während sich die linke Flanke an die Oberelsasser
anlehnte.

Diese, seit dem 20. April in Bewegung, hatten am 10. Mai Sulz, am 12. Gebweiler, am 15. Sennheim und Umgegend in die Bauern Verbrüderung gezwungen. Die östreichische Regierung und die umliegenden Reichsstädte verbanden sich zwar sogleich gegen sie, waren aber zu schwach ihnen ernsthaften
Widerstand zu leisten, geschweige sie anzu|greifen. So war, mit Ausnahme weniger Städte, bis Mitte Mai der ganze Elsaß in den Händen der
Insurgenten.

Aber schon nahte das Heer, das den Frevelmuth der Elsasser Bauern
brechen sollte. Es waren Franzosen, die hier die Restauration der Adelsherrschaft vollzogen. Der Herzog Anton von Lothringen setzte sich bereits am
6. Mai mit einer Armee von 30000 Mann in Bewegung, darunter die Blüthe
des französischen Adels, und spanische, piemontesische, lombardische,
griechische und albanische Hülf struppen. Am 16. Mai stieß er bei Lupstein
auf 4000 Bauern die er ohne Mühe schlug, und am 17. schon zwang er das
von den Bauern besetzte Zabern zur Kapitulation. Aber noch während des
Einzugs der Lothringer in die Stadt und der Entwaffnung der Bauern wurde
die Kapitulation gebrochen; die wehrlosen Bauern wurden von den Landsknechten überfallen, und größtentheils niedergemacht. Die übrigen niederelsassischen Kolonnen zerstreuten sich, und Herzog Anton zog nun den
Oberelsassern entgegen. Diese, die sich geweigert hatten den Niederelsassern nach Zabern zuzuziehn, wurden nun bei Scherweiler von der ganzen
Macht der Lothringer angegriffen. Sie wehrten sich mit großer Tapferkeit,
aber die enorme Uebermacht — 30000 gegen 7000 — und der Verrath einer
Anzahl Ritter, besonders des Vogts von Reichenweyer, vereitelte alle Bravour. Sie wurden vollständig geschlagen und zersprengt. Der Herzog pacif izirte nun den ganzen Elsaß mit üblicher Grausamkeit. Nur der Sundgau
blieb von seiner Anwesenheit verschont. Die östreichische Regierung
brachte hier durch die Drohung ihn ins Land zu rufen, ihre Bauern Anfangs
Juni zum Abschluß des Vertrags von Ensisheim. Sie selbst aber brach diesen
Vertrag sogleich wieder und ließ die Prediger und Führer der Bewegung

436

Der deutsche Bauernkrieg. VI

massenweise hängen. Die Bauern machten hierauf einen neuen Aufstand,
der endlich damit endigte, daß die Sundgauer Bauern in den Vertrag zu
Offenburg (18. September) eingeschlossen wurden.

Es bleibt uns jetzt noch der Bauernkrieg in den östreichischen Alpenländem zu berichten. Diese Gegenden, sowie das anstoßende Erzbisthum
Salzburg, waren seit der stara prawa in fortwährender Opposition gegen
Regierung und Adel, und die reformirten Lehren hatten auch hier | einen
günstigen Boden gefunden. Religiöse Verfolgungen und willkührliche
Steuerbedrückungen brachten auch hier den Aufstand zum Losbruch.

Die Stadt Salzburg, unterstützt von den Bauern und Bergknappen, hatte
schon seit 1522 mit dem Erzbischof wegen ihrer städtischen Privilegien und
wegen der Religionsübung im Streit gelegen. Ende 1524 überfiel der Erzbischof die Stadt mit angeworbnen Landsknechten, terrorisirte sie durch die
Kanonen des Schlosses, und verfolgte die ketzerischen Prediger. Zugleich
schrieb er neue, drückende Steuern aus und reizte die ganze Bevölkerung
dadurch auf's Aeußerste. Im Frühjahr 1525, gleichzeitig mit der schwäbischfränkischen und thüringischen Insurrektion, erhoben sich plötzlich die
Bauern und Bergleute des ganzen Landes, organisirten sich in Haufen unter
den Hauptleuten Praßler und Weitmoser, befreiten die Stadt, und belagerten
das Schloß Salzburg. Sie schlossen, wie die westdeutschen Bauern, einen
christlichen Bund und faßten ihre Forderungen in Artikeln zusammen, deren
hier vierzehn waren.

