Nach den letzten Berichten, die aus Italien eintreffen, ist die Niederlage der Piemontesen bei Novara keineswegs so entscheidend, wie die nach Paris gesandte telegraphische Depesche berichtet hatte.

Die Piemontesen sind geschlagen, sie sind von Turin abgeschnitten und ins Gebirge geworfen worden. Das ist Alles.

Wäre Piemont eine Republik, wäre die Turiner Regierung revolutionär und hätte sie den Muth zu revolutionären Mitteln zu greifen ‒ es wäre Nichts verloren. Aber die italienische Unabhängigkeit geht verloren ‒ nicht an der Unbesiegbarkeit der östreichischen Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königthums.

Wodurch haben die Oestreicher gesiegt? Dadurch, daß in der iemontesischen Armee, durch den Verrath Romarino's zwei Divipsionen von den übrigen drei getrennt, und diese drei isolirte durch die östreichische Ueberzahl geschlagen wurden. Diese drei Divisionen sind jetzt an den Fuß der Walliser Alpen zurückgedrängt.

Es war von vornherein ein enormer Fehler, daß die Piemontesen den Oestreichern bloß eine regelmäßige Armee entgegen setzen, daß sie mit ihnen einen gewöhnlichen, bürgerlichen, honetten Krieg führen wollten. Ein Volk, das sich seine Unabhängigkeit erobern will, darf sich nicht auf die gewöhnlichen Kriegsmittel beschränken. Aufstand in Masse, Revolutionskrieg, Guerillas überall, das ist das einzige Mittel, wodurch ein kleines Volk mit einem großen fertig werden, wodurch eine minder starke Armee in den Stand gesetzt werden kann, der stärkeren und besser organisirten zu widerstehen.

Die Spanier haben es 1807-12 bewiesen, die Ungarn beweisen es noch jetzt.

Chrzanowski war bei Novara geschlagen und von Turin abgeschnitten; Radetzki stand 9 Meilen von Turin. In einer Monarchie, wie Piemont, selbst in einer konstitutionellen, war damit der Feldzug entschieden; man kam um Frieden bei Radetzki ein. Aber in einer Republik war damit gar nichts entschieden. Hätte nicht die unvermeidliche Feigheit der Monarchieen, die nie den Muth hat, zu den äußersten revolutionären Mitteln zu greifen, hätte nicht diese Feigheit davon zurückgehalten, die Niederlage Chrzanowski's hätte ein Glück für Italien werden können.

Wäre Piemont eine Republik, die keine Rücksicht auf monarchische Traditionen zu nehmen hätte, so stand ihm ein Weg offen, den Feldzug ganz anders zu beendigen.

Chrzanowski war nach Biella und Borgo Manero zurückgetrieben. Dort, wo die Schweizeralpen jeden weitern Rückzug, wo die zwei oder drei engen Flußthäler jede Zerstreuung der Armee so gut wie unmöglich machen, dort war es leicht, die Armee zu konzentriren und durch einen kühnen Marsch Radetzki's Sieg fruchtlos zu machen.

Wenn die Chefs der piemontesischen Armee revolutionären Muth besaßen, wenn sie wußten, daß in Turin eine revolutionäre, aufs Aeußerste gefaßte Regierung saß, so war ihre Handlungsweise sehr einfach.

Am Lago Maggiore standen nach der Schlacht von Novara 30-40,000 Mann piemontesischer Truppen. Dies Corps, in zwei Tagen konzentrirt, konnte sich in die Lombardei werfen, in der nicht 12,000 Mann Oestreicher stehn; es konnte Mailand, Brescia, Cremona besetzen, den allgemeinen Aufstand organisiren, die einzelnen aus dem Venetianischen heranrückenden östreichischen Corps einzeiln schlagen und damit Radetzky's ganze Operationsbasis in die Luft sprengen.

Radetzki, statt auf Turin zu marschiren, hätte sofort umdrehen und in die Lombardei zurückkehren müssen, verfolgt von dem Massenaufgebot der Piemontesen, das natürlich die lombardische Insurrektion unterstützen mußte.

