* Köln, 14. Februar. Wir haben oft genug darauf hingewiesen, wie die
Nr. 222, 15. Februar 1849
Neue Rheinische Zeitung.
sanften Träume, die nach den Revolutionen des Februar und März auftauchten, wie die Schwärmereien von allgemeiner Völkerverbrüderung,
europäischer Föderativrepublik und ewigem Weltfrieden im Grunde weiter nichts waren, als Verhüllungen der gränzenlosen Rathlosigkeit und 5
Thatlosigkeit der damaligen Wortführer. Man sah nicht, oder man wollte
nicht sehen, was zu thun war, um die Revolution sicher zu stellen; man
konnte oder man wollte keine wirklich revolutionären Maßregeln durchsetzen; die Bornirtheit der Einen, die contrerevolutionäre Intrigue der
Andern kamen darin überein, daß das Volk statt revolutionärer Thaten,
nur sentimentale Phrasen erhielt. Der hochbetheuernde Schurke Lamartine war der klassische Held dieser Epoche des unter poetischen Blumen
und rhetorischem Flitterstaat verdeckten Volksverraths.
Die revolutionirten Völker wissen es, wie theuer sie es haben entgelten
müssen, daß sie damals in ihrer Gutmüthigkeit den großen Worten und
hochfahrenden Versicherungen glaubten. Statt der Sicherstellung der Revolution, überall reaktionäre Kammern, die die Revolution untergruben;
statt der Durchführung der Verheißungen, die auf den Barrikaden gegeben wurden, die Contrerevolutionen von Neapel, Paris, Wien, Berlin, der
Fall Mailands, der Krieg gegen Ungarn; statt der Völkerverbrüderung,
die Erneuerung der heiligen Allianz auf breitester Grundlage unter dem
Patronat von England und Rußland. Und dieselben Männer, die noch im
April und Mai den hochtönenden Phrasen der Epoche zujauchzten, denken nur noch erröthend daran, wie sie damals von Dummköpfen und
Schurken sich prellen ließen.
Man hat es durch schmerzliche Erfahrung gelernt, daß die „europäische Völkerverbrüderung“ nicht durch bloße Phrasen und fromme Wünsche zu Stande kommt, sondern nur durch gründliche Revolutionen und

blutige Kämpfe; daß es sich nicht um eine Verbrüderung aller europäischen Völker unter Einer republikanischen Fahne, sondern um die Allianz der revolutionären Völker gegen die contrerevolutionären handelt,
eine Allianz, die nicht auf dem Papier, sondern nur auf dem Schlachtfeld
zu Stande kommt.5
In ganz Westeuropa haben diese bittern, aber nothwendigen Erfahrungen den Lamartine’schen Phrasen allen Kredit geraubt. Im Osten dagegen gibt es immer noch Fraktionen, angeblich demokratische, revolutionäre Fraktionen, die nicht müde werden, diesen Phrasen und
Sentimentalitäten zum Echo zu dienen und das Evangelium von der europäischen Völkerverbrüderung zu predigen.
Diese Fraktionen – wir abstrahiren von einigen unwissenden Schwärmern deutscher Zunge, wie Herrn A. Ruge u.s.w. – sind die demokratischen Panslavisten der verschiedenen slavischen Volksstämme.
Das Programm des demokratischen Panslavismus liegt vor uns in einer15
Broschüre: Aufruf an die Slaven. Von einem russischen Patrioten, Michael
Bakunin, Mitglied des Slavenkongresses in Prag. Köthen 1848.
Bakunin ist unser Freund. Das wird uns nicht abhalten, seine Broschüre der Kritik zu unterwerfen.
Man höre wie Bakunin gleich im Anfang seines Aufrufs an die Illusio-20
nen des vorigen März und April anknüpft:
„Gleich das erste Lebenszeichen der Revolution war ein Schrei des
Hasses gegen die alte Unterdrückung, ein Schrei des Mitgefühls und der
Liebe für alle unterdrückten Nationalitäten. Die Völker ... fühlten endlich die Schmach, mit welcher die alte Diplomatie die Menschheit beladen hat, und erkannten, daß nie die Wohlfahrt der Nationen gesichert ist,
so lange noch irgendwo in Europa ein einziges Volk unter dem Drucke
lebt ... Hinweg die Unterdrücker, erscholl es wie aus Einem Munde; den
Bedrückten Heil, den Polen, den Italienern und Allen! Keinen Eroberungskrieg mehr, aber noch den einen letzten Krieg bis auf die Neige
durchgekämpft, den guten Kampf der Revolution zur endlichen Befreiung aller Völker! Nieder die künstlichen Schranken, welche von Despotenkongressen, nach sogenannten historischen, geographischen, kommerziellen und strategischen Nothwendigkeiten gewaltsam aufgerichtet
worden sind! Es soll keine andern Scheidegränzen mehr geben als jene
der Natur entsprechenden, von der Gerechtigkeit und im Sinne der Demokratie gezogenen Gränzen, welche der souveräne Wille der Völker
selbst auf Grund ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet. So erging der
Ruf durch alle Völker.“ p. 6, 7.
Wir finden schon in dieser Stelle die ganze schwärmerische Begeisterung der ersten Monate nach der Revolution wieder. Von den in der

