Bekenntnisse einer schönen Seele

["Neue Rheinische Zeitung" Nr. 145 vom 17. November 1848]

*
Köln
, 16. November. Wir haben der rechten Seite vorausgesagt, was ihrer warte, wenn die Kamarilla siegt - ein
Trinkgeld
und
Fußtritte
. <Siehe
"Die Kontrerevolution in Berlin", S. 8
>

Wir haben uns getäuscht. Noch ist der Kampf nicht entschieden, und schon erhalten sie
Fußtritte
von ihren Prinzipalen, ohne ein
Trinkgeld
zu erhalten.

Die
"Neue Preußische Zeitung"
, Ritterin vom Landwehrkreuze "mit Gott für König und Vaterland",
offizielles Organ der jetzigen Gewalthaber
, erklärt in einer ihrer letzten Nummern die Abgeordneten
Zweiffel
(Oberprokurator in Köln) und
Schlink
(Appellationsgerichtsrat in Köln) für - der Leser rate - für
"revolutionäre Magen"
(die "Neue Preußische Zeitung" schreibt "Mägen"). Sie spricht von der
"nicht auszudrückenden Gedankenleere und Gedankenlosigkeit"
dieser Herren. Sie findet, daß selbst
"Robespierres Hirngespinste"
weit erhaben sind über die Einfälle dieser
"Herren von der Zentralabteilung"
. A
vis à Mess
[
ieurs
] <
Hinweis für die Herren
>
Zweiffel et Schlink!

In derselben Nummer dieses Blattes wird
Pinto-Hansemann
für einen
"Führer der äußersten Linken"
erklärt, und gegen Führer der äußersten Linken gibt es nach derselben Zeitung nur ein Mittel - das
Standrecht
- den Strang.
Avis à M
[
onsieur
]
Pinto-Hansemann, den Exminister der Tat und der Konstabler!

Für einen
Staatsmoniteur
besitzt die
"Neue Preußische Zeitung"
zu viel naive Offenherzigkeit. Sie sagt den verschiedenen Parteien zu laut, was in den Registern der Santa Casa versiegelt steht.

Im Mittelalter schlug man den Virgil auf, um zu prophezeien. Im preußischen Brumaire 1848 schlägt man die "Neue Preußische Zeitung"

auf, um sich der Mühe des Weissagens zu entschlagen. Wir gehen neue Beispiele. Was bereitet die Kamarilla den
Katholiken
vor?

Hört!

In Nr. 115 der
"Neuen Preußischen Zeitung"
heißt es:

"Ebenso unwahr ist es, daß der Staat"
(nämlich der königlich preußische Staat, der Landwehrkreuzstaat in seiner vormärzlichen Periode)
"einen
engkonfessionellen

Charakter angenommen und von diesem einseitigen Standpunkt aus die religiösen Angelegenheiten geleitet habe
.
Dieser Vorwurf würde zwar, wenn er wahr wäre, ein entschiedenes Lob

aussprechen
.

Er ist aber unwahr
; denn
bekannt
ist, daß unser Regiment den
alten und guten
Standpunkt einer
evangelischen
Regierung ausdrücklich verlassen hat."

Bekannt ist, daß
Friedrich Wilhelm III
. die Religion in einen Zweig der
militärischen Disziplin
verwandelte und die Dissenters polizeilich abfuchtelte. Bekannt ist, daß
Friedrich Wilhelm IV
., als einer der zwölf kleinen Propheten, durch das Ministerium
Eichhorn-Bodelschwingh-Ladenberg
das Volk und die Wissenschaft zur
Religion Bunsen
gewaltsam bekehren wollte. Bekannt ist, daß selbst unter dem Ministerium
Camphausen
die Polen ebensosehr dafür geplündert, gesengt, gekolbt wurden, weil sie
Polen,
als weil sie
Katholiken
waren. Die Pointe der
Pommern
war stets, die Muttergottesbilder in Polen zu
spießen
und die katholischen Geistlichen zu
hängen
.

Die Verfolgungen der
dissentierenden Protestanten
unter
Friedrich Wilhelm III
. und
Friedrich Wilhelm IV
. sind ebenso bekannt.

Der erste begrub in Festungen die protestantischen Pfarrer, die die eigends von ihm erfundene Agende und Dogmatik verwarfen. Dieser Mann war ein großer Erfinder in Soldatenröcken und Agenden. Und der zweite? Das Ministerium
Eichhorn
? Es reicht hin, das Ministerium Eichhorn zu nennen.