Auch in Steiermark, Oberdéstreich, Kärnthen und Krain, wo neue ungesetzliche Steuern, Zölle und Verordnungen das Volk in seinen nächsten
Interessen schwer verletzt hatten, standen die Bauern im Frühjahr 1525 auf.
Sie nahmen eine Anzahl Schlösser und schlugen den Besieger der stara
prawa, den alten Feldhauptmann Dietrichstein, bei Gayssern. Obgleich es
den Vorspiegelungen der Regierung gelang, einen Theil der Insurgenten zu
beschwichtigen, blieb die Masse doch zusammen und vereinigte sich mit den
Salzburgern, sodaß das ganze Salzburgische, und der größte Theil von
Oberöstreich, Steiermark, Kärnthen und Krain in den Händen der Bauern
und Bergknappen war.

In Tyrol hatten ebenfalls die reformirten Lehren großen Anhang gefunden;
hier waren sogar, noch mehr als in den übrigen östreichischen Alpenländern,
Münzersche Emissäre mit Erfolg thätig gewesen. Der Erzherzog Ferdinand
verfolgte die Prediger der neuen Lehre auch hier und griff ebenfalls durch
neue, willkührliche Finanzregulationen in die Vorrechte der Bevölkerung
ein. Die Folge war, wie überall, der Aufstand im Frühling desselben Jahrs
1525. Die Insurgenten, deren oberster Hauptmann ein Münzerscher
war, | Geismaier, das einzige bedeutende militärische Talent unter den
sämmtlichen Bauernchefs, nahmen eine Menge Schlösser und verfuhren

437

Friedrich Engels

namentlich im Süden, im Etschgebiet sehr energisch gegen die Pfaffen. Auch
die Vorarlberger standen auf und schlossen sich den Allgäuern an.

Der Erzherzog, von allen Seiten bedrängt, machte den Rebellen, die er
noch kurz vorher mit Sengen und Brennen, Plündern und Morden hatte
ausrotten wollen, Konzession über Konzession. Er rief die Landtage der
Erblande ein und schloß bis zu ihrem Zusammentritt Waffenstillstand mit
den Bauern. Inzwischen rüstete er nach Kräften, um möglichst bald eine
andre Sprache mit den Frevlern führen zu können.

Der Waffenstillstand wurde natürlich nicht lange gehalten. In den Herzogthümern fing Dietrichstein, dem das Geld ausging, an zu brandschatzen.
Seine slavischen und magyarischen Truppen erlaubten sich zudem die
schamlosesten Grausamkeiten gegen die Bevölkerung. Die Steirer standen
also wieder auf, überfielen in der Nacht vom 2.-3. Juli den Feldhauptmann
Dietrichstein in Schladming, und machten Alles nieder was nicht deutsch
sprach. Dietrichstein selbst wurde gefangen; am Morgen des 3. wurde von
den Bauern ein Geschwornengericht eingesetzt und 40 czechische und kroatische Adlige aus den Gefangnen zum Tode verurtheilt. Sie wurden sofort
enthauptet. Das wirkte; der Erzherzog genehmigte sofort alle Forderungen
der Stände der fünf Herzogthümer (Ober- und Niederöstreich, Steiermark,
Kärnthen und Krain).

Auch in Tyrol wurden die Forderungen des Landtags bewilligt und dadurch der Norden pacificirt. Der Süden jedoch, auf seinen ursprünglichen
Forderungen gegenüber den abgeschwächten Landtagsbeschlüssen beharrend, blieb unter den Waffen. Erst im Dezember konnte der Erzherzog hier
die Ordnung durch Gewalt wiederherstellen. Er unterließ nicht, eine große
Anzahl der in seine Hände gefallenen Anstifter und Führer des Aufruhrs
hinrichten zu lassen.

