[Ungarn] 

[„Neue Rheinische Zeitung“ 
Nr.301 vom 19. Mai 1849] 

* Köln, 18.Mai. In dem Augenblicke, wo der magyarische Krieg durch 
den wirklichen Einmarsch der Russen zu einem europäischen wird, sind wir 
gezwungen, unsere Berichte über seinen weitern Verlauf einzustellen. Es ist 
uns nur noch vergönnt, die Entwickelung dieses großartigen osteuropäischen 
Revolutionskriegs in einem kurzen Überblick unsern Lesern nochmals vor- 
zuführen. 

Man erinnert sich, wie schon vor der Februarrevolution, im Herbst 1847, 
der von Kossuth geleitete Preßburger Reichstag eine Reihe revolutionärer Be- 
schlüsse faßte, wie er die Verkäuflichkeit des Grundeigentums, die Freizügig- 
keit der Bauern, die Ablösung der Feudallasten, die Emanzipation der Juden, 
die gleiche Besteuerung aller Klassen beschloß; wie er den Kroaten und Sla- 
woniern in inneren Ängelegenheiten den offiziellen Gebrauch ihrer eigenen 
Sprache bewilligte und endlich durch die Forderung eines abgesonderten ver- 
antwortlichen Ministeriums für Ungarn den ersten Schritt zur Lossagung 
Ungarns an demselben Tage tat, als in Paris die Februarrevolution begann 
(22.Febr.). 

Die Februarrevolution brach los. Mit ihr knickte der Widerstand der 
Wiener Regierung gegen die Forderungen der Ungarn zusammen. Am 
16.März, am Tage nach der Wiener Revolution, wurde das selbständige un- 
garische Ministerium bewilligt und damit der Zusammenhang Ungarns mit 
Östreich auf die bloße Personalunion zurückgeführt. 

Jetzt schritt die selbständig gewordene magyarische Revolution rasch vor- 
wärts. Alle politischen Vorrechte wurden aufgehoben, das allgemeine Wahl- 
recht eingeführt, alle Feudallasten, Roboten und Zehnten unentgeltlich auf- 
gehoben gegen Entschädigung durch den Staat, die Union mit Siebenbürgen 
durchgesetzt, die Ernennung Kossuths zum Finanzminister und die Äbset- 
zung des rebellischen Ban Jellachich erzwungen. 

508. Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

Inzwischen erholte sich die östreichische Regierung wieder. Während das 
angeblich verantwortliche Ministerium in Wien ohnmächtig blieb, erhob sich 
die Kamarilla des Innsbrucker Hofs um so mächtiger, gestützt auf die kaiser- 
liche Armee in Italien, auf die nationalen Gelüste der Tschechen, Kroaten und 
Serben, auf die verstockte Borniertheit der ruthenischen!?P] Bauern. 

Am 17. Juni brach die serbische Insurrektion im Banat und der Bäcska los, 
aufgehetzt durch Geld und Emissäre vom Hof. Am 20. hatte Jellachich Audi- 
enz beim Kaiser in Innsbruck und wurde wieder zum Ban ernannt. Nach 
Kroatien zurückgekehrt, kündigte Jellachich dem ungarischen Ministerium 
den Gehorsam auf und erklärte ihm am 25. August den Krieg. 

Der Verrat der habsburgischen Kamarilla lag offen am Tage. Nochmals 
versuchten die Ungarn, den Kaiser auf den konstitutionellen Weg zurück- 
zubringen. Sie sandten eine Deputation von 200 Reichstagsmitgliedern nach 
Wien; der Kaiser antwortete ausweichend. Die Aufregung wuchs. Das Volk 
verlangte Garantien und erzwang eine Ministerveränderung. Die Verräter, 
die auch im Pesther Ministerium saßen, wurden entfernt und Kossuth am 
20.September zum Ministerpräsidenten ernannt. Aber schon vier Tage dar- 
auf entfloh der Stellvertreter des Kaisers, der Palatin Erzherzog Stephan, nach 
Wien, und am 26. erläßt der Kaiser das bekannte Manifest an die Ungarn, 
worin er das Ministerium als rebellisch absetzte, den Magyarenfresser Jella- 
chich zum Gouverneur von Ungarn ernannte und die wesentlichsten revolu- 
tionären Eroberungen Ungarns antastete. 