Wirklichkeit bestehenden Hindernissen einer solchen allgemeinen Befreiung, von den so durchaus verschiedenen Civilisationsstufen und den dadurch bedingten ebenso verschiedenen politischen Bedürfnissen der einzelnen Völker ist keine Rede. Das Wort: „Freiheit“ ersetzt das Alles. Von
der Wirklichkeit ist überhaupt keine Rede, oder so weit sie etwa in Be- 5
tracht kommt, wird sie als etwas absolut Verwerfliches, von „Despotenkongressen“ und „Diplomaten“ willkührlich Hergestelltes geschildert.
Dieser schlechten Wirklichkeit gegenüber tritt der angebliche Volkswille
mit seinem kategorischen Imperativ, mit der absoluten Forderung der
„Freiheit“ schlechtweg.
Wir haben es gesehn, wer der Stärkere war. Der angebliche Volkswille
ist gerade dadurch, daß er sich auf eine so phantastische Abstraktion von
den wirklich vorliegenden Verhältnissen einließ, so schmählich düpirt
worden.
„Aufgelöst erklärte die Revolution aus ihrer Machtvollkommenheit
die Despoten-Staaten, aufgelöst das preußische Reich ... Oesterreich ...
das türkische Reich ... aufgelöst endlich den letzten Despotentrost, das
russische Reich ... und als Endziel von Allem – die allgemeine Föderation der europäischen Republiken.“ p. 8.
In der That, uns hier im Westen muß es eigenthümlich vorkommen,
daß man, nachdem alle diese schönen Pläne in ihrem ersten Ausführungsversuch gescheitert sind, sie noch als etwas Verdienstliches und Großes
aufzählen kann. Das war ja gerade das Schlimme, daß die Revolution
[sich] zwar „aus eigener Machtvollkommenheit aufgelöst erklärte“, aber
zugleich „aus eigener Machtvollkommenheit“ keinen Finger rührte, um 25
ihr Dekret zu vollziehen.
Damals wurde der Slavenkongreß berufen. Der Slavenkongreß stellte
sich durchaus auf den Standpunkt dieser Illusionen. Man höre:
„Die gemeinsamen Bande der Geschichte (?) und des Blutes lebhaft
fühlend, schwuren wir, unsere Geschicke nicht wieder von einander tren- 30
nen zu lassen. Die Politik verfluchend, deren Opfer wir so lange gewesen,
setzten wir uns selber ein in unser Recht auf eine vollkommene Unabhängigkeit, und gelobten uns, daß diese hinfort allen slavischen Völkern gemeinsam sein sollte. Wir erkannten Böhmen und Mähren ihre Selbstständigkeit zu ... wir streckten dem deutschen Volke, dem demokratischen
Deutschland, unsere brüderliche Hand entgegen. Im Namen derer von
uns, die in Ungarn wohnen, boten wir den Magyaren, den wüthenden
Feinden unserer Rac¸e ... ein brüderliches Bündniß an. Auch diejenigen
unserer Brüder, die unter dem Joch der Türken seufzen, vergaßen wir
nicht in unserem Bunde der Befreiung. Wir verdammten feierlich jene
verbrecherische Politik, welche Polen dreimal zerriß ... Das Alles spra-

chen wir aus und forderten mit allen Demokraten aller Völker (?): die
Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit aller Nationen.“ pag. 10.
Diese Forderungen stellt der demokratische Panslavismus heute noch
auf: „Wir fühlten uns damals unserer Sache gewiß ... die Gerechtigkeit
und Menschlichkeit waren ganz auf unserer Seite, und auf der Seite un-5
serer Feinde Nichts als die Ungesetzlichkeit und Barbarei. Es warenkeine
leeren Traumgebilde, denen wir uns hingaben, es waren die Gedanken der
einzig wahren und nothwendigen Politik, der Politik der Revolution.“
„Gerechtigkeit“, „Menschlichkeit“, „Freiheit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“, „Unabhängigkeit“ – bis jetzt haben wir weiter nichts in dem10
panslavistischen Manifest gefunden, als diese mehr oder weniger moralischen Kategorieen, die zwar sehr schön klingen, aber in historischen
und politischen Fragen durchaus Nichts beweisen . Die „Gerechtigkeit“,
die „Menschlichkeit“, die „Freiheit“, u.s.w. mögen tausendmal dies oder
jenes verlangen; ist die Sache aber unmöglich, so geschieht sie nicht und
bleibt trotz alledem ein „leeres Traumgebilde“. Die Panslavisten hätten
aus der Rolle, die die Masse der Slaven seit dem Prager Kongreß gespielt
hat, über ihre Illusionen sich aufklären, sie hätten einsehen können, daß
mit allen frommen Wünschen und schönen Träumen gegen die eiserne
Wirklichkeit nichts auszurichten ist, daß ihre Politik ebensowenig wie die
der französischen Republik je die „Politik der Revolution“ war. Und
dennoch kommen sie uns heute, im Januar 1849, noch mit denselben
alten Phrasen, über deren Inhalt Westeuropa durch die blutigste Contrerevolution enttäuscht wurde!
Nur ein Wort über die „allgemeine Völkerverbrüderung“ und Ziehung
von „Gränzen, welche der souveräne Wille der Völker selbst auf Grund
ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet“. Die Vereinigten Staaten und
Mexico sind zwei Republiken; in beiden ist das Volk souverän.
Wie kommt es, daß zwischen diesen beiden Republiken die der moralischen Theorie gemäß „verbrüdert“ und „föderirt“ sein müßten, wegen
Texas ein Krieg ausbrach, daß der „souveräne Wille“ des amerikanischen
Volks, gestützt auf die Tapferkeit der amerikanischen Freiwilligen, die
von der Natur gezogenen Gränzen aus „geographischen, commerziellen
und strategischen Nothwendigkeiten“ um einige hundert Meilen weiter
südlich verlegte? Und wird Bakunin den Amerikanern einen „Eroberungskrieg“ zum Vorwurf machen, der zwar seiner auf die „Gerechtigkeit
und Menschlichkeit“ gestützten Theorie einen argen Stoß gibt, der aber
doch einzig und allein im Interesse der Civilisation geführt wurde? Oder
ist es etwa ein Unglück, daß das herrliche Californien den faulen Mexicanern entrissen ist, die nichts damit zu machen wußten? daß die energischen Yankees durch die rasche Ausbeutung der dortigen Goldminen