Gegen Salzburg zogen nun im August 10000 Baiern unter Georg von
Frundsberg. Diese imposante Truppenmacht, sowie Zwistigkeiten die unter
den Bauern ausgebrochen waren, bewogen die Salzburger zum Abschluß
eines Vertrags | mit dem Erzbischof, der am 1. September zu Stande kam
und den auch der Erzherzog annahm. Die beiden Fürsten, die inzwischen
ihre Truppen genügend verstärkt hatten, brachen diesen Vertrag jedoch sehr
bald, und trieben dadurch die Salzburger Bauern zu einem erneuerten
Aufstand. Die Insurgenten hielten sich den Winter über; im Frühjahr kam
Geismaier zu ihnen, und eröffnete eine glänzende Campagne gegen die von
allen Seiten heranrückenden Truppen. In einer Reihe brillanter Gefechte
schlug er—im Mai und Juni 1526 — nacheinander B aiern, Oestreicher, schwäbische Bundestruppen und erzbischöflich salzburgische Landsknechte, und
hinderte lange die verschiednen Corps an ihrer Vereinigung. Dazwischen
fand er noch Zeit Radstadt zu belagern. Von der Uebermacht endlich auf

438

Der deutsche Bauernkrieg. VII

allen Seiten umzingelt, mußte er zuletzt abziehn, schlug sich durch und führte
die Trümmer seines Corps mitten durch die östreichischen Alpen auf venetianisches Gebiet. Die Republik Venedig und die Schweiz boten dem unermüdlichen Bauernchef Anhaltspunkte zu neuen Intriguen; er versuchte noch
ein Jahr lang, sie in einen Krieg gegen Oestreich zu verwickeln, der ihm zu
einem wiederholten Bauernaufstand Gelegenheit bieten sollte. Aber während dieser Unterhandlungen erreichte ihn die Hand eines Mörders; der
Erzherzog Ferdinand und der salzburgische Erzbischof waren nicht ruhig,
so lange Geismaier am Leben war: sie bezahlten einen Banditen, und diesem
gelang es, den gefährlichen Rebellen 1527 aus der Welt zu schaffen.

Vil.

Mit dem Rückzug Geismaiers auf venetianisches Gebiet hatte das letzte
Nachspiel des Bauernkriegs sein Ende erreicht. Die Bauern waren überall
wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adligen oder patrizischen
Herren gebracht; die Verträge die hie und da mit ihnen abgeschlossen waren,
wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die
enormen Brandschatzungen die die Sieger den Besiegten auferlegten. Der
großartigste Revolutionsversuch des deutschen Volks endigte mit schmählicher Niederlage und momentan verdoppeltem Druck. Auf die Dauer
jedoch verII941schummerte sich die Lage der Bauernklasse nicht durch die
Unterdrückung des Aufstandes. Was Adel, Fürsten und Pfaffen aus ihnen
jahraus jahrein herausschlagen konnten, das wurde schon vor dem Krieg
sicher herausgeschlagen; der deutsche Bauer von damals hatte dies mit
dem modernen Proletarier gemein, daß sein Antheil an den Produkten
seiner Arbeit sich auf das Minimum von Subsistenzmitteln beschränkte,
das zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung der Bauernrace erforderlich war. Im Durchschnitt war also hier nichts mehr zu nehmen. Manche
wohlhabendere Mittelbauern sind freilich ruinirt, eine Menge von Hörigen in die Leibeigenschaft hineingezwungen, ganze Striche Gemeindeländereien konfiszirt, eine große Anzahl Bauern durch die Zerstörung ihrer
Wohnungen und die Verwüstung ihrer Felder sowie durch die allgemeine
Unordnung in die Vagabundage oder unter die Plebejer der Städte geworfen
worden. Aber Kriege und Verwüstungen gehörten zu den alltäglichen Erscheinungen jener Zeit, und im Allgemeinen stand die Bauernklasse eben zu
tief für eine dauernde Verschlechterung ihrer Lage durch erhöhte Steuern.
Die folgenden Religionskriege und endlich der dreißigjährige Krieg mit
seinen stets wiederholten, massenhaften Verwüstungen und Entvölkerungen

439

Friedrich Engels

haben die Bauern weit schwerer getroffen als der Bauernkrieg; namentlich
der dreißigjährige Krieg vernichtete den bedeutendsten Theil der im
Ackerbau angewandten Produktivkräfte und brachte dadurch und durch die
gleichzeitige Zerstörung vieler Städte die Bauern, Plebejer und ruinirten
Bürger auf lange Zeit bis zum irischen Elend in seiner schlimmsten Form
herab.