Das Manifest, von keinem ungarischen Minister kontrasigniert, wurde von 
Kossuth für null und nichtig erklärt. 

Inzwischen war Jellachich, begünstigt durch die Desorganisation und 
Verräterei, die in dem ganzen nominellen ungarischen, aber in Wirklichkeit 
altkaiserlichen Offizierkorps und Generalstab herrschte, bis Stuhlweissenburg 
vorgedrungen. Dort schlug ihn das ungarische Heer, trotz seinen verräterischen 
Führern, und trieb ihn auf östreichisches Gebiet bis unter die Mauern von 
Wien. Der Kaiser und der alte Verräter Latour beschließen, ihm Verstärkung 
zu senden und Ungarn mit deutschen und slawischen Truppen wieder zu er- 
obern. Da bricht die Wiener Revolution vom 6.Oktober aus und setzt den 
kaiserlich-königlichen Projekten vorderhand ein Ziel. 

Kossuth zieht den Wienern sogleich mit einem magyarischen Korps zur 
Hülfe. An der Leitha halten ihn die Unschlüssigkeit des Wiener Reichstags 
und die Verräterei seiner eigenen Öffiziere sowie die schlechte Organisation 
seines größtenteils aus Landsturm bestehenden Heeres vom sofortigen Ein- 
rücken ab. Er sieht sich endlich genötigt, ein paar Schock Offiziere arretieren, 
nach Pesth abführen und einige erschießen zu lassen, und wagt nun den 

Ungarn Ä 509 

Angriff. Zu spät - Wien war schon gefallen, und seine undisziplinierten 
Landstürmer wurden bei Schwechat von den regelmäßigen österreichischen 
Truppen geworfen. 

Sechs Wochen noch dauerte die Waffenruhe zwischen den Kaiserlichen 
und den Magyaren. Während beide Armeen alles aufboten, um sich zu ver- 
stärken, vollbrachte die Olmützer Kamarilla29] ihren lang vorbereiteten 
Coup: Sie ließ den Idioten Ferdinand, der sich durch Konzessionen an die 
Revolution kompromittiert und verschlissen hatte, abdanken und setzte das 
_ Kind Franz Joseph, den Sohn Sophiens, als ihr Werkzeug auf den Thron. Auf 
die ungarische Verfassung gestützt, verwarf der Pesther Reichstag diesen 
Thronwechsel. 

Mitte Dezember wurde endlich der Krieg eröffnet. Die kaiserliche Armee 
hatte Ungarn bis dahin so gut wie umzingelt. Von allen Seiten geschah der 
Angriff. 

Von Österreich aus rückten drei Armeekorps unter dem persönlichen 
Oberbefehl des Feldmarschalls Windischgrätz in der Stärke von mindestens 
90000 Mann südlich von der Donau vor. Von Steiermark aus zog Nugent mit 
etwa 20000 Mann auf dem linken Ufer der Drave, aus Kroatien Dahlen mit: 
10000 Mann auf dem rechten Ufer der Drave nach dem Banat zu. Im Banat 
selbst kämpften mehrere Grenzregimenter, die Besatzung von Temesvär, der 
serbische Landsturm und das serbianische Hülfskörps Knitanin, zusammen 
30[000]-40000 Mann unter Todorovich und Rukavina. In Siebenbürgen 
standen Puchner mit 20[000]-25000 Mann und der aus der Bukowina ein- 
gefallene Malkowski mit 10[000]-15000 Mann. Aus Galizien endlich drang 
Schlick mit einem Korps von 20 [000]-25000 Mann gegen die obere Theiß vor. 

Die kaiserliche Armee betrug im ganzen also mindestens 200000 Mann 
regelmäßiger, meist kriegsgewohnter "Truppen, ungerechnet die slawischen, 
romanischen und sächsischen Landstürmler und Nationalgarden, die sich im 
Süden und in Siebenbürgen am Kampf beteiligten. 