die Circulationsmittel vermehren, an der gelegensten Küste des stillen
Meeres in wenig Jahren eine dichte Bevölkerung und einen ausgedehnten
Handel conzentriren, große Städte schaffen, Dampfschiffsverbindungen
eröffnen, eine Eisenbahn von New York bis San Francisco anlegen, den
stillen Ocean erst eigentlich der Civilisation eröffnen, und zum dritten 5
Mal in der Geschichte dem Welthandel eine neue Richtung geben werden? Die „Unabhängigkeit“ einiger spanischen Californier und Texaner
mag darunter leiden, die „Gerechtigkeit“ und andre moralische Grundsätze mögen hie und da verletzt sein; aber was gilt das gegen solche
weltgeschichtliche Thatsachen?
Wir bemerken übrigens, daß diese Theorie der allgemeinen Völkerverbrüderung, die ohne Rücksicht auf die historische Stellung, auf die gesellschaftliche Entwicklungsstufe der einzelnen Völker weiter nichts will,
als verbrüdern ins Blaue hinein, von den Redaktoren der N.Rh.Z. schon
lange vor der Revolution bekämpft worden ist, und zwar damals gegen
ihre besten Freunde, die englischen und französischen Demokraten. Die
englischen, französischenund belgischendemokratischen Blätter jener
Zeit enthalten die Beweise dafür.
Was nun speziell den Panslavismus betrifft, so haben wir in Nr. 194 der
N. Rh. Z. entwickelt, wie er, abgesehen von den gutgemeinten Selbsttäuschungen der demokratischen Panslavisten, in der Wirklichkeit keinen
andern Zweck hat, als den zersplitterten, historisch, literarisch, politisch,
commerziell und industriell von Deutschen und Magyaren abhängigen
östreichischen Slaven einen Anhaltspunkt zu geben, einerseits in Rußland, andrerseits in der durch die slavische Majorität beherrschten, von
Rußland abhängigen östreichischen Gesammtmonarchie. Wir haben entwickelt, wie solche, seit Jahrhunderten von der Geschichte wider ihren
eigenen Willen nachgeschleifte Natiönchen nothwendig kontrerevolutionär sein müssen, und wie ihre ganze Stellung in der Revolution von 1848
wirklich contrerevolutionär war. Gegenüber dem demokratisch-panslavistischen Manifest, das die Unabhängigkeit aller Slaven ohne Unterschied fordert, müssen wir auf diesen Punkt zurückkommen.
Bemerken wir zuerst, daß die politische Romantik und Sentimentalität
bei den Demokraten des Slavencongresses sehr zu entschuldigen ist. Mit
Ausnahme der Polen – die Polen sind nicht panslavistisch, aus sehr handgreiflichen Gründen – gehören sie Alle Völkerstämmen an, die entweder
wie die Südslaven, durch ihre ganze geschichtliche Stellung nothwendig
contrerevolutionär sind, oder die wie die Russen von einer Revolution
noch weit entfernt, und daher wenigstens vor der Hand noch contrerevolutionär sind. Diese Fraktionen, demokratisch durch ihre im Ausland
erworbene Bildung, suchen ihre demokratische Gesinnung mit ihrem Na-

tionalgefühl, das bei den Slaven bekanntlich sehr ausgeprägt ist, in Harmonie zu bringen; und da die positive Welt, die wirklichen Zustände ihres
Landes keine oder nur fingirte Anknüpfungspunkte für diese Versöhnung
boten, so bleibt ihnen nichts, als das jenseitige „Luftreich des Traums“, das
Reich der frommen Wünsche, die Politik der Phantasie. Wie schön wäre5
es, wenn Kroaten, Panduren und Kosaken das Vordertreffen der europäischen Demokratie bildeten, wenn der Gesandte der Republik Sibirien
in Paris seine Creditive überreichte! Gewiß sehr erfreuliche Aussichten;
aber daß die europäische Demokratie auf ihre Verwirklichung warten soll,
wird doch selbst der begeistertste Panslavist nicht verlangen – und vor der
Hand sind gerade die Nationen, deren spezielle Unabhängigkeit das Manifest verlangt, die speziellen Feinde der Demokratie.
Wir wiederholen es: Außer den Polen, den Russen und höchstens den
Slaven der Türkei hat kein slavisches Volk eine Zukunft, aus dem einfachen Grunde, weil allen übrigen Slaven die ersten historischen, geographischen, politischen und industriellen Bedingungen der Selbstständigkeit und Lebensfähigkeit fehlen.
Völker, die nie eine eigene Geschichte gehabt haben, die von dem Augenblick an, wo sie die erste, roheste Civilisationsstufe ersteigen, schon
unter fremde Botmäßigkeit kommen, oder die erst durch ein fremdes
Joch in die erste Stufe der Civilisation hinein gezwungen werden, haben
keine Lebensfähigkeit, werden nie zu irgend einer Selbstständigkeit kommen können.
Und das ist das Geschick der östreichischen Slaven gewesen. Die Czechen, zu denen wir selbst die Mähren und Slovaken rechnen wollen, ob-25
wohl sie sprachlich und geschichtlich verschieden sind, hatten nie eine
Geschichte. Seit Karl dem Großen ist Böhmen an Deutschland gekettet.
Einen Augenblick emancipirt sich die czechische Nation, und bildet das
großmährische Reich, um sofort wieder unterjocht und während fünfhundert Jahren als Spielball zwischen Deutschland, Ungarn und Polen
hin und her geworfen zu werden. Dann kommt Böhmen und Mähren
definitiv zu Deutschland, und die slovakischen Gegenden bleiben bei
Ungarn. Und diese geschichtlich gar nicht existirende „Nation“ macht
Ansprüche auf Unabhängigkeit?
Ebenso die eigentlich sogenannten Südslaven. Wo ist die Geschichte
der illyrischen Slovenen, der Dalmatiner, Kroaten und Schokazen? Seit
dem 11. Jahrhundert haben sie den letzten Schein politischer Unabhängigkeit verloren, und theils unter deutscher, theils unter venetianischer,
theils unter magyarischer Herrschaft gestanden. Und aus diesem zerrissenen Fetzen will man eine kräftige, unabhängige, lebensfähige Nation
zusammenstümpern?