Aber das alles war nichts!

"Unser Regiment hatte den alten und guten Standpunkt einer evangelischen Regierung ausdrücklich verlassen." Wartet also die Re
stauration
Brandenburg-Manteuffel ab,
Katholiken der Rheinprovinz
und
Westfalens
und
Schlesiens
! Man hat euch früher mit
Ruten
gezüchtigt, man wird euch mit
Skorpionen
geißeln.
Ihr werdet den "alten und guten Standpunkt einer
evangelischen

Regierung ausdrücklich"
kennenlernen!

Und nun gar die
Juden
, die seit der Emanzipation ihrer Sekte wenigstens in ihren vornehmen Vertretern überall an die
Spitze
der
Kontrerevolution
getreten sind, was harrt ihrer?

Man hat den Sieg nicht abgewartet, um sie in ihr Ghetto zurückzuschleudern.

Zu
Bromberg
erneuert die Regierung die alten Beschränkungen der Freizügigkeit und beraubt die Juden so eines der ersten Menschenrechte von 1789, sich frei von einem Orte an den andern zu begeben.

Das ist
"Ein"
Aspekt der Regierung des wortreichen
Friedrich Wilhelm IV
. unter den Auspizien
Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg
.

In ihrer Nummer vom 11. Nov. <In der "N.Rh.Ztg.": 10. Nov.> hatte die
"Neue Preuß
[
ische
]
Zeitung"
den
Wohlstand
der "liberal-konstitutionellen Partei" als Köder hingeworfen. Allein sie schüttelte schon bedenklich das Haupt über die
Konstitutionellen
.

"Vorderhand haben unsere
Konstitutionellen
allerdings noch eine
gewaltige Scheu
, sich gemeinsam in den Vereinen oder in ihren öffentlichen Organen
als Reaktionärs zu bekennen
."

Sie fügt indes noch beschwichtigend und treffend hinzu:

"Jeder einzelne" (
Liberal-Konstitutionelle
)
"hat es längst kein Hehl mehr
, daß für dermalen kein Heil ist, als in
gesetzlicher Reaktion
", d.h. also darin, das
Gesetz reaktionär
oder die
Reaktion gesetzlich zu
machen,
die Reaktion zum Gesetze zu erheben
.

In ihrer Nummer vom 15. November <In der "N.Rh.Ztg.": 15. April> macht die "N[eue] Preuß[ische] Z[ei]t[un]g" schon nicht mehr soviel Federlesens mit den
"Konstitutionellen"
, die die
Reaktion
zum
Gesetze
erhoben haben wollen, aber gegen das Ministerium Brandenburg-Manteuffel sich sträuben, weil es die
Kontrerevolution
sans phrase <ohne Umschweife> will.

"Man muß", sagt sie, "die
ordinären Konstitutionellen ihrem Schicksal überlassen
!"

Mitgefangen! Mitgehangen!

Zur Nachricht für die ordinären Konstitutionellen!

Und worin besteht der
extraordinäre Konstitutionalismus Friedrich Wilhelms IV
. unter den Auspizien Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg?

Das offizielle Regierungsorgan, die Landwehrkreuzritterin mit Gott für König und Vaterland, verrät die Geheimnisse des
außerordentlichen Konstitutionalismus
.

Das "einfachste, geradeste und ungefährlichste Heilmittel" ist natürlich, die "Versammlung an einen andern Ort zu verlegen", aus einer Hauptstadt in eine Wachtstube, aus Berlin nach Brandenburg.

Indes, diese Verlegung ist, wie die
"Neue Preußische Zeitung"
verrät, nur ein
"Versuch"
.

"Es muß"
, sagt sie,
"der Versuch gemacht werden, ob die Versammlung durch die Verlegung an einen andern Ort mit der Wiedererlangung der äußern freien Bewegung auch die innere Freiheit wiedergewinne."

Zu Brandenburg wird die Versammlung äußerlich frei sein. Sie wird nicht mehr unter dem Einflusse der Blousen, sie wird nur noch unter dem Einflusse schnurrbärtiger Schleppsäbel stehen.

Aber die
innere Freiheit
?