Diesen kolossalen Streitkräften hatte Ungarn eine Armee von vielleicht 
80 [000]-90000 Mann exerzierter Truppen, worunter 24000 Mann gediente 
Exkaiserliche, und außerdem 50 [000]-60000 Mann noch ganz unorganisierte 
Honveds und Landstürmler entgegenzusetzen; eine Armee, deren Führer 
größtenteils eben solche Verräter waren, wie die von Kossuth an der Leitha 
arretierten Offiziere. 

Aber während aus dem mit Gewalt niedergehaltenen Österreich vorder- 
hand kein Rekrut mehr zu ziehen, während Österreich finanziell ruiniert und 
fast ohne Geld war, standen den Magyaren noch großartige Ressourcen offen. 
Der Freiheitsenthusiasmus der Magyaren, noch gehoben durch den National- 

510 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

stolz, wuchs mit jedem Tage und stellte Kossuth eine für das kleine Volk von 
5 Millionen unerhörte Zahl Kampflustiger zu Gebot; die ungarische Bank- 
notenplatte stellte ihm eine unerschöpfliche Geldquelle zur Disposition, und 
jeder Magyar nahm diese Nationalassignaten wie hartes Silbergeld an. Ge- 
wehr- und Kanonenfabriken waren in voller Tätigkeit. Es fehlte der Armee 
nur an Waffen, an Übung und an guten Führern, und das alles war in wenigen 
Monaten zu schaffen. Es kam also nur darauf an, Zeit zu gewinnen, die Kaiser- 
lichen ins Land hineinzulocken, wo sie durch fortwährenden Guerillakrieg 
ermüdet, durch Hinterlassung starker Garnisonen und sonstiger Detachierun- 
gen geschwächt wurden. 

Daher der Plan der Ungarn, sich langsam ins Innere zurückziehen, in 
steten Gefechten die Rekruten zu üben und im äußersten Notfall die Theiß- 
line mit ihren unwegsamen Sümpfen, diesen um den Kern des Magyaren- 
landes gezogenen natürlichen Graben, zwischen sich und die Feinde zu legen. 

Nach aller Berechnung mußten die Ungarn sich in dem Gebiet zwischen 
Preßburg und Pesth während zwei bis drei Monaten selbst gegen die über- 
legene österreichische Streitmacht halten können. Aber da trat der heftige 
Frost ein, der alle Flüsse und alle Sümpfe während mehrerer Monate mit einer 
selbst für schweres Geschütz passierbaren Eisdecke bekleidete. Dadurch wur- 
den alle für die Verteidigung günstigen Terrainverhältnisse beseitigt, alle von 
den Magyaren angelegten Verschanzungen unnütz und der Umgehung aus- 
gesetzt. So kam es, daß) die ungarische Armee in kaum zwanzig Tagen von 
Ödenburg und Preßburg nach Raab, von Raab nach Moor, von Moor nach 
Pesth zurückgeworfen wurde, daß sie selbst Pesth räumen und sich wirklich 
schon beim Beginn des Feldzugs hinter die Theiß zurückziehen mußten. 

Während dies bei der Hauptarmee geschah, ging es ebenso bei den übrigen 
Korps. Im Süden drangen Nugent und Dahlen immer weiter gegen das von 
den Magyaren besetzte Esseg vor, und näherten sich die Serben immer mehr 
der Maroslinie; in Siebenbürgen vereinigten sich Puchner und Malkowski bei 
Maros-Väsärhely; im Norden rückte Schlick aus den Karpathen bis an die 
Theiß herab und stellte über Miskolcz seine Verbindung mit Windischgrätz 
her. 

Die Österreicher schienen mit der magyarischen Revolution so gut wie 
fertig zu sein. Zwei Drittel von Ungarn und drei Viertel von Siebenbürgen 
waren in ihrem Rücken, und die Ungarn waren in der Front, in beiden Flan- 
ken und im Rücken zugleich geschlagen. Noch ein paar Meilen weiteren Vor- 
dringens, und sämtliche kaiserliche Korps reichten sich die Hand zu einem 
enger und enger sich zusammenziehenden Kreise, in dem Ungarn wie in den 
Ringeln einer Boa Constrictor erdrückt wurde. 