Noch mehr. Bildeten die östreichischenSlaven eine kompakte Masse,
wie die Polen, die Magyaren, die Italiener, wären sie im Stande unter sich
einen Staat von 12–20 Millionen zusammen zu bringen, so hätten ihre
Ansprüche doch noch einen ernsthaften Charakter. Aber gerade das Gegentheil findet Statt. Die Deutschen und Magyaren haben sich wie ein 5
breiter Keil zwischen sie eingedrängt bis an die äußersten Enden der
Karpathen, fast bis ans schwarze Meer; haben die Czechen, Mähren und
Slovaken von den Südslaven durch einen 60–80 Meilen breiten Gürtel
getrennt. Im Norden des Gürtels 5
1/2 Mill., im Süden 5 1/2 Mill. Slaven,
getrennt durch eine kompacte Masse von 10–11 Mill. Deutschen und 10
Magyaren, die durch Geschichte und Nothwendigkeit Verbündete sind.
Aber warum sollten die 51/2 Millionen Czechen, Mähren und Slowaken
nicht ein Reich, die 5 1/2 Millionen Südslaven zusammen mit den türkischen Slawen nicht ein Reich bilden können?
Man betrachte auf der ersten besten Sprachenkarte die Vertheilung der 15
Czechen und ihrer sprachverwandten Nachbarn. Wie ein Keil sind sie in
Deutschland hineingeschoben, aber angefressen und zurückgedrängt zu
beiden Seiten vom deutschen Element. Der dritte Theil Böhmens spricht
deutsch; auf 24 Czechen in Böhmen kommen 17 Deutsche. Und gerade
die Czechen sollen den Kern des beabsichtigten Slavenreichs bilden; denn
die Mähren sind ebenfalls stark mit Deutschen, die Slowaken mit Deutschen und Magyaren versetzt und zudem in nationaler Beziehung gänzlich demoralisirt. Und welch ein Slavenreich, in dem schließlich doch die
deutsche Bourgeoisie der Städte herrschen würde !
Ebenso die Südslaven. Die Slovenen und Kroaten schließen Deutschland und Ungarn vom adriatischen Meer ab; und Deutschland und Ungarn können sich nicht vom adriatischen Meere abschließen lassen, aus
„geographischen und kommerziellen Nothwendigkeiten“, die zwar für
Bakunin’s Phantasie kein Hinderniß sind, die aber darum doch existiren
und für Deutschland und Ungarn eben solche Lebensfragen sind, wie für
Polen z.B. die Ostseeküste von Danzig bis Riga. Und wo es sich um die
Existenz, um die freie Entfaltung aller Ressourcen großer Nationen handelt, da wird doch eine solche Sentimentalität, wie die Rücksicht auf ein
paar versprengte Deutsche oder Slaven nichts entscheiden! Abgesehn davon, daß diese Südslaven ebenfalls mit deutschen, magyarischen und italienischen Elementen überall versetzt sind, daß auch hier der erste Blick
auf die Sprachenkarte das projektirte südslawische Reich in zusammenhangslose Fetzen sprengt, und daß im besten Fall das ganze Reich den
italienischen Bourgeois von Triest, Fiume und Zara, und den deutschen
Bourgeois von Agram, Laibach, Karlstadt, Semlin, Pancsova und Weißkirchen in die Hände geliefert wird!

Aber könnten sich die östreichischen Südslaven nicht an die Serben,
Bosniaken, Morlachen und Bulgaren anschließen? Gewiß, wenn außer
den angeführten Schwierigkeiten erst noch der uralte Haß des östreichischen Gränzers gegen die türkischen Slaven jenseits der Save und Unna
nicht existirte; aber diese Leute, die sich gegenseitig seit Jahrhunderten5
als Spitzbuben und Banditen kennen, hassen sich trotz aller Stammverwandtschaft unendlich mehr als Slaven und Magyaren.
In der That, die Stellung der Deutschen und Magyaren würde äußerst
angenehm sein, wenn den östreichischen Slaven zu ihrem sogenannten
„Rechte“ verholfen würde! Zwischen Schlesien und Oestreich ein unabhängiger böhmisch-mährischer Staat eingekeilt, Oestreich und Steyermark durch die „südslavische Republik“ von seinem natürlichen De ´bouche´, dem adriatischen und Mittelmeere abgeschnitten, der Osten
Deutschlands zerfetzt wie ein von Ratten abgenagtes Brod! Und das Alles zum Dank dafür, daß die Deutschen sich die Mühe gegeben, die eigensinnigen Czechen und Slovenen zu civilisiren, Handel, Industrie, erträglichen Ackerbau und Bildung bei ihnen einzuführen!
Aber gerade dies unter dem Vorwande der Civilisation den Slaven aufgezwängte Joch konstituirt ja gerade eines der größten Verbrechen der
Deutschen wie der Magyaren! Man höre nur:
„Mit Recht zürntet Ihr, mit Recht schnaubtet Ihr Rache gegen jene
fluchwürdige deutsche Politik, die Nichts sann als Euer Verderben, die
Jahrhunderte Euch geknechtet hat ...“ pag. 5.
„... Die Magyaren, die wüthenden Feinde unserer Rac¸e, die kaum vier
Millionen zählend, sich vermaßen, acht Millionen Slaven ihr Joch auf-25
legen zu wollen ...“ pag. 9.
„Was die Magyaren gegen unsere slavischen Brüder gethan, was sie
gegen unsere Nationalität verbrochen, wie sie unsere Sprache und Unabhängigkeit mit Füßen getreten, das weiß ich Alles.“ pag. 30.
Welches sind nun die großen, schrecklichen Verbrechen der Deutschen30
und Magyaren gegen die slavische Nationalität? Wir sprechen hier nicht
von der Theilung Polens, die nicht hiehergehört, wir sprechen von dem
„jahrhundertlangen Unrecht“, das an den Slaven verübt worden sein soll.
Die Deutschen haben im Norden das ehemals deutsche, später slavische Gebiet von der Elbe bis zur Warthe den Slaven wieder aberobert;
eine Eroberung, die durch „geographische und strategische Nothwendigkeiten“ bedingt war, die aus der Theilung des Karolingischen Reichs
hervorgingen. Diese slavischen Gebietsstrecken sind vollständig germanisirt; die Sache ist abgemacht und läßt sich nicht redressiren, es sei denn,
daß die Panslavisten die verloren gegangene sorbische, wendische und
obotritische Sprache wieder auffänden und den Leipzigern, Berlinern und

