Wie haltlos und unklar die Phantasterei des Slavenkongresses war, das beweisen seine Früchte. Das Bombardement einer Stadt wie Prag würde jede andere Nation mit dem unauslöschlichsten Haß gegen die Unterdrücker erfüllt haben. Was thaten die Czechen? Sie küßten die Ruthe, die sie bis aufs Blut gezüchtigt, die schworen begeistert zu der Fahne, unter der ihre Brüder niedergemetzelt, ihre Weiber geschändet worden waren. Der Prager Straßenkampf war der Wendepunkt für die östreichischen demokratischen Panslavisten. Um die Aussicht auf ihre elende „nationale Selbstständigkeit“ verkauften sie die Demokratie, die Revolution an die östreichische Gesammtmonarchie, an „das Centrum,“ „die systematische Durchführung des Despotismus im Herzen Europa's,“ wie Bakunin p. 29 selbst sagt. Und für diesen feigen, niederträchtigen Verrath an der Revolution werden wir einst blutige Rache an den Slaven nehmen.

Daß sie von der Contrerevolution nichtsdestoweniger geprellt worden sind, daß weder an ein „slavisches Oestreich“ noch an einen „Föderativstaat mit gleichberechtigten Nationen“ und am allerwenigsten an demokratische Institutionen für die östreichischen Slaven zu denken ist, das ist diesen Verräthern endlich klar geworden. Jellachich, der kein größerer Schurke ist als die meisten übrigen Demokraten der östreichischen Slaven, bereut bitter, wie man ihn exploitirt hat, und Stratimirovich, um sich nicht länger exploitiren zu lassen, hat den offenen Aufstand gegen Oestreich proklamirt. Die Slovanska Lipa-Vereine stehen überall der Regierung wieder gegenüber und machen täglich neue schmerzliche Erfahrungen darüber, in welche Falle sie sich haben locken lassen. Aber es ist jetzt zu spät; in ihrer eigenen Heimath ohne Macht gegen die von ihnen selbst reorganisirte östreichische Soldateska, zurückgestoßen von den Deutschen und Magyaren, die sie verrathen haben, zurückgestoßen von dem revolutionären Europa, werden sie denselben Militärdespotismus zu ertragen haben, den sie den Wienern und Magyaren aufbürden halfen. „Seid unterwürfig dem Kaiser, damit die kaiserlichen Truppen Euch nicht behandeln als seiet Ihr rebellische Magyaren“ — in diesen Worten des Patriarchen Rajachich ist es ausgesprochen, was sie zunächst zu erwarten haben.

Wie ganz anders haben die Polen gehandelt! Seit achtzig Jahren unterdrückt, geknechtet, ausgesogen, haben sie sich stets auf die Seite der Revolution gestellt, haben die Revolutionirung Polen's mit der Unabhängigkeit Polen's für unzertrennlich erklärt. In Paris, in Wien, in Berlin, in Italien, in Ungarn haben die Polen bei allen Revolutionen und Revolutionskriegen mitgekämpft, unbekümmert ob sie gegen Deutsche, gegen Slaven, gegen Magyaren, ja ob sie gegen Polen kämpften. Die Polen sind die einzige slavische Nation, die von allen panslavistischen Gelüsten frei ist. Aber sie haben auch sehr gute Gründe dazu: sie sind hauptsächlich von ihren eignen slavischen sogenannten Brüdern unterjocht worden, und bei dem Polen geht der Russenhaß noch vor den Deutschenhaß, und mit vollem Recht. Daher aber, weil die Befreiung Polen's von der Revolution unzertrennlich, weil Pole und Revolutionär identische Worte geworden sind, daher ist den Polen auch die Sympathie von ganz Europa, und die Wiederherstellung ihrer Nationalität ebenso sicher, wie den Czechen, Kroaten und Russen der Haß von ganz Europa und der blutigste Revolutionskrieg des ganzen Westens gegen sie.