Ungarn 511 

Jetzt kam es darauf an, daß, während in der Front die Theiß einen für den 
Feind einstweilen unüberschreitbaren Graben bildete, nach irgendeiner Seite 
hin Luft geschafft werde. 

Dies geschah nach zwei Seiten hin: in Siebenbürgen durch Bem, in der 
Slowakei durch Görgey. Beide führten Züge aus, wodurch sie sich als die 
genialsten Feldherren der Gegenwart dokumentierten. 

Bem kam am 29.Dez. in Klausenburg an, dem einzigen Punkt von Sieben- 
bürgen, der noch in den Händen der Magyaren war. Rasch konzentrierte er 
nun die mitgebrachten Verstärkungen, die Reste der geschlagenen magyari- 
schen und szeklerischen!“?”! Truppen, zog gegen Maros-Väsärhely, schlug die 
Östreicher und verfolgte zunächst Malkowski über die Karpathen in die Buko- 
wina und von da nach Galizien, wo er bis gegen Stanislawow vordrang. Dann 
wandte er sich rasch nach Siebenbürgen zurück und trieb Puchner bis wenige 
Meilen von Hermannstadt vor sich her. Einige Gefechte, ein paar rasche 
Kreuz- und Querzüge, und ganz Siebenbürgen war in seinen Händen, bis auf 
zwei Städte, Hermannstadt und Kronstadt, und diese waren verloren, wenn 
man nicht die Russen ins Land rief. Das Gewicht, das die 10000 russischen 
Hülfstruppen in die Waagschale legten, zwang Bem, sich ins Szeklerland zu- 
rückzuziehen. Dort organisierte er den Aufstand der Szekler, und als ihm dies 
gelungen, ließ er den bis Schäßburg vorgedrungenen Puchner durch den 
Szekler Landsturm beschäftigen, umging seine Position, rückte direkt auf 
Hermannstadt, schlug die Russen heraus, schlug den nachrückenden Puchner, 
marschierte auf Kronstadt und zog hier ohne Schwertstreich ein. 

Damit war Siebenbürgen erobert und der Rücken der magyarischen Armee 
frei. Die natürliche Festungslinie, die die Theiß bildete, fand jetzt ihre Fort- 
setzung und Ergänzung in der Bergreihe der Karpathen und Siebenbürgischen 
Alpen von der Zips an bis herunter an die Banater Grenzen. 

Zu gleicher Zeit vollführte Görgey einen ähnlichen Triumphzug im nord- 
westlichen Ungarn. Von Pesth mit einem Korps nach der Slowakei aufgebro- 
chen, hält er während zwei Monaten die von drei Seiten gegen ihn operieren- 
den Korps der Generale Götz, Csorich und Simunich im Schach und schlug 
sich zuletzt, als seine Stellung der Übermacht gegenüber unhaltbar wurde, 
durch die Karpathen nach Eperies und Kaschau durch. Hier stand er im Rük- 
ken von Schlick, zwang diesen, rasch seine Position und seine ganze Opera- 
tionsbasis aufzugeben und sich auf die Hauptarmee von Windischgrätz zurück- 
zuziehen, während er selbst längst der Hernad hinab an die Theiß marschierte 
und sich mit der magyarischen Hauptmacht vereinigte. 

Diese Hauptmacht, an deren Spitze jetzt Dembinski stand, war ebenfalls 
über die Theiß gegangen und hatte den Feind auf allen Punkten geworfen. Sie 