Stettinern aufzwängen. Daß diese Eroberung aber im Interesse der Civilisation lag, ist bisher noch nie bestritten worden.
Im Süden fanden sie die slavischen Stämme bereits zersprengt. Dafür
hatten die nichtslavischen Avaren gesorgt, die das später von den Magyaren besetzte Gebiet okkupirten. Die Deutschen machten sich diese 5
Slaven zinsbar und führten manche Kämpfe mit ihnen. Dieselben Kämpfe führten sie mit den Avaren und Magyaren, denen sie das ganze Land
von der Ens bis zur Leitha abnahmen. Während sie hier mit Gewalt
germanisirten, ging die Germanisirung der slavischen Länder weit mehr
auf friedlichem Fuße, durch Einwanderung, durch den Einfluß der entwickelteren Nation auf die unentwickelte vor sich. Deutsche Industrie,
deutscher Handel, deutsche Bildung brachten die deutsche Sprache von
selbst ins Land. Was die „Unterdrückung“ angeht, so wurden die Slaven
nicht mehr von den Deutschen unterdrückt, wie die Masse der Deutschen
selbst.
Was die Magyaren betrifft, so sind ja auch eine Menge Deutsche in
Ungarn, und nie haben die Magyaren über „fluchwürdige deutsche Politik“ zu klagen gehabt, obwohl ihrer „kaum vier Millionen“ waren! Und
wenn die „acht Millionen Slaven“ sich während acht Jahrhunderten gefallen lassen mußten, daß die vier Millionen Magyaren ihnen das Joch
auferlegten, so beweist das allein hinlänglich, wer lebensfähiger und energischer war, die vielen Slaven oder die wenigen Magyaren!
Aber das größte „Verbrechen“ der Deutschen und Magyaren ist allerdings, daß sie diese 12 Millionen Slaven daran verhindert haben, türkisch
zu werden! Was wäre aus diesen zersplitterten kleinen Natiönchen die
eine so erbärmliche Rolle in der Geschichte gespielt haben, was wäre aus
ihnen geworden, wenn sie nicht von Magyaren und Deutschen zusammengehalten und gegen die Heere Mohammeds und Solimans geführt
worden wären, wenn nicht ihre sogenannten „Unterdrücker“ die Schlachten entschieden hätten, die zur Vertheidigung dieser schwachen Völkerschaften geschlagen wurden! Das Loos der „zwölf Millionen Slaven, Wallachen und Griechen“, die von „siebenhunderttausend Osmanen unter
die Füße getreten werden“ (p. 8) bis auf den heutigen Tag, spricht das
nicht laut genug?
Und endlich, welches „Verbrechen“, welche „fluchwürdige Politik“,
daß die Deutschen und Magyaren zu der Zeit als überhaupt in Europa
die großen Monarchieen eine „historische Nothwendigkeit“ wurden, alle
diese kleinen, verkrüppelnden, ohnmächtigen Natiönchen zu Einem großen Reich zusammenschlugen und sie dadurch befähigten an einer geschichtlichen Entwicklung Theil zu nehmen, der sie, sich überlassen,
gänzlich fremd geblieben wären! Freilich, dergleichen läßt sich nicht

durchsetzen, ohne manch’ sanftes Nationenblümlein gewaltsam zu zerknicken. Aber ohne Gewalt und ohne eherne Rücksichtslosigkeit wird
Nichts durchgesetzt in der Geschichte, und hätten Alexander, Cäsar und
Napole´on dieselbe Rührungsfähigkeit besessen an die jetzt der Panslavismus zu Gunsten seiner verkommenen Clienten appellirt, was wäre da5
aus der Geschichte geworden! Und sind die Perser, Celten und christlichen Germanen nicht die Czechen, Oguliner und Sereschaner werth?
Jetzt aber ist die politische Centralisation in Folge der gewaltigen
Fortschritte der Industrie, des Handels, der Kommunikationen noch ein
viel dringenderes Bedürfniß geworden als damals im 15. und 16. Jahrhundert. Was sich noch zu centralisiren hat, centralisirt sich. Und jetzt
kommen die Panslavisten und verlangen, wir sollen diese halbgermanisirten Slaven „freilassen“, wir sollen eine Centralisation aufheben, die
diesen Slaven durch alle ihre materiellen Interessen aufgedrängt wird!
Kurz, es stellt sich heraus, daß diese „Verbrechen“ der Deutschen und
Magyaren gegen die fraglichen Slaven zu den besten und anerkennenswerthesten Thaten gehören, deren sich unser und das magyarische Volk
in der Geschichte rühmen kann.
Was übrigens die Magyaren angeht, so ist hier speziell noch zu bemerken, daß sie namentlich seit der Revolution viel zu nachgiebig und zu
schwach gegen die aufgeblasenen Kroaten verfahren sind. Es ist notorisch, daß Kossuth ihnen alles Mögliche zugab, nur nicht, daß ihre Deputirten auf dem Reichstage kroatisch sprechen dürften. Und diese
Nachgiebigkeit gegen eine von Natur contrerevolutionäre Nation ist das
Einzige, was man den Magyaren vorwerfen kann.
(Schluß folgt).
* Köln, 15. Februar. ( Der demokratische Panslavismus. – Schluß.) Wir
Nr. 223, 16. Februar 1849
Neue Rheinische Zeitung.
schlossen gestern mit dem Nachweis, daß die östreichischen Slaven nie
eine eigne Geschichte gehabt, daß sie historisch, literarisch, politisch,
kommerziell und industriell von Deutschen und Magyaren abhängen,
daß sie schon theilweise germanisirt, magyarisirt, italienisirt sind, daß,
wenn sie selbstständige Staaten konstituirten, nicht sie sondern die deutsche und italienische Bourgeoisie ihrer Städte diese Staaten beherrschen
würde, und daß endlich weder Ungarn noch Deutschland die Losreißung
und selbstständige Konstituirung solcher lebensunfähigen kleinen Zwischenstaaten dulden kann.

Das alles indeß würde noch nichts entscheiden. Hätten die Slaven zu
irgend einer Epoche innerhalb ihrer Unterdrückung eine neue revolutionäre Geschichte begonnen, so bewiesen sie schon dadurch ihre Lebensfähigkeit. Die Revolution hatte von dem Augenblick an ein Interesse an
ihrer Befreiung und das besondre Interesse der Deutschen und Magyaren 5
verschwand vor dem größeren Interesse der europäischen Revolution.
Aber das war gerade nie der Fall. Die Slaven – wir erinnern nochmals
daran, daß wir hier stets die Polen ausschließen – waren immer gerade die
Hauptwerkzeuge der Contrerevolution . Unterdrückt zu Hause, waren sie
in der Fremde die Unterdrücker aller revolutionären Nationen, soweit der 10
slavische Einfluß reichte.
Man erwidre uns nicht, wir träten hier im Interesse deutscher Nationalvorurtheile auf. Die Beweise liegen in deutschen, französischen, belgischen und englischen Zeitschriften vor, daß gerade die Redakteure der
Neuen Rheinischen Zeitung schon lange vor der Revolution allen deut- 15
schen Nationalbornirtheiten aufs Entschiedenste gegenübergetreten sind.
Sie haben zwar nicht, wie manche Andre, ins Blaue hinein und nach
bloßem Hörensagen auf die Deutschen geschimpft; sie haben dagegen die
schäbige Rolle die Deutschland, Dank seinem Adel und seiner Bürgerschaft, Dank seiner verkümmerten industriellen Entwicklung allerdings
in der Geschichte gespielt hat, historisch nachgewiesen und schonungslos
aufgedeckt; sie haben den zurückgebliebnen Deutschen gegenüber die
Berechtigung der großen geschichtlichen Nationen des Westens, der Engländer und Franzosen, stets anerkannt. Aber eben deßwegen gestatte
man uns, die schwärmerischen Illusionen der Slaven nicht zu theilen und
andre Völker ebenso streng zu beurtheilen wie wir unsre eigne Nation
beurtheilt haben.
Bisher hat es immer geheißen, die Deutschen seien die Lanzknechte des
Despotismus in ganz Europa gewesen. Wir sind weit entfernt, den
schmählichen Antheil der Deutschen an den schmählichen Kriegen gegen
die französische Revolution von 1792 bis 1815, an der Unterdrückung
Italiens seit 1815, und Polens seit 1772 zu leugnen; wer aber stand hinter
den Deutschen, wer benutzte sie als seine Söldner oder seine Avantgarde?
England und Rußland . Rühmen sich die Russen doch bis auf den heutigen Tag, den Sturz Napole´ons durch ihre unzählbaren Armeen entschieden zu haben, was allerdings großen Theils seine Richtigkeit hat. Das
wenigstens ist gewiß, daß von den Armeen, die Napole ´on von der Oder
bis nach Paris durch ihre Uebermacht zurückdrängten, drei Viertel aus
Slaven, Russen oder östreichischen Slaven, bestanden.
Und nun gar die Unterdrückung der Italiener und Polen durch die 40
Deutschen! Bei der Theilung Polens konkurrirte eine ganz und eine halb