Die östreichischen Panslavisten sollten einsehen, daß alle ihre Wünsche, soweit sie überhaupt erfüllbar, in der Herstellung der „östreichischen Gesammtmonarchie“ unter russischem Schutz erfüllt sind. Zerfällt Oestreich, so steht ihnen der revolutionäre Terrorismus der Deutschen und Magyaren bevor, keineswegs aber, wie sie sich einbilden, die Befreiung sämmtlicher unter Oestreich's Scepter geknechteten Nationen. Sie müssen daher wünschen, daß Oestreich zusammenbleibe, ja, daß Galizien bei Oestreich bleibe, damit die Slaven die Majorität im Staat behalten. Die panslavistischen Interessen stehen hier also schon der Wiederherstellung Polen's direkt entgegen; denn ein Polen ohne Galizien, ein Polen das nicht von der Ostsee bis an die Karpathen geht, ist kein Polen. Darum aber ist ein „slavisches Oestreich“ immer noch ebenfalls ein bloßer Traum; denn ohne die Suprematie der Deutschen und Magyaren, ohne die beiden Centren Wien und Budapesth fällt Oestreich wiederum auseinander, wie seine ganze Geschichte bis auf die letzten Monate beweist. Die Realisirung des Panslavismus würde sich demnach auf das russische Patronat über Oestreich beschränken müssen. Die offen reaktionären Panslavisten hatten daher ganz Recht, wenn sie sich an die Erhaltung der Gesammtmonarchie anklammerten; es war das einzige Mittel, irgend Etwas zu retten. Die sogenannten demokratischen Panslavisten waren aber in einem argen Dilemma: entweder Aufgebung der Revolution und wenigstens theilweise Rettung der Nationalität durch die Gesammtmonarchie, oder Aufgebung der Nationalität und Rettung der Revolution durch den Zerfall der Gesammtmonarchie. Damals hing das Schicksal der osteuropäischen Revolution von der Stellung der Czechen und Südslaven ab; wir werden es ihnen nicht vergessen, daß sie im entscheidenden Augenblick um ihrer kleinlichen Nationalhoffnungen willen die Revolution an Petersburg und Olmütz verrathen haben!

Was würde man dazu sagen, wenn die demokratische Partei in Deutschland ihr Programm mit der Rückforderung von Elsaß, Lothringen und von dem, in jeder Beziehung zu Frankreich gehörigen Belgien eröffneten, unter dem Vorwande, daß dort die Majorität der Bevölkerung germanisch ist? Wie lächerlich würden sich die deutschen Demokraten machen, wollten sie eine pangermanistische deutsch-dänisch-schwedisch-englisch-holländische Allianz zur „Befreiung“ aller deutschredenden Länder herstellen! Die deutsche Demokratie ist glücklicherweise über diese Phantastereien hinaus. Die deutschen Studenten von 1817 und 1830 trugen sich mit dergleichen reaktionären Schwärmereien herum und werden heute in ganz Deutschland nach Verdienst gewürdigt. Die deutsche Revolution kam erst zu Stande, die deutsche Nation fing erst an etwas zu werden, als man sich vollständig von diesen Futilitäten befreit hatte.

Ebenso kindisch und reaktionär wie der Pangermanismus ist aber auch der Panslavismus. Wenn man die Geschichte der panslavistischen Bewegung des letzten Frühjahrs in Prag nachliest, so meint man dreißig Jahre zurück versetzt zu sein: trikolore Bänder, altfränkische Kostüme, altslavische Messen, vollständige Restauration der Zeit und der Sitten der Urwälder; die Swornost eine komplete Burschenschaft, der Slavenkongreß eine neue Auflage des Wartburgfestes; dieselben Phrasen, dieselbe Schwärmerei, derselbe Jammer nachher: „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“ u. s. w. Wer dies berühmte Lied in slavische Prosa übersetzt lesen will, der lese Bakunin's Broschüre.