512 Karl Marx/Friedrich Engels - „Neue Rheinische Zeitung“ 

war bis Hatvan, 6 Meilen von Pesth, vorgedrungen, als die stärkere Konzen- 
triierung der feindlichen Streitkräfte sie zwang, den Rückzug wieder anzu- 
treten. Nach heftiger Gegenwehr bei Kapolna, Maklar und Poroszlö ging sie 
wieder über die Theiß zurück, gerade in demselben Augenblick, als Görgey 
bei Tokaj an der Theiß ankam. Die Vereinigung beider Korps gab das Signal 
zu einem neuen, großartigen Vorrücken der Ungarn. Neu eingeübte Rekruten 
waren aus dem Innern angekommen und verstärkten die Operationsarmee der 
Magyaren. Polnische und deutsche Legionen waren gebildet, tüchtige Führer 
hatten sich entwickelt oder waren herbeigezogen, und anstatt der führerlosen, 
unorganisierten Masse vom Dezember stand den Kaiserlichen plötzlich eine 
konzentrierte, tapfere, zahlreiche, gut organisierte und vortrefflich geführte 
Armee gegenüber. | 

In drei Korps rückten die Magyaren über die Theiß. Der rechte Flügel 
(Görgey) zog nördlich, umging die ihm früher nachgerückte Division Ram- 
berg bei Eperies und trieb sie eilig über Rimaszombat auf die kaiserliche 
Hauptarmee zurück. Diese wurde von Dembinski bei Erlau, bei Gyöngyös, bei 
Gödöllö und bei Hatvan geschlagen und zog sich eilends bis vor Pesth zurück. 
Der linke Flügel (Vetter) endlich vertrieb den Jellachich aus Kecskemet, Szol- 
nok und Czegled, schlug ihn bei Jäszbereny, und zwang ihn ebenfalls zum 
Rückzuge unter die Mauern von Pesth. Hier standen nun die Kaiserlichen von 
Pesth bis Waitzen der Donau entlang, in einem weiten Halbkreis von den 
Magyaren umzingelt. 

Um Pesth nicht dem Bombardement von Ofen her auszusetzen, nahmen 
die Ungarn zu ihrem erprobten Mittel Zuflucht, die Östreicher lieber durch 
Manöver als durch offenen Frontangriff aus dieser Position zu vertreiben. 
Görgey nahm Waitzen und warf die Östreicher hinter Gran und Donau zu- 
rück, schlug Wohlgemuth zwischen Gran und Neutra und entsetzte dadurch 
das von den Kaiserlichen belagerte Komorn. Die Kaiserlichen, in ihrer Rück- 
zugslinie bedroht, mußten sie sich zum eiligen Rückzuge entschließen; Wel- 
den, der neue Oberbefehlshaber, zog sich in der Richtung von Raab und Preß- 
burg zurück, und Jellachich mußte, um seine höchst widerspenstigen Kroaten 
zu beschwichtigen, eiligst mit ihnen donauabwärts nach Slawonien mar- 
schieren. 

Auf ihrem Rückzug, der eher einer wilden Flucht glich, erlitten Welden 
(besonders seine Nachhut unter Schlick) und Jellachich noch bedeutende 
'Schlappen. Während das Korps des letzteren sich mühsam und langsam durch 
das Tolnaer und Baranyer Komitat schlägt, hat Welden es möglich machen 
können, die Trümmer seiner Armee in Preßburg zu konzentrieren. Trümmer, 
die durchaus keine ernsthafte Widerstandsfähigkeit besitzen. - 

Ungarn | 513 

Zugleich mit diesen überraschenden Siegen der Magyaren gegen die öst- 
reichische Hauptarmee drang Moritz Perczel von Szegedin und Tolna aus 
gegen Peterwardein vor, entsetzte es, nahm Besitz von der Bäcska und drang 
ins Banat, um hier dem aus Siebenbürgen vordringenden Bem die Hand zu 
reichen. Bem hat schon Arad genommen und belagert Temesvär ; Perczel steht 
in Werschetz hart an der türkischen Grenze, so daß in ein paar Tagen das 
Banat erobert ist. Zu gleicher Zeit decken die Szekler die verschanzten sieben- 
bürgischen, der Landsturm die oberungarischen Gebirgspässe, und Görgey 
steht mit bedeutender Heeresmacht im Jablunkapaß, an der mährisch-gali- 
zischen Grenze. | 

Kurz, noch ein paar Tage, und die siegreiche magyarische Armee, die 
Trümmer der gewaltigen östreichischen Heere vor sich hertreibend, zog im 
Triumph in Wien ein und vernichtete auf immer die östreichische Monarchie. 