slavische Macht; die Heere die Kosciuszko erdrückten, waren der Majorität nach Slaven; die Heere Diebitschs und Paskiewitschs waren ausschließlich slavische Heere. Und in Italien haben die Tedeschi lange Jahre
allein die Schmach getragen, als Unterdrücker zu gelten; aber nochmals,
woraus bestanden die Armeen, die sich zur Unterdrückung am besten5
gebrauchen ließen, und deren Brutalitäten den Deutschen zur Last gelegt
wurden? Wieder aus Slaven. Geht nach Italien und fragt, wer die Mailänder Revolution erdrückt hat, man wird Euch nicht mehr sagen: die
Tedeschi – seit die Tedeschi in Wien eine Revolution gemacht, haßt man
sie nicht mehr – sondern die Croati. Das ist das Wort worin die Italiäner
jetzt die ganze Oestreichische Armee d.h. Alles was ihnen am tiefsten
verhaßt ist, zusammenfassen: i Croati!
Und dennoch würden diese Vorwürfe überflüssig und unberechtigt
sein, wenn die Slaven an der Bewegung von 1848 sich irgendwo ernstlich
betheiligt, wenn sie sich beeilt hätten, in die Reihen der revolutionären
Völker einzutreten. Ein einziger muthiger demokratischer Revolutionsversuch, selbst wenn er erstickt wird, löscht im Gedächtniß der Völker
ganze Jahrhunderte der Infamie und Feigheit aus, rehabilitirt auf der
Stelle eine noch so tief verachtete Nation. Das haben die Deutschen voriges Jahr erfahren. Aber während Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen,
Magyaren die Fahne der Revolution aufpflanzten, traten die Slaven wie
Ein Mann unter die Fahne der Contrerevolution. Voran die Südslaven, die
bereits seit langen Jahren ihre contrerevolutionären Sondergelüste gegen
die Magyaren vertheidigt hatten; dann die Czechen, und hinter ihnen
schlachtgerüstet und bereit im Moment der Entscheidung auf dem
Kampfplatz zu erscheinen – die Russen.
Man weiß, wie in Italien die magyarischen Husaren massenweise zu
den Italienern übergegangen sind, wie in Ungarn ganze italienische Bataillone sich zur Verfügung der magyarischen revolutionären Regierung
stellten und noch unter der magyarischen Fahne kämpfen; man weiß, wie
in Wien die deutschen Regimenter mit dem Volke hielten und selbst in
Galizien durchaus nicht zuverlässig waren; man weiß, daß östreichische
und nichtöstreichische Polen in Massen in Italien, in Wien, in Ungarn
gegen die östreichischen Armeen kämpften und in den Karpathen noch
kämpfen; aber wo hat man je davon gehört, daß czechische oder südslavische Truppen gegen die schwarzgelbe Fahne sich aufgelehnt hätten?
Im Gegentheil, man weiß bis jetzt nur, daß das in seinen Grundfesten
erschütterte Oestreich durch die schwarzgelbe Begeisterung der Slaven
am Leben erhalten und für einen Augenblick wieder sicher gestellt ist;
daß gerade die Kroaten, Slovenen, Dalmatiner, Czechen, Mähren und40
Ruthenen es waren, die einem Windischgrätz und Jellachich ihre Kontin-

gente zur Unterdrückung der Revolution in Wien, Krakau, Lemberg,
Ungarn stellten und was wir von Bakunin jetzt noch erfahren, ist, daß
der Prager Slavenkongreß nicht durch Deutsche, sondern durch galizische, czechische, slovakische Slaven und „ nichts als Slaven “ (p. 33) zersprengt wurde! 5
Die Revolution von 1848 zwang alle europäischen Völker sich für oder
gegen sie zu erklären. In einem Monat hatten alle zur Revolution reifen
Völker ihre Revolution gemacht, alle unreifen Völker sich gegen die Revolution alliirt. Damals galt es, die Völkerverwirrung von Osteuropa zu
entwirren. Es kam darauf an, welche Nation hier die revolutionäre Initiative ergriff, welche die größte revolutionäre Energie entwickelte und
sich dadurch die Zukunft sicherte. Die Slaven blieben stumm, die Deutschen und Magyaren, ihrer bisherigen geschichtlichen Stellung treu, traten an die Spitze. Und dadurch wurden die Slaven vollends der Contrerevolution in die Arme geworfen.
Aber der Slavenkongreß zu Prag?
Wir wiederholen: die sogenannten Demokraten unter den östreichischen Slaven sind entweder Schurken oder Phantasten, und die Phantasten, die in ihrem Volke keinen Boden für die vom Ausland eingeführten
Ideen finden, sind fortwährend von den Schurken an der Nase herumgeführt worden. Auf dem Prager Slavenkongreß hatten die Phantasten
die Oberhand. Als den aristokratischen Panslavisten, den Herren Graf
Thun, Palacky und Konsorten die Phantasterei bedrohlich schien, verriethen sie die Phantasten an Windischgrätz und die schwarzgelbe Contrerevolution. Welche bittere, schlagende Ironie liegt nicht darin, daß dieser
Kongreß von Schwärmern, vertheidigt von der schwärmerischen Prager
Jugend, durch Soldaten ihrer eigenen Nation auseinandergejagt, daß dem
phantasirenden Slavenkongreß gleichsam ein militärischer Slavenkongreß entgegengestellt wurde! Die östreichische Armee, die Prag, Wien,
Lemberg, Krakau, Mailand und Budapesth einnahm, das ist der wirkliche, der aktive Slavenkongreß!
Wie haltlos und unklar die Phantasterei des Slavenkongresses war, das
beweisen seine Früchte. Das Bombardement einer Stadt wie Prag würde
jede andere Nation mit dem unauslöschlichsten Haß gegen die Unterdrücker erfüllt haben. Was thaten die Czechen? Sie küßten die Ruthe, die
sie bis aufs Blut gezüchtigt, sie schworen begeistert zu der Fahne, unter
der ihre Brüder niedergemetzelt, ihre Weiber geschändet worden waren.
Der Prager Straßenkampf war der Wendepunkt für die östreichischen
demokratischen Panslavisten. Um die Aussicht auf ihre elende „nationale
Selbstständigkeit“ verkauften sie die Demokratie, die Revolution an die
östreichische Gesammtmonarchie, an „das Centrum“, „die systematische