Wird die Versammlung zu Brandenburg sich von den Vorurteilen und den verwerflichen revolutionären Gemütseindrücken des 19. Jahrhunderts
befreien
? Wird
ihre Seele frei
genug sein, die feudalen Jagdrechte, allen modrigen Plunder der sonstigen Feudallasten, die Ständeunterschiede, die Zensur, die Steuerungleichheit, den Adel, das absolute Königtum und die Todesstrafe, wofür Friedrich Wilhelm IV. schwärmt, die Ausplünderung und Verschleuderung der Nationalarbeit durch die

"blassen Kanaillen,

die ausgesehen wie Glaube, Liebe und Hoffnung",

<H. Heine, "Deutschland. Ein Wintermärchen", Kaput VIII>

durch ausgehungerte Krautjunker, Gardelieutenants und inkorporierte Konduitenlisten, wird die Nationalversammlung selbst zu Brandenburg
innerlich
frei genug sein, alle diese Artikel der alten Misere wieder als
offizielle Glaubensartikel
zu proklamieren?

Man weiß, daß die kontrerevolutionäre Partei die konstitutionelle Parole ausgeteilt hatte:
"Vollendung des Verfassungswerkes!"

Das Organ des Ministeriums Brandenburg-Manteuffel-Ladenberg
verschmäht es
,
diese Maske
länger zu tragen.

"Die Lage der Dinge", gesteht das
offizielle Organ
, "ist auf einen Punkt gediehen, wo uns
nicht einmal mehr mit der so lang ersehnten Vollendung des Verfassungswerkes geholfen werden kann
. Denn wer kann es sich
länger verbergen
, daß eine Urkunde, die den Volksvertretern
Paragraph vor Paragraph
unter Rad und Galgen diktiert und von denselben
der Krone abgedrungen
ist,
nur so lange für verbindlich erachtet werden wird
, als der
direkteste Zwang sie aufrechtzuerhalten imstande ist
."

Also
Paragraph vor Paragraph
die kümmerlichen durch die Nationalversammlung zu Berlin errungenen Volksrechte wieder
aufheben
, das ist die Aufgabe der Nationalversammlung zu Brandenburg!

Wenn sie nicht vollständig,
Paragraph vor Paragraph
, den alten Plunder
restauriert
, nun, so beweist sie eben, daß sie zwar
"die Freiheit der äußern Bewegung"
zu Brandenburg wiedergewonnen hat, aber nicht die von Potsdam beanspruchte
innere Freiheit
.

Und wie soll die Regierung gegen die Seelenverstocktheit, gegen die
innere Unfreiheit
der nach Brandenburg übersiedelten Versammlung operieren?

"Die Auflösung müßte erfolgen", ruft die "Neue
Preußische Zeitung"
aus.

Aber das
Volk
, fällt ihr ein, ist vielleicht innerlich noch
unfreier
als die Versammlung.

"Es würde", schüttelt sie die Achseln, "das
Bedenken
erhoben werden können, ob
neue Urwahlen nicht ein noch jämmerlicheres Resultat als die ersten zutage fördern möchten
."

Das Volk in seinen Urwahlen besäße die
Freiheit der äußern Bewegung
. Aber die innere
Freiheit
?

That is the question!

Die Paragraphen der aus neuen Urwahlen hervorgehenden Versammlung könnten die alten an Ruchlosigkeit übertreffen.

Was also gegen die "alten" Paragraphen tun?

Die Landwehrkreuzritterin wirft sich in Positur.

"Die Faust hat sie geboren"
(die alten Paragraphen seit dem 19. März),
"die Faust wird sie stürzen
-
und das von Gottes und Rechts wegen."

Die
Faust
wird das "gute alte Regiment" herstellen.

Die
Faust
ist das letzte Argument der Krone; die
Faust
wird das letzte Argument des Volkes sein.

Vor allem wehre es die bettelhaften hungrigen Fäuste ab, die aus seinen Taschen Zivillisten - und Kanonen herausgreifen. Die prahlerischen Fäuste werden abmagern, sobald es sie nicht mehr mästet.
Das Volk verweigere vor allem die Steuern
, und - später wird es zählen, auf welcher Seite die
meisten Fäuste
sind.

Alle sogenannten Märzerrungenschaften
werden nur so lange für verbindlich erachtet werden, als der direkteste Zwang sie aufrechtzuerhalten imstande ist. Die Faust hat sie geboren, die Faust wird sie stürzen.

Die
"Neue Preußische Zeitung"
sagt's, und was die "Neue Preußische Zeitung" sagt, hat Potsdam gesagt. Also keine Illusion mehr!
Das Volk muß
den
Märzhalbheiten ein Ende machen, oder die Krone macht ihnen ein Ende.