Gerade wie bei den deutschen Burschenschäftlern auf die Dauer die entschiedenste kontrerevolutionäre Gesinnung und der wüthendste Franzosenhaß und das bornirteste Nationalgefühl hervortrat, wie sie später Alle zu Verräthern an der Sache wurden, für die zu schwärmen sie vorgegeben — gerade so, nur rascher, weil das Jahr 1848 ein Revolutionsjahr war, löste sich bei den demokratischen Panslavisten der demokratische Schein sehr bald in fanatischen Deutschen- und Magyarenhaß, in indirekte Opposition gegen die Wiederherstellung Polens (Lubomirski), und in direkten Anschluß an die Kontrerevolution auf.

Und wenn einzelne aufrichtige slavische Demokraten jetzt den österreichischen Slaven zurufen, sie sollten sich der Revolution anschließen, die österreichische Gesammtmonarchie als ihren Hauptfeind ansehen, ja im Interesse der Revolution mit den Magyaren halten, so erinnern sie an die Henne, die am Rand des Teichs umherläuft in Verzweiflung über die jungen Enten, die sie selbst ausgebrütet und die ihr nun plötzlich auf ein wildfremdes Element entweichen, wohin sie ihnen nicht folgen kann.

Machen wir uns übrigens keine Illusionen. Bei allen Panslavisten geht die Nationalität, d. h. die phantastische, allgemeinslavische Nationalität vor der Revolution. Die Panslavisten wollen sich der Revolution anschließen unter der Bedingung, daß es ihnen gestattet werde, alle Slaven ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf die materiellsten Nothwendigkeiten in selbstständige slavische Staaten zu konstituiren. Hätten wir Deutschen dieselben phantastischen Bedingungen stellen wollen, wir wären im März weit gekommen! Die Revolution aber läßt sich keine Bedingungen stellen. Entweder ist man revolutionär, und acceptirt die Folgen der Revolution, sie seien welche sie wollen, oder man wird der Contrerevolution in die Arme gejagt und findet sich, vielleicht ganz wider Wissen und Willen, eines Morgens Arm in Arm mit Nikolaus und Windischgrätz.

Wir und die Magyaren sollen den östreichischen Slaven ihre Selbstständigkeit garantiren — so verlangt Bakunin, und Leute von dem Kaliber eines Ruge sind kapabel, ihm solche Versprechungen unter vier Augen wirklich gemacht zu haben. Man verlangt von uns und den übrigen revolutionären Nationen Europa's, wir sollen den Heerden der Contrerevolution dicht an unsrer Thür eine ungehinderte Existenz, freies Verschwörungs- und Waffenrech gegen die Revolution garantiren; wir sollen mitten im Herzen von Deutschland ein kontrerevolutionäres czechisches Reich konstituiren, die Macht der deutschen, polnischen und magyarischen Revolutionen durch dazwischen geschobne russische Vorposten an der Elbe, den Karpathen und der Donau brechen!

Wir denken nicht daran. Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der contrerevolutionärsten Nationen Europa's dargeboten werden, antworten wir: daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß seit der Revolution der Czechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist, und daß wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slavischen Völker die Revolution sicher stellen können. Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentrirt sind: in Rußland und den östreichischen Slavenländern; und keine Phrasen, keine Anweisungen auf eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns abhalten, unsere Feinde als Feinde zu behandeln.

Und wenn Bakunin endlich ausruft: „Wahrlich, nichts einbüßen soll der Slave, sondern gewinnen soll er! Wahrlich, leben soll er! Und wir werden leben. So lange uns der kleinste Theil unsrer Rechte bestritten wird, so lange ein einziges Glied von unsrem gesammten Leibe abgetrennt oder losgerissen gehalten wird, so lange werden wir bis aufs Blut, werden wir unerbittlich auf Tod und Leben kämpfen, bis das Slaventhum endlich groß und frei und unabhängig in der Welt dasteht“ — wenn der revolutionäre Panslavismus diese Stelle ernstlich meint, und wo es sich um die phantastisch-slavische Nationalität handelt, die Revolution ganz aus dem Spiele läßt, dann wissen wir auch was wir zu thun haben.

Dann Kampf, „unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod“ mit dem revolutionsverrätherischen Slaventhum; Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus — nicht im Interesse Deutschlands, sondern im Interesse der Revolution!