Durchführung des Despotismus im Herzen Europa’s“, wie Bakunin p. 29
selbst sagt. Und für diesen feigen, niederträchtigen Verrath an der Revolution werden wir einst blutige Rache an den Slaven nehmen.
Daß sie von der Contrerevolution nichtsdestoweniger geprellt worden
sind, daß weder an ein „slavisches Oestreich“ noch an einen „Föderativ-5
staat mit gleichberechtigten Nationen“ und am allerwenigsten an demokratische Institutionen für die östreichischen Slaven zu denken ist, das ist
diesen Verräthern endlich klar geworden. Jellachich, der kein größerer
Schurke ist als die meisten übrigen Demokraten der östreichischen Slaven, bereut bitter, wie man ihn exploitirt hat; und Stratimirovich, um sich
nicht länger exploitiren zu lassen, hat den offenen Aufstand gegen Oestreich proklamirt. Die Slovanska´-Li´pa-Vereine stehen überall der Regierung wieder gegenüber und machen täglich neue schmerzliche Erfahrungen darüber, in welche Falle sie sich haben locken lassen. Aber es ist jetzt
zu spät; in ihrer eigenen Heimath ohne Macht gegen die von ihnen selbst
reorganisirte östreichische Soldateska, zurückgestoßen von den Deutschen und Magyaren, die sie verrathen haben, zurückgestoßen von dem
revolutionären Europa, werden sie denselben Militärdespotismus zu ertragen haben, den sie den Wienern und Magyaren aufbürden halfen.
„Seid unterwürfig dem Kaiser, damit die kaiserlichen Truppen Euch
nicht behandeln als seiet Ihr rebellische Magyaren“ – in diesen Worten
des Patriarchen Rajachich ist es ausgesprochen, was sie zunächst zu erwarten haben.
Wie ganz anders haben die Polen gehandelt! Seit achtzig Jahren unterdrückt, geknechtet, ausgesogen, haben sie sich stets auf die Seite der
Revolution gestellt, haben die Revolutionirung Polen’s mit der Unabhängigkeit Polen’s für unzertrennlich erklärt. In Paris, in Wien, in Berlin,
in Italien, in Ungarn haben die Polen bei allen Revolutionen und Revolutionskriegen mitgekämpft, unbekümmert, ob sie gegen Deutsche, gegen Slaven, gegen Magyaren, ja ob sie gegen Polen kämpften. Die Polen
sind die einzige slavische Nation, die von allen panslavistischen Gelüsten
frei ist. Aber sie haben auch sehr gute Gründe dazu: sie sind hauptsächlich von ihren eignen slavischen sogenannten Brüdern unterjocht worden,
und bei dem Polen geht der Russenhaß noch vor den Deutschenhaß, und
mit vollem Recht. Daher aber, weil die Befreiung Polen’s von der Revolution unzertrennlich, weil Pole und Revolutionär identische Worte
geworden sind, daher ist den Polen auch die Sympathie von ganz Europa,
und die Wiederherstellung ihrer Nationalität ebenso sicher wie den Czechen, Kroaten und Russen der Haß von ganz Europa und der blutigste
Revolutionskrieg des ganzen Westens gegen sie.

Die östreichischen Panslavisten sollten einsehen, daß alle ihre Wünsche, soweit sie überhaupt erfüllbar, in der Herstellung der „östreichischen Gesammtmonarchie“ unter russischem Schutz erfüllt sind. Zerfällt
Oestreich, so steht ihnen der revolutionäre Terrorismus der Deutschen
und Magyaren bevor, keineswegs aber, wie sie sich einbilden, die Befrei- 5
ung sämmtlicher unter Oestreich’s Czepter geknechteten Nationen. Sie
müssen daher wünschen, daß Oestreich zusammenbleibe, ja, daß Galizien
bei Oestreich bleibe, damit die Slaven die Majorität im Staat behalten.
Die panslavistischen Interessen stehen hier also schon der Wiederherstellung Polen’s direkt entgegen; denn ein Polen ohne Galizien, ein Polen das
nicht von der Ostsee bis an die Karpathen geht, ist kein Polen. Darum
aber ist ein „slavisches Oestreich“ immer noch ebenfalls ein bloßer
Traum; denn ohne die Suprematie der Deutschen und Magyaren, ohne
die beiden Centren Wien und Budapesth fällt Oestreich wiederum auseinander, wie seine ganze Geschichte bis auf die letzten Monate beweist. Die
Realisirung des Panslavismus würde sich demnach auf das russische Patronat über Oestreich beschränken müssen. Die offen reaktionären Panslavisten hatten daher ganz Recht, wenn sie sich an die Erhaltung der
Gesammtmonarchie anklammerten; es war das einzige Mittel, irgend Etwas zu retten. Die sogenannten demokratischen Panslavisten waren aber
in einem argen Dilemma; entweder Aufgebung der Revolution und wenigstens theilweise Rettung der Nationalität durch die Gesammtmonarchie, oder Aufgebung der Nationalität und Rettung der Revolution
durch den Zerfall der Gesammtmonarchie. Damals hing das Schicksal
der osteuropäischen Revolution von der Stellung der Czechen und Südslaven ab; wir werden es ihnen nicht vergessen, daß sie im entscheidenden
Augenblick um ihrer kleinlichen Nationalhoffnungen willen die Revolution an Petersburg und Olmütz verrathen haben!
Was würde man dazu sagen, wenn die demokratische Partei in
Deutschland ihr Programm mit der Rückforderung von Elsaß, Lothringen und von dem, in jeder Beziehung zu Frankreich gehörigen Belgien
eröffneten, unter dem Vorwande, daß dort die Majorität der Bevölkerung
germanisch ist? Wie lächerlich würden sich die deutschen Demokraten
machen, wollten sie eine pangermanistische deutsch-dänisch-schwedischenglisch-holländische Allianz zur „Befreiung“ aller deutschredenden
Länder herstellen! Die deutsche Demokratie ist glücklicherweise über diese Phantastereien hinaus. Die deutschen Studenten von 1817 und 1830
trugen sich mit dergleichen reaktionären Schwärmereien herum und werden heute in ganz Deutschland nach Verdienst gewürdigt. Die deutsche
Revolution kam erst zu Stande, die deutsche Nation fing erst an etwas zu
werden, als man sich vollständig von diesen Futilitäten befreit hatte.