Wer an den Folgen des Bauernkriegs am meisten litt, war die Geistlichkeit.
Ihre Klöster und Stifter waren verbrannt, ihre Kostbarkeiten geplündert, ins
Ausland verkauft oder eingeschmolzen, ihre Vorräthe waren verzehrt worden. Sie hatte überall am wenigsten Widerstand leisten können, und zu
gleicher Zeit war die ganze Wucht des Volkshasses am schwersten auf sie
gefallen. Die andern Stände, Fürsten, Adel und Bürgerschaft hatten sogar
eine geheime Freude an der Noth der verhaßten Prälaten. Der Bauernkrieg
hatte die Säkularisation der geistlichen Güter zu Gunsten der Bauern populär
gemacht, die weltlichen Fürsten und zum Theil die Städte gaben sich daran,
diese Säkularisation zu | ihrem Besten durchzuführen, und bald waren
in protestantischen Ländern die Bisthümer der Prälaten in den Händen der
Fürsten oder der Ehrbarkeit. Aber auch die Herrschaft der geistlichen
Fürsten war angetastet worden, und die weltlichen Fürsten verstanden es,
den Volkshaß auch nach dieser Seite hin zu exploitiren. So haben wir gesehn,
wie der Abt von Fulda vom Lehnsherrn zum Dienstmann Philipps von
Hessen degradirt wurde. So zwang die Stadt Kempten den Fürstabt, ihr eine
Reihe werthvoller Privilegien die er in der Stadt besaß, für einen Spottpreis
zu verkaufen.

Der Adel hatte ebenfalls bedeutend gelitten. Die meisten seiner Schlösser
waren vernichtet, eine Anzahl der angesehensten Geschlechter war ruinirt,
und konnte nur im Fürstendienst eine Existenz finden. Seine Ohnmacht
gegenüber den Bauern war konstatirt; er war überall geschlagen und zur
Kapitulation gezwungen worden; nur die Heere der Fürsten hatten ihn
gerettet. Er mußte mehr und mehr seine Bedeutung als reichsunmittelbarer
Stand verlieren und unter die Botmäßigkeit der Fürsten gerathen.

Die Städte hatten im Ganzen auch keinen Vortheil vom Bauernkrieg. Die
Herrschaft der Ehrbarkeit wurde fast überall wieder befestigt; die Opposition der Bürgerschaft blieb für lange Zeit gebrochen. Der alte patrizische
Schlendrian schleppte sich so, Handel und Industrie nach allen Seiten hin
fesselnd, bis in die französische Revolution fort. Von den Fürsten wurden
zudem die Städte verantwortlich gemacht für die momentanen Erfolge, die
die bürgerliche oder plebejische Partei in ihrem Schooß während des Kampfs
errungen hatte. Städte, die schon früher den Gebieten der Fürsten angehörten, wurden schwer gebrandschatzt, ihrer Privüegien beraubt, und schutzlos
unter die habgierige Willkühr der Fürsten geknechtet (Frankenhausen,

440

Der deutsche Bauernkrieg. VI

Arnstadt, Schmalkalden, Würzburg etc. etc.), fürstlichen Territorien einverleibt (z.B. Mühlhausen), oder doch in die moralische Abhängigkeit von
angränzenden Fürsten gebracht, wie viele fränkischen Reichsstädte.