Die Lossagung Ungarns von Östreich war bereits am 14. April in Debre- 
ezin beschlossen; die Allianz mit den Polen war seit Mitte Januar offen erklärt 
und durch den Eintritt von 20 [000]-30000 Polen in die ungarische Armee zur 
Wirklichkeit geworden. Die Allianz mit den Deutsch-Östreichern, die seit der 
Wiener Revolution vom 6. Oktober und in der Schlacht bei Schwechat schon 
bestand, wurde ebenfalls getragen und aufrechterhalten durch die deutschen 
Legionen im ungarischen Heer sowie durch die strategische und politische 
Notwendigkeit für die Magyaren, durch die Einnahme Wiens und die Revo- 
lutionierung Östreichs ihrer Unabhängigkeitserklärung Anerkennung zu ver- 
schaffen. 

So verlor der magyarische Krieg sehr bald den nationalen Charakter, den 
er im Anfang hatte, und gerade durch den scheinbar nationalsten Schritt, 
durch die Unabhängigkeitserklärung, nahm er einen definitiv-europäischen 

Charakter an. Die Allianz mit den Polen zur Befreiung beider Länder, die 
Allianz mit den Deutschen zur Revolutionierung Ostdeutschlands erhielt erst 
einen bestimmten Charakter, eine solide Grundlage, als Ungarn sich von Öst- 
reich lossagte und dadurch die östreichische Monarchie für aufgelöst erklärte. 
Ungarn unabhängig, Polen wiederhergestellt, Deutsch-Östreich zum revolu- 
tionären Brennpunkt Deutschlands gemacht, die Lombardei und Italien von 
selbst unabhängig - mit der Durchführung dieser Pläne war das ganze ost- 
europäische Staatensystem zerstört, Östreich verschwunden, Preußen auf- 
gelöst, Rußland an die Grenzen Asiens zurückgedrängt. 

Die Heilige Allianz!!6”! mußte also alles aufbieten, um der drohenden ost- 
europäischen Revolution einen Damm entgegenzusetzen: Die russischen Ar- 
meen wälzten sich der siebenbürgischen und galizischen Grenze zu. Preußen 
besetzte die böhmisch-schlesische Grenze und ließ die Russen durch sein 

514 Karl Marx/Friedrich Engels * „Neue Rheinische Zeitung“ 

Gebiet nach Prerau führen, und in wenig Tagen stand das erste russische 
Armeekorps auf mährischem Boden. 

Die Magyaren, wohl wissend, daß sie es in wenig Wochen mit zahlreichen 
frischen Streitkräften zu tun haben würden, sind nicht so rasch auf Wien mar- 
schiert, als man es anfangs erwartete. Sie konnten Wien ebensowenig wie Pesth 
durch einen Frontangriff nehmen, ohne es beschießen zu müssen, und das 
durften sie nicht. Sie waren wieder, wie bei Pesth, genötigt, es durch Um- 
gehung zu nehmen, und hierzu gehörte Zeit, gehörte die Gewißheit, daß sie 
selbst in Flanke und Rücken nicht bedroht seien. Aber gerade hier waren es 
die Russen, welche sie im Rücken bedrohten, während von der andern Seite 
her, bei einer direkten Bedrohung Wiens, starke momentane Detachierungen 
von Radetzkys Armee zu erwarten standen. 

Statt rasch auf Wien zu rücken, haben die Ungarn also sehr klug gehandelt, 
wenn sie sich begnügten, die Kaiserlichen immer weiter aus Ungarn zurück- 
zutreiben, sie in einem großen Bogen von den kleinen Karpathen bis zu den 
Ausläufen der Steierischen Alpen zu umstellen, ein starkes Korps gegen den 
Jablunka zu detachieren, die galizischen Gebirgspässe zu befestigen und zu 
decken, Ofen anzugreifen und die neue Aushebung von 250 000 Mann beson- 
ders in den wiedereroberten westlichen Komitaten rasch zu betreiben. Auf 
diese Weise sichern sie sich Flanke und Rücken und bringen eine Armee zu- 
sammen, die den russischen Zuzug ebensowenig wie die ehedem so kolossale 
kaiserliche Armee zu fürchten hat. Von dieser ruhmvollen schwarzgelben!?!! 
Armee sind 200000 Mann nach Ungarn einmarschiert und kaum 50000 zu- 
rückgekommen, der Rest ist gefallen, verwundet, krank, gefangen oder über- 
gegangen. | 