Dieser wirkliche Nationalkrieg, ein Krieg, wie ihn die Lombarden im März 1848 führten und womit sie Radetzki hinter den Oglio und Mincio jagten, dieser Krieg hätte ganz Italien in den Kampf gejagt und den Römern und Toskanern ganz andere Energie eingeflös't.

Während Radetzki noch zwischen Po und Tessin stand und sich besann, ob er vorwärts oder rückwärts gehen solle, konnten die Piemontesen und Lombarden bis vor Venedig marschiren, Venedig entsetzen, La Marmora und römische Truppen an sich ziehen, den östreichischen Feldmarschall durch zahllose Guerrillasschwärme beunruhigen und schwächen, seine Truppen zersplittern und ihn endlich schlagen. Die Lombardei wartete nur des Einmarsches der Piemontesen; sie erhob sich schon, ohne ihn abzuwarten. Nur die östreichischen Citadellen hielten die lombardischen Städte im Zaum. Zehntausend Mann Piemontesen waren schon in der Lombardei; wären noch 20-30,000 hineinmarschirt, so war Radetzki's Rückzug unmöglich.

Aber der Aufstand in Masse, die allgemeine Insurrektion des Volkes, das sind Mittel, vor deren Anwendung das Königthum zurückschreckt. Das sind Mittel, die nur die Republik anwendet ‒ 1793 liefert den Beweis dafür. Das sind Mittel, deren Ausführung den revolutionären Terrorismus voraussetzt, und wo ist ein Monarch gewesen, der sich dazu entschließen konnte?

Was die Italiener also ruinirt hat, das ist nicht die Niederlage von Novara und Vigevano, das ist die Feigheit und Mäßigung, in die die Monarchie sie hineinzwängt. Die verlorne Schlacht von Novara brachte blos einen strategischen Nachtheil: sie waren von Turin abgeschnitten, während den Oesterreichern der Weg dahin offen stand. Dieser Nachtheil war gänzlich bedeutungslos, wenn der verlornen Schlacht der wirkliche Revolutionskrieg auf dem Fuße folgte, wenn der Rest der italienischen Armee sich sogleich zum Kern der nationalen Massenerhebung erklärte, wenn der honette strategische Armeekrieg in einen Volkskrieg umgewandelt wurde, wie die Franzosen ihn 1793 führten.

Aber freilich! Revolutionskrieg, Massenerhebung und Terrorismus ‒ dazu wird die Monarchie sich nie verstehen. Eher schließt sie Frieden mit ihrem bittersten, ebenbürtigen Feind, ehe sie sich mit dem Volk verbündet.

Karl Albert mag Verräther sein oder nicht ‒ die Krone Karl Albert's, die Monarchie allein hätte hingereicht, Italien zu ruiniren.

Aber Karl Albert ist Verräther. Durch alle französischen Blätter geht die Nachricht von dem großen europäischen Contrerevolutions-Komplott zwischen sämmtlichen Großmächten, von dem Feldzugsplan der Contrerevolution zur schließlichen Unterdrückung aller europäischen Völker. Rußland und England, Preußen und Oesterreich, Frankreich und Sardinien haben diese neue heilige Allianz unterzeichnet.

Karl Albert hatte den Befehl, mit Oestreich Krieg anzufangen, sich schlagen zu lassen und dadurch den Oestreichern Gelegenheit zu geben, in Piemont, in Florenz, in Rom die „Ruhe“ wieder herzustellen, und überall standrechtliche Konstitutionen octroyiren zu lassen. Dafür bekam Karl Albert Parma und Piacenza, die Russen pacificirten Ungarn; Frankreich sollte Kaiserreich werden und damit war die Ruhe Europa's hergestellt. Das ist nach französischen Blättern, der große Plan der Contrerevolution; und dieser Plan erklärt Romarino's Verrath und erklärt die Niederlage der Italiener.

Die Monarchie aber hat durch den Sieg Radetzki's einen neuen Stoß erhalten. Die Schlacht bei Novara und die darauf folgende Lähmung der Piemontesen beweist, daß ein Volk in den äußersten Fällen, wo es seiner ganzen Kraftanstrengung bedarf, um sich zu retten, durch Nichts mehr gehemmt wird, als durch die Monarchie. Wenn Italien nicht an der Monarchie zu Grunde gehen soll, so muß vor Allem die Monarchie in Italien zu Grunde gehen.