Wer unter diesen Umständen vom Ausgang des Bauernkriegs allein
Vortheil zog, waren die Fürsten. Wir sahen schon gleich im Anfang unsrer
Darstellung, wie die mangelhafte industrielle, kommerzielle und agrikole
Entwicklung | Deutschlands alle Centralisation der Deutschen zur Nation unmöglich machte, wie sie nur eine lokale und provinzielle Centralisation zuließ, und wie daher die Repräsentanten dieser Centralisation innerhalb
der Zersplitterung, die Fürsten, den einzigen Stand bildeten, dem jede
Veränderung der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zu Gute kommen mußte. Der Entwicklungsgrad des damaligen
Deutschlands war so niedrig und zu gleicher Zeit so ungleichförmig in den
verschiednen Provinzen, daß neben den weltlichen Fürstenthümern noch
geistliche Souveränetäten, städtische Republiken, und souveräne Grafen und
Barone bestehen konnten; aber sie drängte zu gleicher Zeit, wenn auch sehr
langsam und matt, doch immer auf die provinzielle Centralisation, d. h. auf
die Unterordnung der übrigen Reichsstände unter die Fürsten hin. Daher
konnten am Ende des Bauernkriegs nur die Fürsten gewonnen haben. So war
es auch in der That. Sie gewannen nicht nur relativ, dadurch daß ihre Concurrenten, die Geistlichkeit, der Adel, die Städte, geschwächt wurden; sie
gewannen auch absolut, indem sie die spolia opima von allen übrigen Ständen
davontrugen. Die geistlichen Güter wurden zu ihrem Besten säkularisirt; ein
Theil des Adels, halb oder ganz ruinirt, mußte sich nach und nach unter ihre
Oberhoheit geben; die Brandschatzungsgelder der Städte und Bauerschaften flössen in ihren Fiskus, der obendrein durch die Beseitigung so vieler
städtischen Privilegien weit freieren Spielraum für seine beliebten Finanzoperationen gewann.

Die Zersplitterung Deutschlands, deren Verschärfung und Consolidirung
das Hauptresultat des Bauernkriegs war, war auch zu gleicher Zeit die
Ursache seines Mißlingens.

Wir haben gesehn, wie Deutschland zersplittert war, nicht nur in zahllose
unabhängige, einander fast total fremde Provinzen, sondern auch wie die
Nation in jeder dieser Provinzen in eine vielfache Gliederung von Ständen
und Ständefraktionen auseinanderfiel. Außer Fürsten und Pfaffen finden wir
Adel und Bauern auf dem Land, Patrizier, Bürger und Plebejer in den Städten, lauter Stände, deren Interessen einander total fremd waren, wenn sie
sich nicht durchkreuzten und zuwiderliefen. Ueber allen diesen komplizirten
Interessen, obendrein, noch das des Kaisers und des Pabstes. | Wir haben
gesehn wie schwerfällig, unvollständig und je nach den Lokalitäten ungleichförmig, diese verschiednen Interessen sich schließlich in drei große Gruppen

441

Friedrich Engels

formirten; wie trotz dieser mühsamen Gruppirung jeder Stand gegen die, der
nationalen Entwicklung durch die Verhältnisse gegebene Richtung opponirte, seine Bewegung auf eigene Faust machte, dadurch nicht nur mit allen
konservativen, sondern auch mit allen übrigen opponirenden Ständen in
Kollision gerieth und schließlich unterliegen mußte. So der Adelim Aufstand
Sickingens, die Bauern im Bauernkrieg, die Bürger in ihrer gesammten
zahmen Reformation. So kamen selbst Bauern und Plebejer in den meisten
Gegenden Deutschlands nicht zur gemeinsamen Aktion und standen einander im Wege. Wir haben auch gesehn, aus welchen Ursachen diese Zersplitterung des Klassenkampfs und die damit gegebne vollständige Niederlage der
revolutionären, und halbe Niederlage der bürgerlichen Bewegung hervorging.

Wie die lokale und provinzielle Zersplitterung, und die daraus nothwendig
hervorgehende lokale und provinzielle Bornirtheit die ganze Bewegung

ruinirte; wie weder die Bürger, noch die B auern, noch die Plebejer, zu einem 15

konzentrirten, nationalen Auftreten kamen; wie die Bauern z.B. in jeder
Provinz auf eigne Faust agirten, den benachbarten insurgirten Bauern stets
die Hülfe verweigerten und daher in einzelnen Gefechten nacheinander von
Heeren aufgerieben wurden, die meist nicht dem zehnten Theil der insurgirten Gesammtmasse gleich kamen — das wird wohl aus der vorhergehenden
Darstellung Jedem klar sein. Die verschiednen Waffenstillstände und Verträge der einzelnen Haufen mit ihren Gegnern konstituiren eben so viel Akte
des Venraths an der gemeinsamen Sache, und die einzig mögliche Gruppirung
der verschiednen Haufen nicht nach der größeren oder geringem Gemeinsamkeit ihrer eignen Aktion, sondern nach der Gemeinsamkeit des speziellen
Gegners dem sie erlagen, ist der schlagendste Beweis für den Grad der
Fremdheit der Bauern verschiedner Provinzen gegen einander.