Die Russen drohen zwar mit noch viel Fa Armeen. 120 000, nach 
andern 170 000 Mann sollen einrücken. Nach dem „Triester Freihafen“ soll 
die mobile Operationsarmee weit über 500000 Mann betragen. Man kennt 
aber die russischen Übertreibungen, man weiß, daß von den angegebenen 
Zahlen nur die Hälfte in den Stammlisten stehen und daß von der Ziffer der 
Stammlisten wieder nicht die Hälfte wirklich vorhanden ist. Wenn die rus- 
sische Hülfe, nach Abzug der zur Besetzung Polens nötigen Truppen, 
60 [0001-70 000 Mann Effektivbestand aufbringt, so kann Östreich sich freuen. 
Und mit dieser Zahl werden die Magyaren fertig. 

Der magyarische Krieg von 1849 hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem pol- 
nischen Kriege von 1830/311?33], Aber gerade dadurch unterscheidet er sich 
von ihm, daß er alle Chancen, die Polen damals gegen sich hatte, jetzt für sich 
hat. Man weiß, daß Lelewel damals ohne Erfolg darauf drang, erstens durch 
Emanzipation der Bauern und Juden die Masse der Bevölkerung an die Revo- 

Ungarn | 515 

lution zu ketten und zweitens durch Insurgierung des ganzen alten Polens alle 
drei teilenden Mächte in den Krieg zu verwickeln, den Krieg europäisch zu 
machen. Was damals in Polen erst durchging, als es zu spät war, damit fangen 
die Magyaren an. Die gesellschaftliche Revolution im Innern, die Vernichtung 
des Feudalismus, war die erste Maßregel in Ungarn; die Hineinverwickelung 
Polens und Deutschlands in den Krieg die zweite, und damit war der euro- 
päische Krieg da. Mit dem Einrücken des ersten russischen Korps auf deut- 
schen Boden hat er begonnen, mit dem Einrücken des ersten französischen 
Bataillons auf deutschen Boden wird er seine entscheidende Wendung 
nehmen. 

Dadurch, daß der ungarische Krieg europäisch geworden ist, tritt er in 
Wechselwirkung mit allen übrigen Momenten der europäischen Bewegung. _ 
Sein Verlauf wirkt nicht nur auf Deutschland, er wirkt auch auf Frankreich 
und England. Daß die englische Bourgeoisie die Verwandlung Österreichs in 
eine russische Provinz dulden wird, steht nicht zu erwarten; daß das französi- 
sche Volk nicht ruhig zusehen wird, wie die Kontrerevolution ihm näher und 
näher auf den Leib rückt, ist gewiß. Die Wahlen mögen in Frankreich aus- 
fallen wie sie wollen, die Armee hat sich jedenfalls für die Revolution erklärt, 
und die Armee entscheidet für den Augenblick. Will die Armee den Krieg - 
und sie will ihn -, so ist er da. 

Und er wird kommen. Die Revolution in Paris, sei es durch die Wahlen, sei 
es durch die an der Wahlurne schon vor sich gegangene Verbrüderung der Ar- 
mee mit der revolutionären Partei, steht vor der Tür. Und während sich in 
Süddeutschland der Kern zu einer deutschen Revolutionsarmee bildet und 
Preußen verhindert, am ungarischen Feldzuge aktiv teilzunehmen, steht 
Frankreich auf dem Sprunge, aktiv an dem Kampfe sich zu beteiligen. Wenig 
Wochen, vielleicht wenige Tage schon werden entscheiden, und die französi- 
sche, die magyarisch-polnische und die deutsche Revolutionsarmee werden 
bald unter den Mauern von Berlin auf dem Schlachtfeld ihr Verbrüderungs- 
fest feiern. 

33*