Ebenso kindisch und reaktionär wie der Pangermanismus ist aber auch
der Panslavismus. Wenn man die Geschichte der panslavistischen Bewegung des letzten Frühjahrs in Prag nachliest, so meint man dreißig Jahre
zurück versetzt zu sein: trikolore Bänder, altfränkische Kostüme, altslavische Messen, vollständige Restauration der Zeit und der Sitten der5
Urwälder; die Swornost eine komplette Burschenschaft, der Slavenkongreß eine neue Auflage des Wartburgfestes; dieselben Phrasen, dieselbe
Schwärmerei, derselbe Jammer nachher: „Wir hatten gebauet ein stattliches Haus“ u.s.w. Wer dies berühmte Lied in slavische Prosa übersetzt
lesen will, der lese Bakunin’s Broschüre.
Gerade wie bei den deutschen Burschenschäftlern auf die Dauer die
entschiedenste kontrerevolutionäre Gesinnung und der wüthendste Franzosenhaß und das bornirteste Nationalgefühl hervortrat, wie sie später
Alle zu Verräthern an der Sache wurden, für die zu schwärmen sie vorgegeben – gerade so, nur rascher, weil das Jahr 1848 ein Revolutionsjahr
war, löste sich bei den demokratischen Panslavisten der demokratische
Schein sehr bald in fanatischen Deutschen- und Magyarenhaß, in indirekte Opposition gegen die Wiederherstellung Polens (Lubomirski), und
in direkten Anschluß an die Kontrerevolution auf.
Und wenn einzelne aufrichtige slavische Demokraten jetzt den österreichischen Slaven zurufen, sie sollten sich der Revolution anschließen,
die österreichische Gesammtmonarchie als ihren Hauptfeind ansehen, ja
im Interesse der Revolution mit den Magyaren halten, so erinnern sie an
die Henne, die am Rand des Teichs umherläuft in Verzweiflung über die
jungen Enten, die sie selbst ausgebrütet und die ihr nun plötzlich auf ein
wildfremdes Element entweichen, wohin sie ihnen nicht folgen kann.
Machen wir uns übrigens keine Illusionen. Bei allen Panslavisten geht
die Nationalität, d.h. die phantastische, allgemeinslavische Nationalität
vor der Revolution. Die Panslavisten wollen sich der Revolution anschließen unter der Bedingung, daß es ihnen gestattet werde, alle Slaven ohne30
Ausnahme, ohne Rücksicht auf die materiellsten Nothwendigkeiten in
selbstständige slavische Staaten zu konstituiren. Hätten wir Deutschen
dieselben phantastischen Bedingungen stellen wollen, wir wären im März
weit gekommen! Die Revolution aber läßt sich keine Bedingungen stellen. Entweder ist man revolutionär, und acceptirt die Folgen der Revolution, sie seien welche sie wollen, oder man wird der Contrerevolution in
die Arme gejagt und findet sich, vielleicht ganz wider Wissen und Willen,
eines Morgens Arm in Arm mit Nikolaus und Windischgrätz.
Wir und die Magyaren sollen den östreichischen Slaven ihre Selbstständigkeit garantiren – so verlangt Bakunin, und Leute von dem Kaliber
eines Ruge sind kapabel, ihm solche Versprechungen unter vier Augen

wirklich gemacht zu haben. Man verlangt von uns und den übrigen revolutionären Nationen Europa’s, wir sollen den Heerden der Contrerevolution dicht an unsrer Thür eine ungehinderte Existenz, freies Verschwörungs- und Waffenrecht gegen die Revolution garantiren; wir
sollen mitten im Herzen von Deutschland ein kontrerevolutionäres cze- 5
chisches Reich konstituiren, die Macht der deutschen, polnischen und
magyarischen Revolutionen durch dazwischen geschobne russische Vorposten an der Elbe, den Karpathen und der Donau brechen!
Wir denken nicht daran. Auf die sentimentalen Brüderschaftsphrasen,
die uns hier im Namen der contrerevolutionärsten Nationen Europa’s
dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist; daß seit der
Revolution der Czechen- und Kroatenhaß hinzugekommen ist, und daß
wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren, nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slavischen Völker die Revolution sicher 15
stellen können. Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentrirt sind: in Rußland und den östreichischen Slavenländern; und keine
Phrasen, keine Anweisungen auf eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns abhalten, unsere Feinde als Feinde zu
behandeln.
Und wenn Bakunin endlich ausruft: „Wahrlich, nichts einbüßen soll der
Slave, sondern gewinnen soll er! Wahrlich, leben soll er! Und wir werden
leben. So lange uns der kleinste Theil unsrer Rechte bestritten wird, so
lange ein einziges Glied von unsrem gesammten Leibe abgetrennt oder losgerissen gehalten wird, so lange werden wir bis aufs Blut, werden wir 25
unerbittlich auf Tod und Leben kämpfen,bis das Slaventhum endlich groß
und frei und unabhängig in der Welt dasteht“ – wenn der revolutionäre
Panslavismus diese Stelle ernstlich meint, und wo es sich um die phantastisch-slavische Nationalität handelt, die Revolution ganz aus dem
Spiele läßt, dann wissen wir auch was wir zu thun haben.
Dann Kampf, „unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod“ mit dem
revolutionsverrätherischen Slaventhum; Vernichtungskampf und rücksichtslosen Terrorismus – nicht im Interesse Deutschlands, sondern im
Interesse der Revolution!