Auch hier bietet sich die Analogie mit der Bewegung von 1848—50 wieder
von selbst dar. Auch 1848 kollidirten die Interessen der oppositionellen
Klassen unter einander, handelte jede für sich. Die Bourgeoisie, zu weit
ent|wickelt um sich den feudal-büreaukratischen Absolutismus noch
länger gefallen lassen zu können, war doch noch nicht mächtig genug, die
Ansprüche andrer Klassen den ihrigen sofort unterordnen zu können. Das
Proletariat, viel zu schwach um auf ein rasches Ueberhüpfen der Bourgeoisperiode und auf seine eigne baldige Eroberung der Herrschaft rechnen
zu können, hatte schon unter dem Absolutismus die Süßigkeiten des Bourgeoisregimes zu sehr kennen gelernt und war überhaupt viel zu entwickelt,
um auch nur für einen Moment in der Emancipation der Bourgeoisie seine
eigne Emancipation sehen zu können. Die Masse der Nation, Kleinbürger,
Kleinbürgergenossen (Handwerker) und Bauern, wurde von ihrem zunächst
noch natürlichen Alliirten, der Bourgeoisie, als schon zu revolutionär, und

442

Der deutsche Bauernkrieg. VII

stellenweise vom Proletariat, als noch nicht avancirt genug, im Stich gelassen; unter sich wieder getheilt, kam auch sie zu nichts, und opponirte rechts
und links ihren Mitopponenten. Die Lokalbornirtheit endlich kann 1525 unter
den Bauern nicht größer gewesen sein, als sie unter den sämmtlichen in der
Bewegung betheiligten Klassen von 1848 war. Die hundert Lokalrevolutionen, die daran sich anknüpfenden hundert ebenso ungehindert durchgeführten Lokalreaktionen, die Aufrechthaltung der Kleinstaaterei etc. etc. sind
Beweise die wahrlich laut genug sprechen. Wer nach den beiden deutschen
Revolutionen von 1525 und 1848 und ihren Resultaten noch von Föderativrepublik faseln kann, verdient nirgend anders hin als in's Narrenhaus.

Aber die beiden Revolutionen, die des sechszehnten Jahrhunderts und die
von 1848—50, sind trotz aller Analogieen doch sehr wesentlich von einander
verschieden. Die Revolution von 1848 beweist, wenn auch nicht für den
Fortschritt Deutschlands, doch für den Fortschritt Europas.

Wer profitirte von der Revolution von 1525? Die Fürsten. — Wer profitirte
von der Revolution von 1848? Die großen Fürsten, Oestreich und Preußen.
Hinter den kleinen Fürsten von 1525 standen, sie an sich kettend durch die
Steuer, die kleinen Spießbürger, hinter den großen Fürsten von 1850, hinter
Oestreich und Preußen, sie rasch unterjochend durch die Staatsschuld, stehn

20 die modernen großen 11991 Bourgeois. Und hinter den großen Bourgeois stehn

die Proletarier.

Die Revolution von 1525 war eine deutsche Lokalangelegenheit. Engländer, Franzosen, Böhmen, Ungarn, hatten ihre Bauernkriege schon durchgemacht, als die Deutschen den ihrigen machten. War schon Deutschland
zersplittert, so war Europa es noch weit mehr. Die Revolution von 1848 war
keine deutsche Lokalangelegenheit, sie war ein einzelnes Stück eines großen
europäischen Ereignisses. Ihre treibenden Ursachen, während ihres ganzen
Verlaufs, sind nicht auf den engen Raum eines einzelnen Landes, nicht
einmal auf den eines Welttheils zusammengedrängt. Ja, die Länder die der
Schauplatz dieser Revolution waren, sind gerade am wenigsten bei ihrer
Erzeugung betheiligt. Sie sind mehr oder weniger bewußt- und willenlose
Rohstoffe, die umgemodelt werden im Verlauf einer Bewegung, an der jetzt
die ganze Welt Theil nimmt, einer Bewegung, die uns unter den bestehenden
gesellschaftlichen Verhältnissen allerdings nur als eine fremde Macht er-

scheinen kann, obwohl sie schließlich nur unsre eigne Bewegung ist. Die
Revolution von 1848 bis 1850 kann daher nicht enden wie die von 1525.
Friedrich